Spione sind auch nur Menschen mit dem Bedürfnis nach Geborgenheit und Liebe. Dass es sich bei Julias neuem Freund Marc um einen solchen handelt, ahnt die verliebte Grundschullehrerin allerdings nicht. Er ist geübt, ihren vielen Fragen auszuweichen und hat selbst für die Waffe, den mysteriösen Arbeitsplatz, die plötzlichen Einsätze und seinen rigorosen Umgang mit Halbstarken eine Erklärung. Als der Feind vor der Haustür steht, muss er Farbe bekennen und eingreifen. Julia ist erleichtert, hatte sie doch schon befürchtet, einen Terroristen oder gar Psychopathen zu lieben. Leider muss sie feststellen, der Alltag als Freundin eines Spions ist alles andere als leicht und vor allem – lebensbedrohlich.

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ISBN: 978-9963-52-482-2

Seiten: 336

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Annette Schmitz

Annette Schmitz
Annette Schmitz hat ihre Wurzeln in Bremen, der Hansestadt mit dem maritimen Flair. Sie ging als Krankenschwester nach Afrika, studierte Biologie und begann, als Ausgleich zu wissenschaftlichen Texten Unterhaltungsromane zu schreiben. Ihre bisherigen „Forschungsergebnisse Mensch“ stellt sie in heiteren, spannenden und zugleich berührenden Liebesromanen dar. Um ihren Protagonistinnen ein Happy End zu sichern, bewaffnet sie sie mit Charme, Schlagfertigkeit oder einfach Authentizität. „Gefährlich verliebt – Bin mal kurz die Welt retten“ (2014), „Liebevolle Rache – Eine Gleichung mit zwei Unbekannten“ (2015),  „Diese eine Liebe - Wellentänzer" (2016)“, „Kribbeln im Bauch - Gut verdrängt ist halb vergessen“ (2016), „Jetzt Mal Hand aufs Herz“ (2017).

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Alle Blicke folgten der Braut, die in ihrem langen weißen Kleid und mit einem Lächeln auf den Lippen an uns vorbeischwebte. Ich verstand, dass sie glücklich aussah. Der Mann an ihrer Seite schien vielversprechend. Über einen Meter neunzig groß, gerade, sportliche Haltung. Seine dunkelblonden Haare waren ordentlich zur Seite gescheitelt. Er sah aus wie der Prototyp eines amerikanischen Schauspielers für die Rolle des Superhelden. Trotz der Hitze in der Kirche und einer Anspannung, die sicherlich jeden befällt, der zum ersten Mal heiratet und vor aller Augen den Kirchgang entlangschreitet, bewegte er sich in seinem eleganten schwarzen Anzug ziemlich lässig. Die Schritte der Braut wirkten zielstrebiger als seine. Sie war ihm immer etwas voraus und schien ihn mitzuziehen.
   Sarah und Alex. Mehr als ihre Namen wusste ich nicht, denn ich sah beide heute zum ersten Mal. Eigentlich war ich der Babysitter fürs Wochenende, doch als meine Schwägerin heute Morgen mit über achtunddreißig Grad Fieber aufwachte, fragte sie mich, ob ich nicht an ihrer Stelle meinen Bruder zur Hochzeit begleiten könnte. Deswegen saß ich jetzt neben Florian ganz hinten in der Kirche auf einer unbequemen Holzbank und hörte seit einer gefühlten Ewigkeit dem noch sehr jungen Pastor zu, der davon berichtete, worauf es in einer Ehe ankam, welchen Einfluss Gott dabei hatte und was es da für nicht zu unterschätzende Gefahren gab. Erfahrungen aus zweiter Hand. »Sei mutig und stark. Fürchte dich also nicht und habe keine Angst. Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst.« Er ließ seinen Blick über unsere schweigenden Köpfe gleiten. »Liebe ist gütig, sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.«
   Sarah und Alex, beide mindestens einen halben Kopf größer als der Redner, hörten allem Anschein nach artig zu. Ob sie wirklich mitbekamen, was er ihnen mahnend auf den Weg mitgab? Oder hätte man ihnen auch einen beliebigen Text unterjubeln können? »Bist du bereit, die Ehe mit dem neben dir stehenden Menschen einzugehen, der sich aller Wahrscheinlichkeit nach in wenigen Jahren zu einem unzufriedenen, untreuen und rachsüchtigen Menschen entwickeln wird? Ja? Dann pass gut auf, denn Gott ist immer mit dir, bei jedem Seitensprung, auch wenn er nur in deinem Kopf stattfindet. Immer noch Ja? Dann erkläre ich euch zu Mann und Frau.« Fragte sich nur, was sie vorher waren? Hund und Katze?
   Florian saß sichtlich andächtig lauschend neben mir. Bestimmt dachte er an seine eigene Hochzeit vor fast zehn Jahren. Er war einer der wenigen Menschen, von denen ich glaubte, diese Entscheidung nicht bereut zu haben. Als die Ringe getauscht wurden und sich Alex und Sarah küssten, begann in meiner Umgebung unruhiges Geraschel, und besonders emotionale Gemüter schnaubten ihre Gefühle in Taschentücher. Zum Glück setzte nun Orgelmusik ein, laut und etwas schräg, sodass das Geschluchze im widerhallenden Krach unterging. Glocken läuteten, und das frisch verheiratete Paar verließ die Kirche. Florian steckte verstohlen sein Taschentuch weg, und wir reihten uns in die Menge der hinausströmenden Gäste ein. Ich ertrug den Geruch von altem Mauerwerk, Parfums und Haarsprays um mich herum nicht länger und war froh, an die frische Luft zu kommen.
   Auf einem Gutshof nur wenige Hundert Meter von der Kirche entfernt würde das anschließende Fest stattfinden. Die Mehrheit der Gäste ging bei dem schönen Wetter zu Fuß, bestimmt genauso erleichtert wie ich, sich nach der langen Zeremonie die Füße vertreten zu können. Meine Schuhe passten nicht, sie waren zu groß. Unbeholfen stolperte ich neben Florian her und hakte mich schließlich bei ihm unter. Leider war mein ganzes Outfit ziemlich unpassend.

Am Morgen hatte ich fast Lisas gesamten Kleiderbestand an- und wieder ausgezogen. Der Blick in den Spiegel war frustrierend. »Das geht auch nicht.« Auf dem Bett hatte sich ein großer Haufen Kleider angesammelt.
   »Wieso nicht? Es ist niedlich.« Lisa hielt inne und kramte nach einem Taschentuch.
   Ich ging in Deckung, ihre Nieser waren wie kleine Vulkanausbrüche. Drei, vier, fünf Mal. »Gesundheit.«
   »Danke. Bin ich froh, da heute nicht hinzumüssen.« Sie sah von mir zum Spiegel. Das Kleid war einfach nicht mein Stil. Abgesehen von den kitschigen rosa Blümchen war es zu kurz. Für Lisa genau richtig. Wie hieß es bei Insidern: italienische Länge? Aber sie war auch ein paar Zentimeter kleiner als ich. Die schwarze breite Schleife sollte offenbar die Taille betonen, bei mir hing sie zu hoch. Das hob zwar meinen Busen zu einer interessanten Größe an, aber wer genau hinsah, erkannte, dass das nicht die Absicht des Designers gewesen war. Die ganze Pracht, alles nur Betrug. Jedes Mal, wenn ich den Stoff nach unten zog, bekam ich damit obenrum ein Problem, da das Kleid keine Träger hatte.
   »Was ist mit den Schuhen? Passen sie?«
   »Geht so.« Ich schlurfte ein paar Schritte. Die Schuhe waren von Lisas Nachbarin, einer netten Frau. Als sie mit ihrem Schuhsortiment wieder abgezogen war, erzählte Lisa, sie hätte in einem Jahr dreißig Kilo abgenommen – und nach einem weiteren vierzig wieder draufgehabt. Seltsam, dass die Schuhgröße trotzdem immer die gleiche blieb.
   Die Kürze meiner Frisur ließ wenig Flexibilität zu. Am liebsten hätte ich sie mir mit den Fingern nach hinten gerauft, mit Haarlack besprüht und fertig. Aber so hätte Lisa mich nicht gehen lassen. Also föhnte ich alles glatt und ließ den Scheitel tief ins Gesicht fallen. Lisa lächelte sichtlich zufrieden. Das sähe richtig frech aus. Als sie sich umdrehte, fuhr ich mir wild durch die Frisur. Frech und niedlich, nein danke. Zum Schluss kam das Make-up. Ich war nicht besonders talentiert, was Stifte, Bürsten, Pinsel oder Schwämme anging. Bei mir verschmierte alles nach kurzer Zeit, und das sah dann billig aus. Ich betrachtete das Endergebnis im Spiegel. »So geht das nicht. Ich kann nicht mit.«
   »Du hast ja ‘nen Vogel. Florian, sag deiner Schwester, wie gut sie aussieht.«
   Mein Bruder war leise ins Schlafzimmer gekommen, hatte sich in seinem schwarzen Anzug neben uns gestellt und mich von Kopf bis Fuß betrachtet. Als sein Blick bei meinem Ausschnitt angekommen war, wirkte er überrascht. »Sieht gut aus.«
   Florian war ein Freund und gleichzeitig der Steuerberater des Bräutigams. Letztes Wochenende hatte er am Junggesellenabschied teilnehmen dürfen. Da war ordentlich die Post abgegangen, man hatte den scheidenden Junggesellen mit einem Paintballmatch überrascht. Mein Bruder war nicht besonders sportlich, das Raufen mit seinen Kindern war im Grunde alles, was er an Sport betrieb. Ich wollte wissen, wie ein Paintballmatch ablief.
   »Also,« er baute mit den Händen zwei gegnerische Mannschaften auf, »zwei Gruppen stehen sich gegenüber, die einen schießen mit roten, die andern mit blauen Farbkugeln. Wir waren zehn, also fünf gegen fünf. Ich war im roten Team, das vom Trauzeugen. Alex, vom blauen Team, war unser Feind. Und wir hatten noch diese Frau in unserem Team. Erst habe ich mich gewundert, alles Männer und nur eine Frau? Aber das machte schon Sinn. Wie sich nämlich rausgestellt hat, war sie ‘ne richtige Stripperin.« Das Gesicht meines Bruders leuchtete auf. »Irres Gefühl, wenn man einen Feind erledigt hat. Ich kann das nicht beschreiben, das muss man einfach erleben.« Er achtete nicht auf Lisas Kopfschütteln. »Ich wurde am Ende von Alex erwischt, unfaire Attacke, ein Hinterhalt, aber das sind die Spielregeln. Wenn du getroffen wirst, bist du tot und musst vom Platz. Mein Team hat aber trotzdem gewonnen, dieser Trauzeuge hat einen nach dem andern umgenietet. Und die Frau hat sich Alex, der sich ergeben musste, vorgenommen. Ihr wisst schon, wie das eben so ist bei Junggesellenabschieden.«
   Dieses Paintballspiel schien Spaß gemacht zu haben. Und auch das anschließende Programm mit einem verschmierten Lara-Croft-Verschnitt und sehr viel Alkohol. Lisa hatte Florian am frühen Abend von einer Bar abholen müssen. Einen über und über mit Farbe und Dreck beschmierten, sturzbetrunkenen, aufgedrehten Mittdreißiger. Sie hatte ihn als Erstes in die Badewanne gesteckt.

Während sich die Gäste verteilten, sich einige im Restaurant frisch machten, Sekt tranken oder Small Talk betrieben, ließ ich Florian im Gespräch mit ein paar älteren Herren zurück und schlenderte im Park herum. Was für eine perfekte Kulisse für eine Hochzeit. Es gab einen romantischen Weiher mit einer Trauerweide und sogar ein Schwanenpaar drehte gemächlich seine Runde auf dem Wasser.
   Das Brautpaar und wahrscheinlich die Trauzeugen, Eltern und Geschwister standen am Ufer und ließen sich von einer energiegeladenen Fotografin Anweisungen geben, wie sie sich aufzustellen hatten. Die Gruppenfotos waren lustige Bäumchen-wechsel-dich-Spiele, mal mit Trauzeugen, mal ohne, mit Familie, ohne Familie. Ich hätte sie ja alle mal auf einem Bein stehen lassen oder von hinten aufgenommen. Bei der Vorstellung musste ich lachen.
   Ein Gast, er wurde gerade neben die Braut und eine hübsche Rothaarige platziert, hob suchend den Kopf, entdeckte mich und schmunzelte. Wie alle Männer in der Gruppe trug er eine lila Blume im linken Knopfloch. Er war ziemlich das genaue Gegenteil vom blonden, strahlenden Bräutigam. Dunkler, ernster und irgendwie auch interessanter. Ich behielt ihn im Blick, er sah in die Kamera, zwischendurch aber immer wieder kurz zu mir herüber.
   Genug Gruppenfotos, die Stunde des Brautpaars war gekommen. Alle entfernten sich, nur die beiden blieben am sanft abfallenden Ufer zurück, im Hintergrund das Schwanenpaar. Was dann folgte, war bestimmt harte Arbeit, besonders für den Bräutigam, der in unterschiedlichen Posen den starken Mann spielen sollte. Die Fotografin knipste, was das Zeug hielt. Der Mann, den ich beobachtet hatte, stellte sich neben mich.
   Ich zeigte auf den Bräutigam, der seine Braut gerade in einer komplizierten Hebefigur gestemmt halten musste. »Hoffentlich lässt er sie nicht fallen.«
   »Das wäre nicht gut.« Er lächelte. »Aber ich glaube, er kann sie problemlos auf Händen tragen.«
   »Ich dachte, auf Händen tragen wäre metaphorisch gemeint.«
   »Nur, weil die meisten nicht genug Kondition besitzen.«
   Davon besaß er bestimmt genug. Er hatte sein Jackett aufgeknöpft, darunter blitzte ein weißes Hemd und verbarg seine schlanke Figur nur unwesentlich.
   »Sie könnten doch helfen. Stellen Sie sich hinter ihn und fassen Sie ein bisschen mit an, dann wird er bestimmt viel entspannter und glücklicher aussehen. Das sollen doch Bilder für die Ewigkeit werden. Und Sie kann man anschließend rausretuschieren.«
   Der Mann lachte. Der Bräutigam sah sich um und ließ die Braut fast fallen.
   »Könnten Sie bitte etwas weiter zurücktreten«, fuhr uns die Fotografin an. Schon hatte sie die Kamera wieder vor dem Gesicht. »Und jetzt bitte ganz nah zusammenrücken. Gut. Noch ein Stück weiter nach hinten. Keine Sorge, Sie fallen nicht ins Wasser. Oh, schnell, das Schwanenpaar schwimmt gerade im Hintergrund vorbei.«
   »Scht«, machte ich zu meinem Nachbarn. »Sie setzt jetzt zu den Nahaufnahmen an. Das erfordert volle Konzentration. Nur ein Millimeter zu weit nach rechts, nur eine falsche Bewegung, und es fließt Blut. Und zwar Ihres, wenn Sie jetzt nicht aufhören, zu lachen. Oh, das ist jetzt aber kitschig.«
   Alex, der Bräutigam, sollte vor Sarah, der Braut, knien und sie schnulzig anhimmeln. Der Mann neben mir nickte. »Das wird bestimmt nicht sein Lieblingsbild werden.«
   »Oder er hat sich den Rücken verhoben und kommt allein nicht mehr hoch. Und fleht sie an, ihm aufzuhelfen.«
   Wieder verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln. »Kommen Sie.« Er legte die Hand auf meinen Arm. Nur eine kleine Berührung, aber sie fühlte sich wie ein Stromschlag an. Er schien nicht bemerkt zu haben, wie ich zusammenzuckte. »Lassen wir die drei allein, bevor wir vom Brautpaar noch rausgeworfen werden.«
   Wir gingen nebeneinander zurück zum Restaurant. »Welche wichtige Position haben Sie, dass Sie mit auf die Bilder durften?«
   »Ich bin der Trauzeuge.«
   »Der mit der Stripperin, Lara Croft?«
   »Wie bitte?«
   »Ach, nicht weiter wichtig.«
   Die meisten Besucher hatten sich wegen des schönen Wetters auf der Terrasse versammelt. Ein paar Blumenkinder tobten im Weg, junge Servicekräfte schwirrten um die Gäste herum, von irgendwoher kam auch Zigarettenrauch. Der Trauzeuge wurde sofort in Beschlag genommen. Ich sah mich nach Florian um, stellte mich neben ihn, langweilte mich aber beim Thema irgendwelcher Steuerreformen und raunte ihm zu, mich noch ein bisschen umsehen zu wollen. Er nickte und hörte sofort wieder dem Gespräch zu.
   Ich ging um ein paar Ecken und fand die übliche Rauchergruppe, ein halbes Dutzend offensichtlich gut gelaunter Männer inmitten einer Wolke aus Qualm. Einer der Typen hatte um sein rechtes Auge ein grüngelbes Veilchen.
   »Wir haben uns hier versteckt«, begrüßte er mich freundlich. Raucher waren wie Hundebesitzer, seelenverwandt. »Rauchen gilt in diesen Kreisen als schlimmeres Verbrechen als Bestechung.«
   »Trifft sich gut, ich bin sowohl bestechlich als auch Raucherin.«
   »Perfekte Kombination. Möchten Sie?« Er hielt mir seine Schachtel entgegen. Ich griff zu und ließ mir Feuer geben. Dann hörte ich ihren spöttischen Kommentaren über die Beziehung von Sarah und Alex zu. Scheinbar hatte Sarah den armen Alex willenlos gemacht und eindeutig die Hosen in der Beziehung an. Seine vielversprechende Karriere hätte sie auch auf dem Gewissen. Halten würde die Ehe nie und nimmer. Über die Dauer gingen die Ansichten weit auseinander.
   Ich wunderte mich. »Hier scheint ja niemand viel von der Ehe zu halten.«
   »So kann man das nicht sagen«, sagte das Veilchenauge und grinste. »Ich zum Beispiel habe nur ein paar grundlegende Ansprüche. Aber es ist gar nicht einfach, eine zu finden, die kochen und putzen kann. Und eine, die auch noch genügend Geld verdient. Und ich lege auch Wert auf eine Frau, mit der man guten Sex hat.« Seine Kumpel nickten zustimmend. »Und es ist ganz wichtig, dass sich diese drei Frauen nie begegnen.«
   Ich kannte den Witz schon und deutete auf sein Auge. »Hat in Ihrem Fall wohl nicht geklappt.«
   Das fand er offenbar komisch. »Das habe ich mir letzte Woche beim Junggesellenabschied eingefangen. Von dem da.« Er zeigte hinter mich. »Hey Marc, hier sind wir.«
   Der Trauzeuge kam über den Rasen auf uns zu. »Wusst ich doch, dass ich euch hier finde«, sagte er. »Immer dem Gestank nach. Macht eure Kippen aus, das Essen geht los.«
   »Er mag keine Raucher«, raunte mir das Veilchenauge zu. »Für ihn sind wir alle unbelehrbare Proleten.«
   Marc, der Trauzeuge, sah missbilligend in die Runde. Als er mich erkannte, wirkte er überrascht. »Was soll man sonst von Menschen halten, die sich freiwillig dieser gesundheitsschädlichen, belästigenden und stinkenden Angewohnheit aussetzen«, sagte er geradewegs in meine Richtung.
   Ich nahm einen tiefen Zug. »Und teure Angewohnheit. Aber so ist die Sucht. Was soll man machen?«
   Er sah aus, als ob er genau wüsste, was da zu machen war. Die anderen drückten ihre Zigaretten aus und warfen die Kippen in einen Aschenbecher. Dann machten sie sich auf den Weg zum Essen. Ich wollte erst zu Ende rauchen.
   Marc wartete. »Kommen Sie?«
   »Gehen Sie ruhig, ich finde den Weg.«
   Er nahm den Aschenbecher und hielt ihn mir vor die Nase. »Sie wollen doch nicht die ersten Reden verpassen.«
   Na gut, ich drückte die Zigarette aus und folgte ihm.
   Man hatte den Tischen keine Nummern gegeben, sondern Namen von berühmten Liebespaaren. Sie hießen Romeo und Julia, Rhett und Scarlett, Sissi und Franz oder Angelina und Brad. Und natürlich Sarah und Alexander. Die meisten Gäste hatten schon Platz genommen. Ich sah mich nach Florian um und entdeckte ihn an einem Tisch am Ende des Saals. Er hatte offenbar ebenfalls nach mir Ausschau gehalten, jetzt hob er die Hand. Ich bedankte mich bei meinem Begleiter, doch anstatt zu verschwinden, ging er mit.
   »Wo bleibst du denn? Alle sitzen schon«, sagte Florian. Dann sah er an mir vorbei. »Hallo Marc.«
   Ach ja, beim Junggesellenabschied hatten die beiden schon zusammen den Krieg gewonnen.
   Marc zögerte einen Moment. »Hallo Florian. Wieder fit?«
   »O toll«, rief ich und setzte mich. »Wir sind Gast bei Bernhard und Bianca, der Mäusepolizei.« Ich nahm mein liebevoll dekoriertes Namensschild auf und betrachtete es. Obwohl ich nicht Lisa hieß, fühlte ich mich persönlich angesprochen. Auch mein kleines Gastgeschenk, Bianca, eine elegante Mäusedame in einem rosa Kostüm, fand ich ganz reizend. Ich griff mir Florians Figur, Bernhard, und steckte beide zusammen in meine Handtasche. »Die nehmen wir mit für die Kinder«, teilte ich ihm mit. Eifrig wandte ich mich an Marc. »Haben Sie auch eine Figur? Wir müssen nämlich drei Kinder beschenken.«
   »Ich sitze am Tisch Sarah und Alexander«, erwiderte er kühl.
   »Richtig, Sie sind ja der Trauzeuge. Kennen Sie den Zeichentrickfilm Bernhard und Bianca? Uralt, aber total süß. Es geht um zwei Mäusedetektive. Sie ist die Clevere, er ein bisschen trottelig. Aber liebenswert. Und dann gibt’s noch den Albatros …«
   »Interessant. Nun, dann sind Sie heute Abend ja sicher aufgehoben.«
   »Bestimmt. Wenn Sie zufällig noch eine Figur finden, denken Sie an mich?«
   Er nickte kurz, dann ließ er uns allein.

An unserem Tisch hatte man wahrscheinlich alle peinlichen, unbeliebten oder unwichtigen Gä,ste platziert. Florian war noch nicht lange mit Alex befreundet und gesellschaftlich auch nicht besonders wichtig. Er machte gute Miene zum bösen Spiel, trotzdem tat er mir leid. Man konnte sich an diesem Tisch schon ein bisschen abgeschoben fühlen. Ich mochte das Brautpaar immer weniger leiden. Dieses übertrieben gute Aussehen, die gestellten Fotos, der düstere, militant nichtrauchende Trauzeuge. All das machte sie mir nicht besonders sympathisch.
   Wir waren acht Personen. An meiner linken Seite saß ein verloren wirkender, etwa vierzigjähriger Mann, der aussah, als wäre er von seiner Mutter in seinen alten Konfirmationsanzug gesteckt worden. Ihm hatte man als Gastgeschenk das Krokodil aus dem Zeichentrickfilm zugedacht. Sichtlich nervös spielte er mit dem Dessertlöffel, bis er ihm aus der Hand rutschte und zu Boden fiel. Er tauchte sofort unter dem Tisch ab und verklemmte sich im Tischtuch. Ich bekam gerade noch den Stoff zu fassen und hielt die Decke fest, bevor das Geschirr auf dem Boden gelandet wäre. Der Mann berührte mein Knie, ich trat automatisch aus und hörte ihn aufstöhnen. »Hab ihn.« Keuchend richtete er sich auf, bis er geradewegs auf Höhe meines Ausschnitts war. Er errötete, setzte sich und senkte den Kopf tief über seinen Suppenteller.
   Neben Florian saß eine pummlige Enddreißigerin mit einem Gesicht wie ein Mond. Auch sie gehörte zur Kategorie peinlich. An ihrem Hinterkopf stand eine Tolle senkrecht ab, sie drückte sie immer wieder runter, was aber nichts nützte. Durch das viele Haarspray hätte man sie auch als Stechwaffe benutzen können. Ihr Make-up war auf das lila Outfit abgestimmt, und es sah aus, als hätte sie ein beidseitiges Veilchen. Genau wegen dieses Eindrucks war ich immer besonders vorsichtig mit Schminke. Beate stand auf ihrem Namensschild, und ihr hatte man die kleine Waise Penny zugedacht, die im Film gerettet werden musste. Ich nahm mir vor, sie am Ende zu fragen, ob sie mir die Figur schenken würde.
   Neben dem Mondgesicht saß ein wirr aussehender älterer Herr, der die ganze Zeit seine Zahnprothese von einer Seite zur anderen schob. Auf seine Figur war ich richtig scharf, er hatte einen zweiten Mäuserich, einen mit Schlapphut. Den würde er hergeben müssen, kostete es, was es wollte. Der Ehrgeiz hatte mich gepackt. Irgendwann würde er schon mal aufs Klo müssen und ich könnte mir die Figur krallen. Eine der zwei älteren Damen hatte Madame Medusa. Die konnte sie behalten, vor der hatte ich mich schon als Kind gefürchtet. Die andere hatte ein weiteres Krokodil. Dann gab es mir gegenüber noch einen in die Jahre gekommenen, Pferdeschwanz tragenden Hippie. Vor ihm stand die Figur des liebenswert trotteligen Albatros. Vielleicht ließ er sich ja auf einen Handel ein. Ich sah mich weiter um. Am meisten los war am Tisch des Rauchers mit dem Bluterguss ums Auge und seiner Kumpel.
   Beate, das Mondgesicht, sah auch in diese Richtung. »Die sind jetzt schon betrunken. Peinlich, finden Sie nicht? Ich habe gehört, bei der Junggesellenfeier letztes Wochenende soll es auch richtig heftig zur Sache gegangen sein. Sarah war total sauer, weil man eine Stripperin eingeladen hat.« Sie runzelte die Stirn und sah in Richtung des Brauttisches. »Auch wenn Alex gut aussieht, der hat’s faustdick hinter den Ohren. Sarah wird noch ihren Spaß mit ihm haben.«
   Die etwa siebzigjährige Frau, Madame Medusa, war die Nachbarin der Eltern der Braut. Sie erzählte, wie der Vater der Braut und ihr Mann zusammen einen Angelurlaub in Schweden gemacht hatten, dabei das Boot umkippte und ihr Mann in dem eiskalten Wasser ertrunken sei. 1974 sei das gewesen.
   »Wie furchtbar«, sagte Florian höflich.
   »Man hat seine Leiche erst Tage später gefunden. Er war einige Kilometer weit weggetrieben.«
   Das Muttersöhnchen griff erschüttert zum Glas und trank sein Mineralwasser in einem Zug aus. Kellner brachten die Vorspeise, eine klassische Hochzeitssuppe.
   Der schöne Bräutigam klopfte gegen sein Glas, wir schwiegen und sahen erwartungsvoll nach vorn. Er bedankte sich mit einem strahlenden Lächeln für unser Erscheinen, teilte uns mit, wie glücklich er sei, und wünschte allen eine schöne Feier. Wir griffen nach den Löffeln.
   »Wasserleichen sind nicht sehr appetitlich«, kam es plötzlich vom Hippie. »Die fangen schon nach wenigen Stunden an, sich durch Darmbakterien von innen her aufzulösen, der Körper bläht sich auf, und irgendwann reicht halt die Dichte der Leiche nicht mehr, um sie unten zu halten.«
   »Darum sind Zementschuhe auch sehr beliebt, die ermöglichen das Untergehen«, fügte ich hinzu. »Und das Untenbleiben.«
   Das Muttersöhnchen legte schweigend den Löffel ab und tupfte sich den Mund mit der Serviette sauber.
   »Ich kenne einen Fall, da ist ein Pärchen mit dem Auto beim Drehen rückwärts in die Spree gefahren. Er konnte sich noch retten, sie nicht«, erzählte Beate und löffelte eilig ihre Suppe. »Ertrinken soll kein schöner Tod sein.«
   »Man bekommt Krämpfe«, erklärte der Hippie. »Schaum vorm Mund. Kurz bevor die Lunge platzt, ist das wie tausend Messerstiche.«
   »Die Suppe ist lecker«, bemerkte Florian.
   »Ich würde Schlaftabletten nehmen. Einschlafen, nicht mehr aufwachen und weg.« Beate hielt den Teller schräg, führte den letzten Löffel zum Mund und sah sich nach dem Kellner um.
   »Ganz sicher schläft man nicht friedlich ein, sondern krepiert unter unvorstellbaren Krämpfen. Der Körper wehrt sich, man muss sich übergeben und erstickt dann am Erbrochenen«, sagte der Hippie und wandte sich an das Muttersöhnchen. »Könnten Sie mir das Salz reichen?«
   Zitternd schob der ihm das Fässchen zu, der Hippie würzte kräftig nach.
   »Wie ist es mit Erfrieren?«, wollte Madame Medusa wissen. Bevor der Hippie antworten konnte, kam ihm der gebisstragende Opa dazwischen. »Nicht zu empfehlen.« Er schob seine Zähne zurecht. »Wenn dir die Gliedmaßen abfrieren, Finger, Ohren, Zehen, tut das höllisch weh. Mein Vater hatte nach der Schlacht bei Stalingrad nur noch drei Zehen. An zwei Füßen.«
   »Verbrennen geht auch gar nicht«, sagte Beate. »Oder?«
   Der Hippie nickte. »Es sei denn, du wirst vorher durch den Sauerstoffmangel ohnmächtig und stirbst letztlich an einer Kohlendioxidvergiftung. Bevor du verbrennst.«
   Ich fragte den Hippie, was er denn empfehlen würde.
   Florian schüttelte den Kopf. »Julia, jetzt hör doch mal auf damit. Wirklich.«
   Ich lachte ihn aus und wandte mich gespannt an den Hippie.
   »Erhängen. Da kann normalerweise nichts schiefgehen. Allerdings sollte der Knoten richtig gemacht werden, sonst bricht man sich nicht das Genick, sondern erstickt. Ganz langsam. Erschießen ist auch nicht schlecht. Geht schnell und meist überlebt man nicht. Wenn doch, ist das allerdings Pech.« Wir Frauen und der Opa lauschten andächtig. »Pulsadern aufschneiden führt zu hohem Blutverlust, es kommt zur Ohnmacht, aber davor wird einem schlecht. Von einem Hochhaus springen, auch sehr sicher, allerdings kein schöner Anblick für Hinterbliebene.«
   »Was machen Sie eigentlich beruflich?«, wollte ich wissen.
   »Bestatter.« Alle am Tisch starrten ihn an. Er sah auf. »Nein«, sagte er sichtlich belustigt. »Ich bin Gartenarchitekt. Ich habe den Garten für Sarahs Ferienhaus angelegt.«
   Beates Nase war vom vielen Wein schon ganz rot. »Ich würde echt gern mal wissen, woher die das ganze Geld haben.« Sie spielte mit der Gabel, traf das leere Glas, es klimperte laut, alle Gespräche verstummten. Sie errötete und senkte den Kopf tief über ihren Teller.
   Der Brautvater stand auf. Er schien aufgeregt, klammerte sich an seine Karteikärtchen und stotterte ein langes Loblied auf seine Tochter an, sein Schwiegersohn wurde mit ein paar Sätzen abgespeist. Wir klatschten, und sofort setzte die normale Unterhaltung wieder ein. Vor dem Nachtisch hielt der Trauzeuge eine Rede. Ich drehte mich in seine Richtung und wartete gespannt.
   »Ich habe mich ein bisschen gewundert, warum du ausgerechnet mich als Trauzeugen wolltest«, wandte er sich an Alex. Der setzte ein breites Grinsen auf. »Du weißt ja, ich habe keinerlei Erfahrung mit der Ehe und stehe ihr auch ziemlich kritisch gegenüber. Ich möchte dir ja keine Angst machen, aber hast du dich schon mal gefragt, ob man Vertrauen zu einer Frau haben kann, die einen selbst zum Mann nimmt?« Es wurde gelacht, und er fuhr schmunzelnd fort. »Aber du bist nicht Curt Götz, der hat sich diese Frage nämlich gestellt. Keine Ahnung, ob und welche Antwort er darauf gefunden hat.« Er wirkte ruhig und sprach zum Glück klar und deutlich, um einiges besser als seine Vorredner. »Wir kennen uns seit fast zwanzig Jahren und du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst. Du hast schon oft Mist gebaut, und immer war ich für dich da. Wie in Rom, erinnerst du dich? Da habe ich deinetwegen ordentlich eine auf die Nase bekommen.« Er griff sich ins Gesicht, wieder ging ein amüsiertes Raunen durch den Raum. Ich betrachtete seine Nase, sie war wirklich ein bisschen schief. Alex hob entschuldigend die Hände. Es war mucksmäuschenstill, nur ein seltsames Klappern neben Beate war zu hören.
   Marc lächelte. »Ich kann dir nur sagen, wenn du in deiner Ehe Mist baust, Alex, dann werde ich auch da sein. Ich werde mich um Sarah kümmern, und glaub mir, ich werde dafür sorgen, dass sie dich nicht vermissen wird.«
   Das war ganz schön frech. Aber Sarah strahlte und sah beinah so aus, als ob sie wollte, dass Alex auf der Stelle einen Fehler machte. Marc legte eine kurze Pause ein. »Sarah hat bekanntlich einen sehr guten Geschmack. Kaum zu glauben, dass sie dich zum Mann gewählt hat. Scheinbar hast du doch irgendwelche Qualitäten.« Er wandte sich jetzt an die Braut. »In China sagt man, dass jede Frau, die eine Ehe eingeht, mit der Erschaffung des Mannes dort fortfährt, wo Gott aufgehört hat. Man sieht, gewisse Probleme scheint es in jeder Kultur zu geben.« Er sah seinen Freund nachdenklich an. »Wir haben oft in schwierigen Situationen gesteckt, und du bist einer der mutigsten Kerle, die ich kenne. Viel mutiger als ich, denn für diesen Weg«, er holte tief Luft, »braucht man mehr Mut, als für alle Abenteuer, die wir zusammen erlebt haben. Ich habe keine Ahnung von der Ehe, aber ich habe mir sagen lassen, dass sie von zwei Dingen abhängt: erstens, den richtigen Menschen zu finden, und zweitens, der richtige Mensch zu sein. Genau das macht es schwierig. Wie finde ich den richtigen und wie kann ich zum richtigen Menschen werden, sodass der andere für den Rest meiner Tage bei mir bleibt?« Er hob die Hände und wirkte ratlos. Diese ehrliche Geste, bei einem so stark wirkenden Mann, rührte mein Herz ungemein. Am liebsten wäre ich aufgesprungen, hätte ihn tröstend in den Arm genommen und ihm versichert, für alle Zeiten an seiner Seite bleiben und ihn beschützen zu wollen. Auch Beate neben mir räusperte sich offensichtlich gerührt. Marc lächelte wieder auf diese ungewöhnlich anziehende Art. »Ihr beide seht aus, als ob ihr sicher seid. Und darum erhebe ich voller Respekt mein Glas.«
   Nachdem der Applaus verklungen war und sich das Brautpaar mal wieder geküsst hatte, richtete ich mich an Beate. »Was macht dieser Alex eigentlich beruflich?«
   »Der arbeitet bei irgendeiner Behörde. Bauplanung, Stadtplanung, weiß nicht genau.«
   Ein trockener Beamter? So wirkte er nicht. Nach dem Essen verschwand ich nach draußen und freute mich, die Raucher dort vorzufinden. Ich inhalierte tief den Rauch meiner Zigarette, als sich auch Marc zu uns gesellte.
   »Hübsche Rede«, sagte ich.
   Er sah auf die Zigarette in meiner Hand, bedankte sich kühl, drehte mir den Rücken zu und unterhielt sich mit einem anderen Gast. Es kam nicht häufig vor, dass ich mit meiner Art nicht gewinnen konnte. Ein ungewohntes Gefühl der Enttäuschung überkam mich und ich nahm mir vor, ihn ebenso zu ignorieren. Das Veilchenauge war sowieso viel unterhaltender. Ich wollte von ihm wissen, wieso er es sich gefallen ließ, sich von dem – ich zeigte mit dem Daumen nach links – ein blaues Auge verpassen zu lassen.
   Er lachte. »Das war nur Spaß. Haben Sie schon mal Paintball gespielt?«
   »Wo zwei Mannschaften aufeinander schießen?«
   »Aber nur mit Farbpatronen. Macht total Spaß, oder Marc? Das nächste Mal krieg ich dich.«
   Marc drehte den Kopf. »Nicht, wenn du dich wieder so schnell ablenken lässt, Peer.«
   Peer lachte wieder. »Die Frau war aber auch scharf. Gib’s zu, du hast sie absichtlich in die Mulde laufen lassen, damit sie anschließend richtig mit Schlamm überzogen war.«
   Ich betrachtete den Trauzeugen und stellte mir vor, jemanden wie ihn als Freund zu haben. War bestimmt anstrengend. Ob diese kühlen Augen einen überhaupt liebevoll ansehen konnten? Er fing meinen Blick auf, hastig sah ich auf meine Zigarette. Egal, seiner Rede nach glaubte er sowieso nicht daran, die richtige Partnerin zu finden. Mit Sicherheit war er sehr anspruchsvoll und streng, seine Freundin durfte bestimmt nicht rauchen.
   »Jedenfalls hat es Spaß gemacht, zuzusehen, wie du sie erwischen wolltest und mit ihr im Matsch gelandet bist«, erwiderte Marc.
   »Aber dabei hatte ich das Vergnügen, ihre Kurven genauer unter die Lupe zu nehmen.« Peer rollte mit den Augen und alle, sogar der strenge Trauzeuge, lachten. »Wenn ich mal heirate, will ich genau so einen Junggesellenabschied. Ich will, dass du auch mein Trauzeuge bist, Marc, versprich mir das.«
   »Denkst du, dich würde eine nehmen?«
   Die Gruppe lachte erneut, nur Peer machte ein zerknirschtes Gesicht. »Würden Sie mich heiraten?«, fragte er mich.
   »Geht nicht, Peer, sie ist schon verheiratet.« Marc warf mir einen kurzen Blick zu. »Erinnerst du dich an Florian vom Wochenende?« Na klar, die hielten mich für Lisa, Florians Ehefrau. Ich verbiss mir ein Lachen und nahm mir vor, diese Verwechslung auf keinen Fall richtigzustellen.
   Peer dachte nach. »Der versehentlich Uli getroffen und sich daraufhin vollgeschüttet hat?« Er machte große Augen. »Wirklich? Okay, aber wenn Sie nun nicht verheiratet wären, würden Sie dann?«
   »Nur wegen des Junggesellenabschieds? Nein, ich glaube nicht.«
   Das Gespräch verstummte, als sich der Hippie zu uns gesellte. Erst jetzt sah ich, dass er eine ulkige, von Hosenträgern gehaltene, rote Kniebundhose trug. Unbeeindruckt von unserem irritierten Schweigen zündete er sich eine dicke Zigarre an. »Nach einem üppigen Essen kommt eine Zigarette richtig gut, nicht?« Er sah mich an und grinste. »Aber eigentlich kommt nach allem, was schön ist, eine Zigarette gut.«
   Als ich etwas später hineinging, hatte man den Saal umgebaut. Es gab jetzt eine Tanzfläche, hinter der Bar standen zwei Barkeeper und bereiteten sich auf eine lange Nacht vor, ein junger Discjockey ordnete seine Musik. Bernhard und Bianca waren samt Beate und dem Opa aus dem Weg gerückt worden. Das Muttersöhnchen saß eingeklemmt zwischen Tisch und Wand. Florian hatte sich einen anderen Platz gesucht, wieder inmitten der Finanzwelt. Bestimmt sprachen die nicht über die Vor- und Nachteile verschiedener Sterbemethoden, sondern von Bonität und Dividendenabschlägen. Zum Glück schien er sich gut zu unterhalten und sich nicht einsam zu fühlen.
   Das Brautpaar machte sich für den Eröffnungstanz bereit. Die Gäste versammelten sich um die Fläche, und als ein klassischer Walzer aufgelegt wurde, verstummte das Getuschel. Sarahs bauschiges Kleid wog im Dreivierteltakt über dem Boden. Alex wirkte etwas steif, aber darauf achtete man bei einem schönen Mann nicht. Dann suchten sich die beiden schneeballähnlich neue Partner, zuerst die Eltern, anschließend die Trauzeugen und schon bald war die Fläche voll.
   Ich ging zu meinem Tisch zurück. Beate war in der Zwischenzeit offenbar einem Spiegel begegnet, ihr Haar sah jetzt platt und nass aus. Sie nippte an ihrem Drink. »Da sind Sie ja wieder. Waren Sie tanzen?«
   »Nein, ich habe draußen geraucht.«
   »Ich habe einen Onkel durchs Rauchen verloren. Schreckliche Angewohnheit, so dumm und sinnlos. Ich hab’s mal probiert.« Sie verzog angewidert das Gesicht. Ein Ober kam vorbei, sie hielt ihn auf und ließ sich Wein nachschenken. »Schmeckte nur eklig, einfach nur eklig.«
   »Wenn man sich überwindet, geht’s schon.«
   Sie hatte einen guten Zug, ihr Glas war schon fast wieder alle. Der Hippie kam ebenfalls zurück. »Kommen Sie«, sagte er zu mir und rieb sich sichtlich gut gelaunt die Hände. »Lassen Sie uns eine Runde abtanzen.«
   »Meine Schuhe sind zu groß.«
   »Ziehen Sie sie aus.«
   Ich lachte. Er bückte sich und zog seine gelben Slipper aus. Staunend blickte ich auf seine Socken, sie waren grün. Er warf die Schuhe unter den Tisch und hielt mir aufmunternd die Hand hin. Ich sah von ihm zur vollen Tanzfläche. Etwa die Hälfte der Gäste tanzte Standard, darunter sogar ein paar jüngere. Die andere Hälfte bewegte sich nach freier Improvisation. Es würde überhaupt nicht auffallen, dass ich barfuß war, also zog ich die Pumps aus.
   Ich war keine besonders gute Tänzerin. Standardtänze konnte ich nicht, und Discotänze lebte ich auch eher unspektakulär aus. Weder fuchtelte ich hektisch mit den Armen, noch ließ ich wild die Hüften kreisen. Ganz anders der Hippie. Der hatte Rhythmus im Blut und machte eine große Show aus seiner Tanzeinlage. Deswegen sahen uns doch alle an, und bestimmt fiel jedem auf, dass ich keine Schuhe anhatte – wir beide nicht. Bis das Lied vorbei war und ich mich auf meinem Platz verstecken konnte, litt ich ordentlich.
   Der Hippie lachte noch, als er sich setzte. Dann fixierte er Beate. Es dauerte, bis sie begriff, was es mit seinem Blick auf sich hatte. Entsetzen machte sich auf ihrem Pfannkuchengesicht breit. Doch er zog sie entschieden hoch und ging mit ihr zur Tanzfläche. Amüsiert sah ich dem ungleichen Paar zu. Er ein schmales, kurioses Männchen, sie ein altbackenes Pummelchen. Seine Arme umfassten ihre breite Taille, irgendwie schaffte er es, sie herumzuwirbeln, zum Glück auch, sie wieder aufzufangen. Sie stolperte mehr schlecht als recht herum, ihr Gesicht drückte tiefe Verzweiflung aus. Mein Blick wanderte weiter. Der Trauzeuge tanzte mit der Braut, Alex mit der Trauzeugin. Sarahs schlanker Körper drückte sich an den ihres Partners, passte sich perfekt seinen Schritten an. Ob da mehr war zwischen den beiden als nur Freundschaft? Als die Musik zu Ende war, rannte Beate mit panischem Gesichtsausdruck zu unserem Tisch.
   »Alles in Ordnung?«, fragte ich.
   Sie schüttelte den hochroten Kopf. »Das war der schlimmste Moment meines Lebens.« Sie griff zum Glas. Der Hippie tanzte schon wieder. Eine Partnerin hatte er zwar nicht, aber das machte ihm offenbar nichts, er drehte sich mal zuckend zu der einen, mal zu der anderen. »Alles nur schöne, arrogante, von sich selbst eingenommene Typen.« Beate sah ebenfalls zur Tanzfläche. »Nehmen Sie nur den schönen Alex. Denken Sie, der hat mich heute begrüßt oder nur mal angesehen? Ich habe mir wochenlang den Kopf darüber zerbrochen, was ich den beiden schenken sollte, und dann hat mir jemand gesagt, ich soll das Geschenk einfach auf den Tisch legen und das war’s dann.« Ihr Blick wanderte weiter. Als sie weitersprach, klang ihre Stimme noch mürrischer. »Oder dort drüben, der Trauzeuge, sieht aus wie dieser Typ aus der Bierwerbung, nordisch herb oder so, kennen Sie den? Wenn der mich ansprechen würde, bekäme ich ja eine Gänsehaut. Aber«, sie lachte bitter auf, »die würden gar nicht auf den Gedanken kommen, jemanden wie mich zum Tanzen zu holen. Eine vom Tisch Bernhard und Bianca, kurz vorm Klo, in einem Kleid von der Stange. Meine Cousine hat mich nicht ohne Grund hier hinten platziert. Sehen Sie, da vorn sind meine andern Cousinen und Cousins.« In ihren Augen schimmerte es verdächtig. »Sarah dachte wohl, ich passe nicht zu ihnen. Weil ich allein bin, keinen tollen Beruf habe und nicht gut aussehe. Ich wette, am liebsten hätte sie mich gar nicht eingeladen.« Wahrscheinlich hatte sie alles genau auf den Punkt gebracht, ich schwieg taktvoll. »Dabei sind das alles scheinheilige, arrogante Fatzken.« Sie griff wieder zum Glas. »Ich könnte zu jedem von denen eine Geschichte erzählen.« Sie schien jemanden erspäht zu haben und hielt inne. Schade, ich hatte mich schon auf einige deftige Familiengeheimnisse gefreut. Ich wandte den Kopf und blickte hoch. Der Trauzeuge stand vor unserem Tisch. »Möchten Sie tanzen?«
   Unsicher sah ich mich um. Meinte er mich? »Nein.« Er machte ein verwirrtes Gesicht. »Ich habe keine Schuhe an.«
   Sein Blick wanderte an mir hinunter. »Sie könnten welche anziehen.«
   »Sie sind zu groß.«
   »Dann tanzen Sie eben ohne. Haben Sie vorhin ja auch.«
   »Sind Sie sicher? Was ist, wenn Sie mir auf die Füße treten?«
   »Ich passe auf.«
   »Ist Ihnen das nicht peinlich?«
   Er seufzte. »Was ist jetzt?«
   »Okay.« Ich warf Beate einen schnellen Blick zu. »So abgehoben sind die gar nicht«, raunte ich ihr zu. Sie schüttelte nur den Kopf. Auf der Tanzfläche zog er mich routiniert an sich. Wusch – schon wieder ein elektrischer Schlag. Bekam er eigentlich auch jedes Mal einen ab? Zumindest ließ er sich nichts anmerken. Als mir klar wurde, dass er richtig tanzen wollte, bekam ich einen Schreck. »Was ist das für ein Tanz?«
   »Foxtrott.«
   Ich blieb stehen. »Kann ich nicht.«
   »Einfach führen lassen.«
   »Kann ich auch nicht.«
   »Sie sind kompliziert.«
   Okay, es war nur ein Tanz, nicht mein Leben, sollte er doch die Führung übernehmen. Nach einigen Stolperschritten, bei denen ich zum Glück ihm auf die Füße trat und nicht umgedreht, ging es ganz gut. Er tanzte schweigend und ich fand es ein bisschen aufregend, seine Nähe so intensiv zu spüren. Einmal winkte mein Bruder mir aus seiner Bankiersgruppe zu, ich winkte zurück.
   Marcs Blick folgte meinem. »Ihr Mann tanzt nicht gern?«
   »Nein. Ich glaube, ich werde mich von ihm scheiden lassen.« Fast wäre er aus dem Takt gekommen. »Wir passen nicht zusammen«, sagte ich freimütig. »Und eigentlich leben wir schon jahrelang wie Bruder und Schwester nebeneinander.« Er reagierte nicht. Bestimmt war ihm das Thema peinlich. »Er hat eine andere.« Ich gab meiner Stimme einen ernsten Klang. »Wenn er nicht so reich wäre, hätte ich mich längst von ihm getrennt.«
   »Sie haben drei Kinder.«
   »Die kann er behalten. Wissen Sie, wie anstrengend Kinder sein können?«
   Er sah mich prüfend an. Schade, er hatte mich offenbar durchschaut. »Sie nehmen mich auf den Arm.«
   Ich nickte lachend. »Florian ist mein Bruder. Ich bin für meine kranke Schwägerin eingesprungen.«
   Obwohl das Lied zu Ende war, hielt er noch immer meine Hand und warf mir einen langen, schon viel sanfteren Blick zu. »Gehen wir an die Bar?«
   »Müssen Sie jetzt nicht die Nächste auffordern, als Trauzeuge? Tun Sie mir den Gefallen, nehmen Sie Beate, die am Tisch neben mir sitzt. Sie findet, hier sind alles viel zu schöne Menschen, die immer nur auf sie herabsehen.«
   Er sah an mir vorbei, Richtung Beate. »Ich bin gerade zu dem Schluss gekommen, meinen Pflichten als Trauzeuge genug nachgekommen zu sein und mir eine kleine Auszeit verdient zu haben.«
   Wir setzten uns nebeneinander an die Bar. »Dann war ich Ihre letzte Aufgabe. Da habe ich ja noch mal Glück gehabt. Was sind denn das für Aufgaben, die ein Trauzeuge hat? Ich meine, außer Stripteasetänzerinnen zu organisieren, mit Singles tanzen zu müssen und bissige Reden zu halten?«
   »Bissig? Hat Ihnen die Rede nicht gefallen?«
   »Doch, sie war sehr ehrlich. Sie haben sehr deutlich gemacht, wie wenig Sie von all dem hier halten. Abgesehen davon war ich ein bisschen abgelenkt. Zwei Plätze weiter sitzt dieser Opa und klapperte die ganze Zeit mit seinem Gebiss. Immer, wenn ich in Zukunft an Sie oder diese Hochzeit denke, werde ich das mit falschen Zähnen in Verbindung bringen.«
   Sein Lachen erhellte sein Gesicht und vertrieb die dun-klen Schatten.
   Jetzt fand ich ihn auch gut aussehend.
   »Meine Hauptaufgabe besteht darin, den Bräutigam zum Altar zu bringen.«
   »Wäre er sonst abgehauen?«
   »Das glaube ich nicht.«
   Ich sah ihn neugierig an. »Was hätten Sie gemacht, wenn er plötzlich kalte Füße bekommen hätte?« Er dachte nach. Das dauerte mir zu lange. »Sich gefreut und selbst die Braut übernommen?«
   »Wenn er nicht mehr gewollt hätte, wäre ich wohl derjenige gewesen, der das am ehesten verstanden hätte. Nicht, dass Sarah nicht die Richtige für ihn wäre. Sie ist eine tolle Frau. Sondern, weil ich, wie Sie schon sagten, nicht an das Modell der Ehe glaube.«
   »Grundsätzlich, oder kommt das nur für Sie nicht infrage?«
   Er ließ sich Zeit. »Es kommt für mich nicht infrage.«
   »Da hat man mit Ihnen aber den Bock zum Gärtner gemacht. Ein Trauzeuge, der nicht an die Ehe glaubt.« Ich lachte.
   »Dafür, dass ich dem Ganzen nichts abgewinnen kann, halte ich mich doch ziemlich gut.«
   »Stimmt, Sie können sich toll verstellen.«
   Sein Blick schweifte umher, dann landete er wieder bei mir. »Sagen wir du? Ich heiße Marc.«
   Hätte er nicht diese stechend hellgrauen Augen, dieses ausgeprägte Kinn und wirklich schöne braune Haare gehabt, hätte ich ihn vielleicht langweilig gefunden, so ruhig und bedacht, wie er sprach. Aber genau diese herbe Mischung machte ihn irgendwie sexy. »Julia.«
   Er drehte am Stiel seines Glases. »Du bist also Single?«
   Mit diesem Gedankensprung überrumpelte er mich. Aber bevor ich reagieren konnte, stellte sich ein hohlwangiger Mann neben Marc, legte vertraulich eine Hand auf seine Schulter und rief dem Ober mit angetrunkener Stimme zu, ihm einen Whisky einzuschenken. »Lass uns anstoßen, Marc«, forderte er heiser. »Auf Alex, den alten Mistkerl, er wird der Truppe fehlen.«
   Marc drehte mir den Rücken zu. »Bist du allein hier?«, fragte er den Mann mit gedämpfter Stimme.
   »Hast du’s nicht gehört? Meine Freundin hat sich von mir getrennt. Ich dachte, alle wüssten es.« Er stierte auf sein Glas. »Scheiß Arbeit. Warum tun wir uns das eigentlich an? Am liebsten würde ich …« Er kam nicht weiter, denn das Brautpaar trat auf uns zu. Überrascht sah ich Sarah an. Jetzt, da sie nah vor mir stand, fiel mir ihr kleiner Schönheitsfehler auf. Der leichte Silberblick war das Erste, was sie mir sympathisch machte, und ihr Lächeln war eigentlich auch ganz nett. Dagegen gab es an Alex auch von Nahem nicht das Geringste auszusetzen.
   »Habe ich dir schon gesagt, dass du der beste Freund, der beste Trauzeuge bist, den man sich vorstellen kann.« Sarahs Stimme lallte ein wenig. »Vielen Dank, dass du mir diesen Mann geschenkt hast.« Sie beugte sich vor und küsste den sichtlich überraschten Marc auf den Mund.
   »Das wollte ich auch gerade sagen. Danke Marc.« Alex machte Anstalten, es seiner Frau nachzutun.
   Der umzingelte Trauzeuge hob die Hände und wich zurück. »Schon gut, bleibt einfach die nächsten zehn Jahre friedlich zusammen, dann sind wir quitt.« Er drehte sich zu Sarah, die sich einen Sekt bestellte. »Und nicht beklagen, wenn er schwierig wird. Er ist das friedliche Leben nicht gewöhnt. Umtauschen kannst du ihn nicht.«
   »Weißt du, was das Geheimnis ist?« Alex hob bedeutungsvoll den Zeigefinger. »Prioritäten setzen. Irgendwann ist man so weit, sich für eine Seite entscheiden zu können. Und es auch zu wollen.«
   Das hörte sich an, als ob man zwischen Gut und Böse wählen müsste. Ich hatte noch nie so viele seltsame und zweifelnde Bemerkungen über die Ehe gehört.
   »Zehn Jahre?«, rief Sarah mit hoher Stimme. »Du gibst uns nur zehn Jahre?«
   »Zehn friedliche Jahre. Danach geht’s halt weiter.«
   Alex kratzte sich am Kopf. »Zehn Jahre sind doch auch schon was.«
   Einen Augenblick dachte ich, Sarah würde in Tränen ausbrechen. Fassungslos sah sie ihren Mann an.
   »Wollen wir tanzen?« Schnell hatte Marc die Braut bei der Hand genommen und ging mit ihr zur Tanzfläche.
   Alex sah ihnen nach. Dann wandte er sich an mich. »Habe ich was Falsches gesagt?« Bestimmt hatte er keine Ahnung, wer ich war. »Ich finde zehn Jahre wirklich eine lange Zeit.« Ich nickte schweigend. Für den einen waren zehn Jahre lang, für den andern nicht. »Und wie geht’s dir, Uli?«, fragte Alex den Hohlwangigen.
   »Hervorragend.« Uli klang bitter. »Läuft alles super.«
   »Schön, deine Freundin mal kennenzulernen.« Alex schenkte mir ein freundliches Lächeln.
   »Ich bin nicht seine Freundin.«
   »Ach«, er sah sich um. »Wo ist sie denn?« Himmel, der Kerl war vielleicht gedankenlos. Kannte er seine eigene Gästeliste nicht? Der Hohlwangige schnappte nach Luft, griff sich sein Glas und torkelte davon. Alex sah ihm mit ratlosem Gesichtsausdruck hinterher. »Was habe ich denn nun wieder gesagt?«
   »Sie hat ihn verlassen.«
   »Autsch.« Er hatte strahlend weiße Zähne. Zum ersten Mal sah er mich genauer an, dann wurde er etwas verlegen. »Tut mir leid, ich komme gerade nicht auf Ihren Namen.«
   »Julia. Die Schwester von Florian, Ihrem Steuerberater. Ich bin für meine kranke Schwägerin eingesprungen.«
   »Ach, der gute Florian. Ich hatte noch keine Zeit, mich mit ihm zu unterhalten. Hat er das letzte Wochenende gut überstanden?«
   »Ich denke schon. Sein Kater ist kuriert, und er ist ohne blaues Auge davongekommen.« Ich machte eine kurze Pause. »Dieses Paintballspiel hat ihm gut gefallen.«
   Alex lachte. »Mir auch. Ich war total geplättet, als Marc mich und die Jungs dorthin brachte.«
   »Ich habe gehört, mein Bruder hat auf Uli geschossen. Was ist so schlimm daran? Ich dachte, darum geht’s.«
   »Stimmt. Außer man knallt seine eigenen Leute ab. Aber es war alles Durcheinander, da kommt es schon mal vor. Hauptsache, wir hatten Spaß. Ich hatte sogar ziemlich viel Spaß.«
   »Ich wette, Sie haben sich dann auch sehr gern ergeben.«
   Er wollte offenbar etwas erwidern, besann sich aber und dachte erst mal nach. Sarah und Marc kamen zurück. Sarah sah schon etwas sanfter gestimmt aus. »Ergeben?«, fragte sie.
   »Wir sprachen gerade vom Junggesellenabschied.« Ich wusste genau, dass ich das nicht hätte sagen sollen. Sarahs Gesicht verdüsterte sich und Marc runzelte die Stirn. Er sah verärgert aus.
   Egal, er konnte sie ja noch mal zum Tanzen führen, das schien sie zu beruhigen.
   »Dass ihr das wirklich gemacht habt«, sagte sie. »Mit einer Prostituierten.«
   »Sarah, das war alles meine Idee«, sagte Marc beschwichtigend. Er warf seinem Freund einen schnellen Blick zu. »Alex wusste davon nichts. Und es war nur eine Stripperin.«
   »Hör doch auf. Ich bin nicht blöd und weiß genau, dass sie durchaus zu mehr bereit gewesen war. Wenn ich rauskriege, dass du«, sie sah ihren Mann böse an, »mit dieser Schlampe was hattest, ein paar Tage vor unserer Hochzeit, dann sind wir schneller wieder getrennt, als du die Wörter Ich will sagen kannst.«
   Sie rauschte ab. Wir sahen dem schwingenden Brautkleid hinterher.
   Marc stupste Alex an. »Geh ihr nach.«
   »Wird sie mir das ewig vorhalten?« Alex machte eine hilflose Geste. Aber bevor er ihr folgte, grinste er. »Trotzdem war es das wert.«
   Marc und ich blieben schweigend zurück.
   »Heikles Thema, was? Tut mir leid.«
   »Das wusstest du ja nicht.«
   Ich sah auf die Uhr und gähnte. Ich war heute Morgen früh aufgestanden, zu früh für mich.
   »Müde?«
   Ich nickte. »Zum Glück habe ich Urlaub.«
   Marc griff schweigend zum Glas. »Hast du gesehen, wohin Uli, der Mann der vorhin hier gestanden hat, gegangen ist?«
   »Der sah aus, als wollte er sich vollschütten. Dein Freund hat sich ein bisschen in die Nesseln gesetzt. Wegen Ulis Freundin.«
   »Dann werde ich ihn mal suchen gehen. Wir sehen uns später?« Er sah mich entschuldigend an.
   »Okay.«
   Er ging durch den Saal, dabei wurde er von der Rothaarigen abgefangen. Sie zog ihn auf die Tanzfläche. Ich beobachtete sie eine Weile. Sah sie hübscher aus als ich? Anders, aber auch besser? Ich hatte während meines Lebens schon einiges an Feedback bekommen. Wenn man die übertriebenen Aussagen, die mit Hintergedanken und die von Menschen ohne Geschmack abzog, dann blieb unterm Strich ein Bild von mir, mit dem ich gut leben konnte. Ich war selbstbewusst genug, um auch gegen eine Schönheit wie die Trauzeugin bestehen zu können. Abgesehen davon war die bestimmt dumm wie Stroh. Tanzen konnte sie allerdings besser als ich.
   Ich gesellte mich zu meinem Bruder, der sich bei meinem Näherkommen etwas von seiner Gesprächsgruppe wegsetzte. »Na du, amüsierst du dich?«
   »O ja. Wie findest du, sieht die Rothaarige da drüben aus?«
   »Die mit dem Trauzeugen tanzt? Gut.«
   »Besser als ich?«
   Mein Bruder war nicht dumm. »Anders würde ich sagen. Was ist mit deinen Schuhen passiert?«
   »Habe ich ausgezogen, als ich tanzen war. Stell dir vor, ich habe Standard getanzt, mit dem Trauzeugen. Den kennst du doch, was ist das für ein Typ?«
   Wenn Lisa hier gewesen wäre, wären bei ihr jetzt sofort alle Alarmglocken angesprungen. Florian konnte problemlos schwierige Zahlenkombinationen in Zusammenhänge bringen. Aber keine zwischenmenschlichen Beziehungen.
   »Ich habe ihn nur einmal auf dieser Junggesellenparty gesehen.« Er überlegte. »Er ist sehr selbstsicher und ziemlich beliebt.«
   »Ich glaube, er hat seinen Freund gut im Griff. Dieser Alex ist ein bisschen schlicht, kann das sein? Hat etwas viel Testosteron abbekommen.«
   Auf Florians Gesicht machte sich Empörung breit. »Im Gegenteil. Er hat einen gehobenen Posten bei einer Behörde.«
   Florian musste es ja wissen, schließlich machte er Alex’ Steuererklärung. »Was arbeitet er denn?«
   »Irgendwas mit Bauteilen.«
   »Und sie ist eine schwierige, anspruchsvolle Zicke.«
   »Wie lange kennst du die beiden denn schon?«
   Ich zuckte die Schultern. »Und den Trauzeugen finde ich auch seltsam. Streng und finster. Du hättest mal sehen sollen, wie der mich angesehen hat, als ich draußen eine geraucht habe. Als ob ich ihn mit meinem Atem vergiften wollte.«
   »Ich finde es auch schlimm, dass du rauchst.«
   »Am liebsten würde ich den Trauzeugen …« Ich brach ab, denn Florian blickte mit seltsam erschrockenem Gesicht hinter mich. Als ich mich umdrehte, sah ich in das düstere Gesicht des Trauzeugen. »Oh.«
   »Ich bin gespannt.« Marc sah mich abwartend an. »Was mit dem Trauzeugen machen?«
   Ich überlegte hastig. »Äh, den Trauzeugen zum Tanz auffordern. Leider ist der immer belegt, hat ja so viele Pflichten, ein Trauzeuge. Haben Sie …«
   »Du.«
   »Hast du deinen Freund gefunden? Er wirkte unglücklich, tat mir richtig leid. Gut, dass er nicht an unserem Tisch gesessen hat. Wir haben uns nämlich bei der Suppe darüber unterhalten, welches die angenehmste Art sei, sich umzubringen. Gar nicht leicht. Wie würdest du es machen?« Während er zuhörte, schoben sich seine Augenbrauen immer weiter zusammen. Faszinierend, es fiel mir schwer, mich auf meine Sätze zu konzentrieren.
   »Ich würde mich nicht umbringen.« Sein Blick ruhte wieder etwas zu lange auf mir. »Ich wollte dich noch mal zum Tanzen holen.«
   Ich zögerte.
   »Du hast keine Schuhe an, ich weiß.« Kurzerhand zog er mich mit.
   Ich ignorierte, dass er offenbar wieder Standard tanzen wollte. Inzwischen hüpften fast alle hemmungslos und wild herum. »Hatte Sarah denn nun Grund, sich über Lara Croft aufzuregen?«
   »Lara Croft?«
   »Die Stripperin.«
   »Nein, wir sind alle ganz brav geblieben.«
   Irgendwo schepperte es, daraufhin folgte ein Schrei, er blieb stehen und sah sich um. »Tut mir leid, ich glaube, da muss ich hin.« Am Rande der Gesellschaft war es zu einer kleinen Rempelei gekommen, die hübsche Rothaarige betrachtete fassungslos ihr Kleid. Der Verursacher saß auf dem Boden und sah sich orientierungslos um. Mit wenigen Schritten war Marc da, half dem Betrunkenen hoch, setzte ihn auf einen Stuhl und legte den Arm um die Rothaarige. Er begutachtete den Schaden und sprach tröstend auf sie ein. Dann gingen sie an die Bar. Ich kehrte zu Florian zurück. Sehr gut, Rotwein, schwer rauszukriegen. Nahezu unmöglich.
   Als Florian und ich uns auf den Weg machen wollten, war die Party richtig im Gange. Die Musik war laut, die meisten älteren Gäste hatten sich bereits verabschiedet, aber das Brautpaar tanzte noch erstaunlich energiereich. Ich holte meine Tasche, die Schuhe, verabschiedete mich von Beate und dem Hippie, die seltsamerweise dicht nebeneinandersaßen und Schnäpse tranken. Sie waren beschwipst und wünschten mir gut gelaunt ein schönes Leben. Der Opa saß an einem anderen Tisch und schlief trotz des Lärms. Oder er war tot. Auf seinem Platz stand noch die kleine Mäusefigur. Ich steckte sie in meine Tasche.
   Einen Augenblick dachte ich daran, mich von Marc zu verabschieden. Doch der saß noch immer an der Bar, in ein Gespräch mit der Rothaarigen vertieft. Ich warf ihm einen letzten Blick zu und versuchte, das leise Gefühl des Bedauerns zu ignorieren.

Kapitel 2

Mein Bruder und seine Familie wohnten etwa dreißig Kilometer westlich von Berlin. Als er das Grundstück vor neun Jahren gekauft hatte, hatte sich die ländliche Umgebung noch in einem nostalgischen DDR-Schlaf befunden. Wenn ich jetzt zu Besuch kam, konnte ich keinen großen Unterschied mehr zu Hamburg feststellen, wo ich lebte. Die attraktive Nähe zu Berlin hatte dafür gesorgt, dass in Windeseile Wohngebiete entstanden waren, dann waren Discounter, Schulen, kleine Zentren mit Apotheken, Friseuren und Tankstellen hinzugekommen. Florians Architekt hatte ihm das moderne Neubauhaus schmackhaft gemacht, das sicher erst in fünfzig Jahren als unmodern gelten würde. Es war ökologisch auf dem neusten Stand, groß genug für die fünfköpfige Familie und sah mit seiner weißen asymmetrischen Fassade und dem vielen Glas sehr modern und stylish aus. Mein Bruder war Steuerberater. Ich fragte mich immer, wie er sich so viel mit abstrakten, langweiligen Zahlen beschäftigen konnte. Ich würde mich dabei zu Tode langweilen. Bevor Lisa meinen Bruder geheiratet hatte, hatte sie im gleichen Steuerbüro wie Florian gearbeitet. Dann war sie Mutter geworden, zuerst von Jannik, dann von Linus und schließlich von Leonie, acht, sechs und vier. Jannik war mein Patenkind und mir deswegen besonders ans Herz gewachsen. Ein temperamentvolles Kind. Diese Eigenschaft musste er von einem früheren Vorfahren haben, weder Lisa noch Florian hatten auch nur halb so viel Power wie der Junge. Aber dafür sah er aus wie sein Vater. Zum Glück hatte sich seine Zappligkeit etwas gegeben, seit er im Fußballverein war. Linus ähnelte in seiner Art Florian. Er war sehr anhänglich und, wie Lisa immer mütterlich gelassen befand, ein ziemlicher Spätzünder. Er konnte am spätesten laufen, bekam am spätesten Zähne und wurde nicht, wie sein Bruder, mit sechs eingeschult. Er war lieb und einfach zu handhaben. Ich mochte den langsamen Linus, besonders, seit er eine Brille hatte tragen müssen und sein älterer Bruder anstrengend geworden war. Die kleine Leonie war, obwohl die jüngste, die raffinierteste der drei Neumannkinder. Sie konnte skrupellos ihren Charme einsetzen, und wenn der nicht wirkte, ein ausgesprochen schrilles Stimmchen, manchmal auch große Krokodilstränen oder wütendes Trampeln.
   »Du kannst das wahrscheinlich selbst nicht sehen. Aber sie hat den gleichen Ausdruck wie du, wenn sie was will. Das hat selbst dein Bruder letztens bemerkt«, hatte Lisa einmal festgestellt. Zweifelnd hatte ich das kleine Mädchen betrachtet, das interessiert von ihrem Buggy aus zu uns herübersah. Sie hatte tatsächlich einige auffällige Merkmale unserer Familie, die bei Florian weniger ausgeprägt waren als bei mir. Die Kleine hatte die gleichen Grübchen wie ich, links ausgeprägter als rechts und den vollen Mund, mit dem sie furchtbar maulen konnte. Das war es aber mit der Ähnlichkeit, fand ich. Ihre Haare wurden dunkel und lockig, wie die ihrer Mutter, meine Haare waren nachgeholfen blond. Das merkte aber niemand, ich sah blonder aus als ich war. Ich trug einen burschikosen Kurzhaarschnitt. Meine Friseurin, deren Haare wie Kraut und Rüben vom Kopf abstanden, was dafür sprach, die Friseurin meiner Friseurin nicht an irgendeinen Kopf zu lassen, hatte einmal gesagt, dass nicht viele Frauen so gut kurz tragen könnten. Dafür müsste man das richtige Gesicht haben. Ich liebte es, wenn man mir nette Komplimente machte.
   Die kleine Leonie würde nie Probleme mit den Haaren bekommen, höchstens mit ihrer Figur. Sie naschte genauso gern wie ihre Mutter, ständig waren ihre Finger von irgendwelchen Schokobonbons verklebt. Ich war nie auch nur halb so anstrengend gewesen wie sie. Meistens bekam ich sowieso, was ich wollte, einfach, weil ich Geduld hatte, nett war und die Leute sich freuten, wenn ich sie anlächelte.

Am Montag wollte ich um halb acht aufstehen, doch ich war ein schlechter Frühaufsteher und schlief immer wieder ein. Ich wusste nicht, wie Lisa es schaffte, ihre Kinder, furchtbare Frühaufsteher, leise zu halten. Die Klingel riss mich dann doch aus dem Schlaf. Ich sah auf die Uhr, fast halb neun. Kurz darauf hörte ich Schritte von Kinderfüßen. Bei meinen Besuchen in Berlin schlief ich in einer noch nicht ganz fertig ausgebauten Dachkammer. Die Tür wurde mit so viel Schwung geöffnet, dass sie gegen die Wand krachte, immerhin tippelten die Füße leise auf mein Bett zu. Bestimmt die Kleine, die mir ihr Bilderbuch zeigen wollte oder Linus, der ein paar Streicheleinheiten brauchte. Hoffentlich nicht Jannik, der mir einen Streich spielen wollte. Ich spürte, wie eine Kinderhand an meinen Kopf fasste und mir sanft durch die Haare strich. Linus.
   »Tante Julia«, flüsterte er. »Da ist ein Mann. Er will dich besuchen. Mama sagt, du sollst kommen.«
   »Was für ein Mann?« Ich mochte meine Augen nicht öffnen. Schwierige Frage für ein Kind. Für ihn war ein Mann ein Mann. »Netter Mann?«
   »Hm. Er ist alt.«
   Ich überlegte. Welcher alte Mann konnte etwas von mir wollen? Ein Arzt, der gerufen worden war, um zu sehen, warum ich immer so lange schlief und mit dreiunddreißig noch Single war? Oder ein Polizist, der mich beim zu schnellen Fahren erwischt hatte? Vielleicht ein Notar, der mir zu einer reichen Erbschaft gratulieren wollte. »Kennst du denn den Mann?«
   »Nö.«
   Jannik kam hereingepoltert. »Aufstehen, da ist ein Typ unten.«
   Im Bademantel und umringt von den Jungs ging ich nach unten. Im Flur hörte ich, wie Lisa in der Küche mit jemandem sprach und trat, inzwischen wirklich neugierig, um die Ecke.
   »Guten Morgen.« Marc, der Trauzeuge, stand auf. Mit einem schnellen Blick hatte er mich und meine verschlafene Erscheinung erfasst. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Ich bin wohl ein bisschen früh.«
   »Ach wo«, sagte Lisa. »Es war längst Zeit. Wenn man sie lässt, schläft sie bis mittags.«
   Ich war erstaunt, ihn zu sehen, und sah mich nach dem alten Mann um. Als ich begriff, dass es keinen gab, musste ich lachen. »Morgen«, sagte ich. »Was führt Sie denn her?«
   »Wir waren beim Du.« Er trug legere Freizeitkleidung, Jeans, Polohemd, Turnschuhe. Der schwarze Anzug hatte ihm gutgestanden, doch jetzt sah man erst, was für eine sportliche Figur er hatte.
   »Das ist ja echt eine Überraschung.« Verlegen strich ich mir durch die Haare und schielte zur Kaffeekanne. »Ist da noch was drin?«
   Lisa hatte sich von ihrer Erkältung schon wieder gut erholt. Sie nahm einen Becher aus dem Schrank und grinste hinter Marcs Rücken vor sich hin. Jannik hing auf einem Stuhl und spielte mit seiner Playstation, Linus setzte sich neben mich und wartete artig.
   »Du bist so schnell von der Hochzeit verschwunden, wir haben uns gar nicht voneinander verabschiedet«, sagte unser Überraschungsgast. Ich starrte ihn an. Auch Lisa schien überrascht. War er etwa beleidigt, weil ich mich nicht von ihm verabschiedet hatte? »Du hast gesagt, du hast Urlaub.« Er hielt meinem Blick stand. »Und da habe ich mir überlegt, ich könnte dir ein bisschen was von Berlin zeigen. Ich habe nämlich auch frei. Wenn du Lust hast.«
   Sprachlos griff ich zur Tasse. Solch eine platte, eindeutige Anmache hatte ich noch nie erlebt. Nun kam auch noch die Kleine hereingeschlendert, drückte sich gegen die Beine ihrer Mutter und warf Marc einen neugierigen Blick zu. Leichtes Opfer, gute Beute? Schwerer Fang, Mogelpackung? Offensichtlich kam sie zu dem Schluss, diese Beute lohnte sich nicht, denn sie drehte sich weg.
   »Das würde ich total gern«, sagte ich in die Stille. »Es ist nur so, wir machen heute einen Ausflug an die Ostsee. Es gibt da ein Hafenfest, mein Bruder steht total auf Schiffe.«
   Sein Gesicht blieb unbewegt, wenn er enttäuscht war, verbarg er es gut.
   »Sie können ja mitfahren«, schlug meine Schwägerin vor, offensichtlich ohne vorher darüber nachgedacht zu haben. Ich setzte klirrend die Tasse ab. Ich wollte mich heute amüsieren und mich nicht um einen seltsamen Verehrer kümmern müssen. Marc sah mich an. »Wäre das in Ordnung?«
   »Klar ist es das, aber Sie, äh, du kannst ruhig Nein sagen.« Ich zeigte auf die Kinder. »Wir sind den ganzen Tag unterwegs, für einen ungeübten, normalen Menschen ist das kein Zuckerschlecken. Tick, Trick und Track sind nämlich extrem nervend.«
   »Wir heißen nicht Tick, Tick und … Tack«, brüllte Jannik und boxte mich.
   »Siehst du?« Ich zwinkerte Marc zu, fing Janniks Faust ab und nahm ihn in den Schwitzkasten. Er versuchte, sich zu befreien, ich kitzelte ihn, er kicherte. »Besonders Bruder Tack hier ist ein kleiner Teufel.«
   »Hör auf.« Mein Neffe keuchte und lachte weiter. »Hilfe.« Nun stürzten sich auch Linus und Leonie auf mich.
   »Hey, nicht alle auf einmal, das ist gemein.« Ich gab Jannik frei. Der ging sofort zum Gegenangriff über. Er konnte ganz schön zuhauen, ich musste die Taktik wechseln. »Wenn ihr mir wehtut, kann ich nicht mitfahren. Dann fahrt ihr allein.« Die drei blieben schlagartig stehen.
   »Stimmt das, Mama?« Linus war wirklich sehr gutgläubig.
   Lisa sah mich vorwurfsvoll an. »So schnell geht eure Tante nicht kaputt. Aber hört auf, herumzutoben. Sonst geht noch was zu Bruch.«
   Als mein Bruder wenig später von der Tankstelle, wo er das Auto für die Tour vorbereitet hatte, zurückkam und Marc gegenüberstand, war er genauso überrascht wie Lisa und ich. »Aber wie machen wir das mit dem Wagen? Es passen nur sechs rein.«
   »Ich fahre einfach mit meinem Auto hinterher«, schlug Marc vor. Offensichtlich hatte er jetzt richtig Lust auf einen Familientag und war fest entschlossen, sich nicht davon abbringen zu lassen. Da konnte auch Leonies klebriger Händeabdruck auf seiner Hose und Janniks ohrenbetäubendes Geschrei, als seine Mutter ihm die Playstation wegnahm, nichts ändern. Vielleicht würde es ja ganz amüsant mit ihm werden, dachte ich, als ich unter der Dusche stand und mir den Tag vorstellte. Wie lange er dieses stoische Gehabe wohl durchziehen konnte? Er erwartete bestimmt, dass ich bei ihm mitfuhr. Wenigstens brauchte ich mir dann keine Kinderlieder anzuhören. Hoffentlich hatte er einen guten Musikgeschmack. Ich trat als Letzte aus dem Haus, noch mit nassen Haaren. Leonie zerrte ungeduldig an meiner Hand. »Komm endlich, du lahme Schnecke.«
   »Meine Sonnenbrille.« Ich rannte noch einmal ins Haus, hinter mir hörte ich alle laut im Chor seufzen. Als ich zurückkam, beschwerte sich Lisa gerade bei Marc über meine Schussligkeit. Der silberne Van stand mit offenen Türen und voll bepackt mit Rucksäcken, Teddybären, Jacken, Essen und Trinken vor dem Haus. Der dunkle Audi dahinter gehörte bestimmt Marc. Wenigstens würde es eine luxuriöse Fahrt werden. Jannik hatte inzwischen so schlechte Laune, dass selbst der gutmütige Linus keine Lust mehr hatte, neben ihm zu sitzen. »Kann ich bei dir mitfahren, Tante Julia?«, fragte er.
   »Weißt du …« Ich warf Marc einen schnellen Blick zu. Vielleicht gab ihm das den Rest.
   Doch der nickte freundlich. »Wenn du möchtest.« Wir bauten einen Kindersitz in seinen Wagen. »Ich habe schon fast alles transportiert. Aber noch keine Kinder.«
   Wir brachen auf, der Van vorweg, wir hinterher. Erst Landstraße, dann Autobahn. Die Fahrt sollte etwa zwei Stunden dauern. Marc hatte eine angenehme Fahrweise, ganz entspannt, ganz cool. Ich lehnte mich zufrieden in meinem Sitz zurück. Marc warf mir einen Blick zu. »Möchtest du Musik hören?«
   »Was hast du denn?«
   Er drückte ein paar Knöpfe, eine Auswahl an Interpreten tauchte auf dem Display auf. Led Zeppelin, Deep Purple, Neil Young, Nickelback. »Kenne ich alle nicht.« Überrascht sah er mich an. Dann drehte er an seiner Anlage herum, kurz darauf wurde mein Bild von Marc ein bisschen seltsamer. »Ganz schön krass«, rief ich gegen das wilde Gekreische an. Ich drehte mich um, Linus machte ein verschrecktes Gesicht und klammerte sich an sein Nashorn. Marc stellte die Musik leiser. Wir erreichten die Autobahn. Für einen Montagvormittag war viel Betrieb, Lkws bildeten eine durchgehende Kette, vor uns schaffte es Florian gerade noch, zwischen zwei langen Riesen einzuscheren. Wir dagegen fuhren parallel mit einem dicken Brummi, der nicht daran dachte, uns reinzulassen. Die Beschleunigungsspur war längst zu Ende, als Marc plötzlich Stoff gab und wir in unsere Sitze gedrückt wurden. Im nächsten Moment waren wir auf der rechten Fahrspur und dann auf der Überholspur. Ein paar Hundert Meter vor uns fuhr der silberne Van. Marc bremste etwas ab, um Florian zum Überholen vorzulassen.
   »Was hörst du denn gern?« Er scherte hinter Florian ein und hielt den Abstand zu ihm wieder konstant.
   Ich überlegte. »Alles durcheinander. Was aus den Charts.« Als er schwieg, versuchte ich einen neuen Anlauf, nannte ein paar Gruppen, doch die kannte er nicht, wir gaben es auf. Ich sah hinaus, die riesigen Mais- und Getreidefelder von Mecklenburg-Vorpommern rauschten an uns vorbei.
   »Ich mag Muss nur die Welt retten«, erklärte Linus plötzlich von hinten und fing sofort zu singen an.
   »Ich habe ja gesagt, die nerven«, raunte ich Marc zu, als Linus in Ermangelung des ganzen Textes immer wieder die gleichen Zeilen sang. Und immer knapp einen Ton daneben. Marc sah in den Rückspiegel. »Interessantes Lied. Worum geht es?«
   »Um die Welt.« Linus beugte sich vor und freute sich über die Aufmerksamkeit. »Die Situation wird unterschätzt, und vielleicht hängt unser Leben davon ab.« An dieser Stelle hing er jedes Mal. Er dachte nach und fuhr sehr ernst fort. »Keine Angst, mein Schatz, ich bleib nicht lang, muss nur noch kurz die Welt retten und noch Hundertachtundachtzigtausendvierhundertvierzig Millionen Mails checken.«
   Marc lachte.
   »Woher wusstest du eigentlich, wo ich wohne?«, fragte ich ein paar Kilometer später, als Linus eine künstlerische Pause einlegte.
   »Von Alex. Ich habe dich gesucht, aber als ich dich nicht mehr fand, habe ich ihn gefragt.« Er warf mir einen kurzen Blick zu. »Warum hast du dich nicht verabschiedet?«
   »Du hast mich doch stehen lassen.«
   Er wirkte überrascht. »Tut mir leid. Ich musste meinen Freund finden und ihn ein wenig aufbauen. Ich dachte, wir hätten später noch Gelegenheit, uns zu unterhalten.«
   »Und? Geht’s ihm jetzt wieder besser?«
   »Er braucht noch Zeit, um über die Trennung hinwegzukommen.« Er seufzte. »Traurig, dass die meisten Beziehungen früher oder später so enden müssen.«
   Ich schwieg. Meine Beziehungen waren meist ohne größeren Schmerz beendet worden. In der Regel von mir.
   Linus verkündete plötzlich, ihm würde schlecht werden. Besorgt sah ich nach hinten. Der Kleine sah ganz weiß aus. »Mist, das ist ernst, Linus wird häufig schlecht beim Fahren. Tut mir leid, hab ich total vergessen.« Marc nickte nur. »Wir halten gleich an, Mäuschen, versuch bitte, nicht zu spucken. Wie war das noch? Wie viele Mails muss der Typ checken?«
   Doch Linus waren Mails und Weltrettung offenbar gerade ziemlich egal. Zum Glück kam schon nach wenigen Kilometern eine Raststätte. Florian sah nicht, dass Marc blinkte, ich fand mein Handy nicht schnell genug, und so bekam Florian nicht mit, dass wir einen ungeplanten Stopp einlegen mussten. Kaum war Linus an der Luft, ging es ihm schon wieder besser. Aber nun musste er mal. Ich wollte mit ihm ins Gebäude gehen, doch er schüttelte den Kopf. Verlegen sah er Marc an. Der brauchte etwas, um zu begreifen, was von ihm erwartet wurde.
   »Muss ich was bedenken?«
   »Keine Ahnung, wie das im Einzelnen bei euch abläuft und was Linus schon kann. Aber denk ans Händewaschen.«
   Er machte ein ernstes Gesicht. »Dann komm, Linus, das kriegen wir schon hin.«
   Linus nickte, und ich sah den beiden nach, wie sie zwischen den geparkten Autos verschwanden. Ich rief meine Schwägerin an und hörte Florian schimpfen, als Lisa ihm von unserem Stopp erzählte. Sie selbst blieb ruhig. »Sonst alles gut bei euch? War doch eine super Idee von mir, ihn einzuladen, hm? Finde ich toll, dass er mitgekommen ist. Überhaupt, toller Mann.«
   Der Große und der Kleine kamen zurückgeschlendert, Linus zufrieden mit einem Eis in den Händen. Damit würde er seine Geschwister neidisch machen. Ich schüttelte den Kopf. »Eis und Kinder sind immer so eine Sache. Besonders bei Kindern, denen im Auto schlecht wird. Hast du eine Decke und Tüte? Nur für den Fall?«
   Aber weitere Vorfälle gab es nicht, Marc drückte aufs Gaspedal, wir holten die anderen schnell wieder ein.
   Der Jahrmarkt war am Hafen. Laute Musik und verlockende Düfte strömten auf uns ein, Menschenhorden drängelten sich zwischen Karussells und Buden. Florian wollte als Erstes die Schiffe besichtigen, Lisa war für Essen, Leonie musste aufs Klo, Linus wollte auf die Schiffschaukel und Jannik in ein wildes Karussell. So entbrannte ein typischer Familienkrach, jeder kämpfte mit seinen Waffen. Vernunft gegen Geduld, Temperament gegen Ausdauer. Marc und ich standen etwas abseits und hielten uns raus. Schließlich gewann Lisa, wie immer. Nachdem Leonies Bedürfnis erledigt war, nahmen wir die Körbe mit Essen und Trinken und suchten uns einen abseits gelegenen Platz am Wasser. Als Nachtisch gab es Eis, das Marc uns allen ausgab.
   Bis auf Florian hatte niemand wirklich Lust, die Schiffe zu besichtigten. Leonie hatte angefangen, die Waffel von unten aufzuessen, nun tropfte das Eis, und schon bald sahen ihr Gesicht und das T-Shirt so verklebt und schmutzig wie bei einem Straßenkind aus. Linus, der neben mir ging, streckte mir irgendwann seine Eiswaffel entgegen und erklärte, keinen Hunger mehr zu haben. Ich nahm ihm die Waffel ab und aß sie in Windeseile auf. Endlich gab Florian es auf, uns für Segelschiffe begeistern zu wollen. Jannik lief vorweg zur Achterbahn. Seine Augen leuchteten. Er redete auf seinen Vater ein, bis der nachgab und die beiden zur Kasse gingen. »Möchtest du auch?«, fragte Marc, der immer an meiner Seite blieb.
   Ich lachte. »Niemals.«
   »Ich. Ich.« Leonie sprang auf und ab. Lisa erklärte ihr, sie wäre noch zu klein, sie würde unter der Halterung durchrutschen, woraufhin Leonie einen Wutanfall bekam. Linus sagte, er würde ja gern fahren, aber er wäre auch noch zu klein.
   »Angst?« Marc nahm meine Hand, und wie vorgestern, als wir zusammen getanzt hatten, bekam ich wieder einen kleinen Stromschlag. »Ich bin wie Linus, mir wird schlecht. Das willst du nicht erleben.« Ich entzog ihm meine Hand und steckte sie in die Hosentasche. »Lisa, du? Fahrt ihr beide, ich bleibe bei den Winzlingen.«
   Lisa sah Marc an. Der lächelte und machte eine einladende Handbewegung. Sie gingen zum Schalter, Marc sah sich noch einmal um, sein Blick drückte Bedauern aus.
   Beim Autoskooter hatte ich Leonie neben mir, Florian den kaum zu bremsenden Jannik, und Marc hatte Linus an seiner Seite. Ich überließ der Kleinen das Steuer, und begeistert steuerte sie geradewegs gegen die Bande. Als sie immer und immer wieder dagegen fuhr, übernahm ich und versuchte, den Wagen zu drehen und auf die Bahn zu steuern. Dabei wurden wir von Jannik und Florian angerempelt. »Tante Julia, fahr doch«, sagte Leonie. »Die andern fahren auch. Ich will nicht hier in der Ecke sein.«
   Der Wagen von Marc und Linus drehte sich ständig im Kreis, auch er hatte dem Jungen das Steuer überlassen. Jannik erwischte sie seitlich, ich hörte Linus’ Schrei. Immerhin fuhren sie jetzt vorwärts. Marc hob die Hand, dort entlang, schien er sagen zu wollen, sie nahmen die Verfolgung auf und ganz nebenbei bugsierten sie uns, die wir endlich wieder freie Fahrt hatten, zurück an den Rand.
   »Hey!« Ich tat empört. Marc und Linus lachten, mein kleiner Linus. Ich schwor Rache. Zuerst kamen mein Neffe und Florian dran. Wir verfolgten sie, schnitten ihnen den Weg ab und drängten sie in die Ecke, wo Jannik wütend am Lenker drehte.
   Meine vierjährige Nichte zog eine freche Grimasse. »Na na nana na.«
   Jetzt Marc und Linus. Ich nahm genau Kurs auf sie, Li-nus ließ vor Schreck den Lenker los, Marc konnte gerade noch übernehmen. Wir sahen uns an, Auge in Auge. Ich hoffte doch sehr, er würde ausweichen. Sonst müsste ich es tun, ein Frontalzusammenstoß, das wollte ich der Kleinen nicht antun. Wir kamen uns schnell näher, meine Hände krallten sich am Lenker fest. Er machte noch immer keine Anstalten, auszuweichen, spielte scheinbar den harten Kerl. Leonie war plötzlich ganz still. Ich kniff die Augen zu, und kurz bevor wir zusammenprallten, drehte ich am Steuer. Besser er erwischte uns nur seitlich. Na bitte, er tat das Gleiche, wich nach rechts aus. Wir hatten uns nicht mal berührt. Dann blieben alle Wagen plötzlich stehen. Die Zeit war um. Die Kinder sprangen aus den Wagen und liefen zu Lisa. Marc wartete auf mich. »Du bist zuerst ausgewichen.« Ich sah ihn triumphierend an.
   Er schmunzelte. »Du hast eben die besseren Nerven.«
   Jannik wollte unbedingt den Lukas hauen. Wir schlugen ihm vor, die Kinderversion auszuprobieren, doch er bestand darauf, den schwereren Erwachsenenhammer zu nehmen. Es sah gefährlich aus, wie er ihn über den Kopf hob, schwankte und dann gerade so den Kontaktpunkt traf. Beim ersten Schlag kam er bis zum Weichei, der zweite ging daneben. Er bekam einen ganz roten Kopf, holte aus und kam bis zum Warmduscher. Er nahm alle Kraft zusammen, die Kugel kletterte mit etwas Wohlwollen in die Nähe des Weiberhelden. Er strahlte vor Stolz, als wir ihn lobten. »Wetten, dass du das nicht kannst«, sagte er und sah sich um, »Tante Julia.«
   Ich tat empört. »Vielen Dank, Neffe.« Ich bezahlte und wandte mich an Marc. »Ich zwei, du zwei?«
   »Okay.« Marc rieb sich die Hände warm.
   »Nein.« Jannik sah mit empörtem Gesichtsausdruck von mir zu Marc. »Du allein.«
   »Wetten, dass Marc und ich stärker sind als du und deine Schwester? Um hundert Euro?«
   Janniks Mund klappte zu. Er dachte nach. »Hä? Na klar seid ihr stärker.«
   Ich wandte mich an Marc. »Hätte ja klappen können.«
   Marc lachte. Er wirkte entspannt und gut gelaunt. Mein Neffe baute sich vor mir auf. Er stemmte die Hände in die Seiten und sah zu mir hoch. »Wetten, dass Mama und Papa stärker sind als du und Marc? Um hundert Euro?« Er grinste herausfordernd.
   »Moment, Moment.« Florian ging dazwischen. »Wessen hundert Euro verwettest du da eigentlich gerade?«
   »Aber ihr werdet gewinnen«, sagte Jannik stirnrunzelnd.
   Florian sah von seinem Sohn zu Marc und schien seine Chancen abzuwägen. »Liebling, du schaffst Julia doch?«
   Lisa hob den Arm und spielte mit ihren Muskeln. »Kinderspiel, Liebling.«
   Ich starrte sie an. Meine Familie war gesammelt gegen mich. »Na gut, dann machen wir es.« Schmollend nahm ich den Hammer. Das Ding war überraschend schwer, alle gingen in Deckung. Jetzt nur nicht danebenhauen. Ich schlug zu. Immerhin traf ich. Bis zum Warmduscher. Die Kinder brachen in Gekicher aus.
   Jannik schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »Oh, Tante Julia, das war ja gar nichts.« Nun lachten alle, nur Marc legte tröstend den Arm um mich.
   »Die sind gemein.« Ich legte meinen Kopf gegen seine Schulter.
   »Mach dir nichts draus, ich fand, das war sehr gut.«
   Lisa war dran. »Oh, der ist aber schwer«, sagte sie. Ihre Kinder feuerten sie an, sie holte aus und kam immerhin fast bis zum Weiberhelden. Danach Marc, er griff sich mit beiden Händen den Hammer, holte aus und traf sicher und mit einem gewaltigen Knall den Kontaktpunkt. Die Kugel schoss hoch, vorbei am Frauenhelden und Muskelprotz, weiter, bis beim Superhelden der goldene Gong getroffen wurde.
   Ich warf mich ihm um den Hals und drückte ihn begeistert. »Sieg, Sieg, Sieg. Mein Superheld.«
   Marc schmunzelte und gab den Hammer weiter.
   »Das kann Papa auch«, behauptete Jannik, sah aber nicht mehr ganz so zuversichtlich aus. Sein Vater zog die Stirn in Falten, nahm den Hammer und stutzte. Er war wohl schwerer als angenommen. Er konzentrierte sich, zielte und traf, die Kugel ging hoch, erst schnell, dann langsamer, und auf Höhe des Muskelprotzes verlor sie den Schwung.
   »Ups«, sagte ich, als alle schwiegen. »Da haben wir wohl gewonnen. Die hundert Euro hole ich mir nachher.«
   Obwohl Jannik, der schlecht verlieren konnte, noch einmal spielen wollte, gingen wir weiter. Linus wollte Dosenwerfen, Leonie Lose ziehen.
   »Und was möchtest du, mein Superheld?«, fragte ich Marc, der schweigend neben mir ging.
   Er sah sich um. »Achterbahn fahren.«
   »Will jemand mit Marc Achterbahn fahren?«, rief ich meiner Familie zu. Jannik hob sofort die Hand.
   »Mit dir.« Marc fasste mich am Arm.
   »Aber ich fahre keine Achterbahn. Immer noch nicht.«
   »Nicht mal mit einem Superhelden?«
   »Du magst stark sein, aber fliegen kannst du nicht. Wenn …«
   »Kein Wenn. Vertrau mir.« Er sah mich an, mit einem so bestechenden Blick, dass ich mich hypnotisiert fühlte. Ich folgte ihm zur Kasse und eh ich mich versah, saß ich neben ihm in dem Zug, der Metallbügel wurde runtergedrückt, ich saß in der Falle. Ganz langsam wurde der Zug nach oben gezogen. Bereits nach wenigen Metern raste mein Herz wie das eines Kaninchens. Unten stand meine Familie, sie wurde immer kleiner. Hinter mir brabbelte jemand, wie geil das wäre, wie absolut geil.
   »Kann ich bitte wieder aussteigen?«
   Marc nahm meine Hand, wir zuckten beide zusammen. »Du bist ja elektrisch geladen.« Er lachte und umschloss meine Hand noch ein bisschen fester. Wir waren fast oben angekommen. Ich stöhnte und kniff die Augen zusammen.
   »Besser nicht die Augen zumachen. Und sieh nicht nach unten.«
   »Was soll ich dann machen?«
   »Konzentrier dich auf den hübschen Hinterkopf vor uns.« Im Wagen vor uns saß ein Paar, er mit kahlrasiertem Schädel, sie mit filzigen schwarzen Haaren. Ich klammerte mich mit der verbliebenen Hand am Metall vor mir fest. Gleich waren wir oben. Dann würde die Abfahrt kommen. Gleich. Jetzt!
   Wir stürzten in die Tiefe. Ich schrie und schrie und schrie. Wieder ging es rauf, noch schneller, wieder runter, mein Magen hing in der Luft. Das hörte nicht mehr auf. Irgendwann war die Fahrt endlich zu Ende. Gott sei Dank. Ich war dankbar, überlebt zu haben und schwankte neben Marc zum Ausgang.
   »Du warst richtig mutig.« Er legte den Arm um mich. »Toll gemacht.«
   Wie nett, egal, was ich machte, er schien alles toll zu finden. Und er zog mich jedes Mal ein bisschen enger an sich. Leonie teilte mir mit, dass sie meine Schreie von allen herausgehört hätte, und Florian wollte von Marc wissen, ob er jetzt taub wäre.
   Mein Bruder hatte die Niederlage vom Lukasschlagen offenbar noch nicht verwunden. Bei einer Schießbude blieb er stehen, zückte sein Portemonnaie, kaufte sechzehn Schuss. Bei fünfzehn Treffern gab es freie Auswahl.
   Lisa schüttelte den Kopf. »Teurer Blödsinn.«
   »Papa, ich möchte den Teddy.« Leonie zeigte auf einen sehr großen rosa Bären. Florian nahm eine breitbeinige Position ein, legte das Gewehr fachmännisch an und konzentrierte sich lange auf das Laufband, auf dem Hasenfiguren auftauchten und schnell wieder verschwanden. Wir warteten. Er wechselte die Position, nahm die Sache sehr ernst. Die ersten drei Schüsse gingen daneben. Wir schwiegen taktvoll. Dann traf er, insgesamt acht Hasen bissen ins Gras, dafür bekam er ein kleines Geduldspiel. Leonie schüttelte den Kopf, als er es ihr geben wollte. Aber Linus nahm es. Jannik drängelte, wir sollten jetzt weitergehen. Doch Florian brauchte heute offensichtlich noch irgendwie Bestätigung und hielt Marc herausfordernd das Gewehr hin. Der sah auf die Waffe und zögerte. Schließlich nahm er sie und wog sie einen Moment abschätzend in den Händen. Er bezahlte, beugte sich über den Tisch und drückte das Gewehr an die Schulter.
   »Nicht aufstützen«, rief Florian empört und einen Moment hatte er eine erstaunliche Ähnlichkeit mit seinem Sohn Jannik. Marc senkte den Kopf, aber ich hatte sein Lächeln gesehen. Er richtete sich wieder auf, hob das Gewehr und ich beobachtete, wie er mit geöffneten Augen zielte, Luft holte, etwas ausatmete und schoss. Daneben. Florian neben mir grinste siegessicher. Unbeeindruckt und ohne seine Position zu verändern, schoss Marc weiter. Treffer.
   »Toll«, rief ich.
   Er ignorierte meinen Beifall. Noch ein Treffer. Und wieder. Überrascht sah ich von dem etwa zweieinhalb Meter entfernten Laufband zum Schützen. Scheinbar mühelos schoss er zu Ende, legte die Waffe ab, und als die Alte vom Schießstand mit saurer Miene angeschlurft kam, beugte er sich zu Leonie. »Was wolltest du haben?«
   Als wir weitergingen, herrschte andächtiges Schweigen. Florian wusste, dass Marc ein guter Schütze war, er hatte uns doch von diesem Paintballmatch erzählt. Fragte sich nur, warum Marc so gut schießen konnte. War es Zufall, oder war er am Ende ein Psychopath? Ein Killer? Oder einfach nur Mitglied im Schützenverein? Nein, das sicher nicht. Lisa ging mit dem Stofftier neben mir, Leonie hatte keine Lust, das Teil zu tragen. Wir hatten erst einmal genug vom Bummeln. Jannik musste auf Toilette, Florian und er verschwanden, Lisa ging mit den andern beiden zum Auto, um etwas zu trinken und den Bären loszuwerden.
   Marc und ich setzten uns auf eine Bank an der Mole und sahen aufs Wasser. Ich kramte in meiner Tasche nach Zigaretten. Die Gelegenheit war günstig, wenn die Kinder da waren, traute ich mich nicht. »Wieso kannst du so gut schießen?«
   »Zufall.«
   »Das war doch kein Zufall.«
   Er zuckte die Schulter. »Ich bin als Jugendlicher mal ein paar Wochen bei einem Jahrmarkt mitgefahren. Es gibt Tricks, wie man am besten trifft. Die meisten Gewehre sind uralt und man kann zielen, soviel man will, man trifft nie. Und wie dein Bruder zu schießen, im Stehen, ist noch schwieriger.« Er sah aufs Wasser.
   »Ich mag keine Waffen. Sie machen mir Angst, und ich finde es schrecklich, wenn Menschen Spaß daran haben, sich mit ihnen zu umgeben. Wenn sie unbedingt auf etwas zielen wollen, dann sollen sie doch Dartpfeile nehmen. Oder noch besser, Schaumstoffkugeln mit Krepp. Menschen, die behaupten sie würden sich mit Waffen sicherer fühlen, sind paranoid. Und es sind genau die Menschen, vor denen man Angst haben muss.«
   »Die Gefahr geht nicht von der Waffe aus, sondern von dem, der sie besitzt. Ich glaube schon, dass sich manche sicherer fühlen, wenn sie sich verteidigen können. Wie Frauen, die Reizgas bei sich haben, wenn sie abends allein unterwegs sind.«
   »Aber von einem Amoklauf mit Reizgas oder Dartpfeilen habe ich noch nie gehört. Ist wohl nicht so cool.« Ich schüttelte den Kopf. »Das muss man sich mal vorstellen: Pistolen oder Gewehre werden extra zum Töten hergestellt. Da entwickeln Fachleute Geräte, die nur den Sinn haben, besonders effizient Menschen umzubringen. Sie werden sogar zu Sammlerstücken mit schicken Extras. Unfassbar. Manche Menschen sind echt krank.«
   Er schwieg einen Moment. »Menschen tun seltsame Dinge. Manche riskieren zum Beispiel ihre Gesundheit, indem sie rauchen, obwohl sie wissen, wie schädlich das ist.«
   »Das ist ja wohl kein Vergleich.«
   »Also gar keine Waffen? Das ist doch unrealistisch. Dürfen sich Polizisten dann nicht mehr verteidigen? Oder Soldaten? Was ist mit Jägern, sollen sie mit Pfeil und Bogen hinter dem Wild herjagen?«
   »Ja, gute Idee. Faire Chance.« Ich fand seine Meinung sehr konservativ und merkte, dass er mich für weltfremd hielt.
   Er wechselte das Thema. »Was machst du beruflich?«
   »Ich bin Grundschullehrerin. Ich unterrichte solche wie Jannik und Linus.«
   »Dann hast du ja lange Ferien.«
   Ich lachte. »Ja. Das sagen immer alle als Erstes, wenn sie von meinem Beruf hören.«
   »Fährst du noch weg?«
   Ich erzählte von den Reiseplänen meines Bruders, der mit seiner Familie am Freitag nach Dänemark aufbrechen wollte. »Erst wollte ich mit, aber dann hat mich ein Freund nach Mallorca eingeladen.« Er hörte aufmerksam zu. »Ich freu mich schon. Er arbeitet da als Makler.« Ich drückte die eine Zigarette aus und steckte mir eine andere an.
   »Du rauchst ziemlich viel.«
   Ich stutzte. »Eigentlich nicht. Das ist heute erst meine Zweite.« Nach einiger Zeit versuchte ich, zur Abwechslung mal ihn zum Reden zu bringen. »Und was machst du?«
   »Ich arbeite in einem Amt für Materialforschung. Nicht sehr aufregend.«
   Tatsächlich ein Beamter. Ich betrachtete ihn. Gefiel er mir? Wenn er lächelte, sah er umwerfend aus. Wenn nicht, war er gewöhnungsbedürftig. Finster, fast schon unheimlich. »Und was erforscht man da alles?«
   »Ach, alles Mögliche.« Ich sah ihn abwartend an. »Es hat was mit Bauteilsicherheit zu tun. Ich arbeite im Bereich Schadensanalyse und Prävention. Wir untersuchen Anlagen, Strommasten, Schiffe, Flugzeuge und sehen nach, ob solche Dinge wie Nockenwellen, Bolzen und Gleitringdichtungen der Norm entsprechen, ob sie funktionieren und regelmäßig geprüft werden. Dann gibt’s einen Stempel und fertig.«
   »Aha.« Das hörte sich wirklich ziemlich langweilig an.
   Sein Handy klingelte. Er fuhr blitzschnell auf, griff sich in die Jacke und sah aufs Display. »Das ist wichtig. Ich muss rangehen.« Er ging mit großen Schritten davon. Das Gespräch dauerte nicht lange, aber scheinbar waren es keine guten Nachrichten. Sein Gesicht wirkte noch finsterer, als er wiederkam. »Es tut mir leid. Das war ein alter Freund. Er ist sehr krank, und ich habe versprochen, bei ihm zu sein, wenn es ihm schlechter geht.«
   Ich nickte wortlos und merkte, wie traurig mich diese Nachricht machte. Nicht für seinen Freund, sondern für mich. Ich gemeine Egoistin. Seit Marc heute Morgen so überraschend aufgetaucht war, hatte er mich mehr und mehr in seinen Bann gezogen. Ohne ihn wäre es bestimmt viel langweiliger gewesen.
   »Ich habe den Tag mit dir und deiner Familie sehr genossen«, sagte er langsam.
   »Ich fand’s auch schön.«
   Wir sahen uns an, lange, dann blickte er auf sein Handy. »Gibst du mir deine Nummer? Ich ruf dich an.«
   Als ich kurz darauf mit dem Kindersitz unterm Arm bei meiner Familie auftauchte, spürte ich ein angenehmes Kribbeln im Bauch. So fing es immer an, wenn ich mich verliebt hatte.

Kapitel 3

Ich sah meinem Handgepäck nach, das auf einem Fließband zur Durchleuchtung in einem dunklen Tunnel verschwand. Meine Jacke kam in einen Korb und nahm den gleichen Weg. Bei mir piepste es nicht, als ich durch die Torsonde ging, aber neben mir musste ein Mann gleich zweimal wieder zurück. Er schimpfte leise vor sich hin, dafür musste er dann auch noch die Schuhe ausziehen. Ich fand, die Sicherheitsbeamten hatten recht, der Kerl sah verdächtig aus, ein bisschen wie ein Terrorist. Überhaupt sah ich überall finstere, verdächtige Gestalten um mich herum. Zum Glück wollten die alle nach London. In der Warteschlange für den Flieger nach Mallorca standen hauptsächlich Familien und Gruppen. Florian war heute so früh am Morgen mit seiner Familie nach Dänemark aufgebrochen, dass ich mich schon gestern Abend von ihnen verabschiedet hatte. Nachdem ich dreimal gewissenhaft überprüft hatte, das Haus gut abgeschlossen zu haben, machte ich mich gegen Mittag selbst auf den Weg.
   Es war Urlaubszeit, die Schlangen an den Schaltern lang, der Geräuschpegel in der Halle hoch. Von überall hörte man Stimmen durcheinander sprechen, Wortfetzen flogen an meinen Ohren vorbei, unterbrochen von Durchsagen, quietschenden Koffern und Handygeklingel. Ich stellte mich an und ließ mich von der aufgeregten Stimmung anstecken.
   Ich war erst ein Mal auf Mallorca, vor vielen Jahren, als ich noch studierte. Meine Freundin Tina hatte mich begleitet, ein heißer Feger, blond, groß, schlank. Ihr waren immer irgendwelche Männer hinterhergelaufen. Ich erinnerte mich noch an heftige Sonnenbrände und viel Flirterei, zahlreiche Cocktails, die uns ausgegeben wurden und an lange laue Nächte in Strandbars.
   Thorsten war der Sohn einer guten Freundin meiner Mutter, und wir kannten uns fast ein Leben lang. Wir waren zusammen in den Kindergarten gegangen, hatten gemeinsam heimlich an unserer ersten Zigarette gezogen und irgendwann entdeckt, dass uns die Natur mit verschiedenen Voraussetzungen fürs Leben ausgestattet hatte. Wenn es nach unseren Müttern gegangen wäre, wären wir längst ein Paar mit ein paar blonden, strahlenden Kindern. Doch auch, wenn wir uns super verstanden, Thorsten war ein hübscher, lustiger Kerl und immer gut gelaunt, er stand mir fast so nah wie mein Bruder, der Gedanke, mit ihm was anzufangen, war absurd. Seit sechs Jahren lebte er jetzt auf der Urlaubsinsel, und seit sechs Jahren drängte er mich, ihn besuchen zu kommen.
   Nachdem ich durch die Sicherheitskontrollen war, hatte ich noch etwas Zeit, bis mein Flug aufgerufen werden würde und wartete in der Nähe meines Gates. Zuerst blätterte ich in einer Tageszeitung, dann nahm ich meine Kopfhörer und hörte Musik. Als der Hinweis zum Boarding kam, packte ich zusammen und stellte mich in der Reihe an, an deren Ende eine Stewardess die Bordkarten scannte und einen flüchtigen Blick auf die Pässe warf. Es ging langsam voran, erst durften Familien mit Kleinkindern und andere wichtige Menschen vorgehen. Der Mann, der plötzlich neben mir stand, trug die Uniform eines Zollbeamten. »Guten Tag.« Er hatte einen gepflegten Schnauzer, und ich konnte keinen Hals entdecken. Ich sah mich um. Meinte er mich? »Zollbehörde. Wir machen eine Routinedurchsuchung vom Handgepäck.« Ich war so perplex, dass ich ihn nur anstarrte. »Ich möchte Sie bitten, mir zu folgen.« Er deutete auf eine Tür am Ende der Halle. Die Menschen um mich herum verfolgten seinen Auftritt neugierig. Vielleicht würde es das Einzige sein, was sie später Aufregendes von ihrem Urlaub zu berichten hatten.
   Ich merkte, dass ich errötete. »Aber mein Flieger geht gleich.«
   »Keine Sorge.« Er nahm mir die Tasche ab. »Dauert nicht lange.« Wir erreichten eine unauffällige Tür, er zog ein Schlüsselbund hervor, und nachdem er jeden einzelnen Schlüssel durchgegangen war, entschied er sich für einen und schloss auf. Vor mir lag ein langer dunkler Gang. Der Beamte führte mich weiter, dann blieb er plötzlich stehen und öffnete eine Tür. »Geben Sie mir bitte Ihren Ausweis und warten Sie.« Er lächelte kurz und ging hinaus.
   Ich setzte mich und sah mich ratlos um. Der Raum war klein, fensterlos, es gab nur einen Tisch, zwei Stühle, eine Uhr an der Wand. Hoffentlich dauerte es nicht zu lange. Warum hatte der ausgerechnet mich ausgesucht? Ich sah doch nun wirklich nicht wie eine Terroristin aus. Minuten vergingen, nervös sah ich auf die Uhr. Warum kam der nicht wieder, um diese blöde Durchsuchung zu machen? Ich stand auf und ging zur Tür, warf einen Blick hinaus. Der Gang lag einsam vor mir. »Hallo?« Ich lauschte. Nichts. Vielleicht sollte ich um Hilfe rufen. Oder Feuer. Ich hatte mal gelesen, das würde selbst den abgestumpftesten Menschen reaktivieren. Wieder sah ich auf die Uhr. Der Flieger war längst weg. Wütend dachte ich daran, mir eine Zigarette anzustecken. Vielleicht würde dann der Feueralarm losgehen und jemand würde kommen. Doch ich traute mich nicht.
   Einige Minuten später kam der Mann zurück. Ich hörte, wie er auf dem Flur mit jemandem sprach, dann war Stille und im nächsten Moment wurde die Tür schwungvoll geöffnet. Ich hatte damit gerechnet, dass sie zu zweit waren, aber er kam allein und steckte beim Eintreten sein Handy in die Brusttasche. »Tut mir leid.« Ich hatte den Eindruck, er vermied es, mich anzusehen. Er reichte mir meinen Ausweis. »Hat ein bisschen gedauert. Dann öffnen Sie jetzt bitte Ihre Tasche.«
   »Und was ist mit meinem Flug? Ist Ihnen klar, dass ich meinen Flug verpasst habe?«
   Sein unverbindlicher Ton verschwand. »Bitte öffnen Sie die Tasche.«
   Kopfschüttelnd sah ich zu, wie er mit geübten Griffen und doch scheinbar aller Zeit der Welt meine Sachen durchwühlte. Er blätterte die Seiten meines Buches durch, öffnete den Verschluss meiner Handcreme, schnupperte daran, dann betrachtete er eingehend mein Laptop und schien zu überlegen. »Das nehme ich kurz mit.«
   Ich öffnete den Mund zum Protest, doch da war er schon weg. Ich war im Begriff, meinen Glauben an Recht und Ordnung zu verlieren. Noch nie in meinem ganzen Leben war ich mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Und das war mit Thorsten als Freund an meiner Seite bestimmt nicht selbstverständlich gewesen. Und was hatte ich jetzt davon? Ich wurde Opfer einer ungeheuren Beamtenwillkür, hilflos ausgeliefert, eingesperrt, unter Druck gesetzt. Und wer weiß, was mir noch geschehen würde, hier unten, in den Katakomben? Aber das würde er bereuen, ich würde den Kerl verklagen, an die Presse gehen. Wütend stampfte ich mit dem Fuß auf. Der Lärm erschreckte mich, ich lauschte, dann nahm ich mein Handy und versuchte, Thorsten anzurufen. Kein Empfang. Tränen stiegen in mir auf. Ich steckte mir eine Zigarette an und aschte trotzig auf den Boden. Etwa eine Minute später ging die Tür auf. Der Beamte stand im Raum und hielt mein Laptop in den Händen. »Sie dürfen hier nicht rauchen.«
   Pech. Ich drückte die Zigarette mit dem Schuh aus. »Was soll ich jetzt machen, wegen meines verpassten Fluges?«
   »Melden Sie sich am Terminal und buchen Sie neu. Ich werde einen Vermerk machen, dass es unsere Schuld war, dass Sie den Flug verpasst haben.« Er blieb an der Tür stehen. »Wir machen nur unsere Arbeit, Frau Neumann.« Irgendwie kam er mir seltsam vor. Jetzt wich er meinem Blick aus und fummelte an seinem Schlüsselbund herum. Er war wie meine Schüler, wenn sie etwas ausgefressen hatten und glaubten, indem sie etwas in die Hände nahmen und sich intensiv damit beschäftigten, nicht mehr zu existieren.
   Ich ging an ihm vorbei. »Wie ist doch gleich Ihr Name?« Er tippte auf seine Brust, ich sah auf sein Namensschild. Zollhauptwachmeister Kottke. Er hatte es auf einmal eilig und lief mit schnellen Schritten voraus, führte mich aus dem Labyrinth zurück in die reale Welt. Es war die Ankunftshalle. Toll, und wie kam ich jetzt wieder in die Abflughalle? Er verabschiedete sich kurz angebunden und verschwand hinter der Sicherheitsabsperrung. Kottke, Kottke, Kottke, sagte ich mir immer wieder. Den Namen musste ich mir merken.
   Einsam und verloren sah ich mich um. Was jetzt? All die Menschen schienen ein Ziel zu haben, sahen erholt und glücklich aus, umringt von Freunden und Verwandten, die sie abholten. Ich musste unbedingt eine rauchen und meine Nerven beruhigen. Inzwischen war es später Nachmittag geworden, draußen vor der Tür war die Luft noch warm, es stank nach Abgasen von Taxen. Während ich an meiner Zigarette zog, dachte ich daran, jetzt unbedingt Thorsten anrufen zu müssen, sonst machte er sich noch auf den Weg zum Flughafen. Beim Gedanken an ein Abendessen mit ihm in einem Restaurant am Meer stiegen mir wieder Tränen in die Augen.
   »Julia?«
   Ich wachte aus meinem Traum auf. Wie war das möglich? Ich blinzelte gegen die tief stehende Sonne, aber es war wirklich Marc, der neben mir stehen geblieben war und jetzt seinen Trolley absetzte. Nicht im Anzug, nicht in ordentlicher Freizeitkleidung, einfach nur in T-Shirt und Jeans. Er schob sich die Sonnenbrille hoch und starrte mich überrascht an. »Was für ein Zufall.« Sein Blick ging zu meiner Hand und sein Mund verzog sich zu einem dünnen Lächeln. »Und wieder am Rauchen.« Ich erholte mich nicht so schnell von meiner Überraschung wie er. Wortlos sah ich ihn an und spürte, wie es in meinem Bauch flatterte. Ihm schien plötzlich etwas einzufallen. »Ach ja, du wolltest ja nach Mallorca. Aber hier bist du falsch, hier ist die Ankunftshalle.«
   Der hatte vielleicht Nerven. Unglaublich.
   Ich war noch nie von einem Mann so hingehalten worden. Ich hatte noch nie so viele Nächte wach gelegen und mir den Kopf über jemanden zerbrochen, wie über ihn. Hatte ich seine Andeutungen missverstanden? Konnte es sein, dass ich mich geirrt und er mich nicht begehrlich angesehen hatte? Warum hatte er nach meiner Handynummer gefragt, wenn er nicht die Absicht gehabt hatte, mich anzurufen? Ein Anruf nach zwei, drei Tagen, das war doch nicht zu viel verlangt. Stimmte mit ihm etwas nicht? Oder mit mir? Gestern Nacht um vier Uhr hatte ich dann beschlossen, nicht mehr an diesen rätselhaften Mann zu denken.
   Und jetzt stand er vor mir, einfach so, und wieder übte er diese unerklärliche Anziehungskraft auf mich aus.
   »Ich weiß«, murmelte ich, weil mein Schweigen langsam peinlich wurde. »Ich muss jetzt auch gehen.«
   Er betrachtete mich genauer. »Alles in Ordnung? Du siehst ein bisschen traurig aus.«
   »Echt?« Er hatte wirklich keine Ahnung, wie sehr er mich getroffen hatte. War nicht schade um einen Mann, wenn er so wenig Feingefühl besaß. Ich schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht traurig. Ich bin sauer.« Sein Lächeln verschwand, er senkte den Blick und schwieg. War das ein schlechtes Gewissen? Ich riss mich zusammen. »Es ist nur, weil ich gerade meinen Flug verpasst habe und nicht weiß, was ich jetzt machen soll.«
   Seine Miene entspannte sich. »Das tut mir leid.« Er deutete auf eine Bank, die ein paar Meter entfernt stand. »Setzen wir uns, und du erzählst mir alles. Vielleicht kann ich dir helfen.« Es tat gut, meine ganze Empörung loszuwerden, und besonders am Ende noch ein paar sehr abfällige Bemerkungen über sinnlose Beamtenwillkür zu machen. »So was habe ich ja noch nie gehört. Was für ein Pech.« Er setzte ein mitfühlendes Gesicht auf. »Die Abflughalle ist gleich um die Ecke. Komm, ich bring dich hin.«
   Ich schenkte ihm ein dankbares Lächeln, das er sofort erwiderte. Doch dann schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. »Scheiße.« Er fuhr zusammen. »Mein Koffer. Der ist jetzt unterwegs nach Mallorca.« Ich drehte mein Gesicht weg, heute ging wirklich alles schief.
   »Keine Sorge, das kriegen wir schon wieder hin«, sagte er und legte den Arm um mich. Es war nur eine tröstende Geste, doch ich räusperte mich, und sofort ließ er mich los.
   Am Schalter der Fluglinie hörte sich eine Dame meine Geschichte mit professioneller Gelassenheit an und sagte, es sei sehr ungewöhnlich, wegen einer Gepäckkontrolle den Flug zu verpassen. Die Angestellte notierte sich meinen und den Namen des Beamten und suchte im Computer nach dem nächsten freien Platz nach Mallorca. Den gab es erst in drei Tagen.
   »Was? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.«
   »Es ist Urlaubszeit.«
   »Vielleicht springt jemand ab?«
   Die Frau am Schalter sagte, das wäre möglich, aber dann müsste ich jederzeit zur Verfügung stehen, um sofort den Platz einzunehmen. Wir einigten uns darauf, dass sie mich anrufen würde, sobald etwas frei geworden wäre. Immerhin hatte sie eine gute Nachricht wegen meines Koffers. »Wenn Passagiere nicht zum Boarding auftauchen, holen wir aus Sicherheitsgründen das Gepäck aus dem Flugzeug. Ihr Koffer müsste sich schon dort drüben befinden.« Sie zeigte auf einen verwaisten Schalter.
   Marc hielt geduldig neben mir aus, während ich auf jemanden wartete, der mir mein Gepäck aushändigte. Ich musste meinen Ausweis und die Bordkarte vorzeigen, dann bewegte sich der behäbige Angestellte endlich und kam nach Minuten mit meinem Koffer zurück.
   Ungeduldig sah ich zu, wie Marc dem Mann den Koffer abnahm und auf den Boden setzte. »Wenigstens etwas.« Bevor er mir zuvorkommen konnte, griff ich nach dem Trageriemen und marschierte los. »Ich werde diesen Idioten anzeigen, das schwöre ich.«
   »Wen?«
   »Diesen Kottke. Den Kerl, der mich festgehalten hat. Für nichts.«
   Marcs Blick war sanft. »Der hat auch nur seine Arbeit gemacht.«
   Ja, ja. Wir waren draußen angekommen, ich steckte mir eine Zigarette an und überlegte, was ich tun sollte. »Du kannst ruhig gehen. Was machst du überhaupt hier?« Danach hatte ich noch nicht gefragt. »Bist du verreist gewesen?«
   »Ich war geschäftlich unterwegs.«
   Ich sah ihn geradewegs an. »Ich dachte, du würdest dich mal melden.«
   Er nickte schweigend. »Das wollte ich auch. Aber das war nicht so einfach. Tut mir leid.«
   Das war alles? War er auf dem Mond gewesen, in der Antarktis oder einem U-Boot? Da er scheinbar nicht mehr zu sagen hatte, entschied ich, mich an dieser Stelle von ihm zu trennen. Für immer. Ich setzte ein fröhliches Gesicht auf und zuckte die Schulter. »Aha. Tja, dann fahre ich jetzt nach Hause und hoffe, dass irgendjemand krank wird und den Flug nicht antreten kann. Vielen Dank für deine Hilfe. Machs gut.«
   Er stellte sich mir mit einer raschen Bewegung in den Weg. »Wie wäre es, wenn ich dich zum Essen einlade? Und danach fahre ich dich nach Hause.«
   Ich versuchte, in seinem Gesicht zu lesen. Es war schwer herauszufinden, was er dachte. »Ich glaube, dafür bin ich gerade nicht in der richtigen Stimmung. Ich wollte nämlich eigentlich auf Mallorca zu Abend essen.«
   »Da kann ich natürlich nicht mithalten. Schade. Ich dachte, wir …« Er sah enttäuscht aus, und irgendwie tat er mir sogar leid. Obwohl ich wartete, sprach er nicht weiter.
   »Okay.« Ich warf meine vernünftigen Vorsätze über Bord. »Gehen wir essen. Aber diesmal nicht einfach wieder verschwinden.«
   Sein Gesicht erhellte sich. »Bestimmt nicht.«
   Ich folgte ihm zu dem Parkhaus, wo er sein Auto abgestellt hatte. Wir verstauten das Gepäck, und er öffnete mir die Tür. »Ach ja, macht’s dir was aus, wenn wir kurz bei mir vorbeifahren? Ich war den ganzen Tag unterwegs und müsste unbedingt duschen und mich umziehen.« In seine Wohnung? Das war schon was anderes, als mit ihm Essen zu gehen. In wenigen Sekunden wog ich die Vor- und Nachteile ab. Gefahr, Neugier, Verständnis. »Du kannst auch im Auto warten. Ich bin schnell.« Seine Augen blickten gewohnt ernst, aber um seine Mundwinkel zuckte es. Er startete den Motor und fuhr die Serpentinen des Parkhauses zügig hinunter.
   »Mist, ich habe immer noch nicht Thorsten angerufen. Hoffentlich ist er noch nicht losgefahren.« Ich wühlte in meiner Handtasche nach meinem Handy.
   »Wenn du möchtest, kannst du meins nehmen.« Marc griff, ohne den Blick von der Straße zu nehmen, mit einer Hand in seine Jackentasche. »Ich kann umsonst ins Ausland telefonieren.«
   Kein schlechtes Angebot, ich bedankte mich und suchte auf meinem Handy nach der richtigen Nummer, gab sie in seines ein und schon bald hatte ich meinen alten Freund am Apparat. Eben noch rechtzeitig, er wollte sich gerade ins Auto setzen. Ich erzählte, was passiert war und er reagierte erwartungsgemäß enttäuscht. »Das ist ja ‘ne irre Geschichte. So eine Frechheit. Meinst du, du bekommst morgen einen Flug?«
   Ich sagte, dass ich das nicht wüsste, wie leid es mir täte, und fügte noch hinzu, wie gern ich jetzt mit ihm am Strand spazieren gehen würde. Ich versprach, mich, sobald es etwas Neues gab, zu melden.
   »Ein guter Freund?« Marc warf mir einen flüchtigen Blick zu, als ich ihm das Handy zurückgab. Ich bejahte und kippte im nächsten Moment nach vorn, er hatte abrupt vor einer gelben Ampel gebremst.
   Seine Wohnung lag mitten in Berlin, ganz in der Nähe der U-Bahn-Haltestelle Märkisches Museum, in einem riesigen, neu gebauten Wohnblock. Er parkte an der Straße, und da ich kein Feigling war, stieg ich mit aus. Ich war neugierig auf seine Wohnung. Bereits der Eingangsbereich sah sehr schick aus. Er klemmte sich einen ganzen Haufen Post unter den Arm, und wir fuhren mit dem Fahrstuhl in den fünften Stock. Auf dem blitzblanken Flur blieb er vor der letzten Wohnung stehen. Ich sah kein Namensschild. »Wie heißt du eigentlich mit Nachnamen?«
   Er schloss auf. »Seifert.«
   Vor mir lag ein leerer weißer Flur. Er ging vor und war schon um die Ecke verschwunden, als ich ihm folgte. Dann stand ich in einem großzügigen Wohnraum, gegenüber einer riesigen Fensterfront. Der Blick aus dem Fenster verschlug mir fast den Atem. »Wow, was für eine Aussicht.« Marc trat neben mich, öffnete die Balkontür und ließ frische Luft ins Appartement.
   »Fühl dich wie zu Hause. Bin gleich wieder da.«
   Ich sah mich um. Gegenüber vom Fenster, durch eine Theke vom Wohnzimmer getrennt, lag die offene Küche aus Edelstahl. Sie sah aus, als ob sie noch nie benutzt worden wäre. Der Boden des Wohnzimmers war mit dunklem Parkett ausgelegt, aber das Herzstück des Raums war ein dunkelgraues Designersofa mit ausladender Sitzfläche. Neben dem einigermaßen bequem aussehenden Sessel stand eine bizarr geformte Stehlampe, die tiefe Hängelampe über dem Couchtisch war in einem ganz ähnlichen Stil gehalten. Das einzige Bild war ein überdimensionaler Schwarz-Weiß-Druck, der aus irgendeiner seltsam verrenkten Perspektive ein Hochhaus abbildete. Sein riesiger Fernseher hing wie ein spiegelndes Bild über einem flachen Sideboard. Das einzige nicht in grau oder silber gehaltene Accessoire war eine riesige Pflanze, eine Art Linde, die ich so beeindruckend fand, dass ich sie vorsichtig berührte. Sie war tatsächlich am Leben.
   Das war’s. Kein Teppich, keine Kissen, keine Fotos, statt Gardinen nur Jalousien, es fehlte alles, was eine individuelle Note darstellte. Nicht mal Bücher waren zu sehen. Las er nicht, oder hatte er sie versteckt? Ich war noch nie in solch einer modernen, funktionell eingerichteten Wohnung gewesen. Ja, dachte ich, sie wirkte wie er. Unnahbar und kühl. Und ein bisschen einsam.
   Das Wasser im Bad rauschte. Das Zimmer, in dem er verschwunden war, war offenbar das Schlafzimmer mit angrenzendem Badezimmer. Ich wagte einen Blick auf seine Post, die er auf den Tresen gelegt hatte. Werbung, Rechnungen und, lustig, da ragte eine Postkarte mit einem Meeresmotiv hervor. Bestimmt von dem Brautpaar. Ich sah aber nicht nach. Stattdessen ging ich mit meinen Zigaretten auf den Balkon. Unwahrscheinlich, dass ich hier drinnen, in dieser schicken Umgebung, rauchen durfte. Ich genoss den Ausblick und die Zigarette. Als er wieder auftauchte, hielt ich gerade die Kippe in der Hand und sah mich unschlüssig nach einer Ablage um. Es gab keine Pflanzenkübel, in die ich sie hätte drücken können. Und sie über die Balustrade zu werfen, das traute ich mich nicht mehr, seit er neben mir stand. Er war wieder gut angezogen, seine Haare waren noch nass.
   »Ich hole was zum Reintun.« Er verschwand wieder. Durch die Scheibe konnte ich sehen, wie er in der Küche planlos Schränke öffnete, als ob er selbst nicht wusste, was er eigentlich suchte. Dabei fiel sein Blick auf die Post. Er schob den Stapel zur Seite, betrachtete die Postkarte und sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. Mit einem Unterteller und der Karte kam er zurück. »Die ist von Alex und Sarah. Sie sind auf Barbados.«
   Ich betrachtete das verlockende Strandpanorama. Mallorca hätte mir schon gereicht. »Die haben’s gut.« Ich seufzte.
   »Ja, muss schön sein dort. Wollen wir los?«
   Wir gingen zu Fuß. Nach einem kleinen Spaziergang hielten wir bei einem Restaurant an der Spree. Wegen des lauen Sommerabends waren viele Plätze durch Touristen besetzt, doch wir hatten Glück, bekamen noch einen am Wasser und setzten uns einander gegenüber. Neben uns saß ein älteres Berliner Pärchen, sie begrüßten uns leutselig und fragten, ob wir das Wetter nicht auch traumhaft fänden.
   »Ich dachte, hier hast du auch Wasser, kannst Menschen beobachten und draußen sitzen.« Marc lächelte auf diese behutsame Art, die ich inzwischen fast unwiderstehlich fand. »Eine kleine Entschädigung für dein ausgefallenes Essen auf Mallorca.«
   Ich war nicht mehr sicher, ob ich meinen verpassten Flug noch bedauerte. Hier mit Marc oder dort mit Thorsten. Im Moment gab es keinen Ort, an dem ich mich lieber aufgehalten hätte, als auf dieser Bank, mit Blick auf ihn. Seine kurzen braunen Haare waren inzwischen trocken und wellten sich ein bisschen. »Es ist wirklich lieb, dass du dir so viele Gedanken um mich machst. Du kannst doch nichts dafür, dass ich den Flug verpasst habe. Wie geht’s eigentlich deinem kranken Freund?«
   Er sah fragend auf. »Besser.« Er nahm die Speisekarte und studierte sie schweigend. Das Paar neben uns war der Meinung, wir sollten einen Berliner Klops probieren. Wir ließen uns erklären, was das war, ein Schnitzel mit irgendwas. Oder den Tafelspitz, auch nicht zu verachten. Zum Glück konzentrierten sie sich dann auf eine Touristengruppe aus Bayern.
   »Und woher kommst du heute? Von weit her?«
   »Stuttgart.«
   Die Kellnerin kam und nahm unsere Bestellung auf. Zweimal den Berliner Klops, einen Weißwein für mich, für ihn ein Mineralwasser. Ich holte meine Zigaretten heraus, mein aufmerksamer Berliner Nachbar schob mir einen Aschenbecher zu. »Du bist ganz schön seltsam«, bemerkte ich, nachdem wir eine Weile aufs Wasser gestarrt hatten.
   »Wieso?«
   »Eigentlich können Männer nicht aufhören, über sich zu reden.«
   »Ich dachte, Frauen reden viel.«
   »Ganz falsch, wir lassen Männer das nur denken. Denn im Gegensatz zu euch müssen wir nicht demonstrieren, was wir alles können und wissen. Wir sprechen viel, um herauszufinden, wie ihr Männer darauf reagiert.«
   »Aha, ein Test. Wie habe ich abgeschnitten?«
   »Ich kann dich nicht einordnen, du gibst mir zu wenig Input.«
   Er lächelte. »Ich dachte immer, ich bin ein typisch männliches Exemplar.«
   »Du gehörst zur selteneren Gruppe, die der Schweigsamen. Was dich in gewisser Weise interessant macht.«
   »Dann hatte diese Taktik also Erfolg. Gut zu wissen, ich werde sie beibehalten. Im Übrigen höre ich lieber dir zu, du hast eine besondere Art zu sprechen.«
   Ich lachte. »Das nennt man hanseatisch. Aber irgendwann muss man auch mal was von sich preisgeben, sonst wird man langweilig. Erzähl mir von dir. Wer ist dein kranker Freund, wie sieht deine Arbeit aus? Ich dachte, du hast einen langweiligen Schreibtischjob. Stattdessen fliegst du mal eben nach Frankfurt.«
   »Stuttgart.« Ich rollte mit den Augen. Er beobachtete mich. »Es ist nichts Aufregendes. Manchmal müssen wir bei Schäden vor Ort sein und die örtlichen Gutachter beraten. Diesmal war ich dran.«
   »Was war das denn für ein Schaden?«
   »Ein Strommast ist umgefallen.«
   »Echt? Die fallen um?« Er nickte. Ich dachte nach. »Und darum musstest du nach Stuttgart? Für fast eine Woche?«
   »Es war ein großer Strommast.«
   Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, verschaukelt zu werden. Nicht, dass in seinem Gesicht irgendein Zucken die Unwahrheit verraten hätte. Er blickte mich mit einer derart stoischen Gelassenheit an, dass mein Blick wie hypnotisiert an seinen blaugrauen Augen hing.
   Er erinnerte mich an einen Jungen aus meiner ersten Klasse, Pascal, der konnte auch so ein Pokergesicht aufsetzen, wenn er mir weismachen wollte, der Hund hätte seine Hausaufgaben gefressen. Und wenn ich misstrauisch geworden war und nachgefragt hatte, war er immer fantasievoller geworden. Es hatte natürlich keinen Hund gegeben. Irgendwann hatte es mir gereicht und ich hatte seine Mutter zu einem Gespräch bestellt. Die war zu spät zum verabredeten Termin gekommen, weil, wie sie mir versichert hatte, der Hund mit dem Autoschlüssel weggelaufen wäre. Nach und nach verlor man einfach seine Gutgläubigkeit.
   Nach dem Essen spazierten wir gemächlich zu seiner Wohnung zurück. Ein schöner lauer Sommerabend, wir unterhielten uns über Berlin und seine Attraktionen. Wo ich schon gewesen war und wo noch nicht. Schade, da stand sein Auto.
   »Soll ich dich jetzt nach Hause fahren?«
   War er höflich oder wollte er mich los sein? Schwierig. »Ich kann auch mit der Bahn fahren. Es ist ein ziemlicher Weg raus zu Florian, und du bist bestimmt müde von deiner Reise.«
   »Ich bin nicht müde.« Ich wartete. Jetzt musste er einen Vorschlag machen und ich würde dann entscheiden, wie es weiterging. Er sah mich an. »Noch einen Kaffee?«
   »Okay.«
   Wir betraten seine dunkle Wohnung, er drückte einen Schalter, ein perfekt ausgeleuchteter Raum. Wieder zog mich der Ausblick ans Fenster. Die Stadt bei Nacht, pulsierend, geheimnisvoll. Er trat hinter mich und sah ebenfalls hinaus.
   »Ich weiß nicht, was ich heute ohne deine Hilfe gemacht hätte.« Als ich mich umdrehte, stand er ganz nah hinter mir. Die Geste, mit der er meine Wange berührte, war so vorsichtig und sanft, dass sie mir beinah unwirklich vorkam. Ich legte mein Gesicht in seine warme, geöffnete Hand und wartete, dass er mich küsste. Doch er zögerte. Also gut, ich hob den Kopf, kam ihm entgegen und schloss die Augen.
   Der erste Kuss war immer etwas Aufregendes. Man konnte viele Fehler machen, zu schnell, zu weit oder zu ungeschickt vorgehen, zu viel Zunge, zu wenig Technik. Es war kompliziert. Ich küsste gern, ich war sogar eine leidenschaftliche Küsserin. Aber als wir uns voneinander lösten, hatte ich das Gefühl, ihn mit meinem Temperament überrumpelt zu haben. Er hielt mich ein wenig auf Abstand und sah mich prüfend an. Was war los? Er hatte doch den Kuss sehr selbstbewusst erwidert, und ich war sicher, es hatte ihn erregt.
   Also noch einmal, ich bot ihm meinen Mund an, und jetzt war es perfekt, ein nicht enden wollender, verschmelzender Kuss, der in mir das Gefühl auslöste, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er liebkoste meinen Hals, erkundetet meinen Nacken, meinen Ausschnitt. Es lief gut, und als er mit fragendem Blick aufsah, lächelte ich ein bisschen atemlos. So lernte ich auch das letzte Zimmer seiner Wohnung kennen. Sein Schlafzimmer war keine Überraschung, es war kühl und seltsam, wie der Rest der Wohnung. Wie er.

Kapitel 4

Als ich morgens aufwachte, lag ich allein in dem großen Bett, eingedreht in kühlem, blau glänzendem Bettzeug, ein Stoff, den man nicht bügeln musste. Ich sah auf meine Armbanduhr und stellte fest, mal wieder viel zu lange geschlafen zu haben. Die Tür zum angrenzenden Badezimmer war geschlossen, ich lauschte, ob ich ihn dahinter hören konnte. Nein, alles ruhig. Meine Sachen waren nicht mehr auf dem Boden verteilt, sondern lagen auf einem Stuhl. Ich gähnte, die Verlockung war groß, mich zurückzulehnen und die Augen wieder zu schließen. Nur ein halbes Stündchen.
   Wenn der erste Kuss schon ungeheuer aussagekräftig gewesen war, dann war die erste Nacht, der erste Sex mit einem Mann, natürlich eine ganz andere Kategorie. Und die letzte Nacht war wunderbar gewesen. Tempo, Rhythmus, Resultat, alles sehr gut. Außer vielleicht … Nein, ich verdrängte den Gedanken.
   Ich hatte schon geahnt, dass er einen schönen Körper hatte, schlank und gut gebaut. Ihn zu berühren war eine ganz neue Erfahrung gewesen, er schien nur aus Muskeln und Sehnen zu bestehen. Gut, dass es dunkel gewesen war, denn so fehlerfrei war ich nicht. Vielleicht würde ich das eine oder andere Pölsterchen wegbekommen, wenn ich mehr Sport machte. Würde auch helfen, meine Kondition zu steigern, was bei diesem ausdauernden Mann sinnvoll erschien.
   Wo war er überhaupt? Entschieden stand ich auf und ging zum Kleiderschrank. Er besaß einen ganzen Schrank voll schicker Sachen, ordentlich aufgehängt und sortiert. Ich zögerte, dann wählte ich ein schwarzes T-Shirt, schnupperte, hm, sein Duft, zog es über, fuhr mir einmal durch die kurzen Haare und ging nach nebenan.
   Marc saß angezogen an der Küchentheke und frühstückte, dabei blätterte er in einer Zeitung. Es roch verführerisch nach Kaffee. Die erste Reaktion nach einer gemeinsam verbrachten Nacht war sehr wichtig, geradezu entscheidend für den restlichen Verlauf einer Beziehung. Sie musste angemessen sein, noch nicht zu vertraut, allerdings auch nicht mehr distanziert. Beim Anblick seines T-Shirts hob er überrascht die Augenbraue, sagte aber nichts. Bevor er etwas falsch machen konnte, nahm ich ihm die Zeitung aus der Hand, drückte mich an ihn und küsste ihn. »Guten Morgen.«
   Er reagierte prompt, wie ich erfreut feststellte, berührte mein Haar und murmelte eine Erwiderung. Wir konnten eigentlich gleich wieder ins Bett gehen. Ich nahm schnell einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse. »Wieso bist du schon angezogen?«
   »Julia, tut mir leid, ich muss ins Büro.«
   Ich starrte ihn an. »Es ist Samstag.«
   Er seufzte. »Ich würde auch lieber hierbleiben. Aber es dauert nicht lange, eine, höchstens zwei Stunden.«
   Ich schob die Unterlippe vor. Das half bei Leonie auch immer. »Kannst du dich nicht krankmelden?«
   Er schüttelte den Kopf. »Wenn ich wieder da bin, bestimmst du, was wir machen. Essen gehen, eine Spreefahrt, in den Grünewald fahren.«
   »Ins Bett gehen.«
   Er wich meinem Blick aus. »Frühstücke in Ruhe. Ich bin vorhin einkaufen gewesen, ich hoffe, es ist was dabei, was du magst.« Ich sah mich um. Er hatte so viel gekauft, dass der Platz auf dem Tisch kaum ausreichte. »Und ich habe deinen Koffer aus dem Auto geholt.« Damit stand er auf und verschwand noch einmal im Schlafzimmer. Ich stellte das Radio an, nahm mir einen Becher Kaffee und ging auf den Balkon. Kurz darauf stand er mit einem Aktenkoffer in der Hand neben mir. Ich kicherte.
   »Was?«
   »Du siehst aus wie ein richtiger Beamter. Hast du auch dein Butterbrot eingesteckt und deine Thermoskanne?«
   Er lächelte, dann wurde sein Gesicht ernst. »Geh nicht weg.«
   »Nein.«
   Er beugte den Kopf und küsste mich zärtlich. Wirklich schade, dass er weg musste.
   Nach dem Frühstück räumte ich das Geschirr in die Maschine und die Lebensmittel in den Kühlschrank. Beide sahen wie neu aus. Ich ging ins Bad und nahm eine Dusche. Angezogen und ein bisschen unschlüssig stand ich auf dem Balkon, rauchte, genoss die Aussicht und dachte über Marc nach. Ich dachte an die letzten Stunden, an die Nähe, die zwischen uns entstanden war. Sicher, er sprach nicht viel und schien sich sehr unter Kontrolle zu haben. Aber ich würde ihn schon aus der Reserve locken. Auf einmal kam ich mir sehr stark und glücklich vor.
   Mein Handy klingelte, ich lief hinein, suchte das Gerät und fand es auf dem Tresen. Hatte ich es gestern da liegen lassen? Es war Lisa, sie wollte Bescheid geben, dass sie gut in Dänemark angekommen waren. Das Haus wäre ganz schön, das Wetter ziemlich windig und das Wasser verdammt kalt. Dann fragte sie nach meiner Reise, und als sie hörte, dass ich Berlin nicht verlassen hatte und vor allem, bei wem ich war, verschlug es ihr für einige Sekunden die Sprache. »Diese Geschichte mit dem Zoll hört sich aber seltsam an. Und dass du ihn am Flughafen getroffen hast, ist auch ein ziemlich großer Zufall.«
   »Ja, nicht? Er kam gerade aus Stuttgart.«
   »Und du bist jetzt in seiner Wohnung?« Sie zögerte. »Warst du die ganze Nacht da?«
   Ich musste lächeln. »Hm.«
   »Oh.« Sie schwieg kurz. »Ich dachte, du bist sauer auf ihn, weil er sich nicht gemeldet hat.«
   Ich nahm das Handy mit auf den Balkon. Ein angenehm warmer Wind umspielte mein Gesicht. »Er hat es wieder gutgemacht.«
   »Und wo ist er jetzt?«
   »Arbeiten. Aber nicht lange. Er kommt gleich wieder.«
   »Sagt er. Das letzte Mal verschwand er für eine Woche.« Ich hörte Kindergeschrei im Hintergrund. »Warte mal.« Einige Sekunden später war sie wieder da. »Leonie hat Linus mit der Schaufel erwischt. Und was sagt Thorsten? Du hast ihn doch angerufen?«
   Was dachte sie denn? »Natürlich.«
   »Willst du denn noch nach Mallorca, mit einem andern Flug?«
   »Ganz ehrlich? Nein.«
   »Armer Thorsten.« Der arme Thorsten stand auf ihrer Liste von Julias potenziellen Lebensgefährten hoch im Kurs. Sie mochte ihn, er erinnerte sie an Brad Pitt. Als sie mir zum ersten Mal von dem Vergleich erzählt hatte, war ich sprachlos gewesen. »Wo ist der denn Brad Pitt?«
   Sie kannte Thorsten kaum, hatte ihn zweimal getroffen. Als er mich auf ihre Hochzeit begleitet hatte und er einmal überraschend zu meinem dreißigsten Geburtstag aufgetaucht war. »Wieso, er ist groß, blond und hat was Jungenhaftes.«
   Ich hatte versucht, Thorsten mit ihren Augen zu sehen. Es stimmte schon, ein bisschen sah er aus wie Brad. An meiner Einstellung zu ihm hatte sich dadurch trotzdem nichts geändert. Weder Brad noch Thorsten waren mein Typ. Was war Marc für ein Typ? Während ich darüber nachdachte, erzählte Lisa noch ein paar Geschichten von den Kindern, ich hörte halbherzig zu. Marc war wie … Ich überlegte, aber mir fiel niemand ein. »Mit wem würdest du Marc vergleichen? Ich meine, mit welchem Schauspieler?«, unterbrach ich sie.
   »Der aus dieser Fantasieserie, dieser blasse, dunkle, der immer grimmig guckt, du weißt schon. Der sich am Ende als Verräter herausstellt und die hübsche Freundin von diesem Typen abknallt.«
   Ich überlegte, wen sie meinen könnte, kam aber nicht drauf und fand ihren Kommentar ziemlich taktlos. »Ich dachte, du magst ihn.«
   »Er ist nett, aber irgendwie kommt er mir nicht ganz echt vor.« Mein Schweigen brachte sie offenbar dazu, ihre Taktik zu ändern. »Aber er muss dir ja gefallen.« Sehr richtig.
   Nachdem wir aufgelegt hatten, langweilte ich mich. Vielleicht konnte ich ein bisschen Fernsehen. Auf der Suche nach der Fernbedienung öffnete ich ein paar Schubladen. Wenigstens besaß er doch einige private Dinge wie Zeitschriften, CDs, Kerzen. Ich suchte weiter. Im nächsten Auszug fand ich unter einem Haufen Servietten und Platzsets das Porträtfoto einer dunkelhaarigen hübschen Frau. Neugierig nahm ich es heraus. War das eine ehemalige Freundin von ihm? Vielleicht gab es noch mehr Fotos, ich wühlte in der Schublade herum, und plötzlich berührten meine Finger etwas Kühles, etwas Glattes. Ich zuckte zurück. Unfähig, mich zu rühren, starrte ich auf die Waffe. Klein, metallen, abstoßend. Fast erwartete ich, sie würde losgehen. Als ich mich in den Sessel setzte, merkte ich, wie sehr mein Puls in die Höhe geschossen war. Jetzt hatte ich ein Problem. Da gab es einen Mann, der mir gefiel. Mehr noch, der mich anzog, wie eine Motte das Licht. Wie ein Schokoladeneis die kleine Leonie. Er war seltsam, nein, er war ungewöhnlich. Und er hatte eine Waffe und das Bild von einer schönen Frau versteckt. Obwohl, die Sachen waren ja nicht wirklich versteckt gewesen, ich hatte sie problemlos finden können. Ich nahm meine Zigaretten mit auf den Balkon. Wie sollte ich damit umgehen? Konnte ich ihn damit konfrontieren, nach dem Motto: Hey, wer ist die Alte auf dem Bild und warum hast du ‘ne Knarre in deiner Schublade?
   Wie würde er darauf reagieren? Ich zog tief den Rauch der Zigarette ein. Vielleicht mit einem gezielten Schuss zwischen die Augen, Zeuge eliminiert, alles paletti? Sollte ich schnell abhauen, mich verstecken?
   Bestimmt gab es viele Menschen, Männer, die eine Waffe hatten. Nur zum Spaß, ohne damit automatisch ein Mörder oder Psychopath zu sein. Wie auch viele Frauen Vibratoren hatten. Auch nur zum Spaß. Die hatten sogar etwa die gleiche Größe.
   Vor vielen Jahren hatten meine alten Schulfreundinnen und ich an einer Dessousparty teilgenommen. Neben viel durchsichtiger, unbequemer sexy Unterwäsche hatte es auch ein paar leuchtend bunte Dildos gegeben. Die Verkaufsshow hatte Spaß gemacht. Vieles war ausprobiert worden, gekauft wenig. Ich hatte ganz mutig einen Body erstanden, irre teuer und mit schwarzer Spitze, getragen hatte ich den noch nie. Wahrscheinlich passte der nicht mal mehr.
   Sollte ich ihn mit meiner Entdeckung konfrontieren? Ich rauchte eine nach der anderen, bis die Packung leer war. Da ich noch keine Lösung für die Sache mit der Waffe gefunden hatte, entschied ich, mir Nachschub zu besorgen und verließ die Wohnung. Vor der Tür, in der warmen Sonne, sah ich mich orientierungslos um, alles war fremd. Ich sah den Menschen nach, die an mir vorbeiliefen. Wer von denen wohl eine Waffe in der Schublade versteckt hatte? Wenn Lisa das wüsste. Ein paar Straßen weiter gab es ein kleines Café, in dem ich Zigaretten kaufte, und als ich wieder vor der Tür stand, fiel mir ein, dass ich ja keinen Wohnungsschlüssel besaß und mich somit ausgesperrt hatte. Wie dumm von mir.
   Langsam schlenderte ich zurück, er musste ja bald wiederkommen. Vor der Eingangstür blieb ich stehen und wartete. Ein Bewohner trat heraus, sah mich unschlüssig an, dann hielt er mir die Tür auf. Ich bedankte mich und ging hinein, fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben und trat gerade auf den Flur, als seine Wohnungstür aufflog und er herausgestürmt kam. Bei meinem Anblick blieb er abrupt stehen. »Da bist du ja.« Seine Erleichterung war unübersehbar. Weglaufen ging jetzt nicht mehr. Ich hätte die Munition aus der Waffe nehmen sollen oder zumindest prüfen, ob welche drin gewesen war. Aber dafür hätte ich das Ding anfassen müssen. Zu spät. »Alles in Ordnung?« Ich nickte. »Wo warst du? Du wolltest doch nicht weggehen.« Sein Tonfall war vorwurfsvoll. Er trat zur Seite, um mich in die Wohnung zu lassen.
   Langsam ging ich an ihm vorbei, den weißen, leeren Flur entlang, ins Wohnzimmer, ans Fenster. Ein schöner Sommertag war das heute. »Zigaretten holen.« Ich drehte mich um. »Warum hast du eine Waffe?«
   Er starrte mich verblüfft an, dann huschte sein Blick zur Kommode. »Gehörst du zu den Frauen, die überall herumschnüffeln müssen?« Seine Stimme klang kühl.
   Das hörte sich nicht gut an. Ich straffte mich. »Ich habe die Fernbedienung gesucht. Du hast doch gesagt, ich soll mich wie zu Hause fühlen.«
   Er schien nachzudenken. Schließlich setzte er sich aufs Sofa. »Die gehört mir nicht, es ist Haralds. Ich habe dir doch von meinem kranken Freund erzählt. Er ist stark depressiv und bekommt immer wieder Phasen, in denen er nicht mehr leben will. Ich habe ihm die Waffe weggenommen, schon vor Monaten.« Er hielt meinem Blick stand, und ich konnte nicht anders, als ihm zu glauben. »Ich hatte schon ganz vergessen, dass sie da liegt.«
   Er war ein verantwortungsvoller Freund, sogar ein Trauzeuge. Der Gedanke, er könnte ein abgedrehter Psychopath sein, war auf einmal völlig absurd. Ich schämte mich, lief zu ihm und küsste ihn ungestüm. »Das tut mir leid.«
   Erst blieb er zurückhaltend, aber davon ließ ich mich nicht entmutigen. Es dauerte nicht lange, und ich hatte ihn da, wo ich ihn wollte. Als wir ineinander verschlungen auf dem Sofa lagen, dachte ich, dass da nur noch eine Frage zu klären wäre. Wer war die Frau auf dem Foto?

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