Kann man ein neues Leben an dem Ort beginnen, an dem die Vergangenheit bereits auf einen wartet? Nach zwölf Jahren in Portland kehrt Sara Cross nach Lake Anna zurück und tauscht die Hektik der Notaufnahme gegen eine beschauliche Landarztpraxis. Schnell stellt sie fest, dass sich ihr Heimatort ebenso wenig verändert hat wie die Menschen, die hier leben. Allen voran Max Bennett, der Schwarm ihrer Jugend. Ein Einsatz der Bergrettung zwingt die beiden zu einem ungewollten Campingabenteuer. All die aufgestauten Gefühle, die seit Saras Rückkehr zwischen ihnen brodeln, entladen sich in dieser einen Nacht – die nicht ohne Folgen bleibt. Als sich Max der Konsequenzen bewusst wird, bittet er Sara aus Pflichtgefühl, ihn zu heiraten, doch sie lehnt ab. Schon einmal hat sie um die Liebe eines Mannes gekämpft, dem sie nicht genug war. Eine Vernunftehe kommt für sie nicht infrage. Sie will den Mann, den sie liebt ganz – oder gar nicht.

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ISBN: 978-9963-52-494-5

Seiten: 227

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Joanne St. Lucas

Joanne St. Lucas
Joanne St. Lucas ist das Pseudonym, unter dem Jane Luc ihre romantischen Romane veröffentlicht. Es gibt nicht viele Garantien im Leben ... aber bei Joanne ist zumindest ein Happy End garantiert. Immer.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Sara schob sich ein Stück Schokolade in den Mund und ließ es auf der Zunge zergehen. Sie spürte, wie der Zucker aus der Süßigkeit in ihren Blutkreislauf überging und sie mit neuer Energie versorgte, die sie nach der langen Fahrt dringend brauchte, um auch noch die letzte halbe Stunde hinter sich bringen zu können. Mit einem Schluck Cola spülte sie nach.
   Ein Blick in den Rückspiegel sagte ihr, dass ihre Tochter tief und fest schlief. Leise öffnete sie die Autotür und stieg aus. Der Kies knirschte unter ihren Füßen, als sie langsam über den Parkplatz ging und an das Geländer trat. Das alte, verwitterte Holz trennte sie von der Schlucht, die sich in der Dunkelheit unsichtbar mehrere Hundert Meter unter ihr erstreckte. Sie hatte am Aussichtspunkt des Big Cloudes-Passes gehalten. Im Sommer war dieser Fleck ein Touristenmagnet. Jetzt, im Herbst – und mitten in der Nacht –, lag er still und verlassen da. Nicht mehr lange, und die schmale Passstraße würde für den Winter gesperrt werden.
   Sara sog die klare Luft ein. Um sie herum roch es nach dem Nadelwald, der unterhalb des Aussichtspunktes lag. Der Duft ihrer Kindheit.
   Sie spürte das Holz des Geländers unter ihren Händen und schloss die Augen. Links von sich konnte sie das Dröhnen des Thunder Falls hören. Der Wasserfall mündete in den Lake Anna, den See, an dem ihre Heimatstadt lag.
   Sara legte den Kopf in den Nacken und hob die Lider. Über ihr breitete sich das Meer der Unendlichkeit aus, ein Sternenteppich, der an Schönheit nicht zu überbieten war. In Portland hatte sie nur selten einen Blick für die Sterne übrig gehabt. Überhaupt hatte sie in letzter Zeit wenig Schönes zu sehen bekommen. Ein kleines, schneeweißes Gesicht drängte sich vor ihr inneres Auge. Blut, das in einem nicht enden wollenden Strom über ihre grünen Latexhandschuhe lief.
   Verdammt! Sara schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen loszuwerden. Sie kehrte nach Lake Anna zurück, um Abstand zwischen sich und die Notaufnahme der Uniklinik in Portland zu bringen. Hier erwartete sie ein völlig anderes Leben. Keine Messerstechereien. Keine Schießereien, bei denen kleine siebenjährige Mädchen ums Leben kamen. Das blasse Gesicht wollte sich wieder in ihre Gedanken schieben. Sie drängte es entschlossen zurück.
   Ihr Blick wanderte über den See, der tief unter ihr im Mondlicht glitzerte. Die Stadt konnte sie nur erahnen. Um diese Zeit waren die Lichter in den Häusern längst gelöscht. Ein Stück weiter links machte sie die Umrisse der Bennett-Ranch aus. Ihr erstes Zuhause. Die erste Liebe. Das erste gebrochene Herz.
   Brannte im Ranchhaus noch Licht? War Max noch wach? Oder täuschte sie sich? War es nur eine Spiegelung des Mondlichts im Wasser? Wahrscheinlich. Rancher gingen mit den Hühnern ins Bett.
   Mit einer etwas heftigen Bewegung drehte sie sich um und lief zu ihrem Wagen zurück. Es gab viele Gründe, nach Lake Anna zurückzukehren. Max Bennett wiederzusehen war keiner davon.

1.
Ein halbes Jahr später

Sara schlüpfte in die Ugg Boots und zog ihre Daunenjacke über den Schlafanzug. Mit der Kaffeetasse in der Hand trat sie aus dem Haus und lehnte sich gegen den Verandapfosten an der Treppe. Sie genoss die Strahlen, die den Frühling ankündigten, obwohl dem Kalender nach bald der Sommer Einzug halten müsste. Es war noch nicht wirklich warm – genau genommen war der Wind, der von den Bergen herunterfegte, eisig kalt – aber sie vertraute fest darauf, dass das Frühjahr nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Der Schnee im Tal war zu großen Teilen geschmolzen, das Eis auf dem Lake Anna verschwunden, aber das Wetter in den Bergen war trügerisch. Mitte Mai musste man noch mit der Rückkehr des Winters rechnen, oder zumindest mit seinem letzten Versuch, die Herrschaft über die Jahreszeiten zu übernehmen.
   Sie vertraute auf einen Sieg des Frühlings. Bald würden die ersten mutigen Frühjahrsblüher ihre Köpfe aus dem kalten braunen Boden strecken und die Bäume zu blühen beginnen. Es wäre warm genug, ein paar hübsche bunte Blumentöpfe auf die Veranda zu stellen und hinter dem Haus den kleinen Kräutergarten, von dem sie schon lange träumte, anzulegen.
   Ihren ersten Winter seit ihrer Rückkehr nach Lake Anna hatte sie genossen. Aber langsam hatte sie genug von Eis, Schnee und Blizzards.
   Sie trank einen Schluck Kaffee und lauschte auf die Stille. Alissa hatte die Nacht bei ihrer Großmutter Rosie verbracht, was Sara die Chance gegeben hatte, sich mit ihren Freundinnen auf ein Glas Wein im Crazy Bear zu treffen. Eine Wendung ihres Lebens, die sie sehr genoss. In Portland hatte ihr Leben nach der Trennung von Todt aus Arbeit und ihrem Kind bestanden. Die wenigen Stunden, die ihr zwischen ihren Schichten im Krankenhaus blieben, hatte sie mit Alissa verbracht. Viel Zeit für Freunde gab es nicht.
   In Lake Anna liefen die Uhren anders. In der Landarztpraxis musste sie sich nicht mehr zu Tode schuften, und ihre Mutter war überglücklich, wenn sie Zeit mit ihrer Enkeltochter verbringen konnte. Das gab Sara die Chance, alte Freundschaften wieder aufleben zu lassen und neue zu schließen.
   Heute musste sie erst mittags in der Praxis sein, also gönnte sie sich eine zweite Tasse Kaffee und sah eine Zeit lang den Rehen am Waldrand zu. Genüsslich strich sie mit den Fingern über das glatte Holz des Verandageländers. Seit ihrer Jugend war sie in das kleine Craftsman House in der Mountain Lane verliebt. Nicht nur das Häuschen hatte es ihr angetan, sondern auch der Blick, den man von hier über die Stadt und den Lake Anna hatte. Auf halber Höhe des Berges war der Ausblick atemberaubend. Unter ihr lag ihr pittoresker Heimatort, der Besuchern oft den Atem verschlug. Ihre Freundin Alexandra hatte ihr einmal anvertraut, dass sie einen Moment lang glaubte, durch ein Zeitloch in den Wilden Westen des neunzehnten Jahrhunderts gefallen zu sein, als sie den Ort zum ersten Mal sah. Diese Wirkung hatte die Stadt auf ihre Gäste. Bürgermeister Patterson legte viel Wert auf dieses wildromantische Image. Lake Anna lebte zum größten Teil vom Tourismus. Und es lebte gut davon.
   Wanderer, die den Nationalpark erkundeten und Kletterer, die die langen, herausfordernden Felswände zu schätzen wussten, fand man hier genauso wie Kanufahrer, Angler und Jäger. Im Winter wurde das Tal zu einem Paradies für Skifahrer. Die Lifte in Thunder Creek standen nicht still, die Langlaufrouten am Fluss und am See entlang waren endlos. Es wurden Skitouren auf die Berge angeboten – und wer genug Geld hatte, leistete sich Heliskiing, um über unberührte, weiße Hänge zu gleiten.
   Man musste nicht sportlich aktiv sein, um das Tal des Thunder Creek zu lieben. Der Blick von ihrer Veranda war wie Meditation. Sobald sich der Nebel vom Lake Anna hob, würde die Wasseroberfläche in der Sonne glitzern. Das dunkle Grün der Tannen würde sich bald mit dem hellen Frühlingsgrün der knospenden Laubbäume mischen. Die Wälder zogen sich weit hinauf auf die steilen Berghänge, die das Tal umschlossen. In den Höhen, in denen sie der Witterung nicht mehr trotzen konnten, wurden sie von nackten Felsen abgelöst. Die Gipfel der Berge waren auch im Sommer nie schneefrei. Eine raue Gegend, und gleichzeitig der schönste Ort, den sich Sara vorstellen konnte.
   Das Glück hatte es gut mit ihr gemeint. Die alte Dame, die in dem Haus gewohnt hatte, war schon vor Jahren in mildere Gefilde übergesiedelt. Ein junges Aussteigerpärchen hatte es vor eineinhalb Jahren gekauft. Nach ihrem ersten Winter in den Bergen gaben sie wie viele andere auch auf. Sie verkauften an Sara und verschwanden aus dem Tal. Von Portland aus hatte sie die Renovierung in die Wege geleitet. Ihr Stiefvater Stan war überglücklich, gemeinsam mit ein paar Freunden Böden abzuschleifen, Wände zu streichen und Einbauschränke zu lackieren.
    Alissa und sie hatten sich gut eingelebt und viele kuschlige Winterabende vor dem Kamin im Wohnzimmer verbracht. Eines der größten Abenteuer für ihre Tochter war der Ausflug, den Stan im Dezember mit ihr in den Wald unternommen hatte. Sie durfte einen Weihnachtsbaum für ihr neues Haus aussuchen und helfen, ihn zu fällen.
   Sara war in Lake Anna zur Ruhe gekommen. Nur noch selten träumte sie von dem schneeweißen Kindergesicht und dem Blut, das über ihre Hände floss. Ihr Leben hatte eine gemütliche Routine entwickelt, von der sie in Portland nur hatte träumen können.
   Sie trank noch einen Schluck Kaffee und überlegte, ob sie sich etwas zum Frühstück machen sollte, entschied sich aber dagegen. An den Tagen, an denen Alissa bei ihrer Granny war, lebte sie ihr kleines Laster voll aus. Natürlich wusste sie als Ärztin, wie ungesund Fast- und Junkfood waren. Trotzdem konnte sie die Finger nicht von Burgern, Pommes und Süßigkeiten lassen.
   Sie würde sich auf dem Weg in die Praxis bei Katie einen Cupcake holen.
   Vielleicht hatten Alexandra und Trish Zeit für einen kleinen Schwatz? Das würde ihr den Tag versüßen, bevor sie sich heute Abend in die Höhle des Löwen begab. Beim Gedanken an das Treffen der Bergrettung grummelte ihr Magen. Rick Henderson, der Chef der Bergwacht, die für das Gebiet um Lake Anna und die Nachbarstadt Thunder Creek zuständig war, redete schon seit ihrer Rückkehr im Herbst auf sie ein, der Organisation beizutreten. Alec, ihr Partner in der Praxis, litt unter Höhenangst. Die Bergretter brauchten dringend einen Arzt, der mehr konnte, als an der Basis zu warten, bis die Verletzten zu ihm gebracht wurden. Sie brauchten einen Arzt, der mit ihnen ins Gelände ging. Ihr Vorgänger, der alte Dr. Burke, war Mitglied der Bergwacht gewesen, so lange sie denken konnte.
   Als Kind und Teenager war sie oft mit den Bennett-Brüdern in den Bergen gewandert und geklettert. Sie kannte die Gegend und wusste, wie sie sich bei den unterschiedlichen Wetterlagen verhalten musste oder was zu tun war, wenn sie auf wilde Tiere wie Bären oder Berglöwen traf. Sie wollte gern ein Teil der Bergrettung sein. Das gehörte in einem kleinen Ort wie Lake Anna dazu. Man brachte sein Wissen und sein Können in die Gemeinschaft ein. Unter normalen Umständen hätte sie sich auch kein halbes Jahr bitten lassen, sondern wäre sofort nach ihrer Rückkehr in den Verein eingetreten.
   Wenn nur nicht ausgerechnet Max Bennett der stellvertretende Leiter der Bergwacht wäre.
   Sie hatte immer gedacht, wenn es einer der Bennetts so weit bringen würde, wäre das Ryan, der verrückte Sportler, der in ihrer Jugend ständig versucht hatte, irgendwelche Rekorde zu brechen. Vermutlich war jedoch Max mit seiner ruhigen, besonnenen Art für diesen Posten besser geeignet. Wahrscheinlich erledigte er seine Aufgabe sogar ausgesprochen gut. Sara hatte nur einfach keine Lust, ihn zu sehen. Ihm Auge in Auge gegenüberzustehen. Seit sie wieder in Lake Anna lebte, ging sie ihm so weit wie möglich aus dem Weg. Das war nicht immer einfach. Seine Brüder, die Zwillinge Josh und Ryan, waren alte Freunde. Sie waren ein Jahr älter als Sara und hatten sie nach ihrer Rückkehr mit offenen Armen empfangen. Josh hatte sich zudem in einer großen, romantischen Geste am Valentinstag mit ihrer Freundin Alexandra verlobt. Was den Freundeskreis noch enger zusammenschweißte.
   Ein klein wenig hatte Sara darauf gehofft, dass die Zeit Max mitgespielt hatte, dass er mittlerweile alt und hässlich war. Er hätte über die Jahre fett geworden oder eine Glatze bekommen haben können.
   Natürlich war nichts davon passiert.
   Sein blondes Haar war voll wie eh und je - die Länge hing jeweils davon ab, ob er daran dachte, zum Friseur zu gehen. Er war ein paar Zentimeter kleiner als seine Brüder, überragte Sara aber trotzdem noch um Haupteslänge. Die Arbeit auf der Ranch hatte seine Schultern breit und seine Oberarme muskulös werden lassen. Die Jeans spannten sich um seine festen Oberschenkel und sein Hintern war eine Augenweide. Er hatte noch alle Zähne, wie sie aus seiner Krankenakte wusste. Am meisten beeindruckten allerdings immer noch seine Augen. Sie funkelten in einem tiefen Schokoladenbraun. Wenn er lachte, gruben sich kleine Fältchen in seine Augenwinkel.
   Sara seufzte und trank einen weiteren Schluck Kaffee. Sie würde eng mit der Leitung der Bergrettung zusammenarbeiten, die Mitglieder in Erster Hilfe schulen, Trainings absolvieren und an Einsätzen teilnehmen müssen. Den Winter über hatte sie sich für die Entscheidung Zeit gelassen. Schließlich kam sie zu dem Schluss, die Bergrettung nicht im Stich lassen zu können. Mit Max würde sie schon klarkommen. Schließlich waren sie keine Kinder mehr. Sie würden es schaffen, sich wie Erwachsene zu benehmen.
   Sie bekam das hin.
   Max lag sowieso nichts an ihr.
   Eigentlich dürfte es keine Probleme geben.

*

Max hob den Arm und schlug zu. Das Holz spaltete sich und fiel links und rechts neben dem Hackklotz auf einen Haufen. In seinem Kopf hämmerte ein kleines Männchen im Gleichklang mit der Axt, die er niedersausen ließ.
   Als sein jüngerer Bruder Josh im Herbst nach Lake Anna zurückgekehrt war, hatte der das Holzhacken übernommen. Josh hatte viel Wut und Zorn in sich aufgestaut. Die Axt und der Holzhaufen waren das beste Ventil für seine Aggressionen gewesen. Doch seit sein Bruder mit Alexandra zusammen war, hatte er kein einziges Stück Holz gespalten. Es war nötig, die Vorräte aufzustocken, damit sie bis zum Herbst austrocknen konnten. Der letzte Winter war extrem lang und kalt gewesen. Ihr Holzhaufen schrumpfte kontinuierlich. Insbesondere, weil Josh immer wieder Holz klaute, um damit seines und Alex’ Liebesnest zu beheizen.
   Die Arbeit war ihm mehr als unrecht. Er hatte so viel anderes auf der Ranch zu tun und sein pochender Schädel trieb ihn in den Wahnsinn. Nicht zuletzt wegen seines Neffen. Shane raste mit Alex’ Promenadenmischung Angelo und seinem Labrador wild brüllend durch den Garten. Natürlich machten die dummen Viecher es dem Kleinen nach – und kläfften ebenfalls wie verrückt. Shane hatte seinem unerzogenen Welpen, der unter dem Weihnachtsbaum auf ihn gewartet hatte, den Namen Wolverine gegeben. Zweifellos hatte er den Superhelden im Sinn gehabt, doch Max war der Meinung, dass der Name auch sonst gut zu dem Tier passte, schließlich war es ein Vielfraß, das weder vor Socken noch vor Zeitungen oder Schlüsselanhängern haltmachte. Sie konnten von Glück reden, einen Tierarzt in der Familie zu haben. Sonst hätte sich der Hund längst mit Duschgel, Blumenerde oder einem Fläschchen Kopfschmerztabletten, das er im Ganzen verschlungen hatte, umgebracht.
   Das Hämmern hinter seiner Stirn nahm zu. Er konnte dem Jungen nicht böse sein, so sehr er ihn auch am Kragen packen und ihm einen Holzspalt in seine große Klappe stecken wollte. Shane benahm sich wie ein ganz normaler, nervtötender Zehnjähriger.
   Wer hätte das im letzten Herbst gedacht?
   Erst ein halbes Jahr war vergangen, seit Josh den verstockten, bockigen Jungen anschleppte, der als Erstes einem Mitschüler die Nase brach und gleich eine Woche die Schule schwänzte. Inzwischen hatte Shane seine Onkel akzeptiert. Er gehörte zu ihnen. Auf die Ranch der Bennetts. Er gehörte nach Lake Anna.
   Und dieses verdammte Gejohle machte ihn zu einer echten Nervensäge.
   Max biss die Zähne gegen den Schmerz zusammen, der sich über die Schläfe bis zu seinem angespannten Kiefer ausbreitete. Er hatte einen ansehnlichen Berg Holz gehackt. Das würde fürs Erste reichen. Er räumte die Axt weg und hob seine Jacke auf, die er ausgezogen hatte, als ihm zu warm geworden war. In der Küche holte er sich einen Kaffee und setzte sich auf die oberste Stufe der Verandatreppe.
   Er war hier geboren worden und hatte die Ranch nur verlassen, um aufs College zu gehen. Selbst damals hatte er gewusst, dass er zurückkehren und seinen Platz hier einnehmen würde.
   Auch nach dreiunddreißig Jahren auf der Ranch liebte er den Blick über den Lake Anna. Der Frühling war im Anmarsch und drängte den Schnee auf die Berghänge zurück. In den nächsten Wochen würde sich langsam aber sicher das Grün gegen das Weiß behaupten. Das Frühjahr war seine liebste Jahreszeit. Die Kälber und Fohlen, die im Februar und März geboren wurden, wagten sich in die Natur hinaus, um ihren neuen Lebensraum zu erkunden. Ein neuer Lebenszyklus begann. Niemand lebte so im Einklang mit den Jahreszeiten wie ein Rancher.
   Andere verließen Lake Anna, aber er war hier zu Hause. Er gehörte hierher. Nirgendwo auf der Welt würde er sich so fühlen wie auf den Stufen dieser Veranda. Wie auf diesem Land. Dem Zuhause seiner Familie.
   Nicht jeder konnte auf Dauer hier leben. Manch einer drehte der Stadt und dem See den Rücken zu und kehrte nie zurück.
   Manche kamen erst nach Jahren wieder nach Hause. Sein Bruder Josh und Sara gehörten zu diesen Menschen. Josh war im vergangenen Jahr nach Hause gekommen. Als die Familie ihn brauchte, hatte er sein Leben an der Ostküste von heute auf morgen an den Nagel gehängt. Das Schicksal hatte ihn dafür belohnt, indem es Alex im Nachbarhaus einziehen ließ.
   Und Sara? Von ihr hatte er immer geglaubt, sie wäre für Größeres bestimmt, als sie ihr Stipendium an der OHSU in Portland erhalten hatte. Sie hätte sicher eine berühmte Herz- oder Gehirnchirurgin werden können. Das Zeug dazu hatte sie. Und doch war sie zurückgekehrt. Als Landärztin – und alleinerziehende Mutter.
   Das Pochen über seiner Nasenwurzel nahm zu. Heute Abend, auf der Versammlung der Bergwacht in Thunder Creek, würde sie offiziell in die Bergrettung aufgenommen werden. Rick hatte sie endlich weichgeklopft. Ihre Entscheidung wunderte Max nicht. Sie passte zu ihr. Ihre Pflichten hatte sie schon immer ernst genommen. Besonders, wenn sie dadurch jemandem helfen konnte. In dieser Hinsicht ähnelte sie Josh.
   Sie war sogar bereit, über ihren Schatten zu springen und mit ihm zusammenzuarbeiten, wenn es gut für die Bergwacht war. Eigentlich ging sie Max aus dem Weg, seit sie vor einem halben Jahr in die Stadt zurückgekehrt war. Bisher hatten sie nicht mehr als zwei Dutzend Worte gewechselt, obwohl sie mit Alex und seinen Brüdern gut befreundet war. Shane betete sie und ihre kleine Tochter Alissa an.
   Saras Verhalten ihm gegenüber war an Deutlichkeit nicht zu überbieten. Sie hatte ihm nicht einmal im Ansatz verziehen, was vor zwölf Jahren geschehen war. Dabei war das, was er getan hatte, das Beste, das ihr hatte passieren können. Er hatte ihr die Chance gegeben, die Stadt zu verlassen und ihren Traum, Medizin zu studieren, zu verwirklichen. Er hatte vor zwölf Jahren keine Beziehung mit ihr gewollt. Er wollte überhaupt keine Beziehung. Damals nicht und heute noch viel weniger.
   Wie es aussah, war Sara immerhin bereit, ihren alten Groll – den sie offensichtlich noch immer hegte – zum Wohl der Gemeinschaft zur Seite zu schieben und mit ihm zusammenzuarbeiten. Denn in der Bergwacht war er für die Ausbildung neuer Rekruten zuständig und stellte die Bereitschaftspläne auf. Sie würden einen engen Kontakt halten müssen. Sehr eng. Aber damit kam er klar.
   Er trank einen Schluck Kaffee. Sara hatte sich äußerlich nicht sehr verändert. Ihre wilden kastanienbraunen Locken, die ihr in ihrer Jugend fast bis zum Po gereicht hatten, waren einer von diesen frechen, kinnlangen Frisuren, deren Namen er nicht kannte, gewichen. Es stand ihr gut. Ihr Körper war noch immer klein, fast knabenhaft, wie vor zwölf Jahren. Das Gesicht mit den Sommersprossen wurde von den riesigen hellblauen Augen dominiert, in denen man sich verlieren konnte. In denen er sich früher ein einziges Mal verloren hatte, berichtigte er sich.
   Sie war noch immer ein durch und durch fröhlicher Mensch. Und noch genauso mitfühlend, wie sie es schon als Kind gewesen war. Abgesehen davon wirkte sie reifer, erwachsener. Auch wenn man sie von Weitem nach wie vor für ein Mädchen halten konnte, war sie aus der Nähe ganz und gar Frau. Und Mutter. Sara hatte eine Durchsetzungskraft und Zähigkeit entwickelt, die er früher nicht von ihr gekannt hatte. Wahrscheinlich war das notwendig, wenn man als Ärztin in einer Notaufnahme bestehen wollte. Es sprach für eine gewisse Härte. Sie würde es ihm nicht leicht machen. Wahrscheinlich plante sie schon jede einzelne Qual, der sie ihn aussetzen würde.
   Er seufzte und rieb sich über die pochende Schläfe. Die Schmerzen hatten nichts mit dem Holzhacken oder Shanes Gebrüll zu tun. Sie hatten in dem Moment eingesetzt, in dem er begonnen hatte, über Sara und die Vergangenheit nachzudenken. Er würde ein paar Tabletten einwerfen. Vielleicht konnte er seine Brüder überreden, vor der Sitzung noch ein Bier trinken zu gehen. Das half eventuell gegen seine ausgetrocknete Kehle.
   Erst einmal musste er dafür sorgen, dass Shane seinen Teil der häuslichen Pflichten erfüllte. Er wartete, bis sein Neffe das nächste Mal, gefolgt von den Hunden, um die Hausecke schoss. »Hey, Shane. Vergiss nicht, das Holz einzustapeln. Wir müssen heute Abend zur Sitzung der Bergwacht, also holt Alex dich nachher ab. Bis dahin bist du fertig mit dem Holz. Verstanden?«
   Shane rollte mit den Augen und murmelte etwas von Sklavenarbeit.
   »Kannst ja deine Freunde fragen.« Er wies mit dem Finger auf die Hunde. »Ob sie dir helfen. Ich gehe duschen. Bring dich in der Zwischenzeit nicht aus Versehen um, okay?«
   Er beobachtete, wie sich Shane neben dem Hackklotz auf den Rücken fallen ließ und sich totstellte. Sofort stürzten sich die Hunde in der trügerischen Hoffnung, den Kampf gegen den Kleinen gewonnen zu haben, auf ihn.
   Max konnte sich trotz seines brummenden Schädels ein Grinsen nicht verkneifen. Shane war so normal, wie ein zehnjähriger Junge sein konnte. Gott sei Dank.

*

Sara fuhr gemeinsam mit Katie und Trish zur Sitzung der Bergwacht nach Thunder Creek. Trish und Katie waren keine Bergretter. Sie gehörten zu den Förderern und Unterstützern.
   Trish war eine umwerfend attraktive Frau von über einem Meter achtzig. Sie trug ihr Haar in einem radikalen Kurzhaarschnitt, der nicht vielen Frauen stand, an ihr aber nur als sexy beschrieben werden konnte. Sie war einige Jahre älter als Sara und hatte sich erst nach ihrem Weggang aus Lake Anna in der Stadt niedergelassen. Trish gehörte das Büchercafé, ein kleiner Buchladen mit einer gemütlichen Sitzecke, in dem man den besten Kaffee des gesamten Countys bekam. Nach ihrer Rückkehr hatte sie Trish sofort in ihr Herz geschlossen, was nicht nur daran lag, dass sie die Dealerin ihrer schwarzen Lieblingsdroge war. Trish war eine von vielen Bewohnern der Gegend, die ihre Vergangenheit hüteten wie einen Schatz und nicht bereit waren, etwas über ihr Leben preiszugeben. Wie viele Menschen, die etwas verbargen, machte ihr Verhalten Trish zu einem Menschen, der andere faszinierte und eine unausweichliche Anziehungskraft besaß. Besonders Männer umschwirrten sie wie die Motten das Licht – und blitzten allesamt ab.
   Sara hatte Trishs Geheimnis in dem Moment erkannt, in dem sie das Büchercafé zum ersten Mal betreten hatte. Sie war sich sicher, Alex und Katie hatten es ebenfalls herausgefunden. Aber wenn Trish nicht darüber sprechen wollte, akzeptierte sie diesen Wunsch.
   Trish unterstützte die Bergrettung bei den Einsätzen mit Muffins und Keksen, die genug Zucker enthielten, um einem Retter wahrscheinlich über Tage Energie zu liefern.
   Katie war wie Sara alleinerziehende Mutter und managte das Lake View Inn. Mit Katie war Sara schon befreundet, seit sie sich in der ersten Klasse nebeneinandergesetzt hatten. Erst im Jahr ihres Highschoolabschlusses entfernten sie sich voneinander. Umso glücklicher war Sara, als Katie sie bei ihrer Rückkehr nach Lake Anna mit offenen Armen empfing. Im Gegensatz zu Trishs exotischer Schönheit war Katie mit ihrem glatten blonden Haar und den bernsteinfarbenen Augen das hübsche Mädchen von nebenan. Jeans, Stiefel, ein fröhliches Lachen. Sie war der Inbegriff des amerikanischen Mädchens.
   Katie half ebenfalls bei der Versorgung der Bergrettung. Wenn die Truppe im Einsatz war, schmierte sie Sandwiches. Hin und wieder hatte sie bei besonders langwierigen Rettungs- oder Bergungsaktionen auch Unterkünfte für die Einsatzkräfte zur Verfügung gestellt.
   Heute würden sie Gebäck und Häppchen zur Sitzung beisteuern – und Sara moralisch unterstützen.
   Ryan hatte sie am Nachmittag angerufen und gefragt, ob sie gemeinsam mit ihm und seinen Brüdern nach Thunder Creek fahren wollte. Sie hatte dankend abgelehnt. Sie hatte sich in den vergangenen Wochen ziemlich intensiv mit der Bergrettung des Countys auseinandergesetzt und einige Dinge zu sagen, die Max sicher nicht schmecken würden. Da wollte sie nicht auf der Rückfahrt auch noch im selben Wagen wie er sitzen. Sie zog Katies und Trishs Gesellschaft vor. Auch wenn sie dadurch später nach Hause kam, weil nach der Veranstaltung erst noch die Überreste des kleinen Buffets eingesammelt werden mussten. Ein Umstand, den sie gern in Kauf nahm.
   Das Treffen fand in der Turnhalle der Highschool statt. Helfer hatten Tische und Bierbänke aufgestellt. Rick Henderson, Max und die Leiterin der Suchhundestaffel saßen an einem Tisch, der quer vor den anderen stand, sodass sich niemand den Kopf verrenken musste, um sie sehen zu können. Neben Max saß sein Bruder Ryan, der Sheriff des Countys. Josh, der als normales Bergwachtmitglied beim Fußvolk – wie er es scherzhaft nannte – saß, hatte sich neben Sara gesetzt.
   Sie sah sich unauffällig im Raum um. Die meisten Gesichter kannte sie. Ein paar der jüngeren Mitglieder konnte sie nicht zuordnen. Sie waren wahrscheinlich erst nach ihrem Weggang aus Lake Anna in die Stadt gezogen.
   Rick eröffnete die Sitzung und arbeitete seine Programmpunkte präzise der Reihe nach ab. Endlich war er beim letzten – ihr – angelangt. »Ich freue mich besonders, euch unseren kompetenten Zuwachs vorstellen zu dürfen. Ab sofort haben wir eine Ärztin im Team. Und zwar keine, die an Höhenangst leidet und uns in den Hubschrauber kotzt wie Doc Royce.«
   Schallendes Gelächter brach aus. Alec war sein erster und einziger Einsatz für die Bergwacht nicht besonders gut bekommen. Seitdem wurde er zum Opfer gutmütigen Spots, sobald das Thema auf eine Felswand oder den Einsatzhelikopter zu sprechen kam. Als sich alle wieder beruhigten, fuhr Rick fort.
   »Wir wissen Doc Royces Engagement zu schätzen und wir sind dankbar, dass er nach wie vor an der Einsatzbasis vor Ort sein wird, um zu helfen. Aber wir können uns glücklich schätzen, eine Ärztin an Bord zu haben. Eine, die in den Bergen aufgewachsen ist und sie wie ihre Westentasche kennt. Sie wird einen neuen, frischen Wind in die Bergrettung bringen. Macht euch auf etwas gefasst. Herzlich willkommen, Dr. Sara Cross.«
   Die Anwesenden applaudierten und Sara erhob sich. »Vielen Dank für den freundlichen Empfang«, sagte sie in den Lärm hinein. Langsam verebbte das Klatschen. »Dass ich die Berge wie meine Westentasche kenne, ist übertrieben. Wie die meisten von euch wissen, war ich zwölf Jahre weg. Aber ja, es stimmt, früher war ich viel in den Bergen unterwegs und ich freue mich, euch künftig unterstützen zu dürfen.« Sie warf Rick einen Blick zu. Er nickte sein Einverständnis. Also gut. Auf in die Schlacht. »Die Erfolge der Bergwacht waren in den vergangenen Jahren sehr solide. Und doch gibt es einiges, das wir künftig ändern müssen.« Ein leises Rumoren zog durch den Raum.
   »Und was soll das sein?« Max lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
   Sara hob beschwichtigend die Hände. »Keine Angst, ich will die Bergrettung nicht umkrempeln. Doch es gibt einige Dinge, an denen wir arbeiten müssen. In erster Linie geht es um die medizinische Ausbildung der Mitglieder.«
   »Wir haben alle einen Erste-Hilfe-Kurs«, erwiderte Max.
   »Das ist richtig. Der Kurs ist ja auch Voraussetzung für die Bergrettung. Ich habe mir die Akten der einzelnen Bergretter angesehen. Scott Jebson zum Beispiel …« Sie nickte dem Mann zu. »… ist vor fünf Jahren dazugestoßen. Das heißt, sein Kurs liegt fünf Jahre zurück. Manche von euch hatten seit zwanzig Jahren keine Auffrischung ihrer Erste-Hilfe-Kenntnisse.« Sie ließ den Blick durch die Turnhalle schweifen. »Die Zeit ist nicht stehen geblieben. Es gibt neue Erkenntnisse in der Medizin. Wir können mit moderneren Geräten und Techniken arbeiten. Das können wir aber nur, wenn wir sie kennen und beherrschen. Deshalb ist eine neue Erste-Hilfe-Ausbildung unumgänglich.«
   Die Leute im Saal schwiegen nachdenklich, bis auf Max. Er kniff die Augen gefährlich zusammen und runzelte die Stirn. Sie kannte ihn gut genug. Gleich würde er zum Angriff übergehen.
   »Willst du uns sagen, wie wir die Bergrettung zu organisieren haben? Denn erstaunlicherweise haben wir das ohne dich jahrelang ganz gut hinbekommen.«
   Die Debatte schien sich zu einem Streit zwischen ihr und Max zu entwickeln. »Ich rede euch nicht in die Organisation hinein, ich verbessere nur die medizinische Ausbildung der Einsatzkräfte.«
   »Du bist gerade erst beigetreten.«
   »Ja. Und ich möchte so schnell wie möglich die Missstände verbessern. Der Stand der Ausbildung ist katastrophal.«
   Max stand auf.
   Auf diese bedächtige, gefährliche Art.
   Es erinnerte Sara an einen Puma, der sich langsam, aber tödlich, seiner Beute näherte. »So würde ich das nicht nennen.«
   »Ach ja?« Sie stützte die Arme in die Hüften und funkelte ihn an. »Wann war denn dein letzter Kurs?«
   »Darum geht es …«
   »Ich kann es dir sagen. Vor acht Jahren.«
   Josh bemühte sich neben ihr, sich das Lachen zu verkneifen.
   Ryan stieß Max mit dem Ellenbogen gegen den Oberschenkel. »Setz dich wieder hin. Sie hat nicht unrecht.«
   Er ignorierte ihn. »Ich bin für die Ausbildung zuständig. An ihr gibt es nichts auszusetzen. Wir haben in den letzten vier Jahren keinen Mann am Berg verloren. Weder einen Retter noch einen in Not geratenen Bergsteiger oder Skifahrer.«
   »Das stimmt. Die Ausbildung der Bergretter ist ja auch gut. Nur nicht das medizinische Grundwissen.« War er schwer von Begriff oder ging es hier ums Prinzip?
   »Sie hat recht. Wir könnten uns, verdammt noch mal, verbessern«, rief jemand von weiter hinten.
   Max schnaubte abfällig.
   Nun erhob sich auch Rick. »Ich habe mir schon Gedanken über Saras Angebot gemacht. Wir nehmen es an. Die Pläne und Termine sind bereits vorbereitet. Ich will, dass jeder von euch innerhalb eines halben Jahres einen Auffrischungskurs bei Dr. Cross belegt.«

*

Max kochte vor Wut. Was bildete sich dieser lockenköpfige Zwerg eigentlich ein, seine Ausbildung auf den Kopf zu stellen. Sie hatte sich schon mit Rick abgestimmt? Das war eine verdammte Frechheit! Max war sein Stellvertreter. Seine rechte Hand. Er hätte das mit ihm besprechen müssen. Mühsam beherrscht setzte er sich wieder hin. Die Dr.-Sara-Cross-Show ging offensichtlich weiter.
   »Ich habe die Akten aller Einsätze aus den vergangenen drei Jahren eingesehen.«
   Natürlich hatte sie das. Die kleine Frau Doktor war gründlich. War sie schon immer gewesen.
   »Mir ist eine ganze Reihe von Fehlern aufgefallen. Beim Transport. Beim Schienen. Es ist immer gut gegangen, aber es hätte auch anders enden können. Daran müssen wir arbeiten.«
   Sie sprach noch eine Weile darüber, wie schlecht die Bergwacht ausgebildet war und wie sehr sie alles zum Besseren verändern würde. Immer mehr seiner Leute begannen, ihr bewundernde Blicke zuzuwerfen. Wunderbar. In null Komma nichts zog sie seine Mannschaft auf ihre Seite und wickelte sie um den kleinen Finger. Es war eine Frechheit. Erst ließ sie sich ein halbes Jahr lang bitten, und dann übernahm sie in einem Wimpernschlag den Laden.
   Er sagte nichts mehr. In ihm brodelte es. Es war nicht seine Art, sich - wie gerade eben – öffentlich auf ein Streitgespräch einzulassen. Er wartete ab, bis die Sitzung beendet war. Dann bat er Rick in einen Nebenraum und sagte ihm, was er von Saras Ideen hielt.
   »Falsch«, antwortete Rick, den er bis gerade eben als loyalen Freund betrachtet hatte. »Ich finde die Idee fantastisch. Sara übernimmt die Ausbildung unserer Leute sogar kostenlos. Und sie hat mir Gesundheitschecks für alle Mitglieder der Bergwacht angeboten. Das werde ich annehmen.« Er stieß Max mit dem Finger in die Brust. »Und du wirst allen zeigen, wie toll du die Idee findest, und dich als Erster von ihr untersuchen lassen.« Mit diesen Worten machte Rick auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum.
   »Dass du dich da mal nicht geschnitten hast«, murmelte Max. Er würde sich auf keinen Fall von Dr. Cross befingern lassen. Wenn sie ihm Blut abnahm, wäre das unter Garantie mit Schmerzen verbunden. Schrecklichen Schmerzen. Und einem vergnügten Lächeln ihrerseits. Glücklicherweise hatte er im vergangenen Jahr einen kompletten Gesundheitscheck bei Alec machen lassen. Das war eine der Voraussetzungen für Shanes Vormundschaft gewesen. Sara konnte ihm gestohlen bleiben.

2.

Sara impfte den Forstarbeiter, der mit blassem Gesicht vor ihr saß, gegen Tetanus. Was war das nur mit den Männern? Sie spielten mit riesigen Motorsägen herum und fällten Bäume, die so dick waren, dass sie nicht um sie herumfassen konnten, aber wenn sie sich verletzten, genäht werden mussten und eine Injektion bekamen, kippten sie aus den Latschen.
   Sie tupfte die Einstichstelle ab und klebte ein kleines Pflaster auf. »Bleiben Sie einen Moment sitzen, Walt. Schwester Lynn holt Sie gleich ab.« Die Latexhandschuhe schnappten, als sie sie von den Händen zog. Sie warf sie in den Müll und verließ mit der Patientenakte das Behandlungszimmer.
   Der Tag war ruhig angelaufen. Im Wartezimmer hatten drei Patienten Platz genommen und Walt, der in einem der Forstbetriebe im Tal arbeitete, war bisher der einzige Notfall. Sie hatte sich erstaunlich schnell in die Routine der Praxis eingelebt. Alec war ein angenehmer, ruhiger Mann, der ihr den Einstieg leicht gemacht hatte. Er war vor drei Jahren der Partner ihres Vorgängers, Dr. Burke, geworden. Dr. Burke war der Arzt in Lake Anna, solange sie zurückdenken konnte. Er hatte oft davon gesprochen, sich zur Ruhe zu setzen und seine Zeit mit Angeln und Wandern zu verbringen. Keiner hatte ihm geglaubt. Umso erstaunter waren die Einwohner des Städtchens gewesen, als er seine Ankündigung im vergangenen Jahr wahr machte. Für Sara hätte sie zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Der alte Arzt hatte seine Stelle nur zu gern an sie abgetreten.
   Von außen sah die Praxis aus wie alle Gebäude am Lake View Drive. Wie aus einem alten Western. Innen war alles hell und freundlich. Die Behandlungsräume waren modern, das Wartezimmer gemütlich. Mehrere Krankenzimmer gaben ihnen die Möglichkeit, Patienten zur Beobachtung über Nacht dazubehalten, ohne sie sofort ins Krankenhaus nach Thunder Creek einliefern zu müssen.
   Hier zu arbeiten, war ein Segen.
   Lynn stand an der Rezeption und telefonierte. Sie drehte sich nach ihr um und winkte sie heran. »Einen Augenblick, Dr. Cross kommt gerade.« Sie legte eine Hand über die Sprechmuschel. »Miss Summers. Sie will Sie unbedingt sprechen.«
   »Danke.« Sara nahm den Hörer entgegen. »Lassen Sie Walt noch einen Moment im Behandlungszimmer sitzen. Er ist etwas wacklig auf den Beinen – Dr. Cross.«
   »Sara! Gott sei Dank erreiche ich dich.« Alex klang aufgeregt.
   »Was ist los?«
   »Die Schule hat angerufen. Ich musste Shane abholen. Stell dir vor, sie schließen die Schule. Windpocken. Die Hälfte der Schüler hat sich bereits angesteckt. Sie haben alle nach Hause geschickt.«
   Sara hörte, wie Alex aus dem Wohnzimmer ihrer Hütte nach draußen ging und die Verandatür hinter sich zuzog. Leise sprach die Freundin weiter. »Ich weiß nicht, ob Shane die Windpocken schon hatte. Ich habe ihn gefragt. Er kann es mir nicht sagen. Was soll ich tun? Solche Dinge müssen wir doch wissen, oder?« Ihre Freundin klang panisch.
   Alexandra hatte es vor einem halben Jahr nach zwei herben Schicksalsschlägen nach Lake Anna verschlagen. Arbeitslos und auf der Suche nach sich selbst, war sie als Nanny für Shane eingesprungen. Max, Josh und Ryan, die nicht so richtig wussten, wie sie mit dem Sohn ihrer verstorbenen Schwester umgehen sollten, hatten Alex viel zu verdanken. Sie schaffte es nicht nur, eine Beziehung zu Shane aufzubauen. Sie boxte auch die Vormundschaft für die Bennetts durch. Nach einem Vierteljahr eröffnete sie ihre eigene Kanzlei in Lake Anna und nebenbei schnappte sie sich Josh, der beabsichtigte, sie in diesem Herbst zu heiraten.
   Alex kümmerte sich nach wie vor um Shane, wenn er aus der Schule kam. Obwohl sie keine Erfahrung mit Kindern hatte, machte sie ihre Sache gut. Nur manchmal – wie in diesem Moment – schien sie an ihre Grenzen zu stoßen.
   »Beruhige dich erst einmal, Alex.« Sara klemmte sich den Hörer zwischen Schulter und Ohr und suchte Shanes Krankenakte aus dem Karteischrank. Sie war dünn, zu dünn. Und begann vor genau einem halben Jahr. Mist, keine älteren Angaben. »Ich habe nichts zu Shane, aber mach dir keine Sorgen, ich werde mich darum kümmern. Behalte ihn einfach im Auge. Wenn sich nicht in den nächsten achtundvierzig Stunden die ersten Symptome zeigen, dürfte er davongekommen sein.«
   »Okay.« Alex atmete tief durch. »Ich klinge wahrscheinlich ziemlich hysterisch.« Sie lachte leise. »Aber das ist alles noch so neu. Ich muss mich erst daran gewöhnen.«
   »Das wirst du. Glaub mir. Wenn noch etwas ist, ruf wieder an. Ansonsten machen wir jetzt die Leitung frei. Wenn die Windpocken ausgebrochen sind, bekommen wir vermutlich gleich jede Menge Arbeit.«
   »Ja. Alles klar. Und … danke, Sara.«
   »Keine Ursache. Wir sehen uns.«

Zwei Tage hatten sie in der Praxis alle Hände voll zu tun. Es hatte eine Menge Schüler erwischt. Erwachsene waren glücklicherweise verschont geblieben.
   Sara war auf dem Rückweg von einem Patientenbesuch. Als sie an der Bennett-Ranch vorbeifuhr, entschied sie spontan, das Problem um Shanes Krankenakte in Angriff zu nehmen. Sie riss das Lenkrad herum und fuhr auf den Hof. Einen Moment blieb sie im Wagen sitzen und ließ den Blick schweifen. Hier war alles noch genauso wie in ihrer Kindheit. Das Ranchhaus aus grauen Flusssteinen, mit einer weißen Veranda und weißen Fensterläden, erhob sich majestätisch wie eh und je über das Anwesen. Sie konnte das Innere blind beschreiben. Die große, behagliche Küche, der riesige Flusssteinkamin im Wohnzimmer, die glänzenden Dielenböden mit den bunten Teppichen, die Holztreppe, die an einer bestimmten Stelle knarrte. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie sich sogar an den Geruch im Haus erinnern.
   Ihr Blick wanderte weiter. Der Pferdestall konnte einen neuen Anstrich vertragen, aber die Scheune war in tadellosem Zustand. Max hatte die Ranch offensichtlich gut im Griff. Sie stieg aus und atmete den Geruch ihrer Jugend ein. Pferde, Heu und der See, der nur wenige Meter entfernt gegen den hölzernen Steg schwappte. Auf der Koppel zählte sie drei Fohlen, die übermütig um die Wette sprangen. Bei dem Anblick lächelte sie. Alissa wäre hin und weg. Pferde lagen auf ihrer Beliebtheitsskala direkt hinter Hunden.
   Im Haus und im Stall war niemand. Schließlich fand sie Max in der Scheune. Er gabelte Heu vom Heuboden nach unten, bekleidet mit Jeans und T-Shirt. Beides hatte schon bessere Zeiten gesehen. Sara schluckte und riss den Blick von ihm los. Er hatte sie bereits bemerkt. Einen Moment hielt er inne, dann legte er wortlos die Gabel zur Seite und kletterte zu ihr herunter.
   Bedauerlicherweise zog er ein Flanellhemd über das enge T-Shirt, das seine muskulösen Schultern und den flachen Bauch betonte, bevor er sich zu ihr umdrehte. Er nahm sie ins Visier. »Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt? Ich werde mich nicht von dir untersuchen lassen. Ich bin vergangenes Jahr komplett durchgecheckt worden. Du kannst dir deinen Atem sparen.«
   Sie musste sich ein Lachen verkneifen. Dieser Mann war störrisch wie ein altes Maultier. »Es geht nicht um dich, Max. Ich will mit dir über Shane reden.«
   »Was ist los?« Sofort schlug seine Stimmung von stur in besorgt um. »Ist alles in Ordnung mit ihm?«
   »Ja, alles bestens. Es geht um seine Vergangenheit.«
   Er stutzte. »Okay. Ich könnte eine Pause vertragen. Willst du einen Kaffee?«
   »Warum nicht?«
   Schweigend gingen sie zum Haus. Sara begleitete ihn nicht hinein. Sie setzte sich auf die Verandatreppe und ließ den Platz frei, auf dem er saß, so lange sie denken konnte.
   Er kehrte mit zwei Keramikbechern zurück und reichte ihr einen, bevor er sich neben sie setzte. »Also, was gibt’s?«
   Sara nippte an ihrem Kaffee. Heiß und stark. »In der Schule sind die Windpocken ausgebrochen.«
   »Habe ich mitbekommen. Der Kleine hängt zurzeit den ganzen Tag bei Alex rum und raubt ihr den letzten Nerv.«
   »Das Problem ist, dass wir nichts über Shanes Anamnese wissen. Die Krankenakte, die wir in der Praxis haben, beginnt vor einem halben Jahr. Wir haben keine Ahnung, ob er die Windpocken bereits hatte. Welche Schutzimpfungen braucht er noch? Ist er gegen irgendetwas allergisch? Das sind Fragen, die ein zehnjähriger Junge nicht beantworten kann. Dazu brauchen wir seine Akte.«
   Max schwieg einen Moment und blickte auf den See hinaus. »Es gibt eine Akte. Oder zwei, um genau zu sein. Shanes und Victorias. Sie liegen versiegelt im Arbeitszimmer.«
   »Ihr habt sie nicht geöffnet?«
   Wieder schwieg er kurz. »Nein. Hör mal, du verstehst das wahrscheinlich nicht. Wenn man jemanden verliert, den man geliebt hat …« Er brach ab und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als ihm bewusst wurde, was er da sagte. »Es tut mir leid. So war das nicht gemeint.«
   »Schon gut. Ich vergleiche den Tod deiner Schwester nicht mit dem meines Vaters. Ihr müsst die Akten öffnen, Max. Sonst können wir Shane im Notfall vielleicht nicht helfen.«
   »Wir sind noch nicht bereit dafür. Wir … Ich muss erst mit meinen Brüdern sprechen.«
   »Tu das.« Sie stellte den Kaffeebecher auf die Treppe und legte ihm in einer tröstlichen Geste die Hand auf die Schulter. »Sprich mit deinen Brüdern, aber lasst euch nicht zu viel Zeit.«

*

Noch am selben Abend fuhr Max zu Sara. Er stellte seinen Wagen vor ihrem Haus ab und blieb einen Moment sitzen.
   Die Dunkelheit war hereingebrochen und in den Fenstern im Erdgeschoss brannte Licht. Sara lebte in einem typischen, nicht besonders großen Craftsman House, das sehr heimelig wirkte. Er hatte Stan im letzten Jahr geholfen, das Haus zu renovieren. Sie besserten die Veranda aus, bevor sie die äußere Holzverkleidung in einem hellen Grau und Veranda und Fensterläden weiß gestrichen hatten. Er tapezierte die Wände, lackierte die Einbauschränke neu und schliff die honigfarbenen Holzböden ab. Jeder Raum hatte nach ihren telefonischen Vorgaben ein Gesicht bekommen. Das Wohnzimmer war in einem zarten Vanilleton und Alissas Kinderzimmer in Lavendel gestrichen worden. Für ihr Schlafzimmer hatte sie sich ebenfalls ein helles Grau ausgesucht, das fantastisch zu den weißen Einbauschränken passte und trotz des kleinen Raumes sehr elegant wirkte. Das Blau im Badezimmer passte gut zu den schiefergrauen Bodenfliesen.
   Nur die bordeauxfarbene Wand in der Küche fand er übertrieben. Das Kinderzimmer und das Arbeitszimmer verbargen sich hinter den beiden kleineren Dachgauben. Die Gaube in der Mitte gehörte zu Saras Schlafzimmer.
   Als er bei der Renovierung geholfen hatte, hatte er nicht begriffen, dass Sara nach Lake Anna zurückkehrte. Dass sie hier leben würde. Er hatte einfach nur Stan, der ihn um einen Gefallen bat, geholfen. Sie beendeten ihre Restaurierung, bevor Sara in die Stadt kam. Er hatte das Haus nicht mehr von innen gesehen, nachdem sie es mit ihren Möbeln und nach ihrem Geschmack eingerichtet hatte. Sicher war jedes noch so kleine Detail liebevoll platziert.
   Noch heute konnte er sich daran erinnern, wie sie bereits als Teenager von dem Haus schwärmte. Es lag ruhig und fast abgelegen am oberen Ende der Mountain Lane. Weiter oben an der Straße stand nur noch Marcus’ Haus.
   In ihrer Schulzeit wohnte hier die alte Mrs. Montenier. Sie hatte das Haus sonnengelb gestrichen. Blaue Akzente hoben sich strahlend ab.
   Schon damals sprach Sara davon, den Wänden einen grauen Anstrich zu verpassen und die Fensterläden und das Verandageländer weiß abzusetzen.
   Wie sie die meisten Dinge, die sie sich vornahm, erreichte, hatte sie es geschafft, das Haus ihrer Träume zu kaufen.
   Max berührte die beiden versiegelten Umschläge, die auf dem Beifahrersitz lagen. Die Gedanken, die er sich über Saras Haus machte, zögerten das Unausweichliche nur hinaus. Also atmete er tief ein, nahm die Akten und stieg aus. Leise klopfte er an ihre Tür. Er wollte Alissa nicht wecken, falls sie schon schlief.
   Seine Rücksichtnahme war unnötig.
   Die Tür flog auf und Saras vierjährige Tochter schoss heraus. »Max«, rief sie begeistert und klammerte sich an sein Bein. »Wie geht es den kleinen Pferdchen?«
   Ach ja, Shane hatte ihm erzählt, dass sie vernarrt in die Fohlen war. Alex und sein Neffe hatten die Kleine neulich mit in den Stall genommen und sie sogar auf Little eine Runde im Kreis geführt. Ihre Begeisterung für die Fohlen sprengte jede Skala. »Es geht ihnen gut. Komm sie doch mal besuchen. Sie freuen sich sicher.« Er fühlte sich etwas unwohl, weil er nicht recht wusste, wie man mit einer Vierjährigen umging.
   Sara erschien im Türrahmen, ein Glas und ein Geschirrtuch in den Händen. »Allie! Ich habe dir gesagt, du sollst die Tür nicht einfach aufmachen.«
   »Aber es ist Max von den hübschen Pferdchen.« Sie hüpfte übermütig um ihn herum. »Er ist der Onkel von Shane. Er ist lieb.«
   Max zog die Augenbrauen hoch und fixierte Sara. »Hast du gehört? Ich bin lieb.«
   »Wer’s glaubt«, murmelte sie. »Zeit fürs Bett, mein Fräulein. Such dir schon mal eine Geschichte aus. Ich komme gleich vorlesen«, fuhr sie an ihre Tochter gewandt fort.
   Die Kleine umarmte noch einmal stürmisch Max’ Bein. »Bis bald, Max. Ich komme die Pferdchen besuchen. Mit Shane.«
   Einen Wimpernschlag später war sie im Haus verschwunden und auf der Veranda breitete sich eine Stille aus, die schnell unbehaglich wurde.
   Schließlich wedelte Sara mit dem Geschirrtuch unbestimmt in Richtung ihres Wohnzimmers. »Möchtest du hereinkommen?«
   »Vielleicht kannst du ja kurz rauskommen?«
   »Sicher.« Sie stellte das Glas auf eine kleine Anrichte im Flur und legte das Geschirrtuch daneben. Sie schlüpfte in eine Fleecejacke und zog die Tür hinter sich zu. »Was gibt es?«
   Max hielt ihr die Umschläge hin. »Ich habe mit Ryan und Josh gesprochen. Du kannst die Akten haben. Wir bitten dich nur um Diskretion. Wir haben die Umschläge noch nicht geöffnet, also wissen wir nicht genau, was drin steht.«
   »Max, ich war Vickys Freundin, falls du dich erinnerst. Ich werde sicher nicht ihr Ansehen beschmutzen. Vertrau mir.« Sie legte ihm die Hand auf den Arm.
   Es war eine flüchtige, unbewusste Geste, und doch voller Wärme. Seine Brüder und er hatten sich schnell entschieden, Sara die Akten zu überlassen. Sie waren sich sicher, dass sie sich nicht das Maul über ihre Schwester und ihren Neffen zerreißen würde.
   Sara sah ihn ernst an. »Ihr hättet die Unterlagen lesen sollen … für Shane.«
   »Ich weiß. Irgendwann werden wir sie uns auch ansehen. Nur eben jetzt noch nicht.«
   Sara nickte. »Gut. Ich muss wieder rein.«
   »Okay. Gute Nacht.«
   »Gute Nacht.«

*

Sara blieb auf der Veranda stehen, bis sie die Rücklichter von Max’ Ford F100 nicht mehr sehen konnte. Max fuhr diesen Pick-up, seit er neunzehn war. Er hatte ihn einem Bauern abgekauft, in dessen Scheune der Truck einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf gehalten hatte, und ihn wieder zum Laufen gebracht. Seit es diese Kiste gab, bastelte er mit Leidenschaft daran herum. Im Gegensatz zu den neuen dunkelblauen F150-Modellen mit dem Logo der Ranch, die seine Mitarbeiter fuhren, war dieser Oldtimer in einem hellen Puderblau lackiert und wurde von seinem Besitzer gehütet wie ein Schatz. Sara lehnte im Rahmen der Haustür und atmete tief die Nachtluft ein. Heute hatten Max und sie sich zum ersten Mal seit ewigen Zeiten wie zivilisierte Erwachsene benommen. Das war nicht gut. Wenn sie sich stritten, konnte sie sich auf die Wut konzentrieren, die sie auf ihn hatte, aber wenn er so wie gerade eben war, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn als den Mann wahrzunehmen, der er war. Die blonden Haare, die einen Tick zu lang waren, die breiten Schultern in dem karierten Hemd. Und die traurigen Augen, wenn er an seine Schwester und seinen Neffen dachte. Sein liebevolles Wesen.
   Sie drückte die Akten enger an die Brust. Max und seine Brüder vertrauten ihr Shanes Geschichte an, ohne sie zu kennen. Die kalte Luft ließ sie zittern. Mit der freien Hand strich sie unbehaglich über die Gänsehaut, die sich unter ihrer Fleecejacke ihre Arme hinaufzog.
   Allies leiser Ruf lenkte sie ab. Ihre Tochter wollte ihre Gutenachtgeschichte. Sara schloss die Haustür hinter sich und ging nach oben. Das Buch, das Allie ausgesucht hatte, lag aufgeschlagen vor ihr. Sie hatte genau dieselbe Geschichte gewählt, die sie sich seit Wochen jeden Abend vorlesen ließ. Und so wie jeden Abend schlief sie bereits nach eineinhalb Seiten tief und fest, zu einer kleinen Kugel zusammengerollt.
   Sara küsste sie auf die Stirn und löschte das Licht, sodass nur noch die kleine Fee, die Allie als Nachtlicht diente, die feinen Züge des Kindergesichts beleuchtete.
   In der Küche brühte sich Sara einen Kräutertee auf. Ihr Blick fiel auf die Umschläge, die sie auf dem Weg ins Kinderzimmer auf den Tisch gelegt hatte. Sie würde es nicht wie die Bennetts machen. Sie würde die Pflicht nicht vor sich herschieben. Entschlossen setzte sie sich, nahm den ersten Umschlag zur Hand und öffnete ihn.
   Sara trank einen Schluck Tee und begann zu lesen. Als sie das nächste Mal nach ihrer Tasse griff, war der Tee kalt und bitter. Sie blickte auf die Katzenuhr, die mit fröhlich wackelndem Schwanz an der Küchenwand hing. Fast zwei Stunden hatte sie gelesen und nahezu alles über Victoria und Shane erfahren, was es über sie zu wissen gab, seit sie in Chicago gestrandet waren.
   Sie seufzte und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Wenn sie damals gewusst hätte, was mit Vicky passieren würde, hätte sie Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um ihr zu helfen, doch sie waren alle in Probleme und Teenagertragödien verstrickt gewesen, hatten nur ihr eigenes Schicksal vor Augen gehabt.
   Vicky, Katie und sie waren seit der ersten Klasse Freundinnen gewesen. Sie gingen gemeinsam zur Highschool und hatten große Pläne für die Zukunft. Katies Eltern sahen es nicht gern, dass sich ihre Tochter mit ihnen abgab. Schließlich waren sowohl Vicky als auch Sara Halbwaisen und lebten auf einer Ranch, auf der es nicht immer zivilisiert zuging. Vickys Vater war ein berüchtigtes, streitsüchtiges Raubein, das keiner Auseinandersetzung oder Schlägerei aus dem Weg ging. Für Katies Vater war das ein rotes Tuch. Er hatte ihnen immer das Gefühl vermittelt, es fehlte ihnen an Moral, weil sie nicht in einer aufrechten, gottgläubigen, funktionierenden Familie aufwuchsen.
   Nichtsdestotrotz hielten die Mädchen immer zusammen. Bis zu ihrem letzten Schuljahr, in dem das Schicksal gnadenlos zuschlug. Noch vor ihrem Schulabschluss verschwand Ewan, der Cousin der Bennett-Brüder, spurlos. Niemand wusste, was mit ihm geschehen war, niemand hörte etwas von ihm. Es war möglich, dass er dem Leben zwischen einem Vater, der als Stadtsäufer bekannt war, und einem cholerischen Onkel entfliehen wollte. Genauso gut konnte er nach einem Unfall irgendwo tot herumliegen. Jahre später tauchte er plötzlich wieder auf. Im Fernsehen. Er war als Reporter für Nachrichtensender tätig und machte sich mit riskanten Berichterstattungen von den Krisenherden dieser Welt einen Namen. Sein Weggang aus Lake Anna, und die Gründe dafür, blieben indes ein Rätsel und sorgten in jenem Sommer vor zwölf Jahren für jede Menge Spekulationen.
   Der nächste Schicksalsschlag, der sie in diesem Sommer, der voller Wunder und Träume hätte sein sollen, traf, war Katies Schwangerschaft. Die Freundinnen waren entsetzt. Katie hatte niemandem – auch ihnen nicht – von dem Jungen erzählt, der sie zur Mutter machte. Dieses Geheimnis stellte ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Natürlich drehte Katies Vater völlig durch. Schließlich warf er sie hinaus und sie zog zu ihrer Tante, der das Lake View Inn gehörte, und arbeitete als Zimmermädchen, solange es ihre Schwangerschaft zuließ. Das Journalismusstudium, das ihr viel bedeutet hatte, nahm sie nie auf. Heute war Katie eine erfolgreiche Geschäftsfrau, doch damals hatte Sara nur eines gesehen: Ihre Freundin erwartete Zwillinge und weigerte sich zu sagen, wer der Vater war.
   Als wäre all das nicht schlimm genug, verpasste Vicky ihnen ebenfalls einen Tiefschlag. In der Nacht nach ihrem Abschlussball verschwand sie nach einem heftigen Streit mit ihrem cholerischen Vater von der Bildfläche. Alles, was von ihr blieb, war die Nachricht, dass sie in Hollywood als Schauspielerin ihr Glück versuchen wollte.
   Josh war zu dieser Zeit in seinem ersten Jahr an der UCLA. Er suchte in ganz Los Angeles nach ihr. Sie war wie vom Erdboden verschluckt und das sollte auch so bleiben. Niemand von ihnen hatte sie je wieder zu Gesicht bekommen. Erst elf Jahre später fand eine findige Sozialarbeiterin in Chicago die Verbindung zwischen Vickys Sohn Shane und den Bennetts in Lake Anna. Ein paar Jahre zu spät für Vicky.
   Vor zwölf Jahren hatte sich Sara von ihren Freundinnen im Stich gelassen gefühlt. Sie hatten Pläne für diesen letzten gemeinsamen Sommer gehabt. Dann verschwand eine der Freundinnen plötzlich und die andere quälte sich durch ihre Morgenübelkeit.
   Das hatte Sara viel zu viel Zeit gelassen, sich mit ihrem Teenie-Drama, ihrer unerfüllten Liebe zu Max, zu beschäftigen. Er verbrachte die Ferien vom College auf der Familienranch, um seinem Vater zur Hand zu gehen. Sara war schon seit dem dreizehnten Lebensjahr völlig verknallt in den drei Jahre älteren Jungen. Er war in dem einen Collegejahr, in dem sie ihn nicht gesehen hatte, noch erwachsener und anziehender geworden.
   Was Katie und Vicky widerfahren war, zeigte ihr, dass einem die Zeit davonlaufen konnte, dass man plötzlich allein und mit nichts dastehen konnte. Vielleicht war das der Zeitpunkt, an dem sie all ihren Mut zusammennehmen und Max ihre Gefühle gestehen musste.
   Sara plante ihr Vorgehen akribisch. Einfach an den Hals geworfen hätte sie sich ihm nicht. Sie besorgte sich in der Bibliothek in Thunder Creek alle Liebesromane, denen sie habhaft werden konnte. Sie las alle einschlägigen Szenen und traf schließlich eine Entscheidung, wie sie ihn verführen und für sich gewinnen wollte.
   Noch heute fühlte sie sich schlecht, wenn sie daran dachte, wie weit sie sich vorgewagt hatte. Mit dem Wagen ihrer Mutter war sie zu Max’ Lichtung gefahren. Sie lag auf dem Land der Bennetts. Der kleine Weiher, der von einem Gebirgsbach gespeist wurde, und der alte Schäferwagen mit der abblätternden blauen Farbe waren schon vor Jahren zu seinem Rückzugsort geworden, wenn es ihm im Ranchhaus zu laut und zu eng wurde.
   Er lag, nur mit einer Badeshorts bekleidet auf einer Decke am Ufer des Sees. Als sie kam, richtete er sich auf und stützte sich auf seine Ellenbogen. Er sagte nichts, aber seine dunklen Augen taxierten sie abwartend. Dieser Augenblick jagte ihr noch heute Schauder über den Rücken und ließ ihr Herz schneller schlagen.
   Sie war auf der anderen Seite des Weihers stehen geblieben und hatte sich mit zitternden Fingern ausgezogen. Bevor sie es sich anders überlegen konnte, hechtete sie ins Wasser. Das klare, eiskalte Nass prickelte auf ihrer überhitzten Haut wie Brausepulver auf der Zunge. Sie machte ein paar Züge unter Wasser und war fast am anderen Ufer, als sie wieder auftauchte.
   Er hatte sich nicht bewegt. Auf die Ellenbogen gestützt fixierte er sie unter halb geschlossenen Augen. Nur sein Adamsapfel arbeitete.
   Langsam erhob sie sich aus dem Wasser und ging auf ihn zu. Wenn er sie ablehnte, würde sie sterben – oder zumindest im Erdboden versinken. Doch er wies sie nicht ab. Er reichte ihr die Hand - und machte sie in einer verträumten, sinnlichen Nacht zur Frau.
   Im Morgengrauen küsste er sie auf die Schläfe, um sie zu wecken, dabei hatte sie die ganze Nacht über kein Auge zugetan, fest entschlossen, jede Sekunde in seinen Armen zu genießen.
   Er musste zurück an die Arbeit. Den Tieren war es egal, ob man eine leidenschaftliche Liebesnacht hinter sich hatte. Sie wollten ihr Futter. Und Sara musste ihrer Mutter den Wagen zurückbringen.
   Max sprach nicht über ein weiteres Treffen, aber sie war sich sicher, ihn am Abend wieder an seinem Schäferwagen zu treffen. Den Tag über schwebte sie wie auf Wolken. Abends konnte sie weder den Wagen ihrer Mutter noch Stans Pick-up ausleihen. Also fuhr sie mit dem Fahrrad zur Lichtung. Ein anstrengender, weiter Weg, der sie staubig und verschwitzt an dem Schäferwagen ankommen ließ.
   Wie sie vermutet hatte, fand sie Max dort auf der Decke, auf der sie die vergangene Nacht verbracht hatten. In seinen Armen eine der Kellnerinnen aus dem Crazy Bear, die den Anschein machte, ihn bei lebendigem Leib fressen zu wollen.
   Er bemerkte Sara. Seine Lider hoben sich und er sah sie an, während er die andere küsste. Dann schloss er sie wieder und vergrub die Hände in dem blonden seidigen Haar des Mädchens, das um einige Jahre älter und mit Sicherheit erfahrener war als Sara. Er zog die andere noch enger an sich und versank in ihren Zärtlichkeiten.
   Seine Botschaft war klar. Ihre Gefühle waren einseitig. Er hatte genommen, was sie ihm geboten hatte. Mehr wollte er nicht von ihr. Sie hatte nicht über ihre Liebe gesprochen. Irgendwie war es dazu nicht gekommen. Jetzt war sie froh, die magischen drei Worte nicht ausgesprochen zu haben. Mit erstaunlich festen Beinen drehte sie sich um, stieg auf ihr Fahrrad und fuhr nach Hause. Eine Nacht lang weinte sie sich die Augen aus dem Kopf. Am nächsten Morgen entschied sie, Max keine Chance zu geben, ihr Leben zu zerstören. Die Leute glaubten immer, sie war zerbrechlich, weil sie klein und zierlich war. Sie irrten sich. Sara konnte hart wie Stahl sein – und zäh wie Gummi. Max hatte ihr Herz gebrochen, aber er würde sie nicht am Boden sehen. Diese Genugtuung würde sie ihm nicht gewähren. Noch am selben Tag suchte sie sich einen Sommerjob in Portland. Eine Woche später – und ganze zwei Monate vor ihrem Studienbeginn – verließ sie Lake Anna, ohne zurückzublicken.
   Sara wischte sich eine weitere Träne von der Wange, die die alten Erinnerungen begleitete. Wie anders wäre alles gewesen, hätte sie gewusst, dass Vicky Hilfe brauchte. Dass sie ziemlich schnell schwanger geworden war und weder einen Job noch eine Krankenversicherung hatte. Wahrscheinlich hatte sie in einer Wohnung gelebt, die nicht einmal im Ansatz für einen Säugling geeignet war. Warum hatte Vicky nie um Hilfe gebeten? Selbst wenn sie nicht mit ihrer Familie sprechen wollte, sie hatte Sara und ihrer Mutter immer nah gestanden. Wie Schwestern waren sie aufgewachsen. Warum nur war ihre Freundin derart dickköpfig gewesen?
   Die Fragen würde sie nicht mehr beantworten können. Sie konnte nur helfen, Vickys Sohn das Leben in Lake Anna so angenehm wie möglich zu machen. Was seine Gesundheit anging, konnten sie zumindest aufatmen. Er hatte zwar bisher nur wenige Arztbesuche hinter sich gebracht, neben den Windpocken waren aber nur ein paar Kinderkrankheiten, ein gebrochener Arm und einige Blessuren, die vermutlich von Schlägereien stammten, dokumentiert. Abgesehen davon war er kerngesund.

3.

Sara sah ihrem ersten Bergwachttraining, das zwei Tage später stattfand, mit gemischten Gefühlen entgegen. Max hatte kein Wort mehr darüber verloren, dass er sauer über ihre Verbesserungsvorschläge war. Sie kannte ihn jedoch gut genug, um zu wissen, wie lange es dauern konnte, bis er etwas vergaß – oder vergab.
   Das erste Training hatte Max auf dem Sportplatz der Highschool von Thunder Creek anberaumt. Sie trafen sich an der kleinen Tribüne. Max und Rick warteten bereits auf sie. Sie waren insgesamt fünf neue Mitglieder in diesem Jahr. Zwei der Rekruten kannte sie bereits von ihren Gesundheitschecks. Einer von ihnen, Toby, flirtete ungeniert mit ihr. Er war sechsundzwanzig und Ranger im Nationalpark. Ein durchtrainierter Naturbursche mit zu langen dunklen Haaren, die ihm ständig ins Gesicht fielen. Die Mädchen standen an seiner Tür Schlange und er ließ garantiert nichts anbrennen. Den Flirt mit ihr stufte sie aber als harmlos ein. Eine Neckerei, die sie genießen konnte, ohne mit dem Feuer zu spielen.
   Rick begrüßte alle und hielt eine kleine Ansprache darüber, was sie im Laufe der Bergrettungsausbildung erwartete. »Ihr beginnt heute mit dem ersten der drei Ausbildungsabschnitte, den wir Sommerkurs nennen. Dieser Teil wird sich hauptsächlich um Felskunde, Seiltechniken, Retten aus dem Wald und aus dem Felsen drehen. Im Winterkurs beschäftigen wir uns mit Lawinenkunde, Lawinenrettungseinsätzen und der Pistenrettung. Bleibt noch der Eiskurs, sozusagen das Sahnehäubchen der Bergrettung. In diesem Teil wird es um Eisklettern und das Bergen aus einer Gletscherspalte gehen.« Er lächelte Sara an. »Wenn ihr den Sommerkurs hinter euch gebracht habt, schieben wir den rettungsmedizinischen Grundkurs ein. Den wird Sara gemeinsam mit Max gestalten. Der technische Teil – das Bergen aus einer Felswand und der Abtransport – wird von Max übernommen, die medizinische Versorgung von Sara. Zwischen diesen Kursteilen habt ihr Theorieunterricht über das Wetter, die Besonderheiten des Gebirges, Waldbrandgefahr, Lawinenkunde und so weiter.«
   »Aber wir dürfen vor Ende der Ausbildung mit auf Einsätze, oder?«, fragte Toby mit einem Hauch von Besorgnis in der Stimme. Ihm schien das ziemlich viel Theorie zu sein.
   Rick schmunzelte und nickte. »Rekruten gehen natürlich mit in den Einsatz. Wir brauchen jeden Einzelnen von euch, wenn da draußen jemand vermisst wird. Wir müssen in jedem Einsatz neu entschieden, wofür ihr eingesetzt werden könnt. Niemand von euch wird beim ersten Mal einen Bergsteiger aus der Felswand bergen. Ihr seid die, die das Material auf den Berg schleppen. Es wird immer jemand da sein, der euch auf die Finger sieht.«
   Toby schien über diese Antwort einigermaßen erleichtert und zwinkerte ihr zu. Ihm war es offensichtlich lieber, eine Seilwinde auf einen Berg zu schleppen, als sich im Theorieunterricht zu Tode zu langweilen.
   »Wenn ihr keine Fragen mehr habt, übergebe ich an Max. Er ist euer Ansprechpartner, wenn es um die Ausbildung geht. Wer einen Termin nicht wahrnehmen kann, entschuldigt sich bei ihm und kümmert sich selbstständig um das Nacharbeiten des Stoffes.«
   Max blickte grimmig von einem zum anderen. »Eines nehme ich gleich vorweg. Die Bergwacht ist nichts für Weicheier.« Er sah Sara an.
   Sie hob herausfordernd das Kinn und die Augenbrauen.
   »Wir beginnen heute mit einem kleinen Zirkeltraining, bei dem ich mir einen Überblick über euer Fitnesslevel verschaffe. Was ihr hier seht, ist der Inhalt des Einsatzrucksacks mit der Sommerausrüstung.« Er deutete auf eine Reihe säuberlich ausgelegter Gegenstände vor sich im Gras. »Erste-Hilfe-Set, Klettergeschirr, Karabiner, Seil, Schlingen, Kletterhelm, Zelt, Schlafsack. Eure Mannausstattung wird noch beschafft. Bis dahin arbeiten wir mit den beiden Übungsrucksäcken. Ihr bildet Zweierteams und lauft den Trainingszirkel einmal mit der Ausrüstung.« Er wies mit dem Kinn in Richtung eines Hindernisparcours, den er auf dem Sportplatz aufgebaut hatte. »Ich stoppe die Zeit.«
   »Cool.« Toby sprang auf wie von der Tarantel gestochen und schnappte sich die beiden Rucksäcke. Einen brachte er Sara. »Ich glaube, wir geben ein gutes Team ab.«
   Mit einem charmanten Grinsen übergab er ihr das rote Ungetüm, das ihr fast den Arm ausriss. Verdammt, war der schwer. Mit einem unguten Gefühl blickte sie in Richtung des Parcours. Sie hätte schon ohne Ausrüstung Probleme, über diese Bretterwand und die aufgebauten Hindernisse zu klettern. Mit dem Einsatzrucksack auf dem Rücken sanken ihre Chancen gegen null. »Toby, ich glaube nicht, dass ich in dieser Disziplin besonders hervorstechen werde. Such dir lieber jemanden, der so fit ist wie du.«
   »Ach was.« Er legte ihr kameradschaftlich den Arm um die Schultern. »Wir sind ein Team. Ganz egal, wie schnell oder langsam wir vorankommen. Lass uns als Erste starten, okay?«
   Er war so scharf auf die Übung, so erpicht darauf, sich zu schinden – obwohl, wahrscheinlich war das alles für ihn überhaupt nicht mit Anstrengungen verbunden. Sie verzog gequält das Gesicht. »Also gut. Bringen wir es hinter uns.«
   Sara hätte nie von sich behauptet, eine wahnsinnig gute Sportlerin zu sein, aber bis zu diesem Tag hielt sie sich zumindest für einen durchschnittlich fitten Menschen. Max Bennetts Boot Camp belehrte sie eines Besseren. Sie kämpfte sich über die Hindernisse, bei jedem Schritt wurde das Gewicht auf ihrem Rücken schwerer. Noch bevor sie die Hälfte des Parcours hinter sich gebracht hatte, spürte sie ihre Beine nicht mehr. Ihre Arme brannten. Toby, der sofort losgesprintet war und mit einem Satz über das erste Hindernis setzte, bemerkte schnell, dass sie zurückfiel. Er passte sich ihrem Tempo an, was sie ihm hoch anrechnete. An einer zwei Meter hohen Holzwand, an der sie im Normalfall bereits aufgrund ihrer Körpergröße gescheitert wäre, gab er ihr sogar einen Schubs, der sie über die Kante katapultierte.
   Als sie sich endlich der Ziellinie näherten, brüllte Max sie an. Was? Noch eine Runde? Sie musste sich verhört haben. Doch Max meinte es offensichtlich ernst. Sie warf ihm einen mörderischen Blick zu – oder zumindest so mörderisch, wie sie ihn noch zustande brachte. Er stand voller grimmiger Genugtuung an der Seite und beobachtete ihren unwürdigen Kampf. Nur ihr Stolz hielt sie davon ab, ihm den Rucksack vor die Füße zu werfen und sich daneben fallen zu lassen. Sie biss die Zähne zusammen und machte weiter.
   Das Leben hielt immer wieder eine Lektion bereit, in diesem Fall eine ziemlich schmerzhafte. Max war ein Drill-Instructor, und zwar einer der übelsten Sorte. Er schien bereits beim ersten Training die Luschen aussieben und unter seinen Stiefeln zu Staub zermalmen zu wollen. Offenbar war sie Lusche Nummer eins, denn wann immer sie sich ansahen, durchbohrte er sie mit seinem dunklen unlesbaren Blick.
   Sie war die neue Ärztin im Team. Sie war unverzichtbar. Max wurde sie nicht los, egal, wie glücklich ihn das machen würde. Was im Umkehrschluss bedeutete, ihr standen noch jede Menge dieser kleinen, sadistischen Übungseinheiten bevor.
   Eigentlich hatte sie geplant, nach dem Training mit Max über Vickys und Shanes Vergangenheit zu sprechen, aber nach dieser Quälerei war ihr die Lust, ein zivilisiertes Wort mit ihm zu wechseln, vergangen. Sie knallte ihm die Umschläge vor die Brust und ließ ihn stehen.
   »Hey, Sara. Warte mal«, rief Toby.
   Sie hatte es fast bis zu ihrem Wagen geschafft. Mit puddingweichen Beinen lehnte sie sich gegen die Wagentür und wartete auf ihn.
   »Wir gehen noch auf einen Absacker ins Crazy Bear und feiern das Überleben des ersten Trainings. Kommst du mit?« Auch die Spielchen, die sich Max im Anschluss an den Parcours noch ausgedacht hatte, um die Gruppe weiter zu tyrannisieren, schienen ihm nicht besonders viel abverlangt zu haben. Er strahlte immer noch Abenteuerlust und Unternehmerdrang aus.
   Sara war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt noch die Kraft hatte, ein Glas zu heben. »Tut mir leid, Toby.« Sie beschloss, zu flunkern. »Ich habe Bereitschaft und muss dringend einige Patientenakten auf den aktuellen Stand bringen.«
   Lässig zuckte er die Achseln. »Vielleicht beim nächsten Mal.« Er zwinkerte ihr zu und lief leichtfüßig zu seinem SUV. Verdammt, bei seinem Anblick fühlte sie sich wie hundert. Sie schleppte sich nach Hause und nahm eine heiße Dusche, um ihre Muskeln zumindest ein bisschen zu entspannen. Dann rollte sie sich mit einer Tasse Tee und ein paar alten Folgen Gilmore Girls auf der Couch zusammen.

Der Muskelkater, mit dem sie am nächsten Morgen erwachte, war höllisch. Sie hatte sich zu einem späten Frühstück in Katies Pension verabredet. Bei diesem Wetter war das Lake View Inn nur mäßig belegt, was Katie etwas Luft verschaffte. Den gesamten Sommer über, einen Großteil des Herbstes und während der Skisaison war sie ausgebucht.
   Sara schleppte sich in die Küche des Lake View Inn und ließ sich an dem zerschrammten Holztisch nieder, an dem es sich Alex und Trish bereits gemütlich gemacht hatten. Katie hantierte noch an ihrer riesigen Industrieküchenzeile herum. Erstaunlicherweise wirkte der Raum trotz seiner funktionalen Grundausstattung gemütlich und heimelig. Sara war nie dahintergekommen, ob das an dem atemberaubenden Blick über den See lag, an den bunten Keramiktöpfen voller Kräuter, die die Fensterbank säumten oder den Patchworkkissen, die auf der Bank in der Sitzecke lagen. Wahrscheinlich war es die Mischung aus allem.
   Trish schenkte ihr ein Glas Champagner ein.
   Katie umarmte sie von hinten, nachdem sie eine Kanne Kaffee auf den Tisch gestellt hatte. »Du kommst daher wie eine Hundertjährige nach ihrem ersten Triathlon.«
   »Oder wie eine Dreißigjährige, die einen Abend im Bennett’schen Boot Camp überlebt hat«, jammerte Sara. »Dieser Mann ist der reinste Folterknecht.«
   Katie schüttelte den Kopf und schenkte ihr Kaffee ein. »Was ist das nur mit dir und Max? Ich habe mich schon bei der Versammlung neulich gewundert. Er hat fast wie ein Wasserfall geredet, nur um dir Kontra zu geben. So viele Sätze am Stück hört man sonst nie von ihm.«
   »Und vor allem geht er sonst nie auf Konfrontation«, ergänzte Alex.
   Sara zuckte die Achseln und verzog gleich darauf das Gesicht vor Schmerzen. »Ich habe keine Ahnung. Er sieht wahrscheinlich noch das kleine Mädchen in mir, das er in seiner Jugend gezwungenermaßen zum Reiten oder Klettern mitnehmen musste.«
   »Aber ihr habt euch doch als Kinder gut verstanden. Sogar als Teenager, würde ich sagen. Wenn du nicht mit Vicky und mir unterwegs warst, hingst du mit Max rum.« Katie stellte eine Platte mit Rührei und Speck zu den Leckereien, die auf dem Tisch standen, und setzte sich neben sie.
   »Wenn man erwachsen wird, ändert sich der Blickwinkel möglicherweise ein wenig.« Was nicht der Wahrheit entsprach, zumindest nicht, wenn es um Max und sie ging. Ihre Freundschaft war nicht zerbrochen, weil sie ihn als Kind zu sehr genervt hatte.
   Sara war auf der Ranch der Bennetts groß geworden. Ihr Vater war der Vorarbeiter gewesen und ihre Mutter managte den Haushalt. Sie war von Anfang an wie eine Schwester für die Bennett-Kinder gewesen. So waren sie auch aufgewachsen. Als Einheit. Mit elf oder zwölf Jahren hatte sie Max, der nie so albern und draufgängerisch war wie seine jüngeren Brüder, zum ersten Mal als männliches Wesen wahrgenommen. Ihre Schwärmerei hatte sie allerdings für sich behalten, aus Angst, Vicky hätte etwas dagegen, dass sie in ihren ältesten Bruder verschossen war.
   Zu dieser Zeit war Max’ Mutter Mary bereits an Brustkrebs gestorben. Niemanden sah sich dazu in der Lage, Richard Bennett, Max’ tyrannischen Vater, im Zaum zu halten. Er wütete auf seinem Land nach Gutdünken und behandelte seine Kinder nicht weniger schlecht als seine Angestellten und deren Nachwuchs. Nur Saras Vater gelang es, Richard auf den Boden zu holen, wenn er wieder einmal ausflippte.
   Kurz nach Saras vierzehntem Geburtstag kam ihr Vater bei einem tragischen Unfall ums Leben. Ihre Mutter blieb auf der Ranch und kümmerte sich weiter um den Haushalt und die Kinder. Sie beschützte sie alle vor Richard, soweit es in ihren Möglichkeiten lag. Erst, als Victoria verschwand und Sara nach Portland ging, kündigte sie ihre Stelle und heiratete ihren zweiten Ehemann, Stan, mit dem sie noch heute den Eisenwarenladen in Lake Anna betrieb.
   In all diesen Zeiten, denen, die schwer waren, weil sie ein Schicksalsschlag traf, und denen, die einfach tragisch waren, weil das Leben aus Sicht eines Teenagers schlichtweg ein Drama war, war Max für sie da gewesen. Er hatte sie immer in den Arm genommen, wenn es nötig war, und hatte sie immer getröstet. Ihre Zuneigung zu ihm war weiter und weiter gewachsen. In ihrer romantischen Schwärmerei war es eine große Sache gewesen, wie sehr er sich um sie kümmerte. Sie hatte geglaubt, ihm ginge es wie ihr. Dass er nicht so fühlte wie sie, hätte sie merken können, als er sich grinsend aufs College verabschiedete, während sie sich die Augen ausweinte, weil sie ihn eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr zu Gesicht bekommen würde. Sie hatte weitergehofft. Bis zu dem Tag, an dem sie ihre erste – und einzige – Nacht mit ihm verbrachte.
   Jetzt war sie nicht mehr jung, nicht mehr verliebt. Die Romantik war der Realität gewichen. Sie war eine Singlemutter, aber sie war glücklich. Sie betete ihre Tochter an und genoss ihr Leben in Lake Anna. Sie hatte einen Job, den sie liebte, und verbrachte ihre Freizeit mit ihrer Familie und ihren Freunden. Das war mehr als vielen Menschen jemals zuteilwurde.
   Sie hatte sich entschieden, Mitglied der Bergwacht zu werden. Sie würde, verdammt noch mal, allen Anforderungen genügen! Nein, sie würde ihnen nicht nur genügen, sie würde Max keinerlei Angriffsfläche für Kritik geben.
   Sie griff nach dem Rührei – die Energie würde sie brauchen – und konzentrierte sich auf Alex, die die Freundinnen über ihre Hochzeitspläne auf den neuesten Stand brachte und die anderen damit von ihrem Kleinkrieg mit Max ablenkte.
   Bis zum September, in dem die Hochzeit auf der Ranch stattfinden sollte, war nicht mehr viel Zeit. Alex träumte davon, Josh auf der Veranda des Ranchhauses zu heiraten. Dort, wo er sie zum ersten Mal runtergeputzt hatte, wie sie glücklich grinsend erzählte. So viel Romantik konnte sich keine der Freundinnen entziehen. Sie berieten über die mögliche Kleiderwahl, Blumen und das Essen. Sara trank noch ein Glas Champagner, und wenn sie still saß und ihre Muskeln einen Moment lang nicht protestierten, vergaß sie sogar Max.
   Nach dem Frühstück lief sie am See entlang die kurze Strecke zur Polizeiwache. Sie hatte einen Plan. Zufrieden registrierte sie Ryans Wagen vor der Tür. Er hatte keinen Dienst, also würde sie ihn in dem Apartment finden, das er über dem Revier bewohnte.
   Sie klopfte und bekam ein gekeuchtes Ja zur Antwort. Das klang wie … Vorsichtig öffnete sie die Tür und spähte hinein, um nicht Zeugin eines wirklich peinlichen Moments zu werden. Sein Anblick brachte sie zum Lachen, was sie beim Zusammenziehen ihrer Bauchmuskeln sofort bereute.
   Ryan hing, nur mit einer Sportshorts bekleidet, an einer Stange, die er im Durchgang vom Flur zum Wohnzimmer angebracht hatte, und machte Klimmzüge. Sara trat ein, lehnte sich von innen gegen die Wohnungstür und wartete, bis er fertig war.
   Ryan war ein attraktiver Mann. Er war ein fantastischer Sportler, witzig und charmant. Als Sheriff hatte er ein sicheres Einkommen plus Krankenversicherung. Und er war verdammt sexy. Die Frauen standen Schlange, auch wenn er nicht an festen Beziehungen interessiert zu sein schien.
   Der Anblick seiner Bizepse, die unter der glatten, schweißfeuchten Haut arbeiteten und seiner Bauchmuskeln, die bei jedem Klimmzug hervortraten, war nicht zu verachten. Und doch hatte Ryan sie nie gereizt. Warum hatte sie sich nicht in jemanden wie ihn verlieben können? Warum hatte sie ihn nie so toll gefunden wie seinen Bruder? Mit Ryan konnte sie schon immer viel entspannter und unverkrampfter umgehen.
   Endlich war er fertig, sprang zu Boden und küsste sie auf die Wange. »Hallo, schöne Frau Doktor«, grüßte er sie und hob eine Wasserflasche an die Lippen, die er in großen Zügen halb leer trank. Dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund. »Was kann ich für dich tun?«
   Sara stemmte die Hände in die Hüften. »Dein Bruder versucht, mich fertigzumachen.«
   »Wir reden von Max, nehme ich an?«
   »Was er veranstaltet, ist keine Bergrettungsausbildung, sondern ein Boot Camp.«
   »Muskelkater?« Er grinste. »Man sieht es ihm auf den ersten Blick nicht an, aber Max hätte auch Kerkermeister werden können. Manchmal hat er eine sadistische Ader.«
   »Ich will fit werden. Also, nicht wegen deines Bruders.« Das würde sie nicht einmal unter Folter zugeben. »Ich will gut genug sein, um in den Bergen mithalten zu können. Ich will, dass du mich trainierst.«
   Ryan lehnte sich unter seiner Klimmzugstange in den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. Einen Moment taxierte er sie abschätzig. »Ich will dreimal von deiner Mom zum Essen eingeladen werden.« Die Kochkünste ihrer Mom waren über die Grenzen von Lake Anna hinaus bekannt. »Drei Essen, und ich helfe dir.« Ryan aß ständig. Sein Leben drehte sich um seinen Job als Sheriff, Sport und Nahrungszufuhr. Wie zur Bestätigung ihrer Gedanken griff er sich einen Müsliriegel aus dem Regal neben sich, riss mit den Zähnen die Verpackung auf und biss herzhaft hinein. »Drei Essen. Das ist nicht verhandelbar.«
   »Kein Problem.« Ihre Mom freute sich immer über Gesellschaft, besonders, wenn sie aus so guten Essern wie Ryan bestand. Für die Bennett-Jungen, wie sie sie nannte, hatte sie zudem seit jeher eine Schwäche.
   Der Humor wich aus seinen Augen. »Da wäre noch etwas, das du für mich tun müsstest.«
   »Ja?« Ryan war selten ernst. Sein Gesichtsausdruck ließ ihr Herz vor Sorge einen Takt schneller schlagen.
   »Du müsstest mal nach Onkel George sehen. Als Ärztin, meine ich.«
   »Du meinst, weil …« Sie sprach nicht weiter.
   Ryan wusste auch so, was sie dachte. »Nein. Er trinkt nicht mehr. Er ist schon seit ein paar Jahren trocken, aber er kommt nur noch selten aus seinem Haus heraus. Jedes Mal wenn ich ihn sehe, hat sich sein Humpeln verschlimmert. Zumindest kommt es mir so vor. Er hat Arthrose im Knie, unternimmt aber nichts dagegen, sondern lebt mit den Schmerzen einfach vor sich hin. Vielleicht kannst du ihn mal untersuchen und von einer guten Therapie überzeugen.«
   »Natürlich, das mach ich.«
   »Klasse. Ich wusste, ich kann mich auf dich verlassen.« Ryan schaltete sein Tausendwattstrahlen wieder an und biss noch einmal in den Müsliriegel. »Heute kann ich dich nicht mehr trainieren. Ich habe Babysitterdienst bei Shane. Josh und Alex wollen mal ein wenig Zeit miteinander verbringen. Ohne die Nervensäge. Am besten, du kommst morgen früh zur Ranch raus. Du kannst Allie bei Alex lassen und ich beginne mit dir ein Ausdauertraining, mit dem du Max ruck zuck in seine Schranken weist.« Er grinste von einem Ohr zum anderen.
   Sie wusste, dass Ryan nichts so sehr liebte wie eine ordentliche Herausforderung und eine gute Möglichkeit, seine Brüder auf die Schippe zu nehmen.

*

Max liebte die frühen Morgenstunden auf der Ranch, wenn die Sonne aufging und es so still war, dass er die leichten Wellen des Lake Anna gegen das Ufer und den hölzernen Steg vor dem Haus schwappen hörte. In der Ferne rauschte der Wasserfall und oft lag eine dichte Nebelwand über dem See. Hinter den Bergen färbte sich der Himmel in einem zarten Lavendel und hin und wieder hörte er das leise Wiehern eines Pferdes.
   Diese Zeit gehörte ihm allein. Es waren die Momente, in denen er durchatmete, bevor er den Alltag auf der Ranch in Angriff nahm.
   Normalerweise frühstückte er schnell ein paar Cornflakes, bevor er sich, wenn es das Wetter zuließ, mit seinem Kaffee auf die Treppe vor dem Haus setzte und der Sonne beim Aufgehen zusah.
   Als er an diesem Morgen in die Küche kam, war er nicht der Erste. Ryan hatte bereits Kaffee angesetzt. Max war nicht mehr allein auf der Ranch. Er musste teilen. Seine Zeit, sein Haus, seine Nerven. Er nickte seinem Bruder stumm zu, holte eine Tasse aus dem Schrank und schenkte sich Kaffee ein.
   Ryan trug eine Laufhose und ein atmungsaktives Shirt. Er schüttete Cornflakes in eine Schüssel und kippte Milch darüber.
   »Shane macht heute Frühstück«, sagte Max, um Ryan zu erinnern. Er hatte keine Ahnung, woher sein Neffe das Talent für die Küche hatte. Es stammte auf keinen Fall von einem der Bennetts. Shane kochte nicht nur gut, obwohl er erst zehn Jahre alt war, er kochte auch noch gern – worüber sich niemand beklagte. Shane akzeptierte nur Alex in der Küche, was daran lag, dass sie haargenau das machte, was er von ihr verlangte. Es war ein Vergnügen, dem zehnjährigen Rotzbengel dabei zuzusehen, wie er die gestandene Anwältin herumkommandierte. Für heute hatte der Kleine ihnen ein ausgedehntes Sonntagsfrühstück versprochen, also hatte Max beschlossen, in Ruhe seinen Kaffee zu trinken und bis zum Frühstück die unaufschiebbaren Arbeiten im Stall zu erledigen.
   »Ich bin zum Frühstück wahrscheinlich nicht da«, erwiderte Ryan. »Ich treffe mich mit Sara.«
   »Sara?«
   »Ausdauertraining. Ich glaube, sie will die beste Bergretterin aller Zeiten werden.« Ryan bohrte Max seinen Löffel in den Brustkorb und grinste. »Sie nimmt es mit dir auf, Bruder.«
   Wie auf Kommando schlug draußen eine Autotür zu. Max warf einen Blick aus dem Fenster. Sara stand auf dem Hof und starrte unschlüssig auf das Haus. Im Gegensatz zu Ryans hypermoderner, atmungsaktiver Sportkleidung trug sie eine schlabbrige Jogginghose und ein ausgeblichenes Kapuzenshirt. Ihre Haare hielt sie mit einem von diesen Schmetterlings-Klipp-Dingern aus dem Gesicht.
   Ryan stellte sich kauend neben ihn. »Sie meint es ernst«, sagte er mit vollem Mund. »Und ich werde sie trainieren, nur, um dich ein bisschen zu ärgern.« Er stellte die halb leere Schüssel in die Spüle und verließ die Küche.
   Max blieb am Fenster stehen und sah zu, wie Ryan auf Sara zuging, sie in seine Arme zog und auf die Wange küsste. Er machte eine grobe Geste in Richtung See und joggte mit der für ihn typischen Leichtigkeit los. Sara lief neben ihm her, ihre Bewegungen nicht ganz so elegant.
   Max wartete, bis sie den Hof verlassen hatten, bevor er mit seinem Kaffee nach draußen ging. Eigentlich hatte er den Sonnenaufgang genießen wollen, aber um seine innere Ruhe war es geschehen. Sein Blick glitt zu den kleiner werdenden Gestalten, die am See entlangliefen. Ryan war schon immer um Sara herumscharwenzelt. Schon zu Teenagerzeiten. Er war fasziniert gewesen von der kastanienbraunen Lockenmähne, die ihr fast bis zum Hintern reichte, von diesen riesigen Augen und dem immer strahlenden Lächeln. Max wusste genau, was seinen Bruder an ihr fasziniert hatte, denn das war es, was er selbst nicht hatte übersehen können.
   Ryan hatte sie damals nicht bekommen. Er hatte sie gehabt.
   All das war lange her. Jetzt joggte sein Bruder mit ihr am See entlang, lachte mit ihr, hatte Spaß mit ihr.
   Nach dem ersten Bergrettungstraining am Freitag war sie unglaublich sauer auf ihn gewesen, dabei hatte er den Neuen einfach ein bisschen auf den Zahn fühlen wollen, um zu sehen, wer zum Durchhalten und wer zum Aufgeben neigte. Sie war anschließend nicht mit ins Crazy Bear gegangen. Vielmehr hatte sie ihm Shanes und Vickys Akten mit dem Satz, sie wisse aus medizinischer Sicht alles, was sie wissen müsse, vor die Brust geknallt. Ihr zickiges Verhalten nervte ihn, und trotzdem wurmte es ihn, dass sie nicht mit ihm, sondern ausgerechnet mit seinem Hallodribruder trainierte.

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