Die erfolgreiche Marketingfachfrau Lena überrascht eine Gruppe idealistischer Computerspezialisten bei einem Einbruch in eine Softwarefirma. Es ergibt sich keine Chance, zu fliehen – und die Täter können sich nicht erlauben, sie entkommen zu lassen. Während ihrer Gefangenschaft erhält Lena Einblicke in die Machenschaften einer skrupellosen Datenmafia, die sie brutal aus ihrer heilen Karrierewelt reißen. Doch Lena lässt sich nicht einschüchtern. Trotz aller Gefahren bietet sie sogar ihre Hilfe in dem schier aussichtslosen Kampf an und verliebt sich zu allem Überfluss in ihren Entführer Tom. Plötzlich besteht ihr Leben nur noch aus erschütternden Fragen. Kann sie ihren Kollegen noch trauen? Liebt Tom sie wirklich? Und was, verdammt noch mal, soll sie von diesem arroganten Julian halten, der ungebeten ihr Leben mitbestimmt? Lena begegnet unbeugsam allen Gefahren, bis sie endlich dem Mann, den sie liebt, auf Augenhöhe begegnen kann.

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Bea Lange

Bea Lange
© Kiki Beelitz
Bea Lange ist das Pseudonym, unter dem Sabine Bruns Romane veröffentlicht. Jahrgang 1962, EDV-Kauffrau, Dozentin in der Erwachsenenbildung, Fachjournalistin und Autorin von Fachbüchern. Sie lebt mit Mann, Pferden, Hunden und Katzen in einem kleinen Dorf in Norddeutschland.

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Leseprobe

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Kapitel 1

»Fazit aller Berechnungen, die ich Ihnen hier vorgestellt habe, ist, dass wir rund zehn Prozent unseres Werbeetats einsparen, wenn wir die Printwerbung zugunsten der Internetwerbung wie dargestellt einschränken. Nachgewiesen ist ebenfalls – ich habe von der Marktforschung Mechtersen heute Morgen die aktuellen Umfrageergebnisse bekommen –, dass wir unsere Zielgruppe ganz sicher im gleichen Maße wie über die herkömmlichen Anzeigen erreichen.«
   Lena blickte in die Runde, bevor sie auf die Fernbedienung des Beamers klickte, um die Präsentation zu beenden. Lächelnd bedankte sie sich bei den Anwesenden für ihre Aufmerksamkeit. Sie klopfte sich innerlich selbst auf die Schulter, weil sie in den Gesichtern der Zuhörer die Zustimmung zu dem Vortrag sicher erkannte, und das war nicht unwichtig, denn vor ihr saß die gesamte Geschäftsführung des Konzerns, für den sie bereits seit acht Jahren tätig war.
   »Liebe Frau Wolters, vielen Dank für Ihre Präsentation. Wieder mal wunderbar umfassend und aussagekräftig«, lobte ihr Chef. Die anderen Zuhörer klopften zustimmend auf die Tischplatte.
   »Danke, Herr Lindemann.« Sie lächelte entspannt und freute sich über die zufriedenen Mienen ihrer Zuhörer und das zustimmende Nicken.

»Ach, was für ein gelungener Tag.« Im Büro setzte sich Lena glücklich an ihren Schreibtisch, lehnte sich zurück und sah aus dem Fenster. Sie hatte einen herrlichen Blick auf die Elbe und einen Teil des Hafens. Ja, es war eine gute Entscheidung gewesen, den Job in dieser Firma anzunehmen. Sie war in die Werbeabteilung integriert, bekam aber von ihrem Chef gern Aufgaben zugewiesen, bei denen sie durch selbstständige Arbeit zeigen konnte, was in ihr steckte. Es sprach nichts dagegen, dass sie in den nächsten Jahren Karriere machen würde.
   Die Arbeitsatmosphäre war nett und die Aufgaben interessant. Außerdem war der Job so gut bezahlt, dass sie sich in Hamburgs Innenstadt knapp vier Kilometer vom Büro entfernt eine nette kleine Wohnung leisten konnte.
   Leise klopfte es.
   »Herein!« Lena sah zur Tür, die sich langsam öffnete.
   »Na, wie war’s?« Nicole steckte den Kopf herein, sichtlich gespannt, zu hören, wie Lenas Vortrag angekommen war.
   »Super, sie waren alle begeistert.«
   »Das ist klasse. Ich freue mich für dich. Nun hast du dir deinen Urlaub wirklich verdient.« Nicole trat ein und hockte sich auf die Seitenkante vom Schreibtisch. »Wann geht’s los?«
   »Der Flieger startet um 6.30 Uhr. Das ist eklig früh. Ich hoffe, es lohnt sich.«
   »Natürlich lohnt sich das. Teneriffa ist toll. Das Hotel kann ich absolut empfehlen. Als ich mit Jörg im Herbst da war, gab es überhaupt nichts zu meckern. Ich wüsste keinen Grund, warum sich das in den paar Monaten geändert haben sollte. Am besten hältst du dich den ganzen Tag am Strand auf, wo sich die Surfer treffen. Da bist du umgeben von superstarken, bilderbuchmäßig bemuskelten Männern und hast die Auswahl, um nach Herzenslust zu flirten.« Nicole grinste. »Wenn ich nicht mit Jörg da gewesen wäre, hätte ich ganz sicher trotzdem meinen Spaß gehabt«, fügte sie mit Blick an die Zimmerdecke und gespielter Unschuldsmiene hinzu. Sie seufzte missmutig. »Und wenn ich gewusst hätte, dass unsere Beziehung sowieso nicht von Dauer sein würde, wohl auch.«
   Lena verdrehte die Augen. »Ich will keinen Typen kennenlernen. Ich will mich in die Sonne legen und ausruhen, sonst nichts.«
   »Ja, ich weiß.« Nicole lachte.
   Sie kannten sich bereits seit vielen Jahren. Nicole wusste, dass sie nach dem Ende ihrer Beziehung vor drei Monaten keine Ambitionen auf eine neue Bekanntschaft hatte.
   »So, meine liebe Nicole, ich schmeiße dich jetzt aus meinem Büro, sonst schaffe ich nämlich nicht die Arbeit, die ich vor meinem Urlaub vom Schreibtisch haben will.«
   Nicole sprang auf. »Zu Befehl, alles klar. Denk daran, mir die Unterlagen der Werbeagentur Max auf den Schreibtisch zu legen, wenn du gehst. Sonst kann ich mich während deines Urlaubs nicht darum kümmern.«
   »Stimmt, das darf ich nicht vergessen. Danke für die Erinnerung.« Lena machte sich eine Notiz auf dem Block neben dem Telefon.

Der Konzern Laemex, für den Lena arbeitete, hatte seinen Hauptsitz in den USA. Die Hamburger Filiale betreute alle Kunden in Deutschland. Der Konzern entwickelte Softwarelösungen für international agierende Firmen. Nebenbei wurden Programme entwickelt, die Privatleute auf Handys und mobilen Datenträgern nutzten. Lenas Aufgabenbereich lag darin, Werbestrategien zu entwickeln, die den Privatkundenbereich fördern und entwickeln sollten. Es war eine interessante und verantwortungsvolle Aufgabe, in der sie mit Leib und Seele aufging.
   Sie verbrachte den Rest des Tages mit guter Laune am Schreibtisch. Zum wiederholten Male später als geplant, war sie fertig. Mit zufriedenem Nicken schloss sie den Laptop. »Perfekt, alles geschafft. Der Urlaub kann kommen.« Sie packte die letzten Mappen in die Tasche, zog die Jacke an und verließ das Büro.
   Die Bahn kam, als sie die Haltestelle erreichte. Sie sprang hinein und ließ sich auf einen Sitz am Fenster fallen. Ihr fiel ein junges Pärchen auf, das in enger Umarmung die Straße entlangschlenderte. Lena schmunzelte, weil ihr Nicoles Anregung, sich im Hotel einen Urlaubsflirt zu gönnen, einfiel. Kein Bedarf, dachte sie mit voller Überzeugung. Die vorherige Beziehung war definitiv ihr letzter Versuch gewesen. Klar, die ersten Wochen waren immer schön, aber viel zu schnell kamen die Vorwürfe der jeweiligen Partner. »Du hast nie Zeit.« »Mach doch mal pünktlich Feierabend.« »Immer sitze ich hier allein.«
   Bei Martin hatte sie geglaubt, dass es anders sein würde. Allerdings endete die Beziehung ebenfalls mit den bekannten Vorwürfen. Lena war vollends desillusioniert.
   »Du bist eine zu starke Frau«, hatte Nicole gesagt, als sie kurz nach der Trennung von Martin gemeinsam in einer Bar gesessen und über Männer und Liebeskummer philosophiert hatten.
   »Wieso zu stark? Wie meinst du das?«
   »Du bist selbstständig und unabhängig. Damit ziehst du die Männer an, die eine starke Frau suchen, die sie auf den Arm nimmt und durchs Leben trägt. Wenn du glücklich werden willst, brauchst du einen starken Mann.«
   »Klasse. Wo finde ich den?«
   Nicole hatte einen Moment überlegt. »Starke Männer wollen keine Karrierefrau. Du musst dich schwächer machen und ein bisschen hilflos tun, damit du ihren Beschützerinstinkt weckst. Anschließend kannst du dir den Besten aussuchen.«
   Lena hatte losgeprustet. »Nein, kein Bedarf. Ich bleibe lieber solo.«
   Sie musste erneut schmunzeln, als sie an dieses Gespräch dachte. Ein starker Mann … so ein Quatsch. Womöglich ein Macho, der es gern hat, wenn die Frauen zu ihm aufsehen. Sie lebten im Zeitalter der Emanzipation. Hatten diese Männer schon mal davon gehört?

Kapitel 2

Lena sortierte T-Shirts, kurze Hosen und Röcke in den Koffer. Zwischendurch stand sie vor dem Spiegel, hielt sich ein Kleidungsstück vor den Körper und überlegte, ob sie es mitnehmen wollte. »Das ist eigentlich egal, du bist allein unterwegs und willst nur faulenzen«, sagte sie schließlich zu ihrem Spiegelbild, als sie sich zwischen zwei Blusen nicht entscheiden konnte.
   Entschlossen verzichtete sie auf weitere Spiegelkontrollen und packte ein, was praktisch war.
   Lena war nie eitel gewesen. Sie fand sich nicht besonders gut aussehend, auch nicht hässlich, sondern normal. Die glatten braunen Haare hatte sie im Büro meistens zu einem Knoten am Hinterkopf frisiert. Sie trug elegante unauffällige Kleidung und schminkte sich dezent.
   In der Freizeit liebte sie es leger: Jeans, Turnschuhe, ungeschminkt, die Haare offen oder als Pferdeschwanz. Als Ausgleich zur Büroarbeit ging Lena fast täglich morgens joggen, wodurch sie eine sportliche und sehr schlanke Figur hatte. Zu wenig fraulich, hatte Nicole mal festgestellt. Lena fand das lächerlich.
   Nachdem der Koffer gepackt war, machte sie sich Essen und setzte sich gemütlich vor den Fernseher. Es lief ein spannender Krimi, sodass sie erst spät von der Couch aufstand, um ins Bett zu gehen. Im Flur fiel ihr Blick auf die Aktentasche, die sie beim Heimkommen neben der Garderobe abgestellt hatte. Portemonnaie und Ausweise. Sie hob die Tasche an, um beides herauszusuchen. »Ich Hornochse!«, fluchte sie laut. Lena zog eine Akte aus der Tasche. »Wie kann man nur so blöd sein!«
   Sie hatte die Akte der Werbeagentur Max beim Verlassen des Büros in die Hand genommen, um sie Nicole auf den Schreibtisch zu legen. Anscheinend in Gedanken versunken hatte sie die Unterlagen stattdessen in die eigene Tasche gesteckt.
   Lena überlegte, wie sie den Fehler korrigieren könnte. Bei Nicole anrufen? Erneut ins Büro fahren? Auf dem Weg zum Flughafen im Büro anhalten?
   Sie sah auf die Uhr. Es war fast Mitternacht, eindeutig zu spät, um Nicole anzurufen. Was sollte das überhaupt bringen? Sie konnte ihr die Akte nicht durchs Telefon schieben. Mit der Straßenbahn ins Büro zu fahren, war ebenfalls keine besonders gute Idee. Die Bahnen fuhren um diese Uhrzeit selten. Sollte sie am Morgen früher los? Ebenfalls kein erfreulicher Gedanke.
   Während sie überlegte, fiel ihr Blick auf die Laufschuhe. Joggen? Klar. Die frische Luft würde ihr guttun. Den morgigen Tag würde sie auf dem Flughafen und im Flieger sitzen, dann wäre es gut, noch eine kleine Tour zu laufen.
   Es war zwar gefährlich, in der Großstadt nachts joggen zu gehen, aber sie wollte nicht in den Park, sondern auf den Hauptstraßen bleiben. Ohne zu zögern, zog sie sich um, hängte sich die Tasche mit der Akte um und verließ die Wohnung.

Kapitel 3

Genüsslich zog Lena die herrliche Nachtluft ein. Es war Mitte Mai und tagsüber schon recht warm. In der Nacht roch die Luft intensiv nach Sommer.
   Sie trabte los, die Straße entlang zur nächsten großen Kreuzung, anschließend auf dem Bürgersteig der Hauptstraße in Richtung des Büros. Trotz der späten Stunde waren genügend Autos unterwegs, sodass sie sich nicht fürchtete.
   Bald erreichte sie das Büro. Eine kleine Seitenstraße führte an den Hintereingang, für den sie einen Schlüssel hatte. Im Haus war nachts stets eine Notbeleuchtung an, ein Nachtwächter patrouillierte jede Stunde durch das Gebäude.
   Lena fuhr mit dem Fahrstuhl in ihre Etage, lief schnell durch den Flur und legte die Akte auf Nicoles Schreibtisch. Dann war sie wieder auf dem Weg zurück und fuhr nach unten.
   Sie summte eine Melodie vor sich hin und wartete, dass sich die Fahrstuhltür öffnen würde. Als dies geschah, erschrak sie. Unerwartet standen ihr zwei dunkel gekleidete Gestalten gegenüber, die anscheinend ebenfalls nicht damit gerechnet hatten, einen Menschen zu treffen. Sie blieben ruckartig stehen und gafften sie an.
   Lena hatte das Gefühl, eine ewige Schrecksekunde lang den Männern gegenüberzustehen, bis sie begriff, dass es sich um Einbrecher handeln musste. Sie befand sich in Gefahr. Panisch wollte sie an ihnen vorbei zur Tür, doch es war zu spät. Einer packte sie und verdrehte ihr den Arm auf den Rücken, während sich eine große Hand fest auf ihren Mund legte. Lena zerrte mit der freien Hand am Arm des Mannes, um den Mund zu befreien. Allerdings reichte ihre Kraft nicht aus.
   In Panik und keines klaren Gedankens fähig, trat sie um sich, doch der Mann verdrehte ihren Arm auf dem Rücken so schmerzhaft nach oben, dass sie nur noch stöhnen und sich nicht mehr bewegen konnte.
   »Mist, wo kommt die her?«
   »Ich kümmere mich drum. Geh und hol die anderen.« Er zwang Lena aus dem Gebäude hinaus und in wenigen Schritten durch die geöffnete Tür in ein großes schwarzes Auto. Sie hatte keine Chance, irgendetwas auszurichten. Der Mann hielt sie mit solcher Kraft, sodass sie hilflos mitstolperte.
   »Ach du Scheiße, was bringst du da mit?«
   »Ist uns gerade über den Weg gelaufen. Mach die Tür zu, wir nehmen sie mit«, antwortete Lenas Peiniger.
   Lena wollte schreien, kratzen, kämpfen, jedoch zwang dieser Typ sie in eine hockende Stellung und hielt sie, ohne eine Sekunde locker zu lassen, fest.
   Panisch hörte sie Stimmen und Schritte näher kommen, eine Schiebetür wurde zugezogen, jemand hob ihre Beine auf den Sitz, wodurch sie in eine liegende Position kam. Fast gleichzeitig verschwand die Hand über ihrem Mund. Sofort wollte sie schreien, doch da schob ihr jemand Stoff zwischen die Lippen, sodass sie nur jämmerliches Stöhnen zustande brachte. Es war fast vollständig dunkel, die Männer schwiegen. Lena hörte leise den Motor und fühlte, dass sie fuhren.
   Ihr Körper war angespannt. Sie versuchte, mit den Beinen zu strampeln, mit dem freien Arm zu kämpfen. Der Mann drückte ihr allerdings bei jeder Bewegung brutal den Arm gegen die Schulterblätter, sodass sie nur stocksteif dalag und ihr Herz überlaut schlagen hörte.
   Nach einer Weile beruhigte sich Lena ein wenig. Das Auto fuhr durch die Stadt, anscheinend ein Van der Luxusklasse. Der Motor surrte leise, es roch nach teurer Innenausstattung. Sie lag mit angezogenen Beinen auf der Sitzbank, halb auf der Seite. Unter ihrem Kopf fühlte sie rauen Jeansstoff, anscheinend lag ihr Gesicht auf dem Schoß des Mannes, der sie weiterhin in dieser Zwangshaltung festhielt.
   Vor sich sah sie den Rückenteil der vorderen Sitzbank. Durch die Fenster konnte sie Straßenlaternen vor dem Sternenhimmel vorbeiziehen sehen. Ihr Atem beruhigte sich.
   »So ist gut, hör auf dich zu wehren, dann muss ich dir nicht wehtun.«
   Als Lena die leise Stimme hörte, brach erneut Panik in ihr aus.
   Sofort packte der Mann fester zu. »Hey, hey, ganz ruhig. Keine Angst, dir passiert nichts.«
    Statt beruhigend, wirkte diese Stimme anpeitschend auf ihre Sinne. Verkrampft lag sie da, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können.
   Nur langsam setzte ihr Verstand ein. Anscheinend waren sie aus der Stadt raus auf einer Autobahn, denn der Motor surrte gleichmäßig.
   Die Schulter und der Arm schmerzten unerträglich, die Muskeln zitterten vor Anstrengung. Lena hatte keine Kraft mehr. Anscheinend spürte das der Typ ebenfalls, denn er lockerte den Griff.
   In diesem Moment registrierte sie, dass seine Hand auf ihren Haaren lag. Mit dem Daumen streichelte er im langsamen Rhythmus ihre Schläfe.
   Unwillkürlich zuckte sie widerwillig zusammen. Sofort lähmte sie der ruckartige Schmerz im Arm und auf dem Rücken.
   »Ruhig. Bleib einfach liegen. Es ist alles nicht so schlimm, wie es dir jetzt vorkommt.«
   Sie wollte nichts anderes, als der Berührung dieser fremden Hand entfliehen, doch sie konnte sich nicht bewegen, ohne neuen Schmerz zu provozieren.
   Nach und nach resignierte Lena und ihre Muskeln entspannten. Es hatte keinen Sinn, sich zu wehren. Außerdem war sie zu erschöpft, sodass sie nicht anders konnte, als aufzugeben.
   »So ist es besser, bleib ruhig. Ich verspreche, dass dir nichts passiert. Jetzt befreie ich dich von diesem Knebel. Okay?« Langsam zog er den Stoff aus dem Mund.
   Durch die widerliche Trockenheit im Gaumen und auf der Zunge musste Lena husten. Sie vergaß, dass die Hand auf dem Rücken festgehalten wurde, und wollte sie vor das Gesicht ziehen. Sofort packte der Typ zu. Sie stöhnte auf.
   »Du musst damit aufhören. Ich mag das überhaupt nicht, dich zu zwingen. Tue uns den Gefallen und bleib einfach ruhig liegen. Meinst du, das geht?«
   Alles in ihr sträubte sich dagegen, doch ihr Verstand arbeitete wieder klar. Sich fügen war klüger. Lena versuchte nicht mehr, dem Mann ihren Arm zu entziehen. Daraufhin ließ er mit dem Druck nach, sodass sie einigermaßen schmerzfrei liegen konnte.

Die Fahrt schien kein Ende zu nehmen. Lena glaubte, seit Stunden im Auto zu liegen. Es war ein seltsames Gefühl. Auf der einen Seite der luxuriöse Van, der weiche Sitz, die gute Federung, das gleichmäßige Surren des Motors und die leise angenehme Musik, die einer der Männer angemacht hatte. Andererseits die übermächtige, lähmende Angst vor dem, was kommen würde. Einerseits die leise, freundliche Stimme dieses Mannes, dem sie ausgeliefert war, das sanfte Streicheln seiner Hand auf der Stirn. Ihr Kopf lag auf seinem Bein, sie spürte jede seiner Bewegungen, roch seinen Geruch, was seltsamerweise nicht unangenehm war. Gleichzeitig hatte sie Angst vor ihm, sie war ihm wehrlos ausgeliefert.
   Sie lag inzwischen fast bequem. Irgendwann hatte er ihren Arm nach vorn geführt, sodass sie normal auf der Seite lag. Er hielt weiterhin mit lockerem Griff ihr Handgelenk, damit er sie jederzeit unter Kontrolle hätte, sollte sie es wagen, eine unbeherrschte Bewegung zu machen.
   Lena lag auf dem Schoß eines fremden Mannes wie auf dem eines Liebhabers. Darüber hinaus war sie eine Gefangene in Todesgefahr. In ihrer Erschöpfung war sie beinahe dankbar für die Berührung, vor der sie gleichzeitig die größte Angst hatte. Die widerstreitenden und völlig unnatürlichen Empfindungen verunsicherten sie zusätzlich.

Die anderen Männer schwiegen fast die ganze Zeit oder sprachen so leise miteinander, dass Lena nichts verstehen konnte.
   »Wir müssen tanken«, sagte unvermittelt eine Stimme von vorn.
   Ein anderer Mann drehte sich zu ihnen um. »Geht das mit ihr?«
   Ihr Aufpasser nickte und senkte den Kopf. »Hey, wenn wir gleich anhalten, werde ich deinen Arm auf den Rücken drehen«, sagte er leise, beinahe vorsichtig, als wollte er vermeiden, sie zu erschrecken. »Wir müssen sicher sein, dass du keinen Ärger machst. Hab keine Angst, okay?«
   Als das Geräusch des Blinkers erklang und der Van langsamer wurde, wehrte sich Lena nicht, als ihr Arm auf den Rücken verdreht wurde. An der Wange fühlte sie seine Hand, die sich sicher bei jedem Versuch eines Schreis sofort über ihren Mund, oder schlimmer über den Hals, pressen würde. Das Herz klopfte laut, aber sie wagte nicht, sich zu bewegen.
   Endlos lange standen sie. Einer hatte ihr eine Jacke über den Körper und halb über das Gesicht gelegt. Von außen musste es so aussehen, als würde eine Frau auf dem Schoß ihres Mannes schlafen.
   Vorn ging die Tür auf. »Soll ich noch was mitbringen?«
   Der Mann, auf dessen Schoß ihr Kopf lag, strich ihr über die Wange. »Hast du Hunger, willst du was trinken?«
   Lena presste den Mund zusammen, allerdings überwog der Durst, der sie quälte, seitdem man ihr diesen Knebel verpasst hatte. »Wasser«, flüsterte sie kaum hörbar.
   »Okay«, sagte er leise. »Bring Mineralwasser mit.« Er räusperte sich. »Tut mir leid. Wir hätten eher drauf kommen können, dass du Durst haben musst. Du warst laufen, bevor wir uns getroffen haben. Oder?«
   Lena presste die Lippen zusammen. Sie würde bestimmt keinen lockeren Small Talk mit ihrem Entführer anfangen.
   Als das Auto losfuhr, holte er den Arm aus der unbequemen Position hinter dem Rücken hervor.
   Kurze Zeit später wurde der Blinker gesetzt. »Da hinten ist ein Wald, da können wir rein, ohne gesehen zu werden.«
   Die Alarmglocken schrillten los, das Herz begann wild zu klopfen.
   Das Auto wurde langsamer. Lena spürte an den Bewegungen, dass sie einen holprigen Weg entlangfuhren. Kein Lichtschimmer war zu sehen. Mit ihrer Selbstbeherrschung war es vorbei. Sie bäumte sich auf, Tränen schossen in die Augen, mit den Füßen trat sie ins Leere.
   Ihr panischer Wutanfall war völlig sinnlos. Mühelos packte er die Handgelenke und umarmte sie fest. Erneut war sie vollständig wehrlos.
   »Was hat sie plötzlich?«, fragte einer der Männer.
   »Was sie hat?«, antwortete ihr Aufpasser deutlich sarkastisch. »Was denkst du denn? Sie wurde von fünf Männern entführt, die gerade in einen einsamen dunklen Wald mit ihr fahren. Und du fragst, was sie hat?«
   »Stimmt, sie kennt uns ja nicht. O Mann, die Arme.«
   Das Auto hielt an, der Motor ging aus, die Türen wurden geöffnet. Einer zog die vordere Sitzbank nach vorn. Lena fühlte, wie sie geschoben und zum Aussteigen gezwungen wurde. Sie hatte während der gesamten Fahrt mit angewinkelten Beinen gelegen und konnte im ersten Moment kaum stehen.
   Ihr Entführer hielt sie und wartete, bis sie sich gefangen hatte. »Kann ich dich loslassen, ohne dass du einen wilden Anfall bekommst? Du hast sowieso keine Chance gegen uns fünf. Außerdem will dir niemand etwas antun, deshalb wäre es für alle einfacher, wenn du ruhig bleibst.«
   Sie schluckte und versuchte, sich zu beherrschen. Dann nickte sie. Der Griff um ihren Körper lockerte sich, die Hände wurden losgelassen. Ein Mann reichte ihr eine Flasche Wasser. Sie versuchte, den Verschluss zu öffnen, doch die Hände zitterten so sehr, dass sie keine Kraft aufbringen konnte. Er nahm ihr die Flasche ab, öffnete sie und gab sie ihr zurück. Gierig begann sie zu trinken. Schlagartig fühlte sie sich besser.
   Sie hatte im Rücken das Auto, fünf Männer standen vor ihr. An Flucht brauchte sie nicht mal denken. Lena trank und betrachtete misstrauisch die Gestalten vor sich.
   Zwei waren kleiner, die anderen drei deutlich größer als sie. Alle waren dunkel gekleidet, lässig in Jeans, Turnschuhen und Sweatshirts oder Hemden. Lena versuchte, jeglichen Blickkontakt zu vermeiden. Ihr Blick huschte nur kurz von einem zum anderen. Zwei wirkten, als wären sie gerade erst volljährig geworden, einen schätzte sie auf vierzig, die anderen eher um die dreißig Jahre alt.
   Unerwartet stupste sie einer der Jüngeren locker am Arm an. »Nun guck nicht so ängstlich. Wir sind wirklich völlig harmlos.«
   Lena blickte kurz auf und sah in ein freundliches, offenes Gesicht. Der Junge hatte etwas längere Haare und keine wirkliche Frisur. Er sah überhaupt nicht wie ein gefährlicher Verbrecher aus.
   Zaghaft versuchte sie, in den Gesichtern der anderen zu erkennen, was sie zu erwarten hatte. Der zweite Jüngere trug eine Brille und sah aus, als ob er gerade aus der Schule käme. Er wirkte ebenfalls eher harmlos. Die anderen dagegen waren schwer einzuschätzen. Neben ihr stand der Fahrer mit einem verschlossenen, grimmigen Gesicht. Er hatte die langen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ein dichter Bart verdeckte die Gesichtszüge. Der Mann daneben hatte sie die ganze Zeit festgehalten. Sie musterte ihn verstohlen. Er war ungefähr zwanzig Zentimeter größer als sie, wirkte schlank, muskulös und sportlich. Er hatte kurze dunkelblonde Haare, die aussahen, als hätte er sich nach dem Duschen nicht gekämmt. Sein Gesicht wirkte freundlich, entspannt und sympathisch, was Lena erst recht misstrauisch machte. Schließlich hatte er sie während der gesamten Zeit in seiner Gewalt gehabt, ihr ohne zu zögern wehgetan, um sie zu beherrschen. Er schien der Anführer zu sein, die anderen hörten auf seine Meinung und Anweisungen. Den fünften konnte sie kaum sehen, da er abseits stand und sich mit einem Handy beschäftigte.
   Sie tranken etwas, einer reichte Kekse herum, nacheinander verschwanden sie kurz im Wald, um sich zu erleichtern, und redeten miteinander, als wäre Lena nicht dabei.
   »Wie lange brauchen wir noch?«
   »Schätze, so drei Stunden.«
   »Wer hat den Schlüssel von der Hütte?«
   »Er liegt im Holzschuppen versteckt.«
   »Haben die anderen sich schon gemeldet?«
   »Eine SMS kam aus Berlin, sonst noch nichts.«
   »Okay, Jungs, wollen wir weiter?«
   »Musst du auch noch mal?« Ihr Aufpasser zeigte mit dem Kopf Richtung Wald.
   Lena nickte zögernd. Natürlich hatte sie nach den vielen Stunden im Auto das Bedürfnis, sich zu erleichtern, aber die Typen würden sie bestimmt nicht allein in den Wald laufen lassen. Sie konnte sich nicht vorstellen, die Hosen runterzulassen, wenn einer von denen dabei wäre.
   »Okay.« Er sah sich um und führte sie ein paar Schritte ins Gehölz hinter einen Baum. »Versuch nicht abzuhauen, ich bin gut im Training.«
   Sie biss die Zähne zusammen und trat hinter den Baum, um vor seinem Blick geschützt zu sein. Er hatte den Platz sinnvoll ausgewählt. Lena stand umrandet von dichtem Gebüsch, durch das man unmöglich flüchten konnte. Als sie fertig war, ging sie den einzigen Weg zurück zu ihm.
   Beim Auto angekommen, stieg er ein und zog sie mit sich. »Leg dich hin.«
   Sie zögerte, doch er fasste sie an den Armen und drückte sie runter. »Tut mir leid, aber sitzen geht nicht. Ich will nicht, dass du siehst, wohin wir fahren.«
   Lena wehrte sich nicht. Es ging ihr besser, nachdem sie im einsamen Wald nicht vergewaltigt und umgebracht worden war, sondern unversehrt im Auto mitgenommen wurde.

Kapitel 4

Erneut fuhren sie endlos auf der Autobahn.
   Lena schreckte auf. Sie war tatsächlich eingeschlafen.
   Der Griff an ihrem Handgelenk wurde fester. »Du kannst ruhig schlafen, keine Angst. Wir werden dir alles erklären. Dir wird nichts passieren, du musst allerdings eine Weile bei uns bleiben.«
   Irgendetwas in ihr reagierte auf diese verdammt freundliche und beruhigende Stimme. Lena wollte ihr glauben. Das machte sie erst recht wütend und misstrauisch. Mit aller Kraft versuchte sie, die Augen offen zu halten. Langsam tat ihr jeder Knochen weh. Sie hätte sich gern umgedreht und ausgestreckt.
   »Du hast es bald geschafft. Noch ein paar Kilometer, dann sind wir da.«
   Konnte dieser Typ Gedanken lesen? Erneut lag seine Hand in dieser vertrauten Geste auf ihrem Haar, als wären sie ein Paar. Alles in ihr verkrampfte sich, während dieser Fremde sie anfasste. Gleichzeitig konnte sie sich nicht dagegen wehren, dass sie die Berührung als angenehm empfand.
   Der Wagen fuhr von der Autobahn und weitere Kilometer auf Landstraßen. Schließlich ging es langsam über einen unbefestigten Weg. Anscheinend waren sie an ihrem Ziel angekommen. Der Motor ging aus, die Türen öffneten sich. Froh, sich strecken zu können, kletterte Lena dankbar aus dem Auto. Sie standen vor einem großen, soliden Blockhaus mitten im Wald. Es dämmerte schon, sie waren also die ganze Nacht durchgefahren. Lena hatte vollkommen die Orientierung verloren. Sie hätte nicht sagen können, in welche Himmelsrichtung sie aus Hamburg hinausgefahren waren und wie viele Stunden tatsächlich vergangen waren.
   Ihr Aufpasser blieb hinter ihr. Er legte locker einen Arm um ihre Schulter und zog sie mit in Richtung der Eingangstür, die von einem der anderen Männer aufgeschlossen wurde. Einen Moment lang wollte sie sich sträuben, doch sie verstand inzwischen, dass sie keine Chance hatte, und ließ sich mitziehen.
   Licht ging an, als sie das Haus betraten. Lena blinzelte, damit sich die Augen an die Helligkeit gewöhnen konnten.
   Er führte sie ein paar Schritte weiter, bis sie in einem großen Raum standen, von dem mehrere Türen abgingen. Vor einem Kamin befand sich eine gemütliche Sitzgruppe aus gegerbtem braunem Leder. Auf der anderen Seite des Raumes stand ein Esstisch mit sechs Stühlen. Einige kleine Schränke und Regale waren im Zimmer verteilt, an den Wänden hingen Bilder, billige Kunstdrucke. Es war ein typisches Ferienhaus, groß genug für eine Familie mit mehreren Kindern.
   Die Männer sahen in alle Räume und verteilten anscheinend die Schlafplätze unter sich. Lenas Aufpasser schien eher zu überlegen, was er mit ihr anfangen sollte. Schließlich führte er sie zu einem Sessel vor dem Kamin. »Setz dich erst mal hin. Wir werden später sehen, wo du schlafen kannst.«
   Lena gehorchte und sah zu, wie die Männer begannen, Koffer und Kisten aus dem Auto hereinzutragen. Keiner schien sie zu beachten. War der richtige Moment für einen Fluchtversuch gekommen?
   Sie sah sich um und entdeckte neben dem Sessel das Kaminbesteck, lange solide Eisenwerkzeuge, die man brauchte, um das Feuer in Gang zu halten. Ein Griff, und sie könnte ein Werkzeug in der Hand halten, um sich damit zu verteidigen. Ihr Herz begann wild zu klopfen. Diese Chance durfte sie sich nicht entgehen lassen. Womöglich war es die einzige, diesem Albtraum zu entkommen. Die Tür nach draußen war offen, keiner schien sie zu beachten. Der Moment war günstig. Lena sprang auf, griff nach dem Schürhaken und lief zur Tür.
   »Hey!«
   Im Laufen holte sie mit dem Eisen aus, um den Verfolger abzuwehren. Sie erreichte die offene Tür, doch von draußen kam ein Mann herein, griff nach ihrem Arm und schleuderte sie in den Raum zurück. Sie taumelte, konnte sich dennoch fangen und hielt das Eisen in Verteidigungsbereitschaft vor sich. Erneut drehte sie sich zur Tür. Sie standen inzwischen zu dritt da. Sie fühlte sich wie ein in die Enge getriebenes Tier. Ängstlich sah sie sich um, trat einen Schritt rückwärts und stieß mit dem Rücken gegen die Wand.
   Ihr Fluchtversuch war gescheitert, der Weg nach draußen abgeschnitten. Unvermittelt hatte sie nur noch Angst um ihr Leben. Sie hielt das Eisen zum Schlag bereit in der Hand und starrte die Männer an.
   »Hör auf damit, leg das Ding weg.«
   Ihr Aufpasser machte mit der Hand eine besänftigende Geste. Er schien keine Angst zu haben, dass sie ihn mit dem Eisenhaken ins Gesicht schlagen könnte.
   Sie starrte ihn an und holte aus, doch er rührte sich nicht.
   Stattdessen hob er langsam die Hand. »Du willst niemanden verletzen, genauso wenig, wie wir dir etwas tun wollen. Also gib mir dieses Teil.«
   »Bleib weg, lass mich durch!« Lena umklammerte das Eisen mit aller Kraft.
   Blitzschnell trat er einen Schritt auf sie zu. Bevor sie ausholen und zuschlagen konnte, fühlte sie seinen festen Griff an ihrem Handgelenk. Er drückte mühelos ihren Arm nach unten, nahm ihr mit der anderen Hand das Eisen ab und legte es beiseite. Lena hatte keine Chance gegen ihn.
   Er fasste sie an der Schulter, schob sie durch eine der Türen in ein Schlafzimmer mit großem Doppelbett, drückte sie bäuchlings auf die Matratze und zog ihre Hände auf den Rücken. »Nicht zappeln, ich will dir nichts tun.« Er drehte sich zu den anderen um. »Irgendwo in der Küche habe ich Paketband gesehen. Holt das.«
   Kurz darauf wurden ihre Hände auf dem Rücken gefesselt und die Füße mit Klebeband umwickelt. Lena lag wehrlos und hilflos da.
   »Tut mir leid. Bevor es allerdings Verletzte oder Schlimmeres gibt, musst du es eine Weile so aushalten.« Er strich ihr fast mitleidig über die Haare.
   Das Licht ging aus und die Tür wurde geschlossen. Lena war allein. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie begann, hemmungslos zu weinen.

Kapitel 5

Lena wusste nicht, wie lange sie so lag. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Der Kopf brummte, sie fror und konnte nicht mehr klar denken. Irgendwann fiel sie in einen unruhigen Halbschlaf. Erschrocken zuckte sie zusammen, als sich die Tür öffnete. Sie schlug die Augen auf. Draußen war es hell. Sie wagte nicht, sich zu bewegen. Schritte kamen näher. Die Matratze senkte sich neben ihr. Sofort begann ihr Herz wild zu schlagen. Als das Klebeband an den Füßen und Händen gelöst wurde, atmete sie auf. Langsam bewegte sie die Arme nach vorn. Alle Muskeln schmerzten von der langen starren Haltung, abermals schossen Tränen in ihre Augen.
   Vorsichtig drehte sie sich um und wollte sich aufrichten. Vor ihr saß der Anführer, ihr Aufpasser, der sie überwältigt und gefesselt hatte. Instinktiv wollte sie so weit wie möglich Abstand halten. Sie schob sich rückwärts gegen das Kopfende des Bettes und zog die Beine an.
   »Du brauchst keine Angst zu haben.«
   Sie wischte sich mit einer Hand die Tränen aus den Augen und sah ihn abwartend an.
   Er hielt einen Becher in der Hand, den er ihr entgegenstreckte. »Ich habe dir Kaffee mitgebracht. Möchtest du?«
   Sie zögerte, konnte allerdings dem Geruch des dampfenden Getränkes nicht widerstehen. Langsam nahm sie ihm die Tasse ab und trank vorsichtig einen Schluck.
   »Er ist schwarz, Milch und Zucker gibt es leider nicht. Wir müssen erst einkaufen. Ich hoffe, er schmeckt dir trotzdem.« Einen Moment sah er sie fragend an. Als sie nicht reagierte, stand er auf, öffnete einen Koffer und die Türen des Schrankes und begann auszupacken. Er beachtete sie nicht.
   Während sie Schluck für Schluck trank, beobachtete sie, wie er die Kleidungsstücke in die Schrankfächer sortierte. Im hellen Tageslicht wirkte er weniger groß und bedrohlich als in der Dunkelheit. Er hatte glatte Haut, sah frisch rasiert aus und roch nach Aftershave. Die Haare waren nicht ganz trocken und ungekämmt, anscheinend hatte er geduscht. Er trug Jeans und Turnschuhe, ein weißes T-Shirt und darüber lässig offen ein blaues Hemd mit halb aufgekrempelten Ärmeln. Er hatte einen durchtrainierten, muskulösen Körper. Kein Wunder, dass er sie mühelos entwaffnet hatte. Die vielen Lachfalten schienen darauf hinzudeuten, dass er ein fröhlicher Mensch war. Das konnte sich Lena im Moment überhaupt nicht vorstellen. Im Gegenteil, es irritierte sie und war ihr unheimlich, dass sein Verhalten und sein Aussehen nicht zusammenpassten.
   Der Kaffee tat ihr gut. Ihre Lebensgeister kehrten allmählich zurück, was ihr Misstrauen gegen ihn keinesfalls abschwächen konnte.
   Als er mit Auspacken fertig war, drehte er sich zu ihr um. »Na, besser?«
   Sie brachte es nicht über sich, ihm zu antworten. Wie ein verschrecktes Tier saß sie da, hielt den Kopf gesenkt und traute sich nicht, in sein Gesicht zu sehen.
   Er setzte sich an den Bettrand und musterte sie besorgt. »Jetzt hast du erst recht Angst, oder?«
   Sie presste die Lippen zusammen und zuckte zurück, als er die Hand auf ihren Arm legen wollte.
   »Ich musste das tun, denn ich will weder, dass dir noch uns etwas passiert. Einsperren konnte ich dich leider nicht, weil die Türen keine Schlösser haben. Die Fenster sind ebenfalls nicht dazu geeignet, jemanden aufzuhalten. Da bleiben nur solche unangenehmen Zwangsmaßnahmen.« Er machte eine Pause und schien auf eine Reaktion zu warten. »Bitte greife uns nicht nochmals an. Ich möchte nicht so mit dir umgehen müssen.«
   Lena reagierte nicht. Die Situation war für sie nicht greifbar. Sie hatte Angst, konnte nicht rational und normal denken.
   Er sah sie mitleidig und schuldbewusst an, schien allerdings zu verstehen, dass sie im Augenblick nicht anders reagieren konnte. »Möchtest du frühstücken? Oder duschen?«
   Der Gedanke an eine heiße Dusche war zu verlockend. Lena schluckte und räusperte sich. »Duschen«, flüsterte sie.
   Er lächelte und schien erleichtert, dass sie auf seine Frage reagierte. »Okay. Duschen wird dir guttun.« Er stand auf, öffnete den Schrank und suchte einen Jogginganzug heraus, den er lässig auf das Bett warf. »Hier, den kannst du anziehen. Heute Nachmittag besorgen wir dir neue Klamotten.« Er öffnete die Zimmertür. »Komm.«
   Sie stand langsam auf, griff nach dem Jogginganzug und folgte ihm in den großen zentralen Wohnraum. Erstaunt blickte sich Lena um. Inzwischen standen auf jedem verfügbaren Tisch Computer mit Bildschirmen und Tastaturen oder Laptops. Damit hatte sie nicht gerechnet. Aus der Küche waren Stimmen zu hören.
   Er führte sie zum Badezimmer und öffnete die Tür, trat ein und holte aus einem Regal ein großes Handtuch.
   Lena stockte. Erwartete er, dass sie sich vor ihm ausziehen würde?
   Er sah sie an und schien ihre Gedanken zu lesen. »Keine Angst, ich lasse dich allein. Versuch nicht, aus dem Fenster zu klettern. Draußen wird jemand aufpassen. Verstanden?«
   Sie nickte.
   Er legte das Handtuch auf das Waschbecken, schob sich an ihr vorbei aus dem Raum und ließ sie eintreten. »Komm nachher in die Küche zum Frühstücken.« Er lächelte ihr zu und schloss die Tür.
   Lena zögerte. Ein Blick zur Tür zeigte, dass es keinen Schlüssel gab. Wenn sie sich auszog, die Toilette benutzte, was sie inzwischen dringend tun musste, und sich unter die Dusche stellte, konnte jederzeit jemand die Tür öffnen und hereinkommen. Der Gedanke gefiel ihr nicht, aber da sie keine Wahl hatte, entschied sie sich, es zu wagen. Als sie schließlich unter dem heißen Wasserstrahl stand, war sie froh und genoss es aus ganzem Herzen. Ihre Muskeln entspannten sich langsam, die Gelenkschmerzen ließen nach. Am Rand der Wanne fand sie Duschgel. Es duftete nach einem typischen herben Männerparfüm. Unwillkürlich musste Lena kichern, denn sie erinnerte sich an Nicoles Anweisung, sich im Urlaub mit Männern zu umgeben. Das immerhin hatte sie getan … wenn auch anders als geplant.
   Am liebsten hätte sie die Zeit angehalten, um nicht aus der Dusche kommen zu müssen. Sie wusste jedoch, dass sie nicht ewig in diesem Badezimmer bleiben konnte, sondern sich erneut den Männern stellen musste.
   Seufzend drehte sie das Wasser ab und wickelte sich in das Handtuch. Es kostete sie Überwindung, die fremde Kleidung anzuziehen, aber in die alten verschwitzten Sachen wollte sie nicht mehr hinein. Sie überwand sich, kam sich allerdings in seinen viel zu großen Sachen albern vor.
   Zaghaft öffnete sie die Tür. Der Wohnraum war leer. Eine Sekunde lang überlegte sie, zur Haustür zu laufen, doch dann sagte ihr Verstand, dass diese garantiert abgeschlossen war. Mit einem solchen Versuch würde sie herausfordern, sich anschließend erneut verknotet wie ein Paket wiederzufinden. Tief durchatmend ging sie den Stimmen nach in die Küche. Zögernd betrat sie den Raum und sah sich um.
   Am Tisch saß der ältere Mann, der in der Nacht so grimmig und angsterregend ausgesehen hatte. Neben ihm erkannte sie den Jüngeren, der bereits im Wald versucht hatte, ihr die Angst zu nehmen. An die Spüle gelehnt stand er, ihr Aufpasser.
   Alle sahen auf, als sie reinkam. Der nette Typ lächelte freundlich. »Hi, guten Morgen! Setz dich zu uns.« Er zeigte auf den Platz gegenüber am Tisch.
   Zögernd zog Lena den Stuhl vor und setzte sich unsicher auf die Kante.
   »Na los, greif zu«, forderte er sie auf.
   Sie schüttelte den Kopf. Essen konnte sie nicht, dafür war ihr die Situation zu unheimlich.
   Nun lächelte der andere sie ebenfalls freundlich an. »Mein Name ist Hermann, der Jüngling heißt Jens und das da …«, er zeigte mit dem Kopf in Richtung Spüle, »ist Tom. Eigentlich sind wir zivilisierte Menschen, vor denen man keine Angst haben muss.«
   Lena sah zurückhaltend von einem zum anderen. Einen Moment blieb es still, als warteten die Männer auf eine Reaktion von ihr.
   »Hast du auch einen Namen?«, fragte Hermann.
   Bevor Lena antworten konnte, ging die Haustür auf. Die Letzten der Gruppe kamen herein.
   »Das sind Julian und Stefan«, beendete Tom die Vorstellungsrunde.
   Die Angesprochenen nickten Lena zu.
   Jeder sah sie erwartungsvoll an. Am liebsten hätte sie sich in einem Mauseloch versteckt.
   »Lasst ihr etwas Zeit, Jungs.« Tom stellte ihr einen gefüllten Kaffeebecher hin.
   Die Männer ließen sie in Ruhe, sodass sie Zeit hatte, die Gedanken zu ordnen.
   Sie nippte am Kaffee, beobachtete und hörte zu, was geredet wurde. Mit der Zeit verlor die Situation ihren bedrohlichen Charakter. Bei Tageslicht, frisch geduscht und mit einem Becher Kaffee in der Hand, sah die Welt weitaus freundlicher aus als in der Nacht. Der Schock, so unvermittelt auf diese Art aus ihrem Leben gerissen worden zu sein, rückte in den Hintergrund. Lena gewann allmählich ihre Selbstsicherheit zurück.
   Jens schien zu merken, dass sie sich beruhigte. »Siehst du, wir sind ganz normal, oder?«
   Lena sah einen Moment in sein freundliches Gesicht. »Wenn ihr normal wärt, würdet ihr mich hier nicht festhalten.«
   Hermann grinste. »Es geht ihr wieder gut, Gott sei Dank.«
   »Es wäre bedeutend intelligenter, mich sofort laufen zu lassen«, fuhr Lena fort. »Ich werde längst von meinem Mann vermisst, mein Bruder arbeitet bei der Polizei. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man mich findet.«
   »Die Hoffnung brauchst du dir nicht zu machen, hier findet dich niemand.« Tom sah sie gelassen an. »Du brauchst trotzdem keine Angst zu haben. Wir lassen dich laufen, sobald du uns nicht mehr gefährlich werden kannst.«
   Lena biss die Zähne zusammen.
   Im Wohnzimmer klingelte ein Handy. Die Männer sprangen auf und liefen hinüber. »Es geht los.«
   Irritiert sah sie ihnen nach.
   Tom setzte sich ungerührt ihr gegenüber. Lena rutschte auf dem Stuhl hin und her. Die anderen Männer konnte sie langsam einschätzen, sie verlor ihre Angst. Tom, mit seiner verfluchten Gelassenheit, Freundlichkeit und dem Schmerz, den er ihr zugefügt hatte, war ihr unheimlich. Er verunsicherte sie.
   »Was hast du da mitten in der Nacht gesucht?«
   Lena schwieg. Sie hatte nicht vor, ihm zu antworten.
   »Okay. Ich erzähle dir erst mal von uns. Wir sind keine gewöhnlichen Einbrecher. Diese Aktion ist politisch motiviert. Wir gehören zu einer internationalen Organisation, die sich für Datensicherheit im Internet einsetzt. Die Firma Laemex verkauft Software, in die standardmäßig Spionageprogramme versteckt werden. Die Informationen, die diese Firma dadurch bekommt, verkauft sie an Geheimdienste und andere Firmen. Als wir gestern Abend in Hamburg eingebrochen sind, fanden zeitgleich ähnliche Aktionen in mehreren anderen Städten in Europa und den USA statt. Wir mussten an die Rechner der Firmen ran. Es blieb uns nichts anderes übrig, als dich mitzunehmen. Wir halten dich hier fest, weil du sonst die ganze Aktion und sehr viele andere Menschen in Gefahr bringen würdest.«
   Lena reagierte nicht.
   »Es geht nicht um die Gefahr, beim Einbruch erwischt zu werden, sondern um Menschenleben. Die Daten-Mafia schreckt vor nichts zurück, um ihre Methoden geheim zu halten. Wir haben uns hier versteckt, um die Datenströme dieser Firma über mehrere Wochen hindurch aufzuzeichnen und mit denen der anderen Gruppen zu vergleichen. Mit diesen Beweisen werden wir an die Öffentlichkeit gehen. So lange musst du bei uns bleiben. Die anderen aus der Gruppe werden anschließend ins Ausland verschwinden. Ich werde mit dir zur Polizei fahren und mich als Verantwortlicher dieser Aktion stellen. Dir passiert nichts.«
   Das alles hörte sich völlig unrealistisch an. Es erinnerte Lena an einen James-Bond-Film. Sie überlegte krampfhaft, ob das, was er sagte, plausibel sein könnte. »Der Einbruch wäre auf jeden Fall bemerkt worden, auch wenn ich nicht dazwischengekommen wäre.«
   »Nein, wir haben keine Scheiben eingeworfen, keine Türen aufgebrochen und nichts gestohlen. Einer von uns hat sich in die Firma eingeschlichen und uns Zugang verschafft. Wir waren an den Hauptrechnern im Keller. Nichts deutet darauf hin, dass wir in diesem Gebäude gewesen sind. Diese Aktion wurde ziemlich lange vorbereitet. Sie darf nicht scheitern.«
   Er legte eine Hand auf ihren Arm. Sie wollte zurückzucken, doch er hielt sie fest. »Hör genau zu. Niemand will dir etwas tun, auch ich nicht. Allerdings bin ich hier verantwortlich, die Aktion darf nicht deinetwegen scheitern. Deswegen werde ich wie gestern mit dir umgehen, wenn du versuchst, das zu gefährden. Hast du verstanden?« Er sah sie eindringlich an.
   Als Lena nickte, ließ er sie los. Einen Moment saßen sie sich schweigend gegenüber.
   Tom betrachtete aufmerksam ihr Gesicht, als wollte er herausfinden, wie seine Erklärung von ihr aufgenommen worden war. »Willst du mir jetzt sagen, wie du heißt? Es wäre praktischer, wenn wir wissen, wie wir dich ansprechen sollen.«
   »Lena.«
   Er nickte. »Freut mich, dich kennenzulernen, Lena. Was hast du mitten in der Nacht in den Räumen der Firma Laemex zu tun gehabt?«
   »Ich bin da Putzfrau.«
   Er sah sie regungslos an, sagte jedoch nichts.
   Lena fragte sich, ob er ihr glaubte.

Kapitel 6

Der Tag kam ihr irreal vor. Nach dem Gespräch in der Küche hatte Tom ihr einen Platz auf der Couch im Wohnraum zugewiesen. Sie solle es sich mit den Zeitschriften, die herumliegen, gemütlich machen. Während die Männer an den Computern saßen, zwischendurch rausgingen oder aus der Küche Kaffee holten, verbrachte sie die Stunden damit, sich in ihrer neuen Lage zurechtzufinden. Tom hatte sie angewiesen, sich nur zwischen den anderen aufzuhalten. Den Männern hatte er gesagt, dass sie ein Auge auf sie haben sollten.
   Alle waren mehr oder weniger freundlich zu ihr, brachten ihr Kaffee, redeten den einen oder anderen netten Satz übers Wetter oder andere Nebensächlichkeiten. Es war beinahe wie ein Besuch bei Freunden, obwohl sie eine Gefangene von Verbrechern blieb.
   Lena war nach der anstrengenden Nacht müde und fühlte sich überfordert. Sie musste misstrauisch bleiben. Diese Geschichte über die Daten-Mafia konnte sie nicht glauben. In den langen Stunden dieses ersten Tages in Gefangenschaft grübelte sie immerzu darüber nach, wie es weitergehen würde. Sicher hatte Tom sie angelogen. Er würde nicht mit ihr zur Polizei fahren und sich stellen. Wahrscheinlich wollte er sie damit lediglich beruhigen. Nein. Die Männer konnten sie nicht laufen lassen, denn sie wusste zu viel. Sie konnte alle beschreiben und kannte ihre Vornamen. Herzklopfen bereitete ihr die Erkenntnis, dass niemand sie vermisste, da jeder dachte, sie wäre für drei Wochen auf Teneriffa. Sie hatte auch noch überall laut herumerzählt, dass sie das Handy den Urlaub über ausgestellt lassen würde, um Ruhe zu haben. Ihre Entführung würde definitiv erst nach dem Urlaub auffallen, wenn sie nicht zur Arbeit erscheinen würde. Vorher hatte niemand einen Grund, nach ihr zu suchen. Wenn sie aus dieser Sache heil herauskommen wollte, musste sie gefügig und kooperativ erscheinen, bis die Männer nachlässiger werden würden. Nur dann hatte sie die Chance zur Flucht.
   Sie beobachtete die Gruppe. Jens und Stefan waren anscheinend tatsächlich Computerfreaks wie aus dem Bilderbuch. Sie schienen harmlos und gutmütig zu sein. Stefan grinste sie immerzu wie ein kleiner Bruder an, Jens schien schüchtern und introvertiert zu sein. Anscheinend beschäftigte er sich lieber mit Computern als mit Menschen. Lena fürchtete sich vor ihnen nicht. Schwer einzuschätzen waren die anderen drei. Sie verhielten sich zurückhaltend ihr gegenüber und redeten nicht viel. Hermann lächelte ab und zu ermunternd, fast väterlich, zu ihr herüber. Er machte auf Lena inzwischen einen gutmütigen, friedlichen Eindruck, nachdem sie in der Nacht sein Gesicht als grimmig und böse empfunden hatte. Überhaupt nicht einschätzen konnte sie Julian, der sie abweisend ansah und einen arroganten Eindruck machte. Julian hatte kurze blonde Haare, einen trainierten Körper wie ein Sportler und wirkte gepflegt. Er erinnerte sie an junge und ehrgeizige Karrieretypen, die sie von der Arbeit kannte. Unheimlich war ihr Tom, ihr Aufpasser, der offen gedroht hatte, ihr erneut wehzutun, wenn sie es wagen sollte, einen Fluchtversuch zu unternehmen. Sie zweifelte keine Sekunde daran, dass er die Drohung ohne Rücksicht auf ihre Gefühle wahr machen würde, wenn sie ihm den geringsten Anlass gäbe.
   Während sie, ohne zu lesen, in einer Zeitschrift blätterte und über genau diese Tatsache nachdachte, setzte ausgerechnet er sich zu ihr.
   »Achtunddreißig?«, fragte er.
   Irritiert sah sie ihn an.
   »Ich meine deine Kleidergröße. Ist achtunddreißig richtig?«
   Sie nickte.
   »Brauchst du sonst irgendwas Besonderes? Nimmst du Medikamente?«
   Lena schüttelte den Kopf.
   »Und essen? Was magst du gern, was gar nicht? Hast du Allergien?«
   Erneut schüttelte Lena den Kopf.
   »Hey, das waren Fragen, die man nicht mit Kopfschütteln oder Nicken beantworten kann.«
   »Ich habe keine Allergien.«
   »Aber du hast Vorlieben?«
   »Ich habe erst wieder Appetit, wenn das vorbei ist.«
   Er lachte. »Blödsinn.« Aufmerksam musterte er sie. »Schokolade?«
   Unwillig runzelte Lena die Stirn und schüttelte den Kopf.
   »Ich wette, du liebst Schokolade. Gib es zu.« Spitzbübisch wie ein kleiner Junge lachte er sie an.
   Sie konnte nicht anders. Ihre Lippen verzogen sich verräterisch, doch schnell hatte sie sich unter Kontrolle und biss fest die Zähne zusammen.

Kapitel 7

Als es dunkel wurde, deckten die Männer in der Küche den Tisch und forderten sie auf, mit ihnen zu essen.
   Lena hatte den Tag damit verbracht, auf der Couch zu sitzen, sich bei jeder Bewegung beobachtet zu fühlen und ab und zu die Toilette aufzusuchen, nicht ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Daraufhin hatte sich stets einer der Männer vor dem Fenster als Wache postiert. Sie war erschöpft vom Nichtstun und der ständigen misstrauischen Anspannung unter den Augen dieser fremden Männer. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als sich irgendwo allein vor der Welt zu verkriechen.
   »Willst du nichts essen?« Jens stand in der Küchentür und rief sie bereits zum zweiten Mal.
   »Ich habe keinen Hunger.« Sie saß mit angezogenen Beinen auf der Sofaecke und starrte vor sich auf den Boden.
   Leise redeten die Männer in der Küche miteinander. Nach dem Essen kehrten sie in den Wohnraum zurück.
   Tom setzte sich neben sie. »Warum willst du nichts essen?«
   »Ich habe keinen Hunger.«
   Er sah auf die ungeöffnete Schokolade, die er ihr am Nachmittag mit einem Augenzwinkern auf den Tisch gelegt hatte. »Du hast den ganzen Tag nichts gegessen, du musst Hunger haben.«
   Sie schüttelte den Kopf und hoffte inständig, er möge sie in Ruhe lassen. Doch den Gefallen tat er ihr nicht.
   Er fasste sie am Arm und zog sie hoch. »Komm mit.«
   Widerwillig folgte sie ihm in die Küche und widersetzte sich nicht, als er sie an den Schultern fasste und auf einen Stuhl drückte.
   Er zeigte auf den Tisch. »Es sind alles leckere Sachen.«
   Lena sah nicht hin, sondern schüttelte den Kopf. »Ich möchte nicht, bitte.«
   Beinahe liebevoll strich er über ihre Oberarme. »Wenn du jetzt nichts isst, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil du weiterhin Angst hast. Ich möchte kein schlechtes Gewissen haben müssen.«
   »Ich habe keinen Hunger. Ich bin müde. Bitte, ich möchte einfach nur schlafen.«
   »Nachdem du ein wenig gegessen hast, kannst du schlafen. Versprochen.« Er griff nach einer Scheibe Brot, legte sie vor ihr auf den Teller, nahm das Messer und strich Butter drauf, als ob er für ein Kind sorgen würde. »Käse oder Wurst?«
   Resigniert seufzte Lena. »Käse. Ich bin Vegetarier, aber ich möchte wirklich nichts essen.«
   »Sie ist Vegetarier!«, rief er in gespielter Entrüstung aus. »Hey, hättest du das nicht sagen können, als ich dich vor dem Einkaufen gefragt habe?«
   Lena antwortete nicht. Mit schmalen Lippen saß sie da und wünschte sich sehnlichst, der Situation entfliehen zu können.
   Kopfschüttelnd legte er eine Scheibe Käse auf das Brot und schnitt es in kleine Vierecke. »So. Greif zu.«
   »O Mann, rede ich kein Deutsch? Ich möchte nicht.« Seine Hartnäckigkeit, ihre Machtlosigkeit und seine bedrohliche Nähe hinter ihrem Rücken machten sie wütend.
   Demonstrativ beugte er sich über ihre Schulter und legte die Hände rechts und links neben ihr auf die Tischplatte. »Ich lasse dich erst aufstehen, wenn du gegessen hast«, sagte er dicht an ihrem Ohr.
   Als sie zögerte, nahm er ein Stück und hielt es an ihren Mund. Sie versuchte, ihn abzuwehren, doch er ließ sich nicht beirren. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als den Mund zu öffnen. Widerwillig biss sie ab und begann zu kauen.
   »Soll ich dich weiterfüttern?«
   »Nein!« Um ihn endlich loszuwerden, nahm sie das nächste Stück Brot.
   »Na also. Es geht doch.« Es setzte sich neben sie und sah ihr zu.
   Nachdem Lena das erste Stück Brot hinuntergeschluckt hatte, merkte sie, dass sie tatsächlich Hunger hatte. Sie aß den Teller leer.
   »Siehst du. War doch ganz gut, die Idee. Oder?«
   Sie warf ihm einen schrägen Blick zu. »Hast du Kinder?«
   Er grinste. »Nein, aber meine Schwester. Da konnte ich viel üben.«
   Irgendwie machte ihn diese Aussage menschlicher. Lena verlor ein wenig ihre Scheu.

*

Tom hielt sein Versprechen und führte sie in das Schlafzimmer, das sie bereits kannte. Er zeigte auf zwei große Einkaufstüten, die er am Nachmittag mitgebracht hatte. »Ich hoffe, du findest alles, was du brauchst.«
   Sie entdeckte in einer Tüte mehrere Shirts, zwei Jogginganzüge, Unterwäsche und Strümpfe. In der anderen gab es alle möglichen Utensilien wie Zahnbürste, Haarbürste, Duschgel, Zahnpasta und sogar eine Packung Tampons. Trotz ihrer Müdigkeit staunte sie über so viel Umsicht. Er gewann einen klitzekleinen Sympathiepunkt in ihrer Wertschätzung.
   Sie suchte heraus, was sie brauchte, und drehte sich zu ihm um.
   »Bad?«
   Sie nickte.
   »Hey, ihr Raucher«, rief er in den Wohnraum, »einmal draußen aufpassen, bitte.«
   Als sie im Bad fertig war, stand sie etwas unschlüssig vor dem großen Ehebett.
   »Leider haben wir kein Einzelzimmer für dich. Du musst neben mir schlafen.«
   Lena war inzwischen so müde, dass es ihr beinahe egal war. Sie nickte, setzte sich auf den Bettrand und zog die lange Hose aus. Schnell rutschte sie unter die Decke, rollte sich wie eine Katze auf der Seite zusammen und schloss die Augen. Sie hoffte inständig, dass er gehen und sie in Ruhe lassen würde. Doch er setzte sich neben sie. Leise klirrte es metallen. Nein, bitte nicht so was. Augenblicklich klopfte das Herz bis zum Hals.
   Er legte die Hand auf ihre Schulter. »Komm, dreh dich um. Gib mir deine Hand«, sagte er leise.
   In ihr verkrampfte sich alles. Sie blieb reglos liegen, aber das nützte ihr nichts. Er zog die Decke ein Stück zur Seite, griff nach ihrem Handgelenk und wartete, dass sie nachgab. Es war sinnlos, sich zu wehren. Lena überließ ihm den Arm, rollte auf den Rücken und duldete, dass er eine Kette mit einem kleinen Vorhängeschloss an ihrem Handgelenk befestigte. Das Ende der Kette brachte er ebenfalls mit einem Schloss am Bettgestell an. Er überzeugte sich davon, dass sie die Hand nicht befreien konnte, und ließ sie los. Sie biss die Zähne zusammen und rutschte von ihm so weit wie möglich weg. Die Kette gewährte ihr jedoch nur begrenzte Bewegungsfreiheit.
   Er deckte sie zu, löschte das Licht und entfernte sich. Die Zimmertür blieb offen, sodass es nicht ganz dunkel war. Aus dem Nebenzimmer drangen leise die Männerstimmen zu ihr.
   Irgendwann registrierte sie im Schlaf, dass sich jemand neben sie legte. Sie schreckte hoch und stöhnte auf, als die Kette am Handgelenk zerrte.
   »Pst, keine Angst«, flüsterte er. »Schlaf weiter.«
   Sie drehte ihm den Rücken zu und ließ sich auf die Matratze sinken. Stocksteif lag sie ängstlich da und wartete. Als er keine Anstalten machte, sie zu berühren, konnte sie sich langsam entspannen und erneut einschlafen.

Kapitel 8

Da Lena in ihrer Wohnung eine Kaffeemaschine mit Timerfunktion hatte, die sie gern benutzte, wenn sie in der Woche früh aufstehen musste, fühlte sie sich heimisch, als sie am nächsten Morgen vom frischen Kaffeeduft geweckt wurde. Mit geschlossenen Augen sog sie den Duft genüsslich ein und rekelte sich leise wohlig stöhnend.
   Ein freundliches »Guten Morgen« ließ sie schlagartig hellwach werden. Sie riss die Augen auf und starrte geradewegs in Toms dunkelbraune, die sie freundlich musterten. Er saß auf dem Bettrand und hielt zwei Becher Kaffee in der Hand, woraus der verführerische Duft aufstieg, der sie geweckt hatte. Lena wollte sich ruckartig aufsetzen, doch die Kette hielt sie ab. Sie hob den Kopf und sah sich irritiert um. Die Sonne schien hell herein. »Wie spät ist es? Hab ich so lange geschlafen?«
   »Gleich elf Uhr.« Er grinste.
   Sie stöhnte und ließ den Kopf sinken.
   »Ich bin froh, dass du gut schlafen konntest. Du warst so erschöpft gestern. Geht es dir besser?« Er stellte die Kaffeebecher auf dem Nachtisch ab und zog einen Schlüssel aus der Hosentasche. »Halt still.«
   Sie gehorchte.
   Er löste die Kette von ihrem Handgelenk, sodass sie sich aufsetzen konnte. »Ich habe ihn dir schwarz gebracht, aber heute gibt es Milch und Zucker. Wie hättest du ihn gern?« Er zeigte auf den Becher.
   »Schwarz ist okay. Danke.«
   Als er ihr einen Becher reichte, nahm sie einen kleinen Schluck. Er sah ihr zu und nippte ebenfalls an seinem Kaffee. Lena wurde nervös. Wieso starrte er sie so an?
   »Ich muss dir etwas sagen.« Er zögerte. »Es gibt keine Vermisstenmeldung.«
   Lena verstand nicht sofort, was er ihr sagen wollte und sah ihn fragend an.
   »Du wirst anscheinend nicht vermisst. Sie suchen dich nicht.«
   »Woher willst du das wissen?«
   »Mädchen, wir sind Hacker. Die Polizei anzuzapfen ist eine unserer leichtesten Übungen.«
   Lena kaute an der Unterlippe und überlegte, was sie sagen sollte. Sie zuckte mit den Achseln. »Wahrscheinlich wissen sie Bescheid und brauchen keine Vermisstenanzeige mehr, sondern sind schon unterwegs hierher.«
   Grübelnd sah er sie an. »Ich war sicher, du würdest weinen, wenn du das hörst. Du hast anscheinend Nerven wie Drahtseile.«
   Lena hatte das Gefühl, als würde er sie mit diesen verdammt tiefgründigen Augen vollständig durchschauen. Sie wurde zunehmend nervöser.
   Er beließ es dabei und stand auf. »Du kannst duschen. Frühstück steht für dich bereit.«

*

Ab Mittag langweilte sie sich auf der Couch und sah in die Runde.
   Am nächsten saßen Jens und Stefan, die Computerfreaks. Beide waren nett zu ihr. Sie konnte sogar kichern, als Stefan einen Witz über die Regierung machte.
   »Was genau macht ihr eigentlich den ganzen Tag?« Sie sah ihnen zu, wie sie anscheinend planlos mit rasant schnellem Tippen, Scrollen und der Maus klicken beschäftigt waren.
   Jens sah sie nachdenklich an. »Ich weiß nicht, wie viel wir dir erzählen dürfen.« Er blickte sich suchend um. »Tom«, rief er quer durch den Raum.
   »Was ist?« Tom sah hinter einem der Bildschirme hoch.
   »Wie viel können wir ihr erzählen?«
   Einen Moment zögerte er, dann zuckte er mit den Schultern. »Alles.«
   »Wirklich?«
   Er nickte. »Natürlich. Es soll in ein paar Wochen sowieso öffentlich werden.« Er verschwand erneut hinter dem Bildschirm.
   Jens winkte sie zu sich. »Okay, dann setz dich her. Ich erkläre es dir.«
   Dankbar rückte Lena einen Stuhl zurecht, setzte sich neben Jens und sah neugierig auf den Bildschirm.
   Es dauerte nicht lange und sie war völlig fasziniert von dem, was sie sah.
   Jens hatte Zugriff auf das gesamte System ihrer Firma, in alle Abteilungen, jede Akte sowie in die vollständige Datenbank. Sie beobachteten die Firma aus der Ferne. Was ihnen interessant und wichtig erschien, kopierten und sammelten sie. Sie erfuhr, dass die beteiligten Gruppen bei anderen Firmen das Gleiche machten. Permanent verglichen sie die Daten, um herauszufinden, welche Informationen wann mit wem geteilt wurden.
   Jens zeigte ihr, wie leicht er sich in anscheinend sichere Systeme hacken konnte, und versicherte ihr, dass sie nur ehrenhafte Absichten hätten. Lena glaubte das langsam. Ginge es ihnen lediglich um Geld, wäre es diesen Jungs ein Leichtes, fingierte Überweisungen oder Rechnungen zu hinterlegen, um raffiniert von Auslandskonten zu kassieren.
   »Hey, wie heißt dein Bruder?« Julian stand hinter ihnen und sah sie grimmig an.
   Lena zögerte. »Wieso?«
   »Du hast gesagt, dass er bei der Polizei arbeitet und bereits nach dir sucht. Also, wie heißt er? Wir wollen doch mal sehen, ob wir in der Datenbank den Fall Lena finden.« Mit durchdringendem Blick starrte er sie an.
   Lena wurde zunehmend nervös. Schnell standen die anderen um sie herum und sahen sie fragend an. Schließlich entschied sie sich für die Wahrheit. »Ich habe keinen Bruder.«
   »Und seit wann bist du Putzfrau, seit gestern Nacht? Für welche Firma denn?«, fragte er mit deutlichem Sarkasmus in der Stimme. »Heißt deine Putzfirma zufällig Urlaub, Frau Wolters?«
   Einen Moment lang schwiegen alle, dann stupste Hermann sie an der Schulter an und zwinkerte ihr zu. »An deiner Stelle hätte ich ebenfalls gelogen.«
   Die anderen grinsten, während Julian ein verbissenes Gesicht machte. »Passt bloß auf, dass sie nicht abhaut und uns alles versaut«, sagte er wütend. »Vor allem jetzt, wo ihr die Kleine ausgiebig eingeweiht habt.« Ohne eine Reaktion abzuwarten, setzte er sich vor seinen Laptop.
   Die anderen fanden es anscheinend nicht wichtig, zu wissen, wer sie tatsächlich war, aber Lena fühlte sich durch die Szene erneut bedroht. Sie setzte sich still in die Couchecke und verzichtete darauf, weiter mit den Jungs zu reden.

Kapitel 9

Lena erwachte sehr früh. Es begann zu dämmern, man konnte kaum die Umrisse der Einrichtung erkennen. Sie wollte weiterschlafen und drehte sich auf die andere Seite. Als sie mit einem Ruck am Handgelenk daran erinnert wurde, dass sie eine angekettete Gefangene war, stöhnte sie auf.
   Die fünfte Nacht verbrachte sie auf diese Art. Jeden Tag saß sie von morgens bis abends in diesem Haus und konnte nichts tun, außer angespannt die Männer zu beobachten und sich zu fragen, wie das für sie ausgehen würde. Ihr fehlten die Bewegung, frische Luft und Sonnenlicht.
   Ruhelos wälzte sie sich hin und her, soweit die kurze Kette das zuließ, und fluchte leise vor sich hin. Sie fühlte sich verdammt einsam neben diesem schlafenden und ruhig atmenden Mann, der mit einem Mal ihr Leben bestimmte, ohne dass sie sich dagegen wehren konnte. Es war ein seltsames Gefühl. Einerseits hasste sie ihn und die anderen, weil sie sie gekidnappt hatten und festhielten, andererseits fühlte sie sich so einsam in ihrer Gefangenschaft, dass sie dankbar jede freundliche Geste und jedes nette Wort in sich einsog. Oft überrollte sie eine Welle der Angst, wenn ihr einfiel, dass die Freundlichkeit gespielt sein könnte, um sie ruhig zu halten. Was würden die Männer mit ihr noch anstellen, würde sie jemals wieder in ihr Leben zurückkehren können?
   Tom regte sich neben ihr. »Kannst du nicht mehr schlafen?«
   »Ja. Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe.«
   Er lachte kurz ironisch auf. »Mein Gott, Lena, wenn hier jemandem irgendwas leidtun muss, dann mir, aber bestimmt nicht dir.«
   »Stimmt, scheißgute Erziehung.«
   Er schmunzelte und drehte sich zu ihr. »Immerhin scheinst du nicht mehr so viel Angst zu haben. Das beruhigt mich.«
   Lena schluckte. Seine Gesichtszüge sah sie im Halbdunkel nur schemenhaft, das Lächeln wirkte beinahe liebevoll. »Wie sollte ich in so einer Situation keine Angst haben?«
   Er legte die Hand auf ihren Arm. »Dir wird nichts passieren. Ich verspreche dir, dass du heil nach Hause kommst.«
   Sie versuchte, in seinem Gesicht zu ergründen, ob sie ihm glauben konnte. Er sah so sympathisch mit diesen fröhlichen Lachfalten aus. Die dunklen Augen sahen sie tiefgründig an, sodass sie seinen Blick bis ins Herz spürte. Sie wollte ihm glauben. Er war jedoch derjenige, der sie jeden Abend ankettete und ihr am ersten Tag ausdrücklich Gewalt und Schmerz angedroht hatte, wenn sie einen weiteren Fluchtversuch unternehmen würde.
   »Du weißt nicht, ob du mir glauben kannst«, sagte er nach einem Moment des Schweigens.
   Lena antwortete nicht.
   »Ich heiße Thomas Thaler, bin fünfunddreißig Jahre alt und wohne in Bremen. Vor zwei Monaten habe ich mich von meiner Freundin getrennt, mit der ich ein halbes Jahr zusammen war. Na ja, um ehrlich zu sein, hat eher sie sich getrennt. Sie war genervt von meinem zeitaufwendigen Engagement in unserer Gruppe. Während der Schulzeit habe ich Leichtathletik gemacht. Ich habe in Hannover Informatik studiert und gehe gern ins Kino. In meiner Wohnung liegen neben dem Computer Hanteln. Es hilft, fit zu bleiben. Ich laufe jeden Morgen eine Stunde lang bei uns im Bürgerpark – so nennen wir in Bremen unseren Stadtpark –, am liebsten, wenn die Sonne aufgeht.«
   »Und du bist Onkel.«
   Er schmunzelte. »Stimmt, ich bin Onkel.«
   »Wenn du in Hamburg leben würdest, hätten wir uns sicher schon mal getroffen.«
   »Wieso?«
   »Ich laufe ebenfalls jeden Morgen ganz früh im Stadtpark.«
   »Hättest du mich gegrüßt und angelacht? Wäre ich dir aufgefallen?«
   Lena grinste frech. »Ich glaube nicht.«
   Er lachte. Einen Moment sah er sie nachdenklich an. »Wollen wir?«
   »Was?«
   »Laufen.«
   Irritiert sah sie ihn an. Wollte er tatsächlich jetzt mit ihr laufen gehen? »O ja, das wäre schön.«
   »Okay.« Er sprang aus dem Bett, suchte den Schlüssel für die Kette und öffnete das Schloss.
   Keine fünfzehn Minuten später standen sie vor der Haustür.
   Lena atmete tief die frische, kühle Morgenluft ein. Es war das erste Mal seit der Entführung, dass sie draußen war. Sie hätte nie gedacht, dass man über frische Luft so glücklich sein konnte.
   Er nahm ihre Hand und sah sie eindringlich an. »Bitte bleib neben mir. Ich kann dich nicht abhauen lassen. Ich müsste dir vielleicht wehtun und das will ich wirklich nicht.«
   Sie nickte. Im Moment war ihr alles egal, sie wollte nur genießen, sich endlich wieder zu bewegen.
   Sie liefen nebeneinander im langsamen Takt los in den Wald. Es war inzwischen etwas heller, die Sonne leuchtete hellrot tief am Horizont. Vögel zwitscherten. Es roch nach Holz, Moos und frischem Gras.
   Tom ließ sie das Tempo bestimmen. Locker trabte er neben ihr her und sah ab und zu in ihr Gesicht.
   Sie genoss es, durch den Wald zu laufen. Der Anblick ihres entspannten Gesichtes machte ihm ein schlechtes Gewissen, denn es zeigte umso deutlicher, wie schlimm die vergangenen Tage für sie gewesen waren.
   Eine Weile liefen sie schweigend den Weg entlang, bis sie vor sich eine große Wiese sahen, an deren gegenüberliegendem Rand ein Pausenplatz mit Tisch und Sitzbänken für Wanderer aufgebaut war.
   »Ein Spurt über die Wiese und dann Pause an der Bank?«, fragte Tom.
   Lena lachte. »Okay. Mal sehen, ob du tatsächlich gut im Training bist.«
   Nebeneinander rannten sie los. Bereits nach halber Strecke hatte Tom sie deutlich überholt. Kurz vor dem Ziel schrie er unvermittelt auf und stürzte der Länge nach hin.
   »Verdammter Mist. Was ist das?« Er versuchte, sich zu bewegen.
   Lena hielt an. »Was ist passiert? Bist du umgeknickt?«
   »Nein.« Er stöhnte. »Irgendein Draht, Scheiße, tut das weh.«
   Er wollte sich umdrehen, blieb jedoch mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen.
   Lena sah auf seine Füße und entdeckte den Grund für seinen Fall.
   Eine lose Rolle mit altem, verrostetem Stacheldraht lag im Gras versteckt. Tom war mit dem Fuß so schwungvoll hineingetreten, dass sich der Draht fest um den Knöchel gewickelt hatte und bei jeder Bewegung Schmerzen verursachte.
   »Halt still, es ist Stacheldraht. Da kommst du so nicht raus.« Sie bückte sich, um besser sehen zu können.
   Er verkrampfte die Hände zu Fäusten und versuchte, sich nicht zu bewegen. »Verflucht, wieso liegt hier Stacheldraht rum?«
   »Wir haben nur nicht richtig hingesehen.« Lena betrachtete die alten, krummen Zaunpfähle, die ihnen vorher nicht aufgefallen waren.
   Tom sah zu ihr auf. »Nun hast du deine Chance. Hau ab. Wäre nett, wenn du uns nicht auffliegen lässt.«
   Einen Moment zögerte sie. Er hatte recht. Sie konnte locker weiterlaufen und Menschen finden, die ihr helfen würden. Stattdessen drückte sie sorgfältig das Gras zur Seite. »Halt still, ich versuche, das loszubekommen.«
   Als sie das Ende der Rolle fand, griff sie vorsichtig mit spitzen Fingern zwischen die verrosteten Stacheln. Stück für Stück löste sie den Draht von seinem Bein und der Hose. Ab und zu zuckte er zusammen.
   »Halt still, du Memme, sonst wird das hier nichts.«
   »Scheiße, bist du herzlos.« Er stöhnte, während er versuchte, stillzuhalten.
   »Gleich ist es ab.« Sie ritzte sich an den scharfen Spitzen Schrammen in die Finger, aber sie gab nicht auf, bis sich der Draht lockerte. »So. Das war’s.« Erleichtert hob sie die letzte Schlaufe an und zog sie beiseite.
   Tom drehte sich um, setzte sich auf und begutachtete die tiefen Risse in der Haut und die blutigen Einstichstellen. Vorsichtig bewegte er den Fuß und stand auf.
   »Stütz dich auf, wir setzen uns auf die Bank.« Lena stellte sich neben ihn.
   Er legte den Arm um ihre Schultern und humpelte mit ihr als Stütze die letzten Meter, bis sie sich auf die Sitzbank fallen lassen konnten.
   »Hast du dein Handy dabei? Ruf die anderen an, damit uns einer mit dem Auto abholt.«
   Tom schüttelte den Kopf. »Ich hab es nicht dabei, aber ich kann gehen. So weit ist es ja nicht.« Er bewegte den Fuß hin und her und setzte ihn probeweise auf. »Wieso bist du noch hier?« Er sah sie fragend an.
   »Keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil ich blöd bin.«
   »Oder, weil du der Meinung bist, dass es gut ist, was wir tun?« Er machte eine Pause. »Würde ich dir womöglich fehlen?«
   Hitze stieg in Lena auf. Sie spürte den Blick aus seinen dunklen Augen beinahe körperlich und erschrak über die unerwarteten Gefühle. »Frag nicht, sonst fange ich an nachzudenken und bin wirklich weg.«
   Einen Moment schwiegen sie.
   »Du blutest.« Tom fasste nach ihrer Hand.
   »Nur ein paar kleine Schrammen. Es ist nichts.«
   Sein Blick ruhte auf ihr. Sie wurde nervös und wollte aufstehen. »Probier mal, ob du laufen kannst. Wir sollten langsam zurück.«
   Er hielt sie auf. »Danke, dass du mitmachst. Ich verspreche dir, ich werde dir genau zeigen und erklären, was wir machen. Du wirst sehen, dass wir aufklären. Unsere Arbeit ist wichtig, weil wir uns alle vor der totalen Überwachung schützen müssen.«
   Eine halbe Stunde später bewegten sie sich langsam, wie zwei Spaziergänger im Urlaub, auf das Haus zu. Als sie ankamen, riss Julian mit wütendem Gesicht die Tür auf. »Verdammt noch mal, was ist passiert? Wollte sie abhauen?«
   »Nein, alles in Ordnung. Wir waren joggen. Ich bin in einem Draht hängen geblieben.«
   »Ihr wart joggen?« Fassungslos starrte Julian ihn an. »Das ist verantwortungslos. Du setzt alles aufs Spiel, bringst uns und das Projekt in Gefahr.«
   »Sie ist doch da, oder?« Tom wurde wütend. »Alles ist in Ordnung und nichts ist in Gefahr.«
   Julian kniff die Lippen zusammen und verschwand hinter seinem Computer.
   Tom ging in die Küche, in der die anderen beim Frühstück saßen. Hermann öffnete bereits den Notfallkoffer, um die Wunden an Toms Bein zu desinfizieren.
   Lena blieb an der Tür stehen. »Ich gehe duschen, okay?«
   Tom nickte. »Mach das. Lass anschließend deine Hände ebenfalls von Hermann verarzten. Er ist ausgebildeter Sanitäter.«
   »Ach, das ist nichts.« Lena winkte ab und entfernte sich schnell.
   Zwanzig Minuten später kam sie mit nassen Haaren und frischen Klamotten in die Küche. Tom hatte inzwischen anscheinend erzählt, was passiert war.
   Jens strahlte Lena an. »Ich finde es klasse, dass du geblieben bist und unsere Aktion nicht gefährdest. Für mich gehörst du ab sofort dazu.«
   Bevor Lena antworten konnte, öffnete Tom den Mund. »Nein, das geht nicht, Jens. Was wir machen, ist illegal und gefährlich. Auch wenn Lena uns nicht verrät, dürfen wir sie nicht mit reinziehen. Sie wäre sonst selbst vor dem Gesetz schuldig. Falls wir aus irgendwelchen Gründen auffliegen sollten, haben wir sie entführt. Sie ist ein Opfer. Das muss ganz klar sein.«
   Die Männer nickten.
   »Wenn wir fertig sind, stelle ich mich mit ihr der Polizei, während ihr verschwindet. Ich habe entschieden, sie mitzunehmen und stehe dafür gerade.«
   »Das musst du nicht.« Lena schenkte sich Kaffee ein.
   Fragend wandten sich die Männer ihr zu. Unter der Dusche hatte sie nachgedacht. Sie hatte eine Chance zur Flucht gehabt und diese aus unerklärlichen Gründen nicht genutzt. Nun hatte sie beschlossen, konsequent zu sein und Tom zu glauben, dass ihr nichts passieren würde. Die Anspannung der vergangenen Tage war so unerträglich gewesen, dass sie glauben wollte, dass alles gut werden würde. »Niemand sucht mich, weil jeder denkt, dass ich drei Wochen lang auf Teneriffa Urlaub mache. Komme ich pünktlich zum Ende meines Urlaubs zurück, wird niemand Fragen stellen. Ihr könnt bei eurem ursprünglichen Plan bleiben.«
   Stefan sah sie ungläubig an. »Dein Mann oder Freund, deine Familie wird sich doch wundern, nichts von dir zu hören?«
   »Nein, keiner. Ich lebe allein und habe gesagt, dass ich die vollen drei Wochen mein Handy nicht anschalte, weil ich nicht gestört werden will. Ihr könntet mich umbringen und irgendwo verscharren, man würde mich erst vermissen, wenn ich an meinem ersten Arbeitstag nicht in der Firma erscheine.«
   Hermann schüttelte fassungslos den Kopf. »Was musst du für Angst gehabt haben mit dem Wissen, dass dich drei Wochen lang kein Mensch suchen wird?«
   »Ich glaube ihr kein Wort.«
   Lena zuckte zusammen, als hinter ihr die kalte, harte Stimme von Julian erklang. »Laut ihrer Personalakte arbeitet sie in der Marketingabteilung als eine von vielen, aber sie bekommt fast dreißig Prozent mehr Gehalt als die anderen. Warum? Ist sie eingeweiht in die schmutzigen Geschäfte ihrer Firma? Möglicherweise ist sie nicht abgehauen, weil sie auf eine Gelegenheit wartet, über einen von unseren Rechnern mit den Verbrechern in der Firma Kontakt aufzunehmen, nachdem sie euch mit ihren treuen, großen Augen einlullt. Was hat sie da mitten in der Nacht gemacht? Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass so eine Frau keinen Freund oder Mann hat und allein in den Urlaub fliegt?«
   »Julian, du siehst Gespenster.« Unwillig schüttelte Tom den Kopf. Die anderen schwiegen und warteten anscheinend, wie Lena reagieren würde.
   Ihr klopfte das Herz bis zum Hals. Was würde passieren, wenn die anderen ihm glaubten? Sie trank einen Schluck Kaffee und wagte nicht, hochzusehen.
   »Seht mal, wie ihre Hände zittern!« Höhnisch lachend zeigte Julian auf Lena. Jeder bemerkte, dass ihre Hände tatsächlich bebten, während sie sich krampfhaft am Kaffeebecher festzuhalten schien.
   »Sie zittern, weil du ihr mit diesem Gerede Angst machst.« Tom wurde sichtlich wütend.
   Julian ließ sich nicht beirren. »Es ist mir egal, was ihr denkt. Ich traue ihr nicht und ich verlange, dass sie weiterhin kontrolliert wird und unter Aufsicht bleibt. Es geht um die Sicherheit von vielen engagierten und mutigen Menschen, die nicht gefährdet werden dürfen.«
   »Ist schon in Ordnung. Ich kann verstehen, wenn Julian das glaubt. Ich halte es aus, mich nicht frei zu bewegen, wenn zum Schluss alles gut ausgeht und niemand zu Schaden kommt.« Ihr versagte beinahe die Stimme und Tränen stiegen ihr in die Augen.
   Einen Moment blieb es still, bis sich Hermann räusperte. »Okay, wir achten darauf, dass Lena stets mit einem von uns zusammen ist. Beruhigt euch wieder.«
   Die Männer setzten sich an die Rechner, während Tom und Hermann mit Lena in der Küche blieben. Ihr war der Appetit vergangen. Am Morgen hatte sie zaghaft Vertrauen gefasst, doch nun war ihr erneut klar, dass sie sich keineswegs sicher fühlen durfte. Kein gutes und schon gar kein beruhigendes Gefühl.
   »Keine Angst. Er hat nur Stress, eigentlich ist er nicht so.« Tom legte die Hand auf ihren Arm und sah sie mit einem leisen Lächeln aufmunternd an. »Und nun zeig deine Hände, damit die Schrammen desinfiziert werden.«
   Lena schüttelte unwillig den Kopf. »Das ist kaum der Rede wert.«
   »Lass mich das entscheiden.« Hermann sah sie freundlich an.
   Widerwillig streckte sie ihm die Hände hin, damit er die Schrammen mit Jod desinfizieren konnte. Während der gesamten Prozedur verzog sie keine Miene. Tom beobachtete sie. Er wirkte nachdenklich. Fragte er sich, wie groß ihre Angst in den vergangenen Tagen tatsächlich gewesen sein musste? Sie hatte ständig versucht, sich zusammenzureißen und keine Gefühle zu zeigen.
   Nachdem sie Hermann hoch und heilig geschworen hatte, dass sie gegen Tetanus geimpft sei, ließ sie sich überreden, etwas zu essen. Anschließend gingen sie in den Wohnraum.
   Tom berührte ihren Arm. »Setz dich zu mir. Ich zeige dir wie versprochen, was wir bereits herausgefunden haben.«

Kapitel 10

Sie hatten über drei Stunden zusammen vor dem Laptop gesessen. Lena erkannte Namen von Personen, deren Gesichter ihr nicht fremd waren, und sah persönliche E-Mail-Inhalte. Sie erhielt Einblick in Mitarbeiterinformationen von Firmen, die bei Laemex Software und Datenbanksysteme gekauft hatten, und in Listen mit Informationen über deren Kunden. Es ging um Software, für die sie selbst Werbung machte, ohne zu ahnen, was für ein dreckiges Geschäft sie unterstützte.
   Tom hatte ihr ebenfalls gezeigt, dass es nicht ausschließlich um Wirtschaftskriminalität ging, sondern vieles dafür sprach, dass internationale Geheimdienste beteiligt waren und sich ebenfalls mit Informationen versorgten. Unvermittelt waren die weit entfernten Nachrichtenmeldungen zu NSA, Snowden und Wikileaks nah bei ihr angekommen.
   Tom lehnte sich im Stuhl zurück. »Verstehst du jetzt, warum wir das machen und warum es so gefährlich ist?«
   Lena nickte nachdenklich. »Okay, das ist heftig. Von Datenschutz kann man dabei nicht reden. Als Mafia würde ich das trotzdem nicht unbedingt bezeichnen. Wenn ich nichts Illegales mache, passiert mir ja nichts Schlimmes.«
   »Siehst du das tatsächlich so? Macht es dir keine Angst, dass man deine E-Mails lesen kann?«
   »Nun ja, angenehm ist der Gedanke nicht, aber wenn dadurch Terroristen geschnappt werden und Kinderpornoringe auffliegen.«
   Eine Weile sah Tom sie nachdenklich an, dann lächelte er vielsagend. »Okay, dann wollen wir mal sehen.« Er tippte Buchstaben, scrollte mit der Maus, öffnete Programme und schloss andere so schnell, dass Lena ihm nicht folgen konnte.
   Nach wenigen Minuten erschien auf dem Bildschirm ihr privater E-Mail-Account mit einer langen Liste von Mails, anscheinend aus mehreren Jahren. »Wieso kennst du diese E-Mail-Adresse?«
   »Oh, das war einfach, deine Kollegin Nicole hat dir von ihrem Arbeitsplatz aus E-Mails an deine private Adresse geschrieben.«
   Lena wurde nervös. »Du willst sie aber nicht alle lesen?«
   »Warum nicht? Ist doch nicht schlimm, hast du gerade gesagt.«
   Lena schluckte.
   Tom scrollte durch die Liste. »Ah, da warst du in einem Singlechat, wie interessant.« Er öffnete eine E-Mail. »Ach wie romantisch … Bernd aus Hannover.«
   Lena lief rot an. »Hör auf damit! Das geht dich nichts an. Außerdem ist das mindestens sechs Jahre her.«
   »Nun ja, immerhin habt ihr … lass sehen … mindestens zwanzig Mails ausgetauscht.«
   Tom nahm keine Rücksicht auf ihre Gefühle. In aller Ruhe öffnete er Mails und las ihr peinliche Details vor, die sie in einsamen Nächten, mit Weinglas vor dem Computer sitzend, an fremde Männer geschrieben hatte.
   Er stutzte unvermittelt. »Morgen sprenge ich die Bank und dann schenke ich dir einhundert Diamanten«, las er vor und schmunzelte. »Also, wenn an dem Tag eine Bank irgendwo auf der Welt in die Luft geflogen wäre, hätte es sein können, dass du mit diesem Typen, der dir das geschrieben hat, in den Fokus eines Geheimdienstes geraten wärst.«
   »Quatsch. Das hat er mir aus Monte Carlo aus einem Hotel neben der Spielbank geschrieben.«
   »Das wissen Geheimdienste aber vielleicht nicht.« Er scrollte weiter und öffnete alle möglichen Nachrichten. »Soso, wenn du deine Menstruation hast, fühlst du dich wie ein löchriger Eimer … interessant. Und was haben wir da?« Tom grinste sie an. »Du hattest schon nach zwei Monaten keine Lust mehr auf Sex mit … Wie hieß der? … Markus. Aha, und was hat deine Freundin Nicole dazu gesagt?«
   »Hör auf, das ist gemein. Lass das jetzt.« Peinlich berührt zappelte Lena auf dem Stuhl und versuchte, an den Computer zu kommen, um ihn auszuschalten, aber er wehrte sie unbeeindruckt ab.
   »Ich bin noch lange nicht fertig. Wollen wir doch mal sehen, auf welchen Internetseiten du dich herumtreibst.« Eine Weile suchte er in irgendwelchen Listen, dann öffnete er eine Homepage. »Ach, so eine bist du also? Das ist eine Seite von Rechtsextremisten, auf der du am 6. Oktober für fünfzehn Minuten warst.«
   »Nein, das kann nicht sein. Damit habe ich nichts am Hut.«
   »Hm … aber vielleicht hattest du Besuch und der wollte an deinem Computer E-Mails abfragen?« Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern durchsuchte die Liste mit Internetadressen. Mit einem Mal grinste er frech. »Na, das ist jetzt aber wirklich interessant.« Genüsslich öffnete er eine Seite, auf der es eindeutig um Sadomasochismus in allen möglichen Variationen ging.
   Lena spürte regelrecht, dass sie dunkelrot anlief. »Da war ich nur drauf, weil …«
   Tom ließ sie nicht ausreden. »Das interessiert nicht. Jemand, der dich ausspioniert, sieht nur, dass du … Moment … wow, fast eine Stunde auf diesen Seiten gewesen bist. Das ist aber schon mehr, als nur mal eben zufällig drauf gekommen.« Er drehte den Kopf und grinste sie an. Beim Blick in ihr Gesicht erkannte er anscheinend, dass er zu weit gegangen war. Sofort schloss er alle Seiten auf dem Computer. »Ich höre schon auf. Ich wollte dir nur zeigen, wie es ist, wenn man betroffen ist.«
   »Das ist dir gelungen.« Lena wurde tatsächlich bewusst, um was es beim Datenschutz ging. Sie verstand, warum die Männer so empfindlich und vorsichtig waren. Erschöpft seufzte sie. »Ich würde mich gern hinlegen. Ich habe Kopfschmerzen.«
   Tom sah sie besorgt an. »Das war ein bisschen viel auf einmal, oder?«
   Sie legte die Hände an die Schläfen. »Das war definitiv viel. Ich hatte keine Ahnung und das macht mich echt fertig.« Lena stand auf. »Ich lege mich eine Stunde hin.« Mit gesenktem Kopf ging sie ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Sie ließ sich auf das Bett fallen, drehte sich auf den Bauch und umarmte das Kissen, als könnte es ihr Trost geben. Aus dem Fenster starrend, schwirrten die Informationen wild im Kopf herum. Sie brauchte unbedingt Zeit und Ruhe, um alles zu verarbeiten.
   Die Tür ging auf. Julian kam herein und starrte sie kalt an. Bevor er etwas sagen konnte, stand Tom in der Tür. »Sie will eine Weile ausruhen. Hast du damit ein Problem?«
   »Wenn sie allein ist und aus dem Fenster steigen könnte, ja, damit habe ich ein Problem.«
   Lena drehte sich um und griff nach der Kette, die neben ihr auf der Matratze lag. »Ich verstehe absolut, warum du so misstrauisch bist. An deiner Stelle wäre ich es ebenfalls.« Sie hob die Kette an und hielt Julian demonstrativ den Arm entgegen. »Auf so was steh ich ja sowieso«, fügte sie mit deutlicher Ironie hinzu. »Also kein Problem.«
   Ohne ein Wort trat er an das Bett heran, legte die Kette fest um ihr Handgelenk und ließ das Schloss zuschnappen.
   Als Tom etwas sagen wollte, schüttelte Lena den Kopf. »Bitte. Nach dem, was ich gerade gesehen habe, verstehe ich ihn. Ich möchte einfach nur hier liegen und allein sein.« Sie flehte ihn wortlos an, ihr zu glauben.
   Er sah sie ungläubig an, verließ jedoch mit Julian den Raum. Als sie die Tür schlossen, atmete Lena auf. Endlich Ruhe.
   Sie drehte sich auf die Seite und überdachte, was Tom ihr gezeigt und erklärt hatte. Allmählich wurde ihr die Tragweite dieser Informationen bewusst. Ihr Leben würde nie wieder so sein, wie es vorher war. Keinem Kollegen konnte sie mehr trauen, denn sie fragte sich, wer in der Firma an diesen Machenschaften beteiligt war. Wie sollte sie überhaupt jemals wieder in ihr Büro gehen und arbeiten, als ob nichts wäre?
   Was war mit Nicole? Wenn sie wüsste … oder … war sie eventuell eingeweiht? Sie machte ab und zu Überstunden bis spät nachts, bei denen sich Lena manchmal gefragt hatte, wieso das nötig war. Sah sie jetzt Gespenster?
   Ihr Blick fiel auf die Kette am Handgelenk, die beinahe ein Symbol dafür darstellte, dass sie nun nicht mehr frei und unbedarft ihr Leben leben konnte. Ihre heile, schöne Welt war an diesem Vormittag zerbrochen. Sie biss die Zähne zusammen. Es half nichts, sie konnte die Tränen nicht zurückhalten. Lange weinte sie still in das Kissen, bis sie erschöpft einschlief.

*

Tom saß am Computer, konnte sich aber nicht konzentrieren. Hatte er Lena überfordert? War er zu weit gegangen? Er beschäftigte sich seit vielen Jahren mit diesen Tatsachen, für sie war das jedoch neu. Sie hatte betroffen und erschöpft ausgesehen. Am liebsten wäre er bei ihr geblieben und hätte sie in den Arm genommen, um sie zu trösten. Lena hatte sich allerdings freiwillig von Julian anketten lassen, um allein sein zu können. Inzwischen lag sie über zwei Stunden in diesem Zimmer. Nichts war von ihr zu hören.
   Es ließ ihm keine Ruhe. Er stand auf, um nach ihr zu sehen. Leise betrat er das Schlafzimmer, schloss die Tür und schlich zum Bett. Sie schlief. Die Augen waren rot und geschwollen. Sie hatte geweint.
   Vorsichtig setzte er sich auf den Bettrand und strich einige Haarsträhnen aus ihrem Gesicht. Sie sah so verletzlich aus, ihre Haut weich, die Lippen leicht geschwungen. Er wünschte, sie hätten sich auf andere Art kennengelernt. Unbefangen und unbelastet, draußen in der Welt ohne Probleme, Verbrechen, Misstrauen und Angst.

*

Lena erwachte, weil sie fühlte, dass sie nicht allein war. Auf merkwürdige Weise war sie zu erschöpft, um Angst zu haben oder sich zu wehren. Irgendetwas in ihr hatte resigniert. Sie wünschte sich, nicht allein vor diesem Irrsinn zu stehen, der ihr Leben vollständig durcheinandergebracht hatte. Beinahe schmerzhaft sehnte sie sich nach dem Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Sie öffnete die Augen.
   Tom hob die Hand und näherte sich ihrem Gesicht. »Darf ich?«
   Sie nickte unmerklich.
   Er begann, sie zärtlich über die Wange und Haare zu streicheln. »Es tut mir leid. Ich bin zu weit gegangen.«
   Lena antwortete nicht. Was sollte sie auch sagen? Er hatte sie entführt, ihr wehgetan und sie bloßgestellt. Trotzdem sollte er nicht aufhören, sie zu streicheln. Sie konnte diesen Wunsch nicht verstehen, war zu erschöpft, es zu versuchen. Sie schloss die Augen und schlief unter seinen streichelnden Händen erneut ein.

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