Bahamas 1717 Seit Jahren gibt sich der ebenso gut aussehende wie gerissene Kapitän Reef dem ausschweifenden Lebensstil der Piraten in der Karibik hin. Im exzessiven Gebrauch von Rum und Opium versucht er, sein früheres Leben, das er bei Nacht und Nebel hinter sich lassen musste, für immer aus seinem Gedächtnis zu löschen. Als er bei einem Kaperzug plötzlich seiner einstigen großen Liebe gegenübersteht, hofft er auf eine Chance, seinem vorgezeichneten Schicksal noch einmal entgehen zu können. Doch die Umstände sprechen gegen ein Happy End ...

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Ela van de Maan

Ela van de Maan
Ela van de Maan wurde im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts im vorangegangenen Jahrtausend in einer Kleinstadt in Süddeutschland geboren. Seit sie lesen kann, wollte sie auch schreiben. Ihre größte Leidenschaft waren Fantasy und Abenteuerromane, die in ihrer eigenen Traumwelt immer neue Geschichten nach sich zogen. Irgendwann wurde der Geschichtenstapel in ihrem Kopf zu hoch und sie begann sie aufzuschreiben ... Ela van de Maan ist Mitglied in der DELIA - Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren und -autorinnen und im PAN - Phantastik-Autoren-Netzwerk.

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Leseprobe

Prolog

»Das nehmt Ihr auf der Stelle zurück! Diese Anschuldigung entbehrt jeder Grundlage!« Cameron hieb mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser klirrten.
   Trotz seiner erst dreiundzwanzig Jahre ließ er sich von nichts und niemanden einschüchtern.
   »Ich wüsste nicht, was es da zurückzunehmen gäbe«, erwiderte Sir Archibald Stoneford-Cummingham stoisch. »Ihr seid mir achttausend Pfund Sterling schuldig, aus unseren letzten Spielen.«
   »Niemals. Das ist eine infame Lüge!«
   Rings um sie herum warfen sich die Gäste in dem noblen Londoner Kaffeehaus erschrockene Blicke zu.
   Sir Archibald erhob sich. »Ihr nennt mich einen Lügner? Dafür werdet Ihr mir Rechenschaft ablegen, verdammter Schotte! Ich fordere Euch, sofort!«
   Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Keiner der Anwesenden getraute sich mehr, zu atmen.
   »Ich bin Engländer, so wie Ihr, Cummingham.« Cameron erhob sich leicht schwankend aus seinem Sessel und grinste zynisch. »Seid Ihr Euch wirklich sicher, dass es Eurer Gesundheit nicht zuträglicher wäre, Ihr würdet zugeben, Euch geirrt zu haben?«
   Sir Archibald lachte kalt. »Euch Grünschnabel lehre ich noch das Fürchten. Darauf könnt Ihr Euch verlassen! Bei Gott!«
   Genüsslich trank Cameron den letzten Schluck des alten Scotchs aus, dem er sich den ganzen Abend ausgiebig gewidmet hatte, und wandte sich zum Gehen.
   »Ihr könnt gleich mit mir kommen«, forderte Sir Archibald ihn auf. »Meine Sekundanten finden sicher auch für Euch die passende Waffe. Oder könnt Ihr nur mit Eurer schießen?«
   Er winkte ab. »Ich schieße mit allem, was einen Lauf hat. Und ich treffe auch!«

Der beinahe undurchdringliche Nebel, der von der Themse kommend den ganzen Potters Fields Park überdeckte, machte es fast unmöglich, die geforderten hundert Schritte Abstand zu halten, ohne den Gegner aus den Augen zu verlieren. Cameron war sich völlig sicher, dass er das Duell gewinnen würde. Schließlich war er einer der besten Schützen der Stadt. Aber er würde Sir Archibald nicht töten, sondern nur an der rechten Schulter verletzen, damit dieser nicht abdrücken konnte. So schnell es in seinem angetrunkenen Zustand möglich war, drehte er sich um und schon hallte sein Schuss durch die wabernden Schwaden aus Wasserdunst und Rauch.
   Doch die Kugel kam nicht an ihrem Ziel an.
   Mit Entsetzen versuchte er, die Geschehnisse zu erfassen, die sich wie in Zeitlupe vor seinen Augen abspielten. Sir Archibald stürzte mit erhobenen Händen auf seinen Sekundanten, den altehrwürdigen Sir Jonathan Lakeingston, zu, der sich an die Brust fasste und in die Knie sank. Der anwesende Arzt versuchte vergebens, ihn zu stützen.
   Cameron ließ seine Waffe zu Boden fallen und blieb wie paralysiert an Ort und Stelle stehen. Er konnte es nicht begreifen. Niemals würde er so weit danebenschießen, dass er einen Zuschauer träfe, der einige Meter vom Ziel entfernt stand. Niemals!
   Sir Archibald erhob sich mit leichenblasser Miene und wandte sich ihm zu. »Sir Jonathan ist tot«, rief er fassungslos. »Ihr habt ihn mitten ins Herz getroffen.«
   Er wollte auf das Opfer zugehen, um sich von den Dingen zu überzeugen, die sein Verstand nicht für möglich hielt.
   Sir Archibald packte ihn jedoch schroff am Ärmel und zog ihn von dem Schauplatz weg. »Ihr müsst verschwinden. Ihr müsst das Land verlassen. Schnell! Wenn jemand von diesem Duell und seinem Ausgang erfährt, wandern wir alle ins Gefängnis.«
   »Aber …«, versuchte er zu widersprechen. »Aber es gibt Zeugen. Alle Anwesenden in unserem Klub haben unseren Streit mit angehört!«
   Sir Archibald schüttelte den Kopf, während er ihn immer weiter in Richtung Pier zog. »Wir werden uns etwas einfallen lassen. Vielleicht einen Überfall. Der Park ist um diese Zeit und bei diesem Wetter ohnehin gefährlich. Es wäre ein Leichtes von Straßenräubern gewesen, uns zu überfallen.« Er nickte, scheinbar völlig überzeugt von seinem Geistesblitz. »So werden wir es darstellen.«
   »Aber wenn ich verschwinde, wird es trotzdem aussehen, als sei ich der Schuldige.«
   »Wir werden Euch nicht erwähnen. Ihr seid auf dem Weg verschwunden. Ihr werdet nie wieder zurückkehren. Habt Ihr mich verstanden?«
   Cameron versuchte, in der Miene seines Widersachers irgendetwas zu erkennen. Irgendetwas, das ihm erklärte, warum ihn sein Unterbewusstsein immerzu warnte, dass es hier nicht mit rechten Dingen zuging. Doch Sir Archibald machte genau den Eindruck, den man in solch einer Lage erwartete. Er schien verwirrt und erschüttert. »Man wird mich für einen Feigling halten«, rief er und wand sich aus dem Griff, mit dem Sir Archibald ihn immer noch eisern weitergezogen hatte. Entschlossen blieb er stehen. Lieber würde er sich den Behörden stellen und den Vorgang als den bedauerlichen Unfall darstellen, der er war. Bisher hatte er sich noch nie etwas Ernsthaftes zuschulden kommen lassen und er entstammte einer hoch angesehenen Familie. Wer würde ihm da nicht glauben? »Ich werde mich stellen.«
   »Seid Ihr von Sinnen? Es ist immer noch besser für einen Feigling, als für einen Mörder gehalten zu werden! Ein illegales Duell mit solch einem Ausgang! Um Himmels willen, Bonnet, das wird uns allesamt hinter Gitter bringen. Wollt Ihr das? Denkt an Euren Onkel, der Euch seit dem Tod Eurer Eltern wie einen Sohn großgezogen hat. Was wäre für ihn leichter zu verkraften?«
   Cameron senkte den Kopf. Sein Onkel – natürlich würde er vor Scham im Boden versinken. Er hielt ohnehin nicht die größten Stücke auf ihn, den Sohn einer Schottin. Hätte Vater seinen Bruder nicht per Testament dazu verpflichtet, ihn aufzuziehen, falls ihm etwas zustoßen würde, wäre er auf der Straße gelandet. Genau dort, wo er nach Meinung seines Onkels hingehörte. Von daher könnte es ihm auch egal sein, ob er im Gefängnis landete.
   Aber Amory, seine geliebte Amory. O Gott, was würde sie glauben, wenn er ohne ein Abschiedswort für immer verschwand? Sein Herz wurde von einer harten Faust erfasst und zusammengedrückt. Er dachte, er müsse auf der Stelle sterben.
   »Was ist, kommt Ihr endlich?« Sir Archibald packte ihn erneut am Arm. »Ich kann Euch vielleicht eine Passage auf einem Schiff besorgen, das Euch in die Neue Welt bringt. Da habt Ihr wenigstens die Chance, neu anzufangen!«
   Er schüttelte den Kopf. »Es wäre besser, tot zu sein, als wie ein Feigling davon zu laufen.«
   Sir Archibald klopfte ihm nervös auf die Schulter und versuchte, ihn voran zu schieben. »Das ist eine gute Idee. Vielleicht ändern wir die Geschichte dahin gehend, dass Ihr womöglich auch der Räuberbande in die Hände gefallen sein könntet. Und irgendwann, wenn wieder eine Wasserleiche aus der Themse gefischt wird, bitten wir unseren Arzt, sie als Euch zu identifizieren. Was haltet Ihr davon?«
   Cameron überkam ein Gefühl der Hilflosigkeit. Die Situation erschien ihm so unwirklich. Nur, was sollte er tun? Er hatte keine Lust, zu sterben. Noch weniger wollte er als ehrlos gelten. Es widerstrebte ihm, einfach so zu verschwinden, aber um das Wohl aller wegen, musste er sich dem Vorschlag fügen. Wenn er nur Amory mit sich nehmen könnte! Doch es war unmöglich. Sie würde niemals Hals über Kopf ihre Familie verlassen, um mit ihm davonzulaufen. Eine Träne versuchte, sich einen Weg zu bahnen. Er blinzelte sie fort. Schließlich nickte er. Sein Kopf schmerzte. Langsam machte sich die Flasche Scotch bemerkbar, die er im Laufe des Abends getrunken hatte. Er brauchte unbedingt einen Schluck Laudanum. Schwindelig von den Geschehnissen ließ er sich auf eines der Fässer sinken, die am Pier darauf warteten, abgeholt zu werden. Was war bloß geschehen? Wie konnte er in diese ausweglose Lage geraten? Mit kalten, zittrigen Händen fuhr er sich immer wieder über das Gesicht, als könnte er diesen Albtraum fortwischen.

Kapitel 1

Die Explosionen des Schwarzpulvers in den schweren Kanonen hallten wie Donnerschläge durch die Dämmerung.
   Planken barsten unter den einschlagenden Kugeln, sodass messerscharfe Holzsplitter wie tödliche Geschosse über das Schiff flogen. Aus der Deckung des morgendlichen Dunstes über dem Wasser hatten die beiden englischen Kriegsschiffe die Galeone der Piraten direkt ins Visier genommen.
   »Verdammt noch mal, Käpt’n! Wir müssen runter vom Schiff. Es ist die letzte Chance! Die haben uns in eine Falle gelockt!«
   Reef stand wie angewurzelt an der Bordwand und starrte auf das Deck des Handelsschiffes, das sie eigentlich zu kapern vorgehabt hatten.
   Sein Quartiermeister packte ihn hart am Arm. »Wenn wir nicht sofort verschwinden, werden wir ein dummes Gesicht machen. Die Mannschaft ist schon über Bord!«
   Unverwandt richtete Reef seinen Blick auf das Schiff, das sich langsam von steuerbord näherte. Der Quartiermeister versuchte, dem Blick zu folgen. Fragend sah er zu Reef auf. »Eine Frau? Käpt’n, du kannst jedes Weib zwischen Jamaika und den Bahamas haben! Komm endlich!«
   »Sie ist es«, raunte Reef in einer Mischung von Überraschung und Entsetzen.

*

»Wer, zum Teufel?«, fluchte er. In einem letzten Aufwallen von Hoffnung, sich doch noch durch einen beherzten Sprung in die warme karibische See retten zu können, versuchte er, den Käpt’n nach backbord zu schieben.
   Schon flogen Enterhaken über die Bordwand. Immer näher wurden sie herangezogen. Es war zu spät. Planken wurden von dem als Handelsschiff getarnten Kriegsschiff herübergeschoben und sofort sprangen die Soldaten auf die Galeone der Piraten, die seit Langem auf ihrem Plan stand – die berüchtigte Grey Shark. Das Schiff, das wie ein grauer Hai aus den Untiefen des Meeres auftauchte, blitzschnell zuschlug und genauso schnell den Ort der Verwüstung wieder verließ.
   So weit die Gerüchte.
   Der Erfolg der Grey Shark lag jedoch mehr an seiner leichten Bauweise, der dunklen, stellenweise verwitterten Farbe, die tatsächlich im morgendlichen Dunst äußerst schlecht zu erkennen war und an ihrem unerschrockenen, gerissenen Kapitän, der seine Kaperpläne bis ins kleinste Detail ausarbeitete. Zumindest hatte er es getan – bis zu diesem einen denkwürdigen Moment am Morgen des 18. Juli 1717, an dem er nicht mehr fähig war, seinen Blick von einer Frau zu wenden.
   Der Quartiermeister schüttelte den Kopf, als die Soldaten ihm die Hände hinter dem Rücken zusammenbanden.
   Sie hatten die beiden Schiffe, die als Begleitung des Marineschiffs dabei waren, übersehen, oder besser gesagt falsch eingeschätzt. In dieser Größe wären voll beladene Handelsschiffe niemals so schnell an Ort und Stelle gewesen, wenn es denn welche gewesen wären.
   Nun hatten sie ihre Galeone und ihre Ladung verloren. Und wenn er die Situation recht bedachte, waren sie auch noch auf dem besten Wege, am Galgen ein dummes Gesicht zu machen. Lieber wollte er sich den Kopf abschlagen lassen. Er konnte den Anblick der verdrehten Augen und der heraushängenden Zungen der Gehängten nicht mehr ertragen. Es sah so armselig und widerlich aus.
   Wütend blickte er erneut zu seinem Käpt’n auf, der ihn um gut einen Kopf überragte. Was hatte er sich dabei eigentlich gedacht? Hatte ihm das Opium derart die Sinne vernebelt, dass er nicht mehr wahrnahm, was sich um ihn herum abspielte? Fast sah es danach aus.
   Selbst als Reef gefesselt und mit fünf Soldaten bewacht über die Planken auf das Marineschiff gebracht wurde, konnte er seinen Blick nicht von diesem Weibsbild wenden.
   Er musste sich wohl eingestehen, dass es sich dabei durchaus um eine äußerst attraktive Lady handelte, wie man sie in den Piratenkolonien eher selten antraf; mit zarter, blasser Haut und hellgolden glänzenden Haaren. Und selbst wenn sie nicht in diesen edlen Gewändern gekleidet gewesen wäre, hätte sie ihre zierliche, zerbrechliche Statur als Tochter der britischen Oberklasse verraten.
   Aber, was zum Teufel, war daran so faszinierend, dass sich der Käpt’n freiwillig der Gefahr auslieferte, am Galgen seine Zunge heraushängen zu lassen?
   Er ärgerte sich über das schallende Gelächter, in das der befehlshabende Offizier ausbrach, als er erkannte, was er da gefangen hatte. »Welch ein Fest. Der Gouverneur wird Augen machen, was für ein Fisch uns hier ins Netz gegangen ist. Die Grey Shark!« Er nahm einen Stock und drückte ihn Reef grob zwischen die Rippen. »Und wenn ich dich auch noch nicht persönlich kennengelernt habe, Bastard, so nehme ich doch an, dass du der Kapitän dieses verfluchten Schiffes bist.«
   Reef verzog keine Miene. Er schien den Stoß nicht einmal wahrzunehmen. Der Käpt’n musste tatsächlich von Sinnen sein. Selbst jetzt starrte er wie gebannt in Richtung der zarten Schönheit, die nur einige Meter von ihm entfernt stand und ihn gleichfalls nicht aus den Augen ließ.
   Ihm fielen die Sirenen aus dem Mittelmeer ein, von denen ein griechischer Pirat oft erzählte. Vielleicht hatte der neue Gouverneur ein paar davon zu den Bahamas bringen lassen, um seine ehemaligen Mitstreiter in ihre Fänge zu locken? Dieser Verräter Woodes Rogers! Welcher ehrenhafte Pirat stellte sich schon freiwillig in den Sold der englischen Krone?
   Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er die britische Sirene. Er konnte keine Regung auf ihrem Gesicht erkennen. Nicht einmal eine leichte Färbung der Wangen störte die porzellangleiche Anmutung ihrer Haut. Sie stand reglos wie eine Statue da und starrte den Käpt’n immerzu an, als wollte sie ihn hypnotisieren. Es musste eines dieser Wesen sein, denen ein Mann mit Haut und Haar verfallen konnte, dessen war er sich sicher. Welch ein Glück für ihn, dass er neben seinem überaus attraktiven jungen Käpt’n im Nichts verschwand. »Verdammt noch mal«, fluchte er leise vor sich hin. Wäre der Käpt’n genauso dick und heruntergekommen wie er, hätten sie das Problem jetzt sicher nicht am Hals.
   Er wurde grob aus seinen Grübeleien gerissen, als ihm einer der Soldaten einen harten Schlag in den Rücken gab, um ihn zu bewegen, unter Deck zu gehen. In einem fort fluchend stapfte er hinter seinem Käpt’n her, bis sie in einen niedrigen, engen Verschlag gepfercht wurden.
   Erbost trat er gegen die Bordwand.

*

»Hör auf damit, Bart«, brummte Reef.
   »Was? Bist du jetzt endlich aus deinem Tagtraum erwacht? Weißt du eigentlich, was das jetzt bedeutet? Wir werden gehängt werden! In Nassau! Wo uns jeder mit heraushängender Zunge bewundern kann! Eine Schande ist das, eine Schande!«
   »Sei endlich still, du verursachst mir Kopfschmerzen!« Reef stieß ihn seitlich mit dem Ellenbogen von sich.
   »Ach Käpt’n«, säuselte Bart, »um deine Kopfschmerzen brauchst du dir keine Gedanken mehr zu machen, die werden bald von Halsschmerzen abgelöst werden.«
   »Verdammt noch mal, hör mit deinem Gejammer auf. Was bist du? Ein Pirat oder eine Gouvernante. Hast du das Laudanum eingesteckt?«
   Der Quartiermeister grunzte ungehalten, drückte aber dann doch mit der Wampe gegen seinen Rücken. »Da ich dir ja ständig deine Medizin nachtragen muss, bin ich wohl eher eine Gouvernante. Die Flasche ist in meiner Westentasche, wenn du hinkommst.«
   Reef tastete mit zusammengebundenen Händen am Wams seines Quartiermeisters entlang, bis er die kleine Flasche endlich aus der Tasche ziehen konnte. Erleichtert ließ er sich auf die Holzbohlen sinken und versuchte, hinter seinem Rücken den Korken herauszuwinden. Die Fesseln schnitten in seine Handgelenke, aber es interessierte ihn nicht. »Bleib bloß, wo du bist, Dicker«, knurrte er, »nicht dass du mir das Zeug noch umwirfst.« Sachte drehte er sich um und versuchte, mit dem Mund die Flasche zu ertasten. Als er endlich das Glas fühlte und den Flaschenhals mit den Zähnen packte, um den Inhalt in einem Zug hinunterzuspülen, stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus. Die Flasche war leer, aber die Dosis würde fürs Erste ausreichen.
   Bart grunzte unleidlich. »Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst von diesem Zeug lassen. Jetzt siehst du, was du davon hast.«
   Reef schloss die Augen und lehnte sich an die hölzerne Wand. »Du klingst wirklich wie eine Gouvernante. Du solltest dir einen neuen Job suchen.«
   Bart gab ihm einen Tritt. »Du hättest besser das Zeug genommen, bevor dich diese Sirene in ihren Bann ziehen konnte.«
   »Welche Sirene?«, raunte er müde.
   »Na die fast durchsichtige, weiße Gestalt mit ihren goldenen Haaren, die du nicht aus den Augen lassen konntest. Sie hat dich hypnotisiert!«
   Er lachte leise. »Das ist wohl wahr, aber sie ist keine Sirene!«
   »Ist sie doch! Sie hat genau das gemacht, was Nektarios immer beschrieben hat. Sie hat dich in ihren Bann gezogen und somit waren wir verloren.«
   Reef musste erneut lachen. »Ach komm! Nek, der alte Märchenerzähler, hat Griechenland doch nie zu Gesicht bekommen, geschweige denn eine Sirene. Aber falls es dich interessiert, sie ist Engländerin.«
   »Na und? Auch die Engländer können Sirenen in ihrem Sold stehen haben. Gold und Juwelen haben sie genug, um die Frauenzimmer aus ihren Höhlen zu locken.«
   Es war sinnlos, mit Bart über die Glaubhaftigkeit und den Wahrheitsgehalt von Sagen zu streiten. Bart glaubte einfach alles, und wenn er sich einmal an einer Geschichte festgebissen hatte, konnte er sich tagelang darüber ereifern. Müde beschloss er, sich seinem Delirium hinzugeben und sich lieber noch einmal in allen Details den lieblichen Anblick der Frau einzuprägen, die sein Schicksal besiegelt hatte.

Kapitel 2

Ein Poltern riss ihn aus seinem schönsten Traum seit Jahren. Mühsam versuchte er, sich zu erinnern, wo er war, aber da sein Quartiermeister in einer Ecke wie ein Bär schnarchte, ließ er es wieder bleiben. Gerade wollte er sich umdrehen und weiterschlafen, als ein erneutes Poltern gegen die Wand der Kabine ihn endgültig in die Realität zurückholte. Die Türe wurde aufgestoßen und das Licht einer Petroleumlaterne blendete ihn schmerzhaft.
   »Aufstehen Pack! Wir sind da! Ab in den Kerker«, rief ein Marineoffizier.
   Soldaten rissen ihn auf die Beine und drängten ihn und Bart an Deck des Schiffes. Die hochstehende Sonne über Nassau blendete Reef noch weitaus stärker als die Laterne. Er versuchte, die Augen so weit wie möglich zusammenzukneifen, um gerade noch genug zu sehen, damit er nicht stolperte. Diese Peinlichkeit wollte er sich ersparen. Er wusste, dass es rund um ihn nur so von Piraten wimmelte, auch wenn die englische Krone beschlossen hatte, Nassau von ihnen zu befreien. Wenn es schon sein Abgang sein sollte, wollte er ihn wenigstens würdevoll bestreiten.
   Er hörte Bart fluchend hinter sich herstolpern. Vielleicht konnte er mit dem Gouverneur verhandeln, dass er ihn freiließ. Schließlich war er nur ein Besatzungsmitglied, und Rogers hatte möglicherweise noch so viel Piratenehre in sich, dass er das Exempel nur an dem Kapitän des Schiffes statuieren würde. Doch allzu viel Hoffnung machte er sich da nicht.

Krachend fiel die Tür des Verlieses hinter ihnen zu.
   Bart fluchte erneut.
   »Hör endlich auf, zu fluchen!«
   »Was soll ich denn sonst tun? Beten vielleicht?«
   Reef zuckte mit den Schultern. »Das ist mir egal, aber die Flucherei nervt mich langsam.«
   Bart sah ihn erstaunt an. »Seit wann das denn?«
   Reef antwortete nicht, sondern blickte sich nach einem geeigneten Mauerstück um, an dem er seine Handfesseln aufscheuern konnte. Es dauerte eine Weile, bis der Strick endlich riss. Er rieb sich die Handgelenke, als das Blut wieder ungestört durch seine Adern in die Hände dringen konnte und ein unangenehmes Kribbeln hinterließ. Bart sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und winkte hinter seinem Rücken mit den Fingern.
   Reef verdrehte die Augen über Barts Bequemlichkeit, machte sich aber doch daran die Knoten zu lösen. Als die Stricke zu Boden gefallen waren, wandte er sich zu dem vergitterten Fenster, das eineinhalb Mann über ihren Köpfen in die Wand eingelassen war.
   »Gib mir eine Räuberleiter«, befahl er Bart.
   Der verschränkte gehorsam seine Hände ineinander, damit sich er sich nach oben zum Fenster ziehen konnte.
   Reef kannte den Platz vor dem Verlies. Dort hatte er schon einige seiner Mitstreiter baumeln sehen. Der Galgen wurde nie entfernt. Die Gehängten wurden nur abgeschnitten und ins Meer geworfen. Manche wurden an einer der nahe gelegenen Inseln wieder an Land gespült und faulten am Strand in der Sonne vor sich hin.
   Am Galgen hingen noch ein paar leere Seile, die man sich nicht die Mühe gemacht hatte zu entfernen. Er überlegte, ob er sich wirklich damit abfinden wollte, so zu enden? Er fand, es gab deutlich bessere Methoden, abzutreten. Vor allem wollte er nicht, dass sie ihn womöglich so sah. Auch wenn er sich sicher war, dass sie ihn in seiner Piratenaufmachung nicht erkannt hatte, würde es dennoch ihr letztes Bild von ihm sein. Dafür würde er sich noch in der Hölle schämen.
   Ein Funkeln auf einem der Balkone zog sein Interesse auf sich. Ein stattlicher, ausgesprochen gut gekleideter Rotrock trat soeben aus einer Türe im ersten Stock des gegenüberliegenden Gebäudes. Die Knöpfe seiner Jacke spiegelten das Sonnenlicht wider, als wollten sie alle Elstern der Gegend anlocken. Reef kniff die Augen zusammen, um ihn besser erkennen zu können.
   Dieser verdammte Rogers! Er schämte sich noch nicht einmal, sich in der Mode der britischen Oberklasse zu kleiden, damit jeder seinen Aufstieg zum Gouverneur bewundern konnte.
   Der Gouverneur hielt nonchalant, wie es sich für einen Gentleman gehörte, seine Hand in Richtung Salon und bot sie einer Dame als Hilfestellung an.
   Reef hielt den Atem an. Sie betrat den Balkon. Ihre blasse Schönheit strich alle Señoritas, mit denen er sich in den vergangenen Jahren seine Zeit vertrieben hatte, schlagartig aus seinem Gedächtnis. Was machte sie eigentlich hier? Was hatte sie mit Rogers zu schaffen? Sollte sie nicht schon lange gut verheiratet dem üblichen Zeitvertreib der wohlsituierten Ladys in London frönen? Womöglich ein paar Kinder zur Welt gebracht haben? Ihre Figur deutete nicht darauf hin. Wie lange war es eigentlich her, seit er England verlassen hatte? Fünf Jahre oder schon sieben? Er hatte aufgehört, sich über die Zeit Gedanken zu machen. Sie verflog, ohne irgendwelche bedeutsamen Ereignisse zu hinterlassen. Sie machte ihn nur älter.
   Wenn er sie betrachtete, hatte er den Eindruck sie wäre keinen Tag älter geworden, nur schöner. Er stöhnte leise. O Gott, noch schöner! Ihre Grazie und erst ihre wohlgeformte Gestalt. Es war ihm fast, als könnte er durch alle Schichten ihres ausladenden Kleides hindurchsehen. Langsam ließ er seinen Blick an den Konturen ihres Köpers entlangschweifen. Ein wohlbekanntes Verlangen stieg in ihm hoch.
   »Käpt’n, was ist denn nun? Hast Du einen Fluchtplan?«, presste Bart hervor.
   Reef sprang von seiner Räuberleiter herunter und strahlte ihn an. »Sie ist hier!«
   »Was? Du hast nichts anderes getan, als nach dieser Frau Ausschau zu halten? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wir werden hängen!«
   Reef winkte ab. »Wir wurden noch nie gehängt!«
   »Tatsächlich? Ist mir noch gar nicht aufgefallen«, erwiderte Bart und griff sich an seinen Hals. »Das liegt aber eher daran, dass wir noch nie erwischt wurden. Kannst du mir mal sagen, wie wir hier rauskommen sollen?«
   Reef blickte zum Fenster. »Antonio wird uns befreien.«
   »Antonio?« Bart spie abfällig in eine Ecke. »Was macht dich so sicher, dass Antonio auf deiner Seite steht? Ich finde, es war ein großer Fehler, den Spanier zum ersten Offizier zu ernennen. Der klaut eher dein Schiff und ernennt sich zum Käpt’n. Rausholen tut uns hier keiner.«
   Reef ließ sich lässig, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, auf einer Holzpritsche nieder und grinste. »Hast wohl Angst, der Teufel hätte bloß den billigen Rum für dich, hm?«
   Bart kratzte sich die Stoppeln am Kinn. »Sag mal Käpt’n, gibt’s eigentlich irgendwas, das du fürchtest?«
   Reef sah ihn ernst an. »Furcht kennt nur derjenige, der etwas zu verlieren hat. Hast du was zu verlieren Bart?«
   »Nun ja«, antwortete dieser nachdenklich. »Mein Leben, würde ich sagen. Hängst du nicht daran?«
   Reef betrachtete die raue Steindecke. »Ich habe mein Leben schon vor langer Zeit verloren. Für mich gibt es nichts mehr zu verlieren.«
   »Ach komm Käpt’n, mach dir doch nichts vor. Du genießt doch das Leben, das du jetzt hast, in vollen Zügen. Glaubst du wirklich, in der Hölle wird es besser? Du kannst dich doch jetzt schon der Weiber nicht mehr erwehren und noch mehr Rum geht auch nicht in dich hinein. Ich würd das noch eine Weile auskosten wollen.«
   Reef lachte. »Du denkst auch nur immer an das Eine.«
   »Woran denn sonst? Schiffe kapern, Reichtümer anhäufen und sich ein schönes Leben unter der karibischen Sonne machen – was will man mehr? Ich hätte mir nicht gedacht, dass du dir ein anderes Leben wünschst, Käpt’n.«
   Reef hörte ihm nicht mehr richtig zu.
   Ein Tumult auf dem Vorplatz forderte seine Aufmerksamkeit. Er gab Bart ein stummes Zeichen, ihm erneut eine Räuberleiter zu machen, und zog sich zum Fenster hoch. Was er sah, gefiel ihm überhaupt nicht. Eine Menschenmenge versammelte sich rund um den Galgen und schien nur noch darauf zu warten, ein Spektakel präsentiert zu bekommen.
   »Verdammt noch mal, die haben’s aber eilig«, brummte er und sprang hinunter.
   »Wir hatten doch noch gar keinen Prozess. Man sollte uns zumindest einen anständigen Prozess machen«, nörgelte Bart.
   Reef war in seinen Gedanken bereits wieder woanders.
   Bart stieß ihn in die Rippen. »Was tun wir jetzt? Selbst wenn Antonio uns befreien wollte, würde er es ohne Schiff nicht so schnell bis nach Nassau schaffen. Schließlich ist er vor Salt Cay über Bord gegangen, das sind fast drei Seemeilen! Es kann Tage dauern, bis er jemanden findet, der ihn hierher mitnimmt. Verdammt noch mal!«
   Reef erwiderte nichts. Bart hatte recht. Die Chancen standen miserabel. Wenn sie nicht hier wäre, würde es ihn nicht einmal interessieren. Aber wenn sie nicht hier wäre, säßen sie vermutlich auch nicht im Gefängnis, sondern wären mit der Mannschaft über Bord gegangen.
   Die Türe wurde aufgestoßen. Zehn bewaffnete Soldaten drangen ein und umringten sie.
   Was für einen Aufwand sie doch immer betrieben. Und was nutzte es? Wo ein Pirat gehängt wurde, stand schon wieder ein anderer parat, um sein Schiff zu übernehmen.
   Er ließ sich erneut widerstandslos die Hände hinter dem Rücken zusammenbinden. Nur diesmal achtete er darauf, die Handgelenke so zu verbiegen, dass er etwas Spielraum herausschinden konnte. Man sollte nie aufgeben, solange das Spiel nicht verloren war, war sein üblicherweise erfolgreichster Leitsatz.
   Die Soldaten stießen sie auf den Vorplatz, wo der Henker gerade dabei war, die Seile am Galgen anzubringen. Bart fluchte wieder in einem fort leise vor sich hin. Reef jedoch beobachtete mit klopfendem Herzen den Balkon auf der gegenüberliegenden Seite.
   Da trat sie an die Brüstung. Sein Herz rutschte schlagartig eine Etage tiefer. Verdammt, sie würde ihn tatsächlich so sehen! An ihrer Seite stand wieder dieser geschniegelte Gouverneur, mit Medaillen behangen und an jedem Finger einen dicken Ring tragend. Reef verzog seinen Mund zu einem gehässigen Grinsen. Wenn er aus dieser Nummer noch irgendwie herauskommen sollte, würde er diesen aufgeblasenen Gockel um einige seiner Klunker erleichtern müssen.
   Der Gouverneur gab das Zeichen, anzufangen. Reef wurde auf das hölzerne Podest über eine der Fallklappen neben Bart gestoßen, der mittlerweile nur noch stumm vor sich hinstarrte. Hoch erhobenen Kopfes ließ er sich die Schlinge um den Hals legen. Allerdings bereitete sein zwei Ellen langer, dicker schwarzer Zopf dem Henker einige Probleme, da er ihn aus der Schlinge herausziehen musste, um zu gewährleisten, dass sich das Seil schlussendlich wirklich eng um den Hals legte. Doch die in sich verdrehten Rastalocken des Zopfes verhedderten sich immer wieder hartnäckig in dem rauen Hanfseil. Die Menge um sie herum begann zu feixen. Reef konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er hätte nie gedacht, wozu seine Abneigung gegen Barbiere noch einmal gut sein könnte.
   Sein Blick fiel erneut auf die Frau, die er nie völlig aus seinem Gedächtnis hatte streichen können. Sie schien ihn über den Rand ihres vorgehaltenen Fächers zu beobachten. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Hätte sie ihn erhört, wenn alles anders gekommen und er in England geblieben wäre? Er hatte sich damals unzählige Male ausgemalt, wie er um ihre Hand anhalten würde. Es sollte etwas ganz Besonderes werden. So besonders wie sie. Er wollte ihr die Welt zu Füßen legen – von Asien bis nach Amerika. Allein ein dummer Fehler, der ihm in seiner ungestümen Art unterlaufen war, hatte all die wundervollen Pläne ruiniert.
   Das Hanfseil kratzte an seinem Hals. Der Henker hatte es schließlich doch geschafft, die Schlinge enger zu ziehen und war von der Klappe zurückgetreten. Reef senkte den Blick. Er schämte sich vor seinem Anblick, den er in Kürze abgeben würde. Er nahm sich fest vor, die Augen geschlossen zu halten und noch bis zum Schluss die Zähne zusammenzubeißen. Ein letztes Mal sah er auf, um ihren Anblick auf ewig vor seinen Augen zu haben.
   Der Gouverneur auf dem Balkon hob die Hand. Der Henker stellte sich handlungsbereit an den Hebel, der die Klappen öffnen würde. Die Hand des Gouverneurs fuhr in einem Schwung nach unten und der Henker riss den Hebel herum.
   Reef fühlte, wie der Boden unter ihm nachgab, als sich die Klappe öffnete. Die Schlinge zog sich enger. Der raue Strick scheuerte an seinem Hals und nahm ihm die Luft zum Atmen. Er schickte ein letztes Stoßgebet zum Himmel, dass es ihm gelingen möge, die Zähne zusammengebissen zu lassen.
   Plötzlich fuhr ein Ruck durch das Seil. Reef schlug hart auf dem Boden auf. Neben ihm plumpste ein überraschter Bart auf die Steine.
   »Piraten«, hörte er außerhalb des Podests einen Jungen rufen. »Die Piraten sind hier!«
   Reef sah Bart erstaunt an. Er fand als Erster seine Fassung wieder und machte sich daran, sich aus den Handfesseln zu befreien. Ein Bub rutschte mit einem Messer unter dem Podest hindurch und schnitt in Windeseile Barts Stricke durch. Noch ehe sie ihm danken konnten, war er schon wieder verschwunden. Über das ganze Gesicht grinsend riss sich Reef die Schlinge vom Hals und zog den immer noch perplexen Bart durch das aufgeregte Getümmel vor dem Galgen in Richtung Hafen davon.
   Überall wimmelte es von Soldaten, die nach einem Haufen schwer bewaffneter und kampfbereiter Piraten Ausschau hielten. Reef und Bart drückten sich von einer Häuserecke in die andere, bis sie schließlich in Consuelas Hafenkneipe, ihrer Lieblingsabsteige, angekommen waren.
   Lachend ließ sich Reef auf die nächste Bank fallen und hieb mit der Faust auf den Tisch. Die anwesenden Gäste betrachteten in verwundert.
   »Hey Reef, war das lustig, einen Strick um den Hals zu haben?«, fragte Dorie.
   Reef schüttelte den Kopf. »Stell dir vor, die haben überhaupt nicht mitbekommen, dass wir weg waren. Die ganzen Rotröcke sind herumgerannt wie ein Schwarm aufgescheuchter Hühner, nur weil ein Bengel »Piraten« geschrien hat.«
   Sie verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen, sodass ihre beiden Goldzähne blinkten.
   »Die lernen es nie. Die brauchen doch bloß die Hand auszustrecken und hätten sofort einen von uns am Kragen.«
   Reef lachte zustimmend und winkte die Bedienung heran. »Rum für diejenigen, die unsere Stricke durchgeschnitten haben. Wer war das eigentlich?« Er sah in die Runde, aber alles, was er erblickte, waren ratlose Gesichter. »Na kommt schon, die können doch nicht von selbst gerissen sein! Irgendjemand muss mit Messern nach den Seilen geworfen haben.«
   Dorie klopfte ihm auf die Schulter. »Glaubst du wirklich, irgendeiner von diesen Suffköpfen hier wäre in der Lage gewesen, auf die Seile zu zielen, ohne dabei euch zwei zu treffen?«
   »Ich hatte eigentlich gedacht, Antonio würde sich vielleicht was einfallen lassen. Aber wenn er nicht hier ist …«
   »Der Spanier? Wie kommst du denn darauf?«, erwiderte ein düsterer Kerl, der gerade die Kneipe betreten hatte. »Den habe ich mit dem Rest deiner Mannschaft heute Morgen aus dem Meer gefischt und sie drüben auf Hog abgesetzt, wo die Marine dein Schiff hat stehen lassen. Er wollte damit rüber nach Rose Island, um es kielholen zu können. Hat ja einige Kugeln abbekommen.«
   Bart trat vor Entrüstung gegen den Tisch. »Was habe ich dir gesagt? Der reißt sich das Schiff unter den Nagel und spielt Käpt’n.«
   Reef schenkte sich erst einmal einen Humpen ein und leerte ihn in einem Zug. Dann fuhr er sich mit der Hand über den Mund und wischte den Rest aus seinen schwarzen Bartstoppeln. »Nun gut, dann werden wir uns wohl auf den Weg nach Rose Island machen müssen und ihn fragen, was er vorhat. Fährt irgendjemand in die Richtung?«
   Der düstere Neuankömmling schüttelte verächtlich den Kopf und seine wilden schwarzen Bartzöpfe wippten. »Ich nicht. Und ich würde dir auch nicht raten, am Hafen herumzulaufen. Die Rotröcke kämmen bereits jedes Schiff nach euch ab. Es würde mich nicht wundern, wenn die bald auch hier einfallen.«
   Reef schenkte sich in aller Ruhe noch einen weiteren Humpen Rum ein. »Consuela, kannst du Bartholomäus verstecken?«, fragte er in Richtung Schenke gewandt.
   Die hübsche Spanierin hinter dem Tresen lächelte ihn verschmitzt an. »Zur Not unter meinem Rock.«
   »Ob der da drunter passt mit seiner Wampe?« Reef lachte.
   Bart machte ein mürrisches Gesicht. »Ich brauch mich zumindest nicht so weit zu bücken. Und ich würde sie auch sicher nicht ablenken – so wie du!«
   »Ach, tatsächlich?«, fragte Consuela mit gespielter Enttäuschung. »Vielleicht sollte ich dann doch lieber deinen Käpt’n unter meine Fittiche nehmen?«
   Reef winkte ab und blinzelte ihr zu. »Danke, ein andermal gern. Aber ich begebe mich besser in ein Versteck, in dem mich sicher keiner suchen wird.«

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