Merle und Jonte, eine Liebe, eine Insel, eine abgeschlossene Welt. Doch Jonte will weg, aufs Festland. Merles Wurzeln hingegen liegen tief verankert in der sandigen Erde Amrums. Eine Trennung ist unvermeidlich, aber bedeutet das auch das Ende ihrer Liebe?

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Leonie Lastella

Leonie Lastella
Leonie Lastella wurde 1981 in Lübeck geboren und wuchs in Haselau nordwestlich von Hamburg, auf, wo sie noch heute zusammen mit ihren drei Söhnen im Haus ihrer Kindheit lebt. Nach ihrem gymnasialen Abschluss studierte sie einige Semester Erziehungswissenschaften und Biologie an der Universität Hamburg. Auslandsaufenthalte in den USA und Italien beeinflussten ihre Arbeit als Autorin ebenso wie ihre Tätigkeit in verschiedenen sozialen Einrichtungen. Seit 2006 widmet sie sich neben ihrer Arbeit und den Kindern dem Schreiben. Ihr erstes Buch „Stille Seele“ erschien im Juni 2011 in der Edition Doppelpunkt, der Thriller „Allein“ im Oktober 2012 über Create Space. Es folgten der New Adult Liebesroman „In Licht und Dunkelheit“ im bookshouse Verlag, die Thriller „Wer Finsternis sät“ und „2x3 Meter Finsternis“, ebenfalls im bookshouse Verlag, und die Novelle „Tropfen auf der Haut“. Seit Dezember 2014 wird sie von der Agentur Thomas Schlück GmbH vertreten. „Brausepulverherz“ aus dem Fischer Verlag ist ihre neueste Veröffentlichung.

Autorenseite

Leseprobe

Kapitel 1

Ich sehe in den Spiegel und zupfe an den losen Haarsträhnen, die nicht mit in den Zopf an meinem Hinterkopf wollten. Man könnte durchdrehen bei dieser widerspenstigen Mähne, aber ich bin zufrieden damit. Mein Haar passt zu mir. Leicht chaotisch und sehr speziell. Selbst Kathleen, die einzige Friseurin auf Amrum, die es überhaupt schafft, etwas annähernd als Frisur zu betitelndes aus meinen Haaren zu zaubern, bekommt in regelmäßigen Abständen hysterische Anfälle wegen meiner straßenköterblonden Locken. Es ist äußerst amüsant, dass meine Mutter stundenlang mit Kathleen über so etwas Unbedeutendes wie meine Haare fachsimpeln kann. Immerhin haben sie dann ein anderes Thema als mein unsägliches Talent, alle heiratswilligen Männer in die Flucht zu schlagen und meine biologische Uhr, die, so sagen sie, lauter tickt, als das Ungetüm von antiker Wanduhr im Flur meiner Oma.
   Ich fühle mich zu jung zum Mutter werden, erst recht zum Heiraten und außerdem würde ich niemals Dieters zweite Tresenkraft in der hiesigen Fleischerei werden, auch wenn er gutes Geld verdient und laut Mama nicht mal schlecht aussieht. Ich stöhne unterdrückt und frage mich zum wiederholten Male, ob Mama allmählich schlecht sieht. Dieter hat einen stattlichen Bauchansatz, Kleidung, die nicht unter das Wort Mode fällt, und das Schlimmste ist, er ist so eindimensional, dass es mich schon beim Wurst kaufen in den Wahnsinn treibt. Keine zehn Pferde würden mich dazu bringen, so einen Mann zu heiraten, nur weil sich Mama seit meinem dreizehnten Lebensjahr auf ihre Rolle als Großmutter vorbereitet.
   Mein Blick streift den Wecker, der zwischen Zetteln und zwei aufgeschlagenen Büchern auf dem Schreibtisch steht. Ruckartig fahre ich zusammen. »Scheiße, ist das spät.« Ich schlüpfe in eine meiner Lieblingsjeans, der man das Wort »Lieblings-« deutlich ansieht. Sie zerschleißt bereits an den Knien und unterhalb des Gesäßes. Mein Blick irrt durch den Raum auf der Suche nach einem halbwegs sauberen T-Shirt. Ich halte nicht allzu viel vom Waschen, obwohl ich mir in solchen Momenten jedes Mal vornehme, ab sofort regelmäßig die Waschmaschine zu nutzen. Bisher habe ich diesen Vorsatz zwar nie in die Realität umgesetzt, aber es sich vorzunehmen, ist ein Schritt in die richtige Richtung.
   Hinter einem halb umgekippten Stapel Bücher ziehe ich ein hellrosafarbenes Jerseyshirt hervor, das erstaunlicherweise ziemlich sauber wirkt, und ziehe es über. Irgendwo in diesem Zimmer muss noch ein Korb mit sauberer, frisch duftender Wäsche sein, aber mir fehlt die Zeit zwischen all den Büchern, den Wolldeckenbergen und Kissenhaufen danach zu suchen. Auf dem Weg zur Tür angle ich mir meine heiß geliebte Flickenjacke, die aussieht wie eine zweckentfremdete Patchworkdecke, und springe in vier wenig eleganten Sätzen die Treppe hinunter.
   Mama steht kopfschüttelnd im Erdgeschoss und rührt in einer ihrer Schüsseln. Sie rührt ständig irgendetwas. Dieses Mal sieht es aus wie die Grundform eines in tausend Varianten abwandelbaren Rührkuchens. Es riecht wie immer himmlisch. Es ist ein mittelschweres Wunder, dass ich nicht längst aussehe wie ein übergewichtiges Walross. Wenn Mama nicht gerade kocht oder backt, schüttelt sie wie jetzt resigniert den Kopf, weil ich mich so wenig fraulich benehme, dass es laut ihrer Auffassung eine Schande ist. Ich weiß, dass sie bei meiner Geburt von rosa Tutus, Glitzer und Prinzessinnengeburtstagen träumte. Außer einem blass rosafarbenen Shirt kann ich mit nichts davon dienen, aber ich revanchiere mich für diesen verpatzten Lebenstraum, indem ich mit meinen dreiundzwanzig Jahren noch immer zusammen mit ihr und ihren vielen Macken in unserem windschiefen Häuschen am Amrumer Deich wohne.
   Ich liebe jeden Winkel dieses Hauses, das durch das Reetdach seinen eigenen Charme hat. Ich liebe das gemütliche Chaos, das zwangsläufig um Menschen unseres Charakters herum entsteht und jedem, der es wagt über unsere Türschwelle zu treten, zeigt, dass hier gelebt wird. Ich liebe sogar meine herrlich wunderbare, nervig chaotische Mutter.
   »Du musst etwas essen, Merlemaus.«
   Als könnte sie meine Gedanken lesen und wollte mir bestätigen, wie sehr sie nerven kann. Ich hasse es, wenn sie mich Merlemaus nennt, aber ich weiß, dass es wenig Sinn hat, ihr das ins Gedächtnis zu rufen. Ich bin schon immer ihre Merlemaus gewesen und das wird sich auch nicht ändern, weil sich so etwas Merkwürdiges wie mein Erwachsensein dazwischen schiebt.
   »Bin spät dran«, rufe ich und schnappe mir meine Tasche, um aus dem Haus zu stürzen, aber meine Mutter hält mich energisch zurück.
   »Du musst etwas essen. Dürr bist du geworden.«
   Ich bin alles andere als dürr, aber ich weiß, worauf dieser Kommentar abzielt. Immerhin starrt Mama mir demonstrativ auf meine schön geformte, aber wenig ausladende Brust.
   »Männer mögen keine dürren Frauen. Kurven liegen wieder voll im Trend, weißt du.«
   »Und ich mag keine Männer, die mich nur wegen meiner Oberweite mögen.« Ich weiß, dass sie mich erst gehen lassen wird, sobald ich etwas esse, und auch auf die Gefahr hin, meine Selbstbestimmtheit aufzugeben, die mir deutlich zubrummt, dass es zu früh ist, um etwas in den Magen zu bekommen, schlurfe ich zum Küchenschrank und schnappe mir ein Croissant. Man muss meine Mutter kennen, um zu verstehen, warum jeglicher Widerstand zwecklos ist.
   Sie wirkt freundlich und harmlos in ihrer Schürze, mit den roten Wangen und ihrer Rührschüssel in der Hand, aber das ist sie nicht. Wenn es um Prinzipien geht, wird sie zum Tier. Und eines dieser Prinzipien ist es, dass man morgens nicht ohne etwas im Magen das Haus verlässt. Das war es, woran wir uns während meiner halben Pubertät aufgerieben haben.
   Seufzend streiche ich mir eine Nerven unterstützend dicke Schicht Nutella auf das Croissant und beiße herzhaft hinein.
   »Jette hat übrigens erzählt, dass Jonte wieder auf der Insel ist«, wirft Mama mir entgegen und linst neugierig über den Rand ihrer Rührschüssel.
   Fast hätte ich mich an meinem aufgezwungenen Frühstück verschluckt. Es war, als hätte ihr Kommentar die Zahnräder meines Gehirns zum Stillstehen gebracht. Da ist sie, die zweite Hälfte über die wir während meines Erwachsenwerdens aneinandergeraten sind. Ich bemühe mich, nichts von dem, was gerade durch meinen Kopf poltert, nach außen dringen zu lassen.
   Jonte.
   Eine Gänsehaut überzieht meinen Körper. Jonte ist Vergangenheit. Ich hätte nie gedacht, dass er zurückkehren würde. Mit zittrigen Händen knülle ich das Croissant auf die Hälfte zusammen. »Wen sollte das schon interessieren?«, erwidere ich patzig wie ein pubertierendes Schulmädchen. Ich muss zur Arbeit.« Das Croissant schmeiße ich unauffällig in den Mülleimer hinter dem Tisch. Meine Kehle ist wie zugeschnürt.
   Jonte.
   Mama rollt mit den Augen und widmet sich wieder ihrem Kuchen, während ich durch die Haustür verschwinde.
   Als ich den ordentlich gejäteten Sandweg hinunterlaufe, beobachte ich, wie sie mir stirnrunzelnd hinterher sieht. Sie versteht nicht, wie es eine sinnvolle Arbeit sein kann, jeden Tag dieselben Vögel zu zählen und Kotproben zu analysieren. Nur die Arbeit mit den Kindern der Urlauber im Naturschutzzentrum stößt bei ihr auf Wohlwollen. Wenn es nach ihr ginge, wäre ich vermutlich Kindergärtnerin geworden. Ein sehr fraulicher Beruf. Ich grunze unterdrückt und kicke mit meinem klobigen Bikerstiefel einen Stein über den Sand.
   Jonte ist wieder da.
   Ich kann nicht fassen, dass mich diese Tatsache so sehr aus der Bahn wirft. Ich verstehe nicht, wieso sich alle meine Gedanken auf die Frage konzentrieren, warum er hier ist. Seine Mutter lebt nicht mehr und sein Vater ist mit seiner neuen Frau vor einem Jahr nach Bremen gezogen. Ihn verbindet nichts mehr mit diesem »Scheißflecken Erde«, wie er die Insel immer nannte.
   Ein leises Kribbeln rollt durch meine Eingeweide. Ich stöhne. Vier Jahre und er hat nicht einmal angerufen oder sonst irgendein Lebenszeichen von sich gegeben. Das zeigt ziemlich deutlich, welchen Stellenwert unsere damalige Liebe für ihn hatte. Ich muss verrückt sein, dass ich noch immer so auf ihn reagiere, und das nur, weil jemand seinen Namen in meiner Gegenwart benutzt.
   Ich laufe über den Strand in Richtung Odde, wo das Dünengebiet seicht ausläuft. Meine Schuhe hinterlassen feuchte Abdrücke im Sand, die von der Nordsee fortgewaschen werden. Die Strände sind noch leer. Die Sommerferien haben noch nicht begonnen. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.
   Die Weite des Wassers und der Strände lassen mich aufatmen. Umständlich friemel ich die Knoten in meinen Schnürsenkeln auf und streife mir die Stiefel ab, denn ich mag den Sand unter den Füßen und die salzige Feuchtigkeit auf der Haut. Ich binde die Stiefel an meinem Rucksack fest und laufe weiter den Strand entlang. Dabei recke ich meine Nase in den Wind und lächle, während ich auf das Schlagen der Wellen horche.
   Das Meer spricht mit mir. Ich weiß nicht, wieso oder warum ich es hören kann oder ob ich mir das alles nur einbilde, aber seit meiner Kindheit setzt das Meer meine Seele wieder zusammen und lenkt mein Leben. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gehe ich an den Strand und höre den Wellen zu. Wenn ich traurig bin, verstecke ich meine Tränen in den salzigen Spritzern, die die Gischt auf meinem Gesicht hinterlässt und wenn ich glücklich bin, feiere ich es genau hier. Mit meinen Freunden, an einem Lagerfeuer, während Piet, einer meiner besten Freunde, auf seiner Gitarre spielt.
   Meine Mutter sagt, dass es eine Gabe ist, weil ich meine Kraft aus dem Meer schöpfe, aber die schmeißt auch den Kartenlegern von Astro TV in regelmäßigen Abständen ihr sauer verdientes Geld in den Rachen. Ich bin nicht abergläubisch, noch weniger esoterisch und würde niemals mit Wünschelruten herumlaufen oder zu mitternächtlicher Stunde bei Vollmond um einen alten Baum tanzen. Dass dieser Ort meiner Seele Frieden schenkt und mich im Gleichgewicht hält, weil das hier meine Heimat ist, das glaube ich. Das Meer ist ich und ich bin das Meer. So einfach ist das.
   Ein Geräusch hinter mir lässt mich zusammenzucken. Ich brauche nicht hinzusehen, um zu wissen, wessen Schritte ihre Abdrücke im feuchten Sand hinterlassen.
   »Merle?«
   Seine Stimme ist so fremd, so vertraut, so sehr Jonte. Ich nicke, das Knirschen des Sandes stoppt. Er ist stehen geblieben. Es ist still, bis auf den Wind.
   »Im Naturschutzzentrum haben sie mir gesagt, dass du hier wärst.«
   Noch immer bewegt er sich nicht. So viele Nächte habe ich davon geträumt, dass er wiederkommen würde. Dass er meinetwegen kommen würde. Ich habe von diesem Moment geträumt, aber jetzt fühle ich nur eins - es ist zu spät. »Wie geht es dir, Jonte?«
    Er erzählt mir von den vergangenen vier Jahren, aber seine Worte fühlen sich bedeutungslos an. Er tut es nur, um die Stille zu füllen. Er redet auf mich ein, an mir vorbei – ins Leere. Jonte spricht von unserem letzten gemeinsamen Sommer, von der Zeit, bevor er alt genug war, von hier zu verschwinden und davon, wie sein Leben seitdem verlaufen ist. Nach gerade einmal zwei Minuten verstummt er.
   Die Nordsee brandet wütend gegen den Strand und unterspült meine Füße. Ich habe ihn geliebt, aber das ist so lange her. Trotzdem verliere ich den Boden unter mir. Die Sonne scheint von einem blass wässrigen Himmel, aber es wird nicht warm. Das ist der Sturm, der einen Teil der Nordsee als winzige Tropfen auf unsere Haut schleudert und mich frösteln lässt.
   »Du sagst ja gar nichts.«
   Sein Blick gleitet verzweifelt über mich. Ich kann es spüren, ohne hinzusehen. Manche Dinge braucht man nicht zu sehen, damit man weiß, dass sie da sind. Ich weiß nicht, was ich auf eine Frage, die er nie laut ausgesprochen hat, antworten soll, also bleibe ich stumm und mache einen Schritt vorwärts. Das Wasser streichelt meine Waden und kleine Luftblasen zerplatzen kitzelnd auf meiner Haut.
   Jonte kann mir nicht folgen, ohne seine schweineteuren Designerschuhe zu ruinieren. Er wird mir nicht folgen.
   Er lässt sich in den mit Seetang und Muscheln überzogenen Sand plumpsen und stößt prustend die Luft aus. Der Sturm frisst das Geräusch fast. Ich weiß, dass es ein Fehler ist, und trotzdem drehe ich mich um und sehe ihn an. Sein Gesicht mit den hohen Wangenknochen ist umgeben von dem satten Stoff seines Pullovers, dessen Kapuze er sich schützend über den Kopf gezogen hat. Seine perfekten Gesichtszüge, umrahmt von schwarzem Jersey Stoff, an dem winzige Sandkörner haften bleiben.
   So habe ich ihn in Erinnerung – uns, wie wir zusammen am Strand liegen, Händchen haltend, unsere Kapuzenpullover bedeckt mit Sand. Jonte kitzelt mich. Wir wälzen uns herum, als wäre es egal, ob wir dreckig werden, als wäre es egal, was morgen kommt.
   Aber das war es nie. Ich habe immer geahnt, dass er eines Tages von hier fortgehen würde. Ich habe es gewusst. Das Meer hat es mir gesagt, er hat es getan, aber ich wollte nicht zuhören.

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