In einem kleinen Bostoner Supermarkt wird die Leiche des Besitzers gefunden. Doch er ist nicht allein. Neben ihm liegt eine junge Frau. Vergewaltigt, gefoltert, erwürgt. Die ungleichen Detectives Elena St. James und Dominic Coleman übernehmen die Ermittlungen. Schnell stellt sich heraus, dass jemand bereits vor Jahren auf dieselbe Art getötet hat. Auf der Suche nach dem Tatmotiv kommen sich Elena und Dominic immer näher. Die Schatten der Vergangenheit ziehen sich über ihnen zusammen, als ein weiterer Doppelmord geschieht. Ein Geheimnis, von dem bisher nur eine Handvoll Menschen wusste, drängt an die Oberfläche – und plötzlich scheinen alle Opfer eine Verbindung zu Dominic zu haben. Hat der Detective etwas mit den Morden zu tun? Oder hasst jemand den attraktiven Polizisten so sehr, dass er ihn in den Strudel der Verbrechen ziehen will? Dominic will seinen Feind stellen, der ihn zum Mittelpunkt der Ermittlungen macht und Elena muss sich Klarheit über ihre Gefühle für Dominic verschaffen. Die Zeit zerrinnt ihnen zwischen den Fingern – denn der Täter hat sein nächstes Opfer schon gewählt …

Alle Titel der Reihe!

E-Book: 4,99 €

ePub: 978-9963-724-00-0
Kindle: 978-9963-724-02-4
pdf: 978-9963-722-99-0

Zeichen: 656.486

Printausgabe: 14,99 €

ISBN: 978-9963-722-98-3

Seiten: 397

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Jane Luc

Jane Luc
Jane Luc lebt im Großraum Stuttgart. Sie machte 1995 in Dresden ihr Abitur und zog anschließend nach Baden-Württemberg, um Polizistin zu werden. Nach ihrem Studium an der Fachhochschule für Polizei in Villingen Schwenningen wechselte sie 2002 zur Kriminalpolizei, wo sie auch jetzt noch arbeitet. Jane bringt ihre Diensterfahrungen und ihr kriminalistisches Wissen in ihre Bücher ein. Das ist ein Grund, warum sie Kriminalromane schreibt. Der andere ist, dass sie einer spannenden Geschichte einfach nicht widerstehen kann.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog


Die hatte zu viele Drinks gehabt. Wieder einmal. Zwei Wochen lang hatte sie keinen Schluck getrunken, war kein einziges Mal ausgegangen. Aber heute Abend war es wieder passiert. Die Einsamkeit und die Sehnsucht hatten sie in diesen Club getrieben, in dem sie in den vergangenen Monaten viel zu oft gewesen war. Sie war so verzweifelt auf der Suche nach Liebe und Zuneigung gewesen – nach der einen großen Sache – die es nur in Romanen und Filmen zu geben schien.
   Wenn sie genügend getrunken hatte und der Rausch die Konturen der Wirklichkeit verschwimmen ließ, dann konnte sie glauben, dass zwischen ihr und den Männern, die sie mit in ihre Wohnung nahm, mehr war als nur die schäbige Leidenschaft einer Nacht. Sie konnte davon träumen, morgens neben einem Mann aufzuwachen, in liebevoll lächelnde Augen zu blicken und zu wissen, sie hatte den Mann ihres Lebens gefunden.
   Sie hatte versucht, damit aufzuhören. Versucht, sich von den Clubs fernzuhalten, keine Männer mehr abzuschleppen. Gerade einmal zwei Wochen lang hatte sie es geschafft. Es war leichter gewesen, solange ihre Mitbewohnerin noch in der Stadt gewesen war. Aber Carole war nicht da und die Einsamkeit brachte sie um. Wie ein Sog hatte sie sie zurück in die Clubs gezerrt. Und an diesem Abend hatte die Jagd noch nicht einmal erfolgreich geendet. Sie hatte allein in einem Taxi nach Hause zurückkehren müssen.
   Und dann war da plötzlich er gewesen.
   Im ersten Moment hatte sie nicht darüber nachgedacht, wieso sie ihn vor ihrer Haustür getroffen hatte. Der Alkohol und die Freude darüber, die Nacht doch nicht allein verbringen zu müssen, hatten solche Gedanken überhaupt nicht erst zugelassen. Sie hatte ihn mit in ihre Wohnung genommen, bereit, ihm alles zu geben. Sie hatte keine Angst vor ihm gehabt – das ließ der Rausch nicht zu. Außerdem kannte sie ihn flüchtig. Vor einiger Zeit hatte sie ihn sogar einmal abgewiesen, daran erinnerte sie sich noch. Warum sie damals nicht mit ihm gegangen war, wusste sie allerdings nicht mehr.
   Langsam drang der Gedanke durch den Alkoholnebel, dass es ein Fehler gewesen war, ihn in ihr Bett einzuladen.
   Als er ihre Hände an die Bettpfosten fesselte, hielt sie es noch für ein Spiel und lachte. Als er in sie eindrang, obwohl sie noch nicht bereit für ihn war, schluckte sie den Schmerz hinunter. Aber als er sanft seine Hände um ihren Hals legte und langsam begann, zuzudrücken, tauchte sie schlagartig aus dem Nebel der Cocktails dieser Nacht auf. Sie versuchte, sich zu wehren, und bäumte sich unter ihm auf.
   »Verdammt! Was tust du?«, keuchte sie, als er losließ und sich ihre Lungen wieder mit Sauerstoff füllten. »Das ist nicht witzig. Binde mich sofort los!«
   Er lachte und stieß seinen Penis noch tiefer in sie. Sie hatte das Gefühl, er war noch härter geworden, während er sie gewürgt hatte.
   »Schätzchen, es gibt keinen Grund, aufzuhören. Du wolltest doch gefickt werden, oder etwa nicht? Du bettelst doch bei jedem Kerl darum, sich zwischen deine Beine zu legen.«
   Langsam drückten die Hände um ihren Hals wieder zu.
   Er beobachtete ihre verzweifelten Versuche, sich zu befreien und lockerte seinen Griff dann wieder.
   Sie sah das Lächeln in seinem Gesicht und spürte den eiskalten Schauder, der ihr über den Rücken lief. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Typen. Sein Blick hatte einen Ausdruck angenommen, der ihr Angst machte.
   Todesangst.
   »Bitte«, bettelte sie, als er seine Finger wieder von ihrem Hals löste. Das brennende Verlangen nach Sauerstoff trieb ihr Tränen in die Augen. Ihre Stimme drang heiser und rau aus ihrer Kehle, was ihr Flehen noch verzweifelter klingen ließ. »Bitte. Hör auf. Lass mich gehen.« Ihre Lippen bebten bei dem Versuch, nicht laut loszuschluchzen.
   Wieder lächelte er, sanft diesmal, und liebevoll. Mit den Fingerknöcheln strich er zart über ihre Wangenknochen. Dann senkte er den Kopf und biss ihr in die Brust.
   Mit einem Schmerzensschrei bäumte sie sich unter ihm auf, versuchte, zu entkommen. Aber er war in ihr, drückte sie mit seinem Körper in die Matratze und stieß immer wieder zu, während sie wie verrückt an ihren Fesseln riss.
   »Bitte, bitte! Hör auf.«
   Verzweifelt kniff sie die Augen zusammen, doch sie konnte die Tränen nicht aufhalten. Sie liefen an ihren Schläfen entlang in ihr Haar. Eiskalter Schweiß bedeckte ihren Körper. Dann spürte sie es wieder. Er legte seine Hände um ihren Hals – ganz sanft zunächst – bevor er zudrückte. Aus dem roten Flimmern hinter ihren Lidern wurde Schwärze, durch die weiße Sterne zuckten. Als auch diese kleinen Lichtblitze verschwanden und sie bereits anfing, in die Leere zu gleiten, ließ er wieder los. Ihr Körper bäumte sich ohne ihr Zutun auf. Ganz automatisch. Sie wollte leben, rang um jedes Sauerstoffmolekül, das sie erhaschen konnte. Aber sie war schon zu benommen. Sie wusste, sie musste kämpfen, nur schienen ihre Kräfte sie im Stich zu lassen. Dieser halb bewusstlose Zustand war gut, so ließ sich alles besser ertragen.
   Doch das wollte er nicht.
   Er schlug ihr ins Gesicht. »Komm schon, Darling. Komm zu dir. Du willst die Show doch nicht verpassen«, neckte er sie mit seiner tiefen sanften Stimme.
   Sie öffnete stöhnend die Augen. »Ich tu alles, was du willst«, flüsterte sie. »Aber bitte, hör auf.«
   »Das kann ich leider nicht«, sagte er. Spielerisch drückte er ihren Hals zusammen und ließ erneut los. »Was glaubst du, wie oft ich noch zudrücken kann?« Er beugte sich über ihr Ohr, als er mit ihr sprach, und biss ihr gleich darauf schmerzhaft ins Ohrläppchen.
   »Bitte«, wimmerte sie.
   »Nein! Du bist eine verdammte kleine Schlampe, und ich habe entschieden, dich auszulöschen.« Wieder stieß er hart und schmerzhaft in sie hinein. »Hast du das begriffen, Tash? Du. Wirst. Sterben.«
   Sie wusste, dass ihre Augen in blanker Panik weit aufgerissen waren, als sie mit letzter Kraft versuchte, sich unter ihm hervorzuwinden. Sein amüsiertes Lachen ließ sie innehalten. Es war sinnlos. Sie sah es an seinem Blick: Er wollte sie wirklich töten!
   »Und weißt du, was das Beste daran ist?«, fragte er, als er seine Hände abermals um ihren Hals legte. »Es wird noch Stunden dauern. Ich werde dich ganz langsam und qualvoll sterben lassen. Und ich werde in dir sein, wenn du zum letzten Mal zuckst.«
   Konzentriert legte er seine Hände um ihren Hals und drückte zu.
   Natasha blieb nichts anderes übrig, als ihm ins Gesicht zu blicken und das Vergnügen zu beobachten, das ihm seine Quälerei bereitete.
   »Warum?«, hauchte sie tonlos.
   Die Antwort war nur sein grausames Lachen.
   In diesem Moment wusste Natasha, dass sie dem Tod nicht entkommen würde.

1.
Vier Tage zuvor

Die Marina bot einen wundervollen Blick über die Boston Bay und die atemberaubende Skyline der Stadt, die sich dahinter erhob. Der kleine Hafen hätte eigentlich etwas Zauberhaftes an sich haben müssen, doch seine Magie ging unter dem Gestank von geschmolzener Glasfaser, verbranntem Epoxid und schwarzen Rauchschwaden verloren. Feuerwehrleute und Polizisten eilten geschäftig umher, und die übliche Traube Schaulustiger hatte sich hinter dem gelben Flatterband eingefunden. Da es sich um einen netten, kleinen Jachthafen handelte, war das Publikum entsprechend wohlhabend. Das schien aber auch der einzige Unterschied zu anderen Schauplätzen des Todes zu sein. Mit wachen Augen verfolgten sie die Handgriffe der Einsatzkräfte, immer auf der Suche nach ein bisschen CSI-Romantik.
   Dominic war schlecht gelaunt. Die Zentrale hatte ihn vom Spiel der Red Sox gegen die Toronto Blue Jays weggeholt, das er mit seinem Bruder Geno und seinem Kumpel Steve angesehen hatte. Er hasste es, den Anfang eines Spiels zu sehen und das Ende lediglich in einer Zusammenfassung auf ESPN präsentiert zu bekommen.
   Mit einem Seufzen stieg er aus seinem SUV und ließ den Blick über die Szenerie schweifen. Die Jacht, die am Ende des Piers lag, war wahrscheinlich früher mal ein hübsches Stück gewesen, wenn sie auch nicht ganz so groß war wie die umliegenden Boote. Nun dümpelte sie rußgeschwärzt in den leichten Wellen der Marina. Ein Kabinenfenster war geborsten. Kleine schwarze Rauchwolken stiegen von Deck auf und verpesteten die Luft mit ihren giftigen Dämpfen. Aber das gelassene Auftreten der Feuerwehrmänner sprach dafür, dass sie die Lage unter Kontrolle hatten.
   Als Dominic einem etwas übereifrigen Frischling seine Dienstmarke unter die Nase hielt, weil der ihn nicht passieren lassen wollte, fiel sein Blick auf eine Kollegin, die sich gerade bückte, um eine Rolle Absperrband in ihrer Einsatztasche zu verstauen. Hübscher Hintern, befand er. Sie richtete sich wieder auf, sodass er auch den Rest von ihr betrachten konnte. Ganz schön scharf. Nicht jeder Frau stand die Uniform, aber die hier sah echt heiß darin aus. Nette Kurven, das lange blonde Haar zu einem Zopf geflochten.
   Der Anblick einer hübschen Frau kam fast einer Entschädigung für das verpasste Spiel gleich. Als sie sich zu ihm umdrehte, zog er seinen rechten Mundwinkel nach oben und schenkte ihr ein Grinsen. Ihre Antwort war ein unterkühlter Blick, bevor sie sich wieder ihrem Kollegen zuwandte. Dominic behielt sein Grinsen bei. Das Babe hatte ja keine Ahnung, wie sehr die Herausforderung durch einen so kühlen Blick wuchs. Langsam schlenderte er auf sie zu. Sie stand mit Officer Bobby Pattison und dem Captain des Löschzugs zusammen.
   Als er die Gruppe erreichte, nickte er ihnen kurz zu. »Bobby. Captain.« Dann betrachtete er die Blondine ausführlich. Aus der Nähe hatte sie etwas von einem Kobold. Sie war nicht besonders groß und ein paar niedliche Sommersprossen saßen auf der Nase, was ihr das Aussehen eines süßen, kleinen Mädchens verlieh. Ihre Augen, die von einem eisigen Grau waren, hoben diese Wirkung allerdings auf. Eine absolut unwiderstehliche Mischung. Dominic schenkte ihr noch einmal sein jungenhaftestes Grinsen, von dem behauptet wurde, dass es jedes Frauenherz zum Schmelzen brachte.
   »Guten Abend, Officer.«
   »Detective Coleman«, antwortete sie mit einem frostigen Nicken.
   Sie schien nicht zum Flirten aufgelegt zu sein. Also widmete Dominic seine Aufmerksamkeit zunächst einmal Officer Pattison und konzentrierte sich auf den Fall, wegen dem er herbeigerufen worden war. »Was hast du für mich, Bobby?«
   »Eine männliche Leiche. Das Opfer lag in der Kajüte der Jacht. Offensichtlich hat die Heizdecke, mit der es zugedeckt war, Feuer gefangen. Das Opfer selbst muss ebenfalls ziemlich schnell angefangen haben zu brennen.« Er wies auf einen zweiten Pier. »Die Besitzer einer Jacht an diesem Steg da drüben, der Columbus, glaube ich, haben den Brand bemerkt und die Feuerwehr alarmiert. Außer dem Opfer und ein paar Sachen in der Kabine ist nicht besonders viel verbrannt.« Er nickte zu dem Boot hinüber. »Das meiste ist bloß Ruß.«
   »Okay.« Dominic zog Latexhandschuhe aus seiner Hosentasche. »Kann ich mir das Boot schon ansehen, Captain?«
   »Sicher, Detective. Meine Leute sind fertig. Gehört alles Ihnen. Wenn Sie noch etwas brauchen, rufen Sie mich an. Wir verschwinden jetzt.«
   »Danke.« Mit einem Nicken verabschiedeten sie sich und Dominic kletterte auf das rußgeschwärzte Boot. Pattison folgte ihm.
   »Wissen wir schon, wer das Opfer ist?«
   »Laut Eintrag im Jachtregister müsste es sich um Dr. Marc Delaware handeln. Die Leiche ist auf jeden Fall männlich. Schau es dir am besten selbst an.«
   Vorsichtig kletterten sie in die Kajüte hinunter. Hier war der Brandgeruch wesentlich stärker und mischte sich mit dem ekelerregenden Gestank von verbranntem Fleisch. Die Gliedmaßen des Toten hatten sich grotesk zusammengezogen, eine Folge der Schrumpfung der Muskulatur durch die Hitze. Dieser Tote hier war nicht Dominics erste Brandleiche. Das Feuer war eines der hässlichsten Gesichter des Todes. Meistens hatte das Opfer zumindest das Glück, an einer Rauchgasvergiftung zu sterben, bevor sein Körper so entstellt wurde. Das Problem war nur, man sah einer Brandleiche nicht an, woran sie gestorben war. Aber vielleicht ging das hier trotzdem schnell und er könnte sich noch das letzte Inning der Red Sox ansehen.
   Er blickte sich um. Neben den verkohlten Überresten des Doppelbettes, auf dem das Opfer lag, stand ein verschmorter Laptop auf dem Boden. Im Kleiderschrank hing Segel- und Freizeitkleidung von einer Frau und einem Mann. Er schob die Kleider zur Seite und entdeckte auf dem Schrankboden ein Paar polierte schwarze Halbschuhe. Italienisches Modell, wenn er sich nicht irrte. Sein Blick glitt zur Leiche zurück und blieb an ihren Füßen hängen. Vorsichtig trat er einen Schritt näher an den Toten heran, hockte sich vor die Füße und betrachtete die Schuhsohlen, die fast vollständig verschmort waren. Mit einem Seufzer verabschiedete er sich von dem Baseballspiel. Das hier würde wohl nicht so schnell erledigt sein, denn mit diesem Opfer stimmte etwas ganz und gar nicht.
   Er drehte sich zu Pattison um. Dessen Partnerin war ebenfalls in die Kajüte geklettert und sah sich mit wachen Augen um.
   »Bobby, wir brauchen die Spurensicherung. Die Leiche muss in die Gerichtsmedizin. Kannst du das organisieren?«, fragte er den Officer hinter sich und wartete das bestätigende Nicken ab, bevor er weitersprach. »Was wisst ihr über die Angehörigen von Delaware?«
   Der hübsche blonde Officer zückte einen Notizblock und las die Informationen ab, die Dominic brauchte. »Dr. Marc Delaware, siebenundfünfzig Jahre alt. Verheiratet mit Angel Delaware, sechsundzwanzig. Geschieden von Claire Delaware, vierundfünfzig.« Anschließend nannte sie ihm die Adresse des Jachtbesitzers.
   Dominic pfiff leise durch die Zähne. Keine schlechte Wohngegend. Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als die vermeintliche Witwe zu besuchen. Etwas, das man den ungeschriebenen Gesetzen der Mordkommission zufolge nie allein tat. Er überlegte, einen Kollegen vom Dezernat hinzuzuziehen, aber er war mit Sicherheit nicht der Einzige, der den Abend mit den Red Sox verbringen wollte.
   Sein Blick fiel wieder auf den blonden Kobold. Er wartete, bis Pattison sein Telefonat mit der Zentrale beendete, und wies auf den Officer. »Ich fahre zu Angel Delaware und leihe mir für die kleine Spritztour deine Partnerin aus. Kümmerst du dich darum, dass die Spurensicherung und die Gerichtsmedizin alle notwendigen Infos bekommen, wenn sie hier auftauchen?«
   Bobby öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch seine Partnerin legte ihm die Hand auf den Arm und schüttelte kaum merklich den Kopf. Bobby schien den kleinen Wink zu verstehen. Er nickte Dominic knapp zu.

*

Elena wandte sich ab, um aus der Kabine zu steigen. Es widerstrebte ihr, vor Detective Coleman an Deck zu klettern, weil sein Blick unweigerlich auf ihrem Hintern ruhen würde. Aber sie würde heute, an ihrem letzten Tag als Officer, keine Szene heraufbeschwören. Um einundzwanzig Uhr endete ihr Dienst auf der Straße. Bis dahin konnte sie sich beherrschen. An Deck warf sie einen Blick auf die Uhr. Zu ihrer Abschiedsfeier im The Bullet würden sowohl sie als auch Bobby zu spät kommen. Das war das Los des Polizisten. Weder sie noch ihr Partner noch ihre Freunde aus dem Streifendienst, die in der Kneipe auf sie warteten, würden sich darüber beklagen.
   Sie drehte sich nach Coleman um, der behände die Stufen erklommen hatte und sich die Latexhandschuhe auszog, um sie in die Gesäßtasche seiner Jeans zu stopfen. Eine ziemlich abgetragene Jeans, wie Elena trotz der Dämmerung bemerkte. Sie passte zu dem reichlich zerknitterten Hemd, das ihm aus der Hose hing, ebenso wie zu seinem Bartschatten und dem Kaugummi, auf dem er herumkaute. In seiner Hemdtasche steckte eine Pilotenbrille. Wozu brauchte ein normaler Mensch nachts eine Sonnenbrille?
   Der Detective schien ihre Musterung bemerkt zu haben, denn er fing ihren Blick auf. Seine Augen strahlten in einem leuchtenden Blau, es erinnerte an einen Laser. Elena schluckte. Sie dachte daran, wie sie vor ein paar Monaten im Umkleideraum des Departments ein Gespräch zwischen zwei Kolleginnen angehört hatte, die über diese Augen ins Schwärmen geraten und zu dem Schluss gekommen waren, dass Coleman eine Sonnenbrille tragen musste, um seine Mitmenschen vor seinem Blick zu schützen. Vielleicht hatte er die Pilotenbrille deshalb dabei.
   Fast musste sie den Kopf über sich schütteln. Es stimmte, sein Blick war das, was man gemeinhin als heiß bezeichnete. Er sah verdammt gut aus, trotz seines schlampigen Auftretens. Die Streifenkollegin in der Umkleide hatte ihn ziemlich passend einen zerzausten Engel genannt. Er war ein brillanter Cop, der sich allerdings mit schöner Regelmäßigkeit über die Vorschriften hinwegsetzte. Zumindest behauptete man das im Department. Elena kannte auch Detective Colemans Ruf als oberflächlicher Weiberheld und Macho. Angeblich hatte er italienische Wurzeln, was durchaus sein konnte, wenn man seine dunklen Locken und den olivfarbenen Teint bedachte.
   Er schenkte ihr ein charmantes Grinsen. Elena presste die Lippen zusammen, damit ihr nicht der Hinweis entschlüpfte, wohin er sich seinen Charme stecken konnte. Ab morgen würde sie selbst Detective und Mitglied des Morddezernates sein. Es war besser, es sich nicht schon vorher mit den künftigen Kollegen zu verderben. Sie biss die Zähne zusammen und folgte ihm zu seinem Wagen.
   Die Fahrt zu Angel Delaware verlief schweigend. Elena verstand, dass Coleman nicht allein bei der Frau des Opfers auftauchen wollte. Er hätte ihr aber auf der Fahrt zumindest sagen können, wie er vorgehen wollte.
   Als er vor einem hübschen, großen Haus an den Straßenrand fuhr, drehte er sich endlich zu ihr und schenkte ihr einmal mehr sein betörendes Grinsen. »Ich sage Ihnen jetzt, wie es ablaufen wird. Ich rede mit Mrs. Delaware. Sie stehen schön ruhig daneben und halten die Klappe. Halten Sie sich am Besten aus allem raus. Verstanden, Schätzchen?« Ob es seine Art war, so mit Kollegen zu sprechen? Vielleicht war auch ihre kühle Miene eine Herausforderung für ihn und er fragte sich, ob er sie aus der Reserve locken konnte, wenn er sie reizte.
   Elena knirschte mit den Zähnen. Sie neigte zwar grundsätzlich nicht zur Gewalt, aber dieser Mann trieb sie dazu, ihm die Augen auskratzen zu wollen. »Ich bin nicht Ihr Schätzchen. Merken Sie sich das, Detective. Für Sie heißt es immer noch Officer St. James«, sagte sie so beherrscht es ihr möglich war, bevor sie aus dem Wagen stieg. Sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob Coleman tatsächlich ein »Aber klar doch, Schätzchen« murmelte, weil sie die Tür heftiger als nötig hinter sich zuschlug und auf das Haus zustapfte.

*

Dominic folgte ihr über die gekieste Einfahrt zur Haustür. Das Haus war elegant und ziemlich groß, schön, aber seelenlos. Der blonde Kobold hatte keine Kinder erwähnt. Für zwei Personen schien dieses Heim fast zu viel Platz zu bieten. Die Fenster im Erdgeschoss waren hell erleuchtet und ließen den gepflegten Rasen und die ordentlich geschnittenen Hecken und Büsche in der Dunkelheit erahnen. Als er die Klingel betätigte, hallte der Ton dumpf in den Tiefen des Hauses wider.
   Die Frau, die kurz darauf öffnete, hatte von allem ein bisschen zu viel. Oder zu wenig, wie man es nahm. Die Lockenmähne war einen Stich zu rot, um als echt durchzugehen. Ihr Gesicht war einen Tick zu stark geschminkt, und ihr Bombenkörper steckte in einem eindeutig zu kurzen und zu engen Kleid. Sie bedachte Dominic mit einem strahlenden Lächeln, das zwei Reihen der weißesten Zähne aufblitzen ließ. Als sie Elena hinter ihm entdeckte, gefror ihr Lächeln und die Hand, in der sie ein volles Champagnerglas hielt, begann zu zittern. »Ist etwas passiert? Ist mit meinem Mann alles in Ordnung?« Mit der freien Hand griff sie sich an den Hals, den Blick immer noch auf Elenas Uniform gerichtet.
   »Dürfen wir kurz hineinkommen, Ma’am?« Dominic zog seine Dienstmarke aus der Gesäßtasche und hielt sie der Rothaarigen unter die Nase.
   »Sicher. Bitte.« Sie trat einen Schritt zur Seite und ließ Elena und ihn ins Haus. Sie führte sie in ein Zimmer, das vermutlich der Salon war. Neben auf alt getrimmten Sesseln und Sofas standen antike Tischchen mit Vasen voller künstlicher Blumen. Der Boden bestand aus edlen, dunklen Dielen und an der Stirnseite nahm ein Kamin die halbe Wand ein. Darüber prangte ein Gemälde der Hausherrin. Als ob das alles nicht überladen genug gewesen wäre, baumelte in der Mitte des Raumes ein protziger Kronleuchter von der Decke.
   Der Vamp ließ sich anmutig in einen der Sessel gleiten und stellte das Champagnerglas auf einem der Tischchen ab.
   »Was kann ich für Sie tun, Detective?«, flüsterte sie mit schwacher Stimme. Ein bisschen zu gekünstelt.
   Dominic setzte sich der Frau gegenüber auf ein Sofa. Elena zog es vor, hinter ihm stehen zu bleiben. Nach dem ersten Blick auf ihre Uniform hatte die Lady sie sowieso nicht mehr beachtet. Ihre Augen hingen einzig und allein an ihm.
   »Sie sind Mrs. Delaware?«
   »Ja. Angel Delaware.«
   »Mrs. Delaware, ich bin Detective Coleman vom Boston PD, und das ist Officer St. James.« Er rutschte etwas unbehaglich auf dem Sofa herum. »Können Sie mir sagen, wo sich Ihr Mann heute Abend aufgehalten hat?«
   »Oh. Er ist auf unserer Jacht.« Wieder legte sie die Hand an ihren Hals. »Ich habe eine kleine Party für meine Freundinnen gegeben. Marc musste noch arbeiten. Er braucht Ruhe dabei, also ist er auf die Jacht gegangen. Das macht er manchmal.«
   »War er allein dort?«
   Angel Delaware wollte schon antworten, doch dann schien ihr die Bedeutung der Frage plötzlich bewusst zu werden. Auf ihren Wangen zeigten sich rote Flecken und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. »Wollen Sie etwa andeuten, mein Mann hat sich mit einer anderen Frau getroffen? Das kann ich ganz sicher verneinen. Mein Mann betrügt mich nicht.« Sie griff nach ihrem Glas und nahm einen großen Schluck Champagner, als wollte sie sich beruhigen. »Wären Sie jetzt vielleicht so freundlich, mir zu sagen, was passiert ist?«
   »Auf Ihrer Jacht ist ein Brand ausgebrochen. Dabei wurde eine Person getötet«, erklärte Dominic.
   »O Gott, Marc!« Mrs. Delawares Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen. »Wie konnte das nur passieren?«
   »Das wissen wir noch nicht, Ma’am. Wir können auch noch nicht sicher sagen, ob es sich bei dem Verstorbenen um Ihren Mann handelt.«
   »Was soll das heißen? Natürlich muss es mein Mann sein. Er war allein. Das habe ich Ihnen gerade eben schon gesagt.« Durch die Tränen hindurch wurde sie aufbrausend. Zitternd holte sie Atem, um sich zu beruhigen. »Kann ich ihn sehen?«, flüsterte sie und ließ sich in die Kissen ihres Sessels sinken.
   »Nein, Ma’am. Das wird nicht möglich sein. Das Opfer, das wir auf der Jacht gefunden haben, wurde durch den Brand zu sehr entstellt. Das ist auch der Grund, warum ich Sie bitten muss, mir eine DNA-Probe Ihres Mannes zu überlassen, damit wir ihn gegebenenfalls identifizieren können.«
   »O mein Gott!« Das Weinen steigerte sich zu einem Schluchzen. »Auf der Jacht war nur mein Mann. Das können Sie mir glauben. Er hat doch sicher seinen Ehering getragen. Daran können Sie ihn eindeutig identifizieren, ohne dass Sie seine DNA untersuchen müssen. Das ist alles so schrecklich.« Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht.
   »Mrs. Delaware.« Dominic legte ihr eine Hand auf den Arm und wartete, bis sie sich etwas beruhigt hatte. »Eine eindeutige Identifizierung wird nur möglich sein, wenn wir eine DNA-Probe Ihres Mannes haben. Ich muss Sie also darum bitten, mir seine Zahnbürste oder seinen Kamm zu überlassen.« Seine Stimme blieb sanft, seine Worte duldeten jedoch keinen Widerspruch.
   Angel Delaware wurde ganz still. Einen Moment verharrte sie, dann nahm sie die Hände von ihrem blassen Gesicht und nickte. »Natürlich, Detective. Ich werde seine Zahnbürste und seine Haarbürste holen.« So anmutig, wie sie sich zuvor gesetzt hatte, erhob sie sich wieder.
   Dominic stand ebenfalls auf.
   »Am besten packen Sie die Sachen gleich in einen Beutel.«
   »Sicher. Warten Sie bitte hier. Ich bin gleich zurück.«

Mit den DNA-Proben von Delaware in der Hand stieg Dominic kurz darauf in seinen SUV. Er warf die Plastikbeutel auf den Rücksitz und wartete, bis Elena eingestiegen war.
   »Und, was halten Sie von unserer schönen Witwe?« Er startete den Motor.
   »Ein bisschen zu theatralisch, wenn Sie mich fragen.«
   »Gut beobachtet.« Er warf ihr einen Seitenblick zu. »Und was haben Sie jetzt vor, Officer St. James? Lust, noch etwas trinken zu gehen?«
   Elena blickte auf ihre Uhr. »Nein danke. Setzen Sie mich bitte einfach an der Wache ab«, wies sie ihn reserviert an.
   Sie präsentierte ihm dabei eine Miene, als ob sie niemals mit jemandem wie Dominic ausgehen würde. Eher würde in der Hölle ein Schneesturm toben.

2.

Das Großraumbüro des Morddezernats lag im dritten Stock des alten Backsteingebäudes, das das Boston PD beherbergte. Es unterschied sich nicht wesentlich von der Wache des Streifendienstes im Erdgeschoss, nur dass die Beamten hier keine Uniformen trugen. Die Gerüche nach Scheuermittel und abgestandenem Kaffee waren dieselben, ebenso wie die zerkratzten, alten Schreibtische, die zu kleinen Inseln zusammengeschoben waren. Der Lieutenant hatte ein eigenes Büro am gegenüberliegenden Ende des großen Raumes und neben dem Fahrstuhl lag eine kleine Zentrale, in der Tracy Collette, die Sekretärin des Lieutenants und gute Seele des Dezernats, das Regiment führte.
   Noch bevor sich die Fahrstuhltüren hinter Elena geschlossen hatten, entdeckte die ziemlich bunt gekleidete, kleine Frau sie und begrüßte sie mit einem Lächeln. »Sie müssen Detective St. James sein. Lassen Sie mich schnell dem Lieutenant Bescheid geben. Wir haben bereits auf Sie gewartet.« Mit der linken Hand schob sie sich den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr, während sie Elena mit der rechten in ihr Büro winkte und auf einen kleinen, etwas schäbigen Sessel wies. »Sie können hier Platz nehmen. Der Lieutenant hat sicher gleich Zeit für Sie«, erklärte sie, während sie darauf wartete, dass Elenas neuer Chef das Gespräch entgegennahm.
   Die Mappe mit ihrer Ernennungsurkunde zum Detective in der Hand, die ihr der Captain gerade ausgehändigt hatte, ließ sich Elena auf die vordere Kante des Sessels sinken. Sie war zu nervös zum Stillsitzen. Das hier war ihr bisher größter Karrieresprung. Es brachte bei Weitem nicht jeder im Alter von neunundzwanzig Jahren zum Detective. Sie hatte sich lange und intensiv auf die Detective-Prüfung vorbereitet und sie mit Auszeichnung bestanden. Danach hatten sich gleich mehrere Dezernate um sie gerissen. Das Morddezernat trug den Sieg davon, nachdem sie dringend Ersatz für einen Detective benötigten, der vor zwei Monaten bei einem Schusswechsel ums Leben gekommen war. Diese Dienststelle war nicht ihre erste Wahl, Elena war aber froh, es überhaupt zur Kripo geschafft zu haben.
   Als sie kurz darauf Lieutenant Bergens Büro betrat, fühlte sie sich merklich ruhiger. Der Raum wirkte wie eine gemütliche, kleine Höhle. An den Wänden hingen Fotos und Auszeichnungen. In den Regalen stapelten sich Ordner und Bücher mit Gesetzestexten. Auf dem Schreibtisch standen Bilder seiner Frau und seiner zwei Kinder.
   »Guten Morgen, Lieutenant Bergen.«
   »Nehmen Sie Platz, Detective St. James.« Bergen machte es sich in seinem Schreibtischsessel bequem. »Schon gefrühstückt?« Er strich sich über seinen Bauchansatz. »Meine Frau würde mir die Hölle heißmachen, wüsste sie von der Portion Eiern mit Speck, die ich in der Kantine gegessen habe.«
   Elena schmunzelte. »Zu viel Cholesterin?«
   »Zu viel Bauch.« Er tätschelte auf sein Hemd. »Aber ein gutes Frühstück ist wichtig zu Beginn eines anstrengenden Tages. Und davon werden Sie bei uns eine Menge erleben.« Er suchte ihren Blick und hielt ihn mit ernst gewordener Miene fest. »Leider.«
   »Ich verstehe, Sir.«
   »Ja, ich habe das Gefühl, das tun Sie wirklich.« Er nickte nachdenklich. »Jack Donovans Tod vor zwei Monaten hat das Dezernat in eine Schockstarre versetzt. Ich leite diese Dienststelle nun seit zwölf Jahren. In dieser Zeit gab es jede Menge brenzlige Situationen, aber einen meiner Detectives habe ich vorher noch nie verloren.«
   Elena wand sich in ihrem Stuhl. Der Tod eines Kollegen war für das gesamte Team traumatisierend. Dass sie an Detective Donovans Stelle trat, machte ihr den Einstieg nicht weniger problematisch.
   »Wir alle werden versuchen, es Ihnen leicht zu machen.« Er las ihr die Gefühle offensichtlich von der Nasenspitze ab.
   »Danke«, murmelte Elena.
   »Dennoch wird der Neubeginn für Sie und Detective Coleman nicht einfach werden.« Ein um Verständnis heischendes Lächeln breitete sich auf seinen Zügen aus.
   Elena schluckte. Mit Coleman zusammenzuarbeiten kam einem Supergau gleich. Erst gestern Abend im The Bullett hatten sich ihre Kollegen aus dem Streifendienst über ihn unterhalten. Dominic Coleman lief seit Donovans Tod aus dem Ruder. Er schien eine sehr persönliche Art der Trauerbewältigung gefunden zu haben, die darin bestand, alles im Alleingang zu erledigen. Er sonderte sich von den anderen Detectives ab, unterlief jegliche Teambildung und operierte in Grauzonen.
   Sie hielt dem Blick des Lieutenants stand. Auch sie las in seinem Gesicht wie in einem offenen Buch. Er hatte die Nase gestrichen voll von den Allüren seines Ermittlers.
   Dem Tratsch der anderen Officer zufolge hatte der Lieutenant eine Zeit lang darauf gehofft, dass sich Coleman fangen würde, was bislang nicht geschehen war. Er hatte ihn mehrmals verwarnt, aber auch das hatte nicht gefruchtet. Nun hoffte er offensichtlich darauf, dass Elena eine Veränderung brachte, weil sich Coleman um Sie kümmern und Sie ausbilden musste.
   Elena verbarg ihr Unbehagen hinter ihrer geübt professionellen Miene.
   »Also dann. Willkommen auf unserer Dienststelle, Detective St. James. Ich weiß, Sie wollten eigentlich zur SVU. Umso mehr freut es mich, dass wir Sie für uns gewinnen konnten.« Bergen erhob sich.
   Als ob sie bei der Wahl der Dienststelle hätte mitreden können. Sie hielt es aber für klüger, den Lieutenant nicht darauf hinzuweisen. Sie würde hier ihr Bestes geben, und es irgendwann zur Special Victims Unit, dem Dezernat für Sexualverbrechen, schaffen. Sie war sich sicher, dem Opfer einer Vergewaltigung mehr helfen zu können als jemandem, der bereits tot war. Zunächst würde sie es so halten, wie ihr Vater es ihr beigebracht hatte. Man konnte überall etwas lernen, was einen weiterbrachte. Und zu lernen gab es beim Morddezernat mehr als genug.
   »Sie haben Detective Coleman ja bereits gestern Abend kennengelernt.«
   »So ist es.«
   »Dominic ist einer unserer Besten. Sie sind bei ihm in guten Händen.«
   Das hatte sie am Vortag deutlich gemerkt.
   »Ich habe ihn allerdings noch nicht über meine Entscheidung informiert. Also geben Sie mir bitte noch die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen, bevor wir ein Team aus Ihnen beiden machen.«
   Sein freundliches Lächeln täuschte Elena nicht. Es würde Probleme geben, so viel war klar. Und sie steckte mittendrin.

*

Dominic erreichte an diesem Morgen erst spät das Büro. Er hatte auf dem Weg zum Dienst bei der Kriminaltechnik vorbeigesehen, um in Erfahrung zu bringen, ob es schon Einzelheiten zu dem Bootsbrand gab.
   Mit dem vorläufigen Spurensicherungsbericht in der Hand stieg er im dritten Stock des PD aus dem Fahrstuhl und warf Tracy Collette wie jeden Morgen zwinkernd eine Kusshand zu, bevor er mit einem Nicken die Kollegen grüßte, die an ihren Arbeitsplätzen über das Telefon oder die Computertastatur gebeugt saßen. Im Vorbeigehen schlug er seinem Freund Steve kameradschaftlich auf die Schulter.
   Er trat zielstrebig in die kleine Küche des Dezernats. Seine Kaffeetasse stand auf dem abgewetzten Tresen. Er hatte gestern vergessen, sie zu spülen. Aber das war egal, die Brühe, die in der altersschwachen Maschine gebraut wurde, würde die eingetrockneten Reste in seiner Tasse besser bekämpfen als es das ökologisch korrekte Spülmittel, das Judy Paxton gut sichtbar neben das Spülbecken gestellt hatte, je fertigbringen würde.
   Der dickflüssige Rest Kaffee, den er in der Kaffeekanne fand, bestätigte, dass sich einige Kollegen an diesem Morgen schon wesentlich früher als er an ihre Schreibtische gesetzt hatten. Dominic füllte seine Tasse zur Hälfte und schob die Kanne wieder in die Kaffeemaschine. Die Reste, die sich am Grund der Kanne befanden, sollte man grundsätzlich nie trinken. Zudem bedeutete das Leeren der Kanne auch, für Nachschub sorgen zu müssen. Dazu hatte er absolut keine Lust. Er ließ lieber einen Rest in der Kanne und wartete, bis irgendjemand frischen Kaffee aufsetzte.
   Mit der Tasse in der rechten und dem Spurensicherungsbericht in der linken Hand bahnte er sich einen Weg zu seinem Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. In der vergangenen Nacht hatte ihn einmal mehr der Albtraum geplagt, in dem sein Partner Jack erschossen wurde, während er hilflos danebenstand. Er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, mehrmals in der Woche mitten in der Nacht schweißgebadet aufzuwachen. Für das inzwischen unermessliche Schlafdefizit fand er leider keine Lösung.
   Leise vor sich hinfluchend suchte er in seinen Schreibtischschubladen nach Tylenol und schüttete sich gleich mehrere Tabletten in den Mund. Anschließend spülte er sie mit einem großen Schluck Kaffee hinunter und lehnte den Kopf zurück, um darauf zu warten, dass der Druck hinter seinen Schläfen nachließ. Erst als das Stechen hinter seiner Schädeldecke zu einem dumpfen Pochen abklang, fühlte er sich in der Lage, den Bericht der Spurensicherung zu lesen. Er trank noch einen Schluck des lauwarmen Teers aus seiner Tasse und öffnete die Mappe, doch bevor er auch nur einen Satz lesen konnte, fiel sein Blick auf den blonden Kobold.
   Officer St. James. Was wollte die hier?
   Und wieso kam sie aus Lieutenant Bergens Büro?
   Dafür konnte es eigentlich nur eine Erklärung geben. Vorsichtig stellte er seine Kaffeetasse ab, um sie nicht wütend gegen die Wand zu werfen. Das kleine Miststück hatte sich also bei seinem Vorgesetzten über ihn beschwert. Wahrscheinlich würde sie ihn gleich wegen sexueller Belästigung oder irgend so was drankriegen, nur weil er versucht hatte, der kleinen Eisprinzessin gegenüber etwas locker zu sein. Okay, er hatte sie gestern auf dem Rückweg zur Wache ein bisschen angebaggert. Nur so zum Spaß. Sie musste sich ja nicht gleich über ihn beschweren. So heftig war es nun auch wieder nicht gewesen.
   Das Letzte, was er noch brauchte, war Ärger mit dem Lieutenant. Sein Magen zog sich zusammen. Dominic wusste nicht, ob das an der Tylenol-Kaffee-Mischung lag, oder daran, dass Bergen ihm gesagt hatte, dass er in seiner Abteilung nicht mehr viele Chancen bekommen würde. Und dass er nach Möglichkeit nichts mehr verbocken sollte. Bei ihrer letzten Auseinandersetzung hatte sein Vorgesetzter einen entschlossenen Eindruck gemacht und Dominic war sich nicht sicher, wie viel noch passieren durfte, bis er wieder auf der Straße stehen und Verkehr regeln würde. Vielleicht war es jetzt so weit.
   Der blonde Kobold hatte sich für diesen Anlass jedenfalls ausnehmend schick gekleidet. Das schwarze Nadelstreifenkostüm und die Schuhe mit den niedrigen Absätzen mochten zwar neu sein, sahen jedoch absolut spießig und langweilig aus. Mit der sexy Uniform vom vergangenen Abend hatte dieses Outfit auf jeden Fall nichts mehr gemein. Das Haar, das sie heute in einem festen Nackenknoten trug, lockerte den strengen Look nicht unbedingt auf. Alles in allem wirkte sie wie eine Gouvernante, deren Augen die Hölle zufrieren lassen konnten.
   Diese Augen blickten ihm jetzt in dem gleichen kühlen Grau wie am Abend zuvor entgegen, als er aufstand und auf sie zuging. Mit einem möglichst lockeren Grinsen blieb er vor ihr stehen. »Sie konnten es wohl gar nicht abwarten, mich wiederzusehen nach unserer heißen gemeinsamen Nacht, Officer St. James.« Zwar wusste er genau, dass er gerade auf Messers Schneide balancierte, aber er konnte nicht anders. Wenn sie ihn schon zu Fall brachte, dann wollte er sie vorher wenigstens noch ein bisschen auf die Palme bringen.
   Doch sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Detective St. James«, verbesserte sie ihn ohne die Spur einer Gefühlsregung.
   Detective? Was sollte das? Dominic spürte genau, wie dümmlich der Blick wirkte, den er dem Kobold zuwarf. Gestern war sie doch noch Officer gewesen, wie konnte sie heute – o verdammt! Er hatte sich in den vergangenen zwei Monaten nicht besonders für die Belange seiner Dienststelle interessiert. Doch eines war auch an ihm nicht vorbeigegangen. Sie bekamen einen neuen Detective.
   Jack wurde ersetzt.
   Und – verdammte Scheiße – Bergen hatte gedroht, ihm bei der nächsten Gelegenheit einen neuen Partner zuzuteilen.
   Dominic wusste, dass die Detectives, die schon an ihren Schreibtischen saßen, ihn beobachteten. Ihn und die Blondine im Nadelstreifenkostüm. Er trat einen Schritt zurück, als ob er durch den größeren Abstand besser Luft bekommen würde. Er spürte, wie er blass wurde und seine Hände zu schwitzen anfingen. Das Schlucken war ein Kampf gegen den Kaffee, der sauer aus seinem Magen aufstieg. Bitte, betete er stumm, alles, nur keinen neuen Partner, und besonders keinen, der jung und noch grün hinter den Ohren ist.
   Lieutenant Bergens Räuspern lenkte seine Aufmerksamkeit auf seinen Chef, der hinter St. James stand, und den er bis jetzt nicht wahrgenommen hatte.
   »Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?«, fragte Bergen laut. Alle Augen in dem offenen, großen Raum richteten sich auf sie. »Ich möchte Ihnen Detective Elena St. James vorstellen. Sie wird uns ab heute als neues Mitglied unseres Dezernates unterstützen. Elena, das sind die Detectives Clancy, Finn, Morris, Stowe und Paxton.« Er wies der Reihe nach auf die einzelnen Beamten. »Der Rest ist im Moment nicht da. Aber Sie werden sich sicher schnell mit ihnen bekannt machen.«
   Die Detectives nickten ihr abwartend, aber freundlich, zu. Ihre Neugier schien mehr Dominic zu gelten und der Frage, wie er auf seine neue Partnerin reagierte. Auch wenn Bergen offiziell noch nichts darüber gesagt hatte, so schien doch jedem klar zu sein, wem die Neue zugeteilt werden würde.
   Und die Show ging weiter. Dominic drehte sich zu seinem Vorgesetzten um. »Kann ich Sie einen Moment sprechen, Sir?«
   »Ich wollte Sie sowieso gerade in mein Büro bitten.« Bergen sah sich suchend um, bis sein Blick auf einen großen Beamten in einem schicken Anzug fiel. »Morris, Sie zeigen Detective St. James die Dienststelle und ihren Schreibtisch.« Er verschwand mit Dominic in seinem Büro und schloss die Tür hinter sich.

*

Elena spürte, wie alle sie anstarrten. Sie musste ihre gesamte Energie aufbringen, um ihr distanziertes Äußeres zu bewahren, anstatt unter den Blicken rot anzulaufen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sich Detective Morris, der während der kurzen Rede des Lieutenants auf der Kante eines Schreibtisches gesessen hatte, erhob und gemächlich auf sie zuschlenderte.
   »Hi, ich bin Steve.« Mit einem jungenhaften Lächeln reichte er ihr die Hand.
   »Elena«, erwiderte sie und atmete auf. Das Lächeln aus den babyblauen Augen schien echt, der Händedruck des neuen Kollegen war warm und fest. Sie entspannte sich ein wenig.
   »Du darfst Dominic sein Verhalten nicht übel nehmen«, ging er sofort zum kollegialen Du über. »Er ist einer meiner besten Kumpels, aber manchmal steht er ein bisschen neben sich. Das macht er nicht mit Absicht und du wirst dich schon daran gewöhnen.« Er wies in Richtung der Kaffeeküche und setzte sich in Bewegung. »Wenn du ein Problem oder Fragen hast, kannst du jederzeit zu mir kommen. Ich helfe dir gern.«
   Als er Elenas misstrauischen Seitenblick bemerkte, lachte er und fuhr sich mit den Fingern durch sein modisch kurz geschnittenes blondes Haar. »Ich meinte natürlich nicht, dass mit Dom Probleme vorprogrammiert sind. Er ist ein sehr guter Cop.« Sein Blick schweifte ab. »Ich habe mich darum beworben, einen neuen Detective ausbilden zu dürfen«, fuhr er mit leiserer Stimme fort. »Aber das hat offensichtlich nicht geklappt.« Das Lächeln, das er ihr schenkte, hatte etwas Wehmütiges.
   Er nahm eine Kaffeetasse aus dem Schrank über dem kleinen Tresen und schüttete den Rest aus der Kanne hinein.
   »Wer die letzte Tasse trinkt, setzt neuen auf«, erklärte Steve und zeigte ihr, wo sie alle notwendigen Utensilien fand, während er neuen Kaffee kochte.
   »Was stimmt mit deinem Partner nicht? Warum willst du unbedingt einen neuen?«
   »O nein. So ist das nicht. Rick ist in Ordnung. Aber er hat sein Wissen an mich weitergegeben und jetzt möchte ich meines weitergeben.« Er legte ihr in einer kurzen, beinahe tröstlichen Berührung eine Hand auf die Schulter. »Mach dir keine Sorgen. Du bist bei Dom in guten Händen.«
   Er hielt ihr die Kaffeetasse hin und brach erneut in sein jungenhaftes Lachen aus, als sie nach dem ersten Schluck zu husten begann und angewidert das Gesicht verzog.
   »Das hätte ich dir vielleicht sagen sollen. Der Kaffee ist reines Gift. Du solltest ihn nur in sehr kleinen Dosen zu dir nehmen.« Er zwinkerte ihr zu. »Wir haben bisher noch kein Gegengift entwickeln können. Also pass auf, sonst erwischst du noch eine Überdosis.«
   Elena konnte nicht anders, sie musste sein Lächeln erwidern. Detective Steve Morris war wirklich nett. Sein Verhalten gab ihr das Gefühl, auf dieser Dienststelle willkommen zu sein. Langsam atmete sie aus, den widerlichen Geschmack des Kaffees immer noch auf der Zunge. Sie würde auch mit Coleman klarkommen. Ganz sicher.
   Ihr Blick glitt zum Büro des Lieutenants. Die Tür war immer noch geschlossen und sie hatte keine Ahnung, was dahinter vor sich ging.
   »Komm«, unterbrach Steve ihre Gedanken. »Ich zeig dir Dominics Ecke.«
   Colemans Müllhaufen wäre eine bessere Beschreibung für den Arbeitsplatz am hinteren Ende des Raumes gewesen, dachte Elena, als Steve sie in diese Richtung führte. Die Nische, in die zwei sich gegenüberliegende Schreibtische gequetscht worden waren, war winzig. Die Oberflächen der Arbeitsplätze waren mit Papieren, leeren Kaffeebechern, Schokoriegelverpackungen und diversen Beweismitteltüten übersät. Obenauf thronte die obligatorische Pilotenbrille, vermutlich, weil ihr neuer Partner diese als Letztes auf den Haufen geworfen hatte.
   Dummerweise hatte Dominic gleich beide Schreibtische für sich in Beschlag genommen. Die abgewetzte Lederjacke, die über die Lehne des Stuhles an der Wand geworfen war, ließ erahnen, welcher Platz seiner war. Elena sah sich um. Wunderbar. Das bedeutete, Dominic hatte von seinem Schreibtisch aus einen Überblick über das gesamte Büro und sie würde auf das Mauerwerk hinter ihm starren und dem Putz beim Abbröckeln zusehen. Was für ein Albtraum.
   Und dann war ihr neuer Partner auch noch stinksauer – oder zu Tode erschrocken, so genau hatte sie seine Mimik vorhin nicht interpretieren können –, weil sie ab jetzt zusammenarbeiten würden. Wirkliche Traumvoraussetzungen für einen neuen Start. Elena würde die Zähne zusammenbeißen und durchhalten. Und dann würde sie ihren Weg weitergehen bis zur Special Victims Unit. Sie hatte nicht umsonst jahrelang hart gearbeitet, um dorthin zu kommen. Jetzt hatte sie den Fuß in der Tür und kein dahergelaufener Macho-Detective würde sie zurückschubsen. Sie war sich sicher, dass er das zumindest versuchen würde.
   Mit einem Seufzer sah sie sich nach Steve um. Er hatte sich weggedreht und sprach in sein Handy. Ihr Blick schweifte weiter durch den großen Büroraum. Die Detectives, die hier arbeiteten, kannte sie zumindest vom Sehen von diversen Einsätzen, Tatorten und aus dem The Bullet.
   Judy Paxton, bisher der einzige weibliche Detective bei der Mordkommission, war mit einem Rauschgiftfahnder verheiratet. Mit Mitte dreißig hatte sie schon einige Jahre auf dieser Dienststelle hinter sich. Ihr Partner, Jim Stowe, war ein freundlicher Detective in den Vierzigern. Ebenso wie Rick Clancy, der, nach seinem grauen Haar und den Falten in seinem Gesicht zu urteilen, die Fünfzig sicherlich schon überschritten hatte. Sam Finn war zweimal geschieden. Das wusste sie, weil er regelmäßig den Spruch in die Runde warf, dass das Einzige auf der Welt, das teurer als eine Ehefrau, eine Ex-Ehefrau sei. Die einzigen Detectives, die nicht da waren, waren Winters und Jankovski, wobei sich Letzterer, wenn man den Erzählungen auf der Wache Glauben schenken durfte, beim Basketball die Schulter gebrochen hatte. Über Winters wusste Elena so gut wie nichts. Ihm war sie erst ein oder zwei Mal begegnet. Er schien vom Typ her als Einziger eher Dominic zu ähneln und lieber den unkonventionellen Weg zu gehen, was bedeutete, dass auch er sich nicht unbedingt an die Gepflogenheiten und die ungeschriebene Kleiderordnung des Morddezernates hielt.
   Steve telefonierte immer noch. Sie gab ihm ein Zeichen in Richtung Wache. Dann machte sie sich auf den Weg ins Erdgeschoss, um ihre Sachen aus dem Spind zu holen.

*

Steve sah der neuen Kollegin nach. Sie war heiß. Unter ihrer kühlen Oberfläche, dem strengen Hosenanzug und der korrekten Frisur konnte er sehr wohl ihre sexy Kurven ausmachen. Als er ihr sein Guter-Junge-Grinsen, das er jahrelang vor dem Spiegel geübt hatte, schenkte, legte sich sogar etwas Wärme in ihren Eisblick.
   Sie reizte ihn. Und sie schien ein Problem mit Coleman zu haben. Fast hatte er den Eindruck, sie verabscheute Dominic, zumindest aber konnte sie ihn nicht ausstehen.
   Steves Blick fiel auf die immer noch geschlossene Tür des Lieutenants. Dominic hatte heute Morgen wieder einmal richtig beschissen ausgesehen, als er – viel zu spät – ins Department geschlurft war. Er würde von der neuen Partnerschaft alles andere als begeistert sein. Jacks Tod hielt ihn wie ein Albtraum umklammert, nicht nur in seinen schlaflosen Nächten, von denen Dominic ihm bei einem ihrer regelmäßigen Kneipenbesuche erzählt hatte. Dominic litt wie ein Tier, er vegetierte regelrecht vor sich hin.
   Darum würde er für die neue, sexy Kollegin auch kein Auge haben. Umso besser für ihn.
   Steve grinste. Besser für Dominic oder für ihn selbst? Es würde sich zeigen, wie weit er bei Detective Elena St. James landen könnte. Seine Chancen standen jedenfalls gut.

Als Elena St. James, ihre Habseligkeiten in einem Karton, an den Schreibtisch trat, lümmelte Dominic auf seinem Stuhl, eine Tasse frisch gekochten Kaffee in der Hand. »Ich dachte schon, du bist abgehauen, St. James«, nuschelte er über seine Tasse hinweg. »Du willst doch sicher nicht mit dem großen, bösen Cop mit dem schlechten Ruf zusammenarbeiten?«
   Elena stellte den Karton vorsichtig auf ihrem Tisch ab. »Ich habe nur meine Sachen geholt.« Mit spitzen Fingern klaubte sie zwei leere Styroporbecher von der Tischplatte und ließ sie in den Papierkorb fallen.
   Dominic lehnte sich betont cool auf seinem Stuhl zurück und beobachtete Elenas Aufräumarbeiten. In seinem Magen saß jedoch ein Knoten, der wuchs, seit er den blonden Kobold an diesem Morgen entdeckt hatte. Ihm war natürlich klar, dass irgendwann wieder jemand den Schreibtisch seines Partners benutzen würde. Er hatte aber nicht gedacht, dass das so bald der Fall wäre. Jack war gerade mal zwei Monate tot. Und nun setzten sie ihm dieses Hühnchen vor die Nase. Nach Jacks Tod hatte er den Schreibtisch systematisch mit seinen Sachen belegt, damit ja keiner seiner Kollegen auf die Idee kam, sich dort einzuquartieren. Jetzt würde er ihn wohl oder übel dem Kobold überlassen müssen.
   Er sah zu, wie Elena ihren neuen Arbeitsplatz von seinen Hinterlassenschaften befreite. Ihr frostiger Blick sprach dafür, dass sie seine Miene richtig deutete. Abgesehen von der arktischen Kälte, die sie umgab, schien sie jedoch darüber hinwegzusehen.
   Als sie ihren Schreibtisch endlich blitzsauber geputzt und Schreibunterlage, Stifte, Notizblöcke, Telefon und PC ordentlich in Linie ausgerichtet hatte, warf er ihr einen Aktenordner über den Tisch. Sämtliche Blätter fielen heraus und verteilten sich über ihren Arbeitsplatz.
   »Wenn du gestern schon dabei warst, dann kannst du auch gleich den Bericht über den Brand auf der Jacht schreiben.«
   Erstaunt hob Elena den Kopf. »Sind die Ermittlungen denn schon abgeschlossen?«
   Sein Telefon klingelte und er ignorierte ihre Frage. Er blickte auf das Display und hob dann mit einem »Schreib einfach den Bericht, ja?« ab.
   Elena sortierte die Blätter, die aus dem Ordner gefallen waren, und schien sich krampfhaft zu bemühen, sein Gespräch nicht zu belauschen.
   Er legte die Füße auf die Tischkante und lehnte sich noch ein bisschen bequemer in seinem Stuhl zurück, um mit seiner Schwester zu sprechen. Sie rief, genau wie der Rest der Familie, regelmäßig an und überprüfte, ob mit ihm alles in Ordnung war, oder ob er bereits dem Wahnsinn verfiel. Er müsste diese Anrufe zwar nicht annehmen, aber dann nervten sie ihn so lange – und zwar alle –, bis er mit ihnen sprach. Also brachte er es lieber gleich hinter sich. Als er St. James’ pikierten Blick bemerkte und sah, wie sich ihr Rücken missbilligend noch mehr versteifte – als ob das überhaupt möglich gewesen wäre –, wusste er, dass sie dachte, er flirtete mit irgendeinem Polizeigroupie. Ein Grund mehr, mit seiner Schwester zu schäkern und noch einen kleinen italienischen Wortschwall loszulassen, einfach nur, um St. James zu ärgern. Als er mit einem »Bye, Lara Cara« auflegte, sah er aus den Augenwinkeln, wie sie die Augen verdrehte.
   O ja, es würde wirklich Spaß machen, seine neue Partnerin zu ärgern. Er nahm die Füße vom Tisch und stand auf, um sich einen neuen Kaffee zu holen. Im Vorbeigehen fegte er mit der linken Hand über Elenas Ablagefach und verteilte mit einem Grinsen im Gesicht alles über ihren Schreibtisch, was sie dort akkurat aufgestapelt hatte. Er wusste zwar, dass sein Verhalten absolut kindisch war, aber er konnte einfach nicht anders. Vor allem, wenn St. James ein Gesicht zog, als wollte sie ihn anspringen und ihm die Augen auskratzen. Mal sehen, wie lange er brauchen würde, um sie aus der Reserve zu locken.
   Vielleicht würde er mit seiner neuen Partnerin ja doch Spaß haben. Langweilig schien es jedenfalls nicht zu werden. So konnte man durchaus die Zeit überbrücken, bis er sie losgeworden war. Denn eines war sicher, sie würde von sich aus verschwinden, dazu würde er sie schon bringen.
   Und dann hätte er wieder seine Ruhe.
   Gut gelaunt wie lange nicht mehr, schlenderte er zur Kaffeemaschine, Poison von Alice Cooper vor sich hin pfeifend.

3.

Der Herbst hatte Boston fest im Griff. Die Nächte waren bereits eisig kalt, aber am Tag strahlte die Sonne warm von einem leuchtend blauen Himmel.
   Elena machte es sich mit einer Tasse Tee und ihrem Kater Rabbit auf dem Schoß in dem alten Schaukelstuhl auf der Veranda gemütlich, um einen der letzten warmen Tage des Jahres zu genießen. Ihr Blick wanderte über den hübschen Vorgarten mit dem Zuckerahorn, dessen Blätter sich bereits in einem leuchtenden Scharlachrot färbten. Ihr Vater hatte den Baum gepflanzt, als sie achtzehn Jahre alt gewesen war. Damals hatten sie dieses Haus gekauft und waren endlich sesshaft geworden. Eine bittersüße Erinnerung, die fast schon unwirklich schien. Zu dieser Zeit war ihr Leben für einen Augenblick eine perfekte kleine Seifenblase gewesen. Doch dann war, wie immer, die Realität zurückgekehrt.
   Mit einem Seufzer nippte sie an ihrem Tee und versuchte, die melancholischen Gedanken aus dem Kopf zu vertreiben. Sie wusste, warum sie gerade jetzt an ihre Familie dachte. Erst am Vormittag hatte sie den sonntäglichen Besuch bei ihrer Großmutter absolviert. Granny Elinore lebte in einem Heim, dem Pflegestift St. Mary, ganz in der Nähe. Bei diesem wundervollen Wetter hatte sie den Rollstuhl der alten Frau in den Park schieben und ihr unter dem rotgoldenen Blätterdach aus ihrem Lieblingsbuch Stolz und Vorurteil vorlesen können. Die Besuche bei ihrer Großmutter bedrückten sie jedes Mal. Die agile, tatkräftige Frau von einst, so gebrochen und in ihre eigene Welt versunken zu sehen, war schmerzlich.
   Elena starrte auf den Ahornbaum. Wenn sie nicht über ihre Familie nachdachte, würden ihre Gedanken zwangsläufig bei Detective Coleman und ihrem neuen Job landen. Einem Partner, der nicht zu ihr passte und ein Dezernat, zu dem sie eigentlich nicht hatte gehören wollen. Wenigstens ihr erster Mordfall zog sie in seinen Bann.
   Coleman und sie hatten viel zu tun gehabt in den vergangenen Tagen. Sie hatten sich am Boston College umgesehen, einer der unzähligen Universitäten in der Stadt. Ihr angebliches Brandopfer, Dr. Delaware, hatte an der Hochschule eine Dozentenstelle innegehabt. Der Dekan, Dr. Rivington, ein altehrwürdiger Herr in einem altehrwürdigen Büro in einem ebensolchen, von Efeu umrankten, uralten Ziegelbau, sprach nur in den höchsten Tönen von seinem verschwundenen Mitarbeiter. Delaware war demnach ein guter, zuverlässiger Professor gewesen. Doch schnell stellte sich heraus, dass es dem Dekan wichtiger war, einen Skandal zu vermeiden, als die Wahrheit über Delaware zu sagen.
   Auf dem Campus sprach man nicht so salbungsvoll von dem verschwundenen Doktor. Er hatte pharmazeutische Chemie unterrichtet und als sie sich in seiner Fakultät nach ihm umhörten, ernteten sie mehr als ein verächtliches Schnauben. Aber erst Miss Miller, die schmallippige Sekretärin der Fakultät mit einem verkniffenen Blick und einer Brille, die an einer goldenen Kette über ihrer hochgeschlossenen Bluse hing, wurde etwas konkreter. Ihrer Meinung nach war Delaware ein großspuriger Idiot, der eine nette Frau gehabt hatte und dann auf eine Goldgräberin hereingefallen war. Angel – was sei das überhaupt für ein Name, hatte Miss Miller sich empört –, war Teilzeitsekretärin bei Delaware gewesen. Er gab vor Angel an und ließ sie in dem Glauben, jede Menge Geld zu besitzen. Und sie wickelte ihn um den kleinen Finger – um an sein Konto zu kommen –, dessen war sich die alte Sekretärin sicher. Am Ende verließ er seine Frau und heiratete die kleine Goldgräberin. Möglicherweise hatte aber sein Geld nicht ausgereicht, um die Bedürfnisse seiner jungen Gattin zu befriedigen. Elena musste an das protzig eingerichtete Haus denken, in dem sie Angel Delaware die Nachricht vom Brand auf der Jacht überbracht hatten. Wahrscheinlich traf Miss Miller mit ihrer Einschätzung genau ins Schwarze.
   Da eine gute Sekretärin über alles informiert war, was sich auf dem Campus abspielte, verriet sie ihnen zum Abschied noch das Gerücht, dass dem Doktor bei DF Pharmacy, wo er einen Job in der Forschung innegehabt hatte, gekündigt worden sei. Professoren aus der naturwissenschaftlichen Fakultät arbeiteten oft nebenher bei pharmazeutischen oder chemischen Firmen. Das war nichts Ungewöhnliches. Auf diese Weise konnten sie forschen und ein nicht unerhebliches Taschengeld verdienen. Bei Delaware sei es in letzter Zeit nicht mehr besonders gut gelaufen, teilte Miss Miller ihnen mit einem wissenden Blick mit.
   Sie fuhren zu DF Pharmacy, einer der aufstrebenden Firmen, die in der Peripherie Bostons in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Der hypermoderne Gebäudekomplex war das genaue Gegenteil vom Boston College. Ebenso wie der Chef, Thomas Dexton, ein junger, dynamischer Geschäftsmann. Ein aalglatter Typ mit stahlhartem Blick. Zu behaupten, er war nicht gut auf Delaware zu sprechen, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts.
   »Der Doktor ist in letzter Zeit ständig zu spät gekommen und war mit seinen Gedanken sonst wo, nur nicht bei seiner Arbeit.« Dexton ließ sie auf zwei futuristisch anmutenden, unbequemen Stühlen vor seinem riesigen Milchglasschreibtisch Platz nehmen. »Dafür hatte ich ihm bereits eine Abmahnung erteilt. Als er aus Unachtsamkeit eine komplette Testreihe versaute, und zwar auf eine Weise, die die Firma eine zweistellige Millionensumme kostet, habe ich ihn kurzerhand rausgeschmissen. Genau eine Woche vor dem Brand auf der Jacht. Er konnte von Glück reden, dass ich ihn nicht verklagt habe«, berichtete der Mann, der wie ein millionenschwerer Konzernchef auftrat, obwohl er nur unwesentlich älter als Dominic und sie sein konnte.
   Erstaunlicherweise vertrat Dexton die gleiche Meinung wie Miss Miller, nämlich die von der schönen, aber gierigen Angel, mit der Delawares Probleme begonnen hatten.
   Also hatten sie der Exfrau des Doktors, Claire Delaware, einen Besuch abgestattet. Die Lehrerin lebte im Gegensatz zur aktuellen Ehefrau in einem schlichten Zweizimmer-Apartment. Sie erzählte, dass sie bei der Scheidung viel weniger von Delaware bekommen habe, als ihr eigentlich zustände. Aber sie wollte nichts mehr mit ihrem Mann zu tun haben. Sie wollte nur noch weg, also sei sie fast ohne Abfindung gegangen.
   Claire Delaware sagte nicht viel zu ihrer Trennung. Sie hielt sich sehr aufrecht in ihrem Sessel. Eigentlich war sie eine attraktive Frau in den Fünfzigern, und doch hatten sich harte Linien um ihren Mund eingegraben, die von Enttäuschung und Ernüchterung zeugten. Wahrscheinlich, so dachte Elena, hatte Delaware rücksichtslos ihre Welt zerstört und noch nicht einmal darüber nachgedacht.
   Elena horchte auf, als die Exfrau erzählte, dass Delaware sie zu ihrem Erstaunen angerufen habe, nachdem er bei DF Pharmacy gefeuert worden war. Doch ihre Hoffnung auf Informationen wurde sofort wieder zunichtegemacht. Claire erzählte weiter, dass sie auflegte, nachdem ihr Exmann anfing zu klagen, dass er das Leben seiner neuen Frau nicht mehr finanzieren könne. Als sie das erzählte, verlor sie zum ersten Mal etwas von ihrer aufrechten Haltung. »Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen«, fügte sie leise hinzu, die Hände fest in ihrem Schoß verschränkt. »Vielleicht hätte ich ihm zuhören sollen. Ich habe seitdem nichts mehr von ihm gehört.«

Das Ergebnis der Obduktion hatten Dominic und sie am Freitag erhalten. Und dieses Ergebnis war eindeutig. Sie fuhren noch einmal zur trauernden Witwe Angel Delaware, um ihr mitzuteilen, dass die tot aufgefundene Person auf dem Boot nicht ihr Ehemann war. Zum einen war ein DNA-Test negativ ausgefallen, zum anderen hatte sich das Opfer schon vor dem Brand körperlich in einer äußerst schlechten Verfassung befunden. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Obdachlosen. Der Tod war durch einen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf eingetreten. Die Lungen des Mannes waren nicht mit Rauch gefüllt gewesen, wie es bei einem Tod durch Rauchvergiftung der Fall gewesen wäre. Das bedeutete im Umkehrschluss, dass zuerst der Mann getötet und anschließend das Feuer gelegt worden war.
   Angel Delaware war völlig außer sich, als sie ihr die Neuigkeiten überbrachten. Was bedeutete das? Was war passiert? Was war ihrem Mann zugestoßen? Hatte man ihn entführt oder ebenfalls umgebracht? Immer wieder stellte sie die gleichen Fragen, bis Dominic ihr versprach, den Fall zu klären und sie nicht im Ungewissen zu lassen.
   Bislang hatten sie keine Ahnung, was wirklich passiert war. Hatte sich Delaware abgesetzt, weil er seinen Job verloren hatte und nicht mehr alle Wünsche seiner jungen Frau erfüllen konnte? Oder hatte er sogar genug von ihr? Der Obdachlose war jedenfalls keinen natürlichen Tod gestorben. Und der Name der jungen Witwe hätte auf einem Scheck mit ziemlich vielen Nullen gestanden, der im Fall der Bestätigung seines Todes von Delawares Lebensversicherung ausgestellt worden wäre. Also hatte Delaware vermutlich getötet und war auf der Flucht. Doch solange sie ihn nicht gefunden hatten, würden sie keine Antworten auf ihre Fragen erhalten.

Weil es keine neuen Ermittlungsansätze gab, hatten Dominic und Elena das Wochenende frei. Elena verbrachte den größten Teil des Samstags damit, ihren Garten auf den nahenden Winter vorzubereiten. Die Gartenarbeit sollte sie von ihrem neuen Partner ablenken, aber das hatte leider nicht funktioniert. Sie musste sich darüber klar werden, wie sie ihm künftig gegenübertreten wollte. In den wenigen Tagen, die sie jetzt gemeinsam ermittelten, hatte sie sich wie das kleine blonde Anhängsel gefühlt. Coleman ließ sie in der Regel nicht zu Wort kommen und forderte sie höchstens auf, im Anschluss an ihre Ermittlungen auf der Dienststelle Aktenvermerke zu tippen. Während sie die schrieb, machte er die interessanten Sachen, wie sich mit der Gerichtsmedizinerin zu treffen oder mit der Kriminaltechnik zu telefonieren.
   Das musste sich ändern. Wenn Dominic sie künftig nicht mit einbezog, würde sie einen Weg finden müssen, sich selbst einzuschalten. Nachdenklich nippte sie an ihrem Tee und kraulte Rabbit den Hals, den er ihr voller Hingabe entgegenstreckte.
   Ihr Handy klingelte. »Wenn man vom Teufel spricht«, murmelte sie, bevor sie den Anruf entgegennahm.
   »Ich bin es, Dominic. Kannst du dich mit mir treffen? Ich habe etwas über Delaware herausgefunden.«
   Sofort stieg ihr Adrenalinspiegel. Sie stellte ihre Teetasse auf dem Verandageländer ab und lief ins Haus, um ihre Ausrüstung zu holen. »Sicher. Wohin soll ich kommen? Ins Department?«
   »Nein, ich bin bei meinen Eltern in Somerville. Kannst du dorthin kommen?« Ihr Partner rasselte eine Adresse herunter und legte auf.
   Elena steckte die Waffe in ihr Holster und gab die Adresse ins Navigationsgerät ein. Sie wohnte ebenfalls in Somerville, einer kleinen Stadt nur wenige Meilen außerhalb von Boston. Im Kopf überschlug sie die Strecke zum Haus von Dominics Eltern. Wahrscheinlich würde sie keine zehn Minuten bis dorthin brauchen.
   Neun Minuten später stand sie auf der Veranda des großen, hübschen Hauses mit einem bunt blühenden Vorgarten. Ihr blieb jedoch keine Zeit, ihre Umgebung zu bewundern. Kaum hatte sie den alten Türklopfer bedient, wurde die Tür auch schon aufgerissen – von einem Wirbelwind von Frau. Sie war klein und zierlich. Das Alter war gnädig mit dieser Frau umgegangen, und doch war sie unverkennbar Dominics Mutter. Sie hatte den gleichen olivfarbenen Teint, das gleiche dunkle Haar wie ihr Sohn. Vor allem aber war sie mit dem gleichen unwiderstehlichen Blau in ihren Augen gesegnet. Auch wenn ihre Augen wie zwei große, dunkle Seen unter ihren Ponyfransen lagen und ihr Blick wesentlich freundlicher und weniger scharf war, so war Dominics Erbe doch unverkennbar.
   »Hallo meine Liebe.« Überschwänglich zog die ältere Frau sie ins Haus. »Sie müssen Elena sein. Es freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Maria, Dominics Mutter«, sprudelte sie ohne Punkt und Komma los und zog sie mit sich in die Küche. Auf dem Weg dorthin passierten sie ein Wohnzimmer voller Männer, die Football schauten. Sie wurde ihnen vorgestellt und dann weitergeschleift.
   Als sie in der Küche ankam, hatte sie bereits neunzig Prozent der Namen wieder vergessen. Auch hier erging es ihr nicht anders. Im ganzen Raum verteilt standen und saßen Frauen, die tratschten, lachten und nebenbei kochten, oder zumindest so taten. Das musste eine Art Familientreffen sein, überlegte Elena, während ihr auch die Frauen vorgestellt wurden. Sie versuchte nicht, die Namen zu behalten. Es war ihr unangenehm, dass sie die Familie störte. Netterweise hatte ihr Partner diesen Menschenauflauf nicht erwähnt. Sonst wäre sie in ihrem Wagen geblieben und hätte ihn angerufen, um ihn von ihrer Ankunft zu unterrichten.
   »Es tut mir leid, hier so hereinzuplatzen«, wandte sie sich an Dominics Mutter.
   »Aber, aber.« Die kleine Frau drückte sie resolut auf einen Stuhl und schenkte ihr ein Glas Eistee ein. »Sie stören kein bisschen. Das hier ist nur der normale Sonntags-Wahnsinn. Na ja«, Maria winkte ab, »mal sind es mehr, mal sind es weniger. Wenn man viele Kinder hat, muss man damit rechnen, dass sie einem am Sonntag das Haus füllen, Football schauen und sich den Bauch vollschlagen wollen.« Sie grinste. Ein Grinsen, das stark an das ihres Sohnes erinnerte.
   Elena war sprachlos. Sie hatte nicht gewusst, dass Dominic Teil einer so großen, lebhaften Familie war. Sie konnte sich zwar die Namen all dieser Menschen nicht merken, aber sie sah, wie nahe sich alle standen und wie liebevoll sie miteinander umgingen. Es musste schön sein, zu einer so großen Familie zu gehören. So wie sich ihr Partner manchmal aufführte, konnte man meinen, er sei im Wald von Wölfen großgezogen worden.

*

Dominic beendete das Telefonat und klappte das Handy mit einem saftigen Fluch zu. Fast umgehend zuckte er zusammen. Falls seine Mutter das blumige Schimpfwort gehört haben sollte, würde er wahrscheinlich eine Predigt zu hören bekommen, die sich gewaschen hatte.
   Natürlich hatte sie ihn nicht gehört, er war zum Telefonieren extra in den Garten hinter dem Haus gegangen. Hier konnte er sprechen, ohne von ständigen Footballkommentaren seiner männlichen Verwandten oder dem Gegacker seiner Schwestern unterbrochen zu werden.
   Das leise Kichern hinter seinem Rücken ließ ihn wissen, dass es trotzdem jemanden gab, der seinen Kraftausdruck sehr wohl gehört hatte – und vermutlich auch so schnell nicht wieder vergessen würde. Er drehte sich um und funkelte seine fünfjährigen Neffen Niclas und Tommy an. »Wenn ihr euren Mommys oder eurer Granny erzählt, was ich gerade gesagt habe, fresse ich euch mit Haut und Haaren«, knurrte er. »Ist das klar?«
   Lachend stürzten sich die Jungen auf ihn und versuchten, ihn zu Boden zu ringen.
   »Unser Schweigen wird dich was kosten, Onkel Dom«, krähte Nic.
   »Ja genau«, pflichtete ihm sein Cousin bei. »Wir merken es uns und lösen die Schulden später ein.«
   »Ach ja?« Dominic klemmte sich einen Jungen unter jeden Arm und lief auf die Mülltonnen zu. »Dann entsorge ich euch besser gleich.«
   Lachend und strampelnd versuchten sich die Kleinen aus seinem Griff zu lösen.
   »Granny Maria schickt uns«, keuchte Niclas, der vor Lachen fast keine Luft mehr bekam, sich aber wieder auf seine Mission besann.
   »Ja, genau«, plapperte Tommy ihn nach. »Du sollst reinkommen. Dein Partner ist da.«
   Dominic blieb stehen. Einen Moment lang hatten die Jungen ihn die Wirklichkeit vergessen lassen. Einen Augenblick lang war er beim Sonntagsessen seiner Mutter gewesen, gemeinsam mit seinen Brüdern, Schwestern und ihren Familien, seinen Neffen und Nichten. Aber es würde kein Sonntagsessen geben. Nicht für ihn. Er hatte eine heiße Spur in einem Mordfall. Der würde er folgen, bevor sie kalt war. Er war sowieso nur hier erschienen, damit seine Familie ihn in Augenschein nehmen konnte, um sich anschließend die Mäuler zu zerreißen, ob er zu blass, zu dünn, zu ruhig oder sonst was war. Die Colemans waren eine Familie, in der auf jeden achtgegeben wurde. Dominic war es nicht recht, dass sie seit Jacks Tod ihren Beschützerinstinkt an ihm austobten, nahm es aber hin. Je mehr er sich dagegen sträubte, desto heftiger würden sie ihm auf die Pelle rücken. Also ging er lediglich den Weg des geringsten Widerstandes.
   Vorsichtig setzte er seine Neffen ab. »Okay, ihr habt noch mal Glück gehabt. Das nächste Mal stecke ich euch in die Mülltonne.« Er wuschelte den beiden durch die dunklen Haare und sie rannten in den Garten. Während Niclas noch einmal das neu gelernte Schimpfwort über die Schulter rief, erinnerte Tommy ihn daran, wie tief er ab jetzt in ihrer Schuld stand. Die kleinen Lausebengel würden ihn eiskalt und ohne jede Moral erpressen, bis sie ihr Ziel, das vermutlich aus Eis oder Schokolade bestand, erreichten, denn jeder im Hause Coleman wusste, wie groß der Ärger war, den man bekam, wenn man von Maria beim Fluchen erwischt wurde.
   Nachdem er sich versichert hatte, dass seine Neffen sicher im Sandkasten saßen und begannen, eine Burg zu bauen, betrat er die Küche durch die Hintertür. Er atmete den Duft von frischen Kräutern und Knoblauch ein. Kurz überlegte er, wann er zum letzten Mal etwas Anständiges gegessen hatte, ließ es dann aber lieber bleiben. Sein Blick schweifte durch den großen hellen Raum, und – fast hätte er sie übersehen. Was war mit seiner Partnerin passiert? Wo war Miss Börsenmakler-Anzug mit dem kühlen Blick geblieben? Er lehnte sich in den Türrahmen und betrachtete sie eingehend. Wer hätte gedacht, welch blonde Lockenmähne, die bis über die Mitte des Rückens reichte, sich hinter ihren strengen Haarknoten verbarg. Und wer hätte gedacht, dass sie noch etwas anderes als strenge Hosenanzüge in ihrem Schrank hängen hatte. Zum Beispiel dunkelrote Kapuzenpullis und alte, enge Jeans, Kleidung, die sie mädchenhaft und jung wirken ließ und trotzdem ihre weiblichen Attribute unterstrich. In der Küche seiner Mutter, zwischen all seinen lauten, wilden, weiblichen Verwandten wirkte sie verloren wie ein kleines Mädchen, das man im Einkaufzentrum vergessen hatte.
   Er beschloss, sie zu retten. Zum einen, um endlich in seinem Fall vorwärtszukommen und zum anderen, um einen engeren Kontakt seiner Partnerin zu seiner Familie zu verhindern. Wer konnte wissen, ob sie nicht irgendetwas über ihre Partnerschaft ausplauderte, zum Beispiel, was für ein Ekel er zu ihr war. Das würde seine Mutter sicher nicht begeistern. Am besten wäre es gewesen, Elena hätte einfach vor dem Haus gewartet und ihn per Handy über ihre Ankunft informiert. So saß sie als äußerst attraktive Frau – und neue Partnerin – inmitten seiner Familie, was jede Menge Fragen und Kommentare zur Folge haben würde.
   Er ging zu ihr, nahm ihr das Glas, von dem sie noch keinen Schluck getrunken hatte, aus der Hand, und zog sie von ihrem Stuhl.
   »Auf geht’s, St. James.« Mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange seiner Mutter und einem kurzen Winken an die restlichen Frauen schob er Elena aus der Küche. Erst, als sie auf der Veranda standen, atmete er auf. Den missbilligenden Gesichtsausdruck seiner Mutter konnte er bis hierher spüren.
   Als sein Blick auf die Autos der Familie fiel, rutschte ihm der nächste Fluch raus. »Ich bin eingeparkt. Verdammte Verwandtschaft. Wo steht dein Wagen?«
   Elena deutete auf ihren Honda. Dominic steuerte auf das Auto zu und streckte automatisch die Hand aus, als er vor der Fahrertür stand. »Ich fahre.«
   »Du kannst mich mal. Ich fahre.« Sie reckte das Kinn und baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf. »Und du erzählst mir endlich, worum es geht.«
   Sein Handy klingelte. Er zog es aus der Hosentasche. Keine Zeit zum Diskutieren. Er lief zur Beifahrerseite und wies Elena an, auf die Umgehungsstraße Richtung Osten zu fahren, bevor er den Anruf annahm, um Steve am anderen Ende zu erklären, wohin er fahren sollte.

*

Dem Gespräch entnahm Elena, dass Delaware ein Strandhaus in einem kleinen Ort zwischen Boston und Salem besaß. Sie kannte das Städtchen nur von dem Schild an der Highway-Abfahrt. Wie es aussah, würde sie es heute kennenlernen.
   »Woher weißt du das mit dem Strandhaus? Angel und seine Exfrau haben nichts davon erzählt«, wollte sie wissen, nachdem Dominic das Telefonat mit Steve beendet hatte.
   »Tracy hat es herausgefunden.«
   »Tracy Collette?« Solche Aufgaben übernahm die Sekretärin des Lieutenants?
   »Tracy ist ein Computergenie. Sie bekommt alles heraus. Allerdings muss das niemand wissen, verstanden?«
   »Sie ist eine Hackerin?« Elena warf ihrem Partner einen schockierten Blick zu.
   »Ich würde eher sagen, sie kann wunderbar mit den Datensystemen jonglieren.« Angesichts ihres Gesichtsausdrucks konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Bis jetzt habe ich noch alle Informationen, die sie mir aus dem Netz gefischt hat, verwenden können, ohne dass sie und ich uns die Finger daran verbrannt hätten.«
   Elena wollte nicht einmal darüber nachdenken, wie sie die Daten beschafften. Also konzentrierte sie sich wieder auf den Fall.
   »Du glaubst also, Delaware ist in dem Strandhaus?«, fragte sie.
   »Ja, er ist dort. Angel wahrscheinlich auch. Sie ist nicht zu Hause, das habe ich schon überprüft. Ans Telefon geht sie auch nicht. Und wo sollte sich Delaware schon groß verstecken? Das Haus ist auf den Mädchennamen seiner Mutter eingetragen. Die ist fast neunzig und lebt in einer Seniorenresidenz in Florida. Wenn niemand weiter von dem Haus weiß, dann ist es das ideale Versteck.«
   Elena nickte und konzentrierte sich weiter auf den mäßigen Sonntagsverkehr.
   »Was hast du vor, wenn wir dort sind?«
   »Ich will ihn festnehmen.«
   »Du hast einen Haftbefehl?« Abermals blickte Elena von der Straße auf und starrte ihn an.
   »Ja.«
   »Seit wann?« Er hatte sie also einmal mehr übergangen. Es fehlte nicht viel und sie wäre vor Wut übergekocht. Also bemühte sie sich, wieder hinter ihre Fassade zu schlüpfen und die Aggressionen, die sie ihrem Partner gegenüber hegte, zu ignorieren.
   »Seit«, Dominic blickte auf die Uhr, »einer Stunde und dreizehn Minuten.«
   »Nett, dass du einen Richter an einem Sonntag davon überzeugen konntest, zu unterschreiben«, gab Elena zurück und versuchte, nicht bissig zu klingen.
   Sie ließen die Vororte Bostons hinter sich. Der Verkehr nahm noch mehr ab und sie drückte das Gaspedal durch.
   »Ja, wenn man Freunde hat«, antwortete er lapidar. »Hör zu, es wird so ablaufen: Ich habe Verstärkung angefordert, aber die Leute vom Dezernat, die ich erreichen konnte, sitzen beim Sonntagsessen oder wühlen sich wie Steve mit irgendeiner heißen Maus durch die Laken. Keine Frage, wer weniger begeistert war von meinem Anruf«, fügte er mit einem unterdrückten Grinsen hinzu.
   Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre er wahrscheinlich allein zu dem Haus gefahren und hätte Delaware festgenommen. Aber er hatte den Lieutenant informieren müssen. Und Bergen musste darauf bestanden haben, den Einsatz professionell durchzuführen, wie es sich gehörte.
   »Wir werden uns auf jeden Fall noch Unterstützung vom Sheriffdepartment holen und führen einen ordentlichen Zugriff durch«, erklärte er Elena.
   »Prima«, knurrte sie als Antwort. Im Umkehrschluss bedeutete sein kleiner Vortrag, dass er bereits mit allen anderen Kollegen des Departments gesprochen und sie nur deshalb angerufen hatte, weil niemand sonst schnell genug von seinen Verpflichtungen wegkonnte. Dominic Coleman war wirklich ein ausgemachtes Arschloch. Einmal mehr hatte er alles im Alleingang gemacht. Einmal mehr hatte er sie von den Ermittlungen ausgegrenzt. Aber sie hatte sich geschworen, nicht mehr so mit sich umspringen zu lassen. Damit wäre genau heute Schluss.
   Den Rest der Strecke legte sie schweigend zurück. Dominic führte Telefonate mit dem Lieutenant, dem zuständigen Sheriff und den Kollegen, die die Verstärkung bilden sollten. Zwischendurch gab er Elena knappe Anweisungen, wohin sie fahren sollte. Damit hatte sich ihre Konversation bereits erschöpft.

*

Einen Block von dem hübschen kleinen Strandhaus entfernt parkte Elena ihren Wagen. Sie stiegen aus und sahen sich vorsichtig um. Die meisten Strandhäuser waren leer und bereits winterfest gemacht worden. Ob sich in Delawares Haus jemand aufhielt, konnten sie von ihrem Standort aus nicht erkennen. Elena überprüfte ihre Waffe und steckte sie in das Gürtelholster zurück, das sie unter ihrem Kapuzenpulli trug.
   Dominic überprüfte seine Glock ebenfalls. Die Gedanken, die er während der Fahrt hatte verdrängen können, stürzten nun mit aller Macht auf ihn ein. Einmal mehr wünschte er sich, allein hier zu sein. Oder zumindest nicht mit einer neuen Partnerin, die zwar eine Klugscheißerin, dafür ansonsten aber absolut grün hinter den Ohren war. Seit Jacks Tod war das die erste Situation, die der Schießerei, in die sie damals geraten waren, ähnelte. War es ein Wunder, dass ihm kalter Schweiß über den Rücken rann und seine Hände zitterten? Sie mussten zudem ein Objekt betreten, das sie beide nicht kannten. Das war nie ein Zuckerschlecken. Schon gar nicht mit einem Partner, den man nicht einschätzen konnte. Bis jetzt hatte St. James sich zwar gar nicht mal blöd angestellt, aber man würde noch sehen, was sie tatsächlich draufhatte, wenn es hart auf hart kam.
   Er ließ seinen Blick über Elenas hübsche Figur gleiten und beobachtete sie, wie sie ihre wilde Mähne mit einem Gummiband zu einem Pferdeschwanz zusammenfasste.
   »Zieh deine Schutzweste an«, sagte er.
   Elena rollte mit den Augen. Genervt öffnete sie den Kofferraum, um ihre Kevlarweste herauszuholen. Dann hielt sie inne und blickte zu ihm herüber. »Wo ist deine Weste?«
   Mist. Er hatte sie in der Hektik und dem Chaos der geparkten Autos vor dem Haus seiner Eltern vergessen. »Die liegt in meinem Wagen.«
   »Da liegt sie verdammt gut.« Diesmal klang Elena bissig statt reserviert. »Du willst ja wohl nicht ernsthaft ohne Schutzweste in dieses Haus gehen.«
   »Hey.« Beschwichtigend breitete er seine Arme aus. »Wir warten auf die Verstärkung. Dann kann ich mich ein bisschen zurückhalten.«
   Mit dem letzten Wort fiel ein Schuss. Automatisch gingen sie hinter Elenas Honda in Deckung.
   »Das kam von da drüben.« Dominic wies in Richtung von Delawares Grundstück.
   »Aus dem Strandhaus?«
   »Gut möglich. Lass uns nachsehen. Vorsichtig.« Er wartete, bis sie den letzten Klettverschluss ihrer Weste geschlossen hatte. Dann zogen sie ihre Waffen und schlichen in der Deckung von Zäunen und Hecken in Richtung des Hauses. Als sie näher kamen, erkannte er einen Wagen in der Auffahrt des Strandhauses. Ein Mietwagen, dem Aufkleber an der Windschutzscheibe zufolge.
   Mittlerweile waren sie nah genug, um einen Teil des Hauses einsehen zu können.
   »Ich sehe keine Bewegung im Objekt«, flüsterte Elena.
   »Wir müssen rüber auf die andere Seite. Von dort haben wir einen besseren Blick.«

*

Dominic hatte recht. Im Moment befanden sie sich hinter dem Nachbarhaus. Wenn sie auf die andere Seite von Delawares Strandhaus gelangten, hätten sie bessere Sicht und könnten die Lage besser einschätzen. Sie war mit ihrem alten Streifenpartner Bobby Pattison oft genug in brenzligen Situationen gewesen. Aber Coleman kannte sie nicht. Sie konnte nur hoffen, dass das gut ging. Sie gab ihm mit einem Nicken ihr Einverständnis, auf die andere Seite des Strandhauses zu wechseln. Bis zu der Hecke, die ihnen Deckung bieten würde, mussten sie gut zwanzig Meter freie Fläche überwinden.
   Geduckt liefen sie los. Sie hatten schon fast die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht, als die Tür des Hauses aufgerissen wurde und Angel Delaware erschien. In der Hand eine Pistole.
   Was dann geschah, dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde. Elena sah, wie Angel Delaware ihre Pistole auf sie beide richtete. Im gleichen Augenblick hob sie, völlig automatisch, ebenfalls ihre Waffe. Sie drückte ab – und ihr Körper explodierte. Ein enormer Schlag traf ihre Eingeweide, schleuderte sie nach hinten. Sie schlug auf dem Asphalt auf, die Luft wurde aus ihren Lungen gepresst.
   Und dann breitete sich Schwärze um sie herum aus.

Als Elena zu sich kam, lag sie rücklings auf dem Gehweg. Das Atmen war eine Qual. Vorsichtig fuhr sie mit den Fingern über ihren Oberkörper und hob die Hand langsam vor ihre Augen. Kein Blut. Also hatte die Kevlarweste sie vermutlich geschützt. Entgegen der landläufigen Meinung konnte man sich auch dann ziemlich gefährliche Verletzungen zuziehen, wenn man seine Schutzweste trug.
   Wo war Dominic? Sie wandte den Kopf nach links und rechts, aber sie entdeckte ihn nirgends. Im nächsten Moment hörte sie das Aufheulen eines Motors und das Quietschen von Reifen. Ein Wagen kam hinter ihr zum Stillstand. Bunte Ahornblätter wirbelten auf. Verdammt. Sie sah nicht, was hinter ihrem Kopf vorging. Panisch umklammerte sie ihre Pistole. Sie hatte sie die ganze Zeit in der Hand gehalten, ohne es zu merken.
   Schon im nächsten Augenblick durchflutete Erleichterung ihren Körper, als sich Steve Morris’ vertraute Gestalt in ihr Sichtfeld schob.
   »Elena.« Mit besorgtem Blick kniete er neben ihr nieder und tastete sie vorsichtig ab. »Das sieht gut aus«, sagte er ein wenig außer Atem. Elena wusste nicht, ob er damit sie oder sich beruhigen wollte. »Das sieht wirklich nicht schlimm aus«, wiederholte er noch einmal. »Bestimmt hast du nur ein paar blaue Flecken. Ein Rettungswagen ist schon unterwegs.«
   »Ich brauche keinen Rettungswagen«, nuschelte sie. »Hilf mir lieber auf, damit ich besser Luft bekomme.«
   Vorsichtig fasste er sie unter den Achseln und zog sie hoch, sodass sie den Oberkörper gegen den Kotflügel seines Wagens lehnen konnte. Zischend entwich die Luft zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen. Nur mit größter Willensanstrengung konnte sie verhindern, dass ihr wieder schwarz vor Augen wurde. Langsam bekam sie ihren Körper unter Kontrolle und atmete vorsichtig, aber erleichtert, ein und aus.
   Steve sah sich irritiert um und musterte sie fragend. »Wo ist Dominic?«
   »Ich weiß es nicht. Ich habe ihn nicht mehr gesehen, nachdem ich …« Mit einer schwachen Bewegung wies sie auf ihren Oberkörper. In ihrer Schutzweste war das Einschussloch deutlich zu erkennen. Sie wusste nicht, was mit Dominic passiert war, ob er ebenfalls getroffen worden war. Wahrscheinlicher war, dass er allein zum Strandhaus gegangen war, nachdem sie sich wie ein blutiger Anfänger eine Kugel eingefangen hatte. Jetzt hatte er endlich einen Grund gefunden, sie loszuwerden. Und er war natürlich einmal mehr ohne sie losgezogen.
   »Hey, hast du gehört?« Steves Frage lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn.
   »Was?«
   »Ich gehe Dominic suchen. Du bist hinter meinem Wagen in Sicherheit. Aber leg deine Waffe nicht weg, okay? Die Verstärkung müsste jede Sekunde eintreffen.«
   »Okay.« Elena fing plötzlich an zu zittern. Der Schock war dafür verantwortlich. Sie war angeschossen worden. Und sie lebte noch. An mehr konnte sie im Moment nicht denken.
   Steve legte ihr seine Jacke um und stand auf. »Ich bin so schnell wie möglich wieder da.« Mit gezogener Waffe schlich er zum Strandhaus hinüber.

*

Dominic hatte es nicht geschafft, Elenas Sturz abzufangen, nachdem sie von Angel Delaware getroffen worden war. Wie ein Blitz tauchte das Bild seines Partners Jack vor ihm auf, der blutend auf der Straße lag und vor seinen Augen starb. Vor seinem Gesicht tanzten Sterne, und erst als er keuchend Luft holte, bemerkte er, dass er den Atem angehalten hatte. Er versuchte, Sauerstoff in seine Lungen zu pressen, aber es gelang ihm nicht. Er atmete immer hektischer und flacher, seine Hände zitterten, seine Stirn war schweißbedeckt und er war kurz davor, sich zu übergeben. Dass ihn eine ausgewachsene Panikattacke überfiel, passierte ihm nicht zum ersten Mal. Der Moment für den Anfall hätte kaum schlechter gewählt sein können. Er musste die Situation in den Griff bekommen. Elena hatte sich nicht nur eine Kugel eingefangen, sie hatte auch geschossen. Aus den Augenwinkeln hatte er gesehen, wie sie Angel Delaware getroffen hatte und die Pistole ihrer Gegnerin die Verandastufen hinuntergepolterte.
   Als Erstes musste er sich um Elena kümmern. Sie lag schlaff auf dem Gehweg, offensichtlich war sie bewusstlos. Er zog sie aus Angels Sichtfeld. Ein Blick reichte, um ihn zu beruhigen. Die Kevlarweste hatte den Schuss abgefangen. Vorsichtig schob er die Hand unter die Weste und tastete ihren Oberkörper ab. Wie schmal und zerbrechlich sie wirkte. Als er seinen Arm wieder hervorzog, klebte kein Blut an seinen Fingern. Sofort ließ seine Panik ein wenig nach und er konnte wieder klarer denken. Er überprüfte Elenas Puls und Atmung. Alles in Ordnung, beruhigte er sich. Sie würde wieder auf die Beine kommen. Wichtiger war jetzt, zu überlegen, wie er weiter vorgehen sollte. Er musste Angel Delaware festnehmen. Außerdem musste er überprüfen, ob ihr Mann noch eine Gefahr darstellte, auch wenn ihm sein Instinkt sagte, dass der Doktor wahrscheinlich tot war.
   Sein Handy klingelte. Steve. »Wo bist du, Mann?«
   »Ich bin laut Navi in einer Minute da. Alles klar soweit?«
   »Nichts ist klar, verdammt. Kümmere dich um Elena, wenn du hier bist.« Er legte auf und schlich, die Pistole im Anschlag, an das Strandhaus heran.
   Vor der Verandatreppe lag Delawares Waffe im Gras. Er hob sie auf und steckte sie hinten in seinen Hosenbund. Vorsichtig trat er auf die Veranda. Dort fand er Angel Delaware, die Hände auf eine blutende Wunde am Oberschenkel gedrückt. Sie wimmerte vor Schmerzen und Tränen liefen über ihre Wangen, aber sie war bei Bewusstsein. Im Gegensatz zu Elena.
   Mit einer Handbewegung, die grober als notwendig war, riss er die rechte Hand der Frau von ihrem Oberschenkel und schloss sie mit seiner Handschelle an das Verandageländer. Während sie sich wimmernd wand und versuchte, von ihm wegzukriechen, tastete er sie nach weiteren Waffen ab und klärte sie über ihre Rechte auf. Dann ließ er sie zurück und betrat leise das Haus. Wie er bereits vermutet hatte, lag Dr. Delaware tot im Wohnzimmer. Kopfschuss. Er prüfte sicherheitshalber die Vitalfunktionen des Mannes, richtete sich wieder auf und verließ das Haus.
   Mit weichen Knien steckte er seine Waffe zurück ins Holster und lehnte sich gegen den Rahmen der Haustür. Sein Blick schweifte zu Elena, die mittlerweile aufrecht an Steves Wagen gelehnt dasaß und bei Bewusstsein war. Gott sei Dank. Neben Steve waren mittlerweile auch Judy Paxton, Rick Clancy und Jim Stowe sowie zwei Wagen des Sheriffdepartments am Tatort eingetroffen, ohne dass er etwas davon mitbekommen hatte.
   Langsam stieg er die Stufen der Verandatreppe hinunter und ging auf seine Kollegen zu. Judy und Steve kamen ihm entgegen. Er erzählte ihnen eine Kurzversion der Geschehnisse.
   »Judy, wenn der Rettungswagen kommt, begleitest du Angel Delaware ins Krankenhaus. Wie es aussieht, hat sie ihren Mann erschossen. Und sie hat Elena getroffen. Ich will also auf jeden Fall verhindern, dass sie uns ausbüxt.«
   Judy nickte brüsk und lief zur Veranda, um die Frau, die auf ihre Kollegin geschossen hatte, zu bewachen, bis die Sanitäter kamen.
   Dominic wandte sich an Steve. »Du fährst Elena in die Klinik. Sie soll nicht warten müssen, bis der nächste Rettungswagen kommt. Und bleib bei ihr. Wir haben hier genug Leute.«
   Steve sah ihn fragend an. »Bist du okay?«, wollte er wissen. Auf Dominics Nicken hin drückte er ihm aufmunternd die Schulter. »Keine Sorge, ich kümmere mich um sie.« Er lief zu seinem Wagen zurück und Dominic starrte ihm hinterher. Als sein Freund sich zu seiner Partnerin hinunterbeugte, ließ er seinen Blick in der Luft über ihnen hängen. Er konnte Elena nicht ansehen. Er konnte nicht mit ihr sprechen. Zumindest nicht im Moment. Er konnte sich jetzt überhaupt nicht mit ihr beschäftigen. Seine Panikattacke war immer noch nicht abgeebbt.
   Er würde sich erst beruhigen müssen, bevor er sich damit befasste, dass beinahe zum zweiten Mal einer seiner Partner gestorben wäre – wegen ihm. Aber Steve hatte recht. Bei seinem Kumpel war Elena in guten Händen. Solange er bei ihr war, musste er sich keine Sorgen um sie machen.
   Mit einem Kloß im Hals wandte er sich an die Deputies des Sheriffdepartments. Er wies sie an, den Tatort abzusperren und die vereinzelten Schaulustigen, die sich allmählich einfanden, fernzuhalten. Dann forderte er ein Spurensicherungsteam an und erstattete Lieutenant Bergen telefonisch Bericht. Er musste sich beschäftigen. Er musste sich davon abhalten, über das nachzudenken, was gerade geschehen war.

*

Steve brachte Elena ins Krankenhaus, wie Dominic es ihm aufgetragen hatte. Sie wurde untersucht, geröntgt und mit Schmerzmitteln versorgt. Die Prellungen auf ihrem Brustkorb wurden fürsorglich eingesalbt. Anschließend verpasste man ihr ein hübsches hellblaues Krankenhausnachthemd und steckte sie ins Bett. Über Nacht sollte sie zur Beobachtung in der Klinik bleiben und sich ein paar Tage lang schonen.
   Die Diagnose, die ihr ein freundlicher, älterer Arzt mit müden Augen überbrachte, war erträglich: zwei geprellte Rippen, diverse Hämatome, keine inneren Verletzungen. Jetzt musste sie nur noch warten, bis die Schmerzmittel anfingen zu wirken, und sie sich etwas entspannen konnte.
   Steve blieb die ganze Zeit bei ihr. Er fing sich jede Menge böser Blicke von den Schwestern ein, weil er ständig das Handy am Ohr hatte und mit den Kollegen am Tatort telefonierte, um auf dem Laufenden zu bleiben. Nachdem er diesmal aufgelegt hatte, setzte er sich zu Elena auf die Bettkante. »Dominic ist auch hier. Er wird versuchen, Angel Delaware zu vernehmen.«
   Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Dominic hatte noch kein Wort mit ihr gewechselt, seit sie angeschossen worden war – sie hatte ihn seitdem nicht einmal zu Gesicht bekommen. Soweit sie wusste, hatte er sich auch noch nicht nach ihrem Befinden erkundigt. Sie hatte vorgehabt, die dienstliche Beziehung zu ihrem Partner neu zu definieren, doch der Schock, angeschossen worden zu sein, saß zu tief und machte es ihr im Moment unmöglich, kühl und gelassen zu bleiben.
   Als Elena ihm nicht antwortete, erhob sich Steve wieder. »Ich werde dir ein paar Zeitschriften oder irgendwas holen, damit du dich beschäftigen kannst.«
   Er ließ sie auch weiterhin nicht allein, kümmerte sich rührend um sie und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Als der Abend anbrach, hatte Elena immer noch nichts von Dominic gehört, doch Steve hatte sie gut unterhalten. Sie plauderten freundschaftlich und Elena blätterte in den Magazinen, die er am Kiosk gekauft hatte. Endlich wirkten auch die Schmerzmittel.

*

Steve beobachtete, wie Elenas Lebensgeister zurückkehrten. Vor seinem geistigen Auge tauchte wieder der Anblick auf, den sie auf dem Gehsteig vor dem Strandhaus geboten hatte. Reglos und blass, sodass die Sommersprossen in ihrem Gesicht wie dunkle Punkte hervorstachen.
   Jetzt sah sie definitiv wieder besser aus. Vor allem aber sah sie echt heiß aus mit dieser wilden blonden Lockenmähne, die sich über das karierte Kissen ergoss, und die sie bisher so gut vor ihm und seinen Kollegen versteckt gehalten hatte.
   Er räusperte sich.
   Elena blickte von der Zeitschrift auf und musterte ihn mit ihren ernsten grauen Augen. »Was ist?«
   Er räusperte sich noch einmal. »Sag mal, hättest du vielleicht Lust, mal mit mir Essen zu gehen, oder dich auf einen Drink mit mir zu treffen?«
   Sie öffnete den Mund, sagte aber nichts. Langsam färbten sich ihre Wangen eine Spur dunkler. Dann wandte sie den Blick ab. »Gibt das keine Probleme? Wenn ich Dominic richtig verstanden habe, bist du heute Mittag erst aus dem Bett einer Frau gekrochen.«
   Mist, das lief nicht gerade optimal. »Na ja, das ist was anderes. Nicht, was du denkst. Das war keine ernste Sache.« Seine Worte verbesserten die Situation nicht sonderlich, also zuckte er mit den Achseln. »An dir wäre ich ernsthaft interessiert«, versuchte er es noch einmal. Klar, Elena würde wahrscheinlich nicht viel davon halten, unter der Rubrik Bettgeschichte zu laufen. Aber vielleicht ergab sich auch mehr? Er würde das seinen sonstigen Gewohnheiten entgegen nicht einmal ausschließen wollen.
   »Ich kann nicht mit dir ausgehen, Steve. Einer meiner festen Grundsätze ist: keine Verabredungen mit Kollegen. Das endet nie gut.«
   »Ja, da hast du wohl recht.« Er seufzte. An dieser Frau würde er zu knabbern haben, aber die Mühe war sie wert. Also grinste er sie an und zwinkerte ihr zu. »Kein Problem. Falls du deine Meinung irgendwann änderst, weißt du ja, wo mein Schreibtisch steht. Jetzt werde ich mal versuchen, einen anständigen Kaffee für uns aufzutreiben. Mal sehen, wie viele Schwestern ich dafür bestechen muss.«
   Mit einem Winken verließ er den Raum.

*

Steve wirkte nicht beleidigt oder sauer, was Elena innerlich aufatmen ließ.
   Verabredungen mit Kollegen waren für sie ein dunkelrotes Tuch.
   Kaum hatte er die Zimmertür hinter sich geschlossen, wurde sie wieder aufgerissen und Dominic stürmte herein. Er schien eine ordentliche Portion Wut in sich zu tragen, dass sie sich am Tatort so dämlich benommen hatte. Seine Augen durchbohrten sie wie blaue Laserblitze.
   Er marschierte ein paar Mal im Zimmer auf und ab, ohne etwas zu sagen. Dann blieb er, mit dem Rücken zu ihr, am Fenster stehen und starrte hinaus. Abwesend fuhr er sich durch die Haare und zerzauste die wirre Mähne noch mehr.
   Elena wusste nicht, wie sie mit dem Zorn, den er ausstrahlte, umgehen sollte. Sie fühlte sich unsicher, unterlegen und verletzlich, was mit Sicherheit nicht unwesentlich daran lag, dass sie mit einem Nachthemd, das Luft an den Po ließ, in einem Bett lag, und er von ihrer Position aus gesehen wie ein Turm im Zimmer aufragte. Als er plötzlich zu ihr herumfuhr, zuckte sie zusammen.

*

Der Schreck in ihren Augen ließ den Knoten in Dominics Hals anschwellen. Sie lag in einem Krankenhausbett, klein und verletzlich. Sie wäre fast gestorben. Und warum? Weil sie sich in dem Moment, in dem Angel abdrückte, vor ihn geworfen hatte. Er war sich nicht mal sicher, ob ihr das überhaupt bewusst gewesen war. Wenn ihn die Kugel getroffen hätte, würde er jetzt mit einem Zettel am nackten großen Zeh in einem Kühlschrank liegen. Aber Elena hatte die Kugel für ihn gefangen, weil er seine verdammte Schutzweste im Wagen vergessen hatte. Er hatte keine Ahnung, wie er damit umgehen sollte. Erst vor zwei Monaten hatte er seinen Partner verloren, und nun wäre das fast zum zweiten Mal passiert.
   Also tat er das, was ihm in diesem Moment am einfachsten erschien. Er verlieh seinen Gefühlen Ausdruck, indem er sie anbrüllte. »Was hast du dir dabei gedacht? Bist du völlig bescheuert? Oder bist du irgend so ein verdammter Grünschnabel, der nicht weiß, wie man sich im Einsatz verhält?«
   Zu seiner Überraschung brüllte sie zurück. »Ach ja, was geht dich das an? Du hättest dich wenigstens mal nach mir erkundigen können.«
   Jemanden anzuschreien, war gänzlich untypisch für Elena, die nach Möglichkeit immer ruhig und kühl blieb. Aber was heute passiert war, war offenbar doch ein Quäntchen zu nah am Tod gewesen, um sich noch beherrschen zu können. Ihre Hände zitterten. Sie wirkte, als könnte sie nur mit Mühe verhindern, dass sich das Zittern auf ihren ganzen Körper ausbreitete.
   Er trat an ihr Bett und packte sie an den Schultern. Während sie ihn noch mit vor Schock weit aufgerissenen Augen ansah, griff er fester zu und schüttelte sie. »Ich habe gerade erst Jack verloren, verdammt noch mal. Das will ich nicht noch einmal erleben. Tu so etwas nie wieder.«
   Sie zuckte vor Schmerz zurück, Tränen stiegen in ihre Augen. »Du hattest keine Weste an«, war alles, was sie flüstern konnte, bevor ihre Augen überliefen.
   Dominic hielt inne.
   Plötzlich setzte sein Verstand wieder ein. Sein Griff tat ihr weh. Vorsichtig ließ er sie los. Während sein Gehirn versuchte, zu verarbeiten, was sie gerade gesagt hatte, glitt sein Blick über ihr blasses Gesicht und blieb an ihrem Mund hängen. Ihre Lippen zitterten. Dann sah er ihr wieder in die Augen. Immer noch über sie gebeugt, wischte er mit dem Daumen die Tränen weg, die über ihre Wangen liefen. »Danke«, flüsterte er zurück. Und dann küsste er sie. Sanft senkte er seine Lippen auf ihre, in einer fast keuschen Berührung.
   Mit einem erschrockenen Laut sank Elena in die Kissen zurück. Dominic löste sich von ihr, fast ebenso geschockt. Bei der Berührung ihrer Lippen war ein Stromstoß durch seinen Körper gejagt. Hitze. Er nahm ihren frischen, unaufdringlichen Duft wahr, den er bis jetzt nie an ihr bemerkt hatte. Alle Konturen schienen plötzlich eine Spur schärfer. Unter seinen Blicken fuhr Elena sich nervös mit der Zunge über die Lippen, was ihn schlucken ließ. Vermutlich war ihr nicht bewusst, wie erotisch der Anblick ihrer rosa Zungenspitze auf ihren vollen Lippen wirkte. Er riss seinen Blick mit aller Macht von ihrem Mund los und sah ihr wieder in die Augen. Und dann, wie magisch von ihr angezogen, senkte er seinen Mund wieder auf ihren. Ihre Lippen gaben unter ihm nach und erlaubten ihm instinktiv, den Kuss zu vertiefen.

*

Elena hob die Hände, um ihn zurückzuschieben, doch wie von selbst glitten ihre Finger in sein dichtes dunkles Haar und zogen ihn noch näher zu sich. Der Kuss war atemberaubend. Ganz tief in ihr leuchtete eine rote Warnlampe auf. Sie küsste gerade Dominic Coleman. Er schien sie mit Haut und Haaren verschlingen zu wollen und sie schien sich nicht dagegen wehren zu können, obwohl sie das musste. Das hier durfte nicht passieren, auf keinen Fall. Dominic war so intensiv. Sie konnte sich ihm nicht entziehen. Ihr Körper schmerzte, aber sie spürte es kaum noch. Niemals hätte sie geglaubt, dass Dominic so leidenschaftlich und gleichzeitig so zärtlich sein konnte. Gerade wollte sie ihn noch näher heranziehen, als sie am Rande ihres Bewusstseins ein Geräusch wahrnahm.
   Nach einem kurzen Klopfen flog die Zimmertür auf und Steve stürmte herein, Styroporbecher mit Kaffee und ein paar Schokoriegel in den Händen. »Ich habe in der Kantine leider nichts anderes …« Als er sie erblickte, blieb er mit offenem Mund stehen. Hinter ihm erschienen die Köpfe von Judy Paxton, Rick Clancy und Jim Stowe im Türrahmen.
   Dominic fuhr wie von der Tarantel gestochen zurück. Elena erlag dem Fluch aller hellhäutigen Menschen und wurde knallrot.
   »Ähm …« Sie räusperte sich.
   »Kein Problem.« Steve ging rückwärts in Richtung Tür. »Ich bin schon wieder weg.« Die Kollegen, die hinter ihm standen, blockierten seinen Rückzug und warteten mit der Neugier, die bei Polizisten genetische Veranlagung war, auf eine Erklärung für das, was sie gerade zu sehen bekommen hatten.
   Endlich fand Dominic seine Sprache wieder. Er zwinkerte den Kollegen mit seinem üblichen Machogrinsen zu. »Kommt ruhig rein. Ich musste mich nur schnell bei St. James bedanken. Sie hat mir immerhin das Leben gerettet. Jetzt muss ich wieder zu Mrs. Delaware. Mal sehen, ob sie mittlerweile zu einer Aussage bereit ist.« Mit einem kleinen Winken in Elenas Richtung schlenderte er aus dem Zimmer.
   Die Kollegen blickten ihm nach. Als sich Steve wieder zu Elena umdrehte, hatte er ebenfalls ein Grinsen im Gesicht. »Soso, du gehst also nicht mit Kollegen aus.«
   Mit einem Stöhnen zog sich Elena die Decke über den Kopf.

Als Dominic endlich alles erledigt hatte, traf er sich mit Steve vor dem Krankenhaus, um noch auf einen Drink ins The Bullet zu gehen.
   Sie setzten sich an den Tresen und sahen sich im Fernseher an der Wand über der Theke eine Zusammenfassung des Spiels der Boston Bruins gegen die Carolina Hurricanes an, das sie nicht hatten verfolgen können, weil sie sich mit Delawares durchgeknallter Frau rumschlagen mussten.
   Steve trank einen Schluck Bier und warf Dominic einen Seitenblick zu. »Du hast also St. James geküsst«, stellte er fest.
   Dominic zuckte etwas unbehaglich mit den Schultern. »Mach keine große Sache draus. Ich hab sie angebrüllt, weil sie mir das Leben gerettet hat, und da ist es einfach so passiert.« Er war sich allerdings nicht sicher, ob es nicht doch eine große Sache war. Der Kuss hatte ihn mehr berührt, als ihm lieb war. Er ließ sich auch nicht so einfach aus seinen Gedanken verdrängen, wie es ihm recht gewesen wäre. Es war auf jeden Fall ein Kuss von der guten Sorte gewesen.
   »Sie ist heiß.« Steve trank noch einen Schluck Bier. »Ich hab versucht, ein Date mit ihr auszumachen.«
   Dominics Magen zog sich unwillkürlich zusammen bei dem Gedanken, wie Elena mit Steve ausging. Sie war schließlich seine Partnerin.
   Von sich selbst genervt fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht. Er war müde. Der Tag hatte ihn erschöpft. Anders konnte er sich nicht erklären, warum ihn plötzlich Gefühle überkamen, die stark nach Eifersucht auf seinen Kumpel Steve aussahen. Sie hatten sich nie über Frauen gestritten. Manchmal hatte der eine Glück, manchmal der andere. Bis jetzt hatten sie immer darüber gelacht, sich gegenseitig gratuliert und auf die Schulter geklopft. Eifersucht hatte es zwischen ihnen nie gegeben. Dazu waren sie schon zu lange Freunde, hatten schon viel zu viel erlebt. Also versuchte er, seiner Stimme einen möglichst gleichgültigen Klang zu geben. »Und?«
   Steve schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter und grinste. »Sie hat abgelehnt. Offensichtlich wollte sie sich lieber von dir küssen lassen.«
   »Na klar. Das wird es gewesen sein.« Sie lachten, stießen mit ihren Bierflaschen an und wandten sich wieder dem Spiel zu.
   »Aber heiß ist sie wirklich«, sagte Steve, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.
   »Wo du recht hast …«

4.

Dominic saß in seinem Wagen und starrte auf das Haus vor sich. Im Kinderzimmer war alles dunkel. Es war bereits weit nach Mitternacht, aber im Wohnzimmer brannte noch eine kleine Lampe, wahrscheinlich die Leselampe. Cassie hatte oft nachts lesend in ihrem gemütlichen alten Sessel gesessen und auf ihre Rückkehr gewartet – darauf, dass Dominic ihren Ehemann gesund und munter nach Hause brachte.
   Nach Jacks Tod war er fast täglich bei Cassie und den Kindern gewesen, doch irgendwann hatte sie ihn gebeten, zu gehen und nicht mehr zurückzukommen. Ihre Bitte hatte ihn getroffen wie einen Tritt in den Unterleib. Er verstand Cassie trotzdem. Sie musste versuchen, weiterzuleben. Seine Anwesenheit hatte es ihr unmöglich gemacht, nach vorn zu blicken. Seine Schuldgefühle waren es, die ihn jeden Tag aufs Neue zu ihr trieben, denn er trug die Schuld an Jacks Tod.
   Schließlich hatte er getan, worum sie ihn gebeten hatte, und war gegangen.
   Heute, gut zwei Monate nach seinem Tod, wäre seine neue Partnerin ebenfalls fast getötet worden. Wegen ihm. Was war nur los mit ihm? Was stimmte nicht? Warum zog er das Unglück so magisch an? Darauf hatte ihm nicht einmal der Psychologe, zu dem er damals geschickt worden war, eine Antwort gewusst.
   Dominic lehnte seinen Kopf gegen die Kopfstütze und ließ seine Gedanken zu Elena wandern. Sah sie klein und blass in ihrem Krankenhausbett liegen. Er erinnerte sich, wie sie ihn wütend angefunkelt hatte, weil er keine Kevlarweste dabeigehabt hatte. Wie ihr Körper auf dem Asphalt aufgeschlagen war. Er sah wieder ihre großen grauen Augen, die weit aufgerissen waren, als er sie geküsst hatte. Langsam hatten sie sich zu einem sanften grauen Nebel verhangen, während sie ihn bisher meistens kalt wie grauer Stahl angefunkelt hatten.
   Elena glaubte, sie würde reserviert und überlegen wirken. Zumindest versuchte sie immer, diesen Eindruck zu erwecken. Aber er erkannte, wenn sie innerlich vor Wut kochte. Diesen Ausdruck hatte er in den vergangenen Tagen einige Male in ihrem Gesicht aufblitzen sehen. Es hatte ihm Spaß gemacht, sie zu reizen.
   Elena hatte Schneid. Mehr als er je erwartet hätte. Sie war klug und mutig. Und die Wolke wilder Locken, die sie wie ein junges Mädchen aussehen ließ, setzte dem Ganzen die Krone auf.
   Dominic wollte keinen Partner. Auf keinen Fall. Aber wenn er schon einen haben musste, dann war Elena vermutlich nicht unbedingt die schlechteste Wahl.
   Erschöpft fuhr er sich über das Gesicht. Er blickte wieder zu Cassies Haus, das mittlerweile dunkel war. Wie lange hatte er hier gesessen?
   Seufzend startete er seinen Wagen und fuhr nach Hause.

*

Steve schlug mit der Faust auf das Lenkrad. Was dachte sich diese Heuchlerin, seine Einladung abzulehnen, nur um sich ein paar Minuten später Colemans Zunge in den Hals stecken zu lassen? Diese verdammte Hure!
   Mit diesen Gedanken im Kopf würde er heute Nacht keine Ruhe finden. Kurz dachte er darüber nach, zu einer seiner bevorzugten Nutten zu fahren und ein paar Spielchen zu spielen, aber sein Instinkt sagte ihm, dass das heute Nacht nicht reichen würde.
   Er wollte die Macht spüren, die in ihm schlummerte. Die Macht, von der Detective St. James keine Ahnung hatte, die sie aber noch zu spüren bekommen würde. Soviel war sicher.
   Ziellos fuhr er durch die Stadt, die Augen immer auf der Suche nach einer Mitspielerin. Dann entschied er sich, in einen der angesagten Clubs zu gehen und sich dort umzuschauen. Sich an einer Nutte abzureagieren war heute Nacht keine Herausforderung.
   Gerade parkte er vor dem Space, als Tash Edwards heraustorkelte. Sie winkte schwankend nach einem Taxi.
   Sein Adrenalinspiegel stieg. Tash Edwards! Dass ausgerechnet sie ihm über den Weg stolperte, musste ein Wink des Schicksals sein. Eine Aufforderung, sie auszuwählen. Ob sie noch in dieser WG lebte?
   Er folgte dem Taxi, das sie nach Hause brachte. Geduldig wartete er, bis sie gezahlt hatte und ausstieg. Als die Rücklichter des Wagens um die Ecke verschwanden, schlenderte er zu ihr. Sie hatte Probleme, den Schlüssel in das Schloss der Haustür zu bekommen, also griff er sanft um sie herum und nahm ihr den Schlüsselbund aus der Hand. »Lass mich dir helfen«, flüsterte er dicht an ihrem Ohr.
   Sie fuhr herum, überrascht, mitten in der Nacht angesprochen zu werden, aber um Angst zu haben, war sie zu betrunken. Gefangen zwischen seinen Armen ließ sie sich gegen die Tür zurückfallen und legte den Kopf schräg, was sie vermutlich für verführerisch hielt. »Kennen wir uns nicht von irgendwoher?«
   »O ja. Wir kennen uns«, gab er sanft zurück und lächelte sie an. Sie erwiderte sein Lächeln, ließ ihn die Tür aufschließen und sie in ihr Apartment im ersten Stock führen.
   Er wusste nicht, was er tun würde, falls ihre Mitbewohnerin zu Hause wäre, aber dieses Problem würde er lösen, wenn es so weit war.
   »Wo ist deine Freundin?«, fragte er sie und schloss die Wohnungstür hinter ihnen.
   »Oh, Carole ist in der Karibik. Zwei Wochen Werbeaufnahmen. Vor zwei Tagen sind sie geflogen. Die hat es gut.« Sie seufzte.
   Tash war willig, und sie wollte ihn. Am Ende war es fast zu einfach, sie zu überwältigen und an das verzierte Eisenkopfteil ihres Bettes zu fesseln. Anfangs fand sie das noch lustig, aber seine Blicke ließen sie irgendwann wissen, dass das Ganze kein Spiel mehr war. Sie versuchte, zu schreien, aber das wusste er zu verhindern. Längst war ihr Alkoholrausch einer verzweifelten Nüchternheit gewichen. Sie hatte Todesangst und bäumte sich immer wieder verzweifelt unter ihm auf. Irgendwann begann sie zu betteln. All das nutzte ihr nichts. Er verbrachte Stunden damit, sie zu würgen und zu ficken, ihr auf alle erdenkliche Arten wehzutun. Am besten war es, zuzusehen, wie ihr schöner, schlanker Körper um jedes Luftmolekül rang, wenn er die Hände von ihrem Hals nahm und entschied, sie noch ein paar Minuten weiterleben zu lassen.
   Doch jetzt war der Moment gekommen. Er würgte sie mit beiden Händen, während er tief in ihr war. Immer heftiger stieß er in sie – und kam genau in dem Moment, in dem sich ihr Körper ein letztes Mal aufbäumte.
   Als er ihr Leben beendet hatte, hatte er zwar das Gesicht einer anderen Frau vor sich gesehen, aber er war trotzdem befriedigt und mehr als zufrieden mit sich. Tash Edwards zu töten bedeutete, eine Frau auszulöschen, die Coleman ihm vorgezogen hatte, die ihn gedemütigt hatte, auch wenn das Ganze schon Jahre her war und sich die kleine Schlampe nicht daran erinnerte. Sie hatte ihn erniedrigt. Und er hatte es ihr heimgezahlt, denn er hatte die Kontrolle. Er war derjenige, der über Leben und Tod entschied.
   Mit einem Lächeln zog er sich in den frühen Morgenstunden an und verließ Tashs Wohnung.

*

Am Montag wurde Elena noch einmal untersucht und mit dem ärztlichen Rat, sich ein paar Tage zu schonen, entlassen. Zu ihrer Überraschung erschien ihr Partner persönlich, um sie abzuholen und nach Hause zu bringen.
   Unter einigen Mühen kletterte sie in Dominics SUV und ließ ihren Oberkörper vorsichtig in den Sitz sinken. Sie war dankbar gewesen über die Dosis Vicodin, die man ihr am Abend verpasst hatte. Die Besuche der Kollegen, die ihr auf die Schulter klopfen wollten, weil sie Dominic den Arsch gerettet hatte, das besorgte Gesicht des Lieutenants, der ebenfalls im Krankenhaus aufgetaucht war, und sogar ein Anruf des Captains hatten sie völlig ausgelaugt.
   Die Tabletten hatten die Schmerzen wunderbar betäubt und dafür gesorgt, dass sie schlafen konnte. Ansonsten hätte sie, da war sie sich sicher, die halbe Nacht lang versucht, Dominics Kuss zu analysieren und einzuordnen, wie es nun mal ihre Art war.

*

Als Dominic um drei Uhr nachts nach Hause gekommen war, war an Schlaf nicht zu denken gewesen. Er setzte sich mit einem Whiskey in seinen Fernsehsessel und sah sich im Nachtprogramm die Wiederholung des Eishockeyspiels vom Nachmittag an.
   Jetzt war er mürrisch und schlecht gelaunt. Ebenso wie schlecht gekleidet und schlecht rasiert. Das hieß, das Rasieren hatte er an diesem Morgen komplett vergessen, nachdem er mit einem steifen Nacken und zu spät in seinem Fernsehsessel aufgewacht war. Das Hemd steckte wie so oft nur halb in seiner Hose und die geröteten, empfindlichen Augen versteckte er hinter seiner Pilotenbrille.
   Von der Seite betrachtete er Elena. Sie bewegte sich nur vorsichtig. Offensichtlich hatte sie Schmerzen. Als sie endlich damit fertig war, sich anzuschnallen, stieß sie zischend die Luft zwischen ihren zusammengepressten Zähnen aus.
   Dominic wollte sich noch nicht näher mit seiner Partnerin und dem Kuss vom vorigen Abend befassen. Also erzählte er ihr, was er aus Angel Delaware herausbekommen hatte. Das war zumindest sicheres Terrain.
   »Angel hat deutlich über die Verhältnisse von Dr. Delaware gelebt. Er wiederum hat versucht, ihr zu imponieren und seine finanzielle Situation ein bisschen zu sehr geschönt. Als Mitarbeiter bei DF Pharmacy verdiente er zwar gut und hätte sich auf einen ruhigen Lebensabend freuen können, aber die Ansprüche seiner jungen Frau konnte er nicht erfüllen.
   Am Schluss stand Delaware kurz vor der Pleite. Sein Job wurde ihm wegen eines gravierenden Fehlers gekündigt. Kein anderes Pharmaunternehmen hätte ihn danach noch eingestellt. Dazu kam, dass ihm mittlerweile einige unfreundliche Kredithaie im Nacken saßen, die ihr Geld zurückwollten. Er hatte sich einige Tausender für ein paar kurzfristige Anschaffungen – wie zum Beispiel einen neuen Wagen für seine Gattin – geliehen. An diesem Punkt war er wirklich am Ende. Also hat er entschieden, seinen Tod vorzutäuschen, und mit Angel in die Karibik abzuhauen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Sie hätte nur seine ziemlich hohe Lebensversicherung abräumen und das Haus verkaufen müssen.«
   »Er hat den Brand auf dem Boot inszeniert und einen Obdachlosen an seiner Stelle sterben lassen«, überlegte Elena.
   »Genau. Jimmy Spencer, so hieß der Mann. Er hat ihn mit ein paar Dollar auf sein Boot gelockt und ihn, wie er dachte, bewusstlos geschlagen. Dann legte er ihn in der Koje ab und schloss die Heizdecke kurz. Anschließend ist er über Bord gesprungen, an Land geschwommen und versteckte sich im Strandhaus. Die Aktion war allerdings nicht wirklich gut durchdacht. Der Schlag auf den Hinterkopf hat Jimmy Spencer getötet …«
   »Somit konnte kein Rauch in seine Lungen gelangen und uns war klar, dass er nicht durch den Brand gestorben war«, beendete Elena seinen Satz.
   »Außerdem hatte er nur verhältnismäßig oberflächliche Verbrennungen. Seine inneren Organe und sein Gebiss zeugten von einem Leben auf der Straße und nicht von dem eines wohlhabenden Collegeprofessors. Wahrscheinlich hat der gute Doktor nicht damit gerechnet, dass seine«, er nahm die Hände kurz vom Lenkrad, um Gänsefüßchen in die Luft zu malen, »Leiche obduziert werden würde.«

*

Elena drehte ihren Oberkörper, um Dominic besser ansehen zu können. »Du hast es damals schon gewusst, oder? Als wir auf dem Boot waren. Du hast die Leiche angesehen und gewusst, dass das nicht Delaware war. Wie bist du darauf gekommen?«
   »Es waren die Schuhe. In Delawares Schrank stand ein Paar schicker Schuhe, italienisch, blitzblank geputzt. Einer der Schuhe, die das Opfer trug, war nicht völlig verbrannt. Man konnte die billige Sohle sehen. Sie war völlig abgelaufen und an einer Stelle gebrochen. Eindeutig keine Schuhe, die Delaware getragen hätte.«
   Details. Das war wahrscheinlich der Grund, warum alle sagten, Coleman sei ein brillanter Cop, auch wenn er jede Menge Ärger verursachte. »Delaware hat versucht, es so aussehen zu lassen, als hätte er auf dem Boot gearbeitet und wäre dabei einem Brandunfall zum Opfer gefallen«, fasste sie zusammen. »Aber was ist danach passiert?«
   »Er hat einen Fehler begangen, der Männern nur allzu oft unterläuft. Er unterschätzte seine Frau. Angel hatte nie vor, irgendwo neu anzufangen. Sie wollte ein gesichertes Leben mit einem Maximum an Komfort. Nicht umsonst hatte sie einen langweiligen alten Sack geheiratet. Als Delaware es vermasselte, entschloss sie sich, den Schaden zu ihren Gunsten zu begrenzen. Den Verlierer, zu dem ihr Mann geworden war, wollte sie auf keinen Fall mehr haben. Es gab für sie nur eine Möglichkeit, Delaware musste tatsächlich sterben. Es musste nur nach Selbstmord aussehen. Sie hatte schon einen Abschiedsbrief vorbereitet, in dem er seine Schuld und seine Verzweiflung wegen seines verlorenen Jobs und des Mordes an Spencer eingestanden hat.«
   »Das war dann wohl Pech für sie. Wir sind im richtigen Moment aufgetaucht.«
   »Ja, Pech.« Dominic räusperte sich. Nach einem Moment fuhr er fort. »Elena, sie hat ein Geständnis abgelegt. Angel hat die Waffe auf mich gerichtet. Sie ist keine geübte Schützin, also entschied sie sich für das größere der beiden Ziele. Deshalb – danke. Du hast mir wirklich den Arsch gerettet.«
   Sie saß immer noch mit leicht gedrehtem Oberkörper in ihrem Sitz und sah ihn an. Er blickte stur geradeaus. Was sollte sie ihm antworten? Hey, kein Problem, wusstest du es nicht? Kugeln prallen wirkungslos an mir ab. Dominic nahm ihr die Entscheidung ab, indem er einen saftigen Fluch von sich gab und an den Straßenrand fuhr. Sie folgte seinem Blick. Während ihres Gesprächs hatte sie nicht bemerkt, dass sie in ihre Straße eingebogen waren.
   »Was wollen die denn hier?«, brummte ihr Partner verstimmt.
   In dem Schaukelstuhl auf der Veranda, in dem sie am Tag zuvor noch vor sich hingegrübelt hatte, saß Dominics Mutter. Ihr Kater Rabbit hatte es sich auf dem Schoß der Frau gemütlich gemacht und ließ sich zwischen den zu großen Ohren kraulen, denen er seinen Namen verdankte. Auf der Brüstung saß eine von Dominics Schwestern. Lana – nein Lara. Die Frauen der Familie Coleman auseinanderzuhalten, war ihr bereits am Vortag nicht leicht gefallen.

Dominic rollte mit den Augen. Was hatte seine Familie hier zu suchen? Er half Elena aus dem Auto. An ihrem schmerzverzerrten Gesicht konnte er genau erkennen, in welchem Moment ihre Füße den Asphalt berührten. Er warf seiner Mutter noch einen Blick zu und bemerkte die ernste Miene, mit der sie Elena und ihn beobachtete. Sie war, ebenso wie seine Schwester, aufgestanden und sah ihnen entgegen. In diesem Moment verstand er. Sie waren hier, um sich bei der Frau zu bedanken, die sein Leben gerettet hatte. Sie wollten sie als seine Partnerin anerkennen und sie in die Familie aufnehmen. Weil sein Partner zur Familie gehörte. So war es schon immer gewesen. Jack hatte dazugehört, war mit seiner Frau und den Kindern zu Barbecues eingeladen gewesen. Als er umgekommen war, hatte seine Familie getrauert wie um einen der ihren.
   Jetzt war es also Elena. Er war sich nicht sicher, ob ihm das recht war. Noch am Freitag hatte er sie abgelehnt und überlegt, was er tun müsste, um sie wieder loszuwerden. Mit dem Beginn der neuen Woche hatte sich auch ihre Partnerschaft verändert. Elena hatte sich in einer Krisensituation souverän verhalten und ihr Verstand war messerscharf.
   Und er hatte sie geküsst.
   Falsch. Es war saublöd von ihr gewesen, ihr Leben für ihn aufs Spiel zu setzen. Ihr Verstand hatte offensichtlich ausgesetzt – und den Kuss durfte er nicht überbewerten.
   Er schob den Gedanken daran beiseite und folgte Elena über den hübschen Natursteinweg zu ihrem Haus.
   Seine Partnerin lief, den Oberkörper zusammengekrümmt und mit der Schnelligkeit einer Schnecke. Das gab ihm die Möglichkeit, ihr Haus genauer zu betrachten. Er überlegte, welche Art von Wohnung er ihr zugetraut hätte und kam zu dem Schluss, dass es nicht dieses hübsche zweistöckige Haus mit der gemütlichen Veranda und den Blumen im Vorgarten war. Als Sohn einer passionierten Gärtnerin erkannte er genau, dass erst kürzlich an den Beeten gearbeitet worden war. Elena St. James war also eine Blumenliebhaberin, die in einem Vorstadthaus lebte. Das alles war dem Lebensstil seiner Familie nicht unähnlich. So lebten außer seinem kleinen Bruder Geno und ihm alle Colemans. Er hätte sich Elena eher in einem nüchternen Stadtapartment vorgestellt. Kühl und unnahbar. Beherrscht und mit wenig Wärme. Praktisch, aufgeräumt und sauber. Akkurat und ordentlich. So wie sie selbst.
   Aber es schien mehr hinter der Fassade des blonden Kobolds zu stecken, als er zunächst angenommen hatte. Das hatte schon der Kuss gezeigt. Sie war auf keinen Fall so kühl und glatt, wie alle dachten. Ganz im Gegenteil … Mit Mühe unterdrückte Dominic ein Seufzen. Verdammter Kuss. Er musste wirklich aufhören, daran zu denken.

Elena machte sich ihre eigenen Gedanken, was die Abordnung von Dominics Familie von ihr wollte. Die Frage beantwortete die Mutter seines Partners, indem sie mit ausgestreckten Armen auf sie zukam. Sie nahm Elenas Hände in ihre und drückte sie sanft. »Meine Liebe, wie geht es Ihnen?«
   »Es geht. Danke.« Verwirrt sah sie Dominic an. Er schien ihr den Besuch nicht erklären zu können oder zu wollen.
   Die kleine Frau wandte sich ihrem Sohn zu, umschloss in einer mütterlichen Geste mit beiden Händen sein Gesicht und strich ihm die Haare zurück. Dann zog sie ihn zu sich und küsste ihn auf die Wange. Lara begrüßte ihren Bruder in der gleichen Weise, nachdem sie Elena die Hand gereicht hatte.
   Nach dieser Begrüßungszeremonie hakte sich Maria Coleman bei Elena unter und schlenderte langsam in Richtung Haus. »Ihre Astern sind unglaublich schön. Sie müssen mir Ihr Geheimnis verraten«, meinte sie mit einem verschwörerischen Zwinkern.
   Bevor Elena etwas erwidern konnte, hob Lara einen Korb von der Veranda auf. Rabbit schlich auffällig um ihre Beine und schielte immer wieder nach dem Weidengeflecht, was dafür sprach, dass sich Essen darin befand. Fressen war eindeutig die größte Leidenschaft ihres Katers.
   »Entschuldigen Sie unseren Überfall«, sagte Lara. »Wir haben Ihnen ein paar Cannelloni gebracht.«
   »Um uns für die Rettung meines Sohnes zu bedanken«, ergänzte ihre Mutter, deren Augen plötzlich feucht schimmerten. Sie umarmte Elena fest und dankbar.
   Die Schmerzen, die durch ihre Rippen fuhren, trieben Elena ebenfalls Tränen in die Augen, doch sie hätte diese warme, mütterliche Umarmung nicht missen wollen. Für einen Moment vergaß sie ihre Einsamkeit, vergaß, dass ihre Mutter längst nicht mehr da war. Sie atmete den Duft von Parfüm, Gewürzen und Liebe ein, der Maria umgab wie ein Mantel.
   Als sich die Ältere von ihr löste, bat Elena die Frauen ins Haus, obwohl sie noch auf der Fahrt vom Krankenhaus hierher davon geträumt hatte, endlich allein zu sein und sich auszuruhen.
   Dominic folgte seiner Familie automatisch und unaufgefordert. Sie hatte zuvor schon bemerkt, wie genau er sich auf ihrem Grundstück umsah. Was er wohl von ihrem Haus hielt? Seine Junggesellenbude – sicher lebte er in einem Apartment, das alle Machoklischees erfüllte – war mit ihrem Vorstadthaus, das er bestimmt spießig fand, garantiert nicht zu vergleichen.
   Warum war es überhaupt wichtig, wie er ihr Haus fand? Es sollte ihr egal sein, was er von ihr dachte. Seine Familie besuchte sie, na gut, sie waren nett. Aber das änderte nichts an seinem oberflächlichen Machoimage, das sie nicht mochte.
   Und dann war da noch dieser Kuss.
   Dieser verdammte Kuss. Sie wollte jetzt nicht an ihn denken, ihn nicht analysieren, nicht prüfen, was er für sie bedeutete, wie er sich angefühlt hatte. Mit einem inneren Seufzer wandte sie sich Maria und Lara zu und bot ihnen eine Tasse Kaffee an.

*

Steve mahlte mit den Zähnen. Wie hatte er sich so gehen lassen können, ohne über die Konsequenzen nachzudenken? Jetzt musste er überlegen, was er mit Tash Edwards’ Leiche anfing. Wenn alles gut gegangen war, lag sie nach wie vor an das Kopfende gefesselt in ihrem Bett. Sie dürfte noch nicht vermisst worden sein. Ihre Mitbewohnerin war nicht in der Stadt, und falls sie nicht irgendeine wichtige Verabredung hatte, war ihr Tod noch niemandem aufgefallen.
   Er musste nachdenken. Hatte er Spuren in ihrer Wohnung hinterlassen? Irgendetwas getan, wodurch er identifiziert werden konnte? Hatte er alles abgewischt, was er angefasst hatte? Hatte er überhaupt etwas angefasst?
   Er hatte schon einmal getötet. Damals war es ein Versehen gewesen, er hatte es nicht gewollt. Das hier war anders. Er hatte Tash wehtun, sie erniedrigen und quälen wollen. Sie war eine verdammte Schlampe und verdiente nichts Besseres. Genau wie St. James.
   Tash hatte einen großen Freundeskreis, einen guten Job. Was jetzt passieren würde, war ihm klar. Er hatte es schon einmal erlebt. Bei seinem ersten Mord war es haargenau so gewesen. Damals waren Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt worden, um Ninas Mörder zu finden. Es hatte eine Hetzjagd auf das Monster gegeben, das das Lebenslicht des armen kleinen Engels ausgelöscht hatte. Dabei war sie ein Miststück gewesen wie all die anderen auch. Aber das hatte ja außer ihm niemand gesehen.
   Niemand würde ihm einen Mord überhaupt zutrauen. Sollte man ihn jemals erwischen, würden seine Nachbarn verwundert erzählen, was für ein netter und freundlicher junger Mann er doch sei. Er musste kichern bei der Vorstellung, seine Nachbarn würden erfahren, was er schon alles getan hatte. Sie würde auf der Stelle der Schlag treffen.
   Er musste sich konzentrieren. Es gab eine Leiche, um die er sich zu kümmern hatte. Er musste entscheiden, ob er sie in ihrer Wohnung lassen sollte, bis ihre Mitbewohnerin sie in zwei Wochen finden würde, ob er sie einfach verschwinden lassen, oder ob er sich noch etwas ganz Besonderes für die tote Miss Edwards ausdenken sollte.
   Nachdenklich lief er in seinem Wohnzimmer hin und her.
   Er lebte gut, das würde er sich nicht von so einer miesen Schlampe versauen lassen. Seine Designerledercouch war neu und edel, sein Multimedia-Center vom Allerfeinsten. Ihm musste eine Idee kommen, und zwar schnell. Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf die Datumsanzeige des DVD-Rekorders.
   Es war der fünfte Oktober.
   Wie ein Blitz durchzuckte es ihn und sein Herz fing an zu rasen. Der fünfte Oktober, ausgerechnet. Das war ein weiterer Wink des Schicksals. Die Gedanken hasteten durch seinen Kopf, bis sie sich wild überschlugen. Eine kühne Idee nahm Gestalt an. Ein sehr gewagter Plan, aber wenn alles klappte, ein Meisterstück.
   Mit einem Lachen schenkte er sich ein Glas Whiskey ein und ließ sich auf das kühle Leder der Couch fallen. Genießerisch schlürfte er die bernsteinfarbene Flüssigkeit aus dem geschliffenen Glas. Seine Mutter hatte jedes Mal einen Anfall bekommen, wenn er geschlürft hatte. Jetzt konnte sie sich nicht mehr darüber beklagen. Das brachte ihn schon wieder zum Kichern.
   Der fünfte Oktober. Heute war der dreißigste Jahrestag eines Mordes, den gewisse Leute verdrängten, und am liebsten ganz vergessen würden. Der Jahrestag einer Tat, die seit Jahrzehnten totgeschwiegen wurde.
   In seinem Kopf nahm die Idee immer klarere Formen an. Es war halb sechs abends. Er hatte noch Zeit, aber er musste herausfinden, wie sein Plan am besten funktionieren würde. Er musste überprüfen, ob noch alles genau so war wie vor dreißig Jahren.
   Auch wenn das Vorhaben gewagt war, so war er doch gewitzt genug, es so auszuführen, dass er nicht erwischt wurde und keine Spuren zu ihm zurückverfolgt werden konnten. Nach all diesen Jahren würde endlich sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen. Dominic Coleman, der Mann, den er aus tiefstem Herzen hasste und dessen Untergang er sich seit so langer Zeit immer wieder ausmalte, würde endlich eine Lektion fürs Leben erteilt bekommen.
   Er stellte das halb volle Whiskeyglas auf dem Couchtisch ab, schnappte sich seine Lederjacke und die Wohnungsschlüssel. Es gab viel zu tun.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.