Claras Traum geht in Erfüllung – ein eigener Cupcake-Laden! Zusammen mit ihrer Freundin Dine eröffnet Clara ein Geschäft mitten in der Hamburger Innenstadt. Die Zukunft sieht rosig aus und alles läuft nach Plan, bis dunkle Wolken in Form von hartnäckigem Schimmel am Horizont auftauchen. Schnelle Hilfe muss her, auch wenn dies bedeutet, sich mit einem arroganten Anwalt auseinandersetzen zu müssen. Sam kann jedoch genauso charmant wie arrogant sein und bringt Clara mit seinen stahlblauen Augen und den dunklen Wuschelhaaren ganz schön durcheinander. Dabei will sie doch gerade keinen Mann. Und als ob das Chaos nicht schon ausreichen würde, tritt auch noch Patrick in ihr Leben … ein bekannter Schauspieler und Claras Jugendschwarm. Nun ist guter Rat teuer. Arrogant-charmant oder ein Leben in der Promi-Welt? Für welchen Mann schlägt Claras Cupcake-Herz?

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-52-327-6
Kindle: 978-9963-52-329-0
pdf: 978-9963-52-326-9

Zeichen: 409.549

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-52-325-2

Seiten: 254

Kaufen bei:  Amazon Beam iTunes Thalia Weltbild

Berit Bonde

Berit Bonde
Berit Bonde wurde 1979 in Flensburg geboren. Nach ihrem Abitur studierte sie Technikübersetzen und ging anschließend für 3 Jahre nach München, bis es sie wieder in den Norden zog. Inzwischen lebt sie mit ihrem Freund und ihrer Perserkatze in Hamburg und leitet dort eine Übersetzungsabteilung.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

»Herzlichen Glückwunsch. Damit gehört der Laden offiziell Ihnen.« Der Makler griff nach den Papieren, die ich soeben
   fein säuberlich unterschrieben hatte, klopfte die Blätter zu einem akkuraten Stapel zusammen und gab ihn über seine Schulter hinweg an seine Sekretärin weiter. »Frau Voss, seien Sie doch bitte so nett und machen Sie gleich zwei Kopien des Vertrags, eine für den Vermieter und eine für Frau Sander.«
   Frau Sander, das war ich. Clara Sander. Dreißig Jahre alt, einen Meter achtundsechzig groß, kastanienbraune Haare, grüne Augen und seit einem Jahr glücklicher Single. Ungelogen, ich war glücklicher Single, auch wenn die meisten diese Aussage nur belächelten, aber nach mehreren Fehltritten hatte ich erst mal genug von der Männerwelt und genoss das Alleinsein. Wirklich. Ehrlich. Also ganz ehrlich.
   Da saß ich also nun im Büro meines Maklers und hatte den wohl wichtigsten Schritt meiner bisherigen Karriere getan. Ab sofort schimpfte ich mich stolze Mieterin eines kleinen Ladens in der Hamburger Innenstadt. Und mit klein meinte ich auch klein. Sechzig Quadratmeter waren das Maximum, das mein Sparbuch hergegeben hatte, und wenn mein Plan nicht aufgehen würde, würde der Traum, meine eigene Chefin zu sein, ziemlich bald wie eine Seifenblase zerplatzen. Aber no risk, no fun, oder?
   »Frau Sander?«
   »Hm? Entschuldigung, ich muss wohl in Gedanken gewesen sein.« Der Makler war bereits aufgestanden und streckte mir die Schlüssel zu meinem neuen Laden und damit auch zu meiner Zukunft entgegen. Schnell stand ich ebenfalls auf und nahm sie ihm ab. »Danke, wirklich, ohne Sie hätte ich niemals so schnell den perfekten Laden gefunden.«
   »Dafür sind wir doch da, liebe Frau Sander«, sagte er mit diesem strahlenden Blendamed-Lächeln, das fast alle Makler hatten. »Stets zu Diensten, wenn Sie uns brauchen.« Meine Zukunft in der Hand haltend, verabschiedete ich mich von ihm.

Mit einem Kribbeln im Bauch öffnete ich die schwere Holztür des Altbaus, in dem sich das Maklerbüro befand, und rannte in eine breite Männerbrust hinein, sodass ich mit Schwung seitlich gegen den Türrahmen knallte. Die Kopien meines Vertrags flatterten wild durch die Gegend und landeten weit verstreut auf dem Bürgersteig im Dreck. »Toll, natürlich genau in die einzige Pfütze weit und breit«, kommentierte ich die Lage und rieb mir die Schläfe. Das würde sicherlich eine schöne Beule geben.
   »Haben Sie denn keine Augen im Kopf?«, fragte der Typ mit der stahlharten Männerbrust. Bei genauerem Hinsehen waren wohl nicht nur meine, sondern auch seine Papiere im Dreck gelandet. Ohne mich weiter zu beachten, machte er sich daran, die Blätter aufzusammeln.
   »Ignoranter Affe«, murmelte ich vor mich hin und sammelte wahllos einzelne Blätter auf.
   »Cupcake Love, das gehört dann wohl zu Ihnen.« Der ignorante Affe stand genau neben mir, und der süffisante Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. Er reichte mir die Vertragsblätter, auf denen dick und fett der Name meines zukünftigen Ladens prangte. Ich schnappte mir die Papiere und drehte mich auf dem Absatz um. Solche Typen waren es nicht wert, dass ich mich über sie aufregte. Ich rauschte in Richtung meines Wagens davon, den ich nur ein paar Meter vom Haus entfernt geparkt hatte. Cupcake Love war ein toller Name. Über den Namen meines neuen Ladens hatte ich wochenlang gegrübelt, da würde ich mich jetzt ganz sicher nicht von so einem Möchtegernmacho verunsichern lassen.
   »Jetzt warten Sie doch«, rief er mir nach, aber im selben Moment hatte ich schon die Tür meines knallroten Minis zugeknallt und den Rückwärtsgang eingelegt. Ohne mich noch einmal nach ihm umzusehen, rauschte ich aus der Parklücke und machte mich auf den Weg von Eppendorf in die Innenstadt. Kaum, dass ich mich in den Verkehr eingefädelt hatte, war der Typ so gut wie vergessen. Das erklärte Ziel hieß Valentinstraße fünf. Dort wartete der wohl schönste Laden der ganzen Innenstadt auf mich. Die Eingangsfront war komplett verglast, und wenn man durch die Tür trat, sah man zur linken Seite auf einen langen Tresen, der bald über und über mit meinen Cupcakes gefüllt sein würde. Alte Holzdielen gaben dem Laden einen gemütlichen Touch, und gegenüber vom Tresen war Platz für ein paar Tische und Sessel. Ich stellte mir das Ganze loungemäßig vor, cool, aber nicht zu cool. Ich wollte nicht nur die hippen und attraktiven Leute in mein Café locken, sondern auch kleine, niedliche Omas, die mit ihren Stricknadeln klappern und dabei gemütlich einen Cupcake naschen würden. Die Einrichtung sollte auf jeden Fall britisch sein, mit vielen Blumenmustern und Bonbonfarben. Ich seufzte glücklich, während ich an einer der zahlreichen Ampeln auf dem Weg zur Innenstadt auf Grün wartete. Nach der Vertragsunterzeichnung begann nun der beste Part meines Plans, das Einrichten. Gut, erst würden die Wände gestrichen werden müssen. Und eine Grundreinigung würde nötig sein. Aber wozu hatte ich Freunde? Das würde sich bestimmt alles in Nullkommanichts regeln lassen. Bis zur geplanten Eröffnung waren es noch vier Wochen. Alles überhaupt kein Problem.
   Wieder eine rote Ampel. Immerhin hatte ich es schon fast bis ans Ende der Rothenbaumchaussee geschafft. Noch wenige Minuten zum Ziel. Ich sah mir die schönen Altbauten an. Wann würde mein Laden so viel Geld abwerfen, dass ich mir hier eine Wohnung würde leisten können? Es wurde grün. Ich legte den ersten Gang ein und düste los, bevor meine Hintermänner mich ungeduldig anhupen würden, wie es mir oft passierte, wenn ich als Erste an der Ampel stand und vor mich hin träumte. Heute hatte ich wahrhaftig schon genug Stress gehabt. Ich brauchte nicht noch mehr Männer, die mich anpflaumten. Leider hatte ich wohl übersehen, dass nur die Linksabbieger eine grüne Ampel gehabt hatten. Mit quietschenden Bremsen kam ich fünf Millimeter vor einem dicken BMW zum Stehen, der im selben Moment offensichtlich nach rechts abbiegen wollte.
   Während ich noch starr vor Schreck mit den Fingern am Lenkrad klebte, war der BMW-Mann schon ausgestiegen und brüllte mich an.
   »Mei, san Sie narrisch? Wohl den Führerschein in der Lotterie gewonnen? Deppertes Weibsbild!«
   Na toll, ein Bayer, und auch noch einer von der Sorte mit Fußballfahnen am Fenster.
   Okay, der Beinaheunfall war meine Schuld gewesen, aber mich von einem bayerischen Fußballfan niedermachen lassen? Niemals. Ich stieg ebenfalls aus und baute mich vor ihm auf.
   »Okay, Mister, ich mag eine Frau sein, und mein Fahrstil lässt vielleicht ab und an zu wünschen übrig, aber immerhin weiß ich mich im Gegensatz zu Ihnen zu benehmen. Und jetzt regen Sie sich ab, steigen brav in Ihr Auto und fahren weiter, einverstanden?« Während ich auf ihn einredete, wurde sein Gesicht puterrot, und er schnappte nach Luft. »Keine Widerrede? Dachte ich mir, also los.« Mit dem Zeigefinger drückte ich ihm auf die Brust und schob ihn zurück auf seinen Sitz.
   Ohne auf weitere Kommentare zu warten, drehte ich mich um und setzte mich hocherhobenen Hauptes wieder in meinen Wagen. Im Rückspiegel sah ich, wie der Mann hinter mir im Wagen sichtlich amüsiert schmunzelte. Immerhin hatte ich den Leuten ein gutes Schauspiel geboten. Der Bayer hatte in der Zwischenzeit unter lautem Fluchen seine Tür zugeknallt und rauschte mit immer noch hochrotem Kopf an mir vorbei.
   »Männer. Kein Wunder, dass so viele an einem Herzinfarkt sterben«, murmelte ich, ignorierte bewusst, dass die Ampel mittlerweile wieder auf Rot gesprungen war, und fuhr weiter.
   Mit Schwung bog ich in die Valentinstraße ein und konnte schon von Weitem einen kleinen Menschenauflauf vor meinem Laden erkennen. Ich ergatterte eine der wenigen Parklücken und verzichtete darauf, einen Parkschein zu ziehen. Ich malte mir das Schlimmste aus. Bestimmt stand der Laden unter Wasser, oder es hatte gebrannt, oder jemand war eingebrochen und nun standen die Leute vor dem eingeschlagenen Fenster und warteten darauf, dass die Polizei kommen würde. Beim Näherkommen erkannte ich Herzchenballons, Luftschlangen und ein riesiges rosafarbenes Plakat über der Eingangstür, auf dem in dicken großen Buchstaben Herzlichen Glückwunsch! stand. Viele kleine bunte Cupcakes waren darunter gemalt worden.
   Kaum, dass meine Freunde mich bemerkt hatten, brüllten sie im Chor los, und Luftschlangen flatterten mir um die Ohren.
   »Surprise!«
   »Alles, alles Gute zum neuen Laden. Wir wollten dich überraschen.«
   »Du hast doch gerade den Vertrag unterschrieben, oder? Hier, nimm ein Glas Champagner, das müssen wir unbedingt feiern.«
   Bevor ich auch nur einen Ton sagen konnte, hatte Dine mir schon ein Glas in die Hand gedrückt. Dine war eine meiner besten Freundinnen. Wir kannten uns schon viele Jahre, und ich war mir ziemlich sicher, dass sie dies alles organisiert hatte. Mindestens zehn meiner Freunde standen vor dem Laden und tranken bereits Champagner oder Orangensaft. »Von wem wusstet ihr denn überhaupt, dass das heute ist?«
   »Marlene hat geplaudert. Du glaubst doch wohl nicht, dass du so etwas vor uns verheimlichen kannst.« Dine grinste, und im selben Moment drängelte sich meine Schwester Marlene mit ihrer kleinen Tochter Cecilia zu uns durch. Strahlend hielt die Kleine mir ein selbstgemaltes Bild eines Cupcakes vor die Nase. Jetzt ahnte ich auch, wer das Plakat verschönert hatte.
   »Guck mal, Tante Clara, ich hab einen Kuchen für dich gemalt«, rief sie und drückte mir einen feuchten Schmatzer auf die Wange. »Genau so einen, wie du sie immer für uns backst.«
   »Wow, so einen schönen Kuchen habe ich aber noch nie gebacken, meine Süße. Da muss ich mir noch ganz viel Mühe geben, damit ich das so toll hinbekomme wie du.«
   »Das schaffst du schon, Tante Clara. Wenn du noch ganz viel übst«, erwiderte Cecilia. Marlene lachte und drückte mir die Kleine in den Arm.
   »Na Schwesterherz, alles glattgegangen bei der Vertragsunterzeichnung?«
   »Alles in Butter«, erwiderte ich und hielt ihr die Ladenschlüssel vor die Nase.
   »Na, dann mal rein, oder?«
   »Halt, Moment«, tönte es von der Seite. Mein bester Freund Basti tauchte neben mir auf und hielt mir einen rosa Schlüsselanhänger in Form eines Cupcakes vor die Nase. »Dein erster Glücksbringer.«
   »Rosa, Basti, wirklich?«, frotzelte Dine.
   Basti zuckte nur mit den Schultern. »Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre sogar noch eine Plüschbommel dran, aber davon hat Marlene mich dann doch abgehalten.«
   Basti hatte sich mit neunzehn dafür entschieden, der Frauenwelt zu entsagen und sich zu outen. Was wirklich ein Jammer war. Er erinnerte mich immer an den Hauptdarsteller aus dem Film ‚Wedding Date‘, eine ganz wunderbare Liebeskomödie, natürlich mit Happy End. Ich war absoluter Film- und Serienfreak und sah mir nur Filme an, von denen ich sicher war, dass sie gut ausgehen würden. Ich verbrachte meine Abende gern mit einer Schachtel Pralinen und einer Packung Taschentücher vor dem Fernseher.
   »Der ist echt super, Basti, danke.« Ich friemelte den Schlüssel sofort an den Anhänger, was sich mit Cecilia auf dem Arm als nicht besonders leicht erwies, um weitere Diskussionen zwischen Basti und Dine zu vermeiden. Seit sie sich kannten, verhielten sie sich wie Hund und Katze. Niemand wusste, warum sie sich eigentlich nicht leiden konnten. »Also, dann mal alle mir nach«, rief ich, drückte Marlene wieder ihre Kleine in den Arm, schloss die Ladentür auf und trat in eine Miefwolke.

Kapitel 2

»Puh. Das riecht nach toten Mäusen, die es nicht mehr geschafft haben, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln und jetzt als Zombies
   durch die Welt wandeln«, sagte Dine. »Und wie das hier aussieht.«
   Schockiert stand ich im Raum und sah mich um. Ich befand mich inmitten von Schutt und Geröll. Der Vormieter hatte anscheinend ganze Arbeit geleistet, als er hier ausgezogen war. Bei der Besichtigung mit dem Makler war der Laden noch vollkommen intakt gewesen, und die Gäste hatten an kleinen Tischen friedlich ihren Kaffee geschlürft. Von dem niedlichen Café war nicht mehr viel übrig geblieben. Vielleicht hätte ich besser hinhören sollen, als der Makler in einem Nebensatz erwähnt hatte, dass der Vormieter dafür sorgen würde, dass die eingezogenen Trennwände noch abgerissen werden würden. Das war ganz offensichtlich geschehen. Leider hatte er nach dem Einreißen wohl vergessen, den Schutt mitzunehmen.
   »Heilige Scheiße, mein lieber Herr Gesangsverein«, murmelte Basti.
   »Ich glaube, ich ticke aus«, sagte ich. Der Rest meiner Freunde betrat den Laden nicht. Der Geruch war anscheinend schon nach draußen geströmt.
   Basti machte sich inzwischen an einer halb heruntergerissenen Tapete zu schaffen. »Hier haben wir auch die Ursache des üblen Gestanks«, rief er zu uns herüber. »Das ist ganz eindeutig Schimmel.«
   Entsetzt drehte ich mich um und sah ihn an. »Das ist nicht dein Ernst, oder?«
   »Ich fürchte doch«, sagte er und zeigte auf die dunklen Flecken an der Wand. »Das ist unzweifelhaft Schimmel, und zwar von der ganz üblen Sorte.«
   »Ich bringe den Makler um. Wo sind meine Autoschlüssel? Ich fahre jetzt sofort los und drehe ihm den Hals um. Oder noch besser, ich besorge mir eine Knarre.« Voller Wut trat ich gegen den einzigen Stuhl, der mitten im Raum stand.
   »Das würde ich mir gut überlegen«, tönte es im selben Moment von der Tür. »Laut Vertrag haben Sie den Laden inklusive aller bestehenden Mängel übernommen, und wenn ich hier richtig lese, sind eventuelle Feuchtigkeitsschäden in der Mängelliste auf Seite zwei aufgeführt.«
   Langsam drehte ich mich um. Die Stimme kam mir bekannt vor. So einen Klugscheißer konnte ich jetzt gerade noch gebrauchen.
   Ich hatte mich nicht getäuscht, im Türrahmen stand der ignorante Affe, der am Morgen dafür gesorgt hatte, dass meine Vertragspapiere mehr Matsch als Papier waren. »Was machen Sie denn hier?«, entfuhr es mir, während ich mir mit verstaubten Händen die Haare aus dem Gesicht wischte.
   »Nun, Sie waren ja heute Morgen so schnell verschwunden, da konnte ich Ihnen nicht mehr sagen, dass ich noch zwei Seiten Ihres Vertrages unter meinen Papieren gefunden habe. Zum Glück stand auf einer der Seiten die Adresse Ihres Ladens, und da ich gerade in der Nähe war …«
   »… dachten Sie, dass Sie ja kurz vorbeischauen könnten, um sich weiter über meine Geschäftsidee lustig zu machen.« Ich schnappte mir die beiden Seiten, die er mir hinhielt. Dine hatte sich inzwischen neben mich gestellt und haute mir ihren Ellenbogen in die Seite. »Au, bist du besch…«, sagte ich.
   »Entschuldigen Sie, meine Freundin meint es nicht so, sie ist nur gerade ein bisschen gereizt.« Dine strahlte den Typen mit ihrem schönsten Lächeln an.
   »Tja, wenn ich mir das Elend hier so ansehe, fehlt Ihnen wohl noch ganz schön viel Love an Ihren Cupcakes«, erwiderte er und ging dabei ein paar Schritte im Laden umher, umgeben von Staubwolken, die jeder einzelne seiner Schritte aufwirbelte.
   »Wenn der Typ noch einmal einen Witz über den Namen meines Ladens macht, garantiere ich für nichts«, zischte ich Dine zu und stellte mich ihm in den Weg. »Okay, Herr …«
   »Van der Brugge. Samuel van der Brugge, aber nennen Sie mich Sam.«
   »Wunderbar, Herr van der Brugge«, sagte ich und ignorierte absichtlich die Hand, die er mir hinhielt. »Da Sie ja anscheinend herzlich wenig von meiner Geschäftsidee halten, ist es wohl besser, wenn Sie uns hier mit unserem Elend allein lassen.«
   Er grinste mich an. »Ganz wie Sie meinen, Frau Sander, aber falls Sie mal Rechtsbeistand brauchen sollten, hier ist meine Karte.«
   Kaum, dass er mir seine Visitenkarte in die Hand gedrückt hatte, war er auch schon aus der Tür.
   »Was für ein ungehobelter Mistkerl, was denkt der sich eigentlich, wer er ist?«, murmelte ich vor mich hin und drehte die Visitenkarte in der Hand.
   »Aber heiß ist er, das muss man ihm lassen«, sagte Dine und griff nach dem umgekippten Stuhl, um sich zu setzen.
   Ich schnaubte ungerührt und steckte mir die Visitenkarte in die Hosentasche.

Nachdem wir noch eine ganze Weile in meinem Laden herumgestanden und beratschlagt hatten, welches Chaos am besten zuerst zu beseitigen sei, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Die To-do-Liste in meinem Kopf war gefühlt zehn Kilometer lang. Herr van der Brugge hatte recht. Die Feuchtigkeitsschäden waren tatsächlich in der Mängelliste aufgeführt und von mir abgenommen worden.
   »Du musst das Kleingedruckte lesen, Clara, das Kleingedruckte.« Oft genug hatte meine Mutter mir diesen Satz eingetrichtert, und welchen Fehler musste ich als Erstes machen? Gott, ich hasste Schimmel, das Zeug war nicht nur gesundheitsschädlich, sondern auch wirklich widerlich. Allein der Geruch. Mit ein bisschen Schimmel-Ex war mir hier wahrscheinlich nicht geholfen, da mussten Profis ran. Punkt eins auf meiner Liste war: Schimmelbuster finden, die alles vernichten würden, endgültig und bis in alle Ewigkeit.
   Leicht deprimiert schloss ich die Tür zu meiner kleinen Wohnung im Herzen von Altona auf und schmiss meine Tasche auf die Kommode im Flur. Herzzerreißend kläglich quakend kam mir Fee entgegengestiefelt und warf sich vor meine Füße, um sich wonnig auf dem Boden zu wälzen. Fee war meine Perserkatze und seit fünf Jahren meine treue Mitbewohnerin. Ich hatte sie zu mir geholt, als sie noch ganz klein gewesen war, und seitdem waren wir ein Herz und eine Seele, auch wenn Madame oft quakig war, wenn ich zu lange arbeitete und spät nach Hause kam.
   »Na, meine Süße, möchtest du dein Futter?« Mit Fee auf dem Arm ging ich in die Küche und öffnete den Kühlschrank, aus dem mich Micky Maus, das Krümelmonster, Miss Piggy und Kermit anstrahlten. »Schau, Fee, heute hast du eine riesige Auswahl. Ich vermute mal, du entscheidest dich für die Maus?« Fee strampelte maunzend auf meinem Arm und machte Anstalten, sich in den Kühlschrank zu stürzen. »Oder vielleicht doch lieber dein normales Futter? Cupcakes sind nicht ganz nach deinem Geschmack, stimmt’s?« Micky Maus und Co. waren aus Marzipan und steckten als Deko auf einer dicken Schicht aus Schokoladencreme. Eine Bekannte von Marlene hatte mich engagiert, drei Bleche Cupcakes für den Geburtstag ihrer sechsjährigen Tochter zu backen. Das Ergebnis stand nun seit dem Morgen in meinem Kühlschrank und wartete darauf, ausgeliefert zu werden. Punkt zwei auf meiner To-do-Liste für den nächsten Tag.
   Ich ließ Fee runter und füllte Hühnchenfleisch in ihren Napf, vor dem sie sich zufrieden schmatzend niederließ und mich, ihren allerliebsten Dosenöffner auf der ganzen Welt, nicht mehr beachtete.
   Aus dem einzigen noch freien Fach im Kühlschrank lachte mich eine Flasche Weißwein an, genau das Richtige nach dem Ladendesaster.
   Mit der Flasche und einem Korkenzieher bewaffnet, ging ich ins Wohnzimmer und schnappte mir auf dem Weg meinen Laptop vom Küchentisch. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht heute noch einen Schimmelprofi auftreiben würde, der gleich am nächsten Tag loslegen konnte. Google war schließlich mein bester Freund und Ratgeber in allen Lebenslagen. Die ersten drei Treffer hörten sich bereits vielversprechend an.
   »Also, Clara, wer soll denn nun dein Herzblatt sein? Kandidat Nummer eins mit dem Motto ‚Ihr Schimmel, unser Problem‘. Oder Kandidat Nummer zwei, der wirklich absolut widerliche Vorher-Nachher-Fotos auf seiner Website zeigte, wobei auf den Nachher-Fotos alles glänzte und nicht der kleinste Schimmelfleck zu sehen war. Oder Kandidat Nummer drei, der auf die Masche ‚Unsere Chemikalien sind vielleicht nicht legal, aber der Schimmel zahlt Ihnen auch keine Miete‘ setzte.
   Ich entschied mich für Kandidat Nummer zwei und hoffte inständig, dass die Fotos nicht mit Photoshop bearbeitet worden waren. Nach einem kurzen Telefonat hatte ich bereits einen Termin für den nächsten Morgen. Zufrieden ließ ich mich in die Sofakissen sinken und nippte an meinem Wein. Fee hüpfte auf das Sofa und kuschelte sich schnurrend an mich.
   Als ich mich noch weiter in die Couch sinken ließ, stach mir hartes Papier in den Rücken. Die Visitenkarte von diesem van der Brugge war mir offenbar aus der Hosentasche gerutscht. Ich griff danach und betrachtete sie erneut. Auf der Vorderseite standen sein Name sowie der Name seiner Kanzlei und eine Webseite.
   »Na, dann wollen wir doch mal sehen, ob du wirklich so cool bist, wie du tust, Sam«, sagte ich und griff nach meinem Laptop.

Die Firmenwebseite gab relativ wenig her. Die Kanzlei schien sich auf Miet- und Familienrecht spezialisiert zu haben, van der Brugge war offensichtlich Fachanwalt für Steuerrecht. Jeder Anwalt der doch recht großen Kanzlei war mit Bild und einer Kurzbeschreibung auf der Seite aufgeführt. Auf dem Bild sah er wirklich unverschämt gut aus, das musste ich zugeben. Braune Haare, strahlend blaue Augen, eine markante Gesichtsform und natürlich in Schlips und Kragen, wie sollte es auch anders sein. Fehlte nur noch der Dreitagebart und er käme meinem Ideal von einem Mann ziemlich nahe. Er erinnerte mich ein bisschen an meinen ersten großen Schwarm aus der Schulzeit, Heiner Blohm. Gott, was war ich damals in den verknallt gewesen. Ich war erst vierzehn, er schon siebzehn und somit drei Klassen über mir. In dem Alter hatten drei Jahre Altersunterschied leider noch sehr viel ausgemacht, und ich hatte nach monatelanger Schwärmerei meinen ersten Korb bekommen, dabei waren Marlene und ich sogar extra dem Schulchor als Sopransängerinnen beigetreten, weil Heiner dort Klavier gespielt hatte. Damals hatte ich das als eine gute Taktik empfunden, heute eher als extrem peinlich, aber was tat man nicht alles für die Liebe. Als Heiner dann irgendwann die Schule gewechselt hatte, hatte auch mein Liebeskummer nachgelassen, und ich war mit meinem ersten Freund zusammengekommen. Ein paar Jahre später hatte ich Heiner zufällig in einer Disco getroffen, wo er mir dann ziemlich klar zu verstehen gegeben hatte, dass er mittlerweile kein Problem mehr mit dem Altersunterschied hatte. Zu seinem Pech waren andere Jungs mittlerweile viel interessanter geworden, auch wenn seine blauen Augen immer noch der Hammer gewesen waren, und so war wieder nichts aus uns geworden.
Schnell klickte ich mich durch van der Brugges Team und blieb bei seiner Sekretärin hängen. Blond, blauäugig, bestimmt einen Meter fünfundsiebzig groß und sicherlich mit ellenlangen Beinen, auch wenn ich das auf dem Foto nicht sehen konnte. Typ Topmodel. »Na wunderbar, überrascht mich jetzt aber auch nicht wirklich«, murmelte ich, nahm einen Schluck Wein und kraulte Fee den Bauch. »Aber was soll’s, so ein arroganter Typ interessiert uns eh nicht, oder Fee?« Diese rollte sich auf die Seite und maunzte zustimmend. »Und wer braucht schon zwei Meter lange Beine?«, fügte ich hinzu und begutachtete meine kurzen. Ich war auch riesig, leider nur im Sitzen. Ein Sitzriese sozusagen, langer Oberkörper und kurze Beine. Gut, das war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ein paar Zentimeter mehr wären ganz nett gewesen. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass auf meinem Laptop das Briefchen als Symbol für neue Nachrichten blinkte. Ich hatte vier neue E-Mails, drei davon Spams, eine von Dine mit dem Betreff »Sam von der Brücke«.

Hey Süße, falls der ignorante Affe von heute Morgen doch nicht uninteressant sein sollte, schau doch mal bei Facebook vorbei.

LG, Dine

Darunter hatte sie einen Link eingefügt, der zu seinem Facebook-Profil führte.
   »Total uninteressant, vollkommen unwichtig, interessiert mich überhaupt nicht. Punkt.« Im nächsten Moment hatte ich schon auf den Link geklickt. Sein Profilfoto zeigte ihn am Strand lässig an ein Surfbrett gelehnt, die Haare nass und verwuschelt, bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel. Ziemlich ungewöhnlich für einen Anwalt, ein privates Foto bei Facebook, andererseits hatte er sonst nichts freigegeben. Außer seinem Profilfoto und ein paar allgemeinen Angaben konnte ich mir nichts ansehen, nicht mal seine Freundesliste.
   Langsam fuhr ich mit dem Mauszeiger über den Button zum Versenden einer Freundschaftsanfrage.
   »Nein, Clara, blamier dich nicht. Du machst dich nur lächerlich. Lass es einfach, sonst bildet er sich noch was darauf ein.« Ich gönnte mir noch einen Schluck Wein. Sicherheitshalber schob ich den Laptop ein Stück von mir weg, damit ich nicht erst in Versuchung kommen würde. Meine Neugierde war nicht gerade eine meiner besten Eigenschaften und hatte mich schon in die unmöglichsten Situationen gebracht. Das würde mir diesmal nicht passieren, ganz sicher nicht.
   Während ich noch auf meinen Laptop starrte, machte sich mein Magen lautstark bemerkbar. Fee wurde von dem lauten Gegrummel wach und sah mich träge an.
   »Okay, Zeit, etwas zu essen. Das ist auf jeden Fall besser, als sich gut aussehende, eingebildete Männer anzusehen.« Ich stand auf. Fee raffte sich ebenfalls auf, offensichtlich in der Hoffnung, dass in der Küche auch für sie noch etwas abfallen würde. Bevor sie mir jedoch folgte, beschnupperte sie neugierig Laptop und Maus und stampfte mitten im Kabelgewirr herum.
   »Fee, nein! Weg da!« Wie üblich schien sie sich überhaupt nicht für mein Geschrei zu interessieren. Bevor ich reagieren konnte, war sie vom Sofa runtergehüpft und hatte die Maus mitsamt Kabel mit sich gezogen. Scheppernd knallte die Maus auf den dunklen Holzboden, wodurch Fee sich zu Tode erschreckte und wie vom Blitz getroffen durch die Wohnung raste. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, war die Maus mit der Oberseite nach unten heruntergefallen, und ich hatte das Gefühl, ein leises »Klick« gehört zu haben. Eine dumpfe Vorahnung beschlich mich, und ich drehte den Laptop zu mir, nachdem ich die Maus aufgehoben hatte.

Ihre Freundschaftsanfrage wurde versendet.

Nein, nein, nein. Warum musste so etwas immer mir passieren? Hektisch klickte ich auf der Seite herum, was natürlich überhaupt nichts brachte.

Freundschaftsanfrage rückgängig machen.

Ja, genau das war es, was ich gesucht hatte. Klick.

Möchten Sie die Anfrage wirklich rückgängig machen?

Ja, natürlich, nichts mehr als das. Ein weiterer Klick und die Anfrage wurde zurückgenommen. Erleichtert ließ ich mich auf mein Sofa sinken. Das war ja gerade noch gut gegangen. Es sei denn … Mist, Mist, Mist. Wieso hatte ich nicht daran gedacht, dass van der Brugge die Anfrage trotzdem sehen würde? Und nun würde er auch noch sehen, dass ich meine Anfrage zurückgezogen hatte. Diese ganzen Informationen wurden ja immer per E-Mail verschickt. Ich hatte also alles nur noch schlimmer gemacht. Jetzt blieb eigentlich allein die Flucht nach vorn. Ich musste die Anfrage neu verschicken, und falls er mich jemals darauf ansprechen würde, würde ich alles auf irgendwelche Internetprobleme schieben. Nach dem Motto, ich hätte gedacht, die Anfrage wäre nicht verschickt worden, deswegen hatte ich es noch mal probiert. Eine gute Lösung. Ich klickte erneut auf den Button zum Versenden der Anfrage und meldete mich dann bei Facebook ab. Für heute hatte ich mich wirklich genug blamiert. Vielleicht würde ich ja auch Glück haben, und er würde mich nicht als Freundin bestätigen, dann würde er auch nicht die zahlreichen peinlichen Fotos zu sehen bekommen, auf denen meine Freunde mich markiert hatten. Die Hoffnung starb ja bekanntlich zuletzt. Und überhaupt, wieso machte ich mir eigentlich Gedanken? Dieser Typ war mir doch total egal. Wirklich. Ehrlich.

Um nicht noch mehr Katastrophen heraufzubeschwören, beschloss ich, hungrig und leicht angeduselt ins Bett zu gehen und alle Mittel der modernen Kommunikation auf stumm zu stellen. Morgen würde ich weitersehen.

Kapitel 3

Der frühe Vogel … gehört erschossen. Blind vor Müdigkeit tastete ich auf meinem Nachttisch herum, um den grausamen Weckerton loszuwerden, und drehte mich noch mal um. »Nur noch ein bisschen dösen, fünf Minuten«, murmelte ich vor mich hin und vergrub mein Gesicht im Kissen. Keine Sekunde später spürte ich, wie ein dickes, felliges Etwas auf mein Bett hüpfte und schnurrend um mich herumschlich. Hingebungsvoll begann Fee, sich mit lautstarkem Schmatzen neben meinem Ohr zu putzen. »Okay, okay, ich stehe ja schon auf.« Ich seufzte und pellte mich aus meiner noch wunderbar warmen und kuschligen Bettdecke. Fee wusste, wie sie mich dazu bringen konnte, ihr Futter zu geben. Dieses Spiel wiederholte sich fast jeden Morgen.
   Müde blieb ich auf der Bettkante hocken und rieb mir die Augen. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass mein Blackberry rot blinkte, das Zeichen für neue Mitteilungen. Ich griff danach. Zwei neue E-Mails, beide Facebook-Mitteilungen. Meine Müdigkeit war schlagartig verflogen. Meine peinlichen Aktionen vom Vorabend hatte ich noch gut in Erinnerung. Die erste Nachricht war die Bestätigung, dass Sam van der Brugge meine Freundschaftsanfrage angenommen hatte. Die zweite Nachricht war von ihm persönlich.

Hallo Clara,

ich darf doch Clara sagen, hoffe ich? Schön, dass Sie mich hier gefunden haben, auch wenn es anscheinend ein paar Entscheidungsschwierigkeiten Ihrerseits gab …

Auf bald,
Sam van der Brugge

Ich spürte, wie ich puterrot anlief. Natürlich hatte er alle Benachrichtigungen bekommen, auch die Rücknahme der Anfrage. Und natürlich hatte er dies nicht unerwähnt gelassen, etwas anderes hatte ich eigentlich auch nicht erwartet. Das entsprach genau dem Bild, das ich mir von ihm gemacht hatte.
   Nachdem ich ein paar Anläufe gestartet hatte, ihm eine bissige, aber doch hoheitsvolle Antwort zu schreiben, gab ich es auf und schmiss das Handy aufs Bett. Wozu noch lächerlicher machen? Ich beschloss, seine Nachricht einfach zu ignorieren. Schließlich war das Ganze ja sowieso Fees Schuld, aber das würde ich ihm ganz sicher nicht auf die Nase binden.
   Männer. Was machte ich mir eigentlich so viele Gedanken, das war die ganze Sache doch überhaupt nicht wert, basta pasta.
   Ich ging ins Bad, um zu duschen und mich für meinen Termin mit dem Schimmelbuster fertig zu machen. In einer guten Stunde musste ich bereits in meinem Laden sein. Wie immer schaltete ich das Radio an und sang in voller Lautstärke unter der Dusche mit. Ich hatte nicht viel Talent, aber außer Fee hörte mich ja niemand.
   Eine halbe Stunde später verließ ich frisch aufgebrezelt und mit einem Kaffee in der Hand meine Wohnung, bereit, mich dem Schimmel zu stellen.

»Florian Heuer, guten Tag«, stellte sich der Schimmelmann vor und drückte mir kraftvoll die Hand.
   »Clara Sander, freut mich. Sie sind also der Mann, der mir das Leben retten wird.«
   Herr Heuer lachte schallend. »Na, schauen wir mal, was sich da machen lässt. Begutachten wir am besten erst die Lage, und dann kann ich Ihnen mehr sagen.«
   Ich schloss die Tür auf und betete insgeheim, dass alles nur halb so schlimm wäre und der Schimmel innerhalb weniger Tage entfernt werden könnte, auch wenn die Chancen dafür gering waren.
   Schon beim Betreten des Ladens schlug uns der modrige Geruch entgegen. »Kein gutes Zeichen, oder?«, fragte ich.
   »Das muss erst mal nichts heißen, Schimmel riecht schnell ziemlich streng. Dann wollen wir doch mal sehen, womit wir es hier zu tun haben«, erwiderte der Fachmann und kniete bereits vor einer besonders großen Stelle, an der die Tapete herunterhing und man die Schimmelflecken deutlich sehen konnte. Die Tatsache, dass er zunächst Handschuhe und Mundschutz aus seiner Tasche holte, bevor er Tapete und Wand untersuchte, ließ meine Hoffnung sinken. Nach der wortlosen Begutachtung der schlimmen Stellen und eine gefühlte Ewigkeit später nahm er den Mundschutz ab und wandte sich mit ernstem Gesicht zu mir.
   »Also, Frau Sander, alles halb so schlimm.« Mir fiel ein Stein vom Herzen. »Aber bis wir den Schimmel raus haben, wird es mindestens zwei Wochen dauern und so lange können Sie definitiv nicht anfangen zu renovieren. Die Feuchtigkeit muss erst raus, sonst haben Sie ganz schnell wieder dasselbe Problem.«
   »Zwei Wochen? Aber ich wollte doch schon in vier Wochen eröffnen.« Unglücklich sah ich ihn an. »Kann man das denn nicht irgendwie beschleunigen?«
   »Das müssen Sie wohl abhaken, junge Frau, schneller geht das nicht.« Er schüttelte den Kopf.
   Während er mir diese Hiobsbotschaft überbracht hatte, hatte sich offensichtlich von uns beiden unbemerkt Dine in den Laden geschlichen, denn sie stand plötzlich neben mir.»Zwei Wochen?«, wiederholte auch sie sichtlich schockiert und drückte mir zum Trost leicht den Arm.
   »Leider ja, da lässt sich absolut nichts dran drehen. Sie können sich gern noch eine Zweitmeinung einholen, aber meine Kollegen werden Ihnen dasselbe sagen.«
   »Nein, nein, ich vertraue Ihrem Urteil. Fangen Sie bitte einfach heute noch an, wenn möglich, und schicken Sie mir vorher noch den Kostenvoranschlag per E-Mail zu.« Ich gab mich geschlagen.
   Nachdem Heuer seine Sachen zusammengepackt hatte, verabschiedete er sich von Dine und mir und versprach, mir den Kostenvoranschlag innerhalb der nächsten Stunde zu schicken.
   Kaum, dass die Tür hinter ihm zugefallen war, drehte Dine sich zu mir. »Hast du noch seine Karte?«
   »Was für eine Karte?«, fragte ich und starrte auf den Schimmel.
   »Na, von diesem van der Brugge. Vertrag hin oder her, das wirst du deinem Vermieter ja wohl nicht durchgehen lassen. Lass das einfach von einem Anwalt regeln.«
   Ich schüttelte den Kopf. »Wenn du wüsstest, was ich mir gestern Abend wieder geleistet habe. Van der Brugge muss mich für komplett bescheuert halten.« In Kurzform erzählte ich ihr, was passiert war. Als ich am Schluss angekommen war, hielt Dine sich den Bauch vor Lachen und japste nach Luft. Grimmig sah ich sie an. »Ja, lach du nur, dabei ist das alles deine Schuld. Wenn du mir den Link nicht geschickt hättest …« Dine kriegte sich nicht mehr ein, sodass ich mir das Lachen auch nicht mehr verkneifen konnte.
   »Ach egal, was soll’s. Du brauchst Rechtsbeistand, und er ist Anwalt. Also zier dich nicht und ruf ihn an«, sagte sie, nachdem sie sich beruhigt hatte.
   »Na gut, hicks, wenn du meinst. Toll, hicks, jetzt hab ich auch noch Schluckauf vom Lachen.« Ich hielt die Luft an und zählte bis zwanzig. Hicks. Ein Schluckauf hallte ganz schön in einem leeren Raum, stellte ich fest. Nach dem zweiten Luftanhalten konnte ich wieder normal sprechen. Dine hatte in der Zwischenzeit schon die Nummer der Kanzlei auf ihrem iPhone herausgesucht. Die Visitenkarte lag bei mir zu Hause auf dem Sofa.
   »Hier, es klingelt schon.« Dine hielt mir ihr Handy hin. Kaum, dass ich es ans Ohr gedrückt hatte, hörte ich auch schon eine Frauenstimme, die versprach, mich mit van der Brugge zu verbinden, und mich in die Warteschleife legte. Eine dieser typischen Melodien dudelte vor sich hin. Ich schaltete den Lautsprecher ein und stellte das Handy auf den Tresen.
   »Ich hab mir gestern mal die Website von der Kanzlei angesehen. Gut aussehen tut er ja, der Herr Anwalt, aber das war’s dann auch schon. Ganz schön selbstverliebt, der Typ«, plapperte ich vor mich hin, während ich einen Stapel Tapetenreste von einer Ecke in die andere schob und dabei einen Haufen Staub aufwirbelte. Dine bekam einen Hustenanfall. »Arrogant bis zum Gehtnichtmehr. Da fragt man sich, warum. Ich meine, okay, er sieht gut aus, aber Brad Pitt ist er jetzt auch nicht gerade.«
   Dines Husten wurde immer schlimmer, ich drehte mich um und erstarrte. Sie hustete immer noch, zeigte aber wie wild auf das Handy, das ich auf den Tresen gestellt hatte. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich keine Musik mehr hörte. O nein. Ich stürmte zum Tresen und griff nach dem Handy. »H-h-hallo?«, stotterte ich.
   »Hallo Clara, hier spricht der Möchtegern-Brad-Pitt. Sie wollten mich sprechen? Was kann ich für Sie tun?« Der Funken Hoffnung, dass er mein sinnfreies Geplapper nicht gehört hatte, fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
   »Ich, ähm, also, damit habe ich natürlich nicht Sie gemeint. Ich sprach mit meiner Freundin nur gerade über einen anderen Anwalt, einen Freund von uns.«
   »Sicher, sicher. Also, was kann ich für Sie tun? Ich nehme an, es geht um die Feuchtigkeitsschäden in Ihrem Laden.« Seinem förmlichen Ton konnte ich entnehmen, dass er mir kein Wort glaubte. Ich beschloss, einfach zum Geschäftlichen überzugehen und so zu tun, als ob nichts passiert wäre.
   Nach einer kurzen Schilderung der aktuellen Lage bat er mich, ihm noch mal den kompletten Vertrag zu faxen, und wir vereinbarten einen Termin für den nächsten Tag.
   Ich legte auf und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Erdboden, bitte tu dich auf, damit ich in dir versinken kann.«
   »Du bist aber auch der Schussel vom Dienst. Du musst doch gehört haben, dass die Musik aufgehört und er abgehoben hat.«
   »Die blöden Tapeten haben so einen Krach gemacht beim Verschieben, und dein Husten hat auch alles andere übertönt. Da hab ich das irgendwie nicht mitbekommen.« Ich fasste mir an die Stirn, mein Kopf glühte, ich war sicherlich knallrot. Nein, wie peinlich. Fettnapf, ich finde dich.
   »Ach, nimm’s nicht so schwer. Im Prinzip ist es doch auch egal. Morgen tust du einfach so, als ob nichts gewesen sei, und ihr konzentriert euch auf deinen Vertrag.« Dine legte mir den Arm um die Schulter. »Lass uns hier erst mal ein bisschen aufräumen, damit der Schimmelmann später unbehindert seine Arbeit tun kann.«
   »Hm, okay«, murmelte ich und machte mich wieder daran, Tapeten durch die Gegend zu schieben und auf einem riesigen Haufen zu stapeln.

Den Rest des Tages verbrachten Dine und ich mit Aufräumarbeiten im Laden. Als nachmittags der Schimmelmann vorbeikam, um seine Arbeit aufzunehmen, überließen wir ihm erschöpft das Feld. Viel mehr konnten wir sowieso nicht tun, da die Entfernung des Schimmels sicherlich noch einiges an Staub aufwirbeln würde, aber immerhin hatten wir schon alle Tapeten von den Wänden gerissen und entsorgt. Ein großer Teil der Vorarbeit war also erledigt. Ich lieferte noch ziemlich verstaubt die drei bestellten Bleche Cupcakes für den Kindergeburtstag aus und konnte mich endlich auf den Weg nach Hause machen. Dort ließ ich mich nach einer extrem langen und extrem heißen Dusche nur noch extrem platt auf meine Couch fallen, um mich für den Rest des Tages nicht mehr zu bewegen. Wunderbar. Meine schmerzenden Knochen dankten es mir. Warum musste Renovieren eigentlich so anstrengend sein?

Wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind, wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind … oh, oh …

Meine Handymelodie riss mich aus dem Schlaf. Basti hatte es sich angewöhnt, mir die neuesten Songs als Klingelton runterzuladen, ich hatte keine Ahnung von diesem technischen Kram und ließ ihn einfach machen. Anscheinend war ich irgendwann vor dem Fernseher eingeschlafen, aus dem mir nun die Titelmelodie von ‚Gute Zeiten, schlechte Zeiten‘ entgegentönte und sich mit den lila Wolken ein Duell lieferte. Ich stöhnte und fuhr mir durch die Haare. Noch im Tran griff ich nach meinem Handy.
   »Ja?«
   »Clara, ich bin’s, Basti. Wo bleibst du denn?«
   »Hm, was? Wie spät ist es denn?«
   »Es ist gleich halb zehn und wir waren eigentlich für neun Uhr zum Frühstück im Café Paris verabredet, junge Dame.« Der Ärger in seiner Stimme war nicht zu überhören. Im Hintergrund hörte ich Tellergeklapper und Stimmengemurmel. Mist. Doppelmist. Die Verabredung hatte ich total vergessen.
   »Sag bloß, du hast noch geschlafen.«
   »Schande, Basti, ich hab total verpennt. Sorry, sorry, sorry. Ich mach mich sofort auf den Weg.«
   »Ich warte, aber das Frühstück geht dann auf dich, meine Liebe.«
   »Deal, ich bin unterwegs«, sagte ich und legte auf, während ich mich schon vom Sofa aufraffte und ins Bad hetzte.
   In Rekordzeit duschte und schminkte ich mich, zog wahllos ein paar Klamotten aus dem Schrank und versorgte noch schnell mein griesgrämiges Katzentier. Ich schwang mich hinters Steuer und machte mich auf den Weg in die Innenstadt.

Im Café Paris erwartete mich ein mies gelaunter Basti. Sein Gesichtsausdruck erinnerte mich an Fee, wenn ich ihren Wunsch nach Leckerlis zu lange ignorierte. Er legte seine aufgeschlagene Zeitung, mit der er sich offenbar die Wartezeit vertrieben hatte, beiseite und sah mich anklagend und mit seinem vorwurfsvollsten Divenblick an.
   »Na, Dornröschen, auch schon da?«
   »Es tut mir wirklich leid, Basti.« Ich setzte mich zu ihm, stieß dabei mit meinem Stuhl gegen den Stuhl meines Hintermanns und dieser verschüttete fast seinen Kaffee. Der nächste böse Blick des Tages. Ich lächelte den Mann entschuldigend an und setzte mich so leise und unauffällig wie möglich zu Basti an den Tisch.
   »Heute ist irgendwie nicht mein Tag«, seufzte ich und verdrehte die Augen.
   »Scheint ganz so, kann eigentlich nur noch besser werden«, erwiderte Basti trocken und schlürfte an seinem riesigen Becher Milchkaffee.
   »Oh, glaub mir, schlimmer geht immer«, sagte ich, erzählte ihm die Kurzfassung von meinem Telefondesaster mit van der Brugge vom Vortag und bestellte mir in der Zwischenzeit noch ein großes kontinentales Frühstück. Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages, hatte mein Opa immer gesagt, und ich konnte ihm nur recht geben. Nachdem ich meinen Bericht beendet hatte, zuckte Basti mit den Schultern.
   »Shit happens, würde ich sagen. Eigentlich kann es dir ja auch vollkommen egal sein, was dieser absolut heiße und mit großer Sicherheit intelligente und wahrscheinlich auch noch vermögende Typ von dir hält. Du findest ihn ja anscheinend nicht anziehend oder interessant, oder? Ich meine, solche Männer liegen ja auf der Straße, die trifft man praktisch jeden Tag.«
   Ich überhörte geflissentlich den ironischen Unterton in seiner Stimme und biss von meinem Marmeladenbrötchen ab. »Ach, wer braucht schon Männer. Hab ich grad eh keine Zeit für, ich muss mich schließlich um den Laden kümmern. Und überhaupt. Warum wollt ihr mich eigentlich alle verkuppeln? Dine nervt mich auch schon mit diesem Typen, seit sie ihn das erste Mal gesehen hat. Vielleicht ist er ja etwas für einen von euch, ich verzichte«, redete ich mich in Rage und knallte meine Kaffeetasse auf den Tisch, wodurch ich schon wieder die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf mich zog. Kopfschüttelnd wandte sich das Paar am Nebentisch von uns ab, um sich in Ruhe weiter zu unterhalten.
   »Kein Grund, sich aufzuregen, Bella. Ich würde ihn auf jeden Fall nicht von der Bettkante schubsen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der gute Mann nicht an meinem Ufer badet.« Basti grinste und sah zur Eingangstür, die sich schwungvoll öffnete und einen neuen Strom Gäste hereinließ. Irritiert beobachtete ich, wie Bastis Augen immer größer wurden, und sah mich um. »Na, wenn man vom Teufel spricht …«, sagte Basti.
   Am Tresen stand van der Brugge und sprach mit einer der Kellnerinnen, die auf einen Tisch für zwei Personen in der anderen Ecke des Raumes deutete. Neben ihm stand eine wirklich hübsche Blondine, die sehr der Frau ähnelte, die ich auf den Bildern der Webseite seiner Kanzlei gesehen hatte. Das musste also seine Sekretärin sein. Ich beobachtete, wie er ihr leicht den Arm auf den Rücken legte und sie zu ihrem Tisch führte. Ganz gentlemanlike nahm er ihr ihren Mantel ab und hängte ihn zusammen mit seinem Mantel an die Garderobe, bevor sie sich setzten.
   Noch hatte er mich nicht entdeckt, und ich würde auch dafür sorgen, dass es nicht dazu kommen würde. Hektisch suchte ich nach meiner Tasche und winkte gleichzeitig der Kellnerin, damit sie die Rechnung brachte.
   »Alles in Ordnung, Clara?«, fragte Basti, sichtlich erstaunt über meinen überstürzten Aufbruch.
   »Ja, sicher, mir langt es nur schon, dass ich heute noch einen Termin mit diesem Affus ignorantus habe.« Mein Latein war schon in der Schule unsagbar schlecht gewesen. Dass ich aussah wie der letzte Schlumpf, so gut wie ungeschminkt und mit Klamotten aus dem letzten Jahrtausend, spielte dabei natürlich überhaupt keine Rolle. Ich wollte einfach nicht mehr Zeit als nötig mit diesem Mann verbringen. Und wenn, dann nur geschäftlich.
   Nachdem die Kellnerin bei uns abkassiert und ich mich währenddessen hinter ihr versteckt hatte, zog ich mir so schnell wie möglich meine Lederjacke an und warf Basti im Aufstehen eine Kusshand zu.
   »Ich ruf dich an, okay? Wir machen ein neues Date für nächste Wo…« Noch während ich sprach, fiel vor meinen Augen mein Orangensaftglas auf den Boden und zerbrach in tausend Stücke. Irgendwie musste ich mit meiner Handtasche dagegen gestoßen sein. Für einen Moment herrschte Stille, und alle anderen Gäste starrten mich an, einige genervt durch den Krach, andere eher mitleidig bis belustigt. Warum immer ich? Eine Hitzewelle kroch in mir hoch, ich kniete mich auf den Boden und sammelte mit einer Hand die Scherben zusammen, während ich mit der anderen nach einer Serviette griff, um die Reste des Orangensafts aufzuwischen. In der Zwischenzeit hatte sich das allgemeine Gemurmel der Gäste wieder eingestellt. Basti kniete neben mir und half mir beim Aufsammeln der Scherben. Zu meinem Ärger konnte er sich das Grinsen kaum verkneifen.
   »Das nenne ich mal einen unauffälligen Abgang«, sagte er und verzog sich schnellstmöglich in Richtung Tresen, um noch mehr Servietten zu holen.
   »Kann ich Ihnen vielleicht helfen, Frau Sander?«, fragte im nächsten Moment eine tiefe männliche Stimme hinter mir. Mir wurde heiß. Ohne eine Antwort abzuwarten, hockte sich van der Brugge neben mich, um mir beim Aufsammeln der Scherben zu helfen.
   »Ich schaffe das schon allein, danke«, presste ich hervor und wischte die letzten kleinen Splitter mit der Hand zusammen. Dummerweise hatte ich vergessen, dass ich die restlichen Scherben in der Hand hielt. Das Ergebnis war ein nicht wirklich tiefer Schnitt im linken Handballen, der sich langsam rot färbte. »Au, verdammt.«
   Van der Brugge griff nach meiner Hand. »Haben Sie sich verletzt? Lassen Sie mich mal sehen.«
   Hastig entzog ich ihm meine Hand und versteckte sie hinter meinem Rücken. »Es ist alles in Ordnung, kein Problem. Machen Sie sich keine Gedanken, mein Freund und ich, wir kriegen das hier schon hin«, erwiderte ich und nickte in Richtung Basti, der mittlerweile mit den neuen Servietten hinter uns stand und die Situation beobachtete. »Nicht wahr, Schatz?« Sichtlich irritiert sah Basti mich an, nickte dann aber stumm.
   »Na, wenn das so ist, dann will ich nicht länger stören«, sagte van der Brugge und sah erst Basti und dann mich an. »Wir sehen uns dann ja heute noch in meinem Büro, nicht wahr, Frau Sander?«
   »Äh, ja, selbstverständlich. Ich komme dann später bei Ihnen vorbei.«
   »Wunderbar, also, bis dahin.« Er ging zurück zu seinem Tisch, an dem seine Begleitung schon ungeduldig zu warten schien.
   »Willst du hier Wurzeln schlagen?«, fragte Basti und stupste mich an.
   »Hm? Oh, ja«, sagte ich und erwachte aus meiner Starre, während der ich van der Brugge beobachtet hatte. »Bloß weg von hier.« Ich überließ die restlichen Scherben der freundlichen Kellnerin, die schon mit Handfeger und Schaufel angerannt kam, und presste vorsorglich ein Taschentuch auf den immer noch leicht blutenden Schnitt.
   »Ein wunderbarer Tag, Clara, ein ganz wunderbarer Tag«, murmelte ich vor mich hin, während Basti tröstend den Arm um mich legte und mich aus dem Café bugsierte. Schlimmer konnte der Tag nun wirklich nicht mehr werden.
   Aus den Augenwinkeln sah ich, wie van der Brugge uns beim Verlassen des Cafés beobachtete.

Kapitel 4

Ziemlich ratlos stand ich vor meinem Kleiderschrank. In zwei Stunden musste ich bei van der Brugge im Büro sein, und ich hatte mir fest vorgenommen, diesmal professionell rüberzukommen. Er sollte mich schließlich nicht für das chaotische Huhn halten, als das ich mich bei unseren bisherigen Zusammentreffen präsentiert hatte.
   Wahllos zerrte ich verschiedene Blusen und Pullover hervor, aber nichts passte zusammen. Zu alt, zu klein, zu rot, zu albern, mein Hello-Kitty-Shirt würde meine Seriosität wohl nicht unterstreichen. Ich knüllte es zusammen und stopfte es zu den Schlafshirts. In Ermangelung einer besseren Alternative entschied ich mich für meine blauen Lieblingsjeans, eine schwarze enge Bluse und dazu noch einen Gürtel von Desigual, damit das Outfit nicht zu langweilig wirkte. Zusammen mit den schwarzen High Heels konnte ich mich auf die Straße wagen.
   Fee lag auf dem Bett und sah mir beim Anprobieren zu.
   »Okay, die Klamottenfrage hätten wir. Was meinst du zu den Haaren, Kleine? Lieber offen oder Pferdeschwanz?«
   Sie rollte sich auf die Seite, streckte sich genussvoll und quietschte einmal kurz vor sich hin. Ich nahm das als positive Wertung für die offenen Haare und ging ins Bad, um mich noch einmal neu zu schminken.
   Marlene hatte mich erst vor ein paar Tagen in den Body Shop in der Hamburger Innenstadt geschleppt, und obwohl ich mich sonst eigentlich nur in Maßen schminkte, war ich am Ende mit siebzig Euro weniger im Portemonnaie, dafür aber mit diversen Lippenstiften sowie mit Rouge und Lidschatten nach Hause gekommen. Die Verkäuferin hatte mir Smokey Eyes geschminkt, was im Laden auch wirklich toll ausgesehen hatte. Beim Blick in den Spiegel zu Hause war ich mir wie der Clown aus dem Stephen-King-Film vorgekommen. Und mit dieser Maskerade war ich auch noch mindestens eine Stunde durch die Stadt geschlendert.
   Egal, heute beließ ich es bei einem normalen Augen-Make-up und entschied mich schließlich noch für einen roten Lippenstift, der trotzdem dezent wirkte.
   Zufrieden betrachtete ich mein Spiegelbild. So konnte ich mich blicken lassen. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich noch eine halbe Stunde Zeit hatte, bevor ich mich auf den Weg machen musste. Ich schmiss mich neben Fee aufs Bett und griff nach meinem Laptop. In meinem E-Mail-Postfach gab es keine neuen Nachrichten, aber ich stieß erneut auf die Mitteilung von Facebook, dass van der Brugge meine Freundschaftsanfrage bestätigt hatte. Neugierig klickte ich auf sein Profil.
   Viele Beiträge gab es nicht, außer ein paar Nachrichten von alten Studienkollegen, die ihn gern mal wieder treffen wollten. Geantwortet hatte er auf diese Kommentare nicht, zumindest nicht auf seiner öffentlichen Seite. Fotos gab es auch nicht viele, nur ein paar Urlaubsbilder. Die meisten zeigten ihn am Strand mit seinem Surfbrett in der Hand, genau wie auf seinem Profilbild. Wirklich interessant waren nur zwei der Bilder, auf denen ihn Freunde oder Kollegen markiert hatten. Auf beiden Bildern war auch die Blondine zu sehen, mit der ich ihn im Café gesehen hatte. Zusammen mit ein paar anderen Leuten standen sie mit Sektgläsern in der Hand um einen Stehtisch herum und lachten in die Kamera. Wahrscheinlich waren es Bilder von einer Weihnachtsfeier oder einer ähnlichen Firmenveranstaltung. Es war nicht zu übersehen, dass die Blondine sich gern in seiner Nähe aufhielt. Zwischen die beiden hätte nicht mal mehr ein Streichholz passen können, so eng hatte sie neben ihm gestanden.
   Sein Profil verriet noch, dass er einen Bruder hatte, der sich stark für den Tierschutz engagierte. Van der Brugge machte auf seiner Seite viel Werbung für den guten Zweck. Das machte ihn mir schon ein Stück sympathischer. Ich kraulte Fee am Kinn. Sein Bruder sah auch unverschämt gut aus, die guten Gene lagen offensichtlich in der Familie, und die Ähnlichkeit zwischen den beiden war unverkennbar.
   Ein Blick auf die Uhr auf meinem Rechner zeigte mir, dass die halbe Stunde mittlerweile rum war und ich mich besser auf den Weg machen sollte, falls ich nicht zu spät kommen wollte. Ich kraulte Fee noch ein wenig am Bauch, so viel Zeit musste sein, und schlüpfte dann in meine leider unbequemen, aber todschicken High Heels.
   »Na, dann wollen wir doch mal sehen, wie der Herr van der Brugge arbeitet.« Ich griff nach meiner Jacke und den Autoschlüsseln und machte mich auf den Weg.

Die Kanzlei lag in Hamburg-Othmarschen, der Weg dorthin von Altona war also nicht wirklich weit. Nach nur etwa fünfzehn Minuten Fahrzeit stand ich bereits vor dem Altbau, in dem sich die Büros der Anwälte befanden. ‚Kanzlei Thormann, Brugge & Partner‘ stand auf dem Eingangsschild. Außer der Kanzlei, die neben einem Paketlieferdienst lag, gab es noch einen Zahnarzt und einen Internisten in dem Gebäude. Ich drückte auf den messingfarbenen Klingelknopf der Kanzlei und wartete darauf, dass jemand den Türöffner betätigte. Nichts tat sich. Die Lieferanten auf dem Hof des Nebengebäudes beobachteten mich bereits neugierig, während sie Pakete in ihre Lieferwagen räumten und sich dabei lautstark unterhielten.
   Ungeduldig drückte ich noch einmal auf die Klingel, worauf diesmal sofort der Türsummer ertönte und ich eintreten durfte. Die Kanzlei lag im dritten Stock. Es gab keinen Fahrstuhl, also schleppte ich mich ächzend die knarrenden Treppenstufen hoch.
   »Guter Vorsatz für das nächste Jahr, mehr Sport treiben, Clara«, murmelte ich vor mich hin, da mir schon im zweiten Stock die Puste ausging.
   Oben klingelte ich erneut, und diesmal wurde sofort der Türsummer betätigt. Geht doch. Ich stieß die schwere Holztür auf.
   Gegenüber der Eingangstür lag der Empfangstresen, an dem eine kleine, rundliche Sekretärin saß und mich anstrahlte.
   »Sie müssen Frau Sander sein. Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen. Ich war gerade kurz für kleine Mädchen, da höre ich zwar die Klingel, aber außer mir macht leider niemand auf.« Geschäftig kramte sie in den Unterlagen, die vor ihr lagen, und plapperte dabei ohne Punkt und Komma vor sich hin.
   »Der Herr van der Brugge ist gerade noch in einer Besprechung, aber ich gebe ihm sofort Bescheid, dass Sie da sind. Wenn Sie sich noch einen kurzen Moment gedulden würden?« Sie wies mir den Weg ins Wartezimmer und verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten, hinter einer der Türen, die offensichtlich zu den Büros der Anwälte gehörten.
   Ich fügte mich, setzte mich in einen der Ledersessel und griff nach einer der Zeitschriften, die auf einem Glastisch in der Mitte des Raumes fein säuberlich aufgereiht lagen. An den Wänden hingen Schwarz-Weiß-Bilder vom Hamburger Hafen, die dem Raum einen eher kühlen und eleganten Look verpassten. Als ich sah, was für eine Zeitschrift ich mir gegriffen hatte, packte ich sie schnell wieder weg. ‚Finanzen. Sichere Anlagen für jede Lebenssituation‘. Nein, danke. Das entsprach nicht wirklich meinen Interessen. Die anderen Zeitschriften waren leider alle ähnlich gestrickt. Ein Börsenblatt, Recht & Sicherheit … Gab es hier denn keine Gala? Oder die Cosmopolitan? Frustriert legte ich die Zeitschriften wieder hin und schnappte mir ein Buch über die Hamburger Geschichte, immerhin etwas Interessantes. Kaum, dass ich die ersten Seiten durchgeblättert hatte, tauchte auch schon die Empfangsdame auf und bedeutete mir, ihr zu folgen.
   Sie zeigte auf eine der Türen, die nur leicht angelehnt war. »Herr van der Brugge erwartet Sie schon, gehen Sie nur rein.«
   Vorsichtig klopfte ich an die Tür und fragte mich gleichzeitig, woher das Grummeln kam, das sich gerade in meinem Bauch bemerkbar machte. Bauchschmerzen bekam ich normalerweise nur, wenn ich in irgendeiner Form aufgeregt war, und dazu bestand ja nun gerade wirklich kein Grund.
   Hinter der Tür verbarg sich ein Büro, das fast so groß wie meine komplette Wohnung wirkte. Fehlten nur noch Küche und Bad in einer Ecke, dann hätte ich hier einziehen können. Van der Brugge saß an seinem Schreibtisch, der dem Zimmer entsprechend riesig war und auf den ersten Blick antik wirkte. Er unterzeichnete noch ein paar Papiere und sah anschließend zu mir hoch.
   »Ah, Frau Sander, da sind Sie ja. Kommen Sie rein, kommen Sie rein«, sagte er und stand auf, um mir die Hand zu geben. Sein Händedruck war angenehm fest und trocken. Es gibt nichts Schlimmeres als Männer mit laschem Händedruck und schwitzigen Händen. »Setzen Sie sich.« Er zeigte auf einen der beiden Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen.
   »Danke, freut mich, dass Sie Zeit für mich haben.« Ich setzte mich.
   »Nun ja, nachdem ich Ihnen ja schon heute Morgen nicht helfen durfte, bin ich froh, dass Sie mir wenigstens in Rechtsdingen vertrauen«, erwiderte er und lächelte mich charmant an. Meine Hautfarbe wechselte schon wieder auf Tomatenerntezeit. Natürlich ließ er diese Peinlichkeit nicht einfach unerwähnt. Warum auch? »Geht es denn Ihrer Hand wieder besser?«, fragte er, bevor ich einen bissigen Kommentar zurückgeben konnte.
   »Danke, ja, alles in bester Ordnung. Der Schnitt war nicht tief, und mein Freund hat sich ja um mich gekümmert.« So, da hatte er es. Er sollte bloß nicht denken, dass er mich mit seiner charmanten und aus seiner Sicht sicherlich witzigen Art irgendwie beeindrucken konnte. Mich nicht. Für einen Moment musterte er mich aus seinen blauen Augen, und ein paar Sekunden herrschte Stille im Raum. Meine Bauchschmerzen wurden schlimmer, bis ich den Blick von ihm abwandte.
   »Sicher, sicher. Dann lassen Sie uns zum Geschäftlichen übergehen«, sagte er schließlich und räusperte sich, während er nach einer Akte griff, die meinen Namen trug. »Ich habe mir Ihren Vertrag bereits angesehen. Entgegen meiner anfänglichen Vermutung, dass wir hier nichts mehr machen können, habe ich eventuell noch ein Schlupfloch gefunden, damit Sie wenigstens die Kosten für die Renovierung von Ihrem Vermieter bzw. Ihrem Vormieter erstattet bekommen.«
   »Tatsächlich? Aber das wäre ja wunderbar.«
   »Die Feuchtigkeitsschäden sind zwar in der Mängelliste aufgeführt, wenn auch nur als Eventualität, aber Sie haben diese Liste nicht separat unterschrieben, und somit kann Ihnen auch niemand beweisen, dass Sie diese Liste tatsächlich gesehen haben.« Er blätterte den Vertrag noch einmal durch und sprach weiter. »Ich nehme allerdings an, dass Sie die Liste sehr wohl gesehen haben?« Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er zu mir auf.
   »Schon, ja, also irgendwie. Ich habe halt nicht genau hingesehen, als ich den Vertrag unterschrieben habe. Ich meine, das sind doch immer diese Standardverträge, kennt man ja. Und bei der Besichtigung des Ladens sah auch noch alles tipptopp aus«, verteidigte ich mich und rutschte auf meinem Stuhl hin und her.
   »Wer war denn bei dieser Besichtigung dabei? Ihr Freund vielleicht?«
   »Nur ich und meine Schwester Marlene.«
   »Hm, das macht es natürlich ein bisschen schwieriger. Verwandte werden in der Regel nicht als Zeugen zugelassen.« Er strich sich die dunklen Haare aus der Stirn, und ich fragte mich, ob sie sich wohl so weich anfühlten, wie sie aussahen. Im nächsten Moment schlug ich mir gedanklich mit der Hand gegen die Stirn.
   »Gott, Clara, reiß dich zusammen«, murmelte ich.
   »Was haben Sie gesagt?«, kam es sofort von der anderen Seite des Schreibtisches.
   »Ich? Oh, nichts, gar nichts. Ich war nur gerade in Gedanken«, stotterte ich vor mich hin. Er musterte mich kurz und sah wieder auf die Papiere.
   »Hatte Ihr Vermieter oder Ihr Makler noch jemanden dabei, der eventuell bezeugen könnte, dass Sie die Liste gesehen und sich der Schäden bewusst waren?«
   »Nein, bei der Besichtigung waren nur der Makler, meine Schwester und ich. Sonst niemand.« Außer natürlich ein paar Kunden, die sich gerade im Café aufgehalten hatten, und dem Vormieter, der hinterm Tresen gestanden hatte. Aber das war ja sicherlich nicht von Bedeutung. Es ging hier schließlich nur um die Besichtigung.
   »Gut, gut, dann stehen unsere Chancen tatsächlich nicht schl…« Mitten im Satz wurde er von einem Klopfen an der Tür unterbrochen.
   Ohne auf sein »Herein« zu warten, betrat die Blondine aus dem Café das Büro und blieb kurz sichtlich irritiert in der Tür stehen.
   »Oh, entschuldige Sam, ich wusste nicht, dass du einen Klienten hast.«
   Sam? Für eine Sekretärin ging sie aber ganz schön vertraut mit ihrem Chef um. Ich hatte meine bisherigen Chefs immer gesiezt.
   »Kein Problem, Isabel, komm nur rein. Es stört Sie doch nicht, oder Frau Sander? Meine Kollegin braucht nur ein paar Unterschriften von mir, dürfte nicht mal eine Minute dauern.«
   »Nein, nein, machen Sie nur, ich habe Zeit«, sagte ich. Was blieb mir auch anderes übrig? Madame war also nicht seine Sekretärin, da hatte ich wohl etwas missverstanden, als ich mir auf der Firmenwebsite die Bilder angesehen hatte. Das erklärte natürlich auch den vertrauten Umgang. Mit einem strahlenden Lächeln stöckelte Isabel an mir vorbei und stellte sich wartend hinter Sam, während der die Schriftstücke unterzeichnete, die sie ihm hingelegt hatte. Bevor er sein Kürzel auf jede Seite setzte, überflog er diese noch einmal kurz.
   »Hattest du diesen Absatz überarbeitet?«, fragte er sie und zeigte auf eine der Seiten. Sie beugte sich zu ihm hinunter und warf ihre blonde Mähne zur Seite, wodurch er einen perfekten Blick auf ihr ziemlich offenherziges Dekolleté hatte. Ihr Bild auf der Website hatte ja schon gezeigt, dass sie der Typ Topmodel war, aber in Wirklichkeit war sie sogar noch hübscher. Kein Wunder, dass die beiden so vertraut wirkten, sicherlich waren sie mehr als nur Kollegen. Jeder Mann, der diese Frau nicht wollte, war entweder schwul oder gehörte zu der Gattung der verheirateten Männer mit Kindern, die tatsächlich treu waren. Glaubte man jedoch den Aussagen der Frauen aus meinem Bekanntenkreis, war diese Gattung schon seit geraumer Zeit dabei auszusterben. Ich hatte kaum noch eine Freundin, die noch nie von einem Mann betrogen worden war, und auch die Scheidungsfälle häuften sich, je älter ich wurde.
   Sam und Isabel unterhielten sich weiter über die Unterlagen. Sie beugte sich noch ein Stück weiter hinunter und legte ihm ihre Hand auf die Schulter, während sie über den fraglichen Absatz sprachen. So offensichtlich sie auch seine Nähe suchte und ihr komplettes Repertoire an weiblichen Reizen einsetzte, schien er nicht wirklich darauf anzuspringen. Sachlich unterhielt er sich mit ihr und blickte dabei hauptsächlich auf die Unterlagen, die vor ihm lagen. Entschuldigend lächelte er mir kurz zu, da es nun doch ein wenig länger als erwartet dauerte, bis er wieder Zeit für mich hatte.
   Vielleicht waren die beiden ja doch kein Paar? Oder er war ihre Nähe einfach schon so gewöhnt, dass er bei ihrem Anblick nicht jedes Mal in Ohnmacht fiel. Endlich hatten sie alle Fragen geklärt. Sam klopfte die Papiere auf dem Tisch zusammen und reichte sie seiner Kollegin.
   »Dann wären wir ja durch, oder?«, fragte er.
   »Ja, alles geklärt, die Unterlagen gehen heute noch raus«, erwiderte sie und bedachte mich mit einem sichtlich aufgesetzten Lächeln, während sie zur Tür ging. »Ach, Sam, bleibt es bei heute Abend?«, fragte sie, schon an der Tür angekommen.
   Er runzelte die Stirn, schien sich dann aber doch zu erinnern.
   »Sicher, heute um acht Uhr bei Maurizio, wie immer«, erwiderte er knapp und wandte sich bereits wieder mir zu.
   »Wunderbar, bis später dann«, sagte sie und schloss die Tür. Nicht nur, dass sie aussah wie die Marilyn Monroe der heutigen Zeit, sie hatte auch noch die rauchige Stimme dazu. Angestrengt bemühte ich mich, nicht die Augen zu verdrehen. Im Prinzip konnte es mir ja auch egal sein, wie sich diese Tussi aufführte. War es auch, wirklich, ehrlich. Ich meine, ich war ja nicht an ihm interessiert, also sollten die beiden machen, was sie wollten, es ging mich ja nichts an.
   »Entschuldigen Sie, dass es jetzt doch ein paar Minuten länger gedauert hat. Wir arbeiten gerade an einem sehr großen Fall und der Klient ist … sagen wir mal … nicht gerade der einfachste.«
   »Kein Problem, wie gesagt, ich habe Zeit, und unser Termin war ja auch recht kurzfristig.« Ich lächelte ihn an. Für einen kurzen Moment sahen wir uns in die Augen, und niemand sagte etwas. Je länger dieser Moment dauerte, desto wärmer wurde mir, und es machte sich schon wieder dieses komische Gefühl in meinem Bauch breit. Diesmal war er es, der den Augenkontakt unterbrach. Er räusperte sich und wandte sich dann wieder meinem Mietvertrag zu.
   »Also, wie gesagt, eine kleine Chance besteht, dass wir zumindest einen Teil der entstandenen Kosten wieder reinholen, allerdings werden Sie höchstwahrscheinlich nicht die Kosten für die verspätete Eröffnung und den damit entstandenen Verlust erstattet bekommen.«
   »Ich bin dankbar für jeden kleinen Erfolg. Momentan ist es sowieso mein größtes Ziel, diesen widerlichen Schimmel loszuwerden. Das Zeug ist wirklich die Pest.«
   »Haben Sie denn für dieses Problem schon einen Fachmann engagiert, der sich darum kümmert? Ansonsten könnte ich Ihnen eventuell auch behilflich sein. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit mein Haus renoviert und hatte ganz ähnliche Probleme, bin also ein Fast-Fachmann.« Er grinste und fuhr sich durch die Haare. »Also natürlich nur, wenn Sie noch niemanden gefunden haben.«
   Erstaunlich, er konnte ja richtig nett sein, wenn er nicht diese arrogante Art an den Tag legte. Der Gedanke, dass er mich beim Renovieren meines Ladens unterstützen würde und wir somit Stunde um Stunde miteinander verbringen würden, erschien mir auf einmal auch nicht mehr unangenehm, auch wenn es mich gleichzeitig irgendwie nervös machte. Im nächsten Moment drängte sich aber eine blonde Mähne in mein Gedächtnis. Seine Kollegin wäre sicher nicht angetan von dem Gedanken, dass er seine Freizeit bei mir im Laden verbrachte.
   »Danke, das ist wirklich nett, aber ich will Ihnen nicht Ihre Zeit stehlen, und ich habe auch schon meinen Schimmelmann gefunden, der mich unterstützt«, sagte ich deshalb nur mit einem leichten Bedauern in der Stimme. »Ich glaube auch nicht, dass ich mir Ihren Stundensatz auf Dauer leisten könnte«, fügte ich hinzu und grinste ihn an.
   »Für Cupcakes tut man doch einiges, und wenn sie dann noch mit so viel Love gebacken werden …« Er lachte mich an und lehnte sich in seinem schwarzen Ledersessel zurück.
   Da war sie wieder, seine selbstherrliche Arroganz, die mich schon von Anfang an auf die Palme gebracht hatte. Und wenn es um den Namen meines Ladens ging, verstand ich wirklich absolut keinen Spaß, stahlblaue Augen hin oder her. Sein Pseudogeflirte konnte er sich auch sparen. Abrupt stand ich auf und griff nach meiner Tasche, wobei ich fast einen kleinen afrikanischen Elefanten umstieß, der als Deko auf seinem Schreibtisch stand. Bedrohlich wackelte er hin und her, blieb dann aber doch stehen.
   »Wir sind dann ja auch fertig hier, oder? Sie informieren mich, sobald Sie Neuigkeiten haben?« Ich streckte ihm die Hand zur Verabschiedung hin. Mit einem überraschten Ausdruck auf dem Gesicht stand er ebenfalls auf und schüttelte mir die Hand.
   »Natürlich, ich melde mich dann bei Ihnen. Darf ich Sie noch hinausbegleiten?«
   »Nein danke, ich finde den Weg schon. Machen Sie sich keine Mühe«, sagte ich und war schon so gut wie aus der Tür.
   »Clara, Ihr Vertrag«, rief er mir noch hinterher, aber das überhörte ich geflissentlich. Unter dem erstaunten Blick der Empfangsdame rauschte ich aus der Kanzlei und ließ die Eingangstür ins Schloss fallen.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.