Eigentlich kann Felicitas Kleine nichts so leicht aus der Fassung bringen. Außer, es spricht sie jemand mit Nachnamen an, der ihr in Verbindung zu ihrer Körpergröße wie Hohn erscheint. Oder es lenkt jemand das Gespräch auf ihre Mutter, die seit ihrem Witwendasein einen Hang zu jüngeren Spaniern zeigt. Doch als sie dem Steinbildhauer Viktor Gabriel begegnet, ist es um sie geschehen. Allein sein Blick aus klaren Bergseeaugen genügt, und Felicitas gerät in einen Strudel verwirrender Gefühle. Wenn er doch nur nicht so störrisch wäre und sich immer wieder von ihr zurückziehen würde. Ein Geheimnis umgibt diesen attraktiven Mann, der Felicitas in seinen Bann zieht.

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ISBN: 978-9963-52-337-5

Seiten: 390

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Rosita Hoppe

Rosita Hoppe
Rosita Hoppe lebt mit ihrer Famile in Niedersachsen. Ihre Leidenschaft gilt den Liebesromanen, in denen sich die Höhen und Tiefen des Lebens widerspiegeln. Turbulente, witzige, einfühlsame wie auch prickelnde Werke sind aus der Feder von Rosita Hoppe entstanden. Sie arbeitet als freie Autorin und hat verschiedene Romane, Kurzgeschichten und Anthologien veröffentlicht. Seit 2009 ist Rosita Hoppe Mitglied bei DeLiA, der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1. Kapitel

Felicitas ließ ihren Blick über die quirlige Gruppe Drei- bis Fünfjähriger schweifen, die vor ihr auf dem Boden saß. Der Lärmpegel nahm immer größere Ausmaße an. Zügig stellte sie Blende und Belichtungsmesser ihrer digitalen Spiegelreflexkamera korrekt ein, um möglichst rasch genügend Aufnahmen im Kasten zu haben. In der hintersten Reihe wurden zwei Jungen unruhig und schubsten sich. Gruppenaufnahmen von Kindern stellten für alle Beteiligten eine besondere Herausforderung dar, das wusste sie aus Erfahrung. Also würde sie wieder zu ihrem Trick greifen müssen.
   »Okay«, rief Felicitas in die Runde. »Ich mache jetzt ein paar Fotos von euch. Seht bitte alle zu mir hoch und in die Kamera. Diejenigen, die hinterher einen Keks von mir möchten, rufen jetzt cheese. Wer keine Kekse mag, darf ruhig Hasenohren machen oder Grimassen schneiden.«
   Prompt zuckten vorwitzige Hände, die hinter den Köpfen zweier Mädchen Faxen machten, zurück. Die beiden Jungen aus der hinteren Reihe hörten, nicht ohne sich noch ein paar böse Blicke zuzuwerfen, auf, sich zu balgen. Felicitas musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Der Trick funktionierte immer, noch nie hatte sie erlebt, dass eines der Kinder keine Belohnung bekommen wollte. Sie nickte der Kindergärtnerin Frau Baumgärtner zu, die laut »Cheeeeeeese!« anstimmte.
   Unzählige Male ließ Felicitas die Kamera klicken. Zwischendurch ging sie vor den Kleinen in die Knie. Auch aus dieser Position schoss sie Fotos. Die Kinder wurden immer hibbeliger. Schließlich ließ sie die Kamera sinken. »Fertig.«
   Lärmend stoben die Kleinen auseinander. Lediglich einer der Jungen, den sie beim Streichespielen erwischt hatte, zupfte an ihrem Hosenbein. »Wann kriegen wir die Kekse?«
   Felicitas beugte sich zu dem kleinen Kerl hinunter.
   »Zuerst muss ich prüfen, ob die Aufnahmen okay sind.«
   »Und du willst gucken, wer keinen Keks mag.«
   »Genau.«
   »Moritz, lass Frau Kleine in Ruhe arbeiten«, sagte die Betreuerin der kleinen Truppe mahnend.
   Felicitas zog sich in eine ruhige Ecke zurück und prüfte die Aufnahmen auf dem Display der Kamera. Auf den ersten Blick schienen sie gelungen, aber sie wusste aus Erfahrung, dass sie erst am PC genau erkennen konnte, welche Fotos für einen Abdruck in der Zeitung brauchbar waren.
   Felicitas liebte ihren Beruf als Redakteurin. Sie konnte sich keinen abwechslungsreicheren Job vorstellen. Die Vielzahl der Themen, für die sie recherchierte und über die sie im Lokalteil des Hamelner Tageblatt berichtete, stellten sie vor immer neue Herausforderungen. Eine Gruppe von fünfundzwanzig Kindergartenkindern für ein paar Minuten zum Stillsitzen zu animieren, stachelte ihren Ehrgeiz ganz besonders an. Einen Augenblick sah sie den Kleinen beim Spielen zu. Sie schienen bereits vergessen zu haben, dass Felicitas ihnen eine Belohnung versprochen hatte und so erkundigte sie sich bei Frau Baumgärtner, wann diese das Austeilen der Kekse für richtig hielt.
   »Sie wollen doch bestimmt möglichst schnell wieder los. Ich denke, wir ziehen die Frühstückspause ein wenig vor und erledigen das sofort.« Sie drehte sich zur Spielecke um. »Frau Kleine verteilt jetzt die Kekse, anschließend frühstücken wir.«
   Aus der Tasche, die neben ihr auf dem Boden stand, zog Felicitas eine Packung Gebäck hervor. Noch bevor sie diese öffnen konnte, wurde sie fast umgerannt.
   »Stopp«, rief Frau Baumgärtner. »Wir stellen uns wie immer zu zweit hintereinander auf. Kein Gedränge, sonst ist das Naschen gestrichen.« Das wirkte.

Wenig später lenkte Felicitas ihren roten Mini Cooper durch den Stadtverkehr in Richtung des Redaktionsgebäudes und stellte ihren Wagen kurz darauf auf dem firmeneigenen Parkplatz hinter dem Gebäude ab. Auf drei Etagen waren die Räume des Hamelner Tageblatts verteilt. Das Büro der Lokalredaktion befand sich im dritten Stockwerk. Während Felicitas die Stufen zu ihrem Arbeitsplatz hinaufstieg, entwickelte sie in Gedanken bereits den Text für die Reportage über das Jubiläum des städtischen Kindergartens.
   »Hallo Siggi!« Sie begrüßte ihren Kollegen, der an seinem Schreibtisch saß und in der aktuellen Ausgabe des Lokalteils las.
   »Hallo Kleine.«
   »Siggi!« Felicitas zog ihre Stirn kraus und warf ihm einen genervten Blick zu. Dass er es nicht lassen konnte, sie bei ihrem Nachnamen zu nennen. Er wusste doch, wie sehr sie darunter litt, so klein zu sein. Ihr Nachname erschien ihr schon, seit sie im Teenageralter bemerkt hatte, dass sie nicht mehr wachsen würde, wie ein Hohn.
   »Ist ja schon gut. Hallo Felicitas.« Siegfried Freising grinste.
   Dieses Wortgeplänkel hatte sich fast schon zu einem täglichen Ritual zwischen ihnen entwickelt. Felicitas stellte ihre Kameratasche auf ihrem Schreibtisch ab und zog den Reißverschluss auf. »Gibt’s was Wichtiges?«, fragte sie, während sie die Chipkarte aus der Kamera zog und in ihren Rechner steckte. Neugierig blickte sie auf den Bildschirm, wo sich nach und nach die Fotos öffneten. Ungeduldig trommelte sie mit ihren Fingern auf der Maus herum und schob sich eine Haarsträhne, die ihr vor das rechte Auge rutschte, hinters Ohr zurück. Sie achtete gar nicht darauf, ob Siggi ihr antwortete. Endlich! Warum brauchte der Rechner immer so lange? Zügig traf sie ihre Auswahl und setzte gleich einen Text unter die Aufnahmen. Anschließend zog sie ihren Notizblock mit den Informationen vom Kindergarten aus ihrer Umhängetasche und begann mit der Ausarbeitung des Artikels.
   »Gibt es noch irgendetwas Interessantes heute?«, fragte sie, ohne das Tippen zu unterbrechen.
   »Nö, eigentlich nicht. Florian ist in der Stadt, einige Dinge besorgen«, berichtete Siggi. »Und der Chef hat einen Termin beim städtischen Finanzausschuss.«
   »Stimmt, hatte ich ganz vergessen. Sonst nichts?«
   »Bisher nicht. Ich bearbeite gerade die Ankündigung für das Sommerfest des Schützenvereins.«
   »Ziemlich mau im Moment. Man merkt, es ist Urlaubszeit.«
   In diesem Moment klingelte Siggis Telefon. Er griff zum Hörer und Felicitas vertiefte sich wieder in ihren Bericht.
   »Felicitas, ich muss los. Ein Unfall, hier ganz in der Nähe.« Schon hatte Siggi seine Kamera in der Hand und eilte damit aus der Redaktion.
   Auch gut. So kann ich in Ruhe arbeiten, dachte Felicitas. Doch kurz darauf war es mit der Ruhe vorbei. Florian Römer kam mit schnellen Schritten hereingestürmt. In der Hand balancierte er ein Paket, das er auch gleich vor Felicitas abstellte.
   »Hallo, du Schöne.« Er grinste Felicitas breit an. »Ich habe dir was mitgebracht«, sagte er und öffnete das Papier, das Felicitas eindeutig als das Verpackungsmaterial der Eisdiele aus der Nachbarschaft erkannte.
   »Florian, wie oft soll ich es dir noch sagen, nenn mich bei meinem Namen. Außerdem will ich nicht, dass du mir etwas mitbringst. Und du sollst nicht ständig etwas auf meinem Schreibtisch deponieren. Du hast einen eigenen.«
   »Ich habe uns Eis mitgebracht. Ist ja schon vor dem Mittag mächtig heiß draußen.«
   »Okay, das war ausnahmsweise mal eine gute Idee. Aber zu deinem Pech ist Siggi grad zu einem Termin gefahren.«
   »Dann teilen wir beide uns Siggis Portion. Gemeinsam mit dir an einem Eis zu löffeln …« – er seufzte theatralisch – »… was kann schöner sein?«
   »Florian, es reicht. Übertreib es nicht. Sonst landet dein Eis da, wo du es garantiert nicht haben willst.«
   »Schon gut, beruhige dich.« Florian drückte Felicitas einen der Eisbecher in die Hand und reichte ihr einen Plastiklöffel dazu. »Lass es dir schmecken.«
   »Danke. Nimm bitte das Paket mit zu dir rüber, damit ich weiterarbeiten kann.«
   »Was soll ich denn jetzt mit Siggis Eis machen?«
   »Selbst essen oder ins Eisfach stellen.«
   »Gute Idee. Wenn ich dich nicht hätte.« Florian ging zu seinem Platz.
   »Florian, lass mich arbeiten. Das solltest du übrigens auch tun. Der Chef wird bestimmt bald hier sein.«

Felicitas war längst mit dem Bericht über den Kindergarten fertig, als Harald Kunert die Redaktion betrat. »Tag allerseits«, rief er in die Runde und eilte weiter in sein Büro, das hinter dem Redaktionsraum lag.
   Wie kann der bei dem schwülen Wetter einen Anzug und Krawatte tragen, fragte sich Felicitas und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Aber sie kannte ihn nicht anders. Er erschien immer korrekt gekleidet am Arbeitsplatz. Durch die Glasfront, die das Büro des Chefs von ihrem abtrennte, beobachtete sie, wie Kunert sein Jackett auszog und über die Stuhllehne hängte, sich mit einem Taschentuch das Gesicht abtupfte und den Krawattenknoten ein wenig lockerte. Er ist also doch aus Fleisch und Blut. Sie wollte nicht ungerecht sein, sie mochte ihren Chef. Er konnte zwar hart und unerbittlich sein, zeigte sich aber seinen Mitarbeitern gegenüber stets fair und hatte für deren Belange immer ein offenes Ohr.
   Felicitas erhob sich und ging zum Büro ihres Chefs. Der hatte ihr Kommen bereits bemerkt und winkte sie herein.
   »Was gibt es, Frau Kleine?«
   »Was stehen heute noch für Termine an? In meinem Plan ist nichts eingetragen.«
   »Sie haben recht, Saure-Gurken-Zeit. Alles ist in Urlaub. Wo ist eigentlich der Freising?«
   »Unfall.«
   »Wenn er wieder zurück ist, will ich mit Ihnen allen etwas besprechen. Ich habe so einige Ideen, wie wir das Sommerloch füllen können.«
   Felicitas nickte, verließ das Büro und informierte Florian über die anstehende Besprechung.

Eine gute Stunde später stand Kunert plötzlich vor Felicitas Schreibtisch. »Ist der Freising immer noch nicht da?«
   »Tut mir leid, gemeldet hat er sich auch noch nicht.«
   »Vielleicht bringt er ja was als Aufhänger. Fahren Sie doch mal ins Südbad, ein paar Fotos schießen.« Kunert wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Bei der Hitze ist da bestimmt was los.«
   »Kann das nicht Florian machen? Schließlich muss er irgendwann mal allein los.« Felicitas senkte die Stimme. »Und ein paar Fotos im Schwimmbad traue ich ihm gerade noch zu. Auch als Praktikant müsste er selbst einen Auftrag auf die Reihe kriegen.«
   »Okay, versuchen wir es. Da kann er nicht so viel falsch machen, außer vielleicht ins Wasser zu stolpern.«
   Felicitas stöhnte auf. Die Sache mit Florian wurde wirklich langsam lästig. Er war so ungeschickt. Vor einigen Tagen erst hatte er doch tatsächlich so lange an seiner Kamera herumgefummelt, bis er die Fotos von einem Termin am Vorabend gelöscht hatte. Natürlich ohne sie vorher auf dem PC abgespeichert zu haben. Wieder einmal war sie es gewesen, die ihm aus der Patsche geholfen hatte. Sie war mit ihm zu dem Ehepaar gefahren, über deren diamantene Hochzeit er berichten sollte. Sie mussten neue Fotos von dem Jubelpaar knipsen und Florian hatte sich mit hochrotem Kopf für die Unannehmlichkeit entschuldigt.
   »Herr Römer!«, rief der Chef quer durch den Redaktionsraum.
   »Ja, Chef?« Florian schoss aus seinem Bürostuhl empor und Felicitas erwartete fast, dass er salutierte. Sie verkniff sich ein Kichern.
   »Sie dürfen ins Schwimmbad.«
   »Ich hab aber keine Badehose dabei.«
   »Römer, Sie sollen auch nicht schwimmen gehen, sondern die Badegäste fotografieren.«
   Florian errötete. »Klar, Chef.«
   »Lebendige Fotos will ich, Kinder und Erwachsene, die planschen, einen Kopfsprung machen … Sie wissen schon.«
   »Klar, Chef. Kein Problem.«
   »Hoffen wir es«, murmelte Kunert, drehte sich um und ging in sein Büro.
   Eifrig schnappte sich Florian seine handliche Kompaktkamera und schob sie in die Hosentasche. Einen kleinen Block samt Kuli steckte er in die Brusttasche seines Hemdes. Schon kam er auf Felicitas zu, stützte sich auf ihrem Schreibtisch ab und beugte sich zu ihr herüber. Er räusperte sich.
   »Felicitas, ich habe da eine Idee. Ich könnte schnell nach Hause fahren und eine Badehose holen. Dann kann ich ins Wasser steigen und bestimmt supercoole Fotos schießen.«
   »Ich kann ja verstehen, dass du die Gelegenheit für eine Abkühlung nutzen willst. Verkneif es dir lieber. Du könntest deine Kamera versenken oder gar ertrinken. Uns reichen Aufnahmen vom Rand aus. Allerdings solltest du in die Hocke gehen oder dich an den Rand setzen. Du weißt, die richtige Perspektive …«
   »Ja, ja, alles klar. Bis später.«
   Seufzend sah ihm Felicitas nach. Das würde später bestimmt wieder eine Menge Arbeit bedeuten. Florian hatte eindeutig keinen Instinkt dafür, wie er Menschen oder Objekte in Szene setzen konnte. Mit den Texten hatte er ebenfalls seine Probleme. Sie hatte sich schon mit Siggi darüber unterhalten und auch er war der Meinung, die Arbeit bei einer Zeitung sei absolut nichts für Florian. Glücklicherweise endete seine Praktikumszeit in knapp drei Monaten. Doch bis dahin würden Siggi und sie so einiges auszubügeln haben, was Florian garantiert noch in den Sand setzen würde.

Kurz nachdem Florian in Richtung Freibad verschwunden war, erschien Siggi in der Redaktion.
   »Mannomann. War ganz schön heftig. Jetzt brauch ich erst mal einen starken Kaffee.« Er deponierte die Kameratasche auf seinem Schreibtisch, nahm seinen Kaffeebecher und ging zur winzigen Küchenzeile hinter dem Redaktionsraum. Er goss sich den letzten Rest des braunen Gebräus ein, das seit Stunden in der Glaskanne der Kaffeemaschine auf ihn wartete. Angeekelt verzog er sein Gesicht und schüttete den Kaffee in das Spülbecken. »Das Gesöff kann ja keiner mehr trinken.«
   »Wie kannst du an so einem Tag überhaupt etwas Heißes trinken?«, fragte Felicitas von ihrem Platz aus.
   »Ohne Kaffee bin ich zu nichts zu gebrauchen, das weißt du doch.«
   »Dann trink ihn halt kalt, vielleicht mit einer Kugel Eis.« Felicitas schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Apropos Eis. Da steht eine Portion für dich im Eisfach. Hat Florian vorhin mitgebracht.«
   »Danke, im Moment nicht. Ich muss erst den Unfall verdauen.« Siggi hantierte mit einer Filtertüte, häufte Kaffeepulver hinein, goss Wasser in die Maschine und drückte auf den Startknopf. Dann kam er auf Felicitas zu und setzte sich auf die Ecke ihres Schreibtisches. »Da ist einer auf abschüssiger Straße gegen eine Hauswand geknallt. Ohne zu bremsen. Er muss ein ziemliches Tempo drauf gehabt haben. Er war sofort tot.«
   »Selbstmord?«
   »Keine Ahnung. Könnte sein. Oder die Bremsen haben versagt. Er fuhr einen alten klapprigen Kleinwagen. War auch kein Airbag drin. Du glaubst nicht, wie der Wagen jetzt aussieht. Er hat keine Schnauze mehr. Ist zusammengeschoben bis zu den Vordersitzen. Der Fahrer hatte echt keine Chance.« Siggi atmete tief durch. »Eingeklemmt war er, die Feuerwehr musste ihn herausschneiden. Ich habe das noch gesehen, konnte auch noch ein paar Fotos davon schießen, bevor mich die Bullen weggescheucht haben.«
   »Wie alt war er? Weißt du, wer er ist?«
   »Sie wussten noch nicht, ob der Fahrer auch der Wageninhaber ist. Er schien keine Papiere dabei gehabt zu haben. Der Fahrzeugschein lag im Handschuhfach. Kölner Kennzeichen. Vielleicht ein Geschäftsmann.«
   »Ich glaube kaum, dass ein Geschäftsmann einen klapprigen Wagen fährt.«
   »Da könntest du recht haben. Wir werden sehen, was die Ermittlungen ergeben.« Er rutschte vom Schreibtisch. »Muss sehen, dass ich das in den PC kriege.« Er öffnete seine Tasche, zog die Speicherkarte aus seiner Kamera und steckte sie in den Rechner. Noch ein Blick auf den Bildschirm, um zu kontrollieren, ob alles funktionierte, dann schlurfte Siggi in die Küchenecke, um sich den frisch aufgebrühten Kaffee in seinen Becher zu gießen. Auf dem Weg zurück zu seinem Arbeitsplatz nahm er einen großen Schluck. »Endlich! Das baut mich wieder auf.« Er setzte sich und vertiefte sich in die Bilder vor ihm.
   Felicitas’ Gedanken überschlugen sich. Was, wenn es kein Selbstmord und kein technisches Versagen war? Vielleicht hatte jemand die Bremsen manipuliert. Das wäre Mord! Sie sprang auf, der Bürostuhl landete mit Schwung am Regal hinter ihr. »Siggi! Was, wenn da jemand nachgeholfen hat? Dann war es Mord.«
   Siggi sah auf. »Feli, die Fantasie geht schon wieder mit dir durch. Gab’s gestern wieder einen Tatort? Oder hast du einen deiner Thriller gelesen?«
   Mit einer Handbewegung wischte Felicitas Siggis Bemerkung fort. »Überleg doch mal …«
   »Das ist nicht unser Bier. Wenn bei dem Unfall etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein sollte, wird die Polizei das schon herausfinden. Das ist nämlich ihr Job.«
   »Erinnerst du dich an den Fall mit der Pilzvergiftung? Da hattest du auch gemeint, vielleicht wären die Pilze nicht mehr ganz frisch gewesen. Und dann fanden sie heraus, dass giftige dazwischen waren.«
   »Aber es war nicht festzustellen, ob die Dame, die sie gesammelt hatte, versehentlich ein paar falsche erwischt oder ob ihr jemand giftige Exemplare untergemischt hatte. Sie konnte doch nach ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden.«
   »Und dann die Sache mit dem Bootsunfall im vergangenen Sommer …«
   »Feli, du hättest zur Kripo gehen sollen. Da wärst du immer am Geschehen und bräuchtest nicht so viele Krimis lesen.«
   Felicitas stemmte ihre Hände in die Hüften und baute sich vor Siggis Schreibtisch auf. »Wozu sind wir eigentlich da? Doch nicht nur, um über irgendwelche Jubiläen oder Kleingartenfeste zu schreiben. Recherche, mein Lieber, hinter die offensichtlichen Dinge blicken, das ist unsere Aufgabe.«
   »Gut so, machen Sie ihm ruhig ein wenig Dampf. Er kann das ab und an gebrauchen.«
   Au weia. Sie hatte den Chef gar nicht kommen hören und an Siggis roten Ohren erkannte sie, wie peinlich es ihm sein musste, dass sein Vorgesetzter die kleine Standpauke mitbekommen hatte. Erschrocken biss sich Felicitas auf die Lippen und drehte sich um.
   »Sie brauchen beide nicht gleich in Panik geraten. Ein paar deutliche Worte haben noch niemandem geschadet. Aber deswegen bin ich nicht hier. Was war los bei dem Unfall, Herr Freising?«
   Siggi erklärte in wenigen Worten, was er herausgefunden hatte, und zeigte seinem Chef die Aufnahme, die er für den Artikel ausgesucht hatte.
   »Gut, machen Sie was draus. Wir treffen uns in einer halben Stunde in meinem Büro. Wäre gut, wenn Sie bis dahin alles im Kasten haben.«
   »Geht in Ordnung, Herr Kunert.«

»Wir starten eine Serie über Künstler in unserer Region«, informierte Kunert seine Mitarbeiter kurze Zeit später.
   »An welche Kunstrichtung haben Sie dabei gedacht?«, fragte Siggi.
   »An alle. Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Musiker. Sehen Sie im Archiv nach, über wen wir schon mal berichtet haben. Fragen Sie beim Kunst- und Kulturverein, welche Ausstellungen in naher Zukunft geplant sind. Statten Sie dem nächsten Floh- oder Kunsthandwerkermarkt einen Besuch ab.«
   Felicitas nickte. »Das ist genau mein Ding. Ich habe da auch schon ein paar Ideen. Darf ich das machen?«
   »Teilen Sie sich die Termine auf. Sie können beide daran arbeiten. Je nachdem, was sonst so ansteht.«
   »Ich weiß, dass im Moment eine Ausstellung mit Aquarellen läuft. Den Namen der Malerin finde ich ganz schnell heraus.«
   »In Ordnung. Fangen wir mit ihr an. Ich will Motive von ihren Arbeiten, natürlich auch eines, während sie an einem ihrer Bilder malt. Sie wissen schon. Und selbstverständlich alles über ihren Werdegang.«
   »Natürlich, Herr Kunert.« Felicitas erhob sich von ihrem Platz. »Am besten fange ich gleich an.«

2. Kapitel

Wie Felicitas vom Kunstverein, der die Ausstellung in den eigenen Räumen präsentierte, erfuhr, war besagte Malerin aufgrund einer akuten Blinddarmentzündung wenige Tage zuvor operiert worden. Natascha Scherwinsky lag noch im Krankenhaus. Gezwungenermaßen verschob Felicitas diese Reportage. Sie suchte im Archiv nach möglichem Ersatz. Ihre Wahl fiel auf Viktor Gabriel, einen Steinbildhauer. Über seine Arbeiten fand sie in einem Artikel des jüngsten Kunsthandwerkermarktes eine Notiz und erfuhr dabei auch, dass er sein Domizil in einem kleinen Ort in der Nähe hatte.
   Vergeblich suchte sie im Telefonbuch nach seiner Adresse und Telefonnummer. Auch im Internet fand sie keinen Eintrag. Komisch. Felicitas ging davon aus, dass dieser Bildhauer seine Kunstwerke verkaufen wollte. Weshalb sonst wäre er in dem Bericht über den Kunsthandwerkermarkt erwähnt worden? Felicitas’ Neugier war geweckt.
   Noch einmal durchforstete sie das Internet nach einer Notiz über diesen Gabriel. Nichts. Also würde sie diesem Herrn einen unangekündigten Besuch abstatten. Sie entschied, ihr Vorhaben gleich am nächsten Vormittag umzusetzen. In dem kleinen Ort, kurz hinter Hameln, würde sie ihn schon finden, davon war sie überzeugt. Sie informierte sowohl Siggi als auch ihren Chef über ihr Vorhaben.
   »Haben Sie noch etwas Dringendes auf dem Schreibtisch?«, fragte Kunert.
   Felicitas verneinte.
   »Gut, dann nehmen Sie sich den Rest des Nachmittags frei. Die Zeit ist günstig zum Abbummeln von Über-stunden.«
   »Ja, aber Florian …«
   »Kein Problem, das machen wir schon, nicht wahr, Herr Freising?«
   Siggi nickte. »Was willst du mit dem angebrochenen Tag anfangen, Feli? Vielleicht ins Schwimmbad gehen?«
   »Gott bewahre. Wenn ich schon mal freihabe, dann will ich bestimmt nicht Florian über den Weg laufen.« Sie räumte zügig ihren Schreibtisch auf, fuhr den Rechner herunter und stellte den Bildschirm aus. Sie winkte ihrem Kollegen zu und verließ mit Kamera- und Umhängetasche über der Schulter das Büro.
   Was jetzt? Ein spontaner Stadtbummel wäre nicht schlecht. Durch eine kleine Gasse gelangte sie von der Redaktion zur Osterstraße, eine der beiden Hauptstraßen der Fußgängerzone. Vor der Auslage einer kleinen Boutique blieb sie stehen. Tolle Sachen, aber eindeutig nicht ihre Preislage, fand sie und schlenderte weiter. Sie hob ihren Blick zu der Häuserfront empor und freute sich wieder einmal über die üppig verzierten Fassaden. Die meisten der Häuserfronten waren im Stil der Weserrenaissance des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts erbaut worden und bestanden vorwiegend aus Fachwerk oder Weser-Sandstein. Felicitas wusste auch, dass das Gestein aus den Steinbrüchen in Obernkirchen stammte. Der Sandstein von dort war berühmt. Wenn sie genügend Zeit erübrigen konnte, sah sie sich gern die Häusergiebel an und entdeckte jedes Mal wieder etwas Neues. Töne aus einer Flöte, ganz in der Nähe, rissen sie aus ihren Betrachtungen. Das war doch … Tatsächlich! Der Rattenfänger, beziehungsweise der junge Mann, der in dieser Saison die Hamelner Sagengestalt verkörperte und Touristen in der Stadt herumführte, lief musizierend an ihr vorüber. Ihm folgte eine beträchtliche Schar Touristen. Er nickte ihr zu, ohne sein Flötenspiel zu unterbrechen. Felicitas winkte. Sie kannte ihn von diversen Presseterminen. In einigem Abstand folgte sie der Gruppe, die jetzt vor dem Hochzeitshaus, genauer gesagt vor der Front mit dem Glockenspiel, stehenblieb. Felicitas wandte den Blick den Auslagen des Geschäfts neben ihr zu. Dann bog sie nach links in die Bäckerstraße ein. Magisch zogen sie die Büchertische vor der nächsten Buchhandlung an. Sie liebte es, hier zu stöbern, verschiedene Bücher in die Hand zu nehmen und erst einmal den Klappentext zu lesen. Wie oft schon hatte sie in den Büchern geblättert und die eine oder andere Textstelle gelesen. So gut wie nie verließ sie das Geschäft, ohne wenigstens ein Buch gekauft zu haben. Kurzerhand nahm sie einen Ostfriesenkrimi einer ihr unbekannten Autorin in die Hand. Der Klappentext hörte sich vielversprechend an, und da in ihrem Bücherregal kein ungelesenes Buch stand, entschied sie sich, den Krimi zu kaufen. Kriminalgeschichten hatten es ihr besonders angetan und sie freute sich schon darauf, in Gedanken mit den ermittelnden Kommissaren zu wetteifern, wer von ihnen als Erstes den Täter entlarven würde. Im Geschäft nebenan durchstöberte sie einen Ständer mit T-Shirts und erstand noch zwei Oberteile. Auweia. Wenn das so weiterging, würde es ein kostspieliger Nachmittag werden. Besser wäre es, sie würde sich schleunigst auf den Heimweg machen. Allerdings kam sie nur bis zu ihrem Lieblingseiscafé, das fast am Ende der Fußgängerzone lag. Noch schnell ein Eis auf die Hand. Während sie sich ans Ende der beträchtlich langen Schlange stellte, entschied sich Felicitas anders. Warum nicht hier bleiben? Schließlich hatte sie nichts mehr vor. Unter einem Sonnenschirm nahm sie Platz und bestellte sich einen großen Früchtebecher mit Sahne. Während sie genüsslich ihr Eis löffelte, begann sie, in dem neuen Buch zu lesen.
   »Hallo Feli, was machst du denn hier?«
   Zögernd blickte Felicitas von ihrem Buch auf, obwohl sie die Stimme sofort erkannt hatte. Ausgerechnet jetzt, wo der erste Mord passierte.
   »Chrissi!« Beim Anblick ihrer besten Freundin klappte Felicitas das Buch zu. »Musst du nicht arbeiten?«
   Chrissi setzte sich und winkte die Bedienung heran. »Einen Cappuccino, bitte.« Dann wandte sie sich wieder an Felicitas. »Ich bin auf dem Weg ins Hotel, hab mit einer Kollegin getauscht und ihre Spätschicht übernommen.« Sie schmunzelte. »Aber ein Viertelstündchen kann ich noch abknapsen, wo ich dich gerade treffe. Nun erzähl schon, was ist mit dir?«
   »Mein Chef entschied, heute sei eine gute Gelegenheit, um Überstunden abzubummeln.«
   »Schade, wenn ich gewusst hätte, dass du freihast, dann hätte ich nicht getauscht. Mit dir bummeln zu gehen wäre mir bedeutend lieber.«
   »Kann ich mir vorstellen.« Felicitas lachte. »Aber unseren Konten zuliebe sollten wir in nächster Zeit keinen Einkaufsbummel machen.«
   »Da hast du wahrscheinlich recht. Aber wie es aussieht, bist du mal wieder schwach geworden.« Chrissi betrachtete grinsend die Einkaufstüten, die auf dem Stuhl neben ihr lagen, als die Bedienung den Cappuccino brachte.
   »Ich zahl gleich«, sagte Felicitas und holte ihr Portemonnaie heraus.
   »Was hast du denn noch vor?«
   Felicitas zuckte die Schultern. »Weiß noch nicht. Erst mal nach Hause. Vielleicht lesen und am Abend noch ein wenig Sport.«
   »Sport bei der Hitze?«
   Felicitas rollte mit den Augen. »Dann schwitze ich mir wenigstens das riesige Eis aus.« Sie seufzte. »Warum bleib ich immer wieder hier hängen? Dabei gab es vorhin in der Redaktion schon ein Eis.«
   »Du bist und bleibst halt ein Leckermäulchen.« Chrissi zwinkerte ihrer Freundin zu und leckte sich den Cappuccinoschaum von den Lippen.
   »Ja, eines, das bald aussehen wird wie eine zu kurz geratene Litfaßsäule.«
   »Nun übertreib nicht. Erstens bist du nicht zu dick und zweitens sollst du nicht immer sagen, du wärst zu kurz geraten.«
   »Bin ich doch aber.«
   Chrissi fasste über den Tisch hinweg nach Felicitas’ Hand. »Es muss auch kleine Leute geben. Außerdem kommt wahre Größe von innen heraus.«
   »Du hast gut reden. Mit deinen eins fünfundsiebzig hast du natürlich keine Probleme. Weder beim Einkaufen, bei den Klamotten noch bei Männern. Ich muss ständig meine Sachen kürzen lassen und ans obere Regal im Supermarkt komme ich auch nicht dran. Weißt du eigentlich, wie peinlich es ist, andere Leute zu bitten, mir was aus dem Regal zu reichen?«
   »O Feli, du und dein Größenkomplex. Vermutlich glaubst du auch noch, deshalb keinen Mann zu finden.«
   Seufzend schob sich Felicitas eine letzte Erdbeere, die sie auf dem Grund des Eisbechers fand, in den Mund. »Stimmt doch auch.«
   »Du hast einen Knall, Frau Kleine!«
   »Siehst du, schon mein Name ist Programm.«
   Chrissi lachte und warf gleichzeitig einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Schade, ich muss jetzt los.« Sie erhob sich und umarmte ihre Freundin. »Ich würde dir gern noch ein wenig deine Komplexe austreiben. Aber wenn ich mich nicht spute, krieg ich wieder einen Anpfiff. Mach’s gut. Ich ruf dich morgen Abend an.«
   Felicitas blickte der Freundin nach. Sie kannten sich schon seit dem Kindergarten und waren auf die gleiche Schule gegangen. Chrissi war eigentlich in jeder Lebenslage ein Schatz und immer hilfsbereit. Nur manchmal nervte sie – so wie gerade eben.
   Entschlossen erhob sich Felicitas und verstaute ihr Buch in einer der Einkaufstüten. Dann suchte sie ihre Taschen zusammen und beeilte sich, zu ihrem Wagen zu kommen, der noch immer auf dem Parkplatz hinter dem Pressegebäude stand. Eigentlich hätte Felicitas zu Fuß nach Hause gehen können, der Weg aus der Innenstadt dauerte nur knapp fünfzehn Minuten, aber da sie für ihre Arbeit stets mobil sein musste, blieb ihr nichts anderes übrig, als mit dem Wagen zur Arbeit zu fahren.
   Ihren Vorsatz, am Abend noch etwas Gutes für ihre Figur zu tun, verschob Felicitas. Zu spannend waren die Geschehnisse in dem neuen Krimi. Als sie dort über einen Unfall las, bei dem die Bremsleitungen durchgeschnitten worden waren, fiel ihr Siggis Bericht vom Nachmittag wieder ein. Im Buch ging es um die Machenschaften der italienischen Mafia und um Schutzgeldforderungen. Es könnte doch durchaus möglich sein, dass der Auslöser des Autounfalls in Hameln ebenfalls die Handschrift der Mafia trug, grübelte Felicitas mit zusammengezogenen Augenbrauen. Auf jeden Fall wollte sie Siggi darauf aufmerksam machen. Er musste einfach in der Richtung noch mal recherchieren. Die Mafia oder was auch immer für Ganoven in ihrem beschaulichen Städtchen? Das wäre nicht auszudenken.

Am frühen Morgen machte sich Felicitas bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg in das kleine Dorf, das wenige Kilometer hinter Hameln idyllisch am Rande eines Waldes lag, und in dem Viktor Gabriel wohnen sollte. Gleich am Ortseingang sah sie einen Bäckerladen, vor dem sie anhielt. Dort fragte sie nach der Adresse des Bildhauers und kaufte sich bei der Gelegenheit ein belegtes Brötchen.
   »Hinter dem Ort, dicht am Waldrand müsste er wohnen«, sagte die Bäckereiverkäuferin. »Dort liegt ein großes Grundstück mit einem alten Backsteinhaus darauf. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich dort bei einem Spaziergang allerlei Skulpturen stehen sehen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ganz sicher bin ich mir aber nicht. Ich wohne nämlich nicht hier.«
   Felicitas legte das Geld auf den Tresen und nahm ihre Brötchentüte entgegen. »Vielen Dank, ich werde es schon finden.«
   Ihren Proviant verstaute sie in einer kleinen Kühltasche, die sie sich erst vor einigen Tagen gekauft hatte. Sie nahm stets eine Flasche Mineralwasser mit, wenn sie unterwegs war, und in diesem heißen Sommer erwies sich die Kühltasche als wahrer Glücksgriff – vorausgesetzt, man vergaß die Kühlakkus nicht. Darauf, ebenso wie auf genaueste Recherchen bei ihrer Arbeit, achtete Felicitas.
   Vom Parkplatz vor dem Bäckerladen aus konnte Felicitas den Wald bereits sehen. Sie startete den Wagen und fuhr langsam die Hauptstraße entlang. An der nächsten Biegung führte die Straße vom Wald weg, doch kurz darauf fand Felicitas eine Abzweigung, die zum Wald zu führen schien. Sie setzte den Blinker und bog nach links ab. Im Schritttempo fuhr sie weiter. Nach einigen Häusern lagen nur noch Wiesen und Gärten beidseitig der Straße. War sie hier überhaupt richtig? Felicitas entschied, bis zum Waldrand weiter zu fahren und sich dort umzusehen. Rechts säumte jetzt eine Hecke die Fahrbahn. Kurz darauf sah sie ein Tor, hielt an und stieg aus. Vergeblich suchte sie nach einem Hinweisschild. Sie legte schützend ihre Hand vor die Augen, damit die Sonne sie nicht blendete, und drehte sich langsam um die eigene Achse. Was sie sah, gefiel ihr. Sie liebte die ländliche Umgebung von Hameln. Von hier aus konnte sie sogar die Silhouette der Stadt erkennen und die Weser, die sich, in der Sonne glitzernd, ihren Weg durch Wiesen, Felder und Dörfer bahnte.
   »Herrlich«, flüsterte sie. Schweren Herzens wandte sie sich ab, schließlich hatte sie einen Job zu erledigen. Den wollte sie gewissenhaft ausführen. Entschlossen schob sie die eine Haarsträhne, die sich immer wieder selbstständig machte, zurück, drückte die Klinke am Tor hinunter und trat auf einen schmalen Pfad. Nach einigen Schritten entdeckte sie auf der Wiese, die sich linker Hand befand, einen Findling im Gras. Verschiedene Wildblumen wuchsen rund um ihn herum und verströmten einen betörenden Duft. Felicitas blieb stehen und atmete tief ein. Herrlich! So riecht der Sommer. Schließlich riss sie sich los und setzte ihren Weg fort. Der Pfad bog um eine Baumgruppe herum nach links. In ihrem Blickfeld erschien ein kleines Haus aus rotem Backstein. Es schien schon sehr alt zu sein. Die mit grüner Farbe gestrichene Tür in der Mitte der Vorderfront fiel Felicitas sofort auf. Rechts und links davon gab es je zwei kleine Sprossenfenster, die Rahmen weiß lackiert. Hinter der Hausecke lugte ein Holzschuppen hervor. Am meisten interessierte Felicitas eine Gruppe aus Stein gefertigter Eulen, die größte vielleicht einen halben Meter hoch, die neben der Haustür stand. Sie trat näher heran und betastete eines der steinernen Tiere. Erstaunlich, wie exakt und filigran der Künstler jede Kontur, fast jede einzelne Feder, herausgearbeitet hatte. Das Material fühlte sich ein wenig rau, aber durchaus angenehm an. Aus ihrer Fototasche zog sie die Kamera hervor, ging vor der Eulenfamilie auf die Knie, stellte den Apparat ein und machte einige Aufnahmen. Zufrieden erhob sie sich wieder und suchte nach einem Namensschild neben der Klingel. Sie fand keines. Entschlossen drückte sie auf den Klingelknopf. Niemand öffnete und sie hörte auch kein Geräusch aus dem Innern des Hauses. Sie versuchte es noch einmal. Nichts. Felicitas entschied sich, nach dem Eigentümer zu suchen. Vielleicht hielt er sich hinter dem Haus auf. Sie eilte an der Hausfront entlang und kam, als sie um die Ecke bog, auf einen unbefestigten Platz. Die Mitte nahm ein großer Quader ein. Sie trat näher. Sandstein. An diesem Block war eindeutig gearbeitet worden. Sie fühlte über die Rillen und Unebenheiten, die irgendwann einmal eine Figur ergeben würden. Jetzt konnte Felicitas allerdings noch nicht erkennen, was aus diesem mächtigen Stein werden sollte. Werkzeuge, die sie als verschieden dicke Hämmer und Meißel deutete, lagen am Boden.
   Sie trat einige Schritte zurück und ließ ihren Blick über den Platz schweifen. Mehrere kleinere Felsbrocken aus dem gleichen Material lagen verstreut herum. Neben dem Schuppen stand ein alter Transporter. Er sah schon ziemlich verbeult aus und einige rostige Stellen überzogen den hellgrauen Lack. Hatte sie hier den Arbeitsplatz von Viktor Gabriel gefunden? Felicitas vermutete es, obwohl der Künstler nicht zu sehen war. Neugierig blickte sie sich auf dem Hof um. In der einen Ecke lagerten Sandsteinblöcke in den unterschiedlichsten Größen. Sie sah Vogeltränken, dekoriert mit Vögeln oder Fröschen, und verzierte Steinplatten. All diese Gegenstände fotografierte sie. Dann entsann sie sich, dass sie ja den Künstler sprechen wollte.
   »Hallo«, rief sie. »Hallo, Herr Gabriel!«
   Niemand antwortete.
   Vielleicht ist er ja in dem Schuppen und tief in seine Arbeit versunken, überlegte Felicitas. Doch auch dort fand sie ihn nicht und auch nicht auf der Wiese, die sich hinter dem Schuppen ausbreitete und bis zum Waldrand zu reichen schien.
   War sie umsonst hergekommen? Was jetzt? Bleiben und warten, bis er auftauchte? Oder unverrichteter Dinge zur Redaktion fahren? Sie zog ihr Handy aus der Tasche und rief ihren Chef an.
   »Bleiben Sie ruhig noch ein Weilchen«, riet er ihr. »Vielleicht taucht er gleich wieder auf. Sie können ja schon mal einiges fotografieren.«
   »Schon erledigt.«
   »Wenn Sie ihn in der nächsten Viertelstunde nicht antreffen, kommen Sie zurück.«

Felicitas ließ sich auf der kleinen Holzbank nieder, die im Schatten des Hauses unter einem der Sprossenfenster stand. Auf dem Display der Kamera überprüfte sie die eben gemachten Aufnahmen. Sie wischte sich über die Stirn. Ganz schön heiß, selbst hier im Schatten. Durstig war sie auch, aber ihr Getränk steckte in der Kühltasche und die stand im Auto. In der prallen Sonne zurücklaufen und die Flasche holen mochte sie auch nicht. Sie steckte den Fotoapparat in die Tasche zurück und erhob sich. Neugierig kniete sie sich auf die Sitzfläche der Gartenbank und sah durch eines der Fenster ins Haus. Viel konnte sie nicht erkennen, lediglich eine schlichte weiße Küchenzeile. Davor stand ein kleiner runder Tisch mit drei Stühlen. Der Inhaber dieses Hauses schien nicht besonders auf Ordnung zu achten. Eine Tasse und ein Teller, auf dem Besteck lag, standen auf dem Tisch, auf dem Herd einige Töpfe. Felicitas rümpfte die Nase. Ihr würde es nie passieren, dass sie aus dem Haus ging, ohne in der Küche aufgeräumt und abgewaschen zu haben. Sie hasste es, wenn sie abends nach Hause kam und als Erstes das schmutzige Geschirr vom Frühstück vorfand. Der Typ schien sowohl seine Wohnung wie auch seinen Arbeitsplatz gern unaufgeräumt zu hinterlassen. Sie war neugierig, wie Viktor Gabriel aussah und was für einen Eindruck sein Äußeres auf sie machen würde. Der Eindruck, den sie im Moment von ihm bekam, war nicht gerade der Allerbeste. Obwohl ihr die Arbeiten, die sie bisher von ihm gesehen hatte, gefielen.
   Nachdem sie noch einige Minuten ausgeharrt hatte, entschloss sie sich, zur Redaktion zu fahren. Sie schrieb ihren Namen, die Telefonnummer der Redaktion und den Grund für ihren Besuch auf ihren Notizblock mit der Bitte um einen Anruf. Den Zettel riss sie vom Block und deponierte ihn vor dem Steinquader auf dem Boden. Vorsichtshalber legte sie den dicken Hammer darauf, damit ihre Notiz nicht davonwehen konnte. Sie war sich sicher, dass Viktor Gabriel ihre Nachricht nicht übersehen würde.
   Heiße Luft strömte ihr entgegen, als Felicitas die Autotür öffnete. Rasch kurbelte sie die Fenster der Fahrer- und der Beifahrerseite herunter, um für etwas Durchzug zu sorgen. Glücklicherweise hatten die Akkus der Kühltasche ihr Wasser kühl gehalten und sie trank fast die ganze Flasche auf einmal aus. Dann setzte sie sich hinter das Lenkrad und startete den Wagen.

Viktor Gabriel runzelte die Stirn, als er aus dem Dickicht des Waldes trat und einen roten Kleinwagen vor der Einfahrt zu seinem Grundstück stehen sah. Eine zierliche Person mit wilder Mähne, eindeutig eine Frau, setzte gerade eine Flasche an ihre Lippen. Schon wieder jemand, der seine Einfahrt als Parkplatz nutzte. Na, der würde er was erzählen. Doch bevor er nah genug an den Wagen herankam, stieg die Person ein und fuhr los. Auch gut. Das ersparte ihm lästige Diskussionen. Er hatte sich ohnehin genug andere Dinge vorgenommen und beeilte sich, an seine Arbeit zu kommen. Doch ein Waldspaziergang am Morgen, wie er ihn gerade hinter sich hatte, war in den vergangenen Jahren zu einem täglichen Ritual in seinem Leben geworden und er spürte jedes Mal, wie der Wald ihn geradezu inspirierte.
   Viktor trat durch die Eingangstür seines Hauses und schwenkte nach links in die kleine Küche. Mit einer schnellen Handbewegung verscheuchte er ein paar Fliegen, die auf dem Teller saßen, den er zum Frühstück benutzt hatte, und der noch immer auf dem Tisch stand. Er hasste das Abwaschen, hielt es bei den hohen Temperaturen jedoch für sinnvoll, sein Geschirr zu säubern, bevor es noch mehr Ungeziefer ins Haus lockte. Eilig spülte er die benutzten Teile unter fließendem Wasser ab und ließ sie zum Trocknen auf der Ablage neben dem Spülbecken liegen. Mit einer Flasche Mineralwasser verließ er kurz darauf das Haus und eilte in Richtung Hof. Er schob sich die Schutzbrille, die er, wenn er seine Arbeit unterbrach, in der Brusttasche seines Overalls aufbewahrte, auf die Nase und zog sich die ledernen Arbeitshandschuhe über, die er vor etwa einer Stunde auf dem Steinquader abgelegt hatte. Viktor Gabriel hatte schon am frühen Morgen, so gegen sieben Uhr, begonnen, den Stein zu bearbeiten. Er konnte selten länger als fünf, sechs Stunden schlafen und war meist schon beim ersten Vogelgezwitscher wach. Jeden Morgen musste er sich zügeln, nicht sofort aufzustehen und an die Arbeit zu gehen. Doch nachdem ihn jemand aus dem Dorf wegen Ruhestörung angezeigt hatte, hielt er sich zurück. Bevor ihm die Anzeige ins Haus geflattert war, hatte er sich keine Gedanken darüber gemacht, ob ihn jemand hören könnte, wenn er mit Hammer und Meißel seine Steine bearbeitete. Das nächste Haus am Dorfrand lag mindestens dreihundert Meter entfernt. Er konnte sich kaum vorstellen, dass man ihn dort hören konnte. Letztlich hatte er sich eines Besseren belehren lassen müssen.
   Erst, als er sich bückte, um sein Werkzeug zu greifen, entdeckte er den Bogen Papier auf dem Boden. Er zog seine rechte Augenbraue hoch und holte das Papier unter dem Vorschlaghammer hervor. Neugierig warf er einen Blick darauf.
   Lieber Herr Gabriel,
   leider habe ich Sie nicht angetroffen. Für einen Artikel im Hamelner Tageblatt möchte ich gern einen Termin mit Ihnen ausmachen. Bitte rufen Sie mich im Redaktionsbüro unter folgender Telefonnummer an …
   Verbindlichst, Ihre Felicitas Kleine
   Für die Nachricht in seiner Hand hatte Viktor Gabriel nur ein verächtliches Schnauben übrig. Er zerknüllte das Blatt und schob es in seine Hosentasche. Damit war der Fall für ihn erledigt. Mit heftigen Schlägen begann er den Sandstein vor ihm zu bearbeiten. Bereits nach wenigen Minuten war er in seine Arbeit vertieft und legte erst dann eine Pause ein, als sich das Knurren seines Magens nicht mehr ignorieren ließ.

»Wie ist es gestern im Schwimmbad gelaufen?«, fragte Felicitas als Erstes Florian, als sie endlich im Redaktionsbüro ankam.
   »Ganz gut. Nur schade, dass ich keine Badehose dabei hatte, dann wären die Fotos klasse geworden.«
   »Und, wie sind sie jetzt?« Felicitas ahnte nichts Gutes.
   »Fast hätte Florian im Fluge fotografiert«, rief Siggi dazwischen.
   »Wie das?«
   »Ja also, das war so.« Florian holte schwungvoll mit beiden Armen aus, um die Geschichte für Felicitas auszuschmücken.
   Felicitas bremste den Praktikanten. »Kurzversion, bitte.«
   Siggi hielt sich den Bauch vor Lachen. »Er ist auf den Dreier geklettert und wollte einige Jungs, die sich anschickten, vom Fünfer zu springen, während ihres Fluges vor die Kamera kriegen. So ein kleiner Bengel hat ihn da oben angeschubst. Da wäre er beinahe ebenfalls geflogen.«
   »Und die Kamera?«
   »An der hat er sich krampfhaft festgeklammert und sie hat es sogar überlebt.«
   »Florian, du solltest vom Beckenrand aus die Badegäste beim Planschen fotografieren.« Felicitas konnte es nicht fassen, was ihm fast wieder passiert war.
   »Ich wollte doch sensationelle Fotos mitbringen. Vom Rand aus, das kann jeder. Wie konnte ich ahnen, dass mir der Knirps in die Quere kommen würde.«
   »Zeig mal die Fotos.«
   »Die kannst du schon in der aktuellen Ausgabe bewundern.«
   Felicitas nahm die neueste Ausgabe vom Tisch im Eingangsbereich des Büros und schlenderte damit zu ihrem Schreibtisch. Während ihr Rechner hochfuhr, holte sie sich das Brötchen aus der Kühltasche. Hungrig biss sie hinein und blätterte nebenbei in der Zeitung.
   »Wie war es bei deinem Künstler?«, fragte Siggi.
   »Nichts war. Der war gar nicht da. Aber ich habe schon einige Aufnahmen von seinen Skulpturen. Wenn es überhaupt seine sind und ich auf dem richtigen Grundstück war.«
   »Wieso?«
   Felicitas erzählte in wenigen Worten von ihrer vergeblichen Fahrt in den Ort, in dem Viktor Gabriel wohnen sollte.
   »Glaubst du, er meldet sich bei dir?«
   »Wenn nicht, dann muss ich eben noch einmal hinfahren. Irgendwann werde ich ihn schon erwischen. Du kennst mich doch. So schnell gebe ich nicht auf.«
   »Weiß ich doch.«

Viktor Gabriel meldete sich nicht und Felicitas fand das gar nicht nett. Ein kurzer Rückruf wäre doch wohl nicht zu viel verlangt gewesen. Da in den nächsten zwei Stunden keine Termine anstanden, bat sie am Nachmittag ihren Chef, noch einmal hinfahren zu dürfen.
   »Wollen Sie nicht warten, bis er sich meldet? Vielleicht ist er ja verreist und hat ihre Notiz noch gar nicht gelesen.«
   »Glaub ich nicht. Es sah dort so aus, als hätte er seinen Arbeitsplatz nur kurz verlassen.« Felicitas war sich zu neunzig, nein, mindestens neunundneunzig Prozent sicher, an der richtigen Adresse gewesen zu sein. Mit einer energischen Bewegung strich sie sich die ewig widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. »Chef, mir haben die Arbeiten sehr gefallen und ich will diesen Artikel so schnell wie möglich.«
   »Nun gut, Frau Kleine. Versuchen Sie Ihr Glück.«

Felicitas parkte wieder vor der Eingangspforte zu dem Grundstück, wo sie Viktor Gabriels Haus vermutete. Ein triumphierendes Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie beim Aussteigen ein stetiges Hämmern vernahm. Hier war sie richtig und vor allem – er war da. Sie beugte sich noch einmal in den Wagen, holte die Fototasche heraus und hängte sie sich über die Schulter. Mit raschen Schritten machte sie sich auf den Weg zum Interview mit dem Steinbildhauer.

Lediglich mit einer Latzhose bekleidet – ohne Hemd oder Shirt – bearbeitete Viktor Gabriel mit Hammer und Meißel den dicken Sandsteinblock, als sie bei ihm eintraf. Okay, das Thermometer war inzwischen auf mindestens achtundzwanzig Grad im Schatten geklettert und körperliche Arbeit war nun mal schweißtreibend, aber einer Reporterin bei einem offiziellen Termin in so einem Aufzug gegenüberzutreten, fand Felicitas etwas unpassend – und äußerst irritierend. Na gut, wenn sie ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass er ja nicht wissen konnte, wann sie noch einmal auftauchen würde – aber ahnen hätte er es wenigstens können. Und zurückrufen natürlich auch.
   Kleine Steinsplitter flogen um ihn herum, aber es schien ihm nichts auszumachen, wenn ihn ein Stück traf. Lediglich seine Augen schützte er mit einer Arbeitsbrille, die er auf seine Stirn schob, nachdem Felicitas sich mit wedelnden Armen und einem lauten »Guten Tag, Herr Gabriel« bemerkbar gemacht hatte.
   »Was wünschen Sie?«, fragte er ziemlich barsch mit tiefer, rauer Stimme und zog fragend eine Augenbraue hoch.
   Was wollte sie eigentlich von ihm? Ihr Kopf war wie leer gefegt. Der Anblick dieses Mannes brachte sie aus der Fassung. Nicht nur, weil er halb nackt vor ihr stand und seine gebräunte Haut schweißnass glänzte. Dunkle Haare, die bis über seine Ohren reichten, kringelten sich feucht und glänzend um ein schmales Gesicht. Felicitas fand ihn nicht im wirklichen Sinne schön, aber er besaß eine Ausstrahlung, die sie umhaute. Er war um einiges größer als sie selbst, sie schätzte ihn auf mindestens einen Meter fünfundachtzig. Zwei tiefe Falten hatten sich beidseitig von seiner schmalen Nase aus in sein Gesicht eingegraben und reichten fast bis zu den Mundwinkeln. Das ließ ihn sehr ernst aussehen. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig. Seine Augen, hell, graublau und von einem dichten Kranz langer Wimpern umgeben, musterten sie argwöhnisch.
   Felicitas riss sich zusammen und erklärte ihm ihren Besuch.
   »Sie sind die Tante von der Zeitung?«
   Felicitas bemerkte, wie sich ihr Gegenüber unwillkürlich an die Hosentasche fasste. Vermutlich steckte da der Zettel drin, den sie ihm hinterlassen hatte. Das war ja nicht zu fassen! Ein bisschen freundlicher könnte er schon sein. Immerhin sollte ein Artikel über ihn erscheinen und das war schließlich Werbung für ihn und seine Arbeit. Felicitas hatte schon eine passende Antwort parat. Doch im letzten Moment zügelte sie sich und schluckte sie hinunter. »Ja, die bin ich«, sagte sie stattdessen und hielt ihm die Hand zur Begrüßung hin. »Felicitas Kleine vom Hamelner Tageblatt.«
   Er zögerte, zog schließlich die Arbeitshandschuhe aus, wischte sich die Finger am Latz seiner Hose ab und ergriff Felicitas’ Rechte. Seine Hand fühlte sich rau an und strahlte eine derartige Hitze aus, dass Felicitas glaubte, ihre Haut würde brennen. Ein Kribbeln zog an ihrem Arm hinauf und in ihren gesamten Körper.
   »Ähm, wollen wir zuerst das Interview machen oder die Fotos?«, fragte sie rasch, um sich abzulenken, und zog ihre Hand zurück.
   »Mir egal«, brummte er, zog die Brille herunter und nahm wieder sein Werkzeug.
   »Okay, dann zuerst die Fotos. Tun Sie so, als wäre ich gar nicht da.«
   Genau das tat er. Er schien ihre Anwesenheit vergessen zu haben, sobald er seine Arbeit aufnahm.
   Felicitas holte die Kamera hervor und begann eine Serie von Fotos zu schießen. Von allen Seiten nahm sie ihn auf, fasziniert vom Spiel seiner Muskeln. Was für ein Körper! Sie konnte es kaum abwarten, die Bilder später in aller Ruhe auf ihrem PC betrachten zu können.
   »Autsch!« Ein heftiger Schmerz an der Stirn ließ Felicitas zusammenzucken. Etwas hatte sie getroffen, ein Steinsplitter vermutlich. Sie ließ die Kamera sinken und betastete vorsichtig die schmerzende Stelle. Glücklicherweise blutete nichts, zumindest konnte sie an ihrer Hand kein Blut entdecken. Aber eine Beule würde sie bestimmt bekommen. Um die Verletzung zu überdecken, zupfte sie ein paar ihrer Locken in die Stirn.
   Viktor Gabriel arbeitete wie ein Besessener. Er schien Felicitas’ Malheur gar nicht bemerkt zu haben.
   Sie sah ihm eine Weile bei der Arbeit zu, konnte sich aber nicht zusammenreimen, was er da erschaffen wollte.
   »Was wird das?«
   Er reagierte nicht.
   »Herr Gabriel! An was arbeiten Sie?«
   »An Sandstein.«
   Für wie blöd hielt er sie eigentlich? »Ich wollte wissen, was das werden soll.«
   »Weiß ich noch nicht.«
   »Wieso nicht?«
   Er zuckte mit den Schultern.
   »Herr Gabriel?« Felicitas bemerkte, wie er tief durchatmete, bevor er ihr antwortete.
   »Manchmal fallen größere Stücke ab, als ich vorgesehen hatte und dann muss ich umdisponieren. Genau das ist mir vorhin passiert.«
   »Was sollte das ursprünglich werden?«
   »Ein Rehbock.«
   »Entwerfen Sie hauptsächlich Tiere?«
   »Nee.«
   Felicitas atmete tief durch. Der war wirklich eine harte Nuss. Aber sie würde ihn schon noch knacken. So schnell würde sie nicht aufgeben.
   »Darf ich mich mal umsehen?«
   Er brummte etwas, was sie als Zustimmung auslegte.
   Natürlich behielt Felicitas für sich, dass sie sich bereits am Morgen ein wenig umgesehen hatte. Jetzt, wo sie quasi sein Einverständnis hatte, hielt sie nichts mehr zurück. Sie streifte auf dem Grundstück umher und knipste so ziemlich alles, was ihr vor die Linse kam. Um den alten Schuppen herum schlängelte sich der schmale Pfad, dem Felicitas schon am Morgen gefolgt war und der auf die Wiese führte, die über und über mit Gänseblümchen, Butterblumen, Löwenzahn und vielerlei Kraut übersät war. Mittendrauf stand eine schwarz lackierte Sonnenuhr. Konnte er etwa auch schmieden, schweißen oder wie auch immer man das nannte? Das wollte sie ihn später fragen. An der Rückseite des Schuppens lehnten merkwürdige Fratzen aus Stein. Einige davon jagten ihr einen unangenehmen Schauder über den Rücken. Die gefielen ihr ganz und gar nicht. Wer kauft denn so etwas? Aber es ging auch nicht darum, was ihr gefiel, sondern nur darum, über die Arbeit von Viktor Gabriel zu berichten. Unter einem Kirschbaum entdeckte Felicitas kleine Statuen mit runden, pausbäckigen Gesichtern, die sie sofort an Engel erinnerten. Nur, dass die hier keine Flügel trugen. Sie sahen so richtig knuddelig aus – schon eher nach ihrem Geschmack. Sie setzte sich vor die Figuren ins Gras, stellte Blende und Belichtung ein und schoss einige Fotos. So richtig zufrieden war sie noch nicht. Sie streckte sich auf dem Bauch aus und stützte ihre Ellenbogen auf dem Erdboden ab. So war die Perspektive viel besser. Noch unzählige Male drückte sie auf den Auslöser und hatte bereits entschieden, eine dieser Aufnahmen für den Artikel zu verwenden.
   »Gefällt es Ihnen da unten?«
   Felicitas schrak auf. Peinlich berührt versuchte sie, möglichst schnell auf die Füße zu kommen.
   »Mindestens auf Augenhöhe mit dem Motiv sein«, sagte sie rasch als Erklärung. Auf dem Display der Kamera überprüfte sie währenddessen die Aufnahmen.
   »Darf ich auch mal?« Viktor Gabriel stand plötzlich dicht hinter Felicitas und beugte sich über ihre Schulter.
   Seine Nähe nahm ihr fast den Atem und sie wünschte sich plötzlich, er würde sie berühren. Für einen Moment schloss sie die Augen und hoffte, dadurch ihre Sinne wieder sammeln zu können. Schließlich war sie aus rein beruflichen Gründen hierhergekommen. Damit, dass sie auf einen derart attraktiven und äußerst verwirrenden Mann treffen würde, hatte sie nicht gerechnet. Sie atmete tief ein und aus und drehte sich zu ihm um.
   »Darf ich Ihnen jetzt einige Fragen stellen?«
   »Wenn es sich nicht vermeiden lässt.« Er seufzte und ließ sich vor Felicitas’ Füßen im Gras nieder.
   Sie musste sich eingestehen, der Platz für dieses Gespräch gefiel ihr und nahm ihm gegenüber Platz. Aber die Informationen über die Arbeit dieses Mannes musste sie sich hart erkämpfen. Immer wieder antwortete er einsilbig und zurückhaltend auf ihre Fragen.
3. Kapitel

Es war wie verhext. Während Felicitas versuchte, sich auf den Text zu konzentrieren, schweiften ihre Gedanken immer wieder ab zu dem Mann, bei dem sie die vergangene Stunde verbracht hatte. Viktor Gabriel hatte ihre Sinne vollkommen durcheinandergebracht.
   »Was ist los?«, fragte Florian, der ihr gegenübersaß und sie beobachtete.
   Felicitas schrak auf. »Was, wieso?«
   »Du bist so abwesend.«
   »Du spinnst.« Gerade hatte sie daran denken müssen, wie sie diesem Bildhauer jedes Wort aus der Nase hatte ziehen müssen. Bevor er sich dazu herabgelassen hatte, ihr ziemlich knapp auf ihre Fragen zu antworten, hatte er sie abschätzend mit hochgezogener Augenbraue begutachtet und der Ausdruck seiner Augen hatte sich verändert. Diesen Blick konnte sie nicht vergessen. Sie ärgerte sich, weil sie nicht einmal sagen konnte, ob sie den Ausdruck in seinen Augen als eher unangenehm oder als ein kleines bisschen angenehm empfunden hatte. Als sie sich von ihm verabschiedet hatte, hatte er sie noch einmal so komisch angesehen.
   Mit äußerster Konzentration versuchte sie, den Bericht zu tippen. Mist! Sie hatte vergessen, ihn wegen der Sonnenuhr zu fragen. Dabei war es wichtig, zu erfahren, ob er außer mit Sandstein auch mit anderen Materialien arbeitete. Es könnte natürlich auch sein, dass er die Sonnenuhr gekauft oder geschenkt bekommen hatte. Felicitas griff zum Telefon und zog gleich darauf ihre Hand zurück. Nach seiner Telefonnummer hatte sie ihn auch nicht gefragt. So etwas war ihr noch nie passiert. Also würde sie noch ein drittes Mal zu ihm fahren müssen, möglichst sofort, denn der Artikel sollte umgehend erscheinen.

Wie würde er reagieren, wenn die nervige Tante von der Presse schon wieder auftauchte? Felicitas atmete tief durch, stieg aus dem Wagen und straffte ihre Schultern.
   »Auf in den Kampf«, murmelte sie vor sich hin.
   Sie traf Viktor Gabriel auf dem Hof nicht an. Der Steinblock, an dem er gearbeitet hatte, war mit einer Plane abgedeckt. Wahrscheinlich wegen des angekündigten Regens, vermutete Felicitas und wandte sich dem Haus zu. Die Eingangstür stand offen. Sie klingelte. »Herr Gabriel, sind Sie da?«, rief sie.
   Keinerlei Reaktion. Vielleicht würde sie ihn hinter dem Haus finden. Doch auch dort konnte sie ihn nicht entdecken. Felicitas befürchtete, aus einer zügigen Veröffentlichung des Artikels würde nichts werden. Es sei denn, sie würde auf die fehlende Information verzichten. Noch einmal versuchte sie ihr Glück beim Haus. Wieder keine Antwort auf ihr Rufen. Doch sie war für ihre Hartnäckigkeit bekannt und wollte noch nicht aufgeben. Vorsichtig trat sie durch den Eingang.
   »Hallo! Herr Gabriel! Sind Sie da?«
   Nichts. Also schon wieder Pech gehabt. In dieser Reportage steckte wirklich der Wurm drin. Schulterzuckend machte sie kehrt und wollte die Tür gerade hinter sich schließen, als sie ein Geräusch im Innern des Hauses innehalten ließ. Das hörte sich doch an wie das Tapsen nackter Füße auf dem Fußboden. Er war also doch da.
   Schon tauchte er vor Felicitas auf.
   Das war doch … Felicitas schnappte nach Luft.
   Er kam den Flur entlang, den Kopf gebeugt und rubbelte sich mit einem Handtuch sein Haar trocken. Da ihm ein Zipfel des Handtuchs vor dem Gesicht hing, schien er sie nicht zu bemerken. Ohne aufzusehen, schlenderte er zum Tisch in der Küche, die sich neben dem Eingangsbereich befand. Dort nahm er eine Flasche Mineralwasser vom Tisch und setzte sie an seine Lippen. Mit einer Mischung aus Faszination und Panik starrte Felicitas ihn an und biss sich auf die Lippen.
   Da stand er, in Gedanken versunken – und nackt, wie Gott ihn erschaffen hatte.
   Höchste Zeit zu verschwinden. Rückwärts, den Blick weiterhin auf ihn gerichtet, schlich sie auf Zehenspitzen zur Haustür. Hoffentlich bemerkte er sie nicht. Doch prompt knarrte eine Diele unter ihren Füßen und er drehte sich zu ihr um.
   Die Überraschung war ihm anzusehen.
   »Entschuldigung«, stammelte Felicitas und spürte die Hitze, die ihr ins Gesicht schoss. »Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich habe mehrmals gerufen und geklingelt habe ich auch. Ehrlich.«
   »Soso.« Betont lässig schlang er sich das Handtuch, mit dem er sich eben die Haare frottiert hatte, um die Hüften. Ebenfalls betont lässig kam er auf sie zu.
   Felicitas schluckte trocken. »Ich … ich komme lieber ein anderes Mal wieder.«
   »Warum? Kommen Sie doch herein. Möchten Sie etwas trinken?«
   Die Knie zitterten ihr, als er einfach nach ihrem Arm griff und sie in die Küche zog. Felicitas’ Blick blieb an seiner braun gebrannten Brust hängen. Was für ein Körper!
   »Was führt Sie zu mir?«, fragte er.
   »Ja also … ich habe da noch ein paar Fragen.«
   »Okay, aber zuerst trinken wir etwas. Es ist mächtig heiß heute.«
   Das kann man wohl sagen.
   Er schlenderte zum Kühlschrank und nahm eine neue Flasche Mineralwasser heraus.
   Felicitas konnte den Blick nicht von ihm und von dem Spiel seiner Muskeln wenden, als er die Flasche öffnete. Wie sollte sie ihm jemals vernünftige Fragen stellen können, wenn er so gut wie nackt vor ihr stand? Wie sollte sie jemals einen informativen und objektiven Text über ihn zustande bringen, wenn sie ständig seinen knackigen Körper vor Augen haben würde? Den würde sie vor Augen haben, das ahnte sie jetzt schon.
   Mit dem gefüllten Glas kam Viktor Gabriel auf Felicitas zu. Dicht vor ihr blieb er stehen. Sie nahm das Glas und trank es hektisch aus. Währenddessen beobachtete er sie und sein Blick trug nicht gerade dazu bei, dass sie ruhiger wurde. Plötzlich hob er seine Hand und befühlte vorsichtig die Stelle an der Stirn, wo Felicitas der Splitter getroffen hatte.
   »Wie ist das passiert? Das sollte versorgt werden.«
   »Kaum der Rede wert«, wisperte sie.
   »Keine Widerrede.« Er bugsierte Felicitas zum nächsten Stuhl. »Setzen Sie sich. Ich hole Verbandsmaterial.«
   Wie in Trance nahm sie Platz und kaum eine Minute später verarztete Viktor sie. Die Wunde brannte, als er ein Desinfektionsmittel auftrug und sie konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.
   »Ist gleich vorbei«, murmelte er.
   Er war so fürsorglich und seine Berührungen so sanft. Kaum zu glauben, dass er der gleiche Mann war, der bei ihrem ersten Zusammentreffen so zurückhaltend und wortkarg gewesen war.
   »Vielen Dank.«
   Mit einem Lächeln, das ihr durch und durch ging, zog Viktor sie vom Stuhl. »Dafür habe ich eine Belohnung verdient, oder?«
   »Okay, ich werde einen besonders netten Bericht über Sie schreiben.« Sie bedachte ihn mit einem herausfordernden Blick.
   »Das würden Sie sowieso tun.« Mit seinem Zeigefinger zeichnete er die Form ihrer Lippen nach und diese Berührung fand Felicitas äußerst erregend. Sie konnte ihren Blick nicht von ihm wenden. Die Farbe seiner Augen erinnerte sie an die klaren Bergseen, an denen sie in ihrer Kindheit mit ihren Eltern und ihrem Bruder Urlaub gemacht hatte, und sie verlor sich darin. Es erschien ihr wie Stunden, in denen sie nur dastanden und sich ansahen. Dann endlich kamen seine Lippen näher und mit einem Seufzer zog er sie an sich und küsste sie auf das Haar.
   Ihr Gesicht lag nun an seiner nackten Brust. Sein Herz klopfte heftig und sein Brustkorb hob und senkte sich schnell. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine kleine Narbe oberhalb seiner rechten Brustwarze. Eine Verletzung, die während seiner Arbeit entstanden war? Fast war sie versucht, ihre Lippen darauf zu drücken. Sie konnte sich nur schwer beherrschen und biss sich auf die Unterlippe. Verwirrt hob sie den Kopf.
   Viktor sah zu ihr herab. Seine Augen erschienen ihr jetzt um einige Nuancen dunkler. Mit beiden Händen griff er in ihr Haar und schob ihre widerspenstigen Locken zurück. Er beugte sich zu ihr herab. Sein Gesicht kam immer näher, und als sein Mund endlich den ihren berührte, schloss sie mit einem kleinen Seufzer die Augen. Seine Lippen waren heiß und fest und, als seine Zunge Einlass forderte, konnte sie sich kaum noch auf den Beinen halten. Ihr Herz raste und das Blut pulsierte in ihren Schläfen. Niemals zuvor hatte der Kuss eines Mannes derartige Gefühle in ihr ausgelöst.
   Plötzlich und unvermittelt ließ Viktor von ihr ab und schob sie zurück. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und dazwischen entstand eine tiefe Kerbe, die von seiner Nasenwurzel aus zur Stirn verlief. Mit diesem verkniffenen Ausdruck im Gesicht wandte er sich ab. Schwer atmend stützte er sich mit gesenktem Kopf am Küchentisch ab.
   Felicitas zitterte noch vor Erregung. Was hatte dieser abrupte Stimmungswandel zu bedeuten?
   »Viktor?«
   »Du solltest besser gehen.«
   »Warum?«
   »Geh … jetzt sofort.«
   »Aber …«
   Als sie sah, wie Viktor den Kopf schüttelte, wurde ihr klar, dass er bereute, was da gerade zwischen ihnen geschehen war.
   Tränen brannten ihr in den Augen, als sie sich hastig abwandte und ohne ein weiteres Wort das Haus verließ. Zweimal stolperte sie auf dem unebenen Weg, während sie tränenblind zu ihrem Auto rannte. Mit zitternden Fingern schloss sie die Autotür auf und ließ sich hinters Steuer sinken. Eine Weile blieb sie so sitzen, den Kopf auf das Lenkrad gelegt. Wie konnte sie nur so blöd sein! Noch einmal hier unangemeldet aufzukreuzen, nur wegen dieses dämlichen Artikels. Da fiel ihr die Sonnenuhr ein. Nein! Die Blöße, noch einmal bei Viktor Gabriel aufzutauchen, würde sie sich nicht geben.

Der Artikel über Viktor Gabriel erschien zwei Tage später und Felicitas war heilfroh gewesen, als sie ihn endlich im Kasten hatte. Jetzt würde es nicht mehr nötig sein, an ihn zu denken, geschweige, sich mit ihm zu beschäftigen. Dankbar wandte sie sich dem Interview mit der Aquarellmalerin zu, die inzwischen das Krankenhaus verlassen und sich in der Redaktion gemeldet hatte. Der Kunst- und Kulturverein habe ihr von einem möglichen Artikel über sie erzählt, sagte sie, und sie wäre hocherfreut über das Interesse an ihrer Arbeit.
   Felicitas empfand die positive Reaktion der Malerin äußerst wohltuend und sowohl Interview wie auch Fotosession waren das reinste Kinderspiel. Nicht so wie mit Viktor Gabriel. Felicitas schüttelte unwillkürlich den Kopf. Hatte er sich doch schon wieder in ihre Gedanken geschlichen. Das musste aufhören, möglichst schnell. Sonst würde sie nie zur Ruhe kommen. Wenn sie abends im Bett lag, konnte sie nicht einschlafen, weil sie an den Moment in seinen Armen und an den Kuss denken musste. Sie hatte sogar schon von ihm geträumt.

Als Felicitas am nächsten Morgen die Redaktion betrat, fand sie Siggi bereits telefonierend an seinem Schreibtisch vor. Es kam selten vor, dass er als Erstes da war. Meist erschien er mindestens eine Viertelstunde nach ihr. Er winkte ihr zur Begrüßung zu.
   »Feli, du hattest recht.« Siggi kam, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, hinter seinem Schreibtisch hervor. »Grad habe ich mit der Polizei gesprochen. Die Bremsleitungen am Unfallauto waren durchgeschnitten.«
   »Siehst du. Ich hatte doch gleich so ein komisches Gefühl.« Felicitas fühlte sich in ihren kriminalistischen Überlegungen bestätigt. »Und? Haben sie schon etwas über das Motiv und den oder die Täter herausgefunden?«
   »Nee, sie tappen noch im Dunkeln. Der Tote hatte eine kleine Wohnung hier in der Nähe der Innenstadt, in einem etwas heruntergekommenen Mehrfamilienhaus. Er ist erst vor einem Monat von Köln nach Hameln gezogen. Daher auch das Kölner Kennzeichen.«
   »Was weißt du noch über ihn?«
   »Nicht viel. Keine Arbeit, geschieden, kinderlos. Die Beamten ermitteln noch.«
   Felicitas erzählte Siggi von ihren Vermutungen, die sie nach dem Lesen ihres neuesten Krimis angestellt hatte.
   »Feli, die Kripo wird das schon machen.« Siggi klopfte ihr auf die Schulter. »Ich sag dir, wenn du je deinen Job verlieren solltest, solltest du dich bei der Kriminalpolizei bewerben oder Detektivin werden.«
   »Du bist blöd.« Felicitas warf Siggi einen vernichtenden Blick zu.
   Rasch hob er wie zum Schutz seine Arme. »Gnade!« Dann grinste er. »Ich meinte es ernst. Du bist die geborene Detektivin.«
   Kunert betrat die Redaktion und unterbrach mit seinem Erscheinen das Geplänkel seiner Mitarbeiter.
   »Tag allerseits«, rief er in die Runde und marschierte gleich weiter in sein Büro.
   »Wage ja nicht, dem Chef irgendwas über deine abenteuerlichen Vermutungen zu stecken«, zischte Siggi und drohte Felicitas mit dem erhobenen Zeigefinger.
   Aber Felicitas erkannte ein schelmisches Glitzern in den Augen ihres Kollegen und nahm ihm seine Bemerkung nicht übel. Sie vertiefte sich wieder in ihren Text über die Aquarellmalerin Natascha Scherwinksy.
   »Am Sonntag ist wieder Kunsthandwerkermarkt. Wer geht da hin?« Mit dieser Frage tauchte der Redaktionsleiter aus seinem Büro auf.
   »Ich habe Dienst«, meldete sich Siggi zu Wort. »Aber da ist auch noch das Konzert des Gospelchors am Nachmittag auf der Terrasse vor dem Hochzeitshaus, außerdem gibt es eine Oldtimerausstellung am Hefehof. Ich könnte versuchen, einen unserer freien Mitarbeiter einzuspannen.«
   »Dann mach ich das mit dem Markt«, sagte Felicitas. »Ich wollte da sowieso mit meiner Freundin hin. Außerdem passt das ganz gut in unsere Serie. Vielleicht treffe ich dort auf den einen oder anderen Künstler, der uns bisher noch nicht aufgefallen ist.«
   Kunert nickte. »Gute Idee. Dann ist das geklärt.«
4. Kapitel

Besorgt sah Felicitas am Sonntagmorgen aus dem Fenster ihres Wohnzimmers gen Himmel. Der Wetterbericht hatte ein Gewitter vorausgesagt, aber noch schien die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Felicitas blickte auf die Uhr und dann hinunter auf die Straße. Hoffentlich kam Chrissi bald, damit sie ihren Ausflug noch vor dem ersten Donnergrollen genießen konnten.
   Chrissi kam gerade angeradelt und sprang vor dem Haus, in dem Felicitas wohnte, von ihrem Drahtesel. Felicitas bemerkte, wie Chrissi an der Fassade des Hauses, das im Stil der Weserrenaissance erbaut war, hinaufsah und winkte ihr zu. Kurz darauf standen sich die beiden auf dem Gehweg gegenüber und umarmten sich. Sie schlenderten zu Fuß in Richtung Weserpromenade, nachdem Chrissi ihr Fahrrad am Zaun vor Felicitas’ Haus angekettet hatte. Die Promenade, die sonst von Fußgängern und Radfahrern gleichermaßen genutzt werden konnte, war während des Kunsthandwerkermarktes für Radfahrer gesperrt, da die Händler ihre Stände an der Weser entlang aufgebaut hatten.
   Der erste Stand, der allerlei Schnickschnack feilbot, erregte Chrissis Interesse. Während sie im reichhaltigen Angebot mehr oder weniger antiker Gegenstände stöberte, zückte Felicitas ihre Kamera. Vielleicht würde sie sogar ein Foto mit Chrissi veröffentlichen, überlegte sie, allerdings ohne es der Freundin vorher zu verraten. Chrissi würde Augen machen, wenn sie sich in der Zeitung entdecken würde. Normalerweise bat Felicitas vorher um Erlaubnis, bevor sie fremde Menschen fotografierte. Aber mit Chrissi hatte sie schon mehrmals über dieses Thema gesprochen und wusste, dass sie damit einverstanden war.
   »Du, sieh mal«, rief Chrissi und winkte Felicitas heran. »Ist die nicht schnuckelig?« Sie hielt eine mit bunten Perlen und Glitzersteinen verzierte Dose in der Hand, die durchaus arabischen Ursprungs sein konnte. Doch Felicitas vermutete, dass es eine billige Imitation war. Sie verdrehte die Augen und seufzte. »Chrissi! Von denen hast du mindestens schon drei Stück. Wozu brauchst du die denn noch?«
   »Für meine Steinsammlung.«
   Auch das noch. Sie würden heute garantiert an mehreren Ständen mit einem reichhaltigen Sortiment verschiedenster Heil- und Halbedelsteine vorbeikommen. Felicitas wusste aus Erfahrung, dass Chrissi nicht anders konnte, als ihr Geld für mindestens eine Handvoll Steine auszugeben. Dabei besaß sie bereits eine stattliche Sammlung in ihrer kleinen, in Felicitas Augen, leicht esoterisch anmutenden Wohnung.
   Chrissi zahlte, verstaute ihre neue Errungenschaft in ihrem Rucksack und hakte sich bei Felicitas unter. »So, jetzt lass uns weiterziehen. Ich bin auf den Geschmack gekommen.«
   »Ich fürchte, das wird ein teurer Sonntag.« Diese Bemerkung konnte Felicitas sich nicht verkneifen.
   Chrissi zuckte nur mit den Schultern und grinste.
   Nur drei Stände weiter blieb Felicitas abrupt stehen.
   »Was ist? Hast du was Tolles entdeckt?«
   So konnte man das auch sagen. Es war eine Gruppe Eulen, aus Stein gehauen, die Felicitas Aufmerksamkeit erregte. Sie erkannte den Stil sofort wieder. Die Eulen und damit der Verkaufsstand konnten nur von Viktor Gabriel stammen. Felicitas’ Herz pochte plötzlich schneller. Sie hatte keinen Moment daran gedacht, ihn hier antreffen zu können. Dabei hätte sie es besser wissen müssen. Schließlich war sie beim Lesen des Artikels über den Kunsthandwerkermarkt im Vorjahr erst auf ihn und seine Arbeiten gestoßen. Was würde er sagen, wenn er sie sah? Vor allen Dingen, was würde sie ihm sagen? Würde sie überhaupt mit ihm reden, fragte sie sich. Am besten wäre es, sich möglichst unbemerkt vorbeizuschleichen. Sie versuchte, sich hinter Chrissi zu verstecken, ducken brauchte sie sich bei ihrer Größe sowieso nicht. Chrissi schien glücklicherweise kein Interesse an den Steinskulpturen zu haben.
   »Sieh mal, Chrissi, dort drüben«, versuchte Felicitas, die Freundin weiterzulocken. »Da verkaufen sie Getränke. Ich habe höllischen Durst.«
   »Ich auch.« Gemeinsam steuerten sie den Getränkestand an. Doch Felicitas konnte sich nicht verkneifen, noch einmal über ihre Schulter zurückzublicken. Wenigstens einen winzigen Blick musste sie auf Viktor werfen. Aber es war nicht Viktor, der dort drüben gerade eine ältere Dame beriet. Dieser Mann war blond, vielleicht im gleichen Alter wie Viktor, und hatte eindeutiges Übergewicht. Grübelnd nippte sie an dem Mineralwasser, das ihr Chrissi in einem Becher in die Hand gedrückt hatte. Sie hätte schwören können, einige der Skulpturen wiedererkannt zu haben.
   Chrissi bemerkte, wo Felicitas hinsah. »Feli, wenn du da noch mal gucken willst, können wir das gern machen.«
   »Nicht nötig.« Wieso ließ es ihr keine Ruhe, dass Viktor nicht dort stand, wo er ihrer Meinung nach hingehörte? Rasch trank Felicitas ihren Becher aus und stellte ihn auf den Tresen zurück. Sie mussten schleunigst von hier verschwinden, bevor sie etwas Unüberlegtes tat. »Von mir aus können wir …«
   Ein tiefes Räuspern hinter ihrem Rücken ließ Felicitas den Atem anhalten. Ihre Nackenhaare stellten sich prompt auf und sie verspürte ein Prickeln auf ihrer Haut. Noch bevor sie sich umdrehte, beziehungsweise die Person hinter ihr etwas sagen konnte, wusste sie, wer da stand. In ihrem Kopf herrschte plötzlich absolutes Chaos. Wie sollte sie reagieren? Sollte sie es überhaupt tun? Sie könnte ja so tun, als ob sie ihn gar nicht bemerkt hatte.
   »Hallo Felicitas.«
   Er war es wirklich, seine tiefe Stimme würde sie überall wiedererkennen. Er wusste sogar noch ihren Namen. Zögernd drehte sie sich um.
   »Oh, hallo. Was für ein Zufall.« Ihr Gesicht brannte, als sie zu ihm aufsah, und sie hätte nicht einmal sagen können, ob von der Sonne, die ihr ins Gesicht schien, oder ob das plötzliche Zusammentreffen mit Viktor der Auslöser war.
   »Ja, was für ein Zufall, mich auf so einem Markt anzutreffen. Eigentlich so gut wie unbegreiflich.«
   Sein Mund verzog sich zu einem spöttischen Grinsen.
   Darauf fiel Felicitas keine Antwort ein, was selten vorkam. Das ärgerte sie.
   »Willst du uns nicht bekannt machen?«, fragte Chrissi drängend und der Blick, mit dem sie Viktor musterte, drückte eindeutig Neugier aus.
   »Viktor Gabriel, Steinbildhauer. Meine Freundin Chrissi Blum«, machte Felicitas die beiden bekannt.
   »Sind Sie nicht der, über den Feli gerade geschrieben hat?«
   Viktor nickte. »Der bin ich wohl.« Er wandte sich Felicitas zu. »Vielen Dank für den bemerkenswerten Artikel. Hat mir gefallen. Es war eine ganz neue Erfahrung für mich, meine Arbeit durch andere Augen zu sehen.«
   »Keine Ursache.«
   Wenn er sie doch bloß nicht so ansehen würde. Bevor sie in diesem Blick zu versinken drohte, senkte sie ihre Lider. Aber wo sollte sie hinsehen? Alles an ihm brachte sie aus der Fassung. Seine Augen, die Lippen, bei deren Anblick sie an den Kuss denken musste. Die Erinnerung war so gegenwärtig, dass Felicitas glaubte, seine Lippen immer noch auf ihren zu spüren. Sie versuchte, sich auf das Muster seines T-Shirts zu konzentrieren und gleichmäßig zu atmen. Am besten wäre ein rascher Rückzug.
   »Tja, also. Wir müssen dann auch.«
   Viktor nickte. »Ja, ich auch.« Er wies auf den Stand hinter sich. »Muss meinen Kumpel mal wieder ablösen.«
   »Ich hatte schon vermutet, dass das deine Sachen sind. Nur fand ich es etwas irritierend, einen anderen Mann davor stehen zu sehen.«
   »Er hilft mir ab und zu.« Viktor hob seine Hand zum Gruß. »Also dann, Ladys. Schönen Tag noch.«
   »Sag mal, habe ich da was verpasst?« Chrissi starrte Viktor nach und dann Felicitas an. »Wieso duzt ihr euch? Kennt ihr euch näher?«
   Felicitas wollte eigentlich nicht jedes Detail von ihrer Begegnung mit Viktor preisgeben.
   »Da ist was zwischen euch.« Chrissi durchschaute Felicitas also. »Das war nicht zu übersehen. Diese Spannung zwischen euch konnte sogar ich spüren.«
   Von klein auf waren sie immer ehrlich zueinander gewesen. Felicitas wusste, dass sie Chrissi nichts vormachen konnte. Sie seufzte. »Okay, ich werde es dir erzählen, aber nicht hier.« Sie warf noch schnell einen Blick über ihre Schulter. Viktor sah zu ihr herüber. Wieder schoss ihr das Blut in die Wangen. Ihr blieb nur die Flucht, um so schnell wie möglich aus seinem Bannkreis zu entfliehen, und sie zog Chrissi vom Getränkestand weg.
   »Lass uns in Ruhe zu Hause darüber reden. Jetzt haben wir hier zu tun.«
   Chrissi grinste. »Du bist schuld, wenn ich bis dahin vor Neugier geplatzt bin.«

Die vielen Stände mit ihrem vielfältigen Angebot, an denen die beiden Frauen stöberten, konnten Felicitas nicht ablenken. Auch nicht, als sie Kamera, Notizbuch und Stift zückte und ihre Arbeit als Journalistin aufnahm. Immer wieder tauchte das Gesicht von Viktor Gabriel vor ihrem inneren Auge auf. Dieses unerwartete Aufeinandertreffen hatte sie aufgewühlt. So sehr sie sich in den vergangenen Tagen auch bemüht hatte, nicht an ihn zu denken, inzwischen war ihr klar, diese Mühe war völlig umsonst gewesen.

»Ihr habt euch geküsst?«
   Felicitas nickte und atmete tief ein und aus. Ihre Augen nahmen einen schwärmerischen Ausdruck an. »Es war unglaublich.« Dann holte die Gegenwart sie wieder ein. »Und dann hat er mich von sich geschoben und gemeint, ich solle gehen.«
   »Unglaublich!« Chrissi beugte sich vor, nahm die Flasche mit dem Weißwein, den sie nach dem Eintreffen in Felicitas Wohnung geöffnet hatten, füllte die Gläser und genehmigte sich einen großen Schluck. »So ein Schuft! Was hast du dann gemacht?«
   »Ich bin weg und hab geheult«, gestand Felicitas ziemlich kläglich. Auch jetzt drohten ihr Tränen in die Augen zu steigen. Tapfer schluckte sie sie hinunter.
   »Ist ja krass, dass du auch noch über ihn schreiben musstest.«
   »Das kannst du glauben. Am schlimmsten war es, aus all den Fotos die passenden für den Artikel herauszusuchen.«
   »Kann ich mir denken. Du Ärmste. Hat er dir keine Erklärung für sein Verhalten gegeben?«
   Felicitas schüttelte den Kopf.
   »Hast du ihn denn nicht danach gefragt?«
   »Wieso sollte ich danach fragen, wenn er mir an den Kopf wirft, ich solle verschwinden? Ich mach mich doch nicht lächerlich. Außerdem war die Situation so …« Felicitas suchte nach Worten, »… erniedrigend und peinlich.«
   »Seit diesem Tag hast du ihn nicht mehr gesehen?«
   »Mhm.«
   »Und wie hat es sich angefühlt, als er vorhin vor dir stand?«
   »Chrissi, du nervst fürchterlich.«
   Chrissi griff über den Tisch hinweg nach Felicitas’ Hand. »Ich versuche doch nur, dir zu helfen. Empfindest du etwas für ihn?«
   »Wenn … wenn er vor mir steht, ist mein Kopf wie leer gefegt. Und mein Herz rast.« Felicitas starrte ihre Freundin an. »Wieso nur? Ich bin doch sonst nicht auf den Mund gefallen. Warum ausgerechnet bei ihm?«
   »Vielleicht ist er der Richtige.«
   »Wie kommst du nur auf diese blödsinnige Idee?«
   »Feli, zwischen euch haben die Funken nur so gesprüht. Und ihr habt beide irgendwie neben euch gestanden.«
   Felicitas warf Chrissi einen skeptischen Blick zu.
   »Glaub mir Feli, ich weiß, was ich gesehen habe. Falls du dich erinnern kannst, ich war dabei.«
   »Das war nur, weil er so plötzlich vor mir stand. Damit hatte ich nicht gerechnet.«
   »Was willst du jetzt tun?«
   »Wieso? Was sollte ich tun?«
   »Na, ihn wiedersehen zum Beispiel.«
   »Meinst du etwa, ich laufe ihm hinterher? Nur, um mich wieder wegschicken zu lassen? Das glaubst du ja wohl selbst nicht.«
   »Vielleicht hast du Glück und er freut sich über einen Besuch von dir.«
   »Bisher hat er das aber gut unterdrückt.«
   »Vielleicht braucht er Zeit, weshalb auch immer.«
   »Oder er hat eine Frau oder Freundin.«
   »Trotzdem, glaub mir, er ist fasziniert von dir.«
   »Können wir jetzt endlich das Thema wechseln? Ich werde ihm nicht nachrennen. Niemals.«
   Eine Stunde und zwei Gläser Wein später brach Chrissi auf. »Denk noch mal darüber nach«, sagte sie beschwörend. »Du wirst erst wieder ruhig schlafen können, wenn …«
   »Chrissi, ich warne dich. Fang nicht schon wieder an.«

Der Gedanke an die Begegnung mit Viktor ließ Felicitas den ganzen Abend nicht los. Um sich abzulenken, zappte sie sich durch das Fernsehprogramm, konnte sich aber auf keine Sendung konzentrieren. Lesen? Auch das war nicht möglich. Sie versuchte es und starrte ständig auf die gleiche Seite, ohne Inhalt und Sinn des Textes in sich aufzunehmen. Was war mit ihr los? Sie entschied sich, ins Bett zu gehen, und schlief wider Erwarten rasch ein.
   Mitten in der Nacht weckte sie ein heftiger Donnerschlag. Das angekündigte Gewitter wütete über der Stadt. Felicitas stand auf, schloss alle Fenster und kroch dann wieder ins Bett. Sie zog sich die Bettdecke über den Kopf, um die Blitze nicht mehr sehen zu müssen. Blitze ängstigten sie mehr als das darauf folgende Donnern. Hoffentlich dauert das Gewitter nicht so lange, betete sie inständig. Aus Erfahrung wusste sie, dass Gewitter bedingt durch die Nähe des Flusses hier oftmals besonders heftig wüteten. Ob Viktor ebenfalls aufgewacht war?

Nachdem Felicitas am Montagvormittag den Bericht über den Kunsthandwerkermarkt geschrieben hatte, speicherte sie die dazugehörenden Fotos ab. Der Name einer anderen Datei lockte sie an und sie konnte den Blick nicht abwenden. Schließlich öffnete sie den Ordner: »V. Gabriel, Steinbildhauer«. Jedes der abgespeicherten Bilder klickte sie an und betrachtete es ausgiebig. Schon wieder klopfte ihr Herz heftig und sie verspürte plötzlich den dringenden Wunsch, diesen Mann zu sehen. Warum nur hatte er sie geküsst und dann weggeschickt? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Je länger sie auf den Bildschirm starrte und je länger sie grübelte, umso sicherer wurde sie, dass sie der Sache auf den Grund gehen wollte. Nur, wie sollte sie das anstellen? Mit welcher Begründung sollte sie bei ihm auftauchen? Ihm gestehen, dass er ihr nicht mehr aus dem Kopf ging und ihr den Schlaf raubte? Was, wenn er sie erneut wegschickte? Dann weiß ich endlich, woran ich bin, sagte sie sich. Einem plötzlichen Impuls folgend öffnete sie die unterste Schublade ihres Schreibtisches. Aus einer Box zog sie einen CD-Rohling heraus und startete das Brennprogramm. Alle Bilder von Viktor und seinen Arbeiten brannte sie auf CD und machte anschließend noch eine Kopie davon. Dann schob sie beide CDs in ihre Umhängetasche. Jetzt hatte sie einen unverfänglichen, aber triftigen Grund, Viktor Gabriel aufzusuchen.

5. Kapitel

Am liebsten wäre Felicitas sofort in das kleine Dorf am Wald gefahren. Unglücklicherweise musste sie noch einige Stunden arbeiten. Es standen eine Menge Termine auf ihrem Plan, da Siggi sich krankgemeldet hatte. Doch kaum hatte sie am Abend die Redaktion verlassen, setzte sie sich ins Auto und machte sich auf den Weg zu Viktor Gabriel.
   Erst unterwegs wurde Felicitas bewusst, dass sie ihn in einer ähnlichen Situation wie beim letzten Mal antreffen könnte. Denn mit Sicherheit würde er jeden Abend nach getaner Arbeit duschen. Was dann? Sie schob den Gedanken rasch von sich, denn er machte sie noch nervöser. Obwohl, sie hatte ja einen triftigen Grund, bei ihm aufzukreuzen. Nach einem kurzen Blick in ihre Tasche, in der die CDs lagen, atmete sie tief durch.
   Ihre Befürchtung, Viktor in einer peinlichen Situation anzutreffen, war unbegründet. Als sie um die Baumgruppe herumkam, hockte er vor dem Steinquader und sammelte gerade sein Werkzeug ein. Felicitas blieb stehen und sah ihm nach, als er in Richtung Schuppen ging. Viktor schien sie noch nicht bemerkt zu haben. Sollte sie ihm folgen? Sie wusste, wie eng es in dem kleinen Holzverschlag war, und wie nah er ihr dort sein würde. Sie entschied, zu warten, bis er wieder herauskam. Langsam schlenderte sie über den Hof. Sie staunte. Aus dem Steinquader schien doch noch ein Rehbock zu werden, wenn auch wahrscheinlich ein kleinerer, als Viktor ursprünglich geplant hatte. Sie hockte sich hin und streckte ihre Hand aus. Vorsichtig, als könne sie etwas kaputt machen, betastete sie sein Werk. Schade, dass sie ihre Kamera in der Redaktion gelassen hatte. Gern hätte sie eine Aufnahme gemacht und in ihrer Datei hinter dem Foto vom Steinquader gespeichert. Später dann noch eines vom fertigen Objekt. Eine Serie über die Herstellung so einer Skulptur in den verschiedenen Entwicklungsphasen nahm in ihrem Kopf Gestalt an.
   »So nachdenklich?«
   Felicitas schrak auf. Sie hatte Viktor gar nicht zurückkommen hören. »Oh, hallo.«
   Viktor streckte ihr seine Hand entgegen und half ihr beim Aufstehen.
   Verlegen schob sich Felicitas die Haarsträhnen hinters Ohr, die ihr beim Aufrichten in die Stirn gerutscht waren. »Es ist toll, was du aus einem einfachen Steinblock erschaffen kannst.«
   »Das ist meine Arbeit.«
   »Trotzdem. Ich habe zwar keine Ahnung davon und mich nie mit Bildhauerei beschäftigt, aber ich finde deine Arbeit faszinierend.«
   »Wirklich?« Viktor hob eine Augenbraue. »Bist du deswegen hier?«
   Felicitas wurde es heiß und kalt gleichzeitig, als sie daran dachte, weshalb sie wirklich hier war. »Ähm, ich wollte dir etwas bringen.« Sie wühlte in ihrer Umhängetasche. »Ich habe dir alle Aufnahmen auf CD gebrannt. Ich dachte, vielleicht möchtest du sie haben.« Sie hielt ihm ihr Mitbringsel hin und sah ihn etwas verunsichert an.
   »Vielen Dank. Die seh ich mir nachher gleich an.«
   Viktor schien sich wirklich zu freuen, wie Felicitas erleichtert feststellte.
   »Was bin ich dir dafür schuldig?«
   Einen Kuss. Vielleicht auch zwei oder drei … Aber das konnte sie ihm natürlich nicht sagen. »Nichts. Ist ein Geschenk.«
   Der Blick, mit dem Viktor sie betrachtete, brachte sie ganz durcheinander. Rasch senkte sie den Kopf und machte sich am Reißverschluss ihrer Tasche zu schaffen.
   »Möchtest du etwas trinken?«
   »Ja gern. Ist wieder mächtig heiß heute.« Felicitas folgte Viktor bis vor das Haus. Vor der kleinen Bank blieb sie stehen und legte ihre Tasche darauf ab.
   »Setz dich«, sagte Viktor. »Ich bin gleich wieder da.«
   »Hat keine Eile. Lass dir ruhig Zeit.«
   Viktor verschwand durch die grüne Eingangstür. Felicitas setzte sich auf die Bank, lehnte sich zurück und streckte ihre Beine von sich. Die Abendsonne schien ihr ins Gesicht und blendete sie ein wenig. Sie schloss die Augen. Herrlich war es hier. Es dauerte eine Weile, bis Viktor zurückkam. Inzwischen hatte er sich umgezogen und wohl auch geduscht, denn seine Haare glänzten feucht. In der Hand hielt er eine Flasche Rotwein und zwei Gläser.
   »Könnte ich vielleicht ein Mineralwasser bekommen? Ich muss noch fahren.«
   »Sicher.« Viktor stellte die Gläser und die Weinflasche neben Felicitas auf die Bank und ging ins Haus zurück. Kurz darauf stießen die beiden an, Viktor mit dem Wein und Felicitas mit Mineralwasser.
   »Mir kam vorhin eine Idee.« Felicitas blickte Viktor erwartungsvoll an. »Ich würde gern deine Arbeit schrittweise, also die verschiedenen Arbeitsphasen, portraitieren. Was hältst du davon?«
   »Wozu? Du hattest doch schon deinen Bericht.«
   »Ich finde es wahnsinnig interessant, wie sich ein simpler Stein verwandeln kann. Wie du daraus ein Tier oder was auch immer zauberst.«
   »Zaubern kann ich nicht.«
   »Für mich kommt deine Arbeit der Zauberei ziemlich nahe.« Sie breitete ihre Arme zu einer ausholenden Geste aus. »Was du hier alles stehen hast, ist bewundernswert.«
   »Nun übertreib mal nicht.«
   »Das tu ich nicht. Ich meine immer, was ich sage.«
   Eine Weile schwiegen beide. Felicitas empfand diese Ruhe, die nur vom Gezwitscher der Vögel, die in den umliegenden Bäumen und Büschen saßen, unterbrochen wurde, äußerst angenehm. Sie fühlte sich in diesem Moment, in dem sie neben Viktor auf der Holzbank in der Abendsonne saß, pudelwohl.
   »Warum bist du wirklich gekommen?«, fragte Viktor unvermittelt in ihr Schweigen hinein und blickte sie von der Seite her forschend an.
   »Um dir die CD zu bringen.« Verlegen scharrte Felicitas mit den Füßen auf dem staubigen Boden. Hoffentlich merkte er ihr nicht an, in welche Verwirrung sie geriet, wenn er sie so ansah oder wenn er ihr so merkwürdige Fragen stellte.
   »Ich denke, du meinst immer genau das, was du sagst.«
   Sie saß in der Falle. Unmöglich konnte sie ihm gestehen, dass er ihr seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf ging.
   Herausfordernd blickte sie ihn an. »Genau das tue ich auch. Ich wollte dir mit den Fotos eine Freude machen.«
   »Das ist dir auch gelungen.«
   Jetzt lächelte er sogar, wie Felicitas erstaunt feststellte und das war etwas, was er anscheinend selten tat. Er stand auf und hielt ihr seine Hand entgegen. »Komm, ich will mir die Bilder jetzt gleich ansehen. Hier draußen ist es sowieso noch zu stickig.«
   »Okay, gern.« Felicitas nahm seine Hand und ließ sich von ihm auf die Füße ziehen. Dann löste sie sich von ihm und nahm ihre Tasche und die Gläser. Sie folgte Viktor, der mit den Flaschen in der Hand vorausging, ins Haus.
   Rechts vom kleinen Hausflur aus führte eine Tür, die jetzt offen stand, ins Wohnzimmer. Neben einem alten Vertiko im Landhausstil, aus Kiefernholz gefertigt, befand sich ein Schreibtisch, auf dem ein PC stand. Den kleinen Sprossenfenstern gegenüber stand ein dunkelblaues Sofa. Ein blau-weiß karierter Ohrensessel, der viel Raum beanspruchte, ein dazu passender Hocker, ein niedriger Tisch sowie eine Kommode mit verschieden großen Schubladen, ebenfalls aus Kiefernholz, vervollständigten die Ausstattung. Viktor schaltete den Computer ein und bot Felicitas den Bürostuhl an. »Ich hole mir einen Stuhl aus der Küche«, murmelte er, stellte die Flaschen auf dem Couchtisch ab und verließ den Raum. Felicitas stellte die Gläser ebenfalls auf den Tisch. Sie legte ihre Tasche auf den Sessel und sah sich um. Die gemütliche Einrichtung passte zum Haus und sie passte auch zu Viktor. In einer modernen Hightech-Wohnung konnte sich Felicitas den naturverbundenen Bildhauer nicht vorstellen.
   Viktor kam mit dem Stuhl zurück und hatte außerdem ihre CD in der Hand, die er vorhin vermutlich in die Küche gelegt hatte. »Dann wollen wir mal«, sagte er. »Ich bin sehr gespannt auf die Bilder.«
   Nachdem Felicitas vor dem Bildschirm Platz genommen hatte, schob Viktor den Küchenstuhl dicht an sie heran. Er legte die CD ein und richtete seinen Blick auf den Bildschirm.
   Ob ihm die Aufnahmen gefallen werden?
   Zuerst erschienen einige der Skulpturen, die hier überall auf dem Grundstück standen. Als das erste Foto von Viktor aufleuchtete, hielt Felicitas den Atem an. Diese Abbildungen von ihm mit nacktem Oberkörper, die Haut schweißglänzend und er tief in seine Arbeit versunken, berührten sie immer wieder auf eigentümliche Weise.
   »Das ist das erste Mal, dass ich mich bei der Arbeit beobachten kann.« Viktor rückte noch ein wenig näher, beugte sich weiter über den Schreibtisch, um besser sehen zu können, und legte seinen Arm auf Felicitas’ Stuhllehne ab. Sie spürte seine Haut heiß durch den dünnen Stoff ihrer Bluse hindurch. Mit seinem linken Knie berührte er leicht ihren Oberschenkel. Das Blut pulsierte heftiger in ihren Adern, so intensiv reagierte ihr Körper auf seine Nähe. Dann schienen seine Finger auf ihrem Rücken ein Eigenleben zu entwickeln, während Viktor in die Betrachtung der Bilder vertieft war. Sie malten kleine Kreise auf ihrem Schulterblatt, strichen sanft über ihre Wirbelsäule, um dann erneut in Kreise überzugehen. Ihre Haut prickelte überall dort, wo er sie berührte. Vorsichtig schielte sie zu ihm. Sie staunte, wie intensiv er in die Betrachtung der Fotos versunken war. Spürte er denn gar nicht, wie sehr seine Berührungen sie aufwühlten? Felicitas schloss die Augen und befeuchtete ihre Lippen. Nur mit Mühe konnte sie ein Stöhnen unterdrücken.
   »Du machst fantastische Bilder.« Viktors Stimme holte sie in die Wirklichkeit zurück. Er wandte sich ihr zu und Felicitas konnte so etwas wie Begeisterung, vielleicht auch Bewunderung, in seinem Gesicht erkennen. »Ich kann gar nicht ausdrücken, wie ich sie finde.« Er zog die Stirn kraus und schien zu grübeln. »Irgendwie lebendig, eine andere Bezeichnung fällt mir nicht ein. Danke, dass du mir die CD gebracht hast.«
   Er freute sich wirklich, das sah Felicitas ihm an und sie war glücklich, den Einfall, ihm die Fotos zu brennen, gehabt zu haben. Sich am Schreibtisch abstützend rollte Felicitas mit ihrem Stuhl ein Stück zurück. »Ich muss dann wieder …« Sie stand auf. Es war besser, zu gehen, bevor sie erneut in so eine verfängliche Situation wie beim letzten Mal geriet und Viktor sie wieder abrupt und ohne eine Erklärung wegschicken würde. Das wollte sie nicht noch einmal erleben. Sie ging zum Sessel, nahm ihre Tasche und drehte sich noch einmal zu Viktor um. »Machs gut.«
   »Du kommst doch wieder«, fragte er hastig. »Ich meine, wegen deiner Fotoserie.«
   »Gern, wenn du nichts dagegen hast. Ich komme dann alle paar Tage mal vorbei.«
   »Du solltest jeden Tag Fotos machen, wenn ich von morgens bis abends daran arbeite, komme ich gut voran.«
   »Jeden Tag?« Nichts lieber als das, aber wohin sollte das führen? »Ich habe nicht jeden Tag Zeit, manchmal muss ich auch abends Termine wahrnehmen.«
   »Natürlich, es ist ja auch ein enormer Zeitaufwand, wenn du täglich vorbeikommen würdest. Außerdem hast du sicher einen Freund, mit dem du deine Abende viel lieber verbringen würdest.«
   Felicitas entschied sich, Viktor im Unklaren darüber zu lassen, wie sie am liebsten ihre Abende verbringen würde. »Ich komme dann immer mal vorbeigerauscht, mache ein paar Aufnahmen und verschwinde wieder. Du brauchst dich von mir nicht gestört zu fühlen.«
   »Du kannst jederzeit vorbeikommen.«
   »Okay. Bis dann.« Felicitas hielt ihm zum Abschied die Hand hin.
   Doch Viktor übersah die förmliche Geste, beugte sich zu ihr herunter und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. »Danke noch mal«, flüsterte er ihr ins Ohr. »War wirklich nett von dir.«
   »Keine Ursache.« Am liebsten hätte sie ihre Arme um seinen Hals geschlungen und einen richtigen Kuss gefordert. Aber sie traute sich nicht. Zu groß war die Angst vor einer Zurückweisung.
   »Sie haben eine Seele«, rief Viktor ihr hinterher, als sie schon ein paar Schritte gegangen war.
   Sie stoppte und drehte sich überrascht um. »Wie bitte?«
   »Deine Aufnahmen – sie haben eine Seele.«
   Das hat er schön gesagt, dachte Felicitas gerührt. Mit einem Lächeln und klopfendem Herzen winkte sie ihm noch einmal zu und machte sich endgültig auf den Heimweg.

*


   Viktor blieb vor dem Haus stehen, bis diese kleine Person mit dem hellbraunen Lockenkopf aus seinem Blickfeld verschwand. Nachdenklich ging er hinein und schüttete sich noch etwas von dem Rotwein ein. Mit dem vollen Glas in der Hand trat er kurz darauf wieder nach draußen und setzte sich kopfschüttelnd auf die Bank, die zwischenzeitlich im Schatten lag. Was war nur mit ihm los? Jedes Mal, wenn sie auftauchte, fühlte er sich wie in einem Strudel. Irgendwie riss sie ihn mit sich. Das war ein Zustand, den er nicht zulassen konnte. Er hatte sich vor Jahren bewusst für ein abgeschiedenes Leben entschieden. Er mied die Öffentlichkeit, außer, wenn er auf Märkten seine Werke anpries. Das war etwas anderes, schließlich musste er von seiner Arbeit leben und das mehr schlecht als recht. Er war zufrieden mit diesem Leben, mit seiner Arbeit, den täglichen Streifzügen durch die Natur. Etwas anderes erwartete er nicht und wollte er auch gar nicht mehr. Mit ihrem Auftauchen und diesem Artikel hatte Felicitas Unruhe in sein Leben gebracht. Das wollte er am allerwenigsten. Dennoch – wenn sie vor ihm stand, schien es ihm, als würde die Sonne aufgehen.
   Vorhin, als sie gemeinsam die Bilder betrachtet hatten, war ihm für den Bruchteil einer Sekunde so gewesen, als würde sie genau auf diesen Platz an seiner Seite gehören. Das durfte nicht sein und war absoluter Blödsinn. Schließlich hatte sie ihm nur die CD gebracht. Außerdem würde er niemanden jemals so dicht an sich heranlassen. Nie mehr.
   Aufstöhnend erhob er sich, stellte das Weinglas auf der Bank ab, ging zum Haus und zog die Eingangstür zu. Mit energischen Schritten verließ er das Grundstück und machte sich auf den Weg zum Wald. Danach würde es ihm besser gehen, so, wie diese Wanderungen ihm bisher jedes Mal geholfen hatten.
   Obwohl Viktor die Waldwege verlassen hatte, und, um sich körperlich mehr zu fordern, seit zwei Stunden durch das Unterholz stapfte, ging ihm die kleine quirlige Reporterin nicht aus dem Kopf. Genau sie war der Auslöser für seinen Gewaltmarsch gewesen. Viktor blieb stehen, wischte sich mit dem Zipfel seines T-Shirts den Schweiß von der Stirn und setzte sich auf einen nahen Baumstumpf. Was war los mit ihm? Er stützte seine Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab und seinen Kopf auf die Hände. Warum funktionierte es dieses Mal nicht, dass ihm der Wald den Kopf frei pustete? Seit damals – seit Ellen – hatte er sich geschworen, dass keine Frau ihm jemals wieder so nahe kommen durfte. Er hatte sowieso nie mehr das Bedürfnis nach einer anderen Frau verspürt. So sollte es bleiben. Er konnte nicht zulassen, dass so etwas wie damals noch einmal geschah. Als er sich endlich auf den Heimweg machte, dämmerte es bereits.
6. Kapitel

Nach ihrem Besuch bei Viktor fuhr Felicitas nach Hause. Kaum hatte sie ihren Wagen vor dem Haus geparkt, klingelte ihr Handy. Sie zog es aus der Tasche und erkannte nach einem kurzen Blick auf das Display Chrissis Nummer. Auf dem Weg hinauf zu ihrer Wohnung im Dachgeschoss erzählte Felicitas von ihrem Besuch bei Viktor.
   »Und?«, fragte Chrissi.
   »Was und?«
   »Wieso hast du ihm nicht gesagt, dass du solo bist? Das verstehe ich echt nicht.«
   »Wieso sollte ich? Sonst denkt er noch, ich will was von ihm.«
   »Tust du doch auch, gib es zu.«
   Empört wollte Felicitas zu einer heftigen Antwort ansetzen und musste plötzlich grinsen. »Hast ja recht. Aber ich weiß nicht, woran ich bei ihm bin. Ob er eine Frau hat …«
   »Frag ihn einfach.«
   »Du spinnst wohl. Das werde ich garantiert nicht tun.«
   »Hattest du denn das Gefühl, dass eine Frau in seinem Haus ihre Spuren hinterlässt?«
   »Ich weiß nicht.« Felicitas zuckte mit den Schultern. »So auf Anhieb würde ich Nein sagen. Es sieht eher so aus, als lebt er allein.«
   »Wo ist dann das Problem?«
   »Chrissi, für dich ist immer alles kein Problem. Aber ich bin nicht so wie du.«
   Felicitas hörte ihre Freundin am anderen Ende der Leitung aufstöhnen. »Wieso machst du es dir nur immer so schwer?«
   »Das Leben ist nicht immer so einfach, wie du es gern hättest.«
   »Aber du verpasst einiges, wenn du immer so spießig bist.«
   Abrupt blieb Felicitas im Treppenhaus stehen. »Ich bin nicht spießig! Ich gehe nur verantwortungsbewusster mit meinem Leben um.« Über dieses Thema hatten sie schon etliche Male diskutiert und ihre Meinungen hätten nicht unterschiedlicher sein können.
   »Nun sei nicht gleich beleidigt.« Chrissi versuchte, die drohende Verstimmung zwischen ihnen beiden zu besänftigen.
   »Bin ich ja gar nicht«, erwiderte Felicitas. »Oh, hallo Frau Kaufmann.« Sie grüßte eine Nachbarin, die eben aus ihrer Wohnung trat, ihre Tür umständlich abschloss und Felicitas zunickte. Mit gedämpfter Stimme führte Felicitas das Telefonat fort. »Versuch nicht immer, mir deine Lebensphilosophie aufzudrängen.«
   »Okay, Frieden. Mal was anderes, wollen wir heute Abend noch einen draufmachen?«
   »Heute nicht. Ich bin ehrlich geschafft.« Felicitas atmete tief durch und machte sich weiter auf den Weg nach oben. »Ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir. Und dann die Hitze …« Stickige, viel zu warme Luft waberte ihr entgegen, als sie die Wohnungstür aufschloss und ihre Wohnung betrat. »Warte mal, Chrissi.« Die Tasche hängte Felicitas an einen der Garderobenhaken im Flur, eilte ins Wohnzimmer und öffnete die Balkontür.
   »Versteh schon. Du willst sicherlich noch von Viktor träumen. Viel Spaß dabei.«
   Bevor Felicitas darauf antworten konnte, hatte Chrissi aufgelegt. Achselzuckend legte Felicitas ihr Handy auf den Schreibtisch, der neben der Balkontür vor dem großen Fenster stand. Sie streifte ihre Sandalen von den Füßen und tapste barfuß zur kleinen Küchenzeile, holte ein Glas aus dem Hängeschrank über der Spüle, öffnete den Wasserhahn und ließ das Glas volllaufen. Sie trank fast nur Wasser aus der Leitung. Es schmeckte ihr, außerdem war sie der Ansicht, es würde öfter kontrolliert werden, als das abgefüllte Mineralwasser. Mit dem Glas in der Hand schlenderte sie auf den Balkon und setzte sich auf einen der beiden Stapelstühle, die neben einem kleinen weißen Tisch das Balkonmobiliar darstellten. Den zweiten Stuhl zog sie zu sich heran und legte ihre Beine darauf ab. Es dauerte nicht lange, da schob sich das Bild von Viktor vor ihr inneres Auge. Was hatte er an sich, das sie so durcheinanderbrachte? Waren es seine Augen, bei denen sie jedes Mal das Gefühl überkam, sie blickten ihr bis in die Seele? Sein Aussehen, sein durchtrainierter Körper oder vielleicht seine Arbeit? Sie wusste es nicht.
   Das Heulen eines Martinshorns riss Felicitas aus ihren Überlegungen. Natürlich war sie das Geräusch hier in der Stadt gewohnt, aber dieses Mal hörte es sich extrem laut und nah an und es entfernte sich auch nicht wieder. Stirnrunzelnd stand Felicitas von ihrem Stuhl auf und beugte sich über die Balkonbrüstung. Ein Rettungswagen hielt vor dem Haus. Inzwischen hatte das nervenaufreibende Tatütata aufgehört, nur das Blaulicht auf dem Rettungswagen warnte herannahende Verkehrsteilnehmer. Ein Notarztwagen traf ebenfalls ein. Quer auf der Straße stand ein weißer Lieferwagen. Mehrere Passanten standen drum herum. Einige diskutierten und gestikulierten wild, andere schienen wie erstarrt, das konnte Felicitas sogar von ganz oben erkennen. Wieder ertönte ein Martinshorn. Schon brauste ein Polizeiwagen um die Ecke und hielt ein Stückchen hinter dem Rettungswagen. Was konnte da unten nur passiert sein? Sie hatte doch vorher überhaupt nichts bemerkt. Eilig wandte sich Felicitas von dem Geschehen ab, nahm ihr Schlüsselbund und machte sich auf den Weg nach draußen. Auf der Hälfte des Treppenhauses kehrte sie um und hastete keuchend zurück in ihre Wohnung. Aus einer der Schreibtischschubladen suchte sie einen Block und ihre alte Kompaktkamera hervor. Die Spiegelreflexkamera hatte sie im unteren Fach ihres Schreibtisches in der Redaktion eingeschlossen. Noch ein Griff in ihre Stiftbox und schon eilte Felicitas nach unten.
   Mühsam drängelte sie sich durch die Menschenmenge, die von einem Polizeibeamten gerade zurückkomplimentiert wurde.
   »Presse.« Sie gab sich dem Beamten zu erkennen.
   »Warten Sie trotzdem hier«, sagte der Polizist.
   »Immer diese Geier von der Presse! Überall, wo was passiert, sind sie ganz schnell zur Stelle und warten auf eine Sensation«, schimpfte eine männliche Stimme hinter Felicitas.
   Sie drehte sich um und warf dem Meckerer einen wütenden Blick zu. »Zufälligerweise wohne ich hier. Leute wie Sie gieren doch nach Sensationen, sonst ständen Sie nicht gerade in diesem Moment hier.« Der Angesprochene zog eine beleidigte Miene und murmelte noch etwas, was Felicitas nicht verstehen konnte. Sie entschied, ihn keines weiteren Blickes zu würdigen.
   »Was ist denn überhaupt passiert?«, fragte sie in die Runde.
   »Da ist jemand angefahren worden«, erwiderte eine ältere Dame. »Mehr weiß ich auch nicht.«
   Felicitas nickte der Dame dankend zu, schob sich seitlich weiter in Richtung Unfallgeschehen und versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Einige Rettungskräfte hockten auf dem Asphalt vor dem Lieferwagen und versorgten das Unfallopfer. Von der Person, die dort auf der Straße lag, konnte sie nur nackte Beine erkennen, die merkwürdig verdreht waren. An einem Fuß ein Damenschuh, wie ihn vorwiegend ältere Damen trugen. Der andere Fuß war nackt. Den Zipfel eines bunt geblümten Rockes konnte Felicitas noch erkennen. Das Muster kam ihr irgendwie bekannt vor, sie konnte sich nur nicht erinnern, wo sie das schon mal gesehen hatte. Der Unfallwagen hatte vorn eine mächtige Beule. Unter dem Wagen sah Felicitas den zweiten Schuh. Sie fröstelte plötzlich und zog die Schultern hoch. Sie hasste solche Reportagen, aber es gehörte einfach dazu, die Leser über Unfälle zu informieren. Darum bemüht, das Geschehen nicht an sich herankommen zu lassen, machte Felicitas einige Fotos. Einer der Polizisten sprach gerade mit einem der Herumstehenden. Von dem Beamten wollte sie sich die nötigen Informationen holen. Sie gab sich ihm als Pressevertreterin zu erkennen.
   »Eine ältere Frau ist angefahren worden. Sie hat schwere Kopf-, Bein- und vermutlich auch innere Verletzungen. Wir wissen noch nicht, wer sie ist, sie hatte weder Tasche noch Papiere bei sich.«
   »Wer hatte Schuld?«
   »Der Fahrer sagte aus, sie sei, ohne vorher zu gucken, vors Auto gelaufen.«
   »Ist der Fahrer verletzt?«
   »Er hat eine Platzwunde am Kopf und Prellungen. Er wird gerade verarztet.«
   Felicitas befragte noch einige der Schaulustigen, aber niemand hatte etwas von dem Unfallhergang mitbekommen. Sie waren alle erst im Nachhinein angelockt worden. Ein paar mehr Informationen hätte Felicitas schon gern gehabt, aber im Moment war da wohl nichts zu machen. Sie beobachtete, wie das Unfallopfer auf eine Trage geschnallt wurde. Ein Rettungsbediensteter hielt einen Beutel mit einer Infusionslösung in den Händen. Ein heftiger Schreck fuhr Felicitas in die Glieder und sie atmete heftig ein. Auf der Trage lag ihre Nachbarin. Sie waren sich doch gerade noch begegnet.
   »Ich kenne sie«, rief Felicitas einem Polizisten zu. »Sie heißt Gertrude Kaufmann und wohnt dort drüben in dem Haus, in der Wohnung unter mir. Aber ich kenne sie nicht näher, sie ist erst vor Kurzem eingezogen.«
   Der Beamte notierte sich die Aussage und bedankte sich. Kurz darauf fuhr der Rettungswagen mit Blaulicht und Tatütata Gertrude Kaufmann in die Klinik. Felicitas machte noch einige Fotos von der Arbeit der Polizisten. Als sie schließlich die Unfallstelle verließ, dämmerte es bereits.
   Das Herz schlug noch immer heftig in ihrer Brust, als sie in ihrer Wohnung ankam. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es zu spät war, den Bericht in die morgige Ausgabe zu kriegen. Der Druck war bereits in vollem Gange. Trotzdem setzte sie sich sofort an den PC, schrieb den Artikel und schickte ihn mit den Fotos in die Redaktion.
   Bedrückt und erschöpft ging sie nach getaner Arbeit unter die Dusche. Wenig später schlüpfte sie unter die dünne Decke in ihrem Bett und schlief sofort ein.

»Ja, vielen Dank.« Felicitas legte den Hörer auf und lehnte sich nachdenklich in ihrem Bürostuhl zurück. Wie sie gerade von der Polizei erfahren hatte, schien Gertrude Kaufmann wirklich vor das Auto gelaufen zu sein. Das hatte jedenfalls der Fahrer des Unfallautos ausgesagt. Er war nach einer ambulanten Behandlung noch spät am Abend aus dem Krankenhaus entlassen worden. Die Ermittlungen der Polizei hatten ergeben, dass der Fahrer nicht zu schnell unterwegs gewesen war. Das Opfer konnte bisher noch nicht vernommen werden, es lag noch auf der Intensivstation und war nicht ansprechbar. Warum nur ist sie so blind auf die Straße gelaufen? Arme Frau Kaufmann, ob sie jemanden hat, der sich um sie kümmert, fragte sich Felicitas. Im Laufe des Tages dachte sie immer wieder an ihre Nachbarin und entschied sich schließlich, ihr in ein paar Tagen, wenn es ihr hoffentlich etwas besser ginge, einen Besuch abzustatten.
   Am Abend fuhr Felicitas zu Viktor. Dieses Mal hatte sie ihre Kamera dabei, denn sie wollte den Werdegang seiner Skulptur dokumentieren. Er arbeitete noch daran, als sie auf seinem Hof eintraf.
   »Hallo Viktor.«
   Er blickte von seiner Arbeit auf und schob sich seine Schutzbrille auf die Stirn. »Oh, hallo.« Viktor trat von dem Stein weg und präsentierte ihr sein Werk mit einer ausholenden Geste. »Kannst anfangen, wollte sowieso Schluss machen. Ich gehe derweil duschen.«
   Felicitas nickte und holte ihre Kamera hervor. Während sie Aufnahmen aus allen möglichen Blickwinkeln machte, fiel ihr auf, was sich im Gegensatz zum Vortag verändert hatte. Der Rücken und das Hinterteil des Tieres waren weiter herausgearbeitet. Außerdem hatte Viktor die Beine grob angedeutet. Sie setzte sich vor dem Rehbock auf den Boden. Ihren Apparat verstaute sie ordentlich, dann stützte sie ihre Hände hinter sich ab. »Du wirst ein nettes Kerlchen«, murmelte sie.
   »Findest du?«
   »Mann, hast du mich erschreckt!« Felicitas blickte zu Viktor auf. Als sie sich wieder gefangen hatte, nickte sie. »Ja, das finde ich.«
   »Schön, dass er dir gefällt. Ich hoffe, der Kunde wird ebenso begeistert sein.«
   »Wie lange wird es dauern, bis du damit fertig bist?«, fragte Felicitas, während sie aufstand.
   Viktor zuckte mit den Schultern. »Kann ich noch nicht so genau sagen. Kommt aufs Wetter an. Wenn es zu sehr regnet, kann ich nicht daran arbeiten. Er ist zu groß und zu schwer, um ihn mal eben im Schuppen unterzustellen.«
   »Was machst du sonst bei schlechtem Wetter?«
   »Dann baue ich einen Pavillon zum Schutz auf. Oder ich bin im Schuppen. An kleineren Skulpturen kann ich da ohne Weiteres arbeiten. Nur an Graf Heinrich eben nicht.«
   »Graf Heinrich?«
   »Ja, so habe ich ihn getauft.«
   »Du gibst deinen Skulpturen Namen?«
   Viktor schüttelte den Kopf und verzog seine Mundwinkel zu einem Grinsen. »Eigentlich nicht. Aber vor einigen Tagen kam mir der Name in den Sinn und ich dachte, er passt zu ihm. Schließlich werden wir noch einige Zeit zusammen verbringen.«
   »Das mit dem Namen hätte ich gut in dem Artikel schreiben können.«
   »Gott bewahre. Wenn das jemand erfährt, nimmt er mich sicherlich nicht mehr ernst.«
   »Natürlich nimmt dich jeder ernst. Es macht dich nur …«, Felicitas suchte nach Worten, »… irgendwie so menschlich.«
   Viktors Augenbrauen zogen sich zusammen und wieder entstand diese steile Falte. Er starrte Felicitas an. »Komme ich denn so unmenschlich rüber?«
   Eine unangenehme Hitze durchströmte Felicitas und sie spürte, sie hatte die falschen Worte gewählt und Viktor womöglich damit verletzt. Sie legte beruhigend ihre Hand auf seinen Oberarm und schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Verstehst du nicht, was ich ausdrücken wollte?« Ihr war heiß und kalt gleichzeitig, und ein wenig fürchtete sie Viktors Antwort.
   Er trat nah an sie heran und schien sie mit einem Blick aus seinen hellen Augen zu durchbohren.
   Felicitas wagte kaum zu atmen, konnte aber den Blick nicht von ihm wenden.
   Da hob er seine Hand und strich mit dem Daumen über ihre Wange. »Weißt du eigentlich, wie hinreißend du aussiehst, wenn du verlegen bist? Dass ich dann immer das Bedürfnis habe, dich zu küssen?«
   Bevor sie eine Antwort parat hatte, legte er seine Hände an ihre Wangen, beugte sich herab und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen. Die Berührung war nur leicht wie eine Feder im Wind gewesen, aber sie versprach mehr.
   Dieses Mehr sollte Felicitas bekommen. Sie schloss langsam ihre Augen. Viktor schlang seine starken Arme um sie, zog sie dicht an seine Brust und ihre Lippen fanden sich zu einem heißen Kuss. Er stöhnte unterdrückt, als ihre Zungen einen wilden Tanz begannen. Ein Kribbeln durchströmte Felicitas und sie wünschte sich, dieser Kuss möge niemals enden.
   Doch dann meldete sich ihr Unterbewusstsein und redete ihr ein, Viktor würde sie, wenn er genug vom Küssen hätte, erneut zurückstoßen und fortschicken. Sie versuchte, gegen diese Gedanken anzukämpfen, doch es gelang ihr nicht. Also blieb nur eines übrig. Sie musste ihm zuvorkommen. Unter Aufbietung all ihrer Kräfte presste sie ihre Hände auf Viktors Brust und schob ihn von sich.
   Irritiert blickte er auf sie herab. »Was ist?«
   »Nichts ist. Wir sollten es einfach nicht tun.«
   »Was sollten wir nicht tun?«
   War er wirklich so schwer von Begriff oder tat er nur so? Felicitas suchte nach Worten und es fiel ihr schwer, die richtigen zu finden, denn sie wollte ihn nicht verletzen, nicht auf die gleiche Weise, wie er sie nach ihrem ersten Kuss verletzt hatte. »Es ist einfach keine gute Idee, wenn wir uns so nahe kommen.«
   Viktor trat einen Schritt zurück, ließ Felicitas aber nicht aus den Augen. »Bist du gebunden?«
   Felicitas schüttelte den Kopf. »Da gibt es niemanden.« Sie würde ihm niemals gestehen, wie sie sich gefühlt hatte, nachdem er sie fortgeschickt hatte, das hatte sie sich geschworen. »Ich vermische niemals Berufliches mit Privatem. Wir beide stehen in beruflichem Kontakt.«
   Er versuchte ein Grinsen, was allerdings ziemlich schief ausfiel, wie Felicitas fand. »Wenn ich mich nicht täusche, ist unser beruflicher Kontakt abgehakt. Dein Bericht ist geschrieben und veröffentlicht. Also sind deine Besuche rein privater Natur.«
   Felicitas konnte nicht fassen, wie sehr er sie durchschaute. »Aber die Dokumentation über deine Arbeit …«
   »… wird vermutlich nicht über deinen PC hinauskommen.«
   »Hast du ne Ahnung!« Felicitas erhob ihre Stimme. »Ich kann durchaus eigene Entscheidungen treffen. Erst gestern …«
   Mit einer Handbewegung wischte Viktor ihren Einwand beiseite. Er trat wieder näher an sie heran. Seine Augen erschienen Felicitas viel dunkler als vorher. »Jetzt halt endlich den Mund«, murmelte er, riss sie stürmisch an sich und küsste sie erneut.
   Felicitas versuchte, sich gegen ihn zu wehren, und zappelte in seinen Armen. Mit dem Ergebnis, dass er sie noch enger umfasste. Allmählich löste sich ihre Gegenwehr in Luft auf und machte leidenschaftlichen Gefühlen Platz, so sehr wühlten Viktors Küsse ihr Innerstes auf. Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen und schlang ihre Arme um seinen Hals. Inbrünstig erwiderte sie seine Zärtlichkeiten. Viktors Hände strichen immer wieder über ihren Rücken, vergruben sich schließlich in ihren Locken und stürzten Felicitas in einen Wirrwarr der Gefühle. Das Blut pulsierte heftig in ihren Adern, ihre Knie zitterten und in ihr nahm nur ein einziger Gedanke Formen an – Momente wie diesen wünschte sie sich auch für die Zukunft.
   Langsam lösten sich Viktors Lippen von ihren. Er hob den Kopf. »Komm, lass uns reingehen.«
   »Und dann?«
   »Was und dann?«
   »Was wird da drinnen passieren?«
   Viktor sah sie eine Weile an, bevor er antwortete. »Nur das, was wir beide wollen.«
   Genau das war der Punkt.
   Felicitas wusste nicht, was sie wollte. Dieser Bildhauer hatte heftige Gefühle in ihr ausgelöst, was aber nicht einschloss, dass sie sofort mit ihm ins Bett stieg. Sie spürte Panik in sich aufsteigen und traf eine Entscheidung. Solange sie sich nicht darüber im Klaren war, wie es zwischen ihnen weitergehen sollte, würde sie sein Haus nicht mehr betreten.
   Sie legte ihre Hand beschwichtigend auf seine Brust. »Viktor, das geht mir zu schnell.«
   Fragend zog Viktor eine Braue hoch.
   »Das eben war unglaublich schön. Aber ich bin mir nicht im Klaren, wie es weitergehen soll.« Sie atmete tief ein. »Lass uns nichts überstürzen. Bitte.«
   »Ich wollte dich nicht gleich ins Bett zerren, falls du das befürchtest.« Plötzlich zuckte sein Mundwinkel. »Obwohl, gewehrt hätte ich mich wahrscheinlich nicht.«
   Felicitas schnappte nach Luft, ballte die Hand, die noch immer auf seiner Brust lag, und knuffte ihn. Dann schmunzelte auch sie. Die Spannung zwischen ihnen wich.
   »Frieden?«, fragte Viktor und legte einen Arm um ihre Schultern.
   »Haben wir uns denn gestritten?«
   »Komm, lass uns wenigstens noch einen Augenblick auf die Bank setzen.«
   Felicitas nickte. Sie schlenderten auf das Haus zu und ließen sich auf der Bank nieder. Eine Weile schwiegen sie, jeder hing seinen Gedanken nach. Viktor rückte näher und legte wieder seinen Arm um sie. Felicitas kuschelte sich an seine Brust.
   »Willst du reden?«, fragte er.
   »Nicht jetzt«, flüsterte sie.
   »Dann lass es uns noch einmal tun.«
   »Was?«
   »Küssen.«
   Felicitas hob ihren Kopf und sah Viktor mit verhangenem Blick an. Ihre Lippen öffneten sich leicht.
   Das war für Viktor das Zeichen, dass sie seinen Kuss erwartete. Er zog sie noch näher an sich heran und endlich trafen sich ihre Lippen.