Antonia ist jung, lebenshungrig und voller Erwartungen für ihre Zukunft, doch diese ist bereits seit ihrer Kindheit von ihren Eltern vorgeplant. Kurz vor der erwarteten Hochzeit beschließt sie, aus dem Fahrwasser auszubrechen. Sie reist als Rucksacktouristin nach Portugal. Auf einem Campingplatz an der Algarve überrascht sie ein Unwetter, und plötzlich vermisst sie ihren Rucksack samt Bargeld und Papieren. Doch nicht nur ihr Zelt wird im Sturm erobert, denn da gibt es noch den attraktiven Alexander Pereira, Sohn des Campingplatzbesitzers und Ziegenhirte ... Antonias Gefühswelt gerät aus den Fugen und lässt sie zwischen Pflichtgefühl und Abenteuerlust schwanken.

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Mo Ira Snow

Mo Ira Snow ist das Pseudonym einer bekannten Autorin, die Liebesromane und Romantik Thrill veröffentlicht.

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Leseprobe

Kapitel 1

»Elender Mist!« Antonia rannte die letzten Meter am Strand entlang bis zu ihrem Zelt.
   In fliegender Hast ließ sie ihren kleinen Wanderrucksack fallen und bückte sich nach der herumflatternden Zeltecke. Warmer Regen rann in Strömen über ihr Gesicht, während der Wind auffrischte und plötzlich an ihren Kleidern zerrte, als wollte er sie ihr wie ein stürmischer Liebhaber vom Leib reißen.
   Sie stieß einen weiteren Fluch aus und leckte sich die Tropfen von den Lippen. Fast bis zu den Knöcheln versank sie im aufgeweichten Boden. Wie sollte sie den verflixten Hering in diesem Matsch befestigen? Ihr Blick irrte umher, auf der Suche nach dem faustgroßen Stein, mit dem sie die Metallstifte gestern in die Erde geschlagen hatte, gerade dort, wo der Sandstrand in festeres Gelände überging. Natürlich war der Stein längst weggespült und kein anderer in Sicht. Der Ärger über dieses mistige Unwetter ließ sie glatt den Muskelkater vergessen, der in ihren Waden tobte. Sie hätte für den zweiten Urlaubstag eine kürzere Wanderroute planen sollen.
   Toni trat den Zeltpflock so tief in den Boden, dass das schmatzende Geräusch, als sie den Fuß wieder anhob, das Rauschen des aufgewühlten Meeres und des tosenden Sturms übertönte. In ihren Ohren zumindest.
   »Du wirst nichts als Ärger haben«, erinnerte sie sich an das Nörgeln ihrer Mutter kurz vor der Abreise.
   Ein Hering auf der anderen Seite des Zeltes löste sich, wahrscheinlich gleich mehrere, denn der Zeltstoff hob vom Boden ab. Der Wind zerrte und riss daran, spielte damit wie mit einer Flagge. Selbst die Melodie klang wie die der Fahnenmasten auf dem Firmenparkplatz ihres Vaters. Nur das metallische Klimpern der Ösen fehlte.
   Aufgebrachte Rufe und Wortfetzen auf Englisch irrten durch den Wind. »Hierher!« – »Halt mal fest!«
   Ihr Frust wuchs. Wenn nur Julian … o Mist! Keinesfalls würde sie diesen dämlichen Wunsch zulassen, dass Julian hier wäre, um ihr zu helfen. Sie konnte ohne ihn! Und sie konnte auch ohne Mamis Fürsorge und ohne Papis Geldbeutel! Sie hatte diesen Urlaub geplant und angetreten, um genau das zu beweisen.
   Entschlossen packte sie den Zeltstoff. Wenn der Wind und der Regen ihr keine Chance ließen, die Heringe wieder anständig zu befestigen, würde sie eben einpacken. Toni rollte das Zelt samt ihren darin befindlichen Habseligkeiten ein, so gut es ging. Ihre nackten Knie versanken im Schlamm, während sie auf allen vieren versuchte, Zelt, Schlafsack und Reiserucksack zu einem Bündel zusammenzuklauben, das sie tragen konnte. Die Heringe würde sie ersetzen müssen.
   Sie sah einem Badelatschen hinterher, der sich in einem kleinen Strom einen Weg um das jämmerliche Zelthäufchen bahnte und munter wippend an ihr vorbeifloss. Na ja, vorbeiflog. Das traf es wohl eher, denn der Wind hob den Latschen immer wieder an und trug ihn einige Meter weiter, bis die schäumende Meeresbrandung ihn mit ihrer Gischt verschlang.
   Julian würde …
   Genau! Und sie würde jetzt aufstehen, ihre Siebensachen unter die Arme nehmen und ein trockenes Plätzchen in der Mini-Taverna aufsuchen.
   »Kannst du nicht wenigstens auf einen vom ADAC mit ‚ausgezeichnet‘ bewerteten Campingplatz gehen? Du kannst doch nicht einfach auf gut Glück losziehen. Wir müssen doch wissen, wo du …«
   Dieser kleine portugiesische Zeltplatz im Nirgendwo an der Algarveküste war perfekt. Back to the basics. Genau das, was sie sich wünschte.
   Antonia stand auf, das triefende Bündel vor die Brust gepresst. Der Sturm nahm weitere Kraft auf und blies sie fast um. Sie musste sich weit nach vorn beugen, um sich in Richtung der Taverna vorzukämpfen. Mit Rückenwind wäre sie wohl dorthin gesegelt … Trotz ihrer jämmerlichen Lage musste sie kichern.
   Die beiden Pärchen, die einige Meter neben ihr gezeltet hatten, warfen ihr Gepäck in den Kofferraum ihres Leihwagens. Sie winkten ihr zu.
   »Willst du mit uns fahren?«, rief der blonde Hüne.
   Toni blieb stehen. Wollte sie? Sie hatte noch für fünf Tage gebucht. »Nein, danke«, rief sie zurück. So ein kleiner Sturm würde sie nicht umwerfen.
   Wenn die Engländer fuhren, blieben kaum mehr als eine Handvoll Campinggäste übrig. Ein bisschen mulmig wurde ihr schon bei dem Gedanken. Ein strammer Marsch von zwei bis drei Stunden lag zwischen der nächsten Ortschaft und diesem paradiesischen Fleckchen. Obwohl von Paradies gerade keine Rede sein konnte.
   Toni winkte noch einmal und stapfte weiter. Bis sie die vielleicht hundert Meter zur Taverna geschafft hatte, war es stockdunkel geworden. Die Dämmerung dauerte hier nicht annähernd so lange wie in Deutschland. Toni war erst gestern Morgen mit dem Bus in Sagres angekommen und gleich zu dem Campingplatz losmarschiert. Sie hatte es gerade noch geschafft, ihr Zelt aufzubauen, um anschließend der Sonne zuzusehen, wie sie fast in Sekundenschnelle im Meer versank. Kaum eine halbe Stunde später war es Nacht und die Sterne glitzerten wie Diamanten am samtig-pechschwarzen Himmel.
   »¡Olá!«, rief sie, als sie die zwei Stufen zur Taverna hinaufstolperte. Niemand beachtete sie. Wer auch? Stühle lagen vom Wind umgefegt auf den rauen Holzdielen, und im flackernden Licht der tanzenden Deckenlampen, die wie Öllampen aussahen, aber von einem Stromgenerator gespeist wurden, sah Toni nur den Gastwirt. Er versuchte, einen Stapel Stühle mit einem Gurt an einem senkrechten Balken zu befestigen.
   Toni ließ ihr Gepäck vor der einzigen Wand der Taverna fallen. Dahinter befand sich eine Küche. Durch die drei übrigen Seiten der überdachten Terrasse brauste ungehindert der Sturm. Auf- und abrollbare Seitenwände aus stabiler Zeltplane hätten gegen weniger Wind und Regen geschützt, doch dieser Kraft hielten sie nicht stand. Der Wirt hatte sie bereits eingefahren.
   Ein weiterer Stuhl unterlag der Gewalt und rauschte klappernd an Toni vorbei.
   »¡Olá!«, rief sie erneut und bahnte sich einen Weg zwischen dem Mobiliar hindurch. »Brauchen Sie Hilfe?«
   Der Mann hatte es mittlerweile geschafft, den Gurt zu befestigen und drehte sich zu ihr um. »Danke.« Er wies auf die herumliegenden Stühle und auf weitere Spannseile vor ihm auf dem Boden. »Stapeln und festmachen«, sagte er in perfektem, akzentfreiem Deutsch. Sie nahm sich keine Zeit, sich darüber zu wundern, sondern packte zu.
   Die Tische bewegten sich keinen Millimeter, offensichtlich waren sie auf den Holzdielen verankert. Sie sammelte fünf Stühle ein, stapelte sie und schob sie vor sich her, bis sie an einen Balken stießen.
   Der Wirt kam ihr zu Hilfe und befestigte den Gurt. »¡Muito obrigado!« Er packte sie am Ellbogen und schob sie vor sich her. »Komm!«
   In der Küche schloss er die Tür hinter sich und ließ sich mit den Schultern gegen das Holz sacken. »Verdammter Oktober!« Er wischte sich über die Stirn. »Die ersten Herbststürme werden immer heftiger.«
   Antonia nickte nur. Sie hatte noch kein solches Unwetter erlebt – jedenfalls nicht im Freien. Aus ihrem warmen Zimmer im Haus ihrer Eltern hatte sie vielleicht mal nach draußen geblickt und gedacht, dass niemand bei einem solchen Wetter einen Hund vor die Tür jagen würde. Sicher war sie auch ein, zwei Mal in den vierundzwanzig Jahren ihres Lebens bei richtig heftigem Wind und Regen von der Haustür bis zum Wagen gerannt, doch damit erschöpften sich ihre Erfahrungen in dieser Hinsicht. Draußen tobte ein waschechter Orkan, der das Meer mit einer Gewalt gegen die weiter östlich liegenden Klippen trieb, dass die Brandung bis hierher zu hören war.
   Sie schrak zusammen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte, und blickte auf. Aus dem dunklen Haar des Wirts tropfte Wasser auf seine Schultern. Verdammt breite Schultern, wie Toni feststellte, und prompt verspürte sie den Wunsch, sich an eine solche Brust geschmiegt von kräftigen Armen umfangen zu lassen, sich geborgen und beschützt zu fühlen. Eine innere Stimme widersprach. Sie wollte kein kleines, dummes Weibchen an der Seite eines Mannes sein. Hätte sie das gewollt, müsste sie sich nur den Wünschen ihrer Eltern fügen. Sie würde Julian heiraten, eins, höchstens zwei Kinder bekommen, die zum größten Teil von einem Kindermädchen oder später im Internat erzogen werden würden, während sie als Repräsentantin an der Seite ihres wunderbaren Gatten glänzte, der in zwanzig Jahren – frühestens – die Stelle ihres Vaters im Betrieb übernehmen würde.
   Bis dahin wäre Toni perfekt in die Rolle ihrer Mutter hineingewachsen und gäbe eine exzellente Gastgeberin und Unterhalterin auf den zahlreichen geschäftlichen und privaten Empfängen ab.
   »Pah!«, stieß sie hervor. »Geld ist nicht alles!«
   »Das Handtuch ist kostenlos.«
   »Bitte?«
   Um die Mundwinkel ihres Gegenübers zuckte ein Lächeln. »Du brauchst nicht für das Handtuch zu bezahlen.« Gepflegte weiße Zähne blitzten auf. »Sieh es als Lohn für deine Hilfe.« Er drückte ihr den weichen Stoff in die Hände und wandte sich ab.
   Toni presste das Frottee vors Gesicht. Es duftete frisch, nach Sonne und Blumen – nicht nach Pommes und Fett, wie sie vermutet hätte. Vorsichtig tupfte sie ihren Kopf ab, den sie nicht rubbeln wollte, weil sie sonst aussehen würde wie ein zerrupftes Storchennest. Bestimmt würde sie in der Küche keine Bürste finden und außerdem wollte sie nicht gerade hier ihre Haare verteilen. Dabei wurde ihr bewusst, dass sie eine lange Nacht im Freien oder auf der offenen Veranda vor sich hatte.
   »Brauchst du noch eins?«
   Sie schielte zu ihm hinüber, auf seinen nackten Rücken. Er hatte sich sein T-Shirt ausgezogen und wrang es über einem breiten Spülbecken aus. Deutlich spielten seine Muskeln unter der Haut. Sie schaffte es kaum, den Blick abzuwenden. »Eine Dusche und ein Bett wären mir lieber«, murmelte sie und hoffte im gleichen Augenblick, dass er es nicht mitbekommen hatte. Zum Glück waren die Geräusche des Sturms laut und heftig.
   Die Küche war winzig, aber praktisch eingerichtet und blitzsauber. Auch das hätte sie nicht erwartet – zumindest nicht von einer Taverna auf einem Campingplatz am Ende der Welt. Sie waren gute zwanzig Kilometer vom nächsten Ort entfernt. Es gab keine Stromleitungen, geschweige denn Telefon oder Internet. Außer einer wunderschönen Bucht, einem Duschhäuschen mit Toiletten, dieser Küche mit ihrer offenen Veranda, die sich Taverna nannte, einem Stromgenerator und einem Kühlschrank mit Glastür, an dem sich jeder Gast rund um die Uhr Getränke nehmen konnte, die am Ende seines Aufenthaltes nach seinen Angaben abgerechnet wurden, gab es hier nichts. Sie hatte nicht einmal ein Fahrzeug gesehen, das dem Wirt gehören könnte.
   »Hast du Hunger, Antonia?«
   Sie schrak beim Klang ihres Namens zusammen. Wie er ihn aussprach, jagte ihr einen kleinen Schauder über die Haut. Oder lag das an ihren nassen Klamotten? Die Schuhe waren am schlimmsten, sie fühlten sich wie Betonklötze an.
   Sie nickte. »Sag Toni zu mir.« Wie hieß er eigentlich? Wahrscheinlich ging er davon aus, dass sie seinen Namen kannte, denn er wäre sicher nicht so plump, sich nicht vorzustellen. Bei ihrer Ankunft hatte ein älterer Mann ihr das Gästebuch zum Eintragen vorgelegt und ihr anschließend den Zeltplatz gezeigt.
   Sie versuchte, sich an den Prospekt zu erinnern, doch ihr fiel nur ein, dass es sich bei dem Campingplatz um einen Nebenerwerb der Familie handelte. Der Platz öffnete seine Pforten von Mai bis Oktober, das Hauptgeschäft des Familienbetriebs lag jedoch in der Ziegenzucht und im Weinanbau. Pereira. Verflixt, und die Vornamen? Toni wusste genau, dass sie die Namen von Vater und Sohn gelesen hatte. Immerhin konnte sie den Fremden schlecht Senhor Pereira nennen, wenn er sie duzte. Er konnte nicht viel älter sein als sie. Und vielleicht gehörte er überhaupt nicht dazu? Er könnte auch ein Angestellter sein.
   »Ja«, sagte sie. »Ich habe Hunger. Kann ich helfen?«
   »Willst du nicht erst deine nassen Sachen wechseln?« Er deutete mit dem Kopf zu einem Wandschrank. »Du findest darin bestimmt einen Rock und eine Bluse von meiner Schwester. Sie kellnert am Wochenende.«
   Fein. Und wo sollte sie sich umziehen? Vor seinen Augen oder draußen im Sturm?
   Ihr Blick fiel auf seine langen, schlanken Finger, mit denen er seelenruhig eine Paprika in Ringe schnitt.
   Also gut. Sollte er seinen Spaß haben. Immerhin war das besser, als weiterhin die nassen Sachen zu tragen. Die Shorts rieben schon empfindlich an ihren Oberschenkeln. Und was gäbe sie erst dafür, die klobigen Wanderschuhe auszuziehen? »Danke.« Mehr brachte sie nicht hervor, denn der Gedanke, sich vor seinen Augen auszuziehen, presste ihr einen Kloß in den Hals.
   Sie ging auf der anderen Seite der Kochinsel entlang. An seinem breiten Oberkörper wäre sie nicht vorbeigekommen, ohne sich an ihn pressen zu müssen.
   Schade eigentlich, spottete eine kecke Stimme in ihrem Kopf.
   Antonia schluckte. Was war mit ihr los? Sie war weder auf ein amouröses Abenteuer aus noch überhaupt von Natur aus besonders kontaktfreudig in Bezug auf Männerbekanntschaften. Aber diese Stimme – die hundertprozentig nicht zu ihr gehören konnte – meldete sich nun schon zum zweiten oder dritten Mal mit einem frechen Kommentar, der ihr das Blut in die Ohren schießen ließ. Zum Glück flackerte das Licht hin und wieder und war auch nicht besonders hell.
   Sie öffnete den Wandschrank. Auf einer Kleiderstange hingen zwei Kittel und eine Bluse, in dem Fach darüber lagen ordentlich gefaltet zwei schwarze Teile. Sie nahm das oberste, das tatsächlich ein Rock war. Ein ziemlich kurzer Rock, der ihr gerade eine Handbreit über die Oberschenkel reichen würde. Sehnsüchtig dachte sie an ihre Kleidung, die nur wenige Schritte entfernt vor der Tür in ihrem Rucksack lag. Der Gedanke allerdings, sich in den Sturm zu knien und in dem nassen, matschigen Zeltknäuel zu wühlen, bis sie ihr Gepäck daraus befreit hatte, gefiel ihr noch weniger.
   Sie straffte die Schultern und bückte sich, zog die Schuhe aus und hob sie auf. Verlegen betrachtete sie die Fußspuren, die sie auf den hellen Fliesen hinterlassen hatte.
   »Stell sie einfach unter das Waschbecken. Wir reinigen sie später.«
   Er beobachtete sie also. Beinahe glaubte sie, seinen Blick auf der Haut brennen zu fühlen. Sollte sie doch besser hinausgehen und ihre Kleidung holen? So ein Quatsch. Umziehen müsste sie sich auch dann hier drinnen. Die Frage, ob sie sich in Gefahr begab, schob sie gleich wieder zur Seite, obwohl es ihr kurz durch den Sinn schoss, dass niemand sie schreien hören würde, sollte er … Blödsinn!
   Sie schob die Schuhe unter das Waschbecken und trat zurück an den Schrank. Die Tür war nur schmal, trotzdem stellte sie sich daneben und hoffte, dass sie sein Blickfeld wenigstens etwas einschränken würde. Sie zog sich nackt aus, rieb sich mit dem Handtuch trocken, und schlüpfte ohne Unterwäsche in den Rock und die Bluse.
   Als sie sich umdrehte, stand er mit dem Rücken zu ihr und schwenkte eine Pfanne über dem Gasherd.
   Was war sie für eine dumme Pute!
   Toni lief das Wasser im Mund zusammen. Sie trat neben den Wirt. »Was ist das Leckeres?«
   »Arroz de marisco. Reis mit Meeresfrüchten.« Er wandte den Kopf und sah sie an. »Richtest du den Salat an?«
   Sein Blick bohrte sich in ihr Innerstes. In seinen Augen funkelten glitzernde Pünktchen. Hatte er sie etwa doch beobachtet? Ihre Kehle wurde eng. Rasch drehte sich Toni um und nahm das Salatbesteck von der Arbeitsplatte.
   »Unter der Platte stehen zwei Hocker. Zieh sie raus. Besteck ist in dem Korb rechts neben dir.«
   Toni legte Servietten und Besteck zurecht. Ihr Magen knurrte beinahe lauter als der Sturm.
   Auf dem Hocker rutschte ihr der Rock so weit an den Schenkeln hinauf, dass sie sich verkrampfte. Ohne Unterwäsche war sie noch nie herumgelaufen und dieser winzige Fetzen Stoff, der noch dazu stramm auf ihren Hüften spannte, sorgte nicht gerade dafür, dass sie sich wohlfühlte.
   »Schmeckt es dir nicht?«
   Sie senkte verlegen den Blick. »Doch. Es ist total lecker.« Sie schob eine weitere Gabel voll in den Mund.
   »Möchtest du noch einen Schluck Wein?«
   Die Portugiesen tranken traditionell Wein zum Essen, noch dazu, wo diese Familie ihn selbst kelterte. Nur stieg ihr gerade Wein immer viel zu schnell in den Kopf. Trotzdem erschien es ihr unhöflich, abzulehnen. »Vielen Dank«, sagte sie nur vage und starrte auf seine Hand, die aus einer Karaffe ihr Glas nachfüllte.
   Wo würde sie die Nacht verbringen? Diese winzige Küche war schon mit der Anwesenheit dieses Mannes überfüllt. Weder er noch sie noch sie beide zusammen würden in den beiden schmalen Gängen rechts und links der Kochinsel Platz zum Schlafen auf dem Boden finden.
   Wach bleiben bis zum Morgen, das Zelt neu aufbauen und den Tag über schlafen.
   Sie würde nicht vom Regen davongeschwemmt werden, sondern von ihrem Schweiß. Selbst Ende Oktober war es tagsüber noch so heiß, dass sie es im Zelt kaum aushalten würde.
   »Meine Eltern kommen morgen früh und helfen, alles wieder an Ort und Stelle zu rücken.«
   »Du meinst, der Sturm ist bis dahin vorbei?«
   »Bestimmt. In der Regel dauern solche Unwetter nicht länger als zwei bis drei Stunden.«
   Das nährte die Hoffnung, das Zelt noch in der Nacht wieder aufbauen zu können. Zum Glück hatte sie eine starke Taschenlampe dabei.
   Das Deckenlicht flackerte, glühte hell auf, und erlosch.
   »Oh!«, entfuhr es Toni. Gleichzeitig fiel ihr auf, dass irgendetwas fehlte. Sie grübelte. Das Geräusch des Generators …
   »Verdammt«, fluchte ihr Gastgeber leise.
   Sie hörte ihn rascheln und klappern, dann flammte eine Kerze auf. »Gehen wir zum romantischen Teil über.« Er stellte ein Teelicht auf die Arbeitsplatte.
   Toni sah sein Grinsen nicht, aber sie hörte es förmlich. »Kannst du den Generator nicht wieder zum Laufen bringen?«
   »Können schon, aber wozu? Siehst du dein Essen nicht mehr?«
   Sie lachte. »Ich bin satt.« Sie trank einen Schluck Wein und aß den letzten Happen ihres Salates. »Das war köstlich. Vielen Dank.«
   »Du fragst dich bestimmt, wie wir nun den Rest der Nacht verbringen?«
   »In der Tat.« Gespannt hielt sie den Atem an.
   Er stand auf, räumte mit schnellen Handgriffen das Geschirr ab und reichte ihr eine Hand. »Komm.«
   Als sie zögerte, schob er ein »Nur keine Angst, ich bleibe anständig« hinterher.
   Sie fühlte sich ertappt und sprang viel zu schnell auf. Ihr Gesicht glühte – und einmal mehr war sie dankbar, dass er es nicht sehen konnte.
   »Ich will nur nicht, dass du stolperst.« Er hielt ihre Hand. Sein Griff war angenehm, fest und leicht kühl. »Nur fünf Schritte.« Er blieb stehen.
   Toni hörte das Aufgleiten einer Schiebetür.
   »Hier ist ein Ruheraum. Schlafzimmer würde ich das nicht nennen, aber es reicht. Warte.«
   Einen Moment später leuchtete der Strahl einer Taschenlampe auf.
   Die Schiebetür hatte Toni beim Umziehen gesehen, aber vermutet, dass es sich um einen weiteren Wandschrank handelte. Sie grinste still in sich hinein. Viel größer war das Kabuff auch nicht. An der rechten Wand stand eine Pritsche, der Gang daneben war gerade so breit, dass sie vor dem Bettgestell stehen konnte. Das laute Plätschern irritierte sie. Anstelle eines Fensters besaß der Raum eine Dachluke. Bei klarem Wetter stellte sie es sich herrlich vor, auf der Matratze zu liegen und den gigantischen Sternenhimmel über sich zu betrachten.
   »Ich werde in der Küche schlafen.« Er stellte die Taschenlampe auf einem Wandbord am Kopfende des Bettes ab. »Mach es dir bequem. Die Bettwäsche ist frisch.«
   »O nein«, protestierte Toni. »Das kann ich nicht annehmen.«
   Er lachte auf. »Und die Alternative wäre?«
   »Ich schlafe in der Küche.«
   »Schade. Ich dachte, wir schlafen übereinander.«
   Hitze rauschte in ihren Kopf. »Findest du das nicht ziemlich frech?«
   Er fasste um ihre Hüften und schob Toni langsam an sich vorbei. Viel zu langsam. Ihr stockte der Atem. Nein, viel zu schnell. Nur zu gern hätte sie noch einen Moment länger seine Nähe gespürt, ihr Gesicht an seine Brust gelegt, seinen prickelnden Duft nach Wind und Regen eingeatmet.
   Er stand schon an der Schiebetür. »Wenn dein Gewissen dich zu sehr zwickt, ruf mich einfach.« Wieder sah sie sein Lächeln nicht, aber sie spürte es.
   »Danke«, murmelte sie. Dann fiel ihr etwas ein. »Warte!«
   Die Tür schob sich wieder einen Spaltbreit auf.
   »So schnell hast du es dir anders überlegt?«
   »Ja. Ähm. Nein. Meine Sachen …«
   »Ich hänge sie zum Trocknen auf.«
   »Danke.«

Toni konnte nicht einschlafen. Nach einer Weile schob sie es auf den Regen, der unaufhörlich auf das Dach prasselte.
   Wenigstens hatte der Wind nachgelassen, das hätte wahrscheinlich nur ihr Gefühl verstärkt, wie ein Blatt hin und her gewirbelt zu werden. Verzehrte sie sich etwa nach diesem Unbekannten? Warum verspürte sie ein Prickeln in der Bauchgegend und ein Kribbeln auf der Haut, wenn er sie mit seinen dunkelblauen Augen musterte? Auch Julian hatte fast schwarzes Haar und blaue Augen – eine Kombination, die sie einfach unwiderstehlich fand. Doch musste gleich der Erstbeste, der ihr über den Weg lief, sie derart irritieren? Bisher hatte sie gedacht, Julian zu lieben. Nur der Zwang, unter den ihre Eltern sie stellen wollten, ließ sie rebellieren. Plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, was sie für ihn empfand. Konnte es wirklich sein, dass sie noch zerrissener war, als sie ohnehin zu spüren geglaubt hatte?
   Nun, wenigstens würde sie sich auf kein Abenteuer einlassen, auch wenn das Angebot ganz, ganz leise lockend in ihrem Inneren nachklang. Eine mehr als süße Verlockung.
   Toni öffnete die Augen und starrte aus der Dachluke. So würde sie niemals einschlafen können. Sie schloss die Lider wieder, doch es tauchten nur zwei wunderschöne blaue Sterne auf, die sich in einen verführerischen Blick verwandelten. Ihre Zunge klebte am Gaumen, und ihre Lippen fühlten sich spröde und trocken an. Sie hätte sich gern etwas zu trinken geholt, aber sie traute sich nicht, ihre Kammer zu verlassen.
   Wenn sie ihn doch wenigstens schnarchen hören würde.
   Ob er wach lag? Sie lauschte angestrengt, aber sie vernahm nicht einmal seine Atemzüge. Vielleicht hatte er den Raum verlassen? Aber wo sollte er sein im Regen?