Werwölfe bleiben unter sich. Sie mischen sich nicht mit Menschen und sie verachten Schwächlinge.
Die geborene Werwölfin Nathalie lebt in ständigem Konflikt, denn sie möchte den Regeln des Woldsrudels gehorchen, fühlt sich aber gleichzeitig von den Menschen, die sie eigentlich meiden soll, wie magisch angezogen. Besonders von David. In einer Vollmondnacht kann Nathalie nicht länger widerstehen und zeigt sich ihm. Er hält sie für einen großen schwarzen Hund und nimmt sie mit nach Hause. Weil es Nathalie nicht erlaubt ist, sich zu offenbaren, harrt sie in ihrer Werwolfgestalt aus, bis ihr Rudelführer Ray sie bei einem Spaziergang entdeckt und sie zum Rudel zurückschleift. Doch Nathalie kann nicht von David lassen. Sie stellt sich gegen Ray und bringt nicht nur sich in tödliche Gefahr ...

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Bettina Ferbus

Bettina Ferbus
© Ottmar Krenn
Bettina Ferbus ist eine bekennende Süchtige. Sie ist süchtig nach Pferden - das hat sich schon in ihrem Hauptberuf niedergeschlagen: Sie ist Reitlehrerin - und sie ist süchtig nach Gedrucktem. Zwanghaftes Lesen mit einer besonderen Vorliebe für Phantastisches führte dazu, dass sie Geschichten zu schreiben begann. Zuerst Kurzgeschichten, die in verschiedenen zum Teil preisgekrönten Anthologien erschienen sind, später auch längere Texte.

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Leseprobe

Kapitel 1
Nathalie

Sie sollte nicht hier sein. Aber sie konnte nicht anders. Nicht nur, dass sie die Menschen grundsätzlich liebte, ihren Geruch, ihre Stimmen, die Art, wie sie sich bewegten. Es war ein ganz bestimmter Mensch, der es ihr besonders angetan hatte. Lautlos schlich sie sich durch den Stadtpark, vorbei an Liebespärchen, die im Mondschein turtelten. Ein Hund, der von seinem Herrn noch zu später Stunde Gassi geführt wurde, bemerkte sie in den Baumschatten und knurrte. Sie starrte ihn an und der Hund verstummte.
    Der Mann saß wie immer unter der alten Eiche. Das dichte helle Haar hing ihm in die Stirn. Unter den Augen lagen tiefe Schatten. Der Dreitagebart ließ die Wangen noch eingefallener wirken. Die Schwermut in seinen Zügen ließ sie erschaudern und ihr Nackenfell stellte sich auf. Sie wollte ihn trösten, sich an ihn schmiegen. Aber das war nicht erlaubt. Menschen waren gefährlich, denn Menschen durften nicht erfahren, was sie war. Deshalb sollte sie sich von ihnen fernhalten. Dabei mochte sie den Geruch dieses Menschen ganz besonders, obwohl er von einem seltsam künstlichen Aroma überlagert wurde. Unwillkürlich machte sie einen Schritt auf den Mann zu. Wie von einem Magneten angezogen setzte sie ein Bein vor das andere. Erst, als der Mensch sie ansah, wurde ihr bewusst, dass sie in das Mondlicht hinausgetreten war. Die unglaubliche Traurigkeit in diesem Blick berührte etwas tief in ihrem Inneren, etwas, das sie dazu bringen wollte, die Schnauze zu heben und den Mond anzuheulen.
   Ray wird dich umbringen. Aber vielleicht musste er es gar nicht erfahren. Noch war nichts passiert. Noch konnte sie sich in den Schatten zurückziehen und unauffällig verschwinden. Sie wusste, dass der Mann sie für einen Hund halten würde, wenn sie sich wie einer benahm. Einen großen, schwarzen Hund mit Augen, deren Bernsteingelb so dunkel war, dass man es auch für ein helles Braun halten konnte. Menschen sahen, was sie erwarteten und niemand erwartete, in einem Stadtpark einen Wolf zu sehen.
   »Na, mein Schöner, wo ist denn dein Herrchen?«
   Geh! Verdammt noch mal! Verschwinde von hier! Sie machte einen zaghaften Schritt nach vorn. Diese Stimme war so schön. Wie konnte ein Mensch eine so schöne Stimme haben? Sie schmeichelte, streichelte, hüllte ein. Nathalie wollte sich auf den Boden legen und dem Fremden ihren ungeschützten Bauch darbieten, nur damit er weitersprach.
   »Hast du überhaupt ein Halsband? Bist du ausgerissen? Oder hat dich jemand ausgesetzt?«
   Zaghaft schwang ihre Rute hin und her. Sie machte einen weiteren Schritt auf ihn zu.
   Der Mann sah auf die Uhr. »Ich glaube, ich sollte nach Hause gehen. Vielleicht schaffe ich es doch noch, die eine oder andere Stunde zu schlafen.« Er stand mit einem Seufzen auf. Er schien Schmerzen zu haben und bewegte sich wie ein alter Mann. Dabei konnte er nicht älter als Ende zwanzig sein. Es war, als würde ihn eine schwere Last niederdrücken.
   Das Bedürfnis, dem Menschen zu folgen, beherrschte ihre Gedanken, ihr Wollen, ihr Tun. Es war, als bewegten sich die Pfoten ganz von allein. Alles war vergessen. Alles, außer ihm. Die Vorsicht, die sie vor den Autos mit ihren grellen Lichtern, die ihre empfindlichen Augen blendeten, warnte, existierte nicht mehr. Es gab nur noch diesen einen Mann. Er war zu ihrem Universum geworden.
   Der Aufprall kam unerwartet. Knackend gaben ihre Rippen nach, die Wirbelsäule brach und als sie mit dem Kopf aufschlug, explodierte die Welt.
   Das Auto kam mit quietschenden Reifen zum Stehen. Sie konnte die Fahrertür hören, die entsetzte Stimme des Lenkers. »Er ist mir direkt vor das Auto gelaufen. Ehrlich, ich konnte überhaupt nichts dafür. Ich hatte nicht die geringste Chance, rechtzeitig auszuweichen.«
   Sie wollte sich verwandeln. Das würde dem Körper helfen, sich zusammenzufügen. Dann hätte der Schmerz ein Ende.
   Du darfst dich nicht verwandeln. Natürlich nicht. Menschen konnten sie sehen. Ihre Verletzungen würden auch so heilen. Sie konnte inzwischen ihre Hinterbeine wieder bewegen und rappelte sich mühsam hoch. Der Schmerz presste ein hohes Winseln aus ihrer Kehle.
   »Sehen Sie nur. Vielleicht ist er doch nicht so schwer verletzt, wie ich dachte.« Die Stimme des Fahrers klang erleichtert. »Komm her. Lass dich ansehen.«
   Lauf weg. Das ist deine Chance. Wie an Marionettenfäden gezogen, tappte sie auf den Mann zu. Jeder Atemzug jagte Messer durch ihre Lungen und bei jedem Schritt glaubte sie, ihre Wirbelsäule würde wieder brechen. Hau endlich ab! Das wäre vernünftig gewesen, aber sie wollte nicht fort von seiner Stimme.
   »Guter Junge. Komm erst mal mit und morgen früh lassen wir dann den Tierarzt nach deinen Verletzungen sehen.«
   Kein Tierarzt darf dich sehen. Er würde sofort merken, dass du kein Hund bist und ihm würde auffallen, dass die Verletzungen zu schnell heilen. Sie wollte bei ihm bleiben, wollte der Stimme der Vernunft nicht gehorchen und die Qual in ihrem Inneren ließ sie aufjaulen.
   »Vielleicht sollten wir doch gleich fahren. Irgendwo in dieser verdammten Stadt wird es doch wohl einen Tierarzt geben, der auch mitten in der Nacht nach einem verletzten Hund sieht.«
   »In der Tierklinik haben sie rund um die Uhr Dienst.«
   Nein! Sie duckte sich unter den Händen des Mannes durch, dabei hätte sie die Berührung nur zu gern zugelassen. Die lockende Stimme zerrte an ihr, legte sich wie eine Leine um ihren Hals und schnürte ihr die Luft ab. Beinahe wäre sie stehen geblieben und hätte wieder umgedreht.
   Renn! Oder willst du in irgendeinem Versuchslabor enden? Niemals! Sie lief, so schnell sie die Pfoten trugen, achtete nicht auf den Schmerz in ihrem Rücken, auf das Brennen ihrer Rippen und auf das Stechen in ihrem Kopf. Erst einen Block weiter hielt sie in einem Hinterhof inne und lauschte. Niemand verfolgte sie. In der Ferne hörte sie, wie der Mann sich mit David vorstellte, mit dem Autofahrer Telefonnummern austauschte, für den Fall, dass der Hund wieder auftauchen würde, und sich dann verabschiedete.
   Der Name gefiel ihr. Er passte zu der wunderschönen Stimme. Sie lauschte seinen sich entfernenden Schritten, vernahm, wie sich der Klang seiner glatten Sohlen auf dem Asphalt veränderte, als er ein enges Gässchen betrat.
   »Hey Alter, rück Kohle rüber.«
   Ruckartig fuhr ihr Kopf nach oben. Jemand bedrohte David. Sie vergaß ihre Schmerzen, drehte sich um und rannte den Weg zurück, den sie gekommen war.
   »Ich habe kein Geld dabei.«
   Ihre Sprünge wurden länger.
   »Red keinen Scheiß, Alter.«
   Sie bog um die Ecke und mit zwei Sätzen stand sie mitten in der Gasse. Die beiden Menschen bemerkten sie nicht.
   »Ehrlich. Ich habe nichts dabei außer den Wohnungsschlüsseln. Du musst schon mit in die Wohnung kommen, wenn du Geld willst.«
   Ein Jugendlicher, der kaum mehr als siebzehn Jahre zählen konnte, fuchtelte mit einem Messer vor Davids Gesicht herum. Er war dünn, um nicht zu sagen, ausgemergelt, die Haut leuchtete wächsern im Mondschein. Deutlich waren einige entzündete Pickel zu erkennen.
   »Verarsch wen anderen«, sagte der Junge und trat einen Schritt nach vorn. Noch im selben Augenblick war sie an Davids Seite. Das Knurren in ihrer Kehle grollte wie Donner.
   »Scheiße!« Die Stimme des Jungen klang plötzlich eine Oktave höher. »Ist das dein Hund? Pfeif ihn zurück. Ich brauche dein Geld nicht. Ich brauche gar nichts von dir. Aber pfeif diesen verdammten Hund zurück.«
   Sie spürte, wie sich Davids Hand auf ihren Kopf legte. Das Fell glättete sich ein wenig und das Knurren wurde leiser.
   Der Junge machte einen vorsichtigen Schritt zurück. Dann einen weiteren, als er merkte, dass sie ihm nicht folgte. Er drehte sich um und rannte davon.
   Krieg dich! Ihre Pfoten bewegten sich von selbst. Zwei Sätze, und sie hatte ihn eingeholt.