Joan Wilkens hat ihre verruchte Jugendliebe Matt längst aus ihrem Leben verbannt. Zu schmerzhaft ist die Erinnerung an ihre einstige Beziehung. Als ihr toter Bruder Bill sie im Testament bittet, seine Asche mit Matt auf dem Gipfel des Grand Teton zu verstreuen, willigt sie notgedrungen ein. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, fest entschlossen, die Bergspitze zu erreichen und keine alten Gefühle aufkommen zu lassen …

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ISBN: 978-9963-52-445-7

Seiten: 183

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Susan Clarks

Susan Clarks entdeckte früh ihre Leidenschaft für Bücher. Deshalb verwunderte es niemanden, dass sie sich für ihr Leben zwei große Ziele setzte. Zum einen wollte sie die Welt retten, zum anderen einen Roman schreiben. Da sich die Rettung der Welt mit Familie ein wenig schwierig gestaltet, hat sie sich nach der Geburt ihres ersten Kindes intensiv dem Schreiben zugewandt und ihren ersten Roman zu Papier gebracht, der im Juli 2014 im Bookshouse Verlag veröffentlicht wurde.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Grand Teton Nationalpark, Wyoming
Mai 1998

Bill hievte sich mit letzter Kraft über den Felsen, schwankte die wenigen Schritte auf den verbliebenen Haken zu und verankerte sich. Langsam wandte er sich um und betrachtete das atemberaubende Panorama des Nationalparks.
   Er hatte es geschafft! Er hatte es tatsächlich geschafft. Unter seinen Füßen breitete sich der Gipfel des Grand Teton aus.
   Lächelnd griff er zum Seil und signalisierte Matt mit einem Ruck, dass er nachkommen konnte. Kurz darauf tauchte dessen schwarzer Schopf über der Felskante auf und Matt grinste ihn an.
   »Komm schon! Faulenzen kannst du später«, rief er ihm zu und zurrte erneut am Seil.
   Matt überwand die letzten Zentimeter, richtete sich auf und klatschte High Five gegen Bills Hand ab. »Gut gemacht«, stieß er hervor, ehe er seinen Stand sicherte und als Nächstes Joan nachholte.
   Über die Felskante hinweg warf Bill seiner Schwester einen Blick zu und hob den Daumen. Er war stolz auf sie, richtig stolz. Während der zwei Tage, in denen sie unterwegs waren, hatte sie sich tapfer geschlagen. Weder Matt noch er wollten sie ursprünglich bei der Tour dabeihaben, aber sie hatte ihren Dickschädel durchgesetzt. Mal wieder.
   Ein wenig abseits sank er auf einen Felsen nieder und beobachtete Matts geschickte Handgriffe. Eines Tages würde er einen tollen Bergführer abgeben. Die gesamte Tour hatte er geplant und organisiert, darauf geachtet, dass alle Sicherheitsvorkehrungen eingehalten wurden, und Bill dennoch den Vorstieg zum Gipfel gewährt.
   »Rechts über dir ist ein guter Griff«, rief sein Freund nach unten.
   Joan hatte sich Matt gegenüber während der Tour sehr zurückhaltend gegeben, wenn man bedachte, wie sie ihn sonst anhimmelte. Keine schmachtenden Blicke, keine Annäherungsversuche. Matt schien ihr das zu danken, indem er um einiges freundlicher mit ihr umging als gewöhnlich.
   »Nur noch drei Meter, dann bist du oben.« Vorsichtig lugte Matt über die Kante.
   Bill seufzte. Sie wären ein schönes Paar. Wenn nur Matt seine Einstellung ändern und Joan erwachsener werden würde. Womöglich hätten sie dann eine echte Chance.
   Joans Hand tauchte auf und krallte sich um einen Felsvorsprung. Als sie sich hochzog, spannten sich ihre Muskeln und Sehnen an. Schließlich wurde auch ihr blondes Haar über der Kante sichtbar.
   Bill atmete auf. Sie hatten es geschafft! Sie hatten es alle drei geschafft!
   Joan schwang ein Bein über den Felsen und strahlte ihn an. Doch plötzlich rutschte sie aus. Sie versuchte noch, sich festzuhalten, aber vergebens. Augenblicklich verschwand sie mit einem Schrei in der Tiefe.
   Bill sprang auf.
   Matt zurrte das Seil fest und Joans Fall endete sofort. Reglos baumelte sie knapp unterhalb des Gipfels in der Luft. »Ich hab dich«, rief Matt ihr zu und zerrte ein weiteres Mal am Seil.
   Joan reagierte nicht.
   Bills Herz hämmerte gegen seine Brust. »Joan?« Aber noch immer kam keine Reaktion von ihr.
   »Joan?«, fragte nun auch Matt. »Alles in Ordnung?«
   Großer Gott, lass ihr nichts passiert sein, flehte Bill im Stillen. Vorsichtig näherte er sich noch weiter der Felskante, um besser in die Tiefe zu sehen. Ob sie sich gestoßen hatte? Er würde es sich nie verzeihen, wenn sie sich ernstlich verletzt hätte. »Joan!«, versuchte er es erneut. »Hast du dir wehgetan?«
   Erst jetzt schüttelte sie den Kopf.
   Erleichtert stieß er die Luft aus, und auch von Matt fiel merklich die Anspannung ab. »Findest du irgendwo einen neuen Halt?«, fragte Matt.
   Ihre Finger krallten sich um das Seil, ihr Kopf blieb gesenkt.
   Bill runzelte die Stirn. Etwas stimmte nicht.
   »Joan?« Auch Matt klang sorgenvoll. Als sie nicht reagierte, sicherte er das Seil und knotete sich im Eiltempo um. »Ich steig zu ihr ab.«
   Bill nickte, dankbar, dass sein Freund die Führung übernahm. Er selbst war viel zu aufgeregt, als dass er vernünftig hätte handeln können.
   Wenig später hing Matt neben Joan in der Wand. Mit einer Bandschlinge sicherte er seinen Stand und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf Joan. Er legte die Hand auf ihren Rücken und blickte in ihr Gesicht. »Joan?«, hörte Bill ihn flüstern.
   Aber sie hielt weiterhin ihr Haupt gesenkt.
   »Hast du dir wehgetan?«
   Langsam schüttelte sie den Kopf. »Ich hab … Ich bin …«
   Als sie endlich Matt in die Augen sah, konnte selbst Bill den Schreck und die Angst in ihrem Gesicht erkennen. Nur zu gern hätte er seiner Schwester geholfen, aber er wusste auch, dass auf Matt Verlass war. Er würde sie heil auf den Gipfel bringen.
   »Ich helfe dir«, erklärte Matt und lächelte ihr zu. »Gemeinsam schaffen wir auch noch den letzten Meter. Wäre doch schade um die ganze Anstrengung.«
   Joan zögerte, aber dann nickte sie und ließ Matt ge-währen, der schon nach einem neuen Stand Ausschau hielt. Schritt für Schritt arbeiteten sie sich hoch und Matt blieb immer dicht an ihrer Seite.
   Als sie erneut abzurutschen drohte, ergriff Matt sofort ihren Arm und zog sie zu sich. »Ich hab dich.«
   Joan wandte den Kopf und sah Matt direkt in die Augen. Als hätten die beiden die Welt um sich vergessen, hingen sie in der Wand und starrten einander an. »Du bist sicher«, raunte Matt Joan zu und ein zaghaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
   »Hey, ihr zwei«, rief Bill nach unten, aber keiner von beiden reagierte. Mit gerunzelter Stirn blickte er zwischen Matt und seiner Schwester hin und her. Dann verdrehte er die Augen. War ja klar, dass die zwei ausgerechnet jetzt zueinanderfinden mussten, wenn sie sich in über viertausend Metern Höhe befanden.
   Das Krächzen eines Vogels durchbrach die Stille und befreite Matt und Joan aus ihrer Starre. Matt schüttelte den Kopf, und auch Joan wirkte mehr als verwirrt.
   Sie überwanden die Klippe und ließen sich auf dem steinigen Boden des Gipfels nieder. Schwer atmend sahen sie einander an und verloren sich erneut in den Augen des anderen.
   Bill seufzte. Er schnappte sich das Seil und sicherte beide endgültig im Felsen.
   »Hey, ihr Turteltauben …« Sollten sie ihren Flirt später fortsetzen. »Wir haben es geschafft!« Er riss die Arme in die Luft und tanzte jubelnd herum.
   Matt und Joan drehten die Köpfe zu ihm und lachten. Jauchzend fingen sie ihn auf, als er auf sie zutanzte und sie umarmte. Zu dritt hüpften sie im Kreis, bis sie über die Seile stolperten und lachend wieder zu Boden fielen.
   »Wir haben es geschafft«, rief er erneut, legte sich auf den Rücken und streckte alle viere von sich. »Yeah!«
   Matt saß dicht bei Joan, seine Hand neben der ihren und lächelte ihr zu. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und starrte schließlich auf den Boden. Matts Blick aber ruhte weiter auf ihr.
   Bill setzte sich auf und legte seine Arme um die Knie. Er war noch nie so froh über Joans Sturheit gewesen. Vielleicht würde es mit Matt und ihr tatsächlich noch klappen. Er wünschte es ihnen. Seine Schwester brauchte einen Mann, der sich nicht von ihr an der Nase herumführen ließ und Matt eine Frau, die seine Launen ertrug und ihn nahm, wie er nun einmal war.
   »Los, wir machen ein Foto.« Bill rappelte sich auf.
   Auch Matt und Joan erhoben sich, während Bill die Kamera aus seinem Rucksack hervorkramte. Er positionierte sie auf einem Felsen und stellte den Selbstauslöser ein.
   Er legte einen Arm um Matts Schulter und streckte den anderen in die Luft. Lächelnd registrierte er, wie Matt seine Schwester um die Taille fasste und sie zu sich heranzog.
   Zu dritt strahlten sie in die Kamera und Bill leistete einen stummen Schwur: Matt und Joan sollten sich immer an diesen Tag erinnern. Daran, wie es zwischen ihnen sein konnte, wenn sie es nur zuließen. Wie intensiv sie aufeinander reagierten, wenn sie es sich nur erlaubten.
   Und sollten sie es je vergessen, würde er einen Weg finden, sie daran zu erinnern.

Kapitel 1
Kamerra, Woyming
Juni 2013

Reglos stand Joan vor der Terrassentür und starrte durch das Glas ins Freie. Der Wind wiegte sanft die einfache Holzschaukel am Ende des Gartens. Bunte Blumen zierten den Rand des Rasens und die alte Eiche warf einen breiten Schatten über die Terrasse.
   Ein Bild des Friedens. Ein Bild, das nicht zu ihrer Stimmung passte. Denn er war tot. Bill war tot.
   Im Hintergrund klapperte leise Besteck, Gesprächs-fetzen schwirrten durch den Raum, und gelegentlich drang ein verhaltenes Lachen an ihre Ohren. Alles verlief so, wie es wohl sollte. Im geselligen Beisammensein nahmen die Leute Abschied von ihrem Bruder, tauschten Anekdoten und Erinnerungen über ihn aus, während seine Asche in einer Urne am Familienfriedhof ruhte.
   Mehrmals rieb sich Joan über die nackten Oberarme, als könnte sie dadurch die Kälte in ihrem Inneren vertreiben, den Eisblock lockern, der um ihr Herz lag. Aber nichts vermochte die Starre zu lösen, in der sie sich seit der Hiobsbotschaft befand.
   Ihr Bruder war tot. Tot. Ständig wiederholte sie das Wort in ihren Gedanken. Es erschien ihr so unwirklich, so fern ihrer Realität. Hatte sie nicht noch gestern mit ihm geredet? Mit ihm gelacht? Er konnte sie doch nicht einfach so verlassen haben.
   Der Schmerz über den Verlust nahm ihr beinahe die Luft zum Atmen und nur mit Mühe unterdrückte sie die Tränen, die sie um ihren Bruder weinen wollte. »Bill«, flüsterte sie gegen das Glas und schloss für einen Moment die Augen. Sie wollte ihren Bruder wiederhaben, wollte sich neben ihn setzen, den Kopf an seine Schulter lehnen und sich Rat bei ihm holen. Aber zugleich wusste sie, dass das niemals wieder geschehen würde. Er würde nicht zurückkommen.
   Sie seufzte. Sie vermisste ihn so.
   Aus den Augenwinkeln bemerkte sie plötzlich einen Schatten, aber sie weigerte sich, ihn weiter zu beachten. Sie wollte allein sein mit sich und ihrem Schmerz. Als sich die Gestalt jedoch neben sie gesellte, kam sie nicht umhin, hochzusehen. Der Anblick ließ sie erstarren. Und für einen Augenblick vergaß sie ihre Trauer, stattdessen kamen die Erinnerungen an einen ganz anderen Schmerz.
   »Matt«, krächzte sie und starrte in die Augen des Mannes, der ihr vor fünfzehn Jahren das Herz gebrochen hatte.
   »Hallo Joan.« Er lächelte, dann nahm er einen Schluck aus dem Whiskeyglas, das er in der Hand hielt, und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Garten, der unterhalb der Terrasse bis an den angrenzenden Wald heranreichte.
   Ungläubig starrte sie ihn weiter an, während sich alles in ihr gegen diese Situation sträubte. Er sollte nicht hier sein. Er durfte nicht hier sein. War es denn nicht schon schlimm genug, dass ihr Bruder gestorben war? Musste nun auch noch Matt auftauchen?
   »Was willst du hier?«, fragte sie schließlich und war dankbar, dass ihre Stimme kräftiger klang, als sie sich fühlte.
   »Das, was alle wollen. Dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Als ob du wüsstest, was Ehre bedeutet.«
   Er schwenkte sein Glas und beobachtete, wie das Getränk seine Kreise zog. »Willst du dich wirklich auf Bills Trauerfeier mit mir streiten?«
   Sie presste die Lippen aufeinander und verkniff sich eine Erwiderung, obwohl sie am liebsten Ja geschrien hätte. Denn sie wollte sich mit ihm streiten. Sie wollte ihm entgegenschleudern, was sie von ihm hielt und davon, dass er vor ihr stand. Nämlich nichts. Absolut nichts. Aber stattdessen schluckte sie ihren Ärger fürs Erste hinunter und richtete ihren Blick wieder nach draußen.
   »Ich habe nicht gewusst, dass sich Bill einäschern lassen wollte«, sagte Matt in die Stille zwischen ihnen.
   »Dafür hättest du auch öfter als einmal im Jahr mit ihm reden müssen.« Oder dich auch nur einmal in den letzten zehn, zwölf Jahren in Kamerra blicken lassen.
   Er quittierte ihren Kommentar mit einem Lächeln und deutete dann ans Ende des Raums. »Bills Freundin scheint nett zu sein.«
   Joan riskierte einen schnellen Blick auf Christine. »Ist sie.« Sie hatte kein Interesse an Small Talk oder sonst irgendeinem Gespräch mit ihm. Sie wollte ihre Ruhe haben. Trauern. Und mit Sicherheit nicht mit Matt über alte Zeiten plaudern.
   »Ich kann verstehen, warum Bill darüber nachgedacht hat, sie zu heiraten.«
   Aus zusammengekniffenen Augen musterte sie ihn. Hatte Bill ihm tatsächlich davon erzählt?
   »Tja, kaum zu glauben. Aber das eine oder andere wusste ich doch über ihn.« Zufrieden lächelte er.
   »Das hat dich aber nicht davon abgehalten, deinem angeblich besten Freund einfach den Rücken zu kehren und ihn sich selbst zu überlassen.«
   Langsam fiel sein Lächeln zusammen und ein Ausdruck, den sie bei jedem anderen als Traurigkeit gedeutet hätte, legte sich über sein Gesicht. Aber sie konnte er nicht täuschen. Sie kannte die Wahrheit. Für mehrere Sekunden hielt sie noch den Blickkontakt, dann wandte sie sich ab und verschwand ohne ein weiteres Wort in Richtung Büfett.
   Mit zittriger Hand griff sie nach einem Teller, während sich ihre Gedanken überschlugen. Matt sollte nicht hier sein. Woher wusste er überhaupt von der Trauerfeier? Seit Jahren lebten keine Verwandten mehr von ihm in Kamerra und außer Bill hatte er nie enge Freunde gehabt. Außer ihr vielleicht.
   Lustlos studierte sie die angebotenen Speisen und griff schließlich bei einem Stück Weißbrot zu. Seit Tagen verspürte sie keinen Appetit und nach dem Zusammentreffen mit Matt noch viel weniger.
   »Wer ist denn dieser Kerl, mit dem du gerade geredet hast?«
   Joan brauchte nicht aufzusehen, um zu wissen, von wem die Frage stammte. Tante Trudy. Stets einsatzbereit, wenn es darum ging, den neuesten Klatsch und Tratsch in der Familie und im gesamten Ort zu verbreiten. Heute blieb ihr auch nichts erspart.
   »Wen meinst du?«, fragte sie und tat weiter so, als gäbe es nichts Interessanteres als die Käseplatte vor ihrer Nase.
   »Na, den Mann vor der Terrassentür. Der, der die Frechheit besitzt, in einer Jeans zu einer Trauerfeier zu erscheinen.«
   Nun hob Joan doch den Kopf und folgte Trudys Blick. Matt stand noch immer an derselben Stelle, mit dem Rücken zu ihnen und betrachtete die Umgebung. Erst jetzt bemerkte sie die ausgewaschene Bluejeans, die seinen Hintern deutlich abzeichnete.
   »Immerhin trägt er ein schwarzes Sakko«, erwiderte sie, ohne genau zu wissen, warum sie ihn verteidigte. Vermutlich eine alte Gewohnheit.
   »Aber diese Schuhe«, fuhr ihre Tante unbeirrt fort. »Wie kann man nur mit Wanderschuhen zu einer Trauerfeier gehen?«
   Erneut folgte Joan Trudys Blick. Beeindruckt begutachtete sie die braunen Sneakers aus Leder. Billig waren die bestimmt nicht gewesen. »Er ist Bergführer«, erklärte sie. »Vielleicht gehört das zum Image.«
   »Ist das derselbe Typ, der früher immer hinter Bill hergerannt ist?«
   »Sie waren mal Freunde«, sagte Joan und versuchte, sich wieder dem Büfett zu widmen. Zudem hatten die Leute früher wohl eher den Eindruck, Bill wäre Matt hinterhergerannt und nicht umgekehrt.
   »Freunde«, schnaubte Trudy. »Der Bengel hat doch immer nur versucht, Vorteile aus dieser Freundschaft zu ziehen.«
   Joan musste unwillkürlich lächeln und riskierte einen weiteren Blick auf Matts breite Schultern. Sie hätte ihn vermutlich als vieles bezeichnet, aber definitiv nicht als Bengel.
   »Worüber habt ihr überhaupt gesprochen?«, fragte ihre Tante plötzlich mit hörbarem Interesse.
   »Was?« Erschrocken hob Joan den Kopf.
   »Worüber ihr gerade gesprochen habt, wollte ich wissen.«
   »Über nichts«, antwortete Joan. »Nichts Wichtiges.«
   Tante Trudy beäugte sie skeptisch. »Halt dich von ihm fern. Männer wie er verheißen nie was Gutes.« Und mit diesen Worten ging sie endlich fort.
   Joan atmete auf. Sie schnappte sich eine Papierserviette und suchte den Raum nach einem freien Plätzchen ab. Mit etwas Glück würden ihr die Leute bei ein paar Bissen Brot etwas Ruhe gönnen.
   »Ist das alles, was du isst?«, ertönte plötzlich eine männliche Stimme neben ihr. »Davon wird doch nicht einmal ein Spatz satt.«
   Sie wandte sich um und sah in die freundlichen Augen des Anwaltes ihrer Familie, Mr. Mitchell. »Tom, hallo«, sagte sie, warf einen schnellen Blick auf ihren Teller und schenkte Mr. Mitchell ein Lächeln. »Heute ist mir einfach nicht nach Essen.«
   Er nickte. »Es ist ein trauriger Tag für die Familie.« Er deutete auf zwei leere Stühle an der Wand und geleitete sie dorthin.
   Schweigend setzten sie sich. Seit mehr als dreißig Jahren arbeitete Mr. Mitchell schon für ihren Vater – beinahe so lange, wie sie lebte –, aber selten hatte es eine Gelegenheit für eine derart vertraute Zweisamkeit gegeben.
   »Ich habe Ausschau nach dir gehalten. Ich wollte …« Er räusperte sich. »Ich wollte dich zu der Testamentseröffnung einladen, die ich in zwei Tagen hier im Haus deiner Eltern abhalten werde.«
   Fast wäre ihr der Teller aus der Hand gerutscht. »Tes-tament? Ich wusste nicht, dass Bill ein Testament hinterlassen hat.«
   »Er hat es wenige Wochen vor seinem Tod bei mir in der Kanzlei notariell beglaubigen lassen. Er wollte bestimmte Dinge nach seinem Dahinscheiden geregelt wissen.«
   Joan nickte. Vermutlich spielte er auf Christine an. Aufgrund seiner Krankheit hatte Bill es nie gewagt, sie zu fragen, ob sie ihn heiraten würde. Vielleicht wollte er ihr auf diesem Weg das zukommen lassen, was ihr als seiner Ehefrau ohnehin gebührt hätte. »Aber ist das denn nötig? Niemand von uns wird etwas am Inhalt auszusetzen haben.« Alle mochten Christine. Was auch immer Bill ihr hatte vererben wollen, keiner würde daran Anstoß nehmen.
   »Doch, ich glaube, es ist nötig.« Er rückte das Sakko seines dunklen Nadelstreifenanzugs zurecht und erhob sich. »In zwei Tagen wirst du verstehen, warum.« Mit diesen Worten eilte auch er davon.
   Verwundert sah Joan ihm nach. Was das wohl zu bedeuten hatte? Was könnte Bill schon Wichtiges zu vererben gehabt haben? Plötzlich bemerkte sie aus den Augenwinkeln Matt und ihre Blicke trafen sich.
   Unverhohlen sah er sie an.
   Joan seufzte. Im Grunde hatte er sich kaum geändert. Noch immer strahlte er eine unglaubliche Präsenz aus und zugleich wirkte er völlig unnahbar. Kein Wunder, dass sie in jungen Jahren eine Schwäche für ihn hatte. Plötzlich verdeckte ihr ein vorbeilaufendes Pärchen die Sicht, und als es verschwunden war, war auch Matt fort.

*

Matt nutzte den Augenblick des vorbeispazierenden Pärchens und schlich sich aus dem Raum. Wenn er noch länger Joan anstarrte, würde er nur schwach werden und erneut zu ihr hingehen. Dabei war es schon merkwürdig genug gewesen, sie überhaupt wiederzusehen und mit ihr zu sprechen. Ein weiteres Gespräch hätte ihn nur noch mehr verwirrt.
   Er stieg die Terrassentreppe hinab, überquerte mit großen Schritten den Rasen, um am anderen Ende auf den grauen Pflastersteinen den Hügel hinter dem Wilkens’schen Anwesen hochzuspazieren. Mit der flachen Hand streifte er über die angrenzenden Oleandersträucher, während die Nachmittagssonne unbarmherzig auf ihn niederbrannte. Ein leises Lüftchen verschaffte ihm ein wenig Abkühlung, trotzdem schlüpfte er aus seinem Sakko und legte es sich über die Schulter.
   Vielleicht hätte er Joan besser nicht ansprechen sollen, immerhin hatten sie sich nicht gerade im Guten getrennt. Aber sie hatte so verloren ausgesehen, wie sie abseits von allen anderen vor der Terrassentür stand, dass er einfach zu ihr gehen musste. Sie anreden musste.
   Die Verachtung, mit der sie ihm begegnete, überraschte ihn nicht, stimmte ihn aber dennoch traurig. Lange Zeit waren die Wilkens-Geschwister seine Familie gewesen. Seine Zuflucht. Und jetzt war Bill tot und Joan hasste ihn.
   Als er am Ende des Pfades angelangt war, öffnete er mit einem leisen Quietschen das Gatter des weißen kniehohen Zauns und trat hindurch. Nicht weit von einer Trauerweide schmückten zahlreiche Blumenkränze einen Grabstein aus grauem Granit. Er näherte sich und las die mit goldenen Lettern eingravierten Zeilen.

William Wilkens jun.
geb. am 14.01.1980
gest. am 05.06.2013

Inmitten des Blumenmeers entdeckte er die kupferne Urne. Bills Wunsch, sich einäschern zu lassen, hatte ihn verwundert. Noch mehr hatte es ihn verwundert, dass Bill es ablehnte, seine Asche auf diesem Familienfriedhof zu begraben. Stattdessen sollte sie an einem anderen Ort verstreut werden. Es interessierte ihn, wo dies sein würde, aber zugleich hatte er nicht vor, jemanden danach zu fragen.
   Lange betrachtete er das Foto, das hinter der Urne gegen einen Stein lehnte. Bill lächelte ihm darauf entgegen. Strahlend, jung – und gesund. Niemand sollte im Alter von dreiunddreißig sterben müssen. Vor allem niemand wie Bill.
   Der Blick aus Bills Augen bohrte sich in seinen. Hielt ihn gefangen und zog ihn in seinen Bann. Erinnerte ihn an die vielen verrückten Dinge, die sie gemeinsam erlebt hatten.
   Daran, wie sie die Schule geschwänzt hatten, um auf irgendeinen Berg zu steigen. Wie sie Bills Vater ausgetrickst hatten, um allein nach Kanada zu reisen. An das viele Gerede über Frauen und Sex. Und daran, dass Bill ihn nie nach Joan gefragt hatte. Sich nie danach erkundigt hatte, was genau zwischen ihnen vorgefallen war.
   Bill und er waren so verschieden gewesen wie Tag und Nacht. Aber womöglich hatte sie gerade das zu so guten Freunden gemacht, weil sie so viel voneinander lernen konnten. Bis Bills Diagnose alles verändert hatte. Multiple Sklerose.
   Matt griff in seine Hemdtasche und zog eine Schatulle heraus. Nachdenklich wog er sie in der Hand. Es war das Einzige, das er Bill noch geben konnte. Etwas, das er ihm noch schuldete.
   Er ballte seine Faust um das hölzerne Kästchen und atmete tief durch. Erst dann trat er einen Schritt vor und stellte es vor Bills Foto ab. »Du wirst mir fehlen«, sagte er und verlor sich ein letztes Mal in Bills Augen. Schließlich riss er sich los, schlüpfte in sein Sakko und eilte davon.
   Er stapfte die letzten Meter des Pfades hinab und kramte in seiner Jackentasche nach dem Autoschlüssel. Er hatte nicht vor, noch länger zu bleiben. Am besten hätte er sich erst gar nicht von Christine überreden lassen sollen, an dem Leichenschmaus teilzunehmen. Als er den Schlüsselbund nicht sofort fand, blieb er stehen und tastete sämtliche Taschen seines Sakkos erneut ab.
   »Sie wollen schon gehen?«
   Matt drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam, und erblickte auf der Terrasse den Mann, der in der Kirche den Arm so schützend um Joan gelegt hatte.
   Er stieg die wenigen Stufen zu Matt hinab und gesellte sich zu ihm. Sein vermutlich maßgeschneiderter Anzug zeigte keinerlei Knitterfalten. Sein Haar war perfekt nach hinten frisiert und keinen Millimeter beim Treppensteigen verrutscht, sein Gesicht ohne den Hauch eines einzigen Bartstoppels.
   Matt hasste ihn jetzt schon.
   »Ich hab noch eine Verabredung«, antwortete er und wollte sich abwenden, aber sein Gegenüber streckte ihm eine Hand entgegen.
   »Ich bin Dylan Hughes. Joans Verlobter.«
   Verlobter. Er sah zu Dylans ausgestrecktem Arm hinab und dann wieder in dessen Gesicht. Erst jetzt griff er nach der dargebotenen Hand. »Matt Slauter, ein alter Freund der Familie.« Wohl wissend, dass er übertrieb.
   »Joan hat Sie nie erwähnt.«
   Mit Mühe unterdrückte Matt ein Grinsen. »Das überrascht mich, da wir früher doch so unzertrennlich waren.«
   Reglos betrachtete Dylan ihn. »Dafür hattet ihr aber erstaunlich wenig zu bereden.«
   Touché, gestand Matt ihm in Gedanken zu, auch wenn ihm die Vorstellung, bei seinem Gespräch mit Joan von diesem Typen beobachtet worden zu sein, nicht sonderlich gefiel. »Zeiten ändern sich eben.«
   »Wenn dem so ist, sollten Sie das auch nicht vergessen.«
   Matt lächelte, glaubte er doch, die Botschaft, die hinter den Worten lag, zu erkennen.
   Als er nichts erwiderte, fragte Dylan: »Dann kennen Sie den Anwalt der Familie Wilkens also auch schon länger?«
   Unwillkürlich wich Matt mit dem Kopf zurück. »Wa-rum?«
   Dylan zuckte mit den Schultern. »Ich hab nur gesehen, wie Sie sich unterhalten haben.«
   »Sie scheinen sehr viele Gespräche zu beobachten.«
   »Nur die, bei denen ich fürchte, das Interesse meiner Familie könnte gefährdet sein.«
   »Dann stelle ich für Sie also eine Gefahr dar?« Matt ließ seine Hände in den Hosentaschen verschwinden.
   »Das versuche ich, herauszufinden«, erwiderte Dylan und sah ihn von der Seite her an. »Sind Sie denn eine Gefahr?«
   Matt betrachtete Dylans wachsames Gesicht. Eigentlich war er nicht gewillt, bei dieser Machtprobe klein beizugeben, aber er hatte auch keine Lust, noch länger diesem Fragespiel beizuwohnen. Mit Bills Tod gab es nichts mehr, das ihn an die Familie Wilkens band. Warum also sollte er sich mit diesem Kerl streiten?
   »In der Regel bin ich nur eine Gefahr für mich selbst.« Er wandte sich ab und schritt in Richtung Parkplatz davon.

*

Joan schälte sich aus dem schwarzen Rock, in dem sie den ganzen Tag verbracht hatte, und legte ihn über die Stuhllehne neben ihrer Frisierkommode.
   »Wie geht es dir?«
   Sie blickte zu ihrem Verlobten und zuckte mit den Schultern. »Gut«, antwortete sie ohne jede Begeisterung.
   »Du wirkst mitgenommen.« Dylan musterte sie von der Seite, während er sich die Krawatte lockerte.
   »Bill wurde heute verabschiedet«, erwiderte sie gereizt. »Natürlich nimmt mich das mit.« Sie streifte die ärmellose Bluse von ihren Schultern, warf sie über den Rock und flüchtete ins anliegende Badezimmer.
   Sie wusste, sie benahm sich mit ihrem Tonfall daneben und Dylan wollte nur nett sein, aber diese Erkenntnis half nicht, die unterschwellige Wut restlos zu unterdrücken. All die Freundlichkeiten, die sie in den letzten Tagen hatte ertragen müssen, all die Beileidsbekundungen. Als ob nur einer verstehen würde, was es für sie bedeutete, ihren Bruder verloren zu haben.
   Sie drehte das Wasser in der Dusche an und schlüpfte aus ihrem Slip. Als sich Dylan dem Badezimmer näherte, kletterte sie in die Kabine und schloss die Tür in dem Moment, als er den Raum betrat.
   Mit geschlossenen Augen ließ sie heißes Wasser über sich hinabfließen, in der Hoffnung, der Duschstrahl würde ihre innere Verkrampfung lösen, ihr helfen, sich zu entspannen. Aber zu wissen, dass sich Dylan nur zwei Meter von ihr entfernt in aller Seelenruhe vor dem Spiegel rasierte, bewirkte das Gegenteil. Dabei wollte sie doch nur etwas Ruhe haben. Allein sein, um trauern zu können und endlich die Tränen um Bill zu weinen, die sie bisher nicht vergossen hatte. Aber Dylan wich ihr seit Tagen nicht von der Seite.
   Wenn sie sich wenigstens von ihrem Bruder hätte verabschieden können. Aber nicht einmal das war ihr vergönnt gewesen. Zum Ende hin hatte sich sein Zustand stündlich verschlechtert, und sie hatte es nicht mehr rechtzeitig an sein Sterbebett geschafft. Der Keim, der sich während seines letzten Klinikaufenthaltes in seinen Lungen festgesetzt hatte, kostete ihn das Leben.
   Mit aller Kraft quetschte Joan die letzten Tropfen des Kräutershampoos aus der Flasche und verteilte sie in ihrem Haar. Ausgiebig massierte sie sich den Kopf.
   Zeit seines Lebens war Bill ihr Beschützer gewesen, hatte mehr als einmal für einen gemeinsamen Streich die Strafe übernommen. Dafür gesorgt, dass nachts ein Licht brannte, als sie für viele Jahre die Angst vor der Dunkelheit plagte. In der fünften Klasse hatte er sie gegenüber Marc Cleaver verteidigt, weil dieser sich über ihre Zöpfe lustig gemacht hatte.
   Und nun war ihr Bruder fort.
   Sie hörte, wie Dylan am Waschbecken hantierte und seine Sachen wegräumte. Kurz darauf verließ er das Bad.
   Auch Dylan hatte die Angewohnheit, sich um sie zu kümmern und sie beschützen zu wollen. Eine Eigenschaft, die sie immer an ihm geschätzt hatte, aber in letzter Zeit hatte sie mehr und mehr das Gefühl, in seiner Gegenwart zu ersticken. Nur wie sollte sie ihm das verständlich machen, ohne ihn zu verletzen? Das hätte er nicht verdient. Vom ersten Moment an, als sie ihn vor fünf Jahren bei der Geburtstagsfeier ihres Vaters kennengelernt hatte, war er ihr der beste Freund gewesen, den sie sich nur wünschen konnte. Ohne sie unter Druck zu setzen oder Fragen zu stellen, hatte er sie zu Kunstausstellungen begleitet, mit ihr Theaterbesuche unternommen und war mit ihr verreist, bis sie bereit war, in ihm mehr zu sehen als nur einen Freund.
   Sie schob die Tür der Duschkabine auf, griff nach einem Badetuch und wickelte sich darin ein. Auf Zehenspitzen tippelte sie zurück ins Schlafzimmer und suchte in der obersten Schublade der Kommode nach einem Nachthemd. Viel hatte sie nicht eingepackt, denn sie hatte geplant, nur für die Zeit der Trauerfeier bei ihren Eltern zu bleiben. Nun würde ihr Aufenthalt länger dauern.
   »Wer ist eigentlich dieser Matt?«
   Automatisch drehte sie den Kopf zu Dylan.
   In dem gestreiften Schlafanzug mit langer Hose und zugeknöpftem Oberteil erinnerte er sie unweigerlich an ihren verstorbenen Großvater Milton. Genauso viel Sex-Appeal strahlte Dylan für sie im Moment auch aus. Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben und konzentrierte sich stattdessen wieder auf den Inhalt der Kommodenschublade. »Matt ist ein alter Freund von Bill.«
   »Ach ja?«, erwiderte Dylan und trat näher an sie heran. »Er sagte, er wäre ein Freund der ganzen Familie.«
   »Du hast mit ihm geredet?«
   »Nur kurz, als er dabei war, den Leichenschmaus zu verlassen.« Der Blick seiner grünen Augen bohrte sich in ihren, als würde er etwas Bestimmtes darin suchen. »Kennst du ihn gut?«
   Joan angelte nach dem seidenen Nachthemd und schloss die Schublade mit einem Ruck. »Gut genug, um zu wissen, dass er ein Idiot ist.« Sie drehte sich um und schlenderte zurück ins Badezimmer.
   Dylan folgte ihr und beobachtete, angelehnt am Türrahmen, wie sie in das dunkelgrüne Negligé schlüpfte. »Er wirkt so anders als Bill.«
   Mit fahrigen Bewegungen kämmte sie sich vor dem Spiegel die noch feuchten Haare. »Ist er auch«, antwortete sie scharf. Sie wollte nicht über Matt reden, noch nicht einmal an ihn denken. Es war schlimm genug gewesen, ihm heute gegenüberzustehen. Ihn anzusehen, und sich an alles zu erinnern.
   Dylan lachte auf. »Du scheinst ihn nicht besonders zu mögen.«
   Sie legte die Bürste beiseite und drängte sich an Dylan vorbei. Mit Schwung schlug sie den Überwurf zurück und krabbelte unter die Decke. »Bill und er sind früher gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Sie waren die besten Freunde. Aber als Bill die Diagnose erhalten hat, ist Matt einfach auf und davon und hat sich nicht mehr blicken lassen.«
   Sie selbst hatte Matt alles geschenkt. Ihre Liebe, ihr Vertrauen, ihren Körper. Und er hatte es ihr mit Worten gedankt, die sie nie vergessen würde. »Es war ein toller Fick, belassen wir es dabei.«
   Bei der Erinnerung daran schloss sie die Augen. Wie hatte sie sich nur so täuschen können? Als sie die Augenlider wieder öffnete, sah sie in Dylans Gesicht. Er würde ihr eine derartige Erniedrigung niemals antun. »Auf Matt ist kein Verlass, glaub mir«, sagte sie leise.
   Dylan schritt durch das Zimmer, bis er mit dem Schienbein gegen die Bettkante stieß. »Du hast Bill sehr geliebt.«
   »Er war mein Bruder. Natürlich habe ich ihn geliebt.«
   Dylan lächelte.
   Als würde er auf ein Kind herabsehen, das zu klein ist, um die Welt zu verstehen, dachte sie bitter. Dabei hatte sie eher das Gefühl, Dylan verstand nicht.
   »Warum würde Bill diesen Slauter in seinem Testament erwähnen?«
   »Was?«, fragte sie und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
   »Tom hat mir heute ganz beiläufig erzählt, dass er ihn ebenfalls zur Testamentseröffnung eingeladen hat.«
   Joans Unterkiefer klappte nach unten. Bill hatte Matt etwas hinterlassen? Nach allem, was passiert war?

*

Die Tür zu seinem Motelzimmer fiel hinter Matt zu, und er schleuderte die Autoschlüssel auf das Bett. Er blinzelte gegen die letzten Sonnenstrahlen, die sich durch die Spalten der heruntergelassenen Jalousien drängten und schmale Linien auf sein Sakko zeichneten, während er sich umsah. Die Sachen seiner Freundin lagen verstreut im Zimmer herum, aber von Ayleen fehlte jede Spur.
   Er atmete auf. So musste er sich wenigstens nicht mit ihr herumärgern. Der Tag war anstrengend genug gewesen. Zuerst die Trauerfeier in der Kirche, dann das Wiedersehen mit Joan und schließlich diese merkwürdige Sache mit dem Testament. Was Bill ihm wohl unbedingt hinterlassen wollte? Warum hatte er es ihm nicht einfach zu seinen Lebzeiten gegeben? Er hätte doch nur ein Wort sagen müssen.
   Er streifte sich die Jacke von den Schultern und warf sie ebenfalls auf das Bett. Sein Magen knurrte, trotzdem verspürte er kein Verlangen nach etwas Essbarem.
   Nachdem er sich vom Anwesen der Wilkens’ verabschiedet hatte, war er in der Gegend herumgefahren. Er hatte von seinem Wagen aus die Außenansicht seiner alten Highschool bewundert und einen Abstecher zu dem Haus riskiert, das er früher bewohnt hatte. Lange hatte er davor geparkt und einfach nur auf das heruntergekommene Gebäude gestarrt.
   Mittlerweile sah die Bude genauso trostlos und leer aus, wie er sich zeit seiner Jugend dort gefühlt hatte. Im Grunde war er immer nur zum Schlafen dorthin gegangen, und oft nicht einmal das. Dabei hätte es sein Zuhause sein sollen. Ein Ort, an dem man sich freute, wenn er durch die Tür trat. Aber seine Tante hatte ihn nur geduldet. Hatte das Pflegegeld einkassiert, das sie für ihn erhielt, und sich nicht weiter um ihn gekümmert. Damals war er der Überzeugung gewesen, dass ihm das gerade recht war. Dass er es nicht anders hätte haben wollen. Schließlich war er die Jahre zuvor auch allein klargekommen. Er brauchte niemanden. Heute fragte er sich in manch dunklen Stunden, wie sich die Dinge entwickelt hätten, wenn sich nur einmal ein Erwachsener in seiner Kindheit und Jugend für ihn wirklich interessiert hätte. Wenn sich nur einmal jemand um ihn gekümmert hätte. Wäre er Bill ein besserer Freund gewesen? Und Joan?
   Er schüttelte den Kopf, als er daran dachte, wie er im Auto gesessen und darüber gegrübelt hatte, was wohl aus seiner Tante geworden war. Von Bill wusste er, dass sie Kamerra schon vor Jahren verlassen hatte. Aber niemand kannte Details und er hatte die Information mit einem Schulterzucken abgetan. In einem schwachen Moment, nicht lange, nachdem er bei ihr eingezogen war, hatte er sie gefragt, ob sie wüsste, wo sich seine Mutter aufhielt. Sie sagte, sie hätte keine Ahnung. Er hatte ihr nicht geglaubt.
   Plötzlich wurde die Spülung der Toilette betätigt und kurz darauf spazierte Ayleen aus dem Badezimmer. »Hey, da bist du ja endlich.«
   So viel zu seinem ruhigen Abend. »Hat ein bisschen länger gedauert als erwartet.«
   »Du hättest anrufen können.« Mit geübter Geste warf sie ihre langen, schwarzen Haare über die Schulter. Die High Heels klapperten dumpf auf dem schäbigen Teppich, während sie auf ihn zukam.
   Matt konnte nicht anders, als die weiblichen Rundungen unter ihrem knappen Outfit zu bemerken. Allerdings regte sich heute bei dem Anblick nichts bei ihm. »Ich bin ziemlich geschafft. Können wir diese Diskussion verschieben?« Er wandte sich um, setzte sich auf das Bett und befreite sich von den Schuhen.
   »Ich dachte, wir würden noch ausgehen.« Schmollend verzog sie den Mund. »Ich habe mich extra für dich schick gemacht.« Sie drehte sich einmal um die eigene Achse und wackelte mit ihren Hüften vor seiner Nase.
   Sein Blick verharrte etwas länger auf dem gepiercten Bauchnabel, ehe er in ihr Gesicht hochsah. »Nicht heute.«
   »Wann dann?«, schnauzte sie und stemmte die Hände in die Hüften. »Morgen fahren wir ja schon wieder zurück.«
   Er rutschte weiter auf das Bett und legte sich nach hinten. Mit einem Arm unter dem Kopf blickte er sie von unten her an. »Wie es aussieht, werde ich noch zwei Tage länger bleiben.«
   »Was? In dieser Einöde?« Entsetzt riss sie die Augen auf. »Hier kann man ja noch nicht einmal richtig einkaufen. Das, was die als Shopping-Center bezeichnen, ist der reinste Witz.«
   Matt schaffte es nicht, ein Lächeln zu unterdrücken. »Ich habe dir doch gesagt, dass es hier nichts Interessantes für dich gibt.« Aber wie immer hatte die verwöhnte Tochter eines Großindustriellen nicht hören wollen. Stattdessen bestand sie darauf, ihn nach Kamerra zu begleiten, und er hatte achselzuckend zugestimmt. Einen Streit war ihm die Sache schlicht nicht wert gewesen.
   »Und warum willst du plötzlich zwei Tage länger bleiben?«
   »Privatsache.«
   »Ach«, schnaubte sie, »so wie die Trauerfeier?«
   Er verdrehte die Augen. Nun kam diese Leier wieder. Die kleine Prinzessin war beleidigt, weil er auf ihre Begleitung verzichtet hatte.
   »Ich bin immerhin deine Freundin, oder?«
   Matt reagierte nicht.
   »Oder?«
   Er seufzte. Irgendwie, dachte er. Zumindest schliefen sie miteinander.
   »Matt Slauter! Du bist bei Weitem nicht so unwiderstehlich, wie du denkst.« Sie stampfte mit dem Fuß auf, dicht gefolgt von einem erstickten Laut. »Ich kann mir auch einen anderen zum Vögeln suchen. Selbst hier in diesem gottverlassenen Kaff.«
   Abrupt setzte er sich auf und packte sie am Handgelenk. Er zog sie zu sich herab, bis ihr Gesicht über dem seinen war. »Du redest zu viel.« Mit seiner freien Hand schob er ihr bauchfreies Top hoch und leckte über ihre bereits harte Brustwarze.
   Sie stöhnte und sank ihm ohne jeglichen Widerstand entgegen.
   Er musste noch zwei Tage hier verbringen, bis Bills Testament verlesen würde. Diese Zeit konnte er genauso gut mit Ayleen im Bett verbringen.

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