Was würdest du tun, wenn dich die Vergangenheit einholt? Leni kann es nicht fassen. Als sie ins Bett ging, war sie neunundzwanzig Jahre alt und mit Christian verheiratet, ihrer großen Liebe. Als sie aufwacht, liegt sie in ihrem Zimmer in der WG, in der sie mit Anfang Zwanzig gewohnt hat. Erst glaubt sie an einen Traum – doch schnell wird ihr bewusst, dass sie daraus nicht erwachen wird. Sie ist wieder einundzwanzig und steht auch noch kurz vor ihren Abschlussprüfungen zur Bürokauffrau. Doch das ist nicht ihr einziges Problem. Zu der Zeit war sie mit Erik zusammen, der ihr bald darauf das Herz brach. Leni steht vor einer schwierigen Entscheidung: Soll sie für Erik zu der Traumfrau werden, die er offensichtlich nie in ihr gesehen hat, um dann ihm das Herz zu brechen? Oder lässt sie alles genau so geschehen, damit sie nicht gefährdet, ihre große Liebe Christian in der Zukunft wiederzufinden?

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ISBN: 978-9963-52-433-4

Seiten: 348

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Anna Elhaus

Anna Elhaus
Anna Elhaus, 1982 im beschaulichen Sauerland geboren und aufgewachsen, ist verheiratet und Mutter von zwei Söhnen. Während der Elternzeit des ersten Sohnes (er war ein sehr ruhiger Vertreter) hat sie das Schreiben für sich entdeckt. Inzwischen (nach einjähriger zweiter Elternzeit) wieder in Diensten der Verwaltung, schreibt sie weiterhin, so oft sich ihr die Möglichkeit bietet.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

In der Geschichte der Menschheit wimmelt es von ihnen, von weisen Frauen, denen das Zweite Gesicht nachgesagt wird. Sie können in die Zukunft sehen, ahnen drohendes Unheil voraus. Die Menschen haben ihnen verschiedene Namen gegeben: Hexe, Zauberin, Seherin. Ehrfurcht und Angst umgaben die Leute früher, wenn sie diese Namen flüsterten, denn wenn diese Frauen Unheil vorhersagen konnten – wer sagte, dass sie dieses Unheil nicht verursacht hatten? Nicht selten endeten sie auf dem Scheiterhaufen. Zu groß war die Angst vor ihnen und dass sie Unglück und Pech über ihre Mitmenschen brachten.
   Dabei ist es anders gewesen. Über die Frauen war ein Unheil gekommen. Sie wurden aus ihrem Leben herauskatapultiert und an einen früheren Punkt ihres Lebens zurückgeführt. Ohne die Möglichkeit, in die Gegenwart zurückzukehren. Sie wussten, was in ein paar Jahren passieren würde und warnten unter gegebenen Umständen ihre Familien und Freunde davor. Natürlich konnten sie ihnen nicht sagen, woher sie wussten, dass dies oder jenes passieren würde. Wer hätte ihnen schon geglaubt? Sie waren dazu verdammt, ihr früheres Leben erneut zu durchleben.
   Ein Segen, mögen jetzt manche sagen. Man kann alles ändern, was einem damals nicht gepasst hat. Es ist ein Fluch, sage ich. Denn schnell stellt man fest, dass die kleinste Entscheidung, die man trifft, die eigene Zukunft ändert und man nicht mehr dahingelangt, wo man hergekommen ist. Ich bin eine von diesen weisen Frauen aus der Geschichte. Und ich wünschte von ganzem Herzen, ich wäre es nicht. Nicht, weil es nicht tatsächlich Dinge gibt, die ich ändern möchte. Sondern, weil es zu viele dieser Dinge gibt.

1

Freudig betrachtete ich die Bilder in meinen Händen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich doch noch auf einen Schatz stoßen würde, und war so vertieft in die Erinnerungen, dass mich das Klingeln des Telefons erschreckte. »Seefeld?«
   »Hallo, mein Schatz! Meine Güte, du bist aber förmlich.«
   Ich hörte die warme Stimme meines Mannes. »Christian! Tut mir leid, ich war abgelenkt und habe nicht aufs Telefon gesehen. Dann hätte ich natürlich gewusst, dass du es bist.«
   »Ist doch kein Problem, Leni.« Er lachte leise. »Was machst du Schönes? Lass mich raten, du wälzt die Kataloge mit den Bodenbelägen und kannst dich nicht entscheiden, ob du viel, oder sehr viel von unserem Geld dafür ausgeben sollst.«
   Mist, das hatte ich total vergessen! Wir brauchten im Schlafzimmer einen neuen Teppich, weil wir eine Fußbodenheizung einbauen lassen wollten. Unser alter Bodenbelag war dafür ungeeignet. Ich hatte versprochen, heute etwas herauszusuchen. Die Kataloge lagen schon länger auf unserem Esstisch herum. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen, denn ich hatte mich immer noch nicht damit beschäftigt. Mich hatte an diesem Morgen der Ehrgeiz gepackt, was unsere Abstellkammer anging. In ihr standen immer noch Kartons von unserem Umzug, der nicht erst gestern gewesen war. Es wurde langsam Zeit, für Ordnung zu sorgen. Außerdem war ich es leid, dass das Bügelbrett und der Wäscheständer immer irgendwo im Weg herumstanden. Die Kammer wäre perfekt dafür, also hatte ich beschlossen, meinen freien Tag mit Aufräumen zu verbringen. Als ich Christian gestand, dass ich noch nicht zur Teppichauswahl gekommen war, sondern gerade entrümpelte, lachte er am anderen Ende der Leitung laut auf.
   »Und? Wie viel von dem Kram bleibt genau da, wo er gerade ist?«
   »Fast nichts. Das meiste war sowieso von mir, alte Poster und CDs, ein paar Schulsachen. Davon kommt das meiste weg. Bis auf die CDs, die räume ich gleich ins Regal.«
   »Klingt gut. War denn irgendetwas Brauchbares in den Kisten?«
   »Vielleicht …«
   »Mach es nicht so spannend.«
   »Na gut, weil du es bist.« Aber da ich ihn gern neckte, legte ich noch eine stimmungsvolle Pause ein, bevor ich weitersprach. »Wie gesagt, das meiste landet auf dem Müll. Ich habe jedoch einen Schuhkarton voll mit Fotos von mir. Bisher habe ich sie nur überflogen, aber es sind auch Bilder von dem Betriebsfest dabei, auf dem wir uns kennengelernt haben. Toll, was?«
   »Leni, das ist großartig! Die müssen wir auf jeden Fall noch einmal zusammen ansehen, ja? Was hältst du davon, wenn ich uns heute Abend was Leckeres vom Italiener mitbringe, wir uns eine Flasche Wein aufmachen und in Erinnerungen schwelgen?«
   Ich lächelte gerührt. Das war eine fantastische Idee! Und das sagte ich ihm auch.
   Als ich aufgelegt hatte, fragte ich mich, womit ich diesen himmlischen Mann nur verdiente. Er sah gut aus, war witzig und verstand sich wunderbar mit meinen Eltern. Außerdem hatte er eine gut gehende Werbeagentur, die uns finanziell ein sorgloses Leben ermöglichte. Ein sehr sorgloses, um genau zu sein. Durch die Agentur hatten wir uns auch kennengelernt. Christian sollte für meinen Arbeitgeber eine Werbekampagne entwickeln, und lief mir das ein oder andere Mal in der Firma über den Weg. Aufgefallen war er mir natürlich, groß, dunkelhaarig, die grünen Augen, das nette Lächeln … Ich hatte nur genügend Kolleginnen, von denen er ebenfalls bemerkt worden war. Fast ständig war er von hübschen Frauen umgeben, daher machte ich mir keine weiteren Gedanken um ihn. Auch, dass er ein ums andere Mal in der Buchhaltung, in der ich arbeitete, vorbeikam, wertete ich nicht weiter. Er hatte halt öfter Anmerkungen zu gestellten Rechnungen oder gab diese persönlich bei mir ab. Ich kam nie auf die Idee, dass er sich ausgerechnet für mich interessieren könnte. Erst auf dem Betriebsfest merkte ich, dass er nicht nur beruflich meine Nähe suchte. Lächelnd betrachtete ich die Fotos von dem Abend. Christian war mir nicht mehr von der Seite gewichen, wir unterhielten uns, tanzten … Am Ende brachte er mich nach Hause und fragte, ob er mich zum Essen ausführen dürfe. So nahm alles seinen Lauf. Unglaublich, dass das über fünf Jahre zurücklag.
   Ich förderte immer mehr Fotos von unterschiedlichen Tagen und Urlauben aus dem Karton hervor, Bilder unseres ersten Wochenendtrips nach Paris, unser erster Urlaub in den österreichischen Bergen, Christians dreißigster Geburtstag, ein paar Bilder unserer Hochzeit im Jahr darauf. Da hatte sich mein freier Tag doch gelohnt, auch wenn es natürlich schade war, dass ich ihn allein verbringen musste. Leider hatte sich gestern noch kurzfristig ein Kunde für eine große Kampagne angekündigt, weswegen Christian heute doch arbeiten musste. Als ich dachte, alle Fotos gesichtet zu haben, entdeckte ich noch einen Umschlag auf dem Boden der Kiste, auf dem ‚Leni‘ stand. Komisch, alle anderen Bilder hatten lose im Karton gelegen und alle meine Fotos aus der Zeit vor Christian waren in Einsteckalben sortiert. Warum diese nicht? Als ich das erste Bild in den Händen hielt, erstarrte ich. Auf dem Bild lachte mir eine junge Frau mit langen, dunkelrot gefärbten Haaren entgegen. Neben ihr, den Arm um sie gelegt, saß ein junger Mann, der ebenfalls in die Kamera strahlte. Sie waren ein hübsches Paar, fotogen, und sie sahen unbeschwert aus, glücklich. Alle möglichen Gedankenblitze schossen durch meinen Kopf. Ich versuchte, sie abzuschütteln, und blätterte schnell, fast gehetzt, durch die restlichen Bilder. Nahezu alle zeigten die beiden, miteinander, einzeln, mit anderen Menschen. Ich starrte schließlich auf das letzte Foto. Es zeigte wieder das Paar, auch wenn man sie kaum noch erkannte. Ihr Gesicht war blass, ihr Lächeln wirkte künstlich, erreichte nicht ihre Augen. Er sah nicht zur Kamera hin, sondern unterhielt sich scheinbar angeregt mit einer Person links von sich, die nicht auf dem Foto zu sehen war. Glücklich sah das Mädchen nicht mehr aus.
   Meine Hände zitterten leicht, als ich die Fotos wieder in den Briefumschlag steckte. Zum ersten Mal seit Jahren verspürte ich den Wunsch nach einer Zigarette. Ich redete mir ein, dass es daran lag, dass das Mädchen auf dem letzten Bild auch eine in der Hand gehalten hatte, doch ich wusste es besser. Diese Bilder zeigten eine unglückliche Vergangenheit, mein Leben, bevor ich Christian kennenlernte. Dieses Mädchen auf den Bildern war ich und der hübsche, junge Mann neben mir war Erik. Mein Exfreund.
   Ich atmete durch und ging in die Küche. Zeit für eine Tasse Kaffee. Mist. Warum wühlten mich diese Bilder auf? Das mit Erik war lange vorbei und ebenso lange hatte ich nicht mehr an ihn denken müssen. Es war keine gute Beziehung gewesen, Punkt. Nicht immer endete die erste große Liebe in beidseitigem Einvernehmen. Egal, nicht darüber nachdenken. Ich würde die Abstellkammer zu Ende aufräumen und ein heißes Bad nehmen, bevor Christian nach Hause kam. Und einen Teppich musste ich schließlich auch noch aussuchen.
   Drei Stunden später waren die Spuren meiner morgendlichen Aufräumaktion beseitigt. Endlich standen Staubsauger, Bügelbrett und Co. in der Abstellkammer. In der Garage stapelten sich die Kisten mit den Dingen, die ich in die Mülltonne werfen würde. Nur weniges hatte ich aufgehoben, darunter ein Schmuckkästchen aus meiner Jugend mit allerlei billigem Modeschmuck (aber ich war sentimental und konnte ihn nicht einfach wegwerfen) und eine Spieluhr, die mir meine Großmutter geschenkt hatte. Wenn ich sie aufzog, drehte sich ein kleiner Engel auf einem Podest im Kreis und die Melodie von Mozarts Eine kleine Nachtmusik erklang. Ich wusste zwar nicht, was ich mit ihr anfangen sollte, aber vielleicht bekam ich ja eine Tochter, der ich sie weiterschenken konnte. Erst mal hatte ich sie in meiner Kommode im Schlafzimmer verstaut. Ich hatte sogar einen Teppich gefunden, mit dem ich mich dort anfreunden konnte.
   Die Bilder von Christian und mir hatte ich chronologisch in ein noch leeres Album eingeklebt. Die Fotos von Erik und mir hatte ich dagegen in dem Umschlag gelassen (wo sollte ich auch damit hin?).
   Ein Foto hatte ich allerdings aus dem Stapel herausge-nommen, denn ich wollte es Christian zeigen. Darauf war ich zusammen mit meinen beiden Mitbewohnern abgebildet. Bevor ich nach Neustadt gekommen war und die Stelle in der Buchhaltung angetreten hatte, lebte ich mit meinen Freunden Jan und Jenny in einer Wohngemeinschaft, nicht weit von Frankfurt entfernt.
   Das Foto war toll, es musste kurz nach unserem Einzug entstanden sein, im Hintergrund standen nämlich noch einige Umzugskartons. Im Vordergrund saßen wir auf unserer leicht abgenutzten, braunbeigefarbenen Couch. Nicht unbedingt modisch, aber sie war ein Geschenk von Jans Oma gewesen, die sich sowieso eine neue hatte kaufen wollen. Links saß Jan, er prostete dem Kameramann mit erhobener Bierflasche zu. Seine schwarzen verwuschelten Haare fielen ihm in die Stirn und überdeckten fast seine blauen Augen. Neben Jan saß Jenny, meine Freundin, seit ich denken konnte, und neben Jenny saß ich, den Kopf an ihre Schulter gelehnt.
   Während ich auf das Foto blickte, von dem wir glücklich in die Kamera strahlten, wurde die Haustür aufgeschlossen. Christian! Schnell versteckte ich das Bild unter einem Sofakissen, damit Christian es nicht sofort entdeckte, und lief ihm entgegen. Er wurde von einem wunderbaren Duft nach Pizza und anderen Leckereien begleitet.
   »Da bist du ja!« Ich fiel ihm um den Hals. »Ich hab ehrlich gesagt noch nicht mit dir gerechnet!«
   Lachend küsste er mich auf den Mund. »Ich habe mich halt beeilt. Außerdem habe ich dich vermisst, und der Gedanke an Pizza und Wein war nicht gerade arbeitsfördernd.« Er schlüpfte aus seinem schwarzen Wollmantel und streifte die vom Schneematsch besprenkelten Schuhe aus. »Ich geh’ mir nur schnell was Bequemes anziehen, mach du doch schon mal den Wein auf, ja?«
   Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich schnappte mir die Schachteln mit dem Essen und die Flasche Wein und verteilte in der Küche alles auf große Teller. Christian hatte sogar an Pizzabrötchen und einige Antipasti gedacht. Anschließend arrangierte ich alles auf unserem Esstisch.
   Prüfend betrachtete ich mein Werk. Ich hasste nichts mehr, als während des Essens noch mehrmals wieder losrennen zu müssen, weil die Hälfte fehlte. Gläser, Teller, Besteck … alles da. Ein bisschen heimelige Stimmung konnte nicht schaden, also warf ich noch ein Holzscheit in den Kamin, dimmte das Licht und zündete eine Kerze auf dem Esstisch an.
   »Schön sieht das aus«, flüsterte Christian mir ins Ohr und schlang von hinten seine Arme um mich. »Womit habe ich denn so viel romantische Stimmung verdient?«
   Ich drehte mich lächelnd zu ihm um und schmiegte meinen Kopf an seine Brust. »Einfach weil du es bist. Weil ich dich liebe und sehr glücklich mit dir bin.«
   Ich spürte, dass ihn meine Worte sehr bewegten. Er drückte mich noch ein wenig fester an sich. »Ich liebe dich auch, mein Schatz.«
   Mir stieg der leckere Duft der Pizza in die Nase. Okay, genug Romantik. Ich befreite mich aus seinen Armen. »Na, dann wäre ja alles Wichtige geklärt. Lass uns essen!«
   Christian lachte und gab mir noch einen Kuss auf die Nase.
   Wir setzten uns. Während wir uns durch die Vorspeisen und die Pizza aßen, erzählte mir Christian von seinem Geschäftstermin und dem daraus hervorgehenden Auftrag, der so gut wie unter Dach und Fach war. Es würde dadurch eine Menge Arbeit auf die Agentur zukommen, aber ich wusste, dass er trotzdem darauf achtete, dass wir uns vorm Zubettgehen noch sahen.

Nach dem Essen schleppten wir uns und unsere dicken Bäuche zum Sofa hinüber.
   »Das war wieder sehr, sehr lecker.« Ich stöhnte. »Erinnere mich bitte das nächste Mal daran, dass ich keinen Nachtisch bestellen muss.«
   »Wie, kein selbst gemachtes Tiramisu von Laura? Das ist doch fast noch das Beste am ganzen Essen!«
   »Ja, ich weiß, aber was ich nicht bestelle, kann ich auch nicht essen. Ich war satt genug, das Tiramisu hat mir den Rest gegeben.« Ich rieb mir meinen schmerzenden Bauch.
   »Da hilft nur eins – Ablenkung. Wo sind die Bilder, von denen du mir erzählt hast?«
   Ich holte das Album neben dem Sofa hervor, zog meine Beine unter mich und kuschelte mich an Christian. Wir schwelgten in Erinnerungen und bedauerten, dass es nur von kurzer Dauer war.
   »Vielleicht sollten wir doch öfter den Fotoapparat mitnehmen, wenn wir wegfahren«, sagte ich.
   Christian nickte. »Ja, das ist keine schlechte Idee. Vor allem für lange, kalte Herbstabende wie diesen.«
   Christian und ich fotografierten beide nicht gern. Wir genossen die schönen Momente lieber, ohne ständig eine Linse zwischen Auge und der Welt zu haben. Leider hatte das den Nachteil, dass wir nicht besonders viele Bilder von unseren Urlauben hatten.
   »Ich habe übrigens noch etwas gefunden … Willst du mich mal mit roten Haaren sehen?«, fragte ich mit unschuldiger Miene.
   »Was, und das sagst du erst jetzt? Natürlich! Ich dachte, davon würden keine Fotos existieren?«
   »Ja, das dachte ich bisher auch, aber ich hab noch ein Foto aus meiner WG-Zeit gefunden. Da habe ich noch rote Haare …« Ich hielt ihm das Bild hin.
   Er nahm es und musterte es eine Weile. Als ich schon dachte, er würde nichts dazu sagen, blickte er mich an.
   »Du hast damals bereits wunderschön ausgesehen. Die roten Haare haben dir fantastisch gestanden. Eigentlich schade, dass du sie dir braun gefärbt hast, aber ich kann das natürlich verstehen.«
   Ich hatte Christian am Anfang unserer Beziehung von Erik erzählt, er wusste, dass die Beziehung emotional eine Katastrophe für mich gewesen war und ich optisch eine Veränderung gebraucht hatte. Er hatte nach meiner Erzählung nicht mehr nachgefragt, und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass es ihn sonderlich interessierte. Nicht, dass er kein Interesse an meinem Leben an sich hatte, es war eher so, dass ihm der andere Mann in meinem Leben schlicht und einfach egal war. Das war Vergangenheit, uns gehörte die Gegenwart und Zukunft. Umgekehrt (typisch Frau!) hatte ich aber so lange bei Christian gebohrt, bis ich alles über seine Exfreundinnen (es waren drei) wusste. Wie sie aussahen, wie alt sie waren, wie lange er mit ihnen zusammen gewesen war … Auch wenn sie keine Rolle mehr in seinem Leben spielten, konnte es trotzdem nie schaden, seine Konkurrenz zu kennen. Vor allem meine Vorgängerin interessierte mich brennend. Ihr Name war Katja. Mit ihr war er über drei Jahre glücklich und sie hatten sogar zusammengewohnt. Christian hielt sich eher bedeckt über ihre Trennung, erwähnte am Rande aber, dass ihr Hund gestorben war und sie darüber alles infrage gestellt hatte. Ich konnte das nicht nachvollziehen, allerdings bedeutete ihre Entscheidung mein Glück, denn ich lernte Christian ein knappes Jahr nach der Trennung kennen. Bis heute war ich Katja nicht begegnet. Da ich aber den Eindruck hatte, dass für Christian die Trennung von Katja ebenso schlimm war wie für mich die Trennung von Erik, hielt sich mein Bedauern darüber in Grenzen. Manchmal war es besser, alte Wunden nicht wieder aufzureißen. Wobei, vielleicht war sie inzwischen ja fe…
   »Wer sind die beiden anderen?«, unterbrach Christian meine Gedanken.
   Etwas verwirrt kam ich wieder in der Gegenwart an und merkte, dass er immer noch das Bild in den Händen hielt. »Das sind Jenny und Jan, meine damaligen Mitbewohner. Ich habe zu der Zeit noch in einer WG gewohnt, erinnerst du dich? Ich bin sicher, ich habe dir davon erzählt.«
   »Ja, schon, aber ich wusste nicht, dass da auch ein Junge drunter war …« Gespielt eifersüchtig sah er mich an.
   »Jan … Ja, das war schon ein Netter, aber mehr auch nicht. Ein guter Freund.«
   »Und wer ist das Mädchen? Sie ist sehr hübsch.«
   »O ja, das ist sie. Jenny, meine Freundin seit der Grundschule. Wir waren unzertrennlich, und es war logisch, dass wir zusammengezogen sind. Wir haben sowieso jede freie Minute miteinander verbracht. Übrigens war sie auch der Grund für meine roten Haare.«
   »Warum das denn?«
   Erstaunt sah ich ihn an. »Ist das nicht offensichtlich? Sieh sie dir doch an! Neben ihr haben mich die Jungs nicht wahrgenommen. Da bin ich irgendwann auf die Idee gekommen, dass ich mich optisch von ihr lösen muss. Ich würde nie eine so hübsche Blondine abgeben wie Jenny, also habe ich mir die Haare rot gefärbt.« Ich lächelte bei der Erinnerung an Jennys Gesichtsausdruck, als ich nach der Typveränderung vor ihrer Tür stand. Ich hatte ihr nichts davon erzählt und sie starrte mich erst einmal ungläubig an. Ich war kräftiger geschminkt als sonst und sah wirklich nicht mehr wie ihre beste Freundin aus. Aber dem ersten Schock folgte sehr schnell Begeisterung.
   »Was macht sie heute?«
   Die Frage überraschte mich. »Ich weiß nicht. Vermutlich wohnt sie nicht mehr in der WG, zumindest nehme ich das an. Als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben, hat sie mir erzählt, dass sie sich eine eigene Wohnung suchen will. Jan hatte eine Freundin, mit der sie sich nicht verstand. Sie war wohl eifersüchtig auf Jenny, und zu dritt … Das hat einfach nicht funktioniert auf engem Raum …«
   Christian sah mich nachdenklich an. »Wann war das? Also, dass du das letzte Mal mit ihr gesprochen hast?«
   »Ich denke, dass das jetzt zwei oder drei Jahre her ist. Wir waren auf jeden Fall noch nicht verheiratet. Irgendwie ist der Kontakt immer weniger geworden, ist ja auch nicht einfach, wenn man sich plötzlich nicht mehr jeden Tag sieht. Anfangs haben wir noch viel telefoniert, aber mit der Zeit … Wie das eben so ist.« Jenny hatte viele Freunde, im Gegensatz zu mir und sie erzählte immer mehr von Leuten, die ich nicht kannte. Irgendwann wurde es immer schwerer zu telefonieren, wir merkten, dass wir uns nicht mehr viel zu sagen hatten. Als Konsequenz daraus wurden die Telefonate weniger, bis sie irgendwann ganz aufhörten. »Ich weiß gar nicht, wer mit anrufen dran gewesen wäre. Einer von uns hat es vergessen, und den anderen hat es nicht interessiert«, schloss ich meinen Gedankengang ab. Ich betrachtete das Foto. »Eigentlich schade. Sie war meine beste und längste Freundin, bis ich hierhergezogen bin, aber ich wusste nicht, wie wir die Distanz, die sich zwischen uns aufgebaut hat, wieder hätten rückgängig machen können.«
   Christian zog mich an sich und gab mir einen Kuss auf die Schläfe. »Leni, es ist nie zu spät, um noch einmal von vorn anzufangen. So wie ich das sehe, vermisst du sie irgendwie, oder nicht? Nicht erst, seit du das Bild heute wiedergefunden hast. Vielleicht solltest du dich morgen einfach ans Telefon setzen und sie anrufen?«
   »Vielleicht. Mal sehen. Ich müsste erst einmal herausfinden, ob sie noch wie früher heißt, oder ob sie geheiratet und einen anderen Nachnamen hat. Und wo sie inzwischen wohnt.«
   Christian lächelte. »Hey, wozu gibt es das Internet? Wenn alle Stricke reißen, meldest du dich bei Facebook an, spätestens da wirst du sie finden. Oder jemand anderen von früher, der weiß, wo sie heute wohnt.«
   Christian war vor ein paar Monaten zu Werbezwecken mit seiner Agentur auf Facebook aktiv geworden, und er erzählte mir fast täglich, wie toll es dort sei. Er hatte eine Menge Leute aus seiner Schulzeit wiedergefunden – beziehungsweise sie ihn. Ich hielt davon allerdings nicht viel, mir war es irgendwie suspekt, mich in einem Forum anzumelden, um dort Leute von früher wiederzutreffen. Es hatte schließlich einen guten Grund, dass ich die Leute heute nicht mehr kannte. Ansonsten wären wir noch in Kontakt oder würden den Telefonhörer in die Hand nehmen und »Hallo« sagen.
   »Nein danke«, erwiderte ich deshalb auf seinen Vorschlag. »Ehe ich mich da anmelde, muss schon einiges schieflaufen.«
   Christian seufzte resigniert. »Gut, dann eben nicht. Ich kann ja über meinen Account für dich nach ihr suchen.«
   »Mal sehen. Ich bin noch nicht einmal sicher, ob ich den Kontakt wieder aufleben lassen soll. Wer sagt, dass wir uns immer noch so gut verstehen würden wie früher?«
   Wir sprachen noch eine Weile an dem Abend darüber, aber ich war mir nach wie vor unsicher. Schließlich gingen wir, vom Wein und vom guten Essen müde, gegen elf Uhr ins Bett.

Zwei Tage später gab mir Christian einen Zettel mit Jennys E-Mail-Adresse. Er hatte sie über Facebook gefunden und angeschrieben. Ich war erst ein bisschen sauer auf ihn, da er hinter meinem Rücken aktiv geworden war. Andererseits, was hatte ich zu verlieren? Nichts. Zu gewinnen gab es allerdings eine ganze Menge. Vielleicht erhielt ich meine beste Freundin zurück. Ich nahm mir vor, ihr gleich morgen eine E-Mail zu schreiben.

2

In der Nacht schlief ich unruhig. Ich träumte wirre Dinge, die mit Jenny zu tun hatten. Sie hielt mich gefangen und zwang mich, mir einen Facebook-Account anzulegen. Als ich das getan hatte, gingen an dem Laptop, den sie vor mir hingestellt hatte, lauter Pop-up Fenster auf, die Fotos von Menschen aus meiner Vergangenheit zeigten. Es waren Bilder ihrer Leichen, grausam dahingemetzelt. Hinter mir fing Jenny irre an zu lachen. Plötzlich sah ich auch Christians Gesicht auf den Bildern und wachte mit einem Ruck auf. Zuerst konnte ich mich nicht bewegen, ich lag wie gelähmt im Bett. Ich atmete langsam und leise, starrte angstvoll in die Dunkelheit und versuchte, mein klopfendes Herz, das mir aus der Brust zu springen drohte, zu beruhigen.
   Einatmen.
   Ausatmen.
   Einatmen.
   Ausatmen.
   Es wurde besser. Trotzdem traute ich mich nicht, mich zu rühren. Die Dunkelheit war bedrohlich, sie war so vollkommen, als wäre über die Welt ein schwarzes Tuch gedeckt worden. Irgendetwas stimmte hier nicht. Während ich langsam einen Zeh und einen Finger nach dem anderen bewegte, und dabei versuchte, kein Geräusch zu machen, analysierte ich die Umgebung. Was war anders als sonst? Warum machte mir die Dunkelheit Angst? Ich glitt mit den Fingern vorsichtig zu Christians Bettseite hinüber, ich wollte seine Wärme spüren. Wollte, dass er mich beruhigte. Er hatte meistens eine Antenne dafür. Wenn ich schlecht träumte, war er sofort wach und nahm mich in den Arm. Doch so sehr ich mich anstrengte, und wie weit ich meinen Arm ausstreckte, ich spürte nicht einen Hauch von Wärme. Das war ungewöhnlich. Wenn ich doch nur etwas sehen könnte!
   Ich bewegte mich jetzt mit dem ganzen Körper langsam und vorsichtig in Christians Richtung. Nur um festzustellen, dass er nicht da war. Ich war allein in der Dunkelheit. Mein Herz begann wieder schneller zu schlagen, mein Atmen wurde hektischer. Ruhig bleiben, keine Panik bekommen. Christian war sicherlich nur auf die Toilette gegangen. Er würde bestimmt gleich zurückkommen. Und wieso ist seine Bettseite kalt?, fragte eine nagende Stimme in meinem Inneren. So kalt, als hätte hier seit Stunden keiner mehr gelegen? Und wieso ist es so extrem dunkel? Stimmt. Normalerweise sah ich sogar in tiefster Nacht zumindest die Umrisse der Fenster, da sich der Himmel etwas heller gegen sie abhob.
   Hier dagegen war es stockfinster. Die feinen Härchen an meinen Armen richteten sich auf. Dort, wo die Fenster hätten sein sollen, war alles schwarz. Langsam drohte die Panik, mich zu übernehmen. War ich in einem anderen Raum eingeschlafen? Unwahrscheinlich, wir hatten sonst keine Schlafgelegenheiten im Haus. Die Stille lastete wie ein schwerer Klumpen auf meiner Brust und ich hatte das Gefühl, kaum noch atmen zu können. Je angestrengter ich versuchte, irgendein Geräusch auszumachen, desto lauter rauschte das Blut in meinen Ohren. Die verschiedensten Gedanken von Entführung bis Albtraum jagten mir durch den Kopf, und doch ließ ich nach kurzer Überlegung alle fallen. Das war alles nicht wahrscheinlich. Wenn ich entführt worden wäre, läge ich sicherlich gefesselt im Bett und nach einem Traum beziehungsweise einem Albtraum fühlte sich das hier auch nicht an, außerdem war ich gerade erst aus einem Albtraum aufgewacht. Es sei denn, ich erlebte einen Traum im Traum. Sollte vorkommen, auch wenn ich noch keinen gehabt hatte.
   Ich würde warten. Vielleicht klärte sich gleich alles auf. Christian würde zurückkommen und wir würden gemeinsam über meine Angst lachen. Ja, ich würde einfach still hier liegen bleiben.
   Fünf Minuten später lag ich immer noch allein im Bett. Ich beschloss, dass ich mir Gewissheit verschaffen musste, auch auf die Gefahr hin, dass ich irgendjemanden oder irgendetwas in diesem Raum dadurch auf mich aufmerksam machen würde. So leise wie möglich tastete ich mit der Hand in Richtung Nachttisch, um die Lampe anzuknipsen. Ich stieß gegen etwas und beförderte es dadurch zu Boden. Es zerbrach. Das Klirren war zwar nicht übermäßig laut, aber in der Stille des Raumes schien es mir ein ohrenbetäubender Lärm gewesen zu sein. Ich hielt die Luft an, aber alles blieb still. Ich suchte weiter nach der Nachttischlampe, und als ich sie endlich fand, lag das Kabel mit dem Schalter seltsam fremd in meiner Hand. Ich musste eine Entscheidung fällen – wollte ich weiterhin panisch in der Dunkelheit liegen und mir ausmalen, wo ich war und mit was für grässlichen Gestalten ich dieses Zimmer teilte – oder sollte ich durchatmen und das Licht einschalten, um mir anzugucken, wo ich mich befand?
   Ich entschied mich für Letzteres.
   Klick.
   Ein völlig unbedeutendes Geräusch, aber es beendete meine Welt, wie ich sie bis dahin gekannt hatte. Ich blinzelte aufgrund der Helligkeit und das Erste, was ich sah, war eine vertäfelte Wand aus weiß lackiertem Holz, die den Raum von der Höhe her etwa zur Hälfte einnahm. Die restliche Wand oberhalb der Vertäfelung war gelb gestrichen. Alle Möbelstücke waren weiß. Während ich mich umsah, den Kleiderschrank mit Spiegel an der linken Wand und den Schreibtisch dem Bett gegenüber, auf dem sich ein klobiger Laptop befand, betrachtete, überkam mich ein seltsam vertrautes Gefühl. Ich registrierte ein Fenster, an dem die Rollläden heruntergelassen waren. Deshalb hatte ich nichts sehen können! Als ich den Blick erneut durch den Raum schweifen ließ, dämmerte es mir. »Mein WG-Zimmer!«
   Sofort schlug ich mir die Hand vor den Mund und lauschte. Aber ich hörte nichts, offensichtlich hatte ich niemanden alarmiert. Wie war ich bloß hierhergekommen? Ob Christian das als Überraschung für mich organisiert hatte? Ich hatte ihm erst vor ein paar Tagen von meiner WG-Zeit erzählt. Doch wenn er das als Überraschung geplant hatte, hätte er nicht spätestens jetzt, wo ich das Licht eingeschaltet hatte, zur Tür hereinspringen und »Überraschung!« rufen müssen?
   Nichts dergleichen geschah.
   Ein wenig hilflos saß ich in dem Bett und fragte mich, was ich tun sollte. Noch einmal sah ich mich im Zimmer um, und mich beschlich wieder ein komisches Gefühl. Das war alles unmöglich. Ich hatte die Möbel ein paar Jahre nach meinem Auszug verkauft, denn als ich mit Christian zusammenzog, hatte ich sie nicht mehr gebraucht. Ich erinnerte mich noch an das junge Paar, das den Schrank und das Bett abgeholt hatte. Den Schreibtisch hatte ich meiner Cousine geschenkt. Wie war es möglich, dass alles wieder hier stand? Und dazu noch genau so, wie ich es damals stehen hatte? Davon konnte Christian unmöglich gewusst haben. Ob Jenny ihm bei der Rekonstruktion geholfen hatte? Sollte ich im Bett bleiben und warten, bis jemand kam, um mir die Situation zu erklären? Oder sollte ich die Initiative ergreifen und nachsehen, was los war? Eventuell stand Christian ja hinter der Zimmertür und wartete darauf, dass ich herauskam?
   Da ich mich nicht mehr unmittelbar bedroht fühlte, siegte schließlich meine Neugier. Ich schlug die Bettdecke zurück – und starrte irritiert an mir hinab. Wieso sah ich meine Beine? Ich hatte doch gestern Abend einen Schlafanzug angezogen! Nicht so ein komisches, dazu noch rotes, Satinnachthemd. Merkwürdig. Egal. Ich sollte Christian wirklich suchen gehen, und dann konnte er was erleben. Überraschung hin oder her, mich im Schlaf umzuziehen, war nicht mehr lustig. Ein Verdacht beschlich mich, und ich stand auf und zog mir das Nachthemd bis zum Bauchnabel hoch. Hatte ich es doch richtig gefühlt – ich trug auch noch einen String-Tanga! Dabei konnte ich die Dinger absolut nicht leiden. Es hatte einmal ein Erlebnis in einem Einkaufszentrum gegeben, auf das ich immer noch mit Scham zurückblickte. Damals hatte ich es noch mit den Tangas probiert, an Wäschemodels sahen die ja einfach verführerisch aus. Leider hatte sich das Ding dann in eine Richtung verschoben, die so sicherlich nicht gedacht war. Das Wort Reizwäsche hatte seitdem eine neue Bedeutung für mich erlangt und Christian musste immer noch lachen, wenn er an meinen Gesichtsausdruck in diesem Moment dachte. Und obwohl er ganz genau wusste, dass ich seitdem Panties über alle Maßen schätze, verpasste er mir so ein Teil? Schlagartig wich meine Unsicherheit blanker Wut. Was fiel ihm ein? Geliebter Ehemann hin oder her. Mich im Schlaf auszuziehen, mir so etwas anzuziehen und mich hierher zu verfrachten …
   Jetzt war Schluss mit lustig. Christian war sonst immer für Überraschungen gut, und in der Regel gefielen mir diese auch – diesmal hatte er allerdings gehörig danebengegriffen. Wenn ich mich wieder wie mit Anfang zwanzig fühlen wollte, hörte ich mir laut Get the party started von Pink an (zu dem Lied waren wir damals in der Disco immer abgegangen) und trank eine Bacardi Cola. Dazu brauchte ich bestimmt keine Kleidungsstücke!
   Ich stapfte in Richtung Tür – und machte den Fehler, kurz zur Seite in den Spiegel zu sehen. Verblüfft ging ich wieder einen Schritt zurück und stellte mich vor ihn. Ich erkannte ein hübsches, circa zwanzigjähriges Mädchen. Ihre Haare glänzten dunkelrot im Licht der Nachttischlampe, und ein stufiger Pony fiel ihr in die Stirn. Graue Augen blickten mich an. Sie sah genauso aus wie ich, nur mit anderen Haaren und irgendwie jünger, wobei ich nicht sagen konnte, was genau den Eindruck in mir weckte.
   Ich war beeindruckt. Was für eine tolle optische Täuschung! Von wegen Spiegel, das war ein Poster. Von meinem zwanzigjährigen Ich, in Lebensgröße. Eins musste man Christian lassen: Wenn er etwas machte, dann bis ins kleinste Detail. Mein lebensgroßes Abbild trug das rote Satinnachthemd ebenfalls. Wie war er bloß an das Foto gekommen? Bestimmt hatte Jenny es ihm gegeben. Nein falsch, bestimmt hatte sie es ihm gemailt. Mit der würde ich auch noch ein Wörtchen reden müssen, so viel stand fest. Komisch, dass ich mich absolut nicht an dieses Foto erinnern konnte.
   Nachdenklich strich ich mir eine Ponysträhne aus dem Gesicht. Mein zwanzigjähriges Ich tat es mir gleich. Ich erstarrte. Tausend Eindrücke stürzten auf einmal auf mich ein. Seit wann hatte ich einen Pony? Wieso war die Haarsträhne in meiner Hand rot? Wieso sahen mich die grauen Augen im Spiegel auf einmal entsetzt an? Ich schrie. Mein Gegenüber hatte ebenfalls den Mund wie zu einem Schrei geöffnet. Ich beschloss, dass es an der Zeit war, in Ohnmacht zu fallen. Eigentlich war ich nicht der Typ Frau, der schnell die Nerven verlor und überhaupt nicht der Typ Frau, der einen Ohnmachtsanfall bekam, allerdings war es jetzt soweit. Die Erkenntnis, vor einem Spiegel zu stehen, war zu viel. Kurz, bevor alles schwarz wurde, sah ich noch, dass mein Gegenüber es mir gleichtat und ebenfalls stürzte.

3

Etwas Kaltes, Nasses berührte mein Gesicht.
   »Leni? Hörst du mich? Leni! Bitte wach auf!«
   Ich runzelte die Stirn aufgrund des Lärms und versuchte, mit der Hand nach dem Ding zu schlagen, das mir ständig durchs Gesicht fuhr.
   »Oh, Gott sei Dank. Jan, sie kommt zu sich.«
   Ich blinzelte. Über mir schwebten zwei Gesichter. Ich blinzelte erneut und sie gewannen an Schärfe. Das waren Jenny und Jan. Meine Mitbewohner. Meine ehemaligen Mitbewohner, korrigierte ich mich sofort in Gedanken. Die beiden hatten sich nicht verändert, dabei hatte ich sie seit Jahren nicht gesehen. Seit neun Jahren, um genau zu sein. Jan hielt einen nassen Waschlappen. Er sah rötlich aus.
   »Leni? Sag bitte was. Geht es dir gut?« Jenny klang höchst besorgt.
   Jan presste erneut den Waschlappen auf meine Stirn.
   Ich schob ihn zur Seite. »Was macht ihr denn hier?«
   Schön, dann war ich also in meiner alten WG, umgeben von meinen alten Möbeln, in meinem alten Zimmer, das aussah wie vor neun Jahren. Aber dass Jenny und Jan hier waren … Die Überraschung war Christian wirklich gelungen.
   Jan und Jenny wechselten einen verwirrten Blick. Ich versuchte, mich aufzusetzen, aber Jan drückte mich zurück auf den Boden.
   »Nicht so viel bewegen, du hast eine große Platzwunde an der Stirn. Jenny ist von einem Schrei aufgewacht, hat dich hier blutend auf dem Boden liegend gefunden und mich geholt. Was ist überhaupt passiert?«
   »Ihr habt hier geschlafen? Wohnt ihr immer noch hier?«
   Die Gesichter der beiden drückten noch größere Verwirrung aus als bei meiner ersten Frage. Ich glaubte, so etwas wie Sorge in ihren Gesichtern zu sehen.
   »Leni, wir wohnen hier zu dritt. Du, Jenny und ich. Das weißt du doch«, sagte Jan schließlich vorsichtig.
   Oh, die beiden waren gut! Ich lächelte. »Ihr könnt jetzt aufhören, die Unwissenden zu spielen. Die Überraschung ist euch auf jeden Fall gelungen. Los, sagt schon. Wo ist er?«
   In Jans und Jennys Gesichtern war definitiv Sorge zu sehen.
   »Sie scheint sich den Kopf härter angeschlagen zu haben als gedacht. Am besten rufst du doch einen Krankenwagen«, sagte Jan leise zu Jenny. »Ich möchte sie ungern ins Auto setzen und selbst ins Krankenhaus fahren, wo sie so durcheinander ist.«
   Jenny nickte.
   »Nein, das ist nicht nötig, kein Krankenwagen! So schlimm ist das nicht und Christian wird doch sicherlich gleich kommen, wo soll er mich denn dann finden?« Langsam fühlte ich mich ziemlich elend, und das kam nicht allein davon, das mir der Kopf furchtbar wehtat. Mit Un-behagen erinnerte ich mich wieder an das, was ich vor dem Sturz gesehen hatte. Meinem Aussehen würde ich allerdings später auf den Grund gehen, zuerst musste ich die beiden davon überzeugen, dass es mir gut ging.
   »Wer ist denn Christian?«, unterbrach Jan meine Überlegungen.
   So wie er mich ansah, hielt er mich keinesfalls für voll zurechnungsfähig. Soviel zu dem Versuch, topfit zu erscheinen. »Oh, klar, du kannst ihn ja nicht kennen.« Ich lächelte Jan entschuldigend an. »Christian ist mein Ehemann, wir haben vor drei Jahren geheiratet, also Jahre nach meinem Auszug hier. Er sollte wirklich mal langsam auftauchen!«
   Inzwischen glomm so etwas wie Panik in Jans Augen auf. »Leni, du bist nicht verheiratet. Und erst recht bist du nicht hier ausgezogen. Wir haben erst gestern Abend Jennys zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Kannst du dich überhaupt nicht daran erinnern?« Er sah die Verwirrung in meinem Blick und fing an, beruhigend und leise auf mich einzureden. Dabei drückte er mir weiterhin mit der einen Hand den nassen Lappen auf die Stirn, mit der anderen Hand streichelte er meine Wange.
   »Schluss, mir reicht es.« Ich hörte die Anspannung in Jennys Stimme. »Egal, ob du einen Krankenwagen willst oder nicht, Leni, ich rufe einen. Mit dir stimmt was nicht und das macht mir Angst. Dafür will ich nicht die Verantwortung haben!«
   Hatte sie Tränen in den Augen oder meinte ich das nur? »Jenny, nein, bitte warte!« Meine Gedanken rasten. Das Krankenhaus war der letzte Ort, an den ich wollte. Seit mein Opa dort gestorben war, hatte ich es nicht mehr betreten. Aber was sollte ich sonst tun? »Meine Eltern!« Das Nächstbeste, was mir einfiel. Aber auch das Naheliegendste, denn außer Jenny und Jan hatte ich keine Freunde mehr in meiner alten Heimat, in der ich mich ja offensichtlich wieder befand. Ich tat es nicht gern, aber hatte ich eine Wahl? Ich hatte sie lange nicht gesehen, und mir war es peinlich, sie deshalb, und dazu noch mitten in der Nacht, anzurufen.
   Bevor ich es mir wieder anders überlegen konnte, nickte Jenny. Sie sah erleichtert aus. »Gut, dann deine Eltern. Bin gleich wieder da, ich telefoniere eben.«
   Jan hielt weiterhin den Waschlappen an meine Stirn gepresst. Er meinte es nur gut, aber ich kam mir mehr als blöd vor. Da sahen wir uns nach so langer Zeit wieder, und ich musste vor ihm liegen. Ich setzte mich behutsam auf, auch wenn er protestierte. »Jan, so schlimm kann es doch nicht sein. Meinst du nicht, ein Pflaster würde reichen?«
   Jan nahm den Waschlappen weg und sah mich zweifelnd an. »Ich weiß nicht. Schwer zu sagen. Es blutet nicht mehr so stark, aber es sieht nach einem Riss aus. Ich glaube, das muss genäht werden. Sollen wir wirklich nicht besser einen Krankenwagen rufen?«
   »Ach Quatsch.« Ich gab mich betont fröhlich, auch wenn ich das Gefühl hatte, gleich schreiend im Kreis rennen zu müssen. »Der Nachbar meiner Eltern ist Arzt, ich wette, meine Mutter klingelt ihn nach Jennys Anruf sofort aus dem Bett, der wird sich schon darum kümmern. Wirklich, mir geht es gut! Wenn ich nur wüsste, was eigentlich passiert ist …«
   »Du scheinst gestern etwas zu viel getrunken zu haben. So wie es aussieht, bist du heute Nacht, warum auch immer, aufgestanden und gestürzt. Mich würde es nicht wundern, wenn du zusätzlich zu der Platzwunde auch noch eine Gehirnerschütterung hast. Das würde deine Erinnerungslücken erklären.«
   Ich wollte protestieren, ließ es dann aber bleiben. Die Situation war mir nicht geheuer. Jenny und Jan schienen keinen Tag gealtert zu sein, und ich war wieder in meiner alten WG. Das Ganze war verrückt. Bis ich herausgefunden hatte, was hier los war, würde ich versuchen, mich normal zu verhalten. Auch wenn das alles andere als leicht war. Meine Gedanken drehten sich im Kreis und versuchten, seinen Überlegungen zu den Vorfällen zu folgen. Jan wollte mich beruhigen, aber das, was er sagte, löste eher das Gegenteil in mir aus. Es ergab alles keinen Sinn. Gestern Abend hatte ich wie immer mit Christian auf der Couch gesessen und ferngesehen, weit entfernt von diesem Ort. Als ich ins Bett ging, hatte ich ihm noch einen Kuss gegeben. Weder war ich auf Jennys zweiundzwanzigstem Geburtstag gewesen noch hatte ich zu viel Wein getrunken. Gut, wenn ich näher darüber nachdachte, war das nicht ganz richtig. Natürlich war ich auf Jennys Geburtstagsfeier gewesen, aber diese Feier hatte vor langer Zeit stattgefunden. Jenny musste inzwischen, wie ich, Ende zwanzig sein. Diese Feier hatte vor Jahren stattgefunden, und nicht gestern, wie Jan versuchte, mir glaubhaft zu machen. Es sei denn … »Welches Jahr haben wir?«, fragte ich mühsam beherrscht.
   Jan runzelte die Stirn. »2004. Wieso?«
   »2004? Das ist gut! Ihr spielt eure Rolle echt überzeugend, das muss man euch lassen!« Ich lachte. Dabei war mir eher nach Weinen und Schreien zumute. Mein Lachen hörte sich sogar in meinen Ohren hysterisch an.
   »Leni, komm schon. Beruhige dich! Es ist alles gut!«
   »Jan? Was hat sie denn? Leni? Bitte sag doch was! Warum weinst du denn?«
   Jenny war wieder ins Zimmer gekommen und sah mitgenommen aus, aber das registrierte ich nur am Rande. Es war einfach zu viel. Ich wollte nicht mehr reden, ich wollte nicht mehr nachdenken. Schon gar nicht über die Jahre. 2004. 2013. Denn Letzteres war es für mich. Neun Jahre lagen dazwischen. Es war ein gänzlich anderes Leben. Das war einfach unmöglich. Vielleicht hatte ich mir wirklich den Kopf stark angeschlagen und lag zu Hause und Christian bemühte sich vergeblich, mich in die Wirklichkeit zurückzuholen, während ich in diesem nicht gerade bösen, aber auf jeden Fall sehr beunruhigendem Traum gefangen war. Lag ich dort im Koma? Oder war das hier die Wirklichkeit und ich war aus einem langen Traum erwacht? Lieber nicht darüber nachdenken, ich würde sonst garantiert meinen Verstand verlieren. Mir liefen weiterhin Tränen über die Wangen, aber ich konnte es nicht verhindern. Ich verstand die Welt nicht mehr und beobachtete das Geschehen in meinem Zimmer. Zumindest hatte ich in der Zeit, die ich auf dem Boden saß und mich vor und zurück wiegte, das Gefühl, von oben auf uns herabzublicken.
   Jenny und Jan gaben sich alle Mühe, mit mir zu sprechen. Jenny nahm mich immer wieder in den Arm und weinte fürchterlich. Jan fragte sie, ob sie wüsste, ob ich irgendetwas eingeworfen hätte. Traute er mir wirklich zu, Drogen genommen zu haben? Ich hatte so etwas nie angefasst.
   Als es an der Tür klingelte, sprang Jenny erleichtert auf und lief hinaus. Ich hörte aufgeregte Stimmen im Flur, Jenny klärte meine Eltern über meinen aktuellen Zustand auf und dann kniete meine Mutter auch schon vor mir. Es war wohl Zeit, die Beobachterrolle aufzugeben und wieder präsent zu sein. Es fiel mir wahnsinnig schwer, aber ich fokussierte meinen Blick auf meine Mutter. Unmöglich, das konnte sie nicht sein. Sie sah ihr sehr ähnlich, aber irgendwie auch nicht. Es war besser, ich sagte weiterhin nichts. Zwar kam ich mir paranoid vor, aber wer sagte mir, dass diese Leute wirklich meine Leute waren?
   Meine Mutter schien meine Ablehnung nicht zu bemerken, sie umfasste meinen Kopf mit beiden Händen und starrte meinen Haaransatz an. »Helenchen? Oh mein Gott, deine Stirn … Günther, kannst du dir das bitte sofort ansehen?«
   Und schwups, schon war Günther da. Wäre ich nicht so verzweifelt, hätte ich es wohl lustig gefunden, dass meine Mutter es wirklich geschafft hatte, Dr. Günther Haase mitten in der Nacht aus dem Bett zu bekommen und auch noch hierher zu bringen. Meine Mutter konnte verdammt überzeugend sein, wenn sie etwas wollte. Und bei mir hatte sie noch nie Spaß verstanden. Deshalb kniete der Arzt, den ich seit Kindheit kannte, in Pyjamahose vor mir und kramte in seiner Arzttasche herum.
   »Hallo Helene, wie fühlst du dich?«
   Da ich auch ihm nicht antwortete, redete er weiter, erklärte mir, was er tat. Mir war es egal. Ich registrierte, dass auch sein Äußeres stark verändert war. Oder bildete ich mir das jetzt ein und sah überall Gespenster? Vielleicht war ich ja tatsächlich nicht ganz fit im Kopf?
   Er leuchtete mit einer kleinen Lampe in meine Augen und steckte meinen Pony mit einer Art Klemme zurück, die er aus seiner Tasche hervorzauberte. Vorsichtig wusch er das Blut von meiner Stirn und betrachtete die Wunde. »Das sieht schlimmer aus, als es ist. Ich werde das jetzt säubern. Nicht erschrecken, das kann ein wenig brennen.« Er lächelte mich aufmunternd an.
   Es brannte tatsächlich ein wenig, aber ich zuckte nicht einmal.
   »Du hast Glück gehabt. Das kann ich kleben, es muss nicht genäht werden.« Als er damit fertig war, betrachtete er mich nachdenklich. »Helene, du musst mir jetzt antworten. Ansonsten weiß ich nicht, wie es dir geht und muss dich ins Krankenhaus bringen lassen.«
   Na toll. Ich sah ihn an und nickte.
   »Prima. Kannst du mir sagen, wie viele Finger ich hochhalte?«
   Wunderbar. Das würde ich ja so gerade noch hinbekommen. »Zwei.«
   »In Ordnung. Und kannst du mir sagen, wann du geboren bist?«
   »Am neunzehnten Mai 1983.«
   Er nickte zufrieden. »Und zu guter Letzt – welchen Tag haben wir heute?«
   Ja, das wüsste ich auch gerne. Herausfordernd sah ich ihn an. »Den fünfzehnten Februar 2013.«
   Meine Mutter begann zu jammern, Jennys schlug sich die Hand vor den Mund und ließ sich von Jan in den Arm nehmen. Dr. Haase betrachtete mich wieder nachdenklich. Mein Blick wanderte zu meinem Vater. Bislang hatte ich es vermieden, ihn anzusehen, denn ich hatte eine bestimmte Befürchtung. Ich sah sofort, dass sie zutraf. In den letzten paar Jahren hatte mein Vater sich ein Wohlstandsbäuchlein, wie er es nannte, zugelegt. Jetzt sah ich, dass davon keine Rede sein konnte. Er stand schlank in der Tür und betrachtete mich besorgt, während er meiner weinenden Mutter den Rücken streichelte.
   Dr. Haase räusperte sich. »Helene, wir haben heute den vierten September 2004. Ich würde dich wirklich gern ins Krankenhaus überweisen, da ich nicht ausschließen kann, dass du eine Gehirnerschütterung hast. Du bist desorientiert und hast Erinnerungsschwierigkeiten. Ich halte es für das Beste.«
   »Nein!« Flehend sah ich meine Eltern an. »Bitte, ich will nicht ins Krankenhaus. Kann ich nicht so lange bei euch bleiben, bis es mir besser geht?« Eigentlich hätte ich gern noch hinzugefügt, dass Christian auch irgendwann einmal kommen müsste, ließ es aber bleiben. Wenn schon alle beim Datum so aufgestöhnt hatten, würde sie die Erwähnung meines Ehemannes wohl noch mehr beunruhigen. Ich war erstaunt, dass ich noch fähig war, klar zu denken, obwohl eigentlich gerade alles im Chaos versank. Damit würde ich mich später beschäftigen. Erst einmal musste ich so vernünftig erscheinen, dass mir die Einweisung ins Krankenhaus erspart blieb.
   Zum Glück stimmten meine Eltern meinem Wunsch gleich zu. Dr. Haase bestand allerdings darauf, morgen früh noch vor Praxisbeginn nach mir zu sehen. Schnell waren ein paar Sachen gepackt und ich saß auf der Rückbank im Auto meiner Eltern. Meine Güte, wie lange hatte ich hier nicht mehr gesessen? Auch wenn meine Situation alles andere als komisch war, konnte ich ein Schmunzeln nicht vermeiden. Es fühlte sich surreal an, mit nichts als einem Satinnachthemd und Bademantel bekleidet, auf dem Rücksitz des elterlichen Autos zu sitzen und ihnen zuzuhören, wie sie Vermutungen über meinen Zustand anstellten. Leider fielen wieder die (wenn auch geflüsterten) Worte Drogen und Alkohol. Ich wollte protestieren, hatte aber keine Energie dafür. Ich war in meiner Jugend sicherlich kein Kind von Traurigkeit gewesen, aber Drogen hatte ich nie angerührt. Alkohol … Nun ja, das war ein anderes Thema. Er war nicht immer mein Freund gewesen, um es mal vorsichtig auszudrücken.
   Nach einer Viertelstunde waren wir bei meinem Elternhaus angelangt und ich stand staunend in der Tür zu meinem Kinderzimmer. Es sah aus, als wäre ich niemals weggegangen. Meine Eltern hatten bei meinem Auszug darauf bestanden, mir ein neues Schlafzimmer zu schenken, damit mein Kinderzimmer nicht verändert werden musste. Vor allem meine Mutter wollte, dass ich jederzeit wieder nach Hause kommen und auch dort übernachten konnte. Allerdings hatten sie nach meiner Hochzeit mit Christian wohl eingesehen, dass ich den Raum nicht mehr benötigen würde. Sie hatten ihn in ein Lesezimmer umgewandelt. Jetzt dagegen hingen noch die Backstreet Boys-Poster an der Wand, über meinem Schreibtisch klebten zahlreiche Postkarten, die mir Freunde aus ihren Urlauben geschrieben hatten. Mein Bett zierte eine lustige Flickendecke und an der Dachschräge darüber klebten selbstleuchtende Sterne und Planeten. Ich war zu Hause.
   Kurze Zeit später hatte ich meine Eltern, so schwer es ihnen auch fiel, aus meinem Zimmer gescheucht und mich ins Bett gelegt. Zu viel ging mir im Kopf herum, und da ich das Gefühl hatte, jeden Moment die Beherrschung zu verlieren, war ich lieber allein.
   Als ich das Licht ausschaltete und die billigen Sterne schwach mein Zimmer beleuchteten, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Was war nur passiert? Ich musste völlig übergeschnappt sein. Das war alles unmöglich und keinesfalls real. Ich musste träumen, ich konnte nicht von jetzt auf gleich neun Jahre in der Zeit zurückreisen und in meinen alten Körper schlüpfen. Wobei zurzeit alles dafür sprach, dass es so war. Ich hatte mich im Spiegel gesehen, ich hatte Jenny und Jan gesehen, keinen Tag gealtert. Meine Eltern, besonders mein Vater, und selbst Dr. Haase sahen jünger aus. Trotzdem klammerte ich mich an die Hoffnung, dass sich alles noch aufklären würde.
   Ich war so unglaublich müde. Erst wollte ich mich gegen das Einschlafen wehren, doch dann kam mir der Gedanke, dass das vielleicht genau die Möglichkeit war, in meine Welt zurückzukehren. Einen Versuch war es wert. Ich konnte es eh nicht mehr ändern und verhindern. Mein letzter klarer Gedanke war auf Christian gerichtet. Ich war sicher, wenn ich nur fest genug an ihn dachte, würde ich später aus diesem Albtraum erwachen und alles wäre wieder wie vorher.

4

Als ich aufwachte, saß meine Mutter neben meinem Bett und strickte. Auch wenn es unsinnig war, machte mich das verlegen und ein klein bisschen wütend. Verlegen, weil ich mir wie ein kleines Kind vorkam, das man bemuttern musste, und wütend, weil es meine Hoffnung auf Normalität zerstörte. Ich lag immer noch in meinem Kinderzimmer. Einschlafen hatte also nichts genützt. Da meine Mutter noch nicht mitbekommen hatte, dass ich inzwischen aufgewacht war, betrachtete ich sie. Gestern Abend waren so viele Eindrücke auf mich eingeprasselt, dass ich zwar wahrgenommen hatte, dass sie anders aussah – aber wie anders, fiel mir erst jetzt richtig auf. Die grauen Strähnchen, die sich in den vergangenen Jahren immer häufiger in den braunen Haaren niedergelassen hatten, waren verschwunden, und ihr Gesicht wirkte verjüngt, obwohl ich nicht wirklich sagen konnte, was mir daran jünger vorkam als sonst. Sie hatte ihre Haare zu einer Hochsteckfrisur zusammengefasst, allerdings sah sie aus, als wäre das in großer Eile passiert, da hier und da ein paar Strähnchen heraushingen. Ich versuchte, mich zu erinnern, wann sie zuletzt ihre Haare so getragen hatte. Bei ihrem letzten Besuch bei Christian und mir hatte sie die Haare zu einem kurzen Bob geschnitten gehabt. Zugegeben, das war schon einige Monate her. Konnten Haare so schnell wachsen?
   Sie lächelte mich an und ließ ihr Strickzeug sinken. »Hast du gut geschlafen? Wir haben uns solche Sorgen gemacht … Günther war auch schon hier, aber als er gesehen hat, wie entspannt du geschlafen hast, wollte er dich nicht wecken. Er wird später wiederkommen. Wie fühlst du dich?«
   Über ihre Schulter hinweg sah ich, dass auch Papa mein Aufwachen mitbekommen hatte und in der Tür lehnte.
   »Nun lass sie doch erst einmal zu sich kommen«, grummelte er.
   »Hast du abgenommen, Papa?«, platzte es aus mir heraus. »Du siehst toll aus, das steht dir gut!« Ich hatte mich gestern nicht getäuscht, er war wirklich deutlich schlanker.
   »Ähm, nein, ich habe nicht abgenommen«, erwiderte mein Vater und sah verunsichert an sich herab. »Im Gegenteil. In letzter Zeit habe ich arge Probleme, mein Gewicht zu halten. Ich komme wohl auch langsam in die Wechseljahre«, scherzte er, auch wenn seine Augen dabei nicht mitlachten.
   »Was ist denn bloß passiert?«, unterbrach Mama ihn. »Willst du uns nicht endlich verraten, was gestern Nacht eigentlich los war?«
   »Wenn ich das mal wüsste … Ihr würdet mir ja sowieso nicht glauben, wenn ich euch sage, was meiner Ansicht nach passiert ist. Ihr haltet mich wieder nur für verrückt und ruft Dr. Haase. Oder lasst mich gleich einweisen.« Ich merkte selbst, dass meine Stimme feindselig klang. Meine Eltern meinten es gut, aber sie konnten mir nicht helfen. Trotzdem war da etwas in Papas Blick, das mich weiterreden ließ. »Ich bin gestern Abend mit Christian, der übrigens mein Ehemann ist, auch wenn ihn keiner von euch zu kennen scheint, ins Bett gegangen. Dann wache ich mitten in der Nacht in meiner eigenen Vergangenheit auf. Ihr habt euch wirklich keinen Scherz mit mir erlaubt?«, fügte ich sicherheitshalber noch hinzu. Ihre Mienen sprachen Bände.
   »Lenchen, es gibt keinen Ehemann. Du bist einundzwanzig Jahre alt, steckst noch in der Ausbildung. Erst vergangene Woche warst du bei uns und hast uns erzählt, dass deine Prüfungstermine feststehen. Wenn du verheiratet wärst, wüssten wir das, glaube mir. Ich denke, du hast dich bei deinem Sturz so schwer gestoßen, dass deine Erinnerung gelitten hat.«
   Nun war es also offiziell.
   Panik durchflutete mich.
   Meine Eltern würden kein Spielchen mit mir spielen, erst recht nicht, wenn ich mich verletzt hatte. Mein altes WG-Zimmer, mein altes Kinderzimmer, das Aussehen meiner Mitbewohner und meiner Eltern … Alles sprach dafür, dass ich wirklich durch die Zeit gereist war. Bei einem Sturz verlor man höchstens sein Gedächtnis, man gewann keine neuen Erinnerungen dazu. Oder doch? Hier saßen Mama und Papa, denen ich (neben Christian) am meisten vertraute, und sie erzählten mir, Christian würde nicht existieren. Sie erzählten mir, ich wäre einundzwanzig, dabei war ich doch fast dreißig. Meine Gedanken rasten. Was sollte ich bloß tun? Ich sah ihnen an, dass sie Angst um mich hatten. Das war das Letzte, was ich wollte. Wahrscheinlich war es das Einfachste, fürs Erste einzulenken und nachzugeben. Ich wollte nicht für verrückt erklärt werden. Litt ich an einer Persönlichkeitsstörung und wusste es nicht? Wie war noch mal der Name des Professors in A Beautiful Mind gewesen? Der hatte doch die ganze Zeit in seiner Fantasie einen Mitbewohner gehabt, den es nicht gab. Das war sogar eigentlich die wahrscheinlichere Erklärung. Zeitreisen waren unmöglich, also war ich wohl verrückt. Aber glaubte man, wenn man sich an Personen erinnerte, die es überhaupt nicht gab, auch, dass man selbst älter war, als man eigentlich war? Hilfe, ich würde noch durchdrehen.
   Okay, normal atmen, neutralen Gesichtsausdruck aufsetzen. Alles war gut. Ich musste zu dem Thema dringend alles googlen, wenn ich wieder an meinen Computer kam, aber erst einmal würde ich meine Eltern beruhigen. »Ach Mama, das ist alles so verwirrend«, sagte ich deshalb und seufzte absichtlich frustriert. »Ich erinnere mich kaum an den Sturz. Vielleicht sollten wir wirklich bald noch einmal mit Dr. Haase sprechen und ihn fragen, was mit mir los sein könnte. Offensichtlich ist da etwas in meinem Kopf durcheinandergeraten.«
   Anhand der offensichtlichen Erleichterung in ihren Blicken sah ich, dass mir die Täuschung gelungen war. Mein Vater nickte. »Ich rufe Günther sofort an und sag ihm, dass du wach bist. Vielleicht hat er ja Zeit und kommt sofort vorbei.«
   Ich stand auf und ging zum Fenster hinüber. Draußen schien die Sonne auf die noch grünen Blätter der Linde im Garten meiner Eltern. Noch ein Zeichen dafür, dass unmöglich Februar sein konnte. »Ach Mama, ich weiß einfach nicht, was los ist. Was ich denken soll. Für mich ist es so real, die Erinnerung an Christian, und dass ich neunundzwanzig Jahre alt bin. Wie kann sie dann nicht stimmen?«
   Anstatt etwas zu erwidern, nahm sie mich nur fest in den Arm und fing an, mir sanft den Rücken zu streicheln. Genauso, wie sie es früher immer gemacht hatte, als ich noch klein war. Und genau wie früher beruhigten mich allein ihre Anwesenheit und ihr vertrauter Geruch, und die Angst fiel von mir ab. Auch wenn sie mich oft nervte – Mama war da, und alles würde wieder gut werden. So hatte ich als Kind gedacht, und selbst als Erwachsene wirkte dieser Zauber noch.

Als Dr. Haase eine Stunde später eintraf, saß ich fertig angezogen am Tisch meiner Eltern und frühstückte. Auch wenn ich nicht wirklich Appetit hatte, tat es gut, etwas Normales zu tun.
   »Hallo Helene. Na, wie geht es dir?«
   Da ich noch an meinem Brot kaute, nutze meine Mutter die Gunst der Stunde. »Sie denkt weiterhin, dass sie neunundzwanzig ist. Und sogar verheiratet! Günther, ich mache mir solche Sorgen. Was, wenn sie einen Gehirntumor hat?«
   Danke, Mama. Als wenn meine Situation nicht schon beunruhigend genug wäre … Zu meiner Erleichterung lächelte Dr. Haase mich an.
   »Na, wir wollen doch nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen. Aber um auf Nummer sicher zu gehen: Hast du in letzter Zeit Kopfschmerzen oder Sehstörungen gehabt?«
   Das konnte ich verneinen. Er nickte zufrieden. »Und Drogen hast du auch keine genommen?«
   Die Hitze stieg mir ins Gesicht. Was dachten denn hier alle von mir? Ich schüttelte verlegen den Kopf. »Nein!«
   »Das hätte ich auch nicht geglaubt, aber ich muss das als Arzt fragen. Wenn wir also einen Tumor und Drogenmissbrauch ausschließen können, müssen wir herausfinden, ob es etwas Psychisches sein könnte.« Ich erschrak, genau das hatte ich befürchtet. »Ich bin nicht verrückt!«
   Meine Mutter nahm beruhigend meine Hand.
   »Das wollte ich damit auch nicht sagen«, erwiderte Dr. Haase sofort. »Deine Erinnerung, oder besser gesagt, dein Glaube an diese Dinge und Menschen, kann auch andere Ursachen haben. Fangen wir einfach an. Hast du zurzeit mehr Stress als üblich? Belastet dich etwas? Oder hast du Angst vor etwas?«
   Erwartungsvoll sah er mich an. Ich überlegte. Eigentlich hatte ich nur den normalen Stress, den man in einer Finanzbuchhaltung eben hatte. Der Jahreswechsel nach 2014 stand bevor, Abteilungen wollten noch schnell ihr Budget ausnutzen und so war im Buchungsgeschäft deutlich mehr los als unterjährig … Aber das konnte ich ihm ja schlecht sagen.
   Zum Glück nahm Mama mir das Reden ab. »Deine Abschlussprüfungen beginnen in zwei Wochen!«
   Entsetzen durchfuhr mich. »Die Abschlussprüfungen? In zwei Wochen schon?« Ich stöhnte.
   Das durfte nicht wahr sein! Da steckte ich offensichtlich irgendwo in einer vergangenen Zeit meines Lebens, mein Ehemann noch verborgen in der Zukunft, und dann hing ich auch noch ausgerechnet vor den Abschlussprüfungen fest? Drei Wochen später wäre netter gewesen. Mich schauderte es bei der Erinnerung an die Prüfungen. Ich war nie eine besonders gute Schülerin gewesen, und in der Ausbildung war es nicht besser. Die Abschlussprüfung zur Bürokauffrau hatte ich nur mit Ach und Krach geschafft, besonders mit Rechnungswesen hatte ich die ganze Zeit auf Kriegsfuß gestanden. Lustigerweise hatte ich mich hinterher zur leitenden Angestellten der Buchhaltung hochgearbeitet. Irgendwann hatte es ‚Klick‘ gemacht und das Verständnis für Bilanzierung und Co. war von ganz allein gekommen. Nur damals eben nicht, als ich es hätte gebrauchen können. Meine Eltern und vor allem Dr. Haase schienen mein Entsetzen über die bevorstehende (erneute!) Prüfung jedoch anders zu deuten.
   Der Arzt lächelte. »Ja, so eine Abschlussprüfung kann einem den letzten Nerv rauben. Sicherlich sitzt du sehr oft über deinen Büchern? Und malst dir aus, wie das Leben aussieht, wenn die Prüfung endlich vorbei ist?«
   Ich überlegte fieberhaft. Tat ich das? Soweit ich mich erinnern konnte, hatte ich damals nicht sonderlich viel gelernt, andere Sachen waren wichtiger gewesen. Trotzdem, ich musste mir schnell etwas einfallen lassen, die fragenden Blicke von dem Arzt und meinen Eltern lagen eindeutig auf mir und erwarteten eine Antwort. Also plapperte ich hastig drauf los. »Natürlich tu ich das. Ich kann es kaum erwarten. Dann kann ich endlich anfangen zu arbeiten, richtig Geld verdienen, vielleicht eines Tages eine Familie gründen …« Als ich ein Funkeln in den Augen des Arztes sah, verstummte ich.
   »Da haben wir es doch schon. Du wünschst dir das so sehr, dazu stehst du unter Druck wegen der Prüfungen, dann noch der Sturz. Ich denke, dass du dadurch Realität und Wunschdenken vermischt hast. Zumindest ist das die naheliegendste Erklärung bei einer ansonsten kerngesunden jungen Frau wie dir. Und wenn dann noch erhöhter Alkoholgenuss obendrauf kommt, wie deine Mitbewohner ja gestern Nacht bestätigt haben …«
   Ich sah Dr. Haase an und überlegte. War das so einfach? Hatte er recht mit dieser möglichen Erklärung? Alles in mir protestierte gegen diese Auflösung der Dinge, aber ich wusste, dass das hier mein Ausweg war, wenn ich nicht in der Klapsmühle landen wollte. Und da würden mich Dr. Haase und meine Eltern früher oder später hinschicken, wenn ich bei meiner bisherigen Version bliebe. Natürlich klang es wahrscheinlicher, aufgrund des Lernstresses und des Sturzes vorübergehend unter Wahnvorstellungen gelitten zu haben, als dass ich noch vor ein paar Tagen als glückliche Ehefrau von Ende zwanzig in einer weit entfernten Stadt gelebt hatte. Neun Jahre in der Zukunft, versteht sich. Auch wenn es mir wie Verrat an Christian vorkam, was hatte ich schon für eine Wahl? Vielleicht war es ja so, wie der Arzt vermutete. Das musste ich für mich allein herausfinden, ohne mit Medikamenten vollgepumpt und eingesperrt zu sein. Daher akzeptierte ich die Meinung des Arztes. Ich konnte von Glück reden, dass er dieses Gespräch mit mir zu Hause, im Beisein meiner Eltern, führte und kein Psychiater in einer Einrichtung. Bei dem wäre ich sicherlich sofort aufgeflogen. Deshalb nickte ich langsam mit dem Kopf. »Ja, das ist gut möglich …« Ich hatte eigentlich noch mehr sagen wollen, aber mir blieben die Worte regelrecht im Halse stecken. Alles in mir sträubte sich gegen diese Möglichkeit. Ich sagte besser nichts mehr.
   Dr. Haase lächelte mich zufrieden an und holte einen Block aus seiner Tasche. »Dann haben wir das ja geklärt. Ich möchte dich trotzdem noch ein, zwei Tage krankschreiben. Und es wäre schön, wenn es möglich wäre, dass du diese unter Beobachtung, zum Beispiel hier bei deinen Eltern, verbringst. Nur um zu sehen, ob wirklich alles in Ordnung ist. Hier kannst du dich noch ein wenig erholen, bevor der Lernstress wieder losgeht. Selbstverständlich schreibe ich dir ein Attest für die erste Prüfung, wenn du das möchtest. Deine Eltern informieren dann Arbeitgeber und Berufsschule.«
   Hastig schüttelte ich den Kopf. »Nein, bitte nicht. Eine Krankmeldung für jetzt reicht völlig aus, die Prüfungen werde ich normal schreiben, ich habe ja viel gelernt, das wird schon gehen.« Ich war mir dessen zwar überhaupt nicht sicher, aber was sollte ich sonst sagen? Meine Ausbildungsfirma und die Berufsschule würden sich sowieso nicht für mein Einzelschicksal interessieren, sondern höchstens davon ausgehen, dass ich durchgedreht war. Das konnte ich nicht gebrauchen, schließlich würde ich nach der Ausbildung noch eine Zeit lang in der Firma arbeiten, bevor ich im nächsten Jahr die Stadt verlassen und mein Leben und meine Arbeit in Neustadt beginnen würde.
   Dr. Haase nickte. »Gut, also nur eine Krankmeldung für jetzt. Sollte noch etwas sein«, dabei sah er meine Mutter an, »meldet euch bei mir in der Praxis. Ich komme dann, so schnell es geht.«
   »Danke Günther, das ist so lieb von dir.« Meine Mutter hatte Tränen in den Augen.
   »Komm, ich bring dich noch zur Tür«, sagte mein Vater und verließ mit Dr. Haase die Küche.
   Meine Mutter nahm meine Hand. »Na siehst du, Lenchen, alles ist gut. Ich hatte solche Angst, dass du einen Gehirntumor haben könntest!«
   »Ach, Mama!«
   Sie las gern diverse Klatsch- und Tratschzeitungen, und in denen geschahen Menschen solche Dinge aus heiterem Himmel. Aus diesem Grund glaubte meine Mutter immer gleich das Schlimmste, egal, wem es grad nicht gut ging.
   »Komm, Sibylle«, sagte mein Vater, der bei Mamas Worten wieder in die Küche trat, »wir lassen Helene jetzt am besten in Ruhe, damit sie sich ein wenig ausruhen kann. Magst du dich nicht ein wenig in die Sonne setzen? Deine Mutter und ich wollten sowieso ein wenig spazieren gehen bei dem herrlichen Wetter.« Mein Vater war ein Engel. Er schob meine Mutter, auch wenn sie protestieren wollte, aus der Küche.
   Endlich allein. Ich hatte das Gefühl, vor einem erneuten Zusammenbruch zu stehen und flüchtete regelrecht nach draußen in die Sonne. Ich holte mir eine Auflage für die Liege und beschloss, mich etwas im Selbstmitleid zu suhlen, als ich die Gartenpforte quietschen hörte. Prima. Hatten meine Eltern etwas vergessen? Ich wollte nur meine Ruhe. Doch es waren nicht meine Eltern, die um die Ecke bogen und unsicher in einiger Entfernung vor mir stehen blieben. »Jenny? Was machst du denn hier?«
   »Störe ich? Ich habe kein Auge mehr zugemacht, seit du gefahren bist. Darf ich mich zu dir setzen?«, fragte sie fast schüchtern.
   »Natürlich.« Ich merkte selbst, dass ich mich nicht so erfreut anhörte, wie ich es gesollt hätte. Trotzdem eilte Jenny durch den Garten und warf sich regelrecht in meine Arme.
   »O Leni, was ist denn bloß passiert? Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Ich bin so froh, dass es dir gut geht!«
   Ich erwiderte ihre Umarmung, auch wenn es mir komisch vorkam. Ich hatte sie so lange nicht gesehen, und jetzt umarmte sie mich, als wären wir beste Freundinnen. Was wir aus ihrer Sicht auch waren. Zu meiner eigenen Verwunderung merkte ich, dass ich mich trotzdem wirklich freute, sie zu sehen. Ich musterte sie. Auch wenn ich sie vor ein paar Tagen auf dem Foto gesehen hatte, war mir entfallen, wie umwerfend sie von Angesicht zu Angesicht wirkte. Das Foto war eben nur zweidimensional, erst ihre Persönlichkeit machte sie richtig anziehend. Zwar hatte sie die Schönheit und Anmut eines Engels (zumindest stellte ich mir so Engel vor, mit langen blonden Locken und knallblauen Augen, umgeben von einem schönen, ebenmäßigem Gesicht), aber erst ihr Lachen und die Wärme ihrer Augen machte sie zu der unwiderstehlichsten Person, die ich je kennengelernt hatte. Sie war etwas kleiner als ich, etwa einen Meter sechzig groß, und zierlich. Bisher hatte ich niemanden getroffen, der nicht sofort ihrem Charme erlag, seien es Männer oder Frauen. Ihre blauen Augen strahlten die meiste Zeit eine Wärme aus, und ihr Lachen ließ ihr Gesicht noch schöner wirken, als es sowieso schon war. Jetzt allerdings sah sie eindeutig besorgt aus.
   »Es geht dir doch gut? Oder ist für dich immer noch 2013?«
   Scheinbar hätte ich längst etwas sagen sollen. Stattdessen hatte ich sie einfach nur angestarrt. »Äh, ja sicher, alles ist in Ordnung. Dr. Haase meint, dass meine Verwirrtheit vom Lernstress der vergangenen Wochen kommt, dann der Sturz, die Wunde am Kopf – da habe ich wohl Realität und Wunschvorstellung durcheinandergebracht.«
   »Wunschvorstellung?« Sie sah mich fragend an.
   »Okay, nenn es Wahnvorstellung. Also, dass ich verheiratet bin.« Ich grinste schief.
   »Ach das. Obwohl mich das nach dem Stress bei euch beiden in letzter Zeit ein wenig verwundert.« Sie zuckte mit den Schultern, als wenn sie sagen wollte ‚Nicht meine Baustelle’. »Der wartet übrigens im Auto. Ich habe ihn aus dem Bett geklingelt und er ist sofort zu uns gekommen. Er sieht wirklich schlecht aus und scheint sich große Sorgen um dich zu machen. Sollte er aber auch besser mal, wäre er geblieben wie geplant, wäre das vielleicht nicht passiert.« Sie deutete auf meine Stirn, die immer noch ein dickes Pflaster zierte. »Auch wenn er dich eigentlich nicht verdient hat … Soll ich ihn holen?«
   In mir begann sich, ein ungutes Gefühl auszubreiten. Wovon sprach Jenny da bitte? Stress in letzter Zeit? Ihn holen? »Er? Wer er?«
   »Na der, weswegen du von Heirat fantasierst … Auch wenn ich das nicht nachvollziehen kann, so wie er zuletzt drauf war. Erik natürlich!«
   Schlagartige Übelkeitsanfälle schien es wirklich zu geben. Mir wurde schlecht. Wenn Jenny vor ein paar Tagen ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte, war ich natürlich zu dieser Zeit mit Erik zusammen. Mit dem Jungen, dessen Bilder ich erst vor ein paar Tagen in der Hand gehalten hatte und die diese unschönen Gefühle wieder hervorgeholt hatten. Mit dem Erik, in den ich wahnsinnig verliebt gewesen war und der mir das Herz gebrochen hatte, noch bevor wir Jennys dreiundzwanzigsten Geburtstag zusammen hatten feiern können. Oder würde er das nicht? War das auch Teil der Wahnvorstellung? Egal, ich wollte Erik so oder so nicht sehen.
   »Leni? Was ist denn auf einmal los? Du bist ganz blass geworden. Liegt es an Erik?«
   Erschrocken sah ich sie an. Sie war ja noch hier. Ich musste dringend über viele Dinge grübeln. Doch bevor ich etwas sagen konnte, erschien ein bestürzter Ausdruck auf ihrem Gesicht.
   »O Leni, das war doch nicht Erik?«
   »Was soll Erik gewesen sein?«
   »Na, dein Sturz, die Wunde an der Stirn. Hat er dich … geschlagen?« Das letzte Wort flüsterte sie fast.
   Ich konnte sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitete. »Erik? Mich geschlagen?« Spontan lachte ich. Ich könnte ihm in Zukunft einiges vorwerfen, aber das sicherlich nicht. »Das ist Quatsch, und das weißt du. Du hast doch selbst gesagt, dass er gar nicht da war, als das passiert ist. Außerdem wäre er zu so etwas nicht fähig.« Auch wenn unsere Beziehung schon lange her war, wusste ich noch genau, dass er kein bisschen gewalttätig gewesen war.
   »Aber, was ist es dann? Als ich seinen Namen erwähnt habe, bist du blass geworden und hast nicht gerade erfreut gewirkt. Willst du ihn nicht sehen?«
   Natürlich wollte ich ihn nicht sehen! Ich konnte schließlich nicht so tun, als wären wir total glücklich. Nachher musste ich ihn noch küssen! Was sollte ich Jenny sagen? Die erstbeste Ausrede, die mir einfiel, war definitiv schwach. »Na ja, natürlich will ich ihn sehen, aber schau mich an: ein dickes Pflaster auf der Stirn, die Haare noch nass und platt vom Duschen. Ich will nicht, dass er mich so sieht. Kannst du ihm bitte sagen, dass ich noch total erschöpft bin und nur schlafen will? Außerdem werde ich wahrscheinlich morgen wieder nach Hause kommen, da soll er mich lieber da besuchen. Dann kann ich mich morgen in aller Ruhe für ihn hübsch machen«, fügte ich mit einem Zwinkern hinzu, weil Jenny mich kritisch musterte.
   Das schien zu wirken. Sie nickte, wenn auch etwas zögerlich. Sie war nicht überzeugt, aber drängte mich nicht weiter. »Gut, ich werde es ihm sagen. Dann geh ich jetzt und lasse dich auch in Ruhe. Soll ich dich morgen abholen? Falls deine Mutter dich überhaupt schon gehen lässt …« Sie kannte meine Mutter gut, die Befürchtung hatte ich auch.
   Wir verabredeten, dass ich mich in jedem Fall bei ihr melden würde. Sie drückte mich noch einmal und ging.
   Erleichtert ließ ich mich zurück auf die Liege sinken. Diese kurze Unterhaltung mit Jenny hatte so viele weitere Dinge zum Vorschein gebracht, die ich dringend bedenken und im Kopf ordnen musste. Ich schloss die Augen, öffnete sie aber fast sofort wieder. Auch wenn ich gern schlafen würde, dafür hatte ich keine Zeit. Bevor ich morgen oder übermorgen auf die Leute in meinem Umfeld traf (deine Freunde, sagte eine Stimme in meinem Kopf), musste ich mir darüber im Klaren sein, wer ich momentan war und was mir bevorstand. Genauer gesagt musste ich eine Bestandsaufnahme all der Dinge machen, die in nächster Zeit passieren würden. Am besten wäre, ich würde eine Liste all der Dinge anfertigen, die mir noch einfielen. Damit ich so gut es ging auf die andere Welt, sprich mein altes Leben, vorbereitet war. Ansonsten würde es keinen Tag dauern, und die Leute würden mich durchschauen und merken, dass etwas mit mir nicht stimmte, und ich würde über kurz oder lang doch in der Klapsmühle landen. Das stand allerdings auf der Liste der Dinge, die ich gern erleben wollte, nicht drauf. Schlimm genug, dass ich hier festsaß, aber immerhin konnte ich mich frei bewegen. Sollten es nur Wahnvorstellungen sein, würde ich das schnell daran bemerken, dass nichts von dem, was meiner Meinung nach passieren würde, passierte.

Etwas später saß ich auf meinem Bett, die Beine untergeschlagen. Nachdenklich spielte ich mit dem silbernen Armband an meinem Handgelenk. Eine weitere Erinnerung kehrte zurück. Das Armband hatte mir Erik zu unserem ersten Jahrestag geschenkt. Versonnen strich ich darüber. Es war wunderschön und sah aus, als wären silberne Drähte umeinandergewunden. Am Verschluss war ein kleiner Anhänger in Form eines Engelsflügels angebracht.
   Damit du immer etwas von deinem Schutzengel bei dir hast, hatte er gesagt, als er es mir umgelegt hatte. Damals war ich ein wenig enttäuscht. Er hatte mir nicht wie erhofft einen Ring geschenkt, doch jetzt erkannte ich in diesem Armband eine völlig andere Symbolik. Mit leichtem Bedauern dachte ich daran, dass sich das Armband in acht Monaten in einer Kiste befinden würde. Bis dahin würde ich es tragen, auch wenn ich es von einem Mann bekommen hatte, der nicht meiner war. Wobei, genau genommen war er das ja schon noch. Verwirrend.
   Ich zwirbelte eine Haarsträhne, eine Angewohnheit, die ich schon seit meiner Kindheit hatte. Wenn ich nervös, unruhig oder gelangweilt war, drehte ich sie immer wieder um meine Finger. Meine Mitmenschen trieb ich damit zum Teil in den Wahnsinn. Mir war diese Angewohnheit so zur Gewohnheit geworden, dass ich sie nicht mehr bemerkte. Erst, wenn Christian meine Hand festhielt, und mir halb im Scherz drohte, er würde mir meine Haare abschneiden, fiel mir meine Unsitte auf.
   Christian …
   Da war der Gedanke an ihn wieder. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich mir das alles einbildete, dass ich mir ihn nur einbildete. Im Großen und Ganzen konnte ich vorhersagen, was sich in den nächsten neun Jahren in meinem Leben ereignen würde. Ich war zwar schon immer ein Mensch mit viel Fantasie gewesen, aber das war selbst für mich zu viel, um es nur als eben das abzutun. Ich musste mich mit dem Gedanken abfinden, dass ich das alles erlebt hatte. Was wiederum nur den Schluss zuließ, dass ich durch die Zeit gereist war, in meine eigene Vergangenheit. Schlafen und aufwachen brachten nichts, ich saß hier anscheinend fest. Wie das möglich war, wusste ich nicht. Es war auch egal, da es keine Rolle spielte. Wichtig war, dass ich mir eine Strategie zurechtlegte, wie ich schnellstmöglich in mein altes Leben zurückkehren konnte. Und wenn das nicht möglich sein sollte, musste ich mein Leben so leben, dass ich wieder da landete, wo ich hergekommen war. Denn so viel war mir klar – das, was ich jetzt erlebte, hatte ich in der Vergangenheit nicht erlebt, also schrieb ich gerade mein Leben um. Um trotzdem wieder am Ausgangspunkt meiner ‚Reise‘ anzukommen, musste ich mich so gut wie möglich an mein Leben im Jahr 2004 und die folgenden erinnern, um nicht von meiner Lebenslinie abzuweichen. Ziel war, Christian 2010 zu heiraten.
   Beim Gedanken an ihn traten mir wieder die Tränen in die Augen. Ich fühlte mich so einsam ohne ihn. Was tat er gerade in diesem Moment? Tat er überhaupt etwas? Oder existierte die Zukunft nicht an einem anderen Ort? Und wenn sie existierte, lebte ich dort normal weiter und wusste nichts von einer Reise in die Vergangenheit, weil ich normal in meiner (zukünftigen) Gegenwart war? Oder war ich etwa dort verschwunden und mein Mann suchte verzweifelt nach mir? Der Gedanke schnürte mir die Kehle zu. Was würde es für ein Leben für ihn sein? Man würde mich wohl kaum finden, denn ich war aus dieser Zeitzone verschwunden.
   Über kurz oder lang würde Christian eine andere Frau lieben lernen. Ich sah es vor meinem geistigen Auge. Eine andere, hübsche Frau an seiner Seite, wie sie beide glücklich lachten. Die Tränen begannen zu laufen.
   Genug davon. Ich zwang mich, diese Gedanken nicht weiterzuverfolgen. Zitternd atmete ich ein und trocknete meine Wangen mit dem Handrücken. Ich musste mich beherrschen, diese Gedanken brachten überhaupt nichts. Ich brauchte einen klaren Kopf, um wieder zu Christian zu gelangen. Ich hatte einige Zeitreisefilme gesehen, und eine der Grundregeln war, nicht in die Vergangenheit einzugreifen, da man sonst unwillkürlich die eigene Zukunft änderte.
   Ich wandte mich dem leeren Schreibblock vor mir zu. Nachdenklich sah ich auf die karierte Seite des Blocks. Am besten schrieb ich chronologisch alles auf, woran ich mich erinnern konnte. Ich würde viel Platz für eventuelle Nachträge lassen, einiges fiel mir vielleicht später noch ein. Ich fing mit Jennys Geburtstagsfeier an, denn das schien der Tag unmittelbar vor meiner Ankunft hier gewesen zu sein. Ich arbeitete konzentriert, und ich merkte, dass es mir guttat, etwas zu tun zu haben. Ich vergaß meinen Kummer ein wenig und stellte fest, dass viele Erinnerungen mir ein Lächeln auf mein Gesicht zauberten, andere mir dagegen den Schmerz zurückbrachten, den ich damals empfunden hatte. Dabei hatte ich gedacht, darüber hinweg zu sein. So konnte man sich täuschen. Trotz der ins Land gegangenen Jahre war ich alles andere als cool beim Gedanken daran, dass ich wieder mit Erik zusammen war. Noch schlimmer war aber der Gedanke, den Schmerz der Trennung von ihm noch einmal durchleben zu müssen. Obwohl ich eigentlich geplant hatte, nur eine Liste zu erstellen, so schrieb ich doch fast einen ganzen Roman nieder. Wie unter Zwang schrieb ich deutlich detaillierter, aus Angst, etwas zu vergessen. Als wenn ich mir vor Augen führen musste, dass ich mich an so viele Details erinnerte, dass es keine Wahnvorstellung sein konnte. Dass es Christian wirklich gegeben hatte, beziehungsweise ihn wirklich geben würde. Als ich endlich fertig war, hatte ich einiges zusammengetragen, beginnend an Jennys Geburtstag, geendet hatte ich mit Christians und meiner Hochzeit. Obwohl ich mir sicher war, dass mit Anfang der Beziehung zwischen Christian und mir alles in die richtigen Bahnen laufen würde, konnte man ja nie wissen.
   Als ich auf die beschriebenen DIN A4 Seiten herabblickte, staunte ich nicht schlecht. Das alles war mein Leben der vergangenen Jahre? Oder besser gesagt das Leben, was mich in den nächsten Jahren erwartete? Dabei handelte es sich hierbei schon nur um die Kurzform! Ich las noch einmal, was ich bisher zusammengetragen hatte.

2004

September:
   Anfang September feiert Jenny ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag in der WG (in der Nacht komme ich hier an).
   Ende des Monats Abschlussprüfungen zur Bürokauffrau. (Wann genau? Nachsehen!)
   Beziehung mit Erik: Okay. (? Warum hat Jenny so komische Andeutungen gemacht? Rausfinden!)

Oktober:
   Schriftliche Prüfungen bestanden, Ergebnisse bekommen.
   Mündliche Prüfung Ende des Monats.
   Beziehung mit Erik: Okay. (?)

November:
   Fertig mit Ausbildung, bekomme einen Einjahresvertrag bei meiner Ausbildungsfirma in der Buchhaltung.
   Beziehung mit Erik: Es beginnt zu kriseln, er geht oft allein weg.
   Dezember:
   Irgendwann vor Weihnachten Riesenkrach mit Erik auf einer Party. Am nächsten Tag bekomme ich raus, das er über Nacht nicht bei sich zu Hause war.
   An Weihnachten steht Erik bei mir auf der Matte und beteuert, er habe bei einem Kumpel übernachtet. Ich glaube ihm will ihm glauben.
   Weihnachten ist wieder harmonisch.

2005

Januar bis April:
   Irgendwann Anfang des Jahres trennen wir uns fast, warum genau – keine Ahnung. Wir geloben beide Besserung und gehen wieder öfter zusammen weg. Wenn er allein geht, gebe ich mir alle Mühe, nicht eifersüchtig zu sein.

Mai:
   19. Mai: mein zweiundzwanzigster Geburtstag.
   20. Mai: Meine Geburtstagsparty feiern wir in der Disco um die Ecke. Der Abend verläuft nicht gut, ich erwische ihn mit einer anderen beim Knutschen. Es ist aus.
   Mir geht es so schlecht wie noch nie zuvor.

Juni /Juli:
   Mir geht es immer noch sehr schlecht. Zur Ablenkung arbeite ich lang, was sich dort natürlich positiv auswirkt.
   Mein Arbeitsvertrag ist kurz vorm Auslaufen. Da aber mein Chef so zufrieden mit mir ist, bietet er mir an, mich an die Zweigstelle im Nachbarbundesland zu vermitteln.

August:
   Ende des Monats: Überraschungs-Abschiedsparty in der WG. Erik taucht auf und wünscht mir alles Gute (was ein super Gefühl …). Eine Woche später ziehe ich nach Neustadt.

September:
   1. September: Mein erster Arbeitstag in der neuen Firma
   Bis Ende des Jahres finde ich mich dort gut ein, die Arbeitskolleginnen und Kollegen sind sehr nett zu mir

2006

Januar bis Juni:
   Ich finde neue Freunde in Neustadt, die meisten durch die Arbeit. Tiefe Freundschaften wie mit Jan und Jenny entwickeln sich aber nicht. Mir geht es besser, die Erinnerung an Erik tut nicht mehr so weh. Außerdem ist da noch dieser nette Typ von der Werbeagentur, der öfter bei mir vorbeischaut … :)

Juli
   Betriebsfest. Christian weicht mir den Abend nicht von der Seite. Anschließend bringt er mich nach Hause und fragt, ob ich mit ihm ausgehen würde.

28. Juli: Wir gehen Essen. Eigentlich wollten wir noch ins Kino, aber da kann man nicht reden. Da wir aber das die ganze Zeit tun, bleiben wir sitzen, bis das Restaurant schließt.

2007

Oktober: Wir sind über ein Jahr zusammen und Christian fragt mich, ob ich mit ihm zusammenziehen möchte. Ganz romantisch mit einem silbernen Schlüssel in einer Ringschachtel.

2008

Schönes Jahr ohne große Höhen und Tiefen.

2009

28. Juli: An unserem dritten Jahrestag fragt Christian mich, ob ich ihn heiraten will. Diesmal war in der Ringschachtel auch ein Ring. :)

2010

Mitte Juli: Polterabend
   28. Juli: Standesamt (unser vierter Jahrestag!).
   31. Juli: kirchliche Trauung in der Friedenskirche.

Ich nickte und faltete die Seiten zusammen. Damit sie keiner fand (würde meine Mutter sie in die Finger bekommen, dürfte ich dieses Haus die nächsten Jahre nicht mehr allein verlassen), versteckte ich sie in dem kleinen Nachttisch neben meinem Bett. Die Sonne schien immer noch vom Himmel und so machte ich es mir erneut auf der Gartenliege bequem. Immer noch traurig, aber nicht mehr so verzweifelt, schaute ich in den blauen Himmel über mir. Ich hatte zumindest einen Plan, an den ich mich halten konnte. Eine Liste, um genauer zu sein. Alles würde sicherlich gut werden.

5
September 2004 – Jennys Geburtstagsfeier – damals

»Leni? Wo bist du? Ich brauche dringend deine Hilfe!«
   Vom Schrei ihrer Freundin angelockt, eilte Leni aus der Küche, wo sie einen Salat vorbereitete, zum Zim-mer ihrer Mitbewohnerin. Bei ihrem Anblick musste sie lachen. Jenny stand halb verdreht vorm Spiegel und versuchte, sich den Reißverschluss ihres Kleides am Rücken hochzuziehen, allerdings reichten ihre Arme nicht so hoch. Das Durcheinander auf ihrem Kopf ließ vermuten, dass dort vor Kurzem noch ein Vogel genistet hatte.
   »Ich krieg das verflixte Ding einfach nicht zu!« Hilflos sah Jenny ihre beste Freundin an.
   »Kein Problem, lass mich mal.«
   Im Handumdrehen war das Kleid am Rücken geschlossen und Jenny drehte sich im Kreis, das Kleid bauschte sich um ihre Oberschenkel.
   »Wow, das sieht toll aus! Ist das neu?«
   »Ja, gestern im Schlussverkauf erstanden. Natürlich ist es noch sehr sommerlich, aber wir bleiben ja drin.« Die Schmetterlinge auf dem weißen Kleid schienen mit Jenny um die Wette zu tanzen.
   »Und du?« Jenny musterte Leni von oben bis unten. »Willst du dich nicht mal langsam fertig machen?«
   Verlegen sah Leni an sich herab. »Ehrlich gesagt … Also, ich wollte das hier anziehen …«
   »Ist nicht dein Ernst, oder? Jeans und Top? Wir feiern heute meinen Geburtstag! Da darfst du dich ruhig ein wenig in Schale schmeißen. Geschminkt bist du auch noch nicht, zumindest nicht für deine Verhältnisse.« Kritisch betrachtete sie Lenis Gesicht, das gerade mal getuschte Wimpern zeigte.
   »Ach, für hier reicht das doch, wie du gesagt hast, wir gehen ja nicht weg. Außerdem will ich dir nicht die Show stehlen, es ist doch dein Geburtstag.«
   Jenny runzelte die Stirn und trat einen Schritt auf ihre Freundin zu. »Leni, was ist los? Mal ehrlich, du bist schon seit Tagen so niedergeschlagen. Man sieht deine Stimmung auch an deiner Kleidung. Du hast einen Haufen toller Klamotten im Schrank und entscheidest dich für die tristesten, die du hast.«
   Ihrer besten Freundin konnte Leni nichts vormachen, aber sie hatte keine Lust darüber zu reden. Vor allem wollte sie Jenny nicht die Geburtstagsstimmung vermiesen. »Es ist alles in Ordnung, wirklich. Klar, der Tod von Eriks Oma hängt uns noch nach. Vielleicht ist mir deshalb heut nicht nach Aufbrezeln zumute.«
   Mitfühlend nickte Jenny. »Ja, das kann ich verstehen. Dennoch habe ich das Gefühl, du verschweigst mir etwas.«
   Betont erschrocken blickte Leni auf die Uhr. »Ach herrje, schon so spät. Für wann hattest du noch gleich eingeladen?«
   Alarmiert drehte sich Jenny um und sah auf ihre Wanduhr. »O nein, in einer halben Stunde kommen schon die Ersten! Und ich habe das Geschirr noch nicht rausgestellt. Der Salat ist auch noch nicht gemacht und …«
   »Keine Panik, ich kümmere mich um den Salat und das Geschirr. Sieh du lieber zu, dass du das Vogelnest auf deinem Kopf in den Griff bekommst.«
   Als Dank streckte Jenny ihr die Zunge heraus, begann aber sofort, die feuchten Haarsträhnen mit einem Kamm zu bearbeiten.
   In der Küche rührte Leni das Dressing für den Salat an. Sie war froh, dass Jenny so leicht abzulenken gewesen war. Unter anderen Umständen hätte ihre Freundin so lange nachgebohrt, bis sie erfahren hätte, was bei ihr nicht stimmte. Dabei wusste sie es ja selbst nicht so genau. Sie wusste nur, dass irgendetwas zwischen Erik und ihr anders war. Klar, die vergangenen Tage waren durch den plötzlichen Tod von Eriks Oma geprägt, aber trotzdem hing ihr der Streit noch nach, den sie kurz davor gehabt hatten.
   Sie waren vergangenes Wochenende zusammen weggegangen, und im Laufe des Abends hatte jemand sie angesprochen und offensichtlich mit ihr geflirtet. Leni hatte das nicht schlimm gefunden, vor allem nicht nach der Aktion, die sich Erik ein paar Wochen vorher geleistet hatte, als er die Mädchen aus der Disco zu sich nach Hause einlud, ohne ihr gegenüber etwas davon zu erwähnen. Zwar hatte er beteuert, dass da nichts gewesen sei, trotzdem war sie verletzt und hatte zum ersten Mal in ihrem Leben das nagende Gefühl der Eifersucht verspürt.
   Seitdem fragte sie sich, ob Erik auch andere Mädchen traf und was er machte, wenn er allein mit seinen Freunden unterwegs war. Sie liebte ihn wirklich sehr, aber als der Junge anfing, mit ihr zu flirten und mit ihr tanzen wollte, hatte sie gern eingewilligt. Sollte Erik mal sehen, wie es sich anfühlte, den Partner mit anderen anbändeln zu sehen.
   Hätte sie geahnt, dass ein Mordskrach herauskommen würde, hätte sie es gelassen. Erik war wutentbrannt auf die Tanzfläche gestürmt, hatte sie am Handgelenk gepackt und mit sich gezerrt. Den Typen, von dem sie den Namen längst wieder vergessen hatte, hatte er noch angebrüllt, er solle gefälligst die Finger von seiner Freundin lassen. Ohne sie überhaupt zu fragen, ob sie schon gehen wollte, hatte er sie mit sich nach draußen gezerrt.
   Zuerst hatte sie sich sogar über seine offensichtliche Eifersucht gefreut, das war aber schnell ins Gegenteil umgeschlagen. Erik hatte sie fertiggemacht, hatte gesagt sie sei wie eine Nutte angezogen mit dem kurzen Rock und den High Heels, und ihre rot geschminkten Lippen würden die anderen Männer geradezu dazu auffordern, sie küssen zu wollen.
   Sie hatte seine Tirade sprachlos über sich ergehen lassen und war irgendwann in Tränen ausgebrochen. Das konnte nicht sein Ernst sein! Sie hatte sich für sich und für ihn so angezogen, sie wollte für ihn sexy sein und bislang hatte sie sich in dem Outfit immer gut gefühlt. Der Rock war fast knielang und zeigte definitiv nicht zu viel von ihren Beinen, und die Sandaletten, die er als High Heels bezeichnet hatte, machten sie höchstens fünf Zentimeter größer, als sie eigentlich war. An ihrem Aussehen gab es nichts auszusetzen und doch hatte er ihr das Gefühl gegeben, sie hätte so gekleidet an der nächsten Laterne einen Freier aufgabeln können.
   Am nächsten Tag, als sie sich wieder beruhigt hatten, sprach Leni ihn noch einmal auf seine Anschuldigungen an und fragte, ob es ihm damit wirklich Ernst gewesen wäre. Er bejahte dies, gab jedoch zu, dass er sie gern sexy sah – nur eben für sich allein, nicht für alle anderen. Aus diesem Grund hatte sie sich heute Abend für Jeans und Top entschieden, sie wollte ihm keinen Anlass geben, sich erneut mit ihr zu streiten. Sie schob viel von seinem Verhalten und seinen harten Worten auf den Alkohol, den er normalerweise nur in kleinen Mengen trank. Trotzdem nagte aufgrund seiner Grobheit ihr gegenüber der Zweifel an ihr, ob er sie liebte, wie sie war. Sie fragte sich insgeheim, ob Erik sie zu dick fand, um einen kurzen Rock zu tragen und es nur nicht sagte. An anderen Mädchen schienen ihn ein Mini und hohe Schuhe nämlich nicht an das horizontale Gewerbe zu erinnern.
   Zwei Stunden später war Jennys Party in vollem Gange. Fast alle ihre Freunde waren gekommen, um mit ihr ihren Geburtstag zu feiern, nur Erik war noch nicht aufgetaucht. Prima. Dabei hatte Leni ihn extra gefragt, ob er es pünktlich schaffen würde. Als er später endlich auftauchte, hatte er zwei Freunde im Schlepptau, Tom und seine Freundin Svenja. Leni hatte bislang mit den beiden nicht viel zu tun gehabt, da Erik seine Freunde eher allein traf. Obwohl sie insgeheim stinksauer darüber war, dass er erst jetzt kam, begrüßte sie ihn überschwänglich mit einem Kuss. Gerade vor Svenja, die neben einem makellosen Gesicht auch noch lange Beine in einem Minirock vorzuweisen hatte, wollte sie sich keine Blöße geben. Sie bereute es, dass ihr Outfit nach Mauerblümchen schrie, aber Erik schien es zu gefallen.
   »Hey Baby, hübsch siehst du aus. Ich komme sofort wieder, will nur eben Jenny gratulieren.«
   Schon stand sie allein da. Diese Situationen waren ihr verhasst. Sie kannte Tom und Svenja nicht besonders gut, allerdings hatte sie den restlichen Partygästen immerhin einiges voraus – die kannten die beiden nämlich überhaupt nicht. Leni verfluchte Erik dafür, dass er sie mit den beiden stehen gelassen hatte. Was machten die beiden überhaupt hier? Jenny kannte sie nicht und hatte sie sicherlich nicht zu ihrer Feier eingeladen. Leni fühlte sich von Svenja von oben bis unten gemustert. Ihrem Blick nach zu urteilen, war sie eindeutig durchgefallen, sie befand sich unter ihrem Niveau. Prima. Immer, wenn Leni nervös war, fing sie an zu reden. Auch wenn sie es nicht vorgehabt hatte, so befand sie sich schnell mit Tom in einem dieser peinlichen Small-Talk-Gespräche, in denen die Antworten nur aus Ja und Nein, Nicken und Kopfschütteln bestanden. Zum Glück war Erik nach wenigen Minuten wieder da und legte seinen Arm um ihre Schultern.
   »Und Süße, haben wir dir lange genug Vorsprung hier gegeben? Können wir los?«
   Leni verstand nur Bahnhof. »Wie, los? Wohin?«
   »Na zur Party von Jens. Ich hab dir doch vorhin eine SMS geschrieben. Oder hast du dein Handy mal wieder irgendwo rumliegen?« Erik schien genervt.
   Er hatte recht, ihr Handy lag seit dem Nachmittag unbeachtet auf ihrem Nachttisch. Sie wusste, dass ihn diese Eigenart rasend machte. Leni war der Ansicht, wenn es etwas Wichtiges gab, hatte sie einen Festnetzanschluss, unter dem man sie erreichen konnte. SMS waren eher ein netter Nebeneffekt, für den sie sicherlich nicht ihr Handy die ganze Zeit bei sich trug. So hatte sie keine Ahnung, wovon er sprach.
   Erik seufzte. »Jens hat mich vorhin angerufen, er gibt eine Spontanparty. Ich habe dir geschrieben, dass ich dich später hier abhole, damit du noch vorher mit Jenny feiern kannst.«
   »Wie bitte?« Leni wurde unglaublich wütend. »Wie kommst du darauf, dass ich nur vorher mit ihr feiere? Im Übrigen wolltest auch du mit ihr feiern, nicht nur ich. Sie ist meine beste Freundin, verdammt noch mal! Wie kannst du nur denken, ich würde mich während ihres Geburtstages vom Acker machen, um auf eine andere Party zu gehen? Noch dazu von Jens, der mich sonst wie Luft behandelt!«
   Irritiert sah Erik sie an. »Du fragst doch immer, warum ich dich nie mit zu Jens nehme. Und jetzt lädt er dich mal mit ein, und dann ist es auch nicht richtig?«
   »O wie großzügig, dass er mich auch einlädt! Ich bin deine Freundin, und trotzdem tut er so, als wäre ich Luft. Ne danke, nur weil der großartige Jens meint, dass er sich heute dazu herablässt, mich nicht zu ignorieren, sage ich trotzdem Nein!« Während sie nach Luft schnappte, bemerkte sie, dass Svenja sie erstaunt ansah. Tja, sie wurde wohl nicht von Jens wie ein großes Übel behandelt. Sie war auch nicht die Freundin von Erik und nahm ihm seinen besten Freund und Feierkumpel weg. Sollte er sich doch eine Freundin suchen, aber dazu war der Herr sich wohl zu fein. Egal, sie war hier noch nicht fertig. »Du wusstest seit Wochen, wo wir heute eingeladen sind. Ich fasse es einfach nicht, dass du nur hierher kommst, um mich abzuholen! Kaum ruft Jens, springst du!«
   Tom und Svenja hatten sich inzwischen ein wenig abseits gestellt. Ihnen war es offensichtlich ein wenig unangenehm, ihren Streit mitzubekommen.
   »Ich springe nicht immer, wenn er mich anruft! Diesmal schon, das gebe ich zu. Aber nur, weil ich weiß, dass wir uns dort tausendmal mehr amüsieren als hier!«
   »Du vielleicht, aber das hier sind meine und Jennys langjährige Freunde«, sagte Leni leise. Sie war auf einmal schrecklich traurig. Sie wollte sich nicht mit Erik streiten, und doch gerieten sie wieder aneinander.
   Erik bemerkte ihren Stimmungswandel nicht. Er war immer noch wütend, weil sie ihm einen Strich durch seine Abendplanung machte. »Heißt das, du kommst nicht mit?«
   Leni zuckte mit den Schultern. »Sieht so aus. Du wirst allein gehen müssen. Kommst du später wieder her und übernachtest bei mir, wie es ursprünglich geplant war?« Mit klopfenden Herzen wartete sie auf seine Antwort, doch die einzige Reaktion war ein Schulterzucken.

Eine halbe Stunde und gefühlte fünf Gläser Wein später ließ sich Jenny neben sie aufs Sofa fallen. »Super Party, oder? Ich freu mich so, dass so viele gekommen sind. Weißt du, was Leo mir zum Geburtstag geschenkt hat?« Freudestrahlend hielt sie Leni ihre Hand hin, an dem ein wunderschöner Silberring mit einem rosafarbenen Stein steckte.
   »O Jenny, der ist wunderschön!« Leni traten augenblicklich Tränen in die Augen. Scheiß Alkohol, sie wurde so schon schnell sentimental, aber er verstärkte die Wirkung noch. Ein Ring. Das war es, was sie sich von Erik auch so sehr zum Geburtstag gewünscht hatte. Eine romantischere Geste gab es ihrer Meinung nach nicht, um die Liebe auszudrücken. Neben roten Rosen versteht sich, die sie übrigens auch noch nie von ihm bekommen hatte. Stattdessen hatte er ihr ein Armband geschenkt. Allerdings zum ersten Jahrestag und der war eine Weile her. Keine Frage, auch das Armband war hübsch – aber eben kein Ring. Gedankenverloren spielte sie an dem kleinen Flügel, der sich daran befand.
   »Klar, ist nur Modeschmuck, der Stein ist nicht echt, aber er hat ihn innen gravieren lassen. Das ist doch süß, oder? Ich bin ja so glücklich!«
   Leni musste die Tränen wegblinzeln. Sie freute sich sehr für das Glück ihrer Freundin, aber es war immer schwer, andere glücklich zu sehen, wenn man es selbst nicht war.
   »Leni? Alles in Ordnung bei dir? Wo ist eigentlich Erik?« Jenny sah sich um.
   »Vergiss es. Der ist fast sofort wieder gegangen. Jens hat ihn auf eine Spontanparty eingeladen, und da hatte er keine andere Wahl als hinzugehen.« Leni lächelte ironisch und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. »Weißt du, manchmal habe ich das Gefühl, ich würde eine Dreierbeziehung führen. Auch wenn es albern ist, ich hab wirklich das Gefühl, Jens hat das mit Absicht gemacht. Er wusste garantiert, wo Erik heute Abend sein würde. Das hat ihm nicht gepasst und er lädt zu einer Spontanparty ein. Um mir zu zeigen, ‚Hey, Erik entscheidet sich für mich, nicht für dich‘.«
   »Ach, Leni.« Jenny legte einen Arm um ihre beste Freundin, »Das ist wirklich mies. Vor allem, dass er nie an dich denkt.«
   »O nein, das ist ja das perfide an seinem Plan für heute Abend. Er hat mich miteingeladen! Aber er hat gewusst, dass ich nicht mitkommen würde, schließlich bist du meine beste Freundin. Stattdessen hat er es noch hinbekommen, dass ich nicht mit auf die Party gehe und mich auch noch deshalb mit Erik streite. Für Jens ein Sieg auf ganzer Linie!« Frustriert trank Leni einen großen Schluck Wein.
   Vorsichtig sah Jenny sie an. »Meinst du nicht, dass es allein Eriks Schuld ist? Ich kann verstehen, dass du nicht gut auf Jens zu sprechen bist. Ich fände es auch alles andere als toll, wenn mich Leos bester Freund ignorieren würde. Aber in diesem Fall hat Erik allein entschieden, dass er, anstatt mit dir hier bei uns zu sein, zu seinem Freund auf die Party geht.«
   Leni seufzte. »Ich weiß, ich weiß, streu ruhig noch weiter Salz in die Wunde. Trotzdem gebe ich Jens eine Mitschuld. Er versucht, uns auseinanderzubringen, da bin ich mir sicher. Wo es eh nicht so gut läuft, kommt das natürlich gerade richtig.«
   »Wo es eh nicht läuft? Hab ich was verpasst?«
   Mist. Sie hatte sich verplappert. Leni schimpfte sich innerlich eine Idiotin.
   Zum Glück kam in diesem Moment Jan daher und ließ sich zwischen Leni und Jenny auf die Couch fallen und legte seine Arme um sie. »Da sind ja meine liebsten WG-Mitbewohnerinnen. Alles klar bei euch?«
   Leni ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen. »Alles bestens! Will von euch auch noch jemand etwas zu trinken? Mein Glas ist leer. Außerdem wollte ich sowieso grad mal in der Küche nach dem Rechten sehen.«
   Jenny rief ihr noch ein »Glaub nicht, dass du mir so ohne Erklärung davonkommst!« hinterher, aber da war Leni schon im Nebenraum verschwunden.
   Der restliche Abend verlief – auch dank des Rotweins, den Leni sonst nicht gern trank – recht fröhlich. Sie trank viel, tanzte viel, lachte viel. Eigentlich tat sie von allem viel, nur um nicht an Erik und seinen Verrat an ihr zu denken. Vielleicht war sie melodramatisch, aber so kam ihr Eriks Verhalten vor. Er hatte Jens ihr vorgezogen, da konnte man drehen, was man wollte, es lief immer darauf hinaus. Am Ende der Feier war Leni ziemlich betrunken, aber immerhin nicht mehr traurig. Sie fiel todmüde ins Bett und zog sich, in der Hoffnung, Erik würde noch bei ihr übernachten, das Satinnachthemd an, das ihm so gut an ihr gefiel.

6

Ich wachte auf, als mich etwas am Arm berührte.
   Meine Mutter lachte mich an. »Na, mein Schatz, bist du eingeschlafen? Dein Vater und ich haben eine herrliche Wanderung gemacht. Es wird kühl, kommst du gleich zu uns in die Küche? Dann können wir auch Abendessen.«
   Wie lange hatte ich wohl geschlafen? Ich hatte noch eine ganze Weile den Himmel betrachtet und über die Liste gegrübelt, mehr war mir allerdings nicht eingefallen. Das Nickerchen hatte auf jeden Fall gutgetan, ich fühlte mich frisch und erholt.
   In der Küche deckte meine Mutter bereits den Tisch, während mein Vater die röchelnde Kaffeemaschine anflehte, noch nicht ihren Geist aufzugeben. Wenn ich das richtig in Erinnerung hatte, würde sie noch gute zwei Jahre halten. Dann zog auch in den Kleinschen Haushalt eine Pad-Kaffeemaschine ein.
   Ich bemerkte, dass die Situation auch ihr Gutes hatte. So beängstigend es auch war, in der Vergangenheit festzusitzen, es war trotzdem ein schönes Gefühl, bei meinen Eltern zu sein. Seit ich nach Neustadt gezogen war, sahen wir uns nur wenige Male im Jahr, meistens zu Geburtstagsfesten. Nach meinem Wegzug hatte ich meine Heimatstadt gemieden, aus Angst, Erik über den Weg zu laufen. Als ich Christian kennenlernte, war er der Grund, warum ich so selten zu meinen Eltern fuhr. Es tat gut, mit ihnen hier zu sitzen und sich zu unterhalten. Natürlich entgingen mir die gelegentlichen besorgten Seitenblicke nicht. Sie kamen immer von meiner Mutter, wenn ich ihrem Erzählfluss nicht folgen konnte. Was leider ziemlich oft der Fall war. Sie erzählte mir von Stefan, dem Nachbarssohn, der gerade geheiratet hatte. Als ich darauf überrascht reagierte, wurde ich belehrt, dass ich doch erst vor ein paar Wochen zum Poltern dort gewesen war. So ging das eine Weile, bis es mir langsam dämmerte. »Mama, willst du etwa mein Gedächtnis testen?«
   Mama errötete. »Nein, also ja, ich meine … Also dir fällt doch sicherlich auf, dass dir viel entfallen ist!«
   »Mama, bitte. Ich bin gestürzt, ja. Und ich habe eine Wunde am Kopf. Aber ich habe noch alle Sinne beisammen. Dass ich mich an so wenig erinnere, liegt sicherlich auch daran, dass ich in den letzten Wochen mit Lernen beschäftigt war. Da hab ich vieles nur am Rande wahrgenommen.«
   Meine Eltern sahen nicht überzeugt aus. Gut, dann würde ich wohl noch weitergehen müssen. Ich hatte meine Eltern nie besonders in mein Privatleben eingeweiht, aber jetzt war es wohl an der Zeit. »Ehrlich gesagt … Es läuft gerade nicht so toll mit Erik. Dann der Lernstress obendrauf. Da habe ich gestern wohl ziemlich viel Alkohol getrunken. Ich kann mich nicht daran erinnern, aber gerade das spricht wohl dafür, dass es so war. Es war einfach alles ein bisschen viel in letzter Zeit.« Ich nahm die Hände meiner Eltern. »Es tut mir wirklich wahnsinnig leid, dass ich euch so einen Schrecken eingejagt habe. Aber glaubt mir, es ist alles in Ordnung mit mir.«
   »Wenn du meinst …«
   »Ja, Mama, das meine ich. Und deshalb werde ich morgen auch wieder nach Hause gehen.«
   »Aber Lenchen! Das ist doch noch viel zu früh! Was ist …«
   »Nein, nichts ist!«, unterbrach ich Mama, »Mir geht es gut und ich habe eine Abschlussprüfung zu schreiben. Deshalb werde ich, auch wenn du das nicht gut heißt, morgen wieder nach Hause und an meinen Schreibtisch gehen.«
   Bevor meine Mutter weiter protestieren konnte, schaltete Papa sich ein. »Ich finde das überhaupt keine schlechte Idee. Sibylle, wir haben doch gesehen, dass Helenes Mitbewohner auf Zack sind und uns sofort anrufen, wenn etwas ist. Und ich bin sicher, das werden sie auch weiterhin tun. Unsere Tochter ist alt genug, und wenn sie sagt, dass es ihr gut geht, dann glaube ich ihr das.«
   »Danke, Papa.«
   »Dafür nicht. Ich erwarte trotzdem von dir, dass du uns Bescheid gibst, wenn doch irgendetwas nicht stimmt. Und dass du morgen noch einmal zu Günther gehst und deine Wunde ansehen lässt, bevor du zu dir fährst.«
   Meine Mutter war alles andere als begeistert, aber wir bekamen sie schließlich davon überzeugt, dass es so das Beste wäre. Wir unterhielten uns noch eine Weile, dann wünschte ich meinen Eltern eine gute Nacht und zog mich auf mein Zimmer zurück.
   Was sollte ich mit dem angebrochenen Abend tun? Ich stöberte ein wenig in den Schränken, konnte aber nichts entdecken, was mir weitergeholfen hätte. Ich hatte alles Wichtige beim Umzug mitgenommen. Im Bettkasten fand ich doch noch etwas, das mein Herz höher schlagen ließ: mein erstes Tagebuch. Dieses Tagebuch gehört Helene Klein, hatte ich in meiner schönsten Schreibschrift auf die erste Seite geschrieben. Ach herrje, da war ich neun gewesen. Wo waren denn meine anderen … Ich schnappte nach Luft. Natürlich! Ich hatte Tagebuch geführt, die ganzen Jahre über! Gut, die vergangenen Jahre hatte ich es schleifen lassen, aber in meiner frühen Jugend und mit Anfang zwanzig hatte ich immer noch die wichtigsten Ereignisse meines Lebens aufgeschrieben. Da in dieser Lebensphase beinahe alles wichtig war, hatte ich Buch um Buch gefüllt. Die mussten alle in der WG sein! Das war fantastisch! Damit konnte ich die Ereignisse der vergangenen Monate doch ohne Weiteres auffrischen, aus erster Hand sozusagen. Jetzt konnte ich es kaum noch erwarten, nach Hause zu kommen. Ich war kurz davor, Jenny anzurufen, ließ es aber doch bleiben. Ich hatte meinem Vater schließlich ein Versprechen gegeben. Also gut, morgen war auch noch ein Tag.
   Ich schaltete den Fernseher ein. In den Nachrichten nichts Neues. Ich musste lächeln. Natürlich nicht. Nichts, was in den nächsten neun Jahren passierte, würde neu für mich sein. Wobei ich nicht unbedingt zu den Menschen zählte, die ständig über alle möglichen Themen top informiert waren. Doch wenn ich für mich etwas Neues hören würde – ich würde wissen, dass es Schnee von gestern war, den ich damals nur nicht mitbekommen hatte. Also zappte ich mich von Programm zu Programm. Was sollte man sich anschauen, wenn man schon alles kannte? Meine Serien – GZSZ, Verbotene Liebe, Alles was zählt – kannte ich doch alle schon. Ich würde mir etwas für mich Neues suchen müssen, wenn ich nicht die Lust am Fernsehen verlieren wollte. Ein Blick in den Videotext zeigte mir, dass ich auch die meisten Filme, die heute Abend laufen würden, schon gesehen hatte. In den vergangenen (beziehungsweise kommenden) Jahren waren sie des Öfteren wiederholt worden. Nein, würden des Öfteren wiederholt werden. Ich stellte erneut fest, dass diese Geschichte höchst kompliziert war. Wenn ich an die Vergangenheit dachte, war das ja eigentlich die Zukunft. Verwirrend.
   Nach längerem Hin- und Herschalten gab ich es auf. Tja, hier saß ich nun. Was gab es noch zu tun? Der Plan (die Liste) war geschrieben, die Ausführung (Tagebücher lesen) stand – was gab es sonst noch zu tun? Ich grübelte und zwirbelte meine Haarspitzen. Es blieb wohl nur noch eins – ich musste mit mir selbst vertraut werden. Den Blick in den Spiegel hatte ich weitestgehend vermieden, der letzte Anblick hatte schließlich schnell auf dem Fußboden geendet. Diesmal war ich vorbereitet und würde nicht so leicht umkippen. Zumindest hoffte ich das.
   Im Badezimmer stellte ich mich vor den Spiegel und musterte mein Gesicht. Meine Haare waren rot gefärbt wie auf dem Foto. Christian hatte das gut gefallen. Mir stiegen Tränen in die Augen. Er fehlte mir so sehr. Ich rief mich zur Ordnung. Falscher Zeitpunkt, falscher Ort. Wenn es irgendwo einen Ort gab, wo ich definitiv keinen Nervenzusammenbruch erleiden durfte, dann hier. Wenn Mama das mitbekam …
   Ich schob den Gedanken an Christian wieder weit von mir und konzentrierte mich auf mein Spiegelbild. Stand mir diese Haarfarbe wirklich? Die Pony-Frisur war niedlich, aber die Farbe … Ich war mir nicht sicher. Gut, meine graue Augenfarbe kam dadurch intensiver zur Geltung. Ansonsten war die Farbe nur eins: auffällig. Zu auffällig. War das nur mein inzwischen etwas konservativeres Ich, das da Zweifel anmeldete? Mit Anfang zwanzig war ich flippig gewesen, hatte mich mehr getraut und war nicht nur offen für Veränderungen gewesen, ich war ihnen regelrecht verfallen. Ich liebte es, mit Klamottenstilen zu spielen, mal verspielt und romantisch, mal der Vamp. Manchmal sogar alles in Kombination. Ebenso hielt ich es mit der Schminke, mal wenig, mal übertrieben viel. Besonders schwarzer Lidschatten und ein dicker schwarzer Lidstrich hatten es mir eine Zeit lang angetan. Das hatte sich in den vergangenen Jahren geändert, nun war ich eher für das unauffällige Make-up zu haben. Genauso wie bei der Kleidung. Als Frau des Chefs einer Werbeagentur musste ich mit zu Geschäftsessen, da konnte ich mir weder zu flippige Kleidung noch ein übertriebenes Make-up leisten. Die Jahre hatten mich von flippig zu elegant gewandelt. Älter war ich natürlich auch geworden.
   »Nur innerlich«, sagte ich laut. Es hallte in dem Badezimmer wieder. Richtig. Innerlich war ich gealtert, war ich reifer, erfahrener. Äußerlich war ich wieder jung, war ich das flippige Mädchen Anfang zwanzig mit der auffälligen Haarfarbe. Das war jedoch nicht mehr ich. Ich fühlte mich mit der Haarfarbe unwohl. Sie musste weg, auch wenn das meinem Plan, mich so weit wie möglich an mein altes Leben zu halten, zuwiderlief. Eine Haarfarbe konnte kaum den Lauf der Geschichte beeinflussen, oder? Vielleicht sollte ich sie wieder braun färben. Oder schwarz, das hatte mir eigentlich immer gut gestanden. Mal sehen, ich würde noch in dieser Woche zum Friseur gehen. Nachdem ich das beschlossen hatte, wandte ich mich meinem Gesicht zu. Ich sah nichts, was nicht meinen Gefallen fand. Die Haut um die Augen war noch glatt, Lachfältchen waren praktisch keine erkennbar. Ansonsten hatte ich mich nicht so sehr verändert. Gut, in der Zukunft würde mein Gesicht etwas schmaler sein als jetzt (ich würde mich gesünder ernähren und regelmäßig joggen gehen), aber es war immer noch mein Gesicht. Gut zu wissen, dass die Jahre mich nicht extrem hatten altern lassen. Mein Blick wanderte über meinen Körper. Er war etwas üppiger als noch vor ein paar Tagen. Sport hatte mich schlanker und ein bisschen drahtiger werden lassen, ich hatte auf jeden Fall weniger Brust. Ich konnte aber nicht sagen, dass mir das, was ich sah, nicht gefiel. Ich hatte die Kurven eigentlich an den richtigen Stellen. Fast verstohlen sah ich unter mein T-Shirt. Meine Brüste waren so, wie die einer Anfang Zwanzigjährigen sein sollten, rund und straff. Da konnten sie ruhig etwas größer sein, hier hatte die Schwerkraft noch keine Chance. Ich grinste und drehte meine Kehrseite dem Spiegel zu. Auch okay. Vielleicht etwas zu groß, aber na ja. Es gab schlimmere Hintern als diesen hier.
   Ich ließ das Gesamtbild auf mich wirken. Mich blickte ein hübsches, junges Mädchen an. War ich mir damals meines Aussehens bewusst gewesen? Sicherlich wusste ich, dass ich nicht hässlich war. Aber hatte ich mich so schön gefunden, wie ich mich jetzt gerade fand? Man ahnte noch das Mädchen, sah aber schon die Frau, die unter den noch leicht runden Gesichtszügen steckte. Irgendwie beängstigend, irgendwie wunderbar. Das war ich! Und ich sah toll aus! Wie hatte Erik das nicht sehen können? Natürlich war das Aussehen nicht alles, aber ich erinnerte mich daran, dass ich immer das Gefühl gehabt hatte, ihm äußerlich nicht das Wasser reichen zu können. Und jetzt war ich wieder mit ihm zusammen. Das konnte ja heiter werden. Ich hatte lange gebraucht, um über ihn hinwegzukommen, genau genommen hatte ich seinetwegen meine Heimat und meine Freunde verlassen und war weggezogen. Wie sollte ich es mit dem Wissen, das ich hatte, hinbekommen, eine Beziehung mit ihm zu führen?
   Auch die Gewissheit, dass es nur noch einige Monate sein würden, machte es nicht einfacher. Wir führten eine Beziehung auf allen Ebenen und auf einer gewissen Ebene führten wir diese Beziehung sehr intensiv. Beim Gedanken daran bekam ich ein Kribbeln im Bauch. Erik und ich waren sehr aktiv gewesen, was die körperliche Auslebung unserer Liebe anging. Es gab Wochenenden, da hatten meine Mitbewohner uns nicht zu Gesicht bekommen. Es war mit ihm wunderschön und leidenschaftlich gewesen. Das würde zum Problem werden. Keine Frage, ich konnte und wollte meinen Mann nicht betrügen, erst recht nicht mit meinem Ex, der mir die traurigste Zeit meines Lebens beschert hatte. Damals wäre ich gern mit ihm alt geworden, hätte mit ihm vielleicht eine Familie gegründet. Für Erik war ich dagegen ersetzbar gewesen. Deshalb konnte ich unsere ‚Beziehung‘ nicht auf sexueller Ebene fortführen. Ich müsste mir natürlich irgendetwas einfallen lassen. Eine Infektion vielleicht? Oder eine Geschlechtskrankheit? Nicht gerade lecker, aber vielleicht war sie das einzige Mittel, ihn mir vom Leib zu halten. Ich konnte ihn schlecht sofort verlassen, das würde nicht ins Zeitfenster passen, ich musste noch acht Monate mit ihm zusammen sein, damit alles genau so ablief, wie damals. Zwar waren wir nicht füreinander bestimmt, und er würde mich betrügen …
   Aber am Ende des Desasters würde Christian auf mich warten. Dieses Wissen würde es mir bestimmt deutlich einfacher machen, mit Erik die nächsten Monate zu verbringen. Ich würde mich betrügen und schlecht behandeln lassen und nicht die Frau für ihn sein, die ihn halten konnte. Aber du könntest es werden, wisperte eine kleine, hinterhältige Stimme in meinem Kopf. Und dann brichst du ihm das Herz, weil du ihn nicht mehr willst. Ich schauderte. Was dachte ich da bloß? Könnte ich wirklich so mies sein, ihm eine heile Welt vorgaukeln, mit ihm schlafen und ihn dann verlassen? So war ich nicht! Zugegeben, damals hatte ich mir alle möglichen Racheszenarien ausgedacht, da war ich aber auch sehr verletzt gewesen. Das lag jahrelang zurück und ich hatte mit der Sache abgeschlossen. Du machst dir was vor, ertönte die Stimme erneut. Entsprach das etwa der Wahrheit?
   Ich grübelte noch lange an diesem Abend und versuchte, ehrlich zu sein. Ich kam zu der einzig richtigen Antwort. Nach wie vor war ich auf Wiedergutmachung für meinen Schmerz aus. Jetzt hatte ich die Möglichkeit dazu, denn ich wusste genau, was passieren würde, wusste, worin die meisten unserer späteren Streits begründet waren, und was er an mir eben nicht leiden konnte. Was, wenn ich genau das änderte? Ich wäre diejenige, die ihm im Mai das Herz brechen würde. Würde es etwas ändern an meiner Verbindung zu Christian? Ihn hatte ich damals noch nicht gekannt, es dürfte also keine Auswirkungen auf unsere Zukunft haben. Trotzdem war ich mir nicht sicher. Konnte ich das? Ich war immer ein emotionaler Mensch gewesen. Konnte ich so hinterhältig sein? Ich würde mich für etwas rächen, was er faktisch jetzt noch nicht getan hatte. Vielleicht würde Erik mich nicht betrügen, wenn ich mich zu seiner Traumfrau mausern würde. Ich fühlte, dass es nicht richtig wäre, ihm das anzutun. Zumindest aus momentaner Sicht nicht. Trotzdem hörte die nagende Stimme in meinem Innern nicht auf, mich zu triezen. Mein Unterbewusstsein stritt sich mit meinem Gewissen.
   Schließlich siegte die Müdigkeit. Ich schlief ein und träumte in dieser Nacht verworrenes Zeug von Erik und Christian, die an mir zerrten, jeder an einem Arm.

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