Würdest du dich in Gefahr begeben, um deine Wurzeln zu finden? Für die sechzehnjährige Samantha aus dem kleinen Ort Kettle Lake beginnen die Sommerferien nicht gerade entspannt. Da ihre Mutter ihr entschieden verschweigt, wer ihr Vater ist, gerät sie auf der heimlichen Suche nach ihm in einen großen Schlamassel. Auch ihre Beziehung zu Andy wird auf eine harte Probe gestellt, weil er sie permanent bedrängt, mit ihm zu schlafen. Zu ihrem Unglück gibt es auch noch Jayden, einen Typ, den sie nur flüchtig kennt, der aber ständig in ihrer Nähe auftaucht und auf Teufel komm raus mit ihr flirtet. Ihre beste Freundin Josie muss die Ferien weit entfernt bei ihrem Vater verbringen, deshalb bleibt Samantha nichts anderes übrig, als selbst einen Weg zu finden, mit ihrem Gefühlschaos fertig zu werden. Für wen wird sie sich entscheiden?

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Printausgabe: 15,99 €

ISBN: 978-9963-52-469-3

Seiten: 446

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Anna Loyelle

Anna Loyelle
Anna Loyelle, alias Andrea Kammerlander, wurde 1972 in Schwaz in Tirol im Zeichen des Zwillings geboren. In der Marktgemeinde Jenbach aufgewachsen, entdeckte sie bereits in der Grundschule den Hang zum Schreiben. Ihre Gedanken brachte sie damals mit der Füllfeder in einem Schulheft zu Papier, und erfreute ihre Mitschüler und Lehrer vorwiegend mit Abenteuer- und Tiergeschichten. Mit vierzehn Jahren schrieb sie ihr erstes Buch, das sieben Jahre später veröffentlicht wurde. Nach der Geburt ihrer Söhne legte Anna Loyelle eine Schreibpause ein, die sie im Jahr 2000 wieder beendete. Seitdem schreibt sie Jugendromane, Liebes- u. Erotikromane, Kindergeschichten, Thriller und Kurzgeschichten verschiedener Genres. Zahlreiche ihrer Werke wurden bereits in Zeitschriften, Anthologien, Onlineverlagen und als Print-Books veröffentlicht.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Samantha

Die Glocke der Kettle Lake Highschool schrillte laut durch alle Flure und kündigte das Ende der Stunde an. Türen flogen auf, Schüler stürmten lachend aus den Klassenzimmern, räumten ihre Spinde aus, schulterten ihre Rucksäcke und wandten dem Schulgebäude im Laufschritt den Rücken zu. Die Lehrer hielten sich ausnahmsweise mit Ermahnungen über dieses ungestüme Verhalten zurück, denn es gab einen triftigen Grund dafür: Sommerferien. Ein Wort, das Samantha sowie wohl allen Schülern auf der Zunge zerging. Drei Monate keine Hausaufgaben, kein Büffeln für Tests, keine Recherchen für Referate, keine Mogelzettel schreiben für Arbeiten. Nichts. Nada. Chillen und Party machen war angesagt.
   Samantha löste sich aus dem Schülerstrom und folgte July und Carrie zu den Fahrradabstellplätzen, die sich seitlich vom Schulgebäude befanden. Ihre Bikes standen als einzige noch da. Obwohl es eine schmale Überdachung gab, waren die Sitze noch nass vom Platzregen. Samantha holte ein Tuch aus ihrem Rucksack und entfernte damit die Tropfen vom Sattel.
   »Leihst du mir das mal?«, fragte July und griff bereits nach dem Tuch, ehe sie antworten konnte.
   »Mir auch.« Carrie kaute Kaugummi und hatte das Ding schon in der Hand.
   »Fuck, dieser Regen pisst mich so was von an«, sagte July genervt. »Morgen bin ich zum Glück schon auf dem Nil und brutzle an Deck des Schiffes in der Sonne, lasse mir von knackigen Stewards gekühlte Drinks und Eis servieren und gönne mir abends eine Massage. Herrlich.«
   Carrie gab Samantha das Tuch zurück und blies eine Haarsträhne aus ihrer Stirn. »Also, ich hätte ganz schön Schiss davor, mit dem Schiff zu kentern und einem Krokodil zu begegnen.«
   July tat die Bemerkung mit einem Achselzucken ab. »Und ich würde am ganzen Körper Ausschlag bekommen, wenn ich die Ferien mit meinen Eltern und Geschwistern in Australien auf einer abgelegenen Farm verbringen müsste, ohne Gelegenheit zum Shoppen zu haben oder auf Partys zu gehen.«
   Carrie öffnete ihr Fahrradschloss. »Du bist ja nur neidisch, weil auf der Farm viele gut aussehende Jungs arbeiten, die ich alle um den Finger wickeln kann. Außerdem gibt es da so einige Feste, auf denen es ganz schön rundgeht. Ganz von der Welt abgeschnitten bin ich da auch nicht!«
   Samantha seufzte. »Könnt ihr jetzt endlich aufhören? Das artet ja in einen richtigen Zickenkrieg aus.«
   »Schon klar, dass du gefrustet bist«, sagte July mitfühlend. »Wo du den ganzen Sommer lang arbeiten musst. Und das im Laden deiner Mom.«
   »Ich bin nicht gefrustet. Das mache ich freiwillig. Es fehlen mir nämlich noch ein paar Scheine, um zur Führerscheinprüfung antreten zu können. Da wäre ich wohl bescheuert, wenn ich woanders jobben würde.«
   Carrie nickte zustimmend. »Correct!«
   Eine Gruppe Jungs bewegte sich laut lachend an ihnen vorbei. Samantha, Carrie und July wandten sich ihnen zu und winkten. Einer der Jungs hob die Hand etwas länger und zwinkerte Samantha zu. Sie zwinkerte zurück und lächelte.
   »Was denn, du lässt dich heute nicht von deinem Stecher nach Hause bringen?«
   Sofort bekam Samantha ein mulmiges Gefühl. Es gelang ihr nicht, es abzuschütteln. »Nein, July. Ich hab noch etwas vor«, erwiderte sie knapp. Das stimmte wirklich. Etwas, von dem niemand wissen sollte. Besonders nicht Andy. Er würde sich nur aufregen und alles vermasseln.
   »Hast du Geheimnisse vor deinem Freund?«
   »Nein, Carrie. Aber es gibt eben Dinge, die man allein tun muss.«
   »Wow, du machst uns neugierig. Hat es etwas mit euch zu tun?«
   »Nein.«
   »Hm. Mit ihm speziell?«
   Samantha stieg aufs Rad und schüttelte den Kopf so heftig, dass ihre blonden Locken durch die Luft flogen. »Nein, nein und noch mal nein. Ich muss jetzt los. Habt einen schönen Sommer.«
   »Warte doch. Hey Sam!«
   Sie dachte nicht daran, sich noch länger ausfragen zu lassen. Was sie zu tun gedachte, ging nur sie etwas an.
   Der Schulparkplatz hatte sich bereits geleert. Niemand wollte sich länger als nötig hier aufhalten. Nur ein Auto stand noch da. Josies grelloranger Peugeot, den sie vor zwei Monaten von ihrem Vater und seiner neuen Flamme zum sechzehnten Geburtstag bekommen hatte. Josie wusste wohl, dass dieses Geschenk ein böser Seitenhieb gegen ihre Mutter war, dennoch hatte sie sich bei ihrem Vater bedankt und die Genugtuung in seiner Stimme geflissentlich überhört.
   Samantha bremste ab. Josie saß nicht allein im Auto. Ihr Freund Leo war auch da. Die beiden zofften sich offensichtlich gerade. Na ja, es war nicht das erste Mal. Besser nicht einmischen, die rauften sich schon wieder zusammen. Sie wendete und gelangte über einen Umweg auf die Straße hinaus. Es war wichtig, dass niemand sie bei ihrem Vorhaben beobachtete, sonst wäre alles vermasselt. Nach ein paar Blicken zurück fuhr sie los. Sie war sich sicher, dass alles gut gehen würde, dennoch überfiel sie Unruhe, die das mulmige Gefühl von vorhin weitaus übertraf.
   Die Wolkendecke schob sich langsam auseinander. Sonnenstrahlen fielen zögerlich durch die Risse und brachten Pfützen zum Glitzern. Kettle Lake war bekannt für sein wechselhaftes Wetter. Auf Platzregen folgte immer strahlender Sonnenschein.
   Samantha bog in die nächste Seitengasse ein, um einer Baustelle auszuweichen, fuhr kurz eine Privatstraße entlang und kehrte auf die Hauptstraße zurück. Heute herrschte reger Verkehr. Schulschluss bedeutete für viele auch gleichzeitig Start in den Urlaub. Trotzdem kam sie gut voran, näherte sich schnell ihrem Ziel. Beinahe zu schnell. Ihr Puls beschleunigte sich zunehmend. Tat sie das Richtige? Oder handelte sie schon wieder zu impulsiv? Bevor die Stimme der Vernunft in ihrem Kopf etwas dazu sagen konnte, bog sie ein letztes Mal ab, folgte der kurvigen Straße und hielt dann endlich vor der neuen Starbucks-Filiale – ihrem Ziel. Mit klopfendem Herzen stieg sie ab und stellte das Fahrrad in den nächstgelegenen Fahrradständer. In den Parklücken gegenüber standen sechs Jungs mit ihren Mopeds und unterhielten sich lautstark über Autorennen. Ein paar Schritte weiter steckten vier Mädchen kichernd die Köpfe zusammen. Es war nicht zu übersehen, dass sie die Aufmerksamkeit der Jungs auf sich ziehen wollten. Zwei Frauen schlenderten Hand in Hand auf einen zerbeulten Fiat Panda zu. Eine Gruppe Kinder rannte, gefolgt von müde wirkenden Eltern, zu einem kunterbunten Kleinbus mit ausländischem Kennzeichen.
   Samantha atmete tief durch und zupfte an ihrem T-Shirt, bevor sie auf die Eingangstür zuging. Ihr Puls pochte schnell. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie selbst hatte die Dinge ins Rollen gebracht.
   Der Duft von frisch geröstetem Kaffee stieg ihr in die Nase, als sie durch die Glastür trat. Leise Musik spielte im Hintergrund. Bevor sie zur Theke ging, blickte sie sich um. Eine Familie mit drei Kindern war gerade im Begriff zu gehen und veranstaltete ein Riesenspektakel dabei. In den gemütlichen Sofas hinter ihr lümmelten Mädchen und Jungs in ihrem Alter und sahen sich irgendwelche Videos auf einem Laptop an. Ein junges Pärchen saß eng umschlungen in einem bequemen Ledersessel an der Fensterfront. Auf den dunkelbraunen Holzstühlen gegenüber saßen vereinzelt Gäste, die sich mit ihren Handys beschäftigten oder in Zeitschriften blätterten. Er war noch nicht da. Ein Blick auf ihre Armbanduhr sagte ihr, dass er noch drei Minuten Zeit hatte, um pünktlich zu erscheinen. Also kein Grund zur Sorge.
   »Hast du dich schon entschieden oder kann ich dir bei der Auswahl behilflich sein?«
   Samantha wandte sich der freundlichen Stimme hinter der Theke zu. Sie gehörte zu einer jungen Frau mit einem Pferdeschwanz. »Hm, ja, ich möchte einen Iced Caramel Macchiato.« Bloß nichts Warmes bei dieser Hitze.
   »Kuchen, Gebäck oder vielleicht ein Sandwich dazu?«
   »Nein, danke.«
   »Gern. Kommt sofort.«
   Samantha reichte der Frau einen Geldschein und beschloss, sich irgendwohin zu setzen, wo sie die Tür gut im Blick hatte.
   »Hier, dein Wechselgeld.«
   Samantha nahm die Münzen entgegen und wollte sie gerade in die Hosentasche schieben, als eines der drei Kinder an ihr vorbeilief und sie anrempelte. Das Geld fiel zu Boden. Die Teenager in den Sofas hinter ihr lachten, als sie sich mit hochrotem Kopf bückte, um die Münzen einzusammeln. Na toll, das fing ja gut an.
   »Ich möchte einen Espresso. Schwarz. Nein, nichts dazu.«
   Sie nahm die männliche Stimme über ihr nur am Rande wahr. Ihr war das Ganze so peinlich, dass sie sich am liebsten in Luft auflösen wollte. Wenn sie wenigstens ihren Rucksack nicht dabei hätte. So musste sie auf die Jungs wirken wie ein Grundschulmädchen. Kein Wunder, dass sie sie auslachten.
   »Oh, warte, ich helfe dir.«
   Schwarze Schuhe schoben sich in ihr Sichtfeld. Augenblicklich beschleunigte sich ihr Herzschlag. War er das? Sie wagte es nicht, aufzusehen. Mit angehaltenem Atem starrte sie auf die leicht behaarte Männerhand, die eilig die restlichen Münzen einsammelte.
   »So, das wär’s. Hier.«
   Das Kleingeld purzelte in ihre Handfläche. »Danke.«
   »Keine Ursache.«
   Wie in Zeitlupe stand sie auf. Der Moment war gekom-men. Sie sah ihn an und wäre beinahe zurückgewichen vor Freude und Schreck. Er war es. Das Foto auf der Homepage hatte nicht gelogen. Die grünen Augen, das kurze dunkelblonde Haar, der durchtrainierte Körper, das kan-tige Gesicht. Er trug Jeans und dazu ein kurzärmliges weißes Hemd. Keine Krawatte. Sein Kinn war glatt rasiert, seine Haut sonnengebräunt.
   Genau der Typ Mann, der Mom den Kopf verdrehen könnte.
   Er musterte sie ebenfalls eingehend. »Mein Name ist Malcolm Warren. Du bist Samantha, stimmt’s?«
   »Ja«, antwortete sie innerlich zitternd.
   »Wow, du bist wunderhübsch.«
   »Danke.« Mehr konnte sie dazu nicht sagen, so perplex war sie.
   »Setzen wir uns an einen Tisch?«
   »Oh, ja, klar.« Sie nahmen ihre Getränke und gingen zu einer freien Tischreihe. Samantha suchte nach Ähnlichkeiten zwischen ihnen und zählte mindestens acht Treffer. Ihre Euphorie stieg. War sie endlich am Ziel angelangt? Hatte sie es geschafft? Sie setzten sich einander gegenüber. Samantha tippte mit den Fingerspitzen an ihr Glas.
   Malcolm Warren lächelte. »Ich glaube, wir sollten uns erst mal offiziell vorstellen, auch wenn wir bereits E-Mail-Kontakt hatten.« Er reichte ihr die Hand. »Hallo Samantha, ich bin Malcolm Warren und freue mich, dich kennenzulernen.«
   Sie ergriff seine Hand. »Ich freue mich auch sehr, Mister Warren …«
   »Na, na«, sagte er tadelnd. »Nenn mich bitte Malcolm. So förmlich müssen wir nicht sein, okay?«
   Sie nickte.
   »Du bist wohl sehr nervös?«
   »Ähm, ja, tut mir leid …«
   »Ach was. Mir geht’s ja auch so.«
   »Wissen Sie … du, ich suche meinen Vater schon eine Weile, deshalb … Ich freue mich unbeschreiblich, dass ich Ihnen … dir gegenübersitze und …«
   Abrupt legte er seine Hand auf ihre. »Schon okay, Sa-mantha. Du musst keine Angst haben und kannst mich alles fragen.«
   Sie lächelte. »Ich bin so überwältigt und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.«
   »Wenn es dir hilft, ich bin auch ziemlich nervös. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass mir ein Mädchen mitteilt, dass ich möglicherweise ihr Vater bin. Als ich vor fünf Wochen deine E-Mail bekam, war ich ganz schön erstaunt. Um ehrlich zu sein, ich war geschockt. Zuerst habe ich mich gewundert, woher du meine Adresse hast, aber dann hast du erklärt, dass du auf die Homepage meiner Firma gestoßen bist. Ich habe lange überlegt, ob ich dir überhaupt antworten soll. Na ja, ich glaube, jeder Mann wäre geschockt, wenn er nach so langer Zeit erfährt, dass er möglicherweise eine sechzehnjährige Tochter hat.«
   Samantha nickte.
   »Dann habe ich mir gesagt, dass dein Anliegen großen Mut erfordert. Sich einfach hinzusetzen und wildfremde Männer anzuschreiben – bisher ist mir noch kein so mutiges Mädchen wie du untergekommen.« Er tätschelte ihre Hand. »Ob ich dein Vater bin, weiß ich nicht. Ich will dir keine Hoffnungen machen, die sich am Ende womöglich als nichtig herausstellen, aber alles, was du mir über deinen potenziellen Vater geschrieben hast, trifft auf mich zu. Ich bin Architekt und Bauunternehmer, war vor siebzehn Jahren mit meinen Freunden hier in Kettle Lake und mit einem Mädchen namens Victoria intim. Die Möglichkeit, dass ich es bin, besteht also tatsächlich. Da du mir bereits per E-Mail ein paar Dinge von dir erzählt hast, hatte ich genügend Zeit, um nachzudenken.« Er zuckte bedauernd mit den Schultern. »Trotzdem kann ich nicht sagen, ob deine Mutter die Victoria ist, mit der ich in dieser Zeit einige Nächte verbracht habe.«
   Samantha sog jedes Wort wie ein Schwamm in sich auf.
   »Weißt du, damals war ich an keiner festen Beziehung interessiert, deshalb habe ich den Kontakt zu diesem Mädchen nicht aufrechterhalten. Außerdem wohnten wir zu weit voneinander entfernt, um unsere Freundschaft weiterhin zu pflegen. Ansonsten hätte ich vielleicht früher erfahren, dass ich eine Tochter habe. Oder zumindest, dass die Möglichkeit besteht. Ohne Weiteres hätte ich mich einem Vaterschaftstest gestellt. Das werde ich natürlich auch heute noch tun. Was sagt deine Mutter eigentlich zu der Sache? Weiß sie überhaupt, dass du mich angeschrieben hast? Irgendwie habe ich den Eindruck, als würdest du das alles vor ihr geheim halten.«
   Samantha räusperte sich. »Nein, sie hat keine Ahnung davon, dass ich meinen Vater suche.«
   Malcolm musterte sie verwirrt. »Wieso sagst du es ihr nicht?«
   Das war etwas kompliziert. »Weil sie nicht damit einverstanden wäre.«
   »Warum?«
   »Das weiß ich nicht. Ich habe sie oft gefragt, wo und wer mein Vater ist, aber sie hat ständig abgeblockt und gemeint, sie würde es mir irgendwann sagen. Wenn die Zeit reif wäre. Das Einzige, das ich über ihn weiß, sind die Initialen seines Namens und sein Beruf. Er ist Architekt.«
   Malcolm schnaubte. »Jedes Kind hat ein Recht darauf, zu wissen, wo es herkommt. Da verstehe ich deine Mutter nicht.«
   »Ich bin sehr froh, dass du auch dieser Meinung bist. Und ich bin froh, dass du gekommen bist. Ich hatte ein bisschen Angst, dass du mich nicht ernst nehmen könntest.«
   »Das habe ich ganz zu Anfang auch nicht. Deine Mail erschien mir völlig absurd.« Malcolm zuckte mit den Schultern. »Jetzt bin ich aber hier und gespannt darauf, mehr von dir zu erfahren.«
   Samanthas Herz schlug einen Purzelbaum. »Ich habe Fotos mitgebracht.« Sie zog eine postkartengroße Plastikhülle aus ihrem Rucksack. »Vielleicht erkennst du meine Mom darauf?«
   Er zog die Bilder vorsichtig aus der Hülle.
   »Das ist meine Mutter. So hat sie damals ausgesehen. Vor siebzehn Jahren.«
   Er betrachtete die Fotos mit zusammengekniffenen Augen und krauste nachdenklich die Stirn. Eine ganze Weile saß er so da, dann schüttelte er bedauernd den Kopf. »Hm. Ich bin mir nicht sicher. Sie könnte dieses Mädchen sein, mit dem ich damals eine Affäre hatte.«
   Das Wort Affäre versetzte ihr einen schmerzhaften Stich in der Brust. Sie wollte kein Kind aus irgendeiner Affäre sein. Ein Unfall, ungeplant, passiert.
   »Es ist verdammt lange her …«
   Sie schob Moms Bilder wieder in die Hülle zurück.
   »Tut mir leid, aber ich will nicht sagen, dass ich mir sicher bin, nur um dir einen Gefallen zu tun. Das würde uns nichts nutzen.«
   Samantha nickte und nippte an ihrem Macchiato. Er hatte recht, aber es tat weh, dem Ziel so nahe und gleichzeitig so fern zu sein.
   »Bist das du?«, fragte Malcolm und zog ein weiteres Foto aus der Hülle.
   »O ja, da war ich etwa zwei Jahre alt.« Auf dem Bild stand sie in einem geblümten Kleid und mit einem breitkrempigen Hut auf der Wiese hinter dem Haus zwischen hochgewachsenen Tulpen und strahlte in die Kamera. Die linke Hand hatte sie ausgestreckt und die Finger gespreizt, auf ihrem Handrücken saß ein bunter Schmetterling.
   »Wow, du warst süß.«
   »Danke.«
   »Bist du noch, wenn ich ehrlich bin.«
   Er griff nach weiteren Bildern, die Samantha in verschiedenen Posen zeigten. Im Kindergarten, am ersten Schultag, auf dem Fahrrad, an Halloween als Hexe verkleidet und mit Mom im Schwimmbad. Dieses Bild betrachtete er am längsten. In ihr erwachte erneut Hoffnung. »Da war ich drei, glaube ich. Das ist meine Mom, die da neben mir steht.« Das Bild war gut getroffen. Die Gesichter direkt zur Kamera gewandt, lachten sie mit offenen Mündern.
   Malcolm krauste die Stirn und rieb sich über die linke Schläfe. »Hm. Nein, das hat keinen Sinn. Ich kann es einfach nicht sagen.«
   Ihr blieb nichts anderes übrig, als eine weitere Enttäuschung einzustecken.
   »Weißt du, das ist mir jetzt absolut peinlich, aber vielleicht sollte ich noch zu meiner Verteidigung sagen, dass … na ja, damals kam es nicht selten vor, dass meine Freunde und ich uns auf Partys ein bisschen Koks reingezogen haben.«
   Samantha sah ihn ungläubig an. Wie bitte? Wollte er ihr etwa auch noch sagen, dass sie im Drogenrausch entstanden war?
   »Das war damals üblich. Nichts Großes. Wir waren nicht süchtig oder so, aber das hat die Stimmung gehoben, wenn du verstehst. Heute macht ihr das doch genauso, nur dass ihr das Zeug in Form von Pillen einnehmt, oder?«
   Etwas Macchiato schwappte über den Glasrand, als sie den Löffel zu schnell herauszog. »Nein, ich mache das nicht!«
   »Entschuldige. Das war nicht so gemeint. Aber wir schweifen vom Thema ab.«
   Irgendetwas lief plötzlich schief. So hatte sie sich ihr Zusammentreffen mit Malcolm Warren nicht vorgestellt. Was er da sagte, verletzte sie tiefer, als sie sich eingestehen wollte. Aber nun war sie hier und musste sich der Wahrheit stellen, auch wenn sie nicht die heile Welt offenbarte, oder die große Liebe, die sie sich stets zwischen Mom und Dad vorgestellt hatte. Na gut, dann war sie eben ungeplant aus einer Affäre auf einer Drogenparty entstanden. Trotzdem hatte sie das Recht, ihren Vater kennenzulernen. »Willst du meine Geburtsurkunde sehen?«
   Er machte große Augen. »Du hast deine Geburtsurkunde dabei?«
   »Ja, eine Kopie.«
   »Wozu?«
   »Na ja, ich dachte … ich dachte, vielleicht möchtest du nachrechnen, wann ich entstanden und geboren bin.«
   »Ich glaube dir doch«, sagte er und griff nach ihren Händen. »Hey, sieh mich nicht so frustriert an. Wir kommen schon auf einen gemeinsamen Nenner.«
   Sie war den Tränen nahe. Ihre ganze Hoffnung starb. »Aber du erkennst meine Mutter nicht.«
   »Ich sagte, ich bin mir nicht sicher.«
   »Kannst du dich denn wirklich nicht erinnern, ob du sie damals getroffen hast, als du hier warst? Ich meine, wenn du mit ihr intim geworden bist, müsstest du das denn nicht wissen?«
   Verlegen senkte er den Blick. »Samantha, die Drogen. Der Alkohol. Ich bin wahrlich nicht stolz darauf. Und es ist lange her.«
   »Aber …«
   »Warte, da fällt mir etwas ein. Nach deiner Nachricht habe ich meine alten Sachen durchstöbert, in der Hoffnung, meine Erinnerungen damit aufzufrischen, und bin dabei auf einen Brief gestoßen, den mir eine meiner damaligen Bettgefä… ich meine, Freundinnen, geschrieben hat. Die Schrift ist etwas verblasst, aber noch lesbar. Die Absenderin hat den Brief mit V. unterschrieben. Könnte Victoria heißen.«
   Samantha schöpfte neue Hoffnung. »Ich würde die Schrift meiner Mom auf jeden Fall erkennen.«
   »Wirklich? Dann bringt uns das vielleicht einen Schritt weiter.«
   »Warum hast du das nicht gleich gesagt?«
   »Weil ich es mir einfacher vorgestellt habe.«
   »Einfacher?«
   »Ähm, ja, ich war der Meinung, sobald ich ein Foto dieser Victoria sehe, erinnere ich mich. Leider ist dem nicht so.« Er stand auf und schob seine Hand in die linke Gesäßtasche. »Nanu?« Hektisch tastete er die rechte Tasche ab, nur um sich dann wieder der linken zuzuwenden. Verwirrt krauste er die Stirn. Eine Geste, die Samantha inzwischen sehr vertraut vorkam.
   »Was ist?«
   Er setzte sich und schüttelte den Kopf. »Ich Idiot! Ich muss den Brief in meinem Hotelzimmer in Yellowtown liegen gelassen haben.«
   »O nein!«
   »Was bin ich für ein Idiot. Dabei habe ich ihn gestern Abend noch neben die Autoschlüssel meines Leihwagens gelegt, damit ich ihn nicht vergesse.«
   »Kannst du ihn nicht holen?«
   Zerknirscht schüttelte er den Kopf. »Dazu ist zu wenig Zeit. Mein Flieger geht in zwei Stunden. Ich muss heute noch zurück. Das Geschäftliche habe ich bereits heute Vormittag erledigt, daher kann ich nicht länger bleiben. Du weißt, dass ich meiner Frau nichts von dem hier erzählt habe. Nicht, solange es nicht sicher ist, dass du wirklich mein Kind bist.«
   Den Tränen nahe nickte sie. Jetzt war sie so weit gekommen und stand trotzdem wieder ganz am Anfang.
   »Deshalb habe ich keine andere Wahl, als heute noch nach Hause zu fliegen, wenn ich keinen Ehekrach verursachen will. Das habe ich dir in meiner Nachricht aber mitgeteilt.«
   Sie nickte und versuchte, die Tränen zurückzuhalten.
   »Moment, sei nicht traurig. Ich habe eine Idee.« Er beugte sich über den Tisch. »Wie wäre es, wenn du mit mir nach Yellowtown kommst und dir den Brief im Hotel ansiehst? Und wenn du die Schrift deiner Mutter erkennst, vereinbaren wir ein zweites Treffen.«
   »Aber …«
   »Die Fahrt nach Yellowtown dauert etwa eine halbe Stunde. Das heißt, ich kann dich unmöglich wieder zurückfahren, aber ich würde dich zum Bahnhof bringen und dir eine Zugfahrkarte kaufen. Wenn du damit einverstanden bist?«
   Sie blickte auf die Uhr. Das könnte passen. Die Strecke mit dem Zug zurückzulegen wäre kein Problem. Sie könnte Andy anrufen und ihn bitten, sie vom Bahnhof abzuholen. Dennoch war sie skeptisch. Ihre Gefühle waren zweigeteilt. Die eine Hälfte wollte sich sofort mit ihm auf den Weg machen, die andere riet ihr vehement davon ab. Was sollte sie tun?
   »Komm, beeilen wir uns. Vielleicht wissen wir in einer Stunde, ob wir verwandt sind.« Malcolm stand auf und lächelte zuversichtlich. »Oder sollen wir deine Mutter anrufen und sie bitten, herzukommen? Vielleicht wäre das sogar die einfachste Lösung? Sie müsste es doch am besten wissen, oder?«
   »O nein, das geht nicht!« Das ging auf keinen Fall. Mom würde ihr den Hals umdrehen. Die ganze Sache musste behutsam behandelt werden. »Okay, ich komme mit«, sagte sie schließlich und folgte ihm nach draußen.
   Schweigend gingen sie über den Parkplatz auf einen schwarzen BMW neueren Modells zu, der ziemlich weit weg vom Eingang stand. Niemand sonst parkte so weit drüben. Die Jungs mit den Mopeds waren weg. Die vier Mädchen ebenfalls. Malcolm entriegelte das Auto per Fernbedienung. Ganz Gentleman hielt er die Beifahrertür für sie auf.
   »Da gibt es etwas, das ich dir noch unbedingt sagen möchte, Malcolm. Falls sich herausstellt, dass du mein Vater bist, will ich kein Geld von dir. Alles, was ich möchte, ist Gewissheit, wo ich herkomme, wo meine Wurzeln sind. Nur, damit du keinen falschen Eindruck von mir bekommst.«
   Er lächelte und strich mit dem Handrücken über ihren Unterarm. »Keine Sorge, mein Eindruck von dir ist gut.«
   Der Ton seiner Stimme bescherte ihr eine Gänsehaut. Etwas an seinem Blick hatte sich verändert.
   »Was ist? Steig ein.«
   »Vielleicht sollte ich doch nicht …«
   »Komm schon«, sagte er barsch. »Genug gespielt jetzt. Meine Hose platzt gleich und bis ins Hotel dauert es noch eine gute halbe Stunde!«
   Sie schnappte nach Luft. Was hatte er da eben gesagt?
   »Zier dich nicht, Kleine, du kannst die Scharade jetzt beenden. Es reicht.« Ein gefährliches Funkeln trat in seine Augen.
   Samantha wich einen Schritt zurück. Sie verstand überhaupt nicht, was los war. »Die Scharade? Welche …?«
   Er packte sie grob am Arm. »Steig sofort ein oder du siehst keine Kohle.«
   »Kohle? Wovon redest du?«
   »Komm jetzt!«
   Er drängte sie gegen das Auto, um sie zum Einsteigen zu zwingen, doch sie klammerte sich an der offenen Beifahrertür fest und stieß einen Schrei aus.
   »Halt die Klappe.« Er versuchte erneut, sie gewaltsam zum Einsteigen zu bewegen. »Hör zu, ich denke, ich habe lange genug mitgespielt. Mädchen sucht Vater, wirklich originell. So was hatte ich noch nie. Und ich hatte schon viel, glaub mir. Aber jetzt reicht es.«
   Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf. »Du verstehst da etwas falsch, ich bin nicht …«
   »Wir fahren jetzt ins Hotel, amüsieren uns und …«
   »Was? Nein!« Panik schnürte ihr die Luft ab. Das konnte er nicht ernst meinen. Ihre Beine zitterten. Wenn sie jetzt zusammenbrach, könnte er sie mühelos in sein Auto schaffen.
   »Stell dich nicht so an! Diese Spielchen turnen mich an, schon klar, aber du trägst mir ein bisschen zu dick auf.«
   »Ich spiele nicht.« Sie rang nach Luft. Ihr wurde schlecht.
   »Genug. Steig endlich ein!«
   »Nein. Du verwechselst mich.«
   Einen Moment lang hielt er irritiert inne, bevor er den Kopf schüttelte. »Glaubst du wirklich, du kannst mich hierher locken und dann einen Rückzieher machen? Mädchen, du bist wohl nicht ganz dicht. Deal ist Deal. Wir ziehen das jetzt durch, auf die harte oder auf die sanfte Tour, wie du willst.«
   »Welcher Deal? Ich weiß nicht, wovon …« Sie konnte sich kaum noch am Türrahmen festhalten. Malcolm zog und zerrte so energisch an ihr, dass ihre Kräfte nachließen, aber sie durfte nicht nachgeben. War denn niemand sonst auf dem Parkplatz? Niemand, der zu seinem Auto ging und in ihre Richtung sah? Eine Bewegung im Augenwinkel verlieh ihr Hoffnung. Da war jemand. Aber … O nein. Andy! Wie in drei Teufels Namen kam er hierher?
   »Hey, was tun Sie da?«, rief er und rannte auf sie zu.
   Malcolm warf einen überraschten Blick über die Schulter. Andy stürzte sich mit wutverzerrter Miene auf ihn. Malcolm lockerte den Griff um Samanthas Taille, damit er den Angriff abwehren konnte. Geistesgegenwärtig trat sie ihm gegen das Schienbein und ergriff die Flucht. Er schrie auf und ging leicht in die Hocke. Andy nutzte die Gelegenheit, umschlang Malcolms Brustkorb von hinten und boxte ihm in die Seite. Malcolm stöhnte laut auf.
   »Was hattest du vor, Mistkerl?«, fragte Andy zornig. »Wo wolltest du sie hinbringen?«
   Da Malcolm kräftiger war als Andy, befreite er sich mühelos aus seinem Griff und drehte sich ihm zu. Andy holte aus, um ihm die Faust in den Magen zu rammen, doch Malcolm war schneller und versetzte ihm einen Fußtritt in die Seite. Andy stieß einen Schmerzensschrei aus und taumelte zurück. Malcolm schlug die Beifahrertür zu, rannte um den BMW herum und riss die Fahrertür auf.
   »Nein, Arschloch«, rief Andy und folgte ihm. »So leicht kommst du nicht davon!« Er packte ihn an den Schultern und versuchte, ihn auf den Boden zu drängen.
   Malcolm schaffte es auch diesmal, Andy abzuwehren. Er landete auf dem Boden und schürfte sich beim Sturz beide Handgelenke auf.
   »Du Dreckskerl«, schrie er außer sich vor Zorn, bereit, noch einmal anzugreifen.
   Aus Angst, Malcolm könnte ihn ernsthaft verletzen, hielt Samantha ihn zurück. Malcolm nutzte die Gelegenheit, stieg in sein Auto und ergriff die Flucht. Samantha sah ihm weinend nach. Sie war am Boden zerstört. Ihr Traum zerplatzte.

Was ist denn noch wichtig
auf dieser schlimmen Welt,
in der doch scheinbar nur
der pure Sex noch zählt?
Gibt es denn im Leben
keine Ehrlichkeit und mehr?
Fällt die Wahrheit für die Menschen
denn allen heut so schwer?
All die netten Menschen,
sie lügen und betrügen nur,
und von wahrer Herzlichkeit
fehlt ihnen wirklich jede Spur.
Dabei will ich doch nur endlich
meine eigenen Wurzeln finden
und die Fragen der Vergangenheit
in meiner Seele überwinden.

All die schlimmen Fragen klären,
die mich täglich quälen,
und auf die wahren Worte
all der Menschen zählen.

Doch immer und immer wieder
zerbricht mein schwaches Herz,
und in meinem schweren Leben
bleibt nur der schlimme Schmerz.


Mein tiefer See der Tränen füllt sich stetig weiter an,
weil ich doch meine Trauer
nicht unterdrücken kann.

Wo soll das alles enden,
wo führt das alles hin?
Wem kann ich noch vertrauen?
Und hat das einen Sinn?

(Christina Stöger, 2013)

Wie lange sie schon in Andys Auto saß, wusste sie nicht. Die Zeit verrann, ohne dass sie fähig war, zu sprechen oder auf das zu reagieren, was Andy sagte. Den Kopf an die Scheibe gelehnt, den Blick ins Nirgendwo gerichtet, hörte sie sich seine Schimpftirade an. Was sie getan hatte, war blöd und gefährlich. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn es diesem Kerl gelungen wäre, sie ins Hotel mitzunehmen.
   Sie schluckte und wischte sich über die Augen. Ihr Herz tat so unbeschreiblich weh. Er hätte ihr Dad sein können. So vieles hatte dafürgesprochen, und doch war er es nicht.
   »Du hast es schon wieder getan. Sam, verdammt noch mal! Ich glaube es nicht!« Seine Schürfwunden ignorierend, umfasste er das Lenkrad so fest mit beiden Händen, dass die Knöchel weiß wurden. »Habe ich dir nicht tausendmal gesagt, dass es gefährlich ist, sich mit fremden Männern zu treffen?«
   Samantha zuckte zusammen. So wütend hatte sie ihn noch nie erlebt.
   »Was glaubst du, wäre passiert, wenn ich dir nicht gefolgt wäre? Der Typ hätte dich irgendwohin geschleppt und … Ich will mir das überhaupt nicht vorstellen!«
   Samantha auch nicht. Sie schluckte. Im Spiegel der Sonnenblende starrte ihr ein gerötetes Augenpaar entgegen. Furcht und Enttäuschung saßen ihr tief in den Knochen. Obwohl das Zittern inzwischen nachgelassen hatte, spürte sie einen Kloß im Hals. Malcolm Warren hatte ihre letzte Hoffnung zerstört. Wie sollte sie nach diesem Erlebnis in Zukunft noch an das Gute im Menschen glauben?
   Andy schwieg und atmete tief ein und aus. »Sam? Alles okay?«
   Sie schniefte und klappte die Sonnenblende zu. Mehr als ein Nicken brachte sie nicht zustande.
   »Sieh mich mal an.« Seine Stimme klang jetzt ruhiger. »Sam.«
   Sie mochte es nicht, wenn er sie so sah, aber jetzt brauchte sie ihn. Seine Nähe, seinen Trost. Als er seine Hand an ihre Wange legte, schloss sie die Augen.
   »Ich wollte dich nicht anschreien. Tut mir leid. Ich hatte nur solche Angst. Mein Herz schlägt so schnell, als würde es jeden Moment zerspringen.«
   Sie brachte kein Wort heraus. In ihrer Kehle brannten Tränen.
   »Sam, bitte, ich ertrag es nicht, wenn es dir so schlecht geht. Komm her.« Er zog sie an sich und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn.
   Seine Nähe tat gut. Samantha hörte seinen Herzschlag und wurde ruhiger. Ihre Gedanken klärten sich. Etwas, das Andy vorhin gesagt hatte, erregte auf einmal ihre Aufmerksamkeit. Sie richtete sich auf und blickte ihn an. »Du bist mir gefolgt?«
   Er blinzelte ertappt, versuchte aber nicht, sich herauszureden. »Das war keine Absicht. Am Anfang zumindest. Ich sah dich auf der anderen Straßenseite mit dem Rad fahren. Du warst so in Gedanken vertieft und hast mich nicht bemerkt, also beschloss ich, dir zu folgen. Ich wollte dir nicht nachspionieren oder so, ich war nur neugierig, was dich in diesen Teil von Kettle Lake treibt. Als du hierher abgebogen bist, glaubte ich, du willst dich mit Josie treffen, doch dann kam dieser Typ und du hast mit ihm gesprochen und …« Er schluckte. »Ich hätte ahnen müssen, was du im Schilde führst, bevor du dich mit diesem Kerl an einen Tisch gesetzt hast. Es kam mir komisch vor, aber er hätte ein Bekannter deiner Mutter sein können oder so. Wie hätte das wohl ausgesehen, wenn ich da reingestürzt wäre und dich rausgezerrt hätte?«
   Samantha versuchte, den Kloß in ihrer Kehle loszuwerden. Andy hatte jedes Recht der Welt, wütend auf sie zu sein. Wie oft hatte er sie vor Männern wie Malcolm Warren gewarnt? Wie oft hatte er sie wissen lassen, dass es ihm missfiel, wenn sie wildfremde Männer anschrieb, an deren Adressen sie über deren Websites kam? Es war absurd, zu glauben, dass sie auf diese Weise ihren Vater finden könnte. Wie viele Architekten und Bauunternehmer gab es in dem Umkreis, den sie von Mal zu Mal erweiterte? Wem machte sie etwas vor? Sich selbst. Nur sich selbst. Sie musste verrückt geworden sein. Besessen. »Was habe ich falsch gemacht?«
   Andy legte seine Hand auf ihre. »Nichts. Das war nicht deine Schuld.«
   »Aber … wieso dachte er …?«
   »Hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Dieser Warren ist ein Mistkerl!«
   »Ich hätte es merken müssen.«
   »Das konntest du nicht. Typen wie der sind gerissen. Du solltest ihn anzeigen.«
   »Was? Nein! Das geht nicht. Mom würde herausfinden … und ich müsste zugeben, dass ich dieses Treffen wollte und … womöglich wird alles falsch dargestellt und am Ende bin ich diejenige … Nein, ich will ihn nicht anzeigen.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich will das alles nur vergessen, Andy.«
   »Aber …«
   »Nein, wirklich, keine Anzeige. Bitte.«
   »Damit bin ich nicht einverstanden, aber ich kann dich nicht zwingen.«
   In seinem Blick lag ein Flehen, das ihr einen Stich in der Brust versetzte. Er sorgte sich um sie. Diese Tatsache rührte und ängstigte sie zugleich. Sie wollte ihn nicht enttäuschen, wollte aber auch nicht auf ihren größten und geheimsten Wunsch verzichten. Trotzdem. Dieses Erlebnis mit Malcolm Warren hatte sie wachgerüttelt. Sie durfte sich nicht so leichtsinnig dieser Gefahr aussetzen. Vielleicht war es besser, wenn sie noch zwei oder drei Jahre wartete, sich Zeit gab, geduldiger und ruhiger zu werden, ehe sie weiter nach ihrem Vater suchte. Dem Phantom, das Mom so glücklich und traurig zugleich gemacht hatte.
   »Andy.« Sie sah in seine blauen Augen. In diese Augen, die ihr von Anfang an den Kopf verdreht hatten. »Du hast recht. Das alles ist zu gefährlich. Zu unsinnig. Ich höre auf, zu suchen. Soll mein Vater doch bleiben, wo er ist, und meine Mutter an ihrer Geheimniskrämerei ersticken. Ich schaffe es auch ohne ihn.« Bei diesen Worten traten wieder Tränen in ihre Augen.
   »Irgendwann findest du ihn. Da bin ich sicher.«
   »Meinst du?«
   »Klar. Er wäre ein Idiot, wenn er sich eine Tochter wie dich entgehen lassen würde.«
   Unter Tränen lächelnd sah sie zu ihm auf. »Das hast du nett gesagt.« Er strich ihr zärtlich ein paar Locken aus dem Gesicht.
   »Nur, damit du mich küsst, Süße.«
   »Hab ich doch nicht.«
   »Na ja, noch nicht.«
   Er zog sie an sich und küsste die Tränen von ihren Wangen. Sie schloss die Augen und öffnete die Lippen einen Spalt. Andys Mund auf ihrem fühlte sich leicht und tröstend an.
   »Hey, salzige Küsse schmecken nicht schlecht.« Sein Lächeln beschleunigte ihren Herzschlag. »Trotzdem sollten wir lieber bei den süßen bleiben.«
   Sie legte eine Hand auf seine Wange. »Danke, dass du für mich da bist. Immer.«
   Er wurde ernst. »Ich würde mein Leben für dich opfern, Sam.«
   »Sag so was nicht.«
   »Okay. Dann fahr ich dich jetzt nach Hause und opfere nur meine Zeit für dich. Dein Rad kannst du morgen holen.«
   Sie nickte, lächelte und legte den Sicherheitsgurt an.
   »Es gefällt mir, wenn du lächelst.«
   »Danke, Andy.«
   Er griff wieder nach ihrer Hand. »Dank dir selbst, Sam. Du bist die Kämpferin von uns. Ich bin nur der Nörgler.« Er fuhr los und reihte sich in den Verkehr ein.
   Samantha sah aus dem Fenster, ohne dass sie die vorbeihuschende Landschaft wirklich wahrnahm. Ein letztes Mal ließ sie sich alles, was heute geschehen war, durch den Kopf gehen. Immer noch konnte sie die Hoffnung in sich spüren, die Euphorie, die Aufregung und die bittere Enttäuschung. Das war jetzt vorbei. Ihre Suche musste ein Ende haben.
   Vorerst.
   Andys Handy klingelte. Es war Simon, sein bester Kumpel. Die beiden sprachen eine Weile miteinander, aber sie hörte nicht zu.
   »Sam, macht es dir etwas aus, wenn ich kurz bei Gavin’s vorbeifahre?«
   »Hm?«
   Andy wiederholte seine Frage.
   »Gavin’s?«
   »Gavin’s Autowerkstatt, du weißt schon. Simon hat einen Heckspoiler bestellt, aber keine Zeit, ihn abzuholen. Ist das okay?«
   »Natürlich. Aber einen Heckspoiler? Was will er denn an seinem alten Golf noch alles verändern? Die Rostlaube fällt sowieso bald auseinander. Wozu die ganze Arbeit?«
   Andy lächelte nachsichtig. »Mädchen verstehen nichts von solchen Dingen. Jungs basteln eben gern an ihren Autos herum.«
   Sie hob die Brauen. »Ach ja?«
   »Und sie sind gern mit ihren Freundinnen zusammen«, fügte er rasch hinzu und legte seine Hand auf ihr Knie. »Apropos, gehen wir heute Abend aus? Ich hätte Lust, mit dir zu tanzen.« Seine Miene verriet, dass er dabei an mehr als nur Tanzen dachte. »Und ich würde dich liebend gern auf andere Gedanken bringen. Auf schöne Gedanken.«
   Samantha zögerte.
   »Wir können aber auch zu Hause bleiben, Pizza bestellen und DVDs gucken, wenn dir das lieber ist.«
   »Andy, das ist wirklich eine tolle Idee, aber ich gehe mit Josie ins Charlie’s.«
   Enttäuscht schob er die Unterlippe vor. »Schade. Kann ich mitkommen? Ich halte mich auch im Hintergrund, Ehrenwort.«
   »Ich kann dir nicht verbieten, ins Charlie’s zu gehen, aber ich werde heute nur Augen und Ohren für Josie haben. Du weißt, dass sie morgen zu ihrem Dad nach Kanada fliegt. Die ganzen Ferien lang. Deshalb gehört dieser Abend uns allein.«
   »Du hast aber nicht vergessen, dass ich ab Montag den ganzen Sommer lang für Richard Blake auf der Baustelle arbeite?«, fragte er neckend.
   »Natürlich nicht. Aber wir können uns trotzdem jeden Tag sehen, Josie und ich nicht.«
   »Okay, das ist ein Argument.« Er blinkte und bog in eine Seitenstraße ab. Kurz darauf hielt er im Hinterhof von Gavin’s Autowerkstatt. »Wir sind da. Kommst du mit rein?«
   »Nein, ich warte hier. Wird wohl nicht lange dauern, oder?« Anstatt zu antworten, küsste er sie. Ihre Knie wurden weich. Seufzend sank sie an seine Brust.
   »Du willst mich, Sam, ich kann es in deinen Augen sehen«, flüsterte er an ihren Lippen. »Du bist genauso scharf auf mich wie ich auf dich. Der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass du zu feige bist, es zuzugeben, und zu feige, um es zu tun.«
   Das Herz schlug ihr bis zum Hals bei seinen Worten. Es stimmte. Sie wollte mehr von ihm, aber sie traute sich nicht. Noch nicht, obwohl sie bereits sechs Monate mit ihm zusammen war. Aber mehr als Knutschen oder mal kurz unters T-Shirt fassen hatte sie ihm bisher nicht erlaubt. »Ich … ich habe nicht erwartet, ausgerechnet hier und jetzt darauf angesprochen zu werden …« Erst recht nicht nach dem, was gerade passiert war. Hatte Andy das etwa vergessen?
   »Okay, ich halte die Klappe. Bin gleich zurück.«
   Sie seufzte und fuhr sich durchs Haar. Das heute war alles ein bisschen viel gewesen. Sie sollte möglichst schnell auf andere Gedanken kommen, aber nicht auf die, die Andy im Kopf herumschwirrten. Plötzlich wurde sie wütend. Seit Kurzem fragte er immer häufiger, wann sie endlich mit ihm schlafen würde. Aber wie konnte er ausgerechnet jetzt an Sex denken, wo er sie doch noch vor wenigen Minuten getröstet hatte? Sie stieg aus und schlenderte an reparaturbedürftigen Autos und rostigen Schrottkisten vorbei. Ein lauer Wind kam auf. Sie schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Es fühlte sich gut an, vom Wind gestreichelt zu werden. Er spielte mit ihrem Haar, wirbelte es ihr ins Gesicht. Ließ sie glauben, frei und unabhängig zu sein, sorgenfrei und voller Energie.
   »Hi.«
   Der Moment der Entspannung hielt nicht lange an. Eine Stimme aus dem Nichts holte sie in die Gegenwart zurück. Samantha blinzelte. Wer hatte das gesagt?
   »Noch mal hi.«
   Sie drehte sich um. Da saß ein Typ in einem blauen Overall auf der obersten Zaunlatte hinter einem verrosteten Mercedes. Sein Cap trug er verkehrt herum. Dunkelbraune Haare, die bis zum Kinn reichten, lugten darunter hervor.
   »Wieso bist du nicht mit deinem Freund hineingegangen?«
   Ihr Blick traf auf dunkelbraune Augen. Sekundenlang starrte sie ihn verwirrt an. »Ähm … Er ist alt genug und schafft das allein.« Mit einem Ruck sprang er zu Boden und kam auf sie zu. Eine Geruchsmischung aus Öl, Benzin und Abgasen stieg ihr in die Nase, als er vor ihr stehen blieb und seine Kappe zurechtrückte. In seinen Augen lag ein unergründliches Funkeln. Obwohl er ihr ziemlich nahe war, wich Samantha nicht zurück.
   »Du wartest hier artig auf ihn?«
   »Yep.«
   »Wieso?«
   »Wieso, was?«
   »Wieso wartest du hier auf ihn?«
   »Du stellst komische Fragen.«
   »Na ja, du könntest genauso gut ins Büro gehen und einen Kaffee trinken.«
   »Ach so.« Unwillkürlich musste sie lächeln. Er hatte überhaupt nichts Komisches gefragt. »Keine Lust auf Kaffee.« Der Duft gerösteter Kaffeebohnen würde ihr in den nächsten Wochen noch zur Genüge in die Nase steigen.
   »Schlecht drauf?«
   »Kannst du hellsehen?«
   Er kniff die Augen zusammen. »Willst du darüber reden?«
   Sie lachte auf. »Mit dir? Ich kenn dich doch nicht.«
   »Das können wir ändern.«
   Was ging denn jetzt ab? Flirtete er etwa mit ihr?
   »Ich bin Jayden.«
   Aus unerklärbaren Gründen spürte sie Hitze in sich aufsteigen. »Ähm, Samantha.«
   »Würdest du mal mit mir ausgehen, wenn ich dich nett frage?«
   »Was? Nein. Ich habe einen Freund.«
   »Er müsste es ja nicht erfahren.«
   Der Satz verursachte ein unangebrachtes Prickeln auf ihrer Haut. Verblüfft sah sie ihn an. Meinte er das ernst? Das fehlte ihr gerade noch für das Fettnäpfchen des Tages. Reichte das Erlebnis mit diesem Perversling Malcolm Warren nicht aus, um ihr den restlichen Tag zu versauen? »Ich setze mich besser wieder ins Auto.«
   »Nein, warte.« Jayden umfasste sachte ihr Handgelenk. »Denkst du wenigstens darüber nach?«
   Ihr fehlten die Worte. Sie wollte sich abwenden, aber sein Blick hielt sie fest. Irgendwie. Auf einmal lag eine seltsame Spannung in der Luft. Ihr Puls schoss in die Höhe.
   »Stör ich da bei irgendwas?«
   Sie drehte sich um. Andy stand hinter seinem Auto und sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Äh, nein, natürlich nicht …«, sagte sie und wand sich aus Jaydens Griff.
   »Du hast mir noch nicht geantwortet.«
   Jaydens Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, dennoch befürchtete sie, dass Andy ihn hören konnte. »Nein, werde ich nicht.« Sie riss sich von seinem Blick los und wandte sich ab.
   Andy wartete, bis sie bei ihm war, dann verstaute er Simons Heckspoiler aus Platzgründen etwas umständlich im Auto und öffnete die Beifahrertür für sie. Sie folgte seiner unausgesprochenen Anweisung und legte den Gurt an. Nur mühsam widerstand sie dem plötzlichen Impuls, zu Jayden zurückzusehen. Was bildete der sich ein? Sie zu fragen, ob sie mit ihm ausging, obwohl er genau wusste, dass sie einen Freund hatte.
   »Was war das gerade? Hat dich der Idiot angemacht?«
   »Nein.«
   »Sonst etwas, das ich wissen sollte?«
   »Nein. Hör auf damit.«
   »Ich darf doch wohl frag…«
   »Darfst du nicht. Fahr mich einfach nach Hause, okay?« Andy presste die Lippen zusammen. Samantha wusste, dass die Eifersucht in ihm brodelte. Eine Eigenschaft an ihm, die sie nicht ausstehen konnte. Um einer sinnlosen Diskussion zu entgehen, schloss sie die Augen und lehnte den Kopf ans Fenster. Für heute hatte sie wirklich genug Boxhiebe einstecken müssen.

Es erwartete sie ein weiterer, als sie nach Hause kam. Max Willow saß am Küchentisch und trank Kaffee mit Mom. Ihm gehörte der Obst- und Gemüseladen, bei dem Mom einkaufte. Die beiden kannten sich schon seit der Schule, und es war nicht zu übersehen, dass Max ein Auge auf Mom geworfen hatte. Das artete fast schon in Stalking aus. Bei jeder Gelegenheit rannte Max Mom nach, hing wie gebannt an ihren Lippen und himmelte sie an.
   »Hi, Schatz, du kommst aber spät.«
   »Hi, Mom. Ich war noch mit July und Carrie unterwegs.« Die Lüge glitt ihr leichter über die Lippen, als gedacht. Samantha ließ ihren Rucksack im Flur stehen und warf Max einen flüchtigen Blick zu, während sie sich ein Schinken-Käse-Sandwich aus dem Kühlschrank nahm.
   »Hallo, Kleine.«
   Max’ übliche Begrüßung. Als würde er ihren Namen nicht kennen. »Hi, Max.« Obwohl sie sich lieber gleich in ihr Zimmer verzogen hätte, setzte sie sich zu den beiden an den Tisch. Nur für ein paar Minuten den Schein waren, damit niemand Verdacht schöpfte.
   »Oh. Du siehst schlecht aus. Nicht gut drauf heute?«, fragte Max besorgt und rückte seine Brille zurecht.
   Keine Sekunde später saß sie wieder schief, was an seinen ungleich gewachsenen Ohren und seiner platten Nase lag. Deshalb verbrachte er den ganzen Tag damit, seine Brille wieder und wieder zurechtzurücken. Jedes Mal mit dem Mittelfinger. Das nervte. Noch mehr nervte es, wenn sein Toupet verrutschte und er das nicht merkte.
   »Max hat recht, Schatz. Ist etwas?«
   So gelassen wie möglich biss sie vom Sandwich ab. Kaute langsam. Was sollte sie sagen? Dass sie fast von einem perversen Widerling verschleppt worden wäre? Dass Andy immer nur an Sex dachte? Dass ein fremder Junge offen mit ihr geflirtet und Andys Eifersucht geweckt hatte?
   Sie spürte Moms Blick auf sich gerichtet, stand auf und ließ Wasser in ein Glas laufen, das sie in einem Zug leerte. »Nein, alles okay.«
   »Sicher?«
   »Sicher.«
   »Und? Wie fühlt es sich an, ab morgen Ferien zu haben?«, fragte Max.
   »Gut. Obwohl ich Mom im Café helfen werde, was eher mit Arbeit zu tun hat als mit Ferien.«
   »Tatsächlich?«
   »Sie will sich Geld für den Führerschein zu ihrem Taschengeld dazuverdienen.«
   Max nickte anerkennend, worauf seine Brille erneut verrutschte. Der Mittelfinger kam zum Einsatz, um das Ding wieder zurechtzurücken. »Gutes Mädchen.«
   Samantha stöhnte innerlich und fand, dass die heutige Dosis Max reichte. »Yep. Ich esse oben weiter. Bis später dann.« Ehe die beiden Einspruch erheben konnten, holte sie ihren Rucksack und lief in ihr Zimmer. Puh, geschafft. Jetzt ein heißes Bad und ein allerletztes Mal Revue passieren lassen, was heute geschehen war – dann jeden Gedanken daran aus dem Kopf verjagen und auf zu Josie.

Josie zog unwillig eine Jeans aus dem Kleiderschrank und legte sie zu den anderen Kleidungsstücken in den Koffer. Dabei machte sie ein Gesicht, als müsste sie allein die Turnhalle in der Schule mit einem winzigen Schwamm säubern. Was einmal fast passiert wäre, nachdem sie unbeabsichtigt beinahe den Chemieraum in Brand gesteckt hatte. Nur Mister Albott, dem Chemielehrer, der vorzüglich reagiert und das Schlimmste verhindert hatte, war es zu verdanken, dass die Schule noch an ihrem Platz stand. Trotzdem. Josie hatte das kleine Feuerchen verursacht und dafür geradestehen müssen. Die Direktorin wollte sie zur Strafe dazu verdonnern, drei Wochen lang täglich den Boden der Turnhalle mit einem winzigen Schwamm zu reinigen. Am Ende war daraus eine einwöchige Suspendierung vom Unterricht geworden. Zugegeben, mit dieser Strafe war Josie glimpflich davongekommen, denn zum Zeitpunkt ihrer Unachtsamkeit war sie high gewesen.
   »Noch nie habe ich einen Freitagabend so ätzend gefunden. Nein, ätzend ist das falsche Wort. Zum Kotzen trifft es schon eher.« Mit grimmiger Miene pfefferte sie eine weitere Jeans in ihren Koffer.
   Samantha lag auf Josies Bett und sah ihr mit gemischten Gefühlen beim Packen zu. Einerseits wollte sie ihr gut zureden und versprechen, dass es ihr bei ihrem Dad gefallen würde. Andererseits wollte sie, dass sie hierblieb. Bei ihr. Ohne Josie würde sie sich verdammt einsam fühlen. Sie teilte alles mit ihrer besten Freundin. Egal, was. Bis auf die Sache mit Malcolm Warren. Davon hatte sie ihr bisher noch nichts erzählt. Irgendwie hatte sich noch nicht der passende Augenblick dafür ergeben.
   »Du liebst Freitage«, sagte sie.
   Josie schüttelte den Kopf. »Nicht heute. Nein, heute wirklich nicht. Ontario. Kanada! Wie kann er mir das antun?« Ein Stapel T-Shirts landete im Koffer. »Was isst man dort?« Eine blaue Jeansjacke flog hinterher. »Und die reden Französisch.« Nachdenklich betrachtete sie ihre Schuhe. »Welches Wetter haben die dort gerade?« Ausrangierte Sandalen flogen in hohem Bogen durchs Zimmer. »Ich habe keine Ahnung. Sam, ich glaub, ich dreh gleich durch!« Sie stand kurz davor, loszuheulen.
   Samantha streckte die Hand aus und forderte sie auf, sich neben sie zu setzen.
   Josie seufzte und gehorchte. »Ich werde dort sterben vor Langeweile und Heimweh. Du kennst mich, Sam. Ich halte es nirgendwo länger als ein paar Tage aus.«
   Sie würde es ohne Josie auch kaum aushalten. »Ach was, bestimmt gibt es da ein riesiges Einkaufszentrum, wo du deinen Schmerz mit neuen Klamotten lindern kannst.«
   Schmollend schob Josie die Unterlippe vor. »Meinst du?«
   »Bestimmt. Und ein Schwimmbad wird es sicher auch geben. Irgendwo müssen sich die Leute ja abkühlen.«
   »Ich hab mir gestern zwei Bikinis gekauft.«
   »Siehst du. Ein Kino gibt es bestimmt auch.«
   »Ich liebe süßes Popcorn.«
   »McDonald’s lässt dich gewiss auch nicht im Stich.«
   »Na, hoffentlich. Ohne Big Mac kann ich nicht leben. Wer weiß, ob die Tussi meines Dads überhaupt kochen kann.«
   »Vergiss nicht die ganzen Sehenswürdigkeiten und Museen und …«
   »Sehenswürdigkeiten? Museen? O Mann, ich übergebe mich gleich.« Sie machte mit ihrem Finger eine passende Geste dazu.
   »Vielleicht wirst du auf Partys eingeladen.«
   »Partys? Hm. Wenn es nicht so schnöde Teepartys sind, wo man Sekt aus Gläsern trinken und Brötchen mit Fischeiern essen muss.«
   »Na ja, wenn die Fischeierbrötchen von gut aussehenden Kellnern serviert werden …« Sie verstummte, als Josie plötzlich wässrige Augen bekam. »Was ist denn los? Hab ich was Falsches gesagt?«
   Josie schüttelte den Kopf. »Leo und ich hatten heute Streit. Es ging wieder um das gleiche Thema. Er meinte, jetzt, da ich so lange weg bin, sollte ich endlich mit ihm schlafen. Sozusagen als Vorschuss, um die lange Zeit der Abstinenz zu überbrücken, damit er nicht schwach wird und sich eine andere angelt. Abstinenz! Das hat er wirklich gesagt. Ich hab ihm die Meinung gegeigt. Ich lass mich von niemandem erpressen. Erst recht nicht mit so einer blöden Aussage. Das hat ihm nicht gepasst. Jetzt herrscht erst einmal Funkstille zwischen uns.«
   Samantha seufzte. Waren alle Jungs gleich? Ging es denen immer nur um Sex? »Das tut mir leid.«
   Josie stand auf und schaute in den Spiegel über der Kommode. »Das kommt schon wieder in Ordnung. Hoffe ich jedenfalls.« Sie zog ihren Lidstrich nach, frischte die Wimperntusche auf und spendierte ihrem Mund noch eine Schicht Lippenstift.
   Samantha trat neben sie. Zwei grundverschiedene Typen blickten ihr aus dem Spiegel entgegen. Josie mit strubbligen, kurzen schwarzen Haaren, dick geschminkten Augen, Piercings in Augenbrauen und Unterlippe und einem kleinen Spinnennetztattoo im Nacken. Mit ihrer liebenswert frechen Art, mit der sie ziemlich alles erreichte, was sie sich vornahm, und nach der sich jeder umdrehte, wenn sie einen Raum betrat. Im Gegensatz dazu sie selbst. Ein unscheinbares Mädchen mit schulterlangen, blond gelockten Haaren und grünen Augen. Keine Piercings. Keine Tattoos. Niemand, der einen zweiten Blick auf sich zog. »Vielleicht tut es ihm schon leid und er macht sich Vorwürfe? Vielleicht hat er es nicht so gemeint, wie er es ausgedrückt hat?«
   Josie lächelte. »Na klar, du glaubst natürlich wieder an das Gute im Mann.«
   »Was soll das denn heißen?«
   »Sam, du musst noch viel lernen. Jungs wollen immer Sex und am besten sofort, sprich, ab der Sekunde, in der du mit ihnen zusammen bist. Und wehe, du erlaubst dir, Nein zu sagen. Oh, dieses Wort kannst du gleich aus deinem Repertoire streichen, denn das zählt nicht, existiert nicht, gilt nicht.«
   »Bei Andy ist das aber …«
   »Komm mir bloß nicht mit Andy, sonst werde ich neidisch. Ich kann kaum glauben, dass er deine Vielzahl an Neins kommentarlos akzeptiert. Bist du sicher, dass er es sich nicht woanders holt?«
   »Was?« Samantha riss erschrocken die Augen auf.
   »Nein, Süße, so war das nicht gemeint. Andy tut so was nicht, ganz bestimmt nicht! Aus mir spricht der Frust. Ich bin ein gebranntes Kind. Schon mein erster fester Freund wollte sofort mit mir ins Bett. Nach einer Woche! Stell dir das mal vor. Aber so ist es nun einmal – Jungs und Sex gehören zusammen wie ein Paar Schuhe. Ach was, ich rede und rede … Hast du denn vor, es bald mit Andy zu tun?«
   Samantha war etwas überrumpelt. »Nein. Ich meine, der richtige Zeitpunkt war noch nicht da.«
   »Der richtige Zeitpunkt? Was soll denn der Quatsch? Der richtige Zeitpunkt ist, wenn du dich bereit dazu fühlst. Wenn du spürst, dass du mehr von ihm willst. Wenn du merkst, dass deine Gefühle mit dir durchgehen und du nicht mehr anhalten kannst. Den richtigen Zeitpunkt bestimmst du ganz allein.«
   »Ähm, wenn du so gut Bescheid darüber weißt, wieso machst du es nicht mit Leo?«
   Josie verstaute ihre Schminkutensilien in einem kleinen Beutel und legte ihn in den Koffer. »Weil er egoistisch und selbstsüchtig ist und keine Rücksicht auf mich nimmt. Oder glaubst du etwa, er hört sofort auf, wenn ich Stopp sage? Irrtum! Ich muss ihn nachdrücklich von mir wegschieben, damit er schnallt, dass ich es ernst meine. Und außerdem … Ach Sam, ich weiß es nicht. Ich glaube, ich fürchte mich vor dem Danach.«
   »Vor dem Danach? Wie meinst du das?«
   »Du weißt schon. Der Kerl hat sein Ziel erreicht und keinen Grund mehr, besonders nett zu dir zu sein, dich anzurufen oder sich mit dir zu treffen.«
   Samantha schüttelte den Kopf. »Wenn du so denkst, wirst du nie mit Leo schlafen.«
   »Na und? Da kann ich wenigstens sicher sein, dass er bei mir bleibt, bis er an sein Ziel kommt.«
   »Aber …«
   »Genug jetzt. Schluss mit der Trübsalblaserei. Hauen wir ab und amüsieren uns.«
   Gemeinsam eilten sie die Treppe hinunter und platzten in die Küche, wo Josies Mutter gerade am Herd stand und Spaghetti in kochendes Wasser gab. Im Topf daneben köchelte die Tomatensoße. Auf einem Schneidebrett lagen Tomaten, Oliven, Zwiebeln und Chilischoten.
   »Mom, wir gehen jetzt.« Josie stibitzte sich eine Olive.
   »Wohin?«, fragte ihre Mutter irritiert.
   »Charlie’s Bar«, antwortete Josie knapp und angelte sich noch eine Olive.
   »Dann esst ihr nicht mit uns?«
   »Mit wem?«
   »Henna und Ruth kommen in einer halben Stunde.«
   »Nein, Mom, danke. Bis später. Wir gehen.« Sie zog Samantha in den Flur hinaus. »Auf ihre biederen Freundinnen kann ich echt verzichten.«
   »Um elf bist du zu Hause«, rief ihre Mutter ihnen nach.
   Josies Augen wurden groß vor Empörung. »Um elf?«
   »Ja. Du musst um fünf aus dem Bett. Um acht geht dein Flug.«
   »Schon klar. Bis später.«
   Im Auto drehte Josie die Musik laut auf. Use Somebody von Kings of Leon ertönte aus dem CD-Player. Josie sang mit und fädelte sich in den Verkehr ein. Samantha überlegte, ob sie den Vorfall mit Malcolm Warren ansprechen sollte, entschied sich aber dagegen. Josie hatte genug zu knabbern an ihrem Streit mit Leo. »Wirst du ihn anrufen?«, fragte sie nach einer Weile vorsichtig. »Wegen des Streits, meine ich.«
   »Ich? Niemals. Er muss sich entschuldigen, er muss anrufen, basta!«
   Josies Stimme klang schrill. Samantha bereute es, gefragt zu haben. Im Grunde ging es sie nichts an, was zwischen den beiden lief, aber Josie war ihre beste Freundin und sie wünschte sich für sie, dass sie morgen abfliegen konnte, ohne befürchten zu müssen, dass sich Leo nach einer anderen umsah, während sie nicht da war. »Meinst du nicht, dass du diesmal eine Ausnahme machen soll…«
   »Nein, Sam, nein! Weißt du, er ist derjenige, der mich ständig mit seinen blöden Bemerkungen zur Weißglut bringt. Er ist derjenige, der mich dauernd in sein Bett drängt. Aber ich entscheide, wann und mit wem ich penne. Verstehst du? Ich habe ihn oft genug gebeten, mir Zeit zu geben und mich nicht unter Druck zu setzen. Einerseits behauptet er, dass er warten kann, andererseits kommt er ständig mit seiner bescheuerten Statistik daher, dass ich zu den wenigen gehöre, die mit sechzehn noch Jungfrau sind. Wenn er mir nicht treu sein kann, während ich weg bin, kann er mich mal!« Sie trommelte wütend mit den Fingern auf das Lenkrad. »Soll er sich doch eine von den Vierzehnjährigen schnappen, wenn er da leichteres Spiel hat. Weißt du, Sam, das Wort schwanzgesteuert passt zu den Männern wie die Faust aufs Auge. Kaum erlaubst du ihnen, dich zu küssen, wollen sie dich gleich ausziehen. Und bist du mal nicht da, wird sich sofort nach etwas anderem umgesehen. Ich sag dir, Sam, sei vorsichtig. Lass dich nicht überrumpeln oder zu etwas zwingen.«
   »Werde ich nicht. Und ich glaube nicht, dass Leo zu dieser Sorte gehört. Er wird dich vermissen, das weiß ich. Übrigens, ich passe auch in seine bescheuerte Statistik.«
   Josie lächelte, wenn auch nur schwach. »Du wirst erst übermorgen sechzehn und fällst damit nicht in Leos Statistik.«
   »Schade.«
   Josie machte ein trauriges Gesicht. »Ich bin nicht da, um deinen sechzehnten Geburtstag mit dir zu feiern.«
   »Ich feiere nicht, wenn du …«
   »Quatsch! Natürlich wirst du feiern!«
   »Aber ohne dich ist es nicht dasselbe.«
   »Mach das Beste daraus, Süße. Es ist dein Geburtstag. Ich werde den ganzen Tag an dich denken. Versprochen.« Josie verlangsamte das Tempo und bog auf den Parkplatz vor Charlie’s Bar ein. »Wir sind da. Stürzen wir uns ins Getümmel und vergessen für eine Weile die bescheuerte Idee meines Vaters, ihn in den Ferien zu besuchen.«

Sie schlenderten über den vollen Parkplatz und sahen sich verwundert um. Es war ungewöhnlich viel los heute. Eine Gruppe Mädchen steuerte kichernd auf den Eingang zu. Jede von ihnen trug einen Rock, der kaum über den Hintern reichte. Auf den ersten Blick hätte man sie glatt mit Frauen verwechseln können, die ihr Geld auf der Straße verdienten.
   »Na, wollen wir mal sehen, was da drin abgeht«, sagte Josie in spöttischem Ton. »Vielleicht dürfen heute nur aufgetakelte Tussen rein?«
   Samantha war froh, die neue, hautenge Jeans, das neue T-Shirt mit dem tiefen Ausschnitt und Sandalen mit Absatz angezogen zu haben. Auf diese Weise kam sie sich nicht ganz so gewöhnlich vor und konnte eventuell mit den sexy gestylten Mädchen mithalten, wenn es drauf ankam.
   Bereits im Eingangsbereich wurden sie von einer unerwarteten Menschenmenge gebremst, sodass sie sich mithilfe ihrer Ellbogen bis zur Bar vorkämpfen mussten. Dort war nicht weniger viel los, aber zumindest rückten ein paar ältere Jungs zur Seite. Nicht ganz uneigennützig, denn die Kerle musterten sie und Josie von oben bis unten.
   »Das Übliche?«, fragte die Kellnerin hinter der Theke.
   Josie nickte. Samantha warf einen Blick in die Runde. Vielleicht war Andy gekommen, doch bei so vielen Leuten war es schwer, ein bestimmtes Gesicht aus der Menge herauszupicken.
   »Kein Alkohol für euch zwei hübsche Girls?«
   Nicht gerade der beste Aufreißerspruch, aber besser als manch anderer, den Samantha bisher gehört hatte. Der Typ, der ihn vom Stapel gelassen hatte, grinste albern. Nüchtern war der nicht mehr.
   »Nicht alt genug«, antwortete Josie mit einem koketten Augenaufschlag.
   »Was heißt das? Werde ich verhaftet, wenn ich mit einer von euch beiden knutsche?«
   Sein kehliges Lachen bescherte ihr eine Gänsehaut. Der Blick, den er ihr zuwarf, widerte sie an.
   »Wir sind erst sechzehn«, klärte Josie ihn auf. »Und nein, du wirst nicht verhaftet, solltest du mit uns knutschen, aber«, drohend hob sie den Zeigefinger, »wenn du auch nur ansatzweise den Versuch dazu startest, bleibst du für den Rest deines Lebens impotent!«
   Er lachte und klopfte sich auf den Oberschenkel. »Der war gut. Übrigens, ich bin Oliver und studiere Jura.«
   Josie setzte eine beeindruckte Miene auf. »Wow, Jura.«
   Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus, was er aber wohl nicht bemerkte.
   Er grinste und entblößte einen abgebrochenen Schneidezahn. »Ist bei einer Schlägerei passiert«, sagte er schulterzuckend. »Aber ihr solltet mal den anderen Kerl sehen.«
   »Wow.« Josie wickelte sich kokett eine Haarsträhne um den Finger. »Du bist wohl einer von denen, die nicht lange reden?«
   »Manchmal muss man eben seine Fäuste sprechen lassen.«
   »Da hast du dir ja das richtige Studium ausgesucht.« Oliver überhörte Samanthas Bemerkung geflissentlich.
   »Ich bin dreiundzwanzig und könnte euch was Alkoholisches besorgen, wenn ihr wollt.«
   »Danke für dein Angebot, aber nein.« Das würde ihm so passen, Josie und sie abzufüllen, um später leichtes Spiel mit ihnen zu haben.
   »Hier, eure Cocktails.« Britta, die vollbusige Kellnerin mit der rot gefärbten Stoppelfrisur, stellte zwei Gläser auf die Theke. »Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber heute rennen uns alle die Tür ein.«
   Josie griff nach ihrer Geldbörse, aber Oliver kam ihr zuvor.
   »Die gehen auf mich.« Lässig schob er das Geld über den Tresen und bestellte den gleichen Cocktail für sich.
   »Cool, danke«, sagte Josie begeistert, reichte Samantha eines der Gläser und gab ihr ein unmissverständliches Zeichen, sich zur Flucht bereit zu machen. Was nicht einfach war angesichts der herrschenden Besucherdichte.
   »Was ist eigentlich los? Wieso sind so viele Leute da?«, fragte Samantha Britta, als sie Olivers Cocktail brachte.
   »Heute gibt’s Livemusik«, antwortete Oliver anstelle von Britta. »Die haben da hinten extra eine Bühne dafür aufgebaut.« Er nickte über ihre Köpfe hinweg.
   »Livemusik?«
   Oliver leerte sein Bier und tauschte das leere Glas gegen den alkoholfreien Cocktail aus. »Ja, ein paar Bands treten auf. Nachwuchstalente, die berühmt werden wollen, aber denen wird bald klar werden, dass sie hier an der falschen Adresse sind«, sagte er in geringschätzigem Ton.
   Britta krauste missbilligend die Stirn. »Es ist heute ein Talentscout hier. Er ist auf der Suche nach guten Bands. Aber davon hat unser Jurist hier ja keine Ahnung.«
   Samantha und Josie lächelten verstohlen.
   Oliver nippte skeptisch an seinem Glas und verzog angewidert das Gesicht. »Was zum Teufel ist das denn?«
   »Zitronensaft, Limettensaft, Mangosirup und Vanille«, antwortete Samantha und lachte, als sich Oliver schüttelte.
   »Wow, ist ja eklig. Da bleib ich lieber beim Bier.«
   »Wir sehen uns mal um, okay?« Josie lächelte und wollte sich verdrücken, doch Oliver hielt sie mit zusammengekniffenen Augen zurück.
   »Ihr habt nicht vor, mich hier sitzen zu lassen, oder?«
   »Natürlich nicht«, sagte Josie eilig.
   »Ich meine ja nur, schließlich hab ich eure Drinks bezahlt.«
   »Wir kommen bald wieder. Versprochen.«
   Sie zwängten sich durch die Umstehenden und kämpften sich zur Bühne vor. Um den nötigen Platz dafür zu schaffen, waren die Tische, die sonst hier standen, weggeräumt worden. Auch die Billardtische und Flipperautomaten fehlten. Die Dartgeräte waren hinten bei den Toiletten abgestellt worden. Zigarettenrauch und Schweißgeruch lagen in der Luft.
   »Irgendwann triffst du einen Kerl, der dich nicht einfach gehen lässt.«
   Josie winkte lachend ab. »Ach was. So haben wir uns das Geld für die Drinks gespart.«
   »Ich kann meine Getränke selbst bezahlen.«
   »Hey, sei nicht sauer. Das ist unser letzter, gemeinsamer Abend bis zum Schulbeginn.«
   »Erinnere mich bloß nicht daran.« Sie versuchte, einer Rauchwolke auszuweichen, die ein Junge in ihre Richtung blies, der aussah wie dreizehn. Auf der Bühne regte sich etwas. Sie drehten sich um. Die Musikboxen verstummten und Jon Bon Jovi’s Liebeserklärung wurde jäh unterbrochen. Das Licht ging aus, Sekunden später erhellten Spotlights die Bühne.
   »So, Leute, Charlie’s Bar wünscht euch gute Unterhaltung mit den Bands, die heute Abend ihr Bestes für euch geben«, verkündete Brittas sexy Stimme über Lautsprecher. »Unterstützt sie mit eurem Applaus. Let’s rock!«
   Unter tosendem Beifall erschien die erste Band. Fünf junge Frauen in Schuluniformen und High Heels, die langen blonden Haare seitlich zu frechen Pferdeschwänzen zusammengefasst. Die männlichen Zuschauer johlten vor Begeisterung. Die Mädchen rockten richtig ab und boten tolle Tanzeinlagen. Der Applaus nach ihrem letzten Song wollte nicht enden. Zwei Jungs mit Akustikgitarren kamen auf die Bühne. Sie setzten sich lässig auf rasch herbeigetragene Barhocker und legten los. Auch sie gaben neben Coverversionen eigene Songs zum Besten und brachten einige Mädchenherzen zum Schmelzen. Nach den beiden trat wieder eine Band auf, die im Stil von Slayer sangen. Nicht Samanthas Geschmack, aber Josie ging voll ab. Zwei weitere Bands folgten, dann wurde eine Pinkelpause eingelegt.
   Josie und Samantha verkniffen sich den Drang, auf die Toilette zu gehen, da sich bereits eine Riesenschlange vor besagter Tür gebildet hatte. Stattdessen nutzten sie die Gunst des Augenblicks und gingen ganz zur Bühne vor, wo sie einen besseren Blick auf die Musiker hatten. In diesem Moment erschienen vier Jungs, die, dem Publikum den Rücken zugewandt, miteinander sprachen. Einer von ihnen setzte sich hinter das Schlagzeug und vollführte kleine Kunststücke mit seinen Drumsticks, während die anderen E-Gitarren und Bass aus den Gitarrenständern nahmen.
   »Hast du Leo irgendwo gesehen?«, fragte Josie und kaute an der Unterlippe.
   Samantha schüttelte den Kopf.
   »Ich dachte nur … vielleicht … Ach, egal. Was macht denn Andy heute?«
   »Ist bei Simon in der Garage und hilft ihm, den neuen Heckspoiler anzubringen. Obwohl ich fast damit rechne, dass er hier auftaucht.«
   Josies Augen wurden groß. »Simon hat schon wieder Geld in seine Rostlaube gesteckt?«
   Samantha lachte. »Andy sagt, wir Mädchen verstehen nichts von diesen Dingen.«
   Die Zuschauer kehrten von ihren Pinkelausflügen zurück und applaudierten begeistert, als die vier Jungs auf der Bühne loslegten. Sie wandten sich dem Publikum zu und überraschten mit einem Sound, der jeden mitriss. Nur Samantha erstarrte, als sie dem Blick des Leadsängers begegnete. Das war doch der Typ aus der Werkstatt. Jayden. Na klar, den würde sie überall erkennen. Das kinnlange dunkle Haar, die fast schwarzen Augen, das freche Grinsen.
   »Was ist denn los?«, fragte Josie irritiert.
   Sie brauchte einen Moment, um sich zu fangen. Das war nicht einfach, da Jayden sie keine Sekunde aus den Augen ließ. »Ich kenne den Typ. Den Sänger.«
   »Was? Echt? Woher?«
   Samantha erzählte ihr von der Begegnung im Hinterhof der Werkstatt.
   Josie hob neugierig die Brauen. »Und?«
   »Und was?«
   »Nichts weiter? Andy hat ihn nicht blöd angemacht? Keine Eifersuchtsszene?«
   »Es hielt sich in Grenzen.«
   »Er hat eine sexy Stimme. Und er sieht super aus.«
   »Findest du?« Sie sah wieder zur Bühne und begegnete Jaydens Blick erneut. Er lächelte und flirtete offen mit ihr, während er seiner Gitarre die tollsten Töne entlockte und ins Mikro sang. Ihr wurde auf einmal ganz flau im Magen.
   »Ich glaube, der steht auf dich«, sagte Josie und zwinkerte. »Er sieht dich die ganze Zeit an, als würde er nur für dich singen. Die anderen Mädchen gucken schon ganz eifersüchtig.«
   »Du spinnst ja.«
   »Wollen wir wetten?«
   Samantha riskierte noch einen Blick. Tatsächlich. Jayden ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Ihr Herz fing an, schneller zu schlagen.
   »Wow! Andy würde vor Eifersucht in die Luft gehen, wenn er da wäre.«
   »Dass du ihm ja nichts davon erzählst.«
   »Was denn? Glaubst du, ich gebe dein süßes Geheimnis preis?«
   »Ich hab kein Geheimnis vor Andy. Er flippt nur bei so was sehr schnell aus.«
   »Ich weiß das und halte die Klappe. Genieß die Show!«
   Mit ihren Coversongs von Linkin Park, 30 Seconds to Mars und Green Day rissen die Jungs alle mit. Kein Körperteil blieb unbewegt, jeder tanzte völlig ausgelassen und sang mit.
   Samantha war ganz außer Atem, als sich die Band nach dem letzten Song verabschiedete. Die Leute pfiffen und johlten vor Begeisterung. Ohne zu übertreiben, bekam die Band den bisher lautesten Beifall von allen.
   Jayden griff sich noch einmal das Mikro, suchte erneut ihren Blick und zwinkerte ihr zu. »Wir sind Fantastic Four! Danke für’s Zuhören, Leute. Wir würden uns freuen, wenn ihr bei unserem nächsten Auftritt wieder dabei seid.«
   Der Schlagzeuger warf seine Drumsticks in die Luft und vollführte wieder kleine Kunststücke, dann winkten alle vier in die Menge und verließen die Bühne. Samantha sah ihnen nach. Das Geschrei um sie herum blendete sie aus. Hatte Jayden ihr echt zugezwinkert?
   »Die waren irre«, sagte Josie und riss sie aus den Gedanken. »Aber so was von irre!«
   Sie nickte nur. Irgendwie fehlten ihr die Worte. Ihre Haut kribbelte plötzlich auf eine ganz unangemessene Art.
   »Kommst du mit zur Bar? Ich brauch noch etwas Flüssiges.«
   Samantha spürte immer noch Jaydens Blicke auf sich gerichtet, als sie Josie durch die Menge folgte, obwohl er längst die Bühne verlassen hatte. Das war doch absurd. Seit wann ließ sie sich von einem harmlosen Flirt dermaßen verwirren? Josie bestellte für sie, und Britta schob die alkoholfreien Cocktails schwungvoll über die Theke. Oliver, der faustschwingende Jurastudent, war glücklicherweise nirgendwo zu sehen.
   »Hey, da hinten wird gerade ein Tisch frei. Setzen wir uns?«
   Samantha war es nur recht, von der Bühne wegzukommen.
   Britta folgte ihnen und wischte den Tisch eilig mit einem feuchten Lappen ab. »Wie gefällt euch die Show?«
   »Super! Wessen Idee war das, so etwas hier aufzuziehen?«, fragte Josie und nippte an ihrem Cocktail.
   »Die meines Bosses. Sein Sohn singt in einer Band. Es ist verdammt schwer, ins Musikgeschäft hineinzukommen. Da kam ihm die Idee, seinem Sohn und auch anderen guten Künstlern eine Chance zu geben, bekannt zu werden. Das Ganze läuft jetzt seit zwei Wochen und die Anfragen überhäufen sich. Seit es sich herumgesprochen hat, fahren manche Bands kilometerweit, nur um drei oder vier Songs bei uns zum Besten zu geben. Ich hoffe, das rentiert sich für alle. Aber wenn auch nur eine einzige Band die Chance kriegt, von einem Talentscout entdeckt zu werden und groß rauszukommen, hat sich die Mühe gelohnt.«
   Britta eilte an die Bar zurück.
   Eine weitere Band betrat die Bühne und erntete tosenden Applaus.
   »O nein, bitte nicht.« Josie stöhnte, als zwei Jungs zu ihnen an den Tisch traten.
   Sie hielten Bierflaschen und Zigaretten in den Händen und grinsten. »Was machen denn zwei so hübsche Girls allein an einem Tisch?«
   Josie verdrehte die Augen. »Auf jeden Fall warten wir nicht auf Obermachos wie euch.«
   Beide lachten. Wahrscheinlich kapierten sie nicht, was Josie meinte.
   »Wir können uns sicher zu euch setzen, oder? Damit ihr nicht mehr so einsam seid.«
   »Nein«, erwiderte Josie barsch. »Aber eine Zigarette kannst du mir spendieren, bevor ihr abzieht.«
   »Das ist nicht dein Ernst. Du willst doch keine rauchen?«, fragte Samantha erschrocken. Der Typ zog umständlich eine Packung Marlboro aus seiner Hosentasche.
   »Halt mir bloß keine Predigt, Sam. Ich bin frustriert genug, da ich die ganzen Ferien lang nach Kanada zu meinem Vater und seiner bescheuerten Tussi muss. Und Leo spricht nicht mehr mit mir. Wahrscheinlich hat er mich schon vergessen. Habe ich es da nicht verdient, mich ein bisschen gehen zu lassen? Was schadet es, wenn ich ein paar Züge nehme? Ich inhaliere doch nicht.«
   »Es schadet und ist eklig. Wenn du dir die in den Mund steckst, gehe ich.«
   »Hey, ist deine Freundin eine kleine Gesundheitsfanatikerin, oder wie?«
   »Halt die Klappe«, riefen Samantha und Josie gleichzeitig.
   »Jetzt mal cool bleiben, Ladies. Habt ihr Lust, ein bisschen rumzuknutschen?«
   »Oder zu fummeln? Ich hab da echt was zu bieten in meiner Hose. Wenn ihr mal fühlen wollt …«
   Der Kerl wagte es tatsächlich, Samanthas Hand zu nehmen. Bevor er sie in seinen Schritt ziehen konnte, entzog sie sie ihm mit einem Aufschrei.
   Der andere ließ die Zigarettenpackung wieder in der Hosentasche verschwinden, ohne Josie einen Glimmstängel abzugeben. »Lass uns abhauen. Hier gibt’s genug Bräute.«
   »Stimmt. So, prüde wie ihr drauf seid, kriegt ihr nie einen Kerl ab.«
   »Jaja, wir sterben einsam und jungfräulich, schon klar. Haut bloß ab, aber schnell«, sagte Josie ungehalten. Sie nippte an ihrem Cocktail und seufzte. »Ich will nicht einsam sterben, Sam. Ich will nur Leo.«
   Samantha erkannte Tränen in ihren Augen. »Hey, das mit euch kommt hundertprozentig wieder in Ordnung. Die Zeit mit deinem Dad wird bestimmt auch toll. Du vermisst ihn doch, oder?«
   »Ja, schon.«
   »Außerdem können wir skypen und auf Kosten deines Vaters miteinander telefonieren. War das nicht dein genialer Plan?«
   »Doch, aber …« Josie erstarrte. »O nein. Da ist Leo.«
   Der Ton ihrer Stimme verriet, dass sie sich vor dem Zusammentreffen mit ihm fürchtete.
   Aber es war zu spät, um die Flucht zu ergreifen, denn er hatte sie bereits entdeckt und kam geradewegs auf sie zu. Schon von Weitem erkannte sie seine Anspannung.
   »Na super. Da wird mir wohl nichts anderes übrig blei-ben, als mit ihm zu reden.« Sie kaute nervös am Daumennagel. »Aber auf keinen Fall hier. Nein, o nein, hier brauch ich keine Szene. Er sieht nämlich aus, als ob er mir eine Szene machen will.«
   »Nimm nicht gleich das Schlimmste an.«
   »Du hast gut reden. Wie sehe ich aus?«
   »Hübsch und sexy wie immer.«
   »Für diese Antwort bringe ich dir ein riesiges Geschenk aus Kanada mit.«
   »Das will ich auch hoffen. Hey, du schaffst das. Alles wird gut.«
   »Ich hoffe es.«
   Leo blieb wenige Schritte vom Tisch entfernt stehen.
   Josie wurde blass. »O Gott, mir ist übel. Er sieht so sauer aus. Ich geh mal kurz mit ihm vor die Tür, okay?«
   »Soll ich mitkommen?«
   »Nein, schon gut.«
   Die Begrüßung zwischen den beiden fiel wenig herzlich aus. Samantha hoffte, dass sich alles zum Guten zwischen ihnen wandte, damit Josie morgen früh beruhigt abfliegen konnte.
   Britta rauschte heran und stellte eine Cola auf den Tisch.
   »Die habe ich nicht bestellt.«
   »Weiß ich. Hat dir jemand spendiert.« Britta war wieder weg, bevor sie Genaueres in Erfahrung bringen konnte. Samantha sah sich fragend um. Wem hatte sie das Getränk zu verdanken? Doch nicht etwa Oliver?
   »Hi.«
   Sie drehte sich um. Jayden stand vor ihr. Sein Lächeln verursachte ein Ziehen in ihrem Bauch.
   »Hi, Samantha.«
   Die Art, wie er ihren Namen aussprach, trieb kleine Schweißperlen in ihren Nacken.
   Unaufgefordert setzte er sich neben sie. Das Haar fiel ihm frech in die Stirn, seine Augen funkelten. »Hier versteckst du dich also.«
   Sie schluckte. »Ich verstecke mich nicht.«
   »Dafür musste ich dich aber lange suchen.«
   Was sollte sie darauf sagen?
   »Ist dein Freund auch da?«
   »Nein, ich bin mit meiner Freundin hier.« Samantha tippte nervös mit einem Finger an ihr Glas.
   »Habe ich das richtige Getränk für dich ausgewählt?«
   »Die Cola ist von dir?«
   Er nickte und begutachtete den Cocktail. »Was ist das?«
   »Etwas Alkoholfreies für minderjährige Mädchen.« O nein, hatte sie das eben wirklich gesagt?
   »Minderjährig? Wie minderjährig bist du denn?«
   Sekundenlang hielt sie sein Blick gefangen. Was bezweckte er bloß damit? Wollte er sie unter den Tisch starren? »Ähm, fünfzehn. Übermorgen habe ich Geburtstag. Da werde ich, na ja, sechzehn.« Meine Güte, wieso redete sie so albernes Zeug?
   »Sechzehn. Wow. Ich habe dich älter geschätzt.«
   Hörte sie da etwa Enttäuschung aus seiner Stimme heraus?
   »Morgen spielen wir im Chantal Club. Gegen zwanzig Uhr. Nur drei oder vier Songs. Komm doch vorbei. Kannst auch deine Freundin mitnehmen.«
   Sie zögerte. »Hm. Also, morgen kann ich nicht. Da feiere ich hier in meinen Geburtstag rein.«
   »Schade. Aber deine Geburtstagsparty geht natürlich vor.«
   Wieder dieses Lächeln. Unwillkürlich begann ihr Herz, eine Spur schneller zu schlagen. Sie wickelte sich eine Locke um den Finger.
   »Ich finde es süß, dass es noch Mädchen gibt, die in meiner Nähe verlegen werden.«
   »Verlegen? Wieso sollte ich?« Sie legte die Hände in den Schoß. Jayden rutschte ein Stückchen näher.
   »Ich fände es echt klasse, wenn du mal mit mir ausgehen würdest.«
   Ihre Haut kribbelte. »Ich sagte doch, dass …«
   »Hab ich nicht vergessen.«
   »Wieso fängst du dann wieder damit an?«
   »Versuchen kann ich es, oder?«
   »Du wirst keinen Erfolg haben. Ich bin in festen Händen.« Er trank und sah sie dabei über den Rand des Glases hinweg an. Um seinem durchdringenden Blick auszuweichen, blickte sie auf ihre Armbanduhr. Wo blieb Josie nur?
   »Erfolg stellt sich oft erst nach einer ganzen Weile ein und ist meistens eine Frage der Geduld. Und ich kann sehr geduldig sein.«
   Samantha schluckte wieder und stand auf. Wenn er nicht kapierte, dass sie keine Absichten hegte, mit ihm auszugehen, musste sie es ihm eben zeigen. »Ich gehe jetzt.« Er stand ebenfalls auf und war ihr plötzlich näher, als ihr lieb war. Sie widerstand dem Impuls, zu fliehen. Wie lächerlich sähe das denn aus, wenn sie auf einmal wegrennen würde.
   »Schade. Ich hätte mich gern noch ein bisschen mit dir unterhalten.«
   Sie erwiderte nichts darauf und ging, so schnell es die anwesenden Gäste zuließen, Richtung Tür. Jurastudent Oliver stand dort mit einem Mädchen, das nicht abgeneigt schien, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Zum Glück achtete er deswegen nicht auf sie. Bevor sie ins Freie trat, warf sie einen Blick zurück. Jayden sah ihr lächelnd nach.

Als Samantha vor die Tür trat, roch es nach Regen. Die Straße war nass. Offensichtlich hatte es einen Platzregen gegeben. Die Lichter der Leuchtreklame spiegelten sich in den Pfützen wider. Neben dem Eingang lehnte ein Pärchen eng umschlungen an der Hauswand. Das Mädchen weinte, der Junge versuchte, es mit flüsternden Worten zu trösten. Vereinzelt standen Leute herum, unterhielten sich, lachten, knutschten, rauchten. Josie und Leo waren nirgends zu sehen. Ein paar Jungs schlenderten auf dem Weg zu ihren Autos an ihr vorbei. Einer lächelte ihr zu. Das lenkte ihre Gedanken zurück zu Jayden. Sie atmete durch und versuchte, die Erinnerung an seinen durchdringenden Blick abzuschütteln. Das war nicht einfach, denn dieser Blick hatte ihre Haut zum Kribbeln gebracht. Dabei durfte das nicht sein. Der Einzige, der ihre Haut bisher zum Kribbeln gebracht hatte, war Andy.
   »Sam?«
   Josies Stimme riss sie aus den Gedanken. Sie tauchte zwischen zwei Autos auf und sah furchtbar aus. Die Wimperntusche war verlaufen, der Lippenstift verschmiert, ihre Augen vom Weinen gerötet. Ihre Schultern bebten bei jedem Schluchzer. Samantha nahm sie wortlos in die Arme.
   »Leo hat Schluss gemacht. Er sagt, er lässt sich nicht mehr länger von mir hinhalten. Er hätte es satt, dauernd vertröstet zu werden und nur Händchen zu halten. Er will sich weiterentwickeln, und ich stehe ihm da im Weg.«
   Samantha wusste nicht, was sie sagen sollte. Kein tröstendes Wort würde den Schmerz lindern.
   Zitternd wischte sich Josie mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht und verteilte dabei die verlaufene Wimperntusche auf ihrer Wange. »Ich hasse ihn, Sam, ich hasse ihn so sehr, dass ich ihm jeden Knochen einzeln brechen könnte.«
   Um sie außer Reichweite neugieriger Zuhörer zu schaffen, lotste Samantha sie zu ihrem Auto hinüber und forderte sie sanft auf, einzusteigen. »Leo ist ein Idiot, Josie, er hat dich nicht verdient.«
   »Das weiß ich. Aber es tut weh. So weh.« Ihr Körper wurde wieder von Schluchzern geschüttelt.
   Samantha hielt sie fest und konnte selbst nur mühsam die Tränen unterdrücken. »Das geht vorbei.«
   »Wann? Wann denn? Ich halt das nicht aus.«
   »Ich weiß es nicht. Aber ich bin bei dir. Gemeinsam stehen wir das durch.« Das war jedoch gelogen, denn in ein paar Stunden würden sich ihre Wege bis zum Ferienende trennen. Wer war dann bei Josie, um sie zu trösten? Wer würde ihre Hand halten, ihre Tränen trocknen, ihr Mut zusprechen? Wenn sie Josie helfen wollte, musste sie das heute tun, und zwar so gut sie konnte. »Bist du imstande zu fahren?«
   Josie nickte.
   »Okay. Dann lass uns abhauen.«
   »Darum musst du mich nicht zweimal bitten.«
   »Nur, damit du es weißt – heute Nacht bleibe ich bei dir, egal, wie früh du morgen aufstehen musst.«
   »Aber ich muss wirklich früh raus.«
   »Na und? Ich liebe es, früh aufzustehen.«
   »Du hasst es.«
   »Na ja, meistens, aber nicht diesmal. Du wirst mich nicht los.«
   »Wir werden keinen Spaß haben, jetzt, da ich so mies drauf bin.«
   »Darum geht es nicht, Josie. Ich will einfach bei dir sein, dich im Arm halten und für dich da sein.«
   Josie lehnte sich zurück, schloss die Augen und atmete tief durch. »Ich bin so froh, dass du meine Freundin bist. Ohne dich würde ich das nicht durchstehen.«
   Samantha fasste nach ihrer Hand, aber sie wusste, dass Josie diesmal mehr brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen, als einen bloßen Händedruck.

Jayden

Jay schlug die Augen auf. Es war hell im Zimmer. Ein Blick auf den Wecker sagte ihm, dass es kurz vor sieben Uhr morgens war. Er stöhnte und fasste sich an die Stirn. Offenbar hatte er gestern Abend zu viel getrunken, aber die Band hatte allen Grund zum Feiern gehabt. Die Zuschauer hatten Fantastic Four zum besten Act des Abends gewählt. Danach war der Alkohol in Strömen geflossen. Auch später noch, als sie Charlie’s Bar verlassen hatten und durch die Clubs getingelt waren.
   Er setzte sich auf und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das Haar. Irgendwie hatte er keine Erinnerung mehr daran, wie er nach Hause gekommen war.
   Neben ihm rekelte sich eine Gestalt unter der Bettdecke. Er wartete darauf, dass ein Kopf zum Vorschein kam. Hatte er gestern ein Mädchen angebaggert? Wenn er sich bloß erinnern könnte. Er beugte sich zu der unbekannten Person hinüber und erhaschte einen Blick auf blondes Haar. Blondes Haar? Moment mal. Das war unmöglich.
   Bilder zogen durch seinen Kopf. Bilder von einem blonden Lockenkopf mit leuchtend grünen Augen. Samantha. Sein Puls legte einen Zahn zu. Das war in Charlie’s Bar gewesen. Nach dem Gig. Er wusste noch, dass er zu ihr an den Tisch gegangen war, nachdem sich ihre Freundin verzogen hatte. Und dann?
   Er stöhnte und schloss die Augen. Wer lag da neben ihm? Doch nicht etwa sie? Unmöglich. So schätzte er sie nicht ein. Sie hatte eher einen braven, unschuldigen Eindruck auf ihn gemacht. Aber wenn sich gestern die Möglichkeit geboten hätte, sie in sein Bett zu bekommen, und sie nur die leiseste Andeutung von Einverständnis gezeigt hätte – er hätte sie ohne zu zögern wahrgenommen. Sie war jedoch geflohen, ehe es dazu gekommen war.
   Er stieg aus dem Bett und ging ans Fenster. Der Himmel war blau und wolkenlos. Auf der Straße war einiges los. Er lehnte die Stirn an die Scheibe und schloss die Augen. Was war gestern Abend noch passiert? Wen hatte er abgeschleppt? Er wusste, dass die Freundinnen seiner Bandkollegen aufgetaucht waren und die weiblichen Fans verscheucht hatten. War Samantha auch dort gewesen? In diesem neuen Club?
   Wieder erschien ihr Bild vor seinem inneren Auge. Wie sie ihn anlächelte und dabei dieses faszinierende Funkeln in ihren Augen aufblitzte. Seltsam, dass ihm ein Mädchen derart im Gedächtnis blieb, mit dem er weder geschlafen noch geknutscht, das er nicht einmal in irgendeiner Weise unsittlich berührt hatte. Und das noch dazu in festen Händen war.
   Er rieb sich mit der flachen Hand über den Nacken. Obwohl er mit ihr geflirtet hatte, war sie nicht darauf eingegangen. Das war ihm noch nie passiert. Entweder bedeutete das, dass Samantha ihrem Freund treu, oder dass er, Jay, einfach nicht ihr Typ war. Er wandte sich seinem Bett zu. Die Person darin rührte sich. Ein nacktes Bein kam zum Vorschein. Ein Arm. Endlich das Gesicht.
   »Hm, Jay, wo bist du?«
   Sein Blick wurde hart, als ihm klar wurde, wer bei ihm war. Valerie, seine Exfreundin.
   Sie lächelte und stützte sich auf den Ellbogen. »Was machst du da drüben?« Langsam zog sie die Bettdecke weg und präsentierte sich ihm in voller Nacktheit.
   Die Erinnerung kam zurück. Valerie war gestern noch im Club aufgetaucht. Obwohl es seit Wochen zwischen ihnen aus war, lief sie ihm ständig hinterher. Wieso zum Teufel hatte er sich erweichen lassen, mit ihr zu schlafen?
   Valerie klopfte auf die Matratze. »Komm her zu mir.«
   Ihre Stimme war nur ein Hauch. Früher hatte ihn das angemacht. Jetzt nicht mehr.
   »Jay, worauf wartest du? Sieh mal, was ich für dich habe.« Sie rekelte sich und schickte ihm eine Kusshand zu.
   Okay, in seinem Schritt regte sich doch etwas. Valerie war heiß, keine Frage. Sie wusste, was ihm gefiel. Ohne jede Scheu erfüllte sie ihm jeden Wunsch. Nicht so wie Lockenköpfchen, die bestimmt allein beim Gedanken an Sex rot wurde. Er schüttelte den Kopf. Wieso dachte er schon wieder an sie?
   »Jay? Ich hab gerade irre Lust auf dich.«
   Er schluckte und bemühte sich, cool zu bleiben, aber das Pochen in seinem Schritt verriet ihn. Es war zu spät. Valerie hatte es wieder geschafft, ihn zu erregen.
   »Komm schon, lass mich nicht warten.«
   Er ging auf sie zu und blieb dann mit geballten Fäusten stehen. Es musste ein für alle Mal Schluss sein, sonst würde sie immer wieder bei ihm auftauchen. »Zieh dich an und verschwinde, Val. Ich weiß nicht, wie du mich rumgekriegt hast, aber jetzt ist es vorbei. Hau ab. Sofort.«
   Ihre verführerische Miene verwandelte sich in pures Entsetzen und Wut. Mit einem Aufschrei schleuderte sie die Fernbedienung des Fernsehers nach ihm. Um einer Diskussion zu entgehen, schloss er sich im Badezimmer ein und stellte sich unter die Dusche.
   Das lauwarme Wasser weckte seine Lebensgeister. Plötzlich war er hellwach. Gut, hatte er eben mit Valerie geschlafen. In Zukunft würde ihm das nicht mehr passieren. Vorbei war vorbei. Irgendwann musste sie es einsehen. Er war nicht geschaffen für feste Beziehungen. Er war nicht geschaffen dafür, jemandem echte Gefühle entgegenzubringen. Er war nicht geschaffen dafür, zu lieben, was immer das heißen mochte. In seiner Kindheit hatte es so etwas nicht gegeben. Die Betreuer im Waisenhaus hatten weit mehr zu tun gehabt, als den Kindern Liebe zu schenken. Von Umarmungen und Küssen ganz zu schweigen.
   Er ließ sich Zeit und verließ das Bad erst, als er die Tür zuschlagen hörte. Bravo, Valerie hatte mit dieser sinnlosen Aktion bestimmt alle anderen im Haus aufgeweckt.
   Jay zog sich an und sah aus dem Fenster. Valerie stieg gerade in ein Taxi. Schön. Von nun an … Seine Gedanken lösten sich in Nichts auf, als sein Blick auf das Bett fiel. Valerie hatte mit rotem Lippenstift eine Botschaft für ihn auf dem Laken hinterlassen. Ein einziges Wort. Arschloch.

Samantha

Samantha entging Moms neugieriger Blick nicht, als sie mit einiger Verspätung in Victoria’s Café kam.
   »Na, alles klar mit Josie?«
   Samantha band sich die weiße Schürze um und fasste ihre Locken zu einem widerspenstigen Knäuel im Nacken zusammen. »Nein. Sie ist völlig fertig. Ich bin noch mit zum Flughafen gefahren. Ihre Mom hat mich hergebracht.«
   »Das tut mir leid. Viel geschlafen hast du heute Nacht wohl nicht. Ich weiß, wie weh Liebeskummer tut.«
   Samantha sah auf.
   »Sieh mich nicht so an. Ich war auch mal jung, und Jungs waren schon zu meiner Zeit ein bisschen … na ja, nennen wir es körperbezogen.«
   »Wie wurde man früher damit fertig?« Mom ging hinter den Tresen, um die Kaffeemaschine einzuschalten. Gleich würde der Ansturm losgehen.
   »Ich glaube nicht, dass das heute anders gehandhabt wird. In der ersten Zeit suhlt man sich im Schmerz. Dann beginnt man, gegen den Verursacher des grauenhaften Zustandes Hass aufzubauen. Wenn man da angekommen ist, versucht man es krampfhaft mit der Eifersuchtstaktik. Man zeigt sich dem Ehemaligen mit vermeintlichen Nebenbuhlern und hofft, dessen Aufmerksamkeit zu wecken. Gelingt das, was sehr blöd wäre, schöpft man dummerweise neue Hoffnung. Gelingt es nicht, was logischerweise besser ist, baut man seinen Frust ab, in dem man sich mit anderen Jungs trifft, und ist plötzlich darüber hinweg.«
   Zwei Männer in dunklen Anzügen kamen herein und bestellten Kaffee zum Mitnehmen. Samantha beobachtete, wie der Kaffee in die Becher lief. Wenn sich Josie ebenfalls im Schmerz suhlte, wer würde sie trösten? Ihr Dad? Oder seine neue Frau? Wohl kaum. Josie kannte die nicht einmal. Ihr kleiner Halbbruder war auch keine Hilfe.
   Gegen Mittag blieb das Café leer. Die Leute waren zu Hause beim Essen. Während der Schulzeit kamen immer einige Schüler vorbei, um einen Happen zu essen, aber jetzt waren Ferien.
   Nachdem Mom die Tische sauber gemacht hatte, ging sie in die angrenzende kleine Küche, holte zwei Portionen Spaghetti vom Vortag aus einer Schüssel und verteilte sie auf zwei Teller, ehe sie sie in der Mikrowelle warm machte. Samantha gab reichlich Parmesan auf ihre Nudeln und setzte sich zu Mom an den Tisch. Eine Weile aßen sie schweigend.
   »Wie läuft es eigentlich zwischen dir und Andy?«
   Samantha ließ die Gabel sinken und sah auf. Was sollte diese Frage denn? »Was meinst du damit?«
   Mom tupfte sich mit einer Serviette den Mund ab. »Na ja, jetzt, wo ich das von Josie und Leo gehört habe, frage ich mich natürlich, ob Andy dich vielleicht auch in irgendeiner Weise bedrängt.«
   Sie schluckte. »Tut er nicht.«
   »Okay.«
   »Tut er echt nicht.«
   »Ich habe nämlich keine Lust, Großmutter zu werden, nur weil du ihn nicht verlieren willst und deshalb etwas Dummes machst. Wir sind noch viel zu jung dafür.«
   »Mom! Dieser Gedanke ist gruslig.«
   »Wem sagst du das? Ich weiß nämlich, wie es läuft, Schatz. Jungs in diesem Alter wollen ihre Erfahrungen machen und Spaß haben. Was ja in Ordnung ist, solange sie niemanden verletzen.«
   »Andy bedrängt mich nicht, okay? So ist er nicht. Zwischen ihm und mir ist alles in Ordnung.«
   »Das freut mich. Aber denk daran, falls irgendwann die Zeit kommt, wo er etwas möchte, was dir nicht geheuer ist, hast du das Recht, Nein zu sagen.«
   Sie wich Moms Blick aus und stocherte in ihrem Essen herum. Ihr war der Appetit vergangen. Ahnte Mom etwa, dass Andy seit Längerem mehr von ihr wollte? Oder hatte sie einmal ein Gespräch zwischen ihnen belauscht? Durch das Schlüsselloch geguckt und gesehen, wie sie im Bett lagen und knutschten? Unsinn. Mom würde so was nicht tun.
   »Können wir das Thema wechseln? Ich will nicht den ganzen Tag daran erinnert werden, wie schlecht es Josie gerade geht, weil ich ihr nicht beistehen kann.« Mit diesen Worten stand Samantha auf und trug ihren Teller in die Küche. Mom folgte ihr. Gemeinsam räumten sie das Geschirr weg und gönnten sich eine Tasse Cappuccino. Sie lehnten am Tresen und unterhielten sich über alles Mögliche, was nicht mit Jungs zu tun hatte. Trotzdem schweiften Samanthas Gedanken immer wieder ab zu Andy, und sie fragte sich, wie oft er ihr Nein noch akzeptieren würde, ehe er mit ihr Schluss machte.
   Die Eingangstür öffnete sich und ein Mann in Moms Alter kam herein. Er trug Jeans und ein kurzärmeliges weißes Hemd. Die obersten zwei Knöpfe waren offen. Er telefonierte und nickte Samantha und Mom lächelnd zu, bevor er sich an einen Tisch in der Nähe des Tresens setzte. Samantha bemerkte, dass Moms verstohlener Blick in seine Richtung durchaus Interesse bekundete.
   »Soll ich ein Date für dich arrangieren?«
   Mom blinzelte ertappt. »Was? So ein Quatsch.«
   »Wieso nicht? Er sieht gut aus.«
   Mom kehrte dem Gast den Rücken zu.
   »Ich könnte unauffällig gucken, ob er einen Ehering trägt.«
   »Treib es nicht zu weit.«
   Samantha konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, als Mom tatsächlich rot wurde. »Wenn er fertig telefoniert hat, geh zu ihm. Mach keinen Blödsinn.«
   »Wieso, wo willst du denn hin?«
   »Ich muss in der Küche etwas erledigen.«
   »So, was denn?« Ihr Grinsen wurde immer breiter. Mom führte sich plötzlich auf wie ein schüchterner Teenager.
   »Etwas eben.«
   »Etwas, hm? Schon gut, ich bediene ihn.« Mom verzog sich ohne ein weiteres Wort nach hinten.

Heute Abend war es so weit. Sie feierte ihren sechzehnten Geburtstag. Obwohl der in Wahrheit eigentlich auf den Sonntag fiel. Die Idee, ihren Geburtstag am Samstagabend zu feiern, war Samantha vor einer Weile gekommen. So hatte sie Sonntagnachmittag Zeit für ihre Verwandten, die zu diesem Anlass jedes Jahr mit Pauken und Trompeten eintrudelten. Außerdem fuhren viele ihrer Freunde Sonntagfrüh in den Urlaub und hätten deshalb keine Möglichkeit, an ihrer Feier teilzunehmen. Es war traurig genug, dass Josie, July und Carrie nicht da waren.
   Sie schlüpfte in ihre Unterwäsche und musterte sich kritisch im Spiegel ihres Kleiderschrankes. Das tat sie neuerdings oft. Genauer gesagt, seit Andy das erste Mal mit ihr schlafen wollte. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie sich erschrocken hatte, als er sie ohne Vorwarnung in ihr Bett zog. Zuerst waren seine Küsse und Berührungen noch sanft und zärtlich, aber nach ein paar Minuten, als sie seine Erektion deutlich durch die Jeans spürte, veränderte sich etwas. Seine Küsse wurden fordernder, er versuchte unentwegt, ihr das T-Shirt auszuziehen, und nestelte ungeduldig am Knopf ihrer Hose herum. Er war erst zur Besinnung gekommen, als sie sich energisch gewehrt hatte.
   Samantha schob die Gedanken beiseite und ließ den Blick über ihren Körper wandern. Okay, sie war obenrum nicht so gut gebaut wie einige ihrer Klassenkameradinnen. Und ihre Oberschenkel waren ein bisschen zu dick für ihren Geschmack, aber ihr Bauch war flach und ihr Hintern knackig. Das machte diesen Makel wieder wett. Außerdem war sie stolz auf ihre naturblonden Locken, obwohl sie sich manchmal glatte Haare wünschte. Andy hatte sich sofort in ihre leuchtend grünen Augen verliebt. Was wollte sie mehr?
   Sie seufzte und schob die Unterlippe vor. Seit dem Gespräch mit Mom ging ihr der Gedanke, mit Andy zu schlafen, nicht mehr aus dem Kopf. Klar konnte sie Nein sagen, wenn sie etwas nicht wollte, aber wie oft? Wann hatte ein Junge die Nase voll? So wie Leo. Es lag ja nicht daran, dass sie keine Lust hatte, aber es gab da dieses minimale Gefühl der Furcht, das sie einfach nicht los wurde. Furcht davor, etwas falsch zu machen und ihn zu enttäuschen. Jungs servierten Mädchen nämlich auch ab, wenn ihnen der Sex nicht den gewünschten Spaß brachte. Das hatte sie schon oft gehört.
   Schluss mit diesen tristen Vorstellungen. Vielleicht sollte sie endlich mit ihm schlafen, um es hinter sich zu bringen. Die Idee hatte nichts Romantisches an sich. Aber Andy bekäme seinen Willen, und sie müsste ihn nicht mehr zurückweisen.
   Ihre Gedankengänge erschreckten sie. Sie war doch bis über beide Ohren in ihn verliebt. Wieso musste sie sich dann überwinden, mit ihm intim zu werden? Vielleicht, weil mit jemandem zu schlafen, nicht einfach so etwas war, wie ein Eis zu essen? Da ging es um mehr. Ob man bereit war, das dem anderen zu geben.
   Noch einmal atmete sie tief durch und fasste einen Entschluss. »Ich bin bereit. Morgen werde ich sechzehn. Zeit, erwachsen zu werden und meine Erfahrungen zu sammeln. Nach der Party verdrücke ich mich mit Andy ins Seehaus und schlafe mit ihm.« Sie sah ihr Spiegelbild an. »Ist es wirklich das, was du willst, Samantha Ames?« Niemand antwortete ihr.
   Gegen sieben kam Andy. Er parkte vor dem Haus und sah zu ihrem Fenster hoch. Samantha kaute nervös auf der Unterlippe, als er auf die Haustür zuging und klingelte. Wie immer, wenn sie ihn sah, verspürte sie ein aufregendes Kribbeln im Bauch. Sie ging hinunter und begrüßte ihn im Flur mit einem Kuss. Andy drückte sie sanft an sich. Sie konnte ihm nicht widerstehen und sank mit einem Seufzer an seine Brust.
   »Du siehst toll aus«, flüsterte er und legte eine Hand auf ihren Hintern.
   Obwohl Mom in der Küche war, ließ sie es zu. »Danke. Dabei habe ich blind in den Schrank gegriffen.« In Wahrheit hatte sie sich dreimal umgezogen, ehe sie sich letztendlich für den dunkelblauen Jeansrock und das tief ausgeschnittene weiße T-Shirt entschieden hatte. Schwarze Riemchensandalen mit Absatz rundeten das Outfit ab. »Mom, wir gehen jetzt. Ich weiß noch nicht, wann ich heimkomme. Ist doch in Ordnung, wenn Andy dabei ist, oder?«
   Mom blieb mit einem Messer in der einen und einer Zwiebel in der anderen Hand an der Küchentür stehen. »Wenn du dich an die Regeln hältst. Kein Alkohol, keine Drogen, keine Zigaretten, keine gefährlichen Abenteuer.«
   Samantha rollte genervt mit den Augen. »Ja, Mom, ich weiß.«
   »Und du«, sie wandte sich ebenso ernst an Andy, »rührst keinen Tropfen Alkohol an, wenn du fährst. Klar?«
   »Klar, Miss Ames. Ich pass gut auf Sam auf und bring sie heil zurück.«
   »Das will ich hoffen.«
   Sie bedachte Mom mit einem tadelnden Blick. Das reichte jetzt. Wortlos öffnete sie die Tür und schob Andy hinaus.
   »Oh, Sam, warte. Beinahe hätte ich es vergessen. Tante Bell und Onkel Harold werden in etwa einer Stunde da sein. Ich habe sie mit den Jungs im Seehaus einquartiert.«
   Im Seehaus? O nein. Dort wollte sie doch nach der Party mit Andy hin.
   »Das Gästezimmer habe ich für deine Großeltern vorbereitet, nur dass du Bescheid weißt, falls du jemanden mitten in der Nacht herumschleichen hörst. Sie beehren uns alle bis Montagabend. Jetzt geh und amüsier dich, solange du noch fünfzehn bist, meine Süße.«
   Samanthas Plan löste sich in Luft auf. Sie folgte Andy zum Auto und stieg ein. Und jetzt? Das Seehaus wäre perfekt gewesen, um mit Andy die Nacht dort zu verbringen. Bei Kerzenschein und leiser Musik, während draußen Grillen zirpten und Frösche quakten. Vielleicht wären sie vorher noch im See geschwommen oder hätten Arm in Arm auf dem Steg gesessen und die Beine ins Wasser baumeln lassen. Schade. Aber sie konnte wohl schlecht Tante Bell bitten, sich irgendwo ein Hotelzimmer zu suchen.
   »Was ist los?«
   Wie sollte sie anfangen?
   »Sam?«
   Sie räusperte sich und richtete den Blick geradeaus, als gäbe es etwas auf der Straße, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. »Nichts. Ich wollte nur … Ich dachte … Nach der Party würde ich gern mit dir allein sein.«
   »Mit mir allein?«
   »Ja. Eigentlich dachte ich, wir könnten zum Seehaus fahren, aber du hast ja gehört, dass das nicht geht. Jetzt weiß ich auch nicht.« Sie zupfte an ihren Haarspitzen.
   »Moment mal. Du willst mit mir allein sein? Um was zu tun?«
   Sie schluckte. »Na ja, du weißt schon …«
   »Du willst mit mir schlafen?«
   Andys Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung. Ihr Puls beschleunigte sich. Musste er seine Freude darüber so überschwänglich ausdrücken?
   »Wenn es dir wirklich ernst damit ist, kann ich den Schlüssel für eines der Gästehäuser aus dem Büro meines Onkels holen. Die werden erst ab Montag vermietet. Da wäre es schön gemütlich, und wir wären völlig ungestört.«
   »Okay. Klingt gut.«
   »Hast du Kondome dabei?«
   »Ich? Nein!« Kondome? Daran hatte sie nicht gedacht.
   Er lächelte und drückte ihre Hand. »Keine Sorge, ich besorg welche.«
   Nun wurde ihr doch etwas mulmig zumute. Räuspernd entzog sie ihm ihre Hand und ballte sie zur Faust.
   Andy krauste skeptisch die Stirn. »Bist du dir sicher?«
   »Ja. Bin ich.«
   »Wann hast du das beschlossen?«
   »Ich denke schon länger darüber nach, aber irgendwie war der richtige Zeitpunkt noch nicht da.« Wieso log sie ihn an? Den Entschluss hatte sie erst vor ein paar Minuten gefasst.
   »Und jetzt ist der richtige Zeitpunkt auf einmal da?«, fragte Andy nach.
   »Welcher Zeitpunkt könnte besser sein als mein Geburtstag?«
   Er legte seine Hand auf ihr Knie und nickte. »Stimmt. Gleichzeitig gebe ich dir das beste Geburtstagsgeschenk, das du jemals bekommen hast.«
   Nun war es also beschlossene Sache. Heute Nacht würde sie mit Andy schlafen. Sie konnte es nicht einmal Josie mitteilen, da sie meilenweit weg war. Plötzlich verspürte sie das unangenehme Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben, aber es war zu spät, um umzukehren.

Auch heute Abend herrschte in Charlie’s Bar akuter Platzmangel. Die Liveauftritte der Nachwuchsbands hatten sich schnell herumgesprochen und Gäste in verschiedenen Altersklassen angelockt. Samanthas Freunde, vorwiegend Leute aus der Schule, waren bereits da und überhäuften sie mit Glückwünschen und kleinen Geschenken. Sie tanzten ausgelassen, lachten, stießen mit alkoholfreien Cocktails an und zogen über einige Lehrpersonen her. Irgendwann verkrümelte sich Andy ohne großes Aufsehen, war aber bald wieder zurück. Mit einem fetten Grinsen, das ihm von einem Ohr bis zum anderen reichte.
   Nach drei Stunden mitten im Gedränge ergatterte er einen freien Tisch für alle in einiger Entfernung zur Bühne, wo man sich gerade noch unterhalten konnte, ohne schreien zu müssen. Sie quetschten sich um den Tisch und stießen mit Bier in Flaschen an. Samantha hatte ein ungutes Gefühl dabei, da sie Mom versprochen hatte, keinen Alkohol zu trinken, aber, verdammt, es war ihre Geburtstagsfeier, da würde sie wenigstens ein paar Schlucke mit ihren Freunden trinken dürfen. Mom musste ja nichts davon erfahren. Außerdem wollte sie sich ein bisschen Mut antrinken, für das, was sie nach der Party vorhatte, und Andy hatte versprochen, nicht mehr als ein Bier zu trinken.
   Als die Band auf der Bühne ein Liebeslied zum Besten gab, entriss Andy Samantha ihrem Freundeskreis und zog sie auf die Tanzfläche.
   »Hey, Süße«, flüsterte er. »Du siehst sehr sexy aus.«
   Ihr Herz machte einen Satz. Um seine Worte zu unterstreichen, legte er seine Hände auf ihren Hintern. Das tat er nicht zum ersten Mal, aber diesmal fühlte es sich anders an. Intensiver. Vertrauter. Erwartungsvoller. Sie schmiegte sich an ihn und ließ zu, dass er sie vor allen leidenschaftlich küsste. Eigentlich mochte sie es nicht, wenn er sie inmitten von anderen so küsste, aber diesmal passte es einfach.
   »Ich hab den Schlüssel und eine Packung Gummis«, raunte er ihr wenige Minuten später zu.
   Zu ihrer Schande wurde sie rot.
   »Du bist doch dabei, oder?«
   Ihre Stimme klang rau, als sie bejahte. Er schob seine Finger zwischen ihre.
   »Ich kann es kaum erwarten, endlich mit dir allein zu sein.«
   Das mulmige Gefühl kehrte zurück. Ihr Puls schlug eine Spur schneller.
   »Gegen Mitternacht verdrücken wir uns, okay?«
   Sie stimmte zu und wich seinem forschenden Blick aus, damit er ihre Unsicherheit nicht bemerkte. Als sie an den Tisch zurückkehrten, hatten sich einige ihrer Freunde bereits verdrückt. Zurückgeblieben waren Geburtstagskarten und kleine Geschenkpäckchen, die Samantha erst zu Hause öffnen wollte. Sie verstaute alles in ihrer Handtasche, während sich Andy an der Bar etwas zu trinken holte.
   Immer wieder sah sie auf die Uhr. Bald Mitternacht. Ihre Nervosität stieg. Nur gut, dass die anderen nichts mitbekamen. Die feierten völlig ausgelassen.
   Andy riss sie mit einem stürmischen Kuss aus den Gedanken. Seine Hand wanderte dabei ungeniert unter ihr T-Shirt. Sie erschrak und schob sie weg.
   »Du bist so sexy, Sam. Freust du dich schon?«
   Wieder versuchte er, ein Stückchen Haut zu ertasten, wieder verwehrte sie ihm das. »Hör auf damit!«
   »Was hast du?«
   »Wir sind nicht allein, also hör auf, mir an die Wäsche zu gehen! Und frag nicht ständig, ob ich mich freue.«
   Verwirrt krauste er die Stirn. »Tut mir leid, Sam. Ich wusste nicht, dass …«
   »Nein, mir tut es leid, Andy«, sagte sie ruhiger. »Ich … Keine Ahnung. Ich bin so aufgeregt, und wenn du von nichts anderem mehr redest, macht es das nur schlimmer.«
   »Das verstehe ich. Aber ich kann’s doch kaum erwarten.«
   Sie brauchte Abstand. Er kapierte überhaupt nichts. »Ich … ich muss mal …« Sie stand so rasch auf, dass sie sich das Knie am Tischbein anstieß. Ganze Mädchenschwärme belagerten die Toilettenkabinen. Ihr Gelächter war bis nach draußen zu hören. Samantha ging zu einem Waschbecken und ließ kaltes Wasser über ihre Hände laufen. Das tat gut, allerdings verdrängte es nicht die Nervosität. Eine Weile beobachtete sie das Kommen und Gehen der Mädchen, hörte ihr Gekicher und Geflüster, das Klacken ihrer Stöckelschuhe auf dem Fliesenboden und das Zischen ihrer Haarsprays. Fast alle warfen einen Blick in den Spiegel, bevor sie die Toilette verließen, die meisten frischten ihr Make-up auf und kämmten sich. Niemand beachtete sie, die da am hintersten Waschbecken lehnte und ihr Spiegelbild anstarrte.
   Samantha stand geschlagene zehn Minuten herum. Was machte sie hier? Sie versteckte sich. Das tat sie tatsächlich, denn der Uhrzeiger bewegte sich rapide schnell auf Mitternacht zu und ihr wurde mehr und mehr bewusst, dass sie nicht mit Andy schlafen wollte. Nicht heute. Sie stöhnte und schloss die Augen. Was sollte sie tun? Er würde stinksauer sein, wenn sie ihm das sagte, schließlich hatte er schon den Schlüssel für das Haus besorgt und freute sich darauf. Sie fühlte sich mies. O Gott. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht, ihm zu sagen, sie würde heute mit ihm schlafen?
   Sie brauchte weitere fünf Minuten, bis sie sich dazu aufraffen konnte, den Waschraum zu verlassen. Wenn sie Andy sagte, was Sache war, würde dieser Abend mit Sicherheit in einem Streit enden. Das konnte sie ihm nicht verdenken, aber sie musste auf ihr Innerstes hören. Und das sagte, wenn auch ein bisschen spät, laut und deutlich Nein.
   Es herrschte immer noch großes Gedränge überall. Ein Durchkommen war ohne Einsatz der Ellbogen ein Ding der Unmöglichkeit.
   »Hey, pst«, hörte sie jemanden hinter sich sagen.
   Sie blieb stehen, eingeklemmt zwischen drei Jungs, die sie mindestens um einen Kopf überragten. Samantha sah, dass einer von ihnen einen goldenen Ohrstecker trug, dann wurde ihr von hinten ein Tuch über die Augen gelegt.
   »Andy?« Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Jetzt wollte er bestimmt mit ihr zum Haus fahren. »Andy, warte, ich …« Der Lärm verschluckte ihre Worte. Also ließ sie sich nach draußen führen, um dort mit ihm zu reden. Sie hörte die Leute im Vorbeigehen kichern und kam sich auf einmal ziemlich albern vor. Samantha versuchte, das Tuch zu entfernen, doch Andy hinderte sie daran. »Das ist ein blödes Spiel. Nimm mir die Binde ab.« Er gehorchte nicht. »Andy … Ich muss mit dir reden.« Keine Reaktion. Sie resignierte, ließ sich von ihm ins Auto helfen und den Sicherheitsgurt anlegen. Dabei streifte er mit der Hand über ihre Brust. Sie zuckte zusammen, sagte aber nichts. Bald würde er mehr berühren als nur ihre Brüste, wenn sie nicht endlich den Mund aufmachte. »Was soll das mit der Augenbinde? Ich nehme das Ding jetzt ab.«
   »Überraschung«, flüsterte er ihr ins Ohr und hielt ihre Hände fest.
   Na toll. Er startete das Auto und machte die Musik an. Hey you erklang. Seit wann hörte Andy Pink Floyd? »Ich muss dir etwas sagen.« Als er seine Hand auf ihr Knie legte, zögerte sie. Ihr wurde ganz flau im Magen. »Andy, ich weiß, dass ich gesagt habe, dass ich heute mit dir schlafe, aber ich kann nicht. Nicht heute.« Mit angehaltenem Atem wartete sie auf seinen Wutausbruch, doch er blieb aus. Hörte er nicht, was sie sagte? »Ich meine es ernst. Ich weiß, dass ich gesagt habe, dass ich heute mit dir schlafe, aber … irgendwie habe ich plötzlich ein ungutes Gefühl dabei.« Sie fuhren eine Anhöhe hinauf. Samantha spürte, dass die Straße holpriger wurde. Andy war also auf dem Weg zu einem der Gästehäuser, die sein Onkel im Sommer vermietete. Er schwieg immer noch. Sie bekam feuchte Hände. »Wenn du deshalb sauer bist, kann ich das verstehen, aber ich hoffe …« Sie schluckte einen schweren Kloß hinunter. »Ich hoffe wirklich, dass du es nicht bist.« Er drehte die Musik lauter und zog seine Hand zurück. Okay, er war wütend. Den Tränen nahe presste sie die Lippen zusammen. Sie wollte ihn nicht enttäuschen, aber ihr blieb keine andere Wahl.
   Nach ein paar Minuten holpriger Fahrt hielt er endlich an und stieg aus, um die Beifahrertür für sie zu öffnen. »Kann ich das Ding jetzt endlich abnehmen?« Dass er nicht mehr mit ihr sprach, tat weh. Ohne zu antworten, umfasste er ihre Taille und führte sie vom Auto weg. Der Boden fühlte sich weich an unter ihren Sandalen. Und etwas kitzelte sie an den Beinen. War das Gras? »Wo sind wir hier?« Anstatt zu antworten, führte er sie weiter.
   Nach einigen Schritten blieb er endlich stehen. Samantha wartete, aber nichts geschah. Dabei spürte sie doch, dass er vor ihr stand. »Andy?« Sein Atmen klang angespannt. »Andy …« Er schnitt ihr das Wort mit einem sachten Kuss ab. Dabei berührte sein Mund den ihren kaum. Trotzdem entfachte die Liebkosung Hitze in ihr. Als er sich zu schnell zurückzog, seufzte sie. Er trat hinter sie und entfernte das Tuch. Sie musste ein paarmal blinzeln, ehe sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Sie nahm den Geruch feuchter Erde wahr und einen intensiven Duft nach Tannennadeln. Moment mal, hatte Andy sie in den Wald gebracht? »Wo sind wir?«
   »Sieh geradeaus.«
   Samantha gehorchte. Gleichzeitig schaltete Andy die Autoscheinwerfer ein. Entsetzen durchfuhr sie, als sie bemerkte, dass sie vor einem steilen Abhang stand. Mit einem Aufschrei wich sie zurück und prallte gegen Andy. Doch als sie ihn ansah, war es überhaupt nicht Andy, sondern Jayden. Sekundenlang war sie sprachlos. Ohne das geringste Zeichen von schlechtem Gewissen lächelte er sie an. »Ich verstehe nicht …«
   »Keine Bange, bei mir bist du in sicheren Händen.«
   »Was soll das heißen? Hast du mich entführt?«
   Er schüttelte den Kopf. »Du bist freiwillig mitgekommen.«
   »Das ist nicht wahr.«
   »Habe ich dich in mein Auto gezerrt? Nein.«
   »Du … du wolltest mich umbringen!«
   »Umbringen? Wie kommst du denn darauf?«
   »Der Abhang. Ich wäre fast runtergefallen.«
   »Blödsinn.«
   »Blödsinn? Was …?« Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was das soll. Bring mich sofort wieder zurück.«
   »Hey, beruhig dich mal.«
   »Wie kann ich das, wenn ich nicht weiß, was los ist?«
   »Keine Sorge, du wirst rechtzeitig zum Date kommen.«
   Die Worte erinnerten sie daran, dass Jayden sie berührt hatte. O nein. Unbewusst fasste sie sich mit den Fingerspitzen an die Lippen. Hitze schoss ihr in die Wangen. Wo war das berühmte Loch, in das man versinken konnte?
   »Wenn ich dich richtig verstanden habe, willst du kein Date. Zumindest keins mit deinem Loser-Freund.«
   Welche Peinlichkeit kam da noch auf sie zu? »Bring mich zurück.« Sie wollte an ihm vorbei zum Auto gehen, doch er hielt sie zurück.
   »Warte. Ich möchte dir nur das da zeigen.«
   »Was?«
   »Dreh dich mal um.«
   »Du …«
   »Dreh dich einfach um.«
   Sie tat es und war erstaunt über den Anblick, der sich ihr bot. Kettle Lake lag ihr in Form eines bunten Lichtermeeres zu Füßen. So lebendig hatte sie ihre Heimat noch nie gesehen. Minutenlang ließ sie den Anblick still auf sich wirken.
   Jayden stellte sich so nahe neben sie, dass sich ihre Handrücken berührten. »Alles Gute zum Geburtstag.« Seine Stimme war nur ein Flüstern.
   Die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Sie wandte sich ihm zu. Ihre Blicke begegneten sich. Samanthas Herz schlug laut. Sekundenlang war es ihr unmöglich, sich von seinen Augen loszureißen.
   »Gefällt’s dir?«
   Sie schluckte. »Ja. Danke für dieses ungewöhnliche Geschenk.«
   »Gern geschehen.« Er lächelte.
   Sie lächelte zurück. Die Situation war seltsam. Verlegenes Schweigen folgte, in dem sich ihre Handrücken immer noch berührten. Samantha räusperte sich. »Jayden, warum tust du das hier? Ich meine …«
   »Weil ich dich sehen wollte. Unbedingt.« In seinem Blick lag genauso viel Ernst wie in seiner Stimme. »Ich habe gehofft, dass du heute doch noch im Chantal Club auftauchst. Wir haben vier Songs gespielt. Es lief gut. Aber du bist nicht erschienen, deshalb …«
   Samantha hielt den Atem an, als er näher kam. Er würde sie doch nicht noch einmal küssen? Die Vorstellung war verlockend und beängstigend zugleich. Wie gebannt hing sie an seinem Blick. Seine Augen funkelten. Er hob die Hand und strich mit den Fingerspitzen über ihre Wange. Die Berührung jagte noch mehr Hitze durch ihren Körper. Verunsichert wich sie zurück. »Ich, also, ich muss jetzt gehen.« In ihrem Bauch schwirrten Horden von Schmetterlingen herum.
   »Zu deinem Freund? Mit dem du nicht schlafen willst?«
   Schlagartig wurde sie rot. Sie hätte die Klappe halten sollen. Aber wie konnte sie ahnen, dass nicht Andy ihr die Augen verbunden hatte, sondern Jayden? »Das geht dich nichts an.«
   »Ich wette, wenn ich dein Freund wäre, würdest du, ohne zu zögern, mit mir schlafen.«
   Samantha spürte seine Blicke in ihrem Nacken. Mit zitternden Händen öffnete sie die Beifahrertür und hielt erschrocken inne, als ihr Handy klingelte. Es war Andy. O nein. Sie entfernte sich ein paar Schritte und nahm den Anruf an.
   »Wo bist du? Ich suche dich schon überall!«
   »Ähm, ich … ich musste mal raus an die frische Luft. Ich komme gleich rein, okay? Gib mir fünf Minuten.« Schweigen. »Andy? Bist du noch da?«
   »Fünf Minuten, Sam.« Er war stocksauer und legte auf, ohne sich zu verabschieden.
   Na toll. Jetzt musste sie etwas ausbaden, wofür sie nichts konnte. Seufzend ließ sie sich auf den Beifahrersitz fallen.
   »Kein gutes Gespräch?«
   »Halt die Klappe und fahr!«
   »Ist dein Loser-Freund sauer?«
   »Wieso nimmst du dir die Frechheit heraus, ihn so zu nennen? Du kennst ihn nicht.« Jayden wendete und fuhr die holprige Straße langsam bergab. Zu langsam. Wahrscheinlich zögerte er alles hinaus, damit sie noch mehr Schwierigkeiten mit Andy bekam.
   »Tut mir leid, wenn ich euch den Abend versaut habe.«
   Seine Stimme klang ernst, ohne Anzeichen von Spott, aber sie traute ihm nicht. Wieso sollte es ihm jetzt auf einmal leidtun? Er wusste, dass sie ihren Geburtstag feierte. Er wusste, dass sie mit Andy zusammen war. Trotzdem hatte er sie entführt. Und schlimmer noch, geküsst. Wobei sie sich nicht sicher war, ob die sachte Berührung tatsächlich als Kuss durchging. Glücklicherweise herrschte wenig Verkehr, sodass sie gut vorankamen. In fünf Minuten schafften sie es dennoch nicht. Jayden hielt auf dem Parkplatz vor Charlie’s Bar, und Samantha stieg wortlos aus.
   Nur wenige Sekunden, nachdem er weggefahren war, trat Andy mit saurer Miene ins Freie. »Wieso haust du einfach ab? Ich habe mir Sorgen gemacht!«
   Samantha senkte die Lider. Sie sollte ihm erzählen, was passiert war. Dass sie nichts dafürkonnte. Dass … Sie brachte es nicht über sich. Was, wenn er alles falsch verstand? Was, wenn er glaubte, dass sie das Treffen mit Jayden geplant hatte? Sie musste schweigen, auch wenn sie Jayden eine Abreibung gegönnt hätte. »Ich … ich wollte …«
   Er packte sie grob am Arm und zog sie hinter sich her zu seinem Auto. »Bist du wirklich zu feige, um mir ins Gesicht zu sagen, dass du doch nicht mit mir schlafen willst?« Er ließ sie los und stemmte die Hände in die Seiten. »Du hättest es mir einfach sagen können, Sam. Du musst nicht weglaufen oder draußen herumlungern.« Enttäuscht schüttelte er den Kopf. »Ich wusste es bereits, als ich dir den Schlüssel für das Haus gezeigt habe. Du hättest mal deinen Gesichtsausdruck sehen sollen. Verdammt, Sam, was ist so schlimm daran, mit mir zu schlafen? Glaubst du etwa, ich verwandle mich dabei in ein Monster?«
   »Nein! Nein, natürlich nicht.« Warum tat sie ihm bloß derart weh? »Es tut mir leid«, flüsterte sie mit Tränen in den Augen und fasste nach seiner Hand, aber er wich ihr aus.
   »Ich verstehe einfach nicht, warum ihr Mädchen so eine große Sache um das erste Mal macht.«
   Sie schluckte. »Weil … weil es etwas Besonderes ist. Für mich zumindest.«
   »Warum fällt es dir schwer, mich in deine Nähe zu lassen? Bin ich dir nicht gut genug?«
   »Nein, du verstehst mich falsch, Andy.« Sie suchte nach den richtigen Worten. »Ich möchte mit dir schlafen, wirklich, aber … nur eben noch nicht jetzt. Es tut mir leid, dass ich dachte …«
   »Nein, du willst nicht wirklich, Sam. Du vertraust mir nicht. Und deine Gefühle für mich sind nicht stark genug.«
   »Was? Nein. Meine Gefühle …«
   »Ich bin müde. Steig ein, ich fahr dich nach Hause.«
   Um das Ganze nicht noch schlimmer zu machen, gehorchte sie.
   Während der Fahrt schwieg er verbissen und würdigte sie keines Blickes. Als sie ausstieg und ihm eine gute Nacht wünschte, fuhr er ohne Erwiderung davon. Sie lief in ihr Zimmer, kroch ins Bett und weinte.
   Happy Birthday, Samantha!
   Was ist wirklich wichtig auf der Welt?
   Ein Arm, der mich ganz zärtlich hält,
   ein Mund, der mich so sanft berührt,
   eine Hand, die mich verführt …

All das ist ganz wundervoll,
und ich fühle, ich bin toll,
denn er nimmt meinen Körper wahr
und Streicheln ist so wunderbar.

Doch muss es jetzt schon weitergehen?
Kann er mich denn nicht verstehen?
Dass ich lieber warten mag,
auf den einen, schönen Tag.

Wenn Romantik uns umschlingt
und mein Herz zum Schlagen bringt,
wenn ich mich ganz öffnen kann,
dann geschieht es – irgendwann.

Denn dann ist es für mich richtig,
und das ist für mich sehr wichtig,
denn ich brauch viel Zärtlichkeit,
und für Sex bin ich noch nicht bereit!

(Christina Stöger, 2013)

Jayden

Jay öffnete den Kühlschrank und nahm eine Flasche Wasser heraus. Er trank in großen Zügen und wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten Lippen. Beinahe hätte er Samantha heute einen Zungenkuss gegeben. Es hatte ihn immense Kraft gekostet, es nicht zu tun. Ihre Lippen waren so verlockend gewesen. Aber wenn er sie richtig küsste, sollte sie ihm dabei in die Augen sehen und wissen, dass er und nicht ihr Loser-Freund es war. Nur deshalb hatte er sich mit einer sachten Berührung ihres Mundes zufriedengegeben.
   Jay ging ins Wohnzimmer und ließ sich aufs Sofa fallen. Seufzend schaltete er den Fernseher ein und zappte durch die Programme. Wie zum Teufel war er bloß auf die Idee gekommen, sie zu entführen? Welcher Teufel hatte ihn geritten? Nach dem Gig im Chantal Club war er ins Charlie’s gefahren, ohne seinen Freunden Bescheid zu sagen. Dort war er von einigen Mädchen umringt worden, die ihn seit dem ersten Auftritt im Charlie’s anhimmelten. Die Unterhaltung mit ihnen hatte ihn gelangweilt, ihre Aufdringlichkeit genervt. Er wusste schon lange, dass er ziemlich jedes Mädchen haben konnte, das er wollte. Dieser Fluch verfolgte ihn seit seinem dreizehnten Lebensjahr. Die Gören im Waisenhaus hatten sich bei jeder Gelegenheit in seine Nähe geschlichen, um mit ihm zu knutschen und erste sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Diese Anziehungskraft hatte sich bis heute nicht gelegt. Spätestens nach der zweiten Begegnung lagen ihm die Mädchen zu Füßen. Bis auf dieses eine.
   Lockenkopf Samantha. Wenn er daran dachte, wie er während der Fahrt die Hand auf ihr Knie gelegt hatte, wurde ihm heiß. Ihre Haut hatte sich gut angefühlt. Warm und weich.
   Jay lächelte, als er sich erinnerte, wie verzweifelt sie versucht hatte, ihrem Lover mitzuteilen, dass sie nicht mit ihm schlafen wollte. Aber warum? War er so eine Niete in Sachen Sex? Der Gedanke, dass Loser-Andy bei ihr noch nicht zum Zug gekommen war, erfüllte ihn mit Freude. »Eins zu null für mich. Ich wette, dein Lockenköpfchen springt eher in mein Bett als in deins.« Mit jeder Minute wurde der Reiz, sie auf seine Seite zu ziehen, größer. Er sah es als seine persönliche Herausforderung an, sie für sich zu gewinnen. Wäre doch gelacht, wenn er dieses kleine Persönchen nicht umstimmen könnte. Ein Kuss würde reichen. Ein freiwilliger Zungenkuss ihrerseits.
   Im oberen Flur ging das Licht an. Devon kam in Boxershorts und mit zerzausten Haaren die Treppe herunter. »Hey, Bro, warum sitzt du hier im Dunkeln?« Ein Auge geschlossen, eines nur halb geöffnet, lehnte er gähnend am Türstock. »Es ist fast vier Uhr morgens.«
   »Ich weiß.«
   »Was los? Probleme?« Devon tapste zu ihm und ließ sich schwerfällig neben ihm nieder. »Geht’s um Valerie? Ich hab gehört, dass du sie rausgeworfen hast, nachdem ihr …«
   Jay schnaubte. »Was sollte ich deiner Meinung nach sonst tun? Sie muss endlich kapieren, dass es zwischen uns vorbei ist.«
   »Schon klar. Aber du warst es, der sie unbedingt ins Bett bekommen wollte.«
   »Das kann nicht sein.«
   »Und ob. Sie saß nicht einmal an unserem Tisch. Du hast sie gesehen, bist auf sie zugegangen und hast sie so lange angebaggert, bis sie nachgegeben und sich zu uns gesetzt hat. Diesmal hast du die Arschkarte gezogen.«
   Jay stöhnte. »Ich war betrunken. Wieso habt ihr mich nicht davon abgehalten?«
   »Sehr witzig.«
   »Ihr habt? O Mann.«
   »Was ist mit dir los? Bereust du die Trennung von Valerie?«
   »Nein.«
   »Ärger im Job?«
   »Nein.«
   »Wird dir die Bandsache zu viel?«
   »Nein.«
   »Was dann? Jay, rede, damit ich wieder ins Bett gehen und mich an Sassys nackten Körper kuscheln kann.«
   Devon war mit ihm im Waisenhaus groß geworden. Sie waren durch dick und dünn gegangen und sprachen über alles miteinander. Geheimnisse zwischen ihnen gab es nicht. Aber diesmal war es irgendwie anders. »Ich habe echt keinen blassen Schimmer, was los ist.«
   Devon stöhnte und klopfte ihm auf die Schulter. »Okay, ich geh schlafen, bis du es weißt.«
   Wie sollte Jay erklären, was er selbst nicht verstand? Dass es da ein Mädchen gab, das sich in seine Gedanken gefressen hatte, ohne etwas Großartiges zu tun. Die sinnliche Tiefe ihrer Augen hatte ihn vom ersten Moment an in den Bann gezogen. Er knipste die Stehlampe an, holte Papier und Stift aus der Mappe, die auf dem Couchtisch lag, und schrieb seine Gedanken in Form eines Songtextes auf.

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