Das Leben der siebzehnjährigen Kolumbianerin Elena verläuft glücklich und sorgenfrei. Bis sie eines Tages gemeinsam mit zwei Freundinnen auf dem Weg zu einem Einkaufsbummel entführt und in das Camp einer professionellen Kidnapperbande mitten im Regenwald verschleppt wird. Eine Zeit voller Todesangst und Schrecken bricht für die Mädchen an, denn der cholerische Bandenführer Carlos kennt keine Gnade. Elena will sich mit ihrem Schicksal nicht abfinden, sie rebelliert mit dem Mut der Verzweiflung gegen die Männer und fordert damit den Zorn von Carlos heraus. In letzter Minute beschützt der attraktive Entführer Rico sie vor dem gefährlichen Anführer und stürzt Elena in einen Gewissenskonflikt. Ehe Elena bewusst wird, auf was sie sich einlässt, zieht es sie in einen reißenden Strudel aus Leidenschaft und tödlicher Gefahr.

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ISBN: 978-9963-52-397-9

Seiten: 470

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Ute Jäckle

Ute Jäckle
Ute Jäckle wurde in Stuttgart geboren. Sie studierte BWL in Nürnberg und verbrachte einige Jahre in den USA. Nach dem Studium arbeitete sie für die Industrie. Schon immer war ihre ganz große Leidenschaft das Lesen, aber mit dem Schreiben begann sie erst vor ein paar Jahren. Seitdem kann sie aber nicht mehr davon lassen und widmet sich voll Hingabe dem Verfassen von Liebesromanen. Ute Jäckle lebt mit Mann und zwei Kindern im Nordosten Baden-Württembergs.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

2. Februar

Elena sah aus dem Fenster hoch zur Sonne, die bereits kraftvoll vom wolkenlosen kolumbianischen Himmel schien. Ein Kondensstreifen zog sich darüber, so weit oben, dass sie das Flugzeug nicht erkennen konnte.
   Javier, der Fahrer ihres Vaters, saß am Steuer der S-Klasse, während es sich Adriana, Luisa und sie auf dem Rücksitz bequem machten. Vater befand sich für ein paar Tage auf Geschäftsreise und hatte ihr das Auto für eine Einkaufstour überlassen.
   »Sag mal, was hast du eigentlich an? Draußen sind über dreißig Grad, und du sitzt hier in langen Hosen?«, fragte Adriana und riss sie aus ihren Gedanken.
   Elena schnaubte. »Die Jeans habe ich an, weil ich wegen der blöden Klimaanlage vergangenes Mal fast erfroren bin.«
   »Stimmt, aber dem süßen Verkäufer bei Gap möchte ich lieber in Shorts über den Weg laufen.« Adriana grinste und lehnte sich zurück in das Polster, hob ihre gebräunten Knie an, die sie gegen die Abtrennung des Fahrerbereiches lehnte.
   Auch Elena lächelte mit einem kleinen Kopfschütteln, während sie ihrer Freundin mit der flachen Hand leicht auf den Oberschenkel klatschte. »So toll ist der auch wieder nicht. Außerdem ist er bestimmt schon fünfundzwanzig. Hast du eigentlich gesehen, was der für eklig behaarte Arme hat? Mein Typ ist der nicht.«
   »Meiner auch nicht, mir wäre der zu alt«, sagte Luisa, die sich mit ihrer Kekspackung in der Hand etwas vorgebeugt hatte und kicherte.
   Adriana ließ sich davon nicht beeindrucken, langte hinüber und nahm sich einen von Luisas Keksen. »Ich finde ihn gut. Ein paar Haare auf dem Arm sind jetzt nicht so schlimm. Solange er keine auf dem Rücken hat.« Mit einer Hand fuhr sie sich über ihr schwarzes Top und tat, als wischte sie ein paar Krümel hinunter.
   Gleichzeitig prusteten sie los, während Javier gerade schwungvoll um die Kurve fuhr, sodass Luisa sich am Haltegriff festhalten musste, um Adriana nicht gegen Elena zu drücken. Sie kreischten belustigt auf.
   »Sollen wir nach dem Shoppen noch etwas beim Chinesen essen?«, fragte Luisa, die in die Packung Alfajores auf ihrem vollgebröselten Schoß griff und erneut einen der Kekse in den Mund steckte.
   »Ja, können wir«, sagten Adriana und Elena gleichzeitig.
   Inzwischen fuhr Javier wieder geradeaus, die kleine Stadtautobahn entlang, die sie auf dem schnellsten Wege zur Mall führte. Gleich kam schon die Abfahrt, jetzt war es nicht mehr weit.
   Voll innerer Vorfreude lehnte sich Elena zurück, doch dann stutzte sie, denn Javier fuhr daran vorbei, raste einfach in hohem Tempo die Straße entlang. Wieso das denn? War sie gesperrt? Sie sah aus dem Rückfenster. Nein, alles frei, soeben bogen zwei Autos an derselben Abzweigung ab. Javier wurde nicht einmal langsamer, im Gegenteil, er überholte eine Reihe von Fahrzeugen.
   »Was hast du?« Luisa winkelte ein Knie an, das sie auf dem hellbraunen Ledersitz abstellte, und zupfte sich kurz ihren dunklen Pferdeschwanz zurecht.
   »Javier«, murmelte sie und deutete mit dem Kinn nach vorn zum Fahrer. »Er ist gerade an der Abfahrt vorbeigefahren.«
   Luisa wich mit dem Kopf zurück und schob ihre Augenbrauen zusammen. Man sah deutlich, wie es in ihrem Kopf ratterte. Trotzdem steckte sie sich einen Keks in den Mund. »Was?« Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter aus dem Fenster, aber sie waren bereits zu weit entfernt, um noch etwas erkennen zu können. Also ließ sie sich zurück auf den Sitz plumpsen und zog ihr Sommerkleid nach unten, das verrutscht war.
   Irgendetwas stimmte nicht, schoss es Elena durch den Kopf. Doch was sollte sein? Javier hatte die Abfahrt verpasst, na und? Aber warum fuhr er so schnell und auf der linken Spur? Er musste es doch gemerkt haben, schließlich lag das Einkaufszentrum auf demselben Weg wie das Büro ihres Vaters.
   »Der hat bestimmt nur vergessen, abzubiegen. Ich frag ihn mal.« Energisch klopfte Adriana gegen die Scheibe, die den Wagenfonds vom hinteren Bereich abtrennte. »Sie haben gerade die Abfahrt verpasst«, belehrte sie ihn mit strenger Stimme, als die Scheibe nach unten fuhr, und stupste ihm wie zur Bekräftigung mit dem Zeigefinger auf die Schulter. Mit spitzen Lippen wartete sie auf eine Reaktion.
   Für einen Moment wandte sich Javier zu ihnen um. »Ich weiß, ich habe nicht aufgepasst. Tut mir leid. Leider kann ich hier nicht wenden, sondern muss noch ein Stück weiterfahren, bis ich die Gelegenheit zum Umdrehen habe.«
   Adriana zuckte mit den Schultern. »Seht ihr? Alles in Ordnung. Wozu die Aufregung? Bei der nächsten Gelegenheit wird er kehrtmachen.«
   Ohne die Trennscheibe wieder hochfahren zu lassen, raste er weiter. Sie brausten aus der Stadt hinaus, dahinter war es grün, die Wiesen wurden schon von den ersten Ausläufern des Dschungels durchbrochen.
   Auf Luisas Gesicht zeigte sich ein verwirrter Ausdruck. Auch Elena fand das Verhalten von Javier höchst merkwürdig. Adriana hingegen überkreuzte völlig gelassen ihre Beine und rollte mit den Augen. »Hey Javier, was ist jetzt? Ich will zum Shoppen, und zwar in unsere Mall in Florencia und nicht in die von Bogotá.«
   Er reagierte nicht.
   »Langsam könnte er schon mal umdrehen, findest du nicht?«, flüsterte Luisa.
   »Ja, das meine ich auch.« Elena kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Handy. »Ich rufe jetzt meinen Vater an.«
   Das schien zu wirken. Javier riss den Kopf herum und runzelte die Stirn. Im nächsten Moment starrte er wieder geradeaus. Seine Schultern waren plötzlich verspannt. »Ihrem Vater, Señor Montanez, würde es nicht gefallen, wenn Sie ihn bei der Arbeit stören.«
   »Der fährt gleich zurück, da vorn sehe ich eine Möglichkeit zum Wenden.« Adriana deutete mit dem ausgestreckten Arm nach draußen. Während Elena tief durchatmete, kam die Haltebucht am Straßenrand immer näher, aber Javier wurde nicht langsamer, sondern gab sogar noch Gas und raste daran vorbei. Ihnen blieb der Mund offen stehen.
   »Siehst du jetzt, was ich meine?«, flüsterte Elena und schnappte nach Luft. Ihr Herz klopfte so laut, dass sie glaubte, jeder im Fahrzeug könnte es hören. »Warum haben Sie nicht umgedreht?«, fragte sie Javier mit lauter Stimme.
   Es dauerte lange, bis eine Antwort von vorn kam. »Es ist immer noch zu eng zum Wenden«, sagte er knapp und umschloss das Lenkrad fest mit beiden Händen.
   Elena lachte ungläubig auf. »Erzählen Sie keinen Mist. Sie sind Chauffeur, da werden Sie wohl ein Auto auf einer Straße wenden können. Das könnte sogar ich.«
   Er erwiderte nichts darauf.
   »Los, ruf deinen Vater an!« Luisa hatte die Kekse beiseitegelegt und wühlte jetzt auch in ihrer Handtasche. »Oder ich rufe meinen an.«
   »Drehen Sie auf der Stelle um!« Elena bemerkte den hektischen Klang ihrer Stimme.
   Indessen fuhr Javier ungerührt weiter. »Es ist nicht erlaubt, hier anzuhalten.«
   »Das glauben Sie doch selbst nicht.« Jetzt verengten sich auch Adrianas Augen, der unbekümmerte Ausdruck war aus ihrem Gesicht gewichen.
   Elena bemerkte, wie Javier sie im Rückspiegel beobachtete, nahm deshalb ihr Handy hoch und drückte betont langsam die erste Taste. »Drehen! Sie! Sofort! Um!«
   Auf einmal reagierte er. »Wie Sie wünschen.« Er verlangsamte das Tempo, zögerlich ließ Elena ihr Handy wieder sinken.
   Plötzlich trat Javier so heftig auf die Bremse, dass sie kreischend nach vorn flogen, da sie sich nicht angeschnallt hatten. Ihr Handy rutschte durch den Fußraum, weil sie hart mit dem Gesicht gegen die Trennwand krachte und keine Zeit mehr blieb, sich irgendwo abzustützen. Adriana landete auf ihr, sodass Elena für einen Moment der Atem wegblieb.
   »Aua«, riefen sie gleichzeitig. Nur Luisa, die sich abgefangen hatte, saß schon wieder.
   Als sich Adriana ächzend wieder aufrichtete, klackte die Zentralverriegelung, gleich darauf riss Luisa an der Tür. »Hey! Machen Sie sofort auf!«
   Auch Elena rappelte sich hoch und spürte das Adrenalin durch ihre Venen schießen wie einen Stromstoß.
   Javier saß kerzengerade auf seinem Sitz, den Blick nach vorn gerichtet. Seine Hände ließ er langsam vom Lenkrad auf seinen Schoß sinken.
   »Spinnen Sie jetzt komplett?«, Elena rieb sich ihre schmerzende Wange, während Adriana ihren stark geröteten Ellenbogen begutachtete.
   Wie in Zeitlupe drehte sich Javier zu ihnen um und richtete eine Pistole direkt auf Adriana. Mit einem abfälligen Grinsen musterte er eine nach der anderen. »Na, jetzt helfen euch eure Papis auch nicht mehr.«
   Elena war starr, ihr Mund öffnete und schloss sich. Fieberhaft suchte sie nach Worten, während sie auf die Waffe in Javiers Hand blickte. Es war alles aus, wenn er jetzt abdrückte. »Was soll das?«, krächzte sie und schluckte, um den Kloß in ihrem Hals wieder loszuwerden, der ihr die Luft abschnürte. Panik stieg in ihr auf. Ihr Herz raste so sehr, dass sie eine Hand auf ihre Brust legte in der Hoffnung, es wieder beruhigen zu können. Was passierte gerade? Javier, ihr Fahrer, der Mann, der schon lange in Diensten ihrer Familie stand, bedrohte sie mit einer Waffe. Sie saß fassungslos da.
   »Ich würde mal sagen, ihr habt ein kleines Problem.« In seinen Augen lag so viel Verachtung, dass Elena zusammenzuckte. Am Boden entdeckte sie ihr Handy, wagte aber nicht, danach zu greifen, sondern wartete stattdessen verzweifelt auf eine Gelegenheit zur Flucht. Doch Javier ließ sie nicht aus den Augen.
   Durch einen lauten Knall schreckten sie auf. Neben ihr riss Adriana schreiend beide Hände nach oben, ehe sie sich über Elena warf, die ihre Knie hochgezogen hatte, und zerrte am Griff.
   Sie mussten hier raus. Elena rüttelte ebenso an der Tür. Ihr Fluchttrieb setzte ein, aber der Mercedes war immer noch verschlossen, egal, wie stark sie zog, es tat sich nichts. Sie wusste nicht einmal, woher der Lärm kam, denn Javier saß immer noch genauso gleichmütig da wie vorher und beobachtete sie mit einem hinterhältigen Lächeln im Gesicht.
   Adriana kreischte. »Da draußen sind zwei Männer. Mit Gewehren! O mein Gott, die bringen uns um!« Dabei riss sie an Elenas Schulter und deutete auf die Fensterseite, an der Luisa saß.
   Ihr Herz hämmerte Elena in den Ohren wie ein Presslufthammer, als sie sich ruckartig umdrehte und gleichzeitig mit dem Kopf gegen den von Luisa stieß, die in ihrer Panik über Adriana hechtete. Ein stechender Schmerz zog sich über ihre Stirn, aber sie achtete nicht darauf, denn Luisas Stimme klang so schrill, dass sie kaum verstand, was ihre Freundin schrie. »Ich will hier raus. Ich will hier raus!«
   Mit beiden Händen hielt Elena sie davon ab, auf sie zu steigen. »Geh runter von mir, ich bekomme keine Luft.« Luisas spitzer Ellenbogen rammte sich in ihren Hals und nahm ihr für einen Moment den Atem. Energisch schob Adriana sie zurück auf ihren Sitz und schlug eine Hand vor den Mund. Einer der Männer trat so heftig gegen das Blech, dass die schwere Limousine wackelte. Elena hielt den Atem an. Die Vorstellung, wie die beiden Männer in den Wagen drangen, um sie herauszuzerren, wurde übermächtig und schnürte ihr die Kehle zu.
   »Aufmachen, aber ein bisschen plötzlich!«
   Das Gewehr zielte jetzt direkt in das Wageninnere, sie schrien wild durcheinander, aber es gab keinen Ausweg. Dicht aneinandergedrängt harrten sie aus.
   Javier lachte, während die Männer ihm wilde Zeichen gaben.
   Diesen Moment nutzte Elena, darauf hatte sie gewartet. Im Fußraum tastete sie gebückt nach dem Handy. Sie brauchten Hilfe, sie saßen in einer Falle. Als sie sich wieder aufrichtete, spürte sie kühles Metall an ihrer Stirn und wagte nicht einmal mehr, zu atmen.
   Jetzt lachte Javier nicht mehr. »Denk nicht mal dran, du kleine Schlampe.« Er riss ihr das Mobiltelefon aus der Hand.
   »Bitte nicht«, rief Elena, als er mit einem Finger den kleinen Kippschalter in der Mittelkonsole des Autos betätigte.
   Die Tür neben Luisa wurde aufgerissen. Sie fuhr zusammen und wich mit dem Kopf nach hinten, bevor sie mit schreckgeweiteten Augen mit ansehen musste, wie sich der Erste mit seiner Waffe in den Wagen beugte. »Raus jetzt, aber dalli. Oder wir knallen euch alle ab«, rief er.
   Todesangst durchflutete Elena, denn er hielt sich nicht lange mit Brüllen auf, sondern packte Luisa am Pferdeschwanz und zwang sie nach draußen. Luisa jaulte auf, blieb mit einem Fuß am Türrahmen hängen und stürzte mit dem Kopf voraus zu Boden. Der Mann zog sie an den Haaren über den Asphalt. Die Haut an ihren Beinen riss auf, während sie mit beiden Füßen versuchte, wieder Halt zu bekommen. Luisa kreischte panisch, griff mit einer Hand nach dem Fremden, aber ein heftiger Tritt in die Rippen ließ sie nach Luft schnappen.
   »Beweg deinen Arsch, du fette Kuh.«
   Der zweite Mann kam dazu. »Ich übernehme sie, hol du die anderen beiden.« Er drehte Luisa einen Arm auf den Rücken und zwang sie, sich auf den Bauch zu legen. Ihr Kleid verrutschte und entblößte ihre graue Unterhose, was dem Mann ein schallendes Lachen entlockte.
   »Du hättest dir bei deiner Unterwäsche wirklich mehr Mühe geben können. Man weiß nie, wer einem über den Weg läuft.«
   Mit der freien Hand zog sie ihr Kleid so gut es ging nach unten und heulte laut los. »Bitte tun Sie mir nichts. Aua!« Luisas Gesicht war schmerzverzerrt, er hatte ihr den Arm noch ein Stück nach oben gebogen und so ihre Worte gestoppt.
   Aus seinem Hosenbund holte er ein paar Handschellen hervor. »Keinen Ton, sonst bist du tot.«
   Widerstandslos ließ sie sich von ihm die Hände auf den Rücken fesseln. Ihr ganzer Körper bebte vor lauten Schluchzern. Als er sie an den Armen hochzog, schrie sie schmerzerfüllt auf und rappelte sich auf die Knie, um die heftige Bewegung abzufangen. Ihre gefesselten Arme beugten sich weit nach oben, während sie mit hängendem Kopf auf die Beine kam.
   Der andere Mann kam auf das Auto zu. Wellen des Entsetzens durchfluteten Elena. Das durfte nicht wahr sein. Gemeinsam mit Adriana drückte sie sich gegen die Tür auf ihrer Seite.
   »Steigt aus«, brüllte er sie an. »Oder ich verpasse euch eine Kugel ins Gehirn!«
   Hinter ihrem Rücken tastete Elena nach dem Griff und bekam ihn zu fassen. Ein Moment des Zögerns, dann riss sie die Tür auf, sprang hinaus und rannte los. Rannte um ihr Leben, wusste nicht einmal, wohin. Hier gab es nichts, wo man sich hätte verstecken können, außer Gras. Schüsse hinter ihr ließen sie zusammenzucken, doch sie hastete voller Angst weiter. Ihr rasender Herzschlag drang bis hoch in die Ohren und ließ ihre Schläfen pochen. Ein heftiger Stoß an der Schulter ließ sie straucheln. Sie stolperte noch ein paar Schritte nach vorn, doch schon der nächste Schlag in den Rücken warf sie um. Als sie zu Boden stürzte, schlug sie heftig mit dem Kopf auf, verlor kurz die Besinnung, nur um im nächsten Moment auf den Rücken gedreht zu werden.
   Sie war nicht weit gekommen und sah nun in das wutverzerrte Gesicht eines dunkelhaarigen Mannes, dessen Augen aus den Höhlen traten. Er ohrfeigte sie zweimal so heftig, dass ihr Kopf nach beiden Seiten flog. Ein brennender Schmerz überzog ihre Wangen, aber sie konnte nicht einmal ihre Hände darauflegen, weil er mit seinem ganzen Gewicht auf ihren Oberarmen kniete. »Verflucht noch mal, ich knall dich ab.«
   »Nein, bitte nicht«, rief sie in ihrer Panik und wand sich nach allen Seiten, bis er ihr noch einen Schlag versetzte, der sie fast betäubte. Es hatte keinen Sinn, sich gegen ihn zu wehren, wenn sie nicht sterben wollte, musste sie tun, was er verlangte. »Ich tue alles, was Sie wollen, aber bitte töten Sie mich nicht.« Sie flehte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, aus denen die Tränen schossen. Ihr Körper wurde schwer, vor Angst fühlte sie sich wie gelähmt.
   Nachdem er neben ihr ausgespuckt hatte, ließ er wieder von ihr ab, stieg schwerfällig von ihr hinunter und rollte sie auf den Bauch. »Mach das nicht noch einmal«, sagte er drohend. Die Handschellen klickten, bevor sie grob auf die Beine gezerrt wurde. Es war ein Gefühl, als kugelte ihr jemand die Arme aus. Tränen liefen ihr über das Gesicht, als sie mit dem Gewehr im Rücken zurück zum Auto getrieben und gegen Luisa gestoßen wurde, die ebenfalls weinte. Bewacht von Javier und dem anderen stand auch Adriana bei ihnen, beide hatten eine Waffe am Kopf, während sie den Gewehrlauf an ihrem Schulterblatt spürte.
   »Was wollen Sie von uns?«, fragte Adriana zaghaft und neigte den Kopf leicht zur Seite, aber Javier folgte sofort ihrer Bewegung und drückte ihr die Pistole an die Schläfe.
   »Halt’s Maul«, antwortete der andere, der Luisa das Gewehr vorhielt. Der schwarze Lauf glänzte in der Sonne und sah aus wie ein Sturmgewehr, wie eins, das die Soldaten in Kriegsfilmen bei sich trugen. Nur von dort kannte Elena solche Waffen.
   Vielleicht sollte sie dem Mann etwas anbieten. »Wenn Sie Geld wollen …« Sofort wurde sie von ihm unterbrochen.
   »Ihr sollt ruhig sein, hab ich gesagt. Los, vorwärts!«
   Elena schrie auf, als ihr der Gewehrkolben in den Rücken gerammt wurde.
   »Lauf jetzt, du lahmes Miststück. Vorhin warst du auch schneller.«
   Hinter einem Busch parkte ein weißer Transporter, der seine besten Jahre schon lange hinter sich hatte. Zu dem trieben die beiden sie hin, während Javier im Auto ihres Vaters davonbrauste. Einer öffnete die hintere Wagentür und nahm drei Säcke vom Rücksitz, die ihnen übergestreift wurden. Todesangst erfasste Elena, während sie den Kopf wild nach allen Seiten drehte, aber überall hüllte sie Dunkelheit ein. Sie spürte einen Stoß, krachte zuerst mit der Stirn gegen etwas Hartes, bevor sie bäuchlings im Wagen landete. Sterne tanzten vor ihren Augen. Sofort wurde sie am Nacken hochgezogen und auf den Sitz gedrängt.
   »Mach endlich, du dummes Stück, sonst trete ich dich rüber.«
   So schnell sie konnte, rutschte sie hinüber, bis sie die Tür spürte und verharrte.
   »Aua!« Die weinerliche Stimme gehörte Luisa. Sie hörte Türen schlagen, das Aufheulen eines Motors und der Wagen setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Der Sack über ihrem Kopf stank erbärmlich, sodass sie sich fast übergeben musste, dennoch atmete sie hektisch, vor lauter Angst, darunter ersticken zu müssen.

Es mussten bestimmt schon Stunden seit dem Beginn ihrer Entführung vergangen sein. Ihr langes Haar klebte Elena nass im Gesicht, die Luft unter dem Sack hatte sich unangenehm aufgeheizt. Von Luisa kam ab und zu ein leises Röcheln. In ihrer Angst begann sie zu beten, betete zu Gott, dass man sie am Leben ließ, obwohl sie sonst kein besonders frommer Mensch war.
   Plötzlich wurde ihr der Sack mit einem Ruck vom Kopf gerissen. Sie blinzelte, bis sich ihre Augen wieder an das grelle Sonnenlicht gewöhnt hatten. Der Beifahrer hatte ihn ihr abgenommen, ein blonder junger Kerl, der nicht älter als Anfang zwanzig aussah. Er war nicht besonders sanft vorgegangen und hatte dabei ein paar ihrer langen braunen Haare herausgerissen. Auch ihre Freundinnen hatte er davon befreit. Gierig atmete sie die Luft im Auto ein, die zwar frischer war als unter dem verdreckten Sack, aber trotzdem noch so heiß, dass sie ihr den Mund austrocknete. Im Fahrzeuginneren roch es nach Zigarettenasche und Schweiß. Ihre Zunge klebte am Gaumen.
   Währenddessen hielt der Fahrer, ein Dunkelhaariger im roten T-Shirt, der mindestens zehn Jahre älter aussah als sein Kumpan, das Lenkrad fest umklammert und raste über den holprigen Weg. Es ging immer tiefer hinein in den Regenwald. Nur ein grünes Blättermeer rauschte am Fenster vorbei, keine Autos, keine Menschen, nichts. Sie waren in der kompletten Einsamkeit gelandet und somit diesen Leuten völlig ausgeliefert. Von hier aus gab es kein Zurück.
   Tränen flossen Elena über die Wangen und liefen ihr salzig in den Mund, als sie sich endlich dazu aufraffte, etwas zu fragen. »Wo bringen Sie uns hin?«
   »Ins grüne Paradies«, sagte der Fahrer belustigt und stieß seinem Nebenmann mit dem Handrücken an den Oberarm. Der lachte leise auf. Für einen Moment drehte sich der Dunkelhaarige zu Elena um und musterte sie mit seinen tiefschwarzen Augen, dass es ihr eiskalt den Rücken hinunterlief. Außerdem spürte sie ihre Hände nicht mehr, das scharfe Metall schnitt tief ins Fleisch und drückte ihr das Blut ab. Immer wieder kreiste sie ihre steifen Schultern, die ebenfalls schmerzten. Auch Luisa und Adriana rutschten auf den Sitzen herum, drückten den Rücken durch und pressten ihre Lippen fest aufeinander. Keine von ihnen wagte, ein Wort zu sagen.

Als der Transporter endlich anhielt, wurde die Seitentür schwungvoll aufgerissen. Ein weiterer Mann stand vor ihnen, der offensichtlich auf die Kidnapper gewartet hatte. Wie gelähmt verharrten sie in leicht gebückter Haltung im Auto und warteten auf weitere Anweisungen.
   »Raus jetzt, aber plötzlich«, rief der Fremde ohne Vorwarnung und riss sie aus ihrer Betäubung, zog als Erste Adriana nach draußen und knetete dabei ihre Brüste. »Mal sehen, ob du nicht irgendwo was versteckt hast.«
   Adriana sah ihn entsetzt an, was ihm ein erfreutes Grinsen entlockte.
   Auch Luisa und Elena wurden von den beiden Kidnappern herausgezerrt und mit dem Gesicht voran gegen das Auto gedrückt. Jeder der Männer hatte sich ein Mädchen geschnappt, das er festhielt und durchsuchte. Der Blonde packte Elena und stieß ihren Kopf gegen das Blech, dass es krachte, ehe er ihre Handschellen aufschloss. Wimmernd hielt sie still.
   »Mach bloß keinen Scheiß. Trau dich nicht. Das gilt auch für euch beide«, schnauzte er Adriana und Luisa an, die soeben befreit wurden. Sie drehten sich zögerlich um und rieben die dunkelroten Striemen an ihren Handgelenken, durch die gerade das Blut wieder kribbelnd hindurchfloss.
   Luisa nahm Elenas Hand und drückte sie, gleichzeitig griff Adriana nach Luisas anderer Hand. Sie hielten sich aneinander fest, verschmolzen zu einer Einheit, spürten, dass sie wenigstens nicht allein waren, während die Männer mit gleichgültiger Miene vor ihnen standen und sich unterhielten.
   »Pass du auf sie auf, solange wir die Rucksäcke ausladen. Knall sie ab, wenn eine Blödsinn macht. Ich hab keine Lust, mich mit denen herumzuärgern«, sagte der Dunkelhaarige zu dem, der auf sie gewartet hatte. Sofort nahm der sein Gewehr von der Schulter und zielte auf sie. Dieses Mal fühlte es sich noch schlimmer an als vorher, die Waffe auf sich gerichtet zu haben. Es dauerte länger, war nicht mehr diese Sekundenaktion wie am Anfang ihrer Entführung. Die Kidnapper ließen sich Zeit, suchten in aller Seelenruhe ihre Sachen zusammen, während der Dritte provozierend mit dem Finger am Abzug spielte. Jedes Mal fuhr ihnen der Schreck durch alle Glieder. Er kostete ihre Angst aus. Jedes ihrer Zucken erwiderte er mit einem breiten Grinsen, während er in die panischen Gesichter sah, und hörte erst damit auf, als die beiden anderen mit geschulterten Rucksäcken wieder vor ihnen standen und abmarschbereit waren. Ein gezielter Schuss in die Luft ließ sie entsetzt aufspringen, was ihn schon wieder erheiterte. Der Dritte stieg daraufhin grinsend in den Transporter und brauste davon.
   Mit beiden Händen scheuchte der Fahrer sie in das Dickicht hinein. Elena huschte vor ihm den schmalen Weg entlang. Sich zu widersetzen, wagte sie nicht. Der Blonde folgte ihnen mit großen Schritten. Jetzt war alles aus. Keiner würde sie jemals hier finden, sie waren diesen Leuten ausgeliefert. Ihr Verstand riet ihr, dass sie weiterlaufen, sich nicht in Gefahr bringen sollte, aber ihr Gefühl sagte ihr, dass sie lieber umkehren sollte, weil sie hier sonst nicht mehr rauskam. Die Bäume ragten hoch in den Himmel, sie konnte die Wipfel von unten kaum erkennen, und verdüsterten den Urwald an manchen Stellen. An anderen ließen Sonnenstrahlen die feuchten Blätter in den unterschiedlichsten Grüntönen schimmern. Bunte Vögel zwitscherten in den Ästen, in der Ferne brüllten Affen. Lianen baumelten von dicken Baumstämmen herab, streckenweise so dicht, dass die Rinde nicht mehr zu erkennen war. Ab und an strich sie mit dem Arm an den holzigen Kletterpflanzen entlang, wenn sie daran vorbeilief.

Der Dunkelhaarige hatte die Mädchen mittlerweile überholt und lief zügig voran. Plötzlich verspürte Elena den unbändigen Drang, loszurennen, einfach weg von hier, weg von ihren Peinigern. Die Furcht vor dem ungewissen Schicksal mit den beiden überwog, und sie fasste den Entschluss, zu fliehen. Möglichst unauffällig blinzelte sie nach allen Seiten nach einem Fluchtweg. Der Pfad führte immer weiter hinein in den dunklen Urwald, und sie bekam es richtig mit der Angst zu tun. Sie würden nie mehr herausfinden. Links und rechts wuchsen nur hohe Baumkolosse, seltsame Schlingpflanzen und großflächige Gebüsche. Nirgends kam man hindurch, ihre Lage war ausweglos. Elena atmete tief ein, der erdige Geruch des Dschungelbodens stieg zu ihr hoch. Da erspähte sie seitlich neben sich im Busch eine schmale Lücke, gerade groß genug, um hindurchzuschlüpfen, und es durchfuhr sie blitzartig. Das war ihre Chance. Jetzt! Sie sprang einen Schritt nach links, wurde aber mit einem starken Griff zurückgehalten und drehte sich erschrocken um.
   »Du gehst in die falsche Richtung. Wenn du so etwas noch mal machst, kette ich dich mit Handschellen an mich.« Der Blonde ließ ihren Arm mit einem Ruck los, sein Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit seiner Worte aufkommen.
   »Ja«, flüsterte sie und marschierte weiter.
   Adriana, die vor ihr lief, wandte sich mit großen Augen zu ihr um. »Spinnst du?«
   Der Blonde schob Elena voran, während sie die aufsteigende Wut über ihre Situation niederkämpfte.

Das Gelände wurde unwegsamer, auch der Weg war schmaler geworden, sodass man nur noch zu zweit nebeneinander hergehen konnte. Der Dunkelhaarige stapfte voraus und schlug mit seinem Buschmesser Äste, Palmzweige und Schlingpflanzen aus dem Weg. Sie folgten ihm. Den Schluss bildete der Blonde, der aufpasste, dass niemand zurückblieb.
   Mittlerweile heizte der Regenwald sich immer mehr auf. Die schwüle Luft legte sich drückend über sie, ihre Kleider klebten bereits durchgeschwitzt am Körper. Auch ihr Haar hing strähnig den Rücken hinunter, und die Jeans fühlte sich unerträglich an. Angeekelt schlug sie eine fette Ameise hinunter, die ihren Arm entlangkrabbelte. Adriana lief in gebückter Haltung vor ihr, Luisa hatte einen Arm um sie gelegt und stützte sie.
   Offensichtlich hatte Adriana Schmerzen, und Elena vergaß darüber ihr eigenes Leid. »Was hast du?«, flüsterte sie und streichelte ihrer Freundin den Rücken.
   Adriana drehte sich mit leidendem Gesicht um. »Ich habe mir den Fuß verknackst.«
   »Schlimm?«
   Sie nickte. »Ja, ziemlich.«
   Erst jetzt bemerkte Elena, dass Adriana humpelte, und drehte sich umgehend zu dem Blonden um, der dicht hinter ihr ging. »Meine Freundin ist am Fuß verletzt, sie hat Schmerzen.« Ihre Stimme klang anklagend, aber das schien ihn nicht zu interessieren.
   »Sie wird es schon noch aushalten oder soll ich ihm Bescheid sagen? Er hilft ihr bestimmt gern.« Seine Stimme klang ohne Emotion, als er auf den Dunkelhaarigen deutete, der ein Stück weit vor ihnen ging.
   Elena marschierte weiter über den mit Wurzelgeflecht durchzogenen Lehmboden und versuchte, sich ihre Abscheu nicht anmerken zu lassen. Kurz warf sie ihm dennoch einen angewiderten Blick zu. Das schien ihm zu reichen.
   »Mädchen, leg dich nicht mit uns an.«
   Sie zuckte zusammen und straffte die Schultern. Der Kerl sollte nicht merken, wie sehr er sie verängstigt hatte.

Ihre Zunge klebte trocken am Gaumen und der Durst fraß sich die Kehle hinunter. Elena hatte seit dem Frühstück nichts mehr getrunken und ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihr, dass es bereits kurz nach vier war.
   »Ich kann nicht mehr.« Sie blieb so abrupt stehen, dass der Blonde fast in sie hineinlief.
   Er gab ihr einen Stoß in den Rücken. »Was machst du jetzt schon wieder? Lauf weiter.«
   Elena taumelte ein paar Schritte nach vorn, trat auf einen glitschigen Pilz, rutschte, fing sich wieder ab und rührte sich nicht mehr von der Stelle. »Ich habe so einen Durst.«
   »Prinzesschen, sieh dich mal um. Entdeckst du hier irgendwo einen Getränkeautomaten? Du wirst es aushalten wie wir alle. Nimm dir ein Beispiel an deinen Freundinnen, die machen nicht so einen Aufstand wie du.« Mit einer Hand schob er sie an der Schulter vorwärts. Sein Tonfall ließ erahnen, dass er genervt war.
   Trotzdem sah sie ihn bittend an. Noch nie zuvor in ihrem Leben war ihr so elend zumute gewesen wie in diesem Moment. »Es geht wirklich nicht mehr. Ich möchte ja, aber es geht nicht.«
   Nur zögerlich blieb er stehen und nahm seinen Rucksack ab. »Hier.« Er hielt ihr eine mit Wasser gefüllte Plastikflasche hin und seufzte. »Trink einen Schluck.«
   Elena scheute zurück, unsicher, ob sie ihm trauen konnte.
   »Nimm schon«, flüsterte er.
   Sie griff nach der Flasche, jedoch sorgsam darauf bedacht, seine Hand nicht zu berühren, und probierte einen winzigen Schluck. Es schmeckte gut. Das Wasser war zwar lauwarm, linderte dafür aber das Brennen im Hals. Nachdem sie getrunken hatte, gab sie ihm die Flasche zurück.
   Ihr Kidnapper nahm auch einen großen Schluck, ehe er sie wieder in seinem Rucksack verstaute, den er sich schwungvoll überwarf. »Auf jetzt, wir dürfen die anderen nicht verlieren. Ich komme mir langsam vor wie dein Kindergärtner.«
   »Warum? Weil ich Durst habe?« Der aggressive Tonfall drang deutlich aus ihrer Stimme heraus, obwohl sie ihn krampfhaft zu unterdrücken versuchte.
   Seine Miene wurde augenblicklich hart. Mit einer Hand griff er ihr an den Nacken und kam ganz nahe an ihr Ohr. Sein Atem streifte ihre Wange. »Treib es nicht zu weit oder du hast eine verdammt harte Zeit vor dir.«
   Elenas Körper versteifte sich.
   Da lockerte er den Griff. »Bewegung!«
   Sie rannte und sprang den Weg entlang, der sie wie ein grünes Gewölbe umschloss, um so schnell wie möglich seiner Nähe zu entkommen, während er gleichmütig weitermarschierte. Schließlich erreichte sie atemlos ihre Freundinnen, die sie schon mit großen Augen erwarteten.
   »Wo wart ihr?«, flüsterte Luisa mit zittriger Stimme.
   Elena schüttelte den Kopf. »Nirgends, er hat mir nur was zu trinken gegeben«, wisperte sie zurück und beobachtete den Älteren, der gerade seine Wasserflasche in einem Zug leerte. Mit zusammengekniffenen Lippen sahen Luisa und Adriana ihm dabei zu.

Kurz vor Einbruch der Dämmerung erreichten sie eine Quelle, in deren schmalem Bachbett das Wasser frisch und klar plätscherte. Sonnenstrahlen spiegelten sich darin und ließen es in blassen Regenbogenfarben schillern. Elena und ihre Freundinnen stürzten sich darauf. Das Bächlein war flach, als sie die Hand hineintauchte, berührte sie die Steine am Grund. Mit beiden Händen schöpfte sie das Wasser zum Mund und fühlte sich mit jedem Schluck besser.
   Unterdessen befreiten die Männer die gerodete Stelle daneben mit ihren Macheten von Pflanzen. Kräftige Ranken wucherten sie bereits zu. In der Mitte befand sich eine kleine Feuerstelle, für die sie trockene Äste vom Boden sammelten. Gräulicher Rauch stieg von einem Reisigbündel auf, an das der Dunkelhaarige sein Feuerzeug hielt.
   Nur zögerlich kamen sie zurück und sahen ihnen dabei zu. Als es brannte, gingen auch die Männer zur Quelle und füllten ihre Flaschen. Das Feuer flackerte hoch, weshalb sich Elena an den äußersten Rand der Lagerstelle setzte, um der Hitze so weit wie möglich zu entgehen. Wenigstens hielt der Qualm die Moskitoschwärme davon ab, sie weiter zu bedrängen. Ein paar kleine gelbliche Orchideen, die neben ihr wuchsen, verströmten einen widerwärtigen, fauligen Geruch. Fliegen summten um die Blüten. Seufzend kratzte sie sich ihre zerstochenen Arme, die qualvoll juckten. Brot und gedörrtes Fleisch wurden ausgeteilt. Eigentlich mochte sie kein Dörrfleisch. Solche Sachen gab es bei ihr zu Hause nie, aber sie war froh, überhaupt etwas bekommen zu haben, was das nagende Hungergefühl in ihrem Magen vertreiben würde. Auch Adriana und Luisa, die erschöpft neben ihr auf dem harten Boden kauerten, aßen schweigend.
   »Was die wohl mit uns vorhaben?«, fragte Luisa leise durch die Stille und bedachte die Männer mit einem argwöhnischen Blick.
   Adriana legte ihr den Arm um die Schultern und versuchte, sie zu beruhigen. »Ich weiß nicht. Am besten verhalten wir uns ganz ruhig, damit reizen wir diese Typen bestimmt am wenigsten.«
   Es schien, als hätte Luisa die Worte nicht gehört. Mit hängendem Kopf saß sie da, Tränen liefen ihr über das Gesicht.
   Elena zog ihre Knie an, legte den Kopf darauf und umfasste ihre Beine mit den Armen, starrte dabei unablässig ins Feuer. Luisas Frage beschäftigte sie. Vielleicht sollte sie wirklich abhauen, die Flucht noch einmal versuchen. Mit etwas Glück fand sie wieder hinaus. Aber wann? Bald brach die Nacht herein, und sie würde bestimmt die Hand nicht mehr vor Augen erkennen. Die Entführer hätten noch Luisa und Adriana, vielleicht würden sie sich damit zufriedengeben. Elena erschrak vor ihren Gedanken. Wie konnte sie so etwas Schreckliches denken? Ihre besten Freundinnen diesen Kerlen zu überlassen, sicher müssten die das ausbaden. Diese Idee sollte sie sich schnellstens wieder aus dem Kopf schlagen. Es kam überhaupt nicht infrage, die beiden im Stich zu lassen.
   Angst kroch in ihr hoch und zog sich wie eine Spirale über ihr Rückgrat. Was nützte es, wenn sie sich alle drei opferten? Vielleicht konnte sie Hilfe holen und ihre Freundinnen befreien, wenn sie die Flucht wagte. Elena sah hinüber zu den Männern, die auf einem umgestürzten Baumstamm saßen und sich leise lachend unterhielten. Das Gewehr lehnte neben dem Dunkelhaarigen. Ein kurzer Blick darauf genügte, und sie fasste auf der Stelle den Entschluss, die Sache bleiben zu lassen, sich besser nicht mit ihnen anzulegen.

Die lange Hose klebte so feucht an ihren Beinen, dass sich ihre Haut darunter schmerzhaft verzog. Elena lehnte den Kopf nach hinten. Der Dunkelhaarige stand auf und spazierte in die Büsche, während der Blonde seinen Rucksack ausräumte, der ein wenig abseits von ihnen stand. Er schien irgendetwas zu suchen und hatte ihnen den Rücken zugewandt.
   Ihr Blick fiel auf den Dolch, der in dem Baumstamm steckte, und es durchfuhr sie blitzartig. Wenn sie jetzt aufstand, um ihn zu holen, besaß sie eine Waffe, konnte sich gegen diese Männer wehren. Gut, gegen ein Gewehr richtete so ein Messerchen nicht viel aus, aber zumindest könnte sie sich die Kerle vom Hals halten, und wenn es nicht anders ging, wenigstens einen von ihnen mit ins Jenseits befördern. Ein stilles Gefühl der Genugtuung überkam sie bei diesem Gedanken. Sie musste die Waffe holen, es war wie ein innerer Befehl, eine Macht, die sie antrieb. Bedächtig stand sie auf, lief mit schlotternden Knien los, ihr Ziel dabei fest im Blick.
   Schon nach dem ersten Schritt hielt Adriana sie am Bein zurück. »Wo gehst du hin?«
   Elena bückte sich so langsam, dass es wie in Zeitlupe erschien. Mit einer Hand schob sie Adrianas Arm zur Seite, sah dabei aber nicht nach unten, ließ die Männer nicht aus den Augen. Sie wusste, wenn sie jetzt wegsah, würde sie ihr Vorhaben nicht mehr durchführen. »Bin gleich wieder da.« Elena wurde schneller, huschte auf Zehenspitzen, fast berührten ihre Füße den Boden nicht mehr. Noch ein paar Schritte, dann stand sie vor dem Stamm. Ein kurzer Blick in die Runde, der Blonde schüttelte soeben den gesamten Inhalt seines Rucksacks auf die Erde, vom Dunkelhaarigen war nichts zu entdecken. Also zog sie mit aller Kraft an dem silbernen Dolch, der tief im Stamm steckte. Verdammt! Sie rüttelte an der Klinge. Schließlich schaffte sie es und hielt ihn in Händen. Ein kleines triumphierendes Lächeln konnte sie sich nicht verkneifen, als sie das Messer unter ihrem T-Shirt verbarg und sich umdrehte, um einen Schritt zu machen, doch sie kam nicht mehr dazu. Das Blut gefror ihr in den Adern, als sie den Blonden vor sich sah, der sie anblitzte wie ein wütender Jaguar.
   »Hat jemand gesagt, dass du aufstehen darfst? Wenn eine von euch sich rührt, wird sie angekettet.« Seine Stimme klang eisig. Ihr Herz pochte gegen ihre Rippen, während sie fieberhaft nach einer Ausrede suchte, ihr aber auf die Schnelle nichts einfiel. Seine Gesichtszüge waren hart, sie musste allen Mut aufbringen, um überhaupt ein Wort über die Lippen zu bekommen.
   Mit einem Blick an Elena vorbei hatte der Blonde die Lage erfasst und starrte sie mit großen Augen an. »Du kleines Miststück hast mein Messer geklaut.« Er schnappte sie am Arm.
   Elena wagte nicht, sich aus seiner schmerzvollen Umklammerung loszureißen, zu groß war ihre Angst vor ihm. Nicht einmal das Messer zu ziehen versuchte sie. Ihr Vorhaben, ihn wenigstens mit in den Tod zu reißen, verschwand. Sie wollte noch nicht sterben. »Nur geliehen«, flüsterte sie am ganzen Körper zitternd, ihr Kopf fühlte sich wie leer gefegt an.
   »So, nur geliehen.« Seine Stimme klang gehetzt. Er trat dicht an sie heran und riss ihr T-Shirt nach oben. Mit einem schnellen Handgriff zog er das Messer aus ihrem Hosenbund hervor.
   Sie wich einen Schritt zurück, beinahe hätte er sie geschnitten.
   »Rico, was zum Teufel ist hier los?«
   Wie erstarrt schloss Elena die Augen, dennoch flossen Tränen, als sie die Stimme des anderen hinter sich vernahm. Trotz der Hitze fröstelte sie auf einmal. Sie hatte unglaubliche Angst vor ihm, mehr noch als vor dem Blonden.
   »Die Kleine hat sich mein Messer geliehen«, sagte Rico und betonte dabei überzogen das letzte Wort.
   »Was? Diese kleine Schlampe bekommt jetzt eine Abreibung von mir, die sie so schnell nicht mehr vergisst.« Der Dunkelhaarige machte einen Satz auf sie zu, sein Gesicht war zu einer Fratze verzerrt.
   »Nein«, rief Elena und wich einen Schritt nach hinten aus. »Bitte nicht! Nein!« Schützend hielt sie die Hände vor das Gesicht und weinte.
   Rico hielt ihn an der Schulter zurück. »Warte! Ich möchte zu gern erfahren, wofür sie sich mein Messer geborgt hat.«
   Nur langsam ließ Elena die Arme sinken und blinzelte ihn mit halb gesenktem Kopf an. Vielleicht würden die Kerle sie doch nicht töten. Ein Hoffnungsschimmer keimte in ihr auf.
   Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte Rico sie ausgiebig von oben bis unten und verschränkte die Arme, während er sich breitbeinig vor ihr aufbaute. Er war einen Kopf größer als sie, muskulös gebaut und trug nicht einmal ein T-Shirt. Vorsichtshalber wich sie einen weiteren Schritt zurück, was er mit einem kleinen Grinsen registrierte.
   »Was wird sie wohl vorgehabt haben? Dich um die Ecke bringen«, knurrte der andere und stellte sich in der gleichen Pose daneben. »Ich werde mich jetzt ein bisschen mit ihr vergnügen, damit ich sie nicht umsonst hierhergeschleift habe, und dann knall ich sie ab.«
   Rico schüttelte den Kopf. »Lass das, Carlos. Du wirst sie noch brauchen.«
   In einem Anflug von Verzweiflung kam Elena die rettende Idee. »Ich wollte nur meine Hose abschneiden.« Mit dem Finger zeigte sie auf ihre langen Hosenbeine. »Mir ist so heiß.« Ihre Schläfen pochten heftig, auch ihre Mundwinkel begannen zu zucken, aber sie konnte ihre Mimik nicht kontrollieren. Verdammte Idiotin.
   Wortlos hielt Rico ihr sein Messer mit dem Griff voraus hin, und sie fasste erleichtert danach. Ihre Ausrede hatte gewirkt, der Trottel glaubte ihr. Kurz bevor sie den Dolch berührte, lachte er und warf ihn zu Carlos, schnappte Elena mit einer schnellen Bewegung am Handgelenk und riss sie hinüber zum Stamm. Dort setzte er sich hin und zog sie auf seinen Schoß, hielt ihre Arme fest an ihren Körper gepresst, sodass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Obwohl sie ihn anschreien wollte, kam kein Ton heraus, ihre Kehle war wie zugeschnürt, kein Laut kam über ihre Lippen.
   »Ich möchte dir doch kein Messer in die Hand geben, nachher verletzt du dich«, sagte er übertrieben besorgt.
   Carlos kam grinsend heran, warf den Dolch hoch in die Luft und fing ihn nach einer Drehung wieder auf. »Wenn dem armen Mädchen wirklich so heiß ist, müssen wir in der Tat etwas dagegen unternehmen. Wo soll ich ansetzen?«
   Ein Lächeln umspielte Ricos Lippen. »So weit oben wie möglich würde ich sagen, damit die Arme nicht mehr so schwitzt.«
   Elena schrie los, sie kreischte die ganze Wut und Panik hinaus, während sie sich wie wild in seinen Armen wand. Ihre Stimme klang schrill durch den Dschungel. »Lass mich los. Lass mich in Ruhe, du Scheißkerl. Schweinehund!«
   Er lachte lauthals. »Was ist denn mit dir? Wo ist deine große Klappe?«
   Sie hörte seine Fragen nicht mehr, schlug mit den Füßen um sich und traf Carlos mit der Ferse am Oberschenkel. Der setzte sich, riss fluchend ihre Beine auf seinen Schoß und hielt sie fest.
   Schließlich hörte sie auf, sich zu wehren, die beiden hatten sie so fest im Griff, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte.
   Der Blonde sah ungerührt auf sie herunter. »Wehr dich nicht, sonst tut es nur weh. Du kriegst deine Shorts. Mein Cousin hat schon ganz anderen Hasen das Fell abgezogen.«
   Das gehässige Grinsen von Carlos wurde breiter. »Sie könnte die Jeans auch ausziehen, dann hätte ich es einfacher.«
   Elena gefror das Blut in den Adern, Tränen schossen ihr in die Augen. »Ich will nicht, bitte nicht.«
   Ricos amüsiertes Lächeln veränderte sich zu einem unbehaglichen Grinsen. »Mach schon, sonst kriegt die Kleine nur Angst. Das wollen wir doch nicht, oder?«
   Carlos hingegen zeigte keinerlei Spur von Mitleid. Im Gegenteil, ihre entsetzte Miene schien ihn sogar noch zu erheitern. Lachend beugte er sich über sie und legte zwei Finger auf den Reißverschluss ihrer Jeans.
   Elena riss den Kopf nach hinten und bäumte sich auf, dass Rico sie kaum mehr halten konnte. Sie kreischte schrill, und er musste einiges an Kraft aufwenden, um sie zu bändigen. »Fasst mich nicht an! Ich hasse euch.«
   »Nimm deine Hand weg«, fuhr er Carlos an. »Das geht auch so. Und du, reg dich wieder ab. Hier will keiner was von dir.«
   Elena wurde wieder ruhiger, sie hatte keine Kraft mehr, sich gegen ihn zu wehren. Er war stark. Aus tiefstem Herzen bereute sie ihren dummen Entschluss, aufgestanden zu sein.
   Unterdessen setzte Carlos das Messer an ihrem Oberschenkel an. Die Klinge blitzte in der Sonne auf, als er damit in den Stoff ihrer Jeans stach. Reflexartig riss sie ihr Bein zurück, sodass er in die Haut ritzte. Sie schrie auf vor Schmerz. Blut tropfte aus einem kleinen Schnitt, auf den sie wie erstarrt sah.
   »Pass doch auf«, sagte Rico.
   »Halt sie besser fest. Was kann ich dafür, wenn das Miststück nicht stillhält?« Carlos warf ihr einen drohenden Blick zu. Auch ihm war das Grinsen aus dem Gesicht gewichen.
   In ihrer Verzweiflung schloss Elena die Augen und versuchte, alles um sich herum auszublenden. Die ganze Spannung wich aus ihrem Körper und jetzt musste Rico sie halten, damit sie nicht auf den Boden rutschte. Sie spürte seinen Herzschlag an ihrer Wange, so fest hielt er sie an sich gepresst. Hoffentlich blieb es stehen, für immer und ewig, wünschte sie ihm aus tiefster Seele.
   Sie spürte kühles Metall an ihren Beinen, ein Reißen und Luft an ihrer Haut. Als Rico endlich seinen Griff lockerte, sprang sie mit einem Satz von ihm hinunter. Sie fuhr herum und funkelte ihn wütend an. »Du kannst dich auch nur an Frauen vergreifen, du Drecksack«, schleuderte sie Rico ins Gesicht, weil sie es nicht wagte, Carlos anzuschreien.
   Er schnellte hoch und machte ein paar Schritte auf sie zu.
   Elena überkam das Gefühl, einen wunden Punkt getroffen zu haben, und wich instinktiv zurück, während er näher kam.
   Mit einer Hand schnappte er Elena am Oberarm und zog sie zu sich her. »Sag das nie wieder zu mir. Nie wieder!«
   Auch Elena geriet in Rage. »Was bist du dann?«, schrie sie ihn an.
   Er hob die Hand zum Schlag, ließ sie aber eine Sekunde später sinken. »Geh mir aus den Augen.« Seine Stimme zitterte und es schien, als versuchte er krampfhaft, sich zu beherrschen.
   Mit wankenden Schritten schlich Elena zurück zu ihren Freundinnen. Dort setzte sie sich auf den Boden und wartete darauf, dass ihr Herz wieder in einen normalen Rhythmus fand. Die beiden sahen sie vorwurfsvoll an.
   »Bist du verrückt geworden?« Luisa stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
   Elena drehte sich weg, um ihrem Ausbruch zu entgehen, aber es half nicht.
   »Wie kannst du dem Typen sein Messer klauen?«, fragte Luisa sichtlich aufgebracht. »Was, wenn er dich dafür erstochen hätte?« Mit beiden Händen zerrte sie an Elenas Arm, während Adriana zu den Männern hinüberblinzelte.
   »Hat er aber nicht«, antwortete Elena, wünschte sich aber im selben Augenblick, die beiden hätten es getan, um dieses Gefühl der Demütigung nicht mehr zu spüren.
   Mit einem Ruck befreite sich Elena aus Luisas Umklammerung. »Wir hauen ab. Einfach in drei Richtungen, dann kommt zumindest eine durch und kann Hilfe holen.«
   »Das ist nicht dein Ernst.« Adriana blieb der Mund offen stehen.
   Elena nickte. »Doch. Hast du nicht gesehen, zu was die alles fähig sind? Die Typen haben sich bestimmt noch zurückgehalten.«
   »Wieso gehst du zu ihnen hin?« Adriana hörte sich an, als spräche sie zu einer Schwachsinnigen.
   Sie wandte den Kopf. Die beiden saßen lachend auf dem Baumstamm. Am liebsten hätte sie ihnen das Messer in die Rippen gerammt. »Jetzt können wir noch fliehen. Wir müssen einfach den Pfad zur Straße zurücklaufen. Irgendein Auto wird uns schon aufgabeln.« Adriana und Luisa tauschten einen vielsagenden Blick, und Elena kapierte auf der Stelle. »Ihr geht nicht mit, stimmt’s?«
   Adriana schüttelte heftig mit dem Kopf, wodurch ihre kinnlangen schwarzen Locken in alle Richtungen flogen. »Nein, auf keinen Fall, und du gehst auch nicht. Es sei denn, du bist irre oder selbstmordgefährdet, dann hast du meinen Segen.«
   Elena schlug mit der Faust auf den Boden. Es hatte keinen Sinn, mit diesen Angsthasen fliehen zu wollen, eher würden sich die beiden erschießen lassen, als einen Fluchtversuch zu wagen.
   Schweren Herzens legte sie sich auf den Boden, überkreuzte die Arme und bettete den Kopf darauf. Ihre Freundinnen platzierten sich daneben, aber es dauerte lange, bis Elena endlich einschlafen konnte. In sich zusammengekauert, versuchte sie, den Schmerz und das Entsetzen über ihre Entführung zu ertragen. Sie durfte nicht aufgeben, sondern musste sich zusammenreißen, um einen Weg aus dieser Hölle zu finden. In diesem Moment jedoch fühlte sie sich viel zu machtlos dafür.

Mitten in der Nacht wachte Elena auf und wusste zuerst nicht, wo sie sich befand. Sie versuchte, sich zu orientieren, bis ihr siedend heiß wieder einfiel, dass sie entführt worden waren. Ihr Blick wanderte hoch zu den Sternen am Himmel, die über ihr glitzerten wie ein Meer von Diamanten. Trotz der Finsternis war es noch drückend heiß. Moskitos summten an ihrem Ohr, die ihren ganzen Körper bereits zerstochen hatten. Sie kratzte sich am Bein. Warum hatten diese Männer ausgerechnet sie entführt? Wer hatte wohl ein Interesse an ihnen, um diesen Aufwand zu veranstalten und sie tief in den Dschungel zu verschleppen? Wahrscheinlich ging es um Geld. Immerhin war ihr Vater ein angesehener Geschäftsmann in der Stadt. Hatten diese Leute sie deshalb ausgewählt? Er würde bestimmt alles Menschenmögliche tun, um sie aus der Gewalt dieser Verbrecher zu befreien. Nur, wie lange mochte das dauern? Schlimmer noch: Was kam in diesem Urwald auf sie zu? Um sie herum raschelte es unaufhörlich, ab und zu hörte sie ein leises Kreischen und Fauchen im Untergehölz, außerdem zirpte und quakte es die ganze Zeit irgendwo in der Dunkelheit.
   Elena setzte sich auf und entdeckte den Jüngeren der beiden noch wach beim nahezu erloschenen Lagerfeuer. Er saß mit dem Rücken zu ihr im Schneidersitz und starrte unbeweglich in die langsam verglimmende Glut. Sie beobachtete ihn ein paar Minuten, er regte sich nicht ein einziges Mal. Der gleiche unbändige Zorn von vorhin stieg wieder in ihr auf, und sie verspürte den Drang, ihn zur Rede zu stellen für das, was die beiden ihnen antaten.
   Sollte sie es wirklich wagen und diesen Mann ansprechen? Noch war sie unschlüssig. Was sollte sie tun, wenn er wütend wurde? Elena blieb sitzen und wusste nicht, ob sie das wirklich riskieren sollte. Schließlich beschloss sie, es doch zu versuchen, stand leise auf und ging hinüber zum Lagerfeuer.
   Er zog die Augenbrauen in die Höhe, als sie sich neben ihn setzte. »Bist du nicht müde?«, fragte er mit emotionsloser Stimme.
   Elena schüttelte den Kopf, ihn anzuschauen, wagte sie nicht. »Nein, ich kann nicht schlafen. Die Hitze macht mich fertig, und diese ganzen Geräusche um uns herum machen mir Angst.«
   Er lächelte. »Das sind nur irgendwelche Tiere. Du musst keine Angst haben. Die trauen sich nicht her, solange wir das Feuer anhaben.«
   Als sie ihn verstohlen von der Seite musterte, fiel ihr zum ersten Mal auf, dass er gut aussah. Sein Kiefer wirkte ein bisschen zu kantig, aber die weichen, glatten Gesichtszüge glichen das wieder aus. Das ließ ihn sogar etwas jungenhaft wirken. Blonde Strähnen hingen ihm in die Augen, sein nackter Oberkörper war muskulös. Seine Nase sah durchschnittlich groß aus, und wenn er lächelte, zeichnete sich ein Grübchen an seiner Wange ab. »Ich heiße Elena.« Sie hatte das Gefühl, ihm ihren Namen mitteilen zu müssen. Schließlich war sie ein Mensch, eine Person, so sollte er sie auch behandeln. Nicht nur als Geisel.
   Er musterte sie ohne äußere Regung. »Ich weiß.«
   Sie horchte auf. Er wusste, wie sie hieß?
   »Wir haben seit ein paar Wochen ein Auge auf euch.« Der spöttische Unterton blieb Elena nicht verborgen, ihr lief es eiskalt den Rücken hinunter. »Ich heiße Rico«, sagte er mit seiner angenehmen, tiefen Stimme.
   »Rico klingt so harmlos.«
   Er lachte und zeigte eine Reihe ebenmäßiger weißer Zähne. »Bin ich eigentlich auch.«
   Für diese Aussage hatte sie nur ein schwaches Grunzen übrig. »Und der da?« Sie zeigte mit dem Finger auf den anderen Mann, der schlafend am Boden lag.
   »Der da …« Seine Stimme klang belustigt, als er ihre Worte wiederholte. »… ist Carlos, mein Cousin.«
   Die Anspannung fiel langsam von ihr ab. »Ich bin siebzehn.« Erleichtert registrierte sie, dass Rico schmunzelte.
   »Ich weiß.« Er hatte es gelangweilt gesagt, als hätte Elena ihm ihr Alter schon zehnmal verraten. »Du siehst jünger aus«, sagte er leise.
   »Was weißt du noch alles von mir?«
   Er schüttelte den Kopf. »Nicht viel. Bei dir gibt es nicht viel Wichtiges.«
   »Dann lasst mich doch gehen, wenn ich nicht wichtig bin.«
   Von einem lauten Seufzer begleitet, griff sich Rico in den Nacken. Es hatte den Anschein, als hätte er keine Lust, sich auf eine Diskussion dieser Art einzulassen. »Geh schlafen, morgen haben wir einen langen Fußmarsch vor uns.«
   Ein ihr bisher unbekanntes Gefühl, das sie nicht recht zu deuten wusste, hielt sie davon ab, aufzustehen. So unauffällig wie möglich betrachtete sie sein blondes Haar und das markante Gesicht, da drehte er plötzlich den Kopf und sah ihr in die Augen.
   Elena stockte für einen Moment der Atem, ehe sie beschloss, ihm zu drohen. »Unsere Eltern werden uns suchen lassen. Mein Vater hat sehr einflussreiche Freunde. Die werden nicht aufgeben, bis sie euch gefunden haben. Bestimmt wird Javier in diesem Augenblick verhört. Sie werden ihn zum Sprechen bringen, dann wandert ihr für ziemlich lange Zeit hinter Gitter.« Sie hatte in einem Atemzug gesprochen, ihre Stimme hatte sich fast überschlagen.
   Rico hingegen blieb gelassen. »Das glaube ich weniger. Euer Fahrer ist mittlerweile über alle Berge. Er wird nicht so dumm sein, zurückzugehen, um deinem Vater eine Geschichte aufzutischen. Außerdem …« Er machte eine Pause, die ihre Wirkung auf Elena nicht verfehlte. »… hat er das auch nicht mehr nötig.«
   Blitzartig durchfuhr Elena die Erkenntnis, dass Javier dafür bezahlt worden war, sie diesen Verbrechern auszuliefern. Mit ihrer mühsamen Selbstbeherrschung war es endgültig vorbei. »Aber was wird jetzt aus uns?«, flüsterte sie.
   »Euch wird nichts geschehen. Das hat nichts mit euch zu tun, sondern ist vielmehr eine Sache, die mit euren Vätern geregelt wird. Solange du dich nicht so dumm benimmst wie vorhin. Ich habe nicht vor, jeden Tag mit dir Katz und Maus zu spielen.«
   Sie lachte spöttisch auf. »Was für ein treffender Vergleich.«
   »Du nervst«, sagte er knapp.
   »Du auch.« Sie hatte es nur geflüstert und wagte nicht, ihn anzusehen, da hörte sie ihn lachen, was ihr Tränen in die Augen trieb.
   »Ich will nicht hier sein«, sagte sie und presste den Handrücken auf ihren Mund, um ein Schluchzen zu unterdrücken. Auf keinen Fall wollte sie vor ihm losheulen.
   »Glaub mir, ich bin auch froh, wenn ich dich wieder los bin. Leg dich schlafen.«
   Elena erhob sich, doch im Weggehen drehte sie sich noch mal um. »Wie alt bist du eigentlich?«
   »Zwanzig, und jetzt schlaf«, antwortete er nach einer kurzen Pause.

3. Februar

Elena wurde aus dem Schlaf gerissen.
   Vor ihr stand Carlos, der Adriana mit seiner Schuhspitze anstieß. »Aufstehen. Zack zack!«
   Schlagartig war sie wach und blickte direkt in sein unrasiertes Gesicht. Sie setzte sich auf und wich über den Boden ein Stück nach hinten aus, worauf sich seine Mundwinkel nach oben verzogen. Als Adriana neben ihr auf die Beine sprang, zögerte sie keine weitere Sekunde und tat es ihr nach.
   Etwas schwerfälliger rappelte sich auch Luisa hoch. »Aua, mir tut alles weh.«
   Elena stützte sich an Adriana ab, um ihre zittrigen Knie unter Kontrolle zu bekommen. Ihre Haut juckte und brannte von etlichen Moskitostichen. Sie kratzte sich am Oberschenkel, den es wohl wegen des kleinen Schnittes am heftigsten getroffen hatte.
   Carlos musterte sie von oben bis unten mit zusammengekniffenen Augenbrauen, als wäre sie ein Blutegel, was ihr den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Erst, als er sich wieder weggedreht hatte, wagte sie tief durchzuatmen. Was für ein widerlicher Kerl.
   Das Feuer war bereits gelöscht, die Rucksäcke standen gepackt bereit, daneben lagen die Gewehre.
   Gerade kam Rico mit seiner gefüllten Flasche von der Quelle zurück, kniete sich vor seinen Rucksack und verstaute sie darin.
   Vielleicht hatte er sie gestern belogen und sie taten ihnen doch etwas. Ihre Unterlippe zitterte, sodass sie den Mund fest zusammenpressen musste, um nicht vor allen in Tränen auszubrechen. Sie wollte nach Hause, bestimmt machten sich ihre Eltern große Sorgen um sie.
   »Was glotzt du so?«, fragte Rico schroff, und sie schreckte auf.
   Völlig in Gedanken versunken, hatte sie sein Herannahen überhaupt nicht bemerkt. Als sie den Blick senkte, entdeckte sie die Scheibe Brot, die Rico ihr hinhielt. Sie war trocken und wellte sich an den Enden nach oben. Doch erst, als sie registrierte, dass ihre Freundinnen bereits aßen, nahm auch sie den Kanten und sah ihm direkt ins Gesicht, um etwas zu erwidern. Da bemerkte sie, dass er leuchtend grüne Augen besaß, und geriet ins Stocken.
   »Warum gaffst du mich so an? Mach jetzt und iss, damit wir loskönnen.«
   »Iss den Mist doch selbst«, brach es unbedacht aus ihr heraus, während sie das Brot gegen seinen Bauch drückte, obwohl sie schrecklichen Hunger hatte.
   Zuerst sah Rico auf ihre Hand, dann glitt sein Blick langsam an ihr hinauf. »Du willst es wirklich wissen, oder? Ich sage es dir zum letzten Mal: Leg dich nicht mit mir an!«
   Elena kämpfte mit sich und biss die Zähne zusammen, um nichts Unüberlegtes mehr von sich zu geben.
   »Jetzt bewegt euch zur Quelle und trinkt etwas«, sagte er so barsch, dass alle drei zusammenzuckten, und wandte sich von ihnen ab. Am liebsten hätte sie ihm das Brot kräftig an den Hinterkopf geworfen, aber sie zügelte sich rechtzeitig.
   An der Quelle kniete sich Elena zwischen Adriana und Luisa auf den weichen Moosteppich, der bereits die Steine am Wasser zuwucherte. Das Brot hatte sie auf dem Weg ins Gebüsch geworfen, der Appetit war ihr vergangen.
   Luisa stieß ihr den Ellenbogen in die Rippen. »Warum reizt du ihn?«
   »Ja«, sagte Adriana. »Du willst wirklich, dass sie uns umbringen, oder?«
   »Er regt mich auf«, antwortete sie und klatschte mit der Hand ins Wasser, dass es spritzte.
   »Er regt dich auf?«, fragte Adriana mit leiser Stimme. »Spinnst du komplett?«
   »Mir macht er Angst.« Luisas Augen füllten sich mit Tränen. »Die haben bestimmt Fürchterliches mit uns vor.«
   Elena hielt den Atem an. Vor lauter Wut hatte sie wahrhaftig vergessen, wie gefährlich diese Leute waren. Um Luisa zu beruhigen, streichelte sie ihr über den Rücken. »Ich halte mich zurück, versprochen.«
   Luisa nickte nur schwach. Statt einer Antwort schöpfte sie wie Adriana mit den Händen etwas Wasser zum Mund. Elena setzte sich auf ihre Waden, ihre Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt. Als sie eine Handvoll Wasser zu ihren Lippen führte, verursachte das Schlucken ihr Brechreiz.
   Rico kam heran. »Macht schon, wir müssen weiter.« Er trieb sie mit einer wedelnden Handbewegung an. »Was ist mit dir? Warum trinkst du nicht?« Mit dem Kinn deutete er auf Elena.
   »Ich habe keinen Durst«, log sie und versuchte, das Brennen im Hals zu ignorieren.
   »Bis zur nächsten Wasserstelle haben wir einen weiten Marsch vor uns.«
   »Was diskutierst du mit dem Miststück?«, fragte Carlos ihn und schubste Rico von der Seite an. »Wenn sie nicht will, hat sie Pech gehabt. Abmarsch!« Carlos drehte sich um und ging zu seinem Rucksack.
   Als sie von der Quelle zurückkamen, grinste Rico sie an, was Elena verdutzte, das Letzte, was sie jetzt über die Lippen gebracht hätte, war ein Lächeln. Seine Launen schienen mit einem Schlag zu wechseln.
   »Wir brechen jetzt auf«, sagte er so freundlich, dass sie misstrauisch wurde. »Fühlst du dich besser in deiner kurzen Hose?«, fragte er spöttisch.
   »Ja. Vielen Dank.« Ihre Stimme klang verächtlich, doch Rico schien das nicht zu stören. Mit einer schnellen Bewegung setzte er sich den Rucksack auf und winkte ihnen. Als er sich sein Gewehr überhängte, durchfuhr es sie eiskalt.
   In diesem Augenblick wünschte sie sich nichts sehnlicher, als wieder zu Hause zu sein. Ihr unbeschwertes Leben weiter fortführen zu können, ohne dauernd damit rechnen zu müssen, umgebracht zu werden. Eine Träne lief über ihre Wange, und sie kniff die Augen zusammen, um Weitere davon abzuhalten. Als sie die Lider wieder öffnete, sah sie Rico verschwommen vor sich und konnte nicht sagen, ob seine Geste herablassend oder eher warnend wirkte.
   »Beeilung«, sagte er in scharfem Ton. »Wir gehen!«
   Carlos wartete schon sichtlich ungeduldig auf Rico, der schleppend herankam. Er wollte endlich los und trieb sie fluchend zur Eile an. »Setzt euch endlich in Bewegung, ihr faules Pack!«
   Mit gesenkten Köpfen gehorchten sie. Immer tiefer ging es in den düsteren Dschungel hinein. Nur da, wo umgestürzte Bäume Schneisen in den dichten Wald geschlagen hatten, schien die Sonne bis zum Boden und verleitete ein Meer von Orchideen und Blumen zum Blühen. Der honigsüße Duft einiger schalenförmiger Blüten mischte sich mit dem fauligen Gestank manch anderer Gewächse.
   Carlos jagte sie gnadenlos voran, und bald gerieten sie völlig außer Puste. Der Boden war feucht und glitschig von den modrigen Pflanzenresten. Sie mussten aufpassen, um in ihren leichten Sandalen nicht auszurutschen. Während sich die schwüle Hitze drückend über sie legte und fast nicht mehr zu Atem kommen ließ, stolperten und schlitterten sie vorwärts. Eine große Spinne huschte vor Adrianas Füßen über den Weg und sie kreischte erschrocken auf.
   Elena strauchelte zwischen ihren Freundinnen voran.
   »Ich kann nicht mehr«, murmelte Luisa und wischte sich mit dem Handrücken über ihre klebrige Stirn. Ein dunkler Streifen blieb zurück.
   »Wie lange laufen wir schon?«, fragte sie leise, damit ihre Entführer sie nicht hören konnten.
   »Keine Ahnung. Fünf Stunden?« Adriana wirkte ähnlich erschöpft.
   Elena äußerte sich nicht dazu, sie hatte Mühe, mit ihren immer schwächer werdenden Beinen das Tempo zu halten.
   »Mir kommt es vor wie zehn«, sagte Luisa.
   Mit einer schnellen Bewegung klatschte sich Adriana an den Hals. »Autsch. Drecksäcke!«
   »Was hast du gesagt?« Carlos, der vor ihnen lief, blieb abrupt stehen und drehte sich um. »Wiederhol das noch mal!« Er baute sich vor ihnen auf wie ein wilder Keiler.
   »Sie … sie hat diese Stechviecher gemeint«, sagte Elena und legte schützend einen Arm um Adriana, während sich Luisa verängstigt hinter sie stellte.
   Plötzlich erhob sich ein markerschütterndes Geschrei, das laut durch den Dschungel hallte. Sie wusste nicht einmal, aus welcher Richtung das Geräusch kam, und sah sich suchend nach allen Seiten um. Da übertönte ein lauter Knall den ohrenbetäubenden Lärm, und das Gekreische erstarb so plötzlich, wie es begonnen hatte. Blaue Federn stoben durch die Luft und ein Ara fiel ihnen mit einem dumpfen Aufschlag tot vor die Füße. In der Brust des Vogels prangte ein faustgroßes Loch. Zuerst starrte Elena Rico an, der seinerseits Carlos mit regloser Mimik musterte. Der schulterte soeben sein Gewehr.
   Ihre Hand zitterte, und sie schaffte es nicht, sie vor den Mund zu halten. Eine unbändige Wut auf den Schützen machte sich in ihr breit. Ohne weiter zu überlegen, schrie sie ihn an. »Du Tierquäler! Der Papagei hat dir überhaupt nichts getan. Du bist echt das Letzte, du elender Mistkerl!«
   Carlos lief rot an. Mit dem rechten Fuß holte er aus und kickte das tote Tier durch die Luft, sodass es in hohem Bogen gegen den nächsten Baum klatschte und am Stamm zu Boden glitt. Er griff nach Elenas Haaren und zerrte ihren Kopf grob in den Nacken. Ganz nah ging er an ihr Gesicht und brüllte lauthals los, versprühte feine Spucketröpfchen. »Reißt du deine große Klappe schon wieder so weit auf, du kleine Schlampe?«
   Carlos riss brutal an ihren Haaren, sie spürte Hunderte von Nadelstichen auf ihrer Kopfhaut und glaubte, jedes einzelne Haar verlieren zu müssen. Noch mehr jedoch schmerzte die Angst in ihrer Brust. Jetzt war es aus mit ihr. Adriana und Luisa hatten beide Hände vor den Mund geschlagen. Sie wirkten, als würden sie nicht einmal mehr atmen, und waren kreidebleich.
   Wie von selbst rutschte Carlos’ Hand zum Dolch an seinem Hosenbund. Er zog ihn heraus. Den anderen Arm hatte er mit einem festen Griff um ihren Hals gelegt.
   Sie spürte seinen Körper im Rücken und wusste jetzt, wie sich Todesangst anfühlte: Sie tat weh, lähmte alle Glieder.
   »Mach das nicht noch einmal, sonst kannst du was erleben.«
   »Es tut mir leid«, keuchte Elena und blinzelte die Tränen zurück, sich zu bewegen wagte sie nicht, vor lauter Angst, er könnte seine Drohung wahr machen. Durch den festen Druck der Klinge an ihrem Hals bildete sich eine feine Linie, die auf ihrer Haut brannte.
   »Du kleines Miststück wirst mich noch kennenlernen. Wenn ich mit dir fertig bin, erkennt dich nicht einmal mehr deine Mutter.«
   Mit beiden Händen umklammerte sie seinen Unterarm in dem verzweifelten Versuch, das Messer von sich wegzudrücken, aber es gelang ihr nicht. Er hielt die Klinge so fest an sie gepresst, dass Elena ihn keinen Zentimeter von sich wegbewegen konnte. Ihr Herzschlag pochte bis zum Zerspringen.
   Nach einiger Zeit hielt Rico ihn am Arm zurück. »Hör jetzt auf, ich will endlich weiter.«
   Carlos nahm den Dolch von ihrem Hals und schleuderte Elena gegen den Baum, an den er auch den Vogel getreten hatte. Sie lehnte den Kopf dagegen und weinte: um den toten Vogel, wegen ihrer Situation und der Ungerechtigkeit, dass ausgerechnet sie entführt wurden. Wegen allem, aber das Weinen erleichterte sie nicht, im Gegenteil, es steigerte ihre Angst vor den beiden ins Unermessliche.
   Die dunklen Augenbrauen zusammengeschoben kam Carlos erneut heran, und sie versuchte krampfhaft, sich zu beruhigen. Trotz der Hitze fröstelte sie.
   »Wir haben keine Zeit hier herumzustehen, beweg dich.« Seine Stimme dröhnte in ihrem Ohr.
   Nach einem heftigen Stoß in den Rücken stolperte sie den Weg entlang, vorbei an Rico, der ungerührt zusah.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und je weiter sie liefen, desto größer wurde ihre Sorge, niemals wieder nach Hause zu kommen. Sie befanden sich mitten im Urwald, der sie umschloss und gefangen hielt wie einen Falter im Spinnennetz, keiner würde ihnen zu Hilfe kommen.
   Plötzlich wurde ihr schwindlig. Zwar hatte ihr leerer Magen aufgehört zu rebellieren, dafür brannte der Durst in ihrem Mund umso heftiger und zog den Hals hinunter. Ihre Beine fühlten sich so kraftlos an, dass sie glaubte, jeder weitere Schritt wäre ihr letzter. Sie stand kurz vor dem Zusammenbruch.
   An all dem Unglück war Javier schuld. War er zurückgekehrt und hatte ihren Eltern irgendeine Geschichte erzählt? Oder hatte er sich aus dem Staub gemacht, wie Rico es vorhergesagt hatte? Wie konnte dieser Mann das Vertrauen ihrer Familie missbrauchen? Alle hatten sich auf ihn verlassen, aber er hatte sie kaltblütig diesen Kriminellen ausgeliefert, die sie jetzt durch den Busch schleiften und für wer weiß wie lange bei sich behalten würden. Elena hoffte, dass Javier eines Tages in der tiefsten Hölle für diese Tat schmorte.
   Sie stolperte voran, ihre Augäpfel brannten, deshalb schloss sie die Lider für einige Sekunden und strauchelte blindlings weiter. Davon wurde ihr noch schwummriger zumute, darum riss sie die Augen wieder auf und blieb schwankend stehen.
   »Los jetzt! Nicht schlappmachen.« Rico schob sie an.
   »Elena, lauf weiter«, flehte Luisa und zog sie an der Hand.
   »Ich kann nicht mehr.« Mit Entsetzen spürte Elena, wie ihre Knie nachgaben.
   »Komm schon«, sagte Rico gereizt, »wir machen gleich eine Pause.«
   Seine Hand glühte auf ihrem Rücken, aber sie konnte keinen Schritt mehr gehen. Atemlos drehte sie sich zu ihm um. »Mir ist schwindlig, und ich kriege keine Luft.«
   Rico sah sie mit schmalen Augen an. »Reiß dich zusammen. Du kannst jetzt nicht zusammenklappen – mitten im Busch.«
   Mit beiden Händen drängte er Elena vorwärts, und sie torkelte weiter, aber sie konnte nicht mehr. Er sollte endlich damit aufhören und sie zurücklassen. Sie wollte schlafen und schloss die Lider wieder. Alles begann sich zu drehen, Sterne tanzten vor ihren Augen, dann wurde es schwarz.

Ein leichter Schmerz in ihrem Gesicht ließ sie langsam zu sich kommen.
   »Elena, Elena«, drang es von weit her zu ihr, als sie die Augen wieder aufschlug und feststellte, dass sie auf dem Boden lag. Adriana und Luisa hatten sich neben ihr auf die Erde geworfen, auf der anderen Seite kniete Rico. Er nahm die Hand von ihrer Wange.
   »Alles klar?« Kurz deutete er mit dem Kinn auf sie.
   Elena nickte schwach. »Ich glaube schon.«
   Adriana nahm ihre Hand. »Was ist los? Was hast du?« Ihre Stimme klang panisch und passte zu dem Ausdruck in ihren Augen.
   Elena versuchte, sich aufzusetzen, aber sofort schwankte der Boden heftig unter ihr, deshalb ließ sie den Kopf wieder zurücksinken. Die harte Erde dämpfte das Schwindelgefühl, was ihren Zustand etwas erträglicher machte, und sie hoffte, hier für den Rest ihres Lebens liegen bleiben zu können. »Ich weiß nicht. Alles dreht sich, wenn ich mich bewege«, flüsterte sie heiser, ehe sie sich zur Seite wandte und würgte, um zu erbrechen, aber nichts kam hinaus.
   Rico legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Bleib liegen, es wird gleich besser.«
   Da kam Carlos mit hasserfüllter Miene heran. »Du schon wieder! Steh sofort auf und geh weiter, sonst mach ich dir Beine«, brüllte er, worauf alle den Atem anhielten, sogar Rico.
   Mit beiden Händen stützte sich Elena auf der modrigen Erde ab, versuchte dabei, den Taumel in ihrem Kopf zu ignorieren, und richtete sich mit zusammengebissenen Zähnen auf, doch gleich darauf kippte sie erneut zur Seite weg.
   Rico fing sie ab und hielt Elena an beiden Oberarmen fest. »Carlos, lass uns für zwanzig Minuten eine Pause machen, dann sind wir heute Abend trotzdem noch zeitig genug am Rastplatz. Was nützt es schon, wenn wir überstürzt weiterziehen. Außerdem habe ich keine Lust darauf, die Göre den ganzen Weg über schleppen zu müssen. Komm schon, ich habe auch eine Pause nötig.«
   Elena sah Rico nahezu dankbar an, sie wusste, dass sie jetzt nicht in der Lage war, aufzustehen. Ob er es auch ahnte und ihr beistehen wollte?
   Wutentbrannt trat Carlos gegen Elenas Oberschenkel, sodass sie vor Schmerz laut aufschrie. Er beugte sich zu ihr und ballte eine Faust dicht vor ihrem Gesicht. »Ich habe genug von deinem Theater, du verwöhnte Göre. Dafür steche ich dich ab, dann muss ich mich wenigstens nicht mehr mit dir herumärgern!«
   Mit geschlossenen Augen ließ Elena sein Getobe über sich ergehen, sie war zu schwach, um den Kopf zu heben. Außerdem hasste sie seine Stimme, die sich durch ihren Gehörgang drehte und wie ein spitzer Pfeil in ihr Gehirn bohrte.
   »Carlos, jetzt ist gut«, hörte sie Rico entschieden sagen. »Durch dein Gebrüll sind wir auch nicht schneller da.«
   »Okay. Zwanzig Minuten. Wenn sie dann immer noch nicht steht, kümmere ich mich persönlich darum.« Carlos stapfte zu einem Mangrovenbaum und trat mehrmals dagegen. Dabei gab er einen lauten Wutschrei von sich.

Noch immer hing sie schlaff in Ricos Händen. Ihre Augen waren nur halb geöffnet und ihr Kopf fühlte sich zentnerschwer an.
   Er ließ sie zurück auf den Boden sinken. »Du dämliche Kuh hast weder gegessen noch getrunken, stimmt’s?«, fragte er brüsk, nahm seinen Rucksack ab und zog die Wasserflasche heraus. Statt einer Antwort, zu der sie sowieso nicht in der Lage war, würgte sie erneut.
   Rico drückte ihr die Flasche genauso vor den Bauch wie sie ihm am Morgen das Brot. »Jetzt trink! Du ätzt mich langsam an.«
   Elena fühlte sich gedemütigt, sich durch ihre eigene Dummheit in diese Lage gebracht zu haben. Sie griff nach dem Gefäß.
   »Lass was für die anderen beiden übrig«, sagte er, richtete sich auf und verschränkte die Arme.
   Luisa streichelte mitleidig die Stelle, an der Carlos sie getreten hatte. »Trink mal was, Elena, dann geht es dir bestimmt gleich wieder besser.«
   Zwar nickte Elena, legte aber erst eine Hand vor ihre Augen, um sich zu sammeln. Eine unbändige Angst davor, ins Visier der beiden geraten zu sein, nahm von ihr Besitz. Wenn es so weiterging, standen ihre Chancen hier lebend rauszukommen denkbar schlecht. Darüber hinaus fühlte sie sich krank, ihr war sterbenselend zumute.
   »Komm, ich helfe dir«, sagte Adriana mitfühlend, öffnete die Flasche und hielt sie ihrer Freundin an die Lippen.
   Das Wasser half zwar gegen das Brennen im Mund, aber die paar Schlucke reichten bei Weitem nicht aus, um den quälenden Durst zu stillen.
   »Was wird passieren, wenn sie in zwanzig Minuten noch nicht weiterlaufen kann?«, fragte Adriana Rico schüchtern.
   »Das werden wir sehen, wenn es so weit ist«, erwiderte er in abweisendem Ton und schüttelte den Kopf. »Du machst nur Ärger. Ich hätte jemand anderen entführt, wenn ich das vorher gewusst hätte.«
   Seine Worte drangen undeutlich an Elenas Ohr, deshalb bemerkte sie den spöttischen Klang in seiner Stimme fast nicht.
   Wieder kramte er in seinem Rucksack, holte für jede ein Stück Brot heraus und reichte es ihnen wortlos. Nur das Stück für Elena warf er ihr in den Schoß.
   »Ich will nichts essen, mir ist übel.« Sie wimmerte.
   »Dir ist schlecht, weil du nichts im Magen hast«, sagte Rico streng.
   In seinem Blick lag so viel Nachdruck, dass sich Elena nicht mehr traute, ihm zu widersprechen, also nahm sie es widerwillig und biss hinein. Rico nickte schnaubend. Ihr Mund fühlte sich immer noch ausgetrocknet an, darum hatte sie Schwierigkeiten, die krümligen Brocken herunterzuschlucken, aber um keinen Preis der Welt wollte sie noch mal den Zorn von Carlos auf sich ziehen.
   Der Schwindel ließ wirklich etwas nach, auch die Übelkeit hörte auf, da befahl Carlos gereizt den Abmarsch.
   »Noch ein paar Minuten.« Elena hatte solche Angst davor, aufzustehen, aber Rico schüttelte nur den Kopf und beugte sich zu ihr, packte sie an den Handgelenken und zog sie auf die Beine. Schwankend lehnte sie sich mit der Stirn gegen seine Brust, atmete mit geschlossenen Augen tief durch. Seine Haut war kühl und verschaffte ihr ein wenig Linderung. Außerdem roch er gut, stellte sie verwundert fest. Etwas salzig und männlich.
   Rico rührte sich nicht, er ließ es zu, dass sie sich gegen ihn lehnte. Schließlich nahm er Elena bei den Oberarmen, stellte sie aufrecht hin und sah sie eindringlich an. »Wirst du dich endlich zusammenreißen?«
   Elena nickte und lief taumelnd los. Jetzt wollte sie ihm lieber nicht mehr derart nahe sein. Zuerst ging es besser als gedacht, aber nach ein paar Schritten knickte sie um und verlor das Gleichgewicht. Sofort hielt Rico sie fest.
   Er legte einen Arm um ihre Taille und stützte sie, wenn ihre Knie nachgaben. »Super! Gleich schlägst du irgendwo mit dem Schädel auf, und wir können den Mist ausbaden.«
   Elena presste die Lippen zusammen.
   Inzwischen lief Carlos forsch voraus und trieb ihre beiden Freundinnen vor sich her. Rico und sie folgten ihnen. Immer wieder wandte Adriana den Kopf, sie wirkte müde und verzweifelt. Ohne Vorwarnung schlug Carlos ihr mit dem Handrücken heftig ins Gesicht, sodass es laut klatschte. »Wenn du dich noch einmal umdrehst, kann Rico dich auch durch den Dschungel tragen.« Adriana hielt sich die Wange und sah nicht mehr zurück. Er gab ihr noch einen Tritt in den Hintern und sie fing an, zu rennen. »Es geht doch, warum nicht gleich?«, rief er ihr hinterher und lachte. »Du, beweg dich auch.« Mit dem Handballen schlug er Luisa gegen den Hinterkopf, ihr lauter Schluchzer drang bis zu Elena.
   »Sag Bescheid, wenn es wieder geht, ich habe keine Lust, dich den ganzen Weg zu tragen«, sagte Rico neben ihr.
   »Lass halt los«, flüsterte sie, war aber froh, dass er es nicht tat.
   Rico schnaubte verächtlich. »Unfassbar. Immer das letzte Wort«, sagte er leise, mehr zu sich selbst.
   Als sich Carlos und ihre Freundinnen immer weiter von ihnen entfernten, bekam sie Panik. »Was machen wir, wenn wir die anderen aus den Augen verlieren?«
   »Was ist los? Hast du Angst mit mir allein?« Rico klang auf einmal anders, er drückte sie kurz fester an sich.
   Ihr wurde mulmig zumute, und sie bekam eine Gänsehaut, worüber er schmunzelte.
   »Entspann dich. Ich kenne den Weg.«
   Mit letzter Kraft schleppte sie sich voran. Von den anderen war mittlerweile weit und breit nichts mehr zu erkennen. Der Pfad schien kein Ende zu nehmen, und jeder Schritt wurde zur Qual. »Ich kann nicht mehr.« Völlig außer Atem blieb sie stehen, auch Rico hielt an.
   »Es ist nicht mehr weit, wir sind gleich da«, sagte er entnervt. »Du bist bloß ausgetrocknet, das ist alles. Du machst Carlos nur unnötig wütend mit deinem weinerlichen Getue. Und mich langsam auch.«
   »Ihr seid so gemein«, sagte Elena nervlich wie auch körperlich am Ende, ehe sie in Tränen ausbrach, was Rico ein kleines Grinsen entlockte.
   »O Mann. Prinzessin, glaub bloß nicht, dass ich dich die restlichen Meter auf den Armen trage. Du hast hier keine Dienstboten, die du rumscheuchen kannst.«
   Elena ließ sich gegen Rico sinken, der sie weiterzog. Vor Erschöpfung schloss sie die Augen und stapfte blind neben ihm her.
   »Sieh mal, da ist die Quelle, du hast es geschafft«, hörte sie Rico nach langer Zeit des Schweigens neben sich.
   Sie hob den Kopf und erblickte vor sich ein Bächlein, das wie aus dem Nichts vor ihnen aus dem Dickicht floss. Auch hier gab es einen Lagerplatz wie am Tag zuvor.
   Rico ließ sie los. »Die letzten Meter schaffst du allein«, sagte er grob und entfernte sich.
   Allein auf sich gestellt stolperte Elena zur Quelle und sackte auf den Boden. Luisa und Adriana kamen her und setzten sich zu ihr. Sie trank und trank, so lange, bis sie das Gefühl hatte, zu platzen, zog danach ihre Sandalen aus und tauchte ihre wunden Füße in das lauwarme Wasser. Ihre Freundinnen taten es ihr nach. Keine von ihnen war in der Lage, ein Wort zu sprechen, vollkommen fertig hockten sie nebeneinander. Schweiß lief über ihre Stirn wie Sturzbäche, während kleine Moskitoschwärme ihnen Arme und Beine zerstachen. Sogar das Gezwitscher der Vögel regte Elena auf. Sie wollte ihre Ruhe, um zu schlafen, ein weiches Bett und eine Dusche.
   »Geht es wieder?«, fragte Adriana nach einer Weile des Schweigens.
   »Ja, jetzt, wo ich getrunken habe, fühle ich mich zum Glück besser. Was ist eigentlich mit deinem Knöchel?«
   »Nicht mehr so schlimm wie gestern. Tut zwar weh, aber ist nichts angeschwollen.«
   Luisas Gesicht verzog sich zu einer verbitterten Grimasse. »Dieser andere hat uns den ganzen Weg über angeschrien und bedroht. Ich dachte die ganze Zeit, er knöpft sich uns gleich vor, und hatte solche Angst. Du kannst froh sein, dass du nicht mit uns laufen musstest.«
   Sie linste zu Rico, der gerade seinem Cousin beim Feuer machen half und dessen üble Laune einfach ignorierte.
   »Wir kommen hier nicht mehr raus«, flüsterte Adriana kurzatmig und senkte den Kopf.
   »Sag das nicht. Das darfst du nicht einmal denken«, hauchte Elena, da ihr beinahe die Stimme versagte. Wie lange schaffte man es wohl, hier im Dschungel zu überleben? Was hatten ihre Peiniger wohl mit ihnen vor? Ein Grauen schüttelte Elena, das sie noch nie zuvor verspürt hatte.
   »Ja, sagt das nicht. Ich will wieder nach Hause. Ich bin erst siebzehn, ich will noch nicht sterben.« Luisa heulte mit angezogenen Knien. Ihr Gesicht hatte sie daraufgelegt und in den Armen versteckt.
   Adriana tätschelte Luisas Schulter und sprach eindringlich auf sie ein.
   Elena hingegen hörte nur mit halbem Ohr zu. Während sie zusammengekauert am Boden saß und versuchte, die Geschehnisse der vergangenen Tage zu begreifen, stieg eine dunkle Vorahnung in ihr auf. Das hier war nur der Vorgeschmack, die wirkliche Hölle wartete noch auf sie.
   Die Sonne ging unter und tauchte den Himmel in ein orangenes Licht. Ein trügerisch friedliches Bild.

4. Februar

Nach einer kurzen Nachtruhe machten sie sich bereit zum Abmarsch. Die Sonne war gerade erst im Begriff aufzugehen und löste langsam die Dämmerung ab, die sie noch düster umschloss. Das Zirpen hatte zwar aufgehört, dafür läutete jetzt lautes Affengebrüll in den Ästen den Morgen ein. Auch der Nebel verflüchtigte sich langsam.
   Carlos stapfte auf sie zu. »Wenn du heute wieder schlappmachst, nehme ich das persönlich in die Hand. Glaube mir, ich werde dich nicht tragen.«
   Umgehend wich Elena einen Schritt zurück, sie wollte weg, aber ihre Füße fühlten sich schwer wie Blei an.
   Er kam nahe an sie heran. »Mach mich nicht wütend«, knurrte er.
   Sie zitterte. Was hatte sie ihm getan?
   »Geh auf die Knie und bitte mich für gestern um Entschuldigung.« Seine Stimme schnitt messerscharf durch ihren Körper.
   »Was?«, fragte sie, dann versagte ihre Stimme. Adriana hatte beide Hände vors Gesicht geschlagen, ihr Kopf zuckte, aber kein Laut drang durch ihre Finger. Luisa starrte Elena mit einer Angst in den Augen an, die sie noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen hatte. Ein Anblick, der ihr wie der Spiegel ihres Entsetzens erschien.
   »Geh auf die Knie!«
   Ihr schlug grenzenlose Wut entgegen. Dieser Mann hasste sie bis tief in sein Inneres, das erkannte sie sofort. Im Zeitlupentempo sank Elena nach unten auf den feuchten Boden. Als sie vor ihm kniete, überkam sie der unbändige Drang, dem Kerl ein Messer zwischen die Rippen zu stoßen. »Entschuldigung«, flüsterte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen und musste sich beherrschen, ihn nicht anzuschreien. Elena verabscheute ihn genauso wie er sie.
   »Lauter.«
   »Entschuldigung«, sagte sie und versuchte, die Wut in ihrer Stimme zu unterdrücken.
   »Du klingst mir nicht sehr reumütig«, sagte er so dröhnend, dass Elena zusammenschreckte.
   »Es tut mir leid! Es tut mir leid«, kreischte sie und sank vornüber. Alles in ihr krampfte sich zusammen.
   Mit dem Fuß hob er ihren Oberkörper an und stellte ihn auf ihrer Schulter ab. Jeden Moment kostete er aus, es war deutlich in sein Gesicht geschrieben. Ein kräftiger Stoß warf sie nach hinten auf die Erde. Elena lag im Dreck, während sein höhnisches Lachen über ihr erklang.
   Von irgendwoher kam Rico dazu und legte seinem Cousin eine Hand auf die Schulter. »Ich sag dir eins, Carlos.« Seine Stimme klang genervt. »Wenn du sie lahm prügelst, kannst du sie nachher durch den Dschungel schleifen.«
   Das schien zu wirken. Carlos drehte sich um und ging zu seinem Gepäck.
   Erst, als er weg war, setzte sie sich auf. Ihre Beine fühlten sich an wie Pudding, sie hatte keine Ahnung, wie sie wieder hochkommen sollte. Es schien, als hätte Rico ihre Gedanken gelesen.
   Ohne Umschweife nahm er Elena unter den Armen und stellte sie auf die Beine, als wäre sie leicht wie eine Feder. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich zurückhalten und Carlos nicht reizen.« Er klang übertrieben vorwurfsvoll.
   Elena war sich keiner Schuld bewusst und öffnete den Mund, bemerkte jedoch in derselben Sekunde, wie sich seine Augen verengten, und schloss ihn sofort wieder, was ihm ein Grinsen entlockte.
   »Wie ich sehe, bist du lernfähig. Geht zur Quelle und trinkt. Wir brechen gleich auf.«
   Sie ballte die Fäuste, doch als Rico das entdeckte, nickte sie lange und oft, um ihn nicht auf weitere Ideen zu bringen. Zu ihrer Erleichterung ließ er es gut sein und stolzierte Carlos hinterher. Elena machte sich auf zur Quelle. Mistkerl.
   Dort angekommen sah Adriana sie vorwurfsvoll an. »Mensch Elena, die haben es auf dich abgesehen. Pass bloß auf und quatsch den Typen nicht immer voll. Die nehmen dich sonst richtig in die Mangel.«
   »Das haben die doch mit Absicht gemacht. Hundert Prozent war das abgesprochen.«
   »Kann sein, dass sie dir einen Denkzettel verpassen wollten. Jetzt solltest du so schlau sein und etwas daraus lernen, sonst rutschst du morgen noch mal auf den Knien vor ihnen herum.«
   Luisa ergriff Elena an beiden Oberarmen und schüttelte sie. »Hör auf damit. Ich will diese Entführung überleben. Wenn du das nicht möchtest, such dir einen einfacheren Weg das zu beenden, als dich von ihnen aufschlitzen zu lassen. Vor allem, zieh uns nicht mit hinein …«
   Ein Schluchzer von Adriana unterbrach Luisa. »Ich habe solche Angst davor, dass sie uns umbringen.«
   Elena hielt den Atem an. Zu Hause hatte sie sich noch nie Gedanken über das Sterben gemacht, aber jetzt, hier im Dschungel, tat sie es andauernd. Diese Angst wurde zu ihrem ständigen Begleiter, verfolgte sie wie ein schwarzer Schatten. Sie wollte nicht sterben, sie hatte doch gerade erst angefangen zu leben, es konnte nicht schon wieder vorbei sein. Nicht so, nicht hier und nicht durch diese Leute. Elena drehte sich um und lief ein paar Schritte über den verwachsenen Waldboden. Sie wollte weg von ihren verzweifelten Freundinnen. Mit aller Kraft kämpfte sie gegen den Drang an, loszurennen. Ihre Eltern kamen ihr wieder in den Sinn, sie wollte sie wiedersehen, in Sicherheit sein, stattdessen fühlte sie sich hilflos und ausgeliefert.
   Wie aus dem Nichts tauchte Rico neben ihr auf. Sie fuhr zusammen und ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus.
   »Na, wieder beruhigt?«, fragte er in spöttischem Ton und feixte.
   »Ich bin die Ruhe in Person.« Sie versuchte, ihrer Stimme einen gleichgültigen Klang zu verleihen und legte eine Hand auf ihre Brust, in der ihr Herz wie wild schlug.
   Sein Grinsen verschwand und die Mimik wurde reglos. »Dein Ton gefällt mir nicht.«
   »Ich arbeite daran.«
   »Tu das.« Er wandte sich von ihr ab und verließ sie.
   »Rico«, rief sie ihm hinterher.
   Sofort blieb er stehen und sah über die Schulter.
   »Ihr bringt uns doch nicht um, oder?« Ihre Unterlippe zitterte.
   »Nein«, sagte Rico und klang, als meinte er es ernst.
   »Ich will nicht sterben.« Obwohl sie dagegen ankämpfte, schluchzte sie auf.
   Rico kam dicht an sie heran. »Hab keine Angst, wir tun euch nichts. Du wirst nicht sterben.« Er strich kurz über ihr Haar, zog seine Hand aber so schnell wieder zurück, als hätte er sich an ihr verbrannt.
   Seine Berührung hatte sie getröstet, stellte sie erstaunt fest, fast war sie enttäuscht darüber, dass es so schnell vorbei war.
   »Mach nicht so viel Mist, dann ist das bald wieder vorüber für euch«, flüsterte er mit weicher Stimme.
   Elena sah ihn tränennass an. »Ist gut.«

Sie brachen auf, und Stunden später hörten sie Carlos laut rufen. »Wir sind da!«
   Wie erstarrt blieben sie stehen. Eine große Schneise, in der einfache Hütten standen, war mitten vor ihnen in den Wald geschlagen, auf die Carlos sie zutrieb, indem er sie in gewohnter Manier mit beiden Händen vor sich herscheuchte. Zwei bewaffnete Männer kamen ihnen winkend aus dem Lager entgegen, zu denen stapften Carlos und Rico hin. Noch mehr Kidnapper, damit hatte sie nicht gerechnet.
   Sogleich füllten sich Luisas Augen mit Tränen. »Ich möchte da nicht hineingehen.«
   Elena legte ihr den Arm um die Schultern. »Ich auch nicht.«
   Adriana umarmte Elena und lehnte den Kopf an ihren. Sie hielten sich aneinander fest und sprachen sich gegenseitig Mut zu, wie sie es die vergangenen Tage schon getan hatten. Das Einzige, zu dem sie noch in der Lage waren.
   »Wir sind wenigstens zu dritt«, sagte Adriana.
   Als Rico von hinten herankam, ließen sie sich rasch wieder los. »Kommt, gehen wir rein«, sagte er mit gleichgültiger Stimme und nickte mit dem Kopf in Richtung Camp. »Dort gibt es was zu essen für uns, und ihr könnt euch ausruhen.« Er marschierte los und erwartete offenbar, dass sie hinterherkamen, denn er machte eine unwirsche Handbewegung.
   Nach einem Schulterblick zu Carlos, der in ein angeregtes Gespräch mit den beiden Männern vertieft war, folgten sie Rico widerwillig.

Das gesamte Camp setzte sich aus primitiven Hütten zusammen, die im Kreis angeordnet waren. Die Wände bestanden aus behelfsmäßig zusammengenagelten Holzlatten, die Zwischenräume hatten sie mit Lehm und Ranken verschlossen. An jeder hatten die Männer im oberen Bereich ein kleines Rechteck ausgespart, durch das etwas Sonnenlicht hineinfiel. Eine sah wie die andere aus, bis auf die, die ganz hinten in der Mitte stand. Diese Unterkunft war doppelt so groß, hatte ein festes Dach und eine kleine Öffnung an der Seite. Eine hölzerne Tür verdeckte die Sicht in das Innere. Links und rechts davon befanden sich jeweils drei der einfachen Baracken und ein Stück abseits noch eine.
   »In der großen Hütte wohnt Carlos, falls du ihm mal einen Besuch abstatten möchtest.« Rico legte ihr kurz die Hand auf die Schulter, um sie weiterzuschieben.
   In derselben Sekunde durchströmte es warm ihren Körper, was sie mit Erstaunen zur Kenntnis nahm. Luisa und Adriana hatten nach ein paar Schritten haltgemacht. Da sie das nicht bemerkt hatte, war sie Rico weiter gefolgt. Jetzt ärgerte sie sich über ihre Unachtsamkeit, deretwegen sie nun allein mit ihm hier stand.
   »Er ist hier der Chef«, sagte Rico leise.
   Es überraschte Elena nicht, dass Carlos der Anführer war.
   Rico stand so dicht vor ihr, dass sie die feine Linie an seiner Wange erkennen konnte, die zum Grübchen wurde, wenn er mal lächelte. So unauffällig wie möglich trat sie einen kleinen Schritt zurück, um aus seiner Nähe zu gelangen. Er blieb stehen und verzog keine Miene.
   Vier bewaffnete Männer hockten vor den Hütten auf dem Boden herum und spielten Karten. Als die Leute Rico entdeckten, winkten sie, worauf auch er kurz die Hand hob.
   »Noch mehr Wächter«, flüsterte Elena, während sie spürte, wie die Tränen in ihr aufstiegen. Hier war es noch schlimmer, als sie sich in ihren wüstesten Albträumen ausgemalt hatte. Sie waren umzingelt von einer Horde verrohter Kerle, die sie grinsend begutachteten, als wären sie Vieh auf dem Rindermarkt.
   Rico hatte sie wohl gehört, denn er drehte sie am Arm zu sich herum. »Die sind für euch zuständig. Solange ihr keine Dummheiten macht, werden sie euch in Ruhe lassen.«
   »Sind das nicht ein bisschen viele Männer für drei Mädchen?«
   Einen Herzschlag lang stutzte Rico, sein Gesicht bekam einen verwunderten Ausdruck, bevor er matt lachte. »Die Hälfte davon beschäftigst wahrscheinlich allein du.«
   Ihre beiden Freundinnen näherten sich vorsichtig, als er sie heranwinkte und zu der großen Feuerstelle in der Mitte führte. Flammen loderten hoch und wärmten einen Kessel, der an einem Gestell darüber hing. Rundherum lagen Baumstämme, die als Sitzgelegenheit dienten.
   Zu ihrer Linken standen dicht beieinander zwei weitere Hütten derselben Art, deren Dächer mit Zweigen und großen Blättern bedeckt waren, Decken hingen vor den Eingängen. Davor saßen auf einer Art Veranda aus zusammengenagelten Brettern zwei Jungs, ungefähr in ihrem Alter, die sie regungslos beobachteten. Zutiefst verwirrt starrte sie die beiden an, sie hatte nicht erwartet, hier auf Gleichaltrige zu treffen.
   Rico stieg über die Stämme. »Setzt euch hin.«
   Während sie sich niederließen, ging er in die Hocke und nahm die verbeulte Blechkanne aus der Glut, an deren Rand noch Aschereste klebten. Er schenkte eine dampfende Flüssigkeit in die Becher am Boden ein. Als er ihnen den ersten hinhielt, traute sich keine zuzugreifen.
   »Hey, ihr könnt das ruhig trinken, ich will euch nicht vergiften«, sagte er gereizt. »Das ist Matetee, etwas, dass es hier zum Glück in Hülle und Fülle gibt.« Mit der Tasse in der Hand machte er eine weit ausholende Armbewegung.
   Sie nahmen widerwillig die Gefäße entgegen und probierten vorsichtig. Elena stellte fest, dass der Tee fast schmeckte wie bei ihr zu Hause. Es hatte etwas Tröstliches, an diesen vertrauten Geschmack erinnert zu werden, entfachte aber gleichzeitig wieder ihr Heimweh. Aus den Augenwinkeln sah sie erleichtert, wie Carlos zu seiner Hütte marschierte und darin verschwand.
   Nun füllte Rico die Schüsseln am Rand des Feuers mit dem Eintopf aus dem Kessel und reichte sie ihnen. Sie kostete schnell einen kleinen Bissen, um ihn nicht nochmals zu verärgern. Der Eintopf schmeckte fade und bestand aus Gemüse, Kochbananen und großen Stücken zähen Fleisches. Angeekelt rührte sie mit dem Löffel darin herum. Auch Rico setzte sich abseits dazu und begann zu essen.
   »Was ist das für Fleisch?«, fragte Elena und verzog das Gesicht. Demonstrativ hob sie den Löffel in die Höhe und kippte ihn, sodass das Fleisch und die Brühe wieder zurück in die Schüssel klatschten.
   »Nasenbär wahrscheinlich, und wenn du das noch mal machst, kannst du was erleben«, antwortete er ungerührt und aß weiter.
   Elena warf den Löffel so heftig in die Schüssel, dass die Flüssigkeit nach allen Seiten spritzte. »So einen Mist esse ich nicht.« Sofort spürte sie Adrianas spitzen Ellenbogen in der Seite, die ihr panische Blicke zuwarf und dabei wild den Kopf schüttelte.
   Rico hob langsam den Kopf, sein Gesichtsausdruck wirkte wie einbetoniert, als lauschte er einer zwanglosen Unterhaltung. »Höre ich da leisen Protest?« Es war deutlich an seiner Stimme zu merken, dass er langsam wütend wurde.
   »Willst du es lauter?«, fragte Elena dennoch kampflustig.
   Ihre Freundinnen schnappten hörbar nach Luft, und sie bereute im selben Moment, ihn provoziert zu haben.
   Er stand auf und stellte seine Schüssel so ungestüm auf dem Baumstamm ab, dass der Inhalt überschwappte, schritt auf Elena zu und riss sie am Arm nach oben. Ihre Schüssel fiel zu Boden, doch das interessierte ihn nicht. Stattdessen kam er dicht an ihr Gesicht wie jedes Mal, wenn er seinen Worten Nachdruck verleihen wollte. »Du machst mich wahnsinnig. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so dumm ist wie du. Du willst Ärger? Kannst du haben, so viel du möchtest. Jeden Tag wird sich ein anderer Wächter um dich kümmern und dich in die Mangel nehmen, so lange, bis du es geschnallt hast. Glaub mir, die warten nur darauf, eine von euch in die Finger zu bekommen.«
   Sie wich mit dem Kopf zurück, wagte auch nicht mehr, etwas zu erwidern, sondern versuchte, keine Miene zu verziehen. Er sollte nicht merken, wie sehr er sie verängstigt hatte.
   Mit einem Ruck drehte er sich um, ging zurück an seinen Platz, nahm seine Schüssel und aß weiter, als wäre nichts geschehen.
   Wie in Zeitlupe ließ sich Elena zurück auf den Stamm fallen.
   »Füll deine Schüssel auf und iss. Du stehst nicht auf, bevor sie leer ist. Nachher kommt Carlos ans Feuer, er wird dir bestimmt gern dabei helfen.« Seine Stimme klang eisig, und allein die Erwähnung des Namens seines Cousins reichte aus, um sie in Schrecken zu versetzen. Augenblicklich sprang sie hoch und hob die Schüssel vom Boden auf, an der Dreck klebte, schnappte sich die Kelle und füllte sie bis zum Rand.
   »Elena hat es bestimmt kapiert und wird nichts mehr sagen. Sie wird jetzt essen.« Adriana sah Rico flehentlich an, als hätte er ihr gedroht.
   Rico hob den Kopf, noch immer waren seine Augen schmal. »Hör auf deine Freundinnen, die sind schlauer als du.«
   Wortlos und fast ohne zu kauen, schlang Elena die Brocken hinunter, sie verspürte keinen Drang mehr, ihn zu reizen. Der Eintopf lag ihr schwer im Magen nach der Zeit mit den kargen Brotrationen. Immer wieder würgte sie und hatte Schwierigkeiten, ihr Essen bei sich zu behalten. Natürlich blieb Rico das ebenfalls nicht verborgen.
   »Du wirst das Zeug auch vom Boden essen, also reiß dich besser zusammen.«
   Am liebsten hätte sie ihm die Schüssel ins Gesicht geschleudert, ließ sich jedoch nichts anmerken und löffelte weiter, diesmal allerdings langsamer.
   »Falls ihr euch fragt, wie wir an das Fleisch kommen. Rund um das Camp sind Fallen aufgestellt. Ein weiterer Grund, euch nicht allein von hier zu entfernen.«
   Mitten in der Bewegung hielt Elena inne und ließ den Löffel sinken. Auf der Stelle nahm sie sich vor, keinen Fuß allein vor das Lager zu setzen, und verabschiedete sich von sämtlichen Fluchtfantasien, die ihr in den vergangenen Tagen im Kopf herumgespukt waren.
   »Machen wir nicht, bestimmt nicht«, sagten Adriana und Luisa wie aus einem Munde, denen der Schreck über Ricos Aussage ebenso ins Gesicht geschrieben stand.
   Für Rico schien die Unterhaltung damit beendet zu sein, mit abweisender Miene widmete er sich wieder seinem Essen.

Als sie fertig gegessen hatten, deutete Rico mit einer kurzen Kopfbewegung hinüber zu den Hütten der beiden Jungs, ehe er aufstand und losmarschierte. Sie folgten ihm, so schnell sie konnten.
   »Hier werdet ihr schlafen«, sagte er knapp, als sie ihn endlich erreicht hatten, und zeigte auf die rechte Hütte. »Die andere ist besetzt, wie ihr seht.« Er warf einen kurzen Blick auf die beiden, die immer noch unbeweglich an derselben Stelle ausharrten.
   Erneut loderte der Zorn in Elena auf. Sie wollte weg, wollte nicht in einer schäbigen Hütte hausen, auch nicht der Willkür ihrer Entführer ausgesetzt sein. Sie drehte sich zu Rico um. »Das ist nicht dein Ernst, oder?«
   Zuerst wirkte Rico ratlos und schien zu überlegen. Es dauerte einige Zeit, bevor er zu den Hütten der Kidnapper wies. »Du kannst gleich zu Carlos rübergehen. Ich habe keine Lust mehr, mich mit dir zu befassen.«
   Zwar zuckte sie innerlich zusammen, ließ sich äußerlich hingegen nichts anmerken. »Warum darf man dich nicht mal was fragen?«
   »Weil du einfach tust, was wir dir befehlen. Du hast hier nichts zu melden.« Sein Tonfall klang scharf, weshalb Elena beschloss, ihn nicht länger zu reizen. Vorsichtshalber erwiderte sie nichts mehr und sah schnell zur Seite.
   »Nachher zeige ich euch den Rest. Ohne Kommentare von dir.« Mit dem Zeigefinger tippte er gegen ihr Schlüsselbein. Rico wirkte aufgebracht. Er öffnete den Mund und es sah aus, als wollte er etwas hinzufügen, drehte sich dann jedoch um und schlenderte zu seiner Hütte.
   Einer der beiden Jungs sprang grinsend auf die Beine. Anerkennung lag in seinem Blick. »Gute Show, den hast du ganz schön ins Schwitzen gebracht.«
   Bevor Elena antworten konnte, mischte sich Adriana ein. »Bestätige sie bitte nicht in ihrem Himmelfahrtskommando.«
   Elena blieb lieber ruhig, in der Hoffnung, Rico nicht zu sehr gegen sich aufgebracht zu haben. Es konnte böse für sie enden, wenn sie ihre große Klappe nicht in den Griff bekam.
   »Ich heiße Pedro Ramirez-Meléndez«, sagte der stehende Junge und riss sie aus ihren Gedanken. »Seines Zeichens Geisel«, fügte er noch theatralisch hinzu und wischte sich die Hände an seiner dunklen, knielangen Stoffhose ab. Sein weißes Hemd war an den kurzen Ärmeln grau verfärbt.
   »Und das«, sagte Pedro und lächelte, nachdem sich keine von ihnen regte, »ist Jose Moreno.« Er deutete auf den anderen am Boden, der sich unbeholfen erhob.
   Verblüfft stellte Elena fest, dass Jose ihr nur bis zu den Augenbrauen reichte. Sie erfuhren, dass Pedro siebzehn und Jose achtzehn Jahre alt waren.
   »Ich heiße Adriana Vicente«, sagte Adriana mit liebenswürdiger Stimme. »Das hier sind Elena Montanez und Luisa Espinosa. Wir wurden vor zwei Tagen entführt.«
   »Setzt euch.« Jose deutete auf den Bretterboden.
   Adriana setzte sich als Erste, schnell hockte sich Pedro daneben, während sich Elena und Luisa nur zögerlich niederließen.
   Pedro musterte Adriana unverhohlen und fuhr sich durch sein dunkles Haar, das er in der Mitte gescheitelt trug. »Wie ich sehe, habt ihr den Fußmarsch einigermaßen gut überstanden. Ich erinnere mich noch lebhaft an meine Dschungeldurchquerung vor sechs Monaten. Eine einzige Qual. Diese Hitze, die Moskitos, der ständige Durst …«
   »Ihr seid schon seit sechs Monaten hier?« Sie glaubte, sich verhört zu haben und betonte jedes einzelne Wort.
   »Nur ich«, sagte Pedro leichthin. »Jose ist erst seit drei Monaten da.«
   »Du bist schon seit einem halben Jahr hier?«, fragte Adriana ungläubig, beugte sich vor und sah in sein attraktives Gesicht. Ihr Mund stand leicht offen.
   Er wirkte gelassen. »Nicht hier, hier sind wir erst seit sechs Wochen. Sie bleiben nie lange an einem Ort, musst du wissen. Die Kerle sind vorsichtig und wechseln dauernd das Lager, aus Angst davor, entdeckt zu werden.«
   »Was sind das für Leute?«, sagte Luisa beinahe tonlos, während sie krampfhaft versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Ihre Unterlippe zitterte und sie blinzelte hektisch.
   »Habt ihr schon mal etwas von dem Caquetá-Kartell gehört?«, fragte Jose. Mit seinen kleinen braunen Augen sah er in die Runde.
   Elena schlug sich eine Hand vor den Mund, um nicht laut aufzuschreien. Sie erinnerte sich dunkel an einen Artikel aus der Zeitung, der ihr zu Hause einmal in die Hände gefallen war. Ihr Vater hatte ihr damals das Blatt aus der Hand genommen und mit eindringlicher Stimme erklärt, dass solche Nachrichten wohl nicht die richtige Lektüre für sie seien. Jetzt steckte sie mittendrin, und der Artikel erschien deutlich vor ihren Augen.
   Vor einem Jahr hatte diese Bande Enrica Rodriguez, die achtzehnjährige Tochter eines reichen Bankiers, entführt. Monate später wurde sie nach einer hohen Lösegeldzahlung und, wie man munkelte, diverser geschäftlicher Vereinbarungen geschändet und gedemütigt wieder freigelassen. Die Täter wurden nie gefasst. Ihr Vater hatte diese Schande nicht ertragen und sich ein paar Wochen später erhängt.
   Elena schluckte, während ein kalter Schauder über ihren Rücken krabbelte wie eine Schar Spinnen. »Die sind das? Diese abscheuliche Bande?« Nun kämpfte sie ebenfalls mit den Tränen.
   »Zumindest ein Teil davon, die Bande ist groß«, sagte Jose mit wichtiger Miene und strich sich sein welliges braunes Haar zurück. »Es gibt viele kleine Gruppierungen davon in den Regenwäldern. Die jeweilige Einheit wartet auf den Erhalt diverser Aufträge, die sie gegen Geld ausführen. Sie haben Auftraggeber, die dahinterstecken.«
   »Woher weißt du so viel darüber?«, fragte Luisa.
   Joses Augen erhielten einen schmerzlichen Ausdruck. »Mein Vater ist Comisario bei der Polizei. Er leitet eine Einheit zur Bekämpfung dieser Bande. Durch meine Entführung erhoffen sich diese Kerle wahrscheinlich ein Druckmittel, um ihn erpressen zu können.« Seine Stimme klang verächtlich. »Ich bin ein wichtiges Faustpfand für diese Leute, deshalb werden die mich wohl nicht so schnell wieder gehen lassen.«
   Luisa schluchzte bestürzt los, und Elena überkam trotz ihrer eigenen Situation ein tiefes Mitleid für Jose. Auch Adriana stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
   »Aber die müssen uns gehen lassen. Wenn sie das Lösegeld erhalten haben, kommen wir doch bestimmt bald frei.« Adriana schrie die letzten Worte beinahe.
   »Wer weiß das schon«, flüsterte Jose und zuckte mit den Schultern.
   »Bei euch ist das sicher anders. Hier geht es offensichtlich nur um Lösegeld. Wenn das bezahlt ist, kommt ihr bald wieder frei«, sagte Pedro mit einfühlsamer Stimme und beugte sich dabei nahe an Adriana heran, die sich hastig die Tränen aus dem Gesicht wischte. Als er nickte, lächelte sie ihn an.
   »Schläft hier jemand?« Elena deutete auf eine Matte, die neben ihr lag.
   »Nachts schnarcht hier einer der Wachposten«, antwortete Jose gleichmütig und überkreuzte seine lang ausgestreckten Beine. »Die Typen halten abwechselnd Nachtwache, damit wir nicht abhauen.« Er lachte bitter auf und schüttelte den Kopf. »Wohin sollten wir schon gehen?« Mit einer weiten Armbewegung zeigte er auf den Dschungel. »Hier findet sowieso niemand wieder raus.«
   Elena schluckte, auch Adriana atmete tief ein, bei Luisa rollten bereits wieder Tränen. Einer dieser fiesen Kerle würde sich nachts hier breitmachen. Sie nahm sich vor, heute Nacht kein Auge zuzumachen.
   Pedro erzählte indessen weiter. »Die Wachposten sind angehalten, nicht mit uns zu sprechen. Alles muss über Carlos oder Rico laufen, damit wir wohl nicht versuchen, mit einem von denen gemeinsame Sache zu machen.« Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Als ob wir Lust hätten, uns mit einem von denen abzugeben.«
   Joses schmale Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Grinsen. »Was ist? Habt ihr keine Lust, euer neues Schlafgemach zu begutachten?« Mit einem Satz war er auf den Beinen und schob die Decke beiseite. »Willkommen in der Villa Caquetá«, sagte er übertrieben förmlich und machte eine einladende Handbewegung. Sein olivgrünes Polohemd spannte sich eng um seinen Bauch.
   Elena musterte ihn unauffällig. Na, dem schien die Geiselhaft nicht wirklich auf den Magen zu schlagen. Sie schämte sich sofort wegen ihrer Gedanken, denn Jose war ihr mit seiner offenen und freundlichen Art sympathisch.
   Adriana musterte das triste Innere der Hütte angeekelt und schnaubte verächtlich. »Das sieht ja einladend aus.«
   Sie standen gemeinsam auf und setzten sich schleppend in Gang. Nacheinander betraten sie das enge und stickige Quartier. Von dem kleinen Fenster drang nur wenig Licht zu ihnen hinunter, doch Elena war auf einmal froh über ein wenig Privatsphäre. An jeder Seite lag eine Bastmatte auf dem Boden, mit einer dünnen Decke darüber, sonst gab es nichts. Sie verteilten sich seufzend auf den Unterlagen, während Jose den Vorhang wieder zuzog und sie allein ließ.
   »Das klingt nicht gut für uns. Wie lange werden sie uns hierbehalten, wenn die zwei schon so viele Monate gefangen sind?«, fragte Adriana. Mit beiden Händen rieb sie über ihre Oberschenkel. Ein Schluchzer von Luisa folgte.
   Elena überkam schon wieder eine unbändige Wut auf ihre Entführer, seltsamerweise vor allem auf Rico. Der würde sie nicht kleinkriegen. »Wie lange kann es schon dauern, ein bisschen Lösegeld zu übergeben?«
   Adriana grunzte abfällig. »Du bist wirklich dumm, Rico liegt da nicht falsch. Ich fasse es nicht.«
   »Ach ja? Wenn du so schlau bist, dann erzähl mal«, fauchte Elena.
   »Darum geht es nicht, Elena. Sondern darum, diese Leute nicht zu reizen, und sich nicht mit ihnen anzulegen. Wir sollten uns ruhig verhalten und tun, was die von uns verlangen. Vor allem du!« Den letzten Satz hatte Adriana mit Nachdruck ausgesprochen.
   Insgeheim wusste sie, dass ihre Freundin recht hatte. »Ich weiß, dass es nicht schlau war, mich mit diesen Kerlen anzulegen.«
   Adriana schien erleichtert. »Gut zu hören. Kommt, legen wir uns hin, ich bin hundemüde.«
   Luisa hatte nicht einmal aufgeblickt, sondern lag weinend am Boden und vergrub ihr Gesicht in den Armen.

Die Decke wurde ruppig zur Seite gezogen.
   »Ihr habt euch genug ausgeruht.« Rico stand im Eingang und klang schroff. »Kommt raus, ich will euch den Rest des Camps zeigen, ehe es dunkel wird.«
   Sie fuhren benommen hoch, da sie tief geschlafen hatten und nicht sofort wussten, wo sie sich befanden. So schnell, wie er gekommen war, ließ er den Vorhang sinken und wartete draußen.
   »Hier klopft wohl keiner an«, flüsterte Adriana bissig, während sie aufstand.
   »Pst, bist du verrückt?« Luisa riss die Augen auf. »Wenn der das hört? Er steht direkt vor der Hütte.«
   »Mir egal«, sagte Adriana, diesmal aber eine Spur leiser.
   »Jetzt machst du es aber«, raunte Elena, jedoch so, dass Adriana es nicht mitbekam.
   Nacheinander traten sie hinaus und musterten Rico mit schüchternen Blicken. Elena hoffte inständig, dass sich seine Wut von vorhin wieder gelegt hatte.
   Rico ignorierte sie. »Kommt.« Er marschierte stramm voraus. Für einen Moment zögerten sie, dann setzten auch sie sich in Bewegung, um ihn einzuholen. Nur mit Mühe gelang es ihnen, Schritt zu halten, stolpernd hasteten sie ihm hinterher.
   Am anderen Ende des Lagers, gegenüber ihren Hütten, standen noch weitere, wo Rico sie hinführte. Ohne Vorwarnung blieb er auf halbem Weg vor einem schmalen Bretterverschlag stehen. Elena konnte nicht mehr so schnell reagieren und lief ihm ungebremst in den Rücken. Kurz erstarrte er, ehe er sich langsam zu ihr umdrehte, beide Arme zur Seite hob und sie auf seine Jeansshorts klatschen ließ. »Immer du!«
   Sie lief rot an. »Entschuldigung.«
   »Pass ein bisschen auf.«
   Trotz seines rauen Tonfalls glaubte sie, ein winziges Grinsen um seine Mundwinkel bemerkt zu haben. Idiot. Als ob sie ihm freiwillig nahe kommen wollte.
   Mit einem Ruck öffnete er die verzogene, schmale Holztür des Verschlages. Außer einem tiefen Loch im Boden war nichts weiter zu entdecken, aber der Gestank, der daraus hervorquoll, roch schier unerträglich. Unwillkürlich hielten sie den Atem an und wichen einen Schritt zurück, pressten sich eine Hand vor Mund und Nase.
   Rico sah sie teilnahmslos an. »Das hier ist unser stilles Örtchen. Nicht so komfortabel wie bei euch zu Hause, nehme ich an, aber es erfüllt seinen Zweck.« Er schlug die Tür wieder zu und stapfte weiter.
   O Gott. Das konnte heiter werden. Hoffentlich fiel sie da nicht hinein. Auch ihre beiden Freundinnen schüttelten stumm die Köpfe.
   Die nächste Station führte sie zu einer weiteren Hütte, die ein Stück weit entfernt von der Toilette lag. Als Rico davor stehen blieb, stoppten auch Adriana und Luisa sofort hinter ihm. Diesmal passte auch Elena besser auf und hielt genügend Abstand.
   »Das hier …«, sagte er brüsk und deutete auf zwei weitere Hütten daneben, »… sind unsere Provianthütten. Die gehen euch nichts an.« Er musterte sie der Reihe nach und sie nickten hastig. Rico riss den Vorhang zu der Hütte, vor der er stand, energisch beiseite.
   Zum Vorschein kam eine Art primitive Waschstation. In der Mitte des Raumes befand sich eine kleine Holzwanne, die gerade groß genug war, um sich hineinzusetzen. Ein verbeulter Blecheimer stand daneben und auf einem Baumstumpf lagen eine Flasche Shampoo, ein Stück Seife und eine alte Konservenbüchse mit einem weißen Pulver darin. Die Rückseite bestand ebenfalls lediglich aus einer herabhängenden Stoffbahn.
   »Wie soll das funktionieren?«, fragte Adriana und zog die Schultern hoch.
   Rico ging zur Rückseite der Baracke und zog auch den zweiten Vorhang zur Seite. Dahinter kam ein Bächlein zum Vorschein, das am Camp vorbeifloss. Ein massiver Felsbrocken stand am Rand des Wasserlaufes, ansonsten war auch dort alles gerodet. »Mit dem Eimer holt ihr Wasser und leert es in die Wanne, dann könnt ihr euch waschen«, sagte er schroff und zeigte mit dem Finger auf das weiße Pulver. »Damit könnt ihr eure Kleidung reinigen, das ist Waschpulver. Benutzt das Zeug sparsam, wir haben nicht so viel davon.«
   Noch immer war ihr nicht klar, wie das Ganze funktionieren sollte. »Wo können wir unsere Kleider trocknen? Und was ziehen wir so lange an?«
   Rico verzog keine Miene. »Wir haben keine Wäscheleine, wenn du das meinst, und auch keine Wechselkleidung. Du musst deine Sachen nur gut auswringen, dann sind sie bei diesen Temperaturen schnell wieder trocken. Wascht euch jetzt. Ich habe keine Lust auf eure dreckigen Gesichter und Klamotten.«
   Elena sah an sich hinunter und musste seufzend zugeben, dass er recht hatte. Ihr ehemals weißes T-Shirt sah inzwischen grau aus.
   »Danach kommt zum Lagerfeuer, bevor es nichts mehr zu essen gibt.«
   Sie musterte Rico verstohlen. Sein Haar hing ihm gewaschen und glänzend in die Stirn, er hatte sich rasiert, auch die Shorts waren fleckenlos.
   Schon machte er Anstalten wegzugehen, als er sich doch noch einmal zu ihnen umdrehte. »Übrigens«, sagte er mit fester Stimme und sie zogen die Köpfe ein. »Auf der Seite hinter dem Feuer habt ihr nichts zu suchen.« Mit dem ausgestreckten Arm deutete er auf Carlos’ Hütte.
   »Als ob wir freiwillig dahingehen würden«, sagte Adriana und schimpfte leise, während sie beobachteten, wie er sich entfernte.

Nacheinander verschwanden sie hinter dem Vorhang. Den Anfang machte Luisa, danach kam Adriana dran, Elena sollte als Letzte gehen. Als Adriana nach einer Ewigkeit endlich vor der Waschstation erschien, huschte sie erleichtert hinein. Natürlich hatte Adriana die Wanne nicht geleert, eine trübe Brühe schwamm in dem hölzernen Bottich. Angewidert hob sie den schweren Zuber an, um das Wasser in die gegrabene Rinne am Boden ablaufen zu lassen. Sie ergriff den Eimer und trabte zum Bach. Als die Wanne voll war, zog sie sich aus, dabei zerbrach zu allem Übel auch noch der kleine Plastikring am Träger ihres BHs. Mist, das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie klatschte das Wäschestück ins Wasser, wusch sich ausgiebig und entwirrte ihr nasses Haar. Mit dem Waschpulver rubbelte sie ihre Kleider weitestgehend sauber und war gerade fertig, als es draußen vor der Hütte raschelte. Erschrocken horchte sie auf.
   »Elena, was machst du so lange?«
   Sie erkannte Ricos Stimme, die genervt klang, und ihren Händen wuchsen Flügel. »Ich komme«, sagte sie und wusste nicht, was sie zuerst tun sollte. Hoffentlich kam er nicht herein. »Wieso immer ich? Es waren zwei vor mir dran, die auch lange gebraucht haben.« Sie schlüpfte in Slip und Shorts, fischte ihr T-Shirt aus der Wanne und zog es über den Kopf. Den kaputten BH steckte sie einfach in die Hosentasche – der war hinüber – ehe sie das Wasser ablaufen ließ. Sie flog geradezu durch den Vorhang, vor dem Rico noch immer stand und sich nicht von der Stelle rührte. Mit klopfendem Herzen sah sie ihn an.
   »Du hast so lange gebraucht, da wollte ich nachsehen, ob du …« Er stockte mitten im Satz und riss seine Augen weit auf.
   »Ob ich noch da bin«, sagte sie und beendete seine Aussage für ihn.
   »Nein, nein.« Rico schüttelte den Kopf und klang auf einmal anders. Er ging einen Schritt auf sie zu. »Du bist so …«, flüsterte er heiser.
   Erschrocken wich sie zurück, und er blieb stehen. Ein Schauder jagte ihr den Rücken hinab wie Eiskristalle. Rico blickte für einen Moment zu Boden und holte tief Luft.
   Sie musterte ihn. Warum starrte Rico sie so seltsam an? Wovon hatte er gesprochen, so kurzatmig, wie er geredet hatte. Ein Vorwurf oder eine Feststellung? Was interessierte sie das überhaupt? »Sauber. Stell dir vor, ich bin sauber«, sagte sie gereizt. »Ihr habt uns tagelang durch die verdreckten Büsche geschleppt, schon vergessen?« Ihr Magen zog sich zusammen, als sie an den qualvollen Marsch zurückdachte.
   Binnen einer Sekunde verflüchtigten sich Ricos weiche Gesichtszüge und der übliche, arrogante Ausdruck erschien wieder. Schließlich räusperte er sich. »Ich glaube, wenn du jetzt durchs Camp läufst, hast du die ganze Wächtermeute hinter dir.«
   »Wieso?«, fauchte sie wie eine in die Enge getriebene Katze, entschlossen, sich zu verteidigen. Sie funkelte ihn zornig an.
   Von Rico kam keine Regung. Er betrachtete sie stumm.
   »Was?« Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Was ist denn?«
   Noch immer gab er keine Antwort und zog stattdessen einen Mundwinkel spöttisch nach oben.
   Oh, wie sie diesen Blick an ihm hasste, er ließ sie jedes Mal in Rage geraten. »Warum gaffst du mich an?« Am liebsten hätte sie ihn geohrfeigt und vergaß darüber einen Moment lang fast, wer vor ihr stand.
   Er ignorierte den aggressiven Tonfall in ihrer Stimme und deutete stattdessen mit dem Kinn auf ihr T-Shirt. Ein Anflug von triumphierender Freude huschte über sein Gesicht.
   Als Elena nach unten sah, erstarrte sie. Ihr schoss das Blut ins Gesicht wie eine kochende Fontäne. Das weiße Oberteil war so gut wie durchsichtig und klebte an ihrem Körper. Es verbarg absolut nichts. Am liebsten wäre sie auf der Stelle in einem Loch versunken.
   »Du solltest einen BH tragen«, sagte Rico spöttisch.
   Elena erwiderte nichts mehr. Stattdessen zerrte sie das T-Shirt nach vorn, weg von ihrem Körper, und hetzte an ihm vorbei zur Hütte, ohne ihre Freundinnen großartig zu beachten, die beim Lagerfeuer saßen, von wo sie sie verängstigt musterten. Bloß fort von ihm. Hunger verspürte sie keinen mehr, sie wollte sich nur noch verkriechen.

Als der Vorhang zur Seite geschoben wurde, zuckten Elena und die beiden anderen erschrocken zusammen.
   Es war Pedro, der lässig im Eingang lehnte. »Wir haben gleich einundzwanzig Uhr. Dann müssen wir raus und uns vor der Hütte zum Abendappell aufstellen. Noch eine Schikane, die sich diese Säcke für uns ausgedacht haben.« Sein Kiefer verkrampfte sich. »Die Schweine wollen durchzählen, ob wir noch vollzählig sind, bevor sie sich wieder zu ihren Karten und dem Rum verkriechen«, sagte er in sarkastischem Tonfall.
   »Hä?« Damit hatte Elena nicht gerechnet. »Ich dachte, da draußen schläft jemand und hält Nachtwache?«
   »Er kommt zurück. Irgendwann gegen Mitternacht, wenn sie fertig gesoffen haben. Man muss schließlich Prioritäten setzen. So lange beobachten sie uns von dort drüben.« Mit dem Kinn deutete er kurz in Richtung der Wachbaracken, seine Stimme triefte vor Hohn. Er stellte sich wieder gerade hin. »Sie wollen uns einschüchtern, damit wir nicht den Versuch einer Flucht wagen. Kommt jetzt besser raus.«
   Widerstrebend erhoben sie sich und folgten Pedro ins Freie. Luisas Mundwinkel zuckten auffällig. Nach einem kurzen Blick nach unten atmete Elena erleichtert auf. Gott sei Dank, das T-Shirt war wieder trocken.

Mit wichtiger Miene schritt einer der Wächter vor ihnen auf und ab, sein Gewehr dabei immer im Anschlag, während sie in einer Reihe vor ihm standen. Ihre Knie wurden weich. Der Mann kostete den Appell lange aus. Was für ein ekelhafter, kleiner Kerl. Sie ließ sich ihre Gedanken mit keiner Miene anmerken. Aus geröteten Augen musterte er sie der Reihe nach, bis er dicht vor Adriana stehen blieb und schmierig grinste. Mit dem Lauf seines Gewehres strich er über ihre Wange den Hals hinunter und zwischen ihren Brüsten bis zum Bauch. Sie rührte sich nicht, es hatte den Anschein, als atmete sie nicht einmal mehr. Betont langsam beugte er sich zu ihr. Sein Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Adrianas Wangen röteten sich, während Elena fühlte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Stille umgab sie. Der Mann gab keinen Laut von sich. Sie wagten nicht einmal, mit den Füßen zu scharren. Er hob die Hand und es sah aus, als wollte er Adriana am Hals berühren, als ihn ein gellender Pfiff herumfahren ließ.
   Auch Elena zuckte zusammen und sah in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Rico saß beim Lagerfeuer und gab dem Wächter einen kurzen Wink mit dem Kopf, worauf er zurück zu seinen Kumpanen wankte.
   »Was für ein grässlicher Kerl«, flüsterte Adriana und schüttelte sich.
   Pedro legte schützend einen Arm um Adrianas Schulter und führte sie zurück zu den Hütten, als hätte er sich persönlich für ihre Rettung ins Zeug gelegt. Dafür schenkte sie ihm ein dankbares Lächeln.
   »Gute Nacht«, flüsterte er in dem Moment, als Elena dazukam.
   »Bis morgen, gute Nacht«, sagte Adriana und drehte sich um.

*

Rico beobachtete reglos, wie eine Geisel nach der anderen in den Hütten verschwand. Als Letzte schlüpfte Elena durch den Vorhang, und sein Blick blieb an ihren langen Haaren haften. Er mochte langes Haar bei Frauen, aber bei ihr? Diese verwöhnte Göre verlangte seiner begrenzten Geduld alles ab. Selten gelang es einem Menschen, ihn dermaßen aus der Fassung zu bringen. Er wusste nicht einmal, warum sie dauernd aus der Reihe scherte, denn er konnte ihre Angst förmlich riechen. Elena war heißblütig, jedes Wort, das er von sich gab, reizte sie auf der Stelle. Es machte ihn beinahe wütend, dass er sie so offensichtlich anwiderte.
   Seine Gedanken wanderten zurück zum frühen Abend, als sie in ihrem nassen T-Shirt vor ihm gestanden hatte. Am liebsten hätte er sie gepackt und an sich gerissen, ihre Brüste berührt, die sich fest und rund unter dem hellen Stoff abgezeichnet hatten, und sie geküsst. Zu lange hatte er keinen weichen Frauenkörper mehr in seinen Armen gehalten.
   Keine seiner Bekanntschaften in der Vergangenheit hatte ihm etwas bedeutet. Schon nach ein bis zwei gemeinsamen Nächten hatte er sich gelangweilt, weil es immer auf das eine hinausgelaufen war. Im Prinzip hatten sie sich überhaupt nicht für seine Person interessiert, sondern lediglich für sein exotisches Aussehen, die blonden Haare, die in einer Bar aus dem Meer von dunklen Köpfen hervorstachen und sofort die Blicke der weiblichen Gäste auf sich zogen.
   Aber Elena, dieses kleine Biest, demonstrierte unverhohlen ihre Abscheu ihm gegenüber. Je mehr sie das tat, desto mehr verspürte er den Drang, sie zu provozieren. Irgendwie gefiel sie ihm. Sein Herz begann, wie wild zu pochen. Was war mit ihm los? Dieses verwöhnte Ding war unerträglich.
   Rico schüttelte den Kopf und stand auf, um in seine Hütte zu gehen und sich schlafen zu legen. Genug Elena für heute.

5. Februar

Elena schlug die Augen auf, auch Adriana und Luisa regten sich auf ihren Matten.
   Luisa setzte sich hoch und hatte sofort wieder Tränen in den Augen. »Ich halte es in diesem Lager nicht länger aus. Mein ganzes Leben zieht an mir vorbei, während ich hier festsitze.«
   »Nicht dein ganzes Leben«, erwiderte Elena schwach. »Unsere Entführung ist erst ein paar Tage her.« Sie wollte Luisa ein wenig aufmuntern. »Rico hat gesagt, sobald sie das Geschäft mit unseren Vätern geklärt haben, lassen sie uns wieder frei. Kann also nicht mehr lange dauern.«
   Verwunderung lag in Adrianas Blick. »Wann hast du mit Rico gesprochen? Wieso unterhältst du dich überhaupt mit diesem Typen?«
   Elena fühlte sich ertappt. »Ich … Ich weiß nicht …« Fieberhaft suchte sie nach einer Ausrede, aber ihr fiel auf die Schnelle nichts Gescheites ein. »Es hat sich einfach ergeben«, flüsterte sie nach einer kleinen Pause und hoffte, das Thema damit vom Tisch zu bekommen.
   »Ergeben? Wann denn? Als diese Verbrecher dich auf die Knie gezwungen haben, oder als er dich durch den Dschungel geschleift hat?« Eine unterschwellige Aggression klang aus Adrianas Stimme heraus.
   Elena runzelte die Stirn. »Was ist denn mit dir los?«
   »Sei bloß vorsichtig, mit diesen Kerlen ist nicht zu spaßen«, sagte nun auch Luisa.
   Sie nickte kraftlos. Dem hatte sie nichts mehr entgegenzusetzen. Im Prinzip wusste Elena, dass sie recht hatten, und nahm sich vor, in Zukunft nicht mehr Worte als nötig mit Rico zu wechseln, was ihr nicht mal schwerfallen würde.
   Gemeinsam standen sie auf und verließen die Hütte.

Draußen auf der Veranda linsten sie durchs Camp, wo glücklicherweise alles ruhig war. Die Sonne brannte wie ein Glutball vom Himmel auf sie herunter, heizte die schwüle Luft auf und erschwerte das Atmen. Jose und Pedro erwarteten sie bereits. Auch die Männer lümmelten im Kreis vor ihren Hütten herum und unterhielten sich lachend. Natürlich hatte einer sie immer im Blick, der demonstrativ sein Gewehr in die Höhe hielt. Ein Schuss krachte durch das Vogelgezwitscher, der sie laut aufschreien ließ. Die Männer grölten.
   »Das machen die gern, als kleine Abschreckung sozusagen«, sagte Pedro ohne äußere Regung. »Damit wollen die zeigen, wie locker ihnen der Finger am Abzug sitzt. Also macht lieber keinen Quatsch. Los, gehen wir frühstücken.« Mit den Händen in den Hosentaschen schlenderte er wie selbstverständlich in Richtung Feuerstelle, sie eilten ihm hinterher.
   »Zum Glück haben sich die Wachhunde schon verkrümelt und lungern wieder in ihrem Revier herum.« Pedro spuckte die Worte beinahe aus, worauf Adriana den Atem anhielt.
   »Du solltest nicht so über sie reden.« Sie griff nach seinem Arm. »Wenn dich mal zufällig einer von denen hört, bekommst du bestimmt ganz schön Ärger. Elena könnte dir da einiges berichten.«
   Elena schüttelte den Kopf, sie hatte keinen Nerv für weitere Streitereien, erst recht nicht vor diesen Typen.
   Mit besorgter Miene musterte Adriana Pedro. Sofort plusterte der sich vor ihr auf wie ein Gockelhahn. »Ich habe keine Angst vor diesen Schlappschwänzen«, sagte er eine Spur zu laut.
   »Vor wem hast du keine Angst?«, fragte eine eisige Stimme.
   Alle drehten sich wie vom Blitz getroffen um, Elena erschrak augenblicklich. Rico war unbemerkt hinter sie getreten und hatte anscheinend Pedros letzte Worte mitbekommen.
   Sie fragte sich, wie er es jedes Mal schaffte, sich so lautlos anzuschleichen. Er schäumte vor Wut, das sah sie ihm deutlich an. Diesen Gesichtsausdruck hatte sie jedoch bisher nur erlebt, wenn sie ihn in Rage gebracht hatte. Ihn dabei zu beobachten, wie jemand anderes seinen Zorn zu spüren bekam, verlieh dem Ganzen eine ganz andere Dimension. Erleichterung machte sich in ihr breit, dass es diesmal nicht sie erwischt hatte.
   Rico baute sich vor Pedro auf, in altbekannter Manier und mit langsamen Bewegungen. Es unterstrich die Dramatik des Momentes, das musste Elena ihm lassen.
   »Du solltest dein großes Mundwerk etwas mehr im Zaum halten, wenn du deine Zeit hier unbeschadet überstehen willst«, sagte er laut zu Pedro, als dieser keinerlei Anstalten machte, zu antworten, sondern mit hängendem Kopf vor ihm stand. »Wenn ich dich noch einmal so reden höre, werde ich dich bei Carlos melden, und er kümmert sich um dich. Wiegle die anderen nicht auf. Vor allem nicht die da.« Mit dem ausgestreckten Arm zeigte er auf Elena.
   Sie war beinahe empört darüber. »Ich hab doch nichts gemacht.«
   Rico sah aus, als bereute er es bereits, sie überhaupt erwähnt zu haben. »Sei einfach ruhig, sonst kannst du dich gleich neben ihn stellen«, sagte er so schroff, dass Elena einen Schritt hinter Jose trat.
   »Rennst du jetzt zu deinem bösen Cousin?« Pedro biss sich augenblicklich auf die Unterlippe. Sein Blick huschte kurz in Ricos Richtung, dann sah er starr zu Boden.
   Rico schnappte Pedro am Kragen und zog ihn zu sich. Ein gezielter Faustschlag in den Magen ließ Pedro zu Boden sinken. »Wenn du noch mal aufmüpfig wirst, lasse ich dich in eine andere Basis bringen. Hast du mich verstanden?«
   Pedro nickte, nicht mehr in der Lage, ein Wort über die Lippen zu bekommen. Sein Gesicht war gerötet und die Wangen aufgebläht. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte er nach Luft.
   Leider schien das Rico nicht zu genügen, er machte unnachgiebig weiter. »Ich habe dich gefragt, ob wir uns verstanden haben?«
   »Ja«, presste Pedro mit schmerzverzerrtem Gesicht heraus. Das Sprechen schien ihn alle Kraft zu kosten.
   »Gut.« Rico wandte sich Elena zu, in seinem Blick lag etwas Wildes, als wollte er sich vergewissern, auch ihr Respekt beigebracht zu haben.
   Sie nickte, obwohl er sie nicht dazu aufgefordert hatte, damit er endlich wegsah.
   Mit einem großen Schritt stieg er über Pedro und schlenderte weiter, als wäre nichts geschehen.
   Erst, nachdem er außer Hörweite war, richtete sich Pedro mühsam auf, seine Atmung ging flach, er presste eine Hand auf seinen Bauch. Jose half ihm an den Armen auf die Beine.
   »So ein Arschloch.« In gekrümmter Haltung stützte sich Pedro an Joses Schulter ab.
   »Reg dich ab. Sei lieber froh, dass Rico es nicht Carlos meldet. Das hätte viel schlimmere Konsequenzen für dich.« Jose wollte ihm eine Hand auf die Schulter legen, doch Pedro schlug sie weg und stapfte davon. In hohem Bogen kickte er einen Stein, der im Weg lag, zur Seite.
   Der Schreck steckte Elena wie geschmolzenes Blei in allen Gliedern.
   »Mann.« Adriana fasste sich als Erste und legte eine Hand auf ihren Kopf. »Dass der gleich so ausrastet.«
   Sie nickte. »Ich dachte, der knöpft sich mich auch gleich vor.«
   Luisa und Jose starrten Pedro hinterher.
   »Los, gehen wir zur Feuerstelle.« Jose nickte zur Seite. »Ist vielleicht besser, wenn sich Pedro erst mal beruhigt, um die Typen nicht noch auf dumme Gedanken zu bringen. Bei denen weiß man nie.«

An der Feuerstelle verteilten sie sich auf den Baumstämmen, wo Elena Tee für alle eingoß, ehe sie sich etwas von dem Brot abbrach, das dort lag. Sie setzte sich und trank einen großen Schluck.
   »Pedro legt sich immer mit ihm an«, sagte Jose plötzlich.
   »Was meinst du damit?«, fragte Luisa und zog ein Knie an, auf dem sie ihre Tasse abstellte.
   »Mit jedem Blick und jeder Geste versucht Pedro, Rico zu provozieren, das meine ich.« Er verdrehte die Augen, weil sie nicht gleich kapierte, wovon er sprach.
   Ein Schnauben erklang aus Adrianas Richtung. »Da gibt es noch eine.«
   Jose grinste schief.
   »Witzig«, flüsterte Elena.
   »Rico hat Pedros Verhalten lange Zeit ignoriert, aber offensichtlich wird es ihm langsam zu bunt. Das wird noch richtig böse für Pedro enden, wenn er nicht aufpasst. Rico wird ihm so eine Frechheit nicht mehr durchgehen lassen, so viel ist sicher. Pedro sollte schlauer sein und sich zurückhalten wie ich. Ich habe keine Probleme mit Rico, im Gegenteil …« Er stockte mitten im Satz und trank schnell einen Schluck aus seinem Becher.
   Jetzt war Elenas Neugierde geweckt, auch Adriana und Luisa beugten sich vor und warteten sichtlich gespannt darauf, dass er weitersprach.
   »Was meinst du mit im Gegenteil?«, fragte Elena, als Jose nichts mehr sagte.
   Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Ach, nicht wichtig.« Jose sah aus, als täte es ihm leid, die Angelegenheit überhaupt erwähnt zu haben, deswegen hakten sie auch nicht weiter nach.

Seit Stunden saßen sie wieder auf der Veranda. Als sich Carlos einmal in ihre Richtung bewegt hatte, waren sie schnell in ihren Hütten verschwunden und hatten ihn draußen laut lachend vorbeilaufen hören, während ihnen das Blut in den Adern gefroren war. Nur zögerlich hatten sie sich wieder nach draußen gewagt und gehofft, dass er sie in Ruhe ließe.
   Pedro gesellte sich zurück zu ihnen.
   »Wo warst du die ganze Zeit?«, fragte Adriana.
   »Unten am Bach«, sagte er achselzuckend.
   Adriana riss die Augen auf. »Darfst du da hin?«
   »Wieso? Der Bach liegt noch im Camp.« Er beugte sich lächelnd zu ihr. »Diese ständige Langeweile macht mich fertig. Ein Tag ist so öde wie der andere, nie passiert irgendetwas«, flüsterte er an ihrem Hals.
   »Sag das bloß nicht zu laut. Ich hatte für heute genug Aufregung. Für die nächste Zeit bin ich bedient.«
   Pedro öffnete den Mund, winkte aber ab. »Erzähl mir was von dir«, sagte er stattdessen und sofort waren beide in eine angeregte Unterhaltung vertieft.

Elena lehnte sich zurück. Schweißperlen rannen ihr in dicken Tropfen den Rücken hinunter und sammelten sich am Bund ihrer Shorts. Die Zeit schlich dahin, während sie döste. Pedro hatte seinen Kopf in Adrianas Schoß gelegt und lag mit geschlossenen Augen breit ausgestreckt neben ihr, was sie nicht zu stören schien. Sie hatte sich auf den Händen abgestützt und hielt ihr Gesicht in die gleißende Sonne.
   Mit einem Satz sprang Elena auf die Beine.
   »Wo gehst du hin?« Luisa setzte sich auf.
   »Ich geh mich waschen, mir ist so heiß. Ich brauche eine kleine Abkühlung«, antwortete sie im Weggehen.
   Luisa schien ihr Vorhaben nicht zu gefallen, ihre Augen glänzten feucht. »Ist gut, aber pass auf«, sagte sie mit ängstlicher Stimme.
   »Ich mach schnell, keine Sorge. Außerdem ist gerade keiner von denen unterwegs, das will ich ausnutzen. Ich bin fertig, bis die zum Feuer kommen, versprochen.« Sie spurtete los, Luisas Worte hatten sie aufgeschreckt.
   Am Bach angekommen, sah sie sich um. Der Wasserlauf war weder breit noch sonderlich tief. Mit Leichtigkeit könnte sie auf die andere Seite gelangen, doch dort wuchsen Büsche so dicht, dass sie nicht die winzigste Lücke freigaben. Unmöglich, da hindurchzukommen. Elena müsste daran entlanggehen, um zu entkommen, aber da hätten die Männer sofort jede ihrer Bewegungen im Blick. Sie hatten es geschickt angestellt. Zwar konnten die Geiseln sich frei bewegen, aber nur innerhalb der Schneise, die sich noch ein Stück außerhalb um das Camp zog, sodass man erst noch eine freie Fläche durchwandern musste, um in den Urwald eintauchen zu können. Dort bot man ihnen eine gute Zielscheibe.
   Sie füllte den Eimer mit Wasser und schleppte ihn keuchend zu der hölzernen Wanne, zog sich aus und wusch sich, froh darüber, nicht mehr länger verschwitzt herumlaufen zu müssen. Angewidert schüttelte sie die Erinnerung an die vergangenen Tage ab. Seltsam. Vor drei Tagen wohnte sie noch daheim, führte ein sorgloses Leben. Alles war perfekt gewesen. Binnen eines einzigen Momentes hatte sich das komplett geändert.
   Elena fragte sich, ob sie ihr zu Hause jemals wiedersehen würde. »Das wird schon klappen«, sagte sie leise zu sich selbst, während sie sich einseifte. »Es muss!«
   Als sie sich endlich sauber genug und erfrischt fühlte, kleidete sie sich wieder an und kippte das Wasser aus der Wanne. Diesmal achtete sie sorgsam darauf, ihr T-Shirt weit weg von ihrem Brustkorb zu halten, während sie durch den Vorhang hinaustrat. Für ein paar Minuten blieb sie stehen, um den Stoff antrocknen zu lassen. Bei der Erinnerung an die gestrige Situation errötete sie immer noch.
   Die Männer saßen bereits um das Lagerfeuer und aßen, als Elena herankam. Mist. Sie stand still. Jetzt musste sie auch noch allein an denen vorbei. Sie straffte die Schultern und setzte sich erneut in Gang, um an ihnen vorbeizuschleichen, darauf hoffend, dass Carlos sie nicht registrierte. Heute wirkte er noch finsterer als sonst mit seiner grimmigen Miene. Um ihn nicht durch ihr heimliches Beobachten auf sich aufmerksam zu machen, ließ sie ihren Blick weiterwandern und entdeckte Rico, der ein Stück abseits saß und lustlos in seiner Schüssel herumstocherte. Danach registrierte sie, wie Carlos den Kopf in ihre Richtung drehte, und ächzte innerlich auf. Sie beschleunigte ihre Schritte.
   Als sie schon beinahe an ihnen vorüber war, rief Carlos sie mit barscher Stimme zurück. Mit viel Mühe stoppte sie ihre Schritte, drehte sich um und spürte einen Kloß im Hals, noch ehe er weitergesprochen hatte. Während sie näher kam, bemerkte sie amüsierte Gesichter, auch Rico wirkte gespannt. Ihr Herzschlag raste wie ein Schnellzug. »Bitte lass mich doch«, sagte sie flehentlich und war überrascht, nicht bemerkt zu haben, wie sich ihr Mund geöffnet hatte.
   Carlos musterte sie von oben bis unten. Seine schwarzen Augen blitzten auf, und sie schlug sich beide Hände vor das Gesicht, um ihn wenigstens nicht mehr sehen zu müssen. Ihr ganzer Körper bebte.
   »Habt ihr euch gut bei uns eingelebt?« Er klang übertrieben interessiert.
   Elena reagierte nicht, was ihn anscheinend sofort in Raserei versetzte.
   »Nimm die Hände runter, wenn ich mit dir spreche und gib mir eine Antwort.« Seine Worte glitten rasiermesserscharf durch die Luft.
   Es kostete Elena viel Überwindung, ihm zu gehorchen. »Ja, danke«, hauchte sie, ehe ihre Stimme versagte.
   »Ich habe dich nicht gehört«, sagte er schärfer und musterte sie wie ein widerliches Insekt.
   Ihr Gehirn war wie leer gefegt, sie konnte keine Silben mehr formulieren.
   »Was hast du gesagt?«, rief er so laut, dass sie zusammenschreckte.
   Der Boden begann plötzlich unter ihr zu schwanken wie bei einem Erdbeben, deshalb holte sie tief Luft. Sie musste sich zusammenreißen, wischte über ihre feuchte Stirn, bevor sie die Lider wieder hob, die sich anfühlten, als hingen schwere Gewichte daran. »Ja, danke.« Ihre Mundwinkel zuckten, und sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten, die ihr bereits übers Gesicht liefen.
   Ein Lächeln legte sich über Carlos’ Lippen, er wirkte fast glücklich. »Das freut mich, zu hören«, erwiderte er mit schneidender Stimme. »Dies ist wohl nicht ganz die Umgebung, die du sonst gewohnt bist?« Nun wartete er geduldig eine Antwort ab, während er sie mit seinem stechenden Blick taxierte und sichtlich ihre Angst genoss.
   Die Wächter saßen feixend daneben. Selbst Rico regte sich nicht auf seinem Platz, aber er sah ihr direkt in die Augen.
   Sie ließ den Kopf hängen, wusste im selben Moment, dass es keinen Sinn machte, Carlos zu antworten, denn er läutete in seinem perfiden Spiel, sie zu demütigen, eine neue Runde ein. Ihre Lage war aussichtslos, also gab sie auf. Beinahe fasziniert beobachtete Elena, wie die Tränen direkt von ihren Augen hinabfielen und sofort von der Erde aufgesogen wurden. Sie fragte sich, wie viele davon es wohl brauchte, bis eine kleine Pfütze an dieser Stelle entstand.
   Wie durch einen Nebel drang Ricos Stimme an ihr Ohr. »Carlos«, sagte er verhalten. »Lass sie in Ruhe. Du siehst doch, wie viel Angst sie vor dir hat.«
   Sein Cousin lachte gehässig auf. »Das kleine Miststück wird mich erst noch kennenlernen, damit sie weiß, warum sie sich vor mir fürchten sollte.«
   Rico schüttelte den Kopf. »Krieg dich wieder ein.«
   »Willst du sie für dich allein haben? Du musst es nur sagen.« Carlos klang freundlich, als wollte er sich lediglich vergewissern.
   Eine unbändige Furcht vor Carlos und Rico überfiel Elena, sodass sie würgte. Die beiden unterhielten sich in einem Ton, als sprächen sie darüber, wer von ihnen das letzte Stück Kuchen bekäme. Was trieben die beiden da? War das ein Spiel? Böser Gangster, guter Gangster?
   Rico saß völlig ungerührt auf seinem Platz, ja fast gleichgültig. »Was soll dieses Spielchen, Carlos? Willst du der Kleinen Angst einjagen oder ist dir langweilig?« Seine Worte klangen genauso freundlich.
   Carlos schien erfreut darüber und beugte sich vor. »Stellt sich die Frage, vor wem sie mehr Angst haben sollte, vor dir oder mir, Rico?« Ohne eine Antwort abzuwarten, lachte er schallend los und betrachtete sie abwechselnd mit spöttischer Miene.
   »Ich habe vor euch beiden Angst«, schrie sie, und Carlos’ Gelächter erstarb augenblicklich.
   Ricos Blick schien sie zu durchbohren. Er wirkte überrascht und gleichzeitig verärgert.
   Nur mit Mühe gelang es Elena, ihre weichen Knie zu kontrollieren.
   Indessen verschränkte Carlos die Arme vor der Brust. »Hat dir irgendjemand erlaubt, dass du herumschreien darfst? Ich werde dir Manieren beibringen, dann kapierst du vielleicht, wo dein Platz ist.« Mit einem Satz schnellte er in die Höhe, sein Gesicht war zu einer wütenden Fratze verzerrt. Elena wich zurück und schüttelte stumm den Kopf. Entsetzen formte sich in ihr zu einer zähen Masse und drohte sie zu zersprengen.
   Mit einem Fauchen mischte sich Rico ein. »Hör endlich auf. Sie hat doch kapiert, wer hier das Sagen hat.«
   Carlos schien die Auseinandersetzung mit seinem Cousin sichtlich zu gefallen. »Also gut, ich tue ihr nichts, Rico. Zufrieden? Es geht auch anders. Ich zeig dir mal, wie.«
   Hörbar seufzte Rico auf, und ihre Schritte wurden schneller. Sie wollte weg, spürte das gefährliche Brodeln in Carlos.
   »Bleib stehen«, rief er und kam auf sie zu.
   Noch einmal zuckte sie zurück und rührte sich nicht mehr von der Stelle. Ihr Körper wurde von Schluchzern geschüttelt, da Carlos einen Arm um ihre Taille legte und sie eng an sich zog. Sie fühlte angewidert die Wärme durch sein rotes T-Shirt, ein ekelhafter Gestank quoll darunter hervor.
   Mit einem Finger fuhr er über ihre Wange. »Du bist ein ganz hübsches Ding. Eine kleine Wildkatze, stimmt’s? Die hab ich am liebsten.« Er flüsterte es ganz nah an ihrem Ohr und streifte mit seinem unrasierten Kinn dabei ihre Wange.
   Elena schloss die Augen, nicht mehr in der Lage sich zu bewegen, und weinte leise vor sich hin.
   »Was hast du denn? Du kannst es wohl nicht mehr abwarten.« Mit einer Hand fuhr er an ihrem Hals entlang, sein Atem begann zu zittern, als seine Finger den Ausschnitt ihres T-Shirts erreichten.
   »Bitte nicht«, sagte Elena, da hörte er plötzlich auf und sie öffnete die Augen.
   Rico stand neben Carlos und hielt dessen Unterarm mit eisernem Griff umklammert. Sein Kiefer hatte sich verspannt. »Es reicht. Hör auf«, sagte er warnend zu seinem Cousin, aber mit so viel Wut im Gesicht, dass der sich losriss und einen Schritt zur Seite trat.
   Carlos setzte ein überhebliches Grinsen auf. »Ich wollte sie nur ein bisschen trösten, Rico. Damit sie aufhört, zu weinen.«
   Rico ging ganz nah an ihn heran. »Ich bin mir sicher, sie beruhigt sich von allein wieder.« Seine Stimme klang jetzt fest. Er stellte sich aufrecht hin und überragte Carlos.
   Diesen schien die Sache plötzlich zu langweilen. »Verschwinde, du gehst mir auf die Nerven«, sagte er mit einem abfälligen Seitenblick auf Elena, was sie sich nicht zweimal sagen ließ.
   Wie gejagt rannte sie davon, stürmte an den anderen vorbei, hinein in die Hütte, wollte nur weg, fort aus Carlos’ Blickfeld. Kraftlos sackte sie zu Boden, wo sie ihren Tränen freien Lauf ließ. Adriana und Luisa, die alles von der Veranda aus beobachtet hatten, setzten sich neben sie und streichelten mitfühlend ihre Arme.
   »Dieser Teufel«, sagte Pedro mit wütender Stimme, der gemeinsam mit Jose hereinkam. Er schlug mit der Faust gegen den Holzpfosten, der den Eingang stützte.
   »Hör auf damit.« Adriana drehte sich zu ihm um. »Oder hast du schon vergessen, was heute Morgen passiert ist? Vielleicht steht bereits einer von denen hinter dem Vorhang und belauscht uns.«
   »Stimmt ja«, pflichtete er Adriana schließlich kleinlaut bei und ging in die Hocke. »Ich habe nicht nachgedacht. Das Leben hier ist schon unerträglich genug. Wir sollten es nicht absichtlich schlimmer machen, als es so schon ist. Vielleicht ist es besser, wenn wir bis zum Appell in unseren Hütten bleiben.«
   »Eine gute Idee«, sagte Adriana deutlich milder gestimmt und nickte beschwichtigend. »Wer weiß, was denen sonst noch einfällt.«
   Pedro stand auf, und Jose und er verabschiedeten sich mit ein paar aufmunternden Worten.
   Adriana streichelte sie immer noch. »Dieser Typ ist wirklich gefährlich. Elena, ich hätte schwören können, er fällt gleich über dich her. Ich hatte solche Angst um dich. Wir müssen dem Kerl aus dem Weg gehen.« Sie breitete die Arme aus und zog sie eng an sich.
   »Wie sollen wir ihm denn aus dem Weg gehen? Dafür ist das Lager viel zu klein, hier kann man praktisch niemandem aus dem Weg gehen«, sagte Luisa hinter ihnen.
   Elena sah nicht auf, stattdessen schmiegte sie sich an Adrianas Brust und weinte sich den Schmerz aus dem Leib. Selbstverständlich wusste sie, dass Luisa recht hatte. Man konnte dem Teufel in dieser grünen Hölle nicht aus dem Weg gehen.
   »Lasst es uns wenigstens versuchen«, sagte Adriana schwach und massierte ihr die verspannten Schultern.

Die Nacht breitete sich finster über dem Dschungel aus, aber noch immer lag Elena wach auf ihrer Matte, denn die Ereignisse des Tages hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie versuchte, sich auf etwas Schönes zu konzentrieren, aber es gelang ihr nicht. Eine Zeit lang lauschte sie den tiefen Atemzügen ihrer Freundinnen, während sie in die Dunkelheit starrte und darauf wartete, vom Schlaf besiegt zu werden. Elena drehte sich auf die Seite, die stickige Luft setzte ihr zusätzlich zu. Also stand sie auf, um eine frische Brise in den Raum zu lassen, ehe einer der Wächter auf die Veranda kam.
   Langsam zog sie den Vorhang beiseite und spähte hinaus. Die Männer saßen laut lachend bei ihren Hütten und spielten im Schein einer kleinen Lampe Karten. Ab und zu gossen sie ihre Becher voll und prosteten sich gegenseitig zu.
   Gleich darauf entdeckte sie Rico, der mit dem Rücken zu ihr allein vor dem Lagerfeuer hockte. Sein helles Haar setzte sich im Mondschein deutlich von den dunklen Umrissen seines gebräunten Oberkörpers ab. Plötzlich verspürte sie den unbändigen Drang, zu ihm hinüber zu gehen, um sich für seine Hilfe zu bedanken. Sie wollte sich nicht ausmalen, was Carlos mit ihr angestellt hätte, wenn Rico nicht dazwischengegangen wäre.
   Noch einmal spähte sie zu den Wachleuten hinüber und nagte an ihrer Unterlippe. Da sich die Wächter seitlich neben den Hütten befanden, würden sie sie vom Feuer aus wahrscheinlich nicht erkennen können, deshalb trat sie kurz entschlossen hinaus auf die Veranda. Mit klopfendem Herzen blieb sie stehen, atmete einmal tief durch und schlich hinaus in die Nacht.
   Rico sah mit zusammengekniffenen Augenbrauen hoch, und sofort zog sich Elenas Magen zusammen. »Was machst du denn hier? Langsam fühle ich mich verfolgt von dir.«
   Elena knetete ihre Finger. »Ich wollte mich bei dir bedanken.«
   Sein Lächeln wirkte erstaunt. »Was ist denn mit dir los? Beinahe wirst du mir sympathisch.«
   Sie stand einige Zeit unschlüssig vor ihm herum und wollte sich schon umdrehen.
   »Setz dich«, sagte er.
   Sie verharrte mitten in der Bewegung. »Echt jetzt?«
   »Ja, mach schon.« Er klang etwas ungeduldig, aber auf eine heitere Art.
   Langsam ließ sich Elena neben ihm nieder. »Glaubst du, die Wächter haben was dagegen, wenn ich um diese Zeit hier bei dir sitze?« Mit dem Kinn zeigte sie hinüber zu den Hütten, aber sie konnte die Männer von hier aus in der Dunkelheit fast nicht erkennen.
   Er lachte verhalten. »Die sind so beschäftigt mit ihrem Rum, die kriegen sowieso nichts anderes mehr mit.«
   »Du magst wohl keinen Rum.«
   Sein Gesicht verzog sich. »O Mädchen, jetzt tut es mir schon wieder leid, dass ich gesagt habe, du sollst dich setzen.«
   »Sei froh, dass sich überhaupt jemand zu dir setzt.« Das war ihr herausgerutscht, bevor sie es verhindern konnte.
   Sofort drehte er den Kopf in ihre Richtung. »Geh zurück in deine Hütte«, sagte er scharf.
   Sie zuckte zusammen.
   Da umspielte ein Grinsen seine Lippen. »Feige bist du nicht, das muss man dir lassen.«
   »Bei euch härtet man ab.«
   Rico lachte. Er stützte sich mit den Unterarmen auf seinen Schenkeln ab. »Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, warum es immer nur dich trifft?«
   »Weil ihr Fieslinge seid«, antwortete sie, ohne zu überlegen.
   »Das vielleicht auch. Aber vor allem trifft es dich, weil du die falschen Worte zur falschen Zeit sagst.«
   »Darf ich dich etwas fragen?«
   Er seufzte. »Was willst du denn wissen?«
   »Was hat Carlos vorhin damit gemeint, ob du mich für dich allein haben möchtest?«
   Rico legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf zum Sternenhimmel. »Ich wusste, dass irgend so was kommt. Nichts! Nichts hat er damit gemeint.« Seine Stimme klang aufgebracht, nicht genervt, sondern verärgert. Schließlich atmete er tief durch. »Carlos wollte dir Angst einjagen. Das macht er gern«, sagte er in ruhigerem Tonfall.
   Nur zu deutlich spürte sie die Anspannung in der Luft. »Meinte er damit das Gleiche wie bei Enrica Rodriguez? Diesem Mädchen, das vergangenes Jahr von euch entführt wurde?«, platzte es aus ihr heraus. Sie hielt die Luft an und wagte nicht, zu atmen.
   »Nein«, erwiderte er sofort, »das meinte er nicht.« Als er Elena mit einem kurzen Seitenblick streifte, erstarrte sie. Rico schien genau zu wissen, wovon sie sprach. »Enrica«, sagte er nach einer längeren Pause und rieb sich mit dem Handrücken über sein Kinn, »war nicht hier. Hier bei uns, meine ich. Eine andere Gruppe hatte sie.« Sein Gesicht bekam einen abweisenden Ausdruck.
   Elena war den Tränen nahe. »Ich habe solche Angst. Ihr tut mir bestimmt noch etwas an. Ich spüre es.«
   Rico war merklich nicht erfreut über den Verlauf des Gespräches. »Du bist ein wirklich süßes Mädchen, aber wenn du weiterhin so rotzfrech bist, forderst du uns geradezu heraus. Rede nicht immer so viel Unsinn, dann passiert dir auch nichts.«
   »Warum hast du mir vorhin geholfen?«
   Er sah Elena so tief in die Augen, dass ihr ein Schauder über den Rücken rieselte. »Weil du schöne Brüste hast.«
   »Was?«
   Er schüttelte den Kopf, als könnte er nicht glauben, was er von sich gegeben hatte, und lachte verhalten. »War nur Spaß.«
   »Du kannst ja witzig sein.« Sie musste unwillkürlich schmunzeln. »Ich habe es also meinen Brüsten zu verdanken, dass ich noch am Leben bin.«
   Eine von Ricos blonden Strähnen fiel ihm in die Stirn. »So weit würde ich nicht gehen, aber es kommt dem nahe.«
   »Wann lasst ihr uns wieder frei?«
   Der heitere Ausdruck verschwand aus seinem Gesicht. »Wenn die Operation beendet ist.«
   Elena wurde mutiger. »Wann wird das sein?«, fragte sie mit schmeichelnder Stimme und legte den Kopf leicht schräg. Sie setzte denselben Gesichtsausdruck auf, bei dem auch ihr Vater regelmäßig schwach wurde. Für einen Moment sah es so aus, als würde ihr Augenaufschlag auch bei Rico funktionieren.
   Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, riss sich jedoch von ihrem Anblick los. »Ich weiß es nicht.«
   Sie sah ihn ungläubig an.
   »Ich weiß es wirklich nicht.« Er zuckte lässig mit den Schultern. »Ich leite die Geschäfte nicht. Für diese Information müsstest du schon zu Carlos gehen.« Rico grinste breit.
   »Alles, bloß das nicht«, sagte Elena und musterte ihn verstohlen. Im selben Moment wandte er den Kopf in ihre Richtung, sodass sich ihre Blicke unvorbereitet trafen. Es durchzuckte sie blitzartig, auch Rico sah hastig wieder weg.
   Eine Zeit lang saßen sie schweigend nebeneinander beim Feuer, das vor sich hin knisterte. Ab und zu flogen winzige Glutfetzen in die Luft und verglimmten in der Dunkelheit.
   »Ich muss morgen für zwei Tage weg.« Seine dunkle Stimme durchschnitt die Stille.
   Elena hob den Kopf. »Du musst weg? Wieso? Ich meine …« Sie spürte Hitze in ihren Wangen aufsteigen.
   »Ich habe einen Auftrag zu erledigen, übermorgen Abend bin ich wieder zurück.«
   »Dann sind wir ja ganz allein hier.« Ihre Stimme zitterte.
   »Nicht ganz, die Wächter bleiben.«
   »Wie beruhigend«, sagte sie ungewollt eine Spur zu sarkastisch, und Rico beugte sich ein Stück zu ihr hinüber. »Und Carlos? Geht der auch mit?«, flüsterte sie ängstlich.
   Kaum merklich schüttelte Rico den Kopf, beinahe andächtig betrachtete er ihr Gesicht. »Nein, ich gehe allein.«
   Sie erstarrte. Bereits morgen war sie Carlos’ Willkür ausgeliefert, und keiner war mehr da, der ihn davon abhalten würde. Wer konnte voraussagen, ob sie die nächste Attacke überlebte? Und wenn ja, in welchem Zustand sie sich dann befand. Enrica Rodriguez’ Zeitungsbild erschien abermals in Gedanken vor ihr, und sie sackte schluchzend in sich zusammen. Ein Arm legte sich um ihre Schultern, Rico zog sie an sich heran. Elena legte den Kopf an seine Brust und weinte mit bebenden Schultern. »Ich habe solche Angst.«
   Mit dem Zeigefinger wischte er die Tränen aus ihrem Gesicht. »Du musst keine Angst haben, ich rede mit ihm. Er wird dir nichts tun, versprochen.«
   Als Elena schniefte, ließ Rico sie wieder los.
   »Jetzt hast du mich ja ganz nass gemacht«, sagte er sanft.
   Sie betrachtete die feuchten Spuren auf Ricos Haut. »Tut mir leid.«
   Rico lächelte. »Du solltest jetzt schlafen gehen«, flüsterte er und zeigte auf die Wachbaracken. »Felipe steht gerade auf, er übernimmt heute die Nachtwache. Es wäre nicht gut, wenn er dich hier antreffen würde.«
   Umgehend erhob sie sich. »Warum bist du eigentlich nicht drüben bei denen?« Sie hickste und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht.
   »Wir haben nicht viel gemeinsam.«
   Elena nickte. »Ja, da hast du recht.«
   Rico grinste schief. »Geh jetzt, er kommt schon rüber.«
   Während sie losspurtete, blickte sie immer wieder über die Schulter. Glücklicherweise stand Felipe noch mit dem Rücken zu ihr und redete auf einen seiner Kumpane ein. Unbehelligt erreichte sie schließlich die Hütte und huschte durch den Vorhang.

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