US Navy SEAL Craig O’Neill quartiert sich nach einer schweren Verletzung in einem Strandhaus auf Tybee Island ein und erhält unerwartet Gesellschaft von der jungen Studentin Jennifer Garnett. Obwohl sie auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, beginnen sie eine leidenschaftliche Affäre – bis Craig im Strudel der Gefühle eine Entscheidung trifft, die seinen weiteren Lebensweg für immer verändern wird.

E-Book: 1,49 €

ePub: 978-9963-52-392-4
Kindle: 978-9963-52-393-1
pdf: 978-9963-52-391-7

Zeichen: 147.070

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Susan Clarks

Susan Clarks entdeckte früh ihre Leidenschaft für Bücher. Deshalb verwunderte es niemanden, dass sie sich für ihr Leben zwei große Ziele setzte. Zum einen wollte sie die Welt retten, zum anderen einen Roman schreiben. Da sich die Rettung der Welt mit Familie ein wenig schwierig gestaltet, hat sie sich nach der Geburt ihres ersten Kindes intensiv dem Schreiben zugewandt und ihren ersten Roman zu Papier gebracht, der im Juli 2014 im Bookshouse Verlag veröffentlicht wurde.

Autorenseite

Leseprobe

Kapitel 1

Craig O’Neill griff nach dem Handtuch, das neben dem Waschbecken hing, und trocknete sich das Gesicht. Lange musterte er sein Spiegelbild, starrte in die Augen seines Gegenübers und fragte sich, wer dieser Mann eigentlich war. Noch vor wenigen Monaten wären ihm solche trüben Gedanken nie in den Sinn gekommen. Er hätte gewusst, wer er war und was er war. Er hätte sein Ziel gekannt. Das unmittelbar vor ihm und auch jenes in weiter Ferne. Nun blickte er in die rauchgrauen Augen und wusste nicht, was er von dessen Besitzer halten sollte.
   Seufzend warf er das Handtuch beiseite. Er hätte nicht auf diese Party gehen sollen. Was hatte ihn nur dazu getrieben, hier aufzutauchen? Zehn Minuten hatte er es da draußen in der Menge ausgehalten, ehe er sich entschuldigte und ins Badezimmer verschwand. Als ihm heute Nachmittag Eric über den Weg gelaufen war, hielt er dessen Einladung für eine gute Idee. Er hatte geglaubt, die Gesellschaft anderer würde ihn ablenken. Von seinen Dämonen. Von dem Grund, warum er nach Tybee Island zurückgekehrt war.
   Er atmete tief durch und fasste nach dem Türknauf, als er aus dem angrenzenden Schlafzimmer Gekichere hörte. Es rumpelte, etwas fiel zu Boden und zerbrach.
   »Pass doch auf«, sagte eine Frau und gluckste. »Vielleicht war das eine sündteure Mingvase.«
   »Ganz sicher«, erwiderte eine Männerstimme und lachte ebenfalls.
   Er hörte Geräusche, die darauf schließen ließen, dass sich die beiden gegenseitig abknutschten und begrapschten. Craig seufzte und ließ seinen Kopf gegen die Tür fallen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Warum hatte er nicht einfach darauf gewartet, dass das WC am Gang wieder frei wurde? Aber nein, stattdessen musste er sich hier verkrümeln.
   »Moment«, sagte die Frau. »Mir geht’s nicht gut.«
   Er verdrehte die Augen. So, wie sie lallte, war sie vermutlich sturzbetrunken.
   »Nun hab dich nicht so.« Der Mann klang nicht ganz so besoffen. »Wir sind doch nicht zum Händchenhalten raufgekommen.«
   Einer von der ganz charmanten Sorte. Craig schüttelte den Kopf. Wenn die zwei nicht in der nächsten Minute verschwinden würden, würde er einfach durch das Zimmer rausspazieren. Je länger er wartete, desto peinlicher würde es werden.
   »Lass mich.« Die Frau war wohl zurückgewichen, denn wieder rumpelte es.
   »Was soll das?«, fragte der Kerl in einem Tonfall, der Craig aufhorchen ließ. »Mich erst heißmachen und dann einen Rückzieher machen, oder wie?«
   »Ich hab gesagt, mir geht’s nicht gut … Verdammt, du tust mir weh.« Die Frau schrie auf.
   Ohne zu überlegen, riss Craig die Tür auf und trat in den Raum. Das fahle Mondlicht schien durch das Fenster und ließ nur Konturen erahnen. »Lass sie los«, sagte er mit ruhiger Stimme. Er konnte Typen, die sich Frauen aufdrängten, nicht leiden, aber vor allem ging es ihm momentan gegen den Strich, dass er gezwungen war, einzugreifen. Warum war er nicht zu Hause geblieben?
   Der Kerl drehte sich zu ihm um. Ohne ihn genau zu erkennen, hätte Craig ihn auf Mitte zwanzig geschätzt. Vermutlich ein Student in den Sommerferien, der sich ein bisschen amüsieren wollte. Langsam schritt Craig auf ihn zu. Die Frau stand außerhalb seiner Sichtweite und war für ihn nur ein Schatten im Hintergrund. Der Kerl hielt sie noch am Arm fest.
   »Ich sagte: Lass sie los.«
   »Verpiss dich, Mann.« Aus zusammengekniffenen Augen musterte ihn der Kerl. »Das hier geht dich nichts an.«
   »Mir ist schlecht.« Die Frau riss sich los und verschwand ins Badezimmer.
   Grinsend sah Craig ihr nach. Hoffentlich kotzte sie sich die Seele aus dem Leib, wenn sie schon so dämlich war, mit diesem Typen auf ein Zimmer zu verschwinden. Mit hochgezogenen Augenbrauen wandte er sich wieder seinem Gegenüber zu. »Schätze, der Abend ist gelaufen.«
   Ein weiteres Mal ließ der junge Mann seinen Blick über ihn schweifen, kam aber wohl zu dem Entschluss, dass er sich nicht weiter mit ihm anlegen wollte. Er winkte ab. »Behalt sie doch.«
   Kopfschüttelnd beobachtete Craig, wie er das Zimmer verließ. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Badezimmertür. Die Kleine kotzte sich tatsächlich die Seele aus dem Leib. Craig seufzte. Er hatte keine Lust, einer Wildfremden die Haare zu halten, während sie den letzten Tropfen Alkohol aus dem Magen in die Kloschüssel spuckte. Trotzdem trat er näher.
   Die Klospülung wurde betätigt. Als er die Tür vorsichtig aufschob, hing sie über dem Waschbecken und spülte sich den Mund mit Wasser aus. »Alles okay?«
   »Hm.«
   Er schätzte sie von der Statur her auf dasselbe Alter wie den Typen. Vermutlich auch so eine kleine Studentin, die die Sommerferien genoss. Warum konnten die sich für diese Zeit nicht einfach einen Job suchen, anstatt sich volllaufen zu lassen?
   »Dann ist ja gut«, sagte er und konnte sich ein Augenrollen nicht verkneifen. Er wollte endlich raus aus diesem Bad, raus aus diesem Zimmer und weg von dieser Party. Er war zu alt für diesen Scheiß, auch wenn erst vor drei Monaten die einunddreißig seinen Geburtstagskuchen geziert hatte. Er atmete tief durch, ehe er sich ohne ein weiteres Wort abwandte.
   »Danke.«
   Überrascht drehte er sich wieder um. Und zum ersten Mal sah er in das Gesicht der Frau. Schei…

*

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Craig O’Neill. Als ob der Abend nicht so schon die reinste Katastrophe war. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, erhob sie sich zu ihrer vollen Größe.
   »Na so was«, sagte sie, als er sie nur weiter sprachlos anstarrte. Wenigstens lallte sie nicht mehr so. »Mr. Perfect ist nach Hause zurückgekehrt.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Er war noch immer eine Augenweide, keine Frage. Wie es sich fürs Militär gehörte, trug er die Haare kurz geschoren, nirgendwo ein Gramm Fett zu viel, stattdessen Muskeln über Muskeln. Sie hob den Blick, um seinen zu erwidern. Einen Moment drehte sich alles, aber sie hatte sich schnell wieder im Griff.
   »Was ist los?«, fragte sie und grinste ihn an. »Wollen sie dich bei den Navy SEALs nicht mehr haben?« Sie glaubte fast, er wäre für einen Moment zusammengezuckt, aber das musste sie sich in ihrem von Alkohol durchtränkten Gehirn nur eingebildet haben. Craig O’Neill würde sich nie so leicht in die Enge treiben lassen.
   »Ich habe Urlaub«, antwortete er knapp.
   »Und den verbringst du ausgerechnet in Savannah? Bezahlt dich die Regierung so schlecht?«
   Der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht. »Amüsierst du dich auf der Party?«
   »Bestens.«
   Er nickte. »Hast du wenigstens jemanden, der dich nach Hause bringen kann?«
   Sie winkte ab und drängte sich an ihm vorbei. »Ich will noch nicht nach Hause. Und wenn, dann fahre ich selbst.«
   »Na klar«, erwiderte er und lachte.
   Wütend drehte sie sich um. Das war ein Fehler. Denn der Raum wollte nicht aufhören, sich weiter zu drehen. Sie versuchte, Craig anzuvisieren, ihn im Blick zu behalten, hatte aber Mühe, weiter aufrecht auf den Beinen zu stehen. Sie hob den Zeigefinger, deutete aber vermutlich überall hin, nur nicht auf ihn. Sein Lachen drang an ihr Ohr. Scheiße. »Du kannst mich mal.« Mit diesen Worten wandte sie sich wieder ab, verlor nun aber endgültig das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin. Wenigstens verstummte sein Lachen. Stattdessen hörte sie ihn seufzen. Warum konnte der Kerl nicht einfach verschwinden? Seit über zehn Jahren tingelte er quer durch die Weltgeschichte. Warum also musste er ausgerechnet heute Abend in diesem Zimmer auftauchen?
   Er packte sie am Arm und zog sie hoch. »Mit wem bist du hier?«
   Sie strich völlig undamenhaft ihre Haare aus dem Gesicht und hob trotzig das Kinn. »Mit niemandem. Ich bin allein gekommen.« Und das stimmte sogar. Ihre Freundin Mel hatte im letzten Moment abgesagt, weil sie sich einen Magen-Darm-Virus eingefangen hatte. Aber sie selbst hatte nicht auf die Gelegenheit verzichten wollen, sich mal wieder zu amüsieren. Obwohl sie das in letzter Zeit recht häufig tat.
   »Es muss auf dieser Party doch irgendjemanden geben, der dich nach Hause bringen kann.«
   »Nope.« Sie grinste ihn an. Sollte Mr. Perfect ruhig ein wenig unter seinem Pflichtgefühl leiden. Was musste er sich auch in ihre Angelegenheiten mischen.
   Er verzog sein Gesicht und wich zurück. »Wie viel hast du heute Abend überhaupt getrunken?«
   »Äh«, überlegte sie laut, während sie mit dem Finger gegen die Lippen tippte. »Nur das eine oder andere Bier.«
   »Wohl eher den einen oder anderen Tequila.« Er griff nach ihrem Arm und zog sie hinter sich aus dem Zimmer.
   »Hey! Was soll das?«
   »Ich bring dich nach Hause.«
   Im Gang richteten sich alle Augenpaare auf sie und mehr als einer schmunzelte in sich hinein. Das brauchte sie noch. Das Gespött der Partygäste zu werden. »Ich will aber noch nicht gehen.« Immer wieder versuchte sie, sich aus seinem Griff zu befreien. Vergebens.
   Ohne auf ihren Einwand einzugehen, zerrte er sie quer durch das Wohnzimmer, zwischen allen Gästen hindurch nach draußen. Frische Nachtluft schlug ihr entgegen und erinnerte sie daran, dass sie lediglich ein schulterfreies Top und einen kurzen Rock trug.
   »Wohnst du bei deinen Eltern?«, fragte er und sah sie an.
   Er meinte es tatsächlich ernst. Er wollte sie nach Hause bringen. Himmelherrgott, warum konnte er sich nicht wie ein Normalsterblicher benehmen und sie sich selbst überlassen? Endlich schaffte sie es, sich loszureißen. »Nein, tu ich nicht.« Sie war bei ihrer Freundin Mel untergekommen. Das Letzte, das sie nach dem Desaster mit Daniel hatte brauchen können, war eine Wohngemeinschaft mit ihren Eltern. »Ich wohne bei einer Freundin.«
   Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, aus denen er sie musterte. »Welcher Freundin?«
   »Geht dich nichts an.« Er konnte ja seine Gefangenen so verhören, aber sicher nicht sie. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und kam erneut ins Taumeln.
   Sofort ergriff er wieder ihren Arm und führte sie von der Haustür fort zum Bürgersteig. »Warst du schon immer so bockig, oder erst, seit ich fort bin?«
   »Ach nö, schon immer.« Ohne Gegenwehr lief sie neben ihm her. Alles andere wäre ohnehin zwecklos gewesen.
   Schließlich blieb er vor einem dunklen Grand Cherokee stehen. »Steig ein.«
   »Ich denk nicht dran.«
   »Ich sagte, du sollst einsteigen!«
   Erneut verschränkte sie die Arme vor der Brust. Dieses Mal, ohne dabei ins Wanken zu geraten. »Warst du schon immer so herrisch, oder erst, seit du bei den Navy SEALs bist?«
   Mit Schwung riss er die Beifahrertür auf und deutete mit einer Hand ins Innere. »Steig endlich in dieses gottverdammte Auto!«
   Sie neigte den Kopf und ließ ihren Blick über das Innere des Wagens gleiten. Alles penibel geputzt und aufgeräumt. Was sonst. »Ach nö, ich laufe lieber.«
   »Deine Eltern wohnen fast zehn Kilometer von hier entfernt.«
   »Ich hab doch gesagt, ich wohne nicht bei ihnen.« Er sollte wirklich mal zuhören.
   »Und ich glaub dir kein Wort.« Noch immer hielt er die Autotür auf.
   Sie zuckte mit den Schultern. »Dein Pech.« Als sie sich umdrehen wollte, um das Ganze endlich zu beenden, packte er sie am Arm und schubste sie ins Auto. »Hey!« Aber da hatte er ihr bereits die Tür vor der Nase zugeschlagen.
   Ein Mann, der gerade den Bürgersteig entlangspazierte, blieb stehen. »Sie ist meine Schwester«, antwortete Craig auf seinen fragenden Blick.
   »Das bin ich nicht«, rief sie durch die Fensterscheibe, aber der Mann nickte nur kurz und ging weiter.
   Nachdem sich Craig hinter das Steuer gesetzt hatte, warf sie ihm einen möglichst vernichtenden Blick zu. »Das nennt man Kidnapping.«
   Dieses Mal zuckte er mit den Schultern. »Verklag mich doch.«
   Sie seufzte und schloss die Augen. Sie war einfach zu müde, um weiter mit ihm zu streiten. Sollte er sie doch zu ihrer Freundin kutschieren. Sparte sie sich zumindest das Geld fürs Taxi.

Das sanfte Schaukeln des Wagens wirkte einschläfernd, und erst ein grobes Rütteln an ihrer Schulter riss sie aus dem Schlummer.
   »Aufwachen, Aschenputtel. Wir sind da.«
   Mühsam lugte sie unter den Lidern hervor. Obwohl sich die Häuser alle glichen, hätte sie die violetten Chrysanthemen im Vorgarten jederzeit wiedererkannt. Denn wenn sie sich mit etwas auskannte, waren das Blumen. Was wollten sie hier? »Ich hab doch gesagt, dass ich nicht bei meinen Eltern wohne.«
   »Nein, natürlich nicht«, erwiderte Craig, während er sich abschnallte. »Du wohnst ja bei irgendeiner ominösen Freundin.«
   »An Mel ist nichts ominös.«
   »Jetzt hat sie zumindest schon einen Namen.« Er kletterte aus den Wagen, umrundete ihn und öffnete die Beifahrertür. Mit dem Kopf deutete er ihr, auszusteigen. »Los, ich hab nicht die ganze Nacht Zeit.«
   »Ich wohn hier aber nicht.«
   »Für heute Nacht schon.«
   »Meine Eltern sind aber nicht da.«
   »Das wäre auch zu einfach gewesen«, sagte er und seufzte. Er griff ins Auto und zerrte sie hinaus. »Ich bin mir sicher, du hast einen Schlüssel zu dem Haus. Benutz ihn einfach.«
   »Ich habe meinen Schlüssel nicht dabei.«
   »Dann wirst du sicher wissen, wo du einen Reserveschlüssel findest. Irgendwo werden deine Eltern schon einen versteckt haben.«
   »Nein, haben sie nicht.« Das war die Wahrheit. Sie hatte ihren vor ein paar Wochen verloren und ihre Eltern hatten ihr stattdessen den Reserveschlüssel unter der Porzellanschnecke gegeben, aber seither noch keinen nachmachen lassen. Der ach so perfekte Craig O’Neill war also gerade dabei, sie mitten auf der Straße stehen zu lassen. Kapierte er das denn nicht?
   Craig verdrehte die Augen. Dann beugte er sich zu ihr herab. »Dann musst du eben auf der Veranda schlafen.« Er wandte sich um und umrundete das Auto.
   Mit offenem Mund starrte sie ihm nach. Irgendwie hatte sie sich einen Navy SEAL netter vorgestellt. Sollten das nicht die Helden der Nation sein? Sie stampfte mit dem Fuß auf und drehte sich um. Anbetteln würde sie ihn sicher nicht, sie hier nicht einfach so zurückzulassen. Sollte ihn sein schlechtes Gewissen doch umbringen, wenn er herausfand, dass sie ihm die Wahrheit gesagt hatte. Mit großen Schritten marschierte sie auf das Haus zu und versuchte dabei, möglichst elegant zu wirken.

*

Craig atmete auf, als er beobachtete, wie Jennifer Garnett auf das Haus zuschwankte. Endlich war er sie los. Warum zum Henker musste auch ausgerechnet Toms kleine Schwester beschließen, sich auf dieser Party zu besaufen? Und warum zum Henker war er überhaupt dorthin gegangen? Das Licht über der Eingangstür schaltete sich automatisch ein, als sich Jen dem Haus näherte. Sollten ihre Eltern tatsächlich nicht hier sein, würde sie sicher gleich den Schlüssel hervorkramen. Entweder aus ihrer eigenen Tasche oder aus irgendeinem Versteck.
   Jennifer Garnett. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie um die sechzehn gewesen. Die kleine, nervtötende Schwester seines besten Freundes. Bereits damals hatte man erahnen können, dass sie als Erwachsene einmal eine Wucht sein würde und das war sie nun. Selbst als völlig Betrunkene. Allerdings schien sie heute genauso wenig beeindruckt von ihm zu sein wie damals. Er schloss die Augen und schüttelte lächelnd den Kopf. Hatte Tom ihm nicht erzählt, dass sie verlobt sei und bald heiraten wolle? Der Kerl auf der Party hatte allerdings nicht wie ihr Verlobter gewirkt. Vielleicht wollte sich die kleine Jen auch nur noch einmal so richtig austoben, bevor sie den Hafen der Ehe ansteuerte. Warum nicht, dachte er und zuckte mit den Schultern.
   Craig riskierte einen letzten Blick zum Haus und erstarrte. Mit einem Satz sprang er aus dem Auto und rannte auf das Gebäude zu. Die drei Stufen zur Veranda nahm er mit einem Schritt. Auf dem Boden lag Jen. Selig schlafend.
   »Jen«, rief er und rüttelte an ihrer Schulter. »Wach auf, du kannst hier nicht auf dem Boden schlafen.«
   »Warum nicht?« Sie murmelte und drehte sich um.
   Die Bretter der Veranda knarrten, als er sich über sie beugte. »Es ist zu kalt. Du erfrierst hier draußen.« Sie hatte ja auch praktisch nichts an. Vor allem aber war sie viel zu betrunken.
   »Du hast selbst gesagt, ich soll auf der Veranda schlafen.«
   Er stöhnte. Womit hatte er das verdient? Er rieb sich mit der Hand über die Stirn und dachte über seine Möglichkeiten nach. Sein Blick fiel auf die zahlreichen Blumentöpfe, die die Veranda zierten. Voller Optimismus hob er jeden einzelnen auf, aber nirgendwo fand er einen Schlüssel. Er seufzte und betrachtete erneut die schlafende Frau am Boden. Er hätte wirklich, wirklich einfach zu Hause bleiben sollen. Mit beiden Armen fasste er unter sie und hob sie hoch.
   »Hey!«, protestierte sie, aber es klang nur halbherzig.
   Viel wog sie nicht. Da brachten die Hanteln, die er regelmäßig stemmte, mit Sicherheit mehr Gewicht auf die Waage. Trotzdem spürte er einen Stich in seinem Knie. Er trug sie zum Wagen und setzte sie auf dem Beifahrersitz ab. Schnell griff er nach dem Sicherheitsgurt, als sie zur Seite umzukippen drohte.
   »Fährst du mich jetzt endlich zu meiner Freundin Mel?«
   »Sieht so aus«, antwortete er und schlug die Beifahrertür zu. Mit einem leichten Hinken umrundete er den Wagen und setzte sich hinter das Steuer. »Wo wohnt deine Freundin?«, fragte er, nachdem er den Motor wieder gestartet hatte.
   »Irgendwo im Osten.« Sie lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze und hielt die Augen geschlossen.
   »Geht das auch genauer?«
   Sie runzelte die Stirn und schien angestrengt zu überlegen. »In der Nähe des Forsyth Park.«
   »Bitte?« Wollte sie ihn verarschen? Das konnte überall sein.
   »Fahr einfach dorthin. Wenn wir in der Nähe sind, werd ich es schon finden.«
   »Ja, wenn du bis dahin nicht im Koma liegst.«
   »Sehr witzig«, erwiderte sie, ohne die Augen zu öffnen. »So betrunken bin ich nun auch wieder nicht.«
   Kurz lachte er auf. »Hast du keine Telefonnummer von ihr?«
   »In meinem Handy.«
   Ohne ihre Zustimmung einzuholen, griff er nach ihrer Handtasche und kramte ihr Mobiltelefon hervor. »Wie heißt deine Freundin?«
   »Hab ich doch gesagt: Mel.«
   »Wie noch?«
   »Mel Kuwalski.«
   Er blätterte sich durch das Telefonbuch und wurde tatsächlich fündig. Gott sei Dank. Ohne zu zögern, drückte er auf Anrufen. Es läutete, aber keiner hob ab. Stattdessen landete er auf der Mobilbox. »Scheiße.« Er warf einen Blick auf die Uhrzeit am Display. 01:37 Uhr. Vermutlich schlief die Gute längst.
   Craig atmete tief durch, ehe er zu Jen auf dem Beifahrersitz sah. Wie ein unschuldiger Engel saß sie neben ihm. Eine Strähne ihres blonden Haares hatte sich über ihr ebenmäßiges Gesicht gelegt. Er beugte sich zu ihr und strich sie hinter ihr Ohr. Jen rührte sich nicht. Sein Blick schweifte über ihre langen Wimpern, über die gerade Nase und über die vollen Lippen. Sie war wirklich eine schöne Frau. Als Jen im Schlaf seufzte, zuckte er zusammen. Was war nur los mit ihm? Das war Jen. Jennifer Garnett. Toms kleine Schwester. Die Frau, die ihm seit einer geschlagenen Stunde den letzten Nerv raubte. Er schüttelte den Kopf und legte einen Gang ein.
   Draußen war es stockdunkel. Wolken verdeckten inzwischen den Mond und kein anderes Auto fuhr auf dieser Straße. Die Stille und die Finsternis erinnerten ihn daran, wie er vor noch gar nicht langer Zeit mit seinem Team nachts auf der Lauer gelegen hatte. Wie sie darauf gewartet hatten, dass endlich der Feind aufkreuzte. Tief atmete er durch und betrachtete erneut die schlafende Frau neben sich. Er hatte keine Wahl. Die Adresse ihrer Freundin würde er heute nicht mehr aus ihr herausbekommen und hier lassen konnte er sie genauso wenig. Er musste sie wohl oder übel mit zu sich nehmen.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.