Sie hatte nie vor, einen Traummann zu heiraten. Schon gar nicht diesen!
Eigentlich wollte die junge Polizistin Evelyn Lauinger während ihres Las Vegas-Trips nur einen Blick auf den atemberaubenden Schauspieler Kenan Shaw werfen. Damit, dass sie wenig später lediglich in Unterwäsche in dessen Pool landet, hätte sie nicht im Traum gerechnet. Der nächste Morgen beginnt mit einem Schock, als beiden schlagartig klar wird, dass sie irgendwann in der vergangenen Nacht geheiratet haben und eine Scheidung vorerst unmöglich ist. Doch das bleibt bei Weitem nicht ihr einziges Problem, denn bald darauf beginnt ein gefährlicher Stalker, Attentate auf Kenan zu verüben …

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ISBN: 978-9963-52-409-9

Seiten: 493

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Alexandra Stefanie Höll

Alexandra Stefanie Höll
Alexandra Stefanie Höll wurde 1975 in Bühl/Baden geboren. Nach dem Abitur am technischen Gymnasium folgte das Studium an der Fachhochschule für Finanzen in Ludwigsburg, das sie 1998 als Dipl. Finanzwirtin beendete. Seit 1999 ist sie in der Finanzverwaltung tätig. Sie wohnt mit ihrem langjährigen Lebensgefährten und vier streichelsüchtigen Fischen in Baden-Württemberg. Schon als Teenager verschlang sie einen Roman nach dem anderen und war praktisch ständig mit Büchern unterm Arm anzutreffen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 2006 begann sie, quasi von einem Moment zum nächsten, mit dem Schreiben. Wenn sie eine Idee für ein Buch hat, tippt sie einfach drauflos. Oft startet sie nicht nur mitten in der Nacht mit dem Schreiben, sondern auch mitten in der Handlung und springt dann wild in den Kapiteln hin und her. In ihren Augen lebt ein Roman von dem Gefühl, hautnah dabei zu sein und vollkommen in die Welt darin abtauchen zu können. Ihre Geschichten bewegen sich im Bereich Liebesroman, gewürzt mit einem Hauch Abenteuer und Spannung. Ihre bisher veröffentlichten Romane „Wie weit du auch gehst …“ (April 2013, bookshouse-Verlag), „Wo immer du bist, Darling …“ (November 2013, bookshouse-Verlag) und „Wie Flammen auf Eis ...“ (Juni 2014, bookshouse-Verlag) und „Allein mit dem Feind“ (November 2015, LYX-Verlag) erreichten alle die Top Einhundert der aktuellen Kindle-Bestseller. Derzeit arbeitet sie an ihrem sechsten Roman.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1.
Poolparty

»Nichts, ich sehe rein gar nichts. Weder ihn noch sonst irgendwas.« Evelyn trat einen Schritt zur Seite und reckte den Hals. Sie erkannte herzlich
   wenig, selbst wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte.
   Marissa schien es nicht besser zu gehen, was kein Wunder war, denn Evelyn war mit ihren einszweiundsiebzig immerhin fast einen ganzen Kopf größer als ihre italienischstämmige Freundin. Sie hatten drei Wochen lang den Westen der USA bereist, ihr erster gemeinsamer Urlaub, seit Marissa vor zwei Jahren wegen eines Jobs als Meeresbiologin von Stuttgart nach San Francisco gezogen war. Leider neigte er sich bereits dem Ende zu, denn morgen würde Evelyn nach Deutschland zurückfliegen.
   »Verflixt, wir sind einfach zu spät dran«, jammerte Marissa. »Wir hätten zwei Stunden früher hier sein sollen.«
   »Du meinst also schon vor dem Frühstück.« Seufzend strich sich Evelyn die Haare aus dem Nacken und sah in den kobaltblauen Himmel. Elf Uhr in Las Vegas. Wahrlich nicht die beste Zeit, um bei vierzig Grad im Schatten auf der Straße auszuharren, nur um eine Nanosekunde lang einen Blick auf einen Filmstar zu werfen – selbst wenn es sich dabei um Kenan Shaw handelte. Kein Mann war diese Quälerei wert.
   In die Menge kam Unruhe und ganz im Gegensatz zu ihren vernünftigen Gedanken versuchte Evelyn nun doch, etwas von ihm zu erspähen. Ihr Blick irrte über die Gruppe, die gerade aus dem Hoteleingang getreten war. Sie hatte Glück. Keine zehn Meter von ihr entfernt stand er. Groß, breitschultrig, atemberaubend.
   Obwohl Kenan Shaw mit seinen dreißig Jahren nur ein Jahr älter war als sie, haftete ihm doch eine charismatische Ausstrahlung an, die bewirkte, dass sich jede Frau zwangsläufig nach ihm umdrehte.
   Unwillkürlich musste Evelyn einräumen, dass Marissa vielleicht doch recht gehabt hatte, als sie sagte, Kenan sei jede Wartezeit wert. Der Mann wirkte in natura genauso attraktiv wie auf der Leinwand. Seine karamellfarbenen Haare fielen ihm in üblicher Manier locker in die Stirn und gaben ihm, zusammen mit der gebräunten Haut, das lässige Flair eines Surfers.
   Bevor sie sich von ihm abwenden konnte, drehte er den Kopf und sah ausgerechnet in ihre Richtung. Evelyn blieb auf wundersame Weise die Luft weg, als sie flüchtig in ernste, goldfarbene Augen blickte. Tigeraugen, schoss ihr die Bezeichnung der Presse durch den Kopf und sie registrierte, dass ihr Herz einen Raketenstart hinlegte. Jetzt mal langsam. Der Blickkontakt hatte kaum eine Sekunde gedauert. Kenan hatte sicherlich nur die Menge wahrgenommen und nicht sie als Person. Sie schluckte, weil sie sich trotzdem fühlte, als wäre es genau andersherum gewesen.
   Marissa, die an ihrem Gesichtsausdruck offenbar Bedeutungsschweres ablas, stieß sie aufgeregt an. »Was ist, kannst du ihn sehen? Sag schon, siehst du ihn?«
   Auf Evelyns wortloses Nicken hin quiekte sie los. »Ich muss zu ihm!« Noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, arbeitete sich Marissa unter rücksichtslosem Einsatz ihrer Ellbogen durch die Menge.
   »Rissa, warte!« Evelyn packte sie am Shirt. »Du kommst nicht durch. Er steht hinter der Absperrung, da müssten dir schon Flügel wachsen.«
   »Ich bin Italienerin, mir wird schon was einfallen.« Marissa zwinkerte ihr zu und tauchte geschickt unter den Armen der vorstehenden Fans durch. Evelyn verdrehte die Augen, versuchte aber nicht, ihrer Freundin zu folgen. Es hätte ohnehin keinen Zweck gehabt.
   Als einige Meter vor ihr Fluchen und Protest laut wurden, schmunzelte sie vor sich hin. Sie kannte Marissa. Niemals würde sie den Spurt auf die heruntergesetzte Kollektion von Prada vergessen, bei dem die spritzige Italienerin alle Gegnerinnen aus dem Feld geschlagen hatte. Geduldig wartete sie, bis Marissa von ihrem hoffnungslosen Ausflug zurückkehrte. Es dauerte immerhin zwanzig Minuten und danach sah ihre Freundin aus, als hätte sie versucht, auf dem Bauch zu Kenan zu robben. Die dunklen Locken hingen ihr wirr ins Gesicht und auf ihrer gelben Hose prangte ein hässlicher Fleck – aber sie schwenkte ein signiertes Bild als Siegertrophäe.
   »Der Mann ist mit Abstand der heißeste Typ auf Gottes Erden. Und diese Stimme erst!« Marissas Augen leuchteten. »Schade, dass er so groß ist. Ich hatte gehofft, Wikipedia hätte sich bei den einsneunundachtzig um zehn Zentimeter zu meinen Gunsten verschätzt. Dem reiche ich nicht mal bis zum Brustbein, das dürfte beim Küssen schwierig werden.« Sie knuffte Evelyn. »Du bist schon eher auf seiner Höhe, Eve. Was stehst du hier noch herum? Er unterschreibt alles, was du ihm entgegenstreckst. Du trägst doch einen BH, oder?«
   Evelyn blinzelte geschockt. »Ich werde mich auf keinen Fall wie eine durchgeknallte Irre halb nackt auf ihn stürzen!« Sie hob abwehrend die Hände. »Du wolltest ihn einmal live sehen, das haben wir, und nun lass uns gehen.«
   »Feigling.«
   »Stimmt.« Evelyn drehte sich um und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Trotz ihrer roten Haare ließ sich ihr Wesen eher als mild statt wild bezeichnen. Sie verspürte nicht den geringsten Drang, wie eine stotternde Idiotin vor ausgerechnet diesem Mann zu stehen, geschweige denn, ihm irgendwelche Teile ihrer Unterwäsche zu präsentieren. Das wäre an Peinlichkeit sicher nicht mehr zu überbieten gewesen.
   »Gut, wie du willst«, räumte Marissa ein, grinste aber sofort wieder. »Ich habe gelesen, dass sich Kenan öfter im The Pulse-Club aufhält. Du weißt also, was bei uns heute Abend auf dem Programm steht?«
   Evelyn schnitt eine Grimasse. »The Pulse?«
   »Genau.«

Obwohl die Sonne bereits seit Stunden hinter der Sierra Nevada untergegangen war, herrschten noch über dreißig Grad. Evelyns blau-weiß gemustertes Sommerkleid flatterte im warmen Nachtwind, als sie neben Marissa durch die grell beleuchteten Straßen ging. Wie immer trug sie die Haare in einem ordentlichen Pferdeschwanz, weil ihr die Mähne ansonsten ständig im Weg war. Trotzdem brachte sie es nicht übers Herz, sie ein Stück abzuschneiden. Als Kind hatte sie stets einen Kurzhaarschnitt getragen, weil ihre Mutter ihre auffällig roten Haare nicht noch hatte hervorheben wollte. Wahrscheinlich war es zum erheblichen Teil Trotz, der Evelyn dazu bewogen hatte, sich ihre Haare bis zur Taille wachsen zu lassen. Trotz und ihre drei Brüder, denen sie einen weiblichen Part hatte entgegensetzen wollen.
   An ihren Ohren baumelten schlichte Perlen, ansonsten trug sie keinen Schmuck. Weil sie noch nie zu den durchgestylten Frauen gehört hatte, konzentrierte sich ihr Make-up im Wesentlichen auf dunkelblauen Lidschatten, der zur Farbe ihrer Augen passte.
   Marissa zupfte ihr feuerwehrrotes Schlauchkleid über dem Busen zurecht und bog in die Nebenstraße, an deren Ende »The Pulse« lag. Als sie den Club erreichten, wartete davor schon eine beachtliche Menschenmenge auf Einlass. Evelyn drehte sich zu Marissa. »Warum bin ich jetzt nicht überrascht? Offenbar hatten diese Idee noch mehrere.«
   »Scheint so.« Ihre Freundin seufzte frustriert. »Mist! Ich habe keine Lust, hier draußen stundenlang herumzustehen. Wir müssen uns was einfallen lassen.« Auf der Suche nach Eingebung blickte sie sich um, dabei hellte sich ihre Miene auf. Im nächsten Moment grinste sie über das ganze Gesicht.
   Evelyn, die dieses katzenhafte Lächeln schon kannte, schwante nichts Gutes. Irgendwo hatte Marissa ein männliches Opfer entdeckt. Zur Bestätigung stöckelte ihre Freundin bereits ohne ein weiteres Wort um das Clubgebäude herum in eine schmale Gasse.
   »Ich glaube nicht, dass wir uns zum Hintereingang reinschleichen können, Rissa«, gab Evelyn zu bedenken, während sie ihr folgte. »Diese Idee hatten nämlich bestimmt auch schon mehrere.«
   Marissa lächelte fesch über die Schulter. »Abwarten!« Sie steuerte auf einen braunhaarigen Mann zu, der nur wenige Sekunden vor ihnen die Gasse betreten hatte, und legte ihm ungeniert den Arm um die Hüfte. Obwohl Evelyn Marissa schon seit Jahren kannte, blieb ihr bei dieser Frechheit der Mund offen stehen. Gespannt wartete sie auf die Reaktion des Mannes. Ungefähr genauso erstaunt, wie Evelyn erwartet hatte, drehte er sich um.
   »Hi.« Marissa beugte sich in einer Weise zu ihm, dass es aussah, als wollte sie sich an ihn hängen. Den Arm weiterhin um seine Hüfte gelegt, flüsterte sie ihm etwas ins Ohr. Evelyn konnte die Worte nicht hören. Vielleicht war es auch besser so, denn was immer Marissa zu ihm gesagt hatte, es schien ihm außerordentlich gut zu gefallen. Evelyn beschlich ein mulmiges Gefühl, als sie das Grinsen des Mannes immer breiter werden sah. Was um Himmels willen hatte ihre Freundin dem Kerl angeboten? Einen flotten Dreier?
   Sein Blick wanderte nicht gerade diskret über ihre Beine, dann nickte er. »Geht klar.«
   Was ging klar? Evelyn wurde von Minute zu Minute nervöser. Irgendwie fühlte sie sich wie auf dem Pferdemarkt. Entschlossen, die Sache aufzuklären, trat sie zu den beiden. »Ich weiß jetzt zwar nicht …«
   »Das ist meine Freundin Evelyn«, schnitt Marissa ihr das Wort ab. »Ich heiße Marissa. Und deinen Namen kenne ich eigentlich auch noch nicht.«
   Er neigte lachend den Kopf. »Rafael.«
   »Also, Rafael«, Marissa schaffte es doch tatsächlich, den Namen wie Softeis auf ihrer Zunge schmelzen zu lassen. »Wollen wir reingehen?«
   Rafael legte den einen Arm um Marissa und den anderen um Evelyn. Sie versteifte sich zwar, wehrte sich aber nicht. Bevor sie ihre Selbstverteidigungstechnik anwandte, musste sie erst herausfinden, was hier vor sich ging.
   Zu dritt schlenderten sie auf die Hintertür zu. Evelyn schielte an Rafael vorbei auf Marissa. Als diese ihren Blick auffing, formte sie mit den Lippen ein lautloses »Was soll das?«. Marissa begriff die nonverbale Frage zweifelsfrei, grinste aber nur erheitert zurück.
   Am Hintereingang angekommen, ließ Rafael Evelyn kurz los, um eine Codekarte aus seiner Jackentasche zu fischen. Mit einer Gelassenheit, die bewies, dass er das nicht zum ersten Mal tat, zog er sie durch das elektronische Schloss und ruckte gleichzeitig am Türknauf.
   Sobald die massive Stahltür aufsprang, steigerte sich das dumpfe Pochen der Bässe in laute Musik.
   Sie folgten einem schwach beleuchteten Gang, in dem sich kleine Gruppen und Pärchen drängten, und betraten wenig später das gewölbeartige Innere des Clubs.
   Rafael lotste sie durch die Menge, bis sie einen Ecktisch erreichten.
   Es kam einem Wunder gleich, dass daran noch freie Plätze existierten. Einem Wunder oder dem roten VIP-Schildchen … Als Evelyn sah, mit welchem Selbstverständnis Rafael Platz nahm, hatte sie keinen Zweifel mehr daran, dass er zur Stammkundschaft gehörte.
   Kaum hatten sie sich alle gesetzt, beugte sich Rafael dicht zu ihnen. »Wollt ihr auch was trinken?«, brüllte er über den Lärm der Musik hinweg. »Wenn ja, dann sofort. Später wird es zu voll, um zur Bar durchzukommen.«
   »Okay!«, antwortete Marissa nicht weniger laut. »Bring uns etwas mit. Wir halten hier solange die Stellung.«
   Das glaubte Evelyn ihr aufs Wort. Nach ihrem vorherigen Kampf, den Club überhaupt betreten zu können, würde es schon eines Sondereinsatzkommandos bedürfen, sie wieder hinauszubugsieren.
   »Was um Gottes willen hast du draußen zu ihm gesagt?«, platzte sie heraus, sobald sich Rafael außer Sichtweite befand.
   Marissa legte ihre Clutch auf den Tisch. »Ich war doch heute Nachmittag allein im Cesars Palace einkaufen.«
   »Ja. Und?«
   »Nun, Rafael ist versehentlich vor dem Planet Hollywood in mich hineingerannt. Als Entschuldigung wollte er mich auf einen Cocktail einladen und da habe ich ihm ‚The Pulse‘ vorgeschlagen.«
   Evelyn klappte der Mund auf. »Du bist ja so was von …«
   »Genial?«
   »Berechnend«, korrigierte sie streng. »Weiß der arme Kerl eigentlich, dass du null Komma null auf dunkelhaarige Männer stehst?«
   Marissa ging nicht darauf ein, stattdessen linste sie etwas unglücklich auf die Uhr. »Schon Viertel vor zwölf. Und noch immer keine Spur von ihm. Meinst du, er kommt überhaupt noch?«
   Evelyn brauchte nicht zu fragen, wer mit »er« gemeint war. Sie begriff auch so, dass der Name der gesuchten Person mit »K« anfing und mit »n« endete. »Ich weiß nicht.« Sie hob die Schultern. »Aber wir werden es auf jeden Fall als Erste erfahren, so zentral, wie wir hier sitzen.«
   Rafael kehrte in Rekordzeit zurück und balancierte drei Gläser. Marissa nahm sie ihm ab. »Das ging ja schnell. Wie hast du das geschafft?«
   »Hab so meine Beziehungen.«
   »Was, hier im Club?« Marissas Augen wurden immer größer.
   »Ja.« Rafael nahm einen tiefen Schluck. »Ist quasi mein zweites Zuhause.«
   Als Evelyn sah, wie ihre Freundin die Unterlippe zwischen die Zähne zog, konnte sie ein Seufzen nicht unterdrücken. Armer Rafael. Von nun an würde er keine ruhige Minute mehr haben, bis ihre Freundin alle Informationen zu ihrem Lieblingsthema aus ihm herausgekitzelt hatte.
   »Dann weißt du ja bestimmt etwas über Kenan Shaw, oder?«, eröffnete Marissa sogleich das Verhör.
   Rafael rollte das Glas zwischen seinen Händen. »Kenan Shaw? Ihr seid wegen Kenan Shaw hier?«
   Ehe sich Evelyn versah, zeigte Marissa mit dem Daumen auf sie. »Ich eigentlich nicht, aber Eve steht total auf ihn«, log sie mit einer Frechheit, die Evelyn dazu veranlasste, ihrer Freundin unter dem Tisch kräftig auf den Fuß zu treten. Marissa ließ sich nichts anmerken.
   »Was, ehrlich?« Rafaels Blick pendelte zwischen ihr und Marissa hin und her. »Ich hätte eigentlich eher getippt, dass es umgekehrt ist.«
   Um nicht laut herauszulachen, nippte Evelyn schnell an ihrem Drink.
   »Äh … also … nun.« Marissas Miene wirkte köstlich verdutzt. »Gut. Okay. Mir gefällt er auch – ein bisschen«, lenkte sie ein. »Hast du eine Ahnung, ob er heute noch auftaucht?«
   Rafael kräuselte die Lippen. »Hätte es vorhin einen Unterschied gemacht, wenn ich jetzt sage, dass das ziemlich unwahrscheinlich ist?«
   »Aber natürlich nicht«, betonte Marissa mit Hundeblick. »Wir sind ja extra wegen dir hier.« Dieses Mal musste nicht nur Evelyn lachen, sondern auch Rafael.
   Marissa packte wortlos seinen Arm und zog ihn in Richtung Tanzfläche. Evelyn blieb zurück. Schmunzelnd sah sie den beiden nach. Anscheinend hatte ihre Freundin ihre Vorbehalte gegen dunkelhaarige Männer kurzfristig über Bord geworfen, denn sie begann in ihrem kurzen roten Kleid verführerisch zu tanzen.
   Evelyn staunte immer wieder, wie geschickt ihre Freundin es verstand, weibliche Attribute zu betonen. Obwohl sie mit ihrer eigenen Figur ganz zufrieden war, fühlte es sich komisch an, ein derart knappes Kleid zu tragen. Gewöhnlich bevorzugte sie Hosen und so gut wie nie hohe Schuhe, wobei vermutlich niemand außer ihr einen 2-cm-Absatz als hoch bezeichnet hätte. Sie wischte sich eine locker gewordene Strähne hinters Ohr. Mit High Heels konnte sie rein gar nichts anfangen – weder in ihrem Beruf als Polizistin noch privat.
   Bei dem Gedanken, was ihre drei Brüder dazu sagen würden, sollte sie jemals so etwas tragen, musste sie lächeln. In den Augen ihrer Brüder würde sie wohl immer die süße kleine Schwester bleiben. Das war auch der Grund, warum sie jeden potentiellen Freund mit Argusaugen prüften. Es gab nur einen Mann, den alle uneingeschränkt an ihrer Seite duldeten. Dominik. Er war der Schulfreund ihres Bruders David und ebenfalls Polizist. Ihr gesamtes Umfeld betrachtete Dominik und sie als das ideale Paar. Das waren sie auch gewesen – für viereinhalb Jahre, um genau zu sein. Obwohl die Trennung nun schon neun Monate zurücklag, gehörte Dominik unverändert zur Familie.
   Als Evelyn einige Stunden später mit Marissa und Rafael aus dem Club schlenderte, verlor ihre Freundin über Kenan Shaw kein Wort mehr. Nicht nur, weil er entsprechend der Vorhersage tatsächlich nicht erschienen war, sondern auch, weil sie sich vollauf mit Rafael beschäftigte. Das überraschte Evelyn eigentlich nicht. Von der Haarfarbe abgesehen, passte Rafael viel besser in Marissas Beuteschema als Kenan. Obwohl ihre Freundin es nie zugegeben hätte, stand sie doch mehr auf gemütliche als sportliche Männer.
   »Was meinst du dazu, Evelyn?«, holte Rafaels Stimme sie aus ihren Gedanken.
   »Zu was?«
   Marissa beugte sich vor. »Rafael hat gerade vorgeschlagen, noch bei ihm zu Hause ein wenig weiterzufeiern. Er hat einen Pool mit Blick über ganz Las Vegas. Das wäre doch ein toller Abschluss für unseren Urlaub. Was meinst du?«
   Nach dem anstrengenden Sightseeingtag war Evelyn todmüde, wollte aber keine Spielverderberin sein. »Von mir aus können wir.«
   Marissas Augen begannen zu blitzen. »Super. Wie weit ist es denn?«
   Rafael legte einen Arm um sie und den anderen um Evelyn. »Zwanzig Minuten. Wir nehmen meinen Wagen.«

Kurz darauf brausten sie in einem offenen Mustang Cabrio durch die laue Nacht. Sie folgten dem Highway 15, verließen die Innenstadt und schienen schon wenig später fernab jedweder Zivilisation zu sein. Den Kopf auf die Rückbank gelegt, ließ Evelyn den Blick über die vom Mondlicht beleuchtete Umgebung schweifen. Es war erstaunlich, wie schnell hier das Nirgendwo begann.
   Sie wechselten auf eine Straße, die sich den Fuß des Spring Mountain hinaufwand, bogen in eine Abzweigung und hielten kurz darauf vor einem riesigen, weiß umzäunten Anwesen.
   Evelyn setzte sich erstaunt auf. »Das ist ja unglaublich. Rafael, du bist nicht zufällig Casinobesitzer, oder?
   »Nein, wieso?«
   »Dann vielleicht mit Siegfried und Roy verwandt?«, hakte Marissa nach. »Das Anwesen ist der helle Wahnsinn.«
   »Wartetet ab, bis ihr es von innen seht« Rafael beugte sich aus dem Wagen und gab in ein Tastenfeld einen Code ein, worauf das schmiedeeiserne Tor geräuschlos aufschwang. Wenige Minuten später parkten sie vor einer flachen, aus Naturstein gemauerten Lodge.
   »Ich glaub, ich träume«, murmelte Marissa, als sie durch die Eingangstür traten und Rafael in das weitläufige Wohnzimmer folgten.
   Auch Evelyn sah sich beeindruckt um. Ein riesiges Meerwasseraquarium beherrschte den Raum. Davor ruhten eine moderne weiße Ledercouch und mehrere bequeme Sessel, von denen vermutlich jeder ihren Jahresverdienst kostete. Überhaupt wirkte die gesamte Einrichtung ausgewählt und teuer.
   »Jetzt verstehe ich langsam, warum sich Rafael im ‚The Pulse‘ an den VIP-Tisch gesetzt hat«, flüsterte ihr Marissa zu.
   »Ja, ich auch«, antwortete Evelyn genauso leise. »Das Anwesen muss ein Vermögen gekostet haben.«
   »Na, wie findet ihr es?« Rafael beschrieb mit den Armen einen weiten Bogen. »Toll, nicht?«
   »Toll?« Evelyn schüttelte den Kopf. »Mir fehlen die Worte. So was habe ich bisher nur in Hochglanzmagazinen gesehen. Gehört das Anwesen dir?«
   »Einem Freund«, wich er aus.
   Sie verkniff die Augen. »Aha. Und weiß dieser Freund auch, dass du hier gleich eine Privatparty schmeißt?«
   Marissa neigte tadelnd den Kopf. »Vergiss doch mal deinen Job, Eve. Wir tun ja nichts Ungesetzliches.« Lässig hakte sie sich bei Rafael unter, während sie durch den Garten zum Pool gingen.
   »Hoffentlich.« Nach kurzem Zögern folgte Evelyn den beiden. Rafael hatte nicht übertrieben. Hier draußen bot sich ein atemberaubender Blick über Las Vegas. Die Stadt ergoss sich wie eine glitzernde Oase in die endlose Weite der Mojave-Wüste unter ihnen. Man konnte sogar die Lichter des Sunset Strips und einzelne Hotels erkennen.
   Noch bevor Evelyn darüber nachdenken konnte, ob nun Ohne-Badesachen-in-den-Pool-hüpfen angesagt war, drehte Marissa Rafael schon den Rücken zu. »Machst du bitte den Reißverschluss auf?«
   Dieser ließ sich das natürlich nicht zweimal sagen. Ohne den Anflug von Scham stieg Marissa aus ihrem Kleid und sprang in roter Seidenwäsche in den Pool. Rafael tat es ihr nach – wobei er aus Solidarität ebenfalls in Boxershorts ins Wasser ging. Lachend steuerten die beiden die Poolbar an. Nur Evelyn stand ein wenig verloren am Beckenrand, denn im Gegensatz zu Marissas blickdichter Unterwäsche wurde ihr weißer Spitzen-BH fies durchsichtig, sobald er mit Wasser in Berührung kam.
   Die beiden im Pool schienen nichts von ihrem Dilemma zu bemerken. Rafael grabschte sich eine Flasche Champagner, worauf Marissa begeistert nickte, ehe er sich zu Evelyn umwandte. »Magst du auch?«
   Sie hob abwehrend die Hand. »Nein, danke.«
   »Lieber was anderes?« Auffordernd zeigte er zur gut sortierten Bar.
   Marissa inspizierte diese bereits. »Ja, was haben wir denn da? Mandelsirup!« Lächelnd griff sie danach. »Eve liebt Mai Tais, aber das würde sie natürlich nie zugeben, stimmt’s?« Sie grinste verschwörerisch.
   Evelyn musste lachen, weil sie sich nur zu gut daran erinnerte, dass Marissa und sie vor ein paar Jahren einen ganzen Abend lang nichts anderes getrunken hatten – mit verheerenden Folgen. »Ja und nein.«
   »Okay.« Rafael grinste. »Das heißt für mich, ich mixe dir einen.« Er zwinkerte ihr zu, nahm Marissa den Sirup ab und suchte den Rum.
   Marissa setzte sich auf die gemauerte Poolbank, während sie ungeniert einen Schluck Champagner aus der Flasche nahm.
   »Komm rein, Eve, es ist wunderbar.« Sie spritzte Wasser zum Beckenrand. Evelyn wich elegant aus. Einen Moment sah sie zögernd auf das kühle Nass, das in der hellen Poolbeleuchtung verlockend türkis aussah, dann kickte sie alle Bedenken beiseite. Sie war im Urlaub und wer konnte sie hier außer Rafael und Marissa schon sehen? Niemand.
   Weniger verlegen, als sie sich selbst zugetraut hatte, schlüpfte sie aus dem Kleid, watete die wenigen Stufen ins Wasser und tauchte unter. Bei den beiden angekommen, nahm sie den Mai Thai, den Rafael ihr entgegenstreckte, und nippte daran. »Nicht schlecht«, urteilte sie, stellte ihn danach aber auf den Steinplatten am Beckenrand ab. Sie hatte sich zwar zu einem Cocktail überreden lassen, das hieß aber noch lange nicht, dass sie den Absturz einige Jahre zuvor wiederholen musste. Seufzend verschränkte sie die Arme auf dem warmen Stein.
   »So lässt sich’s aushalten, nicht?« Rafael grinste zu ihr herüber.
   »Mhm.« Evelyn atmete tief ein, während sie, das Kinn auf die Arme gestützt, die blinkenden Lichter von Las Vegas betrachtete. Wem auch immer dieses Anwesen gehörte, er hatte Sinn für eine perfekte Aussicht.
   Rafael und Marissa sprachen zwar über das, was sie in den letzten Tagen erlebt hatten, aber Evelyn blendete die leisen Stimmen einfach aus. Eine vollkommene Ruhe erfasste sie und zum ersten Mal, seit sie die USA betreten hatte, nahm sie die unendliche Weite dieses Landes wirklich in sich auf. Eigentlich schade, dass sie morgen schon wieder abreisen würde.
   Völlig gefangen von dem Zauber der Nacht registrierte sie nichts mehr. Marissas abruptes Verstummen und das darauffolgende »Grundgütiger!« bekam sie nur am Rande mit. Erst, als jemand sie resolut am Arm packte, fuhr sie herum. So schnell, dass sie Wasser schluckte. Hustend rang sie nach Luft. »Mensch, Rissa, du hast mich zu Tode erschreckt!« Irritiert blickte sie ihre Freundin an, die immer wieder einem Fisch ähnlich den Mund auf und zu klappte. »Ist das … ist das … ist das …« Marissa brachte den Satz nicht zu Ende, starrte wie paralysiert an ihr vorbei auf das Haus.
   »Ja«, schaltete sich Rafael ein und hob gleichmütig die Flasche an die Lippen. »Er ist es.«
   »O mein Gott. O mein Gott, Eve!« Marissa zerrte an ihrem Arm, doch Evelyn drehte sich bereits von allein um, weil sie herausfinden wollte, was ihre sonst so redegewandte Freundin in einen stotternden Zombi verwandelt hatte. Als sie den Grund entdeckte, schnappte sie selbst nach Luft. Das konnte doch unmöglich sein! Sie sah genauer hin. O mein Gott traf es ziemlich …
   Ein Mann war gerade durch die Schiebetüren der Lodge getreten. Und nicht irgendeiner, sondern Kenan Shaw. Leibhaftig, in voller Lebensgröße, bewegte er sich mit federnden Schritten auf den Pool zu. Obwohl Evelyn eigentlich nicht diejenige gewesen war, auf deren Veranlassung sie halb Las Vegas umgekrempelt hatten, verschlug es ihr trotzdem die Sprache. Er, hier? Sie schüttelte den Kopf und blinzelte langsam – er war immer noch da, stand inzwischen sogar am Beckenrand. Nur mit knappen Shorts bekleidet.
   Selbst von ihrem Platz am anderen Ende des Pools aus konnte sie das wunderschön geformte Relief an seinem Bauch erkennen, und das lag nicht daran, dass die indirekte Poolbeleuchtung jede einzelne Kontur hervorhob. Es lag an seinem Körper. Verdattert kniff Evelyn die Augen zusammen. Wie konnte man nur so durchtrainiert sein? Jeder Muskel an ihm schien aus Stein gearbeitet zu sein. Überhaupt wirkte der ganze Mann, als hätte Michelangelo persönlich Hand angelegt. Bisher hatte sie derartige Perfektion auf professionelle Bildbearbeitung geschoben. Das Argument zählte jetzt nicht mehr, denn hier gab es kein Photoshop, digitale Effekte oder sonstigen Kram.
   Als sich Kenan anschickte, ins Becken zu steigen, bildete sich erst recht ein Kloß in Evelyns Hals. Er wollte ihnen doch nicht etwa Gesellschaft leisten? Ihr improvisiertes Badeoutfit war ihr schon peinlich genug, auch ohne seine Anwesenheit. Warum hatte sie heute Abend keinen schwarzen BH angezogen – oder gleich einen Neoprenanzug? Prompt fiel ihr ein, dass sie vor Marissa noch betont hatte, sie würde ihm niemals ihre Unterwäsche präsentieren. Hysterisches Kichern blubberte durch ihre Kehle. So, wie es aussah, würde sie das nun doch. Denn natürlich würde er zu ihnen kommen. Wo sollte er auch sonst hin? Schlagartig dämmerte ihr, warum er hier so ungezwungen herumspazierte. Es war sein Haus und sein Pool, in dem sie saßen. Er war dieser mysteriöse »Freund«, dem das Anwesen gehörte.
   »Hey, alter Junge«, begrüßte Rafael ihn, als er behände durchs Wasser schnitt. »Ich dachte, du hättest dich längst aufs Ohr gehauen.«
   Marissa bekam den Mund nicht mehr zu – eigentlich schon, seit Kenan aufgetaucht war nicht mehr. »Wie? Ihr kennt euch?«, quiekte sie mit etwas, das mal ihre Stimme gewesen war.
   Rafael zuckte lässig die Schultern. »Das will ich doch hoffen. Ich bin sein bester Manager.«
   Kenan, der inzwischen kurz abgetaucht war, um sich die Haare nass zu machen, grinste spöttisch. »Glaubt ihm kein Wort. Rafael ist mein einziger Manager – und außerdem mein Freund seit Highschool-Tagen.«
   Für Evelyn passte die tiefe Stimme zu seinem Aussehen wie Schlagsahne auf Eis. Hätte er nicht den Durchbruch als Schauspieler geschafft, wäre er bei jedem Radiosender willkommen gewesen. Wassertropfen rannen an seiner gebräunten Haut entlang und die Achtlosigkeit, mit der er sich die klatschnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht pflügte, erzeugte ein leises Kribbeln in ihrem Magen. Irgendwie wirkte jede seiner Bewegungen geschmeidig wie bei einem Tiger. Resolut löschte sie den Gedanken, verärgert, dass sie ihn ständig mit einer Raubkatze verglich. Sie bemühte sich, gelassen zu wirken, dennoch gefror sie schier am Beckenrand fest, als er seine Aufmerksamkeit auf sie richtete.
   »Hi, warst du heute Mittag nicht am Set?«
   Die Polizistin in ihr zog respektvoll den Hut. Er hatte sie in einer Menge von nahezu hundert Menschen gesehen und wusste es noch. Nicht schlecht. Inzwischen war er auf Griffweite an sie herangerückt. Neugierig, wie seine berühmten Tigeraugen wohl aus der Nähe aussahen, hob sie den Kopf – und verfing sich geradewegs in ihnen. Die Lichtreflexe des Wassers verwandelten seine ohnehin goldene Regenbogenhaut in ein Feuerwerk aus flüssigem Bernstein, eingefasst von nachtschwarzen Wimpern. Der Kontrast war atemberaubend, zog Evelyn magisch in Bann. Es gelang ihr nicht, den Blickkontakt zu unterbrechen.
   »Und, warst du?«, fragte er sanft nach, weil sie keinerlei Anstalten machte, ihm zu antworten.
   »Ja, ich … äh … war da.« Sie schaffte es, ihren Blick von seinem zu lösen. Die Fähigkeit, etwas Vernünftiges zu sagen, schien ihr trotzdem abhandengekommen zu sein. Im Grunde benahm sie sich keinen Deut erwachsener als Marissa – und die schmachtete den Schauspieler an wie eine Dreijährige den Weihnachtsbaum.
   Kenan zog angesichts ihrer dürftigen Reaktion die Augenbrauen hoch, dann drehte er sich halb zu Rafael. »Wo hast du die Mädels aufgetrieben? Im Kühlschrank?«, scherzte er, griff nach der Flasche in Rafaels Hand und las aus zehn Zentimeter Abstand das Etikett. Weil er dabei auch noch die Augen zusammenkniff, runzelte Evelyn verwundert die Stirn.
   »Uha. Über Geschmack lässt sich streiten.« Er gab seinem Manager die Flasche zurück. »Da hätte ich doch lieber einen Mai Tai.«
   »Einer steht genau hinter ihr.« Rafael stach mit dem Finger in Richtung ihres Getränks, das sie hinter sich am Beckenrand geparkt hatte.
   »Praktisch.« Kenan langte um sie herum und griff danach.
   Evelyn stellte überrascht fest, dass er ohne zu zögern aus ihrem Glas trank. Das konnte sie jetzt glatt bei e-bay versteigern. Sie giggelte vor sich hin und bekam prompt Schluckauf. Offensichtlich hatte sie nach dem Drink im Club schon mehr Alkohol intus als erwartet.
   Kenans Mundwinkel hoben sich, obwohl er zweifelsohne keinen blassen Dunst hatte, worüber sie so belustigt war. Evelyn biss sich auf die Unterlippe. Irgendwie war es ihr zuwider, vor ihm dermaßen aus der Rolle zu fallen. Marissa schien damit weniger Probleme zu haben, denn sie knutschte plötzlich Rafael. »Danke! Du hast uns einen tollen Überraschungsgast besorgt.«
   Kenan schaute stirnrunzelnd von seinem Manager zu ihrer Freundin und wieder zurück. »Wen? Etwa mich?«
   Die letzten Zweifel, die Evelyn angesichts des Eigentümers des Hauses gehabt hatte, erloschen, als sie sah, wie Kenan lachend den Kopf in den Nacken warf.
   »Einen Überraschungsgast. Das ist gut, wirklich.« Seine weißen Zähne blitzten. »Wohl eher drei, aber macht nichts.« Immer noch grinsend nahm er einen weiteren Schluck von Evelyns Cocktail. Sie musterte ihn restlos verblüfft. Er benahm sich völlig anders als erwartet. In seinen Filmen oder bei Interviews wirkte er ernst und unnahbar, fast schon arrogant. Ihr fiel keine Szene ein, in der er auch nur andeutungsweise gelächelt hätte. Hier tat er es. Oft sogar. Eigentlich ein deutliches Zeichen, welch begnadeter Schauspieler er sein musste. Trotzdem, rief sie sich innerlich zur Ordnung, zu viele Sympathiepunkte durfte sie ihm nicht geben. Er war jemand, dem die Frauen reihenweise ins Bett fielen – und das nicht von ungefähr. Mr.-Hot-Shaw war bekannt dafür, dass er nichts anbrennen ließ. Ein Mann, dem Sex ungefähr so viel bedeutete wie Geld. Nämlich nichts. Mit keiner Partnerin, so berichteten zumindest die Medien, war er bisher länger als acht Wochen zusammen gewesen. Er verlor anscheinend schnell das Interesse. Evelyn hasste derart oberflächliche Typen. Um solche Kerle schlug sie für gewöhnlich einen weiten Bogen, selbst wenn sie so fabelhaft aussahen wie dieser hier.
   Kenan deutete ihren missbilligenden Blick offenbar falsch, denn er gab ihr das Glas zurück. »Sorry, ich glaub, das ist deines.«
   »Kein Problem.« Bemüht gelassen nahm sie den Mai Tai entgegen und fixierte dessen Inhalt, als gäbe es dort die Weisheit in Reinform zu entdecken.
   »Interessanter Bikini.«
   Bei seinen gedehnten Worten riss sie den Kopf hoch und entdeckte, dass er ins Wasser spähte, direkt auf ihren durchsichtigen BH. Zackig stellte sie das Glas ab und verschränkte die Arme vor der Brust. Dass die Reaktion fast schon kindisch wirkte, war ihr gerade herzlich egal. »Eine Notlösung.«
   »Ah ja?« Kenan rieb sich sichtbar amüsiert das Kinn, hob aber sofort beide Hände, als er ihre Miene bemerkte. »Keine Sorge, das muss dir nicht peinlich sein.« Er grinste wieder. Ein jungenhaftes Lächeln, bei dem ihm garantiert jedes Frauenherz zuflog. »Ich trage keine Kontaktlinsen und ohne die sehe ich ziemlich schlecht.«
   Evelyn glaubte, sich verhört zu haben. »Wie bitte? Du siehst schlecht? Das ist ein Witz, oder?« Es konnte nicht anders sein. Er nahm sie gewaltig auf die Schippe. Kenan Shaw trug doch keine Colaflaschenboden-Brille! Trotz der absurden Vorstellung kam ihr plötzlich in den Sinn, wie seltsam er vor wenigen Minuten das Flaschenetikett betrachtet hatte.
   »Es stimmt«, mischte sich Rafael ein. »Ohne Linsen geht es K wie einem Maulwurf. Er kann nicht mal die Uhr ablesen.«
   Kenan rieb sich die Stirn. »Also ganz so schlimm ist es nicht. Ich bin kurzsichtig, nicht blind. Nur Auto fahren lassen dürft ihr mich ohne Brille nicht.«
   Evelyn war sprachlos. Wer hätte das gedacht? Der traumhaft perfekte Mr. Shaw gab so einfach einen Makel zu. Langsam löste sie die Arme und griff wieder nach ihrem Glas. Irgendwie hatte sein Geständnis ihre Befangenheit komplett aufgelöst.
   Für Kenan war Befangenheit natürlich ebenfalls kein Thema, denn er lehnte sich neben sie an den Rand des Pools. Dicht genug, dass sein Arm ihre Schulter streifte. Zu ihrem Ärgernis bekam Evelyn sofort Gänsehaut. Vielleicht war sie doch nicht so immun gegen ihn wie gedacht. Hätte es ihr Stolz zugelassen, wäre sie etwas von ihm abgerückt.
   »Dir ist doch nicht etwa kalt?«, kam es sofort von ihrem Nebenmann. Kurzsichtigkeit hin oder her. Ihre Reaktion hatte er jedenfalls bemerkt.
   »Ein wenig, aber es geht schon«, log sie, weil sie schlecht zugeben konnte, dass er der Grund dafür war. Verlegen nahm sie einen Schluck ihres Cocktails.
   »Bist du sicher?« Einen Moment betrachtete er aufmerksam ihre Schultern, die ein Stückchen aus dem Wasser ragten, und machte es damit noch schlimmer. »Du hast schöne Haut. Ungewöhnlich hell. Lass mich raten, deine Haarfarbe ist echt?« Er schnappte sich eine feuchte Strähne und rieb sie prüfend zwischen den Fingern.
   Evelyns Herz vollführte einen Satz. Es erstaunte sie, wie unbekümmert er sie anfasste. Das hätte sie trotz seines Womanizer-Rufs doch nicht erwartet. Vor lauter Nervosität redete sie einfach drauflos. »Ja. Mein Vater ist schwarzhaarig und meine Mutter blond. Trotzdem bin ich die einzige Rothaarige in der Familie. Schon seltsam, wenn man bedenkt, dass ich noch drei Brüder habe.« Erschrocken klappte sie den Mund zu. Wieso erzählte sie ihm das eigentlich? Nur, weil er so wenig redete, hieß das noch lange nicht, dass sie das kompensieren musste. Sie wünschte, seine Nähe würde sie nicht derart aus dem Konzept bringen. Die spielerische Art, mit der er sich ihre Strähne um den Finger wickelte, ließ das leichte Prickeln in ihrem Magen zu einem mittelschweren Erdbeben anwachsen. Das konnte sie jetzt überhaupt nicht gebrauchen.
   »Echte Rothaarige kommen hier ungefähr so oft vor wie echte Brüs…« Er verkniff sich den restlichen Satz. »Ich meine, sie sind selten.« Als spürte er ihre Gedanken, ließ er ihre Haare los und griff stattdessen nach dem Glas, das völlig vergessen in ihren Händen ruhte. »Wir haben auch ungechlortes Wasser, falls du deinen Drink verdünnen willst.«
   Evelyn brauchte nicht nach unten zu sehen, um zu begreifen, dass sie ihren Drink versehentlich mit Poolwasser aufgefüllt hatte. Weil ihr beim besten Willen nichts Geistreiches dazu einfiel, überließ sie ihm wortlos das Glas. Er leerte es ohne großen Umstand in den Überlauf und blickte sie auffordernd an. »Noch einmal dasselbe?«
   Als sie nickte, drehte er sich um und steuerte auf die Bar zu. Evelyn spitzte die Ohren. Hörte sie ihn etwa lachen? Das würde sie nicht wundern. Sicher fand er es erheiternd, wie schnell Frauen in seiner Gegenwart zu Idiotinnen degenerierten. Empört riss sie sich zusammen. Nicht mit ihr! Bei ihr würde er mit seinem Charme an die Wand fahren, das konnte er gern schriftlich haben.
   Rafael schnitt ihm den Weg ab. »Warte, lass mich. Ich mache uns meine Spezialmischung.«
   »Okay. Aber übertreib’s nicht.« Kenan blickte kurz über die Schulter zu ihr. »Ich bin gleich wieder zurück. Will nur schnell für bessere Sicht sorgen.« Mit flüssigen Bewegungen kraulte er in Richtung Ausstieg, sprang mit einem einzigen Satz auf den Beckenrand und ging über den Rasen zum Haus.
   Evelyn sah ihm mit gemischten Gefühlen hinterher. Bessere Sicht? Die Intensität seines Blickes reichte ihr vollauf. Wo sollte das hinführen, wenn er alles gestochen scharf erkennen konnte?
   Solange sich Rafael um die neuen Drinks kümmerte, gesellte sich Marissa zu ihr. Evelyn wunderte es, dass sich ihre Freundin nicht schon längst auf Kenan gestürzt hatte. Anscheinend wusste sie auch nicht so recht, wie man ein Gespräch mit einem derart bekannten Hollywoodstar führte. Evelyn prostete ihr in Gedanken zu. Da waren sie schon zu zweit. Sie hatte bisher auch nicht gerade mit rhetorischen Höchstleistungen geglänzt.
   »Mann, das glaubt uns keiner«, flüsterte Marissa ihr zu. »Hast du seine Augenfarbe gesehen? Der blanke Wahnsinn! Ich hätte nie gedacht, dass die echt ist.«
   Evelyn nickte langsam. »Doch, ist sie. Das kann ich inzwischen bestätigen.« Und sie würde sich davor hüten, es nachzuprüfen. So dumm war sie kein zweites Mal.
   »Was redest du eigentlich die ganze Zeit mit ihm. Ich brächte in seiner Anwesenheit kein Ton heraus.«
   »Mir geht es leider ähnlich. Er muss mich für total beschränkt halten. Zum Glück ist er recht umgänglich.«
   »Umgänglich? Kenan Shaw? Ich dachte, er ist so unnahbar wie ein Felsblock.«
   Evelyn hatte keine Gelegenheit mehr, etwas darauf zu erwidern, weil Rafael mit den Drinks nahte.
   »Darf ich vorstellen, Rafaels Spezialmischung.« Er drückte Marissa ein Glas in die Hand und reichte das andere Evelyn.
   Als sie die giftgrüne Farbe inspizierte, furchte sie die Stirn. »Was um Gottes willen ist das?«
   »Absinth, Wodka und … noch ein paar andere Sachen. Ich nenne es Firestorm. Schmeckt echt gut, probiert mal.« Wie zur Bestätigung nahm er selbst einen großen Schluck. »Und, wie gefällt euch der Abend bisher?«, erkundigte er sich mit einer Unschuld, die man ihm nicht einmal mit viel Fantasie abkaufen konnte.
   »Das fragst du noch?«, platzte Marissa heraus. »Warum hast du kein Wort davon gesagt, dass du Kenan Shaw kennst?«
   Rafael zuckte grinsend mit den Achseln. »Ihr habt nicht gefragt. Außerdem dachte ich, falls er sich blicken lässt, wäre das eine geniale Überraschung.« Er zwinkerte Evelyn zu. »Scheint mir gelungen zu sein. Bei ihm übrigens auch. K ist normalerweise nicht der gesellige Typ. Wundert mich echt, dass er zu uns in den Pool gekommen ist. Er mag es nicht, wenn er im Mittelpunkt steht.«
   Evelyn schüttelte den Kopf. »Das kann ich kaum glauben.«
   »Ihr kennt ihn eben nicht so gut wie ich. Es ist nicht alles wahr, was über ihn verbreitet wird. Außerdem ist er Texaner. Die sind alle ein wenig speziell.«
   »Hör mit dem Geschwafel auf, Rafael«, meldete sich eine samtige Stimme hinter ihnen. »Du machst den Mädels Angst.«
   Nicht nur Evelyn fuhr erschrocken herum, sondern auch Marissa und Rafael. Irgendwie hatte Kenan es geschafft, völlig unbemerkt zu ihnen zu gelangen. Ohne zu zögern, lehnte er sich wieder gewohnt dicht neben Evelyn an den Beckenrand.
   »Woher kommt ihr eigentlich?«, erkundigte er sich. »Ich tippe mal auf Europa.«
   Sie fand ihre Stimme wieder. »Ja, richtig. Wir sind aus Deutschland.«
   »Aha. Zwei deutsche Fräuleins also«, murmelte er, wobei er tatsächlich Deutsch sprach.
   »Genau.« Evelyn hegte langsam der Verdacht, dass sich hinter Kenan Shaw mehr verbarg, als er einen Glauben machte. »Du sprichst unsere Sprache? Woher denn?«
   »Nur ein paar Brocken«, wehrte er ab, lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen.
   Das war’s dann. Er schwieg.
   Evelyn wartete, ob er noch etwas sagen würde, aber das tat er nicht. Zügig revidierte sie ihren Anflug von Sympathie. Die Gerüchte stimmten, der Mann war tatsächlich so undurchschaubar wie Kaffeesatz. Anscheinend hatte sie ihn vorhin in einer selten redseligen Phase erwischt.
   »Ich komme ursprünglich aus Italien«, schaltete sich Marissa ein, weil plötzlich alle schwiegen.
   »Das gibt’s ja nicht.« Rafael fasste nach ihrem Arm. »Ich auch. Meine Familie stammt aus Venedig.«
   »Was? Meine Großeltern leben in Padova …« Plötzlich waren die beiden nicht mehr zu bremsen und begannen in üblicher Manier wild auf Italienisch zu schnattern.
   Ohne die Augen zu öffnen, gab Kenan ein tiefes Brummen von sich. »Ich glaube, das dauert länger. Rafael ist kaum zu stoppen, wenn es um seine Herkunft geht.«
   Evelyn musste gegen ihren Willen lächeln. »Scheint so.« Eine Weile betrachtete sie die Sterne, immer noch leicht aus der Fassung, welche Wendung der Abend genommen hatte. Im Gegensatz zu dem lockeren Gespräch wenige Meter nebenan konnte man die Stille zwischen ihnen regelrecht mit Händen greifen. Offenbar verdankte Kenan seine zahlreichen Eroberungen seinem phänomenalen Aussehen – sein sprühendes Wesen konnte jedenfalls nicht der Grund sein.
   »Und, gefällt dir Vegas bisher?«, fragte er so unvermittelt, dass sie zusammenzuckte. Sie drehte den Kopf und bemerkte, dass er sie unter halb gesenkten Lidern hervor beobachtete.
   Sofort kehrte ihre Wachsamkeit zurück. Es war offensichtlich, wie viel besser er jetzt sehen konnte. Hatte sie vorhin schon gedacht, sein Blick sei intensiv, erinnerte er sie jetzt in seiner Eindringlichkeit an goldene Laser. Wenigstens spähte er nicht mehr ins Wasser. Vorerst. Wild entschlossen, sich von diesem Mann nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, erzählte sie ihm in knappen Worten von ihren vergangenen Reisetagen. Ehe sie sich versah, geschah das Unmögliche. Er stellte immer wieder neue Fragen und bald redeten sie tatsächlich angeregt. Etwas, das sie sich mit ihm nie hätte vorstellen können.
   Die Zeit verging wie im Flug. Evelyns Kopf fühlte sich zunehmend leichter an. Unwillkürlich fragte sie sich, wie viele Gläser von Rafaels Mischung sie zwischenzeitlich getrunken hatte. Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Kenan schien es ähnlich zu gehen, denn er lächelte auch über Dinge, die selbst bei großzügiger Betrachtungsweise kein bisschen lustig waren. Rafael war es schließlich, der die Idee in die Runde warf, noch einmal nach Las Vegas aufzubrechen und die Clubs unsicher zu machen.
   »Nein. Das ist keine gute Idee«, wehrte Evelyn ab und bemühte sich, dabei nicht allzu sehr zu nuscheln. »Wir sind absu… absolut nicht mehr in der Lage, zu fahren. Keiner von uns.«
   »Für was bezahle ich eigentlich einen Coiffeur?«, winkte Kenan ab.
   Marissa gluckste. »Du meinst Chauffeur.«
   »Was auch immer.« Er rieb sich den Nasenrücken. »Nach Vegas zu kommen ist kein Problem.«
   Wie sie es schafften, in den Wagen zu steigen und zum Strip zu gelangen, bekam Evelyn nicht mehr detailliert mit. Sie registrierte nur noch, dass sie auf dem Weg in eine Diskothek vor lauter Kicherei stolperte und sich Kenans Arm dabei um ihre Taille legte. Und dort blieb er für den Rest der Nacht …

2.
Ein Schock am Morgen

Evelyn erwachte mit dem dumpfen Gefühl von Watte in ihrem Kopf. Schwerfällig zwang sie sich, die Augen zu öffnen. Zuerst konnte sie rein gar nichts erkennen. Nach mehrmaligem Blinzeln schaffte sie es immerhin, die Holzdecke zu orten.
   Verwundert klappte sie die Augen weiter auf. Holzdecke? Seit wann besaß ihr Motelzimmer eine Holzdecke? Als sie versuchte, sich aufzusetzen, begann sich der Raum zu drehen. Rasch ließ sie sich wieder in die Kissen plumpsen und schloss die Augen. Trotzdem. Für einen kurzen Rundumblick hatte es gereicht. Und dieser hatte Fürchterliches offenbart. Das war nicht ihr Motelzimmer. Hundertprozentig nicht.
   Stöhnend öffnete sie die Lider wieder einen Spalt weit. Der Raum war groß genug, um darin eine Blaskapelle unterzubringen. Designermöbel standen an den weiß verputzten Wänden und ein teuer aussehender Läufer bedeckte den Schieferboden. Auch das riesige Bett, in dem sie lag, machte einen äußerst kostspieligen Eindruck.
   Vorsichtig drehte sie den Kopf und entdeckte eine zerwühlte Fläche neben sich. Marissa war schon aufgestanden? Das war ungewöhnlich. Normalerweise schlief ihre Freundin wie ein Murmeltier. Ihr Blick wanderte erneut durch das Zimmer und blieb an einem Stuhl hängen. Einem Stuhl, von dem ein schwarzes Männershirt baumelte …
   O Gott! Schlagartig kehrte ihre Erinnerung zurück. Sie kannte dieses Shirt. Es gehörte Kenan. Er hatte es gestern Nacht getragen, als sie von seiner Lodge aus nach Las Vegas aufgebrochen waren. Und nun hing es von einem Stuhl neben ihrem Bett … O Gott o Gott o Gott!
   Plötzlich beschlichen Evelyn ernstliche Zweifel, ob die Abdrücke im Kissen neben ihr tatsächlich von Marissa stammten. Panisch riss sie die Decke hoch und spähte darunter. Sie trug noch ihr Sommerkleid – wenn auch keine Unterwäsche. Immerhin, dachte sie, doch dann zuckte die Erkenntnis durch ihre Nerven. Sie trug keine Unterwäsche! Wieso um Himmels willen nicht?
   Vor Schreck kullerte sie aus dem Bett und plumpste auf den weichen Läufer. Einen Moment lang herrschte völlige Verwirrung in ihrem Kopf, dann fiel ihr ein, dass sie ihr nasses Höschen und den BH nach dem Baden im Pool ausgezogen hatte. Seufzend drückte sie die Hände auf die Stirn. Was in drei Teufels Namen hatte sie vergangene Nacht eigentlich getrieben? Sie konnte sich noch erinnern, dass sie in eine Limousine gestiegen waren. Und danach … Nichts. Der totale Filmriss.
   Ihr Blick wanderte wieder zu Kenans Shirt. Sie hatte die Nacht mit einem völlig Fremden verbracht. Einem, der zufällig auch noch ein bekannter Filmstar war … Nie im Leben hätte sie damit gerechnet, dass ihr einmal etwas Derartiges passieren könnte. Ihr, ausgerechnet ihr. Und dann noch mit einem Mann wie Kenan Shaw. War sie denn total verblödet?
   Langsam rappelte sie sich auf die Beine. Sie konnte jetzt nur hoffen, dass sie lediglich neben und nicht auch noch mit ihm geschlafen hatte. Eine Kerbe im Bettpfosten dieses Womanizers zu sein … Der blanke Horror für ihren Seelenfrieden.
   Unwirsch striegelte sie sich die Haare aus dem Gesicht. Wo war er überhaupt? Fest entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen, tappte sie ins Bad. Hier fand sie Kenan auch nicht, dafür aber ein Badetuch, das offenbar erst vor Kurzem benutzt worden war. Kein gutes Zeichen. Evelyn wurde flau im Magen. Mehr und mehr beunruhigt, öffnete sie eine Verbindungstür und stand geradewegs in einem riesigen, begehbaren Wandschrank. Kenans riesigem, begehbaren Wandschrank, wie sie schnell feststellte. Zackig warf sie die Tür wieder zu. Keine Frage, er war nicht hier. Die Suite war so leer wie ihr Kopf.
   Ein gequälter Blick in den Wandspiegel sorgte dafür, dass sie komplett wach wurde. Sie sah verrucht aus, total übernächtigt und zerzaust, als hätte sie sich stundenlang mit einem Mann im Bett gewälzt.
   Bei dem Gedanken verzog sie das Gesicht. Noch mehr Indizien in diese Richtung konnte sie beim besten Willen nicht ertragen. Wenigstens fühlte sich ihr Körper normal an. Hätte sie es nicht irgendwie spüren müssen, wenn er und sie …?
   »Warum kann ich mich nicht erinnern?« Hilflos kämmte sie mit den Fingern ihre Haare. Zumindest so lange, bis ein metallisches Blitzen an ihrer linken Hand sie innehalten ließ. Verwirrt schaute sie genauer hin. Sie trug einen goldenen Ring.
   Evelyn streckte so hastig die Hand nach vorn, dass sie die Badetiegelchen herunterstieß. Schwer atmend blinzelte sie, schluckte mehrmals, holte tief Luft und sah erneut auf ihre Hand. Der Ring war immer noch da, wollte partout nicht verschwinden, egal, wie sehr sie darauf starrte. Und das war noch längst nicht alles. Der schlichte Goldreif steckte am vorletzten Finger ihrer linken Hand – dort, wo man normalerweise ganz spezielle Ringe trug. Evelyn würgte. Das durfte jetzt nicht wahr sein!
   Leises Klopfen an der Tür ließ sie herumfahren. »Evelyn? Bist du wach?«
   Marissa. Evelyn wäre vor Erleichterung beinahe über die Toilette gefallen. Ihre Freundin. Der einzige Mensch, der Licht ins Dunkel bringen konnte.
   Hastig spurtete sie über den edlen Steinboden und rupfte die Mahagonitür auf. »Rissa, Gott sei Dank. Was ist passiert? Wo sind wir hier eigentlich und warum trage ich dieses Ding an meinem Finger?« Sie hielt demonstrativ die Hand hoch. »Was haben wir gestern Übles gemacht? Und wo warst du eigentlich?« Sie stellte so viele Fragen, dass ihr die Worte aus dem Mund purzelten wie einem Spielautomaten das Kleingeld.
   Marissa schloss bedächtig die Tür, drückte Evelyn aufs Bett und setzte sich neben sie. »Also Folgendes«, begann sie und räusperte sich. »Wir sind nach unserem Trip gestern wieder in die Lodge zurückgekehrt. Du … du hast in Kenans Schlafzimmer übernachtet. Und das ist so, weil ihr beide … nun ja …« Sie zögerte.
   »Weil wir was?«, fragte Evelyn, obwohl sie fürchtete, die schreckliche Antwort schon zu kennen.
   Marissa rang die Hände. »Ihr beide habt wohl irgendwann letzte Nacht geheiratet.«
   Evelyn schloss einen Moment lang vor Schwindel die Augen. »O Gott, Rissa. Bitte sag, dass das alles nur ein Scherz ist.«
   »Ich fürchte nicht. Kenan trägt auch so einen Ring.«
   »Nein, bitte nicht!« Sie vergrub das Gesicht in den Händen, doch dann blickte sie alarmiert wieder auf. »Du hast ihn gesehen? Wo ist er? Ich muss sofort mit ihm sprechen.«
   »Er und Rafael sind den Gang runter im Frühstückszimmer.« Marissa seufzte schwer. »Und ja, ich glaube, er will auch dringend mit dir sprechen.«
   Evelyn hob kämpferisch das Kinn. »Gut. Dann können wir gleich klären, wie wir diesen Schlamassel wieder aus der Welt räumen.« Im nächsten Atemzug rauschte sie zur Tür und wollte sie aufreißen, doch Marissa stützte sich dagegen.
   »Halt! Lass uns doch erst mal in Ruhe beratschlagen, was du jetzt machen willst.«
   »Das muss ich nicht lange überlegen. Ich will die Scheidung. Ich kann gar nicht fassen, was ich für einen Mist gebaut habe.«
   »Also Mist würde ich jetzt nicht unbedingt dazu sagen.« Marissa packte Evelyns Schultern, als wollte sie verhindern, dass sie den Raum verließ. »Überleg doch mal, Eve. Du bist mit Kenan Shaw verheiratet. Das ist doch der absolute Hammer! Achtundneunzig Prozent aller Frauen würden sich ein Bein ausreißen, um jetzt an deiner Stelle zu sein.«
   »Dann gehöre ich wohl zu den übrigen zwei Prozent.« Sie löste sich von ihrer Freundin und begann, vor der Tür auf und ab zu wandern. »Ich kenne ihn doch überhaupt nicht, Rissa. Und das wenige, was ich von ihm weiß, spricht nicht gerade für ihn. So jemanden wollte ich nie haben, nicht mal geschenkt.«
   Marissa kreuzte die Arme vor der Brust. »Aha. Und warum hast du ihn dann geheiratet?«
   »Das. Weiß. Ich. Nicht.« Evelyn hörte die Hysterie in ihrer Stimme, konnte sie aber nicht länger unterdrücken. »Ich erinnere mich an überhaupt nichts mehr. Dabei habe ich doch gar nicht so viel getrunken, oder?«
   »Mich musst du nicht fragen«, entschuldigte sich Marissa. »Bei mir sieht’s ähnlich vage aus. Wir alle scheinen gestern Nacht nicht mehr ganz fit gewesen zu sein. Ich weiß nur noch, dass wir uns irgendwann getrennt haben, weil Kenan und du unbedingt noch tanzen gehen wolltet. Ihr beide wart gar nicht mehr auseinanderzukriegen, deshalb bin ich mit Rafael im Taxi zurückgefahren.«
   »Oh bitte, hör auf!« Wimmernd presste Evelyn die Hände vor die Stirn. Einen Moment starrte sie geschockt vor sich hin, dann riss sie sich zusammen. »Was auch immer gestern passiert ist. Das Ganze war ein Versehen. Höchste Zeit, dass ich das wieder geradebiege.«
   Ehe Marissa noch etwas entgegnen konnte, schob sie sie beiseite und öffnete die Tür. Mit einer Entschlossenheit, als gälte es, eine Schlacht zu schlagen, durchquerte sie den Flur.
   Kenan wirkte sehr ernst, als sie wenige Minuten später in den Frühstücksraum trat. Genauer gesagt blickte er noch düsterer drein als in jedem seiner Filme. Evelyn straffte den Rücken. Anscheinend missfiel ihm die Situation ebenso sehr wie ihr.
   Während sie neben Marissa den Tisch ansteuerte, an dem er und Rafael saßen, legte sie sich im Geist die Worte zurecht. Sie würde auf jeden Fall souveräne Ruhe bewahren, egal, wie absurd die Situation auch sein mochte.
   Kenan stand höflich auf, als sie vor ihm stehen blieb. Etwas, das sie ihm nicht zugetraut hätte.
   »Evelyn«, begrüßte er sie knapp und zog den Stuhl neben sich zurück. »Bitte nimm doch Platz.« Sein bernsteinfarbener Blick forschte in ihrem Gesicht und zu ihrem Ärger spürte Evelyn, wie ihre erzwungene Ruhe mehr und mehr in sich zusammenfiel.
   Der Ausdruck seiner Miene war undeutbar, fast wie bei einem Pokerspieler. Vermutlich passte dieser Vergleich sogar, denn er schien die Unterredung ähnlich einzuordnen wie sie. Eine Taxierung des Gegners.
   Evelyn zögerte. Eigentlich hätte sie sich ihm lieber gegenübergesetzt, das schien der Situation angemessener zu sein. Dennoch konnte sie die zuvorkommende Geste schlecht ablehnen, zumal sich Marissa bereits neben Rafael niedergelassen hatte. Um ausreichend Abstand bemüht, ließ sie sich auf den angebotenen Stuhl sinken.
   »Danke«, murmelte sie und mied Kenans Blick. Stattdessen beäugte sie den älteren Mann, der am Kopfende des Tisches saß und mit jeder Faser an einen Anwalt erinnerte.
   »Evelyn, das ist mein Anwalt, Mr. Ballentine«, bestätigte Kenan sogleich ihren Eindruck. »Ich denke, es macht Sinn, dass er an dem Gespräch teilnimmt.«
   »Ja, das denke ich auch.« Sie nickte dem Mann höflich zu.
   »Dann lassen Sie uns doch gleich zur Sache kommen«, begann der Anwalt, der sein Honorar vermutlich in Minuten abrechnete. »Wir können es uns nicht leisten, einen Skandal zu riskieren. Das würde auf Mr. Shaws Karriere ein äußerst schlechtes Licht werfen. Daher haben wir folgenden Vorschlag zu unterbreiten.« Er griff nach mehreren Papieren.
   Evelyn hob in einer eleganten Geste die Hand. »Sie brauchen sich nicht zu bemühen. Ich bin mit einer Scheidung einverstanden. Je schneller und unkomplizierter für alle Beteiligten, desto besser.« Im Sprechen zog sie den Ring vom Finger und legte ihn auf den blank polierten Tisch.
   Sie bemerkte, dass Kenan sie perplex ansah. Offenbar hatte er mit etwas völlig anderem gerechnet.
   »Dem, was gestern Nacht«, sprach sie weiter und schluckte gegen das Herzrasen, »vorgefallen ist, sollten wir keine gesteigerte Bedeutung beimessen. Sicher gibt es eine Möglichkeit, die Ehe rasch und ohne großes Aufsehen zu annullieren, nicht wahr?« Sie lächelte verbindlich.
   »Ganz so einfach ist es leider nicht«, murmelte Kenan und schob ihr eine Boulevardzeitung hin, die bisher unbeachtet vor Rafael auf dem Tisch gelegen hatte. »Ich fürchte, damit müssen wir noch warten.«
   Evelyn sah auf die Titelseite. Dicke, bunt gedruckte Headlines sprangen sie förmlich an: Unbelievable wedding. Who ist that woman? Kenan Shaw married beautiful unknown! Darunter prangte ein grobkörniges Foto von ihr und Kenan. Arm in Arm – ziemlich eng aneinandergeschmiegt …
   Eine Sekunde lang wurde ihr schwarz vor Augen. Wie in Gottes Namen hatte die Presse so schnell davon Wind bekommen?
   Sie begriff erst, dass sie die letzten Worte laut ausgesprochen hatte, als Rafael darauf antwortete. »Las Vegas schläft nie, Evelyn. Die Paparazzi lauern überall. Das war fast zu erwarten.«
   »Und was bedeutet das jetzt?« Das Gefühl einer niedersausenden Axt prickelte durch ihren Nacken. Ihre Finger begannen unkontrollierbar zu zittern. Kenan schien es zu bemerken und überraschte sie damit, dass er seine Hand über ihre legte. Offenbar fürchtete er, sie würde jeden Moment umkippen. Nicht ganz zu unrecht. In ihrem ganzen Leben war ihr noch nie so elend gewesen.
   »Würde es euch etwas ausmachen, den Raum zu verlassen?«, wandte er sich ruhig an die anderen. »Ich würde gern mit meiner …«, er stockte kurz, »Frau allein sprechen.«
   Evelyn hörte nur undeutlich, was er sagte. Ihr Blick haftete an seinen gebräunten Fingern, die sich langsam wieder von ihren lösten. Er trug seinen Ring noch. Warum? Warum in Gottes Namen trug er den Ring noch?
   Alle räumten umgehend das Zimmer und Evelyn fragte sich, ob immer jeder sofort tat, was Kenan Shaw verlangte.
   Ehe er etwas sagen konnte, zeigte sie auf die Blätter und den Füllfederhalter, die der Anwalt auf dem Tisch hatte liegen lassen. »Gib mir bitte die Scheidungspapiere. Dann kann ich sie unterschreiben und das Ganze vergessen.«
   Er schüttelte den Kopf. »Das sind keine Scheidungspapiere, Evelyn, sondern eine Vereinbarung, dass du über alles, was in unsere Ehe ablaufen wird, Stillschweigen wahrst.«
   »Unsere Ehe? Was für eine Ehe? Es gibt keine Ehe. Das soll wohl ein Witz sein.«
   »Nein, keineswegs«, gab er ruhig zurück.
   »Aber ich will die Scheidung! Ich habe Familie, einen Job. Ich muss zurück nach Deutschland«, verlangte sie und blieb stocksteif sitzen. Erst, als Kenan ihren Stuhl packte und sie kurzerhand samt Möbelstück zu sich herumdrehte, sah sie ihn an.
   »Wir werden uns nicht scheiden lassen«, brachte er es auf den Punkt. »Jedenfalls nicht sofort. Das geht nicht.«
   »So? Und warum nicht?« Evelyn wurde langsam bissig. Irgendwie deutete alles darauf hin, dass ihre Meinung unter den Teppich gekehrt wurde. »Bei deinem Ruf dürfte das doch kein Problem sein.«
   »Das ist es aber leider durchaus. Nach dem, was mir die Presse schon alles angehängt hat, wäre das der absolute Supergau.«
   Sie lachte kurz. »Du bist ja wohl nicht ganz unschuldig an dem, was über dich geschrieben wird. So, wie du dich in den letzten Jahren benommen hast.«
   Kenans Augen verengten sich. »Ach ja? Wie habe ich mich denn benommen? Das weißt du natürlich ganz genau. Nicht wahr, Fräulein Unfehlbar?«
   Seine Worte ließen Evelyn empört nach Luft schnappen. »Also ich bin nicht nach Las Vegas gefahren, um zu heiraten. Ich nicht!«
   »Meinst du etwa, ich?« Er sprang in einer einzigen flüssigen Bewegung vom Stuhl und begann, durch den Raum zu tigern. »Ich habe keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte!«
   »Vielleicht solltest du Rafael fragen.« Sie stand ebenfalls auf. »Was zur Hölle hat dein Manager eigentlich in diese Drinks gemixt? Ich kann mich an absolut nichts mehr erinnern!« Die letzten Worte schrie sie bereits, nicht mehr in der Lage, sich weiter zu beherrschen.
   Kenan schien es ähnlich zu gehen. »Das. Weiß. Ich. Nicht. Okay?«, brüllte er genauso laut zurück. »Er rückt nicht mit der Sprache raus. Außerdem hilft uns das jetzt auch nicht weiter. Wir müssen verheiratet bleiben, bis etwas Gras über die Sache gewachsen ist. Sechs Monate oder so.«
   »Sechs Monate?« Evelyns Stimme kippte. »So lange? Du spinnst wohl! Ich kann doch wegen dir nicht mein gesamtes Leben auf Eis legen. Wie stellst du dir das überhaupt vor?«
   Seine Miene versteinerte angesichts ihrer wenig schmeichelhaften Reaktion. »Wir haben keine andere Wahl. Und was dein Leben und deinen Job angeht.« Er machte eine Geste. »Ich werde dich für die Zeit, die du für mich opferst, großzügig entschädigen. Du wirst sicher nicht drauflegen.«
   »Ach, so einfach ist das, ja?« Evelyn wurde immer wütender. »Du glaubst, du musst nur deine Brieftasche zücken und schon sind alle Probleme gelöst. Das sehe ich anders. Vielleicht hast du ja keine Wahl, ich schon. Ich will diese Ehe nicht. Und du kannst mich nicht dazu zwingen.«
   »Doch, kann ich. Ich unterschreibe die Scheidungspapiere einfach nicht.«
   »Das wagst du nicht! Damit kommst du niemals durch!«
   »Nicht? Glaubst du das wirklich?« Sein selbstgefälliges Lächeln verursachte ihr Gänsehaut.
   Evelyn öffnete den Mund, um ihm gewaltig in die Quere zu fahren, doch die Worte blieben ihr auf halbem Weg im Hals stecken. Er hatte recht, begriff sie schockiert. Er würde damit durchkommen. Ganz locker sogar. Niemand hatte sie gezwungen, ihn zu heiraten und selbst wenn sie beweisen konnte, dass das Ganze ein blamabler Irrtum gewesen war, würde es nichts nutzen. Kenan verkörperte tatsächlich den Inbegriff von Geld und Macht. Er konnte praktisch tun und lassen, was er wollte. Sie schluckte, dann zog sie ihr letztes Register. »Falls du mich zwingst, werde ich dafür sorgen, dass du jede einzelne Sekunde dieser Ehe bitter bereust.«
   »Glaub mir, das tue ich jetzt schon.«
   »Aber bei Weitem noch nicht genug«, fauchte sie zurück.
   »Gut, mach nur – wenn du unbedingt meine Anwälte kennenlernen willst. Danach bekommst du nie wieder einen Fuß auf den Boden.« Seine goldenen Augen glühten regelrecht, als er sich vor ihr aufbaute, dicht genug, dass sein Brustkorb ihr gesamtes Sichtfeld ausfüllte.
   Zum ersten Mal profitierte Evelyn davon, mit temperamentvollen Brüdern aufgewachsen zu sein. Sie wich keinen Schritt zurück. Im Gegenteil, sie ballte die Hände zu Fäusten und reckte das Kinn noch höher. »Mistkerl!«
   Seine Augen verdunkelten sich Unheil verkündend, aber er nahm das Schimpfwort kommentarlos entgegen. Eine Ewigkeit lang, so schien es, standen sie sich gegenüber wie Todfeinde. Es war ein Wunder, dass der Strom in der Lodge nicht ausfiel, so aufgeladen knisterte die Atmosphäre zwischen ihnen. Keiner sprach ein Wort. Keiner schien bereit, auch nur einen Millimeter nachzugeben.
   Erstaunlicherweise bewegte sich Kenan zuerst. »Ach, verdammt!« Er striegelte sich die Haare aus dem Gesicht, wandte sich ab und stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch.
   Evelyns Wut verrauchte etwas. Offensichtlich war er mit der Lösung auch nicht glücklicher als sie.
   »Siehst du«, sagte sie gefasst. »Wir halten es ja nicht einmal sechs Minuten miteinander aus. Wie soll das Ganze dann sechs Monate lang funktionieren?«
   Kenan knirschte mit den Zähnen. Das konnte sie deutlich am Muskelspiel seiner hageren Wangen erkennen. »Wir werden uns wohl ein wenig beherrschen müssen.« Er richtete sich wieder auf, Unnachgiebigkeit in der Miene. »Die Entscheidung steht fest. Wir bleiben ein halbes Jahr verheiratet. Ende der Diskussion.«
   Evelyn presste die Lippen aufeinander. Falls sie den Mund öffnete, würde sie ihn nur wieder anschreien. Am liebsten hätte sie ihn wegen seiner Arroganz lautstark heruntergeputzt. Das konnten sie dann die nächsten Stunden gegenseitig weiter kultivieren – nur leider brachte sie das kein Stück voran. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Es gab nichts daran zu rütteln, dass sie sich nicht von ihm scheiden lassen konnte, solange er nicht zustimmte. Und es war mehr als blauäugig, anzunehmen, ihre nette Polizeianwältin in Deutschland könnte es mit einer Horde kaltschnäuziger Rechtsverdreher aufnehmen. Zumal hier amerikanisches Recht galt. Hervorragend. Ihre Chancen gegen Kenan zu gewinnen standen exakt bei null.
   Sie schluckte und sammelte ihre Vernunft wieder ein. Letzte Nacht hatte sie einen Fehler gemacht. Und so, wie sich die Geschichte abzeichnete, musste sie dafür bezahlen – genau sechs Monate lang.
   »Okay. Gut«, räumte sie widerwillig ein. »Anscheinend bleibt mir nichts anderes übrig.« Sie trat an den Tisch und griff mit fahrigen Bewegungen nach den Papieren. »Ich bin einverstanden.«
   Kenan hob den Kopf. »Was? Einfach so?« Einen Moment blickte er spürbar überrascht drein, dann verkniff er misstrauisch die Augen, als erwartete er, sich gleich unmöglichen Forderungen stellen zu müssen.
   Und das könnte sie, ohne Frage, das wusste Evelyn. Sie war nun mit einem der reichsten Männer Hollywoods verheiratet und es war äußerst unwahrscheinlich, dass sie in der vergangenen Nacht einen Ehevertrag unterschrieben hatten. Viele Frauen würden aus dieser Situation skrupellos Kapital schlagen. Aber bei ihr verhielt es sich zu diesem Thema ähnlich wie bei den achtundneunzig Prozent von eben. Sie war nicht auf sein Geld aus. Sie wollte die Sache einfach nur unbeschadet hinter sich bringen und zu ihrem normalen Leben zurückkehren – am besten, ohne je wieder etwas von Kenan Shaw hören zu müssen.
   »Nein, nicht einfach so«, setzte sie dennoch an, um ihn ein wenig zappeln zu lassen. Sie machte eine kleine Pause. Als sie sah, wie sich sein schöner Körper verspannte, spürte sie eine gewisse Genugtuung. Wie befriedigend, zur Abwechslung einmal ihm das Gefühl zu geben, etwas aufgezwungen zu bekommen.
   »Ich will dein Wort, dass du mich nach sechs Monaten wirklich gehen lässt«, löste sie den Bluff.
   »Das ist alles?« Kenan konnte es offenbar kaum glauben.
   »Ja, alles. Nach sechs Monaten sind wir geschiedene Leute.«
   Er lächelte grimmig. »Darauf kannst du Gift nehmen.«
   »Gut.« Mit einer Ruhe, die sie bei Weitem nicht empfand, las sie den zweiseitigen Vertrag durch. Was er gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Die Papiere enthielten tatsächlich kein Wort über eine Scheidung, nur die Schweigeverpflichtung. Offenbar musste sie auf sein Wort vertrauen.
   »Mit welchem Nachnamen soll ich unterschreiben?«, fragte sie leise.
   »Mit meinem«, antwortete er ebenso verhalten und beobachtete schweigend, wie sie die Papiere unterzeichnete. Evelyn legte den Füller auf den Tisch, drehte sie sich um und ging würdevoll aus dem Raum.

*

Kenan sah der hübschen Rothaarigen, mit der er seit wenigen Stunden verheiratet war, vollkommen geplättet nach. Er träumte wohl! Sie fügte sich einfach? Ohne Forderungen? Ohne etwas für sich herauszuschlagen? Das gab es nicht.
   Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, grabschte er nach dem Vertrag und ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen. Schöne Misere, in die er sich da hineingeritten hatte. Und das in einer einzigen verfluchten Nacht. Mit gemischten Gefühlen betrachtete er ihre schön geschwungene Unterschrift. Evelyn Shaw. Seine Ehefrau. Unfassbar.
   Jahrelang hatte er erfolgreich jede Beziehungsklippe umschifft, keine Frau nah genug an sich herangelassen, um das Thema Hochzeit auch nur am Horizont auftauchen zu lassen. Und jetzt? Jetzt ging er hin und heiratete eine deutsche Touristin, die er wenige Stunden zuvor das erste Mal gesehen hatte.
   Kenan warf den Vertrag auf den Tisch und rieb sich schwer atmend übers Gesicht. Aus einem unerfindlichen Grund war es ihm vergangene Nacht vollkommen richtig erschienen, mit Evelyn vor einen pinkfarbenen Altar zu treten. Rafaels Drogen hin oder her. Er verlor normalerweise nie den Überblick.
   Nachdenklich betrachtete er ihren Ring, der ungeachtet der getroffenen Vereinbarung noch auf dem Tisch lag. Kenan streckte die Hand aus und schloss seine Finger um das schlichte Schmuckstück. Evelyns Reaktion pikste immer noch an seinem Stolz herum. Weshalb wehrte sie sich so dagegen, für einige Zeit seine Frau zu sein? Damit hatte er zu allerletzt gerechnet. War es, weil sie keine Erinnerung an vergangene Nacht hatte? Nun, da konnte er getrost behaupten, ihr etwas vorauszuhaben. Er war zwar auch nicht mehr ganz bei Sinnen gewesen, als sie in die Lodge getorkelt waren, aber er wusste immerhin noch …
   Die Tür öffnete sich und Kenan sah auf. Einen Moment lang rechnete er damit, Evelyn hätte sich die Sache mit den Forderungen noch einmal überlegt, da erschien Rafael.
   »Herrgott nochmal, Kenan.« Er kam an den Tisch. »Man konnte euch bis in den Garten schreien hören. Ich kapiere es nicht. Evelyn müsste doch Luftsprünge machen, mit dir verheiratet zu bleiben.« Er griff nach den Papieren in Kenans Hand und atmete hörbar auf, als er die Unterschrift darauf sah.
   Kenan lächelte säuerlich. »Gesprungen ist sie schon, aber nicht vor Freude. Die Frau hasst mich. Keine Ahnung, warum.«
   »Das bildest du dir ein. So etwas gibt es nicht. Wahrscheinlich liegt es an ihrer Haarfarbe. Sie ist mindestens so temperamentvoll wie du.«
   Kenan schnitt eine Grimasse und ließ den Ring in Rafaels Hand fallen. »Sag ihr, dass sie den hier wieder anziehen soll. Wenigstens, bis ich einen etwas … stilvolleren aufgetrieben habe. Ist Ballentine noch da? Es gibt einiges zu tun. Damit angefangen, ein paar Details über sie zu recherchieren.«
   Rafael besaß den Nerv, zu grinsen. »Klar, würde mich an deiner Stelle auch interessieren, wer meine Ehefrau eigentlich ist.«
   Kenan spürte einen Muskel an seiner Wange zucken. Rafael bemerkte das offenbar ebenfalls, denn er brachte sich rasch aus seiner Reichweite, bevor er den Vertrag in seine schwarze Mappe legte. »Ballentine wartet draußen.«
   Kenan schaute ihm nach, als er in angemessener Hast den Raum verließ. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass sich sein Leben vergangene Nacht unwiderruflich verändert hatte. Er fluchte leise. Vielleicht war es Zeit, aus dem Filmgeschäft auszusteigen. Dieser Beruf weichte langsam seine Birne auf.

*

Evelyn warf geräuschvoll die Zimmertür hinter sich ins Schloss. Superklasse. Das hatte sie ja richtig toll hingekriegt! Sechs Monate. Warum nicht gleich sechs Jahre? Hätte sie nicht wenigstens versuchen können, eine kürzere Zeitspanne herauszuhandeln?
   Verheiratet mit Kenan Shaw. Wie sollte sie das durchstehen? Möglicherweise rund um die Uhr mit diesem optischen Traum von einem Mann zusammen zu sein … Sie hatte sich nie eine Vorstellung von der Hölle gemacht, aber das kam der Sache schon ziemlich nahe.
   »Sag doch etwas«, brachte sich Marissa in Erinnerung, die ihr wortlos ins Schlafzimmer gefolgt war. »Was habt ihr da drin eigentlich ausgehandelt – oder sollte ich eher ausgeschrien sagen?«
   Evelyn fasste sich grummelnd an den Hals. »Wir lassen uns erst in einem halben Jahr scheiden.« Es klang, als hätte sie Glasscherben verschluckt.
   »Wirklich?« Marissa begann tatsächlich zu strahlen. »Ausgezeichnet. In sechs Monaten kann viel geschehen. Einschließlich Wunder.«
   Evelyn warf ihr einen bösen Blick zu. »Würdest du bitte mit diesem romantischen Quatsch aufhören? Wir spielen hier nicht Dornröschen. Wie genau soll das mit ihm und mir eigentlich funktionieren? Getrennte Zimmer, sechs Monate lang? Das bekommt die Presse doch sofort spitz.«
   »Also, ich hätte nichts dagegen, mit Kenan im selben Bett zu …« Marissa verstummte, als sie Evelyns Blick auffing. Kopfschüttelnd lehnte sie sich gegen den Schrank. »Wovor hast du eigentlich solche Angst? Dass du dich in ihn verliebst?«
   »Nein. Nein!« Evelyn wedelte abwehrend mit beiden Händen. »Eine derartige Katastrophe passiert mir bestimmt nicht. Er entspricht in keiner Weise dem Typ Mann, in den ich mich normalerweise verliebe. Außer seinem blendenden Aussehen, hat er doch rein gar nichts zu bieten.« Mit mulmigem Gefühl begann sie, durchs Zimmer zu marschieren. Hoffentlich täuschte sie sich mit dieser Einschätzung nicht. Sie fühlte sich weit weniger sicher, als sie Marissa glauben machte. Es wäre naiv, zu denken, dass sie restlos gegen Kenans Charme gewappnet war. Der Mann besaß eine Ausstrahlung wie warmes Karamell. Außerdem gab es auch einnehmende Seiten an ihm, wie ihr Gespräch im Pool bewiesen hatte.
   »Du läufst ein Loch in den Teppich«, sagte Marissa und bremste damit ihr Gedankenkarussell.
   Evelyn blieb schimpfend stehen.
   Seit sie Kenan Shaw getroffen hatte, verspürte sie einen gesteigerten Bewegungsdrang. Noch etwas, wofür sie ihn am liebsten erwürgt hätte. Sie kannte ihn erst seit wenigen Stunden und schon kitzelte er all ihre schlechten Eigenschaften hervor.
   Lautes Klopfen an der Tür ließ sie herumfahren.
   »Hallo Mädels«, begrüßte Rafael sie in lockerem Ton, als Evelyn ihm öffnete.
   »Kommst du die Lage checken?«, erkundigte sich Marissa und verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Nicht nur. Evelyn, wir müssen einige Dinge besprechen.«
   »Ja, stimmt«, erklärte sie gereizt. »Du kannst damit beginnen, was du gestern in unsere Drinks gemischt hast.« Sie machte einen aggressiven Schritt auf ihn zu, worauf Rafael sich hinter einem Sessel in Sicherheit brachte.
   »Gar nichts, ich schwöre es.« Er drückte zwei Finger auf Herzhöhe. »Da war nichts drin.«
   Evelyn wusste sofort, dass er log. »Ich glaube dir kein Wort. Also, was war es? LSD? Psilocybin? Oder irgendein synthetischer Mist, der sich auf das Bewusstsein auswirkt? Los, pack schon aus!«
   »Da war nichts drin«, wiederholte er stur. »Vielleicht hast du den Absinth nicht vertragen. Wer weiß das schon?«
   Evelyn stellten sich vor Wut die Haare auf. Sie überlegte gerade, Rafael anzuspringen und die Wahrheit aus ihm herauszuschütteln, da bemerkte sie Marissas Hand auf ihrem Arm.
   »Lass gut sein, Eve. Das führt zu nichts. Er wird es nicht zugeben. Außerdem ändert das jetzt sowieso nichts mehr.«
   Evelyn schluckte hart. Einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, sich trotzdem auf Rafael stürzen, allein der Befriedigung wegen, doch dann atmete sie durch. Einmal, zweimal. Es dauerte eine Weile, bis sie ruhiger wurde.
   »Tut mir leid, was gestern passiert ist«, nuschelte Rafael unbestimmt und schwieg kurz. »Können wir jetzt ein paar Dinge bezüglich eurer Ehe besprechen? Es ist wichtig.«
   »Was für Dinge?« Evelyn presste die Lippen zusammen. »Dass ich Mr. Shaw vollumfänglich hörig sein soll? Das hat er mir bereits deutlich klargemacht, danke.«
   Rafael zog eine schwarze Dokumentenmappe unter seinem Arm hervor. »So ist Kenan normalerweise nicht. Ich glaube, ihr beide seid einfach auf dem falschen Fuß gestartet. Die Situation hat ihn genauso überfahren wie dich. Aber darüber wollte ich nicht reden, sondern hierüber.« Im Sprechen öffnete er die Mappe und suchte einen dicht beschriebenen Bogen heraus.
   »Was ist das?«, fragte Marissa. »Etwa ein Ehevertrag? Kommst du damit nicht ein bisschen zu spät?«
   »Nein, kein Vertrag.« Er streckte das Blatt Evelyn entgegen. »Das hier ist Kenans Terminplan für die nächsten drei Tage – und nun auch deiner, gewissermaßen. Ich weiß, dass das alles jetzt recht plötzlich kommt, aber wir haben keine Zeit. Ich muss Kenan in einer halben Stunde zu einem Interview begleiten.« Er schüttelte das Papier auffordernd, bis sie es entgegennahm.
   »Für die nächsten drei Tage?«, fragte sie ungläubig, nachdem sie einen Blick darauf geworfen hatte. »Sieht eher nach Terminen für die nächsten drei Wochen aus.«
   »Ja, es ist eine ziemliche Menge. Kenan ist ein gefragter Mann. Es gibt quasi keine Veranstaltung, auf die er nicht eingeladen wird.«
   »Aber er muss doch sicher nicht überall hin, oder?« Marissa spähte ebenfalls auf den Plan. »Schließlich hat auch sein Tag nur vierundzwanzig Stunden.«
   »Genau«, bestätigte Rafael. »Sein Tag hat vierundzwanzig Stunden.«
   Evelyn stöhnte. »Bitte sag jetzt nicht, dass das ab sofort auch für mich gilt.«
   »Nein. Du gehst nur auf die Veranstaltungen mit, neben denen ich dich vermerkt habe. Zu den Dreharbeiten musst du nicht – es sei denn, du möchtest es.«
   »Danke, ich verzichte.«
   »Trotzdem«, gab er zu bedenken. »Du solltest dich auch dort ab und zu blicken lassen. Gute Ehefrauen machen das so.«
   Evelyn konnte ihn nur freudlos anlächeln. »Darauf möchte ich jetzt lieber nicht antworten.« Sie sah wieder auf den Plan. Heute: Abendessen in einem Restaurant des MGM Grand um zwanzig Uhr. Morgen: Fitnesstraining von acht bis zehn. Puh! Daran musste sie hoffentlich nicht teilnehmen. Ihr Blick wanderte weiter. Um elf Uhr folgte eine Vorbesprechung für einen Film, drei Stunden später stand ein Fototermin auf einer Pferderanch in Boulder City an. Neben der Textzeile des Abendessens und der Pferderanch prangte ein handgeschriebenes »+ E«. Diese Termine stellten also ihre ersten offiziellen Aufgaben dar. Sie wollte das Blatt senken, doch dann prüfte sie hastig noch einmal die oberste Zeile. »Wir haben schon heute Abend im MGM den ersten gemeinsamen Termin?«, hakte sie bestürzt nach.
   »Jeder will Kenans Braut sehen. Und das MGM Grand eignet sich hervorragend dafür.« Er hob die Achseln. »Tut mir leid, dass du nicht mehr Zeit hast, dich vorzubereiten.«
   »Und wie soll ich mich verhalten? Ich habe keinerlei Erfahrung im Umgang mit Personen aus diesen Kreisen.«
   »Benimm dich ganz normal und überlass den Rest am besten Kenan, er weiß, was zu tun ist. Er wird dich durch den Abend lotsen.«
   Evelyn schluckte. Sich Kenan überlassen? Keine gute Idee. Wozu das führte, hatte sie ja gesehen. Mit ungutem Gefühl las sie die weiteren Vermerke für den morgigen Tag. Das nächste »+ E« entdeckte sie um neun Uhr abends. Anscheinend musste sie Kenan nach Detroit auf den Music-Star-Verleih begleiten – überrascht sah sie noch einmal genauer hin. Tatsächlich, Detroit. Sie hatte richtig gelesen. Neugierig blätterte sie um. Am nächsten Morgen erwartete man Kenan um elf Uhr bei seinen aktuellen Dreharbeiten in Las Vegas. Irritiert klappte sie die Seite wieder zurück. Las Vegas – Detroit – Las Vegas. Und das in weniger als zwanzig Stunden.
   Sie sah auf. »Stimmt das wirklich? Wir müssen morgen Abend in Detroit sein? Ein solcher Flug dauert doch mehrere Stunden …«
   »Viereinhalb, um genau zu sein«, bestätigte Rafael ihre Vermutung. »Ihr wechselt dabei von der Pacific in die Central Time, das heißt zwei Stunden Zeitverschiebung. Es ging nicht anders. Ihr fliegt am nächsten Morgen gleich zurück. Es ist nur eine Nacht. Und außerdem war das Ganze recht kurzfristig …« Er hörte überhaupt nicht mehr auf zu reden. Etwas, das Evelyn selbst bei ihm verdächtig vorkam. Innerlich machte sie sich schon auf eine böse Pointe gefasst und die kam dann auch. »… ziemlich beeilen, deshalb habt ihr nur ein Hotelzimmer.«
   Ihre Haut begann zu kribbeln. »Sagtest du gerade ein Hotelzimmer?«
   Er nickte.
   »Na wunderbar.« Sie schloss gequält die Augen. Das wurde ja immer besser. Sie musste schon morgen mit Kenan in einem Zimmer übernachten, womöglich sogar in einem gemeinsamen Bett.
   »Und der Flug?«, schaltete sich Marissa ein. »Wird sie etwa viereinhalb Stunden auf Kenans Schoß sitzen oder wie habt ihr euch das gedacht?«
   »Die beiden nehmen Kenans Privatjet, darin ist genug Platz«, erklärte Rafael, während er Evelyn beäugte, als rechnete er damit, sie würde seine wohlüberlegten Pläne gleich über den Haufen werfen.
   Obwohl sie nichts lieber getan hätte, nickte sie langsam. »Und was soll ich anziehen? Ich habe zwar mehrere Sommerkleider dabei, aber keines davon ist auch nur ansatzweise für einen Music-Star-Verleih geeignet.«
   »Keine Sorge.« Rafael lächelte, merklich erleichtert, dass er sich wieder auf sicherem Terrain befand. »Heute Nachmittag wirst du dich mit Claire Marshall treffen. Sie ist ein begnadete Fashion Stylistin. Sie kann dir kurzfristig weiterhelfen.«
   Evelyn rieb sich unbehaglich die Arme. Fashion Stylistin? Das klang, als würde sie, was ihr Aussehen anging, von nun an entmündigt werden.
   »Sie wird dich auch für den heutigen Abend und das Fotoshooting einkleiden«, fuhr Rafael fort. »Dieses werdet ihr nämlich zu Pferd absolvieren. Ihr müsst ein paar Meter hin und her traben – nur für die Kameras. Schaffst du das?«
   »Natürlich.« Ein kleines Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie würden reiten gehen? Das war mit Abstand die beste Nachricht des Tages. Sie ritt für ihr Leben gern. Seit sie vor drei Jahren von der berittenen Polizeistaffel in den Innendienst versetzt worden war, hatte sie viel zu selten Gelegenheit dazu.
   »Gut. Das wäre also geklärt.« Rafael zerrte einen leeren Notizzettel aus der Mappe. »Bevor Kenan und ich aufbrechen, muss ich mich noch darum kümmern, dass du dein eigenes Schlafzimmer bekommst. Am besten nehmen wir das im Nordflügel, das ist genauso groß wie seines hier. Außerdem brauche ich den Namen eures Hotels wegen der Koffer und deinen Heimflug müssen wir auch noch stornieren.«
   Evelyn nannte ihm die Daten und sah zu, wie er sich Notizen machte. »Wo wir gerade vom Heimflug reden«, ergänzte sie. »Ich muss noch einige Dinge in Deutschland regeln und dafür brauche ich bestimmt eine Woche. Wann geht das am besten?«
   Rafael überlegte eine ganze Weile. »Ich denke, nach eurer Rückkehr aus Detroit«, schlug er dann vor. »Ich werde mich gleich darum kümmern.«
   »Okay.« Evelyn sah ihm nach, als er zur Tür ging.
   Die Hand bereits auf der Klinke, drehte er sich noch einmal um. »Sekunde, das hätte ich fast vergessen.« Er steckte die Hand in seine Hemdtasche. »Kenan hat mich gebeten, dir das zu geben. Würdest du ihn bitte wieder tragen?«
   Evelyn beäugte argwöhnisch, wie er ihren Ehering hervorkramte. Widerwillig nahm sie ihn entgegen, und noch widerwilliger steckte sie ihn wieder an.
   Die Tür fiel leise hinter Rafael ins Schloss. Langsam drehte sich Evelyn zu Marissa um, die inzwischen auf dem Stuhl saß.
   »Und was jetzt?« Sie ließ sich ihrer Freundin gegenüber aufs Bett fallen.
   »Jetzt ziehst du die Sache durch.« Sie spielte grinsend mit einem Band an Kenans Shirt. »Ich wette, die kommenden Monate wirst du für den Rest deines Lebens nicht mehr vergessen.«
   Evelyn verzog das Gesicht. »Das ist leider genau das, was ich auch befürchte. Diese Aktion übertrifft alles, was ich in meinem Leben je angestellt habe.« Ihr Blick streifte das Funktelefon auf der Kommode. Sie musste dringend zu Hause Bescheid geben. Dummerweise war ihr Handy bei der Klettertour im Bryce Canyon zu Bruch gegangen. Wenn sie in Deutschland anrufen wollte, dann am besten von diesem Anschluss aus. Was ihre Brüder wohl zu ihrer Blitzehe sagen würden – und ihre Eltern erst? Sie schluckte. Es half nichts. Sie musste ihre Familie informieren – möglichst, bevor die Presse diese Aufgabe übernahm. Sie warf einen prüfenden Blick auf die Uhr und rechnete kurz nach, dass es in Deutschland jetzt früher Abend sein musste. »Denkst du, ich kann hier das Telefon benutzen?«, fragte sie Marissa.
   »Also, du stellst Fragen. Natürlich kannst du das, du gehörst doch jetzt quasi zum Haushalt.«
   Evelyn zögerte nur einen Moment, dann nahm sie das Gerät aus der Station. Flink tippte sie die Vorwahl für Deutschland ein gefolgt von der Nummer des Polizeireviers, auf dem sie mindestens einen ihrer Brüder um diese Zeit erreichen würde.
   Sie hörte ein kurzes Rauschen, als sich die Verbindung aufbaute, dann ertönte das Freizeichen. Nach zweimaligem Klingeln wurde am anderen Ende abgehoben. »Polizeirevier Stuttgart Ost, Maurer am Apparat«, meldete sich einer der Kollegen ihrer Brüder.
   »Klaus? Hallo, hier ist Evelyn Lauinger.«
   »Hey America-Girl. Wie geht’s dir?«
   »Ganz gut.« Eine glatte Lüge. Gottlob war sie nicht an einen Lügendetektor angeschlossen. Der Ausschlag wäre kolossal gewesen. »Ist einer meiner Brüder in Griffweite?«
   »Klar, natürlich. David steht schon hinter mir. Warte kurz.«
   »Hallo Kleine«, begrüßte ihr Bruder sie einige Sekunden später. »Wo steckst du gerade?«
   »In Las Vegas, ich bin bei …« Sie stockte. Es war keine gute Idee, damit zu beginnen, in wessen Schlafzimmer sie gerade saß. Hilflos blickte sie Marissa an, doch diese machte nur eine überleitende Geste. »Ich bin hier gerade am Umorganisieren«, rettete sie den Satz. »Deshalb rufe ich auch an. Ich werde morgen noch nicht nach Hause fliegen.«
   »Warum denn nicht?« In Davids Stimme schlich sich ein Unterton, den sie schon kannte. Besorgnis.
   »Es ist nichts passiert«, redete sie rasch weiter. Jedenfalls nichts, was ihre körperliche Gesundheit bedrohte. Hastig wischte sie den Gedanken beiseite. »Ich muss noch eine Weile in den USA bleiben.«
   »Wie jetzt? Das kapiere ich nicht. Bei Marissa?«
   »Nein, nicht direkt bei Rissa. Ich … äh.« Fieberhaft überlegte sie, wie sie die Bombe platzen lassen konnte, ohne einen Supergau auszulösen. »Ich bin hier in einer Privat-Lodge in Vegas«, begann sie, das Pferd von hinten aufzuzäumen.
   »Hast du etwa den Jackpot geknackt?«, scherzte David und kam der Wahrheit damit makaber nahe.
   »Nicht direkt.« Evelyn schloss die Augen und wappnete sich innerlich. »Ich habe hier … Irgendwie habe ich gestern … geheiratet.«
   »Was?« Er bellte das Wort so laut, dass man es zweifelsfrei noch drei Zimmer weiter hören konnte. »Das ist ein Witz, oder? Du nimmst mich auf den Arm!«
   »Nein, David. Es ist wahr. Ich habe gestern Nacht geheiratet.«
   »Und wen? Sag jetzt nicht irgendeinen Promi oder jemanden in der Art.«
   Evelyn starrte erstaunt den Hörer an. Konnte ihr Bruder hellsehen? »Leider ja«, erwiderte sie trocken. »Es ist Kenan Shaw.«
   Ihr Bruder rang hörbar nach Luft. »Du meinst jetzt aber nicht den Schauspieler Kenan Shaw, oder?«
   »Doch, genau den.«
   »Nein, du verschaukelst mich, das ist nicht dein Ernst!«
   »Doch.«
   »Du hast nie und nimmer Kenan Shaw geheiratet!«
   »Dohoch! Ich mache keinen Scherz, wirklich nicht.«
   »Das … das …« Einen Moment fehlten David sämtliche Worte, dann war er nicht mehr zu bremsen. »Das gibt’s ja nicht! Wie hast du denn das fertiggebracht? Du warst doch nur drei Tage in Las Vegas. Wo hast du ihn überhaupt kennengelernt? Das glaube ich jetzt einfach nicht!«
   »Ich kann es auch noch kaum glauben.« Evelyn rieb sich die Schläfe, weil die Reaktion ihres Bruders ihr ein weiteres Mal bewusst machte, wie absurd die Situation war.
   »Heiliges Kanonenrohr«, hörte Evelyn ihren anderen Bruder Sebastian im Hintergrund nuscheln. David drehte sich den Geräuschen nach vom Hörer weg. »Sie hat tatsächlich Kenan Shaw geheiratet«, sprach er in den Raum. »Keine Ahnung, wie, aber sie hat es getan.« Lautes Rascheln.
   Offenbar war es Sebastian gelungen, das Telefon zu erobern. »Ist das wahr?« Er klang beinahe noch fassungsloser als sein Bruder. »Du hast Kenan Shaw geheiratet?«
   »Ja, gestern«, bestätigte Evelyn geduldig.
   »Und was willst du jetzt machen?«
   »Das möchte ich euch gerade erklären, aber ihr lasst mich nicht mehr zu Wort kommen«, tadelte sie ihn mild, worauf er sofort den Mund hielt. In ruhigen Sätzen erklärte sie ihm, was sie und Kenan vereinbart hatten. »Was meint ihr dazu?«, fragte sie, sobald sie zu Ende berichtet hatte.
   »Und du bist dir sicher, dass diese Ehe wirklich rechtskräftig ist?«, bohrte Sebastian noch einmal nach.
   »Ja, absolut. Kenans Anwälte haben das schon bis ins Detail geprüft.«
   »Natürlich.« Er schwieg einen Moment. »Ich fürchte, dir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als die Sache durchzuziehen«, sagte er langsam und schlug sich damit unwissentlich auf Marissas Seite. »Ein halbes Jahr geht vorüber und ich denke, du wirst sicher Dinge erleben, von denen andere nur träumen können.«
   Evelyn schüttelte den Kopf. »Vielleicht will ich das überhaupt nicht. Eigentlich möchte ich nur morgen in den Flieger steigen und nach Deutschland zurückfliegen, aber …« Sie verstummte.
   »Daraus wird wohl nichts«, schloss Sebastian leise. »Und wann sehen wir dich wieder? Wir können deiner Abteilung zwar Bescheid sagen, aber wenn du ein halbes Jahr weg bist, müsstet du auf jeden Fall unbezahlten Urlaub nehmen.«
   »Ich weiß. Ich werde versuchen, so schnell wie möglich zu euch zu kommen. Wenigstens für ein paar Tage.«
   David grunzte im Hintergrund. »Das klingt ja, als wollte dieser Shaw dich gar nicht mehr weglassen.«
   »Er weniger. Sein Manager sitzt mir mit dem Terminplan im Nacken. Ich habe plötzlich jede Menge Verpflichtungen.« Evelyn atmete geräuschvoll aus. »Heute Abend muss ich Kenan ins MGM-Grand begleiten und morgen reisen wir nach einem Fototermin gleich nach Detroit weiter.«
   »Hey, dann sehen wir dich ja vielleicht im Fernsehen.«
   »Schon möglich.« Sie holte tief Luft. »Das wird bestimmt furchtbar. Ich werde neben ihm wie ein ungeschickter Trampel wirken.«
   »Nein, wirst du nicht. Im Gegenteil. Du wirst großartig sein. Du bist die Souveränität in Person, Eve. Bisher hast du noch jede Herausforderung gemeistert. Das ist nur eine weitere, die du bewältigen musst.«
   »Danke.« Die Überzeugung in Sebastians Stimme beruhigte sie etwas. »Bitte sagt Mama und Papa vorerst nichts. Ich glaube nicht, dass sie davon begeistert wären. Zum Glück sehen sie so selten Fernsehen, seit sie auf Gran Canaria wohnen. Pap würde sich furchtbar aufregen.«
   Sebastian lachte leise. »O ja, das würde er. Deine Heirat wird seinem Spürsinn einen üblen Schlag versetzen. Er ist immer felsenfest davon ausgegangen, dass du irgendwann mit Dom vor den Altar trittst. Er hat sogar darauf gewettet. Aber einen Kenan Shaw kann wohl keiner toppen.«
   »Er hat darauf gewettet?« Evelyn war verblüfft. »Das wusste ich gar nicht. Dom und ich sind doch schon längst kein Paar mehr. Aber davon abgesehen muss niemand Kenan Shaw toppen. Ich werde nicht ewig seine Frau bleiben, sondern nur sechs Monate. Danach bin ich wieder frei und ungebunden.« Nicht einmal in ihren eigenen Ohren klangen die Worte überzeugend.
   »Wenn du dich da mal nicht irrst«, merkte ihr Bruder passenderweise an. »Ich habe Kenan Shaw zwar bisher nur auf der Mattscheibe gesehen, aber ohne ist der nicht. Die Mädels im Revier sind seinetwegen alle ganz aus dem Häuschen. Sie meinen, der Typ sei megascharf.«
   »Danke, dass du mich drauf aufmerksam machst«, gab Evelyn etwas schnippisch zurück. »Das ist mir auch schon aufgefallen. Und sag David, er soll mit dem Fluchen aufhören. Das hilft mir auch nicht.«
   »Sag’s ihm selbst.« Sebastian reichte den Hörer weiter.
   »Entschuldige, Eve.« David klang zerknirscht. »Ich bin immer noch total überrumpelt. Ich weiß gar nicht, was ich davon halten soll. Können wir vielleicht irgendetwas tun? Brauchst du was? Sollen wir dir deine Kleider nachschicken?«
   »Ich glaube kaum, dass sie die brauchen wird«, ließ sich Sebastian im Hintergrund vernehmen.
   »Nein, nicht nötig«, wandte auch Evelyn ein. »Ich habe Bastian gerade gesagt, dass ich versuchen werde, für ein paar Tage nach Deutschland zu reisen. Ich sag euch Bescheid, sobald ich einen genauen Termin habe.«
   »Das will ich hoffen.«
   »Ich muss jetzt Schluss machen. Ich telefoniere hier von Kenans Privatanschluss.«
   »Gut, aber du hältst uns auf dem Laufenden, ja?«
   »Natürlich. Grüßt bitte Lukas von mir, wenn ihr ihn nachher zu Hause seht.«
   »Machen wir. Und Evelyn?«
   »Ja.«
   »Lass dich von dem Kerl nicht unterkriegen. Er hat keine Ahnung, was für einen Glücksgriff er mit dir getan hat. Außerdem kannst du ihm ausrichten, dass er Ärger mit deinen Brüdern bekommt, wenn er dich nicht anständig behandelt.«
   Evelyn lächelte gerührt. »Danke. Das ist lieb von dir. Und ich werde mich nicht unterkriegen lassen, versprochen. Bis bald.« Langsam legte sie auf.
   Marissa sah sie gespannt an. »Und, was sagen sie? Waren sie wütend?«
   »Nein, nur völlig vor den Kopf gestoßen.« Evelyn kippte seufzend nach hinten aufs Bett.
   »Kann ich mir denken.« Marissa ließ Kenans Shirt los, an dem sie die ganze Zeit herumgezupft hatte, und legte sich neben sie. »Ist dir eigentlich klar, dass du in einem halben Jahr eine reiche Frau sein wirst? Ich verstehe zwar nicht viel vom amerikanischen Scheidungsrecht, aber das, was ich weiß, sieht gut für dich aus.«
   Evelyn zuckte die Schultern. »Darüber mache ich mir im Moment keine Gedanken. Mich beschäftigt eher, was bis dahin passiert.«
   Jemand klopfte verhalten an die Tür.
   »Ja?« Evelyn setzte sich auf.
   »Mrs. Shaw?«, erkundigte sich eine Männerstimme. »Ich habe Ihr und Ms. Tomanellis Gepäck.« Evelyn zog einen Flunsch. Mrs. und Ms. So schnell änderten sich die Dinge. Sie rutschte vom Bett und öffnete. Vor ihr stand ein massiver Südländer. »Massiv« war der einzig passende Ausdruck, denn der Mann schien genauso breit wie hoch zu sein, obwohl er an die einsneunzig groß sein musste. Als er sie sah, lächelte er von einem Ohr zum anderen und enthüllte dabei einen Goldzahn. Freundlich streckte er ihr eine riesige Pranke hin. »Ich bin Diego. Mr. Shaws Bodyguard.«
   »Freut mich. Evelyn Lauing …« Sie biss sich auf die Zunge. »Ich meine Shaw. Evelyn Shaw.«
   Er zwinkerte frech. »Macht nichts. Das passiert Ihnen sicher noch öfter. Meine Cousine hat ganze drei Wochen gebraucht, bis sie sich an ihren neuen Nachnamen gewöhnt hatte. Wo darf ich das Reisegepäck hinbringen?«
   Evelyn erwiderte sein offenes Lächeln. Es gab nur wenige Menschen, die einem auf Anhieb sympathisch waren. Diego gehörte dazu. »In das Schlafzimmer im Nordflügel, bitte«, wiederholte sie Rafaels Worte.
   »Kein Problem. Ich bringe es gleich dorthin.« Er schaute an ihr vorbei zu Marissa. »Ms. Tomanelli, Ihr Wagen steht aufgetankt neben der Garage. Ihre Reisetasche habe ich ebenfalls hier, falls Sie sie vor Ihrer Abreise noch brauchen. Außerdem soll ich Ihnen ausrichten, dass in der Küche Snacks für sie bereitstehen.«
   »Danke, sehr nett.«
   Sie folgten dem Bodyguard den Gang entlang.
   Evelyn blickte auf die Uhr. »Unter anderen Umständen wäre ich jetzt schon seit einer Stunde am Flughafen – und du auf dem Heimweg.« Sie drehte den Kopf zu ihrer Freundin. Der Gedanke, dass sie sich bald voneinander verabschieden mussten und sie danach nur noch fremde Personen um sich haben würde, verursachte einen üblen Druck in ihrem Magen.
   »Ich will dich nicht allein lassen«, sagte Marissa, die wie immer ein legendäres Gespür besaß, was gerade in ihr vorging. »Aber ich muss umgehend losfahren und den Mietwagen abgeben, sonst verpasse ich meinen Anschlussflug nach Ecuador.«
   »Ich weiß.« Evelyn rieb sich seufzend übers Gesicht. Marissa zog an ihrem Arm, bis sie sie wieder ansah.
   »Egal, was passiert«, sagte sie eindringlich. »Du kannst mich immer anrufen, hast du verstanden? Egal, wann. Ich werde mein Handy mit auf die Reise nehmen. Wenn ich nicht drangehe, sprichst du mir auf die Mailbox.«
   Diego räusperte sich diskret. »Es besteht auch die Möglichkeit, Ms. Tomanelli mit der Limousine an den Flughafen zu fahren, dann hätten Sie die Möglichkeit, sie zu begleiten. Den Mietwagen können wir dann später zurückbringen.«
   Evelyn blickte ihn hoffnungsvoll an. »Würde das denn gehen?«
   Er nickte sofort. »Natürlich. Sollen wir in fünfzehn Minuten aufbrechen?«
   »Ja, bitte.«
   »In Ordnung.« Er stellte die beiden Reisetaschen auf eine handgearbeitete Holztruhe und zog sich diskret zurück.
   Das Schlafzimmer war nicht weniger komfortabel gestaltet als das andere, aber Evelyn hatte kaum einen Blick für den Luxus um sich herum. »Hast du noch Zeit, eine Kleinigkeit zu essen?«, fragte sie Marissa.
   Diese nickte begeistert. »Dafür ist immer Zeit. Lass uns sehen, was für Snacks das sind.«
   Auf der Suche nach der Küche marschierten sie den Gang entlang. Doch dorthin mussten sie gar nicht, wie sie begriffen, als sie das Buffet auf dem Sideboard im Essbereich des Wohnzimmers entdeckten.
   »Herr im Himmel«, staunte Marissa. »Das sollen Snacks sein? Für mich sieht das eher wie ein Fünfsternemenü aus.« Verblüfft beäugten sie die Vielzahl von Köstlichkeiten. Nachdem sich Marissa zwei Wraps auf einen Teller gelegt hatte, setzte sie sich neben Evelyn an den Glastisch. »Willst du nichts essen, Eve? Du musst doch halb verhungert sein. Du hast ja nicht einmal gefrühstückt.«
   Evelyn fasste sich gequält an den Bauch. »Nein, ich mag jetzt nichts, danke. Wenn ich nur daran denke, dass ich Kenan heute Abend ins MGM begleite, wird mir ganz schlecht.«
   Marissa ließ den Wrap, in den sie gerade hatte beißen wollen, wieder auf den Teller sinken. »Hoffentlich legt sich das. Du solltest vorher unbedingt etwas essen. Ich will dich ja nicht kirre machen, Eve, aber ihr werdet jede Menge Aufsehen erregen. Nicht, dass du noch umkippst.«
   Evelyn stützte das Gesicht in die Hände. »Wenn es nur schon vorbei wäre«, jammerte sie leise, dann straffte sie diszipliniert die Schultern. »So schlimm kann es ja wohl nicht werden. Ich schaffe das.«
   »Natürlich schaffst du das«, machte Marissa ihr Mut, »aber es ist trotzdem besser, wenn du etwas im Magen hast«, wiederholte sie, schob Evelyn ihren Teller hin und stand auf, um sich einen neuen zu richten.
   Evelyn zögerte einen Moment, dann langte sie zu. Falls sie vor dem MGM umkippte, dann wenigstens nicht vor Hunger.

Eineinhalb Stunden später stand sie wieder im Schlafzimmer des Nordflügels. Marissa am Flughafen zu verabschieden, war ihr unendlich schwergefallen. Nicht nur, weil ihre Freundin sich für mehrere Monate in Ecuador aufhalten und schwer zu erreichen sein würde, sondern auch, weil Evelyn liebend gern selbst in dieses Flugzeug gestiegen wäre. Eigentlich wäre sie in jedes Flugzeug gestiegen – solange es sie nur möglichst weit weg von Kenan Shaw brachte.
   Evelyn schöpfte Atem. Nein, sie würde jetzt nicht über die kommenden Wochen nachgrübeln. Das führte zu nichts.
   Resolut stellte sie die kleinere der beiden Taschen aufs Bett und zog den Reißverschluss auf. Sie hatte ihren Brüdern versprochen, sich nicht von Kenan unterkriegen zu lassen. Das galt auch für den Rest. Sie würde den ganzen Zauber, angefangen mit dem heutigen Abend, überstehen. Irgendwie.
   Um die Panik nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, begann sie, einen Teil ihrer Wäsche in der geräumigen Kommode zu verstauen. Danach blickte sie auf die zweite Reisetasche, unschlüssig, ob sie sie überhaupt auspacken sollte, weil sie am nächsten Tag nach Detroit fliegen würden.
   Sie ließ es bleiben, schnappte sich lediglich die wichtigsten Toilettenartikel und brachte sie in das angrenzende Bad. Offenbar würde sie es allein benutzen, denn es enthielt keinerlei persönliche Gegenstände.
   Zurück im Schlafzimmer stand Evelyn eine Weile reglos da, dann beschloss sie, ein wenig das Anwesen zu erkunden, bevor die Fashion Stylistin sie unter ihre Fittiche nehmen würde. Das war auf jeden Fall besser, als zuzusehen, wie sich ihr Puls in neue Dimensionen schraubte. Vielleicht würde ein kleiner Spaziergang ihre Nervosität abbauen.
   Als sie durchs Wohnzimmer schritt, sah sie Rafael mit Diego reden. Kenan und er waren also wieder zurückgekehrt. Damit sie ihm nicht gleich wieder begegnete, machte Evelyn einen Bogen um den Eingangsbereich und verließ die Lodge zum Pool hin.
   Unglücklicherweise hatte sie damit genau die falsche Entscheidung getroffen, denn als sie sich dem Pool näherte, sah sie Kenan darin kraulen. Zögernd trat sie näher.
   Anscheinend war sein Training für den heutigen Tag noch nicht beendet, denn er hatte ein Tempo drauf, das mit Herumplantschen nichts gemein hatte. Seine Bewegungen glichen einem präzisen Uhrwerk, wurden weder schneller noch langsamer. Eine halbe Bahn lang gestattete sie sich, zu beobachten, wie sein Körper ähnlich einem Messer durchs Wasser schnitt, dann wandte sie sich in Richtung des Gartens ab.
   Absichtlich nicht an den Mann im Pool denkend, wanderte sie einen gewundenen Steinweg entlang und bewunderte die gepflegte Umgebung. Das Grundstück besaß parkähnliche Ausmaße. Neugierig folgte sie den verschiedenen Wegen und kehrte erst ins Haus zurück, als es Zeit war, der Fashion Stylistin gegenüberzutreten.

3.
Transformation

Claire Marshall sah vollkommen anders aus, als Evelyn erwartet hatte. Statt einer aufgedonnerten Amerikanerin stand eine zierliche Asiatin mit streng nach hinten gekämmten Haaren vor ihr. Obwohl sie schwindelerregend hohe Schuhe trug, reichte sie Evelyn gerade mal bis zum Kinn.
   Nichtsdestotrotz streckte die Stylistin ihr selbstbewusst eine Hand entgegen. »Mrs. Shaw, ich bin Claire Marshall.«
   »Guten Abend.«
   Nachdem sie einige höfliche Floskeln ausgetauscht hatten, drehte sich die Asiatin zu dem fahrbaren Kleiderständer um, den sie mitgebracht hatte. »Uns bleibt nicht sehr viel Zeit, also sollten wir gleich beginnen. Sie können sich schon einmal bis zur Unterwäsche ausziehen.«
   Evelyn zögerte einen Moment, dann fasste sie etwas beschämt nach den Knöpfen ihres Sommerkleides. Natürlich war ihr klar gewesen, dass sie ihre Kleidung ablegen würde. Aber musste es gleich mitten im Zimmer sein? Direkt vor den Augen dieser Frau? Als sie fertig war, wanderte Claires Blick analytisch von Evelyns Haaren bis zu ihren Füßen und wieder zurück. »Ts, ts.«
   Ts, ts? Evelyn wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Schweigend sah sie zu, wie Claire mit flinken Handgriffen die von klaren Hüllen geschützten Kleider durchblätterte.
   Einige Augenblicke hörte man nur das Rascheln von Stoff und Plastik, dann nahm sie eines von der Stange. »Mit dem Kleid für die Music-Star-Verleihung fangen wir an. Das dürfte das Diffizilste werden.«
   Evelyn schaute neugierig auf das kaffeebraune Wickelkleid, dass Claire vor ihren Augen auspackte. Sie konnte sich wahrlich nicht als Modespezialistin bezeichnen, aber dass das Kleid teuer war, sah sie trotzdem. Vorsichtig schlüpfte sie hinein und hob die Arme, damit Claire es korrekt wickeln konnte. Als sie damit fertig war, betrachtete Evelyn verblüfft ihr Spiegelbild. Für den ersten Versuch passte es erstaunlich gut.
   Claire deutete ihre Überraschung richtig und lüftete das Geheimnis. »Mr. Shaw hat mir Ihre Maße genannt, so konnte ich bereits eine Vorauswahl treffen.«
   Evelyns Wangen nahmen einen dunklen Farbton an. So genau konnte Kenan das bestimmen? Hatte er vergangene Nacht ein Maßband verwendet oder waren schon so viele Frauen durch seine Hände gegangen, dass er deren Größen abschätzen konnte. »Echt beeindruckend«, murmelte sie.
   »Ja, nicht wahr?« Claire schlang die seitliche Bindung des Kleides in einen eleganten Knoten. »Mr. Shaw hat ein geschultes Auge. Stammt noch aus seinen Zeiten als Model.« Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete die Kreation mit Argusaugen.
   Evelyn hielt den Atem an.
   »Am Busen sitzt es nicht schlecht«, befand die Stylistin. »Aber es betont ein wenig zu sehr Ihre Hüfte.«
   »Was?« Evelyn blickte ratlos an sich hinunter. »Finden Sie?« Eigentlich hatte sie ihre Hüfte immer für recht schmal gehalten – zumindest, bis sie einer spindeldürren Asiatin gegenübergetreten war.
   Claire nickte beflissen. »Für den Trend in Hollywood sind Sie ein wenig zu …«, sie überlegte kurz, »fraulich geformt. Vielleicht könnten Sie noch drei oder vier Kilo abnehmen. Das würde sicher gehen, oder?«
   »Aber dann bin ich ja nur noch Haut und Knochen!«
   Claire verzog keine Miene. »Natürlich müssen Sie das nicht tun. Aber bedenken Sie, dass Sie neben Kenan Shaw auf dem rotem Teppich stehen werden. An Ihrer Stelle würde ich mir den Vorschlag gründlich durch den Kopf gehen lassen.«
   Vorschlag? Evelyn verschränkte die Arme vor sich. Zum ersten Mal fühlte sie sich in ihrem Körper unwohl.
   Claire trat an den Ständer und öffnete den Reißverschluss der nächsten Kleiderhülle. »Dieses hier ist weiter geschnitten. Es dürfte besser aussehen.« Sie zog ein traumhaftes Gebilde aus violetter Seide hervor.
   Evelyn stand still, als die Stylistin ihr das Kleid fachmännisch über den Kopf stülpte. Sobald sie wieder etwas sehen konnte, blickte sie in den Spiegel – und hielt den Atem an. Claire hatte recht. Gegen diesen Schnitt konnte das Braune einpacken. Begeistert drehte sie sich erst zu der einen, dann zu der anderen Seite. »Wirklich toll.«
   Claire nickte langsam. »Es geht. Gerade so«, kommentierte sie und öffnete eine Schuhschachtel. »Hier, das müsste Ihre Größe sein.« Sie hielt Evelyn ein paar Schuhe hin, auf deren Absatz man ohne Probleme die Quittungen eines ganzen Jahres hätte aufspießen können.
   Evelyn schüttelte den Kopf. »Nein, bitte räumen Sie die wieder weg. High Heels und ich, das passt nicht zusammen. Haben Sie nicht etwas Flaches?«
   Claire musterte sie konsterniert. »Sie wollen zu diesem Kleid flache Absätze tragen? Warum denn? Hohe Schuhe strecken ganz wunderbar die Figur. Probieren Sie sie wenigstens einmal an.«
   Evelyn ließ sich von ihrem strengen Blick nicht beirren. »Nein, wirklich nicht. Ich hätte gern flache Schuhe, falls Sie welche haben.«
   Claire bedachte sie mit einem missbilligenden Blick. Offensichtlich war sie bei ihr mit dieser Bitte endgültig durch das modische Raster gefallen. Evelyn sah beherzt darüber hinweg, wie mürrisch die Asiatin darauf wartete, dass sie nachgab. Nun, darauf würde sie lange …
   »Haben Sie nun flache Schuhe oder nicht?«, hakte sie nach, bemüht, ihren freundlichen Tonfall nicht sausen zu lassen. »Ich könnte auch meine eigenen schwarzen Sandalen tragen, die würden eigentlich auch ganz gut zum Kleid passen.«
   Die Stylistin hob in einer panisch wirkenden Geste die Hand. »Das wird nicht nötig sein. Im Auto habe ich noch ein paar Ballerinas in Ihrer Größe, die farblich nicht gleich ein Desaster darstellen.« Mit einem kaum zu übersehenden Blick in Richtung von Evelyns über dem Stuhl hängenden Sommerkleid rauschte sie davon.
   Evelyn tat so, als hätte sie den Angriff auf ihren Geschmack nicht gehört. Als die kleine Frau den Raum verließ, lockerte sie seufzend die verkrampften Schultern. Sie beide hatten ja einen tollen Start hingelegt. Wenn das so weiterging, würden sie sich die nächsten Wochen gnadenlos in die Wolle bekommen. Sprichwörtlich.
   Nachdem Claire zurückgekehrt und das Dilemma mit den Schuhen ausgestanden war, machten sie sich daran, die Kleidung für das Shooting und das Abendessen auszusuchen. Das halblange anthrazitfarbene Cocktailkleid für Letzteres behielt Evelyn gleich an.
   Als Claire mit dem Sitz des Kleides zufrieden war, drückte sie Evelyn auf einen flachen Hocker, den sie eigens zum Schminken mitgebracht hatte, und inspizierte ihr Gesicht. »Diese Sommersprossen sind ja ganz nett, aber wir sollten sie trotzdem abdecken.« Sie griff nach einer Palette, die Evelyn verdächtig an ihren Malkasten in der Schule erinnerte, und begann mit der Transformation.

Als Evelyn zwei Stunden später neben Kenan im Wagen saß, zupfte sie unbehaglich an dem anthrazitfarbenen Stoff herum. Zwar musste sie einräumen, dass ihre dunkelblauen Augen mit Hilfe von Claires Talent wundervoll zur Geltung kamen, dennoch flatterte ihr deren Anmerkung über ihre Hüfte wie eine Motte im Kopf herum. Unauffällig spähte sie zu Kenan, der in seinem leger sitzenden Designeranzug aussah, als wäre er gerade vom Laufsteg gesprungen. Ob er Claires Ansicht teilte? Sein verblüffter Blick, als er ihre veränderte Erscheinung zu Gesicht bekam, hatte ihr angeknackstes Ego zwar etwas aufgepäppelt, dennoch fragte sie sich, was er von ihrer Figur hielt. Ihre flachen Schuhe hatten ihn jedenfalls nicht begeistert, das hatte sie deutlich gespürt. Beherrscht schaltete sie die Gedanken aus. Sie war nicht irgendein It-Girl, das Wert auf seine Meinung legte.
   »Wie soll das heute Abend eigentlich ablaufen?«, fragte sie stattdessen. »Was muss ich beachten? Gibt es etwas, das ich wissen sollte oder keinesfalls machen darf?«
   Er hob mokiert die Augenbrauen. »Geht ihr in Deutschland nie auswärts essen?«
   Evelyn ballte die Fäuste. »Doch, sehr gern sogar. Aber es ist ja wohl etwas anderes, wenn man mit jemandem wie dir außer Haus geht.«
   »Ach ja?« Seine Mundwinkel zuckten erheitert, dann beugte er sich zu ihr. »Vielleicht ist es dir bislang nicht aufgefallen, aber ich gehöre auch zur Gattung Mensch.«
   Evelyn fragte sich, ob er versuchte, sie aus der Reserve zu locken. Falls ja, hatte er keinen Erfolg damit.
   »Du weißt genau, was ich damit meine«, antwortete sie, ohne auf seine Stichelei einzugehen.
   »Ja.« Er wurde wieder ernst. »Wir sollten einfach das machen, was normale Paare auch tun. Uns in den Arm nehmen, dicht beieinanderstehen, küssen, nett lächeln – das ganze Programm eben.«
   »Was, küssen auch?« Evelyn hoffte, sie klang nicht so entsetzt, wie sie sich fühlte.
   Kenan seufzte hörbar. »Natürlich werden wir uns küssen. Sonst können wir die ganze Show gleich bleiben lassen. Kriegst du das hin?«
   »Klar«, antwortete sie ein bisschen zu schnell.
   »Gut.« Kenan nickte, Zweifel in der Miene. Er durchsuchte seine Hosentasche. »Apropos Paar … Ich habe noch was für dich.« Im Sprechen zauberte er eine kleine Schachtel hervor und öffnete sie.
   Ehe Evelyn etwas sagen konnte, griff er nach ihrer Hand und streifte den Ehering von ihrem Finger. Verblüfft sah sie zu, wie er ihr ohne großen Umstand einen anderen, wesentlich schwereren ansteckte. »Hier, der wirkt nicht ganz so lausig wie der erste.«
   Sprachlos drehte sie die Hand und betrachtete den edlen Goldreif. Die in der Mitte eingelassenen Diamanten glitzerten lebendig und schienen mit jeder Facette das Licht der Wagenbeleuchtung einzufangen. »Er ist wunderschön«, hauchte sie. Ein kurzer Blick auf Kenans linke Hand bestätigte ihr, dass auch er einen anderen Ring trug – das Gegenstück zu ihrem, allerdings ohne die Steine. Sie räusperte sich. »Meiner sieht ganz schön teuer aus.«
   Kenan zuckte die Achseln. »War er aber nicht. Eigentlich kann man ihn sogar als Schnäppchen bezeichnen.«
   Dieses Mal war es Evelyn, die ihn zweifelnd musterte. »Was genau verstehst du unter Schnäppchen?«
   Er lehnte sich zurück und schaute aus dem Wagenfenster. »155.000 Dollar.«
   Evelyn schnappte geschockt nach Luft. »155.000 Dollar! Du gibst so viel Geld für einen banalen Ehering aus?«
   Offenbar verwundert über ihre Frage, drehte er sich wieder zu ihr. »Das ist nicht viel. Manche blättern dafür wesentlich mehr hin. Wenn du willst, darfst du ihn gern als Andenken behalten.«
   Entgeistert blickte sie erst den Ring, dann ihn an. »Das ist doch ein Scherz. Das kann ich nicht annehmen.«
   Kenan runzelte die Stirn. »Und warum nicht?«
   »Weil du ein kleines Vermögen dafür hingelegt hast.«
   »So was kann ich mir grad noch leisten«, wetterte er. »Der Ring hat nicht einmal ein Zwanzigstel meines Monatseinkommens gekostet. Du siehst also, ich komme nicht gleich ins Armenhaus, wenn du ihn annimmst.«
   Evelyn zuckte mit keiner Wimper, obwohl sie deutlich spürte, dass sie ihn mit ihrer schroffen Abwehr verletzt hatte. »Okay«, lenkte sie ein. »Ich werde darüber nachdenken.«
   Statt einer Antwort blickte er wieder aus dem Fenster.
   Evelyn tat es ihm nach. Nicht einmal ein Zwanzigstel seines Monatseinkommens? Grundgütiger, was verdiente der Mann?
   Den Rest des Weges schwiegen beide. Um sich von Kenan und dem bevorstehenden Restaurantbesuch abzulenken, nutzte Evelyn die Gelegenheit, Las Vegas vom Auto aus zu betrachten. Sie bekam ihre Aufregung recht gut in den Griff – bis sie wenige Minuten später vor dem MGM Grand anhielten. Obwohl sie sich nichts anmerken ließ, begann ihr Puls zu rasen. Krampfhaft versuchte sie, nicht daran zu denken, dass ihr in den nächsten Stunden Tausende von Menschen zusehen würden.
   Völlig mit sich beschäftigt, zuckte sie erschrocken zusammen, als Kenan nach ihrer Hand griff. Seine warmen Finger legten sich selbstsicher um ihre. »Bereit?«
   Ihr Blick streifte sein Gesicht. Er wirkte völlig entspannt. Sie dagegen war kurz davor, sich im Kofferraum zu verkriechen. Tief atmend sammelte sie ihre Courage wieder ein. »Ja.«
   Er betrachtete einen Augenblick ihre angespannte Miene, als wüsste er nicht so recht, ob sie die Sache wirklich durchziehen würde, dann gab er Diego ein Zeichen. Nicht einmal zehn Sekunden später wurde von außen die Wagentür geöffnet. Schon im selben Moment explodierte das Kreischen auf der Straße zu einem wahren Inferno. Der Pegel gewann noch erheblich an Lautstärke, als Kenan leichtfüßig aus dem Wagen stieg. Weil er ihre Hand nicht losließ, musste Evelyn ihm zwangsläufig folgen. Mit angehaltenem Atem rutschte sie aus dem Sitz und stellte sich der Öffentlichkeit.
   Das Blitzlichtgewitter war unbeschreiblich. Sie widerstand dem Reflex, die freie Hand vors Gesicht zu halten. Die Menschen benahmen sich, als wären sie das achte Weltwunder. So oft war sie in ihrem ganzen Leben noch nicht fotografiert worden. Sie sah zu Kenan, der den Überfall mit gewohnter Gelassenheit aushielt und dabei auch noch charmant lächelte. Er winkte grüßend in die Menge, legte einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich. Evelyn versuchte, locker zu bleiben, als sie der Länge nach mit seinem harten Körper in Kontakt kam. Es war das erste Mal, dass sie ihn so nahe spürte – von jenem verhängnisvollen Abend, an den sie sich immer noch nicht erinnern konnte, einmal abgesehen. Aus allen Richtungen prasselten Fragen auf sie ein, doch weder Kenan noch Diego reagierten darauf. Evelyn hoffte, es würde dabei bleiben. Sie hatte keinerlei Verlangen, ein Interview zu geben.
   Kenan drehte sich so, dass sie schräg vor ihm stand und legte sein Kinn an ihre Wange. »Wenn du lächelst, sieht du gleich viel weniger nervös aus«, riet er ihr und hauchte dabei einen zarten Kuss auf ihre Schläfe. Evelyn stockte der Atem. Anscheinend hatte er seine Ansage zu den Küssen durchaus ernst gemeint.
   Diszipliniert besann sie sich auf ihre Rolle. Sie zögerte einen Moment, dann warf sie alle Bedenken über Bord und lockerte ihre Haltung. Kenan ging sofort darauf ein, indem er eine Hand auf ihrem Hüftknochen platzierte. Sie winkten noch einmal, beide diesmal, und setzten sich in Bewegung. Als Evelyn hörte, wie begeistert die Menschen auf ihre Gesten reagierten, fiel ihr der Auftritt plötzlich gar nicht mehr so schwer.
   »Und, macht’s Spaß?«, erkundigte sich Kenan leise, während sie Arm in Arm zum Restauranteingang schlenderten.
   Sie schenkte ihm ein Lächeln. »Es wird langsam.«
   Ein mutwilliges Licht funkelte in seinen Bernsteinaugen. »Gut.« Seine Finger schlossen sich um ihr Kinn. »Dann probieren wir was Neues aus.« Langsam hob er ihr Gesicht an.
   Obwohl Evelyn ahnte, dass er sie gleich küssen würde, traf sie das Ganze unvorbereitet. Komplett überrascht von der zärtlichen Art, mit der er sie zu sich zog, hielt sie still, als er den Kopf beugte. Sein Duft hüllte sie ein, seine Haare streiften ihre Wange und dann lagen seine Lippen auf ihren. Der Kontakt elektrisierte sie augenblicklich, schickte heißes Prickeln durch ihren ganzen Körper. Überrascht von dem Ausmaß an Empfindungen, blinzelte sie einige Male, bevor sich ihre Lider von ganz allein schlossen. Kenan schien ihre Reaktion zu spüren, denn er begann in einer Weise mit ihrem Mund zu spielen, die sie vollkommen aus der Realität beförderte. Sämtliche Geräusche, Blitzlichter und Personen um sie herum drifteten in den Hintergrund. Ohne nachzudenken, fasste sie in seinen Nacken und lehnte sich an ihn. Es schien eine berauschende Ewigkeit zu dauern, bis sich Kenan wieder von ihr löste. In Wahrheit konnten es nur wenige Augenblicke gewesen sein. Wenige Augenblicke, die es aber in sich hatten. Als Evelyn wieder neben ihm stand, wusste sie nicht, worüber sie erstaunter sein sollte. Über die Tatsache, wie intensiv er sie gerade geküsst hatte, oder die Leichtigkeit, mit der sie darauf eingegangen war. Nie ihm Leben hätte sie erwartet, dass ihr erster Kuss dermaßen harmonisch klappen würde. Aber sie hatte auch nicht mit seiner behutsamen Vorgehensweise gerechnet. In seinen Filmen ging er solche Dinge wesentlich dominanter an.
   Ihr Blick glitt über sein Gesicht. Er ließ mit keiner Miene erkennen, was er über den Kuss dachte. Nur seine Augen funkelten golden, als er seine Hand wieder auf ihre Hüfte senkte.
   Wenige Minuten später betraten sie das Restaurant. Evelyn stellte erleichtert fest, dass der Oberkellner sie zu einem Tisch in einer abgetrennten Ecknische führte. Dort hatten sie wenigstens einen gewissen Sichtschutz. Kenan gab dem Mann ein Zeichen und rückte dann ihren Stuhl persönlich zurecht. Sie ließ sich darauf nieder, verblüfft, dass er tatsächlich wartete, bis sie saß, ehe er zu seinem Platz ging. Man konnte vieles über Kenan Shaw sagen, aber nicht, dass es ihm an erstklassigen Manieren fehlte.
   Zwei dezent gekleidete Damen reichten ihnen die aufwendig gebundene Speisekarte. Als Evelyn die Preise der Menüs sah, hätte sie die Karte um ein Haar wieder zugeklappt. Beherrscht rief sie sich zur Ordnung. Nach ihrer vorherigen Diskussion über den Ring würde sie dieses Thema bestimmt kein zweites Mal anschneiden.
   »Und, worauf hast du Lust?«
   Sie sah auf und stellte fest, dass Kenan anstelle seiner Karte sie aufmerksam beobachtete. Leicht verlegen senkte Evelyn den Blick. Außer den Preisen hatte sie bisher rein gar nichts gelesen.
   »Ich weiß noch nicht«, antwortete sie wahrheitsgemäß und überflog die blumig klingenden Gerichte. »Warum wählst du nicht aus?«, hörte sie sich sagen. Doch schon, als sie die Worte aussprach, hätte sie sich am liebsten in den Hintern getreten. Nun hatte sie ihm die Steilvorlage geliefert, irgendein widerliches Meeresgetier zu bestellen.
   »Gern.« Er schlug augenblicklich die Karte zu, was Evelyn vermuten ließ, dass er sie bereits auswendig kannte.
   »Kommst du oft … hierher?«, fragte sie stockend, weil sie um ein Haar die Worte mit Frauen eingebaut hätte. So genau wollte sie das nicht wissen.
   »Ja.« Er legte die Hände locker auf die geschlossene Karte. »Ich bin einer der Inhaber.«
   Sie musterte ihn überrascht, und ehe sie etwas dazu sagen konnte, trat der Oberkellner an den Tisch und präsentierte ihnen eine Flasche Wein, den er nach Kenans Zustimmung in die bauchigen Kristallkelche füllte.
   »Haben Sie schon gewählt?«, erkundigte er sich höflich.
   »Ja, haben wir«, antwortete Kenan und gab ihm die Karten zurück. »Als Vorspeise hätten wir gern die gefüllten Zucchiniblüten. Und zum Hauptgang nehmen wir die Wachtelbrüstchen auf Cranberrysauce mit Kartoffelmousse.«
   »Sehr wohl.« Der Keller deutete eine Verbeugung an und entfernte sich lautlos.
   Evelyn öffnete erleichtert die gestärkte Stoffserviette. Die Bestellung hörte sich nicht schlecht an. Eigentlich schade, denn sie war überzeugt, dass sie in den nächsten Stunden keine einzige Brotkrume würde schlucken können. Die aufregende Kussszene vor dem Restaurant saß ihr noch im Magen.
   Als könnte Kenan ihre Gedanken lesen, griff er über den Tisch und umfasste ihre Hand. Ob er das tat, weil es ein gutes Bild abgab, oder weil ihm einfach danach war, konnte sie nicht ergründen. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als er sich dicht zu ihr beugte. Wollte er sie etwa schon wieder küssen? In einer Mischung aus Wachsamkeit und Neugier beugte sie sich ihm entgegen.
   »Das Schlimmste haben wir überstanden«, sagte er leise genug, dass lediglich sie ihn hören konnte. Sein jungenhaftes Lächeln ziepte an ihren Nerven. »Jetzt können wir erst mal in Ruhe essen.«
   In Ruhe? Evelyn fühlte sich von unzähligen Augen beobachtet, nicht zuletzt, weil dauernd eine Armee von Servicepersonal in den Startlöchern stand. Betont langsam lehnte sie sich wieder zurück. Nicht, dass Kenan noch auf die Idee kam, sie kletterte gleich über den Tisch, nur weil er sie anfasste.

*

Kenan registrierte das leichte Zittern in Evelyns Fingern, bevor sie ihre Hand seinem Griff entzog. Das bestätigte seinen Verdacht, dass sie weit nervöser war, als sie sich anmerken ließ. Zwar mied sie seinen Blick und benahm sich etwas schreckhaft, aber das war es auch schon. Keine weiteren Anzeichen. Sie schlug sich wacker. Nicht nur, was ihren Auftritt anging … Perfekter hätten sie den Kuss nicht mehr inszenieren können. Nachdenklich lehnte er sich ebenfalls zurück. Irgendwie musste er sie von ihrer Anspannung ablenken. Das Erste, was ihm einfiel, war, sie wütend zu machen. Er verkniff sich ein Lächeln. Das würde ihm leicht gelingen, lief aber ihrer Show vom verliebten Paar fatal zuwider. »Wolltest du eigentlich schon immer zur Polizei oder hatten deine Brüder dabei ihre Finger im Spiel?«, versuchte er etwas anderes.
   Evelyns Kopf ruckte hoch. »Woher weißt du, dass zwei meiner Brüder ebenfalls Polizisten sind?«, fragte sie, doch dann nickte sie langsam. »Mr. Ballantine.«
   Er grinste. »Ich dachte, es wäre nett, wenigstens ein Minimum an Informationen über meine Ehefrau zu besitzen.«
   »So, was denn zum Beispiel?«
   »Zum Beispiel, dass du Meeresfrüchte nicht ausstehen kannst?«
   »Ja, stimmt.« Evelyn wirkte einen Moment verblüfft, vermutlich, weil er auch solche Details in Erfahrung gebracht hatte, dann beugte sie sich lebhaft vor. Er tat es ihr augenblicklich nach.
   »Ich weiß, dass du früher Motocross gefahren bist«, spielte sie den Ball zurück. »Damit steht es dann eins zu eins.«
   »So?« Er verzog amüsiert einen Mundwinkel. »Das ist ja wohl kein Geheimnis.«
   Sie verschränkte die Arme auf dem Tisch. »Das mit den Meeresfrüchten auch nicht – es steht auf meiner Facebookseite.«
   Er machte eine ausgleichende Handbewegung. »Touché.« Ohne sie aus den Augen zu lassen, dachte er einen Moment nach. »Du bist in Stutgard geboren und wohnst noch dort.«
   »Stuttgart«, korrigierte sie schmunzelnd. »Ja, meine Brüder und ich teilen uns das Haus meiner Eltern. Sie sind wegen des Rheumas meines Vaters vor zehn Jahren nach Gran Canaria gezogen. Seitdem passen wir Kinder gemeinsam auf das Haus auf.« Sie stützte das Kinn in die Hand. »Und du stammst aus Texas?«
   Er nickte. »Meine ganze Familie lebt noch heute dort. Ich habe eine jüngere Schwester. Leider sehe ich meine Leute nicht mehr so oft, seit ich wegen des Modeljobs nach Hollywood gezogen bin.«
   »Wie kam es, dass du als Model gearbeitet hast?«
   »Das hatte irgendwie auch mit dem Motocross zu tun. Bei einem Rennen hat ein Talentscout Bilder von mir geschossen. Dadurch ist eine Modelagentur auf mich aufmerksam geworden.«
   »Und dann?«, forderte Evelyn ihn auf, weiterzusprechen.
   Und das tat er. In den nächsten Minuten erzählte er ihr von seinen ersten Jahren in der Branche und dem Sprung ins Filmgeschäft.

*

Evelyn lauschte ihm interessiert. Sie bemerkte nur am Rande, dass die Vorspeise gebracht wurde, und ehe sie sich versah, aß sie tatsächlich davon.
   »Schmeckt es?«, wollte Kenan wissen, als sie sich den Mund mit der Serviette abtupfte, um einen Schluck Wein zu trinken.
   »Es ist köstlich«, gestand sie und hob das Glas an die Lippen. Ihre Nervosität hatte sich so gut wie verflüchtigt. Sie betrachtete ihren fast leeren Teller. Kenan und sie schienen heute Abend kein Problem damit zu haben, sich wie normale Menschen miteinander zu unterhalten. Sie spähte verstohlen zu ihm hinüber. Eigentlich musste sie ihn dringend noch etwas fragen. Etwas, das ihr wie Disteln unter den Nägeln brannte … Der Gedanke brachte die Nervosität zurück und so zögerte sie noch bis nach dem Hauptgang, ehe sie den Mut aufbrachte, besagtes Thema wirklich anzusprechen.
   »Ich möchte dich etwas zu gestern Nacht fragen«, tastete sie sich diskret vor, weil sie die friedfertige Atmosphäre nicht gleich wieder in Stücke hacken wollte. Zwangsläufig tat sie es trotzdem, denn Kenan spannte sich merklich an.
   »Und was?« Im Gegensatz zu eben klangen seine Worte nicht sehr einladend.
   Evelyn straffte sich. »Wir waren in einem Zimmer und haben in einem Bett geschlafen, die ganze Nacht«, fasste sie zusammen und hoffte, dass ihre Stimme nicht allzu sehr wackelte.
   Kenan beobachtete sie aufmerksam, die Augen leicht verkniffen, sagte aber nichts. Jetzt wirkte er wieder so unnahbar wie in seinen Filmen. Ihre Hände verkrampften sich in ihrem Schoß, was er gottlob wegen des Tischtuchs nicht sehen konnte, dann holte sie tief Luft. »Was ist zwischen uns passiert?«
   Seine Miene zeigte keinerlei Veränderung. Einen Moment hatte sie das Gefühl, er würde überhaupt nicht reagieren, doch dann schürzte er kurz die Lippen. Ob aus Ärger oder Belustigung blieb ihr ein Rätsel.
   »Nichts«, sagte er lapidar und griff nach seinem Weinglas, als wäre das Thema damit für ihn erledigt.
   Evelyn setzte sich gerader hin. »Wie, nichts?«, bohrte sie nach. »Du und ich … Haben wir nicht … Ich meine, sind wir …« Herrgott, jetzt fing sie auch noch an zu stottern.

*

Ohne sein Glas abzustellen, lehnte sich Kenan zurück. »Falls du darauf hinauswillst, ob wir miteinander geschlafen haben«, brachte er es ungeniert auf den Punkt, »Das haben wir nicht.«
   Als er sah, wie Evelyn offenkundig erleichtert die Schultern fallen ließ, biss er die Zähne zusammen. Einen winzigen Moment lang war er versucht, ihr zu stecken, was sie Ungehöriges mit ihm angestellt hatte, doch dann verkniff er sich die Details. Irgendwie war er sicher, dass Evelyn darüber nicht begeistert wäre, wo sie doch alles tat, einen gewissen Abstand zu ihm zu wahren.
   »Magst du ein Dessert?«, wich er aus, weil er befürchtete, sie würde trotz ihres greifbaren Unbehagens nach Einzelheiten fragen. »Ich kann dir die Crème brûlée empfehlen.«
   Als Evelyn seinem Blick begegnete, merkte er ihr deutlich an, dass sie mit dem krassen Themenwechsel tatsächlich ihre Schwierigkeiten hatte. Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder. »Nein, für mich nicht, danke«, sagte sie leise.

*

Eine Viertelstunde später beendeten sie den Abend. Nachdem sie den vor den MGM Grand unverändert wartenden Fans – Evelyn konnte es kaum glauben – zugewinkt hatten, fuhren sie auf Kenans Anwesen zurück. Zwar sprachen sie weiterhin über verschiedene Themen, aber keines davon ging über den Tiefgang eines normalen Small Talks hinaus. Evelyn konnte nicht gerade behaupten, dass sie unglücklich darüber war. Auch wenn ihre korrekte Seite sie ständig ermahnte, die Geschehnisse des Abends restlos in Erfahrung zu bringen, hatte sie doch Angst davor. Sie konnte Kenan einfach nicht gut genug einzuschätzen, um ihn zum brisanten Teil ihrer Hochzeitsnacht gezielt befragen zu können.
   Er brachte sie höflich an ihre Zimmertür. Ehe sie sich noch Gedanken machen konnte, wie er sich wohl verabschieden würde, hatte er ihr schon zugenickt und »Gute Nacht« gemurmelt. Mit lautlosen Schritten ging er auf dem dicken Teppich davon.
   Evelyn sah ihm verblüfft nach. Richtig, die Show war vorüber. Es bestand keine Notwendigkeit mehr, übertriebene Zärtlichkeit auszutauschen. Hier würde wohl kaum ein Paparazzo aus dem Feuermelder springen. Die Augen auf seinen breiten Rücken geheftet, wünschte sie, sie wäre angemessen erleichtert darüber. Tatsächlich hätte sie es überhaupt nicht so schlimm gefunden, ihn noch einmal zu kü… – stopp! Sie legte innerlich eine Vollbremsung hin. So etwas durfte sie nicht einmal denken.
   Als sich Kenan unvermittelt zu ihr umdrehte, griff sie hastig nach der Türklinke. Er sollte keinesfalls den Eindruck gewinnen, sie starrte ihm hinterher. Als er jedoch einige Schritte zurückkehrte, schaute sie wieder zu ihm.
   Er fing ihren Blick auf, die Hände lässig in den Hosentaschen vergraben. »Ich wollte dir noch sagen, dass du heute Abend großartig warst. Hast dich geschlagen wie ein Profi.«
   »Danke.« Törichterweise empfand sie so etwas wie Stolz. »Eigentlich hast du alles allein gemacht«, fügte sie nach kurzem Zögern hinzu.
   Seine Mundwinkel kräuselten sich. »Also, das stimmt nicht. Wir haben beide unseren Teil beigetragen.«
   Evelyn musterte ihn schweigend. Ob er damit ihren Auftritt im Allgemeinen oder speziell den Kuss meinte, ließ er ungesagt. Und leider war er zu weit weg, als dass sie die Antwort in seinen ausdrucksvollen Augen hätte lesen können. Gespannt wartete sie, ob er sich noch genauer äußern würde, doch das tat er nicht. Wieder einmal nicht.
   »Schlaf gut«, murmelte er stattdessen und setzte seinen Weg fort. Erst, als er um die Ecke gebogen war, wurde Evelyn bewusst, dass sie wie festgewachsen vor ihrer Zimmertür ausharrte. Ruppig drehte sie die Türklinke und trat ins Schlafzimmer. Kenan Shaw brachte es irgendwie ständig fertig, dass sie sich wie eine Idiotin vorkam.
   Kaum hatte sie die Tür in angemessener Diskretion hinter sich geschlossen, pfefferte sie ihre Tasche aufs Bett und marschierte geradewegs in das angrenzende Bad. Auch ohne Kenan gegenüberzusitzen, war es anstrengend, dauernd auf das Make-up im Gesicht zu achten.
   Die immer noch perfekt sitzende Wimperntusche beäugend, pflückte sie einige Kosmetiktücher aus der Box. Sie feuchtete sie mit der Lotion an, die Claire ihr heute Nachmittag besorgt hatte, und begann sich abzuschminken. Schon nach wenigen Bewegungen merkte sie, dass sie zu viel Lotion aufgetragen hatte, denn die Flüssigkeit lief ihr die Finger hinab.
   »Ach Mist.« Automatisch griff sie nach dem Wasserhahn, um sich die Hände zu reinigen, dabei blitzte der Ring auf. Besorgt zog sie den Arm zurück. Sicher war es keine gute Idee, ein 155.000 Dollar teures Schmuckstück mit Make-up und Seife zu beschmieren. Vorsichtig trocknete sie sich die Finger und nahm den Ring ab. Die Steine strahlten wie ein Feuerwerk. Ihre Fingerkuppen glitten ehrfürchtig über die Fassung, bis ihr auffiel, dass auf der glatten Innenseite etwas eingraviert war …
   Ohne den Blick vom Ring zu nehmen, schaltete sie alle Spiegelleuchten ein, dann hielt sie sich das Schmuckstück vor die Nase.
   Kenan & Evelyn Shaw, 16.05.2013, stand dort in weicher Schrift. Evelyns Magen begann zu flattern. Kenan hatte ihre Daten in den Ring prägen lassen?
   Irritiert legte sie das Schmuckstück auf die Ablagefläche neben dem Waschbecken. Warum hatte er das getan? Kein Mensch außer ihr würde die Gravur je lesen.
   Seine Worte kamen ihr in den Sinn: Du darfst ihn gern als Andenken behalten. Hatte er die Prägung deshalb vornehmen lassen, als Erinnerung? Kopfschüttelnd wischte sie die Reste des Lippenstifts ab. Als würde sie dieses Datum je vergessen können – oder ihn.
   Leise seufzend dachte sie an den Kuss vor dem Restaurant. Kenan zu küssen war schön gewesen. Ihre Lippen waren in einer Weise verschmolzen, als wären sie füreinander bestimmt – oder als hätten sie stundenlang geübt. Evelyn schluckte. Vielleicht hatten sie das wirklich – gestern Nacht. Die Finger auf die Lippen gelegt, schaute sie ihr Spiegelbild an. Jetzt, allein in ihrem Zimmer, wurde ihr allmählich bewusst, dass auch ein seltsames Gefühl der Vertrautheit zwischen ihnen geschwungen hatte. Beunruhigt zerrte sie ein neues Kosmetiktuch aus der Box. Kenan hatte zwar gesagt, sie hätten nicht miteinander geschlafen, aber Evelyn schwante langsam, dass sie dennoch weit mehr gemacht hatten, als nur Händchen zu halten.

Am nächsten Morgen war Evelyn dankbar, dass Claire ihr einen Crashkurs im Schminken aufgezwungen hatte. Nachdem sie die halbe Nacht mit Grübeln zugebracht hatte, sah sie völlig abgekämpft aus. Sie schraubte den Deckel vom Concealer und klopfte ihn mit dem Zeigefinger auf die dunklen Ringe unter ihren Augen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Sie zögerte nur einen Moment, dann griff sie nach dem Lidschatten und trug ihn dezent auf. Als sie sich wieder im Spiegel betrachtete, musste sie an ihre Brüder denken. Was sie wohl sagen würden, wie verändert sie schon nach wenigen Tagen in Kenans Nähe aussah? Achselzuckend trat sie aus dem Bad. An der These, dass man sich hinter Make-up verstecken konnte, war durchaus etwas dran. Sie schlüpfte in ihre weißen Jeans und ein dunkelgrünes Top, dann verließ sie das Schlafzimmer.
   Beschwingt frühstückte sie allein. Ausnahmsweise hatte sie sogar Hunger. Vermutlich, weil sie einige Zeit ohne Kenans Gegenwart verbringen konnte. Er trainierte schon seit einer geschlagenen Stunde im Fitnessraum. Als sie ihr Ei köpfte, spürte sie einen winzigen Anflug von Mitleid mit ihm. Es hatte auch seine Schattenseiten, derart von seinem Aussehen abhängig zu sein.

Auch das Mittagessen nahm sie allein ein. Der Besprechungstermin für Kenans nächsten Film hatte sich offenbar länger hingezogen als geplant, deshalb ließ er ihr über Diego ausrichten, dass er in Las Vegas essen und sie erst danach treffen würde.
   »Wird das nicht ein wenig knapp?«, erkundigte sie sich bei dem Bodyguard und blickte auf ihre Armbanduhr. »Um 14 Uhr findet doch dieses Shooting auf der Pferderanch statt. Rafael meinte, wir hätten mindestens eine Stunde Fahrzeit dorthin.«
   Diego schüttelte den Kopf. »Ihr Mann kommt mit dem Hubschrauber nach. Haben Sie eigentlich schon gepackt, Mrs. Shaw? Sie werden im Anschluss direkt nach Detroit aufbrechen.«
   »Ja, habe ich.« Evelyn atmete tief ein. Ihr Mann. Angestrengt versuchte sie, sich nicht darauf zu konzentrieren. Trotzdem jagte es ihr jedes Mal ein Kribbeln durch den Magen, wenn jemand diese Bezeichnung verwendete. Unwillkürlich drehte sie den Diamantring an ihrem Finger. »Mein Gepäck hat sich an nur einem Nachmittag quasi verdoppelt«, erklärte sie Diego, nur, um sich davon abzulenken.
   Er grinste. »Damit kommen wir schon klar. Im Kofferraum des Wagens ist genug Platz. Und wo wir gerade von Gepäck reden …« Er öffnete die Beifahrertür, nahm einen kleinen Karton aus dem Wagen und reichte ihn Evelyn. »Mr. Shaw hat mir das vorhin für Sie mitgegeben.«
   »Danke.« Neugierig trug sie das in Packpapier gewickelte Päckchen ins Wohnzimmer. Dort angekommen setzte sie sich in einen Sessel und löste vorsichtig die Klebestreifen. Eine Minute später hielt sie ein ultraflaches mattschwarzes Handy und einen Zettel in der Hand. Verblüfft las sie die handgeschriebene Nachricht:

Damit du nicht mehr auf den Hausanschluss angewiesen bist. Gruß K

PS.: Meine Handynummer ist bereits eingespeichert.

Seltsam gerührt raffte sie das Packpapier zusammen. Anscheinend hatte Kenan irgendwie Wind davon bekommen, dass sie sich Gedanken übers Telefonieren gemacht hatte. Nachdenklich tippte sie auf die spiegelglatte Oberfläche und wählte das Telefonbuch aus. Tatsächlich, unter der Rubrik »Privatkontakte« gab es einen einzigen Eintrag: Kenan. Sobald sie das Feld berührte, erschien seine Handynummer auf dem Display. Eine Zahlenfolge, nach der sich garantiert jeder Reporter die Finger leckte …
   Als sie sich beim Lächeln ertappte, schaltete sie das Handy rasch wieder aus. Das Telefon war nur eine nette Geste gewesen. Weiter nichts. Vermutlich hatte er jeder seiner Freundinnen ein solches Teil geschenkt. Kein Grund, deswegen sentimental zu werden.
   Entschlossen legte sie es in den Karton zurück und marschierte in ihr Schlafzimmer. In weniger als einer halben Stunde würde Claire auftauchen, um sie für das Shooting zu stylen. Seufzend schnappte sie sich Shampoo und ein Badetuch, weil die Asiatin deutlich gemacht hatte, dass sie für ihren Ranch-Look nasse Haare benötigte. Nach einem letzten Blick in den Spiegel steuerte Evelyn die Dusche an.

4.
Über Stock und Stein

Zwei Stunden später stand sie wieder vor einem Standspiegel – dieses Mal auf der Pferderanch in Boulder City – und beäugte kritisch ihre Erscheinung. Die Jeans saß super und auch die karierte Bluse, die Claire dazu ausgesucht hatte, passte zu der ländlichen Szene, die sie gleich verkörpern sollten.
   Damit erschöpfte sich jedoch der Teil, in dem sie sich wohlfühlte. Ihr Aussehen erinnerte Evelyn an eine Figur aus einem Westerncomic. Für ihren Geschmack war alles ein wenig übertrieben. Claire hatte ihre Haare in einen kunstvollen Zopf geflochten und reichlich Make-up aufgetragen – mit Airbrush. Der Kameras wegen, wie sie genervt erklärt hatte. Evelyn traute sich kaum, ihr Gesicht zu bewegen, aus Angst, irgendetwas von dem Kunstwerk zu beschädigen.
   Wenigstens war die Fahrt hierher recht angenehm gewesen. Da Diego der Fahrer und sie sein einziger Gast gewesen war, hatte sie sich kurz entschlossen neben ihn auf den Beifahrersitz gesetzt. Es hatte gutgetan, mit einem Menschen zu plaudern, der den ganzen Trubel um Kenan schon jahrelang mitmachte. Evelyn hatte in dieser Stunde Fahrzeit einiges über die Pferderanch erfahren, zu der sie unterwegs waren. Kenan hatte sie erworben, um behinderten Kindern ein Heim zu geben. Evelyn griff nach dem Cowboyhut, den sie für das Shooting tragen würde, und drückte ihn vorsichtig auf ihre Haare. Langsam konnte sie verstehen, warum Diego seinen Arbeitgeber so sehr schätzte. Offenbar nutzte Kenan seinen fabelhaften Reichtum auch für wirklich sinnvolle Dinge.
   Sie nickte ihrem Spiegelbild aufmunternd zu und machte sich auf den Weg nach draußen.
   Ihre freundlichen Gedanken über Kenan verpufften jäh, als sie seiner ansichtig wurde. Er war genau wie sie in Jeans und Karohemd gekleidet – im Gegensatz zu ihr sah er allerdings aus, als wäre er direkt der Titelseite eines Rodeomagazins entsprungen. Wie machte er das nur? Egal, in welcher Kleidung er steckte, er wirkte stets souverän.
   »Hey Cowgirl«, begrüßte er sie und musterte sie von oben bis unten.
   Offenbar gab sie ein lustiges Bild ab, denn er begann dabei zu grinsen. Evelyn verspannte sich. Liebend gern hätte sie ihn in den Teich geschubst, nur um seiner unerschütterlichen Selbstsicherheit einen Knick zu verpassen – und seinem Äußeren. Bestimmt fragte sich inzwischen ganz Amerika, warum er eine solch unscheinbare Person wie sie geheiratet hatte. Entschlossen stapfte sie an ihm vorbei in Richtung Stallungen.
   »Warte einen Moment.« Er fing ihr Handgelenk ein, wodurch sie in einem Bogen zu ihm zurücklief.
   Als sie vor ihm stehen blieb, zog er ihr die Hutkrempe mit einem gekonnten Ruck tiefer ins Gesicht. »So ist es besser.«
   »Danke.« Evelyn boshafte Gedanken verebbten ein wenig.
   »Und, hast du das Handy bekommen?«, fragte er aufgeräumt, während sie nebeneinander zu den Stallungen gingen.
   »Ja. Vielen Dank, wirklich aufmerksam von dir.«
   »Keine Ursache. Die Freisprecheinrichtung in dem Teil ist super. Ich dachte, wenn du beim Telefonieren genauso gern die Hände einsetzt wie beim Diskutieren, ist das sicher von Vorteil.«
   »Stimmt.« Evelyn bemerkte erst, dass sie ihn anlächelte, als er das Lächeln erwiderte. Etwas verlegen blickte sie zu dem Teenager, der zwei wunderschöne Araber aus den Stallungen brachte.
   »Das ist Samura.« Kenan nahm die schwarze Stute entgegen und strich ihr sanft über die Nüstern. »Und deine heißt Magneta.«
   Der Stalljunge gab ihr die Zügel der rostbraunen Stute und trat zurück, als sie den Sitz des Sattels und die Höhe der Steigbügel in Augenschein nahm.
   »Hast du so was schon mal aus der Nähe gesehen?«, witzelte Kenan, stieß sich vom Boden ab und schwang sich mit der Eleganz jahrelanger Übung in den Sattel.
   Gottlob hatte Evelyn ihre Dienstwaffe nicht bei sich. Die Versuchung, ihn vom Pferd zu schießen, wäre einfach zu groß gewesen. Sie straffte die Schultern, beantwortete die unverschämte Frage aber nicht. Der eingebildete Texaner würde gleich was erleben! Ihr lieber Ehemann wusste vielleicht einige Eckdaten ihres Lebens, aber er hatte keine Ahnung, dass sie vier Jahre lang bei der berittenen Polizeistaffel gearbeitet hatte. Und sie war gut gewesen …
   Mit einem zuckersüßen Lächeln, das Kenan eigentlich eine Warnung hätte sein sollen, schwang sie sich ebenfalls in den Sattel.
   »Anscheinend schon«, kommentierte er ihren geschickten Aufstieg, dann drehte er sich um. »Welchen Hintergrund möchten Sie denn?«, rief er der wartenden Presse hinter der Absperrung zu. »Wäre die Baumreihe dort drüben in Ordnung?«
   Nach allgemeiner Zustimmung lenkten Kenan und sie die Pferde auf eine kleine Gruppe Kiefern zu.
   »Wie lange wird das dauern?«, erkundigte sie sich bei ihm. »Rafael hat mir eingebläut, dass ich vor Beginn der Gala heute Abend noch mal in die Maske muss.«
   Kenan zuckte lässig mit den Schultern. »Schätze, so zwanzig, dreißig Minuten. Keine Sorge«, er zwinkerte ihr charmant zu. »Das ist der einzige Fototermin für heute Nachmittag, danach kannst du wieder für ein paar Stunden normal gucken.«
   Evelyn biss sich auf die Lippen. Wie war das denn gemeint? »Danke für den Tipp«, gab sie etwas spitz zurück, doch schon in der nächsten Sekunde drehte sie sich gemeinsam mit ihm zu ihrem Publikum um, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. Blitzlichter flammten auf und Kameraklicken unterbrach die friedliche Stille des Sommertags. Geduldig befolgte sie an Kenans Seite die aufgeregten Zurufe der Journalisten, schaute hierhin, lächelte dorthin, hielt seine Hand …
   Evelyn spürte mehr und mehr ihre Gesichtsmuskeln. Niemals hätte sie gedacht, wie anstrengend es sein konnte, schätzungsweise eine Million Mal pro Minute abgelichtet zu werden. Ohne ihr Lächeln zu verlieren, spähte sie zu Kenan. Er ertrug das Ganze gewohnt nonchalant. Entweder besaß er bewundernswerte Geduld oder die perfekte Selbstbeherrschung. Vermutlich sogar beides.
   Nach zwanzig Minuten schnitt Kenan mit einer knappen Geste durch die Luft. »Das reicht jetzt, Leute, sonst kündigt mir die Lady hier noch die Freundschaft.« Er klopfte seiner Stute den Hals.
   Lachend senkten die Presseleute ihre Kameras. »Mr. Shaw, nur noch eine Einstellung«, rief ein junger Mann vom Charity Mirror. »Bitte reiten Sie mit Ihrer Frau doch den Feldweg entlang.«
   Kenan blickte fragend zu Evelyn. Als sie nickte, wandte er sich wieder an den Mann. »Okay, aber danach ist Schluss.«
   »Versprochen.« Der Journalist hob bestätigend die Hand.
   Langsam setzten sie ihre Pferde in Bewegung. Kenan neigte den Kopf. »Du hältst dich gar nicht schlecht im Sattel. Wir traben noch bis da vorn, dann machen wir einen Bogen zur Ranch. Bis wir zurückkehren, müsste die Truppe weg sein.« Er zeigte in Richtung des Waldrands. Evelyn seufzte, als seine Handbewegung sofort von Kamerageräuschen begleitet wurde.
   Sorgsam hielt sie ihr Pferd etwas versetzt zu seinem. Sie erreichten den Waldrand. Kenan blickte sich um und atmete auf. »Wir sind außer Sichtweite.« Er nahm den Cowboyhut ab, rieb sich nachlässig durch die Haare und ließ ihn am Kinnriemen über seinen Rücken baumeln. Evelyn schoss durch den Kopf, dass die Fotografen die beste Einstellung von Kenan definitiv verpasst hatten. Er sah entspannt und mit zerrauften Haaren einfach sagenhaft aus. Das vergaß sie allerdings sofort, als er nach ihren Zügeln griff. »Soll ich dein Pferd führen? Der Wald ist nichts für Anfänger.«
   Evelyn sah rot. »Wer sagt, dass ich ein Anfänger bin?«, teilte sie ihm aufgebracht mit. Sie wischte seine Hand beiseite und drückte sich den Cowboyhut fester auf den Kopf. Kenan musterte sie mit gerunzelter Stirn, begriff augenscheinlich nicht, was los war.
   Aber das würde er gleich. Evelyn schob angriffslustig den Unterkiefer vor. »Jetzt zeig doch mal, was du draufhast, Mr. Ich-bin-ja-so-toll-Shaw. Wer zuerst beim Stall ist!« Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, presste sie ruckartig die Schenkel gegen den Pferdeleib und galoppierte los.

*

Kenan brauchte einige Sekunden, bis er die Wendung der Ereignisse begriffen hatte, dann spornte er Samura an und jagte hinter Evelyn her. »Hey, was wird denn das?«, rief er, sobald er in Hörweite war.
   Evelyn gab keine Antwort. Dicht über den Pferdehals gebeugt verschmolz sie mit dem Tier zu einer Einheit und wurde immer schneller. Kenan blieb die Spucke weg. Wie hatte er jemals annehmen können, sie sei eine Amateurin? Er musste mit Blindheit geschlagen sein. Die Frau ritt wie der Teufel! Er gab seiner Stute die Hacken, verlagerte sein Gewicht und ließ sie ebenfalls ungezähmt galoppieren. Trotzdem bekam er ernsthafte Schwierigkeiten. Evelyn zog ihm gnadenlos davon. Das lag nicht daran, dass sie erheblich leichter war als er, anscheinend hatte sie irgendwie einen Draht zu Magneta gefunden. Normalerweise war die Stute eher träge und nicht gerade für ihren Esprit bekannt. Davon war nichts mehr zu spüren. Er hatte noch nie erlebt, dass dieses Pferd derart schnell gerannt wäre.
   Eine Weile lieferten sie sich ein halsbrecherisches Rennen zwischen den Bäumen hindurch, dann erreichten sie offenes Gelände. Der weiße Bretterzaun, der die Ranch weitläufig umschloss, leuchtete in der Sonne und hob sich deutlich von dem mit spärlichem Gras bewachsenen Erdreich ab. Um auf das Anwesen zu gelangen, musste sie ein breites Gatter passieren, das aus Sicherheitsgründen an der oberen Kante mit einem Metallriegel verschlossen war. Kenan hatte ihn selbst angebracht, nachdem sich eines der Kinder zu weit vom Haupthaus entfernt hatte. Evelyn hielt genau darauf zu – ohne im Geringsten das Tempo zu drosseln …
   Kenan blieb das Herz stehen, als er begriff, worauf sie abzielte. Sie wollte über das knapp 1,5 Meter hohe Hindernis springen.
   Beunruhigt holte er alles aus Samura heraus. Vergeblich. Es war utopisch, Evelyn noch rechtzeitig einholen zu wollen. Dichter als ein paar Pferdelängen würde er nicht mehr an sie herankommen. Auf jeden Fall nicht dicht genug, um ihr Vorhaben verhindern zu können. Kenan spürte, wie heiße Panik durch seine Adern schäumte. Was, wenn sie stürzte? Sie befanden sich weit außerhalb von Las Vegas. Das nächste Krankenhaus lag über zwanzig Meilen entfernt und der auf der Ranch ansässige Kinderarzt würde einem solchen Notfall kaum gewachsen sein. Tausende Schreckensvisionen peitschten durch seinen Kopf, während er hilflos mit ansehen musste, wie Evelyn die Zügel straff zog und mit einem gewaltigen Sprung über das Tor setzte. Einen Moment schienen Pferd und Reiterin in der Luft zu schweben, dann landeten sie souverän auf der anderen Seite. Kenan begriff erst, dass er den Atem angehalten hatte, als er ihn zischend wieder ausstieß. Mit klopfendem Herzen legte er die verbleibende Strecke bis zum Gatter zurück. Eine Mischung aus Erleichterung, Wut und Bewunderung tobte durch seine Adern. Über dieses Gatter zu springen, war anspruchsvoll – und gefährlich. Das wusste er, weil er es selbst vor einigen Jahren ausprobiert hatte. Man musste schon ein verdammt guter Reiter sein, um Pferd und Höhe richtig einzuschätzen. Während er absaß, um das Gatter zu öffnen, ließ Evelyn ihre Stute auf dem Hof der Ranch auslaufen und klopfte ihr lobend auf die Seite. Kenan biss die Zähne zusammen. Sie sah völlig entspannt und glücklich aus, wohingegen sein Puls immer noch jenseits der gesunden Marke rangierte. Seine Sorge um sie verwandelte sich in Wut. Was fiel Evelyn eigentlich ein, ihm einen solchen Schrecken einzujagen? Samura am Zügel führend, stapfte er durch das Gatter.

*

Lächelnd ließ Evelyn Magneta auf Kenan zutraben. »Das war einfach unglaublich. So frei habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt! Ich habe ganz vergessen, wie toll …« Der Satz erstarb auf ihren Lippen, als sie seine versteinerte Miene bemerkte.
   Er fasste nach den Zügeln. »Steig ab!«
   Evelyn blickte ihn ratlos an. »Warum? Bis zum Stall sind es doch noch gut hundert Meter.«
   Ihre logischen Worte heizten Kenans Wut offenbar nur noch mehr an.
   »Ich habe gesagt, du sollst absteigen«, knirschte er in einem Ton, der Evelyn klarmachte, dass er kurz vorm Explodieren war. Auch das unheilvolle Glimmen in seinen Augen kannte sie schon …
   Sie wollte den Mund aufmachen, um etwas zu erwidern, kam aber nicht mehr dazu, weil er vorher ihre Hüfte packte und sie ruppig vom Pferd zerrte. Nicht gerade elegant plumpste sie in seine Arme.
   »Hey! Was soll das?« Sobald sie festen Boden unter den Füßen spürte, stieß Evelyn seine Hände beiseite und griff schnell nach dem Steigbügel, damit sie nicht gleich wieder gegen ihn kippte.
   »Dasselbe könnte ich dich fragen«, schoss er zurück. »Was hast du dir dabei gedacht? Du hättest dir gerade eben«, er nickte zum Gatter hin, »deinen gottverdammten Hals brechen können!«
   »Ich bin doch nur darübergesprungen.« Evelyn ließ den Steigbügel los. »Das ist noch lange kein Grund, sich wie ein Obermacho aufzuführen!«
   »Obermacho? Obermacho? Wer ist hier ein Macho? Ich muss mir nichts mehr beweisen. Ich nicht!«
   »Ach, wirklich nicht?« Evelyn kam langsam ebenfalls in Fahrt. »Da habe ich aber was ganz anderes gehört. Gerade du bist ja wohl …«
   »Onkel Kenan!«, platzte plötzlich eine helle Kinderstimme in ihren Streit. Ein dunkelhaariges Mädchen kam aus der Eingangstür der Ranch gelaufen und steuerte mit wankenden Schritten auf sie zu.
   »Warum schreist du mit der Frau denn so?«, wollte die Kleine wissen, sobald sie Kenan erreicht hatte. »Ist sie auch so taub wie Meli?« Sie streckte die Hände nach ihm aus, worauf er das Mädchen zu Evelyns totaler Verblüffung ohne zu zögern auf seinen Arm hob. Die Bewegung sah so flüssig aus, als hätte er sie schon des Öfteren ausgeführt.
   »Nein, sie ist nicht taub, Sarah.« Er lächelte die Kleine an, während sie die Hände um seinen Hals legte. Das Bild der zarten Kinderfinger auf Kenans muskulösen Schultern stellte etwas Seltsames mit Evelyns Herz an. »Wir beide hatten nur eine … kleine Meinungsverschiedenheit. Nichts weiter.«
   »Schwester Eugenia hat gesagt, du bringst heute deine …« Sarah überlegte kurz. »Braut oder so mit.« Bei den letzten Worten beäugte sie Evelyn aufmerksam. Evelyn schluckte. Die seltsame Mandelform der Augen machte klar, dass das Kind an Mongolismus litt.
   »Ist sie das?«, fragte Sarah neugierig und sah Evelyn ungeniert weiter an. »Ich finde sie hübsch«, stellte sie dann fest.
   Kenan hielt kurz Evelyns Blick. »Yep, das ist sie«, bestätigte er, wobei er offen ließ, auf welche der beiden Fragen er eigentlich antwortete. Er angelte mit der freien Hand nach Samuras Zügeln, doch Evelyn kam ihm zuvor.
   »Warte, das mache ich.« Sie griff helfend nach den Zügeln beider Pferde und folgte Kenan mit etwas Abstand, als er mit Sarah auf dem Arm zur Ranch ging.
   Offenbar hatten die Ordensschwestern, die das Kinderheim leiteten, gewartet, bis die Presse gegangen war, denn jetzt war der vorher leere Spielplatz neben dem Haupthaus von Jungen und Mädchen bevölkert. Ausgelassen jagten die Kinder einem Baseball hinterher.
   Kenan setzte Sarah ab und steuerte die Leiterin des Kinderheims, Schwester Eugenia, an. Während die beiden einige Worte wechselten, führte Evelyn die Pferde zu den beiden Stalljungen, die in einigen Metern Abstand bereits warteten.
   »Mann, wir haben Sie übers Gatter springen sehen«, offenbarte der schmächtigere der beiden aufgeregt. »Der totale Hammer!«
   »Obercool!«, pflichtete der andere bei. »Magneta hüpft normalerweise nicht einmal über einen Wassertrog. Das war einsame Spitze, Mrs. Shaw. Sie können irre gut mit Pferden umgehen.«
   Evelyn schluckte. Mit ihrer Aktion hatte sie wahrlich keine Vorbildqualitäten bewiesen. »Danke«, sagte sie, weil die Jungs sie bewundernd anstrahlten. »Aber ihr müsst mir etwas versprechen, ja?« Sie beugte sich dichter zu ihnen, worauf die beiden nervös zu kichern begannen.
   »Alles, was Sie wollen, Mrs. Shaw.«
   Evelyn musste lächeln. Anscheinend hatte von nun an nicht nur Kenan persönliche Fans, sondern auch sie. Sie räusperte sich. »Ihr dürft das auf keinen Fall nachahmen.« Streng blickte sie von einem zum anderen. »Ich habe jahrelange Reiterfahrung, aber nicht einmal ich hätte ein derartiges Risiko eingehen dürfen. Ich möchte nicht, dass einer von euch oder jemand anderes das ebenfalls probiert. Habt ihr mich verstanden?«
   Der Große hob sofort eine Hand zum Schwur. »Indianerehrenwort, Mrs. Shaw. Wir werden uns vom Gatter fernhalten. Stimmt’s, Gavin?«
   Der Schmächtige nickte eifrig. Als Evelyn die beiden weiterhin unnachgiebig ins Visier nahm, hob auch Gavin die Hand. »Versprochen, Mrs. Shaw.«
   »Okay.« Sie richtete sich wieder auf. »Würdet ihr bitte die Pferde in den Stall bringen?«
   »Klar, machen wir sofort.« Gavin nahm die Zügel entgegen. »Bis bald, Mrs. Shaw.« Schwatzend machten sich die beiden Pferdenarren auf den Weg zum Stall.
   Evelyn schaute den Jungs einen Moment nach, dann schlenderte sie zu Kenan. Er redete zwar immer noch mit Eugenia, aber sie sah ihm an, dass ihr Gespräch mit den Jungs ihn neugierig gemacht hatte.
   »Und, hast du dich nett unterhalten?«, fragte er, sobald sie neben ihn trat und legte den Arm um ihre Taille.
   Obwohl sich Evelyn an diese Vertraulichkeiten langsam hätte gewöhnen müssen, klopfte ihr Herz stets von Neuem, wenn er sie zärtlich berührte. Diszipliniert ließ sie sich vor Eugenia nichts anmerken. »Ja. Die beiden scheinen Pferde genauso zu lieben wie ich.«
   Die Ordensschwester nickte lächelnd. »O ja, das können Sie laut sagen. Gavin und Peter sind kaum aus den Stallungen wegzudenken. Die beiden Frechdachse lungern ständig dort herum. Zum Glück verbringen sie jedes Jahr ihre Ferien hier. Freiwillige Helfer nehmen wir immer gern auf.«
   »Das kann ich mir vorstellen.« Evelyn ging spontan durch den Kopf, wie gern sie ebenfalls ihre Hilfe anbieten würde. Sie blickte zu Kenan. Warum eigentlich nicht? Sie würde ein halbes Jahr in den USA verbringen und neben den gemeinsamen Terminen mit ihm ließ sich sicherlich genügend Zeit finden, um Eugenia und den Schwestern auf der Ranch zu helfen. Sie nahm sich vor, ihn unter vier Augen darauf anzusprechen.
   »Onkel Kenan, kommst du?«, schallte es vom Spielplatz her. »Los, Onkel Kenan!« Immer lauter riefen die Kinder seinen Namen. Kenan ließ Evelyn los und marschierte auf den Spielplatz zu.
   Evelyn beobachtete, wie er mit der Kinderschar um den Ball kämpfte. Einige Minuten lang herrschte völliges Chaos, dann formierten sich zwei Gruppen. Die älteren Mädchen und Jungen bildeten die eine, Kenan und die jüngeren die andere.
   »Er scheint ganz gut mit behinderten Menschen umgehen zu können«, erwähnte sie, als er den Baseball einem Jungen mit verkrüppelter Hand so zuwarf, dass dieser ihn ohne Schwierigkeiten fangen konnte.
   »Er hatte auch reichlich Übung.« Eugenia betrachtete kurz Evelyns fragende Miene. »Wegen Josephine, meine ich.«
   »Was ist denn mit Josephine?« Evelyn verstand immer noch nicht. Aus den Unterlagen, die ihr Rafael am Morgen über Kenan gegeben hatte, wusste sie zwar, dass Kenans jüngere Schwester Josephine hieß, aber weitere Informationen besaß sie nicht.
   »Josephine ist von Geburt an halbseitig gelähmt. Sie sitzt im Rollstuhl«, erklärte Eugene ruhig. »Haben Sie das nicht gewusst?«
   Evelyn schüttelte leicht geschockt den Kopf. »Nein, das hat Kenan noch nicht erwähnt.«
   Die Ordensschwester atmete geräuschvoll aus. »Das sieht Mr. Shaw ähnlich. Er ist derart bemüht, seine Familie vor der Presse abzuschirmen, dass er wohl gar nicht daran gedacht hat, dass Sie von nun an auch dazugehören.«
   Darauf wusste Evelyn nichts zu sagen. Sie konnte sich schon denken, warum Kenan ihr nichts erzählte. Weil sie eben nicht zu seiner Familie gehörte.
   »Ich unterbreche euer Gespräch ja nur ungern«, rief er in diesem Moment und kam über den Hof auf sie zu. »Aber wir müssen los.«
   Kenan gab Eugenia zum Abschied die Hand. »Es war schön, wieder Mal einige Stunden hier draußen zu sein. Bis nächsten Monat dann.«
   Nachdem sich auch Evelyn verabschiedet hatte, liefen sie auf die Limousine zu, an der Diego bereits wartete.
   »Ich hatte keine Ahnung, dass deine Schwester halbseitig gelähmt ist«, sagte Evelyn, als sie im Wagen saßen.
   »Woher weißt du davon?« Kenan musterte sie wachsam, doch dann nickte er. »Eugenia hat es dir erzählt.«
   Evelyn fühlte sich plötzlich unbehaglich. Wieso hatte sie nicht den Mund halten können? Offensichtlich war Kenan nicht gerade erbaut darüber, dass sie von der Behinderung seiner Schwester erfahren hatte. Sie räusperte sich. »Eigentlich geht es mich überhaupt nichts an. Ich hätte …«
   »Nein, das meinte ich nicht«, schnitt er ihr zu ihrer Überraschung das Wort ab. »Es ärgert mich nur, wenn Außenstehende über meine Familie plaudern. Niemand weiß, wer meine Leute sind und wo genau sie in Texas leben. Ich hatte ganz schön Mühe, diese Informationen vor der Presse geheim zu halten.«
   Evelyn berührte spontan seinen Arm. »Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen. Ich verstehe das. Ich würde an deiner Stelle Außenstehenden auch nichts offenbaren. Ich werde keine Fragen mehr stellen.«
   Er blickte sie amüsiert an. »Mit Außenstehende habe ich eigentlich Eugenia gemeint, nicht dich.«
   Diese Aussage verblüffte Evelyn. Die Vorstellung, er könnte sie möglicherweise zu seiner Familie rechnen, schuf wieder dieses seltsame Gefühl in ihrem Inneren. »Aber ich bin das gewissermaßen doch auch«, merkte sie leise an.
   Kenan zuckte mit den Schultern, was Evelyn bewusst machte, dass ihre Hand immer noch auf seinem Arm lag. Rasch nahm sie sie weg.
   Er drehte sich zu ihr, wieder ganz der professionelle Filmstar. »Im Gegensatz zu Eugenia hast du jedoch eine vertragliche Schweigepflicht unterschrieben und bekommst mächtig Ärger, wenn du etwas ausplauderst.«
   »Stimmt«, nuschelte sie und wischte das heimelige Gefühl in ihrem Innern beiseite. Sie überlegte kurz. »Ich wollte dich noch etwas zur Ranch fragen«, wechselte sie das Thema. »Genauer gesagt ist es eine Bitte.«
   Sie spürte, dass er bei ihren letzten Worten aufmerkte. Vermutlich, weil sie ihn bisher noch nie um etwas gebeten hatte.
   »Lass hören.« Die Neugier in seiner Stimme verstärkte ihren Eindruck.
   »Denkst du, es wäre möglich, dass ich Eugenia und den Schwestern in meiner Freizeit ein bisschen zur Hand gehe? Ich kann nicht sechs Monate lang untätig auf deinem Anwesen sitzen und Däumchen drehen. Bestimmt würden sie sich über meine Hilfe freuen und es würde mir sehr viel Spaß …«
   »Okay.«
   Evelyn verstummte. Sie hatte fest damit gerechnet, all ihre sorgfältig zurechtgelegten Argumente ausspielen zu müssen, bevor er ihren Vorschlag auch nur in Erwägung zog.
   »Sprich aber mit Rafael, an welchen Tagen es sich am besten einrichten lässt.« Er streckte die Beine lässig in den Fußraum. »Und ich hoffe, dass du gern Hubschrauber fliegst. Wenn wir in L. A. sind, kannst du die Strecke nicht mit dem Wagen fahren. Das dauert einfach zu lange.«
   Ihr lag ein Widerspruch auf der Zunge, doch sie schluckte ihn hinunter. Er hatte recht. Sie vergaß immer wieder, welche Ausmaße die Entfernungen in den USA im Vergleich zu Deutschland einnahmen. »Geht das denn? Ich meine, so ein Hubschrauberflug ist doch sicher recht …« Als sie seine Miene sah, verkniff sie sich den Rest des Satzes.
   »Müssen wir dieses Thema wirklich jedes Mal von vorn diskutieren?«
   »Nein, müssen wir nicht«, lenkte sie ein, weil ihr die Sache wichtig war. Wenn sich Kenan keine Gedanken über die Kosten machte, sollte sie das ebenfalls nicht tun. »Danke«, sagte sie stattdessen.
   Er betrachtete sie einige Herzschläge lang, dann nickte er, ein Lächeln auf den Lippen. »Gern geschehen. Falls du in den nächsten Monaten für irgendetwas Geld brauchst, kannst du jederzeit auf die Haushaltskasse zugreifen. Jedes Anwesen hat eine eigene. Wenn ich nicht da bin, kannst du auch Diego danach fragen. Er weiß Bescheid.«
   »Gut, okay«, bestätigte sie. Zwar hatte sie nicht vor, das Geld je anzurühren, aber das musste sie ihm nicht unbedingt jetzt sagen.

Eine halbe Stunde später steuerte Diego die Limousine auf das Flughafengelände. Evelyn sah den grauen Learjet schon von Weitem. Zum einen, weil er bereits in der Nähe der Startbahn stand, zum anderen, weil es schlichtweg die einzige Maschine war, die für den Flug nach Detroit infrage kam. Die kleineren Flugzeuge daneben schienen eher für Kurztrips zum Grand Canyon geeignet zu sein.
   Diego ließ sie direkt vor dem Jet aussteigen. Kenan gewährte ihr den Vortritt, als sie die ausgeklappten Stufen erreichten.
   Drinnen angekommen blickte sich Evelyn neugierig in dem luxuriösen Innenraum um. Während sie ihre Handtasche auf einem cremefarbenen Ledersessel deponierte, bog Kenan um sie herum und marschierte mit langen Schritten den Gang entlang.
   »Wo gehst du hin?« Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass er sich ihr gegenübersetzen würde.
   Er blieb stehen. »Ins Cockpit. Ich bin der Pilot.«
   »Was? Soll das etwa heißen, du fliegst die Maschine?«
   »Ja. Falls du deswegen wieder aussteigen möchtest, dann tu es bitte, solange wir noch am Boden sind.«
   Evelyn klappte den Mund wieder zu. »Nein … Das … So war das nicht gemeint«, stotterte sie, weil sie spürte, dass er ihre Reaktion missverstanden hatte. »Ich bin nur überrascht, das ist alles. Ich wusste nicht, dass du einen Flugschein hast.«
   Sein Gesichtsausdruck blieb unergründlich. »Du weißt noch so einiges nicht über mich, Mrs. Shaw.« Ohne ihr Zeit für eine Antwort zu lassen, drehte er sich um und öffnete die Tür zum Cockpit.
   Evelyn setzte sich in einen der Ledersessel. Irgendwie ließ er keine Gelegenheit aus, ihr ihre Vorurteile unter die Nase zu reiben. Es überraschte sie, dass er so viel Wert auf ihre Meinung zu legen schien. Kopfschüttelnd blickte sie aus dem Fenster. War es umgekehrt nicht genauso? Normalerweise gehörte sie nicht zu den Menschen, die andere nach den Aussagen Dritter beurteilten. Vielleicht sollte sie das gerade bei ihm nicht vergessen.
   Als sich der Learjet in Bewegung setzte, hielt sie den Atem an. Nicht, weil sie befürchtete, etwas Schlimmes könnte geschehen, sondern weil sie es immer noch unglaublich fand, dass Kenan am Steuer saß. Er lenkte das Flugzeug auf die Startbahn und hob wenige Sekunden später sanft ab.
   Evelyn schloss lächelnd die Augen. Anscheinend war die Schauspielerei nicht das Einzige, was er gut beherrschte. Sie kuschelte sich tiefer in den bequemen Sitz. Keine drei Minuten später war sie eingeschlafen.

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