Eigentlich erwartet die 28-jährige Yvonne Heber nicht viel vom Leben, aber in einer Beziehung möchte sie keine Abstriche machen. Sie sucht die wahre Liebe und einen netten Mann, der sie auf Händen trägt. Als sie eines Tages den attraktiven Misha kennenlernt, glaubt sie sich endlich am Ziel. Noch ahnt sie nicht, was für ein schreckliches Geheimnis er mit sich herumträgt. Nach einem Sommerfest begegnet ihr Jasper, der sie mit einem schockierenden Skandal konfrontiert. An ihrem Arbeitsplatz werden nicht zugelassene Medikamente verabreicht. Obwohl Yvonnes Herz für Misha schlägt, spürt sie auch eine prickelnde Verbindung zu Jasper. Ehe sie sich versieht, steckt sie mitten in einem Komplott von Gewalt und Lügen. Nicht genug, dass gleich zwei anziehende Männer ihre Gefühle auf den Kopf stellen, auch die tschechische Mafia hat sie im Visier. Yvonne ist nirgendwo mehr sicher, ein Kampf um ihr Leben und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

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ISBN: 978-9963-52-757-1

Seiten: 510

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Lina Jacobs

Lina Jacobs
Schon in der Schule hat Lina das Schreiben fasziniert. Am Anfang war es ein Hobby, mittlerweile eine tief verbundene Leidenschaft. Obwohl sie nicht viel dazu beitragen kann, möchte sie trotzdem die Welt ein wenig schöner machen. Mit ihrem Debütroman „Geflüsterte Lügen“, der im Februar 2015 im bookshouse-Verlag erschien, ging ein lang ersehnter Traum in Erfüllung. Heute lebt sie mit Mann, Tochter und einem Schäferhund/Husky-Mischling in der Nähe der schönen Hellwegstadt Soest.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog


Ein ersticktes Röcheln ließ mich näher an das Bett herantreten. Das Geräusch kroch mir durch Mark und Bein. Die alte Frau schnappte heftig nach Luft, ihre gekrümmten Finger, von Gicht befallen, grapschten nach meinen Schultern. Fast schienen die Augen aus den Höhlen zu quellen, als sich die Nägel schmerzhaft in meine Muskeln gruben. Ein Mensch, der um sein Leben kämpfte, brachte enorme Kräfte auf, auch wenn er über achtzig Jahre zählte.
   Entsetzen durchfuhr mich – auch die Frau sehnte den Tod herbei. Genauso wie …
   Für einen Augenblick wurde der Griff unerträglich. Ich unterdrückte einen Schmerzenslaut. Ihr Kopf fuhr nach oben und sie ließ mich endlich frei. Das Röcheln flachte ab, wurde zu einem hektischen, leisen Japsen. Es ging dem Ende zu. Die Frau war nicht die erste Tote in meinem Leben. Nur wie ihr Tod sein würde, wollte ich mir nicht mal vorstellen.
   Die Augen fixierten mich, flehten stumm, sie von dem Leiden zu befreien. Doch ich konnte sie nicht retten. Dafür war es zu spät. Die Gifte in ihrem Körper hatten zu viel zerstört. Toxine, die von Medikamenten stammten. Die Nebenwirkungen waren verheerend. Ein qualvoller Tod stand ihr bevor. Wir sorgten nur dafür, dass sie friedlich und ohne Schmerzen einschlief.
   Ungewollt sammelten sich Tränen in meinen Augen. Mir wurde der aussichtslose Kampf bewusst. Wir kämpften gegen Giganten, die alles mit einem Schlag auslöschen konnten.
   Ich stolperte zurück, glitt beinahe auf dem glatten Linoleumboden aus. Die Umgebung verschwamm vor meinem Blick. Ich stand kurz davor durchzudrehen, es war einfach zu viel. Starke Arme fingen mich, hielten mich fest.
   »Wo ist er?«
   »Ich weiß nicht.«
   »Schnell, Yvonne, wir haben keine Zeit mehr.«
   Ich schüttelte den Kopf, machte mich los und sah ihn an. Als er die Tränen erblickte, strich er zärtlich über meine feuchten Wangen. Ich schloss die Augen, schon so lange sehnte ich mich nach seinen Händen.
   »Es sind so viele«, wisperte ich.
   Voll Trauer sah er mich an. »Ja, so viele. Wir können gerade mal die Hälfte von ihren Leiden befreien.«
   »Bitte. Hast du die Augen dieser Frau gesehen?« Meine leise Stimme zitterte.
   Er verstand und nickte, griff in die Innentasche seiner Jacke und zog das Etomidat auf. Egal, ob es bei der Obduktion festgestellt wurde. Dieses Heim ging den Bach runter. Nie wieder würde hier jemand Unschuldige quälen, nur, um sich die Geldtaschen zu füllen.
   Ohne Zögern ergriff er den schlaffen Arm. Ich beobachtete, wie er den Kolben der Spritze hinunterdrückte. Die Überdosis würde sie nicht mehr erwachen lassen. Die Frau hielt still. Irgendwie ahnte sie, dass ein rettender Engel an ihrem Bett stand, um sie endlich von den Qualen zu befreien.
   Jetzt wusste ich, was mich mit ihm verband: Er war Dämon und Engel in einer Person. Sein Charakter, so facettenreich, dass er in seiner Einfachheit wie ein geschliffener Diamant glänzte. Ich bewunderte seine innere Stärke. Unter der harten Schale war er edelmütig, selbstlos und vor allem einfühlsam. Ich liebte diese Eigenschaften an ihm.
   Wir machten uns in vielen Punkten strafbar, es zählte nicht. Wir hatten uns dazu entschieden – gemeinsam. Wir halfen den Menschen. Daran führte kein Weg vorbei.
   Die alte Frau seufzte leise und anhaltend. Es klang fast wie ein letztes Gebet. Verdammt! Ich kannte nicht mal ihren Namen. Dankbarkeit strahlte in ihren Augen, als er sanft seine Hand auf ihre legte. Die Geste rührte mein Herz. Ich liebte ihn mehr als je zuvor.
   Seine Finger tasteten nach dem Pulsschlag der Frau. Ihre Lider flatterten und fielen langsam zu. Sie hatte es geschafft, letztlich erfuhr sie doch die Erlösung. Er wandte sich von der reglosen Frau ab.
   »Lass uns jetzt gehen«, sagte er mit drängender Stimme. »Die Nachtwache macht gleich ihre Runden.« Er fasste nach meiner Hand und blickte mich an. »Ich danke dir für alles.«
   Ich wusste nicht, wofür er sich bedankte, aber mein Herz machte trotzdem einen Satz. Zu gern hätte ich ihn geküsst, aber der Augenblick war unpassend.
   Er zog mich aus dem Raum und blieb abrupt stehen. Ein erstickter Schrei löste sich aus meiner Kehle, als ich sah, was ihn stoppte. Es war mir egal, ob es jemand gehört hatte. Für mich zählte nur die ungeahnte Gefahr.
   Der Schalldämpfer einer Waffe wurde uns entgegengestreckt. Das gedimmte Stationslicht warf unheimliche Schatten auf ein allzu bekanntes Gesicht.
   »Du?«, entwich es mir entsetzt. »Aber … Was tust du hier?«
   Ich wusste nicht, welcher Anblick schlimmer war: die Waffe oder die Person, die sie hielt.
   Es gab Momente im Leben, die man am liebsten zurückdrehen wollte. Dies war solch ein Moment. Mein Leben schien an mir vorbeizuziehen, während ich versuchte, einen zusammenhängenden Gedanken auf die Reihe zu kriegen. Der Anblick hinterließ eher einen grotesken Eindruck, denn er passte nicht. Aber – das war der entscheidende Punkt – zu guter Letzt waren wir doch am Ende der Lügen angekommen.
   Ich fühlte mich zutiefst schuldig.

Kapitel 1
Zwei Wochen zuvor


»Nehmen Sie gefälligst Haltung an, Soldat!«
   Erschrocken fuhr ich zusammen und drehte mich zu dem Bett um, in dem Herr Mintas lag.
   »Spindkontrolle!«, krächzte er laut.
   Mir fielen fast die Augen zu, während der alte Mann hellwach im Bett lag.
   Zuvor hatte ich unseren ehemaligen Pfarrer, Herrn Becker, aus dem Bett von Frau Schulte geholt. Man stelle sich eine leicht hysterische alte Dame vor, die vor lauter Sorge um ihre Unschuld fast hyperventilierte, während er ihr das Vaterunser vorbetete. Gelegentlich fand ich ihn in irgendwelchen fremden Betten wieder. Zum Glück besaß er aber eine Schwäche für Schokolade, die er mit Freuden aß. Es war unser kleines Geheimnis.
   Trotz seiner nächtlichen Ausflüge mochte ich ihn sehr gern. Er erinnerte mich an meinen verstorbenen Großvater, den ich sehr geliebt hatte. Aber Herr Mintas versüßte mir die letzte Nachtwache ungemein. Jetzt hieß es ernst bleiben und mitspielen, sonst tobte der alte Mann wie ein Orkan und ich hätte für den Rest der Nacht Spießrutenlaufen mit anschließendem Anruf beim Arzt vom Dienst.
   Wäre es ungerecht, wenn ich mir an einem Freitagmorgen wünschte, ein gut aussehender, knackiger Arzt würde mir aus der Misere helfen? Offenbar hatte ich den falschen Beruf gewählt. Sicherlich stünde mir auch eine schicke, kurze Schwesterntracht, stattdessen trug ich den langweiligen, weißen Kasack der Altenpflege. Man lasse mir mein träumerisches Klischeedenken, wenn schon kein weißer Ritter mit Stethoskop dahergetrabt kam.
   Ich öffnete den Kleiderschrank, sodass Herr Mintas einen Blick hineinwerfen konnte.
   »Sehr ordentlich, Soldat.« Zufrieden schloss er die Augen.
   Bewundernswert, wie er das bewerkstelligte. Jede Nacht ließ er mich auf dem Kontrollgang in seinem Zimmer strammstehen, um im nächsten Augenblick wieder einzuschlafen.
   Ich verließ das Zimmer und warf noch einen Blick bei meinem Nachtschwärmer herein. Herr Becker saß kerzengerade im Bett und sah mich an. Seine braunen Augen waren wie die eines Kindes. Hellwach und neugierig.
   »Sie schlafen ja immer noch nicht, Herr Becker.« Ich trat ans Bett und zupfte die Decke zurecht.
   »Ich möchte noch eine Schokolade, Schwester Yvonne.« Wie ein kleiner Junge sah er zu mir hoch.
   Ich lächelte. Er war zu süß. Am liebsten hätte ich den kleinen Mann umarmt. »Tut mir leid«, sagte ich leise. »Ich habe keine mehr. Wenn ich wieder Dienst habe, bringe ich Ihnen welche mit. Einverstanden?«
   Skeptisch betrachtete er mich. »Machen Sie das auch wirklich?«
   »Natürlich, Herr Becker.«
   Er legte sich zurück. Ich schob die Decke nach oben. Hoffentlich blieb er nun in seinem Bett. Eigentlich war er noch ganz fit im Kopf. Wieso er sich immer in fremde Betten verirrte, war mir schleierhaft. Mochte sein, dass die Demenz nun langsam, aber sicher, bei ihm einsetzte.
   »Sie sind ein Engel, Schwester Yvonne.«
   »Danke.«
   Er fasste nach meiner Hand und drückte sie sanft. »Das meine ich wirklich so.«
   »Das weiß ich. Schlafen Sie jetzt.«
   »Das ist auch wirklich mein Bett?«
   Erneut lächelte ich. »Es ist Ihr Bett. Sie können liegen bleiben.«
   »Ja, dann«, murmelte er.
   »Gute Nacht, Herr Becker.«
   Für ein paar Sekunden blieb ich an der Tür stehen. Er hatte bereits die Augen geschlossen. Es sollte nicht so sein, aber der alte Mann wärmte mein Herz. Die Gefühle waren verkehrt. Eines Tages würde Herr Becker von uns gehen. Immerhin zählte er schon achtundachtzig Jahre. Die Menschen kamen hierher, um zu sterben. Ich durfte nicht zu emotional denken – bei diesem Mann gelang mir das aber nicht.

Im Personalraum, bei einem Cappuccino, machte ich mich über das Protokoll her. Glücklicherweise war es die letzte Nacht. Nach sieben Nachtwachen hintereinander stand mir eine erholsame Woche Pause zu.
   Ich schrieb die nächtlichen Ereignisse in die jeweiligen Spalten. Es gab aber noch schlimmere Nächte, da wurde der Alarmknopf benutzt wie der Buzzer in einer Gameshow. Da kam ich mir wie beim Ausverkauf in einer Damenschuhabteilung vor. In solchen Nächten rannte ich mir die sprichwörtlichen Hacken ab. Schuhe können echt das Leben verändern. Fragt Cinderella.
   Während Cinderella ein Gewinn für die Männerwelt war, könnte ich mit dem Spruch aufwarten: Eine Beziehung könnte der Versuch sein, zu zweit mit Problemen fertig zu werden, die man allein niemals gehabt hatte. Das hieß nicht, dass ich beziehungsunfähig war. Wer mich in eine bestimmte Schublade stecken wollte, klemmte sich garantiert die Finger.
   Mein Liebesleben, so ereignisreich wie eine Butterfahrt über die Nordsee, plätscherte jeden Tag träge dahin. Mit achtundzwanzig fühlte ich mich nicht zu alt für wilden, hemmungslosen Sex. Ganz im Gegenteil, ich würde ja … ganz ehrlich … wirklich … wenn es jemanden geben würde. Was war so verkehrt an mir? Ich arbeitete in einem krisensicheren Job, besaß eine schicke, kleine Einliegerwohnung und war durchaus vorzeigbar für die Außenwelt. Das versicherte mir meine Freundin Marie.
   Aber nein, ich musste die überschäumenden Hormone regelmäßig in die Ecke schicken, damit sie überlegten, was sie gemacht hatten. Es gab noch nicht mal einen Nachbarjungen, der mir wohlwollend hinterherpfiff.
   Wenn ich mir meine beste Freundin Marie so ansah, hatte sie es richtig gemacht. Obwohl sie sich manchmal beschwerte, dass die Romantik in ihrer Ehe zu kurz kam. Mit ihren dreißig Jahren hegte sie die Ansicht, dass Männer nur das erste Jahr romantisch veranlagt waren. Die Zeiten der gemütlichen Picknicknachmittage waren vorbei, jetzt reichte es nur noch für eine Currywurst von der nächsten Pommesbude.
   Marie war mit Christian verheiratet, einem Musikproduzenten, der zudem auch noch selbst der Musik frönte. Da die Ehe nach fünf Jahren immer noch kinderlos war, machte es nichts, wenn er auf dem Saxofon herumdudelte oder auf der Gitarre klimperte. Sie war Grundschullehrerin.
   Ja – die Liebe und ich waren schon ein seltsames Gespann. Meine vergangene Beziehung verlief nicht sehr schön. Die Narbe trug ich noch heute auf dem Herzen: Carsten, der mich nach fünf Monaten eiskalt abserviert hatte, weil er seine Freiheit liebte und sich eingeengt fühlte.
   Er hatte mit meinen Gefühlen gespielt, mir die große Liebe vorgemacht – nur, um mich ins Bett zu kriegen. Sollte mir jemand mal sagen, dass die Zeit alle Wunden heilt, würde ich ihm eine reinhauen und sagen: »Ist gleich wieder gut!«
   Die Zeit heilte keine Wunden, sie machte hart fürs Leben. Ach ja – da gab es noch meine Mum, die bei jedem männlichen Wesen gleich die Hochzeitsglocken läuten hörte. Manchmal raubte sie mir echt den letzten Nerv.
   Wenn ich dem Frust noch mehr Nahrung gab, war der anstehende Tag gelaufen. Missmutig vollendete ich die Dokumentation. Hoffentlich war bald Dienstwechsel. Ich musste dringend ins Bett.
   Gegen fünf Uhr machte ich einen letzten Kontrollgang. In einer halben Stunde kamen meine Kollegen. Alles schlief tief und fest – sogar mein Lieblingsbewohner hatte endlich Ruhe gefunden. Ich kontrollierte die Tür zur Medikamentenkammer und die gläserne Stationstür. Gegenüber sah ich meine Kolleginnen Sarah und Petra, die auf Station eins alle Hände voll zu tun hatten. Hektisch rannten sie hin und her. Ich trat näher an das Glas und schloss die Tür auf. Der Alarm war zu hören. Das rote Licht blinkte über einem Bewohnerzimmer.
   Ich trat ins Treppenhaus und hörte Sarahs eindringliche Rufe. Es schepperte, etwas ging zu Bruch. Irgendwas war da mächtig am Kochen.
   Natürlich war es in unserem Metier normal, dass ein Bewohner den Alarm auslöste, aber die Panik, die meine Kolleginnen an den Tag legten, war nicht normal. Warum riefen sie nicht den AvD, wenn es ernst war?
   Unschlüssig sah ich zu meiner Station zurück. Ich durfte die Bewohner nicht allein lassen, aber etwas trieb mich voran.
   Nur für ein paar Minuten, einfach fragen, ob sie Hilfe brauchten. Entschlossen klopfte ich an die Glastür der Station eins. Petra steckte den Kopf aus dem Zimmer heraus. In ihrem Gesicht las ich nackte Panik. Was zum Teufel ging da vor? Ich signalisierte, dass sie die Stationstür öffnen sollte. Ein Kopfschütteln und sie verschwand. Ich hämmerte fester gegen das Glas. Sarah kam auf den Flur. Auf dem Kasack klebte Blut. Mir stockte der Atem.
   »Um Himmels willen, was ist bei euch los?«, rief ich durch die Scheibe. »Mach doch mal die Tür auf, Sarah! Braucht ihr Hilfe?«
   Auch von ihr erntete ich ein Kopfschütteln, während sie ins Badezimmer ging. Der Alarm erstarb. Petra verließ mit hängendem Kopf das Bewohnerzimmer. Sie kam auf mich zu, öffnete aber nicht die Tür.
   »Was ist bei euch los?«
   »Einem Bewohner ist die Lunge geplatzt«, sagte sie durch die Scheibe – so tonlos, dass mir eine Gänsehaut über den Körper lief.
   Entsetzt schlug ich die Hand vor den Mund. O ja, ich wusste, was das für eine blutige Schweinerei war. Da geriet jede Pflegekraft in Panik, denn es gab nichts, was man dagegen tun konnte.
   »Habt ihr den AvD gerufen?«
   »Den braucht der Mann nicht mehr.«
   »Herrgott, dass weiß ich selbst. Habt ihr ihn trotzdem gerufen?«
   »Alles erledigt.«
   Da schimmerte Angst in ihren Augen. Wieso?
   »Mach doch mal die Tür auf«, sagte ich mit sanfter Stimme. Solch ein Ereignis nahm einen ganz schön mit, ich wollte ihr beistehen.
   Petra schüttelte den Kopf. »Geh zurück, Yvo. Du kannst hier auch nichts tun.«
   Sie drehte sich um und ließ mich einfach stehen. Da mochte sie recht haben. Trotzdem war eine geplatzte Lunge keine Bagatellangelegenheit. Sicher kam es vor, aber nun war es schon der zweite Bewohner dieser Woche. Stellte denn niemand Fragen?
   Langsam begab ich mich auf Station zwei zurück. Für ein paar Minuten blieb ich hinter der Stationstür stehen, beobachtete, wie Sarah mit einem sauberen Kasack aus dem Bad kam. Die Tür zum Bewohnerzimmer ging auf und heraus trat ein fremder Mann. Er war in einen weißen Arztkittel gekleidet. Das war nicht der zuständige Arzt vom Dienst. Wen hatten die gerufen?
   Ich drückte mich von der Scheibe ab, wusste nicht, wieso, aber der Mann brauchte mich nicht zu sehen. Er wechselte ein paar Worte mit Sarah und drehte sich zum Gehen um. Seine Statur wurde immer größer und breiter, als er auf die Stationstür zuging. Er trug nicht mal einen Ausweis am Kittel. Die Tür fiel ins Schloss. Verdammt noch mal, wer war der Mann?
   Langsam zog er sich den Kittel aus. Sein Gesicht wirkte kalt, die Augen noch mehr. Die braunen Haare waren so kurz geschnitten, dass die Kopfhaut zu sehen war. Eine lange Narbe zog sich von der Wange bis zum Hals hinunter.
   Ich schob mich in den Eingang zur Besuchertoilette. Mich sollte der Teufel holen, wenn das der zuständige Arzt vom Dienst war. Vorsichtig lugte ich um die Ecke. Die Augen schnellten sofort in meine Richtung. Ich hielt den Atem an. Unmöglich! Er hatte mich nicht entdeckt. Aus unerklärlichem Grund fing mein Puls an zu rasen. Er klopfte leise ans Glas und sagte irgendetwas. Ich hütete mich, ihm die Tür zu öffnen.
   Meinetwegen konnte er dort verfaulen.
   Es vergingen bestimmt fünf Minuten, bis ich einen erneuten Blick um die Ecke wagte. Der Fremde war gegangen. Vorsichtig trat ich an die Stationstür. Auf der Eins war nun alles ruhig. Wahrscheinlich säuberten Sarah und Petra noch das Zimmer, nachdem der Bestatter die Leiche abgeholt hatte. Ein Schatten verdunkelte plötzlich das Treppenhauslicht.
   Erschrocken schlug ich die Hand vor den Mund. Der Mann stand vor der Stationstür und starrte mich an. Ich stolperte zurück, hoffte, dass die Tür verriegelt war. Er hatte mich gesehen und nur darauf gewartet, dass ich aus dem Versteck gekrochen kam. In den dunklen Augen las ich eine stumme Warnung. Oder täuschte ich mich? Es spielte keine Rolle, sein ganzes Auftreten schrie nach Einschüchterung. Er sah nicht freundlich aus.
   Mein Puls raste erneut, doch ich würde den Teufel tun und den Blick eingeschüchtert abwenden. Kämpferisch hob ich das Kinn und starrte zurück. Er sollte sehen, dass ich nicht wich. Mein Mut war bewundernswert, wenn auch leichtsinnig. Wie konnte ich dem fremden Mann trotzen, ohne mit der Wimper zu zucken? Ich wusste ja noch nicht mal, wer er war. Aber – wenn der mir krumm kam, tat ich das genauso. Nur, weil er Arzt war, brauchte ich nicht nett zu sein, er war es auch nicht.
   Er bewegte den Mund, als murmelte er etwas vor sich hin. Womöglich schien er nun die Warnung auszusprechen.
   Mit einem Ruck wandte er sich ab und verschwand. Ein paar Minuten stand ich da. Jetzt fuhr ein unerwartetes Zittern durch meinen Körper. Mit einem Keuchen entwich die Luft aus meinen Lungen. Ich hatte wirklich vergessen zu atmen. Ein weiteres Mal würde ich nicht an die Tür treten. Meinen Mut in allen Ehren, aber so viel besaß ich nun doch nicht.
   Aber Henri, unser Pflegedienstleiter, müsste mir einige Fragen beantworten.

Kapitel 2


Das Telefon klingelte. Ich schälte mich aus dem Bett und tappte schlaftrunken ins Wohnzimmer. Ein schneller Blick aufs Display – Henri.
   Er war nicht nur ein Arbeitskollege, er zählte auch zu meinen Freunden. Eine Macke besaß er allerdings: Er legte die Dienstpläne immer so, dass niemand so recht wusste, wie er arbeiten musste. Manchmal trieb er mich echt in den Wahnsinn. Ich schmunzelte. Verdient hätte er es, wenn ich einfach den Hörer nehmen und ihn mit Heinrich anreden würde. Da wurde der kleine Mann fuchsteufelswild und mutierte zur regelrechten Kampfsau.
   Das Klingeln hörte nicht auf. Ich stand kurz davor, den Stecker mitsamt Buchse aus der Wand zu reißen. Zwar hatte ich Henri lieb, aber ich verspürte keine Lust, jetzt mit ihm zu reden. Hatte das nicht Zeit, bis ich in Rente ging? Für und Wider rangelten fleißig um die Wette. Womöglich gab es etwas, das er mir unbedingt erzählen wollte. Schlagartig wurde ich hellwach. Auch ich hatte etwas zu erzählen. Hoffentlich bekam mein müdes Hirn die Ereignisse auf die Reihe. Ich drückte den grünen Knopf, kam aber gar nicht dazu, ein Wort zu sagen. Okay, dann würde ich erst ganz Ohr sein.
   »Yvonne, stell dir vor, wer mir heute begegnet ist.«
   Sollte ich raten? Nein, lieber nicht, sonst spielte er wieder beleidigt, weil meine Antwort anders ausfiel, als erwartet.
   »Wer denn?«
   Ein sehnsüchtiger Seufzer. »Karl Winter.«
   Karl wer?
   Normalerweise war ich nicht vergesslich. Ich filterte nur Unwichtiges heraus. Warum machte Henri so viel Wind um den? War der irgendwie besonders?
   »Ähm, wer ist das?«
   »Ich habe dir doch letztens von ihm erzählt.«
   Mir fehlte leider die Erinnerung. Nach der Nachtwache arbeitete mein Gehirn langsamer als gewöhnlich. Ich benötigte immer ein paar Tage, bis sich mein Denkapparat auf Normal umstellte.
   »Er ist der Sohn von Else Winter«, hörte ich ihn sagen.
   Ah, die Else Winter, die sich nachts gern die Windel zerrupft, weil sie meint, es müsste mal wieder schneien. »Ja, ich erinnere mich«, sagte ich. »Wo bist du ihm begegnet?«
   »In der Stadt.«
   »Ah, ja und weiter?«
   »Kann ich dich mal was fragen?« Er klang aufgeregt, was ich einerseits nachvollziehen konnte, weil ich Henri kannte. Andererseits, wenn es der Karl Winter war, der uns gelegentlich im Altenheim mit Fragen löcherte, hätte ich am liebsten gefragt: Was willst du mit dem? Sein Gesicht an der Kellertreppe und die Kartoffeln kamen geschält nach oben. Ich war wirklich noch nicht richtig wach. So boshaft veranlagt war ich nur, wenn ich zu wenig geschlafen hatte.
   »Sicher.«
   »Meinst du, das könnte was werden?«
   Ach du lieber Himmel … das fragte er mich? Mich, Yvonne Heber, die in Sachen Männer ständig ins Klo griff?
   »Klar, warum nicht?«
   »Weißt doch, habe immer Pech mit den Männern. Wieso haut das nie hin?«
   Mit dem Männerproblem waren wir dann schon zu zweit.
   »Dir ist eben noch nicht der Richtige begegnet.« Ich konnte nicht glauben, was für eine Binsenweisheit ich da gerade von mir gab.
   »Karl ist klasse und …« Es folgte eine endlose Litanei, wie attraktiv und gut gebaut Karl aussah.
   Ich gehörte zum Verband der guten Freundinnen und lauschte aufmerksam, während ich mit einem Bleistift zwischen den nackten Zehen pulte. Unaufmerksam war ich nicht, ich hörte ja schließlich nicht mit den Zehen. Nur ein wenig abgelenkt, weil ich mir prompt mit der Bleispitze ins Nagelbett pikste.
   »Au!«
   »Was machst du da?«
   »Nichts.« Ich warf den bösen Bleistift auf den Tisch und rieb den kleinen Zeh.
   »Hörst du mir überhaupt zu?«
   »Ja.«
   »Du bist noch nicht richtig wach.«
   Jetzt, wo er es sagte, kitzelte ein unverschämtes Gähnen in meiner Kehle. Natürlich könnte ich ihn dezent darauf hinweisen, dass er mich aus dem Bett geworfen hatte. Aber es gab etwas zu klären.
   »Sag mal, hatte nicht Dr. König vergangene Nacht Bereitschaft?«
   »Ähm … bin mir nicht sicher. Warum?«
   »Weil auf der Eins erneut ein Bewohner an einer geplatzten Lunge gestorben und ein fremder Arzt aus dem Bewohnerzimmer gekommen ist.«
   Henri schwieg einen Moment. »Habe davon gehört. Keine schöne Sache. Lungenkrebs im Endstadium. Vielleicht musste der Arzt kurzfristig für König einspringen?«
   Nachdenklich zupfte ich an der Yuccapalme herum. »Möglich. Ich fand es nur seltsam, weil ich ihn nicht kannte.«
   »Mach dich nicht verrückt wegen des Arztes. Wir hatten solch eine Situation schon öfter. Da musste ein Arzt aus dem Klinikum kommen.«
   Verrückt machte ich mich nicht. Die Angelegenheit hinterließ nur ein seltsames Gefühl der Nachdenklichkeit. Es war nicht ungewöhnlich, dass eine Vertretung den AvD übernahm. Nicht die Tatsache, dass er ein fremder Arzt war, machte mich grüblerisch – es war der Typ selbst. »Du weißt also nicht, wer das war?«
   »Müsste ich in den Unterlagen nachsehen. Ist das denn so wichtig?«
   War es das? Ich wusste es nicht. Am Morgen hätte noch ein klares Ja die Hand erhoben, aber nun, mit einer Mütze Schlaf im Nacken, schien alles ein wenig unspektakulärer.
   »Du kommst aber morgen zum Tag der offenen Tür? Du bist fest eingeplant.« Henri holte mich in die Unterhaltung zurück.
   Ach ja, der Tag der offenen Tür. Wäre eine Kurzzeitgedächtnisstörung als Entschuldigung glaubhaft, wenn ich morgen schwänzte? Ich hatte keine Lust auf unseren Chef, Herrn Düsen, der den Umbau des Altenheims bewundern ließ. Da es eine private Einrichtung war und keinem öffentlichen Träger angehörte, plusterte sich der Blutsauger besonders auf, endlich seine Pläne verwirklicht zu sehen.
   Ich konnte ihn nicht ausstehen. Am liebsten würde er uns gar nicht bezahlen, sondern wie im Mittelalter Tauschhandel betreiben.
   »Du weißt, dass wir jeden brauchen, Yvo. Wir müssen die Leute, die nicht bettlägerig sind, hinausfahren.«
   »Bin dabei.«
   »Gut. Was machst du heute noch?«
   Das Gähnen unterdrückte ich nicht mehr. Ich schmetterte es geradezu in Henris Ohr.
   »Wusste ja nicht, dass du so beschäftigt bist.« Er klang amüsiert.
   »Kaffee machen und mich dann vor meinen Lappi setzen.«
   »Willst du nicht mit ins Kino kommen? Marie und Chris kommen auch. Es läuft Türkisch für Anfänger. Soll sehr gut sein.«
   »Ach, ich weiß nicht.« Ein erneutes Gähnen kitzelte in der Kehle. Ich hatte eindeutig nicht genug geschlafen.
   »Jetzt sei nicht so langweilig, Yvo.«
   »Ach, du bist lästig, weißt du das?«
   »Mein zweiter Vorname.«
   Ich grinste. »Schon gut. Ich komme mit, sonst gibst du sowieso keine Ruhe.«
   »Super. Wir holen dich gegen sieben Uhr ab. Um acht beginnt der Film.
   »Okay«, sagte ich wenig begeistert. »Bis später.«
   »Tschüss, Nachteule.«
   Das kapierte ich nicht. Die meisten Otto-Normalverbraucher warteten, bis der Film in einer Videothek zur Verfügung stand. Nur mein bester Freund saß mal wieder auf heißen Kohlen. Okay, ich sollte nicht herummeckern. Unter Umständen keine schlechte Idee, ein wenig unter die Leute zu gehen.

Nach einer warmen Dusche fühlte ich mich schon deutlich wacher. Ich wanderte in die Küche, um einen Kaffee zu machen. Die Maschine funktionierte nicht.
   Ich schüttete das Wasser weg und untersuchte die in die Jahre gekommene Kaffeemaschine eingehend. Vorsichtig wackelte ich am Stromkabel. Sollte ich gleich mit verkohlten Haaren am Boden liegen, brauchte ich für heute keinen Kaffee mehr. Vermutlich musste ich Chris bitten, sich das Schätzchen mal anzusehen.
   Während ich Margarine und Wurst aus dem Kühlschrank holte, verbannte ich den Gedanken an Kaffee und griff zum Toast. Ich vollführte Mums unschlagbaren Frischetest: Mit dem Daumen fest auf das Brot drücken.
   Mittlerweile so trocken und hart, um es jemandem über den Schädel zu zimmern. Wenn ich Nachtwache hatte, kam der Einkauf einfach immer zu kurz. Ein Abstecher zum Supermarkt wäre nicht schlecht. Im Kühlschrank herrschte gähnende Leere.
   Was soll’s, dann gönnte ich mir beim Bäcker Brötchen und Kaffee. Ich schnappte Autoschlüssel und Rucksack und zog die Türen zu.
   In Gedanken schon beim Kaffee vom Bäcker, wanderte ich zum Auto. Meine restlichen Gehirnzellen erwachten ratternd zum Leben. Irgendwas stimmte nicht!
   Ich starrte auf die Umgebung wie auf eines dieser 3D-Bilder, bei denen ich sowieso nie etwas anderes als chaotische Muster sah. Ich blieb stehen, machte zwei Schritte zurück, während sich das innere Auge bemühte, ein Abbild der Auffahrt ans Tageslicht zu kramen. Ich fand die störende Ursache.
   Mein Kopf nahm eine leichte Schräglage ein, als ich den schwarzen, amerikanischen Van fixierte, der mir frech den Weg versperrte.
   Was wollte der Wagen in meiner Einfahrt? Ich kannte niemanden mit einem amerikanischen Van. Ich stieg in meinen Golf Kombi und rollte langsam die Auffahrt hinunter, bis ich vor dem Kühler, den ein rotes GMC-Zeichen zierte, halten musste. Am Steuer saß ein dunkelhaariger Mann, der mich garantiert hinter seiner Sonnenbrille musterte.
   Nach seiner entspannten Körperhaltung zu urteilen, juckte es ihn wenig, wer wo hinaus wollte. Der Kerl besaß etwas, was meinen sonst so gelassenen Gleichmut aus den Angeln heben könnte.
   Mein Blick wanderte zum Nummernschild. Ich blinzelte verwirrt. Das war nur ein Irrtum. Ein Schweizer Nummernschild? Was zum Henker machte ein Van aus der Schweiz in meiner Auffahrt?
   Ich ließ die Seitenscheibe hinunter und streckte den Kopf hinaus. »Hey! Sind in der Schweiz die Parkplätze ausgegangen? Ich muss raus!«
   Keine Reaktion. Der Mann sah weiterhin in meine Richtung. Ich drückte auf die Hupe. Garantiert überhörte er das mit Absicht. Der Pegel meiner großzügigen Geduld drohte, endgültig die Skala zu sprengen, als plötzlich ein Schmunzeln auf seinen Lippen erschien. Was war so erheiternd daran, die Ausfahrt zu blockieren?
   Verärgert starrte ich ihn an. Aber so ein süßes Schmunzeln. Ich gab dem Gedanken einen latenten Schlag. Was war daran süß, wenn er die Einfahrt blockierte?
   Der V8-Motor erwachte brüllend zum Leben. Wie ein Irrer setzte er zurück, brauste auf die Straße und gab richtig Gas.

Ohne Kaffee oder Frühstück im Magen war ich nicht bester Laune. Genervt klappte ich die Sonnenblende herunter, als ich auf den überfüllten Parkplatz des Supermarkts fuhr. Jetzt wohnte ich schon im Kuhkaff Westenberge in NRW und kriegte trotzdem kein Rad an die Erde. Mein rosa Plüschhase hockte auf dem Armaturenbrett und half mir dabei, ruhig zu bleiben. Wenigstens mein Stofftier war mir loyal ergeben.
   Musste ich allen Ernstes noch fünf Kilometer weiterfahren, um an einen Kaffee und ein Brötchen zu kommen?
   Vor lauter Verzweiflung wollte ich schon einen Rollstuhlplatz besetzen, als eine Frau mit Kind aus einer Parklücke fuhr. Die Frau besaß nur einen kleinen Corsa. Per Augenmaß peilte ich den Parkplatz an. Ob ich da mit dem Golf hineinpasste?
   Langsam steuerte ich auf die Lücke zu. Wie aus dem Nichts raste ein Auto zielsicher auf den Parkplatz zu. Ein neuer, schwarzer Audi. Im Vergleich zum Golf glich der einem Panzer.
   Rasch schwenkte ich in die Lücke. Gleichzeitig lenkte der Audi ebenso hinein. Die Xenonscheinwerfer kamen unerbittlich auf mich zu. Der wollte mich doch nicht wirklich überrollen? Mein Hupen wurde zu einem Konzert der Extraklasse.
   Wenn der mich jetzt in die parkenden Autos schob, wer war dann schuld? An so einem Tag wie heute konnte ich mir gut vorstellen, dass die Schuldfrage an mir hängen blieb. Ich trat auf die Bremse.
   Im letzten Moment riss der Kerl das Lenkrad herum und kam neben der Beifahrertür zum Stehen. Durch das geöffnete Fenster starrte ich ihn mit großen Augen an. Sein attraktives Gesicht strahlte gelassene Ruhe aus, als wir uns durch die Scheiben musterten. Aha, da erkannte ich den Grund, warum er nicht reagierte: Na klar, sein Handy am Ohr.
   In seinen Adern musste südländisches Blut fließen, zumindest sah er danach aus – dunkles Haar, dunkle Augen und ein Teint, der zum Niederknien war.
   Die Hormone dockten an meinem Gehirn an. Er sah schon ganz schnucklig aus. Mein Herz machte einen ungeahnten Satz nach oben. Er neigte leicht den Kopf zur Seite und wies lächelnd nach vorn. Ich sah in den Rückspiegel. O mein Gott! Hinter mir hatte sich eine lange Autoschlange gebildet. Hektisch packte ich das Lenkrad und versuchte, in die Lücke zu kommen. Der Audi-Fahrer fuhr mit quietschenden Reifen davon. Die vorbeikurvenden Autofahrer hupten wütend und machten mir klar, dass ich mich lieber auf den Verkehr konzentrieren sollte.

Nach dem Fast-Zusammenstoß mit dem Mann steuerte ich die Bäckerei an, die im Supermarkt einen kleinen Verkaufsstand besaß. Ich bestellte ein Schinkenbrötchen und einen Pott Kaffee und setzte mich an einen freien Tisch. Nebenher machte ich Notizen, um auch nichts zu vergessen. Die Einkaufsliste bestand überwiegend aus Tiefkühlkost, Fertiggerichten und mal einem Apfel oder einer Banane. Ofen auf und rein das Tiefkühlzeug. Einfache, klare Sache, da konnte selbst ich nichts falsch machen. Wahrscheinlich war ich die miserabelste Köchin auf Gottes Erde, die es sogar schaffte, Wasser anbrennen zu lassen. Die Ernsthaftigkeit, einen Kochkurs zu belegen, hatte ich schnell in den Wind geschossen. Wem kochte ich die leckeren Gerichte? Mir selbst?
   Aber der Kaffee und das Brötchen schmeckten köstlich. Ich fühlte mich schon deutlich besser. Aus dem Tag konnte doch noch was werden. Wenn ich mir ganz viel Mühe gab, würde der Kinoabend lustig werden.
   Ein plötzliches Klappern neben mir. Eine warme Flüssigkeit ergoss sich über meinen linken Oberschenkel. Wie von der Tarantel gestochen fuhr ich vom Stuhl hoch und stieß einen spitzen Schrei aus.
   »Entschuldigung, das wollte ich nicht. Tut mir …«, sagte ein Mann hektisch, während ich den Kaffee abtupfte, um das Bein vor einer fiesen Verbrühung zu schützen. Natürlich übertrieb ich maßlos. Er sollte ein richtig schlechtes Gewissen bekommen. Mein Schauspiel war oscarreif.
   Als ich schließlich aufblickte, stockte mir der Atem: Seufz … Wunderschöne, kaffeebraune Augen. Du bist toll, kann ich dich heiraten?
   Mein Puls schoss in die Höhe, als sich mein Blick auf sein Gesicht fokussierte. Der Typ mit dem nagelneuen Audi.
   »Aha, die Parkplatzdiebin«, sagte er amüsiert.
   Seine Stimme besaß einen angenehmen, warmen Klang. Samtig strich sie über meine Haut.
   »Das war mein Parkplatz und nicht Ihrer. Ich stand zuerst da.«
   »Wirklich?« Amüsiert verzog er den Mund.
   »Ich habe geblinkt.«
   »Wie haben Sie denn geblinkt? Mit Ihrem rosa Plüschhasen auf dem Armaturenbrett?«
   Darauf fiel mir nichts Spontanes ein.
   Der brachte mich völlig aus dem Konzept. Allein die dunklen Augen ließen meine Knie weich werden. In meinem Bauch flatterten plötzlich Abertausende Schmetterlinge.
   Nein – ich durfte mich nicht davon ablenken lassen.
   Andere Taktik.
   »War das Absicht, mir das Bein zu verbrennen? Was, wenn Narben zurückbleiben?«
   Los, gebt mir schon den kleinen, goldenen, nackten Mann, der sich Oscar nennt …
   Jetzt lächelte er. Das nahm mir endgültig den Wind aus den Segeln. Lasst mich auf der Stelle sterben, es war ein so wunderschönes Lächeln. Wollte ich ihm wirklich noch böse sein?
   »Glauben Sie mir, da bleiben keine Narben zurück. Seien Sie froh, dass der Kaffee nicht mehr heiß war. Ich werde die Hose natürlich ersetzen und ich versichere Ihnen, es war keine Absicht.«
   Ich blinzelte ihn verwirrt an. »Woher wollen Sie wissen, dass keine dauerhaften Schäden zurückbleiben?«
   »Sie können mir glauben, da wird nichts zurückbleiben. Ihre reizende Jeans scheint so saugfähig zu sein, dass Ihr Oberschenkel kaum koffeingeschwängert sein dürfte.«
   Wie gebannt starrte ich auf seine vollen Lippen. Fühlte mich wie gefangen von seinem Anblick. Ich schüttelte den Kopf – lieber ganz schnell verschwinden, bevor ich noch mehr Blödsinn von mir gab. Garantiert war ich nicht die einzige Frau, der er schöne Augen machte.
   »Ach. Vergessen Sie’s.« Schnell nahm ich mein Tablett, um es in den Geschirrwagen zu stellen.
   Ich kam mir plötzlich wie ein Dorftrottel vor. Auf den Ersatz meiner Hose verzichtete ich. Mit zu viel Schwung schob ich das Tablett durch die Schiene. Der Wagen rollte zurück. Ich bekam ihn gerade noch zu packen, bevor er einer Oma über den Fuß rollen würde, die hinter dem Geschirrwagen saß und einen Tee trank.
   Dem Mann schenkte ich keine Beachtung mehr. So würdevoll wie möglich verließ ich die Bäckerei und steuerte den Eingang zum Supermarkt an.

Als ich aus dem Laden kam, den Einkaufswagen mit vielen leckeren Köstlichkeiten vollgepackt, blieb ich verblüfft stehen. An meinem Auto lehnte tatsächlich der Fremde. Die Arme über der Brust verschränkt, die langen Beine lässig übereinandergeschlagen. Meine Augen registrierten sehr genau die Muskeln, die sich unter seinem schwarzen T-Shirt abzeichneten.
   Verdammt! Ich hatte keine Lust, die Hormone wieder in die Ecke zu schicken. Das war einfach nicht fair. Mit hocherhobenem Kopf marschierte ich auf meinen Golf zu. Betont selbstbewusst trat ich an den Kofferraum. Vor Nervosität fiel mir zweimal der Schlüssel hinunter. Mit bebenden Händen packte ich die Einkäufe in die Klappkiste. Hoffentlich bemerkte er nicht, wie sehr er mich aus der Fassung brachte. Mein Herz schlug bis zum Hals. Die Schmetterlinge vollführten ein wahres Freudenfest in meinem Bauch und schickten ein Kribbeln durch meinen Körper.
   »Hören Sie«, vernahm ich seine Stimme. »Es tut mir wirklich leid. Das mit dem Kaffee war keine Absicht.«
   Er stand hinter mir, ich fühlte es. Das Kribbeln schoss bis in meine Fußspitzen.
   »Ich möchte für den Schaden aufkommen.«
   Nein, ich würde nichts sagen, sondern weiterhin die Einkäufe einladen. Die Kehle wurde mir eng.
   »Meine Güte, sind Sie stur. Da entschuldige ich mich. Soll ich vielleicht den roten Teppich ausrollen, um vor Ihnen auf die Knie zu fallen?«
   Stur war ich nicht, ich hatte nur Angst, völligen Nonsens zu reden. Ich fühlte mich wie ein Schulmädchen. Fehlte noch, dass ich errötete. Ich drehte mich um und wich einen Schritt zur Seite. Er stand ein wenig zu nah. Erneut überwältigte mich das Braun seiner Augen. Ich unterdrückte ein Seufzen. Die Hormone steckte ich in eine imaginäre Kiste und nagelte den Deckel zu. »Haben Sie nichts Besseres zu tun, als mich hier anzubaggern?«
   »Wie bitte?« Sein Gesicht sprach Bände. Ein amüsiertes Glitzern trat in seine Augen. Sein Mundwinkel zuckte.
   Auweia, womöglich stand ich gerade in einem riesengroßen Fettnäpfchen, weil ich ihm unlautere Absichten unterstellte.
   »Da bringen Sie mich durchaus auf eine Idee«, sagte er schmunzelnd.
   Ehrlich, mir fehlten die Worte. Ich musste ziemlich dämlich schauen, denn sein Schmunzeln verwandelte sich in ein breites Lächeln. »Hey, war nicht so gemeint. Nur Spaß.«
   Ich sollte mich auf das Wesentliche konzentrieren und mich nicht von dem Fremden einwickeln lassen. Zum Glück fand ich meine Stimme wieder.
   »Was habe ich nur verbrochen?«, murmelte ich.
   »Wie bitte?«
   Unwirsch winkte ich ab. »Es ist in Ordnung. Es war keine Absicht und gut ist.«
   »Nicht nur stur, sondern auch zickig.«
   »Bin nicht zickig.«
   Ich fand ihn äußerst vorlaut, aber auf eine freche Weise, die eine feine Saite in mir zum Klingen brachte. Wenn er nicht so schöne Augen gehabt hätte, hätte ich ihn schon längst ungespitzt in den Boden gestampft.
    Yvonne – fahr jetzt ganz schnell nach Hause.
   »Tun Sie mir einfach den Gefallen und gehen Sie. Ich will Ihr Geld nicht. Ich verzichte auf einen Schadensersatz.«
   Mit Wucht schlug ich die Kofferraumklappe zu und brachte den Einkaufswagen zurück. Als ich zum Auto zurückkam, war der Fremde verschwunden. Unbewusst ließ ich die Hand über den Bauch gleiten, um die Schmetterlinge zu beruhigen. Ein paar Mal atmete ich tief durch und stieg ins Auto. Der Mann war seit Langem der Erste, der mir reges Herzklopfen bescherte, und ich blödes Huhn ließ ihn einfach gehen. Wahrscheinlich war es aber ganz gut so. Wer weiß, wohin das geführt hätte.

Zu Hause angelangt verstaute ich die Einkäufe und legte eine Tiefkühlpizza in den Ofen.
   Das linke Hosenbein war noch immer kaffeegetränkt. Ich ging ins Schlafzimmer und zog die feuchte Jeans aus. Mit äußerster Vorsicht betastete ich den Oberschenkel, um ihn zu untersuchen. Die Haut schimmerte etwas rot.
   Um dem ganzen Drama noch einen draufzusetzen, schmierte ich im Bad demonstrativ Brandsalbe auf die gerötete Haut. Ich seufzte. Niemand reichte mir dafür das goldene Oscar-Männchen. Es gab keins für meine dramatische Vorstellung. Ich lachte über mein übertriebenes Schauspiel, nicht mal ein Blechmann wollte mich haben. Beim erstbesten braunäugigen Mann wurde ich zur Dramaqueen. Ich zog eine bequeme Baumwollhose über und setzte mich an den Laptop.
   Das E-Mail-Fach war mit Werbung vollgepackt und einer Nachricht, von der ich den Absender nicht kannte. Eigentlich löschte ich Mails von unbekannten Leuten, aber diese ließ mich neugierig werden. »Wichtig! Pharmaka!«, las ich als Betreff. Unschlüssig schwebte meine Hand über der Löschtaste. Neugier und Vorsicht balgten miteinander. Meistens gewann die Neugier – so wie jetzt.
   Kurzerhand öffnete ich die Mail und fand eine Liste mit Medikamenten – die meisten mir völlig unbekannt. Ich sah auf den Absender: die Adresse eines Freemail-Providers.
   Woher kannten die meine Adresse? Einige Medikamente waren mit einem Vermerk markiert: Achtung! Station eins!
   Seltsam. Was sollte die Mail? Welche Station eins? Unsere? Leider hatte ich vom Internet so viel Ahnung wie ein Nilpferd vom Seiltanzen und war nicht in der Lage, den Absender ausfindig zu machen.
   Meine Finger schwebten starr über den Tasten. Ich rang mit der Versuchung zu antworten, damit meine Fragen einen Ansprechpartner fanden. Kurzerhand klickte ich den Antwortbutton und verfasste die wenigen Worte:
   Welche Station eins und was sind das für Medikamente?
   Ich blieb vor dem Bildschirm hocken, durfte in meiner Neugier nichts verpassen. Es dauerte nicht lange, bis im E-Mail-Eingang eine neue Nachricht angezeigt wurde.
   Vor Aufregung hätte ich sie fast gelöscht.
   Im Altenheim, in dem du arbeitest, werden nicht zugelassene Medikamente verabreicht. Sieh genauer hin!

Für einen Moment saß ich wie vom Donner gerührt da und starrte auf den Bildschirm. Das musste ein ganz übler Scherz sein. Nie im Leben geschah so etwas an meinem Arbeitsplatz.
   Plötzlich machte es Klick: Henri und seine schlechten Witze.
   Beinahe wäre ich ihm auf den Leim gegangen. Nachdem ich ihm von dem Arzt erzählt hatte, musste er mich mit einer Horrornachricht schocken. Die Mail war nicht witzig, sie war geschmacklos.
   Ich speicherte die Liste, um mich bei Gelegenheit mit einer kleinen Rachemail zu bedanken. Der würde noch sein blaues Wunder erleben. Was er konnte, konnte ich schon längst.
   Ich klappte den Laptop zu und sah nach der Pizza. Mit dem Teller voller Pizzastücke setzte ich mich vor den Fernseher und ließ es mir gut gehen.

Kapitel 3


Fertig geschniegelt und gestriegelt stand ich vor dem Spiegel. Es war nicht zu glauben, ich freute mich richtig auf den Kinoabend mit meinen Freunden. Bestimmt würde es lustig werden. Hach, ich sah richtig gut aus: die braunen Haare zu einem kunstvollen Zopf gebunden. Mit Kajal und Lidschatten nicht gespart, um die grünen Augen gekonnt zu betonen. Ein wenig Make-up und Farbe auf den Wangen und aus dem müden Teint wurde ein ansehnlicher. Niemand konnte mir nachsagen, ich sähe wie eine übernächtigte Vogelscheuche aus.
   Die langärmlige, weiße Bluse passte großartig zu der schwarzen Jeans, obwohl ich zuvor einige Schwierigkeiten hatte, in die Hose zu kommen. Musste sogar eine Gabel aus der Küche holen, um den verdammten Reißverschluss zu schließen. In horizontaler Lage bekam ich die Hose endlich zu. Klar – eindeutig zu heiß gewaschen.
   Ich sah attraktiv aus, sollte eigentlich begehrenswert für die Männerwelt sein. Warum zum Teufel hatte ich keinen Mann? Ich seufzte und betrachtete mich erneut im Standspiegel. Am Aussehen lag’s nicht. Bestimmt gab es einen anderen Grund. War ich womöglich zu dick für die Männerwelt? Die enge Jeans könnte den eindeutigen Beweis liefern.
   Dass ich mir die Pizza gegönnt hatte, hinterließ schlagartig ein schlechtes Gewissen. »Nein.« Entschieden schüttelte ich den Kopf. Den Abend machte ich mir nicht selbst madig. »Nicht heute Abend. Du bist attraktiv. Auch wenn du Single bist und seit Ewigkeiten keinen Sex mehr hattest, siehst du verdammt scharf aus. Irgendwann wird Mister Right kommen.« Zum Abschluss zupfte ich noch ein paar Strähnen aus dem Zopf, sodass sie mir ins Gesicht fielen.
   Endlich – es klingelte. Auf dem Weg zur Tür stolperte ich über einige Schuhe. Besuch hatte ich keinen, das waren alles meine. Unter einem Schuhtick litt ich auch nicht. Ich vergaß nur ständig, das Schuhwerk im Schrank unterzubringen. Morgen oder übermorgen würde ich aufräumen. Ich öffnete die Wohnungstür. Im Milchglasfenster der Haustür sah ich die Silhouette von Marie. »Hi.« Ich begrüßte sie, während wir uns umarmten.
   »Hey, Süße. Bist du fertig?«
   »Sofort.« Musste nur noch die schwarzen Pumps anziehen. Das passte perfekt.
   Meine beste Freundin sah zum Anbeißen aus. Schönes, dunkles Haar und ein Teint, als käme sie frisch aus dem Urlaub. Neben ihr wirkte ich wie eine Käse-Latina. Es war schon beneidenswert, dass sie die Gene ihrer spanischen Mama geerbt hatte. Die schlanken Beine steckten in ihrer schwarzen Lieblingslederhose, dazu trug sie einen hellblauen, dünnen Pullover. Sie besaß eine gewisse Ähnlichkeit mit Fernanda Brandao, während Marie mal konterte, ich würde Gemma Arterton ähnlichsehen, nur ohne Boxerlippen. Haha, das war einen Lacher wert gewesen. Manchmal besaß sie einen schrägen Sinn für Humor.
   »Muss noch eine Jacke holen, dann können wir los.« Ich schlüpfte in die Ärmel einer schwarzen Baumwolljacke.
   Marie verdrehte theatralisch die braunen Augen. »Die wirst du garantiert nicht brauchen.«
   Verdutzt hielt ich inne. »Hey, du weißt, wie ich bin. Ich friere mir nachher bestimmt den Hintern ab. Außerdem zieht es in Henris Käfer an allen Ecken und Enden.«
   »Keine Sorge, wir sitzen zu dritt auf der Rückbank.«
   »Wie zu dritt? Wer fährt denn noch mit, außer Chris?«
   »Karl Winter.«
   Ich lachte. »Du bist lustig.« Ihr ernstes Gesicht ließ mich verstummen. »Ernsthaft? Sag, dass das nur ein Witz ist. Bitte, Marie.«
   Sie schüttelte den Kopf. Das konnte ein abwechslungsreicher Abend werden. Wie war das noch mit dem Licht am Ende des Tunnels und dem entgegenkommenden Zug?
   »Ich wollte dich nur vorwarnen, damit du gleich nicht einen unüberlegten Spruch vom Stapel lässt«, sagte sie. »Sonst spielt Henri wieder den ganzen Abend beleidigte Leberwurst. Hab auch blöde geschaut, als ich diesen Karl auf dem Beifahrersitz entdeckte. Musste Chris einen derben Rippenstoß verpassen, als er sagte: Fahren wir in den Zirkus und bringen den Clown mit?«
   Marie spielte auf die Kleidung an, die Karl Winter mit Begeisterung trug. Knallbunt und schrill. Zum Glück begegnete er mir im Altenheim nicht oft.
   »Danke fürs Vorwarnen.« Ich schnappte die Schlüssel und wir verließen das Haus.
   Auch ein bunt gekleideter Karl Winter verhagelte mir nicht den Abend – entgegenkommender Zug hin oder her.

Auf vieles war ich vorbereitet. Aber nicht auf das, was sich mir bot, als Henri ausstieg, um mich zu Chris auf die Rückbank zu lassen. Henri hatte sich in eine dunkelgrüne Hose und knallgelben Pullover geschmissen. Bei der Farbzusammenstellung konnte mir leicht übel werden. Wo waren die schicken Klamotten, die er immer trug? Seit wann ließ er sich einen Oberlippenbart stehen? Mit seinen dreiunddreißig Jahren besaß er schon einen ordentlichen Hubschrauberlandeplatz auf dem Kopf. Aber jetzt fehlte sogar der Haarkranz – er trug eine Glatze!
   »Hallo, Yvo.« Er begrüßte mich fröhlich, während er mich kurz, aber herzlich drückte.
   »Hi, Henri.«
   Halt lieber den Mund, Yvo, das gibt nur Stunk.
   »Übrigens – deine Mail hat für unechte Belustigung gesorgt. Fand ich nicht witzig, eher geschmacklos.«
   Er sah mich perplex an. »Was für eine Mail?«
   Ich starrte ihn neugierig an. »Du hast mir keine Mail geschickt?«
   Seine verwirrte Miene blieb. »Ähm … nee.«
   Okay, von Henri war sie nicht gekommen. Von wem dann? Ganz gewiss von Frank oder Claudia. Irene besaß dafür nicht den schwarzen Humor. Bei ihr musste man zum Lachen in den Keller gehen. Trotzdem fand ich die Mail nicht erheiternd.
   »Nichts für ungut. Dachte nur, die wäre von dir gewesen.«
   »Nur zur Info: Ich habe meinen PC vor vier Monaten entsorgt.«
   Ich steckte nur den Kopf ins Wageninnere und stieß mir prompt die Birne am Wagendach. O mein Gott, auch mit Maries Vorwarnung schienen mir sämtliche Gesichtszüge zu entgleisen. Schlagartig wurde klar, warum sich Henri eine Popelbremse stehen ließ. Karlchen hatte auch eine. Kleine, blaue Schweinsäuglein blinzelten mich an. Ich schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er hatte richtige Geheimratsecken. Über den Ohren wurden die Haare schon ein wenig grau.
   »Ah, da ist die Nachteule.« Er begrüßte mich lachend. »Wir sind uns schon im Altenheim begegnet.«
   Hatte ich spontan vergessen. Aber dass er mich Nachteule nannte … Das gab schon mal derben Punkteabzug auf der Sympathieskala. Nur die engsten Freunde durften mich so nennen. Das war garantiert auf Henris Mist gewachsen.
   »Ich bin Karl.« Grinsend hielt er mir eine Hand entgegen. Er wirkte wie ein großes Kind. Sein schrilles Lachen zuvor hatte sich alles andere als erwachsen angehört. Hinzu kamen noch die bunten Klamotten. Gab’s diesen Mann auch in schön, intelligent und witzig?
   Da half nur eines: ignorieren.
   »Hallo, bin Yvonne«, nuschelte ich und schüttelte schnell die Hand. Als hielte ich einen toten, glitschigen Fisch fest. Ich setzte mich endlich auf die Rückbank zu Chris und wischte die Handfläche an der Hose ab.
   »Hi, Chris.«
   »Na, Yvo?« Wissend grinste er zurück, und als sich noch Marie zu uns quetschte, machte sie die Ölsardinendose perfekt.
   Mein Gott, das war eng auf der Käferrückbank. Meine Beine wurden augenblicklich zusammengedrückt, als Henri den Sitz nach hinten klappte.
   Chris hatte die langen Beine angezogen, um sie nicht einzuquetschen. Sah lustig, aber unbequem aus. Marie hatte die Probleme nicht. Sie passte mit ihren eins zweiundsechzig überall zwischen.
   Was war das für ein aufdringliches Aftershave?
   Chris war es nicht. Es kam von vorn. Entweder Henri oder Karl. Ich tippte auf Letzteren. Ein penetranter, intensiver Geruch. Das Schlimmste an der ganzen Sache – hinten konnte man kein Fenster öffnen. So etwas hatte Henris alter Käfer nicht, er besaß nicht die Luxusausführung von VW.
   Sauerstoff – ich brauchte ihn jetzt ganz dringend. Ich würde töten für ein bisschen frische Luft. Marie und Chris ging es nicht besser. So eingequetscht hätte ich mir die Jacke wirklich sparen können. Nach wenigen Minuten schwitzte ich wie ein Hummer im Topf.
   Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. »Könntest du bitte dein Fenster öffnen, Henri?«
   »Klar doch«, kam die Antwort.
   Ein kühler Luftzug wehte um meine Nase.
   Auch Marie und Chris steckten die Nasen der Luft entgegen. Wir sahen bestimmt ziemlich beschränkt aus, wie wir gierig unsere Schnuten Richtung Fenster richteten. Hätte nur noch gefehlt, dass wir uns wie drei bissige Hunde um den Sauerstoff stritten.

Die Fahrt zum Kino kam mir viel zu lang vor. Der Hintern tat höllisch weh. Ich hatte auf einer Haarspraydose gesessen. Allein der Himmel wusste, was Henri mit einer Haarspraydose auf dem Rücksitz wollte, die zudem auch noch leer war. Ich brauchte eine Weile, bis ich aus dem Käfer stieg, und blieb dann noch mit der Jacke am Vordersitz hängen. Mit einem unschönen Reißen bekam ich sie endlich losgewurschtelt. Eins schwor ich mir: Eher gefror die Hölle, bevor ich mich noch mal zu solch einer Käferfahrt überreden ließ.
   Ein überaus bekanntes Motorgeräusch ließ mich aufhorchen. Ich hatte es heute schon einmal gehört. Über das Autodach hinweg beobachtete ich einen schwarzen Van, der erst dicht an uns vorbeifuhr und dann keine fünf Meter vor uns parkte. Es war der Van von heute Vormittag. Ich blockierte weiterhin die Käfertür und merkte nicht, dass Chris ebenfalls aussteigen wollte.
   »Hey, lass mich raus!«
   Ich trat zur Seite.
   Chris krabbelte stöhnend heraus. Die blonden, kurzen Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab.
   »Was ist los? Was siehst du da?« Marie stellte sich neben mich und blickte in die gleiche Richtung.
   Ich schüttelte den Kopf. »Nichts.«
   »Aha. Wie sieht das Nichts denn aus? Groß, blond, sportlich?«
   Ich grinste. »Blöde Kuh. Ich dachte nur, ich hätte was gesehen.«
   »Was denn?«
   »War nicht wichtig.«
   Ich streifte den Van noch einmal mit einem kurzen Blick, bevor ich den anderen zum Eingang folgte. Warum wurde ich das Gefühl nicht los, dass es kein Zufall war, dass der hier stand? Was zur Hölle wollte ein Van mit Schweizer Nummernschild in unserem Kaff – vor allem in meiner Einfahrt? Wir besaßen keine spektakulären Sehenswürdigkeiten, die massenhaft Touristen anlockten und bei mir gab es erst recht nichts zu sehen.
   Henri und Karl unterhielten sich angeregt, während wir zum Ticketschalter schlenderten. Chris nahm liebevoll die Hand seiner Frau. Ein schmerzhafter Kloß bildete sich in meinem Hals. Leider trat ich als Einzige in der Gruppe auf, die niemanden an der Seite hatte. Das Leben war ungerecht und hart. Marie hakte sich bei mir unter. Ob sie spürte, dass ich mich unwohl fühlte?
   »Wie war dein Tag heute?«, fragte sie.
   »Sehr ereignisreich.«
   »Was ist passiert?«
   »Zuerst benutzte so ein Blödmann meine Hauseinfahrt als Parkplatz. Dann fuhr mir ein anderer Trottel auf dem Supermarktparkplatz beinahe ins Auto.«
   Marie lachte. »Gleich zwei? Da kannst du doch wählen. Sahen sie wenigstens vorzeigbar aus?«
   »Der Typ beim Supermarkt war ganz schnucklig. Er hatte schöne Augen. Den anderen habe ich nicht so genau gesehen.«
   »Hoffentlich hast du ausgeschlafen.« Chris meldete sich zu Wort. »Henri hat vorhin verlauten lassen, dass er nach dem Kino irgendwo was trinken will.«
   »Das muss ich mir noch überlegen.« Ich bezahlte das Ticket und warf einen Blick darauf. Saal vier, Block A, Sitz 222. Da ging nichts mehr schief, wenn man auf einem Schnapszahlensitz saß.

Saal vier war gut belegt. Da die Platzanweiser alle Hände voll zu tun hatten, suchten wir unsere Reihe selbst, was sich bei dem Menschenauflauf als ein ziemliches Unterfangen erwies. Nach einigem Gesuche fanden wir unsere Sitze. Zuerst schoben sich Henri und Karl in den Gang, dann folgten Chris und Marie und zuletzt meine Wenigkeit.
   Was ich am meisten hasste, wenn ich ins Kino ging? Mich an den schon sitzenden Zuschauern vorbeizuschieben. Irgendwie mochte ich niemandem meinen Hintern am Gesicht vorbeischieben oder die Vorderfront. Deshalb drängte ich mich grundsätzlich quer durch die Reihen, sodass mir niemand auf den Hintern oder in den Ausschnitt sah. Natürlich bekam ich dafür kein Lob. Da wurde der eine oder andere Kinobesucher schon mal richtig stinkig, weil ich ihm auf den Fuß trat, die Cola auskippte oder die Popcorntüte platt trat. Ich schwitzte Blut und Wasser, murmelte eine Entschuldigung nach der anderen, wobei meine Pumps Bekanntschaft mit diversen Füßen, Popcorn und Chips machten. Drei Kreuze schlug ich, als ich endlich Sitznummer 222 erreichte. Erleichtert ließ ich mich auf den roten Samtsessel nieder und arrangierte zufrieden Orangensaft und Popcorn auf dem kleinen Tischchen.
   Kurze Zeit später wurde der Saal abgedunkelt und die Werbung begann. Mir kam es jedes Mal so vor, als dauerte sie länger als der ganze Film. Langsam wurden die Augen schwer. Ich sollte wirklich nicht einschlafen im Kino …

Jäh wurde ich von einem Schwall kalter Flüssigkeit geweckt, die mir jemand von hinten auf die Hose kippte. Der Becher purzelte über meinen Schoss und verschwand irgendwo unter dem Sitz. Mit einem Schrei fuhr ich aus dem Sessel hoch. Marie sprang ebenso auf.
   »Tut mir leid«, hörte ich jemanden sagen. »Ich …«
   »Ja, geht’s noch?« Ich fuhr zu der Person herum, ohne auf die lauten Stimmen zu achten, die unmissverständlich klarmachten, dass ich mich endlich setzen sollte. »Das ist fiese, klebrige Cola.«
   Die Stimmen wurden lauter. Mir war es schnuppe, ich musste hier was klären. Lief sowieso die Eiscremewerbung.
   Es wurde heller im Kino, die Angestellten kamen mit den Eisboxen herein.
   Marie reichte mir Taschentücher, um die größte Bescherung zu beseitigen. Als ich erkannte, wer hinter uns saß, erstarrte ich vor Schreck.
   »Ach du Schande … Sie schon wieder?«
   Ausgerechnet der Fremde vom Supermarktparkplatz, flankiert von zwei Kumpeln. Mein Puls schoss mit Lichtgeschwindigkeit in die Höhe. Ungläubig starrte ich ihn an. War das nun ein glücklicher Zufall oder schicksalhafte Bestimmung?
   Seine Freunde feixten.
   »Mann, da hast du aber gut getroffen«, sagte der Typ rechts von ihm.
   Er ging nicht darauf ein, sondern betrachtete mich eingehend. Irgendwie gefiel es mir, wie mich die braunen Augen fixierten. Ich sah wahnsinnig gut aus, auch mit einer colabesudelten Hose.
   »Interessant, dass meine Cola gerade Sie trifft«, sagte er amüsiert.
   Was sollte daran interessant sein? Ich stemmte die Hände in die Hüften, um zu kaschieren, dass sie bebten. »Macht Ihnen das Spaß, mich mit Getränken zu bewerfen?«
   Marie und Chris sahen uns völlig überrascht an. Von Henri und seiner neuen Flamme konnte keine Rede sein, die waren anderweitig beschäftigt.
   »Oha. Jetzt gibt’s Saures, Misha.« Der andere feixte und schlug ihm lachend auf die Schulter.
   »Sie finden das auch noch komisch?«
   Das Feixen seiner Kumpel erstarb.
   »Nein, ich …«, sagte Misha unbeholfen.
   »Ach, ist auch egal.« Ich fuhr ihm ins Wort, drehte mich um und bahnte mir einen Weg durch die Sitzreihe.
   Die Cola klebte am Hosenbein. Begleitet von unschönen Kommentaren quetschte ich mich an den Sitzen vorbei nach draußen. Mein Ziel: das Klo. Ich musste irgendwie das klebrige Zeug von der Hose kriegen. Maries Rufe ignorierte ich. Ich stieß die Tür zum Saalausgang auf.
   »Sag bloß, das ist der Typ von heute Nachmittag?« Sie war mir gefolgt und hielt mich am Arm zurück.
   »Ja.«
   Sie grinste frech. »Das ist Mister Right?«
   »Was? Nein, ganz bestimmt nicht.«
   Die Flügeltüren wurden erneut aufgestoßen und heraus trat der Ich-werfe-gern-mit-Getränken-Typ. Als er uns erblickte, steuerte er umgehend auf uns zu. Sofort machte ich auf dem Absatz kehrt und eilte Richtung Klo.
   »Hören Sie, es tut mir wirklich leid.« Er folgte mir. »Einer meiner Freunde hatte die Cola so unglücklich aufs Bord gestellt. Es war ein Versehen.«
   »Sagen Sie Ihren Freunden, dass sie nächstes Mal besser gucken sollen.« Ich benahm mich zickig und unglaublich stur. In seiner Nähe fühlte ich eine gewisse Unsicherheit und das ärgerte mich.
   Die Augen hielt ich entschlossen auf die Toilettentür gerichtet. Mit einem Satz stand er plötzlich vor mir. Ich musste eine regelrechte Vollbremsung hinlegen, um nicht mit ihm zusammenzustoßen. Er beugte sich zu mir herunter, sodass wir auf Augenhöhe waren. Unsicher sah ich zu Boden.
   Aus den Augenwinkeln erkannte ich, dass er lächelte.
   »Sie sind wirklich die sturste Frau, die mir jemals begegnet ist«, sagte er ein wenig atemlos. »Sie laufen einfach weg. Was soll das?«
   Jetzt sah ich in sein Gesicht. Ein heftiges Kribbeln breitete sich in meinem Bauch aus.
   »Finden Sie das nicht selbst lächerlich?«, fragte er sanft.
   Das Kribbeln wanderte hinab und fand sein Zentrum in meinem Unterleib. O ja, mir fielen auf Anhieb viele Dinge ein, die er mit mir anstellen könnte. Das war wirklich nicht fair. Schon wollte ich zu einer deftigen Erwiderung ansetzen, als sich Marie meldete. Schande über mich, ich hatte sie ganz vergessen.
   »Ausnahmsweise muss ich dem jungen Mann recht geben. Das ist wirklich lächerlich.«
   »Danke«, sagte er an meine Freundin gewandt.
   Fassungslos starrte ich sie an. Mir fehlten die Worte, weil sie mir so gekonnt in den Rücken fiel.
   »Niemand kippt dir mit Absicht Cola über die Hose. Er hat sich doch entschuldigt.«
   Noch immer fand ich keine Worte für ihren Verrat.
   »Sieh mich nicht so an, Yvo«, sagte sie mit einem Schulterzucken. »Es ist eben nur ein kleines Missgeschick gewesen. Du benimmst dich zickig.«
   »Ich danke Ihnen.« Er meldete sich abermals zu Wort.
   Wie ein begriffsstutziger Esel sah ich von Marie zu dem Mann. Plötzlich griff er in die Hosentasche und zog einen Fünfzigeuroschein hervor, den er mir entgegenhielt. »Hier. Ich werde natürlich für die Reinigung der Sachen aufkommen.«
   Ungläubig starrte ich erst auf den Geldschein, danach in sein Gesicht und fand endlich die Stimme wieder. »Ich habe Ihnen schon heute Nachmittag gesagt, dass ich Ihr Geld nicht will.«
   Aber deine Telefonnummer, denn du bist einfach zu süß … Ich schüttelte den Kopf über den unsinnigen Gedanken. Er war bestimmt nur auf eine heiße Nacht aus. Ich wollte nicht die nächste Eroberung in seiner Sammlung sein.
   Ich winkte ab. »Ach, lasst mich doch alle in Ruhe.« Mit einem Schnauben schob ich mich an ihm vorbei und stieß die Toilettentür auf. Am Waschbecken zog ich eine Handvoll Papiertücher aus dem Spender, machte sie nass und rieb über die Jeans.
   Marie trat durch die Tür. »Was war das?«
   Ich blickte kurz in den Spiegel. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah wie ein kleiner dunkler Teufel aus.
   »Hau ab. Du hast verschissen.« Wie eine arme Irre rieb ich über den Stoff. Je mehr ich rieb, umso mehr fusselte das Papier die Hose voll. Meine Jeans – versaut. Ich blöde Kuh hatte es noch schlimmer gemacht. So konnte ich unmöglich unter die Leute gehen. Ich war frustriert.
   Ein leiser Seufzer. Marie nahm die Tücher aus meiner Hand. »Was machst du denn für Sachen, Süße?« Sie zog eine neue Ladung Tücher aus dem Spender, hielt sie unter den Wasserhahn, um anschließend sanft über die Hose zu reiben. »Ich glaube, das lassen wir lieber. Das wird nur noch mehr fusseln.«
   Mein Blick schwamm voller Tränen, er zeigte eine verschwommene Silhouette meiner besten Freundin. Nur nicht heulen, sonst sah ich nachher wie ein Koala aus. Es war nicht zu verhindern, die ersten Tränen kullerten hinunter.
   »Ach, Yvo.« Marie nahm mich liebevoll in den Arm. »Tut mir leid. Ich wollte dir nicht in den Rücken fallen. Verzeihst du mir?«
   Mit ziemlicher Sicherheit weinte ich nicht deswegen. Einen triftigen Grund wusste ich selbst nicht. Aber ich nickte. Die Schminke schien nun endgültig dahin.
   »Sag nicht, der hat dich kaltgelassen. Das hat er nämlich nicht, ich hab’s an deinen Augen gesehen. Jetzt grins doch mal.«
   Um sie zu beruhigen, lächelte ich kurz.
   »Hab ich doch gewusst«, rief sie und klatschte triumphierend in die Hände.
   »Er ist ganz süß.« Ich drehte mich zum Spiegel, um mein Gesicht zu begutachten. Na super, ich sah wie eine Harpyie aus.
   »Verdammt.« Ich zog abermals Tücher aus dem Spender, machte sie feucht und wischte die Schminke ab.
   »Höflich und nett ist er auch«, sagte Marie, während sie an ihren Haaren zupfend in den Spiegel blickte. »Ein Mann, den man gern der Mama vorstellen würde.«
   »Nur weil er mir fünfzig Euro schenken wollte?«
   Sie lachte. »Die hättest du nehmen sollen. Vielleicht stand seine Telefonnummer auf dem Geldschein.«
   Ich zuckte grinsend die Achseln. »Kann schon sein. Dafür hat er bekloppte Freunde.«
   »Wen interessieren die Freunde, Schätzchen?«
   Ich sah auf Maries Armbanduhr. »Der Film hat bestimmt schon angefangen.«
   Sie zuckte die Schultern. »Egal. Hatte eh keinen Bock auf den Streifen. Bin nur Chris zuliebe mitgegangen.«
   »Sollen wir zurückgehen?«, fragte ich sie.
   »Wir können es versuchen, aber ich glaube, die lassen uns nicht mehr rein.«
   Meine Hand blieb unschlüssig auf der Klinke der Toilettentür liegen.
   »Was ist los, Yvo?«
   »Meinst du, er steht noch draußen mit seinen fünfzig Euro?«
   Meine Freundin lachte, riss die Tür auf, sodass ich erschrocken einen Schritt zurückwich, um sie nicht vor die Stirn zu bekommen. »Nö. Ist weg.«
   Ich hätte sie erwürgen können. Was, wenn er doch da gestanden hätte? Natürlich hätte ich mich dumm gestellt. Der Vorteil der Klugheit bestand darin, dass man sich dumm stellen konnte. Das Gegenteil fiel schwieriger aus.
   »Blöde Kuh.« Verärgert trat ich aus der Tür.
   Selbstbewusst steuerte Marie den Kinosaal vier an, vor der jetzt ein streng aussehender Mitarbeiter in roter Kleidung stand. Sie diskutierte mit ihm, bis er entschlossen den Kopf schüttelte. Das war’s mit dem Kinoabend.
   Marie kam zurück. »Keine Chance. Lässt uns während der Vorstellung nicht rein. Wir können uns an der Kasse das Geld zurückgeben lassen.«
   »Was machen wir jetzt?«
   Sie grinste. »Wir besaufen uns mit Kaffee.« Sie zückte ihr Smartphone und tippte eine SMS. »Ich werde nur noch Chris Bescheid geben, dass wir an der Kaffeebar sitzen.«

Wir wollten einen lustigen Weiberabend verbringen. Böse war ich nicht, den Film zu verpassen. Während ich mit beiden Tassen zwischen den Tischen hindurchbalancierte, holte Marie unser Geld zurück. Die Möbelstücke standen eng beieinander. Hoffentlich kippte ich niemanden den Kaffee ins Genick. Wieso nur mussten die Tassen immer so voll sein?
   Langsam näherte ich mich einem freien Tisch. Daneben saß ein dunkelhaariger Mann in schwarzer Lederjacke und Bluejeans, der die langen Beine ausgestreckt hatte, um seine speckigen Turnschuhe auf den Stuhl zu pflanzen.
   Auf meinen Stuhl! Es ärgerte mich, weil er glaubte, der nächste Tisch wäre auch noch seiner.
   »Hallo? Dürfte ich mal an den Tisch?« Ich ließ die Stimme extra grantig klingen, damit er sofort checkte, dass er die Schuhe gefälligst woanders unterbrachte.
   Ich stellte die Tassen so heftig auf den Tisch, dass gleich der erste Schwung Kaffee auf der Tischplatte landete.
   Langsam nahm er die Füße von der Sitzgelegenheit. Was glaubte der eigentlich, wo er hier war? Im Dschungel von Borneo? Demonstrativ öffnete ich meinen Rucksack, holte eine Packung Taschentücher heraus und wischte über die Sitzfläche. Mir reichte die Cola auf der Hose, es musste nicht noch Dreck am Hintern sein.
   »So dreckig sind meine Schuhe aber nicht«, hörte ich ihn sagen.
   Seine Stimme besaß einen leichten Akzent. Aus unerklärlichen Gründen stellten sich meine Nackenhärchen auf.
   Ich ließ mich jedoch nicht stören und wischte auch gleich noch die Kaffeepfützen weg. Als ich fertig war, stapelte sich ein kleiner Haufen nasser Taschentücher auf der Tischplatte.
   »Wenn du einen Mülleimer suchst, dort drüben steht einer«, sagte er.
   Ich fühlte mich leicht genervt von dem Kerl. Was fiel dem ein, mich einfach zu duzen? Wir waren nicht per Du. Merkte er nicht, dass er überflüssig war?
   Mein Blick schoss in seine Richtung, um ihm gehörig die Meinung zu geigen. Etwas Schattenhaftes rührte sich in mir. Sein Gesicht zierte ein Dreitagebart. In den blauen Augen glomm eine Kaltblütigkeit, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mir stockte der Atem. Ich schluckte schwer. Mein Vorhaben bekam einen gehörigen Dämpfer. Er sah aus, als wäre er zu einem Mord fähig. Mit dem wollte ich mich lieber nicht anlegen. Eine leise Stimme riet mir eindringlich, lieber den Mund zu halten.
   »Der Mülleimer ist dort.« Er wies in die Richtung.
   Alles klar. Ein ganz schlauer, männlicher Zeitgenosse, der einen auf Bad Boy machte.
   Aber so ein schöner Mund … der kann bestimmt gut küssen. Ich widerstand dem Drang, den Kopf zu schütteln. Was war heute mit mir los?
   Vor fünf Sekunden hielt ich ihn noch für einen Killer, in der nächsten schossen solche Gedanken durch meine Rübe. Irgendwas lief verkehrt in meinem Hirn.
   Ich setzte mich so, dass ich ihm den Rücken zukehrte. Gleich klarstellen, dass ich kein Interesse hegte. Der schwirrte sicher gleich ab.
   Seine Blicke bohrten sich in meinen Rücken. Ich fühlte es. Ein warmes, heftiges Kribbeln fuhr bis in meine Zehenspitzen. Es entflammte meinen Körper auf unerklärliche Weise. Ich schnappte leise nach Luft. Was sollte das?
   Wo blieb Marie?
   Erbost wollte ich mich herumdrehen. Ihn anpflaumen, dass er das lassen sollte, da setzte sich Marie endlich auf den anderen Stuhl.
   »Das war eine Diskussion.« Sie musterte mich verwirrt, während sie mir das Geld zuschob. »Was ist los? Du guckst so komisch.«
   Ich beugte mich zu ihr. »Der Typ hinter mir«, flüsterte ich.
   »Welcher Typ?«
   »Na, der hinter mir sitzt.« War die blind? Ich wurde ungeduldig. Wieso kapierte das Huhn nicht, wen ich meinte? Ich wollte nicht noch deutlicher werden.
   Sie grinste breit. »Da ist kein Typ.«
   Ich drehte mich um. Der Stuhl war leer.
   »Was war denn mit dem?«
   Ich schüttelte den Kopf. »Schon gut. Der hat mich nur genervt.«
   »Dich scheinen aber momentan alle Männer zu nerven.«
   »Tun sie auch.«
   »Am besten gehst du ins Kloster, Schätzchen.«
   Ich hörte den Tadel durchaus heraus. Dann ging ich eben ins Kloster. Mir stand eine Nonnentracht bestimmt ausgezeichnet. Wahrscheinlich müsste man den Mann, der mir behagte, erst backen. Komisch, einerseits wollte ich mich verlieben, anderseits nervten mich die Männer. Mir war echt nicht zu helfen.

Nach circa zwei Stunden öffneten sich die Flügeltüren. Unzählige Menschen strömten in die Vorhalle. Henri, Chris und Karl kamen mit fröhlichen Gesichtern auf uns zu und unterhielten sich angeregt.
   »Ihr habt echt was verpasst«, rief Henri von Weitem. »Der war saulustig.«
   Chris ging auf Marie zu, gab ihr einen sanften Kuss auf den Mund und sagte ihr, dass er sie vermisst habe.
   In meiner Kehle bildete sich der altbekannte Kloß. Das einsame Singleleben wurde mir bewusster als je zuvor. Henri und Karl hatten sich eng nebeneinandergestellt. Unauffällig griff er nach Karls Hand. Auch von der Seite wehte mir der Duft der Liebe entgegen.
   Unter den Verliebten kam ich mir fehl am Platz vor. Ich ließ den Blick über die vielen Menschen gleiten, die aus dem Kino kamen. Traurig seufzte ich. Ich wollte auch verknallt sein. Unverhofft erblickte ich überall nur Pärchen, die verliebt zum Ausgang schlenderten. Ob ich da Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe bekam? So ungefähr, jedenfalls trafen die Gefühle schon ziemlich genau den Punkt.
   Ein unerwarteter Ruck ging plötzlich durch meinen Körper, als sich der Audi-Typ mit seinen beiden Freunden in mein Blickfeld schob. Misha, ja, so war sein Name.
   Auf den Gesichtern spiegelte sich das Vergnügen, das der Film bei ihnen hinterlassen hatte. Die drei steuerten die Kaffeebar an. Unauffällig schob ich mich hinter Marie und Chris.
   »Könnten wir endlich fahren?«, fragte ich meine Freundin leise.
   »Wieso?«
   »Ich bin müde. Die Nachtwache sitzt mir noch in den Knochen.« Das war zwar gelogen, aber egal.
   Sie wandte sich Henri zu. Ich rutschte noch tiefer, denn jetzt hatte ich freien Blick auf Misha. Aber ich konnte die Augen nicht von ihm lassen. Er war einfach zu süß, um Wirklichkeit zu sein. Womöglich sabberte ich gerade den Stuhl voll.
   O Mann, er sah aber auch zum Anbeißen aus, während er Kaffee bestellte und der Frau hinter dem Tresen ein Lächeln schenkte. In der Jeans hatte er einen hinreißenden Hintern.
   »Lasst uns fahren.« Henri neben mir meldete sich. »Du möchtest schon nach Hause?«
   Ich nickte und erhob mich schnell.
   Misha drehte sich in dem Moment um. Unsere Blicke trafen sich. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf seinen Mund. Ich lächelte zögernd zurück und folgte den anderen.
   Vielleicht hatte auf dem Geldschein wirklich seine Telefonnummer gestanden? Ich war einfach zu blöd.

Eine große Portion Schokoladeneis würde mir bestimmt über die Misere der Einsamkeit hinweghelfen.
   Schlafen ging sowieso nicht. Ich tappte zum Gefrierschrank und griff nach einem Becher Schokoeis. Die Leckerei verkörperte genau das, was ich wollte. Wer brauchte schon einen Mann? Ich hatte Eiscreme. Die war sogar noch besser.
   Ich zappte durch das nächtliche Fernsehprogramm und blieb letztlich bei einem Horrorfilm – A Nightmare on Elmstreet – hängen. Ehrlich? Ich war so gar nicht der Horrorfan. Das gab meist Albträume mit anschließendem Versuch, die Bettdecke als neuen besten Freund zu betrachten.
   Ich knautschte mir ein Kissen ins Gesicht, wenn es zu blutig wurde. Auf jeden Fall war der Film besser als jede Romanze. Bis zum bitteren Ende hielt ich durch, auch wenn ich die Hälfte der Zeit unter dem Kissen verbrachte.

Kapitel 4


Es war hell draußen und ich lebte noch.
   Mit den Nerven fix und fertig und völlig übermüdet, schälte ich mich aus dem Bett. Ich litt unter chronischem Schlafmangel. Zuerst hatte ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht, wegen Schnetzel-Freddie, um mir Stunden später einen Kopf über mein einsames Singledasein zu machen. Daran hatte auch nicht die Erinnerung an einen braunäugigen Mann hinweggeholfen. Er spukte hartnäckig in meinem Kopf herum. Ob es mir besser ergangen wäre, wenn ich ihn um seine Telefonnummer gebeten hätte? Wahrscheinlich nicht. Mein Talent, ständig ins Klo zu greifen, war schon fast legendär.
   Müde schlurfte ich in die Küche. Auch heute gab es keinen Kaffee. Ich hatte Chris noch nichts von der Maschine erzählt. Aus dem Küchenschrank kramte ich eine Dose Latte macchiato heraus und füllte Wasser in den Wasserkocher.
   Mit der Snoopytasse trat ich auf den Balkon und setzte mich auf den Liegestuhl. Ein sonniger, warmer Tag stand bevor, zumindest für die alten Leutchen würde er toll werden. Sie liebten ein wenig Abwechslung und Unterhaltung in ihrem Alltag. Blieb zu hoffen, dass ich nicht vor Müdigkeit irgendwo einschlief.
   Um neun Uhr wollte Henri kommen. Es gab noch sehr viel vorzubereiten. Die Pavillons hatten sie zum Glück gestern Mittag aufgestellt. Jetzt hieß es nur noch, die Bewohner irgendwie schick zu machen und die letzten Vorbereitungen zu treffen. Mein Blick schweifte zur Straße.
   Mit einem Ruck stand ich auf. Der Kaffee schwappte auf den Fliesenboden. Am Straßenrand stand der schwarze Van! Vollkommen sicher, dass es der gleiche war, lehnte ich mich über die Brüstung. Ich streckte mich so sehr über das Geländer, dass ich fast das Gleichgewicht verlor. Die Büsche, die unter dem Balkon wuchsen, kamen gefährlich nahe. Das Getränk überlebte leider nicht die Schwerkraft und ergoss sich über das Gestrüpp. »Mist.« Jetzt meldete mein Gehirn leise Bedenken an. Es wurde wirklich besorgniserregend, dass mir ständig der Van begegnete. Was zum Henker wollte der?
   Der Motor wurde gestartet. Mein Blick folgte dem schwarzen Ungetüm, das in der nächsten Querstraße verschwand. Unbehagen packte mich am Nacken, das war kein Zufall mehr. Ich stand eindeutig unter Beobachtung. Nachdenklich kaute ich an meiner Unterlippe herum. Weshalb wurde ich beschattet? Ich war keine große Leuchte am Promihimmel, kochte auch nur mit Wasser und bei mir gab es nichts zu holen.
   Schnell warf ich einen Blick auf die Wohnzimmeruhr: Viertel nach acht. Was brachte es, jetzt darüber nachzudenken, wer mich verfolgte? Ich musste mich fertig machen.

Verrückt! Machte ich mir, während ich Zähne putzte, Gedanken um meine Sicherheit. Ich sperrte sogar die Balkontür zu, weil ganz unschöne Dinge durch meinen Kopf gingen, die man mir antun könnte. Der Fantasie waren da keine Grenzen gesetzt – und davon hatte ich reichlich. Mich in heißes Öl zu tauchen war noch die harmloseste Variante. Um die neu gewonnene Paranoia zu vertreiben, versuchte ich es mit Staubwischen. Mir schwirrten die tollsten Bilder durch den Kopf, was mir in der Wohnung zustoßen könnte. Da ich allein lebte, würde man mich wahrscheinlich erst in fünfzig Jahren mumifiziert vorfinden.
   Um kurz vor neun klingelte es.
   Ich schnappte den kleinen Rucksack mit Leopardenmuster, die Wohnungsschlüssel und stürmte aus der Haustür. Bevor ich in den Käfer stieg, checkte ich argwöhnisch die Umgebung. Kein schwarzer Van.
   Gut. Der sollte es nicht wagen, noch mal hier aufzukreuzen. Ich besaß genug unnützes Geschirr im Schrank, das sich gut zum Werfen eignete. Irgendein Teller würde schon treffen.
   Henri sah mich verdutzt an. »Sag mal, was ist mit dir los? Du siehst ja total abgehetzt aus.«
   »Ich hab noch schnell Staub gewischt«, erklärte ich und ließ mich auf den Beifahrersitz nieder.
   »Hä? Um neun Uhr morgens?«
   Welch kluger Einwand. »Warum nicht? War dringend nötig.« Ich schnallte mich an. »Können wir los?«
   Er schüttelte amüsiert den Kopf und startete den Käfer. »Also, irgendetwas ist mit dir.«
   »Nö, alles klar. Wie war noch dein Abend?« Schnell den Fokus der Unterhaltung von meiner Person ablenken.
   Henri grinste wie ein Honigkuchenpferd. »Spitze.«
   »Und? Seid ihr jetzt zusammen – Karl und du?«
   »Ja, kann man so sagen.« Sein Gesicht strahlte wie ein einziger Sonnenschein, er sah richtig glücklich aus.
   »Das freut mich für dich, wirklich.« Das meinte ich von ganzem Herzen, auch wenn ich als einsamer Single zurückblieb. Ich gönnte ihm das Glück. Er hatte es verdient, glücklich zu sein.
   »Hoffentlich haben sich schon einige Angehörige eingefunden und wir brauchen nicht die Bewohner selbst fertig zu machen«, sagte er plötzlich. »Du erinnerst dich doch an das Chaos vom vergangenen Jahr?«
   Ich nickte. Wie könnte ich das vergessen?
   Das schlimmste Sommerfest überhaupt. Perfektes Dilemma, als einige Bewohner meinten, die Blumen wären Zwieback und die Papierservietten Stippgebäck. Wir mussten gleich zwei Bewohner per Notarzt ins Krankenhaus verfrachten lassen, weil sie sich eine Vergiftung zugezogen hatten.
   »Wehe, die Tische sind wieder mit irgendwelchem Schnickschnack vollgestellt, weil Düsen der Meinung ist, es sehe hübscher aus. Schließlich sind wir bei keiner Hochzeit«, sagte er leicht säuerlich.
   »Lassen wir uns überraschen.«

Henri bog in die lange Auffahrt zum Heim ab. Ein imposanter Bau, der im viktorianischen Stil gehalten war. Dass das riesige weiß gekalkte Haus einmal einem Grafen gehört haben sollte, war nur ein Gerücht.
   »Och nee, sieh dir den Mist an!«, sagte Henri, als wir an den Zelten vorbeifuhren. »Da stehen überall Blumengestecke herum. Von Altenpflege hat Düsen absolut keine Ahnung.« Er stellte den Käfer auf dem Personalparkplatz ab.
   »Tja, deshalb hat er dir auch die eigentliche Heimleitung überlassen.« Ich lächelte ihn an.
   »Du kannst ja schon mal auf der Wiese nach dem Rechten sehen. Ich werde mir unseren Herrn Düsen zur Brust nehmen.«
   »Übertreib es aber nicht wieder, okay?«
   Henri grinste. »Keine Sorge, ich will ihn nur daran erinnern, was vergangenes Mal geschehen ist.« Er verschwand durch den gläsernen Hauseingang und ich machte mich zur Wiese auf.
   Im großen Zelt hielt sich schon der Cateringservice auf. Es gab Mittagessen, Kaffee und Kuchen. Tische und Stühle standen in Reih und Glied. Üppige Blumengestecke in großen Vasen schmückten die Wiese. Auf den Tischen standen – ich musste näher herangehen, um sie zu inspizieren – Papierblumen. In dem kleineren Zelt baute ein Musiker sein Equipment auf. Als ob es jemanden interessierte, wenn der Hoch auf dem gelben Wagen oder Rosamunde ins Mikro schmetterte. Den meisten Bewohnern war es eh egal. Sie waren nur froh, an der frischen Luft zu sein.
   »Oh, hallo, Yvo.« Petra begrüßte mich.
   Gut, dass ich sie traf. Womöglich konnte sie ein paar Fragen beantworten.
   »Hi. Soll ich dir was abnehmen?« Ich schob die Arme unter die Decken, die noch auf die Tische mussten.
   »Ja, danke, das wäre nett.«
   Zusammen steuerten wir die Tische an. Ich half ihr, die Decken so zu arrangieren, dass kein Bewohner oder Gast sie runterreißen konnte. Sie wurden unter dem Tisch mit Klemmen befestigt.
   »Du weißt, dass die Papierblumen wegmüssen?«, erinnerte ich sie.
   »Unser Boss hat das angeordnet.« Petra zuckte die Achseln. »Von Papierblumen kann sich niemand eine Vergiftung holen – seine Worte.«
   »Nee, aber ersticken«, gab ich zu bedenken.
   Einige Bewohner waren wie kleine Kinder, die alles Mögliche in den Mund steckten, wenn man nicht aufpasste.
   Petra zog ein nachdenkliches Gesicht. »Was machen wir denn jetzt? Einfach abräumen? Da kriegt Düsen einen Anfall.«
   »Henri ist schon wegen der Blumen zu ihm gegangen.«
   Sie warf einen kurzen Blick zu der üppigen Blumenpracht. »Das habe ich mir auch gedacht, dass die da nicht stehen bleiben können. Aber das soll unsere Pflegedienstleitung regeln.«
   »Sag mal, was ist eigentlich bei euch los?«, fragte ich mit einem hoffentlich nachdenklichen Gesichtsausdruck.
   »Was meinst du?«
   »Auf der Eins.«
   Über ihr Gesicht huschte ein Schatten der Unsicherheit. »Alte Menschen sterben nun mal.«
   Eigentlich war es nicht die Antwort, die ich hören wollte. Vielleicht sollte ich die Frage anders stellen? »Wer war der Arzt? Ich habe ihn noch nie gesehen.«
   Sie wurde blass, zupfte fahrig am Tischtuch herum und sah nicht in meine Augen. Da war irgendetwas faul.
   Ein eigenartiges Gefühl beschlich mich.
   Noch vermochte ich nicht einzuordnen, in welche Richtung es abzielte.
   »Vertretung für König, der ist krank.«
   »Aha.«
   Sie blickte auf. »Es war eine schlimme Nacht, Yvo. Ich möchte sie gern vergessen.« Tränen sammelten sich in ihren Augen. Mir tat es leid, dass ich sie daran erinnert hatte. Die Bilder solch einer Todesart verdaute man nur schwer. Zum Glück war mir der Anblick bis jetzt erspart geblieben und darüber war ich dankbar. Es gab Dinge in meinem Beruf, die waren weniger schön.
   Tröstend strich ich ihr über den Arm. »Soll ich dir noch bei irgendetwas behilflich sein? Sonst geh ich zur Zwei und sehe, ob ich da noch was helfen kann.«
   »Im Moment ist nichts mehr, danke. Außerdem kommen gleich die Stationshilfen, die können auch noch was tun.«
   »Okay, bis später.«
   »Bis später, Yvo.«
   Ich ging durch den Nebeneingang ins Gebäude. Wer sich ein Altenheim als hässlich und veraltet vorstellte, sollte solche Gedanken gleich wieder aus dem Kopf streichen. Hier war alles auf dem neusten Stand, seien es die Einrichtung, die Gerätschaften oder das Personal. Es gab gläserne Fahrstühle, steinerne Säulen und wunderschönen Stuck an der Decke.
   Die Angehörigen bezahlten ein Schweinegeld und die Warteliste für ein Pflegebett war sehr lang. Der Bau kam einem Nobelhotel für alte Menschen gleich. Wer sich hier ein Bett leistete, war im Leben niemals arm gewesen. Insgesamt beherbergte das Haus sechs Stationen. Ich arbeitete schon seit fünf Jahren hier, seit kurz nach meinem Staatsexamen.
   Als ich vor der gläsernen Tür der Station zwei ankam, drückte ich den Klingelknopf. Irene, meine Kollegin, öffnete mir lächelnd. »Na, Yvo, alles klar?«
   »Geht so, bin ein wenig müde.«
   »Wem sagst du das.« Sie verdrehte theatralisch die Augen.
   Ich warf einen Blick durch den langen Flur. »Wie weit seid ihr?«
   »Einige Bewohner sitzen schon beim Frühstück. Wenn du willst, kannst du Svetlana helfen.«
   Svetlana, unsere Stationshilfe, war für das Frühstück der Bewohner zuständig. Mit einem Lächeln betrat ich das Speisezimmer. Als mich Herr Becker erblickte, winkte er mir zu. Ich musste ihm wenigstens einen guten Morgen wünschen, auch wenn die Zeit knapp bemessen war. »Guten Morgen, Herr Becker.«
   »Schwester Yvonne, Sie haben ja gar keinen Kittel an.« Er lächelte wie ein kleiner Junge.
   »Nein, heute nicht. Wir haben doch ein Fest.«
   Er zog ein verwirrtes Gesicht. »Ach ja, richtig.«
   Da er keine Angehörigen mehr hatte, sparte ich mir die Frage, ob er Besuch bekam. Er hatte sich richtig schick gemacht. Mit dunkelblauer Hose und weißem Hemd trank er den Kaffee. Nur noch wenige Haare zierten seinen Kopf, dafür sahen seine Augen hellwach aus. Mir tat es leid, dass er mutterseelenallein auf dem Fest war. Wenn ich die Zeit aufbrachte, würde ich mich später etwas zu ihm setzen. Einfach nur, damit er spürte, dass er nicht allein war.
   Ich legte meine Hand auf seine. »Haben Sie gut geschlafen?«
   »O ja.«
   »Das ist schön. Wünsche Ihnen viel Freude beim Fest, Herr Becker.«
   »Danke.«
   Ich sah mich nach Svetlana um und wollte sie fragen, was es noch zu tun gab, aber sie kam mir zuvor.
   »Weißt du Neuste?« Ihre Stimme besaß einen verschwörerischen Klang.
   Na, was wollte sie mir jetzt wieder erzählen? Wahrscheinlich den neusten Klatsch über ihre Tochter, dieses nichtsnutzige Luder. Nicht meine Wortwahl, Svetlana betitelte sie so. Manchmal verstand ich sie nicht. Ihr Deutsch war echt miserabel. »Nein, was denn?«
   »Eins haben in der Nacht einen neuen Toten gehabt.«
   Überrascht riss ich die Augen auf. Das war allerdings eine Neuigkeit. Aber musste sie das vor den Bewohnern sagen? Sie waren zwar alt, aber nicht blöd. Ich winkte Svetlana in eine Ecke. »Würdest du das bitte nicht vor den Bewohnern erzählen?«
   »’tschuldigung.«
   »Du meinst vergangene Nacht? Oder die Nacht davor?«, fragte ich leise.
   »Vergangene Nacht.«
   Nachdenklich blickte ich mich im Speisezimmer um, zählte in Gedanken die Bewohner durch. Warum ich das tat, wusste ich nicht. Das war nun der dritte Tote in dieser Woche. Für einen Moment schoss mir die Mail durch den Kopf. War die etwa doch kein geschmackloser Scherz?
   Das war absurd. Unmöglich. Aber Fakt: Die Todesfälle auf der Eins häuften sich in vergangener Zeit wirklich. Keine andere Station vermeldete so viele Verstorbene.
   Mir war schleierhaft, wie das Personal und vor allem Düsen die Todesfälle vor den Angehörigen rechtfertigte. Die schweren Pflegefälle lagen auf dieser Station, trotzdem konnten sie noch einige Jahre erleben.
   Ich schob die Gedanken schnell beiseite, wollte meinen Kollegen nichts unterstellen. In Panik auszubrechen, nur weil ich eine fragwürdige Mail bekommen hatte, wäre nicht ratsam. Es gab keine stichhaltigen Beweise für die Anschuldigung. Außerdem machten sich meine Kollegen strafbar – wenn nicht sogar das gesamte Heim. Nicht zugelassene Medikamente an die Bewohner zu verteilen war kein Kavaliersdelikt, dafür gingen sie garantiert in den Knast. Die Mail konnte nur ein makabrer Scherz sein. Da machte sich jemand einen gehörigen Spaß, solche üblen Gerüchte in die Welt zu setzen. Viel mehr interessierte mich aber, wer die Informationen so freizügig weitergab. »Woher weißt du das mit dem weiteren Toten?«
   »Hab von Irene gehört.«
   Aha, Irene. Genau die Richtige, wenn es um den neusten Klatsch ging. »Was soll ich sagen, Svetlana? Die Menschen auf der Eins sind sehr anfällig und gebrechlich.«
   »Nicht so.«
   »Was meinst du damit, nicht so?«
   »Irene meinen, dass sie haben zu viel Disopyramid bekommen.«
   Oha, meine Kollegin lehnte sich sehr weit aus dem Fenster, wenn sie solch eine Behauptung aufstellte. Natürlich konnte das Herzmittel bei einer Überdosierung zu Herzversagen führen. Aber jede examinierte Altenpflegerin wusste mit der Medikamentengabe umzugehen – dafür wurde sie schließlich ausgebildet. Ob sich Irene da mal nicht in die Nesseln gesetzt hatte. Sie war lieb und nett, aber sie redete einfach zu viel. Manchmal erwartete ich, dass sie ohnmächtig zusammenbrach, weil sie beim Reden anscheinend keine Luft holte. »Behalt das bitte für dich, Svetlana. Das ist eine sehr ernste Behauptung, die Irene da aufgestellt hat. Wir wissen nicht, was wirklich passiert ist.«
   »Ich nix sagen. Mund zu.« Sie vollführte eine Geste vor ihren Lippen.
   »Gut, und jetzt lass uns die letzten Bewohner fertig machen.«
   Ich versuchte, nicht allzu sehr über die Worte nachzudenken. Trotzdem hinterließ die Neuigkeit ein ungutes Gefühl.

Jeden einzelnen Muskel spürte ich, als wir endlich alle gehfähigen Leutchen für den Festtag versorgt hatten. Ich schob gerade die letzte Bewohnerin der Station zwei auf die Wiese, als ich Henris laute Stimme hörte.
   »Ich sagte doch, keine Papierservietten und Papierblumen auf den Tischen«, erklärte er einer Stationshilfe gereizt. »Manche Bewohner essen das.«
   »Aber Herr Düsen hat gesagt …«
   »Was Herr Düsen sagt, zählt momentan nicht. Okay, junge Dame?«
   Das Mädchen nickte, den Tränen nah.
   Er eilte zu Herrn Gunnat, der mit einem Messer Dirigent spielte. Geschwind nahm er es ihm weg. »Für diesen Herrn kein Besteck, Mädel. Er erdolcht sich sonst. Ihm fehlt leider schon die Koordination mit Gabel, Löffel und Messer umzugehen.«
   O Mann, mir tat das Mädchen wirklich leid. Woher sollte sie das wissen? Sie war nur eine Stationshilfe. Henri, du bist ein Blödmann, wollte ich ihm am liebsten zurufen. Herrn Becker hatte ich zu den anderen Herren gesetzt. Hoffentlich fühlte er sich ein bisschen wohl. Um den alten Mann machte ich mir viel zu viele Gedanken. Ich sollte das abstellen. Er lächelte mich an, als ich ihm eine Tasse Kaffee brachte. »Wenn ich nachher Zeit habe, setze ich mich ein wenig zu Ihnen, Herr Becker.«
   »Das wäre schön, Schwester Yvonne.«
   »Vorher muss ich aber noch meinen Kollegen zur Hand gehen. Lassen Sie sich den Kaffee schmecken.«
   »Sie haben ihn gebracht, dann schmeckt er mir auch. Danke schön.«
   Ach Mensch, er war einfach zu süß. Am liebsten hätte ich ihn umarmt. »Gern geschehen.«
   Ich drehte mich um. Mir stockte vor Überraschung der Atem. Mein Herz rutschte eine Etage tiefer. Die Augen spielten mir einen Streich. Oder ich war so dermaßen übermüdet, dass ich halluzinierte? Misha! Was machte der hier? Warum redete und lachte er mit meinem Chef, als wären sie die dicksten Freunde? Aber zum Anbeißen sah er aus. Die Hände lässig in den Taschen seiner schwarzen Hose vergraben, plauderte er mit Düsen. Ein weißes Hemd, das er am Kragen ein wenig geöffnet hatte, ließ einen Blick auf die gebräunte Haut zu. Im dunklen Haar steckte eine Sonnenbrille. Aber die Frage, woher sie sich kannten, schwirrte weiterhin hartnäckig durch meinen Kopf. Wie ein Ölgötze beobachtete ich die beiden und kam mir nicht mal blöde dabei vor. Das war kein Zufall mehr. Mittlerweile gaben sich die Zufälle zu oft die Klinke in die Hand. Wieso begegnete ich dem Mann an jeder Ecke?
   Plötzlich wandte er den Blick in meine Richtung.
   Ertappt wirbelte ich herum, schnappte mir den Rollstuhl von der an Demenz erkrankten Frau Eberle und eilte davon. Ich wusste nicht, warum ich wieder mal wie ein Teenager die Flucht ergriff. Mir schossen Hitze und Kälte gleichzeitig hoch. Ich eilte unter den Bäumen hindurch, um möglichst viel Abstand zwischen den Kerl und mich zu bekommen. Etwas raschelte im Gebüsch und heraus sprang … O Gott, Misha! Ein erschrockenes Quieken entwich meinem Mund. Warum tat sich nicht das Erdreich unter meinen Füßen auf, sodass ich mich verkriechen konnte?
   Er japste hörbar nach Atem. War er mir etwa hinterhergerannt? Wie krank war das denn?
   »Kann es sein, dass Sie vor mir wegrennen?«, fragte er keuchend.
   »Nö. Frau Eberle wollte in den Park«, sagte ich schnell.
   »Wollte ich nicht,« sagte die alte Dame. Warum hatte sie ausgerechnet jetzt einen klaren Moment?
   »Doch. Wollten Sie«, sagte ich bestimmt.
   »Nein, wollte ich nicht.« Wie ein trotziges Kind schlug sie auf die Armlehne.
   »Doch.«
   »Nein.«
   »Wollte sie wirklich.« Ich wandte mich kleinlaut an ihn.
   Er lächelte schief. Ich bekam weiche Knie. Entschlossen packte ich die Griffe des Rollstuhls fester.
   »Kann es sein, dass Sie mir hinterhergerannt sind?«, fragte ich. Was sollte ich sonst auch sagen?
   Er hob kapitulierend die Hände. »Sie haben mich erwischt. Ja, ich bin Ihnen hinterhergerannt.«
   Wirklich krank, auch wenn er ehrlich war. Nervös strich ich das Haar hinters Ohr. Er kam einige Schritte näher. Mein Herz klopfte zu laut. O Mann, er würde es hören. Was wollte er hier?
   Plötzlich streckte er seine Hand aus. »Ich bin Misha.« Er lächelte. »Sie sind Yvo«, sagte er, als ich nichts erwiderte. »Ich nehme mal an, die Abkürzung von Yvonne?«
   »Äh, ja«, stotterte ich blöde. Nein, ich traute mich nicht, die Hand zu ergreifen, aus Angst, was das Gefühl seiner Hand in meiner auslösen könnte.
   Frau Eberle zappelte im Rollstuhl. Ich kontrollierte schnell den Beckengurt, damit die alte Dame nicht aus dem Stuhl fiel. Das lieferte mir einen glaubwürdigen Vorwand, ihm nicht die Hand zu schütteln.
   »Wie ich sehe, gehen Sie sehr fürsorglich mit den Bewohnern um.« Er lächelte.
   »Ähm, klar, natürlich. Ist doch mein Job.«
   »Ich will weiter!« Die alte Dame protestierte lautstark.
   »Ja, wir gehen sofort weiter, Frau Eberle.«
   »Sie sollten mit dem jungen Mann nicht flirten, Schwester Yvonne«, sagte sie mit kratzender Stimme. »Nehmen Sie ihn sich einfach. Als junges Mädchen habe ich nie lange gefackelt.«
   »Ich muss zurück.« Schnell umfasste ich die Griffe fester, drehte den Rollstuhl herum, sodass ich Misha den Rücken zuwandte, und ging. Mir egal, ob ich unhöflich war.
   »Sie arbeiten also hier als Altenpflegerin?« Er holte mich ein.
   »Ja, schon eine geraume Zeit.«
   »Examiniert, nehme ich an?«
   »Ja.«
   »Sagen Sie, sind Sie mir immer noch böse wegen der Cola-und Kaffeeaktion?«
   Kurz sah ich ihn an. »Und wenn?« Mein Herz hämmerte in der Brust, als hätte ich einen Marathon hinter mir.
   »Ihre Sturheit ist phänomenal.«
   Verblüfft sah ich ihn erneut an. Was sollte die Masche denn jetzt? Ich konnte ihm doch schlecht sagen, dass er meinen Puls zum Rasen brachte. Dass ich mich wie ein nervöses Schulmädchen fühlte. Ich richtete die Augen nach vorn. Meine Schritte wurden ein wenig schneller.
   »Okay«, sagte er. »Ich riskiere den Sprung ins kalte Wasser und frage Sie, ob Sie mit mir einen Kaffee trinken gehen.«
   Abrupt blieb ich stehen. »Sie wollen mit mir einen Kaffee trinken?«
   »Ja, warum nicht?«
   »Warum sollte ich das wollen?«
   »Wieso nicht?« Er grinste frech.
   Es war zum Zähneknirschen. Der Mann erwies sich als hartnäckig. Carsten war nicht anders gewesen. Ehrliches Interesse heucheln, süß, nett, lieb, zuvorkommend und höflich … bis … ja, bis er meiner überdrüssig geworden war.Lass dir was einfallen, Yvo, und das möglichst schnell. »Weil … weil ich eine viel beschäftigte Frau bin.«
   Sein Lachen ging mir durch und durch. »Ich habe schon viele Ausreden gehört, aber Sie brechen alle Rekorde.«
   »Das ist keine Ausrede«, sagte ich schnell.
   Nur Selbstschutz.
   Misha kam einen Schritt näher. Mein Herz vollführte einen Satz. »Kommen Sie. Nur einen Kaffee als Entschuldigung. Sie sollen mich nicht gleich heiraten.«
   »Hatte ich auch nicht vor.«
   »Meine Güte, Sie wecken echt den Jagdinstinkt beim Mann«, sagte er mit heiserer Stimme.
   Na super. Jetzt passte ich auch noch in sein Beuteschema?
   »Wir hatten einen schlechten Start.«
   Hatten wir? Ich wusste nicht mal, dass da etwas am Starten war. War ich etwa schon so flirtblind geworden?
   »Hier – ich schreibe Ihnen meine Handynummer auf.« Er hatte auf einmal einen kleinen Notizblock in der Hand und kritzelte mit einem Kugelschreiber etwas darauf. »Wenn Sie es sich anders überlegen, können Sie mich gern anrufen oder mir eine SMS schreiben.«
   Er riss den Zettel ab und hielt ihn mir entgegen. Meine Hand zitterte, als ich danach griff. Hoffentlich merkte er nicht, wie kribblig er mich machte. Wortlos stopfte ich den Zettel in die hintere Hosentasche.
   »Kaffee – ganz unverbindlich«, sagte er freundlich.
   Nein, ich würde nicht sofort zusagen. Sollte er ruhig noch ein wenig schmoren. Wenn er echtes Interesse an mir hegte und nicht nur auf eine schnelle Nummer aus war, würde er geduldig warten. »Ich … ich denke drüber nach.«
   »Machen Sie das.« Er lächelte und fing mein Herz ein. »Bis dann, Yvonne.«
   »Ja, bis dann.« Wie gebannt starrte ich ihm hinterher. Hatte er mir wahrhaftig seine Handynummer gegeben? Ich war noch so verzückt von seinem Anblick, dass mir nicht mal die Idee kam, in die Hosentasche zu greifen, um nachzusehen.
   Wie auf einer Wolke schob ich Frau Eberle langsam den Weg entlang. Als ich die alte Dame zu ihrem Platz gebracht hatte, nahm ich einen Kaffee und setzte mich auf einen freien Platz.
   Mit zittrigen Fingern zog ich das Papier hervor. Eine schwungvolle Handschrift präsentierte sich mir. Würde mich sehr freuen. Misha. Darunter las ich seine Handynummer. Sie brannte sich augenblicklich in meinen Kopf.
   Lächelnd schob ich den Zettel in die Tasche zurück. Der Herrgott steh mir bei, ich beging bestimmt den größten Fehler meines Lebens. Solch ein Mann konnte es nicht ernst meinen.

Kapitel 5


Am frühen Abend versorgte ich Herrn Becker. Mich plagte das schlechte Gewissen, weil ich keine Zeit gefunden hatte, mich zu ihm zu setzen. Ich hatte das Versprechen nicht einlösen können und das wollte ich irgendwie gutmachen. Gesagt hatte er nichts, aber ich sah ihm an, dass er geknickt war.
   Als ich ihn für die Nacht fertig gemacht hatte und er im Bett lag, nahm er liebevoll meine Hand. Er lächelte. »Ich habe den jungen Mann gesehen, Schwester Yvonne. Wer war das?«
   Woher wusste der alte Herr davon? Es spielte keine Rolle. »Nur ein Bekannter.«
   »Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber er hat ein Auge auf Sie geworfen. Sie sollten zugreifen.«
   Ein Kloß steckte plötzlich in meiner Kehle. »Kann schon sein, Herr Becker.«
   »Verzeihen Sie die Frage, aber haben Sie einen Mann?«
   Ich schüttelte stumm den Kopf.
   »Suchen Sie sich einen«, sagte er sanft. »Sie sind so eine hübsche Frau. Sie dürfen nicht allein bleiben.«
   »Ja, bald.« Meine Stimme versagte. Ich wollte ganz schnell aus dem Zimmer.
   »Gott würde das nicht wollen, mein Kind.« Es gab Momente bei ihm, da kam der Herr Pfarrer ans Tageslicht.
   Ob Gott das nun wollte oder nicht, es änderte nichts an der Tatsache, dass mir die Männer ständig davonliefen. Der Herrgott konnte nicht verhindern, dass ich beim männlichen Geschlecht eher schlechte Karten hatte.
   »Ist manchmal nicht so einfach.«
   »Gott hat auch für Sie jemanden.«
   Ich lächelte tapfer. »Ja, bestimmt. Gute Nacht, Herr Becker.«
   »Gute Nacht.«
   Seine Augen fielen zu. Ich befreite mich sanft von seiner Hand und schob leise die Tür zu. Gewiss, ich war wirklich einsam, das fiel sogar dem alten Herrn auf. Träume zerplatzten wie Seifenblasen und man stand vor einem Trümmerhaufen. Nein, ich durfte nicht schwermütig werden. Zu spät …

Henri setzte mich vor der Auffahrt ab. Er wollte so schnell wie möglich zu Karl.
   Zum Abschied winkte ich ihm. Für einen Moment blieb ich unschlüssig auf dem Bürgersteig stehen. Mein Blick schweifte umher. Gut. Kein schwarzer Van in Sicht.
   Und nun? Was sollte ich tun? Samstagabend und ich wusste mit meiner Zeit nichts anzufangen.
   Henri war zu seiner neuen Flamme unterwegs. Marie und Chris machten sich wahrscheinlich einen gemütlichen Abend zu zweit. War es möglich, dass ich ein wenig deprimiert war? Es fühlte sich frustrierend an, einen Samstagabend allein zu verbringen, während sich andere amüsierten.
   Ich schulterte den Rucksack und ging die von Bäumen umsäumte Auffahrt zum Haus hinauf. Ein Rascheln und aus dem Schatten der Bäume löste sich plötzlich eine Gestalt.
   Ich stieß einen erstickten Schrei aus. Taumelte zurück. Irgendetwas sagte mir, dass ich schleunigst verschwinden sollte. Angst kroch an meinem Rückgrat hinauf.
   »Nicht schreien. Ich tue dir nichts«, sagte die Gestalt sofort. Der Akzent und die Stimme kamen mir bekannt vor.
   Ich wich zum Bürgersteig zurück, um sofort die Beine in die Hand zu nehmen, wenn er zu nahe kam. Die Gestalt blieb stehen. »Ich muss dringend mit dir reden.«
   Ich schluckte die Angst hinunter. »Wer bist du?« Meine Stimme zitterte trotzdem. Wenn er mich duzte, machte ich das auch. Er trat ins fahle Licht der Dämmerung. Mich traf fast der Schlag, als ich den Lederjackentyp aus dem Kino erkannte. Der Typ, der es schaffte, mit einem Blick meinen Körper zu entflammen und der die Augen eines Killers besaß. Womöglich sollte ich wirklich schreien, denn ich fühlte mich alles andere als wohl in seiner Nähe.
   Beschwichtigend hob er die Hände. »Keine Angst, Yvonne.«
   Dass er meinen Namen kannte, verblüffte mich. »Woher weißt du, wie ich heiße? Wer bist du, verdammt noch mal?«
   »Jasper.«
   »Ich kenne dich nicht.«
   »Aber ich kenne dich. Ich weiß so ziemlich alles über dich.«
   Bemerkenswert. Wahrscheinlich Dinge, die ich selbst noch nicht wusste. Ich schluckte das Erstaunen hinunter. »Woher?«
   »Geheim.«
   »Du bist der mit dem schwarzen Van.«
   »Der bin ich.«
   »Wieso verfolgst du mich? Ich gebe dir zwei Minuten, sonst schreie ich das gesamte Viertel zusammen.« Die Option nutzte wahrscheinlich nichts, heutzutage half man sich eher selbst, bevor einem geholfen wurde. Er sollte nur wissen, dass ich nicht still untergehen würde.
   »Ich dachte, du hättest mich gestern schon im Kino erkannt.« Er schob die Hände in die Hosentaschen. Sein Blick wanderte ungeduldig umher. Auf einmal machte er einen gehetzten Eindruck.
   »Bist du ein Stalker? Oder irgendein Perverser?«
   »Nichts davon.« Aus der Jeans zog er einen Schlüssel, legte ihn auf den Bürgersteig und trat einige Schritte zurück. »Mein Autoschlüssel.«
   »Was soll ich damit?«
   Jasper machte eine Kopfbewegung nach links. »Am Ende der Straße steht mein Van. Dort unterhalten wir uns. Hier draußen ist es zu gefährlich. Den Schlüssel behalte so lange, bis …«
   Ich schüttelte den Kopf. »Weshalb sollte ich mit dir in dein Auto steigen?«
   »Ist es dir lieber, wenn wir in deine Wohnung gehen?«, sagte er ungeduldig.
   »Nein.«
   »Siehst du.«
   Ich ging zur anderen Straßenseite. An der nächsten Querstraße stand tatsächlich der schwarze Van. Die hinteren Heckscheiben schimmerten tiefschwarz, sodass ich nicht ausmachen konnte, ob jemand dort saß. Zuvor war mir nicht aufgefallen, dass die Scheiben des Monstrums dermaßen dunkel waren. Langsam wanderte ich zurück. Das konnte er abhaken, ich würde den Schlüssel garantiert nicht nehmen.
   »Für wie blöd hältst du mich?« Ich zeigte ihm einen Vogel. »Ich schließe die Autotür auf und dein Kumpel zieht mich ins Innere. Nichts für ungut, aber es ist besser, wenn du jetzt gehst.«
   »Ich kann dir nicht verübeln, dass du mir nicht traust.«
   »Ganz recht. Ich kenne dich nämlich nicht.«
   »Es ist aber wichtig, dass wir reden«, raunte er.
   »Worüber?«
   Seine Miene strahlte Ungeduld aus. »Müssen wir das auf einer öffentlichen Straße bereden?«
   Ich verschränkte abwartend die Arme vor der Brust. »Ja.«
   »Dass ihr Weiber immer alles so kompliziert machen müsst«, murmelte er.
   »Nur zur Info: Wir Weiber sind nur vorsichtig.«
   »Okay, okay.« Er trat vor und nahm den Schlüssel an sich. »Ich gehe vor und du kannst mir folgen.«
   »Wieso sollte ich das tun?«
   Mit drei langen Schritten stand er plötzlich vor mir. »Weil ich derjenige war, der dir die Liste geschickt hat«, zischte er.
   Ich starrte ihn an. Natürlich könnte ich mich jetzt unwissend stellen. Anscheinend konnte Jasper mir aber mehr darüber erzählen. »Sie ist von dir?«
   »Das sagte ich bereits.«
   Also doch kein übler Scherz? Ich musste das erst mal sacken lassen. An meinem Arbeitsplatz wurden nicht zugelassene Medikamente verabreicht? Mir wurde leicht übel. Die Tatsache könnte einiges erklären. Der fremde Arzt, die häufigen Todesfälle auf der Eins. Aber … Wo spielte ich da eine Rolle?
   »Das muss aufhören«, sagte er.
   »Wie?«
   Er stieß einen ungeduldigen Seufzer aus. »Nicht hier.«
   Jasper ging voraus. »Ich koche uns einen Kaffee.«
   Ich folgte ihm langsam. Sollte ich es ernsthaft wagen? Meine Neugier und Vorsicht hielten noch Zwiesprache miteinander. Wäre ich zu naiv, wenn ich ihm vertraute? Ich wusste es nicht. Erst mal auf dem Bürgersteig stehen bleiben und die Beschaffenheit im Van checken.
   Die Neuigkeit lag mir immer noch schwer im Magen. Ich wollte mir nicht ausmalen, wie alles vonstattenging. Er hatte den Van erreicht, schloss die Seitentür auf und verschwand im Inneren. Zögernd trat ich an die beiden geöffneten Türen.
   Der Van schien fast alles zu haben, was man zum Leben brauchte – außer einem Klo. Ich sah eine kleine Anrichte, in die ein Zweiflammen-Herd, ein Spülbecken und darunter ein Kühlschrank integriert waren. Niemand hockte auf dem Bett, um mir eins überzubraten. Neben dem Bett stand ein Tisch mit einem Laptop drauf. Oberhalb erblickte ich Minischränke und über der Fahrerkabine war sogar ein Fernseher plus DVD-Player eingebaut.
   Jasper hatte sich der Lederjacke entledigt und hantierte an einer Kaffeemaschine herum – und ich hatte natürlich nichts Besseres zu tun, als ihm auf den Hintern zu starren. Ich hatte eine Schwäche für knackige Männerärsche.
   »Du trinkst deinen Kaffee schwarz, nicht?«
   »Was?« Ich blickte ertappt zu Boden. »Ja.«
   Jasper machte eine Kopfbewegung zur Seitentür. »Der Schlüssel steckt in der rechten Tür. Ich will, dass du ihn einsteckst, so lange wir reden.«
   »Was soll ich mit deinem Schlüssel?«
   »Mensch, Frau«, rief er. »Damit du siehst, dass du nichts zu befürchten hast. Steck ihn ein.«
   Ich trat an die Seitentür, zog den Schlüssel ab und steckte ihn in die Hosentasche. »Sag mal, wohnst du hier drin?«
   »Die meiste Zeit.«
   »Was, wenn du mal aufs Klo musst? Oder duschen willst?«
   Er zuckte die Achseln. »Da finde ich immer was.«
   Ungepflegt sah er nicht aus, sogar der Dreitagebart war verschwunden. Es ging mich nichts an, wie und wo er der körperlichen Pflege frönte. »Hast du den selbst umgebaut?«
   Jasper nickte. »Habe ich.« In seiner Stimme schwang Stolz mit.
   »Du hast also keinen festen Wohnsitz?«
   »Doch.« Seine Stimme nahm einen vorsichtigen Klang an. »Den habe ich.«
   »In der Schweiz?« Die plötzliche Kälte in seinen Augen ließ mich zwei Schritte zurücktreten.
   »Momentan bin ich hier«, sagte er mit harscher Stimme. »Bis vor zwei Monaten war ich noch in Tschechien. Reicht das als Erklärung?«
   Eigentlich nicht. Aber es ging mich auch nichts an, woher er kam und wohin er als Nächstes wollte.
   »Von wem hast du meine E-Mail-Adresse?«
   »Das sage ich dir nicht.«
   Ich nickte. »Ja, ich weiß, geheim.«
   »Ganz richtig.«
   »Was weißt du sonst noch über mich?«
   Er kam aus dem Van und setzte sich auf den Einstieg. »Yvonne Heber. Ledig. Single. Kleidergröße sechsunddreißig bis achtunddreißig, Schuhgröße neununddreißig, Augenfarbe grün, Haarfarbe brünett, Größe: einszweiundsiebzig, Gewicht …« Er hielt kurz inne und ließ die Augen an meinen Körper hinauf- und hinunterfahren. Ein wenig länger verweilten sie an meinem Busen. Ein feines Prickeln schoss durch meinen Körper. Was fiel ihm ein? Demonstrativ verschränkte ich die Arme vor der Brust.
   »Zweiundsechzig Kilo, plus minus zwei Kilo«, ergänzte er.
   »Kunststück. Alles Sachen, die man leicht rausfinden kann.«
   »Geboren im Städtischen Klinikum Westenberge, am 22. 11. 1986«, sagte er und mir wurde leicht schwummrig. »Geburtszeit: zwei Uhr zehn, Geburtsgewicht: 3690 Gramm, Größe: vierundfünfzig Zentimeter. Keine Geschwister. Deine Eltern, Martina und Jürgen Heber, leben seit 2009 in Hessen. Du bist in den Sonnenschein-Kindergarten gegangen. Als Kleinkind warst du sehr rebellisch. Du hast das hiesige Koch-Gymnasium besucht. Nach deinem Abitur hast du eine Altenpflegeausbildung begonnen, obwohl du eigentlich ein Archäologiestudium machen wolltest. Staatsexamen mit Note zwei abgeschlossen. Seit fünf Jahren arbeitest du im Altenheim. Seit zwei Jahren schiebst du Nachtwache auf Station zwei. Vorher warst du auf der Vier. Du trinkst deinen Kaffee schwarz. Liebst Schokoladeneis. Magst keine Horrorfilme. Bevorzugst Tiefkühlkost. Was dich verunsichert, kaschierst du mit Sarkasmus und einem frechen Schnabel.« Er machte eine Pause. »Willst du noch mehr von dir wissen?«
   Entsetzen hatte mich erfasst. Meine Knie fühlten sich butterweich an. »Woher weißt du das alles?«, wisperte ich fassungslos.
   Plötzlich er sprang auf. »Verdammt, du kippst gleich um.«
   Ich wich vor ihm zurück.
   »Hey, ich will nur, dass du dich hinsetzt, okay?« Jasper stieg in den Van und wies auf den Einstieg.
   Mit wackligen Beinen ließ ich mich darauf nieder, während er mit dem Kaffee beschäftigt war. Kurze Zeit später reichte er mir eine Tasse.
   »Der ist sehr heiß.«
   »Danke.« Ich starrte in das schwarze Getränk. Konnte immer noch nicht glauben, was ich gehört hatte. Mit allem hatte er richtig gelegen. Woher bezog er das Wissen über mich? Was wusste er noch, ohne es mir zu sagen? Es fühlte sich entblößend an. Meine Hand zitterte, als ich den ersten, vorsichtigen Schluck nahm. Aus den Augenwinkeln erkannte ich, dass er mich aufmerksam musterte.
   »Möchtest du hereinkommen, Yvonne? Du kannst dich entweder aufs Bett setzen oder den Beifahrersitz umdrehen.«
   »Ich bin nicht sicher.«
   »Jetzt stell dich nicht so an. Du kannst mir vertrauen.«
   Sagte die Schlange zum Kaninchen, bevor sie ihre Giftzähne im Opfer vergrub. Argwöhnisch sah ich ihn an.
   Mit einem ungeduldigen Seufzer stand er auf, griff in ein Fach über dem Bett und zog ein kleines, schwarzes Gerät hervor, das er mir entgegenhielt. »Elektroschocker. Du kannst mich damit lahmlegen, wenn ich dir zu nahe komme. Nimm ihn.«
   Ich schüttelte den Kopf. »Ich will das Ding nicht.«
   Er zuckte die Achseln. »Dann kann ich dir auch nicht helfen. Kommst du nun rein?«
   »Ich setze mich auf den Beifahrersitz.« Ich stand auf und beobachtete, wie Jasper den Sitz umdrehte, sodass er ins Wageninnere zeigte. »Wieso hast du mir die Liste geschickt?«, fragte ich. »Wie kommst du zu solch einer Liste? Wie kommst du gerade auf mich? Was …«
   Er hob die Hände. »Immer langsam, Prinzessin, ja?« Er schloss die Seitentüren.
   Mir ging auf, dass ich nicht mal wusste, wo der Türöffner war, wenn ich hinauswollte.
   Er fläzte sich quer aufs Bett und griff nach seiner Tasse.
   »Weiß das unser Chef? Der kann das doch nicht dulden.«
   Jasper setzte sich gerade hin und sah mich aufmerksam an. »Dein Boss hat das Altenheim umbauen lassen. Glaubst du, alles ist mit rechten Dingen zugegangen? Hinter den Kulissen sieht es ganz anders aus.«
   »Du willst mir also erzählen, dass mein Boss krumme Geschäfte abgewickelt hat, um den Bau zu finanzieren?«
   »Ja. Nicht nur das.«
   Abwartend verschränkte ich die Arme vor der Brust. Absurder konnte es nicht werden.
   »Das Geld ist aus einem Fond geflossen, den er dadurch hat anwachsen lassen, dass er in Deutschland nicht zugelassene Medikamente an den Bewohnern der Station eins testet.«
   Obwohl mir die Neuigkeit nicht fremd war, meldete sich das Entsetzen. Es waren zwei verschiedene Paar Schuhe, es von jemand anderem bestätigt zu bekommen, als es nur in einer Mail zu lesen. »Ernsthaft?«
   »Sehe ich so aus, als ob ich Witze mache?« Er klang verärgert.
   »Da liegen die schweren Pflegefälle«, sagte ich mehr zu mir selbst.
   »Ich weiß.«
   »Weshalb tut er das?«
   »Die Antwort wirst du schon selbst kennen – er bekommt Geld dafür. Dein Chef ist ein geldgeiles, skrupelloses Schwein. Die Medikamente kommen aus Tschechien und sind hier nicht zugelassen. Sie werden offiziell auch nicht zugelassen, weil die Nebenwirkungen heftig sind – in der Regel tödlich.«
   Auch wenn es mich nicht persönlich betraf, weil mein Arbeitsplatz nicht die Eins war, fühlte ich mich elend. Düsen schien ein Menschenleben so wenig wert, dass er sogar über Leichen ging, nur, um noch mehr Geld zu scheffeln. Einiges hätte ich ihm zugetraut, aber so etwas nicht.
   »Ich will, dass du ein wenig die Augen offen hältst«, sagte Jasper. »Ob auf deiner und den anderen Stationen dieselben Medikamente im Umlauf sind. Glaub mir, diese Leute haben so ziemlich jeden rekrutiert, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Du hast bereits Bekanntschaft mit einem von ihnen gemacht.«
   »Der fremde Arzt?«
   Jasper nickte wortlos.
   »Woher weißt du das?«
   Er neigte sich ein wenig vor und reichte mir ein Foto. Natürlich würde ich den Kerl überall wiedererkennen. Die lange Narbe stach sofort hervor.
   »Dr. Kurosov, der tschechische Arzt, steht ganz oben auf der Gehaltsliste. Nachdem er das Altenheim verließ, hat er sofort das Handy gezückt und einen Anruf getätigt. Er hat dich bemerkt, Yvonne. Wahrscheinlich hast du schon zu viel gesehen.«
   »Du meinst …«
   »Man wird dich eventuell im Auge haben.«
   »Ich habe nur gesehen, dass er aus dem Bewohnerzimmer kam. Mehr nicht.« Obwohl Jasper souverän auftrat, regte sich ein leiser Zweifel in mir. Eine winzige Eventualität, die sich doch als makabrer Scherz entpuppen könnte.
   »Ist nur mein Verdacht, es muss also nicht so sein«, sagte er. »Du bist eine der Wenigen, die nicht daran beteiligt sind. Du sollst nur die Augen offen halten und mir berichten, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Du sitzt an der Quelle und kennst dich in dem Heim bestens aus. Alles Weitere mache ich. Ansonsten hältst du dich bedeckt.«
   Die Erinnerung an Sarahs blutbesudelten Kasack ließ mich innerlich zittern. Der Mann war nicht an Lungenkrebs gestorben, die Nebenwirkungen hatten seine Lunge perforiert. Die Erkenntnis versetzte meiner Psyche einen gehörigen Schlag.
   Tränen schossen in meine Augen. Es war einerlei, ob er sie sah. Er konnte ruhig wissen, dass mir die Geschichte nahe ging. Mir taten die Menschen leid.
   Jasper musterte mich schweigend.
   Ich wischte mir über die Wangen. »Was ist mit dem Personal? Denen müssten doch die Medikamente auffallen.«
   »Glaub mir, sie sind genau im Bilde.«
   Das erklärte, warum mich meine Kollegen nicht auf die Station lassen wollten. Mir drehte sich der Magen um. Aus dem Rucksack kramte ich ein Taschentuch und schnäuzte mich lautstark. Ich schüttelte verständnislos den Kopf. »Warum testen sie die Medis gerade an den alten Menschen? Das ist grausam.«
   »Die beste Zielgruppe, sie können sich nicht dagegen wehren. Die Medis sollen nicht heilen oder helfen. Es geht nur darum, die neue, ultimative Waffe in Händen zu halten. Was meinst du, wird geschehen, wenn die Medis Deutschland überschwemmen?«
   »Das würde nicht funktionieren. Es wird auffallen«, quälte ich entsetzt hervor.
   Jasper zuckte die Achseln. »Die Packungen sehen fast identisch aus. Sie sind von den deutschen schwer zu unterscheiden. Es wäre wie eine neue Epidemie, wenn die Tschechen den Fuß ganz in die Tür bekommen. Wem würde die Schuld zugeschoben werden, wenn herauskommt, dass die Medis keine Heilung bringen?«
   »Den deutschen Pharmaunternehmen?«
   »Richtig. Der Genickbruch für die deutschen Konzerne.«
   Ich kam mir wie in einer amerikanischen Verschwörungsserie vor, wo sie sich gegenseitig den Holzhammer über den Schädel zimmerten, um zu gewinnen. »Es würde trotzdem nicht funktionieren.«
   »Du siehst doch, es funktioniert bestens. Deine Arbeitsstelle …«
   »Was ist mit dem Pathologen?«, fragte ich dazwischen. »Jeder Bewohner wird nach seinem Tod …« Ich brach ab, als er den Kopf schüttelte.
   »Wieso eine Obduktion, wenn es ein natürlicher Tod ist? Äußere Verletzungen sind nicht zu sehen und das sind die Merkmale, nach denen der Pathologe sieht, bevor der Verstorbene zur Beerdigung freigegeben wird. Fakt ist aber, dass meist Bewohner ohne Angehörige ausgewählt werden.«
   »Trotzdem gibt es Altenheimakten, die den Krankheitsverlauf des Bewohners protokollieren.«
   Erneut schüttelte Jasper den Kopf. »Es gibt neue Akten, die belegen, dass der Bewohner sterbenskrank war. Wie du es auch drehen und wenden willst, Yvonne, es wird an alles gedacht.«
   »Jeder Bewohner hat einen Hausarzt, der belegen kann, wie es um die Gesundheit stand«, erklärte ich stur. Es musste ein Schlupfloch geben. So einfach und problemlos konnte die Ungerechtigkeit nicht sein.
   Jasper machte ein selbstgefälliges Gesicht. »Wer nicht mitspielt, sieht sich die Radieschen von unten an. Noch Fragen?«
   Ob Henri davon wusste? Dass ich mir die Frage überhaupt stellte, ließ einen Schauder durch meinen Körper wandern. Ich dachte allen Ernstes daran, dass mein Freund die Finger im Spiel haben könnte. »Wer weiß noch davon?«
   »Habe ich schon gesagt: Das Personal, das für die Aktion wichtig ist. Schließlich werden sie dafür bezahlt.«
   Ich musste es wissen. »Die PDL des Hauses?« Mein Herz schlug bis zum Hals. Wenn Henri tatsächlich eingeweiht war, würde ich ihn eigenhändig erwürgen.
   »Davon ist auszugehen.«
   Ein Schock durchfuhr mich. Henri war bisher immer ehrlich und korrekt gewesen, besaß ein gutes Herz. Nein, Jasper musste sich irren. Henri würde das niemals unterstützen, nur, um sich ein paar Tausender nebenbei einzustecken, damit er wegsah. Oder? »Wie willst du das stoppen? Du musst doch einen Plan haben.«
   »Den habe ich. Aber der betrifft nicht dich. Du sollst nur im Hintergrund die Augen offen halten.«
   Ich schüttelte den Kopf. »Ich sehe keinen Grund, warum ich da mitmachen sollte.«
   Die Kälte in seiner Stimme ließ mich frösteln. »Ich dachte, wenigstens du besitzt so viel Gerechtigkeitssinn, um zu helfen. Ich verlange nicht viel, nur, dass du nach den Medikamenten siehst.«
   Er appellierte doch tatsächlich an mein Gewissen? Jasper schaffte es sogar, mich ins Wanken zu bringen. Aber weshalb wollte er mich unbedingt dabeihaben?
   »Du kennst dich bestens im Altenheim aus«, redete er auf mich ein. »Ich brauche deine Hilfe.«
   »Warum ausgerechnet ich?«
   »Das habe ich dir bereits gesagt.«
   »Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Kollegen alle ihre Finger im Spiel haben.«
   Jasper zog die rechte Augenbraue hoch. »Du würdest dich wundern.«
   Womöglich würde ich das wirklich. Aber wer steckte hinter der ganzen Grausamkeit?
   »Wer sind die überhaupt?«
   »Tschechische Mafia«, kam es wie aus der Pistole geschossen.
   Mit einem ängstlichen Keuchen setzte ich mich gerade hin. »Du willst dich mit denen anlegen?«
   »Das habe ich schon.«
   »Wieso gehst du nicht zur Polizei?«
   Wut flammte in seinem Gesicht auf. »Polizei ist zwecklos.«
   »Warum?«
   »Weil die Fäden sogar bis dorthin reichen.«
   Die Worte dockten nur langsam an mein Hirn an. Als ob sich ein feiner Nebel vor meinen Augen lichtete, traf mich die plötzliche Erkenntnis. »Du willst mir also sagen, dass sogar unsere Polizei mit drinsteckt?«
   Entnervt verdrehte er die Augen. »Nicht die gesamte Polizei. Es gibt aber überall Hintermänner, die gekauft sind.«
   »Bist du ein Polizist oder so was?«
   Schweigend sah er mich an.
   Ich winkte ab. »Na, spielt auch keine Rolle.« Ich wollte nur noch aus dem Van. Müde fuhr ich über mein Gesicht. »Ich habe genug gehört. Ich will ins Bett.«
   Die ganze Sache musste ich erst mal verdauen. Der dicke Klumpen lag schwer in meinem Magen. Wie konnte ich mit dem Wissen jemals wieder ruhig zur Arbeit gehen?
   »Sieh im Internet nach den Medikamenten. Die ich markiert habe, solltest du genauer ansehen, damit du weißt, wonach du suchen musst.« Er zog an der Seitentür einen Hebel nach unten und eine der Türen sprang auf.
   »Ich habe nicht zugesagt.«
   Jasper trat schweigend einen Schritt zurück, sodass ich ausstiegen konnte. Mit ernstem Gesicht musterte er mich.
   »Wenn dir die Nebenwirkungen bekannt sind, und du das Herz am rechten Fleck hast, wirst du anderer Meinung sein. Gute Nacht, Yvonne.«
   »Gute Nacht.«
   Ich bezweifelte, dass meine Nacht nach den Neuigkeiten gut sein würde. Zum samstäglichen Frust gesellte sich wahrscheinlich auch noch eine schlaflose Nacht hinzu.
   Besaß Jasper wirklich so wenig Freude am Leben, dass er sich mit der Mafia anlegen wollte? Ich kannte genug Geschichten über solche Organisationen, um zu wissen, dass es meist nicht gut endete. Aber es spielte keine Rolle, ich würde mich garantiert heraushalten. Vielleicht hielt ich die Augen unauffällig offen – mal sehen. Darüber musste ich noch gründlich nachdenken.
   »Mein Schlüssel.«
   Erschrocken fuhr ich herum. »Musst du dich so anschleichen?« In seinem Gesicht stand keine Gefühlsregung, während er mir eine ausgestreckte Hand entgegenhielt. Jasper besaß lange, schlanke Finger. Die Handflächen waren ohne Schwielen oder Risse. Dies waren keine Arbeiterhände. Dafür sahen sie zu weich und gepflegt aus.
   »Schlüssel.«
   »Schon gut.« Ich zog ihn aus der Hosentasche und legte ihn in seine Handfläche.
   Die Finger schnappten zu und hielten meine Hand fest. Er kam näher und im ersten Moment sah es so aus, als wollte er mich küssen. »Zu keiner Menschenseele ein Wort«, zischte er. »Das muss geheim bleiben.«
   Ich versuchte, mich aus dem Griff zu befreien. Seine Finger waren wie Schraubstöcke. Er ließ mich frei. Meine Hand pochte schmerzhaft. Grober Kerl. Er drehte sich um und ging zum Van zurück.

Jasper hatte mir den Abend gründlich verhagelt. Ich fegte die Schuhe durch den Flur. Die Treter kullerten zu den anderen. Um den Schuhberg würde ich mich morgen kümmern. Im Wohnzimmer schaltete ich den Fernseher ein, um die erdrückende Stille zu vertreiben. So hörte ich wenigstens Stimmen, auch wenn sie nur aus dem Fernseher stammten. Ich tauschte Jeans gegen eine bequeme Baumwollhose. Da lag er! Schön zerknautscht auf dem grauen Schlafzimmerteppich. Der Zettel, der mir die Einsamkeit nahm.
   Meine Rettung!
   Mein Anker!
   Mit ziemlicher Sicherheit mein Untergang.
   Es grenzte an Hohn, dass er gerade jetzt aus der Jeans gefallen war. Ich hatte ihn ganz vergessen. Vorsichtig nahm ich ihn und ließ ihn auf den Wohnzimmertisch fallen. Um die Uhrzeit brauchte ich nirgendwo mehr anzurufen. Das würde dann so rüberkommen, als hätte ich es ganz nötig.
   Ich ging in die Küche, um meinen Frust mit einem Becher Schokoladeneis zu ersticken – und für den Rest des Abends an nichts mehr zu denken. Moment mal. War Jasper überhaupt mit dem Van weggefahren? Oder lungerte er immer noch am Straßenrand herum und schmiedete Pläne? Nein, ich wollte heute nicht mehr darüber nachdenken. Ich tauchte den Löffel tief in die Eiscreme und leckte ihn genüsslich ab.
   Mein Blick blieb auf dem Zettel mit der Handynummer hängen. Die Verlockung, ihm wenigstens eine SMS zu schreiben, war einfach zu groß. Ich schüttelte den Kopf, machte den Fernseher lauter, um die Komödie besser verfolgen zu können, als es plötzlich Plopp machte und ich im Dunkeln saß. Nein, Korrektur – im Stockdunklen. Nicht mal die Straßenlaterne leuchtete, die war nämlich kaputt.
   »Mist. Bestimmt die Sicherung.« Vorsichtig, beide Arme nach vorn gestreckt, rutschte ich vom Sofa. Auf allen vieren krabbelte ich über den Teppich Richtung Flur – im Schrank lag eine Taschenlampe.
   Mit klopfendem Herzen fingerte ich kniend in den Schubladen herum, fasste in irgendetwas Weiches und zog quiekend die Hand zurück. Obwohl es stockdunkel war, hielt ich die Hand vor Augen. Ich roch daran. Schuhcreme!
   Es gab nichts Schlimmeres: Man sah nichts und musste unbedingt etwas loswerden, was nicht an die Finger gehörte. Flugs die andere Hand genommen. Nach einigem Herumgesuche fand ich endlich die Taschenlampe. Auf dem Boden hockend, begutachtete ich die schwarzen Finger. Erst Finger säubern oder Sicherungskasten? Okay, erst der Kasten und wehe, es ging kein Licht.
   Ich kam auf die Füße und steuerte den Sicherungskasten an. Mein Fuß knickte auf dem selbst gebauten Schuhberg weg. Mit einem spitzen Schrei segelte ich nach vorn und schlug mit der Stirn gegen die Klinke der geschlossenen Klotür. Sterne tanzten vor meinen Augen. Ich glaubte mich einer Ohnmacht nahe. Fest presste ich die Hände gegen den Kopf. Der Schmerz war entsetzlich. Ich schniefte laut, die vergangenen Tage waren echt die Hölle.
   Einige Zeit blieb ich noch am Boden liegen, bis ich einen klaren Gedanken fassen konnte. Fühlte ich da etwas Feuchtes an der Stirn?
   Aah, etwa Blut?
   Ich hob den Kopf, ein scharfer Schmerz folgte. Meine Hand griff nach der Taschenlampe. Da klebte wirklich Blut an meinen Händen. Irgendwie schaffte ich es auf die Beine und sah im Licht der Taschenlampe in den Flurspiegel. Es blutete nicht wenig. Etwas höher, über der linken Augenbraue, klaffte eine tiefe Wunde. O nein, ich hatte das schwarze Zeug quer über die Stirn geschmiert. Ich kippte den FI-Schalter um. Sofort erwachte das Licht samt Fernseher zum Leben.
   Im Bad legte ich mit zusammengebissenen Zähnen einen feuchten Waschlappen auf die Wunde.
   Es tat höllisch weh, doch ich hielt tapfer dem Schmerz stand. Die gleiche Prozedur machte ich mit einem anderen Waschlappen, auf den ich die halbe Flasche Flüssigseife pumpte. Vorsichtig versuchte ich, die Schuhcreme von der Stirn zu wischen. Es dauerte seine Zeit, bis ich sie endlich größtenteils entfernt hatte.
   Im Spiegel leuchtete die Stirn knallrot. An der Stelle, wo mir die Klinke eins mitgegeben hatte, prangte eine unansehnliche Platzwunde, die immer noch leicht blutete. Mit zittrigen Fingern kramte ich aus dem Spiegelschrank ein großes Pflaster heraus.

Nachdem ich zwei Schmerztabletten genommen hatte, legte ich mich ins Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken. Dank der Pillen beschäftigte sich mein Kopf anderweitig als mit dem Schmerz. An meinem Arbeitsplatz gingen kriminelle Machenschaften vor sich. Immer, wenn ich versuchte, die Gedanken zu ordnen, kam Jasper dazwischen – und die Mafia.
   Er hatte dafür gesorgt, dass an geordnete Ansichten nur schwer zu denken war. Aber sollte ich das alles so ohne Weiteres schlucken? Mir fehlten stichhaltige Beweise.
   Ich kannte Jasper nicht, er konnte genauso gut ein durchgeknallter Aktivist sein, der durch die Weltgeschichte rannte und überall Intrigen und Verrat witterte.
   Herrje, ich musste dringend Schlaf finden, solange die Stirn Ruhe gab. Morgen konnte ich mir genug Gedanken machen.

Kapitel 6


Noch so eine Nacht und man konnte mich wegschmeißen.
   Mein Kopf fühlte sich an wie von einer Dampfwalze überrollt. Müde öffnete ich die Augen. Oder besser, ich versuchte, das linke Auge zu öffnen. Ein Elefant schien auf dem Augenlid zu sitzen. Vorsichtig tastete ich nach oben und unterdrückte einen Schmerzensschrei, als die Finger auf eine dicke, harte Beule trafen. »O nein.« Unsicher schlurfte ich ins Bad, das Blickfeld stark eingeschränkt. Das Gesicht im Spiegel schockte mich, das war unmöglich ich. Unter dem Pflaster zeichnete sich eine riesige Schwellung ab. »Was mache ich jetzt?«, flüsterte das Gespenst im Spiegel. Als ich einen erneuten Blick in den Spiegel warf, wurde mir leicht schwummrig angesichts der geschwollenen Beule. Und heute war Sonntag, da hatte mein Hausarzt geschlossen. »Ich will nicht ins Krankenhaus.«
   Marie. Ja, ich rufe Marie an, die könnte … Ja, die könnte was? Mir die Hand halten? Mich bedauern? Ins Krankenhaus fahren? Alles, nur das nicht. Ich hasste Krankenhäuser, hatte eine regelrechte Panik davor. Unschlüssig starrte ich das Telefon an. Okay, nach dem Frühstück würde ich sie anrufen.

Maries Augen fielen fast aus den Höhlen, als sie mich an der Tür sah.
   »Was hast du gemacht?«, fragte sie erschüttert.
   »Habe gestern Abend mit der Klinke der Toilettentür Bekanntschaft gemacht.«
   Sie schloss die Wohnungstür. »Wie hast du das angestellt?«
   »War Stromausfall und ich bin über die Schuhe gestolpert.«
   Marie musste sich ein Grinsen verkneifen und zeigte auf meine Stirn. »Lass mich mal sehen.«
   Sie wollte sich an dem Pflaster zu schaffen machen. »Ich mache es selbst ab«, rief ich panisch.
   »Okay, okay, du Mimose.«
   Mit zusammengebissenen Zähnen zog ich das Pflaster langsam ab. Marie stieß ein entsetztes Keuchen aus. »Du gehörst damit sofort ins Krankenhaus, Yvo. Das muss garantiert versorgt und genäht werden.«
   »Ach quatsch, das …« Mir blieben die restlichen Worte im Hals stecken, als ich die Wunde erblickte: rot und schlimm entzündet.
   Das sah wirklich nicht gut aus. Meine Anatomiekenntnisse reichten aus, um zu wissen, dass dies zu einer bösen Blutvergiftung führen konnte. Hervorragend, dass ich mir auch noch so gekonnt die Schuhcreme ins Gesicht geschmiert hatte. Bestimmt war auch etwas in die Wunde geraten.
   »Komm, ich fahre dich.«
   Meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Aber meine Freundin hatte recht, das musste ärztlich versorgt werden.
   »Bleibst du bei mir?« Ich hatte wirklich Angst wie ein kleines Kind.
   Sie lächelte. »Natürlich, Süße. Ich weiß doch, wie du über Krankenhäuser denkst. Ich sage nur noch eben Chris Bescheid.« Sie zückte das Handy und verschwand im Wohnzimmer.
   Während sich Marie mit ihrem Mann unterhielt, zog ich mich um. Im Bad klebte ich ein neues Pflaster auf die Wunde, damit nicht jeder sofort erkannte, wie entstellt ich aussah. Vorsichtig bürstete ich noch die Haare und scheitelte sie zur linken Gesichtshälfte, damit die dicke Beule samt Pflaster verdeckt wurde.
   »So, alles geregelt.« Sie trat ins Bad. »Lass uns fahren. Nachher gebe ich uns einen fettigen Burger aus, okay?«
   Wir passierten den Eingangsbereich des Klinikums.
   Suchend sah Marie sich um. Aber ich hatte das Ambulanzschild schon längst gesehen. Dennoch sagte ich nichts. Ich klammerte mich lieber an den Wunschgedanken, dass möglicherweise die Notaufnahme am Sonntag keinen Dienst hatte. Dann könnte ich am Montag zu meinem Hausarzt gehen.
   »Ah, da müssen wir lang.« Sie zog mich nach rechts, den langen weiß gefliesten Flur entlang.
   Von Weitem erblickte ich schon die Tür zur Ambulanz. Meine Schritte wurden langsamer. Seit ich mir als Kleinkind den Arm gebrochen hatte, waren Krankenhäuser und die damit verbundenen Behandlungen der wahre Horror. Den dreifachen Bruch mit den entsetzlichen Schmerzen hatte ich nie vergessen.
   »Jetzt nicht kneifen.« Marie zog mich weiter. »Glaub mir, es wird bestimmt nicht so schlimm werden.«
   Nicht schlimm? Sie hatte gut reden. Es würde bestimmt noch schlimmer kommen …
   Marie drückte die Tür auf. Eine Krankenschwester kam uns freundlich lächelnd entgegen.
   »Guten Morgen. Kann ich helfen?«
   Wahrscheinlich würde ich meine Stimme nicht im Griff haben, deshalb antwortete Marie. »Meine Freundin ist gestern Abend gestürzt und hat sich eine böse Platzwunde an der Stirn zugezogen. Ich glaube, das muss genäht werden.«
   Wieso dramatisierte sie das? Es musste garantiert nicht genäht werden. Ein wenig Jod, ein Pflaster oder gar Kopfverband und alles war paletti. Da musste niemand mit Spritze, Nadel und Faden kommen.
   Die Frau warf einen kurzen Blick auf meine Stirn und nickte. »Ah, ich sehe schon.«
   Ähm, was hieß das? Ah, ich sehe schon, wie überaus dämlich die ist … oder, ah ich sehe schon, da muss sofort operiert werden … Mein Magen rumorte. Aber ich konnte mich zieren und wehren, wie ich wollte – die Schwester wies mir nach der Aufnahme meiner Daten den Weg zum Arzt.
   »Gehen Sie bitte in Raum zwei. Dr. Abryany wird gleich bei Ihnen sein.«
   Marie führte mich in den Behandlungsraum. Der Geruch von Desinfektionsmitteln lag in der Luft, was nicht schlimm war, das kannte ich von der Arbeit. Es waren die vielen bösen Gerätschaften. Die Stirn tat auch gar nicht mehr weh. Mir ging es wirklich besser. Ich könnte in der Apotheke noch genug Paracetamol besorgen – auch am Sonntag.
   »Setz dich am besten auf die Liege.«
   Liege? Sie meinte wohl Folterbank.
   »Jetzt guck nicht so, Yvo. Hier wird dir niemand den Kopf abreißen. Es wird dir geholfen.« Nachdrücklich schob sie mich zu der Untersuchungsliege und ich setzte mich.
   Da meine Beine jetzt in der Luft hingen, ließ ich sie vor Nervosität hin und her baumeln. Die Augen hatte ich stur auf den Linoleumboden gerichtet, um nicht die Umgebung ansehen zu müssen.
   »Sind Sie Frau Heber?«
   Marie gab einen überraschten Laut von sich. Ich hob alarmiert den Kopf. Ein Ruck durchfuhr mich, als ich erkannte, wer da in der Tür stand: Dr. Abryany. Dr. Misha. Abryany. In. Blauer. OP. Kleidung! Am liebsten hätte sofort wieder die Flucht ergriffen.
   Auch er schien überrascht. Doch er fasste sich, als er Marie erblickte, die in der Ecke auf einem Stuhl saß. Mit einem Grinsen winkte sie ihm zu. Ein Verlangen kam hoch, sie auf der Stelle zu erwürgen. Es freute sie auch noch, dass er der behandelnde Arzt war.
   Während er einen Blick auf das Unfallformular warf, kam er langsam näher. Mein Mund stand sperrangelweit offen. Ich klappte ihn zu. Er schob sich einen kleinen Drehhocker heran, setzte sich und sah mich an. Mein Herz flatterte.
   »Ich sehe schon, weshalb Sie hier sind.« Er zeigte auf das Pflaster. »Das muss runter, kurz und schmerzlos.«
   »Das will ich selbst machen.«
   Misha schmunzelte. »Okay.«
   Mit zusammengebissenen Zähnen fing ich an, das Pflaster zu lösen.
   »Ohne Pflaster wäre besser gewesen«, bemerkte er. »Wie haben Sie das angestellt?«
   »Was?« Meine Stimme besaß einen leicht gereizten Klang. Er störte bei der Aufgabe, die meine höchste Konzentration erforderte.
   »Ihre Stirn.«
   Endlich hatte ich das Pflaster ab. »Bin über meine Schuhe gefallen und gegen die Türklinke geknallt.«
   Misha hob skeptisch eine Augenbraue, was ich äußerst sexy fand. Abwartend legte er den Kopf schief.
   »Es war Stromausfall und ich suchte eine Taschenlampe.«
   Er rollte mit dem Hocker näher heran. Ich hielt den Atem an. In meinem Kopf entstanden nicht gerade jugendfreie Bilder. O nein, ich würde hier nun keine Privatshow hinlegen. Langsam atmete ich aus. Wir sollten lieber Sicherheitsabstand zwischen uns halten. Er beugte sich vor. Ich wandte den Blick auf das Namensschild, das an seinem OP-Hemd haftete. Dr. M. Abryany – ungewöhnlich. Klang nicht nach einem deutschen Namen.
   Plötzlich fühlte ich Hände, die meinen Kopf sanft in seine Richtung drehten. Mein Puls beschleunigte sich, als ich sein Gesicht erblickte. Die Hände auf meiner Haut jagten wohlige Schauer durch den Körper – das war unangebracht. War es nötig, dass er mir so nah auf die Pelle rückte?
   »Sie müssen schon in meine Richtung schauen«, sagte er leise. »Ich muss die Wunde ansehen.« Er schmunzelte, als er mit einer kleinen Stablampe erst ins rechte, dann ins linke Auge leuchtete.
   Während er die Wunde inspizierte, nahm die Schwester mein Handgelenk, um den Puls zu messen. »Puls einhundertzwanzig«, stellte sie nach einigen Minuten fest.
   Überrascht betrachtete er mich. »Haben Sie immer so einen hohen Puls?«
   »Weiß nicht …« Ich konnte ja schlecht sagen, dass er der Grund dafür war.
   »Sie sollten das bei Ihrem Hausarzt abklären lassen. Ein EKG oder einen Belastungstest durchführen lassen. Je nach Ursache können Medikamente schon helfen.«
   Seufz. Oder ein gut aussehender Mann …
   Die Schwester verschwand durch die Tür, um garantiert noch ein paar riesige Spritzen zu holen. Ich durfte vor ihm nicht die Memme sein, die ich in Wirklichkeit war.
   »Was haben Sie sich in die Wunde geschmiert?«
   »Ähm, das … das ist Schuhcreme«, murmelte ich beschämt.
   »Schuhcreme?«, fragte er ungläubig. »Haben Sie Schuhcreme gesagt?«
   Marie grunzte leise. Ich wusste, sie konnte sich vor Lachen kaum halten.
   Ich nickte und erwartete auch von ihm ein unterdrücktes Kichern, doch das kam nicht. Stattdessen fasste er unter mein Kinn, sodass ich ihn ansehen musste. »Das mit der Schuhcreme war keine gute Idee«, erklärte er mit ernster Stimme. »Die Wunde muss gereinigt und genäht werden.«
   Die Angst schnürte mir die Kehle zu, doch ich wollte mir nichts anmerken lassen und spielte die Forsche. »Absicht war das garantiert nicht«, sagte ich in frechem Tonfall.
   »Das habe ich auch nicht erwartet.« Seine Stimme wurde sanft. Er schien meine Angst zu spüren und wollte mich möglicherweise beruhigen. »Trotzdem kann das nicht so bleiben. Die Wunde ist entzündet. Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich bin Unfallchirurg. Ich verspreche Ihnen, da wird nur eine kleine Narbe bleiben und …« Misha wollte noch mehr sagen, aber die Schwester kam zurück.
   Es ging doch nicht um eine Narbe. Ich hatte vor der Behandlung Schiss.
   »Leiden Sie an Übelkeit und Erbrechen?«, fragte er in professionell ärztlichem Ton.
   »Nein.«
   »Kopfschmerzen?«
   »Nicht direkt. Meine Stirn pocht.«
   »Haben Sie Schmerzmittel genommen?«
   »Paracetamol.«
   »Wie viele Tabletten?«
   »Vier in der Nacht und zwei heute Morgen.«
   Missbilligend schüttelte er den Kopf. Er wandte sich an die Schwester. »Das muss gesäubert und genäht werden.«
   Die Frau nickte und verschwand erneut, um wahrscheinlich die Folterinstrumente zu holen. Jetzt wurde es ernst. Meine freche Fassade stürzte wie ein Kartenhaus zusammen.
   »Mir geht es besser«, brabbelte ich. »Das muss nicht genäht werden.« Ich wollte von der Liege rutschen.
   Misha hielt mich kopfschüttelnd zurück. »Nein, ich lasse di…«, er stockte, »… Sie so nicht gehen.«
   Etwas in seiner Stimme ließ mich innehalten. Okay, vielleicht konnte ich ihm als Arzt und Chirurg vertrauen.
   »Ich möchte Sie bitten, draußen zu warten. Gehen Sie einen Kaffee trinken«, sagte er an Marie gewandt. »In circa einer Stunde können Sie Frau Heber abholen und nach Hause bringen.«
   Meine Freundin nickte und winkte zum Abschied. Bis gleich, formten ihre Lippen und das machte der Panik abermals Platz. Irgendwie gefiel es mir gar nicht, dass sie gehen musste. »Jetzt wird mir aber doch bange«, erklärte ich leise.
   »Das braucht es nicht.« Seine Stimme klang voll Mitgefühl. »Ich verspreche, Sie werden aufwachen und alles ist gut. Sie können mir vertrauen.« Er wies mit einem Seitenblick auf die Liege. »Am besten legen Sie sich hin.«
   »Ich will mich aber nicht hinlegen.« Ich versuchte, den letzten Widerstand aufrechtzuerhalten.
   Über seine Lippen huschte der Anflug eines Lächelns. »Wäre aber besser, weil ich Ihnen eine Kurzzeitnarkose gebe, denn die ganze Angelegenheit würde kein Zuckerschlecken für Sie sein.«
   »Schon gut.«
   »Hier, nehmen Sie das.« Die Schwester hielt mir ein Glas Wasser und eine kleine blaue Tablette hin. Artig schluckte ich sie und legte mich hin. Mein Kopf wurde leichter.
   Misha gab der Schwester leise Anweisungen, ich hörte hier und da etwas metallisch klappern.
   Die Angst schwand, meine Augen wurden schwer und ich hörte ihn noch etwas flüstern. »Das wäre alles nicht passiert, wenn du mich angerufen hättest.«

Keine Ahnung, wie spät es war, als ich erwachte. Eine Schwester saß an meiner Seite und lächelte. »Schön, Sie sind wach. Bleiben Sie liegen, ich hole den Doktor.«
   Weshalb waren meine Hände und Füße an der Liege festgeschnallt? Ich hob den Kopf, um zu sehen, ob ich mir das nur einbildete. Schwindel erfasste mich, der Seegang war phänomenal.
   »Bleiben Sie liegen«, hörte ich Misha sagen.
   Er lächelte, als er sich in mein Blickfeld schob. Ich unterdrückte ein Seufzen. Ein Mann wie du kann unmöglich Single sein …
   Die Schwester wuselte herum und machte die Schnallen auf.
   »Alles gut verlaufen«, sagte er. »Ich musste die Wunde zwar tiefer reinigen als zuvor gedacht, aber es sieht alles bestens aus. Zur Sicherheit habe ich Ihnen noch eine Tetanusimpfung gegeben. Das Schmerzmittel dürfte Sie für den Rest des Tages versorgen. Ich habe Ihrer Freundin ein Rezept und eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in die Hand gedrückt. Sie nehmen in den nächsten acht Tagen Antibiotika, damit die Entzündung zurückgeht. Haben Sie morgen noch Schmerzen, können Sie Paracetamol nehmen, aber bitte die Tagesdosis von acht Tabletten nicht überschreiten. In fünf Tagen kommen Sie bitte zum Fädenziehen.«
   Vorsichtig setzte ich mich auf. Mir wurde so schwindlig, dass mein Kopf gegen seinen Oberkörper fiel. Am liebsten wäre ich dort geblieben. Irgendwie fühlte sich das wunderbar an.
   Er schob mich sofort von sich. »Machen Sie langsam. Der Schwindel wird gleich vergehen. Wenn Sie sicher auf den Beinen sind, können Sie nach Hause.«
   »Wie geht’s dir, Süße?« Marie meldete sich zu Wort. »Mann, du siehst echt mies aus.«
   »Danke für die Feststellung«, entgegnete ich leise.
   »Nein, du siehst doch gut aus mit deinem dicken Pflaster vor der Stirn.« Sie wollte mich aufmuntern. Marie meinte es nicht böse.
   Mit unsicheren Fingern betastete ich das lange Pflaster, das sich oberhalb der linken Braue befand.
   »Nicht herumknibbeln«, sagte er. »Ich habe die Platzwunde mit fünf Stichen genäht. Passen Sie beim Duschen auf, dass kein Wasser an die Naht kommt.« Misha musterte mich nachdenklich. »Gibt es jemanden bei Ihnen zu Hause?«
   »Nö, Yvo ist eingefleischter Single«, sagte Marie schnell.
   Mein Blick schnellte anklagend in ihre Richtung. Weshalb hielt sie nicht einfach den Mund?
   »Sie sollten aber nicht allein sein«, sagte er mit ernster Stimme.
   Ein schlaues Kerlchen. Das Singleleben hatte ich mir nicht freiwillig ausgesucht. Er hatte sicher an jedem Finger gleich zwei Frauen. Einsam war Misha bestimmt nicht.
   »Jemand sollte nach Ihnen sehen.«
   Klar. Vielleicht den Herrn Doktor anrufen? Wieso wurde ich auf einmal so schrecklich sarkastisch? Keine Ahnung. Ich wusste, dass das undankbar war. »Vielen Dank. Wird schon gehen.« Ich schob mich von der Liege. Die Beine waren noch etwas wacklig. Nach ein paar Schritten ging es besser. Was hatte meine Oma immer gesagt? Ich blühte wie Unkraut, das kriegte man nicht kaputt. Ich hakte mich bei Marie ein und gemeinsam steuerten wir Richtung Tür.
   »Schonen Sie sich die nächsten Tage und nichts Schweres heben«, rief er uns noch hinterher.

Marie bekam das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht, während wir zum Auto gingen.
   »Was gibt es eigentlich zu grinsen?«
   »Das fand ich richtig klasse.« Sie schloss die Beifahrertür auf und ließ mich zuerst einsteigen.
   »Was?« Ich war leicht gereizt, als sie sich ans Steuer setzte.
   »Dass der hübsche Typ Arzt ist.«
   »Hör bloß auf«, murmelte ich. »Der war auch gestern beim Tag der offenen Tür.«
   Sie wollte gerade den kleinen Ford starten, hielt jedoch inne. »Im Altenheim?«
   Ich nickte. »Na klar. Er muss meinen Chef sehr gut kennen, die haben sich unterhalten wie alte Freunde.«
   Sie setzte sich bequemer hin und musterte mich neugierig. »Und weiter? Erzähl.«
   Ich erzählte die ganze Geschichte von Anfang bis Ende. Dass ich abends Männerbesuch hatte, verschwieg ich lieber. Momentan machte mir der Kopf zu schaffen. Da wollte ich weder Gedanken an einen braunäugen Doktor verschwenden, noch an diesen Jasper, der mich mit der Horrorstory gründlich um den Schlaf gebracht hatte.
   Marie lachte. »Und da hast du ihn immer noch nicht angerufen?«
   »Nö. Warum auch?«
   »Ganz einfach, weil er scharf auf dich ist. Wow, hat das zwischen euch geknistert.«
   »Da hat nichts geknistert.«
   »Hast du nicht gemerkt, wie er gesabbert hat, Schätzchen?«
   Ich warf einen kurzen Blick aus der Windschutzscheibe, dann zu Marie. »Wahrscheinlich hat die Erfahrung mit Carsten mich geprägt. Ich möchte nicht ein weiteres Mal auf die Schnauze fliegen. Ich brauche einfach noch Zeit. Einfach nur sichergehen, dass er es ernst meint. Verstehst du?«
   Sie nickte. »Ja, ich weiß, wie fertig du nach Carsten warst.«
   Ein Dreivierteljahr war vergangen, wovon ich gute drei Monate mit Heulen verbracht hatte. Wenn ich auch die nächsten fünfzig Jahre allein durchs Leben hüpfte, um irgendwann eine grantige, alte Single-Oma zu werden: In meinem zukünftigen Leben würde Ordnung herrschen.
   »Immer noch so argwöhnisch, was das andere Geschlecht angeht?«, fragte sie mitfühlend.
   »Ein gebranntes Kind scheut das Feuer.«
   Marie nickte und startete den Wagen. »Hast du Hunger? Mein Angebot mit dem Burger steht noch.«
   »Ja, sehr gern.«
   Sie zückte das Handy. »Jetzt müssen wir nur noch eine Apotheke finden, die Notdienst hat.«

Nach Cheeseburger, Pommes und Cola brachte Marie mich nach Hause. Das Angebot, den Sonntag bei ihr und Chris zu verbringen, hatte ich dankend abgelehnt. Nach dem fettigen Mahl verspürte ich eine leichte Übelkeit. Oder kam das von der Pille, die ich mit der Cola hinuntergespült hatte?
   Hoffentlich blieb das opulente Essen im Magen. Meine Glieder waren bleischwer, ich musste dringend ins Bett. Der liebe Herr Doktor hatte mich also flachgelegt, auch wenn es nur mit einem Schmerzmittel war. Schachmatt. Nichts ging mehr.

Kapitel 7


In mein Bewusstsein drang ein hartnäckiges Klingeln – das Telefon.
   Ich stöhnte, bekam nicht mal die Augen auf. Wenn das jetzt nicht wichtig war. Verschlafen fingerte ich danach und drückte irgendeinen Knopf. Ups! Verkehrt.
   Es klingelte erneut. Diesmal öffnete ich ein Auge, um den grünen Knopf zu erhaschen.
   »Wenn das jetzt nicht wichtig ist«, nuschelte ich in den Hörer.
   »Mach die Tür auf!«
   »Jasper? Bist du das?« Langsam wich die Müdigkeit. »Was willst du?«
   »Jetzt mach endlich auf.«
   »Garantiert nicht.« Ich drückte den roten Knopf. Gespräch beendet.
   Ich war für heute außer Gefecht gesetzt. Warum sollte ich ihn überhaupt in meine Wohnung lassen? Es gab keinen Grund dafür. Das Telefon klingelte erneut. Erst jetzt kam die Frage hoch, woher er überhaupt die Festnetznummer hatte. Sie stand in keinem Telefonbuch.
   Verärgert drückte ich die grüne Taste. »Woher hast du die Nummer? Lass mich raten – geheim.«
   Ich hörte ein leises Lachen, sodass mir ein ungewollter, warmer Schauer durch den Körper schoss.
   »Wo und wann kann ich dich mal …?«, fragte er leise.
   Meinte er das jetzt sexuell? Ich fühlte mich noch so dermaßen groggy im Kopf, dass ich es nicht zuordnen konnte.
   »Mach auf.«
   Der brachte mich wirklich auf die Palme.
   »Ich mach die Tür nicht auf.«
   »Ich komme auch so rein.«
   »Wie?« Mein Denkvermögen kam ins Stolpern.
   »Ich sagte, ich komme auch so rein.«
   »Du willst doch nicht bei mir einbrechen? Untersteh dich!«
   »Zu spät.« Ich hörte seine Stimme im Wohnzimmer.
   Augenblicklich fuhr ich hoch. Durch den Kopf stach ein brennender Schmerz. Ich keuchte. Er kam unmöglich in mein Schlafzimmer. Das war nur ein Traum.
   »Was hast du gemacht?«, fragte er.
   Klang da etwa Besorgnis in seiner Stimme? »Hau bloß ab«, murmelte ich. Vor Ärger hätte ich ihm am liebsten was an den Kopf gezimmert.
   »Lass mal sehen.« Wie selbstverständlich setzte er sich aufs Bett. Mein Kopf lenkte mich zu sehr ab, als dass ich protestieren konnte. Dass ein Traum allerdings so reale Schmerzen mit sich brachte, war mir neu.
   »Nee, ist schon versorgt worden.«
   »Wie hast du das geschafft?«
   »Geht dich nix an. Jetzt verlass meine Wohnung.«
   »Wir müssen reden.«
   »Wir müssen gar nichts.«
   Er betrachtete mit besorgter Miene meine Stirn. Ich hatte sogar den Ledergeruch seiner Jacke in der Nase. Nein, er war kein Hirngespinst. Womöglich bekam ich nicht mal einen bösen Blick zustande.
   Jasper zog spöttisch eine Augenbraue hoch. »Du bist echt schusslig.«
   Unverschämt, wie er mich kompromittierte, auch wenn wir allein waren. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Die Rücksichtslosigkeit und die Frechheit, in meine Wohnung einzubrechen, machten mich echt sauer. Er war der unangenehmste Zeitgenosse, der mir jemals untergekommen war.
   »Weißt du eigentlich, dass du ein unverschämter Kerl bist?«
   In seinen Augen trat ein kaltes Glitzern. »Das höre ich ständig.«
   Hektisch wedelte ich mit der Hand Richtung Tür. »Weißt du was? Geh einfach wieder hinaus.«
   »Nerve ich dich?«
   »Ja, du nervst. Du bist in meine Wohnung eingebrochen. Was fällt dir überhaupt ein?«
   In völliger Unschuld hob er die Hände. »Ich habe nichts kaputt gemacht. Ehrenwort.«
   »Interessiert mich nicht. Du bist ein Einbrecher. Wie bist du überhaupt hereingekommen?«
   Er griff in die Lederjacke und zog einen Dietrich hervor, zumindest sah das Ding danach aus. »Du solltest Sicherheitsschlösser besorgen. Ich hatte in nicht mal zwei Minuten beide Türen auf.«
   Sprachlos starrte ich ihn an.
   »Du könntest auch ein Schild draußen aufstellen: Bin einsam. Brauche Gesellschaft.«
   Jetzt klappte mein Mund auf.
   Schnell schloss ich ihn. Woher wusste er, dass ich mich einsam fühlte? Es waren meine privaten Empfindungen, das wusste niemand!
   »Deine vergangene Beziehung mit Carsten Berger liegt ein dreiviertel Jahr zurück. Er hat dich abserviert. Seitdem machst du einen riesigen Bogen um die Männer.«
   Ich war zu baff, um zu antworten.
   »Am besten alle in eine riesige Schublade stecken.«
   Machte er sich etwa über mich lustig? Ja, das tat er und das machte mich noch wütender. Er benahm sich, als wären wir langjährige Bekannte, obwohl er mir erst gestern zum ersten Mal begegnet war. Ich fand meine Stimme wieder. »Du gehörst in Schublade D: für dämlicher Arsch! Jetzt hau endlich ab!«
   »Ich muss dir etwas zeigen.« Er zog einige Blätter aus der Innentasche. »Es ist wichtig.«
   »Ich rufe jetzt die Bullen. Mir reicht’s.« Ich wollte zum Telefon greifen. Es war nicht da, auch das Handy fehlte. Mein Blick schoss in seine Richtung. »Wo ist mein Telefon?«
   »Bekommst du gleich zurück.«
   Was war das für ein unverschämter Typ? Noch nie war mir solch ein Kerl begegnet. Der machte mich wahnsinnig. Er hielt das alles für selbstverständlich, während ich nur meine Ruhe haben wollte. Ich war echt sauer.
   Seelenruhig breitete er die Zettel auf der Bettdecke aus. Dass es mir nicht gut ging, interessierte den nicht. Was für ein unsensibler Kerl! Demonstrativ sah ich weg.
   »Die meisten Medikamente werden dir nichts sagen.«
   »Du kannst mich mal«, zischte ich.
   »Jetzt sofort?« Er lachte nicht mal.
   »Arschloch«, murmelte ich.
   »Okay.« Er zog die Lederjacke aus und warf sie quer über das Bett.
   Erbost sah ich ihn an. »Hey, was soll das?«
   »Wenn du es nicht selbst ansehen willst, muss ich es dir eben vorlesen. Das kann dauern. Hast du Kaffee?«
   »Du bist unverschämt. Sauf das Wasser aus dem Klo, von mir kriegst du keinen Kaffee.«
   Jasper grinste hämisch. »Zickige Weiber machen mich richtig an, habe ich dir das schon gesagt?«
   Sollte ich ihm endlich mal eine scheuern? Ehrlich, ich wagte es aber nicht. Wahrscheinlich bekam ich eine zurück und stand nie wieder auf. Ich traute ihm das durchaus zu.
   »Ich kann unverschämte Kerle nicht ausstehen, habe ich dir das schon gesagt?«
   »Das passt schon.« Wie er das jetzt auch meinte, ich verstand es nicht.
   Er fing einfach an, zu lesen. Seine Stimme bekam ein anderes Timbre. Sie brachte etwas in mir zum Klingen. Faszinierend, wie eine Stimme sich veränderte. Der Text wurde zur Nebensache. Die Tonlage hinterließ ein Vibrieren und stellte sämtliche Härchen an meinem Körper auf. Noch nie war mir eine Stimme so intensiv unter die Haut gegangen. Schnell ließ ich die Arme unter der Bettdecke verschwinden, bevor er die Gänsehaut erblicken würde.
   »Hast du bis jetzt zugehört?«, fragte er, während er mich argwöhnisch betrachtete.
   »Was?«
   Ja, ein Kaffee wäre durchaus nicht schlecht. Außerdem musste ich dringend aufs Klo.
   Ein unbestimmter Ausdruck weilte in seinen Augen, als er mich betrachtete. Da wusste ich, was seine Stimme verändert hatte: Gefühle. Sie war voller Emotionen gewesen. Vielleicht steckte unter der harten Schale ein butterweicher Kern?
   »Ich muss aufs Klo.« Ich wollte aus dem Bett kriechen. Merkte jedoch, dass ich untenherum nur einen Slip trug.
   »Gibst du mir die Jogginghose?« Ich wies zur Hose, die auf dem Schreibtisch lag.
   »Meinst du, ich habe noch nie eine Frau im Slip gesehen?«
   Klar. Im Brüskieren war er unschlagbar. Ich schwieg, rutschte zur anderen Bettseite und versuchte, an die Hose zu kommen. Er beobachtete mich, ich fühlte seinen Blick. Gehässiges Ekel!
   Im Kopf zuckte ein stechender Schmerz, als ich mich zu weit hinüberbeugte. Ich biss die Zähne zusammen, bis die Schmerzwelle verebbte. Letztlich bekam ich die Hose zu packen.
   Unter der Bettdecke zog ich sie über. Vorsichtig schob ich die Beine aus dem Bett. Zu schnell stand ich auf den Füßen. Schwindel erfasste mich. Ich taumelte zurück. Meine Hand wollte den Bettpfosten ergreifen. Der Griff ging ins Leere. Ich sah mich schon nach hinten kippen, als sich ein Arm um meine Taille legte und mich stützte.
   »Langsam«, flüsterte Jasper neben mir. »Du hast eine Kopfverletzung.«
   Wie er so schnell an meiner Seite sein konnte, war mir rätselhaft, weckte aber nicht mein Interesse. Viel mehr regten sich meine Hormone, die mir signalisierten, dass ich das Spiel seiner Muskeln fühlte. Mein Körper reagierte zu heftig auf ihn. Das ärgerte mich.
   »Was soll das?« Ich wollte mich von ihm losmachen, doch er hielt mich fest. »Ich komm schon klar. Nimm deine Finger von mir.«
   »Eins muss man dir lassen, du fühlst dich verdammt gut an«, raunte er.
   Verwirrt sah ich zu ihm auf, versuchte, hinter der Fassade der Kaltblütigkeit zu erkennen, was er gerade gemeint hatte. »Kannst du deine blöden Kommentare nicht für dich behalten?«
   »Gewöhn dich dran.«
   »Lass mich los.« Jetzt stieß ich ihn weg, auch auf die Gefahr hin, dass ich umkippte.
   Er packte grob meine Arme, zog mich näher. Was sich in seinen Augen spiegelte, waren die Gletscher der Arktis.
   »Mir sitzt die Zeit im Nacken, Yvonne. Ich lasse die Blätter hier und du wirst sie verdammt noch mal durchlesen, wenn es dir besser geht. Damit du endlich kapierst, wie dringend die Sache ist.«
   »Was habe ich damit zu tun? Ich will mich doch nicht mit denen anlegen.«
   »Das sollst du ja auch nicht. Aber willst du nicht den Menschen helfen? Sind sie dir so egal?«
   »Nein«, sagte ich leise. »Aber mir fehlen Beweise für deine Behauptungen.«
   »Lies die Seiten, Yvonne. Ich erzähle dir keine Schauermärchen. Es ist die Wahrheit.« Abrupt ließ er mich los, nahm seine Jacke und verschwand. Für einen Moment stand ich völlig baff neben dem Bett.
   Mein Gefühl sagte mir, dass es keine Schauermärchen waren.
   Langsam schlurfte ich zum Bad und überlegte ernsthaft, ob er wirklich hier gewesen war. Die Papiere lieferten den Beweis. Aber heute las ich nichts mehr. Dafür fühlte ich mich einfach noch zu groggy. Mit Jogginghose schlüpfte ich ins Bett zurück. Mein Kopf hatte jetzt Sendepause.

Ich schreckte aus dem Schlaf. Das Klopfen an der Haustür musste ich mir eingebildet haben. Schließlich besaß ich eine Türklingel. Einen Seitenblick auf den Wecker: Ich hatte fünf Stunden geschlafen. Es war schon spät am Abend.
   Ich knipste die Nachttischlampe an. Da klopfte wirklich jemand ans Glas der Tür. Langsam ließ ich die Beine aus dem Bett gleiten. Es pochte hinter meinen Schläfen. Für ein paar Sekunden drückte ich fest die Augen zu, bis das Pochen verging. Unschlüssig blieb ich noch auf der Kante sitzen, bevor ich mich vorsichtig hinstellte. Ich drohte nach hinten zu kippen, so sehr drehte sich der Raum. Schnell hielt ich mich am Bettpfosten fest.
   Ich schlurfte in den Flur, wo ich automatisch nach der Taschenlampe griff, die immer noch auf dem Flurschrank stand. Mein Telefon und Handy lagen auch dort.
   Ich lauschte mit angehaltenem Atem, bevor ich die Wohnungstür leise aufschob und zur Haustür lugte. Ein Schatten war nicht zu erkennen. Mein plötzliches Herzklopfen dröhnte in den Ohren. Je näher ich der Tür kam, desto langsamer wurde ich. Nach einem tiefen Atemzug öffnete ich die Tür. Die Taschenlampe zum Schlag erhoben.
   »Huhu, Süße.« Marie lehnte lächelnd neben der Tür.
   Als sie die Taschenlampe sah, erstarb ihr Lächeln. »Ähm … willst du mich erschlagen?«
   »Ja, würde ich am liebsten. Wieso nimmst du nicht den Schlüssel? Und warum klingelst du nicht?«
   Sie machte ein betretenes Gesicht. »Hab den Schlüssel zu Hause vergessen. Entschuldige, Süße.«
   »Du hast mich geweckt.«
   Marie zog einen Schmollmund und legte einen Arm um mich. »Tut mir leid, Schätzchen. Ehrlich. Sei nicht sauer, okay?«
   »Nächsten Sonntagmorgen hab ich Zeit, da werde ich den Versuch machen, kräftig drüber abzulachen.« Ich grinste. »Was machst du überhaupt hier?«
   »Dir Gesellschaft leisten. Auf dich aufpassen.«
   »Hä? Was bringt dich auf die Idee, ich müsste um diese Uhrzeit Gesellschaft haben? Einen Aufpasser brauche ich auch nicht. Mir ging’s bestens, bis du mich geweckt hast.«
   Ihr Gesicht nahm schlagartig einen gequälten, traurigen Ausdruck an. »Habe mich vorhin mit Chris gezofft, deshalb habe ich auch den Schlüssel vergessen«, sagte sie leise. »Deine Klingel habe ich am Nachmittag abgestellt, weil dich niemand stören sollte. Tut mir leid, ich weiß nicht, wohin ich sonst gehen kann.« Sie war den Tränen nah.
   Sie hatten sich also gestritten? Wenn Marie die Flucht ergriff, war es ein wirklich ernstes Thema.
   »Na, komm rein.« Jetzt legte ich einen Arm um sie.
   Hemmungslos fing sie an zu schluchzen. Marie litt immer wie ein Hund, wenn sie mit Chris stritt. Ich machte Licht im Wohnzimmer und führte sie zum Sofa. »Setz dich, ich mache uns erst mal einen Latte macchiato. Okay?«
   Schniefend nickte sie und putzte sich lautstark die Nase. Den Wasserkocher füllte ich bis oben hin. Es fuchste mich, dass ich noch keine neue Kaffeemaschine hatte. Nach einigen Minuten sprudelte es und ich goss die beiden hohen Tassen voll. Marie saß hicksend wie ein Häufchen Elend auf dem Sofa. Ich stellte die Tasse vor ihr ab und setzte mich neben sie. »Warum habt ihr euch gezofft?«
   »Es fing mit einer blöden Kleinigkeit an, worauf es zu einer regelrechten Lawine wurde. Ein Wort gab das andere und zuletzt sagte er, er wüsste momentan nicht, wie er unsere Ehe noch sieht. Darauf bin ich gegangen und nun sitze ich hier.«
   Ich seufzte leise und strich ihr tröstend übers Haar. »Das tut ihm bestimmt schon leid. Das hat er nicht so gemeint …«
   »O doch.« Sie schniefte. »Das hat er so gemeint.«
   »Weiß er denn, wo du nun bist?«
   Sie zuckte die Achseln. »Mir doch egal. Soll er sich Gedanken machen. Ich habe ihm nichts gesagt.«
   Wir schwiegen eine Weile.
   »Männer sind allesamt Mistkerle«, sagte Marie. »Sie sind unsensibel, uncharmant, laut, rülpsen am Tisch und furzen im Bett, während du daneben liegst. Mittlerweile verstehe ich dich, weshalb du keinen Mann willst. Sie sind Schweine, wie das Lied von den Ärzten schon sagt.«
   Na ja, dass ich gar keinen Mann wollte, war nicht ganz korrekt. Ich wollte nur keinen, der mich erneut nach Strich und Faden verarschte und mir das Herz brach. Der Kitt, den ich um mein Herz gepflastert hatte, härtete immer noch aus. Das brauchte seine Zeit. Marie schien vergessen zu haben, dass sie einen wunderbaren Mann an ihrer Seite hatte. Chris mochte manchmal kompliziert sein, aber er liebte sie wirklich. Wenn ich doch auch solch ein Glück hätte.
   Ich sah sie an. »Das trifft aber nicht auf jeden Mann zu. Chris trägt dich auf Händen. Er liebt dich wirklich.«
   »In den vergangenen drei Monaten nicht«, entgegnete sie trotzig. »Er hat sich sehr verändert.«
   »Wie meinst du das?«
   »Er verhält sich manchmal seltsam. Ständig bekommt er irgendwelche Anrufe auf dem Handy. Wirkt gehetzt, motzt herum und schläft kaum. Wälzt sich nachts im Bett herum. Er meint vielleicht, ich bekomme das nicht mit, aber da irrt er sich. Wenn ich ihn darauf anspreche, schweigt er.«
   »Meinst du, er hat eine andere?«
   Sie zuckte die Achseln. »Weiß nicht.«
   »Das passt nicht zu Chris, er liebt nur dich.«
   Traurig sah sie mich an. »Gerade von denen, wo man es nicht erwartet, bekommt man den heftigsten Tritt.«
   Wie recht sie damit hatte.
   »Heute erzählte er ganz nebenbei, dass sein Tonassistent gekündigt hat. Der Beste, den Chris je hatte. Warum erzählt er mir das nicht sofort?«
   »Eventuell wollte er dich nicht beunruhigen. Es allein bewältigen.«
   »Ich bin seine Ehefrau und nicht nur zum Vögeln gut.«
   Ich schwieg. Was sollte ich darauf auch sagen?
   »Weißt du, was unser eigentliches Problem ist?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Wir sind kinderlos. Ich hab schon jede Hoffnung auf eine Schwangerschaft aufgegeben. Chris macht zwar immer auf ‚Mach dir keine Sorgen, Baby, das wird schon.‘ Aber ich weiß, dass es in seinem Inneren anders aussieht.«
   Seit Jahren wünschte sich Marie ein Baby. Es haute sie jedes Mal um, wenn sie ihre Periode bekam, die jede Hoffnung zunichtemachte. Für Marie war es schrecklich.
   Ich hatte nie den Kinderwunsch verspürt. Oder? Womöglich doch … unbewusst … bei Carsten, von dem ich gedacht hatte, er wäre der Mann fürs Leben.
   Marie seufzte. »Jetzt reden wir die ganze Zeit nur von mir.«
   »Das ist schon okay, Süße.«
   »Wie geht es dir überhaupt?«
   Vielleicht wäre der Zeitpunkt ideal, endlich von Jasper zu erzählen. Mich plagte ein wenig das schlechte Gewissen. Aber was gab es auch schon von ihm zu berichten? Dass er ein unsensibler Hornochse war? Bei Tageslicht würde ich erst mal die Türschlösser anschauen. Wehe, die waren kaputt. »Schon bisschen besser.«
   »Hast du noch Schmerzen?«
   »Im Moment nicht. Der Schlaf hat geholfen und dieses Hammerzeug von Schmerzmittel lässt mich fast schweben.«
   Sie grinste. »Unser Doc hat wohl gute Arbeit geleistet.«
   Ich verdrehte die Augen.
   Klar wusste ich, worauf sie hinauswollte. Ich weigerte mich strikt, über ihn zu reden oder auch nur an ihn zu denken.
   Sie zeigte auf den kleinen Zettel. »Ist da seine Handynummer drauf?«
   »Ja.«
   Sie wedelte damit vor meiner Nase herum. »Gelesen hast du ihn aber schon?«
   »Natürlich. Habe mich nur noch nicht getraut anzurufen.«
   »Herrje, seit wann bist du so prüde? Ist doch nur ein Telefonanruf.«
   Prüde war ich nicht. Ich zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht.«
   »Kann es sein, dass da doch etwas ist?«
   »Wie meinst du das?«
   »Jetzt tu nicht so. Du willst ihn doch näher kennenlernen. Vielleicht bist du auch ein wenig verknallt und willst es dir nicht eingestehen.«
   Hatte sie eventuell recht und ich schob das Eingeständnis schön beiseite? Die schlimmste Lüge war die, sich selbst zu belügen.
   Sie lächelte. »Ich denke, dass dein Herz ganz heimlich für ihn schlägt.«
   »Ja, ich bekomme Herzklopfen, wenn ich ihn sehe. Aber was heißt das schon?«
   »O Schätzchen, eine ganze Menge.« Marie griff nach ihrer Tasse. Obwohl das Getränk bestimmt schon kalt war, trank sie einen tiefen Schluck. »Hättest du was dagegen, wenn ich heute bei dir übernachte?«
   »Aber du schreibst Chris eine SMS, damit er Bescheid weiß. Verstanden?«
   Sie nickte und zog das Handy aus der Tasche.
   »Musst du morgen früh nicht arbeiten?«
   »Um elf Uhr erst. Lehrerkonferenz.« Mit Feuereifer tippte sie auf dem Handy herum.
   »Morgen rufe ich ihn an«, sagte ich mit einem Lächeln.
   »Gut so, Schätzchen. Du brauchst dringend mal wieder guten Sex.«

Marie schnarchte in einer Lautstärke, dass ich es sogar im Schlafzimmer hörte. Ich drückte die Hände auf die Ohren. Da halfen wahrscheinlich auch keine Ohrstöpsel. Dabei hatte ich doch nur vor, ein wenig zu schlafen. Mürrisch zog ich die Decke über den Kopf. Das erwies sich als keine gute Lösung. Mit der Zeit wurde mir zu warm. Also, Decke wieder runter.
   Frustriert setzte ich mich auf. »Marie, du schnarchst und das sehr laut!«
   Als Antwort erntete ich nur ein Grunzen aus dem Wohnzimmer. Neue Taktik. Nachttischlampe an und aus dem Bett. Im ersten Moment drehte sich der Raum. Der Schwindel legte sich und ich tappte mit unsicheren Schritten ins Wohnzimmer.
   Vorsichtig näherte ich mich dem Sofa und stupste sie sachte an. »Marie, dreh dich auf die Seite. Du schnarchst.«
   Mehrere kräftige Stupser und ein halbersticktes Grunzen später wachte sie auf und guckte mich verschlafen an.
   »Marie, du schnarchst.«
   »Hä? Ist gut.« Sie drehte sich um und schlief gleich wieder ein.
   Völlig verdutzt blieb ich noch einen Moment am Sofa stehen. Da hätte ich auch mit einer Blaskapelle durchs Zimmer marschieren können. Es störte sie nicht. Ich gähnte, holte ein Glas aus dem Küchenschrank und füllte Wasser ein. Mein Blick wanderte zum Fenster. O Wunder, die Straßenlaterne brannte wieder. Hätte mir vergangene Nacht wahrscheinlich auch nichts gebracht. Gerade trank ich einen großen Schluck, als zwei Autos langsam am Haus vorbeifuhren. Verdammt! Im hohen Bogen spuckte ich das Wasser gegen die Fensterscheibe. Schwarzer Audi? Schwarzer Van?
   Schnell nahm ich ein Geschirrtuch und wischte das Wasser von der Scheibe, doch die Ungetüme waren schon verschwunden. Das war nicht wirklich passiert. Ich fing schon an zu spinnen … Nachwirkungen des Schmerzmittels … Schlafmangel … ein derber Filmriss. Wahrscheinlich wurde ich »geblitzdingst« wie in Men in Black. Es war mitten in der Nacht. Weshalb fuhr der Doc überhaupt hier vorbei?
   Die Realität zog mich ins Hier und Jetzt zurück. Das Formular, das die Schwester ausgefüllt hatte, enthielt meine Daten. Und weshalb fuhr Jasper hinter Misha her? Das schwarze Monster war seins gewesen. Der Van war unverwechselbar. Über meine Haut fuhr aus unerklärlichen Gründen eine Gänsehaut. Ruhig Blut und erst mal durchatmen. Keine Panik. Alles paletti.
   Es klärte sich bestimmt alles von allein auf, da brauchte ich mir überhaupt keine Gedanken machen. Ich blickte erneut aus dem Küchenfenster und wartete. Möglicherweise war es aber auch Zufall gewesen. Es gab Tausende solcher Audis. Wieso sollte ausgerechnet er drin gesessen haben? Bei Jasper wunderte mich allerdings nichts. Dem traute ich sogar zu, dass er alten Omas die Handtaschen und Gebisse klaute, um sie auf irgendeinem Schwarzmarkt zu verhökern.
   Ich schlurfte ins Schlafzimmer zurück. Marie gab keinen Laut von sich. Meine Augen schweiften zu den am Boden liegenden Papieren. Da ich sowieso keinen Schlaf fand, bückte ich mich vorsichtig und klaubte die Zettel auf. Das schlechte Gewissen regte sich. Die Menschen taten mir leid. Ein wenig mehr Ernsthaftigkeit wäre von meiner Seite wohl angebracht. Ich schob die Beine unter die Decke und las aufmerksam Zeile für Zeile. Die meisten Medikamente kannte ich nicht. Je mehr ich dem Text folgte, umso elender wurde mir.
   Die Nebenwirkungen waren unbeschreiblich. Allesamt halfen sie weder dem Körper noch der Seele, sondern richteten nur Schaden an. Herztropfen, die zur Stabilisierung der Herzkammern bestimmt waren, ließen das Herz rasend schnell anwachsen und letztlich platzen. Dass so etwas möglich war, überstieg mein Wissen. Entsetzt schlug ich die Hand vor den Mund. Nieren, Leber und Lungenschädigungen, die einen qualvollen Tod mit sich brachten. Die vergangene Dienstnacht schob sich in meine Erinnerung: die geplatzte Lunge. Es war ein qualvoller Tod, man erstickte förmlich an seinem eigenen Blut und Gewebe.
   Andere Medikamente verursachten Wahnvorstellungen, Halluzinationen, starke Depressionen, bis hin zu Selbstmordgedanken. Die Bewohner der Eins durchlitten Höllenqualen. Ein schmerzhafter Kloß steckte in meiner Kehle. Warum machten meine Kollegen das mit? Wurden sie so unter Druck gesetzt, dass sie um ihr Leben bangten, wenn sie ausstiegen? Anders war es nicht zu erklären – sie hatten Angst.
   Aber der Ungerechtigkeit musste ein Riegel vorgeschoben werden. Ich hasste Düsen dafür, dass er unschuldige Menschen dem Sensenmann zum Fraß vorsetzte.
   Die Augen nach den Medikamenten offen zu halten, war nicht schwer zu bewältigen. Ein Klacks. Es würde nicht auffallen. Die Krankmeldung musste ich Henri sowieso bringen, da fiel ein kleiner Besuch auf meiner Station sicher nicht auf. Außerdem hatte ich Herrn Becker versprochen, Schokolade zu bringen. Wieso das Versprechen nicht schon vorher einlösen?
   Aber Jasper blieb ein Rätsel. Gut, er hatte einen Plan, der mich nicht betraf. Was mir sogar angenehm war. Ich hatte nämlich keine Lust, als Zielscheibe für die Mafia durchs Leben zu wandern. Allerdings war mir schleierhaft, was er davon hatte und warum er den Menschen unbedingt helfen wollte. Wer war er überhaupt? Ich legte die Blätter beiseite. Der Kopf pochte schmerzhaft. Ich schlurfte ins Bad und nahm zwei Schmerztabletten. Hoffentlich lag ich nicht wieder stundenlang wach.

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