Der junge Leandro Lovare wächst vor dem Zugriff der Obrigkeit verborgen unter dem Schutz seiner Urgroßmutter in einer Höhle im Bihorgebirge auf. Sie pflanzt die Traditionen und den Freiheitsgedanken tief in sein Zigeunerherz. Nach ihrem Tod begibt er sich auf die Suche nach seiner Familie, kämpft mit aufständischen Rebellen Seite an Seite in Siebenbürgen. Die Hinrichtung seines väterlichen Freundes und Rädelsführers Horea lässt ihn verstummen. Soldaten Maria Theresias ergreifen ihn und nennen ihn aufgrund seiner Schnelligkeit Tayfun. Seine Freiheit ist ihm wichtiger als ein behütetes Leben in einem Waisenhaus, er flieht und gerät in Wien in die Fänge des ehemaligen Soldaten Tom Held, der Straßenkinder zu Taschendieben ausbildet. Tayfun wird zu einem wichtigen Vertrauten des Königs der Diebe und verliebt sich unsterblich in das Zigeunermädchen Nura, eine Verbindung, die streng verboten ist. Eines Tages erschüttert ein Mord die Kaiserstadt.

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ISBN: 978-9963-52-733-5

Seiten: 484

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Evelyn Barenbrügge

Evelyn Barenbrügge
Evelyn Barenbrügge wurde 1958 in Münster geboren. Ihre Wurzeln reichen jedoch bis nach Pecs in Ungarn zurück. Heute lebt sie in der Domstadt Billerbeck und arbeitet als freie Journalistin und Fotografin in der Region. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Reiseberichte und Kurzgeschichten in Online-Magazinen und Anthologien. Sie ist Herausgeberin der im November 2013 im Waxmann-Verlag erschienenen Quo Vadis Kurzgeschichtenanthologie „Engel, Hexen, Wiedertäufer – Historische Geschichten aus dem Münsterland“. Ihr Debütroman „Leeres Versprechen“ erschien 2014 in zweiter Auflage im Engelsdorfer Verlag. Ihr zweiter historischer Roman „Tayfun“ wurde im Februar 2015 im bookshouse-Verlag veröffentlicht und im März 2015 von der Histo-Couch als beste Neuerscheinung mit dem Historikus ausgezeichnet. 2003 reiste sie zum ersten Mal nach Südafrika. In weiteren Reisen vertiefte sie ihre Eindrücke, entdeckte die Schönheit des Landes, knüpfte Kontakte zu den Menschen und erlebte, erfuhr und las viele Geschichten. „Lobola - Preis der Liebe“ entstand aus diesen Erlebnissen und erschien im Oktober 2015. Während einer weiteren Reise nach Südafrika entwickelte sich die Idee zu einem Südafrika-Thriller, der im März 2017 unter dem Titel „Schwesternkind“ erschienen ist.

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1

Der Wasserkrug zerschellte auf der staubigen Erde in tausend Stücke. Alessandro starrte auf die Szene.
   Leandra wich zurück.
   »Die hübsche Zigani brütet einen Untertan für die Kaiserin aus.« Ein Soldat trat aus dem Schatten der Wagen und stellte sich ihr in den Weg. Er lachte hämisch und klatschte seine fleischige Hand auf den Oberschenkel.
   Alessandro erinnerte das Geräusch an einen Peitschenknall. Erwischt. Die Gadsche hatten sie erwischt. Jetzt gab es kein Entrinnen mehr. Ein helleres Lachen erklang.
   »Das wird Ihre Majestät entzücken.« Ein zweiter Mann schob den Infanteristen rüpelhaft zur Seite und tätschelte mit einem schmierigen Grinsen Leandras gewölbten Leib.
   Alessandro zog sein Messer und sprang auf ihn zu. »Nimm auf der Stelle deine dreckigen Finger von meiner Frau«, zischte er und die Silbermünzen an seiner dunklen Weste klimperten.
   »Du meinst wohl von deiner Zigeunerhure«, erwiderte der Soldat. »An der mach ich mir bestimmt nicht die Hände dreckig.«
   »Sag nie wieder Hure zu meiner Frau, Gadsche!« Alessandro schoss voran und stieß mit der Klinge zu, doch der Soldat wich geschickt aus, und Alessandro strauchelte.
   Plötzlich spürte er eine kalte Metallspitze im Nacken, und warmes Blut rann ihm in den Kragen.
   »Steck das Messer ein«, raunte eine tiefe Männerstimme.
   Bedächtig schob Alessandro das Messer zurück in die Scheide.
   »Die Kaiserin hat verboten, dass ihr durch unser Land zieht. Pferde dürft ihr auch seit fünfzehn Jahren nicht mehr besitzen.« Ein Leutnant machte sich mit seiner Reitgerte den Weg frei und blitzte Alessandro aus blauen Augen eisig an, der gelbschwarze Federbusch auf seinem Hut ließ ihn größer erscheinen. Hinter ihm standen ein Dutzend Uniformierte, ausstaffiert mit schlichten grauen Hosen und weißen Jacken, auf dem Kopf trugen sie schwarze Helme mit goldenen Streifen. Ihre Hände schwebten über den Säbelgriffen. Zwei der Männer richteten ihre Flinten auf ihn. »Packt eure Sachen! Wir bringen euch ins Zigeunerlager.«
   Alessandro kochte vor Wut, doch gegen diese Übermacht gab es kein Entrinnen. Das Leben seiner Frau und das seines ungeborenen Kindes standen auf dem Spiel. Er durfte nicht riskieren, dass sie alle bei Wasser und Brot im Kerker landeten. Er gab den anderen einen Wink, führte Leandra, die am ganzen Körper zitterte, zum Wagen und half ihr hinauf. Sie verluden unter den wachsamen Blicken der Soldaten ihr Hab und Gut, schirrten die Pferde an und folgten den Uniformierten durch die stillen Gassen, vorbei an Häusern, die sich in den Schutz der Wardeiner Befestigungsmauer duckten. Der Morgen dämmerte herauf. Die Räder der vier Fuhrwerke und das Trappeln der Pferdehufe verursachten die einzigen Geräusche auf dem schlüpfrigen Pflaster. In der Ferne krähte ein Hahn. Die kühle Luft formte ihren Atem zu winzigen Wolken. Der Offizier ritt voraus, seine Männer flankierten sie, drei Infanteristen bildeten den Schluss. Sie fuhren über eine Holzbrücke, gelangten durch ein Tor in die innere Befestigung und passierten die Baustelle einer Kirche.
   Burschen in staubigen Kleidern zeigten mit Fingern auf sie, Handwerker drohten ihnen mit schweren Werkzeugen in den Fäusten, Steinmetze kletterten auf die Gerüste.
   Sie waren hier Fremde. Die spürbare Feindseligkeit erschütterte Alessandro.
   Sie verließen die Innenstadt durch einen Torbogen, überquerten die Kreisch und stießen auf einen Uferpfad.
   Alessandro sah nach einer Weile zurück. Im Dunst erhob sich die Festung, teilweise verdeckt von der Stadtmauer, aus der mehrere Wachtürme herausragten. Die aufgehende Sonne erwärmte die Luft, ein Rüttelfalke schwebte über ihren Köpfen. Bevor die Stadt im Morgendunst verschwinden konnte, erreichten sie ihr Ziel.
   Der Pfad mündete in eine von baufälligen Hütten, flachen Wagen und niedrigen, aus zerfledderten Decken bestehenden Zelten gesäumte Straße, die sich in der Mitte der Siedlung zum Dorfplatz erweiterte, ehe sie wieder schmaler wurde, die letzten Behausungen links liegen ließ und sich zwischen den Wiesen verlor.
   Wenige Menschen ließen sich blicken. Ein grauhaariger Mann mit wettergegerbtem Gesicht saß vor einer heruntergekommenen Holzhütte. Auf dem Dach lag eine dünne Strohschicht. Das einzig Funkelnde an ihm waren die Silbermünzen an seiner Weste und seine Augen, die Alessandro noch in seinem Rücken spürte, als sie das nächste Haus passierten. Vor dem mit einer Decke verhängten Eingang saß eine Frau und schälte Rüben. Ihre Haare steckten unter einem verschlissenen Kopftuch. Sie blickte kurz auf, und Alessandro sah in ein verhärmtes Antlitz, dessen Augen jeglichen Glanz verloren hatten. Ihre Resignation erschütterte ihn bis ins Mark. Bestimmt war sie einmal sehr hübsch gewesen. Er nickte ihr zu. Was hatten sie mit ihr gemacht? Wo ist ihr Stolz geblieben? Wie zum Beweis seiner finsteren Gedanken, schob sich eine Wolke vor die Morgensonne, und die Schatten ließen die Umgebung noch trister erscheinen. Drückend lag der Rauch vereinzelter Feuer in der Luft, Pfeifenqualm mischte sich darunter.
   Alessandro sah sich vergeblich nach Kindern, jungen Männern und Frauen um. Die Blicke der Alten spürte er in seinem Rücken, die Haut in seinem Nacken kribbelte.
   »Hier«, sagte der Offizier, als sie den Dorfplatz erreichten, und beschrieb mit seiner Reitgerte einen Kreis, »im Umkreis von einer halben Meile ist euer neues Zuhause. Außerhalb darf sich niemand niederlassen. Wer sich meinem Befehl widersetzt, geht in den Kerker.«
   Die Soldaten zogen sich an den Straßenrand zurück. Nun kamen einige Bewohner aus ihrer schäbigen Bleibe.
   »Ich bin Janno Goman.« Mit lebendigen kohlschwarzen Augen in seinem von Lebensfalten durchzogenen Gesicht und einem gewaltigen Schnurrbart, dessen Spitzen den Kragen seiner bestickten, wenn auch verschlissenen Weste berührten, reichte ein Zigeuner Alessandro seine schwielige Hand. »Der Sippenälteste.«
   »Mein Name ist Alessandro Lovare, ich bin der Woiwode meiner Sippe.« Er musterte den Mann. Trotz des ärmlichen Aussehens strahlte dieser eine ungebrochene Würde aus. Der traurige Zug um den Mund des Mannes entging Alessandro nicht. »Kannst du mir erklären, was das hier zu bedeuten hat?«
   Der Alte fixierte die Gadsche, dann ritzte er mit dem Stiefel zwei auf der Spitze stehende Vierecke in den Staub. »Komm später zu mir. Ich will dich meiner Familie vorstellen.«
   »Wo dürfen wir unsere Wagen abstellen?« Alessandro zwinkerte Janno zu. Er hatte verstanden.
   »Ferko, bring sie zum Fluss«, rief Janno und wandte sich erneut an Alessandro. »Seid vorsichtig. Mit den Soldaten ist nicht zu spaßen. Widersprecht ihnen nicht«, sagte er, begleitet von einem Schwall ranzigen Zwiebelgeruchs gemischt mit einem Hauch Hühnerleber.

Hinter dem letzten Unterschlupf öffnete sich vor ihnen ein farbenprächtiges Meer blühender Sommerblumen in einer weitläufigen Wiesenlandschaft, die auf der rechten Seite zum Ufer eines Wasserlaufes sanft abfiel.
   »Da, da.« Ferko deutete auf den Boden und lief davon.
   Alessandro blickte ihm nach. Der Junge schien zu tanzen. Er hat ein steifes Bein. Alessandro staunte über die Behändigkeit des Jungen, der jetzt von groben Händen herumgestoßen wurde. Er hörte Lachen aus rauen Männerkehlen.
   »Mach, dass du nach Hause kommst, Idiot«, rief der Leutnant.
   Alessandro ballte die Faust in der Hosentasche und half Mauro und Leitschi, die Fuhrwerke unter den wachsamen Augen der Soldaten zu einem Geviert aufzustellen. Alessandro führte die Pferde auf die Wiese, als ein untersetzter Mann keuchend auf ihn zu kam. Sein Säbel klapperte bei jedem Schritt an die Stiefel.
   »Die Gäule übernehme ich.« Schwer atmend griff der Soldat mit seiner Pranke nach den Zügeln.
   »Nimm deine Finger von meinem Zaumzeug«, zischte Alessandro. »Die Pferde gehören mir.«
   »Gib sie ihm«, befahl der Gadsche-Offizier. »Eure Reise ist hier zu Ende.« Er tippte Alessandro mit seiner Reitgerte gegen die Schulter. »Am Montag meldest du deine Sippe in Großwardein an. Wir brauchen Namen und Geburtsdaten.« Er trat Alessandro beinahe auf die Zehenspitzen, als er ihm in die Augen blickte. »Denk daran, die Geburt deines Kindes anzuzeigen, wir holen es in fünf Jahren.«
   »Ich verstehe nicht«, sagte Alessandro mühsam beherrscht und Furcht erfasste ihn. Sie nahmen ihnen die Pferde und entzogen ihnen die Freiheit, ein Los, das sie zu Leandras Sicherheit erst einmal auf sich nehmen mussten, aber was wollten sie mit seinem Kind? Das kam der Vernichtung seiner Familie und damit seiner Sippe gleich. Wie durch das Rauschen eines Wasserfalls hörte er die Worte des Offiziers.
   »Ein Befehl der Kaiserin. Ziganibälger müssen in anständigen Pflegefamilien aufwachsen. Sie sollen ordentliche Staatsbürger werden.«
   Die Sonne stand im Zenit, als Alessandro, gefolgt von seiner Großmutter, das Zelt betrat und den Eingang mit einer Decke versperrte.
   Leandra lag mit geschlossenen Augen auf einer dünnen Strohmatte.
   Wie schön sie war. Er seufzte. Er fürchtete sich vor dem, was er seiner Frau, seiner Baba und später den anderen sagen musste und wandte sich an die alte Gasko. »Setz dich, Großmutter.«
   Gasko Lovare, sie näherte sich dem siebten Lebensjahrzehnt, raffte ihre Röcke und setzte sich in Alessandros Lehnstuhl.
   Er kniete sich neben seine Frau und betrachtete sie. Im Licht der Öllampe schimmerte ihre Haut wie der kleine Elfenbeinkamm, der in ihrem Haar, das die Farbe von feuchten Kohlen hatte, steckte. Er küsste sie sanft auf die Stirn. »Wach auf mein Herz, wir müssen reden.«
   Leandra murmelte leise, gähnte und lächelte ihren Mann an. »Du warst lange fort.«
   Er dachte an das Gespräch mit Janno, der keinen Zweifel daran gelassen hatte, dass die Gadsche hart durchgreifen würden, wenn sie gegen die kaiserlichen Gesetze verstießen. Sie waren nicht zimperlich, ohne Gerichtsverfahren einen Zigeuner in den Kerker zu werfen, der dann auch schon einmal vergessen wurde. Sie hatten keine Rechte mehr und keine eigene Gerichtsbarkeit. Das Lager wurde von Menschen bewohnt, die entweder schon viele Jahre hier lebten, oder von jungen Ehepaaren mit Säuglingen, die den Verlust ihrer Kinder beweinten, die ihnen fortgenommen worden waren. Er musste deren Not vor Leandra verbergen, wenigstens so lange, bis die Geburt vorüber und seine Frau und sein Kind am Leben waren. »Leandra, es tut mir leid. Aber wir müssen uns auf diesem Stück Erde einrichten und uns an den Gedanken gewöhnen, dass wir nicht mehr von Stadt zu Stadt ziehen dürfen. Wir …«
   »Es ist meine Schuld.« Leandra griff nach seiner Hand. In ihren Augenwinkeln glitzerten Tränen.
   »Sei still. Das ist nicht wahr. Du hast bereits zwei Kinder bei der Geburt verloren, weil keine Hilfe in der Nähe war. Dieser Gefahr setze ich dich nicht noch einmal aus.« Alessandro strich seiner Frau beruhigend über den Arm.
   »Meine Mutter wird niemals zulassen, dass eine Hebamme meinen Körper berührt, Alessandro.«
   Ihn interessierte es nicht, was die alte Anira dachte, die sich mehr um die Bräuche als um das Wohl ihrer Tochter sorgte. Natürlich trat auch er für die alten Traditionen ein, doch er liebte Leandra viel zu sehr und würde nicht zulassen, dass ihr oder dem Kind etwas zustieß. Dafür ging er sogar das Risiko ein, von seiner Schwiegermutter verachtet zu werden. Sie hatte immer gesunde Kinder auf die Welt gebracht und wusste nicht, welchen Schmerz Leandra und er schon durch den Verlust zweier Söhne erlitten hatten. »Ich werde in Rufweite sein und Hilfe holen, wenn es nötig ist.« Er blickte seine Frau liebevoll an und sah die Zweifel in ihren Augen. »Versprochen.«
   Leandra seufzte, trocknete ihre Tränen und erhob sich schwerfällig von ihrem Lager. »Lass uns gehen, Anira und Charmen haben gekocht.«

Anira Tschurara, Leandras Mutter, saß in ihren von Flicken zusammengehaltenen Kleidern neben ihrem Sohn Mauro und dessen Frau Charmen am Feuer, das sie mit Lehmziegeln eingefasst hatten, die der alte Leitschi, Aniras Ehemann, schon als junger Mann gebrannt hatte. Sie stieß eine Rauchwolke in die Luft und wedelte mit der Pfeife. »Es wird Zeit, dass ihr kommt«, krächzte sie und hustete ein paar Mal. »Was hat das zu bedeuten, Alessandro? In welche Lage hast du uns gebracht, dass du uns den Gadsche auslieferst?«
   »Du weißt genau, dass es nur eine Frage der Zeit war, dass sie uns erwischen.« Alessandro blickte seine Schwiegermutter unbeeindruckt an. Sie versuchte immer wieder, ihn einzuschüchtern. »Es steht nicht zum Besten um die Gesundheit deiner Tochter, die dir mehr am Herzen liegen sollte. Deshalb haben wir gemeinsam beschlossen, dass wir in der Nähe einer größeren Stadt unser Lager aufschlagen.« Alessandro forschte in den Gesichtern der anderen. Charmen rührte im Kessel, der an einem wackligen, dreibeinigen Gestell über den brennenden Holzscheiten hing. Die Haare verbarg sie unter einem rot gemusterten Tuch. Jetzt sah sie auf, nickte zustimmend und lächelte ihn an. Ihr Mann beugte sich über seine Arbeit und verwob einen dünnen Draht geschickt zu einem Sieb. Seine Miene blieb starr und Alessandro wusste, dass sich Mauro niemals öffentlich gegen seine Mutter auflehnen würde. Leitschi sah Alessandro fragend an, runzelte die Stirn und schüttelte sichtlich missbilligend den Kopf. Ohne ein Wort zog er sein Messer über den Schleifblock, der zwischen seinen Beinen klemmte. Alessandro wählte seine Worte, die er an seine Schwiegermutter richtete, sorgfältig. »Solange ich denken kann, ziehe ich mit meiner Sippe durch das Land. Wir haben alle Gesetze in den Wind geschlagen, waren immerzu auf der Flucht, haben in ständiger Angst vor Entdeckung gelebt. Ich liebe Leandra, und wir wünschen uns nichts sehnlicher als ein Kind.«
   »Bist du taub?« Anira sah ihn mit entsetztem Blick an. »Der Offizier hat gedroht, dir dein Kind in fünf Jahren wegzunehmen.«
   »Ich wusste von dem neuen Gesetz genauso wenig wie du«, entgegnete Alessandro wütend. »Janno weiß erst seit gestern davon.«
   »Was willst du jetzt tun? Die Soldaten werden uns im Auge behalten. Sie werden das Neugeborene sehen wollen.«
   »Dann muss es sterben!«
   Entsetzt blickte Alessandro auf. Leandra stieß einen Schrei aus und griff nach seiner Hand. Schützend legte er einen Arm um sie und blickte seine Schwiegermutter düster an. Er würde ihr am liebsten den Hals zudrücken, sodass sie an ihren Worten erstickte.
   »Natürlich nur für die Obrigkeit«, lenkte Anira ein.
   »Wie stellst du dir das vor?« Alessandro versuchte, seine Wut zu unterdrücken. »Wenn wir behaupten, das Kind sei gestorben, wollen sie seinen Leichnam.«
   »Wir zeigen ihnen ein paar Tierknochen, das merken die aufgeblasenen Gadsche eh nicht.« Anira sog an ihrer Pfeife.
   »Unterschätz die Gadsche nicht. Der Plan ist schlecht«, sagte Charmen.
   »Dann denk gefälligst nach«, schimpfte Anira. »Niemals gebe ich mein erstgeborenes Enkelkind zu diesen aufgeblasenen, selbstherrlichen Gadsche.« Sie spuckte die Worte aus wie überflüssigen Tabaksaft und wies den Pfeifenstiel gegen ihren Schwiegersohn. »Niemals.«
   »Wir erklären, die Mule hätten es geholt«, flüsterte der alte Leitschi.
   »Mutter, dein Enkel ist noch nicht einmal geboren. Wir werden eine Lösung finden. Vorerst müssen wir jedoch hierbleiben. Ohne Pferde bewegen wir die Wagen nicht eine Radlänge«, sagte Leandra mit zitternder Stimme.
   »Mit anderen Worten, wir sind dazu verdammt hierzubleiben? An diesem Fluss? Vor den Toren dieser Stadt?« Charmen rollte mit den Augen. »Wie sollen wir in Großwardein arbeiten? Wie ernähren wir die Familie, wenn wir nicht betteln und stehlen können?«
   »Statt finden zu gehen, könnten wir aus den Karten lesen«, sagte die alte Gasko.
   »Sieh dich doch um.« Mauro sah von einem zum anderen. »Wir sind hier in einem Zigeunerlager. Was glaubst du passiert, wenn in der Stadt etwas gestohlen wird?«
   »Er hat recht«, bestätigte Alessandro. »Wir müssten es nicht einmal gewesen sein, doch hätten wir auch nur den Hauch einer Aussicht auf Gerechtigkeit?«
   »Du meinst, wir sollen es mit ehrlicher Arbeit versuchen?« Charmen sah ihn ungläubig an.
   »Habt ihr die gewaltige Festung gesehen? Also, ich möchte da nicht drin sitzen«, stellte Anira fest.
   »Hört auf zu streiten. Es gibt immer einen Weg.« Leit-schi spuckte ins Feuer. »Mauro kann seine Siebe verkaufen, Alessandro und ich musizieren, Charmen tanzt dazu, Gasko und Anira kümmern sich um Brot, Gemüse, Fleisch und das Kartenlegen. Lasst uns die Stadt, die Gebäude und die Menschen beobachten, oft ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten.«
   »Jannos Sippe hat an vielen Haustüren und Zäunen Markierungen angebracht. Die Gadsche kennen unsere Geheimschrift nicht, wir müssen nur vorsichtig sein. Janno meinte, in manchen Häusern können wir arbeiten.« Alessandro strich über seine brennenden Augen. »Dieser Ort ist im Moment so gut wie jeder andere. Jetzt lasst uns essen.«
   Wortlos füllte Charmen ihre Schüsseln und verteilte das Brot. Leises Schmatzen und Schlürfen, fernes Gelächter, einzelne Rufe, herübergeweht von einem lauen Wind, durchbrachen die Stille in ihrem abgeschiedenen Geviert unter dem Abendhimmel.
   »Ich bin müde«, sagte Leandra und stellte ihre Schüssel auf den Boden.
   Alessandro half ihr auf. Sie wünschte den anderen eine gute Nacht, Alessandro legte den Arm um ihre Schulter und begleitete sie.
   »Mein Junge, wir müssen reden«, rief Baba Gasko ihm hinterher. »Komm gleich zu mir!«
   In ihrem Zelt strich Alessandro seiner Frau eine Strähne aus dem Gesicht und küsste sie zärtlich.
   »Ruh dich aus, mein Liebling. Es dauert nicht lang.« Er drehte sich um, verschloss den Eingang und ging zu Babas Zelt.
   Bisher war er der Woiwode der Familie gewesen, hatte große und kleine Streitereien geschlichtet und Recht gesprochen. Aber insgeheim hatte die alte Gasko die Fäden gezogen, sie hatte ihn nach dem Tod seiner Eltern aufgezogen, mit ihr konnte er über die Sorgen und Nöte der Sippe sprechen, sie wusste immer einen Rat. Künftig würde er die traditionelle Rechtsprechung anderen überlassen müssen. Doch das wollte er nicht. Er wollte die Tradition trotzdem weiterführen, niemand sollte sich in die Belange seiner Sippe einmischen.
   Die Holzscheite glühten unter der Asche, Sterne blitzten am Himmel und die Dunkelheit hüllte das Lager ein, als Alessandro geräuschlos sein Zelt betrat. Leandra atmete gleichmäßig. Er küsste sie zärtlich auf ihre Stupsnase.
   »Was?«
   Doch er verschloss ihre Lippen mit einem Finger. »Schlaf weiter, mein Herz, wir reden später.« Er legte sich auf sein Strohlager, wälzte die Ereignisse des Tages in seinen Gedanken, drehte seinen Körper unruhig von einer Seite auf die andere, und als die Nacht den Kampf gegen den aufsteigenden Morgen zu verlieren begann, hatte er eine Lösung gefunden und schlief endlich ein.

*

Nervös wartete die alte Gasko auf das Eintreffen ihres Enkels. Vor zehn Tagen hatte er seine Sippe in Großwardein anmelden wollen und war noch nicht zurückgekehrt. Bis zum Einbruch der Dunkelheit hatte Gasko es in der kühlen Septemberluft ausgehalten, jetzt setzte sie sich in ihren Ohrensessel, dessen bunte Tücher auf dem verschlissenen Polster die Jahre ebenso verdeckten wie das blaue Kopftuch ihre grauen Haare. Sie rieb die kalten Finger, zündete eine Talgkerze an, die Augenblicke später rußigen Qualm an die Zeltdecke sandte und den Raum in warmes Licht tauchte. Sie legte die Tarotkarten auf den grün gestrichenen Tisch mit seinen abgestoßenen Ecken und Rändern. Die zweiunddreißig Blätter waren das Erbe, das Mütter seit Generationen, verbunden mit uraltem Wissen, an ihre Töchter weitergaben.
   Die Alte streifte die Schuhe von den Füßen, bewegte vorsichtig die ausgekühlten Zehen und seufzte. Sie musste sich Gewissheit verschaffen, schloss die Augen und griff nach den Karten. Sie hatten ihr vor fast neun Monaten verraten, dass Leandra einem Jungen und einem Mädchen das Leben schenken wird. Vor ein paar Stunden hatte Leandras Wehklagen begonnen. Voller Vorahnungen hatte Gasko auf den prallen Leib der jungen Frau gesehen.
   »Großmutter, darf ich hereinkommen?«
   »Alessandro!« Erleichtert winkte sie ihren Enkel heran und ließ die Karten in ihrer Rocktasche verschwinden. »Komm, setz dich und erzähl, wo du warst.«
   »Ich habe nicht viel Zeit. Ich bin gerade noch rechtzeitig zurückgekommen, um die Geburt nicht zu versäumen. Nimm diesen Plan und halte dich bereit.« Er drückte ihr eine mit zahlreichen Linien und Symbolen bedeckte Lederhaut in die Hand. Gasko studierte die Zeichen und sah ihren Enkel zweifelnd an. »Vertrau mir. Niemand wird euch finden, allein darauf kommt es an«, sagte Alessandro, schlüpfte durch den Zelteingang und verschwand in die Dunkelheit.
   Baba Gasko steckte das Leder in ihre Rocktasche, schmiegte sich in ihren Schal und versank in eine tiefe Ruhe. Sie holte die Tarotkarten hervor, suchte die beiden Symbolkarten für den Mann und die Frau heraus und legte sie in gebührendem Abstand zueinander mit der Bildseite nach oben auf den Tisch. Die Darstellungen unterschieden sich farblich und enthielten die seit Jahrhunderten unveränderten Zigeunersymbole, einen schwarzen Hut und ein rotes V. Die anderen Karten waren im Laufe der Jahre ausgeschmückt mit weiteren, nur für die Kartenlegerin erkennbaren Andeutungen und Zeichen, kunstvoll gestaltet worden. Bedächtig mischte sie den Stapel und legte jeweils vier Karten kreuzförmig verdeckt um die Symbole. Ein klagender Schrei drang in die Stille. Gasko lächelte und deckte das linke Blatt neben der Frau auf, spürte gute und schlechte Schwingungen, seufzte, sog an ihrer Pfeife und betrachtete durch den Rauch das vierblättrige Kleeblatt in kräftigem Grün, das sowohl für Glück als auch für Unglück stand, wobei es die Aussicht auf einen glücklichen Ausgang bewahrte. Gasko wandte sich der nächsten Spielkarte, den Lilien, zu. Der Zeichner dieses Bildes hatte einen tiefen Sinn für die Natur bewiesen. Fast schien es, als neige sich die Blüte dem Betrachter entgegen, als habe der Maler damit die Freuden des Lebens versinnbildlichen wollen. Bei der dritten Karte, dem Turm, verharrte Gasko, bis sie sich eingestand, dass sie die Bestimmung zulassen musste, bedeutete dieses Blatt ebenso Krankheit oder Tod wie langes Leben. Je intensiver sie den Turm betrachtete, desto gewisser stellte sich ein warmes, herzliches Gefühl ein, und sie sah zur unteren Tarotkarte. Eine Nackte goss aus zwei Krügen Wasser auf den Boden, auf dem sie kniete. Am oberen Rand strahlte ein großer Stern, den sieben kleinere umgaben. Dieses unbekleidete Wesen verkörperte Demut und Schlichtheit.
   Zufrieden lehnte sich Gasko zurück, schloss für einen Moment die Augen und freute sich über die günstigen Zeichen für das Mädchen. Noch ehe sie sich der Bedeutung der anderen Bilder zuwenden konnte, hörte sie erneut einen Schrei.
   Leiser.
   Eher ein Stöhnen.
   Gasko drehte die Karte links neben dem männlichen Symbol um, das Schiff, Sinnbild für Handel oder Reisen. Die Wolkenkarte wies auf Schwierigkeiten hin, sie forderte stetige Wachsamkeit und Vorsicht. Der Fuchs zur rechten Seite warnte vor falschen Freunden. Gasko strich müde über ihre Wangen und wendete das letzte Blatt. Erschrocken fuhr sie zurück. Eine eisige Faust klammerte sich um ihr Herz und ließ sie frösteln. Sie zog den Schal enger um die Schultern und starrte auf die Karte. Das weiße Pferd mit dem Skelett auf dem Rücken bäumte sich auf und schien aus dem Bild springen zu wollen. Männer und Frauen hockten auf dem Boden, von Körperteilen umgeben. Beim Anblick des Todes spürte sie das Pochen ihres Herzens wie einen Trommelwirbel unter den Rippen. Entsetzt hielt sie eine Hand vor den Mund und hoffte, dass dieses Zeichen nur für ihren Urenkel einen schmerzvollen Abschied voraussagte.
   Was sie in dieser Nacht in den Zigeunerkarten gelesen hatte, durften die Eltern der Zwillinge niemals erfahren. Es war streng verboten, ihresgleichen die Zukunft vorauszusagen. Gasko sammelte die Karten ein, schob sie bis auf das letzte Blatt in ihre weite Rocktasche, stand auf und ging zu einem Schränkchen in der Ecke ihres Zeltes. Dort holte sie ein geschnitztes Holzkästchen hervor, gerade so groß, dass die Tarotkarte hineinpasste, legte sie zu einer Münze, einem goldenen Ring und einer Zeichnung von Leandra und Alessandro, schloss die Schatulle und steckte sie in das Bündel neben dem Eingang. Sie schlüpfte in ihre Schuhe, trat ins Freie, zog ihre Pfeife heraus, drückte den Tabak fest, zündete ihn mit einem Kienspan an, atmete den Rauch ein und behielt ihn in ihren Lungen, bis sie nach Luft schnappen musste.
   Sie mochte nicht an die Tragödie denken, die sich in fünf Jahren hier abspielen würde, wenn die Soldaten Leandra und Alessandro die Tochter aus den Armen reißen und das Mädchen in eine Pflegefamilie stecken würden. Sie schwor, ihren Urenkel zu schützen und ihn nach den alten Traditionen aufzuziehen. Sein durch die Tarotkarten vorbestimmtes Schicksal verbannte sie aus ihren Gedanken.

*

»Es wird höchste Zeit«, empfing Charmen Alessandro. »Wo hast du gesteckt? Die Wehen kommen in immer kürzeren Abständen. Geh zu Anira, wir brauchen Decken und heißes Wasser.« Seine Frau stöhnte. Unter ihren geschlossenen Lidern zuckten die Augen unkontrolliert wie das Fell eines neugeborenen Fohlens, wenn es den warmen Körper der Mutter verlassen hatte und von der Kühle des Lebens empfangen wurde. »Beeil dich«, fuhr ihn Charmen an, und er stolperte nach draußen, wo er Mauro stehen sah.
   »Wo ist Anira? Sie muss sofort kommen.«
   »Ich sag’s ihr.« Sein Schwager ging zum Fluss hinunter.
   Voller Sorge dachte Alessandro an den bevorstehenden Augenblick, in dem sein Sohn geboren werden würde. Sein Erstgeborener hatte sich und seine Mutter viele Stunden gequält und sich mit der Nabelschnur erdrosselt. Leandra war schwermütig geworden, und die Geburt von Sergio hatte sie fast umgebracht. Der Junge war nach drei Tagen gestorben. Alessandro war nach Großwardein gekommen, weil er nichts mehr dem Zufall überlassen wollte. Er sollte sich auf den Weg machen und Hilfe holen.
   »Wo ist meine Tochter? Liegt sie etwa im Zelt?« Er erschrak bei Aniras Worten. »Du weißt, dass sie nach draußen muss.«
   »Aber sie kann doch nicht auf dem nackten Boden unser Kind zur Welt bringen. Das ist barbarisch.«
   »Das entspricht der Tradition. Warum sollten wir bei Leandra eine Ausnahme machen?«
   »Sie musste schon zwei Söhne begraben, willst du, dass sie auch dieses Kind verliert? Oder willst du, dass deine Tochter stirbt?«
   »Sei still und geh aus dem Weg. Das ist Frauensache.«
   »Ich …«
   »Verschwinde! Lass uns unsere Arbeit tun!« Anira schob ihn zur Seite.

*

Die Zigeunerin betrat das Zelt, und die stickige Luft raubte ihr den Atem. Bleich lag ihre Tochter auf der Strohmatte, keuchte und presste die Hände auf ihren Leib. »Los steh auf! Du weißt, dass du dein Kind nicht hier bekommen darfst.«
   »Ich kann nicht«, stöhnte Leandra.
   »Du kannst. Wir haben noch nie mit den Traditionen gebrochen, und wenn du nicht sofort aufstehst und mit nach draußen gehst, rufe ich Mauro und Alessandro, damit sie dich ins Freie tragen.«
   Leandra rollte auf die Seite, drückte ihren Oberkörper hoch, stemmte die Füße auf den Boden, griff nach den Händen ihrer Mutter und Anira zog sie von ihrer Lagerstatt. Die Hände in den Rücken gestützt verließ Leandra, geführt von Charmen, das Zelt und folgte mit schleppenden Schritten ihrer Mutter zu einer kleinen Baumgruppe außerhalb des Dorfes. Dort sank sie auf die verschlissene Wolldecke, die Charmen im feuchten Gras ausgebreitet hatte. Anira hockte sich neben sie und entzündete den Tabak im Pfeifenkopf. Weißer Rauch kräuselte zu den Baumwipfeln empor. Sie bemerkte Charmens besorgten Blick, als eine neue Wehe Leandras Körper erfasste. Die schrie und krallte ihre Finger in die Decke. Schweiß überzog ihr Gesicht.
   »Stell dich nicht so an! Als es reingekommen ist, hast du auch nicht geschrien.« Anira spuckte auf die Erde und sog an ihrer Pfeife.
   »Es ist anders, Mutter, anders als beim letzten Mal.«
   »Was willst du damit sagen?«
   »Ich glaube, ich trage zwei Kinder unter meinem Herzen.« Sie schnappte nach Luft. »Ich schaffe es nicht.« Eine weitere Wehe ließ Leandra ihren Schmerz in die Nacht hinausschreien. »Ich fürchte mich«, flüsterte sie, als ihr Körper ihr eine kleine Pause gönnte. »Die Mule lauern im Dunkeln.«
   »Sei unbesorgt, Tochter. Wir bleiben bei dir, helfen dir und beschützen dich.« Anira wollte Leandra beruhigen. »Charmen, geh zu den Männern, sie sollen Kerzen anzünden.«
   Die junge Frau sprang auf.
   Anira legte ihre Pfeife zur Seite, betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht ihrer Tochter, strich mit der Hand behutsam über den gewölbten Leib, versuchte die Lage der Ungeborenen zu ertasten. Ein Schwall klarer Flüssigkeit schoss aus Leandras Unterleib, als die Fruchtblase platzte. Jetzt musste Anira handeln. Sie massierte den Bauch, als eine neue Wehe einsetzte. Sie schob die Röcke beiseite. Ihre Finger ertasteten den Weg des Kindes, durch den es in die Welt gepresst wurde. Es konnte nicht mehr lange dauern.
   Leandra stöhnte. Charmen kam zurück, wischte ihrer Schwägerin den Schweiß von der Stirn, klemmte ein Stück Leder zwischen ihre Zähne, kniete sich hinter sie und stützte ihren Oberkörper. Anira führte die Hand in Leandras Leib, spürte einen Kopf und war bereit, als eine Presswehe den Körper der jungen Frau erfasste.
   »Pressen! Weiter, weiter! Komm! Gleich hast du es geschafft!«
   Nach einem markerschütternden Schrei Leandras hielt Anira ein blutverschmiertes winziges Wesen in die Höhe. Sie reichte es Charmen, die sofort die Nabelschnur durchtrennte und das Neugeborene forttrug.
   Leandra lag mit geschlossenen Augen auf der Decke, ein Schwall Blut ergoss sich aus ihrem Unterleib und schon packte die nächste Wehe ihren geschwächten Leib. Anira drückte ihre Hände auf Leandras Bauch. Charmen kam atemlos herangelaufen und nahm den zweiten Winzling in Empfang. Sie nabelte ihn ab, wusch das kleine Mädchen und legte es Leandra in die Arme.

»Großmutter, bist du bereit?«
   »Werden die anderen schweigen?«
   »Sei unbesorgt. Sie sind keine Pukerer.«
   »Aber sie könnten nach mir fragen, schließlich haben sie mich gesehen.« Gasko fingerte an ihrem Bündel und zog den Knoten zurecht.
   »Janno werde ich sagen, dass du deinen Bruder in Pest besuchen gehst. Und sollten sie von dem Geschrei geweckt worden sein, zeigen wir ihnen meine Tochter.«
   Hoffentlich ließen sie sich täuschen. Gasko zweifelte, denn auch Jannos Frau konnte in den Karten lesen. Sie band ihren Schal zum Schutz vor der Nachtkälte um den Kopf.
   Alessandro streichelte den kleinen Körper. »Dein Urenkel«, flüsterte er. »Pass gut auf ihn auf. Er soll ein freier, stolzer Mann werden. Er muss unsere Traditionen fortführen und nach meinem Tod die Familie anführen. Ich werde jeden Sommer für eine Weile zu euch kommen.« Er reichte seiner Großmutter ein Bündel. »Seit ich weiß, dass ich einen Sohn bekomme, habe ich nach ein paar anständigen Stiefeln Ausschau gehalten, habe aber bisher keine gefunden, die gut genug sind. Nimm statt dessen dieses Schafsfell. Das schützt ihn im Winter vor der Kälte in der Höhle.«
   Gasko freute sich nicht über das zusätzliche Gewicht, wollte ihrem Enkel diese Bitte jedoch nicht abschlagen. »Was ist mit Leandra?«
   »Sie blutet stark. Charmen und Anira haben alle Hände voll zu tun. Ich bete darum, dass sie meine Frau retten. Ich erzähle ihnen später, dass die Mule den Jungen geholt haben.«
   »Wie gelange ich an den Ort, den du für uns ausgesucht hast?«
   »Gib mir die Karte.«
   Gasko zog das Leder aus ihrer Tasche und breitete es auf dem Tisch aus.
   »Die Zeichen muss ich dir nicht erklären, nur deren Anordnung. Die Kreise und der Verlauf der Linien zeigen dir, wo du abbiegen oder welche Richtung du an einer Kreuzung einschlagen musst. Geh südlich durch den Wald bis zu dem schmalen Pfad. Du erkennst ihn im Unterholz. Wende dich nach Osten, nach einigen Meilen erreichst du eine Baumgruppe aus drei Buchen, an der mittleren findest du das erste Symbol, ein Kreuz. Die Gadsche haben dort ein Heiligenbild angebracht. Es entspricht diesem Bild auf dem Plan.« Alessandro zeigte auf die Stelle und schob seinen Finger weiter über das Leder. »Geh an den Feldern entlang, du entdeckst genau diese Hinweise, am jeweils fünften Zeichen nimmst du den entgegengesetzten Weg. Behältst du das?«
   »Ich mag alt sein, aber ich bin nicht dumm. Verrate mir eines, mein kluger Enkel. Was mache ich, wenn dein Sohn Hunger hat, und wie soll er überhaupt heißen?«
   »Meine Baba ist die schlauste Großmutter, die ich kenne, und alt ist mein Mütterchen auch nicht.« Alessandro schmunzelte. »Nenn meinen Sohn Leandro. Leandro Lovare.« Er steckte ihr die Karte zu. »Im Wald findest du eine Ziege. Du kannst sie nicht verfehlen. Sie gibt Milch für meinen Jungen. Mein Freund Milan kommt euch entgegen. Spätestens um die Mittagszeit werdet ihr aufeinandertreffen. Er begleitet dich, nimmt dir deine Last ab und führt dich auf verborgenen Pfaden ans Ziel. Er hat genügend Brennholz für den Winter herangeschafft und versorgt euch jeden Monat mit Essen, so gut er kann. In der Höhle gibt es eine Quelle, aus der drei Mal in der Stunde frisches Wasser fließt. Ihr müsst also keinen Durst leiden. In zwei Tagen werdet ihr das Gebirge erreichen. Versteckt euch tagsüber.« Alessandro sah seiner Großmutter in die Augen. »Ich verlange sehr viel von dir, Baba, und ich fühle mich erst gut, wenn du in Sicherheit bist. In einer Woche kommt Milan nach Großwardein. Ich hoffe, er bringt gute Nachrichten. Pass auf dich und meinen Sohn auf. Nun geh.«
   »Was sagst du den Soldaten?«
   »Sie finden ein Kind und werden zufrieden sein. Es reicht, dass meine Tochter in die Fänge der österreichischen Regierung geraten wird. Daran zerbrechen unsere Herzen.«
   Gasko legte ihm eine Hand an die Wange. »Leb wohl, mein Junge, und achte gut auf deine Familie.«

2

Tom Held lehnte an der kühlen feuchten Bruchsteinmauer der Burg Losenstein und fühlte sich alles andere als heldenhaft. Er fror, die Feuchtigkeit der vergangenen Nacht kroch durch den Stoff seiner Hose. Der Zwölfjährige blickte auf das in der Morgensonne leuchtend weiße Hammerherrenhaus hinab, sah zur Schenke und an den Wohnhäusern entlang zum Marktplatz, ließ seinen Blick kurz am Kirchturm verweilen, erspähte das Hammerwerk, glaubte, das Rauschen der Enns und das Stampfen der Eisenhämmer zu hören, die schwelende Kohle zu riechen und sah deren hellen Rauch aus den Essen in den strahlend blauen Himmel quellen. Er blickte einem Fuhrwerk hinterher, das im Schritttempo am Fluss entlang fuhr, vorbei an der letzten, schäbigen Hütte, in der vermutlich seine Mutter am Herd stand und umgeben von seinen zankenden Brüdern und seiner greinenden Schwester eine dünne Suppe kochte. Er erhaschte einen letzten Blick auf den Karren, bevor dieser im Wald verschwand, wo starke Männer ihn erneut mit Holz beladen würden.
   Tom erinnerte sich an die Schläge, die sein betrunkener Vater im Morgengrauen verteilt hatte, als er mit den Überresten des Reisigbesens in der kleinen Behausung wahllos auf alles und jeden eingeschlagen hatte. Es interessiert ihn nicht, was er traf. Es interessierte ihn nicht, wen er traf.
   Seit zwei Jahren lebte Tom mit seinen Eltern und Geschwistern am Rande des Dorfes und der Gesellschaft. Ausgelacht. Bettelarm. Verachtet.
   Tom rieb seinen Hinterkopf und fühlte eine Beule. Er spürte den Schmerz im Oberschenkel und wusste, dass sich dort ein neuer Bluterguss bildete, ältere Flecken auf seinen Armen wechselten die Farbe von Lila nach Gelb. Sein Magen rumorte, und er presste seine Hände gegen den Leib. Für ihn stand fest, dass er die Hütte nicht betreten würde, bevor die Dunkelheit einbrach. Er wollte allem aus dem Weg gehen, der zänkischen Mutter, den streitenden Brüdern, der plärrenden Schwester und dem jähzornigen Vater. Verzweifelt suchte Tom nach einem Ausweg. Er wollte raus aus dem Haus, aus dem Elend, aus der Hoffnungslosigkeit, die sein Leben überschattete. Samstags zahlte Dietrich von und zu Losenstein die Männer der Frühschicht aus. Heute würde er vor dem Hammerwerk auf sie warten. Eine bessere Gelegenheit gab es nicht, um nach Arbeit zu fragen. Die Mittagsschicht würde kurz danach beginnen, und Toms sehnlichster Wunsch war es, dabei zu sein. Er sprang auf, schleuderte einen Kiesel über die Burgmauer und rannte los. Er wählte den direkten Weg, schlug achtlos Zweige zur Seite, rupfte an Blättern, die er übermütig in die Luft warf, machte einen großen Satz über einen Bach, achtete nicht auf die Büsche, die seine Beine streiften, überquerte eine Weide und rannte den Feldweg bis zum Dorf hinunter. Seine Holzschuhe klapperten auf dem Pflaster, als er über den Marktplatz lief. Außer Atem erreichte er die Hammermühle. Er sah sich im Hof nach einem Versteck um und lauerte im Zwielicht des Gebäudes auf eine günstige Gelegenheit. Die Sonne leckte den letzten Schatten fort, als die Männer der Mittagsschicht an die Öfen eilten. Er lief auf den Besitzer des Hammerwerks zu. Tom blieb in einiger Entfernung vor dem Hammerherrn stehen, dessen hünenhafte Erscheinung ihm gehörigen Respekt einflößte, und scharrte mit dem Fuß im Staub.
   »Was willst du?«, herrschte der stattliche, in teures Tuch gekleidete Mann ihn an und strich über seinen Bart, als würde er eine lästige Fliege verscheuchen. »Verschwinde von meinem Grund!«
   »Ich … will arbeiten.«
   »Du Wicht? Ich brauche starke, kräftige Kerle, keine Schwächlinge. Mach, dass du nach Hause kommst!« Dietrich von und zu Losenstein lachte, streifte seine feinen Lederhandschuhe über, schwang sich in den Sattel und ritt davon.
   Die Demütigungen seines Vaters hatten Toms Wut bereits hochkochen lassen, die Schmähung des Hammerherrn ließ das Fass überlaufen. Zornentbrannt rannte er aus dem Hof und stieß gegen eine Magd, die mit einem gefüllten Obstkorb des Weges kam. Er schnappte einen Apfel, der aus ihrem Korb gesprungen war und über den Weg rollte, lief durch die Gassen, verließ Losenstein und suchte, die letzten Reste des Apfels kauend, am Fuß der Burg einen einsamen Platz. Dort hämmerte er mit den Fäusten auf den Boden, schmeckte das Salz seiner Tränen auf den Lippen und schrie seine Wut hinaus. Keiner hörte seine Verzweiflung, niemanden kümmerte sein Schmerz. Nach einer Weile drehte er sich auf die Seite, zog seine Knie eng an den Körper und träumte von einer besseren Zukunft. Tom erwachte am späten Nachmittag mit steifen Gliedern. Hunger und Kälte trieben ihn auf die Beine und den Berg hinunter in die armselige Hütte am Ende des Dorfes. Zaghaft trat er ein. Düsternis und Leere empfingen ihn. Er hielt seine Hände über die glühenden Holzscheite. Die Wärme erreichte weder seine Seele, noch seine tiefe Traurigkeit, nahm ihm weder seine Angst vor der Zukunft noch milderte sie die Furcht vor der Aussichtslosigkeit seines Lebens.
   »Halt keine Maulaffen feil!«
   Tom schreckte auf, wich dem leeren, gefühllosen Blick seiner Mutter aus, schob sich an ihrem ausgezehrten Körper vorbei und lief zur Tür.
   »Hol deinen Vater aus der Schenke. Zu nichts bist du zu gebrauchen. Treibst dich den ganzen Tag rum, anstatt zu arbeiten«, rief sie ihm hinterher.
   Tom wollte nicht weinen. Er zog die Nase hoch und schluckte den Schmerz hinunter. Seine Gedanken verzerrten sich zu düsteren und wirren Bildern, während seine Füße durch die Dunkelheit stolperten. Er lief die Straße entlang, vorbei am Hammerwerk, dessen Schlote gespenstisch überquollen und weißen Wasserdampf in den nachtschwarzen Himmel schickten, vorbei an den zahlreichen Steinhäusern, die in den letzten Jahren Dank des Wohlstands entstanden waren. Seine Familie hatte keinen Anteil daran. Nicht, nachdem der Vater aufgrund seines Unfalls in der Werkstatt seine Arbeit verloren hatte und nun seinen kläglichen Verdienst aus Gelegenheitsarbeiten ins Wirtshaus trug. Blasser Kerzenschimmer zeichnete nicht weit entfernt die Fenster der Schenke in die Nacht. Gelächter drang zu ihm in die Finsternis, ein Lichtkegel fiel auf den Weg, als die Tür geöffnet wurde. Bei der Gaststube traf er auf den Sohn des Wirtes, der einen Eimer Spülwasser in den Graben schüttete. Eine Katze sprang fauchend über den Weg.
   »Ach, sieh mal an, der lange Tom«, rief Johannes. »Willst du deinen besoffenen Vater abholen? Er liegt da drinnen quer überm Tisch. Da hast du ein schweres Stück Arbeit, den nach Hause zu schaffen.« Er öffnete die Tür. Wortfetzen erfüllten die Luft. Johannes verschwand in der rauchigen Dunkelheit, die Tür klappte zu.
   Tom blieb unentschlossen vor dem Eingang stehen. Lautlosigkeit hüllte ihn ein. Ihm graute vor seinem stinkenden, lallenden Vater und davor, ihn durch das Dorf zu schleppen. Er würde randalieren, Kinder und die Männer der Frühschicht aufwecken. Schlimmstenfalls erwischte die Witwe Brenner sie, die, davon war er überzeugt, auf sie wartete, und ihnen dreckiges Wasser über den Kopf schüttete. Tom öffnete die Tür und verharrte. Stimmengewirr, aus dem ein wohlklingender Bass hervorstach, ließ ihn aufhorchen.
   »He, Junge, komm her. Einen Burschen wie dich brauchen wir.«
   »Ich muss arbeiten.« Tom erkannte Jonas, der im Wirtshaus bediente.
   »Unser Oberst braucht einen Hausburschen. Das müsste dir gefallen. Ist tausendmal besser, als in dieser stinkenden Hölle zu schuften. Wärst viel an der frischen Luft und würdest das Land kennenlernen. Das Soldatenleben ist abwechslungsreich und der Sold gut. Du ständest im Dienst des Kaisers.«
   Tom betrat die Schenke.
   »Kein Interesse«, erwiderte Jonas, wischte mit einem Lappen über den Tisch, um den ein paar Soldaten saßen, nahm die leeren Bierkrüge und wandte sich zur Theke.
   »Dann eben nicht«, rief der Uniformierte mit der wohlklingenden Stimme hinter ihm her. »Wir finden einen anderen Burschen, der schlauer ist als du. Kannst es dir ja noch überlegen. Im Morgengrauen ziehen wir nach Wien.«
   Wien! Freiheit! Die Lösung! Toms Gedanken vollführten einen wilden Tanz. Zuversicht wärmte sein Herz. Eine bessere Gelegenheit würde er nie wieder bekommen. Morgen. Er trat lächelnd in den Dunstkreis der schwatzenden, lachenden, grölenden und schnarchenden Männer. In einer Ecke entdeckte er seinen Vater, dessen Oberkörper wie ein Fels quer über dem Tisch in einer Bierlache lag. Er schnarchte wie ein Sägewerk. Alle Leichtigkeit fiel bei diesem Anblick von Tom ab. Er hatte Mühe, ihn aufzuwecken.
   »Lass mich!«
   »Komm nach Hause.«
   »Lass mich in Ruhe.«
   Er rüttelte und zerrte mit aller Kraft am Arm seines Vaters. Doch der schien mit dem Holztisch verwachsen zu sein.
   Der Wirt kam ihm zu Hilfe. Gemeinsam brachten sie die stinkende Gestalt nach draußen. Wie ein Kohlensack lag der Arm seines Vaters auf Toms Schultern. Unter großen Anstrengungen lenkte er die schwankenden Schritte des Betrunkenen. Sie wankten nebeneinander über die Dorfstraße und Tom wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Gut, dass sie in dieser stockfinsteren Nacht niemand sah. Noch ein paar Meter bis zum Eckhaus der Witwe Brenner. Er erkannte das alte ausgediente Butterfass neben der Tür, in dem die letzten Sommerblumen verwelkten. »Mach dich nicht so schwer und hör verdammt noch mal auf zu schreien«, zischte Tom.
   »Isch mach doch ganix. Komm, lass uns ein Glas erheben …« Sein Vater grölte das Lied durch die Gasse.
   Eiskalt traf sie das Wasser von oben. Der Schock fuhr Tom in die Glieder. Er prustete.
   »Verdammte Schweinerei, was soll das?«, rief sein Vater. »Wer überfällt mitten in der Nacht friedliche Bürger, die nach Hause wollen?«
   »Mach nicht so ein Geschrei«, keifte die Brunnersche aus dem geöffneten Fenster. »Sieh zu, dass du in deine Hütte kommst, und schlaf deinen Rausch aus. Bist `ne Schande für deine Familie.«
   »Was verstehst du schon, du alte Hexe!« Sein Vater zwang Tom zum Stehenbleiben.
   »Vater, komm.« Mit aller Kraft schob Tom den Betrunkenen auf den Nachhauseweg.
   »Bist du jetzt auch noch gegen mich? Warte, wenn wir zu Hause sind, kriegst du Prügel.«
   Tom blieb stehen.
   Der Schrei eines Turmfalken erklang vom Kirchturm.
   Tom ballte die Fäuste.
   Der Falke verteidigte sein Revier mit hektischen Ruflauten.
   Er nahm seinen ganzen Mut zusammen. Vom Glockenturm hörte er lautes Flügelschlagen. Jetzt oder nie. »Du schlägst mich nicht.«
   »Was hast du gesagt?«
   »Du verprügelst mich nie wieder.«
   »Das werden wir ja sehen.« Sein Vater lachte.
   »Genau.«
   Der Turmfalke hatte sich erfolgreich gegen den Eindringling zur Wehr gesetzt, und den Kirchturm umhüllte nächtliche Stille.
   Toms Entschluss stand so fest, wie die Burg Losenstein auf ihrem Kalkfelsen.

*

»Au, Sie tun mir weh! Lassen Sie mich los!« Ein Zweig knackte unter seinen Holzschuhen.
   »Warum versteckst du dich?« Die drohende Stimme gehörte einem Mann, dessen Uniform sich über dem muskulösen Brustkorb spannte, während die goldfarbenen Knöpfe mit dem Wappen des österreichischen Kaiserhauses mühsam den Stoff zusammenhielten. Der Soldat zog sein linkes Ohr in die Länge und war dafür verantwortlich, dass seine Zehenspitzen gerade noch den Waldboden berührten. »Bist du ein Spion? Wer schickt dich?«
   Eine Amsel keckerte.
   »Ich rede erst, wenn Sie mich loslassen, verdammt noch mal.« Tom versuchte, seine Angst und seinen Ärger zu überspielen. Er hatte sich am Abend an das Lager der Soldaten herangeschlichen und lag seit einigen Stunden auf der Lauer. Hätte sein Magenknurren ihn verraten, als der herrliche Duft gebratenen Fleisches zu ihm herübergeweht war, es hätte ihn nicht gewundert. Der Mann ließ sein Ohr los und packte ihn am Kragen. Tom rieb sein brennendes Ohr, schluckte und drängte die aufsteigenden Tränen zurück. Schließlich wollte er zu den Soldaten. Würde er jetzt heulen wie eine Memme, würden sie ihn gleich zum Teufel jagen. »Bringen Sie mich zum Oberst!«
   Der Soldat lachte schallend und drückte Toms Nacken, dass dieser glaubte, der Mann wolle ihm das Genick brechen. »Du Knirps willst mir Befehle erteilen?« Der Uniformierte schüttelte Tom wie einen räudigen Hund. »Sag mir auf der Stelle deinen Namen.« Tom schwieg eingeschüchtert. Die Amsel schwieg ebenfalls.
   »Deinen Namen.«
   »Tom.« Er straffte seinen Rücken. »Tom Held.«
   »Na, Helden habe ich mir immer anders vorgestellt. Ich bring dich erst mal ins Lager.«
   Ein Specht klopfte gegen einen Baumstamm, die Amsel antwortete keckernd.

Nach einem kurzen Marsch, Tom fühlte seinen Herzschlag bis zum Hals, verließen sie den Wald und betraten eine Lichtung. Ein Hase hoppelte vor ihnen davon. Seine Angst, auch von diesen kampferprobten Männern als Schwächling ausgelacht zu werden, setzte ihm mehr zu als die Scham, entdeckt worden zu sein. Die Schwärze wich dem frühen Morgenlicht, und Tom erkannte in einigen Feuerstellen letzte Glutnester der vergangenen Nacht. Vor ihm schien eine ganze Stadt aus Zeltplanen zu liegen. Der Soldat lenkte ihn durch den Druck seiner Finger, die sich schmerzhaft in seine Schulter bohrten, zwischen den Zelten hindurch. Tom vernahm vereinzeltes Schnarchen, Husten und Geräusche, die auf eine gute Verdauung schließen ließen. Sie überquerten einen Platz, in dessen Mitte Flammen an Holzscheiten züngelten. Weißer Qualm stieg dünn in den Morgenhimmel. Zwei Soldaten blickten angriffslustig auf und griffen nach ihren Waffen. Tom erschrak, bemerkte gleich darauf erleichtert, dass sie ihre Hände entspannt auf die Schenkel legten.
   »Wen hast du denn geschnappt, Péter?«
   »Einen Helden«, antwortete der Mann und lockerte den Griff in Toms Nacken. »Der Bursche will zum Oberst.«
   »Aha. Dann solltest du ihn schleunigst dorthin bringen, Kamerad!«
   »Mach ich, Ádám.« Er grüßte und schob Tom vorwärts. »Das ist Ádám Szabó, der ist harmlos. Ich bin Péter Kértész, und der andere Soldat am Feuer heißt Krisóf Bartók. Bei ihm musst du vorsichtig sein, er schweigt die meiste Zeit, damit er das Gras wachsen hören kann und …«
   »Rede nicht so viel, Péter«, sagte eine Stimme hinter ihnen. »Vielleicht ist er ein Spion.«
   »Na, was hab ich dir gesagt?« Péter wandte sich um. »Wenn der ein Feind ist, putz ich drei Wochen die Latrinen!« Er lachte, schlug am Rande des Feldlagers eine Plane zur Seite, schob Tom vorwärts und zwängte sich hinter ihm ins Innere.
   Dämmriges Licht umfing sie, und Tom konnte, als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, Einzelheiten erkennen. Ein Tisch, mehrere Holzbänke, Kessel und Eisentöpfe in Ausmaßen, wie er sie noch nie gesehen hatte, ein riesiges Regal mit Geschirr und ein mannshoher Stapel Eimer bestimmten den kreisrunden Innenraum des Zeltes, dessen Spitze über seinem Kopf im Nirgendwo verschwand. »Hans, aufwachen«, rief Péter, und Tom erkannte, dass auf einer der hinteren Bänke jemand schlief, der im nächsten Moment unflätige Grunzlaute von sich gab und fast heruntergefallen wäre, als er sich umdrehte.
   »Verdammt. Musst du mich so erschrecken?« Verschlafen rieb sich der Mann die Augen. »Was willst du mitten in der Nacht? Kannst du nicht wie alle anderen aufs Frühstück warten? Brauchst wohl wieder eine Extrawurst? Nun mach endlich Licht, ich seh ja nichts. Na klar, der Péter, wer sonst. Und wen schleppst du mir da an? Etwa so einen dahergelaufenen Burschen, der sich bei uns vollstopfen will? Wie oft muss ich noch sagen, dass unsere Vorräte knapp sind und ich schon für die Kameraden nicht genug habe. Am besten gibst du mir einen Teil deines Sol…«
   »Hol Luft, Hans.« Péter blies den Kienspan aus, den er aus dem Kochfeuer geholt und mit dem er das Talglicht angezündet hatte.
   Tatsächlich schnappte der drahtige Mann, der Tom höchstens um zwei Köpfe überragte, nach Luft wie ein Fisch an Land, und Tom verkniff sich mühsam das Lachen. Die mickrige Flamme nährte sich unterdessen am Talg, warf, nachdem sich Hans, der offenbar der Koch war, eine Mütze auf den Kopf gesetzt hatte, bizarre Schatten auf die Zeltwand. Tom wäre vermutlich Hals über Kopf aus dem Lager gestürzt, hätte er nicht gewusst, dass kein Dämon im Zelt spazieren ging. »Glotz den Jungen nicht so an, gib ihm lieber was zu essen, bevor er vor Hunger umfällt. Du wirst doch noch ein Stück Brot haben.«
   Hans trollte sich, und Tom hörte ihn hinter seinen Kesseln und Töpfen rumoren. Die Müdigkeit übermannte Tom, er setzte sich auf die angewärmte Bank, stützte die Ellbogen auf den Tisch und ließ seinen Kopf auf die Hände sinken.
   »Wann hast du denn das letzte Mal etwas gegessen?« Hans sah zu Tom herüber.
   »Ist schon eine Weile her.« Wie zur Bestätigung knurrte sein Magen vernehmlich. »Gestern ein paar Beeren.«
   »Das ist nicht genug für einen zukünftigen Mann der kaiserlichen Armee.« Mit einem Augenzwinkern schob Hans ihm einen Teller mit duftender Suppe zu und legte eine Scheibe Brot daneben. »Schling das Essen nicht so runter.« Er stellte einen Becher heißen Kaffee vor Tom, der bereits hastig löffelte. »Mir täte es in der Seele weh, würdest du meine gute Hühnersuppe auskotzen.« Der Koch lächelte ihm zu.
   Tom legte gerade den Löffel aus der Hand, als die Plane am Eingang zur Seite gezogen wurde und kühle Luft ins Zelt strömte. Péter trat in Begleitung eines Mannes an den Tisch, dessen dunkle Augen Autorität ausstrahlten. Toms Herz klopfte in seinem Hals. Der Mut, der ihn vor fünf Tagen aus Losenstein hinter den Soldaten hergetrieben hatte, löste sich in einer Nebelwolke auf. Er fühlte sich müde. Die Angst, der Offizier würde ihn genauso verjagen wie der Hammerherr, überwältigte ihn, und er versuchte mit bangem Herzen, dem prüfenden Blick standzuhalten. Die straffen Schultern des Mannes zeugten von großer Disziplin.
   »Das ist Tom Held, Herr Adjutant«, sagte Péter. »Tom, das ist Rudolf Thannenberger, Adjutant des Obersts.«
   Tom schätzte den Offizier auf ungefähr dreißig Jahre.
   »Woher kommst du und was willst du?«
   Geschirr klapperte im Hintergrund.
   »Ich komme aus Losenstein und möchte Hausbursche beim Oberst werden. Der Soldat in der Schenke hat es dem Jonas Brettschneider angeboten, aber der wollte nicht von zu Hause fort. Aber ich, ich will ein besseres Leben als meine Brüder und die anderen Jungen. Der Hammerherr von Losenstein wollte mich nicht arbeiten lassen, mein Vater verprügelt mich, wenn er betrunken ist und meiner Mutter bin ich eine Last. Da kann ich genauso gut zu den Soldaten gehen, habe ich mir gedacht. Als Hausbursche bekomme ich wenigstens was zu essen, Kleidung und einen kaiserlichen Sold, hat der Soldat gesagt.«
   »Hältst du immer so lange Reden?«
   Jemand kicherte.
   »Nein.«
   »Oberst von Rappenberg mag es nicht, wenn in seiner Gegenwart sinnloses Zeug geredet wird, verstanden?«
   Tom nickte.
   »Jawohl, Herr Adjutant, heißt das!«
   »Jawohl, Herr Adjutant«, sagte Tom kleinlaut.
   »Außerdem hast du aufzustehen, wenn ich mit dir rede. Verstanden?«
   Tom schoss in die Höhe. »Jawohl, Herr Adjutant.«
   »Schon besser.« Rudolf Thannenberger schnipste eine Fluse von seinem Ärmel. »Kannst du wenigstens mit Pferden umgehen?«
   Tom schüttelte den Kopf.
   »Kannst du Knöpfe annähen, Hosen ausbürsten, Stiefel wienern und Leder einfetten?«
   Tom schüttelte erneut den Kopf.
   »Weißt du überhaupt, was ein Hausbursche macht?«
   »Nein, Herr Adjutant.« Er wollte nicht schon wieder den Kopf schütteln.
   »Du kannst also nichts«, stellte der Offizier fest, und Tom wäre am liebsten davongelaufen. »Mühlberg, kann er auf Ihrem Küchenwagen mitfahren? Ich schätze, der junge Mann braucht Schlaf.
   »Das geht, Herr Adjutant.« Hans schlug die Hacken zusammen.
   Rudolf Thannenberger nickte und wandte sich wieder an Tom. »Wenn wir heute Abend unser Lager aufschlagen, kommst du in mein Zelt. Bis dahin habe ich entschieden, was wir mit dir machen.«
   »Jawohl, Herr Adjutant.«
   Der Offizier verließ das Zelt, und Tom sank mit zitternden Knien zurück auf die Bank. Doch der Koch scheuchte ihn auf.
   »Mach dich nützlich und hol Wasser vom Bach. Die Eimer stehen dort in der Ecke.«
   Tom nickte, stellte später die gefüllten Wassereimer an den Kochkessel und kauerte sich neben das Regal. Nach und nach füllte sich das Küchenzelt, und das Stimmengewirr wiegte ihn in den Schlaf.

Als Tom erwachte, lag er auf einem Leiterwagen, zugedeckt mit einer Plane. Milde Luft streifte seine Wangen, gedämpftes Licht umgab ihn, hin und wieder sickerte ein Sonnenstrahl bis zum Boden, und er sah Mücken darin tanzen. Am Wegesrand ragten Baumriesen in die Höhe, ihre Kronen vereinten sich zu einem undurchdringlichen Blätterdach, das Gewirr der Stämme floss in eine grünbraune Dämmerung. Tom wusste nicht, wo sie waren. Er war noch nie in so einem riesigen Wald gewesen. Würde der Adjutant ihn jetzt wegschicken, wäre er verloren und fände niemals den Weg nach Hause. Tom schob die schwere Decke zur Seite und setzte sich auf. Nach vorn nahmen ihm die aufgetürmten Bänke, Töpfe und Kessel die Aussicht. Er sah zurück. Eine unüberschaubare Reihe Soldaten marschierte im Gleichschritt in Zweierreihen. Das gleichmäßige Stapfen ihrer Stiefel auf dem weichen Waldboden verursachte das monotone Geräusch, das ihn geweckt hatte. Die Männer sahen in ihren Uniformen auf den ersten Blick alle gleich aus. Nur ihre Bärte, Schnäuzer, stoppeligen oder rasierten Wangen unterschieden sie.
   »Musst du nicht nach Hause? Deine Leute vermissen dich bestimmt schon.« Lässig hatte ein Soldat seinen linken Daumen unter den Gewehrgurt geschoben, seine blitzenden Augen und der lächelnde Mund schmeichelten seinen scharf geschnittenen Gesichtszügen.
   »Was geht es dich an«, murmelte Tom und stand auf. Er wandte sich an einen anderen Soldaten, dessen Gesicht ein auffälliger Schnurrbart zierte. »Können Sie mir sagen, wo Hans ist?«
   »Ach, bist du der neue Küchenjunge?«
   »Nein.«
   »Hans hält die Zügel, einer muss schließlich das Pferd lenken.« Beim Sprechen wippten die Enden seines Schnauzbartes im Takt. »Bist du geschickt? Dann klettere außen an der Leiter entlang, ansonsten musst du runterspringen und nach vorn laufen.«
   »Pass auf, dass du dir nicht den Hals brichst«, sagte der andere Mann und lachte.
   Tom beachtete ihn nicht weiter, kletterte über den Holzrahmen und sprang hinunter. Auf dem Waldboden federte er seinen Sprung ab und lief voraus, blieb auf einer Höhe mit dem vorderen Rad. Er suchte vergeblich nach einer Möglichkeit hinaufzuklettern.
   »Herr Mühlberg«, japste er, »wie komme ich zu Ihnen?«
   »Warte einen Moment.« Der Koch schlang die Zügel um eine Strebe, rutschte auf dem Bock zur Seite und reichte ihm eine Hand. »Jetzt!« Tom packte zu und staunte, wie viel Kraft in dem drahtigen Mann steckte. Er fühlte sich federleicht und landete sanft neben dem Koch. »Hast du ausgeschlafen?« Tom nickte. »Es dauert nicht mehr lange, bis wir unser Nachtlager aufschlagen.«
   »Wo sind wir überhaupt? Ich habe noch nie so einen Wald gesehen.«
   »Wir fahren schon seit einigen Stunden durch dieses Waldgebiet. Gewöhn dich dran, der Anblick wird sich so schnell nicht ändern. Der Weg führt uns in die Hauptstadt. In fünf bis sechs Tagen erreichen wir die Kaserne, und ich kann endlich in einem richtigen Bett schlafen.«
   »Wien«, hauchte Tom ehrfürchtig, und dann ergriff eine Freude von ihm Besitz, wie er sie bisher niemals erlebt hatte. Sein Herz hüpfte aufgeregt in seiner Brust, seine Handflächen waren verschwitzt und er wischte sie an seiner Hose trocken. Er stampfte aus Übermut mit den Füßen auf das Holz, und das Glucksen in seinem Inneren brach in schallendem Gelächter aus seinem Mund. »Wien! Ich komme!«
   »Bist du von allen guten Geistern verlassen?« Erschrocken straffte Hans die Zügel, die Pferde vor dem Wagen tänzelten unruhig und ein Reiter blickte sich drohend um. Der Adjutant.
   Tom presste die Hand auf die Lippen und schwieg einen Moment. »Nein, aber es ist seit langer Zeit mein Traum, nach Wien zu gehen.«
   »Ich dachte, du willst zu den Soldaten.«
   »Ja, das auch, ich kann ja nicht allein in dieser riesigen Stadt überleben. Sie ist doch groß, oder? Aber, dass ich tatsächlich nach Wien komme …«
   »Freu dich nicht zu früh, du wirst in den kommenden Wochen nicht mehr als die Kasernenmauern von innen zu sehen bekommen. Wir wissen nicht einmal, was uns erwartet, schließlich waren wir Monate unterwegs. Vielleicht gibt es schon wieder einen neuen Krieg, zu dem wir ausrücken müssen. Vielleicht müssen wir eine der vielen Grenzen des Reiches sichern, oder dem Kaiser fällt sonst was ein. Merk dir das: Als Soldat zählt nur Befehl und Gehorsam. Du wirst keine eigenen Entscheidungen treffen und niemals nach deinem freien Willen handeln. Wenn dir das nicht gefällt, verschwindest du am besten gleich.«
   Tom starrte den Koch an. Er dachte fieberhaft über dessen Worte nach, musste seinen Entschluss sorgfältig abwägen. Was zum Donnerwetter wollte er als zwölfjähriger Junge in dieser riesigen Stadt? Wovon sollte er leben? Niemand gab ihm Arbeit und Lohn, das hatte von und zu Losenstein ihm mehr als deutlich gemacht. Hatte er eine Wahl? Hungern? Jeden Abend einen Platz zum Schlafen suchen? Betteln? Stehlen? Nein, aus ihm sollte ein anständiger Kerl werden. Er seufzte. »Ich bleibe.« Tom hob den Kopf und reckte sich. »Der Oberst sucht einen Burschen. Hier bin ich.«
   Hans lachte. »Oberst von Rappenberg wird es nicht wagen, dich wegzuschicken, kleiner Soldat. Falls doch, kannst du jederzeit zu mir kommen. Ich könnte einen tüchtigen Küchenjungen gebrauchen.«
   »Ich werde Soldat.«

3

Lasko seufzte, band den kleinen Leandro in einem Tuch auf ihren Rücken und klemmte ihr Bündel unter den Arm. Sie löschte das Licht und vergewisserte sich, dass die Luft rein war, als sie den Vorhang zur Seite schob. Mondlicht ließ die Zelte silbern glänzen, färbte die Schatten grau, sprühte geheimnisvolle Helligkeit in verborgene Winkel und wies der Alten den Weg. Sie stapfte durch das nachtfeuchte Gras und verschwand zwischen den Bäumen. Es war kurz nach Mitternacht. Schwer drückte das Gewicht auf ihren krummen Rücken, warm spürte sie den Körper des Neugeborenen auf ihrer Haut. Eine Fledermaus flatterte durch die Dunkelheit.
   Abgehärtet von den langen Jahren der Wanderschaft, schritt sie zügig voran. Ihre Gedanken schweiften zurück in ihre Jugend. Damals war sie mit ihren Eltern frei über die Kontinente gezogen. Die Unabhängigkeit, das wichtigste Gut, hatte sich ihre Sippe stets bewahrt. Die Traditionen waren ihr vertraut wie das Kartenlegen, das sie von ihrer Mutter gelernt hatte. Sie erinnerte sich an die letzte Pest, vor der sie geflohen, die vielen Kleinkriege, denen sie aus dem Weg gegangen waren und dem bescheidenen, von Musik, Lachen und Freiheit geprägten Leben, das sie mit ihrer Familie geführt und das sie von der Südspitze Italiens bis nach Ungarn gebracht hatte. Sie lächelte, dachte an ihren Bitschi, der vor zehn Jahren aufgehört hatte zu atmen und in das Reich der Mule gegangen war, an ihre vier Kinder, von denen keines mehr lebte, und an Alessandro, der sie über den Verlust hinweggetröstet und ihr seinen einzigen Sohn anvertraut hatte.
   Eine Füchsin bellte. Ihr Ruf hallte zwischen den Bäumen.
   Der Fuchs antwortete in der Nähe.
   Es raschelte im Unterholz.
   »Ich werde dich beschützen, kleiner Leandro«, flüsterte sie und ging zielstrebig voran. Nach einer Weile suchten sie neue Erinnerungen heim. Erinnerungen an die Mühsal der vergangenen fünfzehn Jahre, nachdem die Königin von Ungarn, Maria Theresia, 1758 ihre erste Verordnung gegen die Zigeuner erlassen hatte, die ihnen verbot, von Stadt zu Stadt zu ziehen, wodurch ihre Wanderung zu einer steten Flucht, ihr Leben zu einem ewigen Verstecken geworden und ihr Handeln von Angst vor Verrat geprägt war. Im dritten Winter war ihnen in Karlsburg das Gerücht zu Ohren gekommen, dass die Gadsche sie nicht mehr Zigeuner nennen durften, sondern Neubauern oder noch schlimmer. »Sie sollten Neuungarn zu uns sagen, stell dir das vor, kleiner Leandro.« Gasko lachte. »Dein Urgroßvater Bitschi hat geflucht, wie es nur ein Zigeuner kann, und fast hätte er seine beste Geige vor Ärger zerschlagen, als er hörte, dass unsere jungen Zigani Soldaten des Kaisers, des deutschen Kaisers, werden sollen.« Sie seufzte. »Was habe ich ihn in dem Moment geliebt, kleiner Leandro, seine feurigen Augen, seine wilden Locken und die Silbertaler, die an seiner Weste tanzten, als er durch das Lager sprang, wie ein freigelassener Mule beim Totentanz. Den anderen ist das Lachen blitzschnell vergangen, das kannst du mir glauben. Wir haben uns schleunigst bei Nacht und Nebel davongemacht.« Gasko blieb stehen und lauschte. In der Dunkelheit vor ihr raschelte es, leises Schnauben und ein mahlendes Geräusch klangen in ihren Ohren. Sie pirschte voran und entdeckte auf einer vom Mondlicht in gespenstische Helligkeit getauchten Lichtung einen schwarzen Schatten. Gasko blieb einen Moment im Schutz der Bäume, dann bewegte sie sich zögernd auf eine unförmige Gestalt zu. Ein Seil führte zu einem Stamm. Erleichtert atmete sie aus. Im Gras zu ihren Füßen lag eine Ziege mit dunklem Fell und einem leuchtend weißen Fleck auf der Stirn. Sie ließ ihr Bündel auf die Erde gleiten, legte den Jungen in ihr Schultertuch gewickelt daneben und befühlte das prall gefüllte Euter. »Na, da haben wir ja eine richtige Milchquelle. Gleich kann mein kleiner Leandro seinen Hunger stillen.« Sie wühlte in ihren Sachen nach einer Schale. »Ich nenn dich Kolta, das ist ein hübscher Ort, den wir vor Jahren besucht haben. Dort haben wir erfahren, dass wir Zigani den örtlichen Gerichten unterstellt sind. Stell dir vor, Alessandro, das ist mein Enkel, durfte kein Woiwode mehr sein, durfte keinen Streit mehr schlichten.« Sie ruckte kräftig am Strick, und das Tier stand behäbig auf. »Ich verrate dir was, Kolta.« Sie massierte das Euter und klopfte mit der flachen Hand den Euterboden zwischen den Zitzen. Die Ziege sollte meinen, ein Junges würde stoßen. Gasko drückte mit Daumen und Zeigefinger die Wurzel einer Zitze, schloss die übrigen Finger zur Faust und spritzte den ersten Milchstrahl auf den Boden. »Er hat sich nicht drum geschert. Er hat, natürlich mit meiner Hilfe, so manche Zankerei in unserer Sippe geschlichtet. Huh, wir können krakeelen, aber meistens sind wir harmlos. Zumindest, wenn wir unter uns sind, glaub mir.«
   »Mäh.« Die Ziege unterbrach für einen Moment ihr Kauen.
   »Du gibst wenigstens keine Widerworte.«
   »Mäh.« Die nahrhafte Milch sammelte sich rasch in der Schale. Sie trank einen großen Schluck, molk das Euter aus und bedankte sich bei der Ziege. Zufrieden legte sich das Tier hin. Gasko ging, sorgsam darauf bedacht, nicht einen Tropfen zu verschütten, zu dem Kind. Sie stellte das Gefäß ab, hockte sich auf den Boden und nahm ihren Urenkel auf den Arm. Sie tunkte ihren kleinen Finger in die Flüssigkeit und strich den Tropfen, der daran hängen blieb, zwischen dessen Lippen. Leandro öffnete seinen Mund, schmatzte, saugte die nächsten Milchtropfen gierig von ihrem Finger, bis er gluckste und erschöpft einschlief. Ein Waldkauz schrie.
   Sie schnürte das Bündel und befestigte es auf dem Ziegenrücken. Dann löste sie den Strick und band Leandro mit dem Tuch auf ihren Rücken. Gestärkt und befreit von der Last setzte sie ihren Weg fort.
   Nach einer Weile wandte sie sich an die Ziege. »Stell dir vor, Kolta, seit Jahrhunderten folgen wir unseren eigenen Gesetzen. Plötzlich fällt dieser Maria Theresia ein, uns Zigeunern Vorschriften machen zu müssen. Der Gipfel sind die neuesten Ideen dieser hohen Dame in Wien.« Sie blieb stehen. »Wir dürfen untereinander nicht mehr heiraten. Unsere Kinder sollen sich ungarische Bauern und Mägde suchen. Sie bezahlt sogar für die Hochzeit.«
   »Mäh.« Die Ziege nutzte die kurze Pause und zupfte an den Grasbüscheln am Wegesrand, bis Gasko sie ungeduldig weiterzog.
   »Wir könnten das Geld zwar gut gebrauchen, aber kein Zigeuner verkauft sich. Und wenn du siehst, wie die Gadsche-Jungen nach unseren Mädchen schielen und die Gadsche-Mädchen unsere feurigen jungen Männer anschmachten, dann ist es schnell aus mit unserer Tradition. Das kannst du mir glauben. Die Hannah ist letzten Winter mit einem Gadsche durchgebrannt.«
   »Mäh.«
   »Ach Kolta, es kommt noch schlimmer.« Das Tier war stehen geblieben und stemmte seine Hufe in den Boden. Als Gasko an dem straff gespannten Seil zog, gab es widerwillig nach. »Jetzt wird nicht gefressen, wir müssen uns sputen. Der Weg ist noch weit. Nun komm.«
   »Mäh.«
   »Neuerdings nehmen sie uns sogar unsere Kinder weg. Sobald sie fünf Jahre zählen. Alessandro hat sich so auf seine Kinder gefreut, und nun werden sie ihm weggenommen.« Gasko seufzte. »Wir sind für unseren Leandro verantwortlich, Kolta. Du mit deiner Milch und ich, na ja, ich muss ihn großziehen, wie meinen Enkel. Hilfst du mir?«
   »Mäh.«
   »Gut. Lass uns einen Moment ausruhen. Ein Pfeifchen kann nicht schaden. Komm, Kolta, komm her, meine alten Knochen brauchen deine Wärme.« Die Gasko deutete auf die Straße, die ein Stück vor ihnen im Mondlicht schimmerte. »Wir müssen jetzt vorsichtig sein, sonst fallen wir den Gadsche-Soldaten in die Hände. Ich will nicht wissen, was passiert, wenn sie uns erwischen.« Gasko legte den Jungen behutsam auf die Erde. Sie reckte ihre Glieder, zog die Pfeife aus der Tasche, öffnete den Tabakbeutel und stopfte das Kraut bis an den Rand in den Pfeifenkopf. Sie holte Zunder, Zunderschwamm und Feuersteine heraus und hatte in Windeseile den Tabak angezündet. Dann paffte sie mehrmals, sog den Rauch in die Lunge und atmete ihn mit einem wohligen Seufzer aus. »Dankbar sollte sie sein, diese Majestät, und ein winziger Fingerhut Höflichkeit würde auch nicht schaden, verstehst du? Schließlich fallen wir ihrem Reich nicht zur Last, lehnen uns nicht gegen ihre Regierung auf und führen auch keinen Krieg. Wir ziehen durch die Dörfer, flicken Kessel und Töpfe, verkaufen Siebe, handeln mit Pferden, legen Karten, sagen die Zukunft voraus, arbeiten für etwas Essen und manchmal geringen Lohn und, na ja, ab und zu finden wir eben ein paar nützliche Sachen in den Häusern, die wir gebrauchen können. Die knausrigen Kaufleute haben es eben nicht besser verdient. Was meinst du?«
   »Mäh.«
   Gasko rauchte genussvoll ihre Pfeife. »Und unsere Musik, die muss Ihre Hoheit einfach lieben. Alessandro lässt die Herzen der Menschen weinen oder vor Freude singen, gerade so, wie es ihm gefällt. Es ist ein Vergnügen, anschließend mit dem Hut herumzugehen. Die Menschen sind großzügiger und es fallen einige Münzen mehr ab.« Sie kaute auf dem Pfeifenstiel, inhalierte den Rauch, schnäuzte sich mit den Fingern und starrte in die Nacht. »Was meinst du Kolta, hast du noch ein paar Tropfen Milch für unseren Leandro?« Die Ziege hob den Kopf, kaute bedächtig. »Bestimmt bekommt er bald Hunger, und mit seinem Geschrei lockt er womöglich Gestalten an, die besser im Verborgenen bleiben.«
   »Mäh.« Die Ziege streckte Gasko, die in der Zwischenzeit die Schale aus ihrem Bündel gezerrt hatte, ihr Hinterteil entgegen und meckerte wohlig, als die warme Milch in die Schüssel spritzte. Gasko stellte nach einem prüfenden Blick fest, dass es für eine Mahlzeit reichen würde. Als hätte er es geahnt, krähte der kleine Leandro, und er beruhigte sich erst, als Gasko ihm die Milch einflößte. Er schmatzte zufrieden, bis er einschlief.
   Gasko zog ihre Karte aus der Tasche. Mit einer dicken Linie hatte Alessandro die Straße an der Stelle markiert, an der sie aus dem Wald kommen würde. Daneben hatte er das Zeichen für links abbiegen gemalt. Hier musste sie die entgegengesetzte Richtung einschlagen. Zwei lange und ein kurzer Strich sagten ihr, dass sie zweieinhalb Stunden der Landstraße folgen musste und dann an einer Wegkreuzung mit drei Bäumen einen Mann treffen würde. Das würde Milan sein. Sie steckte die Karte ein, band das Kind auf den Rücken und griff nach dem Seil.
   Sie musste sich auf die Umgebung konzentrieren, um nicht von den Gadsche-Soldaten überrascht zu werden. Bevor sie aus dem Wald traten, beobachtete Gasko die Straße, horchte auf fremde Laute, Hufgetrappel oder das Knirschen heranrollender Räder. Die unberührte Stille wurde im selben Moment von erstem Vogelgezwitscher gestört, die Morgendämmerung ließ den Mond verblassen, und erneut musste sie Kolta vom saftigen Gras trennen.
   Entschlossen marschierte Gasko die Allee entlang. Dichtes Gebüsch säumte die Wegränder zwischen den Bäumen, deren Stämme dunkle Schattenstreifen auf den Weg warfen. Es gab genügend Deckung. Die Pfeife war ihr gut bekommen, der Rauch hatte ihre Müdigkeit verscheucht. Sie überquerte eine kleine Brücke und entdeckte einen Pfad, der am Bach in einem flachen Uferstreifen endete. Sie führte die Ziege behutsam hinunter. Durstig trank das Tier. Gasko löschte ihren Durst und horchte in die Stille. Sie vernahm einzelne Rufe und gedämpft Pferdegetrappel. »Kolta, wir müssen uns verstecken!« Sie schlüpfte rasch unter den Steg und zog die Ziege hinter sich her. Gasko öffnete das Tuch und nahm Leandro in ihre Arme. Der Junge schlief. Erleichtert hoffte sie, dass er nicht aufwachen würde. Sie blickte sich nach Kolta um. Ihr Herz blieb stehen. Das Tier stand außerhalb ihres Unterschlupfes im Ufergras und knabberte seelenruhig an den saftigen Spitzen der Halme. »Kolta«, wisperte sie. Die Ziege hob den Kopf, sah in ihre Richtung, meckerte und senkte ihr Maul in das frische Grün. Gasko schluckte ihren Fluch hinunter. Es gab Wildziegen in dieser Gegend, sie hatte ihre Spuren gesehen, aber kein Wildtier trug Gepäck auf dem Rücken. Die Alte lugte unter dem Steg hervor und behielt die Straße im Auge. Die Sonne malte schräge Schatten auf den staubigen Boden. Eine Hummel brummte an ihrem Ohr, und Gasko wischte sie mit einer Handbewegung beiseite. Reiter preschten ungestüm heran, Staubwolken wirbelten um die Hufe, die roten Uniformen leuchteten in der Morgensonne. Die Soldaten hatten es offenbar eilig und widmeten ihrer Umgebung keine Aufmerksamkeit. Gasko zog sich entspannt zurück, zündete ihre Pfeife an und sog den Rauch ein. Husten schüttelte ihren Körper, und sie spuckte ins Gras. Ein kleines bisschen ausruhen, dachte sie, warten, bis sich der Staub legt. Sie war die ganze Nacht gelaufen, und ihre Füße schmerzten. Die Sonne warf silberne Glitzersterne in die plätschernden Wellen des Baches neben ihr.
   Die Luft war längst frisch und rein, der Tabak verbrannt. Sie wandte sich ihrem Urenkel zu, öffnete den Stoff und beugte sich über ihn. Als habe jemand einen Korken gezogen, entleerte der Junge mit einem Strahl seine Blase, mitten in Gaskos Gesicht, die erschrocken die Lider zusammenkniff und sich mit dem Rockzipfel abtrocknete. »Na du wirst mir ja mal ein prächtiger Bursche.« Sie grinste, als sie einen prüfenden Blick auf seine Männlichkeit warf. »Aber das machst du nicht noch einmal, hast du mich verstanden?« Leandro steckte seinen Daumen in den Mund, gluckste, schloss die Augen und schlief ein. »Ist besser, wenn du schläfst, bis wir angekommen sind.« Sie befestigte die Tücher und band den Kleinen auf ihren Rücken. »Kolta!«
   Die Ziege kam herbeigetrottet, und Gasko zog sie hinter sich die Böschung hinauf.

»Kwa, kwa.« Gasko blickte sich suchend um. »Kwa, kwa.« Sie blieb stehen und beobachtete angespannt die Umgebung.
   »Endlich. Es ist fast Mittag.« Ein stattliches Mannsbild trat aus dem Schatten eines Baumes hervor. Blitzende Augen in einem olivfarbenen Gesicht prüften sie. Beim Sprechen wippte ein Grashalm zwischen den Lippen des Mannes und wanderte von einem Mundwinkel zum anderen, seine Daumen hatte er in die Weste eingehakt, drei Silbermünzen klimperten dort an einer kurzen Kette, seine Haare kringelten sich unter seinem Hut bis auf den Rücken, die Hose war an den Knien abgewetzt und seine Füße steckten in derben Schuhen, deren gute Zeiten offenbar lange zurücklagen. »Ich bin Milan.«
   »Schäm dich, einer ehrbaren alten Frau so eine Angst einzujagen.« Sie ging ein paar Schritte auf den Mann zu. »Bist du etwa der Milan Tököli?«
   »In voller Größe und bestem Mannesalter.« Er lachte schallend. »Baba, wenn ich dich erschrecken wollte, würde ich dann quaken wie ein harmloses Entlein? Müsste ich dann nicht gefährlich grollen wie ein Wolf?« Er grinste, schob seinen Hut zurück und zog den Halm aus dem Mund. »Kann ich dir was abnehmen?«
   »Du könntest meinen Rücken entlasten und den Jungen eine Weile nehmen. Ist es noch weit?«
   »Drei bis vier Stunden bis zum Anstieg. Wenn die Mule uns wohlgesonnen sind, erreichen wir in zwei Tagen unser Ziel. Zuerst verlassen wir diese Straße, auf der wir meilenweit gesehen werden.« Mit einer Behutsamkeit, die sie ihm nicht zugetraut hätte, nahm Milan den Kleinen auf seinen starken Arm. Mit der anderen Hand packte er Koltas Strick, und Gasko folgte ihnen. Sie verließen die Allee, überquerten eine Senke, wichen den Disteln aus und verschwanden im dichten Grün zwischen den Bäumen.

*

Als Gasko den Wald betrat, krähte ein Fasan im Unterholz. Ein Specht antwortete hämmernd. Laub raschelte, und sie lauschte für einen Moment dem aufgeregten Vogelgezwitscher, das ihr Eindringen verriet. Mühsam gewöhnten sich ihre Augen an das Dämmerlicht, sie blickte auf eine undurchdringliche Laubwand. Die Luft waberte gesättigt vom Sommer, Staub tanzte in den vereinzelten Sonnenstrahlen, die durch das dichte Blätterdach fielen. Milan warnte sie vor Baumwurzeln oder Löchern, herumliegende Äste schob er mit dem Fuß aus dem Weg. Die Ziege meckerte unentwegt. Gasko konnte in dem grün schimmernden Licht kein Büschel Gras entdecken. Trockene Blätter, Farne, Brennnesseln und niedriges Gebüsch bedeckten den Waldboden und säumten ihren Pfad, der nicht breiter war als Koltas Hinterteil. Zweige streiften Gaskos Arme, Brombeerranken gierten nach ihren Röcken. Mehr als einmal verhedderte sich der Stoff in den Dornen, und sie löste ihn vorsichtig, damit er nicht zerriss. Sie mühten sich stetig bergauf, bis ein Bach ihren Weg querte. Kolta blieb stehen, senkte den Kopf und trank geräuschvoll. Milan ließ die Ziege gewähren. Er reichte Gasko seine Trinkflasche. Sie zog den Stöpsel und staunte über die Kühle, mit der das Wasser durch ihre Kehle rann. »Was macht Leandro?«, fragte Gasko und verschloss die Flasche.
   »Schläft wie ein Zigeuner nach einem rauschenden Fest.«
   »Es ist lange her, dass er getrunken hat. Weck ihn auf, dann kann ich ihn auch gleich waschen. Hier ist ein guter Platz.«
   »Ich möchte noch weiter den Berg hinauf. Etwa eine halbe Stunde entfernt gibt es eine Lichtung mit einer Quelle. Sie ist von der Straße nicht zu sehen.« Milan deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Brüllt unser Kleiner jetzt, wird es garantiert dort unten zu hören sein.«
   Gasko folgte dem ausgestreckten Arm, sah den grauen Streifen der Landstraße durch die Bäume schimmern und nickte. Eine Windböe erfrischte ihre erhitzte Haut. Sie bückte sich, ließ das kühle Rinnsal ihre Handgelenke umspülen. Mit der hohlen Hand schöpfte sie Wasser und wusch ihr Gesicht. Die Müdigkeit drohte sie zu übermannen. Sie musste sich zusammenreißen. »Lass uns gehen.« Sie nahm Koltas Strick.
   Flüsternd rauschten die Blätter über ihren Köpfen und reflektierende Lichtblitze trafen sie wie Nadelspitzen. In den vereinzelten Sonnenstrahlen tanzten die Mücken. Gasko wedelte sie mit den Fingern fort, und Koltas Fell zuckte unentwegt. Milan lief vor Gasko her, als würden die Elemente vor seiner Erscheinung zurückweichen und ihm ehrerbietig Platz machen. Gasko grübelte, wie Alessandro zu ihm hatte Kontakt aufnehmen können. Erst nachdem sie die Lichtung erreicht hatten, Leandro frisch gewickelt und gefüttert war, fragte sie Milan.
   »Das ist kein Geheimnis, Baba. Wir haben uns vor einigen Jahren zufällig getroffen und blieben seither in Verbindung.«
   »Und ich soll nichts davon gemerkt haben? Spar dir deine Lügen für die Gadsche auf.«
   »Aber es stimmt, Baba, und du weißt es. Seine Eltern und mein Vater waren während unserer Kindheit enge Freunde. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum sie damals mitten in der Nacht gegangen sind.« Milan nahm seinen Hut ab und kämmte mit den Fingern sein Haar.
   Gasko sah ihn eindringlich an. »Dann soll es dabei bleiben. Nicht einmal Alessandro kennt die Wahrheit. Weck die Mule nicht auf, lass die Verstorbenen ruhen.«
   »Wann willst du dich endlich der Vergangenheit stellen?« Seine Hand legte sich warm auf ihren Arm.
   »Es ist besser, wenn ich das Geschehene mit ins Grab nehme, glaube mir. Die Wahrheit bringt uns die Toten nicht zurück und macht das Unglück nicht ungeschehen.«
   »Alessandros Mutter ist umgekommen, aber ich musste ohne Mutter und Vater aufwachsen. Du solltest dein Gewissen erleichtern. Schließlich sind wir erwachsene Menschen.«
   »Nicht jetzt. Vertrau mir, Milan.« Gasko stand auf. »Nun lass uns ausruhen.«

Sie waren weiter ins Gebirge eingedrungen und hatten in der Morgendämmerung die letzten Bäume hinter sich gelassen. Still wanderten sie durch die karge Landschaft, wichen groben Steinen aus, rutschten auf losem Geröll. Kolta lief munter über den schmalen Pfad. Schroffe Felsen erhoben sich neben Gasko, tief stürzten sie auf der anderen Seite des Weges in undurchdringliche Schluchten hinab. Ein kalter Wind streifte Gaskos Wangen und trug die Schatten der Vergangenheit mit sich. Sie zog ihr Tuch fester um sich, achtete darauf, dass Leandro bequem lag, und rief sich ihre Erinnerungen ins Gedächtnis.
   Vor Jahren waren sie im Sommer von Buda gekommen, wo sie für einen geringen Preis und in einigen Fällen gegen den Dienst des Scherenschleifens und Kesselflickens ein Dutzend alte Klepper eingehandelt hatten. Auf ihrem Weg nach Bruck hatten sie sich um die Pferde gekümmert und sie nach Zigeunermanier aufpoliert. Die Hufe hatten sie mit einem Gemisch aus Asche und Wasser eingerieben und gebürstet, das Fell gestriegelt und die Mähnen geflochten. Sie gaben den Tieren Unmengen zu saufen, damit sie einen wohlgenährten Eindruck machten. Beim Handel hatte genug Geld den Besitzer gewechselt und sie schlugen ihr Lager in der Nähe vor den Stadttoren von Pressburg auf.
   Abends floss der Wein in Strömen. Als sie gemeinsam beim Feuer gesessen und über die Gadsche gelacht hatten, machte Milans Vater den Vorschlag, am nächsten Tag noch weitere Pferde zu verkaufen. Gaskos Sohn, der Woiwode Kiran, lehnte dies ab und kündigte für den Morgen die Weiterreise an. Sämtliche Bauern Pressburgs würden sie jagen, wenn die stattlichen Rösser wieder dürre Klepper geworden wären und damit der Schwindel aufgeflogen wäre. Zornig sprang Milans Vater auf und ging auf Kiran los. Plötzlich hatte einer ein Messer in der Hand gehabt. Entfesselte Wut, ungezügelte Kräfte und der seit Jahren schwelende Hass um die Führung der Sippe prallten aufeinander. Die Rivalen kämpften auf Leben und Tod, Alessandros Mutter ging dazwischen und wurde lebensgefährlich verletzt. Sie und Milans Vater starben noch während der Auseinandersetzung. Zwei Männer hatten den mit dem Tod ringenden Kiran in ihr Zelt gebracht. Er hatte aus unzähligen Messerstichen geblutet. »Kümmer dich um meinen Sohn«, waren seine letzten Worte gewesen.

»Baba, hörst du?« Gasko schrak aus ihren Gedanken, blickte sich verwirrt um, lauschte auf das rauschende Wasser, das hoch über ihnen aus der Felswand stürzte, und sah Milan fragend an, der vor einer Öffnung stand, umhüllt von Finsternis.
   »Komm herein, hier ist euer neues Zuhause.«

4

»Rühr dich nicht von der Stelle!« Tom nickte und verfolgte wie in den vergangenen Tagen staunend, was um ihn herum passierte.
   Die vielen Männer teilten sich wie von Geisterhand in geordnete Gruppen, sicherten das Lager, schlugen mit geübten Handgriffen die Zelte auf, errichteten Feuerstellen und entzündeten trockenes Holz. Drei Infanteristen luden Bänke, Tische und Kochgeschirr ab und verschwanden im Kochzelt.
   »Komm runter, du Held, und hilf mir, Wasser zu besorgen.« Péter knallte zwei Holzeimer auf die Ladefläche.
   Tom sprang mit einem Satz vom Wagen und griff nach den Eimern.
   Der Soldat lief mit ausholenden Schritten voraus, sah nach links und nach rechts, änderte ohne einen für Tom nachvollziehbaren Grund die Richtung, schlängelte sich zwischen Bäumen und Büschen hindurch, eilte kreuz und quer, passierte Stellen, an denen sie vor mehreren Minuten erst vorbeigekommen waren, und steuerte jetzt geradewegs auf einen unmittelbar vor ihnen aufragenden Felsen zu. Tom rannte keuchend hinter ihm her, ständig darauf bedacht, nicht über seine eigenen Füße zu stolpern.
   »Ist es noch weit?«, rief er außer Atem, prallte gegen Péter, verlor das Gleichgewicht und landete im Dreck.
   »Da.«
   Verblüfft rieb Tom seine Augen. Funkelnd glitzerte ein schmaler Wasserlauf vor Péters Beinen. »Woher wussten Sie, dass wir ausgerechnet an dieser Stelle auf Wasser stoßen? Nachdem wir so lange herumgeirrt sind.«
   Der Soldat tippte lachend an seine Nase. »Ich rieche es.«
   »Das können Sie meiner kleinen Schwester in Losenstein erzählen, aber nicht mir.«
   »Was bist du für ein schlecht gelaunter Bursche. Was ist mit deiner Nase los? Hast du noch nie den Regen gerochen, wenn er nach der Sommerhitze den staubigen Boden tränkt?«
   Tom fühlte sich unter Péters bohrendem Blick unbehaglich.
   »Hans wartet.« Tom lief zum Bach, wäre am liebsten in die kalten Fluten gesprungen und hätte den Staub ertränkt, der wie eine zweite Haut seinen Körper bedeckte. Er schöpfte Wasser und stapfte ächzend unter der Last zum Lager zurück. Tom wusste, wie feuchte Erde roch, schließlich hatte er ihren Geruch oft genug eingeatmet, wenn er vor Wut mit seinen Fäusten auf den Boden eingedroschen und seine Verzweiflung in den Wald geschrien hatte. Aber das ging Péter nichts an. Niemanden ging das etwas an. Im Kochzelt setzte er die Eimer ab und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Die Erinnerungen ließen seinen Körper beben, nur mühsam konnte er das Zittern unterdrücken.
   »Verrätst du mir, warum du so wütend bist?« Tom schwieg. »Keine Antwort ist auch ‘ne Antwort.« Tom bohrte seinen Blick in den Boden, noch immer hielt er die Arme vor der Brust verschränkt. Niemand mehr sollte ihm zu nahe kommen, niemand und schon gar nicht ein Soldat. »Hör zu, Junge, ich weiß nicht, was mit dir los ist, und es ist mir egal, ob du mit mir redest oder nicht. Eines lass dir gesagt sein. Wenn du Soldat werden willst, musst du dich in die Truppe einfügen und Befehlen gehorchen. Nicht wir, sondern unsere Gegner sind der Feind. Unter uns herrscht Kameradschaft, manchmal sogar Freundschaft, und merk dir: Wir können uns aufeinander verlassen. Hast du das verstanden?« Tom nickte. »Gut, schluck deinen Ärger runter, sei freundlich und respektvoll. Sonst bist du aus unserem Regiment schneller verschwunden, als du das Wort Soldat aussprechen kannst.«
   Tom hob den Kopf und ließ seine Arme sinken. Er schluckte. Seinen Stolz, seine Ängste und seinen Ärger hinunter.
   Trotzig.
   Verbissen.
   Er hatte ein Ziel, und das durfte er nicht vergessen.
   Widerwillig gestand er sich ein, dass Péter recht hatte.
   Er sah in seine Augen, und die Wärme, die ihn daraus anstrahlte, verblüffte ihn. Ein Lächeln stahl sich in Toms Gesicht, und er nickte. »Siehst du, geht doch.« Péter hockte sich auf eine der Bänke und winkte ihn zu sich. Tom setzte sich, und im folgenden Gespräch erfuhr er den täglichen Ablauf eines normalen Soldatenlebens ohne jegliche Kampfhandlung. Péter erzählte ihm, welche Aufgaben er als Bursche von Oberst von Rappenberg ausüben musste, und verriet ihm ein kleines Geheimnis. »Wenn du die Stiefel geputzt und gewienert hast, dann …« Er flüsterte Tom etwas ins Ohr, schlug sich auf den Schenkel und lachte schallend.
   »Das glaub ich dir nicht«, sagte Tom.
   »Kannst du aber. Sieh dir seine Stiefel an. Keine anderen in diesem verflixten Lager glänzen so wie seine.«
   »Ich wusste nicht, dass das Soldatenleben so viel Spaß macht und Anlass zu Gelächter bietet«, unterbrach sie eine offenbar befehlsgewohnte Stimme.
   Der Adjutant.
   Tom erschrak, und sofort verschwand das Lachen aus seinem Gesicht.
   »Wie siehst du überhaupt aus? Geh dich waschen, und Sie, Soldat Kértész, sorgen für saubere Kleidung und einen ordentlichen Haarschnitt. Es wird schon was in seiner Größe geben, er hat fast die gleiche Statur wie unser Trommler.«
   »Jawohl, Herr Adjutant!«
   »In einer Stunde bringen Sie den Jungen zu meiner Unterkunft.«
   »Jawohl, Herr Adjutant!«
   Seine auf Nackenlänge gestutzten Haare waren noch feucht, als Péter ihn zu Rudolf Thannenberger brachte. Eine Ordonnanz meldete sie an und ließ sie eintreten. Ein Feldbett, ein Tisch mit drei Stühlen und ein Schrankkoffer umfassten das gesamte Inventar. Auf der Tischplatte warf eine Öllampe ihr Licht auf eine Ledermappe, einen Federhalter und ein Tintenfass.
   »Soldat Kértész, Sie können gehen.«
   »Jawohl, Herr Adjutant!«
   »Steh gefälligst grade, leg die Hände an die Hosennaht und sieh nicht mich an, sondern blicke geradeaus!«
   »Jawohl, Herr Adjutant!«
   »Wir beginnen mit der Stimme«, sagte Rudolf Thannenberger.
   Tom hatte längst aufgehört zu zählen, wusste nicht, ob er zehn, fünfzehn oder zwanzig Mal »Jawohl, Herr Adjutant!« gerufen oder »Nein, Herr Adjutant!« gebrüllt hatte, als der Adjutant endlich zufrieden nickte.
   »Das reicht für heute, jetzt stelle ich dich dem Oberst vor.«
   »Jawohl, Herr Adjutant!« Dieser verließ das Zelt, und Tom trat hinter ihm in die Abenddämmerung.
   Lagerfeuer erhellten ihren Weg und Essensgeruch erfüllte die Luft. »Wo ist denn das Zelt von Oberst von Rappenberg, Herr Adjutant?« Tom wusste, dass er sich mit dieser Frage nicht beliebt machen, aber zumindest das Knurren seines Magens übertönen würde.
   Der strafende Blick traf ihn nicht unvorbereitet. Er schwieg und versuchte, mit den ausladenden Schritten des Offiziers mitzuhalten. Zum Glück war es ein kurzer Weg, und ohne zu schnaufen, stand er wenige Augenblicke später vor Oberst von Rappenberg. Aufrecht, mit gestrafften Schultern, durchgedrückten Knien, die Hacken aneinanderstoßend, die Hände an der Hosennaht, die Augen auf einen Punkt gerichtet, der hinter dem Oberst liegen musste.
   Tom kam es zum ersten Mal im Leben vor, als blicke er durch einen Menschen hindurch.
   »Wie ist dein Name?«, fragte der Oberst mit ruhiger Stimme.
   »Tom, Herr Oberst. Tom Held.«
   »Du kannst bequem stehen, Tom.«
   Tom rührte sich nicht, bemühte sich sogar, dass sich beim Atmen sein Brustkorb nicht hob und senkte. Er verstand nicht, was der Oberst meinte.
   »Nun steh nicht da, als hättest du eine Zeltstange verschluckt.« Von Rappenberg nahm auf einem Stuhl Platz. »Sie können gehen, Thannenberger. Mit dem Jungen komme ich allein zurecht.«
   »Aber … Jawohl, Herr Oberst« Der Adjutant drehte sich um und verließ das Zelt.
   »Jetzt zu dir, junger Mann. Wieso willst du zu den Soldaten? Und erzähl mir eine gute Geschichte. Ich mag gute Geschichten.«
   Tom kannte keine guten Geschichten und entschloss sich, die Wahrheit zu sagen.

»Drei Mahlzeiten am Tag, einen Platz zum Schlafen, Kleidung und ordentliche Schuhe, einen Sold, den ich in den nächsten Jahren für dich aufbewahren werde und den ich dir auszahle, sobald du an den Waffen ausgebildet wurdest. Dann bist du Manns genug, dein Geld in die Schenken und zu den Huren zu tragen.«
   »Das werde ich bestimmt nicht tun, Herr Oberst.« Tom dachte mit Grauen an die Sauftouren seines Vaters.
   »Das werden wir sehen. Ordonnanz! Zeigen Sie dem Jungen seinen Schlafplatz und bringen Sie ihn anschließend zum Zeugmacher. Er soll ihn in der Kleiderpflege unterweisen.« Er drehte sich wieder zu Tom. »Du meldest dich gleich nach dem Morgenappell.«
   »Jawohl, Herr Oberst.« Tom legte die Hände an die Hosennaht, knallte die Hacken zusammen, drehte sich um und ging hinaus.

»Setz dich hin und fass nichts an«, grollte ihm eine Stimme entgegen. »Ah, du bist der neue Bursche vom Oberst. Hat er dich geschickt?«
   Tom brauchte eine Weile, bis er den älteren Soldaten im Schatten der Kerzenflamme ausmachte. Auf seinen Fingern lag ein heller Schimmer, die Nadel blitzte kurz im Licht auf, bevor sie durch den dunklen Stoff fuhr. Tom hockte sich hin und nickte dem Mann zu, der zwei Armlängen von ihm entfernt im Schneidersitz auf dem Boden saß. Er trug ebenfalls eine Uniform, und Tom entdeckte weder einen Krümel noch einen fehlenden Knopf.
   »Oberst von Rappenberg will, dass Sie mich in der Kleiderpflege unterweisen.«
   »Der Oberst will nicht, er befiehlt.« Der Mann sah ihn abschätzend an. »Weißt du, was das ist?« Tom zuckte zurück, als bekäme er eine Ohrfeige, starrte auf das glitzernde Ding in den schlanken Fingern des Soldaten und schüttelte den Kopf. »Das ist eine Nadel und ich bin Michel Tucher.«
   Tom nickte, sah auf die geschickten Hände und hörte zu. Flink zog der Schneider einen Faden durch das Nadelöhr, schlang das Ende um seinen Zeigefinger, zwirbelte das Garn mit dem Daumen über die Fingerspitze, straffte das Band und seine Fingernägel blieben an einem Knoten hängen. Er prüfte ihn mit einem Zug, griff nach dem Uniformrock, suchte aus einem Kästchen einen Knopf und stieß die Nadel durch den Stoff, fädelte den Silberknopf auf und schickte die Nähnadel mehrfach hin und her. Tom staunte. Der Mann machte zum Schluss eine Schlaufe, zog die Nadel hindurch und verknotete das Fadenende. Dann biss er mit einem kräftigen Ruck den Zwirn ab. Er hielt Tom die Jacke entgegen. »Da unten fehlt noch ein Knopf. Zeig mir, was du gelernt hast.«
   »Aber …« Tom streckte die Uniform von sich, als wäre sie ein wildes Tier, das über ihn herfallen und ihn zerfleischen wollte. »Ich kann das nicht.«
   »Doch, du kannst.« Michel reichte ihm die Nadel und einen Faden.
   Verbissen kämpfte Tom. Er kniff ein Auge zu, fixierte das Nadelöhr und stieß das Garn hinein, wie ein Messer in einen saftigen Braten. Seine Zunge spazierte dabei auf seiner Unterlippe. Er wickelte das Ende um einen Finger, zwirbelte, zog den Faden glatt und brauchte noch etliche Versuche, bis er endlich einen Knoten zustande gebracht hatte. Er hob zufrieden den Kopf, lächelte Michel an, spürte einen Schweißtropfen ins Auge rinnen, den er mit der freien Hand wegwischen konnte, bevor das salzige Brennen einsetzte. Stumm reichte ihm der Schneider einen Knopf, und Tom sah ratlos auf den Stoff. »Wo näh ich den jetzt an?«
   »Sieh genau hin.«
   Tom untersuchte den Rand. Ihm fielen kleine Löcher auf und ein ausgefranstes Fadenende. Er grinste, zog die Nadel geschwind durch den Stoff, betrachtete nach wenigen Minuten sein fertiges Werk. Michel hielt ihm eine Bürste entgegen. Zögernd griff Tom zu.
   »Na los, worauf wartest du? Immer schön in Richtung der Faser streichen, bis kein Fussel, kein Krümel mehr zu sehen ist und der Stoff seidig glänzt.«
   Tom musterte das Kleidungsstück und fragte sich, ob dieses stumpfe Wolltuch jemals einen Glanz annehmen könnte. Er konnte doch aus einer Ratte keinen Zobel machen.
   Lustlos ließ er die Borsten über das Tuch gleiten.
   »Junge, das ist die Jacke vom Oberst.«
   Tom schluckte und strich verzweifelt drauflos.

*

Bis nach Mitternacht hatte Tom mit der Uniformjacke und der Bürste gekämpft. Ein seidiger Glanz überzog den Stoff, als der Schneider Tom auf den Küchenwagen zum Schlafen geschickt hatte. Im Morgengrauen hatte Hans Mühlberg ihn geweckt und er war zum Zelt des Obersts marschiert, wartete in Habtachtstellung auf seinen ersten Befehl, verzweifelt darum bemüht, dass ihm die Augen nicht zufielen.
   »Meine Stiefel müssen gewienert werden, Tom.«
   Er hatte sich die langen Schaftstiefel geschnappt und einen Platz am Waldrand aufgesucht. Péters Worte waren ihm eingefallen, und er wollte vermeiden, dass ihm jeder bei seiner Arbeit zusah. Es passte ihm gut, dass er sich gleich um das Schuhwerk kümmern musste, denn bisher hatte er noch keine Gelegenheit gehabt, seine Notdurft zu verrichten. Tom stellte die schweren Lederstiefel auf den Waldboden, blickte sich noch einmal prüfend um und öffnete seine Hose.
   »Tus lieber nicht!«
   Tom erschrak, drehte sich blitzschnell um und pinkelte in hohem Bogen. Ein Mann sprang zur Seite und Tom traf einen Baumstamm. »Müssen Sie mir so einen Schrecken einjagen?« Tom schüttelte verlegen den letzten Tropfen ab und schloss seine Hose.
   »Wolltest du tatsächlich auf die Stiefel pinkeln? Weißt du nicht, dass du damit das Leder ruiniert hättest?«
   »Aber …«
   »Hat Péter dir das etwa erzählt?« Tom nickte. »Willkommen bei den Soldaten. Ich bin Sebastian Kramer. Du solltest aufpassen, wem du vertraust.«
   »Danke.« Tom musterte den Mann, der etwa im gleichen Alter wie sein Vater war, aber dieser hatte einen klaren Blick und keine rote Nase. Die Uniform saß wie eine zweite Haut auf seinem athletischen Körper, und seine Reitstiefel blitzten.
   »Hol dir vom Koch etwas Fett, das bringt den rechten Glanz.« Der Soldat verschwand im Morgendunst.
   Tom erschien der Einzug in die mächtige Kaiserstadt unheimlich. Die Räder rumpelten über das Pflaster, das Klappern der Säbel an den Stiefelschäften wurde von den Wänden der Häuserschluchten zurückgeworfen, der Gleichschritt der Soldaten erklang mit seinem Echo wie der Aufruf des Trommlers zum Marsch in eine Schlacht. Toms Nackenhaare stellten sich aufrecht, als er darüber nachsann, wie diese Geräusche auf einen Feind wirken mussten. Er hockte auf dem Wagen und traute sich nicht, Hans nach den Plätzen, Häusern und Kirchen Wiens zu fragen, die sie auf ihrem Weg zur Kaserne passierten. Sie überholten Karren, vollgeladen mit Leinensäcken.
   »Wir sind bald da«, sagte Hans. »Das sind die Salzhändler. Sie bringen ihre Ware in die Lagerhäuser. Dort, in der Salzgries ist unsere Kaserne.«
   Tom nickte schweigend. Er hatte dieses »weiße Gold«, wie seine Mutter es bezeichnet hatte, bisher weder gesehen noch gegessen. Es wunderte ihn, mit welcher Selbstverständlichkeit der Koch davon sprach. Ob er es kannte oder benutzte? Er spürte, wie seine Aufregung zunahm. Hier in Wien würde er, Tom Held, in eine für ihn vollkommen andere Welt eintauchen. Er hatte es geschafft. Er war, wo er sein wollte. Jetzt begann für ihn ein neues Leben. Er freute sich auf seine Zukunft, obschon er keine Ahnung hatte, was auf ihn zukommen und welche Erwartungen der Oberst an ihn stellen würde. Tom entschied, nicht darüber nachzudenken. Was immer von ihm verlangt werden würde, er würde es tun, als würde sein Seelenheil davon abhängen. Das schwor er sich und kreuzte zwei Finger seiner rechten Hand. Hans zügelte das Pferd und der Wagen hielt. »Wir sind da.«



Teil 2
Siebenbürgen 1783


Wiener Zeitung, 25. Juli 1783

Kaiser wohlbehalten zurück
Inspektionsreise durch Siebenbürgen beendet

Wien – Seit gestern ist Seine Majestät Kaiser Joseph II. von seiner Inspektionsreise durch Ungarn und Siebenbürgen zurückgekehrt. Wie das Hofamt mitteilte, machte sich der Kaiser ein umfassendes Bild über die Lage seiner Untertanen. Zahlreiche Bittgesuche sollen ihm von Bauern und Leibeigenen mit auf den Weg gegeben worden sein. Macht sich Kaiser Joseph II. für dieses Herrschaftsgebiet ebenso stark wie für seine übrigen Untertanen? In Österreich schaffte er vor eineinhalb Jahren die Leibeigenschaft und den Frondienst ab. Wann muss der ungarische Adel von seinen Machtbefugnissen abrücken? Zwar respektiert er seinen König, will aber seine Stellung gegenüber dem Volk nicht aufgeben. Bleibt abzuwarten, wie lange sie sich den umfassenden Reformen des Kaisers widersetzen können.



5

Bizarre Tropfsteine und fantasievolle Steingebilde wuchsen aus dem Boden, aus Vorsprüngen und Überhängen hervor, streuten, vom schummrigen Licht der schwelenden Fackel erleuchtet, zerrissene Schatten auf den hellen Kalkstein, in dem eingeschlossene Mineralien blitzten und glitzerten. Gewundene Simse verloren sich über seinem Kopf in der Finsternis. Das Knistern der Flamme, plätscherndes Tropfen und leises Rauschen durchbrachen die Stille.
   Leandro strich seine schwarzen Locken hinter die Ohren und hockte sich auf einen vor Urzeiten von den Elementen abgesprengten Stein. Die periodische Quelle, die ihnen als Trinkwasservorrat gedient hatte, war versiegt. Auf der gegenüberliegenden Seite des flachen Beckens hatte er vor langer Zeit eine Felsröhre entdeckt, aus der ein leises Plätschern an seine Ohren geklungen war, bis das letzte Gurgeln plötzlich verstummt war, als hätte jemand die Röhre mit einem Lumpen verstopft. Nachdem das Echo verklungen war, hüllte ihn Grabesstille ein, kein Tröpfeln, kein Murmeln, kein Rieseln, weder ein Scharren noch ein Fiepen seines vorlauten Freundes störten die Stille. Mehrmals am Tag wiederholte sich das Schauspiel und niemals wusste Leandro, wann es stattfand. »Miko, wir sind zu spät. Jetzt müssen wir warten, bis das Wasser wieder sprudelt. Das kann Stunden dauern.« Das Eichhörnchen kam mit einem langen Satz aus der Dunkelheit, sprang auf seine Beine und krallte sich in einem Hosenbein fest. »Da bist du ja, Miko.« Gedankenverloren streichelte er das schwarze Fell, doch das Eichhörnchen blieb nicht lange und verschwand zwischen den Felsen.
   Leandro blendete den Fackelschein aus. Er brauchte mehrere Augenblicke, bis die Bilder seiner Erinnerungen zum Leben erwachten. Wehmütige Geigenmusik liebkoste seine Seele. Sein Vater Alessandro strich zärtlich den Bogen. Die schwarzen Haare hatte er zu einem Zopf gebunden, die Augen blitzten, der Mund lächelte, und Leandro erfüllte eine große Sehnsucht nach ihm, von dem er in den letzten Jahren vieles gelernt hatte. Mit seinen lebhaften, gestenreichen Beschreibungen war es seinem Vater gelungen, dass Leandro Menschen und Tiere seiner Sippe leibhaftig vor sich sehen konnte. Im vergangenen Sommer hatte er ein wertvolles Geschenk von ihm erhalten. Gelbe, wunderbar weiche Lederstiefel. Schon in ein paar Tagen würden das Lachen und die Musik seines Vaters wieder ihre dunkle felsige Behausung erfüllen, Leandros Herz erwärmen und Baba aufblühen lassen, wie einen Krokus in der Frühlingssonne. Sie würden reden, schweigen, die gegenseitige Nähe genießen, fischen und jagen gehen. Vater und Sohn sein, für eine kurze Zeit, die wie im Rausch verfliegen würde. Wie jedes Jahr. Sein Vater war bisher immer im Sommer gekommen. Leandro hoffte von ganzem Herzen, dass es nicht mehr lange dauerte. Der Herbst kündigte sich bereits an, gestern war der erste Frühnebel über den See gezogen.
   Leandro war noch nie weiter als einen halben Tagesmarsch aus der Höhle hinausgekommen, und sein Vater erzählte ihm nichts über die Stadt, an deren Rand er lebte. Er verriet nicht einmal deren Namen, schwieg über das Leben im Zigeunerlager und hatte ihm erklärt, dass er nicht zu ihnen kommen durfte, bevor er nicht mündig wäre.
   »Eines Tages gehen wir dort hin, Miko, ich werde sie finden, und ich werde meine Stiefel tragen wie ein echter Zigeuner«, sagte er in die Stille und suchte im Fackelschein nach den funkelnden Knopfaugen seines Freundes. »Miko!« Er schnalzte mit der Zunge. »Weweritzka, wo bist du? Komm zu mir!«
   Er dachte an die Holzschachtel, die er vor zwei Tagen von seiner Baba geschenkt bekommen hatte und in der eine Zeichnung seiner Eltern lag. Seine Mutter blickte ihm darauf freundlich entgegen. Sie sah neben seinem Vater zerbrechlich aus.
   Miko sprang aus der Dunkelheit heran.
   »Da bist du ja.« Leandro lächelte und kraulte seinen Freund am Hals. »Du magst es nicht, wenn ich dich Weweritzka rufe, stimmt’s?«
   Miko keckerte.
   »Hast recht, Eichhörnchen ist kein Name, aber wenn du dich darüber beschwerst, weiß ich wenigstens, wo du bist.« Leandro lachte. »Brauchst ja nur zu kommen, wenn ich dich rufe.«
   Miko klopfte mit der Pfote auf den Boden, richtete sich auf und schimpfte.
   »Ist ja gut.« Leandro griff in die Tasche, holte eine Buchecker heraus, legte sie auf sein Bein und schnipste mit den Fingern.
   Blitzschnell schnappte Miko den Schatz mit seinen Pfoten, schob ihn zwischen seine Kiefer und kaute schmatzend. Sein buschiger Schwanz ragte steil in die Höhe.
   Leandro beobachtete das Eichhörnchen, das er im vergangenen Frühjahr als nacktes, blindes Wesen gefunden und in die Höhle getragen hatte. Er erinnerte sich, wie Baba geschimpft hatte. Doch er hatte sich nicht beirren lassen, sondern hatte das winzige Tier mit Koltas Milch gefüttert und unter seinem Hemd gewärmt. Nun folgte Miko ihm auf Schritt und Tritt, vollführte Kunststücke, die er mit ihm geübt hatte und brachte sogar Baba zum Lachen. Leandro malte sich schon jetzt das verdutzte Gesicht seines Vaters aus, wenn sie ihm ihre Tricks zeigen würden. Ihr gemeinsames Meisterstück zelebrierten sie abends, bevor sie einschliefen. Dann legte sich Leandro auf den Rücken, steckte sich einen Streifen Obst, eine Nuss oder eine Buchecker zur Hälfte in den Mund und schnipste zweimal mit den Fingern. Ehe er sich versah, sprang Miko auf seine Füße, verharrte dort einen Augenblick, wackelte mit den Schnurrhaaren, wanderte sein Bein hinauf, kitzelte ihn am Bauch, lief über seine Brust und sah ihm in die Augen. Leandro blinzelte und Miko knabberte an den Leckerbissen, bis sich ihre Lippen trafen. Zum Schluss blickten ihn die schwarzen Knopfaugen forschend an. Leandro sah sein Gesicht in ihnen und spürte Mikos Blick bis in seine Seele. Sie zwinkerten sich zu, und sein Freund huschte zum Schlafen in sein Nest, das Leandro ihm aus Zweigen gebaut hatte. In einer kleinen Vertiefung in der Wand sammelte das Eichhörnchen seine Vorräte.
   »Miko, stell dir vor, was Baba mir erzählt hat. Sieh mich nicht so vorwurfsvoll an, ich konnte noch nicht mit dir darüber sprechen, ich musste erst nachdenken, verstehst du das? Ich war völlig überrascht.«
   Miko klopfte mit der Pfote.
   »Ich habe eine Zwillingsschwester. Alessandra. Sie ist in der gleichen Nacht geboren wie ich.« Miko keckerte. »Ich habe Baba gefragt, warum macht mein Vater ein Geheimnis daraus? Weißt du, was sie mir geantwortet hat? Sie sagte, sie mussten mich vor dem Zugriff der Regierung schützen, vor dieser Herrscherin Maria Theresia. Die ist vor drei Jahren gestorben, hat mein Vater Baba erzählt, und ihr Sohn, der Joseph, sei jetzt Kaiser. Na ja, der Joseph hat seine Mutter wenigstens gekannt. Ich habe von meiner nur ein Bild. Aber weißt du, was das Schlimmste ist? Mich gibt es überhaupt nicht.« Er liebkoste Miko. »Ich sei der Erstgeborene und sollte einmal die Sippe anführen. Doch welche Sippe? Außerdem, Baba stellt sich das so leicht vor. Schließlich bin ich mein ganzes Leben mit ihr in dieser Höhle, und du bist der einzige Freund, den ich habe und mit dem ich reden kann.«
   Miko richtete sich auf, neigte den Kopf und fiepte.
   »Ja, wahrscheinlich hast du recht. Baba denkt ja auch, dass die Gadsche ihn erwischt haben und nun weiß niemand, wo wir sind. Du weißt, was das bedeuten würde, oder?« Leandro machte eine Pause und seufzte. »Ich führe einmal die Sippe an. Lach nicht, sie ist klein, aber ich bin dann ihr Anführer. Baba ist davon überzeugt, dass mein Vater in diesem Jahr nicht kommt. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Er kommt bestimmt in den nächsten Tagen.« Miko stieß einen kurzen Laut aus, fast wie einen Pfiff. »Dank Babas Weisheit kenne ich die Geschichte unseres Volkes, unsere Mythen und Rituale, ich kann die Geheimzeichen, die sie an die Felsenwand geritzt hat, mit geschlossenen Augen malen. Ich kenne Lieder aus vielen Jahrzehnten, spreche die unterschiedlichen Dialekte der Lovare, Tschuraras, der Kesselflicker, Siebmacher, Scherenschleifer und Gaukler. Sobald ich auf Leute von meinem Volk treffe, werde ich sie verstehen können. Ich bleibe nicht immer in dieser Höhle. Baba ist alt geworden, hast du das bemerkt? Ständig friert sie, und nach draußen in den Wald geht sie auch nicht mehr. Wenigstens schafft sie es noch bis zu dem Loch, in dem wir … Na, du weißt schon. Miko, ich glaube, Baba bereitet sich auf den Tod vor. Sie spricht nicht darüber, weil sie mir keine Angst machen will. Dabei bin ich groß, und wer einmal die Sippe führen soll, der fürchtet den Tod nicht.« In der Nähe platschte ein Wassertropfen in eine Pfütze.
   Leandro kraulte das Eichhörnchen hinter den Ohren und ließ seinen Gedanken freien Lauf. In den Jahren, die er mit Baba in dieser Höhle lebte, es waren mehr als zehn, hatte er mit einer Fackel die Gänge erkundet, war jedem Abzweig bis zu seinem Ende gefolgt, konnte häufig aufrecht gehen und glaubte oft, einen hohen Raum über sich zu spüren. Er hatte Tunnel mit niedrigen Decken gefunden, die ihn zwangen, auf dem Boden zu kriechen. Manchmal hatte er am Ende eines Ganges verblüfft festgestellt, dass es kein Weiterkommen mehr gab, dass die Felsen vor ihm steil in den Abgrund führten und seine Fackel den Grund nicht mehr ausleuchtete. Dann zog er sich ehrfürchtig zurück und markierte den Eingang zu dem Tunnel mit einem rußigen Kreis. In kleineren Höhlenräumen fand er Springbrunnen und Adler, fliehende Steinböcke und einen riesigen Bären. Es gab in diesem verzweigten unterirdischen Labyrinth einen einzigen Ausgang und durch den hatte seine Gasko ihn wenige Tage nach seiner Geburt hineingetragen. Seinen Lieblingsort, den Feengarten, hatte er erst vor einigen Wochen entdeckt, nachdem Miko in einer engen Röhre verschwunden war. Leandro hatte die Öffnung mit der Fackel ausgeleuchtet und beschlossen, dass er es wagen wollte. Er hatte seine Arme dicht an den Körper gepresst und sich durch den kurzen Tunnel geschoben. Leandro war davon überzeugt, dass noch kein Mensch vor ihm diese verwunschene Höhle betreten hatte. Sobald das Licht seiner Fackel auf die unzähligen Gebilde gefallen war, hatten sie gefunkelt und geglitzert. Winzige, fingerdicke Säulen, Steinwälder, offene Plätze, die von Pfeilern gleich einem Theater abgegrenzt waren, Pferde, denen ein Horn aus der Stirn wuchs, sich am Boden ringelnde Schlangen, ein mit eiskaltem, klarem Wasser gefülltes Becken, Vorsprünge, Simse, Stiegen und ein leuchtendes gelbes Metall, das ihn magisch anzogen hatte. Mit seinem Messer hatte er vorsichtig daran herumgekratzt, die schimmernden Späne und kleinen Brocken in einer Vertiefung verwahrt und nach und nach einen Schatz gesammelt. Die Höhle gehörte ihm. Das Geheimnis behielt er für sich. Kein Wort hatte er seiner Baba erzählt, und Miko war sowieso verschwiegen.
   Glucksen und zunehmendes Blubbern mischten sich in Leandros Gedanken.
   »Miko, das Wasser kommt zurück!«
   Als würde kochende Suppe in einem Kessel überschwappen, quirlte das Wasser in das Steinbecken, begleitet von plätschernden und gischtenden Spritzern. Er wartete, bis der kühle Wasserstrahl in einem Schwall über den Beckenrand in die Felsröhre floss, und hielt dann seinen Krug darunter.
   Die Fackel war fast runtergebrannt, ihr Licht reichte soeben aus, um ohne zu stolpern vorwärts zu gelangen. Leandro musste sich beeilen. Er hatte der Urgroßmutter versprochen, sich nicht in Gefahr zu bringen. Das konnte schnell geschehen, wenn er in völliger Finsternis in den Gängen herumlief. Leandro spitzte die Lippen, stieß einen leisen Pfiff aus, hörte kurz darauf ein Rascheln und spürte Mikos spitze Krallen durch den Stoff auf seinem Rücken. Das Eichhörnchen fiepte in sein Ohr und knabberte verspielt daran herum.
   »Hör auf Miko, du weißt, dass ich das nicht mag. Außerdem kitzeln deine Schnurrhaare. Lauf voraus oder mach es dir unter meinem Hemd gemütlich.« Mit einem Satz sprang Miko von seiner Schulter und verschwand außerhalb des Fackelscheins in der Dunkelheit. »Du verrückter Kerl.« Leandro lachte, packte den Wasserkrug und eilte seinem Freund hinterher. Nach wenigen Schritten flackerte die Flamme. Er durchquerte die schwierigste Passage des Weges. Nadelspitze Stalagmiten wuchsen in geringen Abständen aus dem Pfad, und er setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, wich den harten, messerscharfen Steinspitzen aus, an denen er sich schon mehrfach die Fußsohlen aufgeritzt hatte. Am Ende des Durchgangs blickte er sich um. Die Flammen seiner Fackel tauchten die Spitzen in sanftes Licht.

»Baba, ich bin zurück!« Leandro lief aus dem Gang in die dämmrige Halle. Miko flitzte an seinem Hosenbein herauf, klammerte sich in sein Hemd und verschwand darunter. Leandro blickte sich suchend um. Glühend rot leuchteten die Holzreste, warfen bizarre Schatten an die Wand. Seine Großmutter war nicht da. »Miko komm raus, du musst Baba suchen.« Er knuffte das Eichhörnchen zärtlich, und sein Freund kletterte an der Innenseite des Hemdes empor und brachte ihn zum Lachen, weil sein Fell auf der nackten Haut kitzelte. Die spitze Schnauze lugte aus dem Kragen hervor, die Schnurrhaare zitterten, seine feuchte Nase wandte sich schnüffelnd in alle Richtungen. »Na los!« Leandro gab seinem Gefährten einen aufmunternden Stoß. Der Nager sauste senkrecht an ihm hinunter und sprang davon.
   Leandro warf dünne Scheite auf die Feuerstelle, kniete sich auf den Boden und blies in die Glutnester, weiße Ascheflocken wirbelten in die Luft. Solange er zurückdenken konnte, hatte seine Urgroßmutter das Feuer gehütet. Warum heute nicht? Das sah Baba nicht ähnlich. »Gasko!« Unbehagen erfasste ihn.
   Ein Holzscheit knackte.
   Es gab nicht viele Möglichkeiten. Auf der linken Seite hatte Milan in einer Nische vor ein paar Jahren mehrere Bretter übereinander befestigt. Darauf lagerten sie ihre Nahrungsmittel und ihre Fackeln. Er zog eine aus dem Regal, entzündete sie an der auflodernden Glut und legte noch ein paar Holzscheite nach. Die aufzüngelnden Flammen erhellten nun die Umgebung.
   Leandro ging zu dem Verschlag auf der anderen Seite der Feuerstelle und steckte die Fackel in eine Halterung an der Felswand. »Ach Kolta, könntest du mir wenigstens sagen, wo Baba ist!« Er öffnete die Tür und ging hinein.
   »Mäh.«
   Leandro strich der Ziege über das Fell bis zu ihrem Euter. Es war schlaff. Baba hatte sie also gemolken. Er verschloss den Verschlag, folgte mit der Fackel in der Hand dem Gang und erreichte eine abzweigende Felsenröhre, die sich jedoch nicht in der unendlichen Finsternis verlor, sondern wenige Schritte entfernt bei einem tiefen Loch endete. Das Holzbrett, das die Öffnung normalerweise abdeckte, war zur Seite geschoben. Ein unerträglicher Gestank prallte ihm entgegen, als er sich über das Loch beugte. »Gasko! Baba!« Er befürchtete das Schlimmste, sank in die Knie, hielt den flackernden Holzstab in die Tiefe, presste seine Nase zu und kämpfte gegen den aufsteigenden Brechreiz. Zum Glück sah er weder den Körper seiner Urgroßmutter noch schwammen irgendwelche Stofffetzen auf der stinkenden Brühe. Er sprang auf, rang nach Atem, leuchtete die Tunnelröhre aus und rannte zurück. Sie ist wahrscheinlich nicht in der Höhle, überlegte Leandro und bog in einen weiteren Gang, der immer schmaler wurde. Nach dem mit einer Decke verhängten Durchbruch erweiterte er sich zu einer Halle, in der ohne Mühe ein Pferdegespann Platz gefunden hätte. Er rannte die sachte Steigung zum Höhlenausgang hinauf.
   Erleichtert blieb Leandro stehen. Seine Urgroßmutter saß mit geschlossenen Augen auf einem Felsen und hielt ihr Gesicht den letzten Sonnenstrahlen entgegen, die bald hinter den gegenüberliegenden Gipfeln verlöschen würden. Sie hatte den roten Schal um ihre Schultern gelegt. Ihre schlohweißen Haare lugten unter dem gleichfarbigen Kopftuch hervor. Tiefe Runzeln durchzogen ihr Gesicht wie die Schluchten das Bihorgebirge und doch, die feinen Falten um ihre Augen waren keine Sorgenfalten. Die goldenen Ohrreifen warfen Lichtreflexe auf die Felswand, an der Baba lehnte. Sie war nicht so dick, wie die aufgebauschten Röcke auf den ersten Blick den Anschein erweckten. Sie saß, und darüber musste Leandro immer wieder lachen, breitbeinig wie ein Pferdekutscher auf dem Felsen. So hatte sein Vater sie immer geneckt, wenn sie an den lauen Sommerabenden zusammen vor der Höhle gesessen hatten.
   Die Flecken auf ihrem dunklen Rock fielen hier draußen nicht weiter auf. Unter dem Rocksaum konnte Leandro die Spitzen der derben Lederstiefel sehen. Ihre feingliedrigen Hände, die erstaunlich fest zupacken konnten, ruhten in ihrem Schoß.
   Leandro blickte zu den Bergen. Er kannte den Namen des Bergrückens nicht, und die Schlucht war ebenfalls namenlos. Der Somesch, wie Milan den Fluss nannte, brach in der Nähe aus der Felswand, stürzte in die Tiefe, grub sich ein Bett in der Enge zwischen den Felsen und hüpfte einen Steinwurf entfernt an ihnen vorbei, umrundete große Granitblöcke, trug Blätter und Zweige mit sich, die er am Ufer des Sees ablegte, der sich in Sichtweite gestaut hatte und aus dem Leandro zweimal in der Woche das Abendessen fischte. »Baba.«
   »Setz dich und sei still. Ein Mulo lauert hinter dem Gipfel.« Seine Großmutter rutschte ein Stück zur Seite und winkte ihn zu sich.
   »Was ist ein Mulo, und was will er von uns?« Leandro setzte sich.
   »Von mir, wenn, dann von mir. Der Mulo ist dein Großvater.«
   Sie zog ihre Pfeife aus der Tasche und stopfte Tabak hinein.
   »Mein Großvater?« Ungläubig wanderte Leandros Blick zwischen den Bergen und seiner Großmutter hin und her.
   Baba zündete den Tabak an und inhalierte den Rauch. »Hör zu.« Leandro lauschte atemlos der Geschichte vom Kampf seines Großvaters mit Milans Vater, vom Tod seiner Großmutter und dass sein Vater, Alessandro, deshalb bei seiner Baba aufgewachsen war. »Weil dein Großvater gewaltsam zu Tode gekommen ist, wandelt er als Totengeist umher.«
   »Kannst du ihn sehen?« Leandro beschattete seine Augen und starrte zu den Bergen.
   »Manchmal, und glaube mir, es ist kein schöner Anblick. Ihm fehlen zwei Finger an der rechten Hand, und er hat rote Haare.« Baba sah ihn eindringlich an. »Nimm dich vor dem Mulo in Acht!«
   »Kann ich ihn töten?« Leandro zog sein Messer aus der Tasche.
   »Hast du nicht zugehört? Er ist bereits tot.« Baba stieß ihm mit dem Finger vor die Brust. »Du kannst mich aber davor bewahren, sein Schicksal zu teilen, wenn ich sterbe.«
   »Wie meinst du das?« Über so ein ernstes Thema hatten sie noch nie gesprochen.
   »Leandro, ich bin steinalt und bleibe nicht ewig bei dir. Versprich mir bei deinem Leben, dass ich nicht als Mulo über die Erde wandeln muss.«
   Leandro zuckte erschrocken zusammen.
   Dann hätte er nur noch Miko.
   Würde er ohne Baba allein im Gebirge überleben können?
   Der Gedanke ließ ihn erstarren. Er zögerte. »Versprochen.« Er sah ehrfürchtig zum Gipfel des Bergrückens gegenüber, doch er sah nur rot angehauchte Wolkenfetzen im letzten Aufflammen der Abendsonne und den ersten Stern am Himmel, der in diesem Moment aufblitzte. Er wandte sich seiner Urgroßmutter zu. »Was muss ich dafür tun?«
   »Wir haben vor langer Zeit Eisenerze gefunden, erinnerst du dich?« Leandro nickte. »Besorge in den nächsten Tagen genügend Eisenspäne, die du mir nach meinem Tod in den Mund, die Ohren und die Nase stecken und zwischen die Finger streuen musst.«
   Erschrocken sprang Leandro auf und starrte Baba an. »So schnell? Ich meine, du stirbst doch nicht?«
   »Nein, ich fühle mich wohl, aber ich möchte, dass du vorbereitet bist. Der Mulo darf mich nicht erwischen.« Baba zog ihn zu sich, und Leandro setzte sich wieder.
   »Wie können wir uns denn schützen? Sollen wir etwa tatenlos darauf warten, dass er dich mitnimmt, ich meine, können wir nicht irgendetwas tun?«
   »Geh und suche, bevor es finster ist, noch ein paar Wacholderzweige. Sie wachsen in der Nähe. Lege sie in den Höhleneingang, das hält ihn erst einmal davon ab, uns nachzustellen.«
   »Und du? Was machst du, um dich vor dem Mulo zu schützen?« Leandro blickte Baba erwartungsvoll an.
   »Ich halte ihn damit in Schach.« Baba holte ein glänzendes, mit sonderbaren Zeichen versehenes Amulett unter ihrem Hemd hervor. Es schien zu leuchten, und Leandro wich erschrocken zurück.
   »Ich gehe jetzt besser«, stammelte er, stieß einen Pfiff aus und rannte in den Wald. Miko jagte hinterher, kletterte keckernd einen Baum hinauf und verschwand im Blätterdach, während Leandro über Baumwurzeln sprang und in der zunehmenden Dunkelheit nach den niedrigen Wacholderbüschen Ausschau hielt.
   Er packte beherzt zu, kümmerte sich nicht um die stacheligen Nadeln, führte mit seinem scharfen Messer einen sauberen Schnitt und legte Zweig für Zweig auf einen Haufen. Blut lief in dünnen Rinnsalen aus unzähligen Kratzern über seine Unterarme, doch Leandro hörte nicht auf. »Miko, wir dürfen nicht zulassen, dass der Mulo meine Baba holt, und wenn er hundert Mal mein Großvater ist.« Erschöpft blickte er auf die Wacholderzweige. »Meinst du, das reicht?«
   Miko keckerte und hüpfte auf den Weg zurück.
   »Also dann.« Leandro biss die Zähne zusammen, schlang die Arme um das Holz und eilte zur Höhle. Baba war nicht zu sehen. »Baba!« Er verteilte den Wacholder vor dem Höhleneingang und rannte hinein. »Baba!«
   »Reg dich nicht auf, er hat mich nicht erwischt.« Sie zwinkerte ihm zu und lachte.
   Erleichtert trat Leandro näher. »Ich habe den Eingang abgesichert, der Mulo kommt nicht rein.«
   Sie reichte ihm eine Schale Milch. »Setz dich, mein Junge, ich erzähle dir noch etwas über unsere Tradition im Umgang mit den Toten. Weißt du, die meisten von uns wurden als Kinder getauft. Dort, wo wir gelebt haben. In unserer Sippe wurden alle christlich getauft.«
   »Ich auch?«
   »Nein, du nicht, erinnere dich, ich habe dich gleich nach deiner Geburt hierher gebracht.«
   »Wenn ich kein Christ bin, was bin ich dann?«
   »Du bist mein Urenkel, der Sohn deines Vaters Alessandro Lovare und nach seinem Tod Anführer der Lovare-Sippe.«

*

»Sieh mal, wie Miko hin und her saust.« Leandro lachte und sah hinter seinem Eichhörnchen her, das geschäftig zwischen der Höhle und dem Wald umherflitzte.
   Milan zog seine Jacke enger um sich und runzelte die Stirn. »Scheinbar sammelt er schon seinen Wintervorrat. Das bedeutet, wir müssen mit einem frühen Wintereinbruch rechnen. Sobald es anfängt zu schneien, kann ich nicht mehr kommen.«
   »Haben wir denn genug für den Winter?« Besorgt blickte Leandro den Mann an, den er öfter sah als seinen Vater, da er regelmäßig zu ihnen in die Höhle kam. Ihn fröstelte plötzlich. »Es gibt keine Beeren mehr, Nüsse und Pilze habe ich genügend gesammelt. Ich finde weit und breit nichts Essbares mehr. Es gibt nur noch Bucheckern und Eicheln für Miko. Seit Stunden sitzen wir hier am See und haben nicht einen Fisch gefangen.«
   »Mach dir keine Sorgen, was ich mitgebracht habe, reicht mindestens für einen Monat. Zusammen mit euren Vorräten müsstet ihr einige Zeit auskommen.«
   »Einige Zeit? Wie lange ist das? Zwei Monate, den ganzen Winter? Kommst du, bevor wir verhungern müssen?« Leandro fuhr mit der Hand über den Boden, bekam einen Tannenzapfen zu fassen und schleuderte ihn in den Wald. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, in welcher Situation er und Baba steckten. Niemand außer seinem Vater und Milan wusste, dass sie hier in dieser Höhle hausten.
   »Leandro, mach dir nicht so viele Gedanken. Ich verlasse euch morgen bei Tagesanbruch. In ein paar Tagen bringe ich Mehl, Zucker und Kartoffeln. Wenn es das Wetter erlaubt, kann ich ja noch einmal kommen.« Der Zigeuner blickte Leandro lächelnd an. »Pack die Angelrute ein und lass uns nach Brennholz suchen. Das kann nicht schaden.«
   Leandro schnappte die Ruten und brachte sie hinauf in die Höhle. Baba saß am Feuer.
   Milan war ihm gefolgt, setzte sein Tragegestell auf den Rücken und nahm die Axt. »Baba, wir holen Holz, solange wir noch was sehen können. Kochst du uns eine Suppe?«
   Baba nickte, legte ein Buchenscheit auf das Feuer und sog an ihrer Pfeife.
   Sie liefen zurück zum See, umrundeten ihn mit großen Schritten, sprangen an einer schmalen Stelle über den Fluss und drangen in den Wald ein. Milan ging voraus und Leandro hatte Mühe, ihm zu folgen. Die Nadeln unter ihren Füßen dämpften jedes Geräusch, Schatten schienen sich ihnen in den Weg zu stellen und sie von allen Seiten zu bedrängen. Leandro fühlte sich beklommen und war froh, dass er nicht allein unterwegs war. Milan würde ihn vor den Mule schützen, dessen war er sicher.
   »Den nehmen wir.« Milans Stimme unterbrach die unnatürliche Stille. »Der ist trocken genug.« Er wies auf einen schräg an eine alte Kiefer gelehnten Stamm, der offenbar schon lange dort lag. Moos hatte sich auf der Wetterseite an der Rinde gebildet, der Regen hatte das Erdreich aus dem Wurzelballen gewaschen. Mit kräftigen Hieben zerlegte Milan den Fichtenstamm in armlange Stücke, die Leandro auf das Tragegestell schichtete.
   »Komm, wir sehen uns nach einem weiteren Baum um.« Schwer atmend schulterte Milan die Axt.
   »Den übernehme ich.«
   »Nein, mein Tschawo, das ist zu gefährlich. Nachher schlägst du dir die Axt noch ins Bein.«
   »Ich bin alt genug, es zu lernen, schließlich bin ich ja auch alt genug, auf Baba aufzupassen. Ich bin der Mann, ich trage die Verantwortung.« Milan lachte schallend. Leandro war gekränkt, doch das wollte und durfte er Milan nicht spüren lassen. Er wartete ab, bis sich der Zigeuner beruhigt hatte und die Bartspitzen nicht mehr zitterten. »Wenn du nicht wiederkommst, muss ich es ohnehin tun. Besser, du zeigst es mir, damit ich mich nicht verletze.«
   Verblüfft starrte Milan ihn an, schien zu überlegen und lächelte. »Nun, dann such dir einen Baum aus.«
   Noch nie hatte Leandro in diesem Ton mit einem Erwachsenen gesprochen. Aber er spürte, dass Milan ihm Respekt zollte. Leandro blickte sich suchend um und ging ein Stück tiefer zwischen die Nadelbäume. Er wandte sich zu Milan um, der mit der Axt auf der Schulter hinter ihm herlief und ihn anlächelte. Erleichtert, dass Milan ihm nicht böse war, schritt Leandro auf eine knorrige Kiefer zu, die einige Meter entfernt ihre kahlen Zweige ausbreitete. Es war kein Leben mehr in dem Baum, eine dünne Schicht Moos bedeckte den Stamm an der Wetterseite. »Was meinst du?«
   »Den nehmen wir.« Milan reichte ihm die Axt. Leandro packte den Griff, so wie er es bei Milan gesehen hatte, hob das Werkzeug über seinen Kopf, doch bevor er es niedersausen lassen konnte, hielt Milan seinen Arm fest. »So wird das nichts. Ich werde dir bei den ersten Schlägen helfen.« Milan leitete Leandros Arm kraftvoll gegen das Holz, wo die Axt eine tiefe Scharte hinterließ. Sie zogen den Stahl heraus, schwangen das Beil hoch über Leandros Kopf, Milan vollführte mit seinem Arm eine Drehung nach links und sie ließen die Axt erneut gegen den Stamm krachen. Ein Holzsplitter flog durch die Luft. Sie führten drei weitere Axtschläge gemeinsam aus, dann hatten sie den Kiefernstamm bis zur Hälfte durchtrennt.
   Leandro atmete schwer und spürte seine brennenden Muskeln. Doch der Ehrgeiz hatte ihn gepackt. »Du kannst loslassen.« Er schnaufte, wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und hob die Axt. Kraftlos sackte sein Arm zurück, die Klinge schlug mit einem dumpfen Poltern auf den weichen Waldboden. Wütend stampfte er mit dem Fuß auf.
   Ein Specht hämmerte wie zum Hohn an einen Baumstamm.
   Milan hielt ihn fest. »Dir fehlt die Kraft, du bist die Anstrengung nicht gewöhnt. Lass mich dir helfen. In ein paar Tagen wird es besser.«
   »Ich will den Baum allein zerteilen. Wenn du nicht da bist, habe ich auch keine Hilfe.«
   »Es wird dunkel und wir müssen die Holzscheite noch in euer Lager schaffen.«
   Resigniert zuckte Leandro mit den Schultern. Gemeinsam führten sie die Schläge gegen den Fichtenstamm aus, bis dieser in armlangen Stücken vor ihnen auf dem Boden lag.
   Sie packten das Holz auf das Tragegestell, als Leandro seine Arbeit unterbrach. »Milan, wie ist dieser Joseph eigentlich?« Milan sah ihn verständnislos an. »Ich meine dieser neue Kaiser in Österreich. Ist der auch so streng zu uns wie seine Mutter mit ihren vielen Gesetzen?«
   »Wieso fragst du ausgerechnet jetzt danach?«
   »Baba hat mir gestern erzählt, warum ich hier bin, dass sie mich schützen mussten, vor der Regierung.«
   »Der Kaiser ist ein fortschrittlich denkender Mann, doch seine Praktiken stoßen auf wenig Gegenliebe.« Milan lehnte sich gegen das Tragegestell. »In Österreich hat er alle Klöster schließen lassen, die weder Schulen unterhielten noch sich um die Kranken kümmerten. Er hat die Bauern aus der Leibeigenschaft befreit und den Adel vor den Kopf gestoßen. Doch in Ungarn ist noch immer alles beim Alten, und die Verbote gegen uns hat er nicht aufgehoben. Wir dürfen uns im Land nicht frei bewegen und keine Pferde halten. Ich darf keine Zigeunerin heiraten, und hätte ich Kinder, sie würden sie mir wegnehmen. Deshalb bist du hier.« Milan legte Leandro die Hände auf die Schultern und blickte ihn eindringlich an. »Solltest du jemals die Höhle verlassen müssen, Leandro, dann sei auf der Hut. Versteck dich und pass auf, dass du den Gadsche nicht in die Hände fällst.« Er bückte sich nach einem Holz. »Und jetzt lass uns weiterarbeiten. Es wird dunkel und Baba wartet.«
   Milan nahm das gefüllte Tragegestell auf den Rücken, und Leandro packte ihm die restlichen Holzstücke auf die ausgestreckten Arme. Er selbst trug die Axt und klemmte sich das letzte Holz unter den Arm.
   Leandro hörte die Geräusche ihrer eigenen Schritte. Milans Worte kreisten durch seine Gedanken, und ihm brannten viele Fragen auf den Lippen, doch die mussten warten, bis sie in der Höhle waren.
   Erschöpft stapften sie durch die zunehmende Finsternis. Bei der Höhle empfing sie ein verführerischer Duft. »Da seid ihr ja endlich«, begrüßte sie Baba. »Die Suppe ist fertig. Wascht euch die Hände und setzt euch ans Feuer.«

Leandro fielen die Augen zu, als er die Reste aus seiner Schüssel mit einem Brotstück wischte. Er genoss das frische Brot, das Milan mitgebracht hatte. Es würde für ein paar Tage reichen, bevor es von ihrem Speiseplan verschwand. Er stellte seine Suppenschüssel an die Seite und stand auf. »Gute Nacht.« Baba und Milan nickten ihm lächelnd zu. Er ging zu seiner Schlafecke und legte sich auf sein Strohlager. Milans und Babas Worte drangen leise vom Lagerfeuer herüber, doch er war zu müde, um sich auf das Gespräch zu konzentrieren. »Weweritzka«, murmelte er, streckte sich aus und steckte eine Haselnuss zwischen die Lippen, die er vor dem Essen noch schnell von ihrer Schale befreit hatte. Miko sprang auf Leandros linken Fuß, blieb dort einen Moment abwartend sitzen, bewegte sich langsam über sein Bein nach oben, sprang auf seinen Bauch und näherte sich Pfote für Pfote, bis sie sich in die Augen blickten. Er rollte seinen buschigen Schwanz so ein, dass er sich darauf stützen konnte, und nahm mit seinem Maul behutsam die Nuss von Leandros Lippen. Miko blinzelte und knabberte an dem Leckerbissen, während Leandro einschlief.

»Darf ich dich ein Stück begleiten?«
   Milan hatte scheinbar noch am Abend sein Tragegestell abgeräumt und die Holzstücke lagen an der Höhlenwand aufgeschichtet. Er streifte gerade seine Jacke über. »Meinetwegen kannst du bis zum großen Wasserfall mitkommen. Von dort steige ich ins Gebirge auf, da musst du umkehren.« Milan setzte das Gestell auf den Rücken und griff nach seinem Wanderstab. »Ich versuche, vor dem Wintereinbruch noch einmal wiederzukommen, Gasko, mach dir keine Sorgen.« Er reichte Baba die Hand, wandte sich ab und ging.
   »Vergiss den Tabak nicht, von dem du mir gestern Abend vorgeschwärmt hast«, rief Baba hinter ihnen her, und Leandro hörte sie noch lachen, als er hinter Milan aus der Höhle trat.
   Miko sprang an ihnen vorbei und sauste den nächstbesten Baum hinauf. Morgennebel lag im Tal, und Feuchtigkeit tropfte von den Nadeln, als sie sich vom See abwandten und langsam aber stetig bergan stiegen. Noch säumten Kiefern und Sträucher ihren Weg, das donnernde Tosen, mit dem das Wasser durch den Felsdurchlass schoss, kam beständig näher. Sie näherten sich dem Fuß des Wasserfalls und schlugen einen großen Bogen, denn die steil aufragende Wand konnte keiner erklimmen. Feiner Sprühnebel benetzte ihre Gesichter, als die Wassermassen aus dem nebelverhangenen Himmel hinter einer Felsnase verborgen ins Tal donnerten. Mit jedem Schritt, den sie sich entfernten, wurde das Getöse hinter ihnen schwächer. Der Nadelwald nahm sie wieder auf. Wortlos liefen sie nebeneinander her, bis sie nach einer Weile auf eine Lichtung traten.
   Leandro war noch nie so weit von der Höhle entfernt gewesen, und mit Staunen blickte er auf die Vielfalt, die sich vor ihm ausbreitete. Die Kiefern hatten einem Laubwald Platz gemacht. Die bunten Herbstblätter zeichneten ein bezauberndes Farbenspiel in den Nebel. In allen Schattierungen vom strahlenden Goldgelb bis zum feurig glühenden Rot leuchtete das Laub an den Bäumen und auf dem Boden. »Sieh mal Milan, wie wunderschön das ist.«
   »Die Natur ist eine wahre Künstlerin, Leandro. Sie überrascht uns im Frühjahr mit hunderten Grüntönen und malt den Herbst in den leuchtendsten Farben, bevor sie sich in den Wintermonaten ausruht und alles Leben ausgestorben scheint.« Milan blieb stehen. Er lehnte seinen Wanderstab gegen die Brust und strich mit beiden Händen seine feuchten Locken hinter die Ohren. »Vor zwei Tagen hatten die Bäume noch nicht so viele Blätter abgeworfen. Die Natur stellt sich auf den Winter ein.« Er packte seinen Stab. »Komm, wir müssen weiter.«
   Leandro blickte sich suchend nach Miko um und sah seinen Freund durch die Luft fliegen und in der Baumkrone einer gewaltigen Buche landen. Er lächelte und folgte Milan zu dem Farbenmeer. Sobald sie die Lichtung verlassen hatten und zwischen die mächtigen Stämme getreten waren, war der Zauber der Herbstfarben verflogen. Dämmerlicht empfing sie, Nebelschwaden waberten um die grauen, braunen und schwarzen feucht glänzenden Baumstämme und verliehen dem Wald eine gespenstische Atmosphäre. Leandro rechnete jeden Augenblick damit, dass irgendein verwunschenes Wesen oder sogar der rothaarige Mulo in ihren Weg treten könnte. Er verbarg seine Angst vor Milan. Der würde ihn sofort zurückschicken. An den Rückweg wagte Leandro nicht zu denken. Nicht einmal sein pelziger Freund würde ihm hier eine Hilfe sein.
   Endlich verließen sie den unheimlichen Ort und traten auf einen schmalen Pfad, der sie erneut bergan führte. In engen Kehren gewannen sie schnell an Höhe, und bald sah Leandro über die Baumwipfel hinweg. Das Donnern des Wasserfalls nahm Schritt für Schritt wieder zu, und die ersten vom Wind herangewehten Wassertropfen trafen seine erhitzte Haut. Einen Augenblick blieb er stehen und genoss den Blick auf das farbige Blätterdach, das an vielen Stellen von kahlen Ästen unterbrochen wurde. Miko kletterte an seinem Bein hoch und setzte sich auf seine Schulter. Seine Schnurrhaare streiften Leandros Wange, während er in seiner Tasche nach einer Haselnuss suchte. Miko fiepte, schnappte sich die Nuss und verschwand unter seiner Jacke.
   »He, hör auf.« Leandro lachte.
   »Was?« Milan drehte sich um und starrte ihn mit hochgezogenen Brauen an.
   »Miko kitzelt mich am Bauch.«
   »Ach so, ich dachte schon, du meintest mich.« Milan lächelte. »Dein Freund ist sehr zutraulich.« Leandro nickte und hielt schützend seine Hand vor den Bauch.
   »Nun, ich denke, es ist besser, wenn du jetzt umkehrst. Es ist nicht mehr weit bis zum Wasserfall, und ich muss mich beeilen, damit ich vor Anbruch der Dunkelheit den Pass überquert habe. Es ist eine gefährliche Stelle dort oben, und erst hinter der Höhe finde ich Schutz für die Nacht. In einigen Tagen bin ich wieder zurück.«
   »Und wenn nicht?«
   Milan sah ihn ernst an »Sollte ich nicht kommen, liegt die ganze Verantwortung bei dir. Teil die Lebensmittel gut ein und beschaffe mehr Brennholz. Achte darauf, dass du dich nicht mit der Axt verletzt. Kümmere dich um Baba und verlasse euren Unterschlupf nur in äußerster Not. In der Höhle seid ihr vor Eis und Schnee und wilden Tieren geschützt.«
   »Milan.« Leandro zögerte. Über ihm rief ein Greifvogel, und kurz beneidete Leandro den Vogel um seine Freiheit. »Wohin gehe ich, wenn ich die Höhle verlassen muss.«
   »Dazu wird es nicht kommen, mein Junge. Wir sehen uns in ein paar Tagen. Leb wohl und pass auf dich und Baba auf.« Mit diesen Worten drehte sich Milan um und eilte dem Wasserfall entgegen.
   »Leb wohl«, rief Leandro dem Zigeuner hinterher, der nach wenigen Augenblicken hinter einem Felsen verschwand.
   »Nun sind wir allein, Miko. Ich habe Angst« Er sah auf seinen Freund, der aus seinem Hemd geklettert war und ihn mit seinen schwarz funkelnden Augen ansah. »Warum? Ich befürchte, wir sehen Milan nicht wieder. Der Winter wird uns einen Streich spielen. Spürst du den kalten Wind?« Miko wandte seinen Kopf, und seine Schnurrhaare zitterten in der Brise, die auch Leandros Haare durcheinanderwirbelte. »Zeit, dass wir nach Hause gehen, Baba wartet sicher schon auf uns.«
   Leandro rannte los, wich den Steinen aus und hetzte den Pfad hinunter, geriet auf dem Geröll ins Rutschen und atmete erleichtert auf, als sie aus dem Laubwald über die Lichtung liefen und in den Tannenwald traten. Jetzt fühlte er sich sicher, die Höhle war nicht mehr weit.

»So, das war der Letzte.« Leandro stellte die Axt in die Ecke und blickte auf sein vollendetes Werk. Fein säuberlich hatte er die Baumstücke gespalten und aufgestapelt. Er wusste, dass der Vorrat nur einige Wochen reichen würde. »Großmutter, ich muss in den Wald, bevor die Wege unpassierbar werden.«
   »Es ist viel zu kalt, und es liegt Schnee.«
   »Wenn ich nicht gehe, wird es hier drinnen bald noch viel kälter sein. Ich wickle mir ein paar Lappen um die Füße, das geht schon.«
   »Hier, zieh die Stiefel von deinem Vater an.« Baba hielt ihm das warme Schuhwerk hin.
   »Nein, die sind zu wertvoll. Außerdem sind sie mir noch zu groß.«
   »Du holst dir da draußen den Tod, dann kommen die Mule und die kostbaren Lederstiefel nützen dir auch nichts mehr.«
   Leandro lachte, wickelte sich Stoffstreifen einer alten Hose um die Füße, griff nach der Axt und rannte davon.
   »Leandro«, rief Baba. Doch er reagierte nicht und lief durch den schmalen Durchbruch die Steigung zur Höhlenöffnung hinauf.
   »Brrr.« Bis über die Knöchel sackte Leandro in den Schnee. Er zog fröstelnd die Schultern hoch.
   Miko lugte aus seiner Jacke und keckerte.
   »Ja, da staunst du, nicht wahr? Es ist Winter, und glaube mir, mein Freund, das ist erst der Anfang. Ich habe es dir ja gleich gesagt, Milan kommt nicht mehr. Jetzt muss ich dafür sorgen, dass es uns an nichts fehlt. Und im Moment fehlt Brennholz. Also gehen wir in den Wald und suchen nach einem guten Baum.«
   Sie erreichten den Nadelwald, und Leandro atmete erleichtert auf. Der Schnee war in dem dichten Nadelgewirr noch nicht bis zum Boden gefallen. Er wickelte die Lappen von seinen Füßen und spielte mit den Zehen in den Nadeln. Miko sprang auf die Erde und schoss die nächstbeste Tanne hinauf, hüpfte von einem Wipfel zum nächsten und war im Nu aus seinem Blickfeld verschwunden. Leandro prüfte die Umgebung. Aber er musste noch tiefer in den Wald eindringen, bis er endlich einen passenden Baum fand, der vor scheinbar langer Zeit von einem Sturm aus dem Boden gerissen worden war und dessen Spitze sich in den Zweigen eines anderen Baumes verkeilt hatte. Er rüttelte an dem schräg liegenden Stamm und überlegte, wo er den ersten Axthieb ansetzen musste.
   Er schwang die Axt und ließ sie auf den Baumstamm niedersausen. Das Hacken der Holzscheite hatte seine Armmuskeln gestärkt. Aber die stumpf gewordene Schneide machte die Axt fast unbrauchbar, unschöne Scharten zeugten von seinen Fehlschlägen. Seine Schläge verursachten lediglich Kratzer in dem von der Kälte trockenen Kiefernholz. Bald lief ihm der Schweiß in Strömen den Rücken hinunter, und er zog seine Jacke aus. Sein Magen knurrte. Bei dem Gedanken ans Frühstück schluckte er bitter, denn das hatte aus einer halben Scheibe Brot bestanden, das seine Großmutter auf heißen Steinen gebacken hatte, dunkel, schwarz und hart. Dazu Wasser. Sie mussten ihre Vorräte einteilen, wenn sie den Winter überstehen wollten. Leandro packte ein paar Holzstämme auf seine Arme und trug sie bis zu dem Weg, von dem er abgebogen war. Dort schichtete er sie auf, ging zurück und holte den Rest. Er stieß einen Pfiff aus. Augenblicke später hörte er seinen Freund die vertrauten Laute ausrufen, dann sauste Miko kopfüber vor ihm den Stamm herunter.
   »Da bist du ja. Komm, wir bringen das Holz in die Höhle.« Er schleppte die Holzstücke nach und nach zum Höhleneingang. Mittag war längst vorbei, als er sich erschöpft ans Feuer setzte.
   »Trink, mein Junge.« Baba hielt ihm einen Becher entgegen, den sie mit einer dampfenden Flüssigkeit gefüllt hatte. Leandro schnupperte.
   »Was ist das, Baba?«
   »Ich habe getrocknete Beeren hineingetan, das schmeckt besser als pures Wasser.«
   Leandro wärmte seine Hände an dem Becher, nippte vorsichtig und spürte, wie sich die heiße Flüssigkeit in seinem Magen verteilte und die Wärme seinen ganzen Körper erfasste.
   »Magst du noch etwas essen?«
   Leandro schüttelte den Kopf. »Ich möchte erst das Holz zerkleinern und aufstapeln. Vielleicht können wir heute Abend ja ein paar Pfannkuchen machen?«
   »Wir brauchen Wasser.«
   »Gut, dann mache ich das zuerst.« Leandro leerte den Becher, nahm eine Fackel aus dem Regal, entzündete sie am Feuer, schnappte sich den Eimer, rief Miko und machte sich auf den Weg. Er hoffte, dass die Quelle noch nicht versiegt war. Spärlich leuchtete der Feuerschein seinen Weg aus. Den meisten Stalagmiten wich er instinktiv aus, da er den Weg in- und auswendig kannte. Schon von Weitem hörte er das Rauschen und atmete erleichtert auf.

»Verflixt, wie soll ich da rankommen.« Keuchend stieß Leandro die Worte gegen den harten Felsen. Er steckte mit dem Oberkörper in einer Spalte und schabte im Schein der Fackel mit seinem Messer an der Wand. Neben ihm lagen ein schwarz glänzender Felsbrocken und eine Holzschale, die er im letzten Sommer geschnitzt und mit dem feinen Sand aus dem See poliert hatte. »Eisenspäne zu suchen, ist sehr mühsam.« Er zog sich aus der Nische zurück und lehnte sich an die Felswand, angelte nach dem Krug und trank die letzten Tropfen kühles Wasser. Tagelang war er in den Höhlen herumgeirrt und hatte mithilfe des schwarzen Kristalls nach Erzen gesucht. Den Stein hatte Babas Vater in Italien am Strand gefunden. Zunächst, so hatte Baba ihm erzählt, hatte er ihn eingesteckt, weil ihm die Form so gut gefallen hatte, die Ebenmäßigkeit und das für die Größe erstaunlich hohe Gewicht. Durch Zufall hatte er später herausgefunden, dass dieser Stein Eisen anzog, wie das Licht die Mücken. Leandro brauchte die Eisenspäne, damit er Babas letzten Wunsch erfüllen konnte. Sie hatte ihm beigebracht, dass das höchste Gut der Respekt vor den Toten ist, damit sie in Frieden in der Erde ruhen konnten und nicht als ruhelose Mulo andere Menschen in Angst und Schrecken versetzten. »Hätte das Eisen einen Geruch, könntest du es für mich suchen, Miko. So bleibt mir einzig dieser magische Kristall.« Leandro hatte ins Leere gesprochen und rief nach seinem Freund. »Weweritzka!« Er lauschte. Stille umgab ihn. »Weweritzka!«
   Miko sprang keckernd heran.
   »Da bist du ja.« Leandro zog einen getrockneten Pfifferling aus seiner Tasche, teilte ihn und reichte Miko einen Bissen. Leandro steckte sein Stück sofort in den Mund und hielt es auf der Zunge. Er wartete, bis sein Speichel den Pilz aufquellen ließ und dieser seinen vollen Geschmack entfaltete, dann kaute er bedächtig, zählte im Stillen bis hundert und schluckte die breiige Masse hinunter. Er genoss das wohlige Gefühl, das sich kurz darauf in seinem Magen einstellte. Miko saß auf einem Vorsprung und beobachtete ihn. »Ich werde jetzt weitersuchen, Miko, bis die Quelle sprudelt, dann fülle ich den Krug und wir kehren zum Feuer zurück.« Er prüfte die Fackel, sie war etwa zur Hälfte heruntergebrannt. »Das Licht reicht bis dahin.« Leandro leuchtete noch einmal die Umgebung ab, umrundete eine Felsnase und sah in einer Nische einen schmalen Streifen aufblitzen. Er folgte der Ader und entdeckte einen Nebenraum, in dem er aufrecht stehen und mit ausgestreckten Armen die Wände berühren konnte. Das flackernde Licht zeigte ihm Spuren wie von einem Spinnennetz, die sich durch die gesamte Höhle zogen. Leandro griff aufgeregt nach dem Kristall, näherte sich dem Glitzern und gab seinem Ziehen nach. Der Stein schien sich an die Felswand zu klammern. Er probierte mehrere Stellen aus, überall blieb der magische Stein kleben. »Miko, ich fass es nicht!« Leandro jubelte. Er suchte nach einem Platz, an dem er sein Licht so aufstellen konnte, dass er die Hände frei hatte. Er steckte das Fackelholz in eine schmale Spalte. »Jetzt kann ich mein Versprechen einlösen, das ich Baba gegeben habe.« Glücklich über seinen Fund tanzte er lachend durch die Höhle und klatschte mit den Händen den Takt dazu. Abrupt hielt er inne. »Hoffentlich geschieht das nicht so bald.«

*

»Baba!« Leandro stürzte zum Lagerfeuer und hielt seine linke Hand in die Höhe.
   Blut strömte an seinem Unterarm entlang.
   »Was ist passiert?« Seine Urgroßmutter fing Leandro auf, der vor ihr ins Straucheln geraten war, und half ihm, sich zu setzen. Sie holte einen Krug Wasser und einen Stoffstreifen und wusch behutsam die Wunde aus, die viel kleiner war, als das strömende Blut vermuten ließ. »Ist was auf den Boden getropft? Nun sag schon!«
   »Ich wollte Eisenspäne aus der Wand kratzen und da ist das Messer abgerutscht.«
   »Ich muss wissen, ob Blut auf den Boden getropft ist? Hast du unterwegs Blutstropfen verloren?« Baba rüttelte ihn an den Schultern, und Leandro schüttelte verstört den Kopf. »In ein paar Tagen ist der Schnitt wieder verheilt. Aber diese Pause ist eine gute Gelegenheit, dir etwas über unsere Finger zu erzählen.« Sie wickelte ein Stück Stoff um den verletzten Zeigefinger, holte ihre Pfeife, stopfte eine Prise Tabak hinein, ließ sich am Feuer nieder und zündete den Tabak mit einem brennenden Holzspan an.
   Leandro stützte seinen Kopf auf die Knie und reckte den verbundenen Finger in die Luft. Miko kuschelte sich an seinen Bauch.
   »Eigentlich ist es ja Frauensache, aber ich denke es kann nicht schaden, wenn du ein bisschen über das Handlesen erfährst. Wer weiß, wofür es noch mal gut ist.« Baba zog genussvoll an ihrer Pfeife, hielt den Rauch so lange in ihrer Lunge, dass Leandro sich schon Sorgen machte, und blies ihn endlich aus. »Manche Frauen verstehen es wirklich, in den Händen zu lesen. Ich bevorzuge allerdings die Karten, wobei es in beiden Fällen nicht üblich ist, dieses Wissen gegenüber Zigeunern anzuwenden. Dass ich damals in den Karten gelesen habe, darf außer unserer Familie niemand erfahren, aber nur so konnte ich dich schützen. Wir dürfen einander nicht wahrsagen, das gäbe zu viel Streit unter uns. Also denke daran, wenn du dein geheimes Zigeunerwissen anwendest, dann, bei den Gadsche. Hast du verstanden?«
   »Ja, Baba.«
   »Was glaubst du, will ein sorgenvoller Gadsche wissen?«
   »Ich weiß nicht.«
   »Denk nach.« Baba wies mit dem Pfeifenstiel auf ihn. »Willst du wissen, dass du krank wirst? Oder dass jemand in deiner Familie stirbt? Oder dass dir ein großes Unglück geschieht?«
   »Nein, natürlich nicht.«
   »Eben, und genau das wollen die Gadsche auch nicht hören. Sie wollen über die schönen Dinge etwas erfahren, also musst du sie beobachten. Vielleicht kannst du in einem Gasthaus oder auf der Straße ein Gespräch belauschen. Hast du genug Informationen zusammen, gehst du hin und bietest ihnen deine Dienste an, lässt beiläufig ein paar Bemerkungen fallen, lügst ihnen anschließend das Blaue vom Himmel herunter und lässt dich fürstlich dafür bezahlen.«
   »Das geht?«
   »Ja, sogar sehr gut.« Baba schmunzelte.
   »So dumm können ja nur die Gadsche sein.«
   »Deswegen machen wir so gute Geschäfte. Du darfst dich nicht erwischen lassen.«
   Leandro lachte, bis ihm die Tränen über die Wangen liefen, und es dauerte eine Weile, bis er sich beruhigt hatte.
   Baba legte ein Holzscheit auf das Feuer und lächelte ihn an. »Wahrscheinlich wirst du nie in die Verlegenheit kommen, jemandem aus der Hand zu lesen, aber ich denke, dass du darüber Bescheid weißt, kann nicht schaden. Es gibt aber noch unser eigenes Wissen über die Hände, vor allem über das Wesen unserer Finger.«
   »Unsere Finger?« Leandro streckte seine unverletzte Hand aus, betrachtete sie, konnte aber nichts Ungewöhnliches daran entdecken, außer, dass die Fingernägel unterschiedlich lang waren und von einem schwarzen Rand geziert wurden.
   »Nimm zum Beispiel deinen Daumen, diesen Einzelgänger, der immer von der Hand fortstrebt, er wendet sich ab von seinem Stamm, vor allem der linke. Alle seine Wege führen ins Unglück, es sei denn, du löst ihn von einem Toten, der schon neun Tage in seinem Grab liegt, dann leuchtet der linke Daumen dem Dieb, also dir, und er versetzt die Hausbesitzer in tiefen Schlaf. Du kannst ungestört bei ihnen einsteigen und Sachen finden, die du brauchst.«
   »Großmutter, ich würde doch nie einem Toten den Daumen abschneiden«, entgegnete Leandro entrüstet und überlegte. »Aber sollte ich das doch einmal tun müssen, muss der Daumen dann von einem Zigeuner kommen? Oder reicht ein Gadschedaumen?«
   »Stiehl nie einem Zigeuner einen Teil seines Körpers, er müsste im Totenreich entsetzliche Qualen erleiden.« Baba hob ihren Zeigefinger in die Höhe. »Das ist der Finger des Glücks, er ist fröhlich, achte sorgsam darauf, ihn nicht zu verletzen. Schon ein einziger Blutstropfen, der von ihm auf die Erde fällt, wird von den Wassergeistern, den Nivaschi, aufgesogen, und du wirst eines Tages ertrinken.«
   Bestürzt blickte Leandro auf seine verletzte Hand, dachte angestrengt nach und entspannte sich mit einem Lächeln. Nein, er hatte unterwegs kein Blut verloren, dessen war er sich absolut sicher.
   »Pass gut auf deinen Mittelfinger auf. Verlierst du ihn als Kind …«
   »Dazu bin ich schon zu groß.«
   »… dann kehrst du als Vampir zurück. Du bist noch nicht groß genug und der Gefahr noch nicht entronnen. Achte also auf diesen Finger.«
   Leandro wurde blass. »Wann ist die Gefahr vorbei?«
   »Wenn du so alt bist, dass dir ein Bart wächst.« Baba lächelte ihn liebevoll an. »Das wird wohl noch ein paar Jahre dauern, Tschawo!« Sie zog an ihrer Pfeife und schickte den Rauch an die Höhlendecke. »Solltest du im Laufe deines Lebens deinen Mittelfinger verlieren, dann sorge stets dafür, dass du einen hölzernen in der Tasche hast oder jemand einen in dein Grab legt, sonst kommst du nicht zur Ruhe. Nun, ich wünsche dir, dass du unversehrt zu Tode kommst, also ich meine, dass du in einem stattlichen Alter, vielleicht im Schlaf, stirbst, dann brauchst du dir über deine Finger keine Gedanken machen. Sieh her, ich habe auch noch alle, und ich habe, weiß der Himmel, ein sehr aufregendes und ereignisreiches Leben geführt.«
   »Also, wir haben jetzt den Daumen, den Zeigefinger und den Mittelfinger. Was ist mit den anderen beiden? Dem Ringfinger und dem kleinen Finger? Haben die keine Bedeutung?«
   »Sei nicht so ungeduldig, wir sind mit dem Mittelfinger noch nicht fertig. Der Mittelfinger ist wichtig, wenn du jemanden aus den Augen verloren hast.«
   »Kann ich meine Schwester wiederfinden?«
   »Das kommt darauf an, ob du die Zeichen richtig deuten kannst. Lass drei Blutstropfen aus deinem linken Mittelfinger auf den Nagel deines rechten fallen. Die Flecken und ihre Beschaffenheit verraten dir die Antwort.«
   »Dann mach ich das am Besten gleich, damit ich weiß, wo ich Alessandra finde.«
   »Das nützt dir jetzt nichts, mein Junge, du kommst hier nicht weg. Es ist Winter. Warte, bis du die Höhle verlassen und dich auf die Suche nach ihr begeben kannst.« Sie erhob sich und holte zwei Schüsseln. »Lass uns erst essen, danach erzähle ich dir noch etwas über die beiden letzten Finger.«
   »Ach, Baba, ich bin viel zu neugierig. Komm, bitte erkläre mir, wofür der Ringfinger und der kleine Finger da sind.«
   »Also gut.« Sie setzte sich und stellte die Schüsseln auf dem Boden ab. »Der Ringfinger hilft uns bei Krankheiten, er ist unser Arzt. Bei Fieber umwickelst du ihn mit einem roten Faden, und der Fieberschweiß zieht sich durch die Poren wieder zurück. Und nun zu unserem Kleinsten. Der ist vorlaut und stiehlt.«
   »Wie eine Kaschkeraka?«
   »Genau, wie eine Elster, so nennen wir ihn auch, weil wir mit ihm kleine wertvolle Gegenstände unauffällig verschwinden lassen können. Kannst es ja mal versuchen.« Baba nahm eine Schüssel und füllte Suppe hinein. »Jetzt wird gegessen.«

Mühsam kratzte Leandro in den nächsten Wochen Späne aus der Erzader, und mit jedem Tag wurde die Klinge seines Messers schmaler. Eines Tages hielt er seiner Urgroßmutter die Schale hin. »Meinst du, das reicht, um die Mule von dir fernzuhalten?«
   »Ja, wenn du sie gleichmäßig verteilst, wagt sich kein Mulo an mich heran. Stell sie auf das Regal und bring Heu für Kolta mit. Sie hat seit gestern nichts mehr zu fressen gehabt, und ihre Milch brauchen wir zum Überleben.«
   »Wir haben kein Heu mehr, Großmutter.«
   Das Knistern der brennenden Holzscheite unterbrach die Stille.
   »Gibt es noch Früchte?«
   »Schon, aber die brauchen wir für uns, denke ich.«
   Leandro sah seine Urgroßmutter verzweifelt an, er hatte eine dunkle Ahnung, was nun auf sie zukommen würde, und er versuchte, den Gedanken zu verdrängen.
   »Zehn Jahre hat Kolta uns begleitet und mit ihrer Milch ernährt. Jetzt muss sie uns über den Winter retten.« Baba griff nach einem Messer und ging auf die Ziege zu.
   »Nein! Das kannst du nicht tun!«
   »Geh Wasser holen, Tschawo.«
   Leandro schnappte den Eimer, pfiff nach Miko und stürmte mit einer brennenden Fackel in der Hand aus der Höhle.

*

»Komm, meine Gute, wir brauchen dein Fleisch. Hoffentlich ist es nicht zu zäh. Bist ja schließlich keine junge Schönheit mehr.«
   »Mäh.«
   »Ist ja gut.« Beruhigend klopfte Gasko der Ziege auf den Hals, dann raffte sie die Decke zur Seite, führte das Tier durch den Durchgang und trieb es voran. Sie war erst vor einigen Tagen hier oben gewesen. Ihre alten Knochen wollten sie nicht mehr so recht tragen, und sie musste schnaufen. Die Arbeit, die nun vor ihr lag, würde ihr das letzte bisschen Kraft rauben, das noch in ihr steckte. Entsetzt blieb sie am Höhleneingang stehen. Der Schnee wehte bis in den Vorraum hinein, und dort, wo die Felsen die Öffnung begrenzten, lag er hüfthoch. Eine kalte Sonne verwandelte die Oberfläche in gleißendes Licht, und Gasko kniff ihre Augen vor der ungewohnten Helligkeit zusammen. Aus ihrer riesigen Rocktasche zog sie Pfeife, Zunder, Zunderschwamm, Feuersteine und den Tabaksbeutel, stopfte den Tabak fest in den Pfeifenkopf und zündete ihn mit einem gekonnten Funkenschlag an. Zufrieden sog sie den Rauch in ihre Lunge, blies ihn in feinen Kringeln an die Höhlendecke und kaute auf dem Pfeifenstiel herum, um Zeit zu schinden. »Kolta mein Mädchen, wir machen es kurz, glaub mir, es bricht mir das Herz, aber bevor wir unser Leben beenden, beenden wir lieber das Leben eines Tieres, um nicht zu verhungern. Du verstehst doch, dass ich den Tschawo bei diesem Wetter nicht in den Wald schicken kann? Die meisten Tiere halten ihren Winterschlaf, und es fehlt ihm an Geschicklichkeit und Ausdauer. Er kann nicht stundenlang im Schnee nach einem mageren Kaninchen auf der Lauer liegen, und womit sollte er es jagen? Kolta, sei gewiss, mit deinem Fleisch werden wir den Winter überstehen, und in unseren Geschichten und unseren Herzen wirst du weiterleben.«
   »Mäh.«
   »Ich wusste es.« Sie strich der Ziege über die Brust und stach zu.
   Das Blut schoss pulsierend aus der Stichwunde, und Gasko hielt ihren Hals umklammert, bis der Ziege vor Schwäche die Vorderbeine einknickten, das Hinterteil wegsackte und sie schließlich auf dem Boden lag. Aus großen braunen Augen starrte das Tier sie an, und Gasko spürte einen dicken Kloß im Hals. Sie streichelte ihre Weggefährtin, bis der letzte Atemzug getan, bis die letzte Luft aus ihren Lungen gewichen war.
   »Danke, Kolta.« Gasko setzte zielstrebig das Messer an, öffnete den Bauch, entfernte die Innereien und zerlegte das Tier mit sauber durchgeführten Schnitten. Die Fleischbrocken warf sie in den Schnee. Ihr wurde warm, und bald rann der Schweiß über ihren Rücken und nahm ihr brennend die Sicht. Als sie ihre Arbeit beendet hatte, bahnte sie sich einen Weg nach draußen und vergrub die Gedärme dreißig Schritte von der Höhle entfernt unter einer dicken Schneedecke. Bis auf ein Fleischstück bedeckte sie alle anderen Brocken mit einer dichten Schneeschicht. Das Fleisch würde gefrieren, und nach und nach konnten sie sich bedienen. Gasko wusch ihre Hände und achtete darauf, dass sie keine Blutspuren hinterließ. Sie wollte nichts und niemanden anlocken. Dann säuberte sie das Messer, hob das Stück Fleisch auf und ging zum Feuer zurück.
   Sie stellte einen Kochtopf mit Wasser in die Glut, legte das Fleisch hinein und suchte aus den Vorratsregalen ein paar Pilze, getrocknete Möhren, die letzten, die Milan ihnen gebracht hatte, und fand noch eine Knoblauchknolle, aus der sie zwei Zehen brach. Sie löste die Schale von den Knoblauchzehen und warf sie mit dem Gemüse und ein paar trockenen Kräutern in das mittlerweile kochende Wasser, zog den Topf ein wenig an die Seite, dass er noch genug Hitze bekam, und setzte sich schwer atmend auf ihre Matte. Von Leandro war weit und breit nichts zu sehen. Er würde sich schon wieder beruhigen. Sie kaute auf ihrem Pfeifenstiel, zog die Tarotkarten hervor und breitete sie auf dem Boden aus.

*

Leandro hatte sich mit Miko an seinen Geheimplatz, den Feengarten, zurückgezogen. Er saß in der Nähe des Teiches, die Fackel warf gedämpftes Licht auf die Höhlenwände und spiegelte sich im Wasser. Seit einer ganzen Weile versuchte er, Miko ein neues Kunststück beizubringen, doch mit seinen Gedanken weilte er bei Kolta, die ihm im Winter ihre Wärme gespendet hatte, als er noch ein kleiner Junge gewesen war.
   Miko keckerte. Leandro reagierte nicht, und plötzlich spürte er einen zwickenden Schmerz an seinem rechten Ohr. Das Eichhörnchen saß auf seiner Schulter und knabberte an seinem Ohrläppchen.
   »Miko, hör auf!« Er vertrieb seinen Freund, hob den Arm und schleuderte den runden Gegenstand, mit dem er die ganze Zeit in seinen Händen gespielt hatte, in die dunklen Tiefen der Höhle. »Los, such die Nuss«, rief er, als das Klackern der harten Schale auf den Felsen verstummt war.
   Kolta tat ihm leid, aber er wusste, dass sie ohne ihr Fleisch den Winter nicht überleben würden, falls es überhaupt genießbar war. Er seufzte und blickte auf, als Miko vor ihm auf seinen Hinterfüßen stand und fiepte.
   »Ist schon gut, mein Freund, ich bin traurig wegen Kolta. Du kannst von Glück sagen, dass wir keine Weweritzkas essen, und wenn, würde ich dich mit meinem Leben verteidigen und niemals zulassen, dass dir etwas geschieht. Nie in meinem Leben werde ich einem Weweritzka etwas zuleide tun, das verspreche ich dir, und wenn ich verhungern muss. Sanft setzte er Miko auf den Arm und streichelte das weiche Fell. Das Eichhörnchen kuschelte sich an seine Brust, und die Schnurrhaare zitterten vor Wonne.
   Nach einer Weile befreite sich Miko, sprang auf den Boden und sauste wie der Wind die steilen Felswände hinauf, lugte von einem Sims zu Leandro herunter und kletterte über einen Vorsprung.
   »Lauf nicht zu weit weg, mein Freund!« Er zog sein Messer aus dem Hosenbund, nahm die Fackel und suchte die Wände ab. Von dem strahlenden Glitzern der unterschiedlichen Mineralien ließ er sich nicht täuschen. Langsam bog er um einen Felsvorsprung und leuchtete in eine etwa handbreite Nische. Der Atem stockte ihm, der Glanz blendete ihn. Erneut war er auf eine Goldader gestoßen. Er dachte an den Augenblick zurück, als er diese schimmernde Substanz entdeckt hatte. Damals hatte er nicht gewusst, wie wertvoll sie war. Er hatte seinen Vater gefragt, der bei seinem letzten Besuch einen gelb glänzenden Ohrring getragen hatte.
   »Das ist pures Gold, mein Junge, das teuerste Metall, das ich kenne. Die Gadsche machen daraus viele schöne Dinge, und Mauro, dein Onkel, hat nun auch begonnen, goldene Ringe und Armreifen herzustellen. Es schmilzt schon in der glühenden Kohle, und es ist in festem Zustand immer noch weich genug, dass du es formen oder mit einer spitzen Nadel ein Muster einritzen kannst. Die Gadsche zahlen gutes Geld für den Schmuck«, hatte sein Vater gesagt.
   Mit dem Ruß der Flamme markierte Leandro die Stelle, befestigte die Fackel in einer schmalen Ritze und grub mit seinem scharfen Messer winzige Klumpen und manchmal sogar kleine Brocken aus den Felsen, sammelte sie in seinem Kästchen. Sein schwarzer, glänzender Stein nützte ihm hier nichts. Die Metallstücke blieben nicht daran haften wie die Eisenspäne, waren jedoch groß genug, dass er sie vom Boden aufsammeln konnte. Vielleicht ergab sich einmal die Gelegenheit, sie zu einem Stück zusammenzuschmelzen. Andererseits würde sich ein kleiner Goldbrocken wahrscheinlich besser verkaufen lassen und nicht so viel Aufmerksamkeit auf ihn lenken. Sein Vater hatte ihm erzählt, dass die Gadsche sehr misstrauisch waren und nicht gern Geschäfte mit Zigeunern machten. Und mit einem Jungen sicher erst recht nicht. Dann würde er eben warten müssen, bis er ein Mann geworden war. Wie auch immer, es konnte nicht schaden, einen ausreichenden Vorrat davon zu haben.
   Miko keckerte.
   Leandro schreckte aus seinen Gedanken auf und blickte sich nach seinem Freund um, dabei nahm er aus dem Augenwinkel wahr, wie weit seine Fackel schon heruntergebrannt war.
   »Danke, Miko, du hast recht, es wird Zeit, dass wir gehen.«
   Er schloss das Kästchen, steckte es unter sein Hemd, zog den Fackelstab aus der Ritze, und sie verließen den Feengarten.

»Denk einfach nicht dran und iss.« Baba schob ihm seine Schüssel zu und widmete sich ihrem Essen.
   Leandro starrte auf die dünne Suppe, die kleinen Gemüsestreifen und mit Widerwillen auf die Fleischbrocken, die seit dem Vorabend in dem Sud kochten. Er schnupperte, tauchte seinen Löffel ein, zögerte.
   »Nun iss, Tschawo, du hast doch Hunger.«
   »Ich muss immer noch daran denken, dass das Fleisch von Kolta stammt.«
   »Statt zu meckern, solltest du es genießen. Der nächste Sonntagsbraten muss vom ersten Stück Wild kommen, das du im Frühjahr in deinen Fallen erlegst.« Baba blickte ihn streng an.
   »Falls wir das noch erleben.« Leandro schob den Löffel in den Mund.

Niemand hatte sich an ihre Fleischvorräte herangemacht, keine hungrigen Wölfe strichen in der Nähe herum, und so hatten sie ein paar Wochen dank Koltas Fleisch überlebt. Nun blieb ihnen noch etwas Brühe aus den Knochen, doch der Zeitpunkt war abzusehen, ab dem sie würden hungern müssen. Dabei hatte Baba die Mahlzeiten schon gestreckt, und sie hielten sich mehr mit heißem Kräutertee über Wasser als mit fester Nahrung. Leandro zog seine Flöte heraus und setzte sie an die Lippen, schloss die Augen und blies sachte in das Rohr. Seine Melodie hätte Eis zum Schmelzen bringen können, und er spürte den Tönen nach, wie sie unendliche Höhen erklommen, um von dort in dunkle Tiefen abzustürzen. Hier und da machte er einen trillernden Schlenker, zog einen Ton in die Länge und ließ die Finger tanzen. Er blinzelte zu seiner Urgroßmutter hinüber, die unbeweglich am Feuer saß und an ihrer kalten Pfeife sog. Der Tabak war schon vor Tagen ausgegangen.

Gelähmt vor Schreck blieb er stehen, der Schrei erstarb in seiner Kehle. Vor ihm, etwa eine Ziegenlänge entfernt, lag ein unförmiges Bündel auf dem nackten Felsen. »Gasko!« Er stürmte vorwärts. Tränen rannen über seine Wangen, als er hilflos, das brennende Holz in einer Hand, neben seiner Baba kniete. »Gasko, aufwachen!«
   Sie rührte sich nicht. Er befestigte die Fackel in einem Felsspalt und rüttelte sanft ihre Schulter. Aus ihrer starren Haltung befreit, sackte sie zurück und lag jetzt auf dem Rücken, die Augen flatterten hinter den geschlossenen Lidern, der Atem entrang sich stoßweise keuchend ihrer Brust.
   »Baba, bitte, rede mit mir«, flehte er mit tränenerstickter Stimme.
   Die Augenlider seiner Urgroßmutter flackerten, und er stützte ihren Kopf.
   »Wo, wo bin ich?«
   »Vor dem Höhlenausgang. Was hast du hier gesucht? Was ist passiert?«
   »Ich kann mich nicht erinnern. Ich fühlte mich nicht gut, und ich dachte, frische Luft würde mir helfen, aber der Ausgang ist …, mehr weiß ich nicht.«
   »Hast du Schmerzen?«
   »Mein linkes Bein.«
   Erst jetzt sah Leandro, dass seine Baba auf den einzigen aus dem Boden hervorstehenden, kindskopfgroßen Stein in dem langen Gang gefallen war.
   »O Gasko, hättest du dir nicht einen anderen Platz aussuchen können? Warum ausgerechnet dieser vermaledeite Stolperstein, der dir in der letzten Zeit dauernd im Weg lag?« Er spürte die tiefe Verzweiflung seiner Urgroßmutter, und er befürchtete, dass er ihr nicht helfen konnte.
   Er würde einen Weg finden müssen, um sie in die Nähe des Feuers zu bringen, sonst würde sie erfrieren. Er sah sich ratlos um und erstarrte, denn es drang kein Licht mehr in die Höhle, dabei war es seiner Schätzung nach erst Mittag. Er riss die Fackel aus dem Spalt, rannte die wenigen Schritte den Gang hinunter und hielt die Flamme gegen den Ausgang gerichtet; der Feuerschein fiel auf eine kristallweiße Wand aus Eis und Schnee. Vor zwei Tagen hatte er an dieser Stelle eine ungehinderte Aussicht auf die Landschaft gehabt. Der Winter war zu seinem Entsetzen zurückgekehrt und hatte ungeheure Schneemassen über ihrem Tal abgeworfen. Leandro bohrte mit dem Finger in die Schneewand, vergrößerte das Loch, bis seine Hand hineinpasste, kratzte, stocherte und schaufelte in der eisigen Masse, und als sein Arm bis zur Schulter verschwunden war, gab er auf. Die Kälte ließ seine Glieder erstarren. Es gab durch diese Schneedecke kein Durchkommen.
   Wann würde Milan kommen? Er hatte vor einer Woche überraschend Kartoffeln, Möhren und Rüben, etwas Schinken und Wurst gebracht, gerade rechtzeitig hatte er sie vor dem Verhungern bewahrt. Jetzt hatten sie genug für die nächsten drei Wochen, aber das Feuerholz reichte auch nicht länger, und das wiederum bereitete ihm große Sorgen. Er steckte seine eiskalten Fingerspitzen unter die Achseln, um sie aufzuwärmen und ging zu seiner Urgroßmutter zurück. »Du musst zum Feuer.«
   »Kolta«, flüsterte die Gasko. »Hol Kolta.«
   »Kolta, Kolta! Es gibt keine Kolta mehr. Wir haben sie aufgegessen, weißt du das nicht mehr? Hast du das vergessen?«
   »Achte auf deine Worte, erzürne die Mule nicht.«
   Ahnungslos, wie er in dieser Situation handeln sollte, spielte Leandro fieberhaft alle Möglichkeiten durch, die ihm einfielen. Würde er das Feuer in der Nähe seiner Urgroßmutter entfachen, würde sie liegen bleiben können. Doch sie hatten nicht genügend Holz, sie wäre trotzdem der Eiseskälte ausgeliefert. Er stutzte, panisch feuchtete er einen Finger an, streckte ihn nach oben, wartete bange Sekunden, bis die Gewissheit ihn traf wie ein Keulenhieb: kein Lüftchen regte sich. Der Schnee verstopfte den Ausgang, sperrte den lebenswichtigen Sauerstoff aus. Würden sie qualvoll ersticken, unbemerkt in dieser Einsamkeit? Er sah sich ängstlich um, und die Erkenntnis, dass Milan sie frühestens nach der Schneeschmelze entdecken würde, jagte ihm einen Schauder über den Rücken.
   Er lebte seit fast zehn Jahren mit seiner Baba an diesem Ort. Doch noch nie hatte er der Höhle so große Aufmerksamkeit geschenkt wie in diesem Augenblick, in einer lebensbedrohlichen Situation. Er würde schnell handeln müssen. Gasko war gestürzt, ihr Leben war nicht bedroht, aber er würde sich beeilen müssen, sie lag schon zu lange auf dem kalten Boden.
   Alles Grübeln half nicht, er kam der Lösung nicht einen Schritt näher. Unschlüssig nahm er die Fackel, sah zu seiner Baba, die mit geschlossenen Augen auf dem nackten Felsen lag, pfiff nach Miko, obschon ihm nicht klar war, in welcher Weise das Eichhörnchen ihm nutzen konnte. Seine Anwesenheit beruhigte ihn aber zumindest, und er ging zurück zu ihrem Lagerplatz. Leandro hoffte, dass er auf dem Weg dorthin die entscheidende Idee haben würde.

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