Annika Hansen ist eine kontrollierte, rational denkende Krankenschwester, die nicht an Schicksal glaubt. Bis ausgerechnet der Mann, den sie wie keinen anderen hasst, nach einem Motorradunfall auf ihrer Station landet: Thomas Holthusen, verantwortlich für das große Desaster in ihrem Leben. Was für eine wunderbare Gelegenheit, sich an dem hilflosen und völlig ahnungslosen Patienten zu rächen. Da wird er schon mal kurzerhand in die Leichenkammer gesperrt, betäubt, sein Laptop zerstört und zu guter Letzt schiebt sie dem Journalisten auch noch eine uneheliche Tochter unter. Womit Annika allerdings nicht gerechnet hat, ist sein wachsendes Interesse an ihr und ihre eigenen, ungewohnten und lästigen Emotionen. Er überlebt ihre »Pflege«, doch seine Versuche, Gefühle in ihr zu wecken, scheitern. Als sie selbst zur Patientin wird, wendet sich das Blatt …

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ISBN: 978-9963-52-739-7

Seiten: 327

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Annette Schmitz

Annette Schmitz
Annette Schmitz hat ihre Wurzeln in Bremen, der Hansestadt mit dem maritimen Flair. Sie ging als Krankenschwester nach Afrika, studierte Biologie und begann, als Ausgleich zu wissenschaftlichen Texten Unterhaltungsromane zu schreiben. Ihre bisherigen „Forschungsergebnisse Mensch“ stellt sie in heiteren, spannenden und zugleich berührenden Liebesromanen dar. Um ihren Protagonistinnen ein Happy End zu sichern, bewaffnet sie sie mit Charme, Schlagfertigkeit oder einfach Authentizität. „Gefährlich verliebt – Bin mal kurz die Welt retten“ (2014), „Liebevolle Rache – Eine Gleichung mit zwei Unbekannten“ (2015),  „Diese eine Liebe - Wellentänzer" (2016)“, „Kribbeln im Bauch - Gut verdrängt ist halb vergessen“ (2016), „Jetzt Mal Hand aufs Herz“ (2017).

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Leseprobe

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Erster Teil



Eins


Wahrscheinlich war er nach links gestürzt und weit über den Asphalt gerutscht. Die Haut war von der Schulter bis hinunter zu den Fingern blutig aufgeschrammt, seine linke Gesichtshälfte war so angeschwollen, dass vom Auge kaum noch etwas zu erkennen war. Ich schob den rechten Ärmel seines Flügelhemdes hoch, band die Blutdruckmanschette um und pumpte, bis es knarrte. Der Wert war niedrig, kein Wunder, er hatte viel Blut verloren. Er schien nicht mehr so tief zu schlafen wie noch vor einer Stunde, als wir ihn vom Aufwachraum übernommen hatten. Eigentlich hätte er noch einige Stunden intensiv beobachtet werden müssen, aber Lutz, unser Stationsarzt und im Moment der Diensthabende, wollte Platz schaffen. Es war Freitagnachmittag, ein ausklingender lauer Sommertag, genau richtig für Motorradfahrer und Grillamateure – ­gefährliche Tätigkeiten für Männer.
   Ich betrachtete die Gestalt, die weit weg im Narkosehimmel schwebte. Sobald die Anästhesie nachließ, würden die Schmerzen kommen sowie eine schmerzhafte, monatelange Odyssee von Nachbehandlungen.
   Seine Haare klebten aneinander, das Blond war dunkel vor Dreck und Blut. Schon als er auf Station gekommen war, hätte ich ihm das Gesicht sauber machen können, so viel Zeit war immer. Normalerweise legte ich viel Wert auf saubere Patienten.
   Beim Anblick seines verletzten, hilflosen Körpers überkam mich ein eigenartiges, warmes Gefühl der Zufriedenheit. Was er jetzt sah oder hörte, er würde sich später nicht mehr daran erinnern können.
   Ich beugte mich über ihn. »Wir haben noch eine Rechnung offen, Thomas Holthusen. Du hast keine Ahnung, wie sehr du noch leiden wirst. Dafür werde ich sorgen.« Als hätte er mich verstanden, flatterten seine Augenlider kurz.
   In dem Moment ging die Badezimmertür auf und eine Stütze wurde sichtbar. Dann ein Fuß. Eine zweite Stütze. Schließlich schob sich der Rest eines schlaksigen Körpers ins Zimmer. Schnell richtete ich mich auf. Kai war mit seinen fünfzehn Jahren beinahe einen Meter achtzig groß und seine seltsamen Proportionen ließen vermuten, dass er noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht hatte. Seit vier Tagen lag er auf meiner Station, nachdem er beim Fußball Bekanntschaft mit den Stollen seines Gegners gemacht hatte.
   »Du sollst nicht allein aufstehen.«
   »Wieso, geht doch.« Wie die meisten Teenager hörte er in erster Linie auf seine Hormone, und die sagten, vertrau deiner Kraft und deinem Glück. Irgendwann würde sein Verstand ein Wörtchen mitzureden haben. Aber noch nicht. Er humpelte mit seiner unorthodoxen Vierpfotengangtechnik auf mich zu, etwa wie ein Dromedar. Unsere Krankengymnastin hatte ihm erklärt, wie man die Stützen benutzen musste, – und sie war gut im Erklären, brachte sogar Achtzigjährige dazu, sich wieder zu bewegen – aber Kai war nicht besonders schlau. Davon zeugte auch sein Versuch, mit der Fernbedienung des Fernsehers telefonieren zu wollen.
   »Ist er aufgewacht?« Er warf einen neugierigen Blick auf seinen Nachbarn.
   »Der schläft noch ein paar Stunden.« Ich half ihm ins Bett, stellte sein Kopfende hoch und schob den aufgeklappten Nachttisch dicht vor ihn, in der Hoffnung, ihn damit vom Aufstehen abzuhalten. Er sah mir zu, wie ich die Schläuche und Flaschen, die unter der Decke des Frischoperierten hervorragten, sortierte und ihre Werte ablas.
   »Mann, das sind echt viele! Ich hatte nur eine. Wofür sind die alle?«
   »Die sorgen dafür, dass das restliche Blut abfließen kann. Und was das ist, kannst du dir bestimmt denken.« Ich deutete auf den Urinbeutel.
   »Zum Glück hatte ich so was nicht.« Er zog eine unbehagliche Grimasse. »Soll ich klingeln, wenn in den Flaschen nichts mehr drin ist?«
   Die kleinere Infusion mit dem Antibiotikum war bald leer. »Ja, das wäre mir eine große Hilfe. Mach deine Musik nicht zu laut.« Ich sammelte meine Sachen ein, schaltete die Anwesenheitstaste aus, rieb meine Hände mit der Desinfektionslösung aus dem Spender an der Tür gründlich ein und ging.

Udo, Sabrina und ich saßen im Stationszimmer und machten Pause. Als es klingelte, raffte sich Sabrina sofort auf und trampelte mit großen Schritten hinaus auf den Flur. Sie war im ersten Lehrjahr, ein übergewichtiges, neunzehnjähriges Mädchen, das langsam lernte und mich mit ihrem dicken Pferdeschwanz und den stämmigen Unterschenkeln an einen behäbigen Ackergaul erinnerte. Manchmal wunderte ich mich über ihre Weltfremdheit, ihre Naivität. Ironie verstand sie überhaupt nicht, was besonders Udo zu boshaften Bemerkungen verleitete. Aber die Patienten mochten sie, ihre geduldige, einfache Art. Sie war verträumt und vergaß oft die Zeit, wenn sie am Bett eines Patienten stand. Ich hatte ihr schon tausend Mal gesagt, dass sie die Anwesenheitslampe einschalten musste, weil ich einfach keine Zeit dafür hatte, ständig durch die Zimmer zu laufen, um sie zu suchen.
   »Bestimmt Frau Seidel. Immer wenn wir uns gerade setzen, muss sie aufs Klo.« Udo war Mitte fünfzig und unser einziger Pfleger. Er stammte ursprünglich aus Bochum und hatte in seiner Jugend im Bergbau gearbeitet. Von der typischen rheinländischen Frohnatur war bei ihm nicht viel zu erkennen. Er war zwar nicht so mürrisch, wie es seine tief hinabhängenden Mundwinkel andeuteten, aber er vermied es, sich mehr als nötig zu bewegen. Außerdem verschwand er als Raucher häufig und lange auf dem kleinen Balkon, sodass andere seine Arbeit mitmachen mussten.
   Ich blätterte die Krankenakte unseres Neuzugangs durch. Sabrina kam zurück, ihre Schritte klangen wie kleine Erdbeben.
   »Annika.« In ihrer Stimme schwang Aufregung mit. »Der Motorradunfall hat solche Schmerzen.«
   Ich legte die Akte beiseite. »Ist er wach? Hat er gesagt, er hat Schmerzen?«
   »Er hat gestöhnt. Der Arme.« Sabrinas Tonfall war mitleidig. »Bestimmt ist er ganz durcheinander.«
   »Ich gebe ihm eine Spritze.« Udo bewegte sich offenbar lieber für eine Spritze, als um eine Frau Seidel auf die Toilette zu begleiten. Frau Seidel war über achtzig, sowohl vom Alter als auch vom Gewicht, und seit ihrer Hüftoperation ein bisschen durch den Wind. »Was soll er bekommen?«
   Ich wandte mich an Sabrina. »Wie ist sein Blutdruck?«
   »Oh. Den hab ich noch nicht gemessen.«
   »Was ist mit der Infusion?«
   Ihre Stimme wurde leiser. »War fast durch.«
   »Hast du sie abgedreht?« Ich blickte auf ihren gesenkten Kopf mit dem breiten Nacken und fragte mich zum wiederholten Mal, ob da drinnen überhaupt jemand zu Hause war. »Ich sehe nach.« Ich griff nach dem Blutdruckgerät.
   Kai hatte seine heiß geliebte Playstation vor sich und Kopfhörer auf. Holthusen war wach und hatte etwas mehr Farbe im Gesicht. Als ich an sein Bett trat, drehte er vorsichtig den Kopf. Sein linkes Auge war noch immer zugeschwollen, die Lider seines rechten flimmerten vor Müdigkeit.
   »Ich hatte einen Unfall?« Seine Stimme klang rau, eine normale Folge der Intubation.
   Ich nickte.
   »Ich kann mich nicht erinnern.« Er räusperte sich. »Ist es … sehr schlimm?«
   »Wie mans nimmt.«
   »Bin ich gelähmt?« Er war keineswegs so durcheinander, wie Sabrina vermutet hatte. Ich spürte seine Anspannung, sein verzweifeltes Warten auf eine Antwort.
   »Können Sie Ihre Beine bewegen?« Er war am linken Unterschenkel operiert worden, das Bein lag in einer Schiene. Unwahrscheinlich, dass er es heben konnte. Mühsam versuchte er, an sich hinabzusehen. Es dauerte, dann hob sich langsam das rechte Knie, das linke bewegte sich nicht. »Mein Bein!«
   »Geht nicht? Hm.«
   Er versuchte es noch einmal. »Ich spüre meine Zehen. Gott sei Dank.« Für einen Moment schloss er vor Erleichterung die Augen.
   »Sie sollten trotzdem vorsichtig sein. Manchmal treten Lähmungen verzögert auf, eine falsche Bewegung und es ist vorbei.«
   Er ließ den Kopf zurück ins Kissen sinken. »Ich darf mich nicht bewegen?«, fragte er entsetzt. »Auch nicht den Kopf?«
   »Besser nicht.«
   Sein Brustkorb hob und senkte sich vorsichtig. »Mein Bein tut weh. Und mein Kopf, mein Bauch. Einfach alles.«
   »Das ist normal, Sie sind operiert worden. Unser Arzt wird später zu Ihnen kommen und Ihnen alles erklären.«
   »Kann ich etwas gegen die Schmerzen haben?«
   Ich betrachtete die Infusion, die letzten Tropfen fielen in den Schlauch. »In der Flasche ist ein Schmerzmittel.« Ich drehte das Ventil zu. »Zu viele davon senken den Blutdruck und schränken die Atmung ein. Das kann bis zum Atemstillstand führen. Ich an Ihrer Stelle würde noch warten.«
   »Okay.« Er schloss die Augen, als ob er sich hypnotisieren wollte. »Kann ich vielleicht etwas trinken?«
   »Später. Sie sind an der Milz operiert worden, im Bauchraum. Aber ich kann Ihnen den Mund auswischen.« Ich nahm einen Wattetupfer, klemmte ihn in eine Zange und tauchte das Gebilde in den Schnabelbecher mit Pfefferminztee. Er schien wirklich Durst zu haben, er saugte die ganze Flüssigkeit aus der Watte heraus.
   »Das hat gut getan, Schwester«, sagte er beinahe glücklich. »Danke. Kann ich diesen furchtbaren Strumpf ausziehen? Es ist so warm.«
   Gut nachvollziehbar, das Zimmer war von der Nachmittagssonne ordentlich aufgeheizt worden. »Den müssen Sie anbehalten, tut mir leid. Hier ist die Klingel, wenn etwas sein sollte.« Ich hängte sie außer Reichweite. Als ich das Zimmer verließ, döste er schon wieder vor sich hin.

Im Stationszimmer war inzwischen Lutz aufgetaucht. Er saß auf meinem Platz und aß von dem Kuchen, den eine Patientin zu ihrer Entlassung ausgegeben hatte. Hätte Doktor Lutz Wunderlich keinen weißen Arztkittel getragen, wäre seine Attraktivität die eines normalen Busfahrers oder Vertreters gewesen. Er war mittelgroß, mit zu wenig Haaren und zu viel Bauch, dafür aber mit einem sehr ausgeprägten Selbstbewusstsein. Auch als Arzt war er nur Durchschnitt. Im OP verkaufte er sich ganz gut, aber auf Station machte er nie mehr als nötig. Seine Arztbriefe lagen ewig herum, es störte ihn nicht, wenn Jansen, unser Oberarzt, ihn regelmäßig ermahnen musste.
   »Und wie gehts unserem Motorradunfall? Wie heißt der noch mal? Holzhausen?« Er sprach mit vollem Mund und griff nach dem nächsten Stück. Ärzte hatten einen siebten Sinn für Kuchen, Süßigkeiten und frischen Kaffee. Besonders Lutz. Er hatte gelernt, in Windeseile Dinge in den Mund zu schieben, bevor er wieder abgerufen wurde.
   »Holthusen. Gut.«
   »Hatte er schon was gegen die Schmerzen?«
   »Nur das, was in der Infusion war. Er schläft noch.« Ich warf Sabrina einen schnellen Blick zu. Sie widersprach nicht.
   »Weißt du, wo der Unfall passiert ist?«, wollte Udo wissen.
   Lutz nickte kauend. »Auf der Landstraße nach Beningsdorf, gegen zwei Uhr heute Nacht. Die Polizei ist der Meinung, er sei zu schnell unterwegs gewesen und habe die Kontrolle verloren.«
   »Auf der Strecke rasen die immer wie die Bescheuerten«, sagte Udo. »War er betrunken?«
   »Wissen wir noch nicht, der Blutalkoholbefund ist noch nicht da. Die Polizei wartet auch darauf. Aber ich glaube nicht. Er hat den Sturz gut abgefangen, dafür muss man fit sein und schnell reagieren können. Trotzdem hatte er Glück, dass er nicht gegen einen Baum geprallt ist wie der Typ letztes Jahr. Erinnert ihr euch? Dann läge er jetzt unten im Keller.«
   Sabrina machte ein verständnisloses Gesicht. »Im Keller?«
   Udo grinste und holte Luft, doch ich kam ihm zuvor. »Er meint, der Motorradfahrer wäre dann tot. Die Toten liegen im Keller, bis sie abgeholt werden. Ich habe dir gezeigt, wo man sie hinbringt.«
   Sabrina hatte noch keinen Toten gesehen. Ihr fülliges, weiches Gesicht wurde traurig. »Bestimmt hatte er einen Schutzengel.«
   Wir anderen schwiegen.
   »Hat er wenigstens einen Organspendeausweis?« Udo war abgehärtet.
   »Wir haben keinen gefunden.« Lutz lehnte sich zurück. »Vier Stunden haben Jansen und ich operiert, und dann kam sogar noch Friedrich.«
   »Warum denn so ein Staraufgebot?«, wollte ich wissen. Wenn Friedrich, der Chefarzt, zu einer Operation dazukam, um die sich schon sein Oberarzt kümmerte, musste das einen guten Grund haben.
   »Keine Ahnung. Vielleicht irgendein wichtiger Typ.« Lutz nahm sich das Krankenblatt und blätterte mit seinen beschmierten Händen darin herum. »Ich sehe ihn mir mal an.« Er stand auf und griff noch schnell nach einem Stück Kuchen für unterwegs.
   Erwartungsgemäß dauerte es nicht lange, bis er wiederkam. »Er kann was gegen die Schmerzen haben. Wollte zwar noch aushalten, sagte irgendwas wegen der Atmung oder so einen Unsinn, will anscheinend den harten Kerl spielen, aber gib ihm trotzdem was. Dann hat er eine ruhige Nacht. Und wir auch. Er sieht ja noch richtig schlimm aus, mit seinem blutigen Gesicht.«
   »Ich mache es nachher sauber, ich wollte ihn schlafen lassen.«
   Als wir an die Arbeit gehen wollten, blieb Lutz vor mir stehen und wartete, bis Udo außer Hörweite war. »Hast du morgen Frühdienst?« Ich nickte, und er lächelte. »Schön. Dann können wir zusammen frühstücken.« Er sah mir tief in die Augen. »Ach Annika, du hast echt ein Herz aus Stein. Lebt es überhaupt noch?« Schon streckte er eine Hand nach meiner Brust aus. Als ich warnend den Kopf hob, blieb sie auf halber Strecke hängen. »Ich könnte dir einen Bypass legen, damit es wieder ordentlich durchblutet wird.«
   »Ich muss jetzt an die Arbeit. Wenn du morgen mit uns frühstücken willst, bring Brötchen mit. Und mit dem Kaffee bist du auch dran.«

Nach dem Einsammeln des Abendessens übernahm ich die Versorgung von Zimmer zweihundertvier. Kai hatte seine Kopfhörer auf und sah sich im Fernsehen einen Zeichentrickfilm an. Er starrte konzentriert auf den Bildschirm und verzog keine Miene. Ich ging mit der Schüssel ins Bad, füllte sie mit kaltem Wasser und stellte sie auf den Nachttisch des Motorradfahrers. Der schlief friedlich, den Kopf zur Seite geneigt.
   Dann half ich Kai, sich für die Nacht fertig zu machen. Er kannte das schon und stellte ohne zu murren den Fernseher aus. Bestimmt wäre er zu Hause nie auf den Gedanken gekommen, sich abends zu waschen. Und wahrscheinlich hätte er sich niemals von seiner Mutter etwas sagen lassen. Bei mir gehorchte er ganz gut. »Hattest du heute Besuch?«, fragte ich, als wir im Badezimmer waren und ich ihm seine Handtücher reichte.
   »Meine Mutter.« Er drehte das Wasser an und seufzte tief. »Gerade, als ich auf der dritten Ebene war.«
   Ich ließ ihn allein. Er mochte es nicht, wenn ich zu viel von ihm sah. Die Luft im Zimmer war stickig und verbraucht, ich öffnete das Fenster und ließ Sauerstoff herein. Es zog ein wenig. Gut, das würde ihn munter machen.
   Ohne Vorwarnung fuhr ich Holthusen mit dem kalten, feuchten Einmalwaschlappen übers Gesicht. Er riss erschrocken die Augen auf. Sein orientierungsloser Blick wanderte durchs Zimmer und blieb an mir hängen. »Ich mache Ihr Gesicht sauber. Es ist voller Dreck.«
   »Das tut gut«, leierte er. »Ich sehe bestimmt furchtbar aus.« Er presste die Lippen zusammen, als ich unsanft über Mund und Kinn wischte. »Aua.« Nun sah er mich doch ein bisschen vorwurfsvoll an. Ich wrang den Lappen im Wasser aus, das sich daraufhin dunkel verfärbte. Anschließend betrachtete ich mein Werk. Vom Blut und Dreck befreit sah sein Gesicht, trotz der Schwellungen, passabel aus. Sein offenes Auge war tiefblau, er hatte einen maskulinen, ausdrucksstarken Mund, ein kantiges Kinn und einen dunkelblonden Dreitagebart. Um den würde ich mich morgen kümmern. Im Grunde hatte er sich kaum verändert, nur erwachsener sah er aus, männlicher. Ich nahm mir jeden seiner blutverkrusteten Finger und den Ellenbogen vor. Er war beim Sturz auf die Schulter gefallen, man hatte sie ihm während der Narkose wieder eingerenkt. Außerdem war wahrscheinlich jede seiner Rippen geprellt. Und das tat weh.
   Nachdem ich die Finger einigermaßen sauber hatte, sprühte ich ordentlich Kodan auf die Wunden, trat einen Schritt zurück und zählte bis drei. Bei drei begann er, loszubrüllen.
   »Verdammt, das brennt!« Holthusen keuchte und bekam ordentlich Farbe.
   »Ich weiß, aber die Wunden müssen desinfiziert werden. Es hört gleich auf.« Ich zupfte mit einem Kamm, den wir aus dem Nachlass einer Verstorbenen aufbewahrt hatten, an Holthusens dunkelblonden Haaren herum. Er verzog zwar das Gesicht, sagte jedoch nichts. Schließlich gab ich auf, es hatte wenig Sinn, Ordnung in diese borstigen Haare bringen zu wollen. Sie waren zu verklebt.
   »Wie ist es mit den Zähnen?« Verständnislos sah er zu mir hoch. »Wollen Sie Ihre Zähne putzen?«
   »Ich würde gern etwas trinken. Das würde mir schon reichen.«
   »Ich bringe Ihnen gleich Tee.«
   »Und Essen?«
   »Ich sagte es Ihnen bereits.« Meine Stimme hatte den langsamen und lauten Tonfall für schwerhörige Hundertjährige angenommen. »Sie hatten eine Bauch-OP, es wird dauern, bis Sie wieder essen können.« Er war ein kräftiger, großer Mann und würde bestimmt nicht vom Fleisch fallen. In dem Moment trat Kai aus dem Badezimmer. »Du sollst nicht allein aufstehen!«
   Der Junge grinste. »Geht doch, geht doch.«
   »Alles gewaschen?« Ich betrachtete ihn kritisch. »Das ging schnell.« Er grinste noch breiter, dann sah er sich seinen Zimmernachbarn genauer an. »Kai, das ist Herr Holthusen, der Motorradunfall. Merk dir, der Grund warum die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern so viel kürzer ist als die von Frauen, ist ihre Selbstüberschätzung im Straßenverkehr.« Ich drehte mich um. »Und das ist Kai, unser junger Fußballspieler. Er hat gelernt, dass eine zu enge Deckung schmerzhaft sein kann.«
   Entweder fand Holthusen das lustig oder er hatte Schmerzen. Sein Mund verzog sich kurz. »Hallo Kai, ich bin Thomas. Wir sind also in nächster Zeit Leidensgenossen?«
   »Jo. Ist aber ganz cool hier.« Kai überlegte kurz. »Schnarchst du? Hier lag nämlich vorher ein Typ, ein alter Opa, und der hat tierisch geschnarcht und musste ständig aufs Klo.«
   »Du hast ihn auch genervt, mit deiner lauten Musik.«
   »Ich schnarche nicht«, wandte Holthusen ernst ein. »Und ich werde mir Mühe geben, nicht zu oft aufs Klo zu gehen.«
   Kai nickte zufrieden und hoppelte los. Vorsichtshalber trat ich hinter ihn, um ihn zur Not auffangen zu können, aber er gelangte mit der unbedarften Sorglosigkeit eines Teenagers sicher zu seinem Bett.
   Ich stellte mich vor Holthusens Bett. »Heben Sie bitte den Kopf, ich werde jetzt Ihr Kissen aufschütteln.«
   »Äh, aber ich darf mich nicht bewegen. Das haben Sie gesagt.«
   »Natürlich können Sie Ihren Kopf bewegen.« Energisch zerrte ich das Kissen unter ihm hervor und klopfte es aus. Bevor er begriff, was passierte, fasste ich mit einer Hand unter seinen Arm und half ihm, seinen Oberkörper aufzurichten. Unbeeindruckt von seinem Stöhnen drapierte ich das Kissen neu. »Wie ist es, können Sie so liegen?«
   Sein sauberer, verschrammter Kopf lag tief im aufgeschlagenen Kissen, fast ein rührendes Bild.
   »Wunderbar«, sagte er mit müdem Lächeln. »Wissen Sie, was mit meiner Maschine passiert ist und wo meine Sachen sind? Ich hatte ein Handy. Ich muss unbedingt telefonieren. Man macht sich bestimmt schon Sorgen um mich.«
   Zwei Anrufe waren seinetwegen bei mir im Dienstzimmer eingegangen. Eine Frau, die sich sehr beunruhigt angehört hatte und ein Mann, der so aufgeregt gewesen war, dass er kaum zusammenhängende Sätze sprechen konnte. Für beide galt: Keine Auskunft am Telefon.
   »Ich habe ein Handy.« Eifrig zog Kai seinen Nachttisch auf, wühlte im Chaos herum und hielt mir schließlich das kleine Gerät entgegen. Nach kurzem Zögern gab ich es an Holthusen weiter.
   Er hielt das Handy vor sich, versuchte, eine Nummer einzugeben, kniff das nicht geschwollene Auge zusammen und kapitulierte. »Würden Sie, bitte?«
   »Erst muss ich meine Arbeit fertig machen.« Ich kniete mich neben sein Bett und entleerte den Urinbeutel in ein Becken. »Eins nach dem anderen.«
   »Soll ich?« Kai warf die Bettdecke weg.
   »Du bleibst liegen. Du bist für heute genug rumgelaufen. Morgen hast du wieder Schmerzen.« Mein Ton schien Kai einzuschüchtern, schnell zog er die Decke hoch.
   Ich verließ das Zimmer, brachte das Becken in die Spüle und ging in die Küche, um einen Becher Fencheltee zu holen. Auf dem Flur leuchteten zwei Anwesenheitslampen. Udo und Sabrina versorgten andere bettlägerige Patienten.
   Holthusens Gesicht erhellte sich beim Anblick des Bechers. Mühsam versuchte er, sich aufzurichten, dann nahm er voller Durst einen großen Schluck. Im nächsten Moment begann er zu würgen. »Scheiße, was ist das?«
   Schnell nahm ich ihm den Becher ab. »Fencheltee. Etwas anderes vertragen Sie im Augenblick nicht.«
   »Das kann man doch nicht trinken!«
   »Sicher kann man das.«
   »O Gott, ich werde verdursten.«
   Ich zeigte auf die Infusion. »Werden Sie nicht.« Bevor er etwas erwidern konnte, zog ich die Bettdecke zurück, um ihm seine Spritze zu geben. Sie hatten ihn aufgemacht, nicht endoskopisch operiert. Sein Oberbauch war dick eingepackt, ein Schlauch lief unter dem Verband hervor. Als Holthusen die Spritze in meiner Hand sah, schien er zu begreifen, dass schlimme Dinge auf ihn zukamen. Mit zurückgelegtem Kopf wartete er auf den Schmerz. Ich bohrte die Spritze langsam in seinen Oberschenkel. Er zuckte zusammen, hielt verkrampft die Luft an, und erst als ich die Nadel genauso langsam wieder herauszog, atmete er aus.
   »Das wars. Die bekommen Sie jetzt dreimal täglich. Ist gegen Thrombose.«
   »Dreimal täglich? Das war nicht gegen Schmerzen?«
   »Nein. Das ist diese.« Die Spritze mit dem Schmerzmittel war viel größer als die feine Heparinspritze. Ich ergriff sein Handgelenk, und er zuckte erneut zusammen. Anschließend kontrollierte ich Blutdruck und Temperatur.
   Als das Thermometer piepte, verzog er den Mund. »Ich komme mir vor wie ein Kind.«
   Stumm notierte ich die Werte. Für einen Frischoperierten waren seine Vitalzeichen recht ordentlich. Ich wechselte die Infusion und gab das Schmerzmittel dazu.
   »Vielen Dank …« Holthusen sah auf das Namensschild an meinem Kittel. »Schwester Annika.«
   Ich wich seinem Blick aus und wartete einen Moment voller Angst. Als er nichts sagte, beruhigte ich mich etwas. Er schien mich nicht wiedererkannt zu haben. Kein Wunder, es war fast fünfzehn Jahre her, ich hatte mich verändert und wir waren uns auch nur ein paar Mal über den Weg gelaufen. Meinen Vornamen kannte er wahrscheinlich nicht.
   »Äh. Das Handy?«
   Ich nahm das Gerät und drehte mich ein bisschen weg, damit er nicht sah, wie ich noch immer zitterte, als ich die von ihm vorgegebene Nummer eingab. Während er telefonierte, räumte ich das Zimmer auf, zog extra laut die Gardinen zu, klapperte mit dem Nachttisch. Nebenbei hörte ich dem Gespräch zu. Die Stimme seines Gesprächspartners war so aufgebracht, dass ich sie durchs Telefon hören konnte.
   Holthusen schien den anderen beruhigen zu wollen. »Mach dir keine Sorgen, alles halb so schlimm. Im städtischen Krankenhaus. Nein, wirklich, ist noch mal gut gegangen. Ein bisschen was am Bein und irgendwas im Bauch, an der Milz. Was? Nein, keine Ahnung, wofür man eine Milz hat. Der Arzt sagt, es wird alles wieder. Ich hatte Glück.« Als er weitersprach, klang er unglaublich müde. »Sag den anderen bitte, sie sollen sich keine Sorgen machen. Nein, bloß nicht, ich schlafe die meiste Zeit.« Als er auflegte, sah er grau und völlig fertig aus. Vielleicht wurde ihm gerade klar, dass er dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen war.
   Doreen, die Nachtwache, wartete im Stationszimmer. Es war nicht leicht, als Krankenschwester modisch ein bisschen mitzuhalten. Sie hatte eine Vorliebe für Pink, ihr Lippenstift und das T-Shirt unter dem Kittel waren perfekt aufeinander abgestimmt.
   »Seid ihr nur zu zweit?« Elegant schlug sie ein Bein über das andere. Ihre Socken waren auch pink.
   Udo hatte bereits seine Tasche herausgeholt und wartete ungeduldig auf den Feierabend. »Sabrina ist noch in der Elf.« Er seufzte. »Die hat sich wieder festgequatscht. Fang einfach mit der Übergabe an, Annika, ich möchte nach Hause.«
   Sabrina kam, als ich schon fast fertig war. Ihr Gesicht war hochrot, sie sah gestresst aus.
   Ich unterbrach meinen Bericht und sah sie an. »Alles klar?« Sie nickte und ich fuhr mit der Übergabe fort. »In der Vier liegt Herr Holthusen, Motorradunfall von heute Nacht. Offene, genagelte Tibiafraktur, Schulterluxation, alles links, Rippenprellungen, Milzruptur, ist aber noch drin, Gehirnerschütterung. Soll liegen, Infusion läuft, was er noch bekommen soll, steht auf der Ablage. Die Verbände sind okay, in der Redon Drainage ist nur wenig Blut nachgelaufen, er hat gerade was gegen Schmerzen bekommen, hat getrunken, Blut ist abgenommen, die Befunde sind noch nicht da. Letzter HB war gut, Lutz will informiert werden, wenn sie kommen. Zwei Konserven stehen bereit. Blutdruck ist okay, sonst gibts nichts. Er sieht ein bisschen verschrammt aus.«
   »Wie alt?« Doreen sah neugierig von ihren Notizen auf.
   »Vierunddreißig.« Ich schloss die Krankenmappe. »Irgendein lebensmüder Spinner. Ist noch viel zu gut davongekommen. Kai gehts gut. Er läuft ein bisschen viel herum.«
   Udo und Sabrina nahmen ihre Sachen und gingen. Ich blieb auf dem Flur stehen und sah mich noch einmal um. Jede Tageszeit auf Station hatte eine eigene Atmosphäre. Die Ruhe am Abend bedeutete, die Patienten waren versorgt, lagen zufrieden in ihren Betten und wir hatten unsere Arbeit gut gemacht.
   Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in den Keller, wie jeden Tag. Schloss in der Umkleidekabine meinen Spint auf, wie jeden Tag. Während ich mich umzog, dachte ich an Holthusen.
   Sein Unfall, die Einlieferung in dieses Krankenhaus, auf meine Station, war eine seltsame Laune des Schicksals.
   Eigentlich glaubte ich nicht an Schicksal.

Zwei


Kurz vor sechs betraten Sabrina und ich die Station. Doreen hatte Kaffee gekocht und saß am Schreibtisch, das Radio lief leise. Sie sah noch genauso frisch und pink aus wie am Abend zuvor. Sabrina schlang die Arme um sich und döste vor sich hin. »Wie war die Nacht?«, fragte ich.
   »Alles ruhig, keine Probleme.«
   »Wie viele Nächte hast du?«
   »Noch drei, dann bin ich durch. Hoffentlich wird Karin nicht wieder krank.« Doreen runzelte die Stirn. Karin, unsere andere Dauernachtwache, hatte zahlreiche Beschwerden. »Ich kann diesmal nicht für sie einspringen, ich fahre nach Rügen zu meinen Eltern.«
   »Rügen, schön.« Ich überlegte, wen man als Ersatz für Karin anrufen könnte. Das war zwar die Aufgabe von Gudrun, unserer Stationsschwester, allerdings saß diese solche absehbaren Ausfälle gern aus.
   »Soll ich auf Udo warten?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   Doreen griff zur ersten Patientenakte und begann mit der Übergabe.
   Als Udo endlich kam, roch er nach Rauch, murmelte einen kurzen Gruß und setzte sich seufzend.
   Doreens Blick glitt über die Aufzeichnungen. »Dem Motorradunfall gehts gut, er hatte eine ruhige Nacht.« Sie sah auf. »Netter Typ. Wer hat dem armen Kerl den Fencheltee gegeben?« Sie warf einen raschen Blick auf Sabrina. Die reagierte genauso wenig wie Udo. »Ich habe ihm eine Flasche Mineralwasser hingestellt.« Sie lachte. »Der war vielleicht dankbar.«
   Wir teilten uns zum Bettenmachen auf, und ich stand schließlich allein vor der Vier. Es fiel mir schwer, die Tür zu öffnen. Vielleicht hatte Holthusen über Nacht einen Traum gehabt, in der sie ihm erschienen war. So wie sie mich regelmäßig besuchen kam. Bisher hatte ich meine Strategien, wie ich der Vergangenheit entkommen konnte. Wenn ich meine Mathematik im Kopf hatte oder mich aufs Saubermachen konzentrierte. Dann war ich manchmal fast glücklich.
   Holthusen, der das Bett direkt an der Tür hatte, lag noch genauso gerade auf dem Rücken, wie am Abend zuvor. Scheinbar hatte er die Wahrheit gesagt, er war es nicht, von dem die Schnarchgeräusche kamen. Leise trat ich an sein Bett. Sein Gesicht sah friedlich aus. Und sehr geschwollen. Ich ging zum Fenster und riss die Gardinen zurück. »Guten Morgen!«
   Kai reagierte nicht. Er hatte die Decke ans Fußende gestrampelt, das operierte Bein lag neben der Schiene, der Eisbeutel auf der Erde und die Schlafanzughose war weit nach unten gerutscht.
   Holthusen war mit einem Ruck wach. »Schwester Doreen?« Verschlafen sah er sich um.
   »Schwester Annika.«
   »Oh.« Sein Gesicht verzog sich. »Der Fencheltee.«
   Wortlos nahm ich seinen Arm, kontrollierte den Puls und anschließend den Blutdruck.
   Er beobachtete mich. »Könnte ich vielleicht noch etwas gegen die Schmerzen haben? Schwester Doreen meinte, heute früh könnte ich wieder was bekommen.«
   »Wir werden sehen. Aufwachen, Kai.« Ich zog Kai am Zeh und warf die Decke über ihn. »Es gibt gleich Frühstück.« Auf dem Flur rief ich nach Sabrina. Etwas atemlos kam sie kurz darauf ins Zimmer getrampelt. »Sabrina, möchtest du heute die Spritzen machen? Sabrina ist unsere Schwesternschülerin«, erklärte ich Holthusen. Daraufhin starrten mich zwei entsetzte Gesichter an. Holthusens war einen Tick dramatischer als Sabrinas.
   »Ich würde lieber noch einmal zusehen«, flüsterte Sabrina.
   »Ach was, du hast schon tausend Mal zugesehen. Es ist nicht schwer.« Ich wandte mich an Holthusen. »Sie kann das. An einer Apfelsine hat sie schon geübt und die Theorie beherrscht sie sowieso. Irgendwann muss jeder anfangen und Sie haben bestimmt nichts dagegen. Wer einen schweren Motorradunfall überlebt hat, wird diesen kleinen Stich mit links über sich ergehen lassen.« Bevor er widersprechen konnte, schob ich die Decke zurück. »Du spritzt subcutan, also ins Fettgewebe. Kannst du mir zeigen, wo wir überall Fettgewebe haben?«
   Sabrina starrte auf den vor ihr liegenden, ausgesprochen männlichen Körper, und in ihrem Gesicht bildeten sich rote Flecke. Es dauerte, bis sie einige Stellen gefunden hatte.
   »Ich komme mir ein bisschen wie ein Versuchskaninchen vor. Können wirs nicht einfach hinter uns bringen?«
   Beide litten ordentlich. Um die arme Sabrina tat es mir leid, auf ihrer Stirn glänzte der Schweiß.
   »Lieber nicht in den Bauch, das ist zu nah an der Operationswunde. Nimm den Oberschenkel. Nein, nicht das operierte Bein. Desinfizieren, warte …« Sabrina zitterte so stark, als sie die Schutzhülle abziehen wollte, dass ich versucht war, ihr die Spritze abzunehmen. »Jetzt nimmst du eine Hautfalte und dann zügig hinein damit. Denk dran, dir tut es nicht weh.«
   »Wie nett«, murmelte Holthusen.
   Sabrina hielt die Hautfalte in der einen, die Spritze in der anderen Hand, setzte die Nadel an, konnte sich jedoch nicht überwinden, zuzustechen. Ich warf einen schnellen Blick auf unser Versuchskaninchen. Inzwischen hatte er, wie gestern Abend, mit geschlossenen Augen seine gottergebene Stellung eingenommen.
   »Nun mach.«
   Sabrina fuhr zusammen und stach die Nadel dermaßen ungeschickt durch die Haut, dass selbst ich zusammenzuckte. Genauso unbeholfen zog sie sie raus.
   »Sehr gut. Jetzt den Tupfer draufdrücken. Nicht wischen, nur drücken. Na, das war doch nicht schlimm.« Ich sah von Sabrina zu Holthusen. »Das hat sie gut gemacht, oder?«
   Holthusen hielt die Augen noch immer geschlossen. »O ja, fast so gut wie Sie.«
   Sabrina wirkte geschockt. Sie schien nur langsam zu begreifen, dass sie soeben ihre erste Spritze gegeben hatte.
   »Und jetzt zeige ich dir bei Kai noch einmal, was es für Tricks gibt, damit man die Spritze nicht merkt.«

Lutz kam auf Station geschlendert, als wir gerade anfangen wollten, das Frühstück auszuteilen. In der Hand hielt er eine Brötchentüte, mit der er mir kurz zuwinkte, dann verschwand er im Stationszimmer. Wenig später stand er vor mir. »Wollen wir jetzt Visite machen? Ich möchte in Ruhe frühstücken.«
   Ich stellte das Tablett zurück in den Wagen und ging meine Unterlagen holen. Lutz wartete vor der ersten Zimmertür, klopfte kurz und trat mit Schwung ein.
   Trotz seines Lächelns und der guten Laune wirkte er immer unverbindlich, egal, ob er jemandem mitteilte, er könne bald wieder ohne Schmerzen laufen, oder, dass der Traum vom Leistungssport vorbei sei. Ob Patienten ihn mit Tränen in den Augen ansahen, voller Bewunderung, Hilflosigkeit oder Verzweiflung, er blieb gleichbleibend distanziert. Diese Gefühlskälte war erstaunlich, denn fast alle weiblichen Mitarbeiterinnen im Krankenhaus kannten einen anderen Doktor Wunderlich.
   Wir kamen schnell voran, viel Neues gab es nicht zu besprechen. Lutz sah sich den einen oder anderen Verband an, nahm Beine und Arme auf, bewegte sie, fragte nach Fortschritten und eilte weiter. In der Vier ließ er sich mehr Zeit. Kai schlief noch. Holthusen konnte schon wieder lächeln, als Lutz ihn nach seinem Befinden fragte.
   »Es geht, ich habe noch Schmerzen, aber ich freue mich aufs Frühstück. Auf Kaffee.«
   Ich machte einen Schritt vor. »Kaffee gibt es nicht. Nur Tee.«
   »Keinen Kaffee?« Holthusen sah mich verstimmt an.
   »Sie sind im Bauchraum operiert worden, da fängt man langsam mit Schonkost an.«
   Lutz zögerte. »Vielleicht kann er einen kleinen Becher haben. Zum Ausprobieren.« Er wandte sich an Holthusen. »Wir konnten den Milzriss gut vernähen und die anderen Organe sind alle unverletzt geblieben. Sie hatten wirklich Glück, die meisten Motorradunfälle gehen nicht so glimpflich aus.«
   Ich schüttelte stumm den Kopf. Es gab keinen Kaffee und fertig.
   »Ich bin mit meiner Maschine durch Libyen gefahren, durch China und Tibet und alles, ohne einen einzigen Unfall. Und dann komme ich nach Elmsdorf und hier lege ich mich auf die Schnauze.«
   »Also hatten Sie Glück, dass es hier passiert ist.« Lutz blieb unbeeindruckt. »In Tibet wären Sie nicht so schnell notärztlich versorgt worden.« Er zeigte auf das Redon vom Unterschenkel. »Wenn nichts mehr nachläuft, kann das hier heute Nachmittag raus. Das andere …«
   »Mit dem warten wir bis morgen.«
   »Gut. Der Katheter?« Lutz sah mich fragend an.
   »Der muss weg«, mischte sich Holthusen ein. »Ich muss unbedingt aufstehen.«
   »Der Katheter kann raus«, stimmte ich zu. »Das kann Sabrina machen. Herr Holthusen hat sich nämlich als Übungsobjekt zur Verfügung gestellt.«
   Holthusen sah mich vorwurfsvoll an. »Eigentlich war das Ihre Idee.«
   Lutz lachte. »Sabrina? Unsere Sabrina?«
   »Sie muss es lernen. Und, Herr Holthusen, Sie können noch nicht aufstehen. Erst muss die Krankengymnastin kommen, Sie brauchen Stützen und müssen lernen, wie man damit umgeht.«
   »Und wann kommt die?«
   »Montag.«
   »So lange darf ich nicht aufstehen?«
   »Wir setzen Sie nachher auf die Bettkante, um den Kreislauf in Schwung zu bringen.«
   Lutz horchte Holthusen ab, nahm das Bein aus der Schiene, besah sich den Unterschenkel. Holthusens schmerzverzogenes Gesicht beachtete er nicht.
   »Willst du drunter sehen?«, fragte ich, als er den Bauchverband betrachtete.
   »Meinst du?«
   »Nein, lass ihn zu. Wenn wir das Redon ziehen, sehen wir nach.«
   Lutz erklärte den weiteren Verlauf der Behandlung. Als Holthusen hörte, wie lange er mit den Nachbehandlungen zu tun haben würde, reagierte er entsetzt.
   »Und dann muss der Nagel auch raus. Also noch eine Operation«, ergänzte ich und sah auf meine Unterlagen.
   Holthusen, der wohl der Ansicht war, von mir stets die schlimmsten Informationen zu bekommen, suchte Lutz Blick. »Stimmt das?«
   »Ich fürchte ja.« Lutz lächelte und drehte sich um. »Und du, Kai, alles klar bei dir?«

Sabrina brachte Holthusen sein Frühstück. Anschließend kam sie zu mir. »Er möchte Kaffee.«
   »Und ich den Nobelpreis für Mathematik. Es gibt nur Tee und Weißbrot.«
   Sie schlurfte zurück in die Vier. Zwei Minuten später stand sie wieder vor mir. »Er sagt, er besteht auf Kaffee.«
   Ich dachte kurz nach. »Na gut. Mach ihm einen Karokaffee.« Udo deckte den Tisch für uns, ich saß am Schreibtisch und begann, die Anordnungen der Visite in die Akten zu übertragen.
   Sabrina kam zurück, verlegen wich sie meinem Blick aus. »Er will dich sprechen.«
   Udo knallte lieblos Tassen und Teller auf den Tisch. »Gib ihm doch seinen blöden Kaffee, ist seine Gesundheit.«
   Der Kaffee vom Essenswagen war längst nur noch lauwarm. Ich füllte ein Kännchen und ging zur Vier. Kai saß auf der Bettkante und frühstückte. Sein krankes Bein lag auf einem Stuhl. Für ihn war Kaffee kein Thema, er trank morgens Kakao.
   Holthusen lag flach auf dem Rücken, der Teller mit Weißbrot und Marmelade auf dem Nachttisch war unerreichbar. Sabrina dachte einfach nicht nach.
   »Schwester Annika«, sagte er bei meinem Anblick angriffslustig, »ich will wirklich keinen Ärger machen, aber egal, ob ich einen Atemstillstand bekomme, sich meine Organe auflösen oder Sie mir eine zehn Zentimeter dicke Spritze in die Haut jagen, ich brauche Kaffee. Ich bin ein Kaffeejunkie. Ohne werde ich unausstehlich. Seien Sie nicht so streng, der Doktor hat es erlaubt, eben, bei der Visite. Meinetwegen unterschreibe ich eine Erklärung, dass ich die volle Verantwortung übernehme.«
   Im Vergleich zu gestern war er recht munter. Mit der Schwellung unter dem Auge, den Abschürfungen, Bartstoppeln und verwuschelten Haaren sah er aus wie ein alkoholabhängiger Penner, der im Rausch gegen eine Laterne geknallt war.
   Ich hob die Hand mit dem Kännchen und sein Gesicht leuchtete auf. »Sie sind ein Schatz!« Plötzlich zögerte er. »Das ist doch Kaffee?«
   »Halten Sie sich fest!« Ich zeigte auf das Dreieck seines Galgens. »Ich stelle Sie hoch.« Sein Oberkörper schoss nach oben, so schnell, dass er vor Schmerz aufstöhnte. Wahrscheinlich hatte er bis dahin seine geprellten Rippen vergessen. Ich legte ein Handtuch auf seine Brust und reichte ihm den Becher. Der Krankenhauskaffee war nicht nach seinem Geschmack, das war ihm deutlich anzusehen. Doch er war klug genug, sich nicht zu beschweren. Stattdessen versuchte er, das Weißbrot zu schmieren, aber auch das gelang ihm nicht. Seine aus- und wieder eingerenkte Schulter behinderte ihn.
   Ich nahm ihm das Messer ab. »Eine oder zwei Scheiben?«
   »Zwei, bitte.«
   Ich schnitt das Brot in kleine Häppchen. »Kommen Sie so klar?«
   »Ja. Danke.«
   Ich ging zum Tisch und holte die Nierenschale. »Wenn Ihnen vom Kaffee schlecht wird, bitte hier rein.«

Lutz hatte gute Laune. Er verputzte schnell hintereinander zwei Brötchen und krümelte das halbe Stationszimmer voll. Seine Nacht war entspannt gewesen, er hatte genug geschlafen und ließ sich auch durch zwei Anrufe aus der Ambulanz nicht aus der Ruhe bringen, die ihn für einen Joggerunfall und ein Kind mit Ausschlag brauchten. Nach der Frühstückspause begann unsere Routine. Ich schickte Sabrina mit Udo in die Vier. Als die Zeit verging und sie nicht wiederkamen, machte ich mich auf die Suche nach ihnen.
   Kai und Udo standen an Holthusens Bett, alle drei sahen lachend zu Sabrina, die mit hochrotem Gesicht Kais Beinschiene an sich gedrückt hielt.
   Udo grinste mich an. »Wir haben uns gerade von Sabrina erklären lassen, was ein Überzieher ist.«
   Ich warf dem Mädchen einen schnellen Blick zu. Es war normal, dass junge Schwestern, besonders Schülerinnen, von männlichen Patienten hochgenommen und geneckt wurden. Sabrina verstand allerdings nicht, damit umzugehen. Im Moment sah sie aus, als wollte sie in Tränen ausbrechen.
   »Was ist mit dem Katheter?« Ich deutete zwischen Holthusens Beine. Der hörte daraufhin auf zu lachen. »Und Kai, heute waschen wir deine Haare. Die sehen fettig aus.«
   Jetzt hatte nur noch Udo gute Laune. »Dann wollen wir Sie mal von Ihrem Schlauch befreien. Sabrina, hol mir eine Zehnerspritze und Handschuhe.«
   Nun steckte auch noch Lutz den Kopf ins Zimmer. »Hier seid ihr alle. Annika, kann ich dich kurz sprechen?« Ich folgte ihm vor die Tür. Er zog mich ein Stück weiter. »Jansen hat mir gerade gesagt, dass dieser Holthusen Journalist ist.«
   Wir machten Sabrina Platz, die aus dem Zimmer gestürmt kam. »Ist das wichtig?«
   »Er meint, wir sollten bei dem Kerl vorsichtig sein. Am Ende schreibt der noch einen Artikel über uns, über seine Zeit im Elmsdorfer Kreiskrankenhaus, in der Provinz.«
   »Der wird von mir wie jeder andere Patient behandelt.«
   »Was bist du denn so aggressiv? Du sollst ihn ja nicht besser behandeln.« Er zögerte. »Aber eben auch nicht schlechter.«
   »Ich habe ihn schlecht behandelt?«
   Lutz schüttelte hastig den Kopf. »Natürlich nicht.« Jetzt stand er dicht vor mir. »Weißt du, wie oft ich diese furchtbare Haarspange schon aufmachen wollte?« Er versuchte, mir an den Kopf zu fassen. »Wie gern ich dich mit offenen Haaren sehen würde?«
   Blitzschnell drehte ich mich weg, seine Hand griff ins Leere. Sabrina kam vollbepackt angerannt, ihr Blick war zu Boden gerichtet, ich öffnete ihr die Tür.
   »Du raubst mir den Schlaf, Annika«, sagte er leise, als Sabrina im Zimmer verschwunden war. Er wartete, doch als ich nicht auf seine Flirterei einging, seufzte er. »Tu mir den Gefallen, geh mit dem Mann da drinnen vorsichtig um. Benutz ihn nicht als Versuchskaninchen für Sabrina. Bei ihrer Schusseligkeit klemmt sie ihm die Harnröhre ab oder trifft den Ischiasnerv.«

Die Besuchszeit auf Station war klar geregelt. Von neun Uhr morgens bis zwanzig Uhr abends. Es sei denn, ich verkürzte sie. Besucher konnten anstrengend sein, für Patienten und fürs Pflegepersonal. Der Krankenhausrhythmus war anders als der draußen, in der Welt der Gesunden. Der erste Besucher des heutigen Tages war für Holthusen und kam, kurz nachdem Lutz gegangen war. Ich stand in der Spüle und knotete volle Wäschesäcke zusammen.
   Der Typ war etwa zwei Meter groß, breit wie ein Schrank und behaart wie ein Yeti. Seine Augenbrauen waren fast zusammengewachsen, die dunklen Haare waren mit viel Gel auf die Seite gedrückt, sein Kopf schimmerte wie ein frisch polierter Tanzschuh. Er trug eine Reisetasche bei sich, einen Motorradhelm und einen armseligen Blumenstrauß, wie man ihn an einer Tankstelle nach einer Woche Hitze finden konnte.
   »Schwester. Zu Tommy.«
   Ein Mann klarer Worte. Ich legte den Kopf in den Nacken. »Kenne ich nicht. Auf der Neugeborenen vielleicht?«
   »Nee«, sagte er und grinste. »Der ist älter. Zimmer – Moment …« Er stellte Tasche, Helm und Blumen ab, wühlte in den engen Hosentaschen seiner Jeans und zog schließlich einen winzigen Zettel heraus. »Vier.«
   »Die Vier ist zwei Etagen tiefer.«
   Verwirrt sah er auf mich herunter. »Ach ja?« Er nahm seine Sachen. »Danke.«
   Etwa fünf Minuten später war Goliath zurück. Ich trat gerade mit einem benutzten Becken aus der Zwei.
   Er war etwas außer Atem. »Die haben gesagt, Zweihundertvier ist hier.«
   »Stimmt.«
   »Warum sollte ich dann nach unten?«
   »Sie haben nach der Vier gefragt und die ist unten.« Ich blieb stehen. »Ich kenne aber trotzdem keinen Tommy.«
   »Thomas Holthusen? Ein Motorradunfall, von gestern Nacht.«
   »Holthusen. Das haben Sie nicht gesagt. Der liegt in der Zweihundertvier.«
   »Sag ich doch.« Goliath schüttelte den Kopf. »Und wo ist das?«
   Er schien nicht sehr clever zu sein, an den Türen gab es Nummern, wir standen vor der Zwei und das darauffolgende war die Drei, eigentlich leicht sich auszurechnen, wo die Vier sein könnte. Schwungvoll zeigte ich mit dem Becken nach rechts, knapp an ihm vorbei. Er wich zurück und ging wortlos zum Zimmer. Zehn Minuten später rief ich Sabrina. Holthusen musste aufstehen, das Bett gemacht werden.
   Sein Besuch saß auf der Bettkante, etwas, das ich überhaupt nicht ausstehen konnte. Der Blumenstrauß lag auf der Decke und tropfte alles nass. Eigentlich sollte man ihn in der Pfütze liegen lassen.
   »Würden Sie bitte vor der Tür warten, wir müssen die Betten machen.«
   Udo hatte Holthusens Katheter entfernt und die Nadel an seinem Handgelenk, durch die er die Infusionen bekommen hatte, abgeklemmt und umbunden.
   »Schwester Annika.« Holthusen lächelte mich an. »Kann das nicht warten? Mein Besuch ist gerade erst gekommen. Zufällig habe ich heute nichts anderes vor und stehe Ihnen den ganzen restlichen Tag zur Verfügung.«
   Ich verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete das Chaos auf seinem Nachttisch. Schrecklich, alles voll und durcheinander. In Goliaths Tasche hatten sich Zeitschriften, Bücher, Handy und sogar ein Laptop befunden. Waren wir hier in einem Krankenhaus oder in irgendeiner Redaktion? Die Nierenschale stand abseits auf dem Tisch. Und wenn ihm plötzlich schlecht wurde, vom vielen Kaffee? Ich erstarrte. Inmitten des ganzen Krempels stand eine schmale Flasche. War das etwa Alkohol? »Herr Holthusen«, sagte ich mühsam beherrscht. »Auch wir müssen uns den Tagesablauf einteilen.«
   Sabrina schob den Wäschewagen ins Zimmer und blieb neben mir stehen.
   Goliath erhob sich und hinterließ eine tiefe Delle in der Matratze. »Nicht mit der Schwester streiten, Tommy. Sie hat recht, und du musst tun, was sie sagt. Haben Sie schon mal jemanden mit so vielen blauen Flecken gesehen, Schwester?« Er sah seinen Freund belustigt an. »Du siehst echt wie nach einem Boxkampf aus. Kann man hier irgendwo Rauchen?«
   »Unten, beim Eingang.« Es gab zwar den kleinen Raucherbalkon neben dem Fahrstuhl, aber vielleicht verirrte sich Goliath auf dem Rückweg.
   Holthusen seufzte. »Ich wünschte, ich könnte mit. Würden Sie die bitte in eine Vase stellen?« Damit hielt er mir den tropfenden Strauß entgegen. Ich starrte auf die sterbenden Blumen. Eine Krankenschwester war kein Dienstbote. Sie arrangierte keine Blumen, packte keine Koffer ein oder aus und besorgte aus dem Kiosk keine Zeitschriften. Wenn ich überhaupt jemals Blumen in eine Vase stellte, dann nur für nette, hilfsbedürftige und einsame Patienten.
   »Eine Vase kann Ihnen sicher ihr Freund holen.« Ich drückte dem Riesen seinen hässlichen Strauß in die Hände. »Die finden Sie im Schrank gegenüber vom Schwesternzimmer. Auf dieser Station.«
   Goliath nickte gehorsam, dann stand er vor dem Wäschewagen, der sich nicht bewegte. Schließlich quetschte er sich, die Blumen hochhaltend, so weit an der Wand entlang, dass er mit dem Wagen nicht in Berührung kam. Sabrina und ich warteten, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte.
   »Wir setzen Sie jetzt auf die Bettkante, dann können Sie sich waschen. Sabrina, du kannst schon mal Kai helfen, aufzustehen.«
   Kai hatte bis dahin mit geschlossenen Augen vor sich hingedämmert. Bei seinem Namen fuhr er hoch. »Kann ich allein.«
   Sabrina blieb unschlüssig stehen.
   »Sabrina!«
   Sie fuhr zusammen.
   Kai sprang aus dem Bett. »Geht schon. Alles gut, geht schon.«
   Ich verschwand im Badezimmer und kam mit der vollen Waschschüssel zurück. Vor Holthusens Bett blieb ich stehen und sah mich demonstrativ ratlos um.
   Holthusen folgte meinem Blick. »Ach, das ganze Zeug hier. Moment, ich räume es …« Er sah sich um. Schließlich lehnte er sich mühsam vor und versuchte, einen Auszug zu öffnen, was völlig sinnlos war, der Laptop hätte nicht hineingepasst. Ich ging mit der Schüssel zum Tisch, da war auch kein Platz, kehrte um und drückte sie ihm geradewegs auf seine Milz.
   Er stöhnte, hielt die Schüssel allerdings fest.
   »Ich packe das alles in Ihren Schrank, wir brauchen Platz. Haben Sie inzwischen auch Seife, Handtücher und Waschlappen?«
   »Ich dachte, das bekomme ich von hier.«
   »Eigentlich bringen sich Patienten ihre Toilettenartikel von Zuhause mit. Wir sind ja kein Hotel. Dann nehme ich heute noch mal unsere.«
   Kai humpelte hektisch zum Badezimmer, wahrscheinlich hoffte er, Sabrina abhängen zu können.
   »Du kannst ihm den Rücken waschen«, rief ich ihr hinterher.
   »Kann ich selbst!« Ich hörte seine Stützen gegen die Tür krachen.
   Holthusen und ich sahen uns an. Er machte ein skeptisches Gesicht. »Und jetzt?«
   »Jetzt setze ich Sie auf die Bettkante.«
   »Sie allein?«
   »Ich allein.« Damit zog ich die Decke weg, nahm das operierte Bein aus der Schiene und deutete auf den Galgen. Folgsam griff er danach, zog sich hoch, ich nahm seine Beine und drehte ihn mit Schwung herum. Und da saß er auch schon auf der Bettkante.
   »Sie sind immer so schnell«, bemerkte er leicht außer Atem, »und resolut.«
   »Ich habe auch noch eine Menge zu tun. Lassen Sie die Augen auf und holen Sie tief Luft.« Sein Gesicht hatte an Farbe verloren. »Augen auf!« Ich legte das Bein auf einen Stuhl und stellte mich nah an ihn heran. »Alles klar?« Er schwankte ein wenig, ich hielt ihn an den Schultern fest. »Wirds gehen?« Dieser Idiot konnte mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Nacht fahren, aber jetzt spielte er die Mimose.
   Holthusen atmete ein paarmal konzentriert ein und aus. »Geht. Alles klar.«
   Ich öffnete den Knoten seines Krankenhaushemdes und half ihm, es auszuziehen. Meistens hatten wir es auf Station mit älteren, übergewichtigen oder faltigen Menschen zu tun. Holthusen war anders, kräftig gebaut, er hatte breite Schultern, seine Haut war gebräunt, und die Muskeln an seinen Oberarmen sahen trainiert aus. Während er den Waschlappen vorsichtig über seine Haut gleiten ließ, machte ich Kais Bett und behielt ihn im Auge. Nicht, dass er mir von der Kante kippte.
   Er mühte sich ab, an Hals und Rücken zu kommen. Es fiel ihm offensichtlich schwer, die linke Schulter zu heben. Obwohl ich versessen auf saubere Patienten war, dachte ich nicht daran, ihm zu helfen. Er putzte sich die Zähne, nahm den alten Kamm der verstorbenen Patientin, betrachtete ihn skeptisch, und legte ihn weg.
   Aus dem Badezimmer hörte ich lautes Geschrei. Ich riss mich von Holthusens Anblick los und lief ins Bad.
   Sabrina sah mir hilflos entgegen. »Er sollte nur das Oberteil ausziehen.«
   »Ich will mein Scheißoberteil nicht ausziehen.« Kai war in einer trotzigen Stimmung.
   »Darf sie dir wenigstens helfen, die Strümpfe auszuziehen?«
   Er warf Sabrina einen bösen Blick zu und murmelte etwas vor sich hin. Ich ließ die beiden allein.
   Holthusen saß erschöpft auf der Bettkante. »Ich bin jetzt sauber, Schwester Annika. Mehr geht heute nicht.«
   »Rasieren?«
   Er schüttelte den Kopf. »Zu faul, ich lass mir einen Bart wachsen.«
   Sabrina kam aus dem Bad und stellte sich schweigend neben mich. »Gut, dann wollen wir mal. Haben Sie Hausschuhe? Sie brauchen welche, auch feste Schuhe zum Gehen.« Ich drückte Sabrina die Waschschüssel in die Hand, sie drehte sich damit einmal im Kreis und stellte sie schließlich auf den Boden. Darüber musste ich unbedingt mit ihr sprechen. Dinge im Krankenhaus wurden niemals auf den Boden gestellt. »Es ist wichtig, dass Sie Ihr operiertes Bein nicht belasten. Halten Sie sich an uns fest. Wir stellen Sie auf, machen schnell das Bett, dann können Sie sich wieder hinlegen.« Ich überlegte. Holthusen war fast einen halben Kopf größer als ich, unwahrscheinlich, dass ich ihn auffangen könnte. War es besser, wenn Sabrina ihn hielt? Sie war kräftiger als ich. Aber ungeschickt und ließ ihn womöglich fallen. Doch wenn sie das Bett machte, dauerte das zu lange. Udo rufen? Nein. Ich würde ihn halten, bis Sabrina fertig war.
   Er hatte die üblichen Probleme mit Kreislauf und Schmerzen, hielt sich leicht gekrümmt, kippte jedoch nicht um. Sabrina beeilte sich für ihre Verhältnisse sehr, raste ums Bett und zog und zupfte am Spannbettlaken, bis es einigermaßen glatt war.
   Sein offenes Flügelhemd ermöglichte einen freizügigen Blick auf seinen Rücken. Und tiefer. »Haben Sie einen Schlafanzug und Bademantel? Wenn alle Schläuche raus sind, können Sie Ihre eigene Wäsche anziehen.«
   Müde schloss er die Augen. »Wieso, diese offenen Nachthemden sind praktisch. Ich gewöhne mich allmählich an diese entwürdigenden Momente.« Er schwankte leicht.
   »Wird Ihnen schwindlig?«
   »Ein bisschen.«
   Ich wandte mich an Sabrina. »Beeil dich. Schön die Augen geradeaus und tief durch die Nase atmen, Herr Holthusen. Keine Angst, wir sind gleich fertig.«
   Er lachte leise, als ich ihn fester packte. »Ich habe keine Angst. Sie lassen mich schon nicht fallen.«
   Darauf hätte ich nicht gewettet. Als er schließlich lag, sah er aus, als ob er jeden Moment in tiefen Schlaf versinken würde. Ich betrachtete ihn kritisch. »Sie brauchen Ruhe. Ihr Besuch sollte nicht zu lang bleiben.«

Es gab Dinge auf Station, die ich einfach nicht ausstehen konnte. Zum Beispiel, wenn Patienten sich nicht an meine Anweisungen hielten. Es ging nun mal nicht, dass jeder machen konnte, was er wollte. Ich musste mich auch an Regeln halten.
   So lange die Krankengymnastin nicht da gewesen war, sollte Holthusen nicht aufstehen. Das war eine klare Anordnung und eigentlich nicht schwer zu verstehen. Scheinbar hatte er es nicht verstanden, denn als ich etwa zwei Stunden später in die Vier ging, um ihm Formulare zum Unterschreiben zu bringen, fand ich beide Betten leer vor. Verärgert trat ich auf den Flur. Es war nur eine Anwesenheitslampe an. Ich folgte dem Licht und fand Sabrina, sie verteilte Eispackungen. Mit schnellen Schritten verließ ich die Station.
   Auf dem Raucherbalkon wurde ich fündig.
   »Tut das gut!« Holthusen zog gerade genüsslich an einer Zigarette. Um ihn herum standen Goliath, Kai und Udo. »Ich geh hier noch vor die Hunde ohne Kaffee und Zigaretten.« Er saß in einem Rollstuhl, trug Kais Bademantel, sein operiertes Bein hing herunter und das Redon baumelte knapp über dem Boden. Goliath lehnte gegen die Brüstung, erstaunlich, dass diese marode Konstruktion seinem Gewicht standhielt. Kai hing lässig auf einer Stütze und paffte an einer Zigarette, streifte sie an dem Aschenbecher ab, den Udo in die Mitte hielt.
   »Udo!«
   Sie fuhren herum.
   Holthusen fing sich als erster. »Hallo Schwester Annika. Wir genießen die Sonne.« Er sah zu mir hoch, blinzelte und hielt sich schützend die Hand vor die Augen. »Es ist alles in Ordnung, ich bin nicht aufgestanden, genau wie Sie befohlen haben. Ich bin hergefahren.«
   Ich starrte ihn an. Neben mir wollte Kai noch schnell an seiner Zigarette ziehen, doch ich kam ihm zuvor, schnappte mir das eklige Teil und drückte sie so heftig im Aschenbecher aus, dass Udo Mühe hatte, ihn zu halten.
   »Bring Kai zurück«, sagte ich leise zu meinem Kollegen.
   Udo seufzte. »Na komm, mein Junge, gehen wir.«
   Als die beiden weg waren, trat eine düstere Stille ein, die Goliath nicht auszuhalten schien. »Ich habe Tommy gesagt, er soll nicht mitkommen. Es wäre besser gewesen, im Zimmer zu rauchen, stimmts? Als sich hier all den Bazillussen auszusetzen.« Vorwurfsvoll blickte er auf seinen Kumpel. »Du wolltest ja nicht auf mich hören. Er hört nie auf mich!« Er klatschte energisch in die Hände. »Ich hole jetzt deinen restlichen Kram und bin in einer Stunde wieder da. Wenn das in Ordnung ist, Schwester?«
   Holthusen sah seinem flüchtenden Freund nach, dann fing er meinen Blick auf. »Bitte nicht schimpfen, Schwester.« Er grinste verschmitzt. »Gucken Sie nicht so böse. Ich habe Ihren Kollegen überredet, ihn angebettelt, mich herzufahren. Kai ist uns einfach nachgelaufen.«
   »Wo sind Ihre Strümpfe?«
   »Die ziehe ich nicht mehr an.«
   Meine Finger juckten, ich gab dem Verlangen nach, sie zu kratzen. »Sie sind gestern operiert worden. Die Nähte Ihrer Wunden müssen einen enormen Druck aushalten. Ihr Blut kämpft gerade gegen alle möglichen Fremdkörper, Ihr Knochen versucht, zu heilen. Und Sie stellen sich halb angezogen auf einen Balkon und rauchen.«
   Er legte den Kopf schief und lächelte. »Ich finde es rührend, wie besorgt Sie um mich sind.«
   »Ich bin nicht besorgt, Herr Holthusen. Meinetwegen können Sie sich eine Lungenentzündung, Thrombose oder sonst was holen. Ich will mir nur nicht nachsagen lassen, ich hätte Sie nicht gewarnt.«
   Sein Lächeln verschwand. »Kann es sein, dass Sie ein Problem mit mir haben?«
   Jetzt gab es zwei Möglichkeiten. Entweder spielte ich meine Rolle als pflichtbewusste Krankenschwester weiter, oder ich zeigte ihm endlich, wer ich war. »Sie haben recht, ich habe ein Problem mit Ihnen.« Er schien eher überrascht als verstimmt. Inzwischen brannten meine Hände. »Sie erinnern sich nicht mehr.«
   »Woran soll ich mich erinnern?«
   Ich schnappte mir den Wagen und bugsierte ihn vom Balkon zurück auf den Flur.
   »Stopp!« Er griff nach der Bremse. Fast wäre er mit seinem Wagen über Kopf gegangen. »Wovon sprechen Sie?«
   Ich knallte die Faust gegen den Türöffner, sie öffnete sich mit Schwung. »Darauf müssen Sie schon selbst kommen.«
   Goliath kam kurz vor dem Mittagessen wieder. Ich suchte im Essenswagen nach Holthusens Tablett und tauschte es gegen das von Frau Seidel aus.
   Holthusen saß im Bett, vor sich lagen die von Michael mitgebrachten Sachen wie Zahnbürste, Bademantel und Hausschuhe ausgebreitet.
   Sein Blick folgte mir, er wirkte nachdenklich. Ja, dachte ich, überleg. Woher kennen wir uns.
   Goliath hatte etwas über den Verbleib der Maschine herausgefunden, sie war bei einem Abschleppdienst untergestellt. Kai, der auf der Bettkante saß, hörte mit weit aufgerissenen Augen zu. »Was hast du denn für ein Motorrad?«
   »Eine Suzuki.« Holthusens Stimme wurde weich. »Eine Intruder Touring. Tolle Maschine.«
   »Cool. Wie viel PS?«
   »Einhundertvierzehn. Ich hoffe, sie ist noch zu retten, mit ihr war ich an den tollsten Plätzen der Welt.« Es hörte sich an, als ob er über eine geliebte Frau spräche.
   Die drei Männer verfielen in andächtiges Schweigen. Bevor ich mein Tablett abstellen konnte, musste ich den Nachttisch aufklappen, einhändig, aber darin war ich geübt.
   Holthusens Kumpel sprang auf. »Warten Sie, ich helfe Ihnen.«
   Ich nahm den Deckel ab und alle starrten auf das Essen. Frau Seidel bekam wegen ihres hohen Blutdrucks salzarme Schonkost, irgendwas undefinierbar Braunes.
   Holthusen warf einen kurzen Blick drauf. »Das können Sie gleich wieder mitnehmen.« Er wandte sich an seinen Freund. »Gibts in diesem Kaff nicht irgendwo einen McDonald’s?«
   Goliath sah mich fragend an. »Darf er das denn?«
   Ich schüttelte den Kopf. »Leider ist Herr Holthusen sehr unvernünftig. Er ist viel zu lange aufgestanden, hat geraucht und Kaffee getrunken.«
   »Du hast Kaffee getrunken?« Goliath riss die Augen auf. »Weißt du nicht, wie ungesund der ist? Also wirklich, das weiß sogar ich!« Er sah mich Beifall heischend an.
   »Michael. Halt die Klappe.« Holthusens finsterer Blick ging zu mir. »Ich möchte den Arzt sprechen.«
   Obwohl Lutz bereits Feierabend hatte, wartete er im Stationszimmer. Martin Wirsch, seine Ablösung, saß an meinem Schreibtisch und war in OP-Berichte vertieft.
   Doktor Wirsch, ein paar Jahre jünger als Lutz, war der seltsamste Arzt, der mir je begegnet war. Er sah aus wie ein Streber, brav zurückgekämmte kurze Haare, ein irritierend altmodischer Schnauzer und unter seinem Kittel stets ein Hemd und Schlips. Weil er oft hektisch über die Flure lief, immer wichtig tat, nicht richtig zuhören konnte und niemals selbstständig Dinge fand, wurde er von uns hinter seinem Rücken »Doktor Wisch und Weg« genannt.
   »Was machst du denn noch hier?«, fragte ich Lutz. Wirsch sprang auf und räumte meinen Platz.
   »Jansen kommt gleich auf Station, er will sich den Motorradunfall ansehen. Da wollte ich dabei sein.«
   »Der Kerl ist ein Idiot. Isst, trinkt, raucht und durch seine dumme Herumlauferei ist im Redon einiges nachgelaufen.«
   Lutz lachte. »Raucher sind die besten Patienten.«
   »Wer sind die besten Patienten?« Jansen war leise ins Dienstzimmer getreten.
   »Raucher. Sie kommen am schnellsten aus dem Bett.«
   Jansen war Anfang fünfzig, mit hoher Stirn und Goldbrille. Ein entschiedener Nichtraucher. Er grüßte uns alle per Handschlag, eine Marotte von ihm, und lächelte einmal in die Runde. »Viel zu tun, Schwester Annika? Was macht denn unser berühmter Journalist? Gehen wir zu ihm?«
   Während Jansen und ich nebeneinander auf dem Flur gingen, Lutz und Wirsch uns folgten, erzählte er fröhlich, wie simpel im Grunde eine Milz zu operieren sei.
   Der Auftritt einer großen Ärzteschar erschreckte wahrscheinlich jeden Patienten. Tatsächlich verstummte die Unterhaltung im Zimmer, als wir eintraten. Freundlich aber bestimmt schickte Jansen den Besuch hinaus und Goliath, alias Michael, gehorchte anstandslos.
   »Ich bin Doktor Jansen, der Oberarzt dieser Station. Ich habe Sie operiert. Oh, Sie sehen wirklich noch sehr geschwollen aus. Keine Sorge, das gibt sich in den nächsten Tagen. Wir geben Ihnen eine Salbe und Eis zum Abschwellen, nicht, Schwester Annika? Wie geht es Ihnen sonst, Schmerzen? Sagen Sie Bescheid, wenn Sie etwas brauchen. Niemand muss heutzutage Schmerzen ertragen.«
   »Die sind auszuhalten. Ich hätte nicht gedacht, dass gleich so viele Ärzte kommen. Ich wollte eigentlich nur wissen, ob ich …« Holthusen brach ab und sah an Jansen vorbei, direkt in meine Richtung.
   Ich straffte mich, jetzt würde er sich über mich beschweren.
   »Ob ich heute noch die Schläuche raus bekomme.«
   Jansen griff sich ans Kinn. Bevor er etwas sagen konnte, schaltete ich mich ein. »Es ist in den vergangenen Stunden einiges nachgelaufen. Das Redon vom Unterschenkel wollen wir heute Nachmittag ziehen, das Bauchredon morgen.«
   »Nichts dagegen. Der Verband ist noch in Ordnung? Und aufgestanden sind Sie auch schon, wie ich gehört habe.«
   Holthusen machte ein zerknirschtes Gesicht. »Sie sind eine Petze, Schwester Annika. Wie stehe ich jetzt da? Reicht es nicht, dass Sie mich ausgeschimpft haben?«
   Jansen lachte. »Mit unserer Schwester Annika sollten Sie es sich nicht verderben. Sie hat die Zügel hier fest in der Hand.« Nach dieser fragwürdigen Beschreibung meiner Person widmete er sich dem Unterschenkel des Patienten. »Und für welche Zeitung schreiben Sie?«, fragte er und bewegte Holthusens Bein, dann legte er es behutsam zurück in die Schiene.
   Holthusen rückte ein Stück höher. »Ich bin freier Journalist.« Wir schwiegen abwartend. »Ich arbeite für keinen bestimmten Verlag.«
   Jansen nickte. »Und worüber schreiben Sie? Sport, Unterhaltung, Politik?«
   »Hauptsächlich Wirtschaft und Politik.« Er schien keine große Lust zu haben, darüber zu sprechen.
   »Interessant. Können Sie sich an den Unfall erinnern?«
   Holthusen schüttelte langsam den Kopf. »Von dem weiß ich nichts mehr. Alles weg. Ich erinnere mich erst wieder an Schwester Annika, die wie ein Engel plötzlich da war und mir gesagt hat, dass ich einen Unfall hatte und nicht gelähmt bin. Wo sind Sie, Schwester Annika? Ich kann Sie nicht sehen.«
   Jansen und Wirsch drehten sich um, Lutz machte einen Schritt zur Seite.
   Holthusen sah mich an und lächelte. »Und jetzt würde ich gern wissen, wann ich normal essen kann. Ich habe einen Mordshunger.«

Drei


Am Sonntag hatte ich Spätschicht. Sabrina saß bereits im Stationszimmer, Udo stand ungeduldig wartend an der Tür. Er, Maria und Sonja hatten Frühdienst gehabt.
   Maria kam aus Russland. Sie war völlig unkompliziert, immer gut gelaunt und nie beleidigt, auch morgens um sechs. Sie sprach schnell, sie sprach viel, sie sprach monoton. Jeder aus unserer Schicht hatte sich eine spezielle Art angewöhnt, damit umzugehen. Männer wie Udo oder Lutz sahen bei Marias Redeergüssen einfach woanders hin, und ich fand schnell eine Arbeit, die ich dringend erledigen musste. Sonja war die geduldigste von uns. Sie war etwa in meinem Alter, sehr ruhig, sehr sanft. Wenn ich überhaupt einen Menschen als meine Freundin bezeichnet hätte, dann sie.
   Sonja begann mit der Übergabe. Den Füßen ging es gut, den Knien auch, die Rückenpatienten waren immer anstrengend.
   Wir kamen zur Vier. Erwartungsgemäß gab es bei Kai nichts Neues. Holthusen war dagegen ein ergiebiges Thema, besonders bei Maria.
   Ich sah auf die Uhr. Bald war das Wochenende vorbei, noch eine Frühdienstwoche und wenn ich Glück hatte, würde er dann schon entlassen werden.
   Maria hielt einen ihrer Monologe. »So ein kräftiger Mann und so eine Panik vor der Heparinspritze. Aber so sind die Männer, nicht? Ich habe gesagt, die würde man doch nicht merken und er hat gesagt, nachdem ich sie ihm gegeben habe, das wäre die erste Spritze, die nicht wehgetan hätte.« Sie sah sich um und hielt inne. »Aber – äh, er ist ja sehr durchtrainiert, bei den Muskeln merkt man die Spritzen eben ein bisschen mehr, dafür bekommt man eben auch keine Hämatome, nicht? Ich muss nur eine Kante ansehen und schon habe ich einen blauen Fleck. Ich war mal …«
   »Er hatte solchen Hunger, darum haben wir ihm heute Mittag Vollkost gegeben. Das hat er gut vertragen.« Wie behutsam es Sonja doch schaffte, sie zu unterbrechen. »Er ziert sich etwas, einen Antithrombosestrumpf anzuziehen. Vielleicht kannst du ihn überreden. Ich glaube, Wirsch will das letzte Redon heute selbst entfernen. Er ist irgendwie aufgeregt, weil Holthusen Journalist ist.«
   »Deswegen mache ich das auch besser.«
   Sie lachte. »Holthusen hat schon gefragt, wer heute Nachmittag kommt. Udo hat erzählt, dass du ihn als Übungsobjekt für Sabrina benutzt. Ich glaube, er hat ein bisschen Angst davor.«
   »Dazu besteht kein Grund.« Ich sah zu Sabrina, die stumm auf etwas herumkaute. »Sie hat das wirklich gut gemacht und heute Nachmittag üben wir weiter.«
   Als Sabrina und ich allein waren, trat ich auf den Flur. Alle Türen waren geschlossen, niemand ging oder humpelte auf dem Gang, der sich wie ein Hufeisen um die in der Mitte liegenden Dienstzimmer zog. Der Boden glänzte sauber, die näherkommenden, quietschenden Schritte gehörten dem jungen Mann aus der Küche, der den Essenswagen abholen kam. Die meisten Patienten machten Mittagsschlaf, doch in etwa einer Stunde würden die Besucher kommen, eine Invasion von zurechtgemachten, emotional aufgeladenen Angehörigen, die nach Wasserflaschen, Blumenvasen oder diensthabenden Ärzten fragten.
   Ich klopfte ans Arztzimmer, das gleich neben unserem Dienstzimmer lag. Als sich nichts tat, trat ich ein. In dem schmalen Raum gab es eine Untersuchungsliege, ein Bücherregal voller Fachliteratur und einen Schreibtisch, an dem Wirsch saß und Arztbriefe diktierte.
   »Wolltest du das Redon ziehen?«
   Er setzte das Diktiergerät ab. »Ich habe noch so viel zu tun. Du kannst das doch? Denk daran, erst den Unterdruck lösen.«
   »Ich gebe mir Mühe.«
   Er nickte hastig und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. In der Vier hatte Kai seine Playstation vor der Nase. Hoffentlich kam seine Mutter heute, oder dieser kurzsichtige Typ aus seiner Klasse, der ihm die Hausaufgaben brachte. Ganz zu Anfang, als Kai gerade operiert worden war, hatte ich beim Aufräumen seines Nachttisches einen Blick auf seine Mathezettel werfen können. Sie waren falsch, und ich fragte ihn, ob er sie nicht verstanden hätte. Für ihn war Mathe scheiße und er sah nicht ein, wofür man das alles brauchte. Ich sagte, dass das ganze Leben aus Zahlen bestehen würde, niemand könne ohne sie leben. Ich bekam Rückendeckung von Herrn Suchinsky. Wer nämlich rechnen könne, so seine These, könne auch die Welt regieren. Daraufhin versicherte uns Kai, er hätte kein Interesse daran, die Welt zu regieren. Ich nahm mir etwas Zeit und erklärte ihm, wie man Ableitungen berechnete. Ich glaube, er hatte nicht die geringste Lust auf Mathe, aber es schien ihm gefallen zu haben, dass ich neben ihm gesessen hatte.
   Holthusen lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken, das Kissen unbequem zerdrückt, auf seinem Nachttisch ein einziges Durcheinander. Der Blumenstrauß seines Freundes war lieblos in eine hässliche, viel zu kleine Vase gestopft worden. Sein Gesicht war so geschwollen, dass man zumindest auf der linken Seite keine Knochen mehr erkennen konnte. Als ich die Flaschen und Bücher vom Nachttisch auf den anderen Tisch knallte, wachte er auf. Er strich sich die Haare aus der Stirn, womit seine Frisur noch zerzauster aussah.
   »Da sind Sie ja.« Sein Lächeln sah wegen der Schwellung schräg aus. Mühsam stellte er das Kopfende hoch, dann sah er mich aufmerksam an. »Ich habe Sie schon vermisst.«
   »Wir ziehen jetzt das letzte Redon.« Ich fasste an den Griff, drückte das Kopfende zurück, er schoss nach hinten und sah mich, wieder flach liegend, vorwurfsvoll an. »Das heißt, Sabrina wird es ziehen.«
   Sabrina mühte sich ungeschickt mit den sterilen Handschuhen ab und schien uns nicht zuzuhören.
   Holthusen lachte auf. »Fast hätte ich Ihnen das abgenommen, Schwester Annika. Dabei sollte ich inzwischen wissen, dass Sie mich immer nur ärgern wollen.«
   »Ziehen Sie bitte das Oberteil hoch, wir müssen an Ihren Bauch.«
   »Jetzt mal im Ernst, das macht doch keine Schwesternschülerin.«
   »Das könnte sogar unser Hausmeister. Sie werden sehen, Sabrina wird das sehr gut machen.«
   Er sah mich flehentlich an. Als das nichts brachte, wandte er sich an Sabrina. »Wissen Sie was?« Seine Stimme hatte einen verführerischen Klang angenommen. »Wenn Sie das hinkriegen, ohne dass es wehtut, lade ich Sie zum Essen ein.«
   Wahrscheinlich glaubte er, seine Einladung wäre für jedes weibliche Wesen das Nonplusultra. Für Sabrina war es wohl eher eine Horrorvorstellung.
   Kai schien uns gerade interessanter als sein Computerspiel zu finden. »Was passiert jetzt?«
   »Wir ziehen nur den Schlauch.«
   »Echt? Das muss ich sehen.«
   Ich dachte an Sabrinas Nervosität und verstellte ihm die Sicht. »Lieber nicht. Ist kein schöner Anblick.«
   Sabrinas Hände zitterten, als sie mit der Schere unter den Verband fasste. Ich zeigte auf den Schlauch, sie schob ihn zur Seite, dann durchtrennte sie den Verband. Holthusens operierter Bauch lag vor uns, noch rot vom Desinfektionsmittel und mit einer etwa zehn Zentimeter langen, geklammerten Naht im linken Oberbauch.
   Holthusen beugte sich vor. »Ganz schön lange Narbe.« Er ließ den Kopf zurück ins Kissen fallen. Dass er nicht eitel war, hatte er bereits durch seine zu langen Haare und den ungepflegten Bart bewiesen.
   Als nächstes erklärte ich Sabrina, wie sie den Unterdruck im Redon lösen musste. Da der Schlauch angenäht war, musste er zuerst mit einem Stichcutter gelöst werden.
   Plötzlich fühlte ich, wie sich eine Hand in meine schob. »Halten Sie meine Hand?« Bevor ich reagieren konnte, betrachtete Holthusen meine Finger.
   Meine Hände waren rot und rau, und im Moment ein bisschen zerkratzt. Das lag an den aggressiven Desinfektionsmitteln und Handschuhen, die ich dauernd tragen musste. Viele Krankenschwestern hatten diese Probleme, nicht nur ich.
   Ich entzog ihm meine Hand und fand, Sabrina hatte für heute genug gelernt. Mit routiniertem Griff streifte ich mir sterile Handschuhe über. »Ich übernehme jetzt.«
   Sabrina machte sofort Platz. Holthusen verfolgte unseren Tausch schweigend.
   »Jetzt tief Luft holen.« Ich zog den Schlauch ein Stück aus dem Bauch, ganz langsam, Holthusen atmete hörbar ein. Und langsam weiter, Zentimeter für Zentimeter.
   Er stöhnte auf. »Nun ziehen Sie das verdammte Ding endlich raus … sonst mach ich es selbst!«
   Ich hielt den Schlauch hoch. »Sie waren sehr tapfer.«
   »Alles klar, Tom?«, rief Kai. Schon stand er neben mir, ohne Stützen, betrachtete erst den Schlauch in meiner Hand, dann Holthusens lange Narbe. »Mann! Die Narbe ist voll krass. Cool.«
   Es dauerte einige Sekunden, bis sich Holthusen beruhigt hatte. In der Zwischenzeit befeuchtete ich eine Kompresse mit Desinfektionsspray. Gerade näherte ich mich damit seinem Bauch, als er mein Handgelenk zu fassen bekam. »Ganz sicher nicht!«
   »Ist nur kalt. Ich will die rote Farbe abwaschen.«
   »Die kann ruhig noch dran bleiben.«
   »Okay.« Ich wartete, bis er mein Handgelenk freiließ, im nächsten Moment drückte ich die Kompresse auf das Austrittsloch des Schlauchs. Als das Brennen in seinem Hirn ankam, keuchte er nach Luft und richtete sich erstaunlich behände auf.
   Ich machte einen Schritt nach hinten und zeigte auf seinen Bauch. »Vorsicht, die Naht.«
   Er ließ den Kopf ins Kissen zurückfallen und starrte an die Decke. Allmählich normalisierte sich seine Atmung, doch seine dunkle Gesichtsfarbe blieb. Es klingelte, Sabrina marschierte los. Gerade wollte ich einen Pflasterverband anlegen, als Wirsch hereinkam und sich hinter mich stellte.
   »Die Wunde sieht gut aus, Herr Holzhu…« Wirsch verlor sich in einem Nuscheln. Er beugte sich vor. »Warum keinen Verband mehr?«, fragte er leise.
   »Weil es nicht mehr nötig ist.«
   »Ist aber doch besser. Wir machen einen.«
   Wie er wollte. Ich würde seine Anordnung schriftlich festhalten und morgen würde Lutz darüber den Kopf schütteln und ein Pflaster verlangen. Ich ging ins Stationszimmer, um eine Mullbinde zu holen. Als ich zurückkam, war Kai im Bad und Wirsch sprach auf Holthusen ein, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, wie es Friedrich, der Chefarzt, zu tun pflegte.
   »Alles klar? Dann brauchst du mich ja jetzt nicht mehr.« Wirsch wandte sich an Holthusen. »Wenn Sie noch irgendwelche Fragen haben, Herr Holzhausen …«
   »Dann frage ich Schwester Annika.«
   Es war für uns beide unangenehm, den Verband anzulegen. Für Holthusen, da er dafür den Oberkörper anheben musste, was wegen seiner Rippenprellungen sicher schmerzhaft war. Für mich, weil ich ihm dabei sehr nahe kommen musste. Er hielt sich am Galgen fest, ich konnte sehen, wie er mühsam nach Luft schnappte. Immerhin schien er mir die Desinfektionstortur nicht nachzutragen.
   »Ich kann mir vorstellen, dass manche Schwester hier mehr draufhat, als der eine oder andere Arzt.« Er war leicht außer Atem.
   Ich hielt inne. »Unsere Ärzte sind alle kompetent und erfahren.«
   Vorsichtig ließ er sich aufs Bett zurückgleiten. »Ich wette, zwischen Ihnen und dem Stationsarzt von gestern, wie hieß der, Wunderbar? Mit Ihnen und Doktor Wunderbar läuft was.« Er grinste provozierend. »Irgendwas ist bestimmt dran an dem Klischee mit Schwestern und Ärzten. Wir müssen übrigens noch über das sprechen, was Sie gestern auf dem Balkon gesagt haben. Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht.«
   »Anheben!«
   Er zog sich nach oben und baumelte ein paar Zentimeter hoch in der Luft. Ich drückte die Mullbinde unter seinem Rücken hindurch und nahm sie auf der anderen Seite in Empfang. Plötzlich ließ er sich fallen, gerade als ich mit dem Oberkörper über seinem Bauch und mit einem Arm unter seinem Rücken hing. Besorgt sah ich zu ihm hoch, versuchte, herauszufinden, was passiert war. Dann begriff ich, wir waren allein und ich hing fest.
   Sein unrasiertes, geschwollenes Gesicht war dem meinen ganz nah. »Raus mit der Sprache. Ich will endlich wissen, was ich Ihnen getan habe.«
   Ich drückte mit der freien Hand einmal kurz auf seine Naht, er stöhnte auf, ich zog die eingeklemmte Hand unter ihm hervor und sprang zwei Schritte zurück. »Sie ziehen den Kürzeren. Haben Sie das immer noch nicht kapiert?«
   Allmählich bekam er wieder Luft. »Es ist unfair, erst Andeutungen zu machen und mich dann im Ungewissen zu lassen.«
   Unfair? Und das ausgerechnet von ihm.
   Ich sah auf seinen fast fertig umbundenen Bauch und hatte keine Lust mehr auf einen Verbandwechsel.
   Sabrina kam zurück. »Ich habe Herrn Brühns aufs Becken gesetzt.«
   Um Holthusen nicht noch einmal zu nahe kommen zu müssen, gab ich Sabrina den Auftrag, den Verband abzuwickeln und anschließend ein großes Kompressenpflaster auf die Naht zu kleben. Gut, dass sie schlicht war und nicht nach dem Sinn: keinen Verband – Verband – keinen Verband, fragte.

Holthusens Freund Michael kam nachmittags in Begleitung eines weiteren lederbekleideten Rockers. Draußen waren an die dreißig Grad, ihre Gesichter waren schweißbedeckt. Michael hatte sich wieder den hässlichsten Blumenstrauß andrehen lassen. Als er mich sah, versteckte er hastig etwas hinter seinem Rücken.
   »Hallo«, rief er übertrieben gut gelaunt. »Ist es in Ordnung, wenn wir Tommy besuchen? Wir gehen auch nicht mit ihm rauchen.«
   Ich sah von ihm zu dem anderen Kerl. Der starrte unbehaglich zu Boden. »Ich nehme an, dass Sie da hinter Ihrem Rücken etwas zu essen einschmuggeln wollen?«
   Michael wich meinem Blick aus. »Ist nur Kaffee.«
   »Schade, den darf er auch nicht. Ist viel zu stark.«
   »Er bringt mich um, wenn er den nicht bekommt.«
   Ich sah es vor mir: Holthusen, der Mörder. Vor Gericht. Im Gefängnis. Endlich Gerechtigkeit. Goliaths Tod war zu verwinden. »Dann müssen wir tricksen.«
   Der Kaffee roch verführerisch gut, als ich ihn in die Spüle kippte. Wir hatten noch lauwarmen Kaffee vom Nachmittag über, zumindest farblich gab es eine gewisse Ähnlichkeit.
   Michael ließ sich den Becher in die Hand drücken. »Das wird er merken.«
   »Sagen Sie einfach, seine Geschmacksnerven seien durch die Anästhesie noch nicht wieder voll entfaltet. Glauben Sie mir, Sie tun ihm damit einen Gefallen.« Ich sah zu dem Mürrischen. »Aber wenn er diesen Kaffee auch nicht verträgt und sich übergeben muss, klingeln Sie. Ich komme dann.«
   Insgeheim hoffte ich, dass seine Freunde ihn ins Badezimmer begleiten würden, zum Waschen oder sonst was. Da er sich nicht meldete, war das wohl auch so. Leider brach er sich dabei nicht das Genick. Das hätte ich mitbekommen.
   Nach dem Abendessen siegte mein Pflichtgefühl, er musste noch einmal aufstehen, außerdem wollte ich mir sein Kompressionspflaster ansehen. Goliath und der Stumme hatten sich vor etwa einer Stunde am Stationszimmer vorbeigeschlichen.
   Kai saß auf Holthusens Bettkante. Beide Köpfe schienen aneinander zu kleben, wie gebannt blickten sie auf die Playstation. Im Papierkorb entdeckte ich den mitgebrachten Pappbecher und das Blumenpapier. Der Strauß war lieblos in die benutzte Vase gestopft worden, in der nur noch eine Pfütze Wasser war.
   Holthusen sah vom Computerspiel auf. »Warte mal, Kai.« Er trug ein grünes T-Shirt, seine Brusthaare lugten provozierend daraus hervor. »Herzlich Dank für den Kaffee, Schwester Annika.«
   »Gern geschehen.«
   »Kleiner Tipp fürs nächste Mal: Michael kann sich Fachbegriffe und lange Sätze nicht besonders gut merken. Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich begriff, was er mit den Folgen einer Amnesie für Geschmacksverstärker sagen wollte. War ein bisschen zu schwer für ihn.« Er zog die Augenbrauen zusammen. »Ihr sogenannter Kaffee ist ein klarer Verstoß gegen die Genfer Konventionen. Mit denen kenne ich mich gut aus. Darin heißt es, dass Gefangene, und als ein solcher fühle ich mich gerade irgendwie, unter allen Umständen mit Menschlichkeit behandelt werden sollen.« Er machte eine bedeutungsschwere Pause. »Auch wenn es nicht explizit erwähnt wird, meiner Meinung nach gehört dazu ein genießbarer Kaffee.«
   »Sie können sich schon mal auf die Bettkante setzen.«
   Er stutzte, dann begann er zu schmunzeln. »Aha, Waschzeit. Eigentlich bin ich seit heute Morgen nicht viel dreckiger geworden. Aber ich müsste sowieso mal ins Bad.«
   »Morgen, wenn Sie Ihre Gehhilfen haben und wissen, wie stark Sie Ihr Bein belasten dürfen. Heute müssen Sie noch aufs Becken.«
   »Dann warte ich bis Morgen.«
   Ich zuckte die Schultern. Wenn er das so lange kontrollieren konnte, mir egal. »Kai, dann kannst du ins Bad.«
   Kai nickte stumm, starrte allerdings weiter auf sein Spielzeug. Was war bloß so magisch an diesem Ding? Ungeduldig nahm ich es ihm aus der Hand. »Los!«
   Er meckerte ein bisschen, machte sich aber auf den Weg. Diesmal konnte sich Holthusen allein auf die Bettkante setzen, ein Zeichen dafür, dass er geübt hatte. Er mühte sich ab, das T-Shirt über den Kopf zu ziehen, dabei fing er meinen Blick auf. »Etwas nicht in Ordnung?«
   »Ich sehe mir nur Ihr Pflaster an.«
   Holthusen nahm Waschlappen und Seife und begann, sich zu waschen. Während ich Kais Bett machte und seinen Nachttisch aufräumte, überlegte ich, ob er sich mit diesem seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht über mich lustig machte. Aber vielleicht hatte er auch Schmerzen. Um nicht weiter von ihm abgelenkt zu werden, ging ich ins Bad, um nach Kai zu sehen. »Soll ich dir den Rücken waschen?«
   Sein Kopf fuhr herum. »Nee.«
   Ich ging zurück ins Zimmer.
   »Würden Sie meinen waschen?« Holthusen hielt mir den Waschlappen entgegen, sein Blick war provozierend. »Meinen Rücken?«
   Ich zögerte. Bei jedem anderen Frischoperierten wäre diese Art der Pneumonieprophylaxe selbstverständlich gewesen. Holthusen wirkte nur nicht wie ein Frischoperierter. Mein Pflichtbewusstsein siegte. Ich stellte mich neben ihn, nahm den Waschlappen und wischte lustlos auf seinem breiten Rücken herum.
   »Hm.« Er ließ den Kopf sinken. »Das tut gut.«
   Ich schruppte kräftiger.
   »Meine Güte. Etwas zarter, bitte!«
   Ich warf den Lappen ins Wasser, Holthusen bekam ein paar Spritzer ab. Im nächsten Moment richtete er sich auf, bekam mich zu fassen und zog mich an sich. Ich war so erstaunt über seine schnelle Reaktion, dass ich wie gelähmt dastand. Wie konnte er mich derart überrumpeln, mit seinen geprellten Rippen und der frischen Bauchwunde? Stand der Mann unter Drogen? Ich sah in seine Augen, doch seine Pupillen waren eher eng, das Blau dahinter funkelte kristallklar. Ich spürte seinen festen Händedruck auf meinem Kittel, es brannte wie Feuer. Hektisch versuchte ich, seine Hände von mir abzustreifen.
   Er nickte warnend hinter sich. »Vorsicht, da steht die Waschschüssel.«
   Die Klingel unterbrach meine verzweifelten Bemühungen, mich loszureißen. Ich sah Holthusen streng an. »Lassen Sie mich jetzt los, das ist nicht mehr witzig.« Er schüttelte den Kopf. Es klingelte weiter. »Ich muss da hin.«
   »Sabrina ist doch auch noch da.« Er griff fester zu. »Sie sagen mir jetzt, was ich Ihnen getan habe. Vorher lasse ich Sie nicht los.«
   Er zog das tatsächlich durch, auch als Kai aus dem Bad gehumpelt kam und bei unserem Anblick schlagartig stehen blieb.
   »Kai, schieb mal die Waschschüssel ein Stück zur Seite.« Mehr fiel mir im Moment nicht ein.
   Er war so perplex, dass er sofort zur Stelle war. Holthusens Griff war unnachgiebig. Ich konnte kaum glauben, wie viel Kraft er besaß, dabei tat ihm bestimmt jeder Muskel weh, jeder Knochen seines Körpers.
   »Also gut. Ich gebe Ihnen einen Tipp.«
   »Ich will keinen Tipp. Ich will die ganze Geschichte.«
   »Mein Nachname ist Hansen.« Im nächsten Moment hätte ich mir am liebsten auf die Zunge gebissen. Wieso hatte ich das gesagt? Jetzt war alles vorbei, jetzt würde ihm der Zusammenhang klar werden und ich mit dem konfrontiert werden, was ich seit Jahren zu verdrängen versuchte. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ein bisschen lockerte sich sein Griff, er dachte nach, das konnte ich sehen, aber, ich schöpfte ein wenig Hoffnung, scheinbar blieb eine Erleuchtung aus. Er schlug sich nicht mit der Hand gegen die Stirn: Ach, die Annika Hansen, deren Leben ich vor vierzehn Jahren verpfuscht habe.
   Kai sah verunsichert von einem zum anderen. »Ist das wieder ein Spiel?«
   Holthusen ließ mich endlich los. »Da bin ich mir nicht mehr sicher.«

Vier


Der Montag verlief normal hektisch. Drei neue, aufgeregte Patienten standen morgens um neun vor dem Stationszimmer, hatten noch keine Betten und mussten aufgenommen werden. Zwei Entlassungen warteten ungeduldig auf ihre Arztbriefe, die Lutz noch immer nicht geschrieben hatte. Wir brachten Patienten in den OP und holten sie wieder ab, genau als das Mittagessen kam. Leere Betten wurden aus den Zimmern geschoben, standen so lange auf dem Flur im Weg, bis endlich jemand kam, um sie abzuholen. Nachttische, Galgen und Schränke wurden geputzt, und zwischen all der Rennerei von Schwestern, Ärzten, Krankengymnastin, Angehörigen und Patienten wischte Hatice, unsere Putzfrau, mit gleichbleibendem Schwung seelenruhig den Flur.
   Ich hatte mich um die Aufnahme der Neuzugänge gekümmert, Patientenakten angelegt und trug jetzt die Daten ein. Gudrun saß neben mir und telefonierte. Als sie den Hörer auflegte, seufzte sie. »Wir haben ein Problem.«
   Unsere Stationsschwester hatte ständig irgendwelche Probleme, sie zog sie regelrecht an. Ihr ganzes Leben schien eine einzige Überforderung zu sein, vielleicht wurde man so, wenn man dreißig, vierzig Jahre in diesem Beruf gearbeitet hatte. »Karin ist krank.« Sie wartete auf eine Reaktion, doch ich schwieg. Es war nicht meine Aufgabe, mich um einen Ersatz zu kümmern. »Wen könnten wir wohl anrufen? Doreen?«
   »Die wollte nach Rügen«, sagte ich, ohne aufzublicken.
   Gudrun klickte nervös mit einem Kugelschreiber. »Was machen wir denn jetzt?«
   Ich warf ihr einen schnellen Blick zu. Sie starrte aufs Telefon, als ob es jeden Moment klingeln und eine Lösung vorschlagen würde. Männerstimmen waren zu hören, dann kam auch schon Friedrich, unser Chefarzt, zusammen mit Jansen um die Ecke. Friedrich war um die sechzig, aber durch seine schlanke, gerade Haltung und die vollen grauen Haare, sah er bedeutend jünger aus. Sobald er einen Raum betrat, spürte man die von ihm ausgehende Ruhe und Souveränität. Er sprach stets leise und mit einem feinen Lächeln, seine Augen konnten einen durchbohren, und egal ob Ärzte, Pflegepersonal oder Patienten, alle hatten einen Heidenrespekt vor ihm.
   Es wurde eine kurze Visite nur bei den Privatpatienten. Als sie zurückkamen, waren sie guter Stimmung. Gudrun schien vergessen zu haben, dass uns eine Nachtwache fehlte.
   Holthusen war Privatpatient, und da Kai Mittwoch entlassen werden sollte, würde er anschließend automatisch sein Einzelzimmer bekommen. Man hatte ihm angeboten, auf eine andere Station verlegt zu werden, wo bereits ein Privatzimmer frei war, doch er lehnte ab. Sehr schade.
   Ich lauschte, ob im Zusammenhang mit Holthusen ein Entlassungsdatum genannt wurde. Oder eine Verlegung. Oder eine Einweisung in eine andere, vielleicht psychiatrische Abteilung. Leider ging es bei Friedrich und Jansen ausschließlich um Holthusens Arbeit als Journalist. Scheinbar hatte er sie über die Anzahl der jährlichen Transplantationen in diesem Krankenhaus ausgefragt, und damit das Misstrauen von Chefarzt und Oberarzt geweckt.
   Ärgerlich sah ich auf die neu angelegte Patientenkurve. Ich hatte mich zum zweiten Mal verschrieben. Vorsichtig zog ich den Korrekturstift über meinen Fehler, betrachtete das Ergebnis, zerriss das Papier und warf es in den Müll.
   Ich verteilte mit den anderen Mittagessen und wartete gerade, dass Sabrina endlich ihr Tablett aus dem Essenswagen herausgezogen bekam, als Holthusen auf den Gang gehumpelt kam, an seiner Seite Manuela, unsere Krankengymnastin. Holthusen hielt sich noch etwas gebückt, wahrscheinlich war es schwierig, sich mit geprellten Rippen abzustützen.
   »Man merkt, dass er trainiert ist«, teilte Manuela uns mit ihrer tiefen, ruhigen Stimme mit. Sie war eine bodenständige Frau Ende vierzig. »Ich musste ihn schon bremsen. Er soll nur zwanzig Kilo teilbelasten und das gerade eben, Herr Holthusen, war eine viel zu starke Belastung.«
   »Ist aber auch nicht einfach, abzuschätzen, wie viel zwanzig Kilo sind«, verteidigte er sich.
   »So viel wie ein großer Sack Kartoffeln.« Maria nahm sich ein Tablett, bevor ich in den Wagen greifen konnte. »Oder mein Hund, der wiegt inzwischen an die …« Wir hörten sie noch, als sie schon um die Ecke war.
   »Eine Kiste Bier.« Udo hatte es nicht eilig, sich ein Tablett zu nehmen, entspannt lehnte er sich gegen den Wagen.
   In dem Moment trat Lutz aus dem Arztzimmer. »Sieh mal an, Herr Holthusen, Sie machen ja tolle Fortschritte.« Er nickte Holthusen kurz zu, im nächsten Moment legte er eine Hand auf meinen Rücken. »Annika, kommst du mit, ich brauche jemanden für den Verbandwechsel in der Zwei.«
   In Zimmer zweihundertzwei lag ein Patient mit einem externen Fixateur. Bei dieser unheimlich anzusehenden Apparatur war ein Implantat außerhalb des Körpers mit Schrauben am Knochen fixiert. Die Stellen, an denen sich das Metall durch die Haut bohrten, mussten besonders sauber und trocken gehalten werden. Ich hatte schon schlimme Infektionen an Austrittsstellen gesehen. Allerdings nicht auf meiner Station.
   Holthusen war stehen geblieben »Oh, kommen Sie auch zu mir?« Er legte den Kopf schief. »Wir haben Sie heute noch nicht gesehen, Schwester Annika. Kai ist ganz traurig.«
   Ohne ihn weiter zu beachten, wandte ich mich an Lutz. »Willst du das nicht lieber heute Nachmittag machen?«
   »Dann bist du aber nicht mehr da«, sagte er leise und zog mich ein Stück weiter. Holthusen und Manuela gingen dicht an uns vorbei. »Ich vermisse dich.«
   Ich dachte an Holthusens Kommentar bezüglich Schwestern und Ärzten. Lutz passte genau in dieses Klischee. Er hatte sich angewöhnt, ständig mit mir zu flirten. Ich wusste nicht, warum. Ich ermutigte ihn nicht, im Gegenteil, ich war sein schärfster Kritiker. Vielleicht war genau das das Attraktive an mir, nicht leicht zu haben zu sein.
   Als wir das Mittagessen einsammelten, ging ich in die Vier. Hatice war am Wischen, ich wartete, bis sie den letzten Rest des Bodens fertig hatte. Kai erklärte seinem Nachbarn gerade den Unterschied zwischen Frauenfußball und richtigem Fußball. Die beiden verstanden sich gut, Holthusen nahm den Jungen ernst, was gut bei Kai anzukommen schien. Wahrscheinlich fand er den Älteren cool.
   »Hast du denn schon mal ein Spiel gesehen?« Holthusen sah seinen jungen Zimmernachbarn geduldig an.
   Kai schüttelte geringschätzig den Kopf. »Nee. Nur ’n paar Minuten, dann hab ich weggeschaltet. Echt, nur Rumgebolze, sieht voll scheiße aus.«
   »Ich fand deren Taktik nicht schlecht.«
   Kai machte ein erstauntes Gesicht. »Würdest du dir echt ’n Spiel von denen ansehen? Ins Stadion gehen?«
   »Klar, da gibt es eine Menge hübscher Mädchen, die haben wenig an und sind ziemlich durchtrainiert.« Holthusen lachte und Kai stimmte schließlich mit ein. Sie bemerkten mich und schwiegen.
   Ihre Tabletts sahen wie Müllhalden aus, beide hatten ihr Besteck so achtlos auf den Teller gelegt, dass der Deckel nicht mehr draufpasste. Ich stellte mich vor Kai und hob den Zeigefinger. Wortlos nahm ich seine Gabel, hielt sie ihm vors Gesicht, seine Augen weiteten sich, er wurde puterrot. Langsam legte ich sie in das dafür vorgesehene Fach, dann tat ich das Gleiche mit dem Messer. Zum Schluss nahm ich den Deckel und klappte ihn aufs Tablett. Hinter meinem Rücken hörte ich Holthusen hastig mit dem Besteck hantieren.
   Hatice lehnte auf ihrem Mob und sah interessiert zu. »Hast du gut erklärt, Schwester. Jetzt sie wissen, wie machen.«
   Ich trocknete gerade die Waschschüsseln ab, als Gudrun zu mir in die Spüle kam. »Kann das nicht Sabrina machen?« Sie wartete meine Antwort nicht ab. »Annika, kannst du mir einen Riesengefallen tun?« Ich wusste sofort, was sie wollte. »Kannst du vier Nächte übernehmen? Ab Morgen? Du könntest nach dem freien Wochenende deine Überstunden nehmen, hättest lange frei.«
   Eigentlich machte ich gern ein paar Nachtschichten zwischendurch. Da war es ruhig, ich hatte Zeit, aufzuräumen und sauber zu machen. Doch diesmal war es anders. Der Gedanke, allein mit Holthusen auf Station zu sein, beunruhigte mich. Ich straffte die Schultern.
   Er konnte mir nicht das Wasser reichen.
   Niemals.

Fünf


Ich hatte mich nachmittags kurz hingelegt und kam einigermaßen erholt zu meiner Nachtschicht. Inge aus der anderen Schicht machte die Übergabe. Wir hatten zwei Frischoperierte, dazu noch die beiden OPs vom Vortag, alles kleine Sachen. Kein Problem. Die Kollegen wünschten mir eine ruhige Nacht und als sie weg waren, trat eine wunderbare Ruhe ein.
   »Hallo, Schwester Annika.« Kai stand vor der offenen Dienstzimmertür. »Haben Sie heute Nachtwache?«
   Ich nickte und sein Gesicht strahlte. »Cool. Wissen Sie, dass ich morgen entlassen werde?«
   »Ja. Freust du dich?«
   »Klar.« Er sah verlegen zu Boden. »Ich hab ’ne neue Pokémon Edition für die Playstation bekommen, von meinem Vater, macht echt Spaß.« Seine Eltern waren geschieden und sein Vater hatte sich nur einmal kurz blicken lassen. »Möchten Sie sie sehen?«
   Am Anfang einer Nacht gab es die meiste Arbeit. Die frischen OPs mussten überwacht, die für den nächsten Tag vorbereitet werden. Die Entlassungen für morgen brauchten ihre Arztbriefe und andere Befunde, vorausgesetzt, unsere Ärzte hatten sie ausnahmsweise pünktlich fertig. Ich bevorzugte es, früh die Medikamente für den nächsten Tag zu stellen, solange ich noch fit war. Doch als ich Kais eifrigen Blick sah, stellte ich mein Tablett mit den Nachtmedikamenten ab. »Pokémon, ist das nicht eine indianische Prinzessin?«
   »Prinzessin? Nee, das sind Monsterfiguren.« Eifrig begann er, mir das Spiel zu erklären und je mehr ich hörte, desto unheimlicher wurde es mir. Und Kai.
   »Ich habe auch noch Tetris. Das spielt Tom auch lieber.«
   »Ich würde gern, Kai, aber ich muss jetzt erst was tun.«
   »Okay.« Er hatte wohl wirklich Langeweile. »Später?«
   »Was ist denn mit deinem Nachbarn?«
   Kai machte ein langes Gesicht. »Ach, der arbeitet bloß, schreibt auf seinem Laptop und so. Kommen Sie gleich bei uns rein?«
   Das ließ sich wohl nicht vermeiden. Ich belud meinen Wagen mit Gläsern, Getränken, Blutdruckgerät, dem Medikamenten- und Spritzentablett und einigen Papieren zum Unterschreiben.
   Die Patienten waren überrascht, mich um diese Uhrzeit zu sehen. Frau Seidel wollte sogar gleich aufstehen und sich waschen.
   Ich gehörte nicht zu den Schwestern, die gern am Fußende eines Bettes standen, sich stundenlang Lebensgeschichten fremder Leute anhörten oder über Alltägliches plaudern mochten. Dafür konnte man sich auf mich verlassen, ich wusste immer, was zu tun war, vergaß nie einen Auftrag und konnte alle Fragen zur Behandlung oder Verwaltung beantworten.
   Ich verteilte Schlafmittel, Getränke und Spritzen bis ich in die Vier kam. Holthusen lag angezogen auf dem Bett, hielt seinen Laptop auf dem Schoß und sah konzentriert auf den Bildschirm. Sein Bein lag in der Schiene, die Schwellungen in seinem Gesicht waren leicht zurückgegangen, man konnte sogar sein linkes Auge erkennen. Er hatte sich noch immer nicht rasiert, die blonden Stoppeln hatten eine beachtliche Länge, aber immerhin hatte er sich gekämmt. Er sah erst auf, als ich mit der Spritze an sein Bett trat.
   Wenn er überrascht war, mich zu sehen, ließ er sich nichts anmerken. Wortlos zog er das Oberteil hoch, ich gab ihm die Spritze und hoffte, er würde sich über den Piek beschweren, zusammengezuckt war er jedenfalls, doch er widmete sich sofort wieder seinem Bildschirm.
   Ein bisschen enttäuscht ging ich zu Kai. Neben seinem Bett stand eine Tasche. »Alles gepackt? Wann holt dich deine Mutter ab?«
   »Ganz früh. Unser Auto muss in die Werkstatt. Wahrscheinlich brauchen wir ein Neues. Was haben Sie für eins?«
   »Ich habe keinen Führerschein.« Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, wie Holthusen den Kopf hob.
   »Echt nicht?« Kai schien es nicht glauben zu können. »Und wie kommen Sie zur Arbeit?«
   »Mit dem Fahrrad.«
   »Und in Urlaub?«
   »Auch. Ich bin eine gute Fahrradfahrerin.«
   Kai dachte einen Moment nach. »Vielen Dank, dass Sie mir bei Mathe geholfen haben. Ich hab echt was kapiert, von Kosinus und Tangens und so. Sie sind echt gut im Erklären, bestimmt wären Sie ’ne super Mathelehrerin.«
   »Das glaube ich nicht«, sagte ich kühl. Was für ein absurder Gedanke.
   Er schien noch etwas sagen zu wollen. »Könnten wir vielleicht, wenn Sie mögen … ein Foto machen? Von, äh, Ihnen und mir? Zum Abschied?«
   Bisher hatte noch nie jemand um ein Andenken von mir gebeten. Die meisten Patienten waren froh, das Krankenhaus verlassen zu können. Genesen. Oder zumindest lebend. Nette Schwester hin, nette Schwester her. Man bekam ein Danke, manchmal eine Packung Pralinen oder einen Umschlag mit Geld. Immer schön unpersönlich. Kais Wunsch war mir unangenehm, und einen Moment lang dachte ich daran, mir eine Ausrede zu suchen. Ich ging zum Desinfektionsspender und rieb meine Hände ein.
   Als ich mich umdrehte, sah ich geradewegs in Holthusens stechend blaue Augen. Sein Blick ließ mich nicht los, es war, als ob er auf etwas wartete.
   Ich setzte ein freundliches Gesicht auf. »Meinetwegen. Aber es muss schnell gehen, ich habe noch viel zu tun.«
   Bevor ich etwas tun konnte, sprang Kai aus dem Bett, natürlich ohne Stützen. »Cool! Tom, machst du das Foto?«
   »Meinetwegen«, ahmte Holthusen mich nach. »Wenns schnell geht.«
   Ich wartete nervös, dass Holthusen endlich auf den Auslöser drückte. Kai, der neben mir stand, wirkte genauso verkrampft wie ich. Doch Holthusen schüttelte den Kopf und ließ die Hand mit der Kamera sinken. »So geht das nicht, Schwester Annika. Könnten Sie zur Abwechslung nicht mal ein bisschen freundlicher gucken? Denken Sie an was Schönes. Wie wärs mit Ihrem ersten Kuss?« Er sah mich an und seufzte laut. »Okay, der war wohl nichts. Dann stellen Sie sich einfach vor, Sie würden mir eine riesige Spritze verpassen. Na also, so bleiben …«
   Während ich ihn in Gedanken zerfleischte, schien er sich gut zu amüsieren und drückte ein paar Mal ab. Danach wollte Kai unbedingt noch eines von sich und Holthusen. Ich betrachtete das winzige Handy in meiner Hand, am liebsten hätte ich es gegen die Wand geworfen. So eine dumme, sinnlose Zeitverschwendung. Ich riss mich zusammen, stellte mich in Position und visierte die beiden an. Holthusen legte kameradschaftlich den Arm um Kai und der sah richtig glücklich aus.
   »Haben Sie uns richtig drauf? Nicht, dass Sie mir den Kopf abgeschnitten haben.«
   Ich drückte ab, dieses anzügliche Grinsen war jetzt für immer digitalisiert.
   Kai wirkte aufgekratzt. »Noch eins mit euch beiden.«
   »Jetzt ist es genug, meine Arbeit wartet.«
   »Ach, kommen Sie.« Holthusen winkte mich her. »Ein Foto für Kai mit seinem Kumpel und seiner Lieblingskrankenschwester.« Kai machte ein entsetztes Gesicht und errötete tief. Holthusen zwinkerte ihm zu. »Hey, sie ist auch meine Lieblingsschwester.« Er wandte sich an mich. »Machen Sie ruhig wieder Ihr strenges Gesicht. Ehrlich gesagt liebe ich es, wenn Sie so gucken. Kai, du musst mir unbedingt das Foto schicken.«
   Wortlos nahm ich die alten Eisbeutel und ging.
   Vor der Tür atmete ich tief durch. Mein Herz raste, ich musste mich beruhigen, am besten in der Spüle etwas sauber machen. Nur kurz, vielleicht die gebrauchten Vasen abwaschen.
   Als ich endlich alle Zimmer durchhatte, war es kurz vor zehn. Kai stand am Stationszimmer. »Wollen Sie mal sehen?« Er hielt mir das Handy entgegen. »Wenn Sie mir Ihre E-Mail-Adresse geben, schicke ich Ihnen das Bild.«
   »Ich habe keinen Computer.«
   »Echt nicht?« Er riss ungläubig die Augen auf. »Wie rufen Sie denn Ihre Post ab?«
   »Ich schaue in den Briefkasten.«
   Erschreckend, ich hatte mich lange nicht mehr auf einem Foto gesehen. Ich sah blass und ernst aus, Kai lang und schlaksig, Holthusen gut gelaunt und ziemlich bunt im Gesicht. Ich war gerade dabei, das kleine Display zu drehen und zu wenden, als Lutz ins Stationszimmer geschlendert kam. »Was habt ihr denn da?« Dass er Dienst hatte, wusste ich nicht. Zufall? Hoffentlich. »Gib mal her.« Er nahm mir das Gerät aus der Hand. »Oh, schöne Fotos. Das hier ist nett, da lächelst du mal. Oder?«
   Ich sah auf die Uhr, es wurde wirklich Zeit, die Arbeit wartete. »Kai, du gehst jetzt besser schlafen, du willst doch morgen fit sein.«
   »Genau.« Lutz reichte ihm das Handy. »Es ist spät.«
   »Nacht, Schwester Annika.« Kai vermied es, mich anzusehen. »Falls wir uns morgen nicht mehr sehen, vielleicht komme ich Tom noch mal besuchen.« Er humpelte mit hängenden Schultern davon. Kaum war er weg, stand Lutz auf, legte den Arm um mich und sah mir tief in die Augen. »Der Junge ist in dich verknallt. Kann ich gut verstehen, ich bins auch. Was machen wir jetzt?«
   Ich schob seinen Arm von mir. »Ich stelle die Medikamente und du schreibst den Entlassungsbericht für Kai. Damit er morgen früh nicht warten muss.«
   Er schien mir nicht zuzuhören. »Du und ich, wir zusammen heute Nacht auf Station. Allein. Das ist, als ob jemand meine Gebete erhört hätte.«
   »Du betest?«
   Er lachte, dann wurde er ernst und sein Mund näherte sich meinem. Er hatte mich schon mal geküsst, ich wusste, wie sich seine Lippen anfühlten. Damals hatte er mich im Medikamentenzimmer überrumpelt, mich an sich gezogen und ziemlich heftig geküsst. Als ob er in Eile gewesen wäre und beweisen musste, dass er es konnte. Es war riskant gewesen, es hätte jeden Moment jemand hereinkommen können. Ich hatte ihn anschließend stehen lassen und zwei Tage nicht mit ihm gesprochen. Aber das hatte ihn nicht abgeschreckt.
   »Entschuldigung.«
   Lutz und ich fuhren auseinander.
   »Ich brauche noch einen Eisbeutel.« Holthusen lehnte lässig auf seinen Stützen. »Für mein Bein.« Er schwenkte es leicht nach vorn.
   Ich versuchte, mich zu sammeln. »Es gibt jetzt keinen Eisbeutel mehr.«
   »Schwester Doreen hat mir immer noch einen gemacht.« Er beobachtete Lutz, der zum Schreibtisch ging und sich eine Akte nahm. »Es sei denn, Sie haben gerade keine Zeit.«
   »Also gut, ich mache Ihnen noch einen.«
   Er folgte mir humpelnd zur Spüle. »Ungewohnt, Sie in der Nachtwache zu sehen. Sind Sie strafversetzt worden, oder hat das was mit dem Dienstplan Ihres Stationsarztes zu tun?«
   Ich nahm einen Eisbeutel und füllte ihn mit dem zerbrochenen Eis aus der Maschine. »Sie können ruhig ins Zimmer zurückgehen.«
   »Hat keine Eile, ich wollte sowieso erst eine rauchen. Kommen Sie mit? Es ist schön draußen, ganz mild.«
   Als ich den Verschluss zuschraubte, waren meine Finger knallrot, diesmal vor Kälte. »Ob Sie es glauben oder nicht, ich bin hier auf der Arbeit.«
   »Und ich dachte, Sie würden sich hier die Zeit vertreiben. Mit Ihrem Doktor Wundersam.«
   »Darf ich?«
   Er verstellte mir mit einer Stütze den Weg. »Was ist es, was Ärzte anziehend für Schwestern macht? Was ist an Ihrem Wunderdoktor so wundervoll, dass Sie sogar ein Lächeln für ihn überhaben. Erklären Sie es mir!« Er musterte mich provozierend.
   »Ich gebe heute keine Interviews.«
   Er stutzte. »Berufskrankheit, tut mir leid. Aber im Ernst, es interessiert mich, ist es der weiße Kittel oder sind Ärzte so gut?«
   Jetzt reichte es. Ich drängelte mich an ihm vorbei, ging mit schnellen Schritten in sein Zimmer und warf den Eisbeutel auf sein Bett, genau auf den Laptop. Kai lag auf der Seite und schlief bereits, laute Töne von sich gebend.
   Als ich wieder auf den Flur trat, war Holthusen verschwunden. Das Stationszimmer wirkte im künstlichen Licht kalt und leer. Vielleicht war Lutz im Arztzimmer und schrieb Entlassungspapiere. Was Holthusen vom Flur aus wohl gesehen hatte? Peinlich, so überrascht zu werden. Lutz musste mit seinem Balzgehabe endlich aufhören.
   Ich räumte auf und verließ die Station. Wenn man aus dem Fahrstuhl trat, stand man auf einem Korridor, von dem drei Flügel abgingen. Rechts lag meine, die Knochenchirurgie. Geradeaus befand sich Station Drei, wo vorwiegend bauchchirurgische Eingriffe lagen und die identisch geschnitten war wie unsere. Links lag der OP. Tagsüber tobte hinter der matt melierten Glastür das Leben, jetzt, nachts, sah man dahinter nur gespenstische Dunkelheit. Gleich neben dem Fahrstuhl lag der kleine Balkon, der sowohl vom Personal als auch von Patienten zum Rauchen genutzt wurde. Und daneben befand sich ein durch ein Zahlenschloss gesichertes Medikamentenzimmer, das von beiden Stationen benutzt wurde.
   Dort traf ich auf Dagmar, die Nachtwache der Drei. Wir unterhielten uns kurz, sie teilte mir mit, dass in der Ambulanz ein Notfall reingekommen sei. Darum war Lutz also verschwunden. Gut, damit würde er eine ganze Weile zu tun haben.
   Während ich Medikamente aus dem Schrank nahm, Pillen in Schachteln verteilte, horchte ich mit einem Ohr, was auf meiner Station vor sich ging. Ich hatte die Tür mit einem Stuhl verstellt. Dann roch ich Zigarettenqualm vom Balkon nebenan, anscheinend hatten sich einige Süchtige draußen versammelt.
   Ich brauchte für meine Arbeit länger als ich beabsichtigt hatte, denn ich hing an den Tablettenschachteln fest. Es war mir ein Rätsel, warum man nicht erst eine Alu-Palette leer machen konnte, bevor man eine neue anfing. Überall fand ich angebrochene Packungen, manchmal war nur noch eine einzige Tablette in der Palette. Das konnte ich nicht ignorieren, und bald hatte ich einen kleinen Haufen Aluminiumschnipsel vor mir liegen. Als es klingelte, unterbrach ich widerwillig meine Arbeit und ging zurück auf Station. Ich versorgte die Patientin und auf dem Rückweg warf ich einen kurzen Blick auf den Balkon. Holthusen war allein, er starrte in die Dunkelheit. Ich wollte mich leise zurückziehen, doch er hatte mich gehört.
   »Annika, bleiben Sie.« Dass er mich beim Vornamen nannte, ohne das Schwester, hatte etwas Vertrauliches, und damit völlig Unangemessenes. »Ich habe Schmerzen im Bein.« Er log, sein Gesicht wirkte entspannt. »Helfen Sie mir zurück in mein Zimmer?«
   »Wer rauchen kann, kann auch allein in sein Zimmer.«
   Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Streng wie immer.« Vorsichtig zog er sein Bein heran. »Setzen Sie sich zu mir, ich rauche nicht mehr.«
   Die Nacht war schön, die Luft noch angenehm warm. Der Balkon bot vier Stühlen und einem großen, hölzernen Blumenkasten Platz, in dem ein überquellender Aschenbecher zwischen hässlichen Bodendeckern steckte. Kurz entschlossen trat ich hinaus und genoss einen Moment die nächtliche Stille.
   Der Balkon lag nach hinten. Von hier oben konnte man links die Krankenwageneinfahrt sehen. Hinter den hohen Bäumen, etwa fünfzig Meter entfernt, verlief die Hauptstraße, und genau unter uns befand sich der kleine Park, den man von der Cafeteria aus betreten konnte.
   »Ich bin hier in der Gegend aufgewachsen.« Holthusens Blick war in die Ferne gerichtet. »Als ich von hier fortging, war ich um die zwanzig. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, woher wir uns kennen könnten, aber ich weiß es nicht. Wirklich nicht.«
   Ich glaubte ihm und konnte erkennen, dass ihm das zu schaffen machte. Vielleicht war ich dafür zuständig, ihn gesund zu machen, aber ganz sicher war es nicht mein Auftrag, ihn glücklich zu machen. Sollte er doch ein Leben lang schlaflose Nächte haben.
   Verdammt, blitzartig waren sie da, jahrelang verschollene Bilder. Und ich wusste, dass ich das alles nicht noch einmal ertragen konnte. Mein Blick fiel auf meine Hände, ich war dabei, die Haut zwischen den Fingern aufzukratzen. Ich versteckte sie unter den Achseln, als ob ich frieren würde. Ich durfte hier und jetzt keinen Panikanfall bekommen. Einatmen, ausatmen. Saubere Böden, glatte Laken. Vier, neun, sechzehn. Na also, besser. Fünfundzwanzig, sechsunddreißig. Viel besser.
   Holthusen beobachtete mich. »Ich habe recherchiert. Der Name Hansen ist ziemlich häufig in dieser Gegend. Ich habe nichts über eine Annika Hansen gefunden, außer, dass wir anscheinend auf die gleiche Schule gegangen sind. Sie müssen einige Klassen unter mir gewesen sein.«
   Ich wäre nie darauf gekommen, dass er im Internet suchen könnte. Natürlich, für einen Journalisten das Naheliegendste. Bestimmt gab es irgendeinen Eintrag von damals im unfassbar riesigen, nie vergessenden World Wide Web.
   »Aber wenn man nicht weiß, nach was man suchen soll, ist das wie die Nadel im Heuhaufen.« Er sah mich nachdenklich an. »Was habe ich verbrochen? Sie übersehen? Waren Sie in mich verliebt und ich habe mich nicht gut benommen?« Er zog eine Grimasse. »Ich war ein wilder Junge, frühreif, rebellisch.«
   Frühreif und rebellisch? Nett ausgedrückt.
   Der Holthusen, den ich aus meiner Kindheit kannte, hatte zu den Typen gehört, die ständig mit der Polizei in Konflikt geraten waren. Zum Beispiel als er und seine Clique eines Nachts ins Freibad einbrachen und im Alkohol- und bestimmt auch Drogenrausch das halbe Bad demolierten, bis die Polizei kam und sie auf frischer Tat ertappte. Das Bad musste einige Tage geschlossen bleiben. Es war ein heißer Sommer gewesen, eine Katastrophe für die Jugend unseres Ortes. Er war lange Zeit Gesprächsthema der ganzen Schule. Sein Vater war Ingenieur, alleinerziehend, und viel unterwegs. Im Grunde genauso unkonventionell wie er. Irgendwie schaffte es Holthusen senior immer wieder, seinen unbändigen Sohn aus der Klemme zu holen, sodass der fleißig weiter Unheil anrichten konnte. Sie lebten in einer riesigen, heruntergekommenen Villa, die auf meinem Schulweg lag, und immer, wenn ich an dem verwilderten Grundstück vorbeiging, fragte ich mich, wie es da drinnen wohl aussah. Gerüchte von wilden Partys und Drogen machten die Runde.
   Es hieß, er wäre intelligent. Aber wegen seiner Faulheit kam er nur knapp durchs Abitur. Dass er eine ganz ordentliche Karriere hinlegen würde, glaubte damals bestimmt niemand. Er sicher am allerwenigsten. Er hatte noch Ähnlichkeit mit dem blonden, coolen Typen von damals, hinter dem fast alle Mädchen her waren. Und mit denen er reihum was angefangen hatte.
   Ich wünschte, ich hätte ihn nicht wiedergetroffen. Oder hätte mich zumindest besser unter Kontrolle gehabt. Ihn nicht provoziert, ihm keinen Tipp gegeben. Dann würde ich jetzt nicht verzweifelt hoffen, dass jemand das Internet lahmlegte.
   Ich zog die Hände hervor und sah auf die Uhr. Zeit, auf Station nach dem Rechten zu sehen.
   »Sie sind bald wieder fit, fahren Kamikaze auf Ihrer Maschine, schreiben weltbewegende Artikel. Vergessen Sie es einfach.«
   Sein Blick folgte mir. »Sie können jetzt keinen Rückzieher mehr machen, Annika. Wenn mich etwas interessiert, kann ich sehr hartnäckig sein. Darum bin ich Journalist geworden. Und Ihre Geschichte interessiert mich. Sie interessieren mich.« Er legte den Kopf schräg. »Sie wollten doch, dass ich mich erinnere, darum haben Sie mich mit Ihren kleinen Gemeinheiten so gequält.«
   »Vergeuden Sie Ihre Zeit nicht mit uralten Geschichten, Herr Holthusen. Das lohnt sich nicht.«
   »Ich heiße Thomas.«
   »Ich weiß, Herr Holthusen. Gute Nacht.«

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