Für den charmanten Betrüger Shane ist das Leben ein großes Abenteuer. Er reist um die Welt und genießt die Freiheit. Die flirrende Metropole Bangkok hat er zu seinem Jagdrevier auserkoren. Sorglos umgarnt er arglose Touristinnen und erleichtert sie nebenbei um die Reisekasse. In der scheuen Melli erkennt er leichte Beute. Routiniert beginnt er das vertraute Spiel der Verführung, bis etwas passiert, womit er nicht im Traum gerechnet hat: Melli weckt vergessene Gefühle in ihm und er beginnt, an seinem Plan zu zweifeln. Doch diesmal geht es statt um leicht verdientes Geld um Leben und Tod. Hin- und hergerissen zwischen Leidenschaft, Schuld und Verrat erkennt Shane verzweifelt, dass er keine Wahl hat. Er muss Mellis Vertrauen missbrauchen und riskiert damit nicht nur ihre Liebe …

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ISBN: 978-9963-52-763-2

Seiten: 248

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Stefanie Lahme

Stefanie Lahme
Stefanie Lahme, geboren 1970, wohnt in einem Dorf im Münsterland. Ihr Kopf steckte immer schon voller Geschichten, die sie zunächst erzählt und aufgemalt und später aufgeschrieben hat. Sie liebt Bücher und alles, was damit zu tun hat, liest alles, was ihr in die Finger kommt und hat sich auch beim Schreiben noch für kein bestimmtes Genre entschieden, nur eins darf niemals fehlen: Liebe! Inspiration holt sie sich beim Joggen und auf möglichst vielen Reisen nach Irland, denn an die grüne Insel hat sie ihr Herz verloren.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1


Orangensaft schwappte über den Rand des Plastikbechers auf Mellis Hose. Nahmen die Turbulenzen denn niemals ein Ende? Der Rentner, der sich im Sitz neben ihr breitgemacht hatte, schnarchte. Aus seinem aufgerissenen Mund rann ein Speichelfaden. Melli sehnte sich nach ihrem Sofa. Das bot nicht nur mehr Beinfreiheit, sondern stand zudem auf beruhigend festem Boden.
   Erneut ruckelte das Flugzeug. Melli vermied jeden Gedanken daran, wie viele Tausend Meter zwischen ihr und diesem festen Boden lagen. Unauffällig blickte sie sich in der voll besetzten Kabine um. Die meisten Passagiere schliefen, einige starrten auf die Bildschirme in den Rückenlehnen der Sitze. Auch sie hatte sich anfangs die dahinschleichende Zeit mit einem Film und einem Sudoku vertrieben. Doch das Inseat-Entertainment vermochte sie nicht lange von ihren Ängsten abzulenken. Immer hirnverbrannter kam ihr diese Reise vor. Eine Reise, auf die sie sich monatelang gefreut und die sie sorgfältig vorbereitet hatte, nur um kurz vor dem Abflug von Kati im Stich gelassen zu werden. So eine nannte sich Freundin! Den bitteren Geschmack im Mund spülte sie mit dem letzten Schluck Saft hinunter. Sie musste dringend zur Toilette, wagte aber nicht, den schnarchenden Nachbarn zu wecken. Die Fensterplatzwahl stellte sich als schlecht durchdacht heraus. Das Abendessen, vor drei Stunden von pausenlos lächelnden Flugbegleiterinnen serviert, lag steinschwer in ihrem Magen. Ihre Augen brannten und juckten, die Nase war verstopft und beide Füße eingeschlafen. Am liebsten hätte sie geweint. Sie beneidete den Schnarcher um seinen gesegneten Schlaf. Wie gern wäre sie ebenfalls ins Reich der Träume geflüchtet, doch bohrende Kopfschmerzen hielten sie wach. Sie schloss die Augen und lehnte den schweren Kopf an die Rückenlehne. Sofort fingen ihre Gedanken wieder an, zu kreisen. Sie hätte niemals allein fliegen sollen. Wie konnte sie auch nur für eine Sekunde annehmen, ohne Kati zurechtzukommen?
   Sie wusste nicht, was schlimmer war: dass sie weitere drei Stunden in dieser schlingernden Blechbüchse eingesperrt sein würde, oder dass sie sich in absehbarer Zeit durch eine fremde Großstadt kämpfen musste.

Ein durchdringendes »Bing« ließ sie hochfahren. Die sonore Stimme des Kapitäns drang in den Nebel wirrer Traumfetzen. Unruhiger Schlaf hatte Melli in enge Häuserschluchten getrieben, zwischen bedrohlich aufragenden Wolkenkratzern hindurch. Ihre Zunge lag ihr wie ein welkes Blatt im Mund. Sie schluckte.
   »… local time three p. m., 32 degrees celsius …«
   Blinzelnd richtete sie den Blick auf den Bildschirm. Bereits in einer Stunde würden sie in Bangkok landen. Ihr Magen krampfte sich zu einem Knoten zusammen. Es gab kein Zurück mehr. Mit halbem Ohr lauschte sie ihrem Sitznachbarn, der sich hellwach und gut gelaunt auf sein erstes Singha freute.
   Zu ihrer verstopften Nase gesellte sich ein kratzender Hals. Bitte nicht auch noch eine Erkältung. Die Flugbegleiterinnen huschten an den Sitzreihen vorbei, kontrollierten, ob alle angeschnallt waren, und forderten die Passagiere auf, die Jalousien zur Seite zu schieben. Melli gehorchte und schloss geblendet die Augen. Gleißendes Licht drang selbst durch die geschlossenen Lider. Hastig rief sie sich die Packliste vor Augen. Hatte sie an die Sonnenbrille gedacht? An ausreichend Sonnenschutz? Womöglich reichte die Flasche mit Schutzfaktor dreißig nicht.
   Ein Absacken des Flugzeugs erinnerte sie daran, dass ihre Sorgen zunächst der Landung gelten sollten. Sie zerrte am Gurt. Der Druck auf die Blase gemahnte sie schmerzlich an den aufgeschobenen Toilettengang. Nun war es zu spät. Zwei dumpfe Schläge erklangen. Melli zuckte zusammen, obwohl sie wusste, dass dieses Geräusch harmlos war und durch die ausfahrenden Räder verursacht wurde. Sie presste den Rücken gegen die Lehne und kniff die Augen zu. Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte die Maschine auf der Landebahn auf. Es ruckelte und quietschte ohrenbetäubend. Dann herrschte für einen Moment Stille, bevor wie auf ein geheimes Kommando Stimmengewirr einsetzte. Sie schlug die Augen auf. Um sie herum verbreitete sich lebhafte Betriebsamkeit. Die Stimme aus dem Off wies darauf hin, dass alle angeschnallt bleiben sollten, bis das Flugzeug die endgültige Parkposition eingenommen hatte, doch niemand hielt sich daran. Die Fluggäste konnten es offenbar nicht erwarten, wieder mit ihrem Handgepäck vereint zu sein. Benommen sah sie zu, wie Gepäckfachklappen krachend nach unten sausten und haarscharf hektisch gereckte Köpfe verfehlten. Mit einem resigniert klingenden »Bing« erloschen die Anschnallzeichen.
   Bis sich die Türen öffneten, dauerte es noch eine Weile. Melli wartete, dass der Strom vorbeiziehender Mitreisender abebbte, nahm ihren kleinen Rucksack aus dem Gepäckfach und reihte sich in die Menge ein. An der Tür standen zwei Flugbegleiterinnen, natürlich lächelnd. »Goodbye, goodbye!«
   Sie stolperte durch einen schmalen Gang hinter den anderen Passagieren her. Nur nicht den Anschluss verlieren. Alle wirkten zielstrebig, lässig, als wäre nichts dabei, nach zwölf Stunden Flug in einem fremden Land anzukommen.
   An den Wänden klebten deckenhohe Plakate mit farbenfrohen Bildern von Elefanten, tanzenden Frauen, weißen Stränden und Tempeln. Auf von der Decke hängenden Schildern las sie Hinweise auf Englisch und in schnörkeligen Thaibuchstaben. Ein Symbol erkannte sie: Toilette! Nach einem letzten Blick auf die Weitereilenden musste sie der Not gehorchen und die Verfolgung aufgeben. Die Toilettenräumlichkeiten sahen beruhigend europäisch aus. Es gab sogar Papier. Sie wusch sich die Hände. Am liebsten hätte sie die Zähne geputzt, doch sie dachte an die Warnungen in den Reiseführern. Auf keinen Fall Leitungswasser trinken! Auch zum Zähneputzen Mineralwasser benutzen! Keine Eiswürfel in die Getränke!
   Mit einem mulmigen Gefühl im Magen trat sie zurück auf den Gang und versuchte, sich zu orientieren. Zu ihrer Erleichterung kam ein junges Paar mit einem kleinen Kind vorbei. Die erkannte sie, sie waren mit ihr im Flugzeug gewesen. Sie folgte der Familie.
   Der Weg schien kein Ende zu nehmen. Er führte entlang breiter Korridore, über Fließbänder und Rolltreppen und endlich zu einer Halle, in der sich vor fünf Schaltern lange Schlangen gebildet hatten, von Absperrband schneckenförmig im Zaum gehalten. Ihr machte es nichts aus, zu warten. Sie war sogar froh über den Aufschub.
   Unaufhaltsam rückten die Wartenden vor, ließen die Pässe kontrollieren und entschwanden durch schmale Türen in die exotische Welt Thailands, die sie bisher nur aus Filmen und Reiseführern kannte. Was würde sie auf der anderen Seite dieser unspektakulären Betonwand erwarten? Jedenfalls keine Elefanten und goldene Tempel. Sie hoffte auf ein Taxi, das sie und ihr Gepäck in die Stadt brachte.
   Es durchfuhr sie siedend heiß. Gepäck! Hatte sie in ihrer Nervosität das Gepäckband verpasst? Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Ohne den sorgfältig gepackten großen Rucksack war sie aufgeschmissen.
   Hektisch sah sie sich um. Die meisten zogen Trolleys hinter sich her. War das Handgepäck? Die Familie aus ihrem Flugzeug hatte einen Tagesrucksack und eine Umhängetasche dabei. Nein, mit so wenig Gepäck kamen sie bestimmt nicht aus. Viele in der Warteschlange trugen nur kleine Taschen. Melli atmete auf. Als sie sich wieder ein paar Schritte mit der Schlange fortbewegte, zitterten ihre Knie. Wie sehr wünschte sie Kati herbei. Gemeinsam hätten sie über ihre Unwissenheit lachen können. Kati wäre längst in ein Gespräch mit dem jungen Paar vertieft oder würde alle in Hörweite mit Späßen unterhalten. Melli dagegen schlurfte stumm vorwärts, den Blick gesenkt. Vor dem Schalter hatte jemand die Umrisse von zwei Füßen auf den Boden gezeichnet. Sie stellte sich genau darauf, gab den Reisepass dem Mann hinter dem Tresen und starrte in die Kamera, die wie eine Webcam aussah. Sie versuchte, genauso wie auf dem biometrischen Passfoto auszusehen. Das fiel ihr leicht. Nach Lächeln war ihr nicht zumute. Dem Zollbeamten auch nicht. Dabei behauptete der Reiseführer, Thailänder lächelten ständig.
   Mit einem frischen Stempel im Pass durchschritt sie die magische Tür, das Portal in eine fremde Welt. Eine Welt mit Gepäckbändern. Sehr vielen Gepäckbändern.
   Suchend sah sie sich um. Auf einer großen Tafel standen Fluglinien, Nummern und Uhrzeiten. Ausgerechnet, als sie das System begriffen hatte, sprang die Anzeige auf Thai um. So ging das nicht. Nervös hielt sie Ausschau nach bekannten Gesichtern. Wo die Mitpassagiere ihrer Koffer harrten, musste logischerweise auch sie hin. Sie hastete durch die Halle, wich Gepäckwagen aus und wurde mehrmals angerempelt, bis sie schließlich über einem der Fließbänder auf einem Display die Nummer ihres Fluges entdeckte. Und da stand das Paar mit dem kleinen Kind. Auf dem Band kreisten bereits Koffer und Rucksäcke. Ihrer war nicht dabei. Sie wartete. Nach und nach schnappte sich jeder ein Gepäckstück und verschwand. Immer länger wurden die Abstände, in denen die Klappe am Rand des Kreisels Koffer auf das Band spuckte. Starr hielt sie den Blick auf die Öffnung gerichtet, als könnte sie den Rucksack mit der Kraft ihrer Gedanken auf das Fließband zwingen. Sie rührte sich nicht von der Stelle, bis nur noch ein einsamer Pappkarton die Runde machte. Dann stoppte das Fließband.
   Melli grub die Fingernägel in die Handflächen. Das durfte nicht wahr sein. Ihr Rucksack war nicht mitgekommen. Wochenlang hatte sie über der Packliste gebrütet. Der Rucksack enthielt alles, was sie zum Überleben in Thailand benötigte. Ohne ihn konnte sie gleich den nächsten Flug nach Hause nehmen. Eine verlockende Idee. Diese Reise stand unter keinem guten Stern. Melli blieb eine Weile an dem Gepäckkreisel stehen, obwohl sie nicht mehr an ein Wiedersehen mit dem Rucksack glaubte. Ihr war übel und schwindelig. Sie musste etwas unternehmen, doch sie fühlte sich wie gelähmt. Sie wollte nur eine ruhige Ecke zum Weinen. Und den Rucksack natürlich. Sie schlurfte zu einer Bank und setzte sich. Was würde Kati an ihrer Stelle tun? Melli schloss die Augen und sah Katis lachendes Gesicht vor sich, hörte ihre Stimme: »Ist das zu fassen? Sieht so aus, als müssten wir unseren Trip mit einer ausgiebigen Shoppingtour beginnen.«
   »Hey, are you okay?«
   Sie riss die Augen auf. Ein unrasierter Kerl mit gammeligen Klamotten stand vor ihr. »Yes. Thank you.« Sie sah demonstrativ zur Seite. Auf eine blöde Anmache konnte sie verzichten.
   Der Typ ließ sich nicht so leicht abwimmeln. »Sure? Can I help you?« Er klang besorgt. Seine Stimme war tief und ein wenig rauchig, sanft.
   Mellis Augen brannten. Sie schielte nach oben und wandte sich ab. Auf keinen Fall würde sie vor einem Fremden in Tränen ausbrechen. »Please leave me alone.«
   »Ah, kommst du aus Deutschland?«
   Melli fuhr herum. »Woher …« Sie verstummte. Der Mann zeigte im selben Moment auf den Reisepass in ihren schweißfeuchten Händen, in dem ihr auffiel, dass sie das verräterische Ding seit der Immigration umklammerte wie einen Rettungsanker.
   »Ist dein Gepäck nicht gekommen?«
   Da sie mit lediglich einem kleinen Rucksack am verwaisten Gepäckband saß, war das nicht schwer zu erraten. Sie nickte und wollte wieder zur Seite sehen, doch der Typ grinste sie so nett an, dass sie es nicht schaffte, den Blick abzuwenden.
    »Das passiert schon mal. Musstest du unterwegs umsteigen? Alles klar, dann kommt dein Koffer bestimmt mit der nächsten Maschine. Lass uns zur Information gehen und fragen.«
   Ihr Gesicht wurde heiß. Natürlich, wie dumm von ihr. Auf die Idee, sich nach dem Rucksack zu erkundigen, war sie in ihrem Elend nicht gekommen.
   Ihr selbst ernannter Helfer streckte die Hand aus. »Ich bin übrigens Shane.«
   Überrumpelt ergriff sie seine Hand.
   Shane zog sie auf die Füße. »Der Infoschalter ist dahinten.« Er marschierte los. Auf dem Rücken trug er einen verschlissenen, großen Rucksack. Nach wenigen Schritten drehte er sich um. »Was ist?«
   Sie gab sich einen Ruck und folgte ihm. Der Schalter war nicht zu übersehen. Eine zierliche Dame begrüßte sie. Im Gegensatz zu ihrem Kollegen von der Immigration lächelte sie strahlend. Shane übernahm wie selbstverständlich das Reden. In flüssigem Englisch erklärte er die Situation. Melli musste ihr Ticket mit dem Gepäcksticker zeigen. Die Frau telefonierte ein paar Minuten und teilte Melli mit, dass der Rucksack in einer Stunde ankommen werde. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Sie beherrschte sich, um die ahnungslose Dame nicht zu umarmen. Stattdessen stammelte sie mehrmals »Thank you«.
   Shane berührte sie leicht an der Schulter. »Na also. Komm, ich lade dich auf den Schreck zu einer Cola ein.«
   In ihrer Erleichterung darüber, dass der Rucksack nicht verloren war, stimmte sie zu. Shane kannte sich offenbar aus, denn er schritt zielstrebig voraus. Sie fürchtete, ihn in dem Gedränge zu verlieren.
   Als hätte er ihre Gedanken erraten, ergriff er ihre Hand und schenkte ihr ein schelmisches Grinsen. »Damit ich dich nicht auch am Infoschalter als vermisst melden muss.«
   Im ersten Impuls wollte sie die Hand wegziehen, doch Shanes Finger umfassten sie mit festem Druck. Das fühlte sich gar nicht schlecht an. Irgendwie beruhigend. Ein sicherer Halt in dem beängstigenden Chaos des riesigen Flughafens.
   Shane führte sie durch eine Halle, vorbei an Rolltreppen und Ständen, die mit überdimensionalen Pappschildern für Limousinenservices, Hotelreservationen oder »Tours!« warben. Entlang der Wand befanden sich mehrere Buden mit Getränken und Snacks.
   »Was möchtest du?«
   »Eine Cola light, bitte.« Ihr fiel ein, dass sie Shane zumindest ein Getränk ausgeben konnte als Dankeschön für seine Hilfsbereitschaft. Sie nestelte einen Schein aus der Hüfttasche.
   Shane winkte ab. »Lass mal stecken. Ich habe Kleingeld.« Geschickt fingerte er ein paar Münzen aus der Tasche seiner abgewetzten Jeans. Er zahlte und reichte ihr eine Dose Cola light und einen Strohhalm.
   »Danke. Das ist echt nett. Und danke, dass du mir geholfen hast.« Bestimmt war sie knallrot angelaufen.
   »Kein Ding. Gehen wir zurück zu den Kreiseln, da ist weniger Gedränge.«
   Hatte er etwa vor, mit ihr auf den Rucksack zu warten? Nein, garantiert merkte er ihr an, wie desorientiert sie war, und wollte lediglich sichergehen, dass sie die Gepäckbänder fand. Wirklich nett. Sie empfand es beinahe als normal, dass er auf dem Weg ihre Hand nahm. Sie ertappte sich beim Lächeln. Da war sie noch keine Stunde in Bangkok und hielt schon Händchen mit einem Wildfremden. Vielleicht war diese Reise doch nicht so ein Flop wie befürchtet.
   Das Gepäckkarussell stand still, aber das Hinweisdisplay kündigte bereits einen anderen Flug an. Shane stellte seinen Rucksack ab, ließ sich auf einer der Wartebänke nieder und öffnete seine Coladose.
   Melli war froh, dass er nicht sofort ging. Bei dem Gedanken, bald allein zu sein, krampfte sich ihr Magen zusammen. Sie setzte sich neben Shane und behielt den kleinen Rucksack dabei auf. Ihre Finger zitterten so stark, dass sie immer wieder vom Verschluss der Coladose rutschten. Wortlos nahm Shane ihr die Dose ab, öffnete sie und steckte den Strohhalm hinein. Er deutete eine Verbeugung an, um seine Lippen spielte ein Lächeln.
   Sie murmelte einen Dank und trank einen Schluck. Sie ließ die Haare vor das Gesicht fallen, um ihre Verlegenheit zu verbergen. Shane musste sie für eine komplette Idiotin halten. Was kümmerte es sie überhaupt, was er von ihr dachte? Er war nicht mal ihr Typ. Ihr gefielen saubere, ordentliche Männer. Shane sah mit den abgetragenen Klamotten, dem Dreitagebart und dem wirren Haar wie ein Rumtreiber aus. Bestimmt war er einer von diesen coolen Backpackern, die ein Jahr um die ganze Welt reisten.
   Sie warf ihm einen unauffälligen Seitenblick zu. Shane saß mit ausgestreckten Beinen da und beobachtete schmunzelnd das Treiben am benachbarten Gepäckkreisel. Er sah nicht aus, als wollte er in den nächsten Minuten verschwinden.
   »Du brauchst nicht mit mir zu warten.« Sie hätte sich für diesen Satz ohrfeigen können. Doch, Shane sollte bei ihr bleiben. Er entsprach zwar nicht ihren Vorstellungen von einem vertrauenswürdigen Menschen, doch bisher war er der einzige, der sich um sie kümmerte. Seinem wilden Aussehen zum Trotz war er höflich und aufmerksam. Nein, er durfte sie jetzt nicht allein lassen.
   Zu ihrem Entsetzen stand er auf und griff nach seinem Rucksack. »Okay!«
   Sprachlos vor Schreck starrte sie ihn an.
   Er fing an zu lachen und setzte sich wieder neben sie. »Denkst du, ich lasse dich hier allein sitzen?«
   Sie schluckte. Das hatte sie tatsächlich gedacht. Aus welchem Grund sollte er auch bei ihr bleiben?
   Als hätte er ihre Gedanken erraten, grinste er. »Ich will auch in die City. Wir können uns ein Taxi teilen. Wenn du möchtest.«
   Sie nickte hastig. Shane sah nicht nach viel Geld aus, da war es plausibel, dass er die Gelegenheit, die Taxikosten zu reduzieren, nutzte.
   »Okay, jetzt, wo wir geklärt haben, dass wir noch etwas Zeit miteinander verbringen: Verrätst du mir deinen Namen?«
   O nein, wie unhöflich. Sie wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. »Melli. Tut mir leid, ich hätte …«
   »Kein Ding. Du warst ziemlich fertig. Bist du das erste Mal allein unterwegs?«
   »Merkt man das?« Blöde Frage. So hilflos, wie sie sich benahm, konnte jeder unschwer erkennen, dass sie alles andere als ein erfahrener Traveller war.
   Shane zog eine Augenbraue nach oben. »Kaum«, sagte er todernst.
   Sie musste lachen und wunderte sich über sich selbst. Vor wenigen Minuten war sie noch völlig verängstigt gewesen, nur von dem Wunsch beseelt, möglichst schnell zurück nach Hause zu fliegen, und jetzt saß sie ohne Gepäck auf einer Bank in einem der größten Flughäfen der Welt und lachte über den albernen Scherz eines Wildfremden. Vielleicht war es so, dass einem Menschen nur ein gewisses Maß an Adrenalin täglich zustand und sie hatte ihres längst verbraucht. Sie fühlte sich seltsam losgelöst, beinahe beschwingt. Misstrauisch warf sie einen Blick auf die Getränkedose.
   Cola light, kein Alkohol.
   Shane zog an einer ihrer Haarsträhnen. »Endlich lachst du mal. Hey, du hast Urlaub, aufregende Zeiten liegen vor dir.«
   Eigentlich hasste sie es, wenn jemand ihr Haar berührte. Diesmal störte es sie nicht. Sie fühlte sich von Shane nicht bedrängt. Das Zupfen an ihrem Haar wirkte wie eine freundschaftliche Neckerei, nicht wie eine Anmache.
   Er blinzelte ihr zu. Sie musste schon wieder lachen. Shane lachte mit. Jetzt wagte sie es, ihn genauer anzusehen. Abgesehen von den Bartstoppeln und dem zerzausten Haar sah er nicht schlecht aus. Markantes Kinn, geschwungene Lippen, eine schmale, gerade Nase und dunkle, blitzende Augen. Trotzdem war es weniger sein Aussehen, das ihr gefiel, sondern vielmehr die Lebensfreude, die er ausstrahlte, die positive Energie, die er aus allen Poren zu verströmen schien. Unter den abgetragenen Klamotten zeichnete sich ein durchtrainierter, schlanker Körper ab. Die langen Beine steckten in ausgebleichten Jeans, deren fransige Säume knapp über den Fußknöcheln endeten. Melli hätte nie erwartet, dass sie Männerfüße schön finden könnte, doch beim Anblick von Shanes gebräunten Füßen in Flipflops kam ihr sofort dieser Ausdruck in den Sinn. Schöne Füße.
   Seine Stimme riss sie aus den peinlichen Gedanken. »Wie lange hast du denn Urlaub? Oder Semesterferien?«
   »Ja, Semesterferien. Mein Rückflug geht in vier Wochen.« Sie fühlte sich unwohl, weil sie nicht deuten konnte, warum er sie ausfragte.
   In seinem Blick stand ehrliches Interesse. Erneut bewies er Einfühlsamkeit, indem er auf weitere Fragen verzichtete. Stattdessen sprach er von sich. Wie sie vermutet hatte, reiste er um die Welt. Sie lauschte gebannt dem unterhaltsamen Bericht von einem Leben, das ihr völlig fremd erschien.
   Er erzählte mitreißend, nicht nur mit der Stimme. Der ganze Körper nahm teil. Shane schnitt Grimassen, fuchtelte herum und brachte sie mehrmals zum Lachen. »Und nach ein paar Wochen im Süden habe ich erst mal genug von einsamen Inseln und freue mich auf die volle Dosis Citylife. Über Bangkok wird gesagt, dass man es entweder liebt oder hasst. Mach dich auf etwas gefasst. Bangkok ist mit keiner Stadt, die du kennst, zu vergleichen.«
   So viele waren das gar nicht. Sie wollte lieber nicht näher darauf eingehen, dass sie bisher kaum aus ihrer Heimatstadt herausgekommen war.
   »Und du? Liebst du Bangkok?«
   Ein träumerischer Glanz trat in Shanes Augen. »Bei mir ist das anders. Ich liebe Bangkok, und ich hasse Bangkok. Jedenfalls komme ich nicht davon los, es zieht mich immer wieder hierher.«
   Vor einer Stunde hätte sie schwören können, dass sie Bangkok ganz sicher hassen würde, doch jetzt überfiel sie erregte Neugier und eine Ahnung, dass die Reiseführer sie nicht annähernd auf das Bangkok, wie Shane es erlebte, vorbereitet hatten.
   Quietschend setzte sich das Gepäckband in Bewegung. Melli hatte nicht bemerkt, dass bereits einige Leute am Förderband warteten. Die vergangene Stunde war ihr in Shanes Gesellschaft viel kürzer erschienen. Nervös versuchte sie, zwischen der rasch anwachsenden Mauer aus Menschen einen Blick auf den Kreisel zu erhaschen. Was, wenn ihr Rucksack doch nicht dabei war? Oder dies nicht das richtige Band? Sie verglich die Nummer auf dem Display mit der, die sie notiert hatte.
   Wieder schien Shane ihre Sorgen zu erraten. »Dann gehen wir mal deinen Rucksack holen.« Er stand auf und streckte ihr die Hand hin.
   Melli ließ sich näher an das Fließband ziehen. Die ersten Koffer fielen aus der Luke. Da! Ihr Herz machte einen Sprung. Ihr Rucksack! Wie zur Entschädigung für die Wartezeit landete er bereits als fünftes Gepäckstück auf dem Band. »Das ist er! Mein Rucksack!« Aufgeregt wollte sie nach vorn stürzen, aber Shane war schneller. Er schnappte den Rucksack und hob ihn hoch, als wäre er leicht wie eine Feder. Melli wusste nur zu gut, dass er sechzehn Kilo auf die Waage brachte. Nach ihrem anfänglichen Packversuch hatte er sogar zwanzig Kilo gewogen. Leider konnte sie ihn dann nicht mehr transportieren. Als sie es dennoch versuchte und ihn mithilfe des Küchentisches auf den Rücken bugsierte, wäre sie beinahe hintenübergekippt. Also musste sie schweren Herzens die Kofferliste reduzieren. Sechzehn Kilo vermochte sie recht gut zu schleppen, zumindest bis zum Taxi und zum Hotel.
   Shane hielt ihr den Rucksack passend hin, sodass sie bequem in die Armriemen schlüpfen konnte. Den kleinen Rucksack umklammerte sie mit beiden Armen. Das Gewicht auf dem Rücken empfand sie nicht als störend, sondern im Gegenteil als beruhigend. Ihr Gepäck war wieder da. Nun würde alles gut werden.
   Auch Shane schulterte seinen Rucksack, der wesentlich weit gereister aussah als Mellis nagelneues Teil.
   »Und auf gehts! Wenn wir Glück haben, sind wir noch vor Sonnenuntergang in der Stadt.« Wie selbstverständlich nahm er Mellis Hand. Er führte sie durch die Menschenmenge zu einer Rolltreppe. Einen Stock tiefer verließen sie das Flughafengebäude.
   Melli schnappte nach Luft. Kaum traten sie aus der klimatisierten Ankunftshalle hinaus, hüllte die feuchte Hitze sie ein wie ein erstickendes Tuch. Sie wusste natürlich, dass es in Thailand heiß war, auf diese atemberaubende Schwüle war sie jedoch nicht gefasst. Und das sollte sie vier Wochen aushalten? Benommen ließ sie sich von Shane weiterziehen.
   »Hast du vorgebucht?«
   Sie sah ihn verständnislos an. Es dauerte, bis der Sinn der Frage in ihr lahmgelegtes Hirn drang. »Nein, habe ich nicht. Kati … meine Freundin meinte, in Bangkok findet man immer was. Ich wollte nämlich eigentlich mit ihr verreisen, aber …« Bestürzt merkte sie, dass sie plapperte.
    Shane grinste. »Das kannst du mir im Taxi erzählen, lass uns erst mal aus diesem Mief herauskommen. Okay, wenn du nichts gebucht hast, fahren wir zur Khao San Road, da gibt es günstige Hotels.«
   Melli nickte erleichtert. Sie war froh, einen Profi an ihrer Seite zu haben. Shane wusste, was zu tun war. Er steuerte mit ihr im Schlepptau eine Absperrung an, hinter der sich Taxis reihten, und nannte einem Mann in Uniform ihr Ziel. Der gab es an einen anderen Mann weiter, offenbar der Taxifahrer. Der machte eine auffordernde Geste und ging voraus. Unter der niedrigen Betondecke des Vorplatzes stauten sich die Abgase der an- und abfahrenden Taxis. Melli bekam schlecht Luft und war heilfroh, als der Mann den Kofferraum eines pinkfarbenen Autos öffnete. In Windeseile verstaute er die beiden Rucksäcke. Melli und Shane setzten sich auf die Rückbank des Wagens, in dem anfangs höhere Temperaturen herrschten als draußen. Nachdem sie einige Minuten gefahren waren, kühlte die Klimaanlage den Innenraum auf Gefrierschranktemperatur.
   Ungläubig sah Melli aus dem Seitenfenster. Sie war in Thailand. Das war ihr natürlich seit der Landung klar, doch in all dem Stress um den verloren geglaubten Rucksack hatte diese Tatsache noch keine Zeit gehabt, zu ihr durchzudringen. Jetzt erfüllte die Erkenntnis sie mit einer Mischung aus Angst und Staunen.
   Auf den ersten Blick wirkte die Umgebung nicht sonderlich exotisch. Die Landschaft war wenig spektakulär und die Schnellstraße ähnelte einer Autobahn in Deutschland mit dem Unterschied, dass überdimensionale Werbeplakate am Straßenrand standen. Melli sah Palmen, seltsam unfertig aussehende Häuser und Pick-ups, auf deren Ladeflächen sich Thais in Arbeitskluft drängten.
   Was hatte Shane gesagt? Aufregende Zeiten lagen vor ihr? Sie mochte keine Aufregung. Und doch fühlte sie sich trotz der Furcht, die ihr die Kehle zuschnürte, so lebendig wie lange nicht mehr.
   »Sieh mal!« Shane zeigte an ihr vorbei aus dem Fenster. »Dein erster Sunset in Thailand. Darauf müssten wir eigentlich anstoßen. Sollen wir das später nachholen?«
   Sie nickte stumm. Gebannt betrachtete sie den glutroten Sonnenball, der zügig hinter der Skyline von Bangkok versank und den Himmel in ein feuriges Spektakel verwandelte. Bald erstreckte sich die Stadt einem flirrenden Lichtermeer gleich vor dem dunklen Firmament. Auch dieser rasche Einbruch der Nacht war Melli dank ausgiebiger Lektüre diverser Reiseführer bekannt, aber es war etwas völlig anderes, den schnellen Abschied der Sonne selbst mitzuerleben.
   Sie verließen die Schnellstraße und tauchten in die Straßenschluchten Bangkoks. Mellis erster Eindruck war: Leben! Überall herrschte betriebsame Geschäftigkeit. Mit überdimensionalen Rucksäcken bepackte Touristen auf Hotelsuche mischten sich mit Einheimischen, die an mobilen Garküchen ihr Abendessen einkauften. An jeder Ecke befanden sich Stände, an denen es alles Erdenkliche zu kaufen gab: Blumen, Suppe, T-Shirts und Kleider, Früchte und vieles mehr, was Melli im Vorbeifahren nicht erkennen konnte. Menschen drängten sich auf Bürgersteigen und Straßen, Tuk Tuks knatterten haarscharf an ihnen vorbei, Hupen erschallten, unzählige Motorräder schlängelten sich zwischen den Autos hindurch. Melli riss sich von dem bunten Treiben los und drehte sich zu Shane.
   Er sah nicht aus dem Fenster. Er sah sie an. Seine Augen strahlten, als hätte er persönlich Bangkok allein für sie erschaffen. »Na?«
   Sie stieß den Atem aus. »Puh. Laut. Lebendig.«
   Shane blickte sie erwartungsvoll an, als erwartete er mehr.
   Mehr Begeisterung? Die auf sie einstürmenden Eindrücke überforderten Melli. Sie sehnte sich nach der Sicherheit eines Hotelzimmers. Jetzt wünschte sie, sie hätte vorgebucht, dann wüsste sie, was sie erwartete. So lag alles im Ungewissen.
   An einer belebten Kreuzung hielt der Taxifahrer und kassierte ein vielstimmiges Hupkonzert, das ihn völlig kalt ließ. Melli zahlte die geforderten fünfhundert Baht. Die Scheine fühlten sich fremd an und sahen aus wie Spielgeld.
   »Fünfhundert Baht sind okay.« Shane half ihr, den Rucksack zu schultern. Er selbst schwang seinen mühelos auf den Rücken. Mit einer ausladenden Geste wies er auf die sich vor ihnen erstreckende Straße, offenbar eine Fußgängerzone, durch die sich Massen von Menschen schoben.
   »Willkommen auf der Khao San Road, Backpackers Paradise.«
   Melli sank das Herz. Wie sollten sie in dem Trubel ein Hotel finden? Leuchtreklamen versprachen »Tattoos«, »Baglocker«, »ATM«, »7 Eleven«. Das meiste ergab für Melli keinen Sinn. Sie mühte sich, an Shanes Seite zu bleiben. Ohne ihn war sie verloren. Zu ihrer Erleichterung blieb er schon bald stehen.
   »Hier gibt es sicher noch ein Zimmer. Ein Kumpel von mir wohnt auch hier, bei ihm werde ich erst mal unterkommen.«
   Für ein Hotel hätte sie das Gebäude nicht gehalten. Auf bunten Schildern wurde »Massage« angepriesen. Leicht bekleidete Thaifrauen, zierlich wie Mädchen, saßen auf Barhockern an einer Theke. Melli folgte Shane in den zur Straße offenen Raum. Weiter hinten befand sich ein Rezeptionstresen. Shane begann eine Diskussion mit dem gelangweilt aussehenden Mann dahinter. Melli umklammerte den kleinen Rucksack. Die Riemen des großen schnitten in ihre Schultern. Schweiß rann über ihren Rücken. Die Zunge klebte ihr am Gaumen und ihr war schwindelig. Mit jedem Atemzug schien die Luft dicker zu werden.
   Shane drehte sich zu ihr um. »Hier ist noch was frei. Möchtest du das Zimmer erst ansehen?«
   Sie schüttelte den Kopf. Ihr war alles recht, sie wollte nur endlich ihr Gepäck absetzen und sich hinlegen. Mit verschwitzten Fingern zog sie die für eine Übernachtung geforderten sechshundert Baht aus der Hüfttasche und trottete hinter Shane und dem Rezeptionisten her, einen düsteren, muffigen Flur entlang. Sie bereute ihre Voreiligkeit sofort, nachdem sie das Zimmer betreten hatte. Das war kein Hotelzimmer, das war eine fensterlose Abstellkammer, in die jemand eine Pritsche gestellt hatte. Eine von der Decke hängende Glühbirne spendete mattkaltes Licht. Melli schluckte. Keine Sekunde würde sie es in diesem Kabuff aushalten. Sie sah sich Hilfe suchend nach Shane um. »Gibt es nichts mit Fenster?« Sie wandte sich an den Rezeptionisten. »Window? Room with Window?«
   Der Mann grinste und entblößte ein lückenhaftes Gebiss. »No Window. Loom no window.«
   »Yes, but do you have another room? With window?«
   »Loom no window.«
   Shane sprang ein. »Es ist ja nur für eine Nacht. Morgen können wir etwas anderes für dich suchen.«
   Ihre Augen fingen an zu brennen. »Aber es ist so stickig.«
   Wie auf ein geheimes Kommando zuckte die Hand des Zahnlosen vor und legte einen Schalter an der Wand um. An der Decke der Schreckenskammer nahm ein staubiger Ventilator flappend die Arbeit auf. Melli ergab sich in ihr Schicksal.
   Shane zwinkerte ihr zu. »Ich hole dich in einer halben Stunde ab, dann machen wir zusammen Bangkok unsicher.« Die Tür fiel hinter ihm und dem Zahnlosen zu.
   Melli stand mit hängenden Armen da, zu erschöpft, um sich zu rühren oder den Rucksack abzusetzen. Sie drängte mühsam die Tränen zurück, denn wenn sie jetzt zu weinen anfing, könnte sie innerhalb der nächsten Stunde sicher nicht wieder aufhören.

*

»Verdammt, Logan, hier stinkt es wie Hulle, bist du das oder liegt ’ne tote Ratte unter dem Bett?«
   Logan sah Shane mit glasigem Blick an. »Hä?«
   Shane widerstand angestrengt dem Bedürfnis, ihn zu schütteln. Das hätte sowieso nichts gebracht. Er wusste aus leidvoller Erfahrung, dass Logan in diesem lethargischen Zustand immun gegen derartige Aufweckversuche war. Da war erst mal nichts zu machen. Wenigstens die schlechte Luft konnte er bekämpfen. Im Gegensatz zu Mellis Zimmer besaß dieses ein Fenster, zwar nur ein winziges zum Innenhof, aber besser als nichts. Shane durchquerte den Raum mit wenigen Schritten, ignorierte die wild herumliegenden Kleidungsstücke, und riss die Luke auf. Heißer Smog, der giftige Atem Bangkoks, drang herein.
   Logan stöhnte. »Scheiße, mach das zu! Es ist knallheiß da draußen.«
   Alles war erträglicher als der Mief, der eindeutig von Logan ausging. Er stank, als hätte er sich tagelang nicht gewaschen, und so sah er auch aus. Das einstmals blonde Haar hing ihm in fettigen Strähnen undefinierbarer Farbe ins schweißglänzende Gesicht. Shane setzte sich auf das zweite Bett. In den vergangenen Wochen war es mit Logan rapide bergab gegangen. Shane hatte es befürchtet, aber dass es dermaßen schlimm war, erschreckte ihn.
   Logan rappelte sich auf. Sein unsteter Blick zuckte durch das Zimmer, als suchte er etwas. »Shane, Kumpel, ich brauch Kohle.«
   »Wie schön, dass du mich so nett begrüßt. Hallo Shane, cool, dass du da bist, alles klar bei dir?«
   An Logan war jede Ironie verschwendet. »Ich brauch Kohle. Ich hab ewig nichts gegessen.«
   Shane schnaubte. »Klar. Du willst dir Essen kaufen, ja? Geh erst mal unter die Dusche, dann reden wir weiter.«
   Logan rührte sich nicht. »Wie sprichst du denn mit deinem Kumpel? Erst lässt du mich hier im Stich und dann hast du nicht mal ein paar Baht für deinen ältesten besten Freund übrig?«
   Die weinerliche Stimme schrammte über Shanes Trommelfell. Sein Magen krampfte sich zusammen. Eine Mischung aus Sorge und Zorn wühlte in seinen Eingeweiden. »Ich hab dich nicht im Stich gelassen. Du wolltest nicht mitkommen, schon vergessen?«
   »Vergessen. Du hast mich vergessen. Deinen besten Kumpel.« Logan kratzte an einer verschorften Stelle am Arm. Er trug lediglich Shorts.
   Shane versuchte, den Anblick der hervortretenden Rippen zu ignorieren. »Geh duschen, Mann. Dann können wir essen.«
   Ein schwaches Funkeln trat in Logans stumpfe Augen. »Wir suchen uns was, ja?«
   »Das müssen wir nicht. Hab schon was am Start. Einfache Sache.«
   Als hätte Shane einen Schalter umgelegt, kam zumindest genug Leben in Logan, dass er es schaffte, sich vom Bett hochzustemmen. »Das ist mein Kumpel Shane. Ich wusste es, auf dich ist Verlass.«
   Die Bewegung schickte eine neue Gestankwelle durch das Zimmer. Der penetrante Geruch fraß sich in Shanes Nase. Ihm wurde übel. »Geh duschen!«

*

Melli saß mit angezogenen Beinen auf dem harten Bett. Zu ihrer Überraschung hatte sie ein an das Zimmer angeschlossenes Bad, eher eine Nasszelle, gefunden. Das Wasser war sogar warm gewesen. Sie hatte während des Duschens die ganze Zeit fest den Mund geschlossen gehalten. Sofort, nachdem sie die Dusche verlassen hatte, war ihr Körper erneut mit einem Schweißfilm bedeckt. Zu spät hatte sie bemerkt, dass sie das Zimmer unter Wasser gesetzt hatte. Sie hätte ohnehin nichts daran ändern können, denn es gab keine Duschwanne. Das Wasser lief ungehindert über den Boden, unter der Sperrholztür hindurch in das angrenzende Zimmer und überflutete es.
   Der Ventilator drehte sich träge, vermochte jedoch wenig gegen die stickige Luft auszurichten. Melli wischte sich Tränen von den Wangen. Sie wollte nach Hause. Alles stellte sich als viel schlimmer heraus, als sie es sich ausgemalt hatte. Erschöpft lehnte sie sich an den Rucksack, den sie in letzter Sekunde vor der Flut auf das Bett hatte retten können. Auf das Auspacken hatte sie verzichtet. Ablageflächen waren Fehlanzeige und sie beabsichtigte nicht, länger als nötig in diesem Zimmer zu bleiben. Gleich morgen wollte sie ein besseres Hotel suchen und von dort aus die Rückreise organisieren.
   Die dünne Bluse, die sie aus dem Rucksack herausgefischt hatte, klebte an ihrem Körper.
   Es klopfte an der Tür. Melli stakste durch das Wasser und öffnete.
   Shane strahlte sie an. »Hey! Wow, du siehst klasse aus.«
   Melli brachte ein Lächeln zustande. Zu ihrer weißen Bluse trug sie eine leichte Stoffhose und Sandalen. Nichts Aufsehenerregendes, doch in Shanes zufriedenem Gesicht las sie, dass sie ihm gefiel. Ihre Stimmung hob sich. »Du auch«, sagte sie verlegen.
   Das stimmte. Shane hatte sich rasiert, die aus dem Gesicht gestrichenen Haare waren noch feucht vom Duschen und er trug ein frisches graues T-Shirt zu den Jeans. Er wirkte wesentlich gepflegter als auf dem Flughafen. Ohne die Bartstoppeln sah er jünger aus, kaum älter als Melli, und wenn er wie jetzt lächelte, konnte er mit jedem Männermodel mithalten.
   Er trat zur Seite und gab die Sicht auf einen abgerissenen Typen frei. »Das ist mein Kumpel Logan. Logan, das ist Melli.«
   Kumpel? Wo kam der denn plötzlich her? Sie erinnerte sich nicht, dass Shane einen Kumpel erwähnt hatte. Der Kerl sah zum Fürchten aus. Das schmuddelige T-Shirt und die Shorts schlabberten um seine hagere Gestalt. Die mageren Arme waren von Pusteln und verschorften Stellen bedeckt. Das Erschreckendste aber war der leere Blick. Logans Augen sahen aus wie blinde Spiegel. Das eingefallene Gesicht zeigte keinerlei Gefühlsregung.
   »Hi«, murmelte er.
   »Hallo.« Melli fand den Typen abstoßend und schämte sich sofort dafür. Sie wusste um ihre Schwäche, andere Menschen vorschnell nach dem Äußeren zu beurteilen. Shane hatte anfangs ebenfalls wenig vertrauenswürdig gewirkt, und doch hatte er ihr fürsorglich geholfen. Vielleicht täuschte auch Logans verwüstetes Aussehen und er war ein netter Kerl.
   Sie bemühte sich, freundlich zu lächeln. Sonderlich gut gelang ihr das offenbar nicht, denn Shane runzelte die Stirn.
   »Gehen wir«, sagte er knapp.
   Melli folgte ihm den schummrig beleuchteten Flur entlang. Bestimmt hatte er ihr angesehen, was sie von seinem Freund dachte. Jetzt hielt er sie für eine oberflächliche Zicke und bereute, dass er mit ihr Essen gehen wollte.
   Auf der Straße schlugen die vielfältigen Düfte und der Lärm wie eine Flutwelle über ihr zusammen. Auf der Khao San Road schien ein Straßenfest zu toben. Melli blieb neben Shane stehen und widerstand der Versuchung, nach seiner Hand zu greifen. »Ist es hier immer so?«
   Shane lachte. »Das ist die Khao San Road.«
   Das erklärte natürlich alles. Sie erinnerte sich dunkel an die Beschreibung im Reiseführer. Khao San, die berühmte Backpackermeile. Weitere Fragen verkniff sie sich, um nicht noch blöder dazustehen. Auf Shane, den weltgewandten Traveller, musste sie wie ein dummes Landei wirken. Sie schlenderten durch die Menge, ließen sich treiben. An einer der Garküchen kaufte Shane Fleischspießchen.
   Melli knabberte zögernd daran. Schmeckte scharf, aber gut. Allein hätte sie vorsichtshalber darauf verzichtet, an einer solchen Bude zu essen, doch sie vertraute Shane. Er kannte sich aus und würde ihr nichts geben, was ihr schaden könnte.
   An einer anderen Garküche standen niedrige Stühle und Tische aus Plastik.
   Shane schlug vor, das Abendessen dort zu kaufen, und da soeben Plätze frei wurden, setzten sie sich. Er zeigte auf eine der qualmenden Pfannen, in der Gemüse, Nudeln und Fleisch brutzelten. »Hier gibt es gutes Pad Thai, das ist ein Nudelgericht mit Gemüse. Hast du Lust darauf?«
   Sie verspürte keinen Hunger, wollte ihn jedoch nicht enttäuschen und nickte zustimmend. Shane bestellte drei Mal Pad Thai und Cola. Er dachte sogar daran, für sie Cola light zu ordern.
   Bis das Essen kam, beobachtete Melli den Trubel auf der Straße. Touristen aus aller Herren Länder waren unterwegs, viele von ihnen beladen mit je einem Rucksack auf dem Rücken und vor der Brust.
   Shane folgte ihrem Blick und grinste. »Backpackersandwich nennt man das. Die Khao San Road ist das Mekka der Backpacker. Man trifft Gleichgesinnte, holt sich Tipps, kann kaufen, was man so braucht und die Weiterreise organisieren. Denk nicht, das ist das wahre Thailand.«
   Ihr lag die Frage auf der Zunge, wo denn das »wahre Thailand« zu finden sei, doch sie wollte sich keine Blöße geben.
   Logan, der bisher geschwiegen hatte, mischte sich ein. »Hast du den Film The Beach gesehen? Mit Leo di Caprio?«
   Sie verneinte.
   Logan fletschte die Zähne zu einer Grimasse, die vermutlich ein Grinsen darstellen sollte. Seine Schneidezähne glichen braunen Ruinen. »Bildungslücke. Zieh dir den Film rein, oder noch besser das Buch. Kriegst du hier an jeder Ecke.«
   Melli unterdrückte ein Schaudern. Sie fand Logan gruselig, so sehr sie auch versuchte, ihn unvoreingenommen zu sehen. »Danke für den Tipp.«
   Das Essen wurde auf Plastiktellern serviert, mit Löffel und Gabel aus dünnem Blech. Sie stürzte sich durstig auf die Cola, dann probierte sie das Pad Thai. Nach den ersten Bissen merkte sie, dass sie doch hungrig war. Die Mischung aus scharf, süß und salzig tanzte auf der Zunge und stimulierte ihre Geschmacksnerven. Wenn ein Gericht aus einer einfachen Garküche so gut schmeckte, konnte sie den Schwärmereien über »Thai Food« Glauben schenken.
   Shane zahlte, ohne sich um ihren Protest zu kümmern. »Du hast das Taxi bezahlt. So, und jetzt wird es Zeit, unseren Sunset-Drink nachzuholen. Cocktail? Bier?«
   Sie musste nicht lange überlegen. »Bier.« Das erschien ihr harmloser als ein Cocktail mit unbekannten Zutaten.
   Sie zogen zu einem der vielen Restaurants an der Straße und belegten Plätze mit freier Sicht auf die vorbeiflanierenden Touristen. Shane bestellte drei Singha. Nach dem Essen und der Cola fühlte sich Melli wesentlich besser.
   Shane machte sie auf ein Paar alternde Hippies aufmerksam, die das Angebot eines Schmuckstandes begutachteten. »Die waren bestimmt schon vor zwanzig Jahren in Thailand, Tourismuspioniere.«
   Sie ging auf das Spiel ein und deutete ihrerseits auf zwei bebrillte, blasse Jungs, die sich mit großen Augen umsahen. »Die beiden sind heute erst angekommen und fragen sich, ob sie im falschen Film sind.«
   Shane schmunzelte. »Bist du im falschen Film?«
   Sie wusste nicht, was sie antworten sollte und war froh, dass in diesem Moment das Bier in beschlagenen Flaschen serviert wurde. Logan leerte es mit einem Zug bis zur Hälfte und rülpste. Shane warf ihm einen Blick zu, den Melli nicht recht deuten konnte. Er schien jedenfalls nicht begeistert von Logans Benehmen zu sein.
   Das eiskalte Bier linderte ihre Halsschmerzen. Allmählich fiel die Anspannung von ihr ab. Viele der vorbeilaufenden Touristinnen waren in ihrem Alter. Die meisten trugen flippige Kleider, Arm- und Fußkettchen und hatten dünne Zöpfe in die langen Haare geflochten. Sie wirkten selbstbewusst und fröhlich. Kati würde gut hierher passen. »Eigentlich wollte ich mit meiner Freundin Kati verreisen.« Melli biss sich auf die Lippen. Warum erzählte sie das? Shane interessierten ihre Sorgen bestimmt nicht die Bohne. Doch er sah sie aufmerksam an, abwartend. Melli trank einen Schluck Bier und atmete tief durch. Sie würde Thailand sowieso auf schnellstem Weg verlassen und Shane nie wiedersehen. Was schadete es, wenn sie ihm ihr Herz ausschüttete? »Kati hat vor einer Woche jemanden kennengelernt. Kurz vor dem Abflug ist ihr eingefallen, dass sie sich nicht vier Wochen von ihm trennen kann.« Um die Bitterkeit in der Stimme zu mildern, lachte sie. Es klang gekünstelt. »Und darum bin ich jetzt allein unterwegs.«
   Shane lächelte, aber sein Blick blieb ernst. »Und was ist mit mir? Zähle ich nicht?«
   Bevor sie sich eine höfliche Antwort zurechtlegen konnte, ertönte neben ihnen ein lautes Schnarchen. Logan hatte die Stirn auf die Tischplatte gelegt und schlief. Melli war nicht sicher, ob sie das amüsant oder abstoßend fand.
   Shane fluchte unterdrückt. Er schüttelte Logan an der Schulter. Keine Reaktion. Erst, nachdem er um den Tisch herumgegangen war und Logans Kopf unsanft an den Haaren hochzog, kam Logan zu sich. Er sah Shane mit leerem Blick an, als wüsste er nicht, wer er war.
    »Geh ins Hotel, wenn du pennen willst.« Shane klang eher genervt als belustigt.
   Logan fuhr sich durch das schüttere Haar. Fahrig griff er nach der Bierflasche und leerte sie. »Ich lass euch beiden Hübschen jetzt allein, hab ’ne Verabredung. Viel Spaß noch«, lallte er.
   Mit besorgter Miene beobachtete Shane, wie er sich wackelig vom Stuhl erhob, ihnen ein fauliges Grinsen schenkte und mit erstaunlich festem Schritt in der Menschenmenge untertauchte.
   Shane mied ihren Blick. »Tut mir leid. Logan ist zurzeit nicht gut drauf.«
   Melli hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte, ohne Shanes Kumpel zu beleidigen, also schwieg sie lieber.
   »Manchmal ist es gut, allein unterwegs zu sein«, fuhr Shane nach einer Weile fort. »Sieh es als Chance, dich besser kennenzulernen.«
   Das hatte sie bereits. Wie nicht anders zu erwarten, war sie eine unselbstständige, feige Zicke, unfähig, allein klarzukommen. Das musste Shane mittlerweile auch gemerkt haben. Sie forschte in seinem Gesicht nach Verachtung oder Spott.
   Sein schiefes Lächeln drückte jedoch Verständnis aus. »Lass dir Zeit. Hast du schon Pläne gemacht, was du in den nächsten Wochen anstellen willst?«
   »Wir wollten nach Laos und Kambodscha und zum Schluss auf einer Insel relaxen.« Melli konnte sich nicht vorstellen, dieses Vorhaben allein durchzuziehen. Selbst als sie die Route mit Kati geplant hatte, war ihr unwohl dabei gewesen. Die Tour war Katis Traum. Melli fand es beängstigend, ohne konkrete Ziele durch fremde Länder zu reisen. Was für Kati den Inbegriff eines spannenden Abenteuers darstellte, war für sie der Horror. Sie bevorzugte es, längere Zeit an einem Ort zu bleiben, am besten im vorgebuchten Hotel, das sie vorher im Internet ansehen konnte.
   Shane schob ihr ein frisches Bier hin. Sie hatte nicht gemerkt, dass er Nachschub bestellt hatte. Ein weiteres erlaubte sie sich, die Flaschen waren klein und sie hatte Durst.
   Shane stieß mit ihr an. »Und was willst du?«
   »Ich?«
   »Ja, wie möchtest du deinen Urlaub verbringen? Du bist jetzt allein unterwegs und brauchst auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Du kannst machen, was du willst.«
   Auf die Art hatte sie das nie gesehen. Sie musste nicht lange nachdenken. »Ich möchte ein paar Wochen auf einer Insel entspannen, in einem netten Hotel.« Vor ihrem geistigen Auge tauchten weiße Strände, türkisblaues Meer und sich sanft im Wind wiegende Palmen auf. Unsicher suchte sie Shanes Blick. Das fand er bestimmt langweilig.
   »Weißt du was? Von so einer Insel komme ich gerade. Ich habe dort als Tauchlehrer gearbeitet. Es gibt da tolle Resorts. Kleine Bambushütten am Strand, aber komfortabel. Die sind allerdings nicht ganz billig. Wie viel Geld möchtest du denn ausgeben?«
   Melli traute ihren Ohren nicht. Shane nahm ihre Wünsche ernst, er machte sich nicht darüber lustig, dass sie Sicherheit und Komfort brauchte. Sie konnte auf einmal wesentlich freier atmen. »Ich habe genug Geld. Letztes Jahr habe ich in den Semesterferien gejobbt und gespart. Für diesen Urlaub.«
   »Dann kannst du dir ruhig etwas Besonderes gönnen.« Shane schob die Hand über den Tisch und berührte sacht ihre Finger, die um die kühle Flasche lagen. »Und was ist mit Bangkok? Hasst du es schon so sehr, dass du am liebsten auf der Stelle fliehen würdest?« Um seine Lippen spielte ein schelmisches Lächeln.
   Sie konnte nicht anders, als zurückzulächeln. »Viel habe ich ja noch nicht gesehen.«
   »Das können wir ändern. Wie wärs, hast du Lust, morgen mit mir loszuziehen? Ich zeige dir ein paar Tempel, oder möchtest du shoppen?«
   »Lieber die Tempel.«
   Shane strahlte.
   Ihr fiel zu spät ein, dass sie so schnell es ging zurück nach Deutschland fliegen wollte. Shane brachte sie völlig durcheinander. Wahrscheinlich gab es sowieso nicht sofort einen freien Platz. Sie nahm sich vor, am nächsten Tag im Internet zu recherchieren, oder besser in einem Reisebüro zu fragen, wann kurzfristig eine Rückflugmöglichkeit bestand. Es sprach nichts dagegen, sich während der Wartezeit Bangkok anzusehen. In dem muffigen Zimmer wollte sie so wenig Zeit wie möglich verbringen. Ihr graute schon davor, wieder dort hinein zu müssen.
   Auch Shane schien es nicht eilig mit der Rückkehr ins Hotel zu haben. »Bist du müde oder sollen wir weiterziehen?«
   Ihre Müdigkeit war wie durch Zauberei verschwunden. Sie fühlte sich hellwach. War es das kalte Singha, das würzige Essen oder die lebhafte Atmosphäre der Khao San Road? Jedenfalls konnte sie sich nicht erinnern, wann sie sich zuletzt so unternehmungslustig gefühlt hatte. »Weiterziehen! Gibt es etwas, was man unbedingt hier gemacht haben muss?«
   Shane antwortete, ohne zu zögern. »Da gibt es so einiges. Da ich nicht annehme, dass du auf gegrillte Insekten stehst, empfehle ich dir ein anderes Dessert. Lass dich überraschen.«
   Insekten? Melli hoffte, dass das Dessert nicht aus ähnlich ekligen Zutaten bestand.
   Auf der Straße war es noch voller geworden. Aus den Kneipen drang Livemusik und mischte sich zu einer schrägen Geräuschkulisse. Die Musiker schienen sich, was die Lautstärke anging, gegenseitig übertrumpfen zu wollen.
   Shane ergriff wieder ihre Hand. Es fühlte sich vertraut an. An einem fahrbaren Straßenstand blieb er stehen. Was auf dem Tresen des Standes ausgebreitet war, sah nicht nach Insekten aus.
   Neugierig betrachtete sie die exotischen Früchte. Die meisten hatte sie noch nie gesehen.
   Shane bestellte »Sticky Rice with Mango«. Der Händler füllte Mangospalten und einen Klumpen Reis in eine Plastikschale. Über den Reis goss er eine weiße Flüssigkeit.
   Mit einer Verbeugung überreichte Shane ihr die Schale. »Lass es dir schmecken.«
   Mango kannte sie. Das hatte sie zumindest geglaubt, bis sie die erste Mangospalte kostete. Kein Vergleich zu dem faserigen Matsch, den sie in deutschen Supermärkten kaufen konnte. Das fruchtige Aroma mischte sich köstlich mit der klebrigen Süße der Reispampe. Melli spürte Shanes erwartungsvollen Blick auf sich ruhen. Mit vollem Mund verdrehte sie genüsslich die Augen. »Mhm.«
    Shane grinste. »Und danach gibt es noch ein paar leckere Käfer.«
   Sie kamen tatsächlich an einem Stand vorbei, an dem es gegrillte Insekten gab. Melli beobachtete, wie einige neugierige oder sensationslüsterne Touristen die Tierchen mit angespannten bis angewiderten Gesichtern in den Mund schoben. Das war nichts für sie. Sie sagte aber nicht Nein, als Shane sie zu einem weiteren Bier einlud. »Absacker«, wie er es nannte.
   Die bunten, blinkenden Lichter, die ausgelassenen Menschen und die laute Musik versetzten sie in Partystimmung. Es gefiel ihr doch ganz gut in Bangkok. Zufrieden nippte sie am Singha. Viele der vorbeiflanierenden jungen Frauen warfen Shane bewundernde Blicke zu. Er schien es nicht zu bemerken. Im Gegensatz zu ihr passte er gut in die Backpackerszene. Er wirkte lässig, entspannt und wie jemand, der bereits länger auf Reisen war und sich auskannte. Es war nicht nur die Sonnenbräune, die zu diesem Eindruck führte, sondern seine selbstsichere Ausstrahlung.
   Zwei blonde Mädels in bauchfreien Tops drehten sich kichernd nach ihm um. Das bemerkte er sehr wohl, wie das leichte Zucken um seine Mundwinkel verriet.
   Er wandte sich ihr zu. »Wundere dich nicht darüber, dass du zu den seltsamsten Zeiten müde bist oder Hunger hast. Das ist der Jetlag. Dein Körper muss sich erst umstellen.«
   »Müde bin ich überhaupt nicht. Wie lange bist du denn eigentlich schon unterwegs?«
   »Nach dem Abi wollte ich ein Jahr um die Welt reisen. Das habe ich auch durchgezogen. Danach habe ich es in Deutschland nicht mehr ausgehalten. Ich musste wieder weg. Ich war ziemlich lange in Australien und hab Work and Travel ausprobiert. Da hab ich jede Menge Leute kennengelernt, aus der ganzen Welt. Die besuche ich jetzt nach und nach. Zwischendurch habe ich meinen Divemaster auf Ko Tao gemacht und arbeite ab und zu als Diveguide. Tja, das ist mein Lebenslauf.« Shane hob die Schultern. »Insgesamt bin ich drei Jahre auf Tour.«
   »Wow. Hast du niemals Heimweh?«
   Sein Gesicht verschloss sich und Melli bereute ihre unbedachte Frage. Impulsiv griff sie über den Tisch, fasste nach seiner Hand und drückte sie. »Entschuldige. Das war dumm von mir.«
   »Nein. Schon okay. Es gibt nichts, was mich nach Deutschland ziehen würde. Meine Heimat ist kein Ort. Sie ist in mir. Ich kann überall zu Hause sein.« Er lächelte wieder. »Gut möglich, dass das an meinen Wurzeln liegt. Meine Mutter ist Irin und mein Vater Italiener. Beide sind gern und viel gereist.«
   Darum siehst du so toll aus, wäre es ihr beinahe herausgerutscht. Gerade rechtzeitig biss sie sich auf die Lippen. Sie hätte auf das dritte Singha verzichten sollen. Verlegen bemerkte sie, dass sie immer noch seine Hand umfasste. Sie wollte ihre Finger wegziehen, doch er hielt sie fest.
   »Wir können tanzen gehen, wenn du magst.«
   Sie zögerte. Die Vernunft gewann die Oberhand. Obwohl der Alkohol sie benebelte, wusste sie, dass dies eine schlechte Idee war. In ihrem angeschickerten Zustand fühlte sie sich zu wehrlos, um sich Shanes Flirtkünsten auszuliefern. Auf keinen Fall wollte sie eine Position auf seiner garantiert langen Liste belangloser Urlaubsaffären werden. »Ich möchte jetzt gern zurück ins Hotel.«
   Shane versuchte nicht, sie zu überreden.
   Zu ihrer Unterkunft waren es nur ein paar Schritte. Er begleitete sie bis an die Zimmertür. »Ich hole dich morgen um sieben Uhr ab.«
   »So früh?«
   »Warts ab, du wirst sowieso wach sein. Gute Nacht, Melli.«
   Sie sah ihm nach, verärgert darüber, dass sie enttäuscht war. Er schlenderte den düsteren Flur entlang und schloss eine Tür am anderen Ende auf. Melli ging ebenfalls in ihr Zimmer. Die Schreckenskammer. Waren das etwa Kakerlaken, die in den Ritzen verschwanden, nachdem sie das Licht angeschaltet hatte? Sie ließ den Blick hastig über Boden und Wände schweifen, konnte jedoch keine verdächtigen Bewegungen ausmachen. Der Fußboden war noch immer etwas feucht, aber nicht mehr überschwemmt.
   Sie wuchtete den Rucksack vom Bett. Wenig später lag sie auf der harten Matratze und lauschte dem rhythmischen Flappen des Ventilators. Sie vermied jeden Gedanken an das fehlende Fenster. Stattdessen grübelte sie über Shanes Verhalten nach. Wie dumm von ihr, zu glauben, er wollte mit ihr flirten. Er hatte nicht mal versucht, sie zum Abschied zu küssen. Natürlich nicht. Als ob ein cooler, gut aussehender Typ was mit einer Loserin wie ihr anfangen würde. Er wollte nur nett zu ihr sein. Vermutlich tat sie ihm leid. Kein Wunder. Sie tat sich selbst leid.
   Im Zimmer nebenan stritt ein Paar. Sie schrien sich in einer Sprache an, die Melli nicht verstand. Türen knallten. Das Musikgemisch der Khao San Road drang als dumpfes Wummern durch die Mauern. Melli war hellwach. Aus dem Nachbarzimmer erklangen jetzt die Geräusche einer leidenschaftlichen Versöhnung - erregtes Stöhnen und das rhythmische Hämmern eines gegen die Wand knallenden Bettgestells, danach Kichern und Gemurmel.
   Melli lauschte in die Dunkelheit. Sie glaubte, das Schaben von Insektenleibern unter dem Bett zu hören. Ihr Körper klebte von Schweiß. Ob sie den E-Book-Reader aus dem Rucksack holen und lesen sollte? Sie wagte nicht, das Bett zu verlassen. Auf keinen Fall wollte sie auf eine Kakerlake treten. Die trübe Glühbirne bot wahrscheinlich sowieso nicht genug Licht zum Lesen. Melli rechnete aus, wie viele Stunden sie bereits wach war. Zu viele. Sie schloss die Augen und stellte sich auf die längste Nacht ihres Lebens ein.

Kapitel 2


Lautes Geschrei ließ Melli hochfahren. Sie war schweißgebadet, es war dunkel um sie und einen furchtbaren Sekundenbruchteil, der ihr wie eine Ewigkeit erschien, wusste sie nicht, wo sie war. Der Temperatur nach zu urteilen in der Hölle. Nein, in Bangkok. Auf einen Schlag kehrte die Erinnerung zurück. Die vergangenen Ereignisse liefen wie im Zeitraffer vor ihr ab: Der verschwundene Rucksack, Shane, die Khao San Road, das schreckliche Hotelzimmer. Das alles war kein Albtraum, sondern die grausame Realität. Das Paar im Nachbarzimmer führte offenbar seinen Streit fort. Es hörte sich an, als ob sie mit Gegenständen nacheinander warfen.
   Melli tastete nach dem Handy. Fünf Uhr. Sie hatte nur wenige Stunden geschlafen und fühlte sich auf übernächtigte Art wach. Ihre Zunge war pelzig. Da sie am Vorabend vergessen hatte, Wasser zu kaufen, konnte sie nicht Zähne putzen. Außerdem quälte sie brennender Durst. Was war nur in sie gefahren, drei Bier in sich hineinzuschütten? Zum Glück hatte sie den Discobesuch abgelehnt. Angetrunken, wie sie war, hätte sie sich nur lächerlich gemacht. Womöglich hätte sie sich auf peinliche Weise an Shane herangeschmissen.
   Shane. Ihr Herz schlug sofort schneller. Das lag bestimmt auch am Jetlag. In Deutschland war es bereits elf Uhr vormittags, kein Wunder, dass sie nicht mehr schlafen konnte. Es machte keinen Sinn, sich länger auf dem verschwitzten Laken herumzuwälzen. Todesmutig tastete sie sich zum Lichtschalter, darauf gefasst, jederzeit das grässliche Knirschen einer unter den nackten Fußsohlen zerquetschten Kakerlake zu hören. Sie brachte die Strecke unfallfrei hinter sich. Das schummerige Licht der Glühbirne war leider hell genug, um die ganze Schäbigkeit der Unterkunft auszuleuchten, von der abblätternden Tapete bis zu den undefinierbaren rötlichen Flecken auf dem Linoleumboden. Melli wuchtete den Rucksack auf das Bett und wagte sich erneut in das Bad. Sie vermied während ihres Toilettengangs und der Dusche allzu genaue Blicke in die Ecken.
   Nach der Dusche fühlte sie sich angenehm erfrischt. Sie zog der Einfachheit halber wieder die dünne Bluse und die Hose vom Vorabend an. Das feuchte Haar hielt sie mit einem Tuch aus dem Gesicht. Einen Föhn hatte sie nicht dabei, aber es würde schnell trocknen in der heißen Luft. Bis Shane sie abholte, musste sie noch länger als eine Stunde warten. Noch eine Stunde quälenden Durst ertragen. Ob sie in Hotelnähe etwas zu trinken auftreiben könnte? Shane hatte sie auf die allgegenwärtigen Shops mit der »7 Eleven« Leuchtreklame aufmerksam gemacht. »Die gibt es hier überall und du kriegst fast alles dort.« Die waren vierundzwanzig Stunden geöffnet.
   Ihr Durst überwog die Angst, sich allein den Gefahren Bangkoks zu stellen. Sie öffnete die Zimmertür und spähte in den Flur. Er kam ihr dunkler vor als am Abend. Irgendwo knallte eine Tür. Melli zuckte zusammen und war drauf und dran, in die relative Sicherheit des mittlerweile wieder gefluteten Zimmers zu fliehen.
   »Melli, bist du eine Maus oder eine Frau?« Ihre Stimme hallte in dem leeren Gang. Ertappt sah sie sich um. Hoffentlich hatte keiner gehört, wie sie mit sich selbst sprach. Doch wer sollte um halb sechs schon unterwegs sein? Energisch zog sie die Tür zu und schloss ab. Mit festen Schritten ging sie den Flur entlang. Die Rezeption lag verlassen da. Durch die offene Tür fiel das graue Licht der Morgendämmerung. Niemand zu sehen, weder auf der Straße noch im Eingangsbereich des Hotels.
   Aber was war das? Hinter dem Tresen ragten nackte Füße hervor. Melli rang nach Luft und wich zurück. Die Füße lagen reglos auf dem fadenscheinigen Teppich. Eine Leiche? Mit angehaltenem Atem schlich sie näher heran und erkannte den Rezeptionisten. Er ruhte ausgestreckt auf einer Matte und schnarchte leise. Melli unterdrückte ein erleichtertes Kichern. Sie trat hinaus auf die Khao San Road.
   Die Partymeile hatte sich in eine stinknormale Straße verwandelt. Die Marktstände waren verschwunden. Ein Motorrad knatterte vorbei, gefolgt von einem gelben Taxi. Die Luft war frischer, als Melli erwartet hatte. Vermutlich wäre es ihr nach dem Mief in ihrem Zimmer sogar in einer Dampfsauna frisch vorgekommen. Direkt neben dem Hotelgebäude entdeckte sie das grün-rot leuchtende Schild: 7 Eleven. Mit pochendem Herzen legte sie die wenigen Schritte zurück und betrat den Laden. Ein schrilles Klingeln ertönte.
   Hinter der Kasse saß eine gähnende junge Frau. »Sawadee kah«, grüßte sie.
   Melli erwiderte den Gruß. Unbeholfen rollten die fremden Silben von ihrer Zunge. Rasch ging sie zwischen den Regalen hindurch. Sie sahen beruhigend vertraut aus, mit den üblichen Produkten: Kosmetik, Zeitschriften, Knabbereien und Tierfutter. Sie fand hohe Kühlschränke mit Glastüren und wählte eine große Flasche Wasser und eine kleine Cola Light. Die Frau tippte auf der Kasse herum und nannte einen lächerlich geringen Preis. Melli hatte leider kein Kleingeld. Notgedrungen legte sie einen der 1000-Baht-Scheine auf den Tresen und lächelte entschuldigend. Die Frau lächelte zurück und gab ihr anstandslos das passende Rückgeld heraus.
   Melli trat auf die Straße, in der Hand eine Plastiktüte, und blinzelte in die vom Smog getrübte Sonne. Am liebsten hätte sie laut gejubelt. Sie fühlte sich, als hätte sie soeben einen großartigen Sieg errungen. Sie hatte sich allein hinausgewagt und sogar eingekauft. Beschwingt kehrte sie in ihr Hotelzimmer zurück und passierte auf dem Weg den immer noch schnarchenden Rezeptionisten. Durstig trank sie die halbe Wasserflasche aus, putzte die Zähne und watete zum Bett. An ihren Rucksack gelehnt las sie im Reiseführer und leerte die Cola. Sie hatte vor der Reise über die touristischen Attraktionen von Bangkok gelesen und Kati vorgeschlagen, eine Tour zu planen, um möglichst viel zu sehen. Kati hatte gelacht. »Quatsch. Ich weiß doch noch gar nicht, worauf ich dort Lust habe. Wir lassen uns einfach treiben. Sehen werden wir sowieso genug.«
   Trotzdem hatte Melli eine Liste aufgestellt, auf welche der Sehenswürdigkeiten sie auf keinen Fall verzichten wollte. Ob Shane ihr einige davon zeigen würde? Oder kannte er Geheimtipps, die nicht im Reiseführer standen? Melli bevorzugte es, auf den ausgetretenen Pfaden zu wandeln, doch das fand Shane bestimmt langweilig. Ach was, er hielt sie ohnehin schon für langweilig.
   Wie auf ein Stichwort klopfte es an der Tür. Melli schnappte den für eine Sightseeingtour gepackten Tagesrucksack und öffnete. Shane sah sogar noch besser aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Auf seinen markanten Wangen lag ein leichter Bartschatten, die dunklen Augen blitzten unternehmungslustig und eine Locke schwarzen Haars hing ihm verwegen in die Stirn.
   »Hey! Noch müde?« Sein freches Zwinkern zeigte, dass er die Antwort bereits kannte. Er reichte ihr eine Flasche Wasser. »Hier, ich habe gestern nicht mehr daran gedacht. Damit kannst du Zähne putzen.«
   »Danke, ich habe mich schon selbst versorgt. Im 7 Eleven nebenan.« Sie versuchte, nicht allzu stolz zu grinsen und es ganz lässig klingen zu lassen. Für Shane war die abenteuerliche Tour schließlich alltäglich.
   Sein anerkennendes Nicken ließ ihre Haut prickeln. »Gut! Dann stell die Flasche einfach in dein Zimmer für später. Jetzt gehen wir erst mal frühstücken.«
   Die Khao San Road war jetzt wesentlich belebter als eine Stunde zuvor. Autos und Mofas, auf denen jeweils mindestens drei Personen saßen, fuhren vorbei. Jeder Verkehrsteilnehmer verfügte über eine laute Hupe und scheute sich nicht, sie möglichst oft zu benutzen. Die ersten Touristen verließen die Hotels auf der Suche nach einem Kaffee und etwas zu essen.
   Shane und Melli setzten sich in eines der zur Straße geöffneten Restaurants. Die Speisekarte war westlich ausgerichtet. Mellis Magen knurrte schon. Kein Wunder, in Deutschland aß man um diese Zeit zu Mittag. Sie wählte Toast, Orangensaft, Kaffee und frische Früchte. Shane nahm das Gleiche. Melli wunderte sich, sie hatte erwartet, er würde sich irgendetwas originelles Asiatisches zu Gemüte führen. Vielleicht schätzte er nach drei Jahren auf Tour eher die heimatlichen Genüsse.
   Das Frühstück sah appetitlich aus. Hungrig bediente sie sich am Früchteteller. Nicht nur die Mangos schmeckten hier wesentlich intensiver, auch Papaya, Ananas und selbst Bananen sorgten für ungeahnte Geschmackserlebnisse. Ihre Lebensgeister, zuvor von der Cola light halbwegs aktiviert, kehrten vollends zurück. Sie freute sich auf den Tag mit Shane. Die grauenvolle Nacht in der Schreckenskammer wurde zu einer vagen Erinnerung, wie ein Traum, den man eine Stunde nach dem Aufwachen vergisst. »Wo führst du mich denn heute hin?«
   »Das liegt ganz bei dir. Gibt es etwas, das du dir besonders gern ansehen möchtest?«
   »Wat Arun«, platzte sie ohne nachzudenken heraus. Oh nein, sie hatte einen öden Touristenmagnet genannt, der an Langeweilefaktor vermutlich nicht zu überbieten war. Fehlte nur, dass sie den Königspalast und den Golden Mount hinzufügte.
   Um Shanes Augen bildeten sich winzige Fältchen. »Gute Wahl. Du bist das erste Mal hier, also fängst du am besten mit dem an, was jeder Tourist gesehen haben muss. Ich schlage vor, wir gehen vorher zum Wat Pho, der ist in der Nähe und morgens nicht so überlaufen.«
   »Ist das der Tempel mit dem großen goldenen Buddha?«
   »Ja, genau, aber er hat mehr zu bieten als die berühmte Statue. Ich glaube, er wird dir gefallen.«
   Melli bezahlte trotz Shanes Protest das Frühstück. Kaum verließen sie den schattigen Sitzplatz, musste sie auch schon nach der Sonnenbrille kramen. Die Sonne strahlte heller als zur Mittagszeit im deutschen Hochsommer. Ihre Intensität brachte alles zum Leuchten: die bunten Reklameschilder, die Blätter an den Bäumen, die Autos, selbst den Asphalt auf den Straßen und, das beeindruckte sie am stärksten, die Gesichter der Menschen. Die Leute, die ihnen begegneten, sahen zufrieden aus, einige sogar glücklich. Die meisten aßen oder tranken etwas. Einheimische bevorzugten undefinierbare Getränke in durchsichtigen, oben mit Gummibändern verschlossenen Plastiktüten, in denen Strohhalme steckten. Die Touristen hielten sich an die vertrauten Getränkedosen oder Coffee-to-go-Becher. An den Straßenrändern standen Garküchen. Auf Grillrosten brutzelten verführerisch duftende Speisen und in großen Töpfen köchelte Suppe. Obwohl sie gut gefrühstückt hatte, fing ihr Magen an zu knurren. Sie warf Shane einen verlegenen Seitenblick zu, doch er schien nichts gehört zu haben oder tat zumindest so.
   »Wir gehen zuerst zum Pier und nehmen die Fähre. Der Chao Praya, der Fluss, der durch Bangkok fließt, ist eine tolle Möglichkeit, den Dauerstau in der City zu umgehen. Außerdem ist es schön luftig im Boot«, erklärte er im Stil eines Reiseleiters den Plan für den Tag.
   Tatsächlich war die morgendliche relative Kühle bereits brütender Hitze gewichen. Melli schob ihr Haarband höher. Sie schwitzte jetzt schon. Zum Glück war es nicht weit bis zum Pier. Zusammen mit einer Gruppe in Schuluniformen gekleideter Kinder und schicken Bangkokern im Business-Look warteten sie auf die Fähre. Die Einheimischen nutzten sie, um zur Arbeit oder zur Schule zu fahren. Viele Frauen hielten eine Art Fächer in der Hand, mit der sie die Gesichter vor der Sonne schützten. Melli hatte davon gehört, dass in Asien die in Deutschland beliebte Bräune verpönt war.
   Direkt am Fluss befanden sich Hotels. Eines gefiel ihr besonders. Auf der einladenden Terrasse frühstückten die Gäste. Die Zimmer besaßen Balkone mit Flussblick. Wie teuer mochte eine Nacht in diesem Hotel sein? Sie fragte Shane danach.
   »Wenn du Glück hast und im Internet einen guten Preis findest, umgerechnet sechzig bis siebzig Euro.«
   Das war weniger, als sie erwartet hatte. Sie geriet in Versuchung, sich für ein oder zwei Nächte dort einzumieten. Schließlich war sie im Urlaub. Kati hätte die Idee nicht gebilligt. Sie setzte ihren Ehrgeiz in eine sparsame Reise im urtümlichen Backpacker-Style. Aber Melli wollte sich erholen, und das konnte sie in dem muffigen Loch, in dem sie jetzt wohnte, nicht. Außerdem wollte sie sowieso nur noch ein paar Tage bleiben und so schnell wie möglich nach Hause fliegen, hätte also ordentlich Geld eingespart. Sehnsüchtig sah sie zu den Balkonen auf. Wie schön mochte es sein, abends da zu sitzen und das Treiben auf dem Fluss zu beobachten.
   Shanes Stimme riss sie aus ihren Gedanken. »Da kommt unsere Fähre. Siehst du? Sie hat eine orangefarbene Flagge. Die Farben zeigen an, welche Piers die Fähren anfahren.«
   Die schrillen Pfiffe einer Trillerpfeife begleiteten das zügig verlaufende Aus- und Einsteigen. Kurz nach dem Anlegen fuhr die Fähre schon weiter. Sie war gut gefüllt. Shane und Melli mussten stehen.
   Er wies diskret auf eine Sitzbank, auf der Männer mit kahlen Köpfen, in orangefarbene Kutten gehüllt, saßen. »Diese Bank ist reserviert für Mönche. Sie dürfen keinen Körperkontakt mit Frauen haben, also Vorsicht im Gedränge.«
   »Was passiert, wenn doch?«
   »Oh, dann müssen sie langwierige Reinigungsrituale durchführen. Übrigens ist es in Thailand üblich, dass jeder Mann eine Zeit lang als Novize zu den Mönchen geht. Auch der jetzige König war mal Mönch.«
   Eine Frau zwängte sich durch die Passagiere. In der Hand hielt sie eine zylindrische Dose, die sie rhythmisch schüttelte wie eine Rassel. Shane warf ein paar Münzen in den Schlitz und erhielt von der Frau briefmarkengroße Tickets. Eines davon gab er Melli. »Ein Andenken an deine erste Fahrt auf dem Chao Phraya.«
   Am nächsten Pier stiegen mehr Leute zu. Als das Boot bei der Abfahrt schaukelte, wurde Melli im Gedränge an Shane gedrückt. Er legte stützend einen Arm um ihre Taille. Sie spürte, dass sie rot anlief. Ihr Gesicht brannte, und das kam nicht von der Sonne. Viel zu deutlich fühlte sie durch sein T-Shirt und ihre Bluse die Hitze, die von seinem festen Körper ausging. An den Stellen, an denen sie sich berührten, glaubte sie, zu verbrennen. Sie schwankte zwischen dem Verlangen, sich enger an ihn zu pressen und dem panischen Wunsch, sich von ihm loszureißen. Seit Langem hatte kein Mann derart heftige Reaktionen in ihr hervorgerufen. Der Puls pochte so laut in ihren Ohren, dass sie Shane kaum verstand.
   »Wir sind gleich da. Der Wat Pho ist nicht weit vom Pier Ta Thien entfernt. Kurz nach acht, das ist gut, da ist es noch leer. Die meisten Touristenbusse kommen erst später.«
   »In Deutschland ist es jetzt schon Mittag.« Melli musste irgendetwas sagen, um sich davon abzulenken, wie gut sich seine Nähe anfühlte.
   Sein Körper vibrierte vor Lachen. »Mittag? Ich will dir nicht deine Illusionen rauben, aber in Deutschland ist es sechs Stunden früher, also zwei Uhr nachts.«
   O nein! Wie dumm sie doch war. Sie verfluchte ihr Stirnband, das sie daran hinderte, die Haare wie einen Vorhang vor ihr garantiert tomatenrotes Gesicht fallen zu lassen. Am liebsten hätte sie sich in die trüben Fluten des Chao Phraya gestürzt.
   Shane drückte sie etwas fester. »Bald hörst du auf, umzurechnen. Ich hab mich da auch schon oft vertan.«
   Ja, klar, aber weil er oft reiste, nicht, weil er dämlich war. Melli war froh, als die Fähre anlegte und sie sich darauf konzentrieren musste, nach dem Aussteigen auf dem schwankenden Pier das Gleichgewicht zu halten.
   Über eine schmale Gangway gelangten sie in ein überdachtes Gebäude. Melli konnte nicht genau ausmachen, ob es sich um ein Restaurant oder eine Ladenpassage handelte.
   An Dachbalken hingen thailändische Flaggen im Miniaturformat und links und rechts eines Flures befanden sich Shops, in denen Tücher, Kleidung, Snacks, Getränke und allerlei Souvenirs feilgeboten wurden. An Shanes Seite trat sie ins Freie. Der Anblick und Duft der Garküchen gewann langsam etwas Vertrautes. Ein Haufen großer, stacheliger Früchte erregte ihre Aufmerksamkeit.
   Shane bemerkte es. »Das sind Durian, auch Stinkfrucht genannt. Man sagt Tastes like heaven, smells like hell.«
   »Und, stimmt das?« Sie erholte sich allmählich von dem blamablen Ausrutscher mit der Zeitverschiebung.
   Shane hob die Schultern. »Mein Fall sind die Dinger nicht.«
   Hinter einer Mauer erhoben sich die spitzen, reich verzierten Türme, die Melli von Fotos kannte. Der Wat Pho. Wie von Shane vorausgesagt, hielten sich nur wenige Touristen im Tempelbezirk auf.
   Melli kaufte zwei Eintrittskarten.
   »Am besten sehen wir uns zuerst den liegenden Buddha an, da wird es später voll«, schlug Shane vor.
   Am Eingang stand ein Container mit Stoffbeuteln, in denen Melli ihre Sandaletten und Shane seine Flipflops verstaute.
   »Früher gab es Regale, in die man die Schuhe hineinstellte.«
   »Wann warst du das erste Mal hier?«
   »Vor drei Jahren. Thailand war die erste Station meiner Weltreise. Ich war damals ein absolutes Greenhorn.«
   »So wie ich.«
   Shane schenkte ihr ein warmherziges Lächeln, das seine Augen erreichte und silbrige Funken in ihnen tanzen ließ. »So wie du. Manchmal wünschte ich …« Er brach abrupt ab und schüttelte den Kopf, als wollte er einen albernen Gedanken vertreiben.
   Melli wollte nachfragen, was er wünschte, doch er zog sie weiter in das Tempelgebäude.
   Ihr stockte der Atem. Sie hatte gewusst, dass der goldene Buddha groß war, das stand schließlich in jedem Reiseführer, aber nichts hatte sie auf die majestätische Ausstrahlung der funkelnden Statue vorbereitet. Von der riesigen Figur ging eine ruhige Kraft aus, die Melli in ihren Bann zog. Sie konnte den Blick nicht von der entspannten Miene des Buddhas abwenden. Er hatte den Kopf in eine Hand gestützt, die Augen halb geschlossen und um seine vollen Lippen spielte ein zufriedenes Lächeln. Er sah aus, als wäre er mit sich und der Welt im Reinen.
   Langsam schritt sie weiter. Deckenhohe Gemälde bedeckten die Wände des Tempels. Es gab keine Stelle, die nicht prachtvoll verziert und bemalt war. Melli wusste kaum, was sie zuerst betrachten sollte. Shane blieb schweigend an ihrer Seite. Sie war froh darüber, dass er nicht sprach. Es hätte den Zauber des Augenblicks zerstört. Erst ein hallendes Scheppern riss sie aus der Versunkenheit. Fragend sah sie Shane an. Er machte eine auffordernde Handbewegung, also ging sie an den perlmuttverzierten Füßen des Buddhas entlang auf die andere Seite des Tempels. Dort standen Metallkessel an der Wand aufgereiht. Einige Leute kamen an ihnen vorbei und ließen in jeden der Kessel Münzen fallen.
   »Es sind hundertacht.« Shane reichte ihr ein Schälchen mit Münzen.
   Verblüfft sah sie sich um und entdeckte einen Tisch mit gefüllten Schalen, dahinter eine lächelnde Thai. Shane kaufte ein weiteres Münzschälchen. »Hast du die Einlegearbeiten an den Füßen des Buddhas gesehen? Das sind auch hundertacht. Sie stellen die Tugenden eines Buddhisten dar. Wenn du Münzen in jeden dieser Kessel wirfst, bringt das Glück.« Er blinzelte ihr zu. »Glück für deine Weiterreise.«
   Melli brachte es nicht fertig, ihm zu gestehen, dass es keine Weiterreise für sie geben würde. Stattdessen ging sie langsam an den Kesseln vorbei und verteilte die Münzen. Ohrenbetäubend laut klang das Klirren und Scheppern in ihren Ohren. Am Ende der Reihe verblieben noch einige Münzen in der Schale, die sie in den letzten Kessel warf. Für den Rückflug konnte sie etwas Glück brauchen.

*

Diesmal war es anders. Irgendwann hatte Shane aufgehört zu zählen, wie oft er junge Frauen wie Melli zu den bekannten Sehenswürdigkeiten Bangkoks führte. Nein, nicht wie Melli. Sie unterschied sich von ihren Vorgängerinnen auf eine Weise, die er nicht benennen konnte. Oberflächlich betrachtet war sie genauso unsicher, naiv und verwöhnt wie die anderen. Und doch …
   Er beobachtete, wie Melli zu einer der steinernen Statuen im inneren Tempelhof lief und sich zu ihm umdrehte, strahlend.
   »Ein Wasserbüffel. Das ist einer, oder?« In ihrer Begeisterungsfähigkeit und ungekünstelten Freude an allem für sie Neuen ähnelte sie einem Kind, aber sonst war nichts Kindliches an ihr.
   Er erinnerte sich zu gut an den Moment, in dem sie sich auf der Fähre an ihn geschmiegt hatte, an die Nähe ihrer zierlichen, unverkennbar weiblichen Figur, weich und gleichzeitig fest. Er hatte ihren Herzschlag spüren können, hektisch flatternd wie der Flügelschlag eines eingesperrten Vogels. Und sein verräterischer Körper hatte eindeutig reagiert. Warum auch nicht, er war jung und Melli eine hübsche Frau, völlig normal also, dass die Berührung ihn nicht kaltließ. Wieso zur Hölle machte ihn das nervös?
   Er schlenderte weiter. Melli betrachtete bereits die nächste Statue. Sie zückte den Fotoapparat und kniete sich auf den Boden, um einen günstigen Aufnahmewinkel zu finden. Für sie war das alles neu und aufregend. Shane dagegen kannte den Wat Pho in und auswendig. Einen Moment beneidete er sie um die Entdeckerlust, die unverkennbar Besitz von ihr ergriff. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann ihn zuletzt etwas in Erstaunen oder gar Begeisterung versetzt hatte. Der Anflug vagen Bedauerns verschwand so schnell, wie er aufgeflackert war, und hinterließ nichts als Langeweile.
   Bisher lief es wie geplant. Logan entpuppte sich allerdings mehr und mehr als Risikofaktor. Shane hoffte, dass er mittlerweile wach war. Erst gegen Morgen war er in ihr Hotelzimmer getaumelt, nach Alkohol stinkend, hatte sich bäuchlings auf das Bett fallen lassen und sofort angefangen zu schnarchen. Vielleicht besser, einen Weckruf zu starten. Er zog das Handy aus der Hosentasche und behielt dabei Melli im Auge. Sie fotografierte eine Wasserschale mit Seerosen und ließ sich auch von einer Horde japanischer Touristen nicht ablenken, sondern ging völlig in ihrer Tätigkeit auf, versunken im Zauber des Augenblicks. Shane fragte sich müßig, wann er diese Fähigkeit verloren hatte. Unwichtig. Wichtig war, dass Melli ahnungslos blieb.
    Logan meldete sich nach dem dritten Klingeln. Ein gutes Zeichen. Seine Stimme klang beruhigend wach, ein wenig heiser, aber das war normal. »Hey, Alter, wie läufts?«
   Shane warf einen Blick in Mellis Richtung. Sie interessierte sich immer noch für die Seerosen und beachtete ihn nicht.
   »Morgen, Logan. Es läuft optimal. Wir sind am Wat Pho. Du solltest jetzt losziehen.«
   »Alles klar. Kein Stress. Bin so gut wie da. Bis gleich. Alles cool, Mann.«
    Shane unterbrach den Redeschwall, indem er das Gespräch wegdrückte. Scheiße. Logan hörte sich viel zu aufgedreht an. Für ihr Vorhaben mochte das passen, doch Shane wusste aus leidvoller Erfahrung, was Logans Enthusiasmus zu bedeuten hatte. Er verstaute das Handy in der Tasche, gerade rechtzeitig, denn Melli sah sich suchend nach ihm um. Mit wenigen Schritten war er bei ihr. »Und, ein paar interessante Motive gefunden?«
   Mit den geröteten Wangen und den leuchtenden Augen sah sie wirklich hübsch aus. Nach ihrer anfänglichen Zurückhaltung benahm sie sich mittlerweile lockerer und wirkte beinahe entspannt.
   »Ja, hier wimmelt es geradezu von Motiven. Es gibt an jeder Ecke etwas Neues zu entdecken. Es ist wunderschön hier.«
   »Leider denken das sämtliche Bangkok-Touristen auch. Bald ist es vorbei mit dem Frieden.« Er deutete in Richtung des Tores, hinter dem der Tempel mit dem goldenen Buddha lag. »Die ersten Busladungen stürmen schon an. Zum Glück bleibt den meisten Gruppen nur die Zeit, eine schnelle Runde um den liegenden Buddha zu drehen, dann geht es im Eiltempo weiter zum nächsten Sightseeing-Punkt.«
   Melli schüttelte sich. »Brrr. Das ist stressig, im Urlaub unter Zeitdruck zu stehen. Wie gut, dass wir keine Eile haben.« Ein unsicherer Ausdruck trat in ihre Augen. »Haben wir doch nicht, oder?«
   »Aber nein. Wir können so lange hier herumlaufen, wie du möchtest.« Er unterdrückte ein Gähnen. »Hast du Durst? Dahinten gibt es Wasser. Trinken ist wichtig, sonst dehydrierst du bei der Hitze leicht.« Wie oft hatte er den Spruch schon abgespult? Er verspürte den Hauch von Widerwillen, verdrängte das Gefühl ebenso rasch, wie es aufgeflackert war. Das fehlte noch, dass ihn plötzlich Skrupel plagten. Die konnte er nicht brauchen, besonders dieses Mal nicht. Denn diesmal war es anders. Diesmal ging es um mehr als um das schnelle Geld. Diesmal ging es um Leben und Tod.

*

Die Wunder des Wat Pho hatten Melli in einen Rausch versetzt. Sie fühlte sich, als hätte sie ein Glas Champagner getrunken, angenehm beschwipst und beschwingt. Die Touristen, die mit gezückten Kameras aus den Reisebussen quollen, um in einer Viertelstunde die obligatorische Runde um den liegenden Buddha zu drehen, taten ihr leid. Sie schwelgte noch in dem Luxus, so viel Zeit zu haben, wie sie benötigte, um all die Pracht in sich aufzunehmen. Tatsächlich hatten sie über zwei Stunden im Wat Pho verbracht. Die Zeit war schnell verflogen.
   Melli genoss nicht nur die Schönheiten des Tempels, sondern auch Shanes Gesellschaft. Er schaffte es immer wieder, sie zum Lächeln zu bringen. Sie fühlte sich wohl an seiner Seite. Außerdem war er unglaublich aufmerksam. Er schien ihre Bedürfnisse und Wünsche auf magische Weise vorauszusehen.
   Auf dem Weg zum Pier blieb er an einem der Marktstände stehen und kaufte zwei Kokosnüsse. Die Marktfrau schlug mit der Machete oben ein Stück ein, sodass ein Deckel entstand, unter den sie einen Strohhalm klemmte. Melli mochte keine Kokosnuss.
   Shane bemerkte offenbar ihren zweifelnden Gesichtsausdruck. »Probier mal! Wenn es dir nicht schmeckt, übernehme ich den Rest.«
   Sie nahm die grüne Kokosnuss in beide Hände. Vorsichtig saugte sie am Strohhalm. Das Kokoswasser war nicht dickflüssig, wie sie befürchtet hatte, sondern dünn und klar. Es schmeckte leicht süßlich und sehr erfrischend. Beinahe ohne abzusetzen, leerte sie den natürlichen Trinkbecher. Shane tat es ihr gleich.
   »Das tat gut.« Sie sah Shane erwartungsvoll an. »Und jetzt zum Wat Arun?«
   »Der Tempel der Morgenröte wartet schon auf dich.« Galant bot er ihr seinen Arm.
   Sie hakte sich lachend unter. Wann hatte sie zuletzt so viel Spaß gehabt? Und so viel Neues gesehen?
   Die Fähre zum Wat Arun legte an der anderen Seite des Tha Tien Piers ab. Im Kassenhäuschen stand eine Schale mit duftenden Frangipani-Blüten. Lächelnd überreichte die Kassiererin ihr eines der zarten weißgelben Gebilde. Was hieß doch gleich Danke auf Thai?
   Shane half aus. »Kop khun krap.«
   Ach ja. Melli erinnerte sich. Als Frau musste sie allerdings »Kop khun ka« sagen. Ein paar Floskeln hatte sie zu Hause gelernt. Sie folgte dem Beispiel der Frauen auf der Fähre und steckte die Blüte an ihr Stirnband. Als sie aufsah, begegnete sie Shanes Blick. Seine Augen funkelten anerkennend. Ob er sie hübsch fand? Sie wusste, dass sie nicht schlecht aussah, aber eine Schönheit war sie nicht. Kati sagte oft, sie sehe aus wie das nette Mädchen von nebenan. Sicher meinte sie es nicht böse, doch es gab Melli jedes Mal einen Stich. Nett und langweilig, das war sie.
   Verärgert darüber, dass sie derart trübe Gedanken zuließ und sich damit den bislang perfekten Tag verdarb, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das andere Ufer des Flusses. Dort leuchteten die hohen, spitz zulaufenden Türme des Wat Arun in der Sonne. Nach wenigen Minuten Fahrt legte die Fähre an.
   Shane zeigte ihr einen Schwarm wimmelnder Fische unter der Gangway des Piers. »Die werden hier gefüttert. Das soll Glück bringen.«
   Der Weg zum Wat führte durch einen Park. Melli konnte sich nicht sattsehen an den bunten Blüten und den saftig grünen Blättern. Vor einigen Tagen war sie noch durch Schnee gestapft, in einer grauen, kalten Welt. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, dass in Deutschland Winter herrschte, während sie hier schwitzte. Trotz des Wasserverlustes musste sie zur Toilette. Sie hielt Ausschau nach Hinweisschildern.
   »Musst du mal? Dahinten sind Toiletten«, sagte Shane wie durch Zauberei. Er wies auf ein Gebäude zu ihrer Rechten. »Gib mir am besten deinen Rucksack, der Boden da drin könnte nass sein.«
   Melli nahm den kleinen Rucksack ab und gab ihn Shane, bevor sie zu den Toiletten ging. Wie sich herausstellte, hatte er recht. Auf den Fliesen im Vorraum stand das Wasser zentimeterhoch. Melli biss die Zähne zusammen und watete hindurch. Hinter der Sperrholztür erwartete sie der nächste Schreck. Es gab keine europäische Kloschüssel. Stattdessen prangte ein ovales Loch auf einem gefliesten Podest. Ihr blieb keine Wahl, als sich auf das Experiment einzulassen und diese unbekannte Toilettenform auszuprobieren. Während sie halb stehend, halb hockend über dem Loch kauerte, fragte sie sich, wie alte und gebrechliche Leute das schafften. Vermutlich waren ihre Oberschenkelmuskeln durch jahrzehntelanges Training gestählt.
   Toilettenpapier gab es nicht. Ersatzweise ragte ein dünner Schlauch mit einer Spritzdüse aus der Wand. Nie im Leben würde sie den benutzen. Schaudernd patschte sie erneut durch das Wasser. Immerhin gab es im Vorraum ein Waschbecken zum Händewaschen. Im Spiegel darüber sah sie, dass ihre Nase rötlich glänzte. Höchste Zeit, mehr Sunblocker aufzutragen. Automatisch wollte sie den Rucksack von den Schultern gleiten lassen und den Stift herausholen, da fiel ihr ein, dass sie ihn Shane gegeben hatte. Es durchfuhr sie siedend heiß. In dem Rucksack waren ihre gesamten Wertsachen, vom Reisepass bis zur EC-Karte. Wie unentschuldbar dumm von ihr, ihn einem Mann, den sie nicht wirklich kannte, anzuvertrauen. Sie verschwendete keinen weiteren Gedanken an den Sonnenbrand, sondern rannte nach draußen.
   Das Herz hämmerte ihr gegen die Rippen. Von Shane keine Spur. Ihre Augen fingen von Tränen hilfloser Wut an zu brennen. Das musste ja so kommen. Nach kaum einem Tag in Thailand wurde sie bestohlen, weil sie eine leichtgläubige Idiotin war. Fassungslos blickte sie sich um. Überall Touristen, doch kein Shane. Moment, ein Richtung Pier gehender Mann kam ihr bekannt vor. Bevor er in der Menge untertauchte, erhaschte sie einen Blick auf schütteres Haar und ein ausgeleiertes T-Shirt. War das Logan, der seltsame Kumpel von Shane?
   »Melli!«
   Sie fuhr herum. Shane! Lächelnd kam er auf sie zu. Er hielt eine durchsichtige Plastiktüte mit orangefarbenen Schnitzen in der Hand. »Lust auf Mango? Die hat dir doch gestern so geschmeckt.«
   Vor Erleichterung fing sie an zu zittern. Shane war wieder da, und damit ihr Rucksack. Um zu verbergen, wie aufgewühlt sie war, suchte sie in dem Rucksack nach der kleinen Flasche Sagrotan, die sie immer dabei hatte, um sich nach Erlebnissen wie soeben auf der Toilette die Hände reinigen zu können. Mit bebenden Fingern verrieb sie eine Portion. Verspätet gesellte sich Scham zu der Erleichterung. Vorhin hatte sie sich noch über Shanes Gesellschaft gefreut, nur um ihn wenige Minuten später des Diebstahls zu verdächtigen.
    Er sah sie forschend an. Hatte er bemerkt, was in ihr vorging?
   »Melli, deine Nase sieht rot aus. Hast du Sonnenschutz dabei? Mit der Sonne hier ist nicht zu spaßen. Der Himmel mag bewölkt aussehen, aber das täuscht. Ehe man sich versieht, ist man verbrannt.«
   Erleichtert kramte sie den Sunblockstift aus dem Rucksack. Also hatte Shane doch nichts von ihren grundlosen und beleidigenden Befürchtungen mitbekommen.
   Er nahm ihr den Stift aus der Hand. »Lass mich das machen.« Er beugte sich vor und strich behutsam mit dem Stift über ihren Nasenrücken und ihre Wangen.
   Melli hielt den Atem an. Wie gebannt sah sie in sein Gesicht.
   Er zog die Brauen konzentriert zusammen. »Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.«
   Mellis Herz schlug heftig. Shanes Nähe verwandelte ihre Knie in Pudding. Keine Sekunde länger konnte sie das ertragen. Sie wich hastig zurück. Von der Abruptheit der Bewegung irritiert sah Shane sie an, den Stift noch in Höhe ihrer Nase.
   Ihr schoss glühende Hitze ins Gesicht. »Danke. Das dürfte reichen.«
    Er zuckte die Achseln und gab ihr den Stift zurück.
   War er sauer?
   Nein, er lächelte schon wieder.
   Melli zögerte. »Möchtest du auch was von dem Sunblocker?«
   Jetzt lachte er. »Nee, danke. Mir macht die Sonne nichts mehr aus, jedenfalls nicht mehr viel.«
   Das mochte stimmen, braun, wie er war.
   »Mir reicht es, wenn ich morgens Sonnenmilch verteile, das hält den ganzen Tag. Aber ein Stück Mango hätte ich gern.« Er beugte sich vor und riss auffordernd den Mund auf wie ein hungriges Vogeljunges.
   Melli kicherte. Mit dem Holzspießchen pickte sie eine Mangospalte aus der Tüte und schob sie ihm zwischen die Zähne.
   Sie schlenderten durch den Park Richtung Wat. Melli fand es lustig, Shane zu füttern. Es hatte etwas Vertrautes, beinahe, als wären sie ein Liebespaar. Obwohl sie das natürlich niemals sein würden, dazu waren sie viel zu unterschiedlich. Oder besser gesagt, Melli war zu spießig für einen Globetrotter wie Shane.
   Er zeigte auf die mit bunten Porzellanfliesen bedeckten Türme. »Die Türme nennt man Prangs. Auf den höchsten kann man rauf. Bist du schwindelfrei? Es ist ziemlich steil.«
   Melli nickte. Höhenangst war eine der wenigen Ängste, die sie nicht plagten. Glaubte sie zumindest, denn beim Anblick der langen, fast senkrecht nach oben führenden Treppe wurde ihr mulmig im Bauch. Unschlüssig sah sie hinauf. Sollte sie es wagen? Was, wenn sie sich nicht mehr hinuntertraute?
   »Ich bleibe dicht hinter dir. Es kann nichts passieren. Sieh nicht nach unten. Hier an dem Geländer kannst du dich hochziehen.« Seine beruhigende Stimme löste die Erstarrung.
   Beherzt fasste Melli das Geländer und begann mit dem Aufstieg. Schneller als gedacht war sie oben. Ein schmaler, zu ihrer Erleichterung mit hohen Brüstungen versehener Gang führte um die Spitze des Prangs. Die Aussicht war beeindruckend.
   Der Chao Praya wand sich wie ein graues Band zu ihren Füßen. Nicht weit entfernt ragten Wolkenkratzer in den blassblauen Himmel. Die Tempeltürme vor der Hochhauskulisse verliehen dem Blick einen besonderen Reiz. Alt und neu vereint, Tradition und Moderne in harmonischer Ergänzung. Von oben sah Melli, wie viel auf dem Fluss los war. Fähren tuckerten durch die Fluten. In ihrem Kielwasser schaukelten geschmückte Longtailboote im Wasser. Frachtschiffe schipperten in gemächlichem Tempo unbeirrt zwischen den quirligen Longtails. Trotz der Fülle unterschiedlicher Boote schien alles in geregelten Bahnen zu verlaufen.
   Sie sah dem regen Treiben zu und genoss die leichte Brise, die ihr wie ein zärtliches Streicheln durch das Haar fuhr. Shane stand neben ihr. Bestimmt hatte er das so oft gesehen, dass es ihn nicht mehr interessierte.
   Sie riss sich von der Flussszenerie los und warf ihm einen Seitenblick zu. »Ist das nicht total langweilig für dich? Du kennst das alles schon.«
   »Ja, aber jetzt sehe ich es mit deinen Augen.« Sein Blick blieb ernst, doch um seine Augen bildeten sich winzige Fältchen.
   Melli wandte sich rasch wieder dem Fluss zu. Ihr gefiel der Gedanke, dass auch Shane Freude an dem Ausflug empfand. »Mit meinen dummen Augen.« Sie wollte einen Scherz machen.
   »Unsinn. Die sind überhaupt nicht dumm, genauso wenig wie du. Du interessierst dich für alles und hast Spaß am Entdecken.« Er legte eine Hand über ihre auf der Brüstung ruhenden Finger.
   Es durchfuhr sie siedend heiß. Angestrengt starrte sie auf die Fliesen am gegenüberliegenden Prang. Wie von weither klang Shanes angenehm tiefe Stimme an ihr Ohr.
   »Jetzt, wo ich mit dir unterwegs bin, erinnere ich mich daran, wie es war, dies alles das erste Mal zu sehen. Du gibst mir den Zauber Bangkoks zurück, Melli.« Er drückte sanft ihre Finger. »Wenn du möchtest, kann ich dir noch ein Wat zeigen. Eines, das nicht so oft besucht wird wie Wat Arun und Wat Pho. Es ist nicht weit von hier. Aber zuerst essen wir zu Mittag.« Er zog die Hand weg und hinterließ ein Gefühl der Kälte auf ihrem Handrücken.
   Sie fühlte sich benommen von seinen Worten. Den Zauber Bangkoks spürte sie am eigenen Leib und war nicht sicher, ob ihr das gefiel. Sie versuchte, die Verwirrung zu überspielen. »Eigentlich habe ich keinen Hunger. Es ist doch viel zu heiß zum Essen.«
   »Gerade dann musst du essen. Was meinst du, wie viel Salz du ausschwitzt. Wasser trinken reicht nicht. Keine Sorge, wir nehmen kein opulentes Mahl zu uns, nur eine Kleinigkeit.«
   In einem Restaurant am Fluss fanden sie einen Tisch am Wasser. Es duftete so gut, dass Melli wider Erwarten Appetit verspürte. Sie ließ Shane bestellen und wurde nicht enttäuscht. Alles, was sie aus den mit unterschiedlichen Gerichten gefüllten Schälchen probierte, schmeckte hervorragend. Dazu gab es Reis. Sie hatte geglaubt, in Thailand würde mit Stäbchen gegessen.
   Shane erklärte ihr, dass die Thai Löffel und Gabel benutzten. »Diesen Teil der Stadt nennt man übrigens Thonburi. Auf dem Weg zum Wat kannst du gleich einige alte Häuser sehen. In den schmalen Gassen wirst du vergessen, dass du dich in einer Großstadt befindest.«
   Melli gefiel, wie seine Augen anfingen zu glänzen, wenn er von Bangkok erzählte. Ein Teil seiner Begeisterung übertrug sich auf sie. Allein hätte sie nicht gewagt, durch abseits gelegene Gassen zu stromern, aber mit ihm zusammen erschien es ihr wie ein verlockendes Abenteuer. Sie zog die Geldbörse aus dem Rucksack. »Diesmal bezahle ich.«
   Shane erhob keine Einwände. Das Essen kostete erstaunlich wenig. Als Melli die Börse wieder im Rucksack verstaute, stutzte sie. Da fehlte doch etwas. Der Hotelschlüssel. War er in eine Rucksackfalte gerutscht? Zunächst noch ruhig, dann immer hektischer, wühlte sie in den Habseligkeiten. Kein Schlüssel. »Mein Schlüssel ist weg.« Ihre Stimme klang fremd, rau und entfernt.
   »Bist du sicher? Pack am besten mal alles aus. Du kannst es hier auf den Tisch legen.« Shanes gelassener Tonfall beruhigte sie ein wenig.
   Trotzdem zitterten ihre Hände. Sie packte den Inhalt des Rucksacks auf die bunt lackierte Tischplatte und drehte ihn um. Er war leer, und der Schlüssel nicht da.
   »Er ist weg. Wie kann das sein? Ich bin mir sicher, dass ich ihn heute Morgen eingesteckt habe.«
   »Könnte er herausgefallen sein?«
   »Ich weiß nicht.« Melli war schlecht. Am liebsten hätte sie geweint.
   Shane setzte sich neben sie und zog sie an sich. »Hey, keine Sorge. Das ist ein Billighotel. Die machen schon keinen Ärger. Die geben dir einfach einen anderen Schlüssel.«
   Das beruhigte sie ganz und gar nicht. »Und wenn jemand ihn gefunden hat? Vielleicht räumt in diesem Moment ein Dieb das Zimmer aus.« Sie merkte, dass sie sich hysterisch anhörte, doch das war ihr egal. »Ich muss sofort zurück ins Hotel.«
   Auf der Rückfahrt über den Fluss versuchte Shane, sie mit witzigen Anekdoten seiner Reisen aufzuheitern, aber Melli hatte keinen Sinn dafür. Sie konnte nur an ihr Gepäck denken und musste sich Gewissheit verschaffen, dass es unbehelligt im Hotelzimmer lag. Da sie kein Wort sagte, schwieg schließlich auch Shane. Stumm stapften sie durch die Khao San Road. Je näher sie dem Hotel kamen, desto schneller ging Melli, bis sie sich nicht mehr beherrschen konnte und rannte.
   Außer Atem erreichte sie die schäbige Eingangshalle. Sie hielt sich nicht damit auf, mit dem Rezeptionisten zu sprechen, sondern lief sofort durch den Gang zu dem Zimmer.
   Schon aus einigen Schritten Entfernung sah sie, dass etwas nicht stimmte. Die Tür stand halb offen. Wie in einem Albtraum stieß sie sie ganz auf und blieb wie betäubt stehen.
   Das Zimmer war leer.
   Ihr Rucksack war fort.

*

Shane hatte Tränen und Gejammer erwartet. Melli überraschte ihn. Sie stand reglos da, schlug die Hände vor den Mund und flüsterte: »O nein.« Mehr nicht.
   Shane veränderte das Routineprogramm ein wenig. Dieses Mal ging er selbst mit zur Touristenpolizei und erledigte die Formalitäten für Melli. Pro forma bot er ihr großzügig an, ihr mit Geld auszuhelfen, was sie mit tonloser Stimme ablehnte. Das war das Einzige, was sie sagte.
   Als sie auf dem Weg zurück zum Hotel immer noch kein weiteres Wort gesprochen hatte, fing Shane an, sich Sorgen zu machen. Der Verlust des blöden Rucksacks traf sie härter als üblich. Er glaubte, schon alles erlebt zu haben: cholerische Wutanfälle, hysterische Weinkrämpfe, wüstes Gefluche. Alle hatten sich nach einer Weile beruhigt und Pläne zum Ersatz des Verlustes geschmiedet. Melli nicht. Sie sah aus wie erstarrt, als stünde sie unter Schock.
    Scheiße, es handelte sich nur um einen Haufen nutzloses Zeug. Schließlich war Melli nichts passiert, nur die Klamotten waren weg. Das konnte sie alles ersetzen, und das würde sie auch, wenn es nach Shane ging. Doch so, wie sie drauf war, konnte er nichts mit ihr anfangen. Er musste sie irgendwie aus der Erstarrung holen. Mit leerem Blick trottete sie neben ihm her. Ihre Hand fühlte sich kühl und feucht an. Shane unterdrückte einen Fluch. Vielleicht sollte er ihr Mekong-Whisky einflößen, um ihre Lebensgeister zu wecken?
   Der Anblick des Billighotels brachte sie zumindest dazu, stehen zu bleiben und an seiner Hand zu zerren. Ihr Gesicht hatte die Farbe geronnener Milch angenommen und in ihrem Blick stand Panik. Sie schüttelte heftig den Kopf.
   Shane verstand. Sie wollte auf keinen Fall in das Hotel zurück. Gut. Ihm war morgens aufgefallen, wie sehnsüchtig sie das schicke Hotel am Fluss angesehen hatte. Er machte kehrt und zog Melli hinter sich her wie ein störrisches Maultier. Nach den ersten schleppenden Schritten folgte sie ihm bereitwillig. Sie entfernten sich ja auch von dem Ort des Schreckens. Die Khao San Road füllte sich allmählich mit Touristen auf Quartiersuche. Shane hoffte, dass in dem schönen Hotel ein Zimmer frei war. Noch mehr hoffte er, dass die angenehme Umgebung Melli aus ihrer unnatürlichen Ruhe zu reißen vermochte.
   »Wohin gehen wir?«, murmelte sie auf halbem Weg.
   Shane zwang sich, seiner Stimme einen aufmunternden Klang zu geben. »Überraschung!« Er erwartete keine Begeisterung und bekam auch keine. Unwillkürlich verglich er das stumme Wrack neben sich mit der lebenslustigen Frau, die begeistert Fotos im Wat Po gemacht hatte. Dass es ihr jetzt so schlecht ging, war seine Schuld. Er wünschte, diese ganze beschissene Sache wäre vorbei. Diesmal machte es ihm nicht nur keine Freude, er spürte körperlichen Widerwillen. Früher war er gegen Skrupel immun gewesen. Anfangs hatte es ihm sogar Spaß gemacht, ihm den gewissen Kick gegeben, bis es schließlich langweilig wurde. Vom Abenteuer zur bloßen Routine. Langweilig war es diesmal nicht.
   Er schluckte den bitteren Geschmack im Mund hinunter. Dieses Mal würde das letzte Mal sein, das schwor er bei den Füßen des goldenen Buddha. War das überhaupt erlaubt, auf einen Buddha zu schwören? Verrückte Gedanken, die ihn nur davon ablenken sollten, worüber er nicht nachgrübeln wollte. Melli.
   Sie erreichten das Hotel. Shane beobachtete Melli. Sie ließ kein Zeichen des Erkennens sehen. Das Hotel sah von der Straße aus anders aus als von der Flusspromenade. Vermutlich fiel ihr nicht auf, dass sie das Hotel, das sie morgens bewundert hatte, betraten. Wie lange schien das her zu sein? Da hätte es noch ein Zurück gegeben, doch nun … Quatsch. Es gab kein Zurück. Er musste das jetzt durchziehen.
   Die Eingangshalle unterschied sich von der des Billighotels wie ein Schmetterling von einer Kakerlake. Die flüsterleise Klimaanlage kühlte die Luft auf angenehme Temperaturen. Musik säuselte aus unsichtbaren Lautsprechern. An den Wänden hingen abstrakte Gemälde, die mit der Wandbemalung harmonierten. Hinter der polierten Theke der Rezeption standen zwei hübsche Thailänderinnen in roten Uniformen. Trotz Mellis derangiertem Aussehen behielten sie das professionelle Lächeln. Shane fragte nach einem Balkonzimmer. Wenn schon, denn schon. War ja nicht seine Kohle. Das Glück war ihm hold, es gab ein freies Zimmer für zwei Nächte.
   Im Fahrstuhl kam endlich Leben in Melli. Sie sah sich um, als erwachte sie aus einem Albtraum. »Wo sind wir?«
   »In einem anderen Hotel. Das ist meine Überraschung. Warte ab.«
   Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu. Ahnte sie etwas? Das durfte nicht passieren. Wenn sie Verdacht schöpfte, war alles umsonst gewesen. Shane schenkte ihr sein vertrauenswürdigstes Lächeln. Noch vor wenigen Stunden hätte sie es erwidert. Shane mochte ihr Lächeln, zaghaft aufflackernd, dann strahlend. Es erhellte ihr Gesicht und verwandelte sie von einem durchschnittlich hübschen Mädchen in eine umwerfende Schönheit. Wie viele Herzen sie mit diesem Lächeln wohl schon gebrochen hatte? Jetzt blieb ihr Gesicht ernst, ihre Mundwinkel nach unten gebogen. Sie zog die Brauen so fest zusammen, dass sie sich beinahe auf der Nasenwurzel trafen. Die Lippen hatte sie zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Es hing an Shane, den küssenswerten Mund wieder zum Lächeln zu bringen. Moment, küssenswert?
    Die Fahrstuhltüren glitten lautlos auseinander. Shane ging vor zu der Tür mit der Nummer, die ihm die Rezeptionistin genannt hatte. Statt eines profanen Schlüssels gab es eine Plastikkarte. Er steckte sie in den dafür vorgesehen Schlitz, wartete auf grünes Licht und ließ Melli den Vortritt.
    Sie stieß zwar keine Jubelschreie aus, was er auch nicht ernsthaft erwartet hatte, ging aber langsam durch das Zimmer bis zu den deckenhohen Glastüren an der Stirnseite. Sie hob die Hand und schob den Vorhang zur Seite. Mit dem Rücken zu ihm stand sie reglos da.
   Shane trat neben sie. Der Blick auf den Chao Praya war den Zimmerpreis mehr als wert. Vom Pier hinter dem mit blauen Lichterketten geschmückten Hotelrestaurant legte eine Fähre mit orangefarbener Flagge ab. Das Schrillen der Trillerpfeife drang bis ins Zimmer. Melli sah mit großen Augen hinaus. Ihr Gesicht zeigte keine Gefühlregung, doch ihre Mundwinkel zuckten leicht. Shane gab ihr Zeit.
   Er inspizierte das mit viel Holz edel eingerichtete Zimmer. Am meisten faszinierte ihn das Bad. Ein Mauerdurchbruch ermöglichte aus der Dusche einen Blick quer durch das Schlafzimmer durch die Balkontüren auf den Fluss. Wahnsinn. Außerdem konnte man natürlich umgekehrt aus dem Schlafzimmer ins Bad sehen. Shane konnte sich einige reizvolle Möglichkeiten vorstellen, diese Tatsache zu nutzen. Er nahm zwei Bier aus der Minibar und stellte sich wieder neben Melli. »Gefällt es dir?«
   Sie wandte den Kopf und sah ihn an. Ihre Augen glänzten feucht, an ihrem Kinn zitterte eine Träne. »Ich will nach Hause«, flüsterte sie. »Ich hätte nicht herkommen sollen.«
   Er öffnete die Balkontür. »Ich kann verstehen, dass du das jetzt denkst.« Eine glatte Lüge. Warum warf der läppische Verlust eines Rucksacks Melli derart aus der Bahn? Es war ja nicht so, dass ihre Wertsachen gestohlen worden waren, die trug sie doch im Tagesrucksack mit sich herum. In dem großen Rucksack konnte nur ersetzbarer Kram gewesen sein. Aber Shane musste seine Rolle spielen.
   »Wir kümmern uns morgen darum, okay? Jetzt ruhst du dich erst mal aus. Sieh mal, die Sonne geht unter. Diesmal passend zum Sunset-Drink.« Er ging an Melli vorbei auf den Balkon und setzte sich in einen der Plastikstühle. Auffordernd streckte er ihr die Bierflasche entgegen. Einen Augenblick zögerte Melli, dann setzte sie sich in den anderen Stuhl und nahm die Flasche an. Shane prostete ihr zu, schweigend. Ihm fiel bei bestem Willen kein Trinkspruch ein, der nicht sarkastisch geklungen hätte. Das eisgekühlte Bier floss erfrischend durch die Kehle.
   Melli trank nicht sofort, sie drehte die beschlagene Flasche zwischen den Händen. Den Kopf hielt sie gesenkt, sodass die langen Haare ihr Gesicht verdeckten. »Shane …« Ihre Stimme zitterte leicht. »Vielen Dank. Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde.«
   Er brummte unbestimmt, trank einen großen Schluck, ohne etwas zu schmecken. Er war ein Mistkerl. Nichts Neues also, nur dass es ihm plötzlich etwas ausmachte.

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