Sarah Langner hat sich vor Jahren in eine Situation verrannt, deren Aussichtslosigkeit ihr erst jetzt nach und nach bewusst wird. Doch ihr Schicksal ist nicht das Einzige, das sich maßgeblich verändern würde, sollte sie einen Ausbruch wagen. Sie kann nichts tun, um einen geliebten Menschen nicht zu verletzen. Doch dann begegnet ihr Julian Kersten, ein Mann, der schon einmal ihre Gefühlswelt beinahe auf den Kopf gestellt hätte. Sarah entscheidet sich für Flucht - so, wie sie auch beim ersten Mal der Gefahr entronnen ist, auch wenn die Gründe anderer Natur waren. Nur dieses Mal lässt Julian sie die Rechnung nicht ohne ihn machen.

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Evanne Frost

Evanne Frost
Evanne Frost wurde 1964 in Nordrhein-Westfalen geboren. Nach der Fachoberschulreife jobbte sie zunächst für zwei Jahre als Redaktionsassistentin bei einer Wochenzeitung. Später absolvierte sie eine Ausbildung als Datenverarbeitungskauffrau und arbeitete viele Jahre als Programmiererin, Werbekauffrau und Web-Designerin. Bevor sie mit dem Schreiben anfing, war sie zuletzt in leitender Stellung als Ausbilderin für Fachinformatiker tätig. Ende 2006 wanderte sie mit ihrer Familie in die Republik Zypern aus. Sie lebt und arbeitet mit ihrem Mann, zwei Katzen und einem Hund in einem kleinen Bergdorf.

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Leseprobe

Prolog
Köln, August 2004

"Warum tust du mir das an?" Julian stöhnte.
   Sarah schmiegte ihren Kopf dichter an ihn, fuhr mit der Zunge die zarte, weiche Haut entlang, bis sie sein Zucken spürte, als sie seine empfindlichste Stelle gefunden hatte. Sie bewegte die Zungenspitze in klitzekleinen Kreisen, stieß und tupfte, saugte sich an seiner Haut fest, spürte die Schauder, die ihn durchliefen. Er wand sich, presste sich ihr entgegen. Sie hauchte ihren Atem auf seine feuchte Haut, begann, sanft zu knabbern und sog sein Ohrläppchen tiefer zwischen ihre Lippen.
   "Du kleine … Hexe", brachte er atemlos hervor.
   Sie kicherte und entwand sich seinem Griff, bevor er sie fester an sich ziehen konnte. "Du warst es doch, der eine Kostprobe wollte." Sie ging unbeeindruckt von seinem entsetzten Aufkeuchen zur Tür und verkniff sich ein Lächeln.
   "Ich … na, warte!"
   Sarah hatte die Garderobe bereits verlassen und lief mit schnellen Schritten in Richtung Ausgang. Morgen würden sie ihr Stück aufführen und Julian hatte gemeint, sie würden Romeo und Julia nicht glaubhaft spielen können, wenn sie sich nicht vorher wenigstens ein bisschen näherkämen. Immerhin sei er als Ersatzmann für ihren erkrankten Partner nicht lange genug vorbereitet und habe nur zwei Proben mitmachen können. Natürlich hatte sie seine wahren Absichten durchschaut. Julian versuchte schon länger, einen Flirt mit ihr zu beginnen, aber bisher hatte sie ihn wie jeden anderen auf Distanz gehalten. Nur dieses Mal hatte ihr der Schalk im Nacken gesessen. Sie musste schon wieder kichern.
   Die Tür des Theaters fiel hinter ihr zu und wurde gleich darauf wieder aufgerissen.
   "Sarah, bitte warte."
   Sie hielt bereits ihren Autoschlüssel in der Hand und trabte zielstrebig weiter auf den Parkplatz zu. Julian war ein Netter, wirklich. Aber sie hatte bereits einen Freund, auch, wenn ihr das mittlerweile fast niemand mehr glaubte. Seit sie von Hamburg nach Köln gezogen war und sich ihr Freundes- und Bekanntenkreis allmählich änderte, gab es kaum noch jemanden, der bezeugen würde, dass Mileno und sie ein unzertrennliches Paar waren. Beinahe verlor sie selbst den Glauben daran, denn seit Beginn seines Einsatzes in Afghanistan hatten sie nur wenige Male miteinander telefoniert und sich Briefe geschrieben. Seit über vierzehn Monaten.
   Sarah rutschte auf den Fahrersitz und zog gerade die Tür zu, da holte Julian sie ein. Sie ließ die Scheibe hinunter und sah zu ihm auf.
   "Magst du noch mit in den Biergarten kommen? Ich … wir könnten anschließend noch etwas Leckeres essen gehen."
   "Ein andermal", vertröstete sie ihn. Mist! Warum brachte sie es nicht fertig, ihm einen unmissverständlichen Korb zu geben? Hatte die Generalprobe sie so sehr geschlaucht, dass sich nicht nur ihre Glieder wie gelähmt anfühlten, sondern auch ihre Zunge in Mitleidenschaft gezogen war? Oder war es sein Blick aus diesen himmelblauen Augen, der ihren Widerstand einfach dahinschmelzen ließ? "Nein, wirklich nicht, Julian." Sie fasste sich ein Herz. "Ich bin vergeben", sagte sie und zwinkerte ihm zu.
   Er spielte den Empörten und verzog das Gesicht zu einer süßen Grimasse, die ihr ein Lächeln entlockte. "Also wirklich, du glaubst doch nicht, ich wollte versuchen, dich einem anderen auszuspannen?" Er bückte sich und lehnte sich mit den Unterarmen auf den Fensterrahmen. "Ich bin ein anständiges Ferkel." Seine weißen Zähne blitzten auf.
   Sarah wollte etwas erwidern, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen.
   "Nein, Spaß beiseite. Alles nur freundschaftlich, okay?"
   Sie schüttelte den Kopf. "Heute nicht. Meine Mama ist zu Besuch und wartet mit dem Essen auf mich." Es war einfach unmöglich, diesem Womanizer nochmals deutlich zu machen, dass sie auch beim nächsten Mal Nein sagen würde. Immerhin zog er sich zurück, ohne weiter auf sie einzudrängen. Anständige Kerle wussten, wann sie verloren hatten.
   "Okay. Dann sehen wir uns morgen." Er trat einen Schritt von ihrem Wagen zurück. "Schönen Abend."
   Sarah sah ihm noch einen Moment hinterher. Ein gut gebauter Kerl, das musste sie immerhin zugeben. Breite Schultern, schmale Hüften, dazu sein immerzu wirr aussehendes dunkles Haar, das stets eine vorwitzige Strähne in seine Stirn warf. Himmelblaue Augen, hatte sie das schon erwähnt? Seine Größe war auch nicht von schlechten Eltern. Er musste an die einsneunzig groß sein, denn er überragte sie um fast eine Kopflänge.
   Gäbe es nicht Mileno, hätte sie Julian bestimmt eine Chance gegeben. Oder in einem anderen Leben.
   Sarah startete den Wagen und nahm die Parkplatzausfahrt in Richtung Schnellstraße, obwohl sie in die falsche Richtung führte, weil sie nur links abbiegen durfte. Über die andere Ausfahrt hätte sie noch einmal an Julian vorbeifahren müssen, und das behagte ihr aus unerfindlichem Grund nicht. Vielleicht, weil sie sich nicht von seinem Blick verfolgt fühlen wollte. Ein Blick, der Eisberge zum Schmelzen bringen konnte … ein Blick, den sie nur zu gern öfter auf sich spüren würde, nur von dem richtigen Mann.
   Ihr Innerstes zog sich wie so oft bei den Gedanken an Mileno zusammen. Sie vermisste ihn schmerzhaft. Mittlerweile lag sie abends im Bett und betrachtete Fotos von ihm, weil das Gefühl, sich sein Gesicht nicht mehr vorstellen zu können, sie verrückt zu machen drohte. Morgens, wenn sie zur Arbeit ging, schloss sie vor dem Badezimmerspiegel die Augen, rief sich seinen Anblick hervor und öffnete blitzschnell die Lider, um für einen winzigen, herrlichen Moment das Gefühl zu haben, nicht ihr eigenes, sondern sein Gesicht würde ihr entgegenblicken. Hitze schoss ihr in die Wangen, als sie daran dachte, dass sie sogar schon den Mund an das Glas gelegt und sich vorgestellt hatte, seine vom Fahrtwind eines gemeinsamen Motorradausflugs kühlen Lippen legten sich auf ihre.
   "Verrückt", murmelte sie vor sich hin. Sie musste wirklich verrückt sein.

Kapitel 1
Köln, Oktober 2014

Charlotte griff nach dem Telefonhörer und versuchte zum wiederholten Mal, Andrea oder Julian Kersten an den Apparat zu bekommen. Chef und Chefin hatten offensichtlich den Termin der Steuerprüfung vergessen, verdrängt, was auch immer. Und sie saß nun hier und versuchte, den durchdringenden Blicken des Prüfers und seiner Begleiterin auszuweichen. Die Mienen ließen nichts Gutes erahnen.
   Je weiter die Launen der beiden sanken, desto schlimmer würde es werden. Zwar glaubte sie nicht, dass in den Büchern auch nur eine Unstimmigkeit auftauchte, aber man wusste ja nie, welche Beanstandungen die Damen und Herren vom Finanzamt so aus den Ärmeln schüttelten.
   Langsam ließ sie ihre Hand mit dem Telefonhörer sinken. Sie schüttelte den Kopf. "Es tut mir leid, ich kann weder Herrn noch Frau Kersten erreichen."
   "Wann erscheinen sie üblicherweise im Büro?"
   Charlotte stand auf und legte ihre Hände auf den Tresen, der wie eine Schutzmauer zwischen ihr und den beiden Besuchern stand. Trotzdem fühlte sie sich wohler, den Herrschaften Auge in Auge gegenüberzustehen, als vom Schreibtisch aus zu ihnen aufzublicken. "Frau Kersten ist täglich ab neun Uhr im Büro. Sie verspätet sich selten, es sei denn, sie ist krank." Was sie nicht hoffen wollte. Allein würde Charlotte die Prüfung nicht abwickeln können.
   "Und was ist mit Ihrem Chef?" Die Frau, die sich als Sarah Langner vorgestellt hatte, warf einen demonstrativen Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk.
   "Herr Kersten ist häufig auf mehrwöchiger Geschäftsreise. Wenn er in Köln ist, kommt er ebenfalls täglich um neun ins Büro."
   "Und zurzeit ist er unterwegs?", hakte Sarah Langner nach.
   "Nein. Er ist am Freitag aus Toronto zurückgekehrt."
   Wieder warf die Blondine einen Blick auf ihre Uhr. "Dann sollte er den Jetlag übers Wochenende überwunden haben."
   Charlotte fiel nichts ein, was sie noch hätte sagen können. Sie drehte sich halb um und griff erneut zum Telefonhörer, ließ erst auf Frau Kerstens Handy, anschließend bei Julian Kersten so lange klingeln, bis die Verbindung mit dem Hinweis abbrach, der Teilnehmer sei nicht erreichbar. Na, danke für die Information. Ihre Laune sank in ähnlichem Tempo wie die der Steuerprüfer.
   Der Mann, seinen Namen hatte Charlotte vergessen, ergriff das Wort. "Wir haben lange genug gewartet. Richten Sie Herrn und Frau Kersten bitte aus, dass …" Er verstummte in dem Moment, als sich die Bürotür öffnete.
   Julian Kersten betrat schwungvoll den Empfangsbereich. "Guten Morgen, Charly", grüßte er gut gelaunt und mit einem charmanten Lächeln, das verführerische Grübchen auf seine Wangen zauberte. Er wandte sich an die Besucher. "Bitte entschuldigen Sie die Verspätung." Er streckte Sarah Langner seine Rechte entgegen. Forsch und spontan, energiegeladen wie immer, doch Charlotte bemerkte, wie sich sein Elan bremste, als wäre er schockgefrostet. Ein Schatten huschte über sein Gesicht, doch Julian fasste sich, als die Blonde seinen Händedruck mit einem gemurmelten "Herr Kersten" erwiderte und Julian gezwungen war, den Steuerprüfer zu begrüßen.
   "Marcus Anhalter. Ist es recht, wenn wir zügig beginnen, um die verlorene Zeit aufzuholen?"
   "Selbstverständlich", erwiderte Julian, und Charlotte bemerkte das kurze Schwanken seiner Stimme. Irgendetwas stimmte da nicht. Kannten sich Julian Kersten und Sarah Langner?
   Sie sah ihnen hinterher, wie die drei im Besprechungsraum verschwanden, und bedauerte, dass sie die Gesichter nicht studieren konnte.
   An der Tür drehte sich Julian noch einmal um. Er hatte sich gut im Griff, denn seine Miene wirkte unbeteiligt. Er lächelte sogar wie immer. Dennoch! Irgendetwas war im Busch, das spürte sie wie das Kribbeln ihrer Blinddarmnarbe bei nahendem Gewitter.
   "Charly, Andrea hatte eine Panne. Ich habe ihren Wagen zur Werkstatt abgeschleppt und der Meister meinte, sie könne auf die Reparatur warten. Ich schätze, sie wird in spätestens einer Stunde hier sein."
   Charlotte nickte. "Okay, dann weiß ich Bescheid."
   Die Tür schloss sich hinter seinem breiten Rücken, doch schon Sekunden später erschallte der interne Telefonruf.
   "Ja, bitte?"
   "Einmal Kaffee ohne Zucker, nur mit Milch, einmal Wasser und hätten Sie einen Orangensaft für mich, bitte?"
   "Selbstverständlich, Herr Kersten." Charlotte legte auf und ging in die kleine Betriebsküche. Während ihre Chefin nur Wasser trank, füllte sich der Kühlschrank während der Zeiten, in denen Julian Kersten anwesend war, hauptsächlich mit Orangensaft. Noch nie hatte sie ihn etwas anderes trinken sehen und glaubte manches Mal, dass der Mann noch mal einen Vitamin C-Koller bekommen würde. In zu hoher Dosis konnte Vitamin C Nierensteine verursachen - oder schlechte Zähne. Davon zumindest war Julian Kersten weit entfernt. Sie beneidete ihn um sein strahlendes Gebiss, auf das so mancher eine fette Wette verloren hätte, wäre er der Ansicht, das wunderschöne Weiß könne nur von diesen neumodischen Bleachings stammen. Julian Kersten war kein Typ, der seinem Aussehen auf irgendeine künstliche Art und Weise nachhalf. Soweit sie wusste, besuchte er nicht einmal ein Fitnessstudio, und dennoch spielten seine Muskeln verführerisch unter seinen Hemden, selbst die Sakkos, die er meistens trug, verbargen nicht die anmutige Eleganz seiner kraftstrotzenden Bewegungen. Hach, wäre sie noch einmal zwanzig Jahre jünger und ungebunden … sie lächelte in sich hinein. Einen Julian Kersten würde sie garantiert nicht von der Bettkante schubsen.
   Charlotte nahm sich ein frisches Geschirrtuch, polierte einen Wasserfleck vom Glas und stellte zwei Flaschen auf das Tablett. Mit und ohne Kohlensäure, je nachdem, was die Blonde haben wollte. Zumindest tippte sie darauf, dass der Herr Steuerprüfer den Kaffee bekam und Sarah Langner das Wasser.
   Sie balancierte das Tablett mit der linken Hand und klopfte mit der Rechten an die Tür des Besprechungszimmers.
   "Kommen Sie nur herein, Charly."
   Charlotte trat an den Tisch und wartete, bis sowohl Herr Anhalter als auch Frau Langner einige der vor ihnen gestapelten Papiere zur Seite geschoben hatten, sodass Charly die Getränke abstellen konnte. Sie griff nach dem Keramikbecher. "Kaffee?"
   "Für mich", meldete sich Sarah Langner, ohne den Blick von der Liste zu nehmen, auf der sie langsam mit einem Bleistift entlangfuhr.
   "Oh, natürlich." Charlotte stellte den Becher wieder ab und bediente den Steuerprüfer mit dem Wasser. Anschließend ging sie um den Tisch herum und servierte den Kaffee und den Orangensaft. "Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?"
   "Im Moment nicht. Danke, Charly." Julian Kersten wirkte so gelassen wie immer.
   Nun, vielleicht hatte sie sich getäuscht. Es war jedenfalls nichts davon zu bemerken, dass ihm Minuten zuvor ein Gespenst begegnet sein könnte. Und es lag auch keine sprichwörtliche Elektrizität in der Luft, die zu der Annahme verleitete, irgendetwas Ungewöhnliches könnte der Fall sein.
   Charlotte zog sich zurück und schloss die Tür leise hinter sich.
   Sie merkte erst wieder auf, als Andrea Kersten den Empfangsbereich betrat.
   "Sie sind im Besprechungszimmer", antwortete Charlotte auf die Frage ihrer Chefin nach den Steuerprüfern.
   "Oh, zum Glück. Ich hatte schon befürchtet, sie brechen alles ab und wir bekommen Ärger."
   Den Anflug eines winzigen Vorwurfs konnte Charlotte nicht unterdrücken. "Sie hätten kurz telefonisch Bescheid geben können." Sie kannte Andrea Kersten bereits viele Jahre lang und ihre Zusammenarbeit war vertrauensvoll und harmonisch genug, dass sie es sich erlauben durfte, die Chefin maßvoll zu kritisieren.
   "Ja", sagte Andrea, "das stimmt. Aber Julian hat mal wieder sein Handy zu Hause liegen gelassen und mein Akku ist leer, weil ich gestern Abend vergessen habe, es ans Ladegerät zu hängen. In der Werkstatt klingelte pausenlos das Telefon und Julian meinte, er sei schneller im Büro als zu warten, bis die Sekretärin es schaffen würde, den Klebstoff von ihrem Ohr zu lösen."
   Charlotte grinste. "So sind wir Sekretärinnen." Allerdings hätte sie einem charmanten Kunden wie Julian Kersten jederzeit gern den Hörer gegeben, um anschließend davon zu träumen, dass seine Haut nicht das Plastik, sondern ihre Wange berührt hätte.
   Herrje, sie dachte wie ein Backfisch und nicht wie eine gestandene Frau in gesetztem Alter.
   Julian Kersten war aber auch ein Bild von einem Mann, der Frauenherzen vom Teenager bis zur Großmutter brechen konnte, indem er nur mit einer Wimper zuckte.
   Andrea Kersten stopfte ihre Handtasche hinter den Tresen und hängte ihre Jacke an die Garderobe. "Na, dann will ich mal …", murmelte sie und ging in das Besprechungszimmer.

Gegen Mittag öffnete sich die Tür äußerst schwungvoll und Sarah Langner stürmte aus dem Raum. Charlottes Blick fiel auf Andrea und den Steuerprüfer, die am Fenster standen und offenbar aufgeschreckt durch Langners Heftigkeit ihre Unterhaltung unterbrochen hatten. Andrea schüttelte leise den Kopf und wandte sich wieder dem Prüfer zu. Julian Kersten saß am Kopfende des Tisches und starrte noch immer dem längst entschwundenen Rücken hinterher.
   Hatte sie es doch gewusst! Irgendetwas lief dort, nur scheinbar nicht so, wie Julian Kersten es sich wohl wünschte. Oh, ja, sie hatte ein paar Frauengeschichten von ihm mitbekommen, obwohl er sich stets sehr dezent verhielt. In den vergangenen zehn Jahren mochte es eine Handvoll gewesen sein - zumindest die, von denen sie wusste. Von Anfang an hatte sie keine der Kandidatinnen als dauerhafte Partnerinnen in Betracht gezogen. Vielleicht lag es daran, dass die Frauen immer mehr Aufmerksamkeit forderten, als Julian Kersten ihnen schon von Berufs wegen geben konnte. Oder wollte, denn sie glaubte, dass er sich mit seinem Junggesellendasein mehr als wohlfühlte. Er war ja auch erst zweiunddreißig, was sollte er sich da schon fest binden? Seine zwei Jahre jüngere Schwester Andrea wechselte zwar die Freunde nicht so häufig, aber sie lebte auch noch allein und machte keine Anstalten, dem Werben ihres Partners nachzugeben, mit dem sie nun schon seit drei Jahren zusammen war. Nicht einmal eine gemeinsame Wohnung zog sie in Betracht. Zu Anfang hatte Charlotte nur innerlich den Kopf geschüttelt, doch je mehr sie sich vorstellte, selbst noch einmal in dem Alter zu sein, desto sympathischer wurde ihr die Lebensweise der jungen Leute. Jedenfalls gehörten Andrea und Julian Kersten garantiert nicht zu denen, die dafür sorgen würden, dass sich die Scheidungsquote deutscher Paare noch weiter steigerte.
   "Charly?"
   Sie schrak aus ihren Gedanken. "Ja, Chef?"
   "Sagen Sie bitte meinen Termin mit Herrn Krondorfer ab und verschieben Sie ihn am besten auf nächste Woche. Ich bin heute Nachmittag nicht mehr im Büro." Er schnappte sich sein Sakko und schlüpfte hinein.
   "Ja, Chef." Charlotte wartete einige kostbare Sekunden, ehe sie die Zifferntasten am Telefon bediente, und gönnte sich den Anblick seiner kraftvollen Statur, des breiten Kreuzes unter dem maßgeschneiderten Sakko, und … des knackigen Hinterns in der Edeljeans.

*

Julian trat auf den Bürgersteig vor dem Bürogebäude und sah sich in alle Richtungen um. Sarah war längst verschwunden. Im ersten Augenblick hatte er sie nicht erkannt, aber als sich ihre Blicke trafen, glaubte er, einen Schlag zu bekommen. Kein Zweifel. Sie war es. Seine Julia.
   Seit dem Tag der Aufführung hatte er sie nie mehr zu Gesicht bekommen. Ihr gemeinsamer Auftritt in der Laiendarstellergruppe war ein beeindruckender Erfolg gewesen. Gott, wie lange war das her? Konnten es tatsächlich schon zehn Jahre sein? Ja, erinnerte er sich. Vor neun Jahren war sein Vater gestorben, der nur wenige Monate zuvor noch mit ihm gemeinsam den Erfolg des Schauspielstücks mit einem Bier begossen hatte. Und dann der Schlaganfall. Von einem Moment auf den anderen war das Leben vorbei. Mit gerade einmal neunundvierzig. Andrea und Julian hatten Hals über Kopf den KFZ-Import- und Exportbetrieb übernehmen müssen, was Julian zum Glück nicht daran gehindert hatte, seinem eigentlichen Beruf weiterhin nachzugehen. Im Gegenteil. Seit Jahren nutzte er die Gelegenheit, den Betrieb und die damit verbundenen Geschäftsreisen als Grund seiner Abwesenheit bei Freunden vorzugeben, denn seine Einsätze beim BSI unterlagen strengsten Sicherheits- und Geheimhaltungsvorschriften. Nicht einmal Andrea erfuhr jemals Näheres, obwohl sie wusste, dass er seit dem Ende seiner Ausbildung für eine Dienststelle des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik arbeitete.
   Noch einmal blickte er von rechts nach links und kontrollierte auch die Gesichter in den wenigen vorbeifahrenden Autos. Sarah war nicht darunter.
   Sie hatte ihm keine Gelegenheit gegeben, ein privates Wort an sie zu richten, obwohl er sich erhofft hatte, dass sie das Büro erst nach ihrem Kollegen verlassen würde, der sich - ganz entgegen der ersten Befürchtung - als sehr umgänglich erwiesen hatte, zumindest im Gespräch mit Andrea. Also hatte er seiner Schwester das Feld überlassen und Sarahs wenige wortkarge Fragen beantwortet, die sie ihm gestellt hatte, ohne auch nur ein Mal den Kopf zu heben.
   Ihr blondes Haar trug sie zu einem strengen Knoten am Hinterkopf gebunden, klassisch und businesslike. Die Frisur passte zu ihrem eleganten taubengrauen Kostüm aus einem feinen, seidig wirkenden Stoff. Sie hatte sich verändert, was er ihr wohl niemals sagen würde. Dennoch sah sie immer noch mehr als verführerisch aus, vielleicht sogar noch viel mehr als früher. Ihr jugendlich kecker Auftritt war einer melancholischen Ausstrahlung gewichen, verbunden mit einer beinahe feindseligen Zurückhaltung, die nicht mehr dem ehrenhaften "Ich-bin-Vergeben"-Zwinkern entsprach, aber ihn umso mehr aus der Reserve lockte. Welches Schicksal hatte Sarah erfahren? Warum hatte sie ihm kein einziges persönliches Wort gegönnt? Er war sicher, dass auch sie ihn erkannt hatte. Oder doch nicht? Hatte er sich ihr erschrecktes Zusammenzucken nur eingebildet, als sich ihre Hände berührten?
   Nachdenklich ging er zu seinem SUV, dessen Zentralverriegelung sich öffnete, als er dem Wagen auf wenige Schritte nahe kam. Er schob sich hinter das Steuer.
   Für einen Moment durchzuckte ihn der Gedanke, auf der Stelle über den Bordcomputer ins Internet zu gehen, um mit der Suche nach Informationen über Sarah Langner zu beginnen, doch dann beherrschte er sich. Der Computer in seinem Apartment war deutlich schneller, komfortabler und bot ihm über seine diversen Zugänge ganz andere Recherchemöglichkeiten. Legal, verstand sich, etwas anderes würde er niemals in Erwägung ziehen und wenn es ihn noch so sehr in den Fingern kribbelte.
   Zu Hause ging er an den Kühlschrank und goss sich ein großes Glas frisch gepressten Orangensaft ein, den seine Haushaltshilfe ihm jeden Morgen zubereitete. Er ließ sich aus dem Eisspender in der Kühlschranktür ein paar Würfel in die hohle Hand fallen und gab einige in das Glas. Einen behielt er in der Hand und rieb sich damit über die Stirn.
   Auf dem Weg in sein Arbeitszimmer trank er das Glas zur Hälfte leer und spürte dem Energieschub in seinem Körper nach. Vergebens. Stattdessen fühlte er nur ein drängendes Verlangen. Er musste mehr über Sarah herausfinden.
   Die Google-Suche brachte keine Ergebnisse. Null. Sarah Langner hatte offenbar noch nie eine Spur im Internet hinterlassen, niemals einen Eintrag unter ihrem Realnamen in irgendeinem Forum gepostet und war bei Facebook ebenfalls nicht auffindbar. Er versuchte es bei Twitter, erfolglos. Über das Onlinetelefonbuch kam er auch nicht weiter. Auch andere Portale lieferten immer das gleiche, niederschmetternde Ergebnis: Leider ergab Ihre Suche keine Treffer.
   Seine Hand zuckte in Richtung des privaten Handys, das er heute früh auf dem Schreibtisch hatte liegen lassen. Sein Dienstgerät trug er stets bei sich, es schien wie mit seinem Körper verschweißt, doch das baugleiche private Modell lag meistens irgendwo herum, wo er nicht war. Es klingelte im Schlafzimmer, während er dem Gurgeln der Kaffeemaschine lauschte, es meldete sich vom Schreibtisch seines Arbeitszimmers, während er sich im Bad die Zähne putzte, oder es lag auf dem Wohnzimmertisch und er saß in der Firma. Trug er tatsächlich einmal beide Geräte bei sich, stellte er das dienstliche grundsätzlich auf Vibrationsalarm, sodass er eingehende Anrufe unterscheiden konnte. Bisher war es nur ein Mal vorgekommen, dass er alles hatte stehen und liegen lassen müssen. Von einer Weihnachtsfeier aus war er geradewegs mit einem Taxi zum nächsten Flughafen gefahren.
   Seine Finger zuckten zurück, als hätte er sich verbrannt. Was sollte er sagen, wenn er Sarah im Finanzamt anrief? Ihrer Laune nach zu urteilen würde sie wahrscheinlich gleich wieder auflegen. Obwohl er ihr diese Unhöflichkeit nicht zutraute, scheute er zurück. Ein Telefonat war zu unpersönlich. Die Prüfung würde noch mindestens zwei weitere Tage beanspruchen, seine Gelegenheit, Sarah zumindest zu einem Kaffee einzuladen oder ihr ein, zwei Fragen zu stellen, würde kommen. Er durfte nur nicht so ungeduldig sein.
   Langsam drehte er sich mitsamt seinem Chefsessel und rollte vor, bis er an die Regalwand heranreichte. Sein Blick glitt über die Fächer. Irgendwo musste das Fotoalbum stehen … Er griff zu hastig zu, es entglitt seinen Fingern und fiel hinunter. Ein Handzettel flatterte heraus und Julian erinnerte sich sogleich, wie die anderen Mitglieder der Laienspielgruppe damals voller Stolz auf ihr Werk Hunderte davon in Kölns Straßen verteilt hatten.
   Mit den Bildern vor Auge fühlte er sich wie in einem Zeitstrudel. Julia lag in seinen Armen, den Rücken durchgebeugt, das Gesicht mit einem sehnsuchtsvollen Flehen ihm zugewandt. Wie sehr hatte er sich gewünscht, diese Geste wäre real und nicht nur Schauspiel. Er hatte es nicht wahrhaben wollen, Sarah ein so großes schauspielerisches Talent zugestehen zu müssen, als dass die sprühenden Emotionen, die sie aussandte, nur eine Täuschung waren.
   Noch am Abend nach der Premiere hatte er geglaubt, sein Glück würde in greifbare Nähe rücken, denn sie hatte endlich eine seiner Einladungen angenommen. Zusammen mit einer kitschigen dunkelroten Rose aus Zuckerguss. Und sie hatte ihm ein zauberhaftes Lächeln geschenkt, eines, das mehr versprach. Mehr als was? Im Nachhinein gestand er sich, ein Volltrottel gewesen zu sein. Ihr Lächeln hatte gar nichts bedeutet. Nicht das Geringste. Er hatte ihr nichts bedeutet. Obwohl ihre kleine Theatergruppe aufgrund des überwältigenden Erfolgs noch eine zweite Aufführung von Romeo und Julia in Erwägung zog und Sarah nach der Premiere begeistert zugestimmt hatte, war sie am nächsten Tag verschwunden und tauchte nie wieder auf.
   Zuerst hatte er panisch reagiert, geglaubt, ihr müsse etwas zugestoßen sein, doch seine Nachforschungen bei ihrer Mutter ergaben, dass Sarah umgezogen sei und nicht wolle, dass irgendjemand aus ihrem Freundeskreis ihre neue Adresse erfuhr. Was blieb ihm übrig? Er zog sich zurück. Es ging auch nicht anders, denn er stand kurz vor seinen Abschlussprüfungen und konnte es sich nicht leisten, aus der Spur zu laufen, sich von privaten Problemen auf den Grund ziehen zu lassen. Sarah war nur eine von vielen Frauen, denen er in seinem Leben noch begegnen würde. Und doch, für einen Moment hatte er es damals deutlich gespürt, ehe er sich verbot, ständig an sie zu denken: Sarah oder keine. Sie war diejenige, deren Herz er erobern wollte.
   Ein unangenehmes Ziehen schoss durch seine Seite. Wollte er diese Frau tatsächlich noch immer?
   Vielleicht war sie längst Mutter von ein oder zwei süßen Ablegern, eine treu sorgende Ehefrau oder auch einfach nur in einer glücklichen, festen Beziehung. Er betrachtete ein Foto, das gestochen scharf ihr Profil zeigte. Darunter ihren schlanken Schwanenhals, den festen Ansatz ihrer Brüste unter dem eng anliegenden Oberteil ihres Bühnenkleides. Die langen Wimpern warfen einen Schatten auf die Rückwand der Bühne. Vom Profil her hatte sie sich in diesen zehn Jahren keineswegs verändert, so viel zumindest konnte er nach dem dreistündigen Studium ihres Anblicks heute Vormittag sagen.
   Es waren ihre Augen, die sie anders wirken ließen. Nicht nur reifer, sondern irgendwie … traurig. Ja, das passte. Nein. Einsam traf es noch besser. Unglücklich? Oder war sie durch ihren Beruf einfach zu einer harten, unerbittlichen Person geworden? Plötzlich war er sich nicht mehr sicher, was er in ihrem Blick zu sehen geglaubt hatte. Vielleicht bildete er sich mächtig etwas ein. Nur in einem täuschte er sich ganz gewiss nicht. In seinem Herzen war sie noch immer seine Julia - und er würde viel, sehr viel dafür geben, Sarah endlich kennenzulernen.

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