Eine junge Frau, die auf die Zukunft setzt … ein Mann, der die Vergangenheit niemals vergessen darf … und ein uralter Bund, der über Leben und Tod entscheiden kann. Eine unfassbare Lüge … ein großer Verrat … nicht einmal im Traum hätte sie sich vorstellen können, als ein neues Wesen in einer anderen Welt zu erwachen. Wie Hund und Katz – sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Doch als sie in Schwierigkeiten geraten, stellen sie fest, wie sehr sie aufeinander angewiesen sind. In den Lieblingssessel kuscheln und für einige Stunden in fremde Welten abtauchen: „Magische Bündnisse“ führt in drei Kurzgeschichten auf eine zauberhafte Reise. Doch Vorsicht: Manche Ecken und Wege sind dunkler, als sie auf den ersten Blick wirken.

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Jenna Lux

Eigene Welten erschaffen und mit Leben füllen. Als Thrillerautorin versucht Jane Luc, die Polizeiarbeit – die sie aus erster Hand kennt – so realistisch wie möglich darzustellen. Wie reizvoll ist es da, eine Möglichkeit zu haben, einmal fernab aller Wirklichkeiten die Fantasie spielen zu lassen und traumhafte Geschichten zu erfinden? Unter dem Pseudonym Jenna Lux entführt Jane Luc uns in geheime Fantasywelten.

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Stephanie Linnhe

Stephanie Linnhe wuchs im nördlichen Ruhrgebiet auf. Nach einer Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin studierte sie Publizistik, Skandinavistik und Sozialanthropologie in Bochum und Kopenhagen. Im Anschluss ging sie für ein Jahr nach Australien und arbeitete als Story Writer für Sensory Image Pty Ltd sowie als Tourguide mit Schwerpunkt in Sydney. Zurück in Europa, führten mehrere Projekte sie in die Schweiz und nach England, bis sie schließlich 2008 in die Welt der Computerspiele eintauchte. Seitdem kümmert sie sich um die Texte eines Karlsruher Onlinespiel-Anbieters und schreibt nebenher für Zeitungen und Zeitschriften.

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Ylvi Walker

Ylvi Walker wurde in den späten Siebzigern in Deutschland geboren. Sie wuchs mit allerlei Getier in einem idyllischen Dörfchen auf. Ihr Berufswunsch stand schon relativ früh fest und sie ist konsequent dabei geblieben. Entgegen ihrer persönlichen Vorliebe für die Farbe schwarz, trägt sie beruflich weiß. Das Schreiben entdeckte sie bereits in jungen Jahren für sich. Ihre Kurzgeschichten füllen etliche Notizbücher, doch nur wenige eignen sich für die Publikation. Erst in der Elternzeit mit ihrer Tochter widmete sie sich ihrem ersten großen Schreibprojekt: einem Vampirroman, den sie bis heute keinem Verlag vorgestellt hat.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Die Macht des Blutes
Stephanie Linnhe


»Mit den Füßen zuerst könnt ihr mich heraustragen! In einer Holzkiste!« Speicheltröpfchen sprühten von den Lippen des alten Petr, die er immer wieder mit der Zunge benetzte. Er schob den Unterkiefer vor, wodurch sein Gesicht so hager und deformiert wirkte, als wäre der Tag seines Ablebens wirklich nicht mehr weit. Mit dem unförmigen Leinenhemd, das um seinen Körper schlackerte, und dem verblichenen Stück Stoff auf seinem Schädel, das einst eine Mütze gewesen sein musste, schien er einer längst vergangenen Epoche anzugehören.
   Nela bewunderte ihren Vater dafür, dass er trotz allem ruhig blieb.
   »Niemand redet davon, Sie hier herauszutragen, Herr Nemec«, sagte Adam Reisz. Er stand hoch aufgerichtet, der graue Anzug ebenso tadellos wie die Aktentasche in seiner Hand. Die vollen schwarzen Haare, die Nelas so sehr ähnelten, waren ordentlich zurückgekämmt. Es hätte keinen größeren Kontrast zwischen den beiden Männern geben können. »Allerdings geht es durchaus darum, sich Gedanken über die Zukunft zu machen.«
   In der Sie nicht mehr vorkommen, dachte Nela. Ihre Geduld war soeben dabei, im Boden zu versickern. Die Unterhaltung mit diesem Sturkopf war vollkommen überflüssig. Petr Nemec lebte in diesem Haus unter gewissen Bedingungen, die vor langen Jahren von zu nachsichtigen Entscheidungsträgern festgehalten worden waren. Allerdings schien er das allzu gern zu vergessen und führte sich auf, als würde ihr Vater ihm nach dem Leben trachten oder ihn schikanieren wollen.
   In Nelas Augen war es ohnehin eine Schande, das Pförtnerhaus derart zu verschwenden. Es brachte mehrere Hundert Jahre Geschichte mit sich, war vor einigen Jahren sorgfältig restauriert worden und daher gut erhalten. Wie ein Kind schmiegte es sich in den Schatten der Basilika von Talí, untrennbar mit dem gotischen Bau verbunden, und daher sollte es Besuchern ebenfalls zugänglich sein. Niemand durfte das Anrecht auf dieses Stück Geschichte allein besitzen. Zudem wäre es förderlich für das Interesse der Touristen und somit gut für den Ort.
   Ihr Vater bewies viel Geduld, indem er akzeptierte, dass der alte Petr Wohnrecht auf Lebenszeit besaß - und sich bei jedem Besuch auf neue Diskussionen einließ. Zu viel Geduld.
   »Pah!«, spuckte Petr aus, und Nela zog sich vorsorglich zurück.
   Allmählich platzte ihr der Kragen. Sie zählte bis drei, um ihre Wut im Zaum zu halten, und zupfte mit energischen Gesten ihr graues Kostüm zurecht. »Hören Sie, Herr Nemec, wir wollen das Haus lediglich vermessen. Wir werden nichts beschädigen und auch nichts umstellen. Nur ein wenig zur Seite schieben.« Sie bemühte sich, den sachlichen Tonfall ihres Vaters zu imitieren. Immerhin trat sie hier nicht nur als seine Tochter, sondern auch als Geschäftspartnerin auf.
   »Wozu, wozu vermessen?«, ereiferte sich der Alte. »Viel Ach und Krach für nichts.«
   Nela verdrehte die Augen. Das war es dann wohl mit der Geduld.
   »Nichts würde ich die Gelder nicht nennen, die wir einnehmen, wenn hier erst einmal ein Informationszentrum entsteht. Die Außenfassade der Basilika regeneriert sich nicht von allein, müssen Sie wissen.«
   Ihr Vater warf ihr einen warnenden Blick zu, den sie trotzig erwiderte.
   Petr zupfte die Mütze von seinem Kopf und wedelte damit in Nelas Richtung. »Mir kommt kein Zentrum ins Haus!«
   »Das bezieht sich, wie gesagt, auf die Zukunft«, versuchte Adam zu beschwichtigen.
   »Pah! Da wohnt mein Großneffe hier.«
   Effektiver hätte der Alte keine Bombe platzen lassen können. Nela und ihr Vater wechselten einen Blick.
   »Wer?«
   Petr reckte seinen Hals. »Tomas. Kommt aus Prag und besucht mich ab und zu. Seit Jahren schon. Müsste gleich da sein.«
   Adam seufzte. »Herr Nemec. Sie wissen doch, dass es einen Anschlussvertrag gibt? Sie haben Wohnrecht auf Lebenszeit im Pförtnerhaus, niemand sonst. Es kann nicht übertragen werden, auch nicht an Familienmitglieder. Das ist Ihnen doch klar?«
   »Und wo steht das?«
   »Im Vertrag, den Sie vor vielen Jahren unterschrieben haben. Möchten Sie ihn noch einmal sehen?« Er hob seine Hand mit dem kleinen, schwarzen Koffer.
   Petr winkte ab. »Bah, Vertrag hin und her, neumodisches Zeug. Es geht doch immer nur um das Eine. Geld, Geld, Geld. Geld hier und da. Talí braucht kein Geld, es hat genug.«
   »Herr Nemec. Ihr Vertrag …«
   »Ach, Unfug! Ich hab auch einen Vertrag, wichtiger als Ihrer.« Er drehte sich um und taumelte auf eine Kommode zu, deren Türen so schief in den Angeln hingen, als würden sie jede Sekunde zu Boden krachen. Beinahe stolperte er. Nelas Vater wollte vorspringen und ihn stützen, doch sie hielt ihn zurück und schüttelte den Kopf. Sollte sich Petr ein Bein brechen, war er immerhin aus dem Weg, und sie konnten endlich das Haus vermessen.
   Ihr Wunsch wurde nicht erhört. Der Alte zog eine Schublade auf und wühlte darin herum, bis er fand, was er suchte. Triumphierend reckte er etwas in die Höhe, das wie braunes Papier aussah. »Lesen Sie nur!« Er hielt Adam den Fetzen hin. Der warf einen kurzen Blick darauf, dann einen längeren, und runzelte die Stirn.
   »Was soll das sein?«
   »Ist schon lange in der Familie.« Petr grinste zahnlückig. »Da gucken Sie mit Ihrem Vertrag aus der Wäsche, was?«
   Er brabbelte noch etwas, doch Nela hörte nicht mehr hin. Der Gesichtsausdruck ihres Vaters gefiel ihr ebenso wenig wie die Tatsache, dass er den Papierfetzen nicht augenblicklich als Unsinn abtat. Wer wusste schon, was der Alte da in seinen Schränken aufbewahrte? Wenn das Dokument ebenso durchgeknallt war wie er selbst, rechnete Nela mit allem, von einer unbezahlten Rechnung für das erste Gebiss bis zu einer Mahnung für nicht bezahlte Bierlieferungen. Immerhin konnte niemand leugnen, dass Petr manchmal stark nach pivo roch.
   »Pa?« Sie legte eine Hand auf seinen Arm, doch er reagierte nicht. Erst, als sie sanft drückte, ruckte sein Kopf in die Höhe. Er nickte ihr zu, verstaute das Papier gedankenverloren in seiner Aktentasche und wandte sich zum Gehen.
   »Ich habe leider keine Zeit, um Ihnen zu erklären, welche Dokumente gültig sind und welche nicht«, sagte er, plötzlich hart und ohne Petr Nemec noch einmal anzusehen. »Ich werde mich mit der Stadt in Verbindung setzen, damit sich jemand um die Vermessung kümmert. Selbstverständlich wird man vorher einen Termin mit Ihnen vereinbaren. Auf Wiedersehen.«
   Obwohl Nela sich über seinen Stimmungsumschwung wunderte, war sie froh, dieses Gespräch endlich hinter sich zu haben. Sie verschwendeten bereits zu viel Zeit in diesem Haus, und wenn sie an den Berg Arbeit dachte, der im Büro wartete, hätte sie Petr am liebsten den Hals umgedreht. Wahrscheinlich war einfach die Geduldsgrenze ihres Vaters erreicht. Im Gegensatz zu ihr wartete er zu lange, um andere in die Schranken zu weisen, aber einmal verärgert, ließ er sich nicht mehr umstimmen.
   Hinter ihnen spuckte der Alte auf den Boden. »Gültig, gültig! Rettet gültig wem den Hals? Ein Mann, hundert Männer, da fällt einer mehr oder weniger nicht auf!«, krakeelte er.
   Nela schloss zu ihrem Vater auf, als er die Haustür öffnete, und warf ihren langen, geflochtenen Zopf über die Schulter zurück. »Nun dreht er ganz durch«, flüsterte sie und wäre beinahe gegen seinen Rücken geprallt.
   Vor der geöffneten Tür stand ein junger Mann, nur wenige Jahre älter als sie, eine Hand noch erhoben, um anzuklopfen. Er war beinahe so groß wie Adam – nein, größer, korrigierte sie ihren ersten Eindruck, denn er stand vor den flachen Stufen, die zum Eingang des Pförtnerhauses führten. Er war wie einer der Touristen gekleidet, die in diesen Monaten vermehrt nach Talí strömten: Jeans, Sneaker und ein graues Shirt, alles nicht mehr neu. Die Arme und das kantige Gesicht zeigten Freizeitbräune, die man sich in keinem Studio der Welt holen konnte. Braunes Haar hing ihm in die Augen, die kobaltblau zwischen den Strähnen hervorblitzten.
   »Guten Tag«, sagte er und schien nicht im Geringsten überrascht zu sein.
   »Und wer sind Sie?«, fragte ihr Vater, der sein Geduldskontingent wirklich verbraucht hatte.
   Ein Lächeln teilte die Lippen des Fremden. »Ich bin Tomas Nemec, Petrs Großneffe. Ich wollte Sie nicht über den Haufen rennen, entschuldigen Sie.« Er streckte eine Hand aus.
   Adam schüttelte sie knapp. »Nun, vielleicht können Sie ein wenig Vernunft in Ihrem Großonkel wecken«, sagte er und ging an Tomas vorbei, ohne sich zu verabschieden.
   Der blinzelte. Verwirrung schwächte sein Lächeln, wischte es aber nicht von seinem Gesicht. »Ich verstehe nicht.« Er blickte über Nelas Schulter in das Innere des Hauses und suchte seinen Großonkel. Erst dann wandte er sich ihr zu.
   »Glauben Sie mir, wir verstehen das hier auch nicht«, sagte sie schärfer als beabsichtigt und vollführte eine ausladende Geste. Sie überlegte, ob sie sich vorstellen sollte, entschied sich aber dagegen. Petr würde diesem Tomas schon erzählen, was er wissen wollte, und weder sie noch ihr Vater würden gut dabei wegkommen.
   Die Verwirrung auf seinen Zügen wuchs, doch er hielt ihr dennoch eine Hand hin. Nela zögerte, dann griff sie zu, quetschte seine Finger und ließ augenblicklich wieder los. Er sollte nicht denken, dass sie eine sanfte Person war, die er mit Höflichkeit weichklopfen oder auf die Seite seines schrulligen Verwandten ziehen konnte!
   Er trat nicht zur Seite, als sie das Haus verließ. Nela streifte mit dem Oberarm seine Brust, sah ihn strafend an und zuckte innerlich zurück, als sie begriff, wie nahe sie ihm war. Auf Oberlippe und Kinn schimmerten dunkle Schatten, eine Narbe zog sich am Hals bis zum Shirtsaum hinab. Er roch gut, auch wenn sie nicht erkannte, wonach. Aber für solch überflüssiges Zeug blieb nun keine Zeit, und es ging sie auch nichts an, was Petr Nemecs Großneffe nach der offenbar missglückten Rasur auf Wangen und Kinn verteilte. Sie nickte ihm noch einmal zu, dann holte sie zu ihrem Vater auf und passte sich seinem Tempo an.
   »Wusstest du von dem Verwandten, der regelmäßig herkommt?«
   »Nein. Aber es ist auch irrelevant. Dieser Tomas hat keinerlei Anspruch auf irgendetwas.«
   Dem war nichts hinzuzufügen. »Was ist das?« Sie deutete auf Petrs Dokument, das aus der Aktentasche ragte.
   »Alter Humbug. Es besagt, dass Petrs Familie dauerhaftes Anrecht auf das Pförtnerhaus hat. Nicht nur er, sondern all seine Nachfahren.«
   »Ist es echt?«
   Ihr Vater zögerte und strafte seine Worte damit Lügen. Wenn es sich wirklich um Humbug handelte, würde er nun nicht so angespannt wirken. »Womöglich. Aber nach heutigen Gesetzen nicht rechtskräftig, und das ist alles, was zählt.«
   Nela schwieg und musterte ihn von der Seite, bis er seinen Kopf wandte und sie ansah. Nicht nur sein Haar hatte er ihr vererbt, sondern auch die warmen braunen Augen, und oft hatte sie das Gefühl, in einen Spiegel zu blicken.
   »Du machst dir trotzdem Sorgen.«
   »Ich fürchte lediglich, dass die Dinge nun weiter verzögert werden. Du weißt, wie wichtig die Milestones im Terminplan sind.«
   Er strich ihr über das Haar, als wäre sie ein kleines Mädchen. Normalerweise ließ sie das nur ungern in der Öffentlichkeit zu, aber jetzt wollte sie ihm nicht noch mehr Kummer bereiten.
   »Wir werden sie trotzdem halten, Pa. Ich kümmere mich darum. Meine Güte, was für ein Tag.« Sie liefen langsamer, als sie ihren kleinen, roten Passat erreichten, der in einer Seitenstraße parkte. Nela küsste ihren Vater auf die Wange. »Bis später. Ich rufe dich an, wenn ich den Wochenbericht fertig habe.«
   »Mach das. Bis später.«
   Sie stieg in den Wagen, startete den Motor, winkte noch einmal und fuhr los. Im Rückspiegel sah sie, wie sich die Tür des Pförtnerhauses öffnete und eine Gestalt heraustrat, eine dunkle Silhouette mit breiten Schultern im trüborangefarbenen Licht.

Die Gerüchte erreichten Nela am nächsten Morgen, kaum dass sie ihre Augen aufgeschlagen hatte. Sie ließ Kristinas Redeschwall am Telefon über sich ergehen, duschte und zog sich an. Als sie auf die Straße trat, wusste sie wenig später, dass ihre beste Freundin recht behalten sollte. Es herrschte eine seltsame Stimmung, als läge etwas in der Luft, das niemand genau benennen konnte. Aber jeder spürte, dass es da war, und manchen drückte es so sehr auf die Gemüter, dass sie ihre Köpfe zwischen die Schultern zogen und sich nicht trauten, in normaler Lautstärke miteinander zu reden. Immer wieder traf Nela auf Menschen, die nah beieinanderstanden und miteinander flüsterten, und mehr als einmal erschrak jemand, wenn sie energisch ausschritt und sich von hinten näherte, um zu überholen. Die Welt bewegte sich unnatürlich langsam. Zögerlich. Vorsichtig.
   Nela legte einen Zwischenstopp in Mareks Backstube ein, um sich ihr Frühstück zu holen, und erfuhr weitere Details.
   Ein junger Mann war tot auf den Stufen der Basilika gefunden worden, direkt unter dem Rundbogen des Portals. Gesicht und Kehle waren zerfetzt und Brust sowie Arme mit tiefen Schnitten bedeckt. Sein Körper war bereits erkaltet, als die zwei alten Frauen, die wie jeden Tag eine Kerze anzünden wollten, ihn am frühen Morgen entdeckten. Sein Blut, so ereiferte sich Marek, hatte sich noch immer am Boden ausgebreitet, als suchte es nach einem lebenden, warmen Körper, weil es nicht zurück in den des Toten wollte.
   Nela erschauerte bei dieser Vorstellung, obwohl sie für derartige Bilder nichts übrig hatte. Wenn sie eines in diesen Tagen nicht gebrauchen konnten – neben einem Toten natürlich -, so war es abergläubisches Gerede. Es verbreitete sich in diesem Landstrich schneller als jede Krankheit. Wenn sie nicht aufpassten, würde der Mord aufgebauscht werden und Besucher abschrecken.
   Sie kaufte ein Hörnchen, verabschiedete sich und verließ die Bäckerei, während Marek und zwei Stammkunden weitere Theorien austauschten. Es war Mord, da waren die drei sicher. Auch Nela konnte das nicht von der Hand weisen. Dass sich jemand den Körper zerschnitt, konnte sie sich noch vorstellen, aber das eigene Gesicht samt Kehle zu zerfetzen war ein Ding der Unmöglichkeit. Vielleicht waren die Ereignisse auch bereits durch den Straßentratsch aufgebauscht worden, und letztlich hatte der alte Nemec auf den Stufen seines Häuschens lediglich einen Herzinfarkt erlitten. Das wäre in der Tat nicht mal so bedauerlich, aber leider auch unwahrscheinlich. Jeder im Ort kannte Petr.
   Sie fragte sich, ob er oder sein Großneffe etwas von dem Vorfall mitbekommen, vielleicht sogar etwas gesehen hatten. Aber es war nicht an ihr, die Ermittlerin zu spielen – sie würde sich lediglich um das Projektmanagement ihres Vaters kümmern. Trotzdem war sie neugierig. Sie würde ihren gewohnten Parkplatz in der Nähe der Basilika nutzen, einen kurzen Blick auf den Tatort wagen und eventuell mehr erfahren.

Sie bemerkte ihn, als sie in der Nähe der Absperrung der Pavelsgasse parkte und versuchte, die Lage einzuschätzen. Der Eingang der Basilika war derzeit nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, doch eine Traube Menschen hielt sich hartnäckig davor. Jemand hatte wilde Blumen auf das Kopfsteinpflaster gelegt, von denen manche bereits in den Dreck getrampelt worden waren. Ein einsames ewiges Licht flackerte hinter rotem Plastik.
   Tomas Nemec stand so still inmitten der aufgeregten Schaulustigen, beide Hände in den Hosentaschen, als wäre ein Mord für ihn nichts Neues. Er wandte den Kopf, als sie sich näherte, fast, als hätte er das Klacken ihrer Absätze auf der Straße aus der Masse an Geräuschen herausgefiltert. Auf die Entfernung wirkten seine Augen dunkel, und trotzdem wusste Nela, dass er sie anstarrte. Es war zu spät, um wegzusehen, also hob sie eine Hand zum Gruß und wandte sich ab, um an der kleinen Versammlung vorbeizugehen. Zwar war sie nicht minder neugierig, doch sie wollte sich nicht als sensationslüstern präsentieren. Es hatte lange gedauert, bis die Geschäftskollegen ihres Vaters – altmodische, selbstverliebte Egoisten – sie als ebenbürtige Gesprächspartnerin akzeptiert hatten, und diesen mühsam errungenen Sieg würde sie sich nicht durch die Finger gleiten lassen.
   Wie sehr der Tote auch an ihrem Nervenkostüm riss, merkte sie, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Sie fuhr zusammen und wich hastig zur Seite aus. Erst dann erkannte sie Tomas. Sie ärgerte sich darüber, dass sie für einen Augenblick die Kontrolle verloren und sich verhalten hatte wie all die anderen, die wie verschreckte Hühner durcheinanderliefen. Solange die Polizei nichts herausgefunden hatte, gab es keinen Anlass für Mutmaßungen und Ängste. Es war helllichter Tag, und kein Mörder würde sie auf offener Straße angreifen. Sie musste einfach rational denken, damit war sie stets am besten gefahren.
   »Herr Nemec«, sagte sie kühl.
   Er nickte lediglich. Seine Augen wirkten wirklich dunkler, als Nela sie in Erinnerung hatte, und etwas an ihm irritierte sie. Dann begriff sie, dass es sein Verhalten war. Weder lächelte er, noch grüßte er zurück. Woher kam er noch mal? Prag? Nun, die Leute in der Großstadt waren generell brummiger und verschlossener, gefangen zwischen Anonymität und Strömen von Touristen. Wahrscheinlich hatte er gestern die Freundlichkeit eines gesamten Monats verpulvert, um einen guten Eindruck zu machen. Jetzt, da er merkte, dass das bei ihr nicht funktionierte, zeigte er sein wahres Gesicht. Oder er hatte mit seinem tatterigen Großonkel geredet, sie und ihren Vater als Feinde eingestuft und sah keine Notwendigkeit mehr, höflich zu sein.
   Wenn er diese Art von Kampf wollte, konnte er ihn haben. »Haben Sie mich aufgehalten, um zu starren?«
   Der Ausdruck in Tomas’ Augen wandelte sich. Plötzlich waren da Sorge und ein Drängen, das sie nicht einordnen konnte, das ihr aber nicht gefiel. Es erzeugte eine Gänsehaut auf ihren Armen, und sie musste sich zusammenreißen, um sich nicht zu schütteln.
   »Sie haben von dem Toten gehört«, sagte er ruhig. Ein Muskel zuckte neben der Narbe an seinem Hals.



Engelraub
Jenna Lux


Ally stand vor dem großen Spiegel und betrachtete ihr schneeweißes Brautkleid. Das Mieder war mit unzähligen funkelnden Perlen besetzt, der lange Rock schwebte in einer A-Linie nur Millimeter über dem Boden. Greg hatte ihr bei der Wahl des Kleides freie Hand gelassen. Er hatte ihr eine Kreditkarte in die Hand gedrückt und an ihren Lippen geflüstert, sie solle ihn überraschen. Ally warf noch einen kritischen Blick in den Spiegel. Das Make-up war perfekt, ihre sonst so wilden, rotbraunen Locken kunstvoll hochgesteckt und ebenfalls von Perlen durchwirkt. Das Herz schlug wild in ihrer Brust. Beruhigend legte sie eine Hand auf den rasenden Puls an ihrer Kehle.
   Warum war sie nur so aufgeregt? Greg hatte keine Mühen gescheut, diesen Tag zu etwas Besonderem für sie zu machen. Sie hatte für die Trauung die kleine Kapelle hoch auf den Klippen in einem kleinen Ort nördlich von Boston gewählt. Ihre Mutter und sie waren oft hier gewesen und Ally hatte immer davon geträumt, trotz ihrer Höhenangst irgendwann einmal in einem weißen Kleid hier zu stehen, ihre stolze, schöne Mutter an ihrer Seite. Ihr Herz krampfte sich zusammen und lenkte sie einen Augenblick lang von ihrem rasenden Puls ab. Der Schmerz über den Verlust würde noch lange anhalten. Das wusste sie. Greg hatte ihr in den schweren Zeiten geholfen und war auch an den dunkelsten Tagen nicht von ihrer Seite gewichen. Sie war ihm unendlich dankbar. Nie würde sie diese Schuld begleichen können. Als er sie gebeten hatte, seine Frau zu werden, war es nur eine logische Konsequenz, Ja zu sagen. Sie liebte ihn, liebte sein geduldiges Wesen und seine Großherzigkeit. Warum nur raste ihr Herz so? Sicher lag es an dem Glas Champagner, das sie getrunken hatte, um die Aufregung zu dämpfen.
   Der Spiegel erfasste Jared, der – nahezu lautlos – hinter sie trat. Vielleicht raste ihr Herz auch, weil … Nein. Daran durfte sie nicht einmal denken. Ihre Blicke trafen sich. Der Blick ihres besten Freundes war ernst, wie meistens. Sie kannte Jared, solange sie denken konnte – und in ein paar Minuten würde er sie zum Altar führen. Er würde heute ihre Familie sein. Er war der einzige Mensch, der ihr noch geblieben war. Der einzige Mensch, dem sie vertraute. Mit einem nervösen Lächeln drehte sie sich zu ihm um.
   Anstatt ihr ein Kompliment über ihr Aussehen zu machen, starrte er sie einen langen Moment stumm an, dann trat er auf sie zu. »Vergib mir, Ally«, flüsterte er, nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und küsste sie. »Vergib mir, was geschehen wird.« Seine Augen nahmen einen flehenden Ausdruck an. Er presste seine Lippen ein weiteres Mal auf ihre. Sie konnte ihn riechen, ihn schmecken. Dunkel und männlich. Genauso und nicht anders musste sich ein Kuss dieses Mannes mit dem dunkel gewellten, halblangen Haar, dem hageren Gesicht und den tiefen, schiefergrauen Augen anfühlen. Ganz automatisch schob sie die Arme auf seine breiten Schultern, spürte das Beben seiner harten Muskeln, schloss ihre Finger um seinen Nacken – und vergaß einen Augenblick lang ihren Verlobten.
   Sie hörte ein Geräusch hinter sich. Noch bevor sie reagieren konnte, waren da Hände. Hände, die sie grob packten und ihr den Mund zuhielten. Was geschah mit ihr? War das Jareds Vorstellung einer Brautentführung? Seinem Kuss nach, den sie immer noch auf den Lippen spürte, hatte er vielleicht endlich verstanden, dass sie in Begriff war, zu heiraten. Dass sie nach diesem Nachmittag für immer verloren für ihn wäre. Trotzdem war diese Art der Entführung beängstigend. Die Männer taten ihr weh. Sie wehrte sich, trat um sich, versuchte, sich ihnen zu entwinden. Ihre Arme wurden hinter ihrem Rücken gefesselt, ein Knebel in ihren Mund geschoben. Das Letzte, was sie sah, war Jared. Ihr bester Freund, ihr Trauzeuge, der Mann, der ein Leben lang an ihrer Seite gewesen war. Er sah reglos zu, wie die Angreifer sie überwältigten. Selbst, als ein schwarzer Sack über ihren Kopf gezogen wurde, konnte sie nicht glauben, dass er sie so verriet.
   Nein, das hier war nicht die herkömmliche Form der Brautentführung.
   Die Männer waren offenbar ein eingespieltes Team. Schnell und leise. Kurze, geflüsterte Befehle, die umgehend ausgeführt wurden. Ally bekam keine Chance, jemanden aus der Hochzeitsgesellschaft auf sich aufmerksam zu machen. Sie wurde entführt.
   Warum?
   Wollte Jared Lösegeld für sie erpressen?
   Greg war gut situiert, aber reich war er nicht. Diese ganze Aktion ergab keinen Sinn.
   Sie brachten sie in einem Lieferwagen weg. Es fühlte sich wie Stunden an, bis sie endlich aus dem Wagen gezerrt und irgendwohin geführt wurde.
   »Achtung, Treppen«, knurrte einer der Entführer und sie taumelte zwischen ihnen eine endlose Anzahl von Stufen hinauf. Dann folgte ein kühler Gang, in dem ihre Schritte dumpf widerhallten. Sie schoben sie in einen Raum, auf eine weiche Unterlage, und nahmen ihr Fesseln und Knebel ab, bevor sie ihr den Sack vom Kopf zogen.

*

Die Männer verschwanden und ließen ihn mit Alyssia allein. Sie würde ihre Entführung nicht so einfach hinnehmen, dessen war er sich sicher.
   »Was hast du getan?« Sie sprang von dem Bett auf, auf das sie sie gelegt hatten. Ihre grünen Augen sprühten Funken. »Du hast alles kaputtgemacht. Heute ist mein Hochzeitstag.«
   Jared schwieg.
   »Ist das deine Art, mich am Heiraten zu hindern? Glaubst du, dass es hilfreich ist, mich auf diese verdammte …« Aufgebracht drehte sie sich um die eigene Achse und fuchtelte mit den Armen. »… diese verdammte Burg zu entführen.«
   Er fühlte sich hilflos. Ihr Zorn war berechtigt. Einen Augenblick dachte er darüber nach, wie es gewesen wäre, sie zu entführen und mit ihr durchzubrennen. Er hätte ihr gern eine Alternative zu ihrem Verlobten geboten. Doch das, was auf sie zukam, war wahrscheinlich noch schlimmer als die Ehe, in die sie sich hatte manövrieren wollen. Was sollte er tun, um die Situation erträglicher für sie zu machen? Wenn er eine Möglichkeit hätte, ihr all das, was kommen würde, zu ersparen, er würde es ohne mit der Wimper zu zucken tun.
   Die Hände zu Fäusten geballt, ging sie ohne Vorwarnung auf ihn los. Gut, sie war bissig, sie wehrte sich. Sie fügte sich nicht in die Opferrolle. Eine Tatsache, die er schon immer an ihr bewundert hatte.
   Er ließ es geschehen, nahm das Trommeln ihrer Fäuste auf seiner Brust hin. Sie hatte recht. Er hatte ihr Vertrauen für alle Zeit verspielt, und, was sie noch nicht wusste, ihr Leben würde nie mehr so sein wie zuvor. »Mit dir wird etwas geschehen, Ally, noch heute Nacht. Dein Leben, wie es war, wird für immer vorbei sein. Also stell dich darauf ein«, sagte er, so hart es ihm möglich war. Er wusste, dass bereits erste Hitzewellen durch ihren Körper peitschten.
   Er fing ihre Fäuste ein und umfasste ihre Handgelenke. Unerbittlich hielt er sie fest, drückte seine Handflächen auf ihren Puls. Energie vibrierte an den Stellen, an denen sie miteinander verbunden waren. Es würde nicht mehr lange dauern. Er konnte ihr Schicksal nicht aufhalten. Aber er war in der Lage, es zu beschleunigen. Je eher sie es hinter sich hatte, desto besser.
   »Was bedeutet das? Was passiert mit mir?« Ihr wildes Temperament wich einem panischen Blick. Er konnte ihre Schmerzen förmlich spüren, wusste, wie sehr ihr Herz raste, dass ihre Füße sie nicht mehr trugen.
   Ihre Knie knickten ein. Mit einer sanften Bewegung, die im krassen Widerspruch zu seinen harten Worten stand, hob er sie auf die Arme und legte sie auf das große Bett zurück. »Ruh dich aus. Ich hole dir etwas zur trinken, was dir helfen wird.« Der Schwächeanfall war erst der Anfang. Bis diese Nacht hinter ihr lag, würde sie noch viel Schlimmeres durchleiden müssen.

*

Nachdem Jared gegangen war, versuchte sie, sich zu beruhigen. Sie war voller Angst, Panik – und nicht zuletzt Wut. Ihre Gedanken rasten im Kreis und ließen sich nicht fassen. Irgendetwas ging hier vor sich. Irgendetwas Schreckliches. Sie musste ihre Gedanken sortieren, begreifen, was los war.
   Langsam atmete sie ein und aus. Noch einmal. Ihr Herzschlag ließ sich noch nicht verlangsamen, aber der Nebel in ihrem Kopf lichtete sich. Hab jetzt bloß keinen weiteren Anfall von Panik, befahl sie sich. Um sich abzulenken, sah sie sich in dem Raum um, in den man sie gebracht hatte. Er erweckte tatsächlich den Eindruck eines mittelalterlichen Burgzimmers. Sie lag auf einem Eichenbett mit hohen Pfosten. Das Holz war alt und dunkel, als ob das Möbelstück schon Jahrhunderte an diesem Platz stände. Die Zimmertür schien ebenfalls aus schwerer Eiche zu sein und war mit schwarzen, kunstvoll geschmiedeten Metallbeschlägen verziert. Die Wände und der Boden bestanden aus rauen Steinquadern. Wandteppiche erzählten in leuchtenden Farben Geschichten, die ausschließlich von Engeln zu handeln schienen. Die Scheiben großer, spitz zulaufender Fenster waren mit Glasmalereien verziert. Dahinter konnte sie die Sonne, Bäume und in der Ferne das Meer erkennen. Wohin hatte Jared sie bringen lassen?
   Die Hitze in ihrem Inneren nahm zu, als Jared mit einem Wasserkrug in der Hand zu ihr zurückkehrte. Sie hatte Fieber. Schmerzen pochten in ihrer Wirbelsäule. Wie durch einen Nebel nahm sie den Becher wahr, den er ihr an die Lippen hielt. Gierig griff sie danach und trank. Ihre Kehle war ausgedörrt wie nach einem Trip durch die Wüste.
   Jared nahm ihr den Becher ab und stellte ihn auf das Nachtkästchen. Wieder griff er nach ihr und presste seine Hände auf ihre Handgelenke. Die Haut über ihrem Puls brannte. Alles um sie herum schien zu glühen. Das war Jareds Werk, begriff sie. Er war an ihren Schmerzen schuld. Je länger er in ihrer Nähe war, desto schlimmer wurde es. Etwas in ihrem Körper begann zu ziehen. Ihr Rücken schien zu zerreißen. Die Hände in die Laken gekrallt bäumte sie sich auf, als die Schmerzen übermächtig wurden. Mit der nächsten Welle, die sie durchfuhr, konnte sie ihre Schreie nicht mehr zurückhalten. Wie durch einen Nebel nahm sie Jared wahr, der mit einem Wasserkrug in der Hand zu ihr zurückkehrte. Sein Blick war voller Mitgefühl.
   »Was hast du getan?«, schrie sie ihn an. »Was tust du mir an?« Dann wurde alles um sie herum schwarz.

Das Zwitschern der Vögel weckte Ally, die Sonne wärmte ihre Wange. Sie lag auf dem Bauch. Etwas Schweres drückte sie in die Kissen. Greg, ihr Ehemann. Sie hatte gestern geheiratet und die matte Trägheit und das leichte Ziehen in ihrem Rücken zeugten von einer intensiven Hochzeitsnacht. Greg hatte im Schlaf seinen Arm über sie gelegt und hielt sie unbeweglich an seiner Seite. Es war beruhigend, neben ihm zu liegen. Noch mehr als das war sie froh, wach zu sein. Der Traum, den sie diese Nacht gehabt hatte, konnte einem glatt eine Gänsehaut über den gesamten Körper jagen. Sie drehte den Kopf und blinzelte gegen die Sonne, um Gregs verschlafenes Gesicht zu betrachten, sah aber neben sich nur Federn - smaragdgrün. Sie blinzelte noch einmal. Was waren das für Federn? Wo war ihr Mann? Sie versuchte, sich aufzurichten, doch das war unmöglich.
   »Warte«, hörte sie Jareds leise Stimme hinter sich. »Ich helfe dir.«
   »Jared?« Was tat er in ihrer Hochzeitssuite? Hatte sie etwa ihn anstatt Greg …? Unsinn.



Katzenjammer
Ylvi Walker


Die Eingangstür des Detektivbüros war nicht verschlossen, selbst zu solch weit vorgerückter Stunde. Gewagt, wenn man bedachte, in welch heruntergekommener Gegend sich die Geschäftsräume der Detektei Golden Eye befanden. Rief man sich in Erinnerung, was die Lady war, ergab ihre Unerschrockenheit Sinn. Sie war der Jäger inmitten von Opfertieren. Die Menschen ahnten in keinster Weise, mit wem sie Tür an Tür ihr Dasein fristeten.
   Privatdetektivin Jade Pardus, stand in weißen Lettern an der Milchglasscheibe der Tür.
   Miles trat zielstrebig in die verlassen wirkenden Büroräume. Seine Sinne konnte sie nicht täuschen. Sie konnte sich nicht vor ihm verstecken. Er spürte ihre Anwesenheit. Er roch sie. Furcht empfand er keine. Er stand wie sie, am oberen Ende der Nahrungskette. Das Licht in den Räumen war erloschen, einzig der fahle Lichtschein der Straßenlaterne brach sich durch das schmutzige Fenster hinter dem verwaisten Schreibtisch.
   »Wie wäre es mit Klopfen?«
   Er witterte das moschusartige Aroma einer Raubkatze. Es war im gleichen Maße sinnlich wie ihre samtweiche Stimme.
   »Die Tür stand offen.«
   Er vernahm das Klacken von Pfennigabsätzen hinter sich.
   »Und das entbindet von Höflichkeit? Wo bleibt dein Anstand, Wolf?« So schnell, dass selbst seine Wandleraugen es nicht wahrnehmen konnten, bewegte sie sich zu dem Schreibtisch und nahm dahinter Platz. Auch wenn es für ihre geschärften Augen kaum vonnöten war, knipste sie die Lampe rein aus Gewohnheit an. Ihr Anblick war phänomenal. Für einen Moment vergaß er, was der Anlass seines Besuches mitten in der Nacht war. Er hatte Schulden einzutreiben und die Süße schuldete seinem Boss einen Batzen Kohle. Dennoch kam er nicht umhin, einen ausführlichen Blick auf die exotische Schönheit zu werfen.
   Das kinnlange Haar fiel in rabenschwarzen Wogen. Ihre Haut schimmerte wie sahniges Karamell. Ihre blutrot geschminkten Lippen waren voll und sinnlich. Sie luden förmlich zum Küssen ein. Und ihre Augen - beeindruckend! Golden Eye war der Name ihrer Agentur. Und mit eben jenen goldfarbenen Raubtieraugen funkelte sie ihn an. Sie nahm ihn in Augenschein wie bei einer Fleischbeschau. Er fühlte sich urplötzlich unwohl in seiner Haut und fröstelte.
   »Was kann ich für dich tun? Oder bist du hier, um mich anzuglotzen? Ich kann es nicht leiden, wie ein Tier im Zoo begafft zu werden. Also?«
   Miles seufzte. Er klärte sich den Hals, ehe er zu einer Antwort ansetzte. »Ewan schickt mich.«
   In ihren Augen blitzte etwas auf, das entfernt an Angst erinnerte. Sie wusste, dass mit seinem Auftraggeber nicht gut Kirschen essen war.
   »Ich habe das Geld nicht. Mein letzter Auftrag ist geplatzt.«
   »Das ist unschön.«
   »Morgen habe ich die Summe.« Ungeachtet des Geruchs ihrer Furcht klang ihre Stimme glasklar und ungebrochen.
   Miles knirschte mit den Zähnen. Es widerstrebte ihm, ihr zu drohen, doch es war sein verfluchter Job! Er durfte kein Mitgefühl zeigen.
   »Heute. Nicht morgen. Ewan gewährt dir keinen erneuten Aufschub. Besorg das Geld oder du musst mit den Konsequenzen leben.«
   »Du weißt schon, wer ich bin?« Jade bleckte ihre perlweißen Zähne. Der Moschusgeruch wuchs fulminant an. Ihr Tier drang annähernd bis zur Oberfläche vor. Er konnte es nicht nur spüren, sondern fast sehen.
   »Sicher. Und du weißt, wer ich bin, Katze!«
   Jade öffnete die Schublade ihres Schreibtischs und nahm ihre Waffe heraus. Die SIG landete in dem mit Spitzen verzierten Strumpfbandhalter unter dem kurzen Rock ihres kleinen Schwarzen. Das Outfit war nicht das, was er von einer Privatschnüfflerin erwartet hatte. Die Frau war sexy wie Hölle! Allein ihr Anblick ließ seinen Testosteronspiegel hochschnellen. Im Moloch der Viertel war sie so fehl am Platz wie eine Rose auf dem Komposthaufen.
   »Deine Arbeitskleidung ist speziell.« Miles schluckte. Seine Kehle war staubtrocken.
   »Kann ich von deiner nicht behaupten. Du siehst aus wie ein Schläger.«
   Ertappt! Miles strich fahrig sein blondes, störrisches Haar aus der Stirn.
   »Hübsche Narbe. Schade, dass sie nicht von mir ist.«
   Instinktiv griff er an die taube Stelle an seiner Wange. Das Überbleibsel eines Duells mit seinem damaligen Alphawolf. Der Kampf ging nicht zu seinen Gunsten aus und er war gezwungen, das Rudel zu verlassen. Seitdem schlug er sich als Einzelgänger durchs Leben. Bedauerlicherweise mehr schlecht als recht.
   »Ich habe einen Botendienst zu verrichten. An und für sich wollte ich diesen Auftrag morgen Früh abwickeln, doch wie es scheint, muss ich ihn jetzt auf der Stelle erledigen.« Seufzend ging sie zur Tür.
   Was auch immer ihn antrieb, er folgte ihr auf dem Fuß.

*

Für einen von Ewans Schlägern fand Jade ihn optisch ansprechend. Sie kam nicht umhin, ihren uneingeladenen Begleiter genauer unter die Lupe zu nehmen. Er war attraktiv auf eine herbe, äußerst maskuline Art. Sein letzter Friseurbesuch lag sicherlich bereits Jahre zurück, denn sein dunkelblondes, zu einem lockeren Zopf gefasstes Haar, reichte bis zur Mitte seines athletischen Rückens. Ein dunkler Bartschatten verlieh ihm ein verwegenes Aussehen. Die himmelblauen Augen stachen wie Leuchtfeuer aus seinem sonnengebräunten Gesicht hervor. Die Narbe unterstrich sein schneidiges Auftreten. Und er roch zum Anbeißen – herb, maskulin und ursprünglich. Jade schüttelte sich bei dem Gedanken daran, wie sie ihre Zähne in sein Fleisch schlug. Himmel Herrgott noch einmal! Er war ein verflixter Wolf und Geldeintreiber! Es änderte kein bisschen an der Tatsache, dass er ihr Interesse weckte. Wie Hund und Katz bekam in ihrem Fall nicht nur eine übertragene Bedeutung. Jade gehörte zur Gattung der Werleoparden und war im Getto der Großstadt ebenso fehl am Platz wie der Werwolf.
   Scheinbar hatte er einen Narren an ihr gefressen oder warum folgte er ihr sonst auf Schritt und Tritt?
   Weil er Ewans Geld eintreiben will, rief sie sich ins Gedächtnis. Sein Interesse galt nicht ihrer Person, auch wenn er massenhaft Testosteron produzierte. Dieser Umstand war vermutlich der angespannten Situation geschuldet. Sein Geruch machte sie ganz kribbelig und störte ihre Konzentration. Jade zwang ihre Gedanken in die Realität zurück. Es war ein riesiger Fehler, sich das Geld bei diesem Halsabschneider zu leihen. Doch was hätte sie tun sollen? Ihr stand das Wasser bis zum Hals und sie konnte nicht einmal mehr die Miete berappen.
   »Wie lautet dein Auftrag?« Seine Ansprache veranlasste sie, zu handeln.
   Jade legte den Weg über das Kopfsteinpflaster bis zu ihrem Ford Mustang zurück.
   »Ich muss ein Paket überbringen, Wolf«, sagte sie und schloss den Klassiker auf. Ihr nächtlicher Besucher blieb wie angewurzelt daneben stehen.
   »Ich habe einen Namen.« Die Verärgerung stand in seine scharf geschnittenen Gesichtszüge geschrieben.
   »Den du mir nicht genannt hast. Solange ich ihn nicht weiß, nenne ich dich Wolf.« Jade öffnete die Fahrertür und ließ sich auf den Ledersitz fallen. Sie startete den Motor des Klassikers, der sich mit einem lauten Röhren zu Wort meldete. Unauffällig war anders.
   »Miles Townshed.«
   Seine Stimme ging ihr runter wie Öl. Ein hübscher Name. »Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich freue, dich kennenzulernen.« Jade legte ein unverschämtes Lächeln auf. Sie bemühte sich, beiläufig zu klingen. Es gelang ihr allen Anschein nach recht überzeugend, ihre coole Fassade zu wahren.
   Trotz ihrer Stichelei ging Miles um den Wagen herum, öffnete die Tür und nahm auf dem Beifahrersitz Platz.
   »Ich arbeite allein«, knurrte sie widerwillig. Direkt neben ihr sitzend, raubte Miles ihr den Verstand. Der Wolf roch so appetitlich wie ein deliziöses Dessert mit Sahnehäubchen! Wie sollte sie so einen klaren Gedanken fassen?
   »Heute Abend nicht«, brummte er wohltönend. Es erinnerte an das Schnurren eines dicken, zufriedenen Katers. »Wo befindet sich die Sendung?«
   Jade deutete auf den Rücksitz. Ihr neugieriger Begleiter beugte sich über die Mittelkonsole nach hinten und kam ihr dabei gefährlich nah. Er drang ungeniert in ihre persönliche Wohlfühlzone ein. Am liebsten hätte sie ihn gepackt und ihre Zähne in seinen breiten Nacken geschlagen. Wusste der Wolf, welch riskantes Spiel er trieb? Es kostete sie Mühe, an ihrer Beherrschung festzuhalten. Für gewöhnlich war es eine Leichtigkeit, ihre Instinkte unter Kontrolle zu halten. Aber bei ihm war alles anders. Miles schnappte sich das Päckchen. Mit einem selbstgefälligen Lächeln lehnte sich der Mistkerl zurück in den Sitz. »Und wo sollst du es abliefern?«
   »Joey Matriano.«
   Das Grinsen verschwand unvermittelt aus dem Gesicht des Wolfes. Miles ließ das dick in Packpapier eingeschlagene Etwas fallen, als wäre es mit Dornen gespickt. Laut zischend holte er Luft. »Joey Matriano? Du weißt, was in dem Paket ist?«
   »Ist es nicht. Riech daran! Ich bin kein Drogenkurier. Das Päckchen ist von seiner Schwester.« Sie fuhr rasant an und gab so viel Gas, dass die Wucht ihn zurückwarf und in den Sitz presste.
   »Warum bringt sie es ihm nicht selbst?«
   Ein auf den ersten Blick logischer Einwand, den der Wolf einbrachte. Doch auch dafür gab es eine schlüssige Erklärung.
   »Joey will sie aus seinen Machenschaften heraushalten. Deswegen meidet er den persönlichen Kontakt zu seiner Familie. Ich bin ihr Bote und Mittelsmann.«
   »Und du erhältst für diese Tätigkeiten eine angemessene Bezahlung?« Der Wolf krallte seine rechte Hand krampfhaft um den Türgriff. Sie verspürte ein nicht geringes Maß Schadenfreude. Im Augenblick verfluchte er sich gewiss für seine tollkühne Tat, mit ihr ins Auto zu steigen. Jade fuhr gern schnell, doch mit ihren Fahrkünsten war es nicht weit her. »Ich erhalte meine Vergütung von Joey. Möglicherweise bekomme ich heute ein paar Extrakröten, weil ich so flott war und mitten in der Nacht allein mit der Lieferung aufwarte.«
   »Du bist nicht allein«, erinnerte der Wolf sie. Ein verschmitztes Lächeln kräuselte abermals seine Lippen. Er hatte sich von seinem ersten Schock erholt und lungerte lässig neben ihr auf dem Beifahrersitz. »Du fährst beschissen Auto, Kitty!«
   »Ich habe dich nicht gebeten, mich zu begleiten. Und jetzt Klappe, Wolf. Wir sind gleich da.«

Joeys Bordell war als Stripteasebar getarnt. Wie ungemein fantasievoll. Jade stiefelte die Treppen nach oben. Bereits vor der Tür wurde sie von wummernden Bässen und greller Neonreklame empfangen. Zumindest hatte sie den Wolf überreden können, im Fahrzeug zu bleiben. Joey mochte keine unbekannten Gesichter und mit Ewan, Miles’ Boss, lag er seit Jahren im Clinch. Sie hoffte, dass Joey heute Abend nicht vor Ort war. Nur selten hatte sie das unzweifelhafte Vergnügen, dem Gangsterboss über den Weg zu laufen. Er machte sich rar und zeigte sich fast nie in der Öffentlichkeit. Sein Aufenthaltsort war ein gut gehütetes Geheimnis, da er es seinen Feinden nicht allzu leicht machen wollte. Sie würde das Paket seiner Nummer Zwei übergeben, ihren Lohn kassieren und das war es.
   »Jade«, brummte der hünenhafte Bubba und gaffte ihr unverblümt auf die Brüste. Die Art, wie er ihren Namen klingen ließ, missfiel ihr. Die Ausdünstung seiner aufkeimenden sexuellen Erregung setzte der Situation noch das i-Tüpfelchen auf. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sie ihn dafür büßen lassen. Heute wollte sie ihren Auftrag nur schleunigst hinter sich bringen und diesem Ort den Rücken zukehren.

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