Gibt es die einzig wahre, große Liebe nur einmal im Leben? Als sich Alexandra Logan in Ben Hunter verliebt, sexy Surfer mit unverschämt blauen Augen und Mitinhaber eines süßen Cafés in Adelaide, ist sie davon überzeugt, dass Ben ihr Seelenverwandter ist, ihr zweites Ich. Die Verbindung zwischen ihnen ist magisch und leidenschaftlich. Dennoch zerbricht die Beziehung, weil Allie einen lang gehegten Traum verwirklicht. Allie kann Ben jedoch nicht vergessen. Auch nicht, als sie Jack begegnet, dem attraktiven Schriftsteller mit dem charmanten Grübchen in der Wange, der eine Schwäche für sie hegt, und der Frauen nach einer bitteren Erfahrung eigentlich abgeschworen hat. Zwischen ihnen prickelt es, aber es ist Ben, nach dem sich Allies Herz sehnt . Überraschend tritt er wieder in ihr Leben, und Allie muss sich entscheiden. Wird sie dem Ruf der verführerischen Sehnsucht folgen? Eine mitreißende, berührende und prickelnde Suche nach der wahren Liebe, eingebettet in die atemberaubende Kulisse Australiens.

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-53-004-5
Kindle: 978-9963-53-006-9
pdf: 978-9963-53-003-8

Zeichen: 479.091

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-002-1

Seiten: 288

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Kate Sunday

Kate Sunday
Kate Sunday ist ein Pseudonym der deutschen Autorin Kerstin Sonntag. Seit 2012 verzaubert sie ihre Leser mit gefühlvollen, romantischen Liebesgeschichten. Als Kate Lynn Mason schreibt sie prickelnd-erotische, sexy Romance sowie New Adult. Unter ihrem richtigen Namen entwirft sie Geschichten für Kinder. Geboren in Köln und aufgewachsen in Süddeutschland, arbeitet und lebt die Autorin heute mit ihrer Familie an der Bergstraße. Sie ist Mitglied bei Delia, der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

»Noch ein einziger Bissen und ich laufe Gefahr, ins Gehege zu den fetten Wombats im Adelaide Zoo gesteckt zu werden.« Tessa streckte Allie die wenig
   appetitlichen Reste eines in Pastetenteig eingerollten Grillwürstchens entgegen.
   »Danke, lass mal gut sein.« Lachend ließ sich Allie unter den goldgelben Blüten einer Akazie auf dem gepflegten Campusrasen nieder. »Ich verstehe sowieso nicht, wie du bei der Hitze überhaupt etwas hinunterbringst.«
   Tessa stieß ein vernehmliches Bäuerchen aus und warf das Würstchen in den nahe gelegenen Mülleimer. »Ups, sorry. Du kennst mich doch. Ich verspüre das dringende Bedürfnis, mich durch alle Spezialitäten der Mensa zu futtern. Schließlich muss ich meine Figur ja irgendwie halten.« In ihren schokoladenbraunen Augen blitzte der Schalk, als sie über ihre üppigen Rundungen strich.
   Allie liebte es, wie sich Tessa gern selbst auf die Schippe nahm. Das machte ihren ganz eigenen Charme aus. »Teresa Garcia, du bist einfach unmöglich«, sagte sie warm.
   »Weshalb du verrückt nach mir bist, liebste Alexandra Logan.« Tessa plumpste neben ihr ins Gras.
   »Stimmt.« Dem hatte Allie nichts entgegenzusetzen. Tessa war die beste Freundin, die sich ein Mädchen wünschen konnte. Fast dreieinhalb Jahre gingen sie schon miteinander durch dick und dünn. Aber auch wenn sich ihre gemeinsame Zeit an der Uni dem Ende zuneigte, weigerte sich Allie, dem leisen Gefühl des Bedauerns Beachtung zu schenken. Schließlich erwartete sie nach dem Studium eine aufregende, neue Welt voller wunderbarer Möglichkeiten. Sie würde sie nutzen, wollte ihre Flügel ausbreiten, andere Menschen und Städte kennenlernen. Ihren Horizont erweitern und in ihrem Traumberuf arbeiten. Seit ihrem Highschoolabschluss fieberte sie darauf hin, Kinderbücher zu illustrieren. In Gedanken sah sie sich bereits in einem hellen, freundlichen Verlagsbüro am PC sitzen – mit Lesebrille, hochgestecktem Haar und einem Stift hinter dem Ohr, während ihr die Kollegen bewundernd über die Schulter blickten. Tessa hatte über diese Vorstellung herzhaft gelacht, aber Allie gefiel sie.
   Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Der Frühling dieses Jahr verwöhnte sie mit außergewöhnlich heißen Tagen. In der Luft hing der süße Duft von jungen Blüten, und die Sonne schien von einem ungetrübten Septemberhimmel. Das Leben war schön. Manchmal. Es konnte dich in tiefe Dunkelheit und Verzweiflung stürzen, aber auch in ungeahnte Höhen katapultieren.
   Unvermittelt schob sich ein bestimmter junger Mann in Allies Gedanken. Augen, leuchtend blau wie das Wasser des Blue Lake von Mount Gambier. Breite Schultern und ein sexy Hinterteil, dem so manche Studentin gern hinterherblickte. Blondes Haar, immer ein wenig verstrubbelt, als wäre er gerade eben erst aufgestanden. Schon oft hatte sie sich gefragt, wer der süße Typ war, der jeden Tag gegen zehn Uhr mit einem Stapel Kisten durch die Mensa lief. Immer, wenn sie ihn sah, wünschte sie sich, er würde sich nach ihr umdrehen. Leider war ihr dieser Wunsch bisher verwehrt geblieben, auch wenn er die eine oder andere Studentin, die seinen Weg kreuzte, mit einem süßen Lächeln bedachte. Vielleicht sollte sie sich einfach mal in seine Schusslinie begeben, sodass er nicht anders konnte, als sie zu registrieren? Schon bei dem Gedanken daran begann ihr Herz, schneller zu schlagen. Zu dumm, dass sie nicht der Hoppla-hier-bin-ich-Typ war. Das Flirten überließ sie grundsätzlich lieber den Männern. Andererseits, es würde ohnehin zu nichts führen. Ihre letzte Beziehung war vor einem Dreivierteljahr zerbrochen. Es war ein furchtbares Kuddelmuddel gewesen, ein Drama, geprägt von Misstrauen und Eifersucht. Sie hatte lang daran zu knabbern gehabt. Sie war an keiner neuen Liebe interessiert. Schon gar nicht so kurz vor Abschluss ihres Studiums.
   »Allie?
   »Hm?«
   »Was hältst du davon, noch ein bisschen unten am Fluss abzuhängen? Vor dem Festival Centre soll eine coole neue Band spielen, hast du Lust?«
   »Hm.« Allies Gedankenkarussell drehte sich ungerührt weiter. Gut aussehende Typen liefen an der Uni mehr als genug herum. Tessa sagte immer, welcher Topf hier nicht den passenden Deckel für sich entdeckte, musste entweder blind oder scheintot sein. Tessas Deckel hörte auf den Namen Ryan. Ein Gelegenheitsstudent der Biologie, mit dem sie seit dem vierten Semester mehr oder weniger unregelmäßig abhing. Allie war sich nicht sicher, ob Ryan, der mit Hingabe sein dunkles Rebellenimage pflegte, es mit Tessa ernst meinte. Sie konnte ihren Finger nicht darauf legen, aber irgendetwas hatte der Kerl an sich, das ihr suspekt schien. Sie traute ihm nicht. Sie wusste, dass sich Tessa nach einer Familie und Kindern sehnte. Allie bezweifelte, dass Ryan der Richtige war. Weil Tessa aber jede behutsame Warnung in den Wind schlug, hatte Allie es aufgegeben, etwas gegen Ryan zu sagen. Und eigentlich schien es zwischen den beiden mittlerweile ganz gut zu laufen. Vielleicht hatte sie sich auch geirrt und einfach zu viel hineininterpretiert. Zurück zu ihrem heißen blonden Unbekannten.
   Tessa stupste sie an. »Träumst du schon wieder? Lass mich raten. Es ist der Mensatyp, hab ich recht?«
   Blinzelnd drehte Allie den Kopf. »Du hast ihn doch gesehen. Wie kann ich nicht von ihm träumen?« Sie grinste breit. »Träumen ist ja schließlich erlaubt.«
   »Okay, er ist nicht übel.« Tessa rollte mit den Augen. »Ja, du hast recht, er ist sexy. Aber …«
   »… kein Vergleich zu Ryan«, vervollständigte Allie ihren Satz.
   »Du sagst es. Also«, Tessa klemmte sich ihre Bücher unter den Arm, »wollen wir aufbrechen, oder musst du heute noch irgendwelche knackigen Hinterteile abzeichnen?«
   Allie prustete los. »Typisch Tess. Wie oft soll ich dir eigentlich noch sagen, dass das Grafikdesignstudium nichts mit Aktmalerei zu tun hat?«
   »Schade eigentlich. Sonst hätte ich mir diesen Studiengang auch ausgesucht. Verwaltungswesen ist so trocken, dass selbst die Milben in den dunklen Ecken der Vorlesungssäle unter Staublungen leiden.«
   »Tja, du hattest die Wahl.«
   »Nicht wirklich, das weißt du.« Teresa hatte ihrem Vater, einem Anwalt mit Leib und Seele, am Sterbebett versprochen, in seine Fußstapfen zu treten. Sie wollte Emilio Garcia stolz machen. Ihn und ihre Familie. Sie sprang auf. »Na komm schon, schwing deinen hübschen Hintern hoch. Wir bringen die Bücher ins Wohnheim, werfen einen Happen bei Hungry Jack’s ein und sehen danach, was unten am Fluss los ist. Komm schon, sag Ja.« Sie bedachte Allie mit einem herzzerreißenden Hundeblick. Normalerweise verbrachte Tessa die Freitagabende mit Ryan, deshalb hatte Allie vorgehabt, es sich nach dem obligatorischen Telefongespräch mit ihren Eltern in ihrem Zimmer mit einer Pizza von Luigi’s und ihrem neuesten Schmöker gemütlich zu machen.
   »Haben du und Ryan nichts vor?«, fragte sie beiläufig und warf sich ihren Rucksack über die Schulter. In dem Moment, da sie einen Schatten über das Gesicht ihrer Freundin gleiten sah, bereute sie auch schon ihre Frage.
   Tessa zuckte betont gleichgültig mit den Achseln. »Offensichtlich nicht. Er murmelte irgendwas von einem wichtigen Termin, den er nicht verschieben könne. Freitagabend, klar. Ach, was soll’s.« Sie zog eine Grimasse. »Kommst du nun?«
   »Na klar.« Allie beschlich das dumpfe Gefühl, dass mit Ryan etwas im Busch war. Sie hoffte, dass ihre Intuition sie täuschte. Zuversichtlich strahlte sie ihre Freundin an und hakte sie unter. Der Kies knirschte unter ihren Sneakern, als sie Arm in Arm das Campusgelände verließen.

Sie brauchten keine fünf Minuten von Hungry Jack’s bis zum Festival Centre am River Torrens. Im Stadtzentrum war alles innerhalb weniger Gehminuten erreichbar. Im Osten flankiert von sanften Hügeln, im Westen von herrlichen Stränden, vermittelte die größte Stadt Südaustraliens mit ihren weitläufigen Parkanlagen, den historischen Gebäuden, breiten Straßen, Cafés und Restaurants einen fast gemütlichen Eindruck. Violette, blaue, pinkfarbene und gelbe Tupfen übersäten die Rasenfläche vor dem Festival Centre. Vor einer provisorisch errichteten Holzbühne an der Stirnseite des Gebäudes herrschte dichtes Gedränge. Allie reckte den Hals, um einen Blick auf die finster aussehenden Gestalten im Lederlook zu werfen, die ihren Gitarren rockige, keltisch angehauchte Klänge entlockten. Sie ertappte sich dabei, wie sie im Takt der Musik mit dem Kopf nickte. Diese Musikrichtung hatte ihr schon immer besonders gut gefallen. Ihr Herz pochte schneller, als sie den Blick über die unzähligen Köpfe schweifen ließ. Vielleicht war er hier? Ach, vergiss es, Logan. In einem guten halben Jahr war Adelaide Geschichte. Und dieser Unbekannte, der ihr nicht aus dem Kopf gehen wollte, ebenso.
   Tessa legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Hey Allie, coole Musik, oder? Ich würde …« Ihre Worte wurden von den rhythmischen Klängen der Band verschluckt.
   »Ich kann dich nicht verstehen!« Allie deutete ihrer Freundin an, zur Promenade hinunterzugehen, wo sich weniger Menschen tummelten und der Lärm nur halb so stark war. Mit Mühe gelang es ihnen, sich an den singenden und tanzenden Menschen vorbeizuschlängeln. Sie durchquerten einen Zipfel des Elder Parks, ließen die bunten Tretboote hinter sich und erreichten eine wenig bevölkerte Rasenfläche am Flussufer. Allie machte es sich Tess gegenüber im Schneidersitz auf dem satten Grün bequem. »War eine klasse Idee von dir«, rief sie.
   Tessa nickte. Sie klopfte mit den Handflächen auf ihren Oberschenkeln den Takt der Musik mit. »Musha ringum duram da, Whack fol the daddy-o. There’s whiskey in the jar«, sang sie ebenso laut wie falsch, was angesichts der Tatsache, dass mehr oder weniger alle Konzertbesucher mitgrölten, niemanden störte.
   »Siehst du«, meinte sie zu Allie, als der tosende Applaus langsam verebbte, »sie spielen sogar Musik aus deiner Heimat.«
   »Wie bitte?« Allie zog eine Braue hoch. »Süße, du verwechselst das schon wieder. Ich stamme aus Cornwall. Das gehört zu England, nicht Irland.«
   Tessa klatschte sich gegen die Stirn. »Oh bloody hell, sorry, mate. Du weißt, ich bin Geografie-Legasthenikerin. Aber in Down Under scheinen wir so ewig weit weg vom Rest der Welt zu sein, dass ich diese Dinge immer wieder durcheinanderbringe.« Sie schob ihre Unterlippe vor und klimperte mit den Wimpern. »Verzeihst du mir?«
   »Dir doch immer, du verrücktes Huhn.« Allie sah schmunzelnd einem Pärchen schwarzer Schwäne hinterher, das über das in der Sonne kupfergolden funkelnde Wasser des River Torrens glitt. Auf ihre Unterarme gestützt lehnte sie sich zurück und genoss, wie die leichte Brise, die vom Fluss wehte, fast zärtlich über ihre nackte Haut strich. Leise summte sie die Worte des nächsten Lieds mit, das die Band anstimmte. Mein Herz ist daheim. Ja, dachte sie, es war genauso wie in dem Lied, das sie aus der Fernsehserie McLeod’s Töchter kannte. Ihr Herz war hier zu Hause. Hier in Australien, auf dem roten weiten Kontinent. Vor rund zehn Jahren war sie mit ihrer Familie aus England gekommen, um den schrecklichen Erinnerungen zu entfliehen. Anders als ihre zarte Mum hatten sich Allie und Dad rasch eingelebt. Mum hingegen litt unter der Hitze der Sommermonate. Häufige Migräneanfälle und Kreislaufprobleme machten ihr zu schaffen. Sie sehnte sich nach dem milden Klima Cornwalls zurück, nach dem sanft fallenden Regen, den grünen Hügeln, und nicht zuletzt nach ihren englischen Freunden und Verwandten. Als der Arzt ihr riet, über eine Rückkehr nachzudenken, entschlossen sich Allies Eltern schweren Herzens, heimzukehren. Sie schlugen Allie, die in Adelaide mit ihrem Studium begonnen hatte, vor, mit ihnen zu kommen. Allie lehnte ab. Australien war ihr inzwischen zur Heimat geworden. Sie konnte sich nicht vorstellen, das Land zu verlassen. Natürlich hätte sie es vorgezogen, wenn Mum und Dad geblieben wären, doch schließlich war sie erwachsen und durchaus in der Lage, allein zurechtzukommen. Trotzdem war die erste Zeit allein im Wohnheim unter Fremden nicht einfach gewesen. Aber dann lernte Allie auf einer Studentenfete Tessa Garcia kennen, und die Einsamkeit ließ sich leichter ertragen.
   I’m too sexy for my love … Tessas Handyklingelton, der nicht nur Allie, sondern auch sämtlichen Anwesenden im Umkreis ein Schmunzeln entlockte, brachte sie zurück in die Gegenwart.
   Tessa warf ihr einen vielsagenden Blick zu, als sie das Telefon nicht ohne Mühe aus der hinteren Hosentasche ihrer knapp sitzenden Shorts zog. »Ryan«, informierte sie Allie, bevor sie den Anruf entgegennahm. »Ryan? Was? Du musst lauter sprechen, ich …« Sie verstummte und begann an ihrer Unterlippe zu knabbern. Ihr Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Sämtliche Farbe war aus ihren Wangen gewichen, als sie das Handy vom Ohr nahm und wie in Trance zusammenklappte. In ihren dunklen Augen glitzerte es verdächtig, als sie den Blick auf Allie richtete. »Ryan hat mit mir Schluss gemacht.«

Allie nahm das monotone Brummen des stetig dahinfließenden Verkehrs von der North Terrace, das sich mit dem melodischen Flöten der Magpies auf dem Campus vermischte, nur am Rande wahr. Sie war tief in Gedanken, als sie zum Unigebäude hastete, in dem der Kurs für Visualisierung stattfand. Nachdem Ryan Tessa am Abend zuvor per Handy abserviert hatte, hatte Tess darauf bestanden, sofort ins Wohnheim zurückzukehren, coole keltische Rockmusik hin oder her. Der Abend war für sie gelaufen. Allie hatte sich zu ihr aufs Bett gesetzt und sie gehalten, bis das schreckliche Schluchzen verebbt war. Danach hatte sie einen ewig langen, von furchterregendem Schluckauf unterbrochenen Monolog über sich ergehen lassen, in dem es hauptsächlich darum ging, dass Ryan ein feiger Frauenheld und sie, Tessa, eine naive fette Kuh sei. Es war unmöglich gewesen, ihre Freundin zu trösten. Tessas Worten nach hatte sich Ryan in eine andere verliebt, irgendeine Kellnerin in einem angesagten Nachtklub. Sicher eine heiße, superschlanke Sheila, hatte sie mit verächtlich verzogenem Mund ausgestoßen, bevor sie erneut von einem Anfall heftiger Schluchzer durchgeschüttelt wurde. Allie hatte sich kurzerhand aus ihrem Zimmer das Bettzeug geschnappt und vor Tessas Bett auf dem Boden campiert. Sie hatten bis tief in die Nacht geredet, und natürlich hatte Allie heute früh verpennt. Jetzt war sie spät dran und hatte zudem vergessen, sich ihre Locken ordentlich zusammenzubinden, die ihr beim Rennen ständig ins Gesicht fielen. Sie hoffte, dass es Tess, die heute blaumachte, inzwischen ein wenig besser ging. Sie würde später bei ihr klingeln.
   Ihr Gedankenstrom stoppte abrupt, als sie gegen eine harte Brust prallte. Der Rucksack glitt von ihrer Schulter und ein paar Bücher rutschten heraus. »Scheiße«, stieß sie undamenhaft aus.
   »Sorry. Aber du scheinst geträumt zu haben.«
   Allie schoss heiße Röte ins Gesicht, als sie realisierte, wessen blaue Augen sie von oben herab musterten. Verdammt! »Oh.« Super, Allie Logan. Mehr fällt dir nicht ein, als oh? Sie schloss den Mund und bückte sich hastig. Dummerweise ging der Unbekannte im selben Moment in die Knie. Das Geräusch ihrer aneinanderprallenden Köpfe war nicht hübsch. »Ach Mist!« Allie funkelte den jungen Mann an und presste ihre flache Hand auf die schmerzende Stelle.
   Er rieb sich ebenfalls die Stirn. »Dein Wortschatz scheint sich auf Schimpfworte zu beschränken, was?«
   Ihr stockte der Atem. O mein Gott. Seine Augen mit den lächerlich langen Wimpern – durfte ein Mann überhaupt solche Wimpern besitzen? – waren aus der Nähe noch viel schöner, als sie gedacht hatte. Im tiefen Blau seiner Iris tanzten blassgrüne Pünktchen. Sie versank in diesem unglaublich blauen Meer und kramte in ihrem Hirn nach einer passenden Antwort. Noch bevor sie etwas entgegnen konnte, richtete sich Adonis auf und streckte ihr gönnerhaft eine Hand entgegen. »Na komm.«
   Moment mal. Dachte er nicht daran, sich zu entschuldigen? Oder entsprach es seiner Art, fremde Frauen umzurennen? Sie ignorierte seine Geste und sprang auf. »Bemüh dich nicht. Ich komme gut allein Karl. Ich meine klar.« Wenn es überhaupt möglich war, verstärkte sich die Hitze auf ihren Wangen.
   Seine Lippen verzogen sich zu einem frechen Grinsen und Allie fühlte, wie das Blut in ihren glühenden Ohren rauschte. Bugger. Dieses leicht schiefe, etwas arrogante Lächeln war unglaublich unverschämt sexy. Wie gebannt starrte sie auf seinen Mund.
   Er reichte ihr den Rucksack. »Wollen wir mal hoffen, du behältst keine bleibenden Schäden.«
   Doofmann. Der Kerl sah wahnsinnig gut aus, zugegeben. Allerdings schien er ein Stinkstiefel zu sein. Umso besser. Mit vorgestrecktem Kinn warf sie sich den Rucksack über die Schulter und gab sich alle Mühe, seinen belustigten Blick kühl zurückzugeben. »Keine Sorge. So einen nachhaltigen Eindruck wirst du nicht hinterlassen.« Sie drehte sich auf dem Absatz um und lief davon. Ein kleiner Ast unter ihrer Sohle wurde ihr beinahe zum Verhängnis. Sie strauchelte, konnte sich zum Glück aber fangen.
   »Äh – warst du nicht eigentlich in die andere Richtung unterwegs?«
   Verdammt, verdammt! Dieser Kerl brachte sie völlig aus dem Konzept. Er hatte recht. Wenn sie aber zugab, dass sie tatsächlich in die falsche Richtung lief … zu peinlich. Diese Genugtuung wollte sie ihm nicht geben. Sie würde die Vorlesung verpassen. Mit Knien wie Wackelpudding ging sie hoch erhobenen Hauptes weiter, an den imposanten roten Backsteingebäuden, den Eukalyptusbäumen vorbei und durch das schmiedeeiserne Tor. Die rote Fußgängerampel am Victoria Drive stoppte schließlich ihre Flucht. Die ganze Zeit über meinte sie, die brennenden Blicke des Unbekannten in ihrem Rücken zu spüren. Was natürlich völliger Unsinn war. Bestimmt hatte der Mann Besseres zu tun, als hysterischen Frauen hinterherzuschauen. Das also war die lang ersehnte Begegnung mit ihrem Traummann gewesen. Die hatte sie gründlich versemmelt. Nicht mal seinen Namen hatte sie in Erfahrung gebracht. Warum hatte sie auch wie eine Wahnsinnige davonrennen müssen? Ganz toll, Allie Logan. Einfach toll.

Allie kreuzte ihre Arme vor der Brust und starrte aus dem Fenster des dritten Stocks hinab auf die Straße. »Ich bin so ein Volltrottel.« Nach der wenig rühmlichen Begegnung war sie kurz entschlossen zurück ins Wohnheim gestapft und hatte bei Tessa an die Zimmertür geklopft.
   »Wovon sprichst du?« Tessa schniefte in ihrem Rücken.
   Sie drehte sich zu Tessa um. Ihre Freundin kauerte wie ein Häuflein Elend in eine bunte Baumwollhäkeldecke gehüllt auf dem Bett. »Ach Gott. Entschuldige, Süße. Ich bin blöd. Dir geht es nicht gut und ich benehme mich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen.«
   Tessa schüttelte den Kopf. »Ist schon in Ordnung. Erzähl mir, was passiert ist. Vielleicht lenkt mich das ein bisschen ab.«
   »Sicher?«
   »Sicher.« Tessa schnäuzte sich lautstark die Nase und straffte ihren Rücken. »Also. Was ist geschehen, dass du deine Vorlesung bei Professor Lockhart sausen lässt?«
   Unwillkürlich musste Allie schmunzeln. Ihre Kommilitonen hatten dem blonden Schönling, der verblüffend an Harry Potters eleganten Lehrer der Verteidigung gegen die dunklen Künste erinnerte, diesen treffenden Namen verpasst. Kaum jemand konnte sich an seinen richtigen erinnern. »Stell dir vor, Tess, ich hatte vorhin … also, ich bin direkt in ihn hineingerannt.«
   Ihre Freundin runzelte die Stirn. »In Gilderoy Lockhart?«
   Allie lachte. »Unsinn, Dummerchen.« Sie löste sich vom Fenster und gesellte sich zu Tessa auf die Bettkante. »Ich meine den gut aussehenden Kerl aus der Mensa.«
   »Und der hat dich davon abgehalten, brav deine Vorlesung zu besuchen?« Tessa tupfte sich die gerötete Nasenspitze.
   »In gewisser Weise. Ich war so perplex, dass ich vor ihm geflüchtet bin wie ein kopfloses Huhn.«
   »Kein sehr ansprechender Vergleich.« In Tessas traurigen Augen blitzte ein Fünkchen alter Humor auf.
   »Dummerweise weiß ich noch immer nicht, wie er heißt, Tess. Ich bin einfach abgehauen, weil mich seine Nähe so verwirrt hat. Und dann auch noch in die falsche Richtung. Deshalb bin ich wieder hier gelandet und nicht in Lockharts Vorlesung.«
   »Ach so. Ich dachte schon, du wärst vor Sehnsucht nach mir überwältigt worden.«
   Allie lachte. Sie war erleichtert, etwas von Tessas fröhlichem Selbst zurückkehren zu sehen. Sie legte ihr eine Hand auf den Arm. »Gott, Tess, er sieht so wahnsinnig gut aus. Seine Augen sind unglaublich blau. Wie konnte ich ihn einfach wieder gehen lassen?«
   Tessa schüttelte den Kopf. »Alexandra Logan, du Schussel. Dich scheint es ganz schön erwischt zu haben. Und nun?«
   Allie zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Soll ich ihn das nächste Mal ansprechen, wenn er mir über den Weg läuft?«
   »Das wäre zumindest eine Möglichkeit.«
   »Und wenn er schon vergeben ist?«
   »Dann wirst du das schon erfahren.« Tessa gab sich pragmatisch wie immer.
   »Andererseits, Tess, du weißt, ich hab sowieso kein Interesse an einer Beziehung.« Allie knabberte an ihrem Daumennagel.
   Tessa rollte mit den dunklen Augen. »Mein Gott, Allie, bist du kompliziert.«
   »Er geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf.« Sehnsucht zupfte an Allies Herzen. Gleichzeitig ärgerte sie sich darüber, dass sie die Gedanken an den Fremden mit dem unverschämt schiefen Grinsen nicht mehr loswurde. »Was soll ich nur machen?«
   »Nichts«, kam die trockene Antwort. »Genieße einfach seinen Anblick.« Tessa sprach nicht aus, was ihnen beiden durch den Kopf ging. In ein paar Monaten wäre Allie vermutlich sowieso nicht mehr in der Stadt und der sexy Fremde längst vergessen.
   Über den asphaltierten Straßen von Adelaide flimmerte die sirupträge Luft, und dicke, dunkle Wolken verhüllten die Hügel der Mount Lofty Ranges. Es sah schwer nach Gewitter aus. Allie fuhr sich mit dem Arm über die Stirn, um den Schweiß abzuwischen. Sie hätte es besser wissen müssen. Als sie vor einer halben Stunde bei Tessa angeklopft und gefragt hatte, ob sie mitjoggen wolle, hatte ihre Freundin, auf dem Bett in einer Zeitschrift blätternd, die Brauen gehoben. »Ist nicht dein Ernst, Allie, oder? Schon bemerkt, wie abartig heiß es ist? Mich kriegen heute keine zehn Pferde dazu, mich zu bewegen, sorry.«
   »Heute?«, hatte Allie gekontert. Tessa war eher der bequeme Typ, während sich Allie bemühte, zumindest jeden zweiten Tag im Elder Park ein paar Runden zu drehen. Der Figur wegen. Nicht, dass sie etwas zu meckern hätte, aber so sollte es auch bleiben. Zum Glück hatte sie Mums zierliche Statur geerbt. Allerdings musste sie Tessa zustimmen. Es war viel zu stickig, um zu laufen. Sie wünschte, sie hätte etwas zu trinken mitgenommen. Eine eisgekühlte Diet Coke zum Beispiel. In ihrer Kehle kitzelte es. Hustend blieb sie stehen.
   Ein vorbeilaufender Jogger warf ihr einen Seitenblick zu. »Hey, Lady, alles in Ordnung?«
   Noch so ein Verrückter. Sie nickte, hustete noch immer und machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand. Sie würde umkehren, heimgehen und eine kalte Dusche nehmen, entschied sie, als sie dem Fremden hinterherblickte. Vielleicht könnte sie Tessa zu einem leckeren Eis bei Wendy’s Cupcakery überreden? Als sich der dumme Hustenreiz endlich gelegt hatte, machte sie sich auf den Rückweg und nahm eine Abkürzung. Nach ein paar Minuten erreichte sie die Pirie Street, ein schmales Sträßchen parallel zur Rundle Mall, der lebhaften Einkaufsmeile Adelaides. Ein paar junge Leute quollen aus der Tür eines Cafés und versperrten ihr den Weg. Offensichtlich bestens gelaunt sangen sie schief, aber inbrünstig, die ersten Zeilen von Waltzing Matilda.
   Unwillkürlich fiel Allies Blick auf einen der jungen Männer und ihr Herz begann prompt, wild in ihrer Brust zu wummern. Sie hatte nicht damit gerechnet, ihn hier und jetzt wiederzusehen. O mein Gott! Sicher sah sie wie eine Vogelscheuche aus. Sie hatte sich beim Ankleiden keine besondere Mühe gegeben und trug eine verwaschene Jeans mit abgeschnittenen Beinen und ein einfaches, ärmelloses Top. Um der Hitze zu trotzen, hatte sie ihre Locken mit einem Gummiband gebändigt. Nie im Leben hätte sie gedacht, dass sie ihm über den Weg laufen würde. Wenn sie es geschickt anstellte, könnte sie vielleicht unbemerkt auf die andere Straßenseite …
   »Alexandra? Alex Logan?«
   Sie erstarrte. Mist, Mist, Mist! Als sie aufsah, fand sie sich einem Kommilitonen gegenüber. Kenny Travers war ein Idiot, der seine sommersprossige Nase mit Vorliebe in Dinge steckte, die ihn nichts angingen. Mit einem falschen Lächeln nickte sie ihm flüchtig zu.
   »Was ist los, love? Hab ich die Pest oder warum flüchtest du?« Kenny stieß ein provozierendes Lachen aus.
   Still fluchend ergab sich Allie in ihr Schicksal. Sie wandte sich der Gruppe zu. Oh bugger, bestimmt bekam sie wieder diese blöden roten Flecken am Hals, die jedes Mal auftauchten, wenn sie sich aufregte. Was gäbe sie jetzt für ein kleines, dunkles Mauseloch zum Hineinschlüpfen? Die Haut in ihrem Gesicht fing an zu prickeln. Winzige Schweißperlen kullerten ihre Wirbelsäule hinab. »Hi Kenny.« Sie spürte die Blicke des unbekannten Blonden auf sich, während sie ihren Kommilitonen fixierte. »Was machst du denn hier?«
   Kenny entblößte eine Reihe schiefer Zähne. »Was ich hier mache, Zuckerpuppe?« Er deutete mit dem Kinn zu dem verzierten schmiedeeisernen Schild, das schräg über seinem feuerroten Schopf baumelte. Pig & Whistle – fine tea and scones stand in schwarzen geschwungenen Lettern darauf. »Bens Mum hat eine Runde spendiert.«
   Hitze schoss ihr in die Wangen, als sie seiner Kopfbewegung folgte und ihr Blick von einem bestimmten Paar blauer Augen gehalten wurde. Ben hieß er also. Die Art, wie er mit den Händen in den Hosentaschen vergraben dastand und sie betrachtete, drückte Gelassenheit aus. Unverblümt unterzog er sie einer Musterung. Ihr Shirt, die Kurven ihrer Hüften und ihre nackten Beine. Auf ihrer Haut flammte ein Feuer auf. Sie registrierte, wie sich das ärmellose T-Shirt, das die Farbe seiner Augen widerspiegelte, über seiner Brust spannte. Auf seinem linken Oberarm, wo sich unter der sonnengeküssten Haut die Muskeln abzeichneten, prangte ein Tattoo. Eine Schlange, die sich um eine langstielige Rose wand. Ihr Herz klopfte noch ein wenig schneller. Was für eine aufregende Mischung aus Männlichkeit und filigraner Zartheit. Der Mann war hinreißend. Eigentlich genau ihr Typ. Unwillkürlich fuhr sie mit der Zunge über ihre Lippen.
   »Hast du meinen Anblick genug genossen? Oder möchtest du noch ein bisschen?« Bens Mundwinkel zuckten, als er die Arme vor der Brust verschränkte.
   Unverschämt war er. Aber das war ja nichts Neues. »Bild dir mal nichts ein«, entgegnete sie betont gleichgültig, wobei sie sich bemühte, die feinen goldenen Härchen auf seinen sehnigen Unterarmen zu ignorieren.
   »Du bist das streitbare Weibsbild vom Unicampus, das mir vorgestern in die Arme gelaufen ist, richtig?«, stellte er mit einem Funkeln in den Augen fest.
   Kenny enthob sie einer Antwort. »Ey, Hunter, wir ziehen weiter. Komm nach ins Blue Elephant, wenn du mit Turteln fertig bist.« Er warf Allie einen anzüglichen Blick zu, bevor er lachend mit den anderen davonzog.
   Allies Wangen brannten. Kenny war so ein Blödmann. Was hatte Ben mit ihm zu schaffen? »Du kennst Kenny?«, wollte sie wissen.
   »Du magst ihn nicht«, folgerte er messerscharf.
   »Nicht besonders.«
   »Tja.« Er fuhr sich über das glatt rasierte Kinn. »Ich gebe zu, er ist nicht der charmanteste Kerl von Adelaide. Ich kenne ihn schon ewig. Wir waren zusammen auf der Highschool. Er gehört zur Clique.«
   Kurz entschlossen streckte sie eine Hand aus. »Ich bin übrigens Alexandra Logan. Freunde nennen mich Allie.«
   Er nahm ihre Finger in seine. »Hi Allie.«
   Die Berührung und der samtene Klang seiner dunklen Stimme schickten kleine, wohlige Schauder über ihren Rücken. »Und ihr wart hier …«, sagte sie rasch, bemüht, ihre Verlegenheit zu überspielen, und sah erneut hinauf zu dem schmiedeeisernen Schild.
   »… im Pig & Whistle«, vervollständigte er ihren Satz. »Unserem Café.«
   »Eurem?«
   »Yep.«
   »Aber ich hab dich in der Mensa an der Uni – du …« Verdammt, sie hatte sich verplappert. Ihr wurde kochend heiß unter seinem amüsierten Blick.
   »Wir beliefern die Mensa mit hausgemachten Scones und Pies.« Sein Grinsen vertiefte sich.
   Allie überlegte gerade, was sie entgegnen könnte, das sie nicht als Idiotin dastehen ließ, als tiefes Donnergrollen erklang. Es prallte von den Fassaden der höheren Gebäude ringsumher und echote durch die Straßen.
   »Da braut sich was zusammen.« Ben musterte den sich verdüsternden Himmel.
   »Hm.« Sie sollte wirklich los. Eine plötzliche Windbö blies ihr eine Haarsträhne ins Gesicht, die sich aus ihrem nachlässig gebundenen Zopf gelöst hatte. Sie strich sie zurück und wurde sich erneut ihres schäbigen Outfits bewusst. »Hör zu, ich sollte heim.« Sie machte eine fahrige Handbewegung.
   »Okay. Ich muss auch weiter. Die anderen warten auf mich.« Einen Moment schien er unschlüssig, ob er noch etwas sagen sollte, dann hob er die Hand zum Abschied. »Man sieht sich.«
   Sie sah ihm hinterher, ein sehnsüchtiges Zupfen in ihrer Brust. Gern hätte sie noch ein bisschen länger mit ihm hier gestanden. Was natürlich völliger Schwachsinn war. Der Kerl war frech, unverschämt. Und anbetungswürdig. Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie ihn damit aus ihren Gedanken vertreiben, und trat den Heimweg an.

»Ähm, Tessa, was wird das hier?« Allie vollführte eine Vollbremsung, so abrupt, dass Tessa beinahe über sie stolperte.
   »Was denn?« Tessa klimperte unschuldig mit den Wimpern. »Wir gehen spazieren, nichts weiter.«
   Allie machte eine ausschweifende Geste. »Verstehe. Und dieser kleine Spaziergang, den du mir vorgeschlagen hast, führt uns zufällig in die Pirie Street?« Sie hob ihre Brauen.
   Tessa senkte schuldbewusst den Blick. »Ist mir gar nicht aufgefallen.« Ein Grinsen zuckte um ihre Mundwinkel. »Ach komm schon, liebste Allie.« Sie knuffte ihr in die Seite. »Ich konnte dein sehnsüchtiges Schmachten nicht mehr ertragen. Du behauptest zwar, du interessierst dich nicht für diesen Ben, aber dafür sprichst du ganz schön oft von ihm. Jetzt machen wir Nägel mit Köpfen und statten seinem Café einen Besuch ab.«
   Allie stöhnte innerlich auf. Hätte sie Tessa nur nichts vom Pig & Whistle erzählt. »Och nö. Ich hab keine Lust. Lass uns hier abhauen.« Ihr Seitenblick streifte das gegenüberliegende Haus im viktorianischen Stil. Verärgert stellte sie fest, dass ihr Puls bei dem Gedanken daran, sie könnte Ben begegnen, in die Höhe schnellte. Rasch sah sie an sich hinab. »Schau nur, wie ich aussehe …«
   Tessa nahm Allies kurzen Jeansrock und das graue eng anliegende T-Shirt mit dem rot-weißen Aufdruck University of Adelaide ungerührt in Augenschein. »Mit dir ist alles in Ordnung. Hübsch wie immer. Jetzt sei kein Spielverderber, Al.« Sie zwinkerte ihr zu. »Du behauptest doch immer, dieser Hunter interessiere dich nicht. Wo liegt also das Problem?« Ihr freches Grinsen wurde breiter.
   Diese hinterlistige Tessa! Also gut, warum sollten sie im Pig & Whistle nicht einen Stopp einlegen, um einen Kaffee zu trinken? Dies hier war schließlich ein freies Land, oder? Allie reckte das Kinn. »Worauf wartest du? Wollen wir nicht hinein in die gute Stube?«
   Ihr Herz klopfte unregelmäßig, als sie den klimatisierten Raum betraten. An der Decke glitzerten bunte Lichter, etwas müde wirkende Topfpflanzen schmückten die geteilten Fensterscheiben. Hinter der blank gewienerten Theke hantierte eine kurvige Blondine mit schickem Kurzhaarschnitt an der Kaffeemaschine. Sie sah auf, als Tessa und Allie hereinkamen, bevor sie ihre Aufmerksamkeit einer Gruppe kichernder, junger Mädels zuwandte.
   Eine ältere Dame, die Zeitung lesend ihren Kaffee trank, nickte ihnen freundlich zu. Enttäuschung und Erleichterung zugleich überfielen Allie, als sie feststellte, dass Ben nicht im Café war. Sie dirigierte Tessa zu einem Tisch am Fenster, von dem aus sie das Lokal gut überschauen konnte, und setzte sich auf die mit rotem Kunstleder bezogene Holzbank. »Ist es dir hier nicht recht?« Irgendwie wirkte Tessa auf einmal traurig.
   Tessa zuckte mit den Achseln, bevor sie sich gegenüber Allie niederließ und nach der Speisekarte griff. »Nö, alles paletti.«
   »Also, ich probiere mal den Espresso Vanilla shot«, sagte Allie und musterte Tessa. »Und du?«
   »Weiß nicht. Mal sehen.« Tessa überflog stirnrunzelnd das Angebot.
   »Tess, was ist los?« Sie kannte ihre Freundin gut genug, um zu merken, dass etwas nicht stimmte.
   »Nichts.« Tessa klappte die Karte zu und senkte die Lider. »Ich kann mich nur nicht entscheiden.«
   Allie hatte das Schimmern in Tessas dunklen Augen gesehen. »Du denkst an ihn, stimmt’s?«, fragte sie leise.
   »An wen?«
   »Ach Tessa, du weißt doch, wen ich meine. Ich kann mir vorstellen, wie weh es dir noch immer tut.«
   »Ach was.« Tessa straffte ihren Rücken. »Jetzt lass uns etwas Leckeres trinken und nach deinem Ben Ausschau halten.«
   »Ryan ist es nicht wert, dass du …«
   »Hör zu«, unterbrach Tessa, »ich weine diesem Dreckskerl keine Träne nach.«
   Allie langte über den Tisch hinweg nach ihrer Hand und drückte sie. Auch wenn Tessa dies vehement bestritt, wusste sie, dass ihre Freundin an der Trennung zu knabbern hatte. Mehr als einmal hatte sie angedeutet, sich eine Zukunft mit Ryan vorstellen zu können. »Du wirst ihm eines Tages begegnen – deinem Traumprinzen. Und dann wirst du deinen Stall voll Kinder schneller bekommen, als dir lieb ist.«
   Tessa reagierte mit einem schiefen Lächeln. Bevor sie jedoch etwas entgegnen konnte, eilte eine zierliche Frau mittleren Alters herbei, um ihre Bestellung aufzunehmen. Ihr helles, gelocktes Haar trug sie locker hochgesteckt.
   »Herzlich willkommen im Pig & Whistle. Ich bin Liz Hunter. Was darf ich Ihnen bringen?«
   Allie warf Tessa einen vielsagenden Blick zu, bevor sie die Frau einer unauffälligen Musterung unterzog. Das musste Bens Mum sein. Ihre attraktiven Gesichtszüge ähnelten denen ihres Sohnes. Die Augen mit den unzähligen Lachfältchen leuchteten in demselben unvergleichlichen Blau. Sie schenkte Liz ein warmes Lächeln. »Ich hätte gern einen doppelten Espresso Vanilla shot, bitte. Tess?«
   Tessa steckte die Nase abermals in die Karte. »Diet Coke für mich«, bat sie.
   Liz notierte ihre Wünsche. »Wir haben auch frischen hausgemachten Apple Pie da. Oder Zimtwaffeln mit Sahnehäubchen.«
   Allie lief das Wasser im Mund zusammen. Einer süßen Leckerei konnte sie nur schwer widerstehen, aber Tessa kam ihr zuvor. »Ein anderes Mal, danke.«
   Liz nickte, ließ ihren Block und den Stift zurück in die Schürzentasche gleiten und wandte sich zum Gehen.
   »Entschuldigen Sie bitte, Mrs. Hunter«, rief Tessa ihr nach. »Ist Ben nicht da?«
   Die Blondine hinter der Theke hob ihren Kopf. Allie starb tausend peinliche Tode. Verdammt, warum tat Tessa das? Allie spürte, wie sie bis unter die Haarwurzeln errötete. Sie hatte ihre Freundin von Herzen gern, nicht jedoch deren Angewohnheit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit der Tür ins Haus zu fallen. Taktgefühl war etwas, das Teresa Garcia definitiv nicht besaß. Allerdings machte sie dies durch ihre entwaffnende Ehrlichkeit wett. Trotzdem, in diesem Moment hätte sie Tessa gern gepackt und geschüttelt.
   »Ben ist heute nicht im Café«, erwiderte Liz freundlich. »Montags ist sein freier Tag. Soll ich ihm etwas ausrichten?«
   »Nein«, entfuhr es Allie spontan. »Ich meine, nein danke, Mrs. Hunter. Ist nicht nötig.« Sie grub ihre Fingernägel in die Handfläche.
   Über Liz’ Miene huschte ein erstauntes Lächeln. Sobald sie ihnen den Rücken zugewandt hatte, stupste Allie Tessa an. »Mensch, was sollte das? Es muss doch nicht alle Welt wissen, dass wir wegen Ben hier sind. Dieser blonde Vamp vorn an der Theke durchbohrt uns förmlich mit seinen Blicken.«
   Tessa grinste. »Na und? Lass sie doch glotzen. Beruhige dich. Ist ja nichts passiert.«
   Verstohlen sah Allie erneut zur Theke, wo Liz mit der jungen Frau sprach. In jenem Moment hob diese ihren Kopf. Der kühle, abschätzende Blick aus eisblauen Augen traf Allie wie eine Ohrfeige. Irritiert senkte sie die Lider. Was für eine merkwürdige junge Frau. Ob sie auch zur Familie gehörte? Obwohl sie ebenfalls blond war, konnte Allie keine Ähnlichkeit mit Ben oder seiner Mum erkennen.
   Liz kam zurück, ein Tablett mit den Getränken balancierend.
   »Danke schön.« Allie nahm Liz den doppelten Espresso ab. Unglücklicherweise rutschte ihr das schmale Glas aus der Hand. Rasch verteilte sich die Flüssigkeit auf der hellen Tischdecke, färbte sie dunkel und tropfte hinunter auf den Boden.
   »O nein!« Entsetzt starrte Allie auf den sich flugs ausbreitenden Fleck.
   Das Gekicher der jungen Mädchen gegenüber verstummte abrupt. Geistesgegenwärtig begann Tessa, mit ihrer Serviette die Decke abzutupfen.
   »Ich hole rasch eine Rolle Küchenpapier.« Liz eilte davon.
   »Es tut mir leid«, meinte Allie zerknirscht, als sie zurückkehrte.
   »Ist nicht schlimm. Fiona macht Ihnen einen neuen Espresso.« Liz nickte der Blondine an der Theke zu.
   Eigentlich wäre Allie am liebsten auf der Stelle gegangen. Sie hatte keine Lust mehr auf ihr Getränk. Ihr Magen fing zu grummeln an. Sie presste ihre Handflächen gegen den Bauch und bemühte sich, das Getuschel am Nachbartisch zu ignorieren. »Ich wünschte, wir wären nicht gekommen«, gestand sie Tessa leise.
   »Ach, Allie. Mach dir nichts draus.« Tessa legte beschwichtigend eine Hand auf ihren Arm. »So ein Missgeschick kann doch jedem passieren.«
   »Den Besuch hätten wir uns trotzdem sparen können.« Ungehalten fixierte Allie den Schandfleck auf der Tischdecke.
   »Es war ein Versuch. Hätte ja klappen können. Zumindest wissen wir nun, dass er montags nicht hier ist.« Tessa nahm augenzwinkernd einen Schluck von ihrer Coke. »Ah … köstlich. Ich glaube, ich hab noch nie zuvor so leckere Cola getrunken. Ich denke, ich muss unbedingt wiederkommen.« Sie bemühte sich, ernsthaft dreinzublicken.
   Wider Willen musste Allie grinsen. »Ach, du Quatschkopf. Ich glaube nicht, dass ich das hier wiederholen möchte.«
   »Seit wann gibst du so schnell auf?«
   Liz’ Auftauchen enthob Allie einer Antwort. Mit einem freundlichen Nicken reichte sie Allie das Glas.
   Der Kaffee schmeckte köstlich. Vollmundig und stark, mit einem Hauch von weicher Vanille. Allie fühlte sich getröstet und begann, sich zu entspannen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, hier zu sein. An dem Ort, wo Ben Tag für Tag arbeitete. Aufregend, obwohl er nicht hier war. Sie nahm das Café, das in seiner Schlichtheit seinen ganz eigenen Charme besaß, nochmals in Augenschein. Den Strauß roter Freesien, der die Theke schmückte. Die silbergerahmten Bilder auf einer weiß gekalkten Wand über einer Holzvertäfelung, die ein Hochzeitspaar vor der St. Peter’s Kathedrale zeigten. Durch die zart geklöppelten Spitzenbistrogardinen strömte das Sonnenlicht und ließ den Staub in der Luft wie winzige Goldkörnchen flirren. Das Lokal vermittelte fast den Eindruck, bei Freunden im Wohnzimmer zu sitzen. Während Allie an ihrem Espresso nippte, fing ihr Blick Fionas ein. Für den Bruchteil einer Sekunde taxierten sie einander, bevor sich Fiona abwandte, um Besteck in eine Schublade einzusortieren. Warum wurde Allie das Gefühl nicht los, dass die Blondine sie beobachtete? Bildete sie sich das nur ein? Wohl kaum. Es sei denn, sie litt unter Halluzinationen. Sie neigte sich Tessa zu. »Diese Fiona …«
   »Hm?« Tessa setzte ihr Glas ab. »Was ist mit der?«
   Allie zuckte mit den Schultern. »Ach, nichts. Lass uns zahlen, ja? Ich würde gern gehen. Lass uns noch ein bisschen auf der Rundle Mall bummeln gehen.« Sie trank den Rest ihres Kaffees, der auf einmal bitter zu schmecken schien.
   »Es tut mir leid, Allie.« Tessa fuhr mit dem Zeigefinger über den Rand ihres Glases. »Ich weiß, dass du enttäuscht bist.«
   »Ach was. Wie könnte ich enttäuscht sein, Tess? Immerhin hat mich meine beste Freundin zu einem Besuch in einem süßen, neuen Café überredet.« Sie schenkte Tessa ein schiefes Lächeln. »Und jetzt gehen wir shoppen. Ich hab letztens in dieser neuen Boutique neben Target eine echt hippe Tasche gesehen, die will ich dir unbedingt zeigen.« Sie rief Liz und bat darum, zahlen zu dürfen. Vermutlich würde sie nicht mehr ins Pig & Whistle kommen, auch wenn sie das Café entzückend fand. Es wäre zu peinlich, wenn Liz ihrem Sohn von den übereifrigen jungen Frauen erzählte, die nach ihm gefragt hatten. Besonders von der tollpatschigen Brünetten, die nichts Besseres zu tun hatte, als gleich nach ihrem Eintreffen die hübsche weiße Tischdecke zu versauen.
   Sie atmete tief durch, als sich die Tür des Cafés hinter ihnen schloss. »O Gott, Tess. Lass uns diesen wenig ruhmreichen Besuch schnell vergessen. Ich glaube, ich brauche jetzt ganz dringend die coole Tasche, von der ich dir erzählt habe.«
   Tessa kniff sie in den Arm.
   »Autsch! Was zum Teufel …?« Allies Herz stolperte, als sie Tessas Blick folgte.
   Drüben auf der anderen Straßenseite hüpfte gerade Ben aus einem uralten quietschbunten VW-Bus. Mit ein paar geschickten Handgriffen befreite er ein Surfbrett vom Dach und schob es sich unter den Arm. Er rief dem Fahrer einen Abschiedsgruß zu und schickte sich an, die Straße zu überqueren. Allie schnappte nach Luft, als sie realisierte, dass er geradewegs auf sie zugelaufen kam. Er trug ein verwaschenes, ärmelloses grünes Shirt, blaugrün karierte Boardshorts, die verführerisch tief auf seinen Hüften ruhten, und ein unverschämt sexy Lächeln auf den Lippen. Die hellen Härchen auf der gebräunten Haut seiner Unterarme schimmerten golden. Er sah zum Anbeißen aus. Allie spürte ein begehrliches Prickeln in ihrem Bauch. Holy cow, der Mann surfte? Sie hatte schon immer eine Schwäche für die Cowboys der Wellen besessen.
   »Hey Ladys, was macht ihr hier?« Bens Augen funkelten himmelblau im Sonnenlicht. »Habt ihr Mum einen Besuch abgestattet?«
   Allie wechselte einen schnellen Blick mit Tessa. »Wir kamen zufällig vorbei«, sprudelte es aus ihr heraus, »und dachten, wir hüpfen mal auf einen Kaffee rein.« Sie schnippte einen imaginären Fussel von ihrem Shirt.
   »Cool.« Bens Blick folgte ihrer Geste und blieb auf der Rundung ihrer Brüste hängen. Allie wurde es schrecklich heiß.
   Tessa räusperte sich. »Ich geh schon mal zu der Boutique vor, damit uns niemand die Tasche vor der Nase wegschnappt. Kommst du gleich, Allie?«
   »Wie?« Verwirrt sah Allie ihre Freundin an. »Welche Tasche?« Dann dämmerte es ihr. Unfreiwillig entfuhr ihr ein schrilles Lachen. »Ach so. Die Tasche! Ja klar, Tess, mach das, ich … komm sofort.« O Gott, sie war doch sonst nicht so schwer von Begriff. Sie nickte Tessa dankbar zu. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, als sie der kleiner werdenden Gestalt ihrer Freundin nachblickte. Dabei war sie sich Bens Nähe nur allzu sehr bewusst. Seines herb-frischen Aftershaves, das sich mit dem Duft von Strand, Salz und Sonnenmilch mischte. Sie deutete auf sein Surfboard. »Deins?«
   »Yep. Ich war mit den Jungs in Glenelg, ein paar Wellen reiten.« Er fuhr sich durch die sonnenglänzenden Strähnen und sie unterdrückte den Impuls, es ihm gleichzutun.
   »Toll. Ich würde auch gern surfen können.«
   »Ist nicht schwer.« Sein linker Mundwinkel zuckte. Da war es wieder, dieses unwiderstehliche schiefe Grinsen. »Du solltest es echt mal probieren.«
   »Ja, vielleicht.«
   Scheinbar endlose, stille Sekunden verstrichen. Allie verlagerte ihr Gewicht und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was machst du hier?«, fragte sie, weil sie das Schweigen unangenehm fand. »Deine Mum hat …« Verdammt, sie war dabei, sich zu verplappern. Schon wieder. Sie machte eine hilflose Geste zum Pig & Whistle hin. »Müsstest du nicht im Café sein?«
   »Hab meinen freien Tag.« Sein Grinsen wurde breiter. Er hatte sie durchschaut.
   »Ihr habt ein schönes Lokal«, sagte sie, um Zeit zu schinden. Am liebsten würde sie ewig in seiner Nähe bleiben. Die Sonne schien auf einmal viel heller, und der Himmel über ihnen strahlte in einem tiefen Blau. »Deine Mum ist sehr nett.«
   »Das ist sie.« Bens Stimme klang sanft.
   Ein Mann, der seine Mum liebte. Sie versank im Blau seiner Augen. »Tessa wartet auf mich«, sagte sie überflüssigerweise.
   »Die Tasche.«
   »Ja. Die Tasche.« Tessa erwartete sie in der Boutique. Es gab keinen Grund, nicht zu gehen, wenn sie vor Ben nicht als Volltrottel dastehen wollte. »Hör zu, ich sollte Tessa nicht warten lassen«, meinte sie widerstrebend. »Vielleicht sieht man sich mal wieder.« Das unebene Pflaster des Gehwegs ließ sie ein wenig auf den hohen Absätzen ihrer Sandaletten schwanken.
   »Hey, Allie Logan, warte!«
   Sie blieb stehen, drehte sich langsam um, unterdrückte mühsam das aufsteigende, blubbernde Glücksgefühl. Sie beobachtete das Spiel der Muskeln in seinen Waden, als er auf sie zulief. »Was gibt’s?«
   »Hör zu«, er kratzte sich im Nacken, »ich wollte dich etwas fragen.«
   Allie vergaß zu atmen. Wollte er sie um ein Date bitten? Sie fixierte das Brett unter seinem Arm, um ihre Verlegenheit zu überspielen.
   »Ein Kumpel von mir feiert am Freitagabend Geburtstag. Im Blue Elephant an der Linton Street. Vielleicht hast du ja Lust, vorbeizuschauen?« Über seine attraktiven Züge huschte ein hoffnungsvolles Grinsen.
   Ein kleiner Kobold in ihrem Inneren startete einen Freudentanz. So gelassen wie möglich zuckte sie mit einer Schulter.
   »Natürlich völlig unverbindlich«, ergänzte er rasch. »Komm einfach auf einen Drink.« Sein Blick forschte in ihrem Gesicht. »Ich würde mich freuen.«
   »Es ist aber nicht Kenny, der Geburtstag hat, oder?«
   Bens weiße Zähne blitzten auf. »Nein, nicht Kenny. Ich verspreche es.«
   »Okay.« Sie lächelte. »Ich überleg es mir.« Vermutlich würde sie kommen. Aber das würde sie ihm natürlich nicht auf die Nase binden. Schließlich kannte sie die Regeln des Spiels.
   »Du kannst deine nette Freundin mitbringen«, schlug er vor.
   »Tessa?«
   »Tessa«, bestätigte er.
   Für den Bruchteil einer Sekunde streifte sie ein Hauch von Unsicherheit. Hatte Ben am Ende Interesse an Tessa? Sie schob den Gedanken beiseite. »Ich werde sie fragen, danke.« Sie schenkte ihm nochmals ein kleines Lächeln. Ein prickelndes Glücksgefühl durchströmte sie, als sie die Straße hinunterging, um Tessa in der Boutique aufzusuchen.

Kapitel 2

Ben rekelte sich unter der leichten Baumwolldecke. Er hatte von smaragdgrünen Augen geträumt. Grün und funkelnd wie das Meer bei Cape Bridgewater, wo die Brandung tosend auf die Steilklippen traf. Von kastanienbraunem Haar, das in der Sonne wie üppiges Herbstlaub schimmerte. Von sanften Händen, die über seine Haut tanzten …
   Wohlig stöhnte er auf, weil sich schlanke Finger unter den Bund seiner Shorts schoben und zärtlich durch sein Haar strichen. Er schnappte nach Luft. Sein Pulsschlag beschleunigte sich, als die Finger tiefer glitten, ihn umschlossen und mit sanftem, beharrlichem Auf und Ab neckten. »Mhm«, murmelte er und gab sich ganz dem Gefühl der wachsenden Erregung hin. Er hob seine Hüften, drängte sich fester an die Hand, die ihn reizte und sein Blut zum Kochen brachte. Sie war wirklich außergewöhnlich, diese hübsche sexy …
   »Gefällt es dir?« Fionas Stimme.
   Er riss die Augen auf und starrte direkt in das Gesicht seiner Freundin über ihm. Seine Erregung verebbte wie eine Welle am Strand, die sich zurückzog.
   »Hey, was ist los?« Erneut streichelte und massierte Fiona ihn, doch er packte ihr Handgelenk und hielt es fest.
   »Hör auf.« Er musste sich räuspern. Seine Stimme war belegt und rau. »Bitte«, setzte er nach, als er einen Hauch von Überraschung in ihren hellen Augen aufblitzen sah. »Ich … bin nicht in Stimmung.«
   »Da hatte ich eben aber einen ganz anderen Eindruck.« Fiona rückte von ihm ab und setzte sich auf. Sie schnappte sich das Laken und hielt es sich vor die Brust. »Seit wann hast du etwas dagegen, auf diese Art von mir geweckt zu werden?« In ihrer Stimme schwang der Klang eines Vorwurfs mit. Sie schob ihre Unterlippe vor, wie immer, wenn sie schmollte, und was er immer süß gefunden hatte, nervte ihn auf einmal.
   »Herrgott, Fee, jetzt sei doch nicht gleich eingeschnappt. Mir ist einfach gerade nicht danach.« Er schlug die Decke zurück und sprang auf. »Kaffee?«
   »Nein.« Sie schniefte empört.
   Um seine eigene Verwirrung zu überspielen, tappte er betont lässig hinüber zur kleinen Küchenzeile, um die Maschine anzuwerfen. Er schaufelte Kaffeepulver in den Papierfilter und seine Gedanken schweiften zu der gestrigen Begegnung. Warum konnte er nicht aufhören, an diese zarte Elfe zu denken? Was genau war es, das ihn an Alexandra Logan so faszinierte? Mit ihren seegrünen Augen, den wilden Locken und dem eine winzige Spur zu breit geratenen Mund war sie hübsch, zugegeben. Das waren aber viele andere Frauen auch. Vom ersten Moment an, als sie auf dem Campusgelände in ihn gerannt und ihn wütend angefunkelt hatte, hatte sie sein Herz seltsam berührt. Wie konnte es sein, dass er sich zu einer völlig Fremden derart hingezogen fühlte? Ein einziger Blick in ihre Augen hatte genügt, und er war verloren. Er konnte das Knistern zwischen ihnen nicht ignorieren. Am liebsten hätte er sie an jenem Tag schon einfach an sich gezogen und ihre wütende Schimpftirade mit einem Kuss auf ihre weichen, vollen Lippen beendet. Das überraschende Wiedersehen gestern vor dem Café hatte sein Interesse neu entfacht. Was ihn verwirrte, schließlich war er seit drei Jahren mit Fiona Henderson liiert. Fee, die gekonnt ihre üppigen weiblichen Reize einzusetzen wusste. Augenaufschlag, Hüftschwung und vieldeutige Blicke unter langen Wimpern hervor. Die von seinen Eltern bereits als Schwiegertochter betrachtet wurde. Alexandra Logan dagegen – sie schien überhaupt nicht zu wissen, wie verführerisch sie war. Ein wenig unbeholfen und tapsig, erinnerte sie ihn eher an einen jungen Hund, der noch lernen musste, seinen Körper zu beherrschen. Aber vielleicht machte gerade diese süße Unschuld ihren Reiz aus? Seine Gedanken glitten zurück zu Fee. Ben hielt den Wasserbehälter unter den Hahn, um ihn zu füllen. Die Sache mit ihr schien so eingefahren. Ihre Beziehung plätscherte dahin wie der River Torrens an ruhigen Sommertagen. Sie verstanden sich gut, sowohl im Bett als auch außerhalb. Nie gab es Streit oder Misstöne. Manchmal dachte er, waren sie fast schon wie ein altes, eingespieltes Ehepaar. Was an sich keine schlechte Sache war. Fiona war eine zupackende, fleißige Frau, die ihn in seinem Traum, eines Tages das Pig & Whistle zu übernehmen, unterstützte.
   In seinem Leben gab es genau zwei Leidenschaften. Das Surfen und das Café seiner Eltern. Zwei Dinge, die er gedachte, einmal miteinander zu verbinden. Sobald ihm das Café gehörte, würde er es zu dem Surfertreff machen. Es würde das hippste, coolste Lokal in Adelaide werden. In seinem Kopf existierten bereits Pläne. Er fieberte dieser Zeit entgegen. Genau wie Fiona. Er hatte sie über ihren Cousin kennengelernt, der zur Clique gehörte, mit der Ben regelmäßig nach Glenelg zum Surfen fuhr. Als Liz erfahren hatte, dass Fiona einen Job suchte, hatte sie ihr angeboten, im Betrieb mitzuhelfen. Die Hunters hatten diese Entscheidung noch keinen Tag bereut, und auch Ben konnte sehen, wie sehr Fee die Arbeit in dem kleinen Betrieb liebte. Irgendwann würde sie eine würdige Nachfolgerin von Liz sein. Zum ersten Mal seit drei Jahren keimten in Ben leise Zweifel. Ob Fiona wirklich die Frau war, mit der er alt werden wollte? Hitze überzog seine Wangen, als er an seine Fantasie von vorhin zurückdachte. Zum Glück konnte Fee keine Gedanken lesen. Sie wäre zutiefst verletzt. Und das zu Recht. Sie hatte es nicht verdient, dass er sie hinterging. Er hätte Alexandra Logan nicht zur Party ins Blue Elephant einladen sollen. Welcher Teufel hatte ihn bloß geritten?
   Du weißt, warum du das getan hast, oder? Allie Logan ist heiß … sexy, und du würdest gern mit ihr … Verdammt noch mal!
   Er verpasste dem bösartig kichernden Kerl in seinem Hirn einen virtuellen Kinnhaken. Himmel, allein bei dem Gedanken an Allie regte sich etwas in seinen unteren Regionen. Bloody hell! Er kniff die Brauen zusammen. Wenn Fiona von der Einladung erfuhr, würde sie ihm die Hölle heißmachen. Aber nun war das Kind in den Brunnen gefallen. Vielleicht kam Allie überhaupt nicht. Warum sollte sie? Sie kannten sich ja praktisch nicht, und womöglich hatte sie einen festen Freund. Außerdem kam sie – wenn überhaupt – sowieso nur auf einen Drink vorbei. Genau. Er hatte eine neue Bekannte auf einen Drink ins Blue Elephant eingeladen. Völlig harmlos also. Er drückte den Schalter der Kaffeemaschine und drehte sich zu Fiona um. »Ich bin ein Volltrottel«, sagte er zerknirscht. »Verzeihst du mir?«
   Es dauerte nur kurz, dann huschte über Fionas herzförmiges Gesicht ein Lächeln. »Kommt drauf an.«
   »Auf was?«
   »Ob du«, sie biss auf ihre Unterlippe und warf ihm einen vielsagenden Blick unter ihren Wimpern hervor zu, »gewillt bist, Buße zu tun.« Provokativ ließ sie das Laken von ihren Schultern gleiten.
   Ben starrte auf ihre vollen Brüste und bemühte sich nach Kräften, Alexandra Logans Bild aus seinem Hirn zu verbannen.

Kapitel 3

Zögerlich legte Allie ihre Hand auf den Türgriff der Beifahrertür von Tessas zerbeultem Ford. »Sehe ich wirklich okay aus?«
   Tessa schnalzte mit der Zunge. »Du siehst nicht okay aus, sondern umwerfend, Süße. Und jetzt schwing deinen knackigen Hintern aus meinem Auto und schnapp dir diesen Mann.« Anerkennend ließ sie ihren Blick über Allies seidenes Top gleiten, über den knappen weißen Leinenrock und die silberfarbenen Sandaletten. »Ich wette, dein Anblick wird ihn aus seinen Sneakern hauen.«
   Allie lachte. »Gott, Tess, du weißt genau, wie du eine Frau aufbauen kannst.«
   »Dafür bin ich da.« Tessas Grinsen wurde breiter.
   Allie öffnete die Tür. »Bist du sicher, dass du nicht doch mitkommen magst?«
   »Ich bin mir sicher. Mum wäre sauer, wenn ich nicht zu Tante Ethels Geburtstag auftauche. Ich wünsch dir eine schöne Zeit.« Sie zwinkerte Allie zu und scheuchte sie mit einer Handbewegung fort.
   Seufzend glitt Allie aus dem Wagen, ihren Blick skeptisch auf das blinkende Neonschild des Blue Elephant gerichtet. Sie war noch nie in dieser Kneipe gewesen, in der sich, soviel sie wusste, bevorzugt Surfer trafen. Allerdings hatte sie von Kommilitonen gehört, dass hier zuweilen wilde Partys stattfinden sollten. Sie winkte Tessas feuerrotem Ford hinterher, der die Straße hinunterknatterte, bis die nächste Kurve ihn verschluckte.
   Es dauerte einen Moment, bevor sie sich in dem schummrigen Dämmerlicht des Lokals orientieren konnte. Stimmengewirr, Gelächter und pulsierende Musikfetzen schlugen ihr wie eine Wand entgegen. Lichter blitzten auf, von einer altmodischen Discokugel in den Raum geworfen. Einem spontanen Impuls folgend wollte sie auf dem Absatz kehrtmachen. Das hier war nicht ihre Welt. Sie war keine Kneipengängerin, noch nie gewesen und sie würde es auch nie sein. Es war ihr zu laut, zu gedrängt. Abgesehen davon – was sollte sie in einem Lokal vollgestopft mit Surfern, die sie nicht kannte? Als sie zaudernd die Finger um die Türklinke legte, sah sie Ben von der Theke aus in ihre Richtung winken. Mit einer Dose Coopers in der Hand kam er auf sie zu. Bloody hell, sah er heiß aus. Das schwarze Guns-N-Roses T-Shirt schien ihm direkt auf den Oberkörper genäht, betonte seine Muskeln und ließ ihn, zusammen mit der verwaschenen, knallengen Jeans gefährlich und verdammt sexy wirken. Allie schluckte hart und bemühte sich, das wilde Schlagen ihres Herzens zu ignorieren.
   »Hey.« Ein zufriedenes Grinsen huschte über sein Gesicht, als er vor ihr stand.
   »Hey.« Sie strich sich eine Strähne hinters Ohr und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich bin gekommen«, erklärte sie das Offensichtliche.
   Sein Grinsen vertiefte sich. »Das sehe ich.« Er machte eine Kopfbewegung zur Theke. »Darf ich dir etwas zu trinken bringen?«
   Sie zuckte unschlüssig mit den Schultern. »Vielleicht ein Soda?« Mein Gott, Allie. Ben musste denken, dass sie eine schreckliche Langweilerin war.
   Er nickte ihr zu. »Bin gleich zurück.«
   Während sie wartete, entdeckte sie zwei oder drei bekannte Gesichter von der Uni. Kenny war, wie Ben versprochen hatte, nicht unter den Gästen, stellte sie erleichtert fest. Eine der jungen Frauen, eine Erdbeerblonde, die ihre Kurven in ein schlauchartiges schwarzes Kleid gepresst hatte, warf ihr abschätzige Blicke zu. Allie wandte sich ab.
   »Hey Süße.« Ein baumlanger Kerl mit einem Guinness in der Hand pirschte sich an sie heran. »So allein?« Er legte einen Arm um ihre Schultern. Sein Nasenpiercing funkelte im Discolicht. »Soll ich dir Gesellschaft leisten?«
   »Nicht nötig.« Ben schob sich dazwischen. »Sie ist mit mir da.« Seine blauen Augen fixierten den Hünen eisig. »Zieh Leine, Frit.«
   »Hey mate, no worries.« In einer Geste der Besänftigung hob Frit beide Hände, wobei etwas Bier aus seiner Dose schwappte.
   Allie zuckte zurück – doch zu spät. Verdammt, ihr hübsches Seidenoberteil zierte nun ein hässlicher dunkler Fleck. Der zarte Stoff klebte an ihrer Haut. Sie zupfte daran, weil sie das Gefühl hatte, plötzlich oben ohne dazustehen. Ärgerlich sah sie Frit hinterher.
   »Es tut mir leid.« Die Eiswürfel in dem mit einer halben Zitronenscheibe dekorierten Glas klirrten leise, als Ben ihr das Getränk reichte. »Frit ist ein Trottel.« Er starrte auf den Fleck zwischen ihren Brüsten.
   »Ist ja nicht deine Schuld.« Sie spürte, wie sie knallrot anlief, und fragte sich, ob es nicht ein Fehler gewesen war, gekommen zu sein. Außer Ben kannte sie niemanden in diesem Schuppen, und sie konnte sich nicht vorstellen, mit ihm hier ein vernünftiges Gespräch führen zu können. Trotzdem genoss sie die Nähe. Sie nippte an ihrem Soda und ließ erneut den Blick schweifen. Ein paar Pärchen tanzten zwischen den runden Holztischen und der Theke, die glitzernde bunte Lichter und eine Happy-Birthday-Girlande schmückten. »Wer … ähm, hat eigentlich Geburtstag?«, fragte sie.
   »Darren.« Ben machte eine Kinnbewegung. »Feiert seinen Zweiundzwanzigsten.«
   Sollte sie dem bärtigen Kerl, der an der Theke mit einer Blondine scherzte, gratulieren?
   Ben nahm ihr die Entscheidung ab. »Magst du tanzen?«
   »Tanzen?
   »Yep. Noch nie davon gehört? Man bewegt sich geschmeidig zum Takt der Musik und bemüht sich, nicht allzu dumm dabei auszusehen.« Bens Grinsen war breit und frech. Und ansteckend.
   Sie lachte und das Eis war gebrochen.
   Er streckte eine Hand nach ihr aus und führte sie auf die Tanzfläche. Aus den Lautsprechern dröhnte Rockmusik. Allie bemühte sich, das Zittern zu verbergen, das sie überfiel, als Ben sie an sich zog und seine warmen Hände ihre Taille umschlossen. Dort, wo sie den Druck seiner Finger durch den Stoff des Tops fühlte, glühte ihre Haut wie Feuer. Allie lehnte ihr Gesicht an Bens Brust, schloss die Augen und wiegte sich mit ihm im Takt der Musik. Nights in white satin.
   Ben lachte leise. »Darren hatte schon immer einen extravaganten Musikgeschmack. Was für ein uraltes Lied.« Sein Atem kitzelte ihr Ohr.
   »Aber wunderschön.«
   »Dem kann ich nicht widersprechen.« Seine Lippen streiften ihr Ohrläppchen und eine Gänsehaut rieselte ihren Rücken hinunter.
   Ben war ein guter Tänzer. Seine Bewegungen waren geschmeidig und elegant wie die einer Raubkatze. Ihre Körper passten perfekt zueinander, als wären sie füreinander geschaffen. O Gott, es fühlte sich so verdammt gut an, ihn so nah zu halten. Sie sog seinen herben, warmen und männlichen Duft ein, konnte nicht genug von ihm bekommen. Unwillkürlich kuschelte sie sich enger an ihn. Ihr kam es vor, als würden sie sich schon ewig kennen. Da war etwas merkwürdig Vertrautes zwischen ihnen. Eine Verbindung, die weit in vergangene, vergessene Zeiten zurückzureichen schien. Etwas Magisches, das sie miteinander verwob. Fühlte er es auch? Sie hob den Kopf und fand seinen Blick auf sich gerichtet. Er lächelte dieses schiefe sexy Lächeln, und sie fühlte ein begehrliches Prickeln aufsteigen. »Ben«, flüsterte sie. Sie wollte diesen Mann. Seinen Körper, seine Seele. Mehr als alles andere auf der Welt. Sie seufzte leise auf, als er den Griff um ihre Taille verstärkte. Ihr Herz begann ein schnelles Crescendo. Bens harte Gürtelschnalle presste sich an ihren Bauch. Sie spürte sein drängendes Verlangen an ihrem Unterleib. Das übermächtige Begehren, seinen Körper zu erkunden, ließ ihre Knie erzittern. Sie hatte das Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen. Noch nie zuvor hatte sie so etwas Starkes, ein derart tiefes und mächtiges Verlangen gespürt. Erschrocken löste sie sich von ihm und schob ihn von sich. Schnell atmend stand sie vor ihm, schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht mehr klar denken, alles drehte sich, ihr Verstand war wie benebelt.
   Ben sah sie bestürzt an. »Hab ich dich zu sehr bedrängt?«
   »Nein.« Sie machte eine hilflose Geste mit den Schultern. »Ich …« Sie verstummte. Wie sollte sie ihm erklären, dass ihr die Macht der Gefühle den Atem raubte? Noch nie zuvor hatte sie jemanden so sehr gewollt wie ihn. »Ich muss hier raus«, sagte sie schließlich. Sie wandte sich ab, doch Ben hielt sie am Handgelenk fest.
   »Warte. Geh nicht. Hast du vielleicht Lust auf einen Spaziergang unten am Fluss?« Sein Blick ruhte abwartend auf ihr, während sich ihre Gedanken überschlugen.
   Ihr Herz kannte bereits die Antwort, auch wenn ein Teil von ihr davonrennen, flüchten wollte vor diesem starken, unwiderstehlichen Gefühl, vor dieser überwältigenden Anziehung, die sie zutiefst verwirrte.
   »Und deine Freunde? Darren?«
   »Ach, die.« Er zwinkerte ihr zu. »Glaub mir, die werden überhaupt nicht bemerken, dass wir uns auf- und davonmachen.«

Allie atmete tief durch, als sie die stickige Kneipenluft verließen und auf die Straße traten. Über ihnen spannte sich ein sternenklarer Himmel. Silbernes Mondlicht ließ die Stämme der Eukalyptusbäume am Straßenrand in einem fahlen Licht schimmern. Ben streckte eine Hand aus und verschränkte Allies Finger mit seinen. Erneut sandte die Berührung heiße Schauder durch ihren Körper. Sie fühlte sich wie berauscht von seiner Nähe.

*

Das stille Wasser des River Torrens glitzerte wie ein Seidenband im Mondlicht. Ihre Schritte auf dem Kies schreckten einen Schwarm Wellensittiche auf, der sich als grüne, geflügelte Wolke von einem Blaugummibaum löste und davonflog.
   Ben sah den Vögeln nach. »Erzähl mir von dir«, bat er. Hast du Geschwister?«
   Allie presste die Lippen aufeinander. »Nein.«
   »Ich auch nicht. Mum konnte keine Kinder mehr bekommen, nachdem ich auf der Welt war.«
   »Das tut mir leid.«
   Er lachte. »Ich habe es immer genossen, das einzige Kind zu sein. Keiner war da, mit dem ich streiten, keiner, mit dem ich konkurrieren musste.«
   Unvermittelt blieb sie stehen. »Ich hatte einen älteren Bruder. Nick. Als ich elf war, ist er mit dem Motorrad verunglückt, irgendwo in einer Scheißkurve bei Pendeen. Er war gerade in die Royal Navy eingetreten, hatte sein ganzes Leben noch vor sich.« Sie sah so verloren aus, dass Ben sie am liebsten in die Arme geschlossen hätte. »Mum war so stolz auf ihn.« Der Schmerz in ihren grünen Augen brach ihm das Herz. »Die Polizei schloss Fremdverschulden aus. Nick sei zu schnell gefahren und deshalb auf der regennassen Straße ausgerutscht, sagten sie.« Sie schüttelte den Kopf. »Er war immer so ein vorsichtiger Fahrer.«
   Ben streichelte mit dem Daumen über ihren Handrücken.
   Sie löste sich von ihm und wandte sich ab.
   Er umschlang sie von hinten, legte sein Kinn auf ihren Scheitel. »Es tut mir so leid.«
   »Die Zeit nach seinem Tod war schrecklich«, murmelte sie. »Mum ist an dem Schmerz fast zerbrochen. Es war schwer für uns alle. Auf einmal war alles anders. Nichts war mehr wie vorher. Es gab keine Leichtigkeit mehr, keine Fröhlichkeit. Meine Eltern zogen sich zurück, wurden schweigsam und irgendwie unnahbar. Ich fühlte mich verlassen. Einsam.«
   Ein Rascheln im Schilf unterbrach sie. Ein dunkler Schatten huschte heraus und suchte Schutz unter dem nächstgelegenen Busch. Eine Wasserratte. Allie schien keine Angst zu haben. Das gefiel ihm.
   »Sprich weiter. Ich höre dir zu.«
   Sie drehte sich um, schenkte ihm ein trauriges Lächeln. »Irgendwann beschlossen meine Eltern, nach Australien auszuwandern, einen Neuanfang zu wagen. Es war das Richtige. Aber diese innere Einsamkeit in mir blieb. So, als wäre ich nur ein Teil von etwas Ganzem. Nick fehlt in unserer Familie, verstehst du?«
   Ben strich ihr eine dunkle Locke aus der Stirn. »Ist es noch immer so bedrückend bei euch zu Hause?«
   »Meine Eltern haben gelernt, mit dem Schmerz zu leben. Außerdem sind sie inzwischen nach Cornwall zurückgekehrt. Mein altes Zuhause gibt es nicht mehr.« Leise Wehmut schwang in ihrer Stimme mit.
   Aus England stammte sie also. Eine seltsame Vorstellung für ihn, so ganz ohne Familie in einem fremden Land zu leben. »Wo war denn dein Zuhause? Hier in Australien, meine ich.« Ihm wurde klar, dass er fast nichts über sie wusste.
   »Mount Gambier. Ein schreckliches Kaff, wo jeder über jeden Bescheid weiß. Du kannst praktisch keinen Schritt tun, ohne dass sich die Leute das Maul über dich zerreißen. Sie wissen alles über dich.« Sie zog eine Grimasse. »Sogar Dinge, die du selbst nicht weißt.«
   Er grinste. »Na ja, in gewisser Weise ist es in unserem Viertel genauso. Aber ich mag das irgendwie. Gibt einem das Gefühl von Zugehörigkeit.«
   Sie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Aber mir ist das einfach zu eng.«
   Sie gingen ein Stück weiter die Promenade entlang.
   »Wenn ich in sechs Monaten fertig mit meinem Studium bin«, sagte Allie, »gehe ich nach Victoria oder New South Wales. Ich möchte mehr von diesem wunderbaren Land kennenlernen.«
   Ben fühlte Unbehagen aufsteigen. Sie wollte weg aus Adelaide?
   »Meine Eltern sind nie viel mit mir gereist. Ich kenne bisher lediglich Südaustralien, die Flinders Ranges, das Barossa Valley, den Murray. Es gibt noch so viel mehr zu entdecken.« Die offensichtliche Begeisterung in ihrer Miene versetzte ihm einen Stich.
   »Du könntest doch von Adelaide aus reisen.« Er konnte sich nicht vorstellen, Adelaide den Rücken zu kehren. Hier waren seine Familie, seine Freunde, seine Surfclique. Sein Herz war hier verwurzelt.
   Allie nickte. »Stimmt. Ich könnte auch reisen. Aber ich möchte wissen, wie es ist, in Melbourne zu leben. Oder Sydney. Ich möchte das Flair, die Atmosphäre der Städte spüren, die Menschen dort kennenlernen. Das kannst du nur, wenn du dort auch lebst. Verstehst du?«
   Nein, er verstand es nicht. Er wollte nicht, dass sie ging. Jetzt, wo er sie gerade gefunden hatte. Oh, er würde Alexandra Logan davon überzeugen, zu bleiben. Er hatte da so seine Methoden. Er war sich sicher, es würde ihm gelingen.
   Und immerhin studierte sie ja noch ein halbes Jahr in Adelaide. Zeit genug, diese sexy Frau, die ihn mit ihren grünen Augen und dem umwerfenden Lächeln um den Verstand brachte, umzustimmen.

*

»Allie?«
   »Hm?«
   Seine Augen, dunkel und unergründlich, brannten sich in ihre. »Bleib mal stehen.«
   Beim Klang seiner samtigen Stimme durchfuhr sie ein wohliges Prickeln. Erwartungsvoll sah sie ihn an und fuhr mit der Zunge über ihre plötzlich trockenen Lippen.
   Sein Blick verharrte auf ihrem Mund. »Du bist sehr schön, weißt du das?« Mit dem Zeigefinger zeichnete er die Linie ihres Wangenknochens nach. Um seine Mundwinkel spielte ein Lächeln, als er ihr zart über die Wange und dann den Hals hinunter bis zu ihrem Dekolleté strich, wo er winzige Kreise malte.
   Seine Finger hinterließen eine glühende Spur tiefen Begehrens.
   Ben, was machst du mit mir?
   Sie hörte das Rauschen ihres Blutes in den Ohren, als er eine ihrer Locken nahm und sie um seinen Finger drehte. Spielerisch zog er daran. Sein Mund war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt, und sein brennender Blick hielt den ihren gefangen. Sie spürte Bens Atem. Heiß. Süß und herb zugleich. Ein Hauch von dem Coopers, das er getrunken hatte. Sie bebte vor Erwartung. Vor Sehnsucht. Und Verlangen.
   O bitte, küss mich, Ben. Küss mich!
   Hatte sie laut gesprochen? Sie schloss die Lider. Dann spürte sie seine samtweichen Lippen auf ihren. Sie verlor den Boden unter den Füßen und fing an zu schweben. Spürte sein Herz gegen ihre Brust hämmern. Seine Lippen streiften die ihren, der Kuss nur ein Hauch, der Flügelschlag eines Schmetterlings. Seine Zunge streichelte über ihre Lippen, zwängte sich sanft zwischen ihre Zähne. Allie grub ihre Finger in seine Haare und drängte sich ihm willig entgegen. Noch niemals hatte sie so ein intensives, brennendes Verlangen verspürt, jemandem zu gehören. Sie hatte Angst, sich in diesem übermächtigen Gefühl zu verlieren, und dennoch gab es nichts auf der Welt, nach dem sie sich in diesem Moment mehr sehnte, als Ben in sich zu spüren. Sie stöhnte leise auf, als er den Kuss vertiefte und seine Hüften kreisend an ihr rieb. Seine Hand glitt an ihrer Seite hinauf, bis seine Finger ihre rechte Brust fanden. Mit dem Daumen neckte er ihre Brustwarze durch den dünnen Satin. Ungezähmtes, ungestümes Verlangen rollte über sie hinweg wie eine alles umschlingende Woge. Ohne nachzudenken, fing sie an, ihn durch den Stoff seiner Jeans zu streicheln. Es war ihr egal, ob späte Spaziergänger sie ertappten. In diesem Augenblick, unter dem sternenübersäten Himmel am River Torrens, gab es nur Ben und sie.
   Ein Ruck ging durch seinen Körper, seine Muskeln spannten sich. Keuchend löste er sich von ihr. Seine Pupillen glitzerten wie zwei schwarze bodenlose Seen. »Gott, Allie.« Seine Stimme brach. Er holte zitternd Luft.
   Ihre Lippen brannten von seinem Kuss, das zuckende, auf- und abflammende Lodern zwischen ihren Schenkeln raubte ihr fast den Atem.
   »Wir sollten uns ein Zimmer nehmen«, scherzte er atemlos.
   Sie nickte, konnte den Blick nicht abwenden von seinen Lippen, deren salzig-herben Geschmack sie noch immer auf ihren schmeckte.
   »Wir müssen aufhören.« Ben trat einen Schritt zurück und fuhr sich mit der rechten Hand durchs Haar. »Ich kann sonst«, noch einmal schnappte er nach Luft, »für nichts garantieren. Du bringst mich um den Verstand.« Leise schüttelte er den Kopf. »Ich will dich, Alexandra Logan. So sehr, dass es schmerzt.«
   Warum hatte sie das Gefühl, seine blauen Augen würden auf den Grund ihrer Seele blicken können? »Ich will dich auch, Ben Hunter.« Sie konnte kaum glauben, dass sie so etwas sagte. Sie war nicht eine dieser Frauen, die gleich beim ersten Date mit jedem ins Bett hüpften, geschweige denn ihre Seele offenbarten.
   Da war es wieder. Dieses winzig kleine sexy Lächeln, das ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Es schien, als könnte er ihre Gedanken lesen. »Wir sind uns gerade erst begegnet, und doch scheint es mir, als hätte ich mein Leben lang auf dich gewartet. Ich weiß, es klingt seltsam, aber ich begehre dich so sehr, wie ich noch nie zuvor jemanden begehrt habe.«
   Es klang nicht seltsam. Beängstigend. Aber Allie fühlte das starke Band, das sie zueinander zog, ebenfalls. Es machte ihr Angst. Was sollte sie mit diesem unbändigen Verlangen anfangen? Mit dieser tiefen Sehnsucht? Einer Sehnsucht nach einem Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte.
   Seine Augen versuchten, in ihrem Gesicht zu lesen. Plötzlich zog er sie hart an sich und hielt sie fest. Sie sog seinen Geruch ein. Den Duft seines T-Shirts, die herbe Frische seines Aftershaves. Den Duft von Sonne und Salz auf seiner Haut. Er roch nach dem Meer. Sie schloss die Augen. An diesen Duft könnte sie sich gewöhnen. Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie und Ben ein Paar wären … Aber nein, sie war nicht auf der Suche nach einem Freund. Es passte nicht in ihre Pläne. Sie verspürte keine Lust auf neuen Herzschmerz und das ganze Drumherum. Außerdem war sie in wenigen Monaten sowieso von der Bildfläche verschwunden. Das freche Keckern eines Magpies holte sie in die Gegenwart zurück. »Hör zu, Ben. Es … tut mir leid. Ich kann das nicht.« Leises Bedauern mischte sich mit dem starken Verlangen, erneut seinen Mund auf ihrem zu spüren.
   Er musterte sie lang und hart. »Du hast recht«, pflichtete er schließlich bei. Wir hätten das nicht tun dürfen. Lass uns zurück ins Blue Elephant gehen.«
   Sie schluckte. »Ich geh nach Hause.«
   »Soll ich dir ein Taxi rufen? Oder«, er zögerte, »ich könnte dich auch bringen?«
   »Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Die frische Luft wird mir guttun.« Sie wandte sich rasch ab, damit er die Tränen nicht sah, die ihr in die Augen stiegen.

Kapitel 4

Ben bedachte die Studentin, die ihn im Vorbeigehen im Flur des dritten Stocks des Wohnheims neugierig musterte, mit einem abwesenden Lächeln. Er wartete, bis er ihren kurzen roten Flatterrock um die Ecke verschwinden sah, wischte seine Handflächen an den Oberschenkeln seiner Jeans ab und klopfte an Allies Tür. Sein Herz setzte für eine Sekunde aus, bevor es wie eine Horde Wildpferde losgaloppierte. Bloody hell, benahm er sich nicht wie ein liebessüchtiger Teenager? Fast hätte er laut aufgelacht. Es schien Äonen her zu sein, dass er angesichts eines Dates solch eine Aufregung empfunden hatte. Ein Anflug von schlechtem Gewissen streifte ihn, als er einen Blick auf seine Armbanduhr warf. Fiona hatte ihm die aquamarinblaue Freestyle Killer Shark Tide zu seinem Geburtstag geschenkt. Er verdrängte das beklemmende Gefühl und konzentrierte sich auf das Date mit Allie. Halb acht. Er war pünktlich, wie vereinbart. Durch die Tür drang leise Musik. Er hörte gedämpfte Schritte. Dann stand Allie vor ihm. Barfuß und umwerfend schön. Sie trug ihr wundervolles, üppiges Haar offen und ein kurzes, zart geblümtes Sommerkleid, gehalten von dünnen Trägern.
   »Ben.«
   »Allie.«
   Sie grinsten einander an, als hätten sie soeben das große Los in der Lotterie gezogen. Kurzerhand schnappte sie sich seine Hand.
   »Warte, Allie.« Er verharrte unschlüssig im Türrahmen. Sie musste die stumme Frage in seinen Augen gelesen haben, denn ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.
   »Das geht schon in Ordnung«, raunte sie mit einem verschwörerischen Zwinkern. »Herrenbesuch wird zwar nicht gern im Wohnheim gesehen, aber wir müssen es ja nicht an die große Glocke hängen.«
   »Warte«, bat er erneut. »Das ist es nicht. Sondern – bist du dir sicher, dass du das hier willst? Dass wir uns treffen, meine ich.«
   Sie hatten miteinander telefoniert. Zwei lange Stunden. Über Gott und die Welt gesprochen. Über sich. Ben hatte Kenny beauftragt, ihre Handynummer ausfindig zu machen, und auch wenn er von dem Kerl ansonsten nicht viel hielt, musste er ihm zugestehen, dass dieser verdammt gut darin war, Telefonnummern oder Adressen zu beschaffen. Ben hatte Allie gesagt, dass er nicht aufhören konnte, an sie zu denken. Dass er sich nach ihr sehnte und sie unbedingt wiedersehen wollte. Es hatte ein bisschen gedauert, aber schließlich hatte sie ihm gestanden, dass es ihr genauso ging. Schließlich hatten sie sich verabredet. Und jetzt stand er hier auf ihrer Türschwelle und wusste plötzlich nicht, ob er das Richtige tat.
   »Ich bin mir sicher«, beantwortete sie seine Frage mit einem leisen Lächeln und führte ihn ins Zimmer.
   »Das ist also dein Reich.« Langsam fing er an, sich zu entspannen. Er sah sich um. Etwa fünfzehn Quadratmeter feminine Gemütlichkeit. Die letzten Strahlen der Abendsonne, die sich durch die zarten Gardinen am gegenüberliegenden Fenster stahlen, ließen den hellen Pfirsichton der Wände golden leuchten. Ein Hauch von Parfüm lag in der Luft. Eindeutig das Zimmer einer jungen Frau. Sein Blick blieb an ihrem breiten Messingbett mit dem orange- und hellblaufarbenen Quilt hängen. Er fing Allies Blick auf. Sie errötete.
   »Willkommen in Alexandra Logans kleiner Welt.«
   O Gott. Sie war so schön. Am liebsten wäre er an Ort und Stelle sofort über sie hergefallen.
   Reiß dich zusammen, Hunter. Du willst diese Frau nicht mit deiner ungestümen Leidenschaft in die Flucht schlagen, oder?
   Er ahnte, dass Allie keine Frau für einen One-Night-Stand war. Ebenso wenig, wie er Interesse an einem flüchtigen Abenteuer hatte. Er hatte schon immer lange Beziehungen gehabt. Fionas Gesicht tauchte vor seinem geistigen Auge auf und er wischte das Bild rasch beiseite. Er wusste nicht, ob und was aus ihm und Allie werden würde, aber eines war ihm klar: Er würde alles tun, um es herauszufinden. Das Schicksal hatte ihm Alexandra Logan über den Weg geschickt. Da war er sich sicher.
   »Erde an Ben … bist du noch anwesend?«
   Allies Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen. Sein Blick wanderte von ihren verführerischen grünen Augen zu ihren vollen Lippen und verharrte dort. Der heftige Wunsch, sie an sich zu ziehen und zu küssen, überfiel ihn anfallartig und er schluckte hart. »Schön hast du’s.« Er wandte sich ab, um seine wachsende Erregung zu verbergen, und nahm das vollgestopfte Bücherregal neben einem Poster von Hugh Jackman in Augenschein. »Hugh?«
   Allie zuckte grinsend mit den Schultern. »Ich find ihn cool. Irgendwie.« Dann lachte sie. »Okay, ich geb zu, das Poster hängt schon eine Weile. Ich war einfach zu faul, es abzunehmen.«
   »Kenn ich. Von der Wand meines Schlafzimmers lacht mir Kristen Stewart entgegen.«
   »Ups.« Allie verzog den Mund. »Wohnst du noch bei deinen Eltern?«
   »Yep.« Er schnappte sich eines der Bücher aus dem Regal und blätterte darin. »Uns gehört das Haus in der Pirie Street. Über dem Café gibt es zwei Wohnungen, die kleinere davon ist meine.« Er bemerkte ihren skeptischen Blick. »Es ist praktisch. Kein langer Weg zur Arbeit.«
   »Und Mum und Dad haben alles unter Kontrolle.«
   Ben lachte. »So sind meine Eltern nicht. Sie lassen mir mein eigenes Leben.« Er stellte das Buch zurück ins Regal und ließ seine Finger über die vielen Buchrücken gleiten. »Du liest ganz schön viel, was?«
   »Ist eines meiner Hobbys. Neben Zeichnen und Spazierengehen.«
   »Spazierengehen? Hm.« Er stopfte die Hände in die vorderen Hosentaschen seiner Jeans und kickte ein imaginäres Steinchen vom Parkettboden. »Könnte ich dich denn eventuell auch fürs Surfen begeistern?«
   Sie wickelte eine Haarlocke um ihren Zeigefinger. »Vielleicht.«
   »Was willst du eigentlich mal werden, wenn du …«
   »Wenn ich groß bin?«, unterbrach sie ihn schmunzelnd. »Ich möchte Kinderbücher illustrieren. Für Verlage arbeiten. Das ist mein großer Traum.«
   »Aha.« Damit konnte er nicht wirklich etwas anfangen. Er zögerte. »Magst du spazieren gehen? Ich meine, jetzt?«
   »Nein.« Sie biss auf ihre Unterlippe. Ihr Blick hielt den seinen. Einen Augenblick lang stand vielsagendes Schweigen im Raum, bevor sie sich zum Fenster umwandte und die zarten Gardinen beiseiteschob.
   Er trat hinter sie, legte seine Finger auf ihre nackten Schultern. Ihre Muskeln wurden hart, aber als er begann, sie sacht zu massieren, entspannte sie sich und ließ ihren Kopf an seine Brust sinken. Sofort begann ein sehnsüchtiges Kribbeln in seinem Unterleib. Er senkte seine Lippen auf die kleine Kuhle zwischen ihrem Hals und den Schultern und spürte Allie vor Erregung schaudern. Seine Hände glitten hinab zu ihrer Taille.
   Ihr entfuhr ein begehrlicher Seufzer, und Ben konnte sich nicht länger zurückhalten. Sanft drehte er sie um und griff nach ihrer Hand. Er führte sie zum Bett, wo er sich auf den Quilt setzte und sie auf seinen Schoß zog. Behutsam strich er eine dieser kastanienbraunen Locken aus ihrer Stirn und schnupperte an ihr. Sie roch gut. Verführerisch nach reifen Orangen, Sandelholz und Blüten, und ihr Gewicht auf ihm ließ einen süßen Schmerz durch seinen Unterleib schießen. Sein Puls beschleunigte sich, als er seinen Blick auf die verlockende Linie ihrer weichen roten Lippen richtete. Er senkte den Kopf und …
   »Warte.« Mit der flachen Hand drückte Allie gegen seine Brust. Die Pupillen in ihren grünen Augen waren riesig und unergründlich. »Ben, du … du bist in keiner Beziehung, oder?«
   Er zögerte. Nur eine Sekunde zu lang. »Nicht mehr«, erwiderte er, wobei er versuchte, das Unbehagen, das seine Brust einschnürte, wie ein zu eng gewordenes Hemd, abzustreifen. Es war wahr. Er hatte mit Fee gebrochen. Hatte ihr gesagt, dass er eine Auszeit bräuchte. Zeit für sich. Zeit zum Überlegen. Fassungslos, als könnte sie nicht begreifen, was er da von sich gab, hatte sie ihn angesehen. Ob er sie denn nicht mehr liebe, hatte sie wissen wollen. Der Schmerz und die Verwunderung in ihren Augen hatten ihn tief berührt. Sie hatte ihm furchtbar leidgetan. Er hatte sich wie ein Schwein gefühlt, doch er konnte nicht anders. Alexandra Logan geisterte durch seinen Kopf und sein Herz, er wurde die Gedanken an sie nicht mehr los. Er war in ihrem Bann. Ich weiß es nicht, Fee, hatte er geantwortet. Ich weiß es einfach nicht. Auf ihre Frage hin, ob es eine andere gäbe, hatte er hartnäckig geschwiegen, und sie war letztendlich gegangen. Der Knall der zufallenden Tür hatte wie drohender Donner nachgehallt.
   Allie musterte ihn aufmerksam. »Ich möchte keine Beziehung zerstören.«
   »Tust du nicht.« Das hatte er selbst schon getan. Er seufzte innerlich auf und fegte die Dämonen der Vergangenheit abermals beiseite. Er würde noch einmal in Ruhe mit Fee reden. Jetzt wollte er sich auf diese wunderbare, sexy Frau konzentrieren. »Küss mich«, bat er. »Komm schon, Alexandra Logan, küss mich oder ich vergehe vor Sehnsucht.« Erneut schloss er die Augen und erwartete die Berührung ihrer sanften, zarten Lippen auf seinem Mund, doch Allie löste sich von ihm und stand auf. »Was ist los?«
   Sie kramte in ihrer Nachttischschublade und er starb fast vor Verlangen. Was zum Henker machte sie da?
   Sie warf ihm einen schelmischen Seitenblick zu. »Ich suche eine Kerze.«
   »Nette Idee.« Wozu brauchten sie Kerzenlicht? Verdammt, er glühte bereits lichterloh. Auf solche Ideen konnten nur Frauen kommen. Fiona liebte ebenfalls romantisches Licht, wenn … Stopp! Er musste endlich aufhören, an Fee zu denken.
   Allie zauberte ein paar Teelichter hervor und platzierte sie auf dem Tischchen. Erneut stöberte sie in der Schublade. »Mist. Keine Streichhölzer mehr. Ich organisiere rasch welche.«
   Er stöhnte innerlich auf. »In Ordnung«, stieß er durch zusammengepresste Zähne hervor. Bekam sie etwa kalte Füße? Schicksalsergeben ließ er sich zurück auf den Quilt sinken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
   Zum Glück dauerte es nicht lang, bis sie mit einem Päckchen Streichhölzer zurückkam und die Kerzen anzündete. Danach verharrte sie vor dem Bett und sah ihn abwartend an.
   »Komm her.«
   Ein wenig zögerlich setzte sie sich neben ihn auf die Bettkante. Sie fummelte an einem winzigen Fädchen, das aus der Decke lugte. »Hör zu. Ich … mache so was normalerweise nicht.«
   »Was? Sex?«
   Sie lachte. »Nein, du Scherzkeks. Ich meine, mit jemandem ins Bett zu gehen, den ich kaum kenne.« Ihre grünen Augen sprühten Funken. Sie sprang wieder auf.
   »Ich auch nicht.« Er erhob sich ebenfalls, blieb dicht vor ihr stehen. »Aber …« Mit dem Zeigefinger zeichnete er eine Schlangenlinie von ihrem Hals bis hinunter zu ihrem Dekolleté. Sein Atem beschleunigte sich und sämtliches Blut schoss in seinen Unterleib, als er bemerkte, wie sich Allies Brustwarzen unter dem dünnen Stoff ihres Kleids aufrichteten. Prompt spannte seine Jeans im Schritt. Süßer, pochender Schmerz fuhr in seine Lenden. »Ich habe das Gefühl, dass wir uns schon ewig kennen«, sagte er und unterdrückte mühsam das kaum zu bändigende Verlangen. Langsam, alter Junge. Langsam. Verdirb es nicht. »Ich werde dir nicht wehtun, Allie.«
   »Das weiß ich. Es ist merkwürdig, aber ich vertraue dir.« Eine Ader an ihrem Hals klopfte wild und verräterisch. Ihre langen Wimpern warfen Schatten auf ihre glühenden Wangen.
   »Sieh mich an.« Er hielt ihren Blick fest und begann, behutsam und quälend langsam, die Knöpfe am Oberteil ihres Kleids zu öffnen. Die zarten Träger glitten von ihren Schultern. Das Oberteil rutschte bis zur Taille hinab und gab den Blick auf ihre Brüste frei. Mit dem Daumen umkreiste er eine der Knospen. Es bereitete ihm Genugtuung, zu sehen, wie sich Allies Pupillen weiteten, und ihr Blick sich vor Erregung verdunkelte. »Meine wunderschöne Allie«, flüsterte er, neigte sich hinab, um sie mit seinen Lippen zu liebkosen. Sacht nahm er eine der Spitzen in den Mund und ließ seine Zunge spielen.
   Allie gab ein Stöhnen von sich. Sie vergrub ihre Finger in seinem Haar. Das begehrliche Pochen zwischen seinen Schenkeln schwoll an. Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen.
   »Ich will dich«, murmelte er in ihr Haar, das nach wilden Blumen und Orangen duftete und seine Sinne benebelte.
   Sanft löste sie sich von ihm. »Zieh dich aus, Ben Hunter.« In ihren grünen Augen lag ein forderndes Funkeln, das seinen Puls in ungeahnte Höhen schnellen ließ.
   Es dauerte nicht lang, da hatte er sich vor Erregung bebend seiner Kleidung entledigt.
   Allies Blick blieb an seinem linken Oberarm haften. »Was bedeutet dieses Tattoo?«
   Ben drehte leicht seinen Arm, um die Zeichnung zu betrachten. »Ein Symbol für Wiedergeburt, für Liebe und Leidenschaft zugleich. Hat ein Kumpel für mich gemacht.«
   Allie ließ zwei zarte Finger über das Bild gleiten. »Du glaubst daran, dass wir wiedergeboren werden?«
   »Du nicht?«
   »Wer weiß.« Ihre Finger rutschten tiefer. »Ich liebe dein Tattoo. Und die Bedeutung, die du ihm gibst.« Ein vielsagendes Lächeln huschte über ihre Lippen. »Ich finde Tattoos sehr sexy, erwähnte ich das schon?« Sanft drückte sie seine Pobacken.
   Wohlig schaudernd zuckte er zusammen, beinahe berstend vor Leidenschaft. Als sich Allies Finger schmetterlingsgleich nach vorn arbeiteten und ihn umschlossen, stöhnte er laut auf.
   »Pst!« Allie kicherte. »Wir wollen doch nicht, dass meine Zimmernachbarinnen neidisch werden.«
   Ihre Worte entlockten ihm ein Grinsen. »Alexandra Logan, du bist ein böses Mädchen.« So flink, dass ihr ein kleiner, überraschter Schrei entfuhr, schlang er seine Arme um sie, hob sie mühelos auf und legte sie auf den Quilt. Er kniete sich über sie, sodass seine Schenkel links und rechts an ihrer Hüfte ruhten. »Jetzt bist du dran.« Seine Stimme klang rau wie reifer, alter Whiskey. Vorsichtig zog er ihr das Kleid über den Kopf. Sie versuchte, ihre Hände über die Brust zu legen, doch er schob sie sanft weg. »Nein, versteck dich nicht.« Der Anblick ihres schlanken, mädchenhaften Körpers raubte ihm den Atem. »Mein Gott, Allie, du bist bezaubernd.«
   »Mum wollte mir früher stets einen Push-up aufdrängen.«
   »Was?« Bildete er sich das ein, oder nahmen Allies Wangen einen rötlichen Ton an? Vielleicht war es auch nur der Kerzenschein.
   »Meine Brüste. Sie sind …«
   »Perfekt. Wunderschön und liebenswert.« Mit beiden Händen strich er über die helle Pfirsichhaut, von ihrem Hals über ihr Dekolleté, über die sanften Hügel ihrer Brüste. Er meinte, was er sagte. Sie besaß einen hinreißenden Körper. Fionas volle Weiblichkeit kam ihm in den Sinn. Nein, er wollte die beiden Frauen nicht miteinander vergleichen. Energisch schob er das störende Bild von sich, um sich ganz auf Allie zu konzentrieren. Warum gingen Frauen stets davon aus, dass Männer große Brüste liebten? Ben legte keinen Wert auf Größe oder Form. Für ihn war jede Frau schön, wenn die Proportionen stimmten. Zudem lag Schönheit im Auge des Betrachters. Wenn er eine Frau liebte, fand er sie stets attraktiv. Große Brüste hin oder her. Gedankenverloren umkreisten seine Fingerspitzen Allies aufgerichtete Brustwarzen. »Alexandra Logan«, murmelte er, mehr zu sich selbst. »Du hast ja keinen Schimmer, wie bezaubernd du bist.« Er ließ seine Hände hinabwandern, folgte der Kurve ihres Rippenbogens zu ihrem Bauchnabel. Sie bemühte sich, nicht zusammenzuzucken, als er federleicht über die kleine Vertiefung strich. »Kitzlig?«
   Sie grinste. »Ein bisschen.«
   Ben lachte leise. Sie war so süß. Wie Zucker und Honig. Wie Vanilleeiscreme mit Sahnehäubchen. Er begehrte sie, verzehrte sich leidenschaftlich nach ihr, und doch, sie so daliegen zu sehen, weckte den tiefen Wunsch, sie zu beschützen. Das, was er für diese Frau fühlte, ging weit über das Körperliche hinaus. Wie aber konnte das sein, wenn sie sich gerade erst kennengelernt hatten? Verwundert glitt er neben sie, legte ein Bein angewinkelt über ihre Hüfte und küsste sie zart auf den Mund. »Bist du dir sicher, dass du dies hier möchtest?«
   Einen Augenblick lang starrte sie schweigend in seine Augen, und die Welt hörte auf, sich zu drehen. Ein vielsagendes Lächeln spielte um ihre Lippen. »Ich war mir noch nie so sicher.« Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihr pochendes Herz. Bei der Berührung wuchs sein Verlangen ins schier Unermessliche. Er presste seinen pulsierenden Unterleib an sie. Sie bog sich ihm entgegen und er bemühte sich, sie von ihrem Slip zu befreien. Er wollte das Stück Stoff gerade mit Schwung über die Bettkante befördern, als er in der Bewegung innehielt und stutzte. »Echt jetzt, Allie? Ein Baumwollhöschen?« Wider Willen brach er in Gelächter aus.
   »Na und?« Sie entriss ihm den Slip und warf ihn unter das Bett. In ihre Augen trat ein Glitzern. »Möchtest du dich über die Beschaffenheit meines Höschens unterhalten oder dich endlich lieber wichtigeren Dingen widmen? Denn wenn …«
   Ben verschloss ihre Lippen mit einem Kuss. Während er mit der Zunge die süße, feuchte Höhle ihres Munds erforschte, nahm sie ihn in die Hand, um ihn zu streicheln. Seine kaum mehr zu bändigende Erregung katapultierte ihn auf eine gewaltige Klippe der Lust. Mit Mühe löste er sich von ihr. »Allie«, keuchte er, »warte.«
   »Was?«
   Er starrte auf ihre Lippen, rot geküsst und leicht geschwollen. Die Pupillen groß und dunkel, nur noch ein kleiner Rand der grünen Iris war zu sehen. Holy shit, war sie schön. Und so unglaublich sexy. Erneut schoss ein ziehender, süßer Schmerz durch Bens Lenden. Er musste diese Frau besitzen. Er musste sie lieben. Sie spüren. Aber erst … »Wir müssen uns schützen. Hast du …?«
   Es war nicht nötig, dass er den Satz zu Ende sprach. Sie begriff sofort. Wortlos drehte sie sich unter ihm weg und streckte einen Arm aus, um erneut die Nachttischschublade zu öffnen. Sie zauberte eine noch geschlossene Packung mit Kondomen hervor und öffnete sie mit den Zähnen. Als er nach einem der Gummis greifen wollte, schob sie sanft seine Hand beiseite. »Lass mich. Ich mach das für dich.«
   Er rollte sich auf den Rücken und spürte Allies Haare auf seinem Bauch, die über seine elektrisierte Haut strichen. Kurz darauf berührten ihre Schenkel seine Hüfte.
   »Ist im Service inbegriffen«, flüsterte Allie.
   Ben bog den Kopf zurück, als er ihre heißen Finger um sich spürte. Unwillkürlich strebten seine Hüften ihrer Hand entgegen.

*

Die Kerzen der Teelichter waren längst verglüht. Im Wohnheim herrschte gespenstische Stille. Der Schein einer Straßenlaterne drang durch das Fenster und hüllte den Raum in Silberlicht. Allie lag auf der Seite, den Kopf in eine Hand gestützt, und betrachtete Bens stille Züge. Mit dem Finger malte sie kleine Kreise auf seinen nackten Oberkörper. Noch immer erfüllt von einem unheimlichen Glücksgefühl legte sie ihre Lippen auf seine warme, glatte Haut, sonnengeküsst vom Surfen im Meer und golden wie dunkler Honig. Sein warmer, herber und verführerischer Duft hüllte sie ein wie eine sanfte Decke. Obwohl sie todmüde war, fühlte sie erneut Begehren aufsteigen wie kleine Luftbläschen, die an die Oberfläche eines tiefen, dunklen Sees drängten. Sie hatten sich fast die ganze Nacht lang geliebt, unfähig, voneinander zu lassen. Und auch jetzt sehnte sie sich danach, ihn zu riechen, zu spüren. Ihm so nah wie möglich zu sein. »Ben?«
   »Mhm«, brummte er und öffnete ein Auge, um sie anzusehen.
   »Was ist mit uns passiert?«
   »Was meinst du denn?« Er gähnte herzhaft. Stirnrunzelnd kratzte er sich am Hinterkopf. »Komisch, ich kann mich an nichts erinnern.« In seinen blauen Augen funkelte Heiterkeit.
   »Ben Hunter! Unmöglicher …«
   Mit einem Kuss brachte er sie zum Schweigen. Seine Lippen waren süß und warm und himmlisch. Bereitwillig erwiderte sie seinen Kuss. Schmiegte sich an seinen vom Schlaf noch warmen Körper. Ihre Finger glitten unter das Laken, strichen sacht über seinen flachen, harten Bauch und schoben sich unter das Elastikband seiner Boxershorts. Sie hob den Kopf.
   »Du … willst schon wieder?« Das Glitzern in seinen Augen war Antwort genug.
   Sie fühlte ein glückliches Lachen aufsteigen. Seine Lust gab ihr das Gefühl, Macht über ihn zu besitzen, und das gefiel ihr. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, als sie ihn streichelte und neckte, bis er scharf die Luft einsog. Sie fühlte ihn erzittern.
   »Du machst mich wahnsinnig, Weib.« In seinen blauen Augen loderte ein Feuer des Begehrens. Er umfasste ihren Hinterkopf, zog sie an sich und küsste sie hart.

Eine Weile später hielt er sie in den Armen und spielte gedankenversunken mit ihren Locken. »Ehrlich, ich frage mich, wie so etwas möglich ist, Allie. Wir wissen kaum etwas voneinander, sind uns gerade erst begegnet. Doch mir kommt es vor, als ob ich dich schon mein ganzes Leben lang kenne. Du scheinst mir so vertraut, so nah.«
   Sie hob den Kopf, studierte sein Gesicht, als wollte sie es sich für immer einprägen. Ben hatte exakt das ausgesprochen, was sie empfand. Trotz der starken sexuellen Anziehung, trotz des elektrisierenden Prickelns, das sie überfiel, wann immer sie sich berührten, hatte sie das unbestimmte Gefühl, dass ihre Verbindung über das Körperliche hinausging. Allie fühlte sich sicher und geborgen in Bens Armen. Als wäre sie angekommen. Nach Hause gekommen. Hätte ihren Platz im Universum gefunden. Dieser seltsame Gedanke jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. »Es ist merkwürdig, findest du nicht?« Gedankenverloren strich sie über die feinen goldenen Härchen auf seinem Unterarm.
   »Du hast mich gleich in deinen Bann gezogen. Erinnerst du dich an den Moment, als du auf dem Campus in mich gerannt bist? Ein Blick in deine grünen Augen hatte genügt. Seitdem bin ich dir verfallen.«
   »Mir ging es ähnlich«, sagte sie leise. Sie verschränkte seine Finger mit ihren und hob sie an ihre Wange.
   »Vielleicht waren wir in einem früheren Leben miteinander verbunden. Waren Bruder und Schwester. Oder Liebende.«
   »Du sprichst von Wiedergeburt. Denkst du wirklich, so etwas wäre möglich?«
   Er lächelte. »Warum nicht. Es soll mehr Dinge …«
   »… im Universum geben, als wir Menschen uns vorstellen können. Ich …«
   Ein wütendes Klopfen an der Tür unterbrach sie.
   Allie schrak zusammen. »Wer kann das sein? Zu dieser Zeit?«
   »Verdammt, Ben, mach sofort auf, ich weiß, dass du da drin bist!« Eine weibliche Stimme. Und zweifelsohne ziemlich sauer.
   Allie wechselte einen alarmierten Blick mit Ben, dessen Wangen sich dunkelrot färbten. »Mein Gott, Ben, sie wird noch das ganze Wohnheim aufwecken. Wer zur Hölle ist das?«
   Erneut ertönte ein wildes Trommelstakkato. »Macht sofort auf, oder ich schwöre …«
   »Scheiße.« Ben warf die Decke zurück und hechtete aus dem Bett. Nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte, sprintete er zur Tür und riss sie auf.
   Was dann folgte, war tödliche Stille. Ben verharrte wie festzementiert. Allie drückte ihr Rückgrat durch und riss das Betttuch vor ihre Brust. Du liebe Güte! Im hell erleuchteten Flur stand die blonde Frau aus dem Pig & Whistle! Was in aller Welt wollte sie hier? Und was hatte sie mit Ben zu schaffen? Sie begann zu frieren, als eine düstere Erkenntnis langsam Besitz von ihr ergriff. Übelkeit stieg aus ihrer Magenmitte auf und sie versuchte, gegen den Würgereiz anzukämpfen. Erstarrt beobachtete sie, wie sich die Blondine mit einem vernichtenden Blick zu Ben an ihm vorbei ins Zimmer schob. Mit vor der Brust verschränkten Armen blieb sie mitten im Raum stehen. »Könntest du mir das bitte erklären?« Ihre Stimme, so voller Hass und Kälte, legte sich über den Raum wie ein Eisschauer.
   Ben schloss die Tür hinter ihr und knipste das Deckenlicht an. »Mein Gott, Fiona.« Seine Stimme klang wie aus weiter Ferne.
   »Mein Gott, Fiona«, äffte sie ihn nach und zog eine hässliche Grimasse. »Ist das alles, was du zu sagen hast?« Ihr Blick fiel auf Allie, die noch immer regungslos auf dem Bett saß. »Schlampe.«
   Für den Bruchteil einer Sekunde verschlug es Allie die Sprache. »Ich möchte dich bitten, zu gehen«, sagte sie schließlich so würdevoll wie möglich. Ihre Finger krampften sich um den kühlen Stoff des Lakens, als sie sich Ben zuwandte. »Und dich auch.« Ihr war, als hätte ihr jemand einen Schlag in die Magengrube versetzt. Ein Messer ins Herz gerammt. Ben hatte sie angelogen.
   Ben klaubte seine Siebensachen vom Boden. »Es ist nicht so, wie du denkst, Allie«, keuchte er, balancierte auf einem Bein und schob einen Fuß durch die Öffnung seiner Boxershorts. »Lass es dir erklären.«
   »Wären das nicht die Worte, die du jetzt an mich richten solltest?« Fionas helle Augen sprühten vor Zorn. »Verdammt, Ben Hunter!« Ihre Stimme überschlug sich. »Was zum Henker passiert hier? Eben noch dachte ich, wir wären so gut wie verlobt und jetzt vögelst du so ein dahergelaufenes …«
   »Genug!« Das Laken fest vor ihre Brust gepresst, sprang Allie aus dem Bett. »Haltet den Mund! Alle beide!« Fehlte noch, dass die neugierige Tratschtante Nicole von gegenüber Wind von ihrem nächtlichen Besuch bekam. Dann würde am nächsten Morgen das gesamte Wohnheim Bescheid wissen. Inklusive des schrecklichen Wachhunds Miss Sparks, die im Erdgeschoss eine muffige Wohnung besaß und stets ein, wie sie immer betonte, wachsames Auge auf alles hatte, was im Haus vor sich ging. Wenn Sparks von Allies Übernachtungsgast erfuhr, könnte Allie ein Ausschluss aus dem Wohnheim drohen.
   Fiona funkelte sie an. »Ich rede nicht mit dir.« Ihre Stimme klirrte wie Eis. »Das ist eine Sache zwischen Ben und mir.«
   »Dies hier ist mein Zimmer, falls du es vergessen haben solltest.« Allies Handflächen überzogen sich mit einem Schweißfilm.
   »Fiona, bitte.« Ben zog sich das T-Shirt über den Kopf. Sein blondes Haar stand in alle Richtungen, als er aus dem Ausschnitt auftauchte. »Es tut mir leid …«
   »Es tut dir leid?«, fuhr Fiona ihn an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Deswegen also hast du mit mir Schluss gemacht? Wegen ihr?« Sie vollführte eine verzweifelte Geste in Allies Richtung.
   »Ich möchte, dass du gehst, Ben. Nimm Fiona mit.« Mit sehr geradem Rücken, das Laken an sich gepresst, blieb Allie an der Tür stehen und hielt sie weit auf. Ben sollte verschwinden. Aus ihrem Zimmer. Aus ihrem Leben.
   Anscheinend hatte sie sich klar genug ausgedrückt. Wortlos knöpfte er seine Jeans zu, schlüpfte in seine Sneakers und schnappte sich Fionas Hand.
   Bevor Allie die Tür hinter den beiden schloss, drehte er sich noch einmal um. »Ich komme wieder. Ich gebe dich nicht auf, Alexandra Logan. Ich liebe dich.«
   Tessa streichelte sanft über ihren Rücken. »Jetzt nimm es nicht so schwer, Allie. Du und Ben, ihr habt euch doch kaum gekannt.«
   Allie schniefte. »Das macht keinen Unterschied, Tess. Ich kann die Nacht mit ihm nicht vergessen. Es hat sich angefühlt, als wäre ich endlich nach Hause gekommen. Als hätte ich meinen Platz gefunden, verstehst du?« Sie hob den Kopf. »Du denkst bestimmt, ich bin verrückt, aber genauso war es. Ich hatte das Gefühl, meinen Seelenpartner gefunden zu haben.« Erneut wurde sie von einem Weinkrampf geschüttelt. »O mein Gott, Tess. Es tut so weh. Ich wollte mich nicht verlieben. Ich war nicht auf der Suche. Und dann kam er und …« Sie schluckte. »Er hat mich einfach umgehauen. Mit seinem süßen Lächeln und den blauen Augen. Und jetzt … jetzt kann ich ihn nicht vergessen.« Sie drehte sich zu ihrer Freundin um. »Es tut so weh.«
   Tessa nickte. »Ich weiß.« Hilflos strich sie über Allies nackten Oberarm.
   Ein energisches Pochen an der Tür ließ beide zusammenzucken. Allies Herz schlug ein paar Takte schneller. Sie wechselte einen Blick mit Tessa und ihr war klar, dass die Freundin wusste, was ihr gerade durch den Kopf schoss.
   »Soll ich gehen?«
   Allie schüttelte den Kopf, dass ihre Locken flogen. »Warte.« Sie biss auf ihre Unterlippe. »Sag, ich bin nicht zu sprechen.«
   »Sicher?«
   »Wenn er es ist, ich will ihn nicht sehen.« Das schnelle und ungestüme Schlagen ihres Herzens strafte sie Lügen. Sie sah zu, wie Tessa die Tür einen Spalt öffnete.
   »Bitte geh. Sie will dich nicht sehen.«
   Tessa hatte keine Chance. Ben quetschte sich an ihr vorbei ins Zimmer. Mit wenigen Schritten war er bei Allie und setzte sich ungefragt neben sie. »Allie. Bitte hör mich an.«
   Allie wischte sich mit dem Handrücken über ihre nassen Wangen. »Ben. Lass mich einfach in Ruhe. Es hat doch keinen Sinn.«
   Er griff nach ihrer Hand und hielt sie fest. Streichelte mit dem Daumen über den Handrücken. »Hör mir einfach zu. Dann gehe ich, versprochen. In Ordnung?«
   Allie suchte Blickkontakt zu Tessa. Die Freundin verharrte noch immer an der Tür. »Ich verschwinde in mein Zimmer. Wenn du mich brauchst, ich bin da.«
   Der dumme, fette Kloß in Allies Hals erschwerte ihr das Sprechen. »Okay«, krächzte sie. Nachdem sich die Tür hinter Tessa mit einem leisen Klicken geschlossen hatte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Ben. Er sah müde aus. Schatten lagen unter seinen blauen Augen. Sie wehrte sich gegen das aufkommende zärtliche Gefühl.
   »Du bist böse auf mich.« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
   Allie stieß ein zynisches Lachen aus. »Was glaubst du denn?«
   »Fee ist nicht meine Freundin. Nicht mehr. Warte«, setzte er rasch nach, als sie zum Protest anhob. »Sie war es schon in jener Nacht nicht mehr. Wir hatten Schluss gemacht.« Er legte ihre Hand auf seine Brust. »Nachdem ich dich getroffen hatte, konnte ich nicht mehr mit ihr zusammen sein.« Seine Augen verdunkelten sich. »Du gingst mir nicht mehr aus dem Kopf. Seitdem ich dich kenne, will ich nur noch dich.«
   »Und Fiona?«
   Er ließ sich einen Moment Zeit mit der Antwort. »Ich will nicht leugnen, dass ich noch immer etwas für sie empfinde, Allie. Wir waren drei Jahre lang ein Paar. Da gibt es keinen Schalter zum An- und Ausknipsen von Gefühlen. Aber ich denke, ich habe sie nicht … jedenfalls nicht so sehr wie dich.« Hilflos zuckte er mit den Achseln. »Sie nimmt es schwer.«
   Verdammt. Sein Geständnis, dass er noch immer an seiner Ex hing, machte ihn in ihren Augen nur liebenswerter. Sie wollte diesen Mann nicht lieben. Sie hatte Pläne, die ihn nicht einschlossen. Und doch. Eine Macht, höher und stärker als sie selbst, schien sie unaufhörlich in seine Richtung zu ziehen. Er war wie ein Magnet. Sie sehnte sich danach, in seinen Armen zu liegen. »Wieso ist Fiona hier aufgetaucht?«
   »Sie hat mir nachspioniert.«
   Allie senkte die Lider. »Ich war furchtbar wütend auf dich, weil ich dachte, du hättest mich angelogen. Ich war verwirrt. Verletzt. Enttäuscht.«
   »Das verstehe ich.« Sanft hob er ihr Kinn, sodass er ihr in die Augen sehen konnte. »Alexandra, es ist mir ernst mit dir. Ich will ohne dich nicht mehr sein. Bitte vertrau mir.« Seine Lippen berührten ihren Mund. Sie ließ zu, dass er sie küsste, und sie schmeckte das Salz ihrer Tränen auf seinen Lippen.

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