Konsequent inkonsequent findet Gesina, Anfang dreißig und Mutter eines vierjährigen Sohnes, ihren Plan – und schreitet mit viel Mut, Witz und Charme zur Tat. Statt ihre inzwischen zu einer lahmen Pflichtveranstaltung gewordene Beziehung mit Workaholic Dirk in der Elbe zu versenken, drängt sie ihn zu einer Affäre mit einer anderen Frau. Doch hat wirklich Dirk die Abwechslung nötig? Schnell stellt Gesina fest, dass alles viel komplizierter ist, als sie es sich vorgestellt hatte. Ergeht es ihr am Ende wie dem Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, auch nicht wieder loswurde?

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ISBN: 978-9963-53-240-7

Seiten: 198

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Jana Stolberg

Jana Stolberg
Jana Stolberg lebt mit ihrer Drei-Generationen-Familie in Braunlage im Harz. Bereits als Gymnasiastin fühlte sie sich von Schrift und Sprache magisch angezogen, sodass kein Text vor ihr sicher war und sie unbedingt Schreibmaschine schreiben lernen wollte - und dies auch tat. Später wurde sie Rechtsfachwirtin und verbrachte einige Jahre bei großen Kanzleien in ihrer Heimatstadt Hamburg sowie in Köln, Bonn und London. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Jana Stolberg inzwischen selbstständige Unternehmerin, u. a. mit einem Schreibbüro für juristische Texte.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1
Gesucht – gefunden

Schwungvoll, da ausnahmsweise mal mit hundertachtzig PS unter der Motorhaube und wie so häufig kurz vor Torschluss, fuhr ich auf den Parkplatz des Baumarktes vor. Ich riss die Tür auf und hätte sie um Haares­breite mit voller Wucht gegen einen dieser unnütz im Weg herumstehenden Betonpfeiler geknallt. Puh, noch mal Schwein gehabt. Ich pustete meiner warm gewordenen Stirn Luft zu. Vorsichtig öffnete ich die Tür ein zweites Mal und sprang aus dem Wagen. In der nächsten Sekunde traktierte ein stechender Schmerz meinen linken Knöchel, ich schrie auf, verlor das Gleichgewicht, landete höchst unsanft auf meinem Allerwertesten – und die Tür nun doch am Pfeiler.
   »Verdammter Mist«, fluchte ich ärgerlich und untersuchte noch im Sitzen die zum Glück nur kleine abgeschlagene Stelle im anthrazitgrauen Metallic-Lack.
   Was war das denn? Ich blickte mich um und entdeckte unmittelbar neben der sich an meinem linken Knie ausbreitenden Laufmasche etwas matt Glänzendes. Das war also der Übeltäter. Staunend hob ich einen zentimeterbreiten silber­nen Ring mit filigranem Intarsienmuster vom Boden auf. Wow, andere Leute stolperten über spitze Steine oder sonstiges wertloses Zeug, ich jedoch über ein echtes Schmuckstück, wie stilvoll.
   So etwas war mir noch nie passiert, auch nicht, ohne darüber zu fallen. Vergessen waren schmerzender Knöchel und Po. Ich rappelte mich hoch, zog den bi-gestretchten beigefarbenen Rock so weit wie möglich nach unten und stellte nach einem schnellen Rundum-Check fest, dass ich außer der ruinierten Strumpfhose keine weiteren Schäden davongetragen hatte.

Als ich zehn Minuten später vor dem geöffneten Kofferraum stand und möglichst lässig-elegant zwei Zehnliterfarbeimer hineinwuchtete, hielt ich das runde Metallstück noch immer in der Hand. Was sollte ich damit tun? Wem er wohl gehören mochte? Ich konnte ihn nicht einfach behalten. Außerdem mochte ich keinen Silberschmuck. Irgendwo hinlegen oder abgeben wollte ich ihn aber auch nicht. Vielleicht später ’ne Anzeige aufgeben? Wobei mir der Gedanke, halb Norddeutschland am Ohr zu haben und entscheiden zu müssen, wer die Wahrheit sagte, auch nicht besonders genial erschien.
   Also erst mal ab ins Handschuhfach damit.
   Alles andere als zaghaft schmiss ich die wurzelholzverkleidete Klappe zu, stellte mir dabei Dirks gequälten Gesichtsausdruck vor, wenn er gesehen hätte, wie rabiat ich mit seinem Statussymbol umging, und fuhr zurück ins Büro.

»Das klappt nie«, murmelte besagter Fahrzeugbesitzer und Partner – fast – all meiner Lebenslagen bei meinem Eintreffen gerade düster vor sich hin.
   »Ärgert dich Billyboy schon wieder?«, fragte ich.
   »Was hat denn der damit zu tun?«, nuschelte er zurück.
   »Meist viel, wenn du so deinen Monitor anstarrst und dabei eine Zigarette im Ascher und eine in deinem Mundwinkel vor sich hin qualmt«, sagte ich naserümpfend.
   Seit sechs Tagen arbeiteten Dirk und Erich, beide normalerweise Kundenberater, momentan jedoch als EDV-Experten im Dauereinsatz, fieberhaft an der Umstellung unserer Computeranlage. Ständig gab es neue Ausfälle und Probleme. Mal streikten die PCs, mal gleich das gesamte Netzwerk, oder im harmlosesten Fall druckte es aus unerfindlichen Gründen nicht mehr.
   Würde an der Eingangstür nicht ein großes Firmenschild mit der Aufschrift Von Lühr & Partner Versicherungsmakler prangen, ich hätte schwören können, plötzlich Teilhaberin in einer Computerfirma geworden zu sein.
   Die Technik war es also nicht. Blieb nur noch das zweite kritische Thema übrig. Mit dem beschäftigten wir uns seit mindestens ebenso vielen Tagen beziehungsweise Nächten, genau genommen sogar schon seit Monaten.
   »Ich meinte deine verrückte Idee«, bestätigte Dirk auch prompt meine Vermutung.
   »Aber es reizt dich, gibs zu.«
   Er zuckte die Schultern. »Ist nicht schlecht, zu merken, dass man nicht jedem gleichgültig ist.«
   »Du bist mir nicht egal.« Ich hatte bloß keine Lust mehr, mit ihm ins Bett zu gehen. Das war alles. Und da war diese neue Kundin, die ihn ziemlich angebaggert hatte.
   »Aber in einer bestimmten Hinsicht ja wohl doch, oder wie nennst du das sonst?«
   Hm, dem konnte ich nur schlecht widersprechen. Betreten schwieg ich einen Moment, bevor ich fragte, wann er sie denn nun endlich anzurufen gedenke.
   »Sie hat sich vorhin gemeldet«, murmelte er und schaute mich endlich mal an.
   »Oh!« Damit hatte ich nicht gerechnet. »Und?«, fragte ich gedehnt.
   »Wir haben nachher nichts vor, oder?«
   »Nichts, was nicht warten könnte.« So hatten wir jedenfalls einen guten Grund, den Neuanstrich des Gästezimmers zu vertagen. Obwohl wir uns beim Renovieren noch nie gestritten hatten, was mir bisher mit keinem anderen männlichen Wesen gelungen war.
   Das warme Kribbeln im Bauch machte mir unmissverständlich klar, dass es ernst wurde. Dirk fuhr heute Abend zu einer anderen Frau. Und im Gegensatz zu mir dachte die nicht im Traum daran, ihn von der Bettkante zu schubsen.
   »Dann mach ich mich mal auf den Weg«, sagte er und zog sein Sakko an, »aber passieren wird da garantiert nichts.«
   »Theorie und Praxis sind nicht immer dasselbe.« Ich warf ihm seine Autoschlüssel zu. Sauber gefangen, seine Reflexe waren jedenfalls noch perfekt. Sollte ich mich nun freuen oder nicht, wenn er sich irrte? Es war immerhin meine Idee gewesen und ebenfalls meine, wenn bisher auch rein theoretische Überzeugung, dass Besitzansprüche an den Partner eine einengende und destruktive Wirkung auf die Beziehung ausübten.
   Dirk und ich hatten über diese – meine – These in den vergangenen sieben Jahren schon unzählige Male heftig diskutiert. Nie waren wir auf einen Nenner gekommen.
   »Apropos«, meinte er und deutete auf meinen Computer, »theoretisch müsste deine Kiste jetzt auch wieder stabil laufen.«
   »Na toll, dann stürzt du dich also ins sinnliche und ich mich ins Arbeitsvergnügen«, sagte ich mit einer riesengroßen Portion Galgenhumor und lachte. Sowohl in meinem Inneren als auch auf meinem Schreibtisch sah es ziemlich chaotisch aus.
   Etwas unschlüssig standen wir an der Eingangstür.
   »Das Umweltweiß steht übrigens drüben auf der anderen Straßenseite im totalen Halteverbot«, ließ ich ihn wissen. Hauptsächlich, um überhaupt etwas zu sagen, ein bisschen aber auch als Wink mit dem Zaunpfahl, denn genau genommen war für heute Abend geplant gewesen, das Gästezimmer zu streichen.
   »Der Wagen zufällig auch?«, fragte Dirk mit einem in letzter Zeit sehr seltenen Lächeln.
   »Wenn er nicht bereits abgeschleppt worden ist.« Könnte es sein, dass hier der Wunsch der Vater meines Gedankens war, ging es mir flüchtig durch den Kopf.
   Ertappt!
   »Also dann«, sagte Dirk.
   »Also dann«, sagte ich und versuchte zu lächeln, »viel Spaß.«
   Wir verabschiedeten uns für unsere Verhältnisse besonders herzlich mit einer richtigen, kurzen Umarmung neben dem flüchtig dahingehauchten Routinekuss. Während ich ihm hinterherwinkte, fragte ich mich allerdings, ob es in meinem Kopf vielleicht doch nicht mehr ganz richtig tickte.

Wie viele Frauen sich wohl gerade die Augen aus dem Kopf heulen, weil sie vermuten-glauben-wissen-befürchten, dass ihr Partner mit der Sekretärin-Nutte-Kundin-Nachbarin schläft, überlegte ich, als ich weit nach Mitternacht gähnend die Wohnungstür aufschloss.
   Vermutlich eine ganze Menge.
   Ich hingegen fühlte mich erstaunlich gefasst und ruhig, sodass ich beschloss, gleich schlafen zu gehen. Nachdem ich die Bettdecke bis zum Kinn und das Kopfkissen über beide Ohren gezogen hatte, musste ich feststellen, dass das Einschlafen heute einfach nicht klappen wollte. Nacheinander versuchte ich alle Tricks und Kniffe, die ich von diversen Meditations- und Entspannungsübungen kannte, und trotzdem waren meine Ohren hellwach und lauschten auf jedes Geräusch aus Richtung Flur und Haustür. Beachtlich, wie vielfältig die Geräuschkulisse in einem fast hundert Jahre alten Haus war.
   Gegen halb drei begann mein Magen, zu knurren. Ein absoluter Garant dafür, nicht einschlafen zu können. Aufstehen kam aber auch nicht infrage, denn mit Sicherheit würde sich just in dem Moment der Schlüssel in der Haustür drehen. Und ich wollte heute Nacht nicht mehr mit Dirk sprechen müssen.
   Ab kurz vor vier wurde ich langsam unsicher. Neben tausend wirren kreisten nur noch zwei klare Gedanken auf dem Nürburgring meines Kopfes herum: Kommt er heute Nacht überhaupt nicht mehr, und hole ich mir schnell einen Joghurt? Ich hatte keine Wahl, wollte ich irgendwann noch ein Auge zutun. Also sprintete ich in die Küche und danach samt Beute wieder zurück ins Bett.
   Fünf Minuten später war ich zumindest ein Problem los.
   Nur meine Ohren gaben noch immer keine Ruhe. Halt, das könnte aber etwas an der Tür gewesen sein. Oder doch nicht? Mein Unterbewusstsein war sich scheinbar sicherer als ich in meinem völlig überreizten Halbwachzustand, denn ich schlief endlich ein und träumte verworren von einer Frau, die mir als Gegenleistung dafür, dass sie mit Dirk schlafen durfte, einen überdimensional großen, mit bunten Bändern umwickelten Silberring übergab. Und das, obwohl sie genau wusste, dass ich mir aus diesem Metall nicht viel mache.

Um Viertel vor acht piepsten mich meine beiden Wecker laut und unbarmherzig mitten aus der zweiten Tiefschlafphase. Barfuß tapste ich zur Verbindungstür zum Nebenzimmer und lugte hinein. Da, unter der schwarz-weißen Schachbrettoptik der Wildseidendecke lachten mich zwei sorgsam pedikürte Füße Größe acht an. Erleichtert grinste ich zurück, bevor ich in die Küche schlurfte.
   Beim Frühstück starrten Dirk und ich beide hoch konzentriert und stumm unsere Kaffeebecher an. Auf meinem stand in Emanzen-Lila Hier bin ich der Boss. Hatte Dirk mir vor Jahren, als Aufmerksamkeiten und Überraschungen jeglicher Art bei uns noch an der Tagesordnung waren, mal geschenkt.
   Ich schielte zu ihm hinüber. Nun fang schon endlich an zu reden, Mann! Ich zwang mich, nicht selbst die Initiative zu ergreifen. Stattdessen erkundigte ich mich, ob er mich nachher zur Werkstatt fahren könne, da ich meinen Wagen abholen müsse. Bei Wagen und Werkstatt fiel mir die ramponierte Stelle vom gestrigen Betonpfeiler-Crash wieder ein – und der silberne Ring. Gerade wollte ich ihm von dem Fund berichten, da kam er endlich freiwillig aus seiner Höhle des Schweigens heraus.
   »Erst mal, bevor du platzt, der Papst wäre, mal abgesehen davon, dass für den der Gedanke an sich schon Sünde ist, stolz auf mich. Wir haben nur geredet.« Und mit der Frage, wann ich meinen Wagen denn abholen wolle, beendete er seinen unvermittelten Redeschwall.
   »Sieben Stunden lang?«, rief ich ungläubig aus und zählte vorsichtshalber an den Fingern nach. »Das müssen aber viele Briefmarkensammlungen gewesen sein.«
   »Nö, nur ihre Lebensgeschichte«, erwiderte er sichtlich erheitert.
   »So früh wie möglich«, sagte ich steif. Für einen Morgenmuffel erster Güte und nach maximal vier Stunden Schlaf wirkte er ausgesprochen munter, konstatierte ich mehr als misstrauisch. Wir hatten leider vergessen, abzusprechen, wie diese neue Situation in puncto Offenheit gehandhabt werden sollte.
   »Ich fahr dich gleich hin. Aber dann Beeilung, um zehn erwarte ich einen wichtigen Anruf.«
   Das war das Stichwort. Wir waren spät dran. Hoffentlich nervten mich heute weder Kunden noch Computer, noch sonst wer. Ich schickte auf dem Weg ins Badezimmer ein Stoßgebet in alle Himmelsrichtungen.

2
Autowerkstatt

Ich stand auf dem Werkstattgelände und blickte mich um. Keine Spur von meinem Wagen. Seltsam, aber vielleicht war er noch nicht fertig. Mir schwante nichts Gutes, als ich das Gebäude betrat und zielstrebig auf den schlaksigen Mechaniker mit der blonden Igelfrisur zuging. Ihm hatte ich gestern Morgen mein Vehikelchen anvertraut.
   »Hallo, wo bitte steht mein Wagen? Ich sollte ihn heute, jetzt und hier abholen«, versuchte ich noch halbwegs freundlich zu sagen. Er konnte ja weder etwas für meine schlechte Nacht noch die einschlägig schlechten Erfahrungen, die ich mit Vertretern seines Berufsstandes schon hatte machen dürfen.
   Er runzelte einen Moment lang seine Stirn. »Moin-moin, Sie sind doch der schwarze Kombi mit dem Getriebeschaden von gestern früh, richtig?«, begrüßte er mich dann sichtlich stolz auf die eigene Gedächtnisleistung.
   Das Auto stimmte, der Zeitpunkt auch, aber was, zum Henker, bedeutete der Rest? »Getriebeschaden?«, rief ich fast hysterisch. »Mein Auto war völlig in Ordnung, als ich es gestern Morgen brachte. Es sollten bloß Inspektion und TÜV gemacht werden.« Es konnte sich nur um ein Missverständnis handeln. Vielleicht sollte ich es mal mit meinem Namen versuchen. »Gesina Gaubach«, stellte ich mich vor.
   »Sind Sie sicher?«
   Mann, der war ja wirklich blond, hellblond sogar! »Absolut, sowohl was meinen Namen betrifft als auch, dass ich mein Auto gestern definitiv nicht hierher getragen habe«, fauchte ich ihn an.
   Endlich schien er zu begreifen. Eine Entschuldigung vor sich hin murmelnd, tippte er mit hochrotem Kopf etwas in seinen Computer ein und verschwand dann mit einem »Moment, bitte« in den Werkstattbereich.
   »Sina«, ertönte auf einmal eine Stimme direkt hinter mir, »was höre ich da? Biste wieder bei der Formel 1 mitgefahren?«
   Zwei dunkelbraune Augen und ein breit grinsender Mund mit je einem Grübchen links und rechts strahlten mich frontal an. Auch das noch, Hallodri-Schönling Simon. »Die Welt ist doch ein Hühnerstall, und du wohl immer noch der Oberhahn darin«, erwiderte ich die freche Begrüßung. »Und übrigens, sollte dein Fahrstil noch wie früher sein, dann weiß ich, wessen Wagen hier das malträtierte Getriebe hat.«
   »Du hast dich überhaupt nicht verändert«, meinte er, immer noch zahnpastalächelnd, und musterte mich von Kopf bis Fuß, bevor er wissen wollte, wie lange denn mein Stern schon wieder hier im hohen Norden leuchte.
   »Schon ein paar Tage, roundabout achtzig Monde«, sagte ich. Hoffentlich hatte ich mich auf die Schnelle nicht verrechnet. Wenn eines nicht zu meinen Stärken gehörte, dann war es jede Form von Spontanmathematik ohne Taschenrechner. Ihn dürfte ich damit allerdings überfordert haben, rieb ich mir innerlich die Hände. Bestimmt fiel ihm nicht ein, was geschweige denn wie lang eine Mondphase war. Ging ihn auch nichts an, seit wann ich wieder hier war. Wenn ich etwas von ihm gewollt hätte, und wäre es nur Hallo sagen gewesen, hätte ich mich gemeldet. Hatte ich aber nicht. So sollte es auch sein. Denn immer, wenn er wie der strahlende Sonnenschein auf meiner Fußmatte erschienen war – und die Male hatten sich mit den Jahren zu einer stolzen Anzahl summiert –, hatte das erst zu unkontrollierten Hormonschüben und später, wenn er ohne ein Wort wieder verschwand, zu Nächten in der Art, wie ich gerade eine hinter mir hatte, geführt.
   Im nächsten Moment kam der blonde Igel durch den Kundeneingang wieder hereingestolpert und gab mir meine Autoschlüssel. »Wagen steht vor der Tür, Papiere liegen an der Kasse«, nuschelte er kaum hörbar.

Als die Formalitäten erledigt waren, steuerte ich dem Ausgang entgegen. Bevor noch irgendein Übereifriger auf die Idee kam, meinem Vehikel das Getriebe auszubauen!
   »Trinken wir noch irgendwo einen Espresso?«, rief Simon mir auf halbem Weg hinterher.
   Das hatte ich befürchtet. Aber andererseits, warum nicht? Ich gab mir einen Ruck. Im Moment tat jede Ablenkung gut. Dann musste ich nicht immer an Dirk und Ute und die Briefmarkensammlung denken.
   »Was hat dich denn wieder zurück in die Heimat getrieben?«, erkundigte er sich, als wir kurz darauf in einem kleinen Café um die Ecke saßen.
   Während ich genüsslich die Sahne von meinem Cappuccino herunterlöffelte – eine Unsitte, die mich auch hier wieder alle Sympathien der hochnäsigen Bedienung gekostet hatte –, erzählte ich von Dirks und meiner schicksalhaften Begegnung vor sieben Jahren in einem kleinen Park nahe der Berliner Filiale der Firma, die inzwischen unsere gemeinsame war. Wie wir uns erst Hals über Kopf ineinander verliebt hatten und uns partout nicht entscheiden konnten, wo unser gemeinsamer Wohnsitz entstehen sollte. Hamburg oder Hauptstadt?
   »Zum Schluss haben wir ’ne Münze geworfen«, sagte ich und lachte.
   »Verheiratet bist du aber nicht, oder?« Er suchte an meinen Fingern nach etwas Verdächtigem, während er gleichzeitig geräuschvoll in seinem Mokkatässchen herumrührte.
   Ich schüttelte den Kopf. »Nö, du etwa?«
   Kopfschütteln auch auf seiner Seite.
   »Mit einem Sohn kann ich noch dienen«, setzte ich die gegenseitige Bestandsaufnahme fort.
   »Ich leider nur mit einem frischen Scherbenhaufen«, sagte er und betrachtete betrübt die soeben auf seiner Untertasse entstandene Pfütze.
   Und ich habe meinen Partner gerade zu einer anderen geschickt, weil es bei uns nicht mehr klappt, fügte ich in Gedanken hinzu. Viel besser sah es bei mir also auch nicht aus. Wem konnte ich eigentlich davon erzählen, ohne automatisch als völlig bekloppt und mehr oder weniger reif für die Klapsmühle abgestempelt zu werden? Ich ging meine Familienmitglieder und wenigen Bekannten durch und hakte einen nach dem anderen ab. Also lieber daran ersticken.
   »War dein Fortpflanzungsmechanismus nicht defekt?«, unterbrach Simon stirnrunzelnd meine Gedanken.
   »Manchmal passieren unerklärliche Dinge«, sagte ich und grinste. Hätte ich ihm überhaupt nicht zugetraut, dass er sich noch daran erinnerte, was ich vor Ewigkeiten beim Thema Verhütung einmal kurz und knapp und danach nie wieder erwähnt hatte (und zwar genau mit diesen Worten, bei denen ich heute grundsätzlich sofort das Bild von einem Rasenmäher im Kopf hatte, der knatternd und ratternd das geschnittene Gras in alle Himmelsrichtungen spuckte, statt in den dafür vorgesehenen Behälter).
   »Wie alt ist er?«, fragte Simon.
   »Vier.«
   »Und wo treibt er sich gerade herum, im Kindergarten?«
   »Leider nicht, sondern im Urlaub mit Oma und Opa. In Hamburg ist es leichter, Störtebekers Schatz zu finden als einen Kita-Platz! Zum Glück helfen meine Eltern, damit ich jedenfalls zwei Tage in der Woche arbeiten kann.«
   »Und wie heißt er?«
   »Tom.«
   »Sieht er dir ähnlich?«
   »Glaub nicht«, antwortete ich. Und bevor er sich auch noch für Haarfarbe und Schuhgröße interessieren konnte, fragte ich, wo er sich denn so herumtreibe. »Immer noch auf Schickimicki-Disco-Tour?« Lebhaft konnte ich mich noch an einige durchzechte Nächte erinnern.
   »Schon lange nicht mehr. Meinst du, die würden mich da noch reinlassen?«
   »Wieso, stimmt was nicht mit dir?« Fachfrauisch beäugte ich sein Gesicht. An den Schläfen ein paar graue Härchen, einige Lachfältchen um die Augen, die Grübchen an Kinn und Wangen unverändert; er sah so unverschämt gut aus wie eh und je. »Zumindest äußerlich scheint noch alles an der richtigen Stelle zu sein«, sagte ich und schnappte mir einen Bierdeckel vom Nachbartisch. »Trotz unvollständiger Prüfung, wohin soll ich die TÜV-Plakette kleben?« Im nächsten Moment hätte ich mir am liebsten auf die Zunge gebissen. War das wirklich ich, die gerade diese anzügliche Bemerkung von sich gegeben hatte?
   »Darfst du entscheiden«, kam es mit einem verschmitzten Grinsen zurück.
   Na toll, wohin hatte ich mich denn da manövriert? Zum Glück kam mir eine rettende Idee. Ich kramte in meiner Handtasche nach einem Kuli und schrieb einen Gruß sowie meine Büronummer neben den Jever-Leuchtturm. »Da, bitte«, sagte ich und schob ihm die Pappe hin, »am besten dahin, wo du es wiederfindest. Falls ’ne Kontrolle kommt!«
   Lachend meinte Simon, dass dann ja nichts mehr schiefgehen könne, und verstaute den Bierdeckel in der Innentasche seiner Lederjacke.
   »Quälst du immer noch die Filzkugeln?«, fragte ich meinen nicht nur Exlover, sondern auch Extennistrainer ganz ungeniert weiter aus.
   »Aber nicht mehr beruflich. Ich arbeite inzwischen als Physiotherapeut in einer Gemeinschaftspraxis.«
   Anerkennend spöttelte ich, dass er nun neben Bällen also auch noch arme, unschuldige Menschen quälen könne.
   »Du hast mich durchschaut«, sagte Simon und lachte.
   Schön wärs. Das war mir damals als Teenager nicht gelungen, ebenso während der darauf folgenden mindestens drei Intermezzos nicht, warum also ausgerechnet jetzt? Eher war ich etwas irritiert von all seinen Fragen über Tom und dass noch immer diese Spannung in der Luft lag, sobald er in meiner Nähe war. Wann hatte ich mich das letzte Mal so aufgekratzt gefühlt? Vielleicht bin ich auch nur reichlich überdreht wegen Dirk und letzter Nacht, überlegte ich und beschloss, diese Begegnung der besonderen Art zügig wieder aus meinem Gedächtnis zu streichen und einen Abgang zu machen. Mit einem hektischen Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass ich los müsse. Ganz Kavalier half er mir, nachdem er bezahlt hatte, in die Jacke, noch ehe ich danach greifen konnte. »War schön, dich mal wiederzusehen«, meinte ich und stand dann etwas unschlüssig vor ihm.
   Braves Händeschütteln oder Umarmung?
   Spontan entschied ich mich für Letztes. Auf Zehenspitzen und mit giraffenartig verbogenen Halswirbeln drückte ich einen Kuss auf seine glatt rasierte linke Wange und konnte mir dabei die Bemerkung, dass er von seinen hundertfünfundneunzig Zentimetern wohl auch noch keinen einzigen eingebüßt hätte, nicht verkneifen. Woraufhin er vergnügt durch meine lange kastanienbraune Mähne wuschelte und meinte, dass außer den Haaren bei mir auch nichts mehr gewachsen sei.
   Männer, zu denen ich nicht aufsehen musste, fand ich wesentlich praktischer. Dirk, zum Beispiel, war so einer, nur dass sich bei ihm leider höchst selten diese Situation ergab. Leidenschaftliches Knutschen gehörte nämlich schon seit Langem nicht mehr zu seinen favorisierten Beschäftigungen.
   Ganz im Gegensatz zu dem Exemplar von Mann, neben dem ich gerade gehe, machten sich meine Gedanken auf dem Weg zu unseren Autos schon wieder in die falsche Richtung selbstständig. Wir verabschiedeten uns mit heftigem Winken und einem Hup-Gruß.

3
Gespräche

Dank eines Staus rund um die Alster trudelte ich erst kurz vor der Mittagspause im Büro ein. Dirk schaute mich zwar etwas verwundert an, sagte aber nichts weiter zu meiner langen Abwesenheit. Sollte ich ihm erzählen, dass ich gerade meinem Ex begegnet und mit ihm Kaffeetrinken war? So unmittelbar nach dem Rendezvous mit Ute sah das nach billiger Retourkutsche aus, fand ich, und schilderte deshalb nur in allen Einzelheiten die komische Verwechslungsgeschichte in der Werkstatt.
   »So kann man das natürlich auch nennen«, sinnierte er, als ich fertig war, und verzog das Gesicht zu einem hintergründigen Grinsen.
   Ich brauchte ziemlich genau dreieinhalb Sekunden, bis ich die Doppeldeutigkeit endlich begriffen hatte, und musste wider Willen ebenfalls grinsen. Eigentlich war mit mir und meinem »Getriebe« alles in Ordnung, nur dass die Lust bei uns im Laufe der Zeit eines langen, qualvollen Todes gestorben war. Auf dem Grabstein könnte treffenderweise stehen: Die Stoppuhr war ihr Untergang. Oder: Nur nach Quickies stand ihr nicht der Sinn, da blich sie lieber dahin.
   Wie wir dabei, von dem vermeintlich defekten Fortpflanzungsapparat mal ganz abgesehen, Tom zustande gebracht haben, war uns in der Tat auch heute noch ein echtes Rätsel. Wie hatte Dirk es irgendwann einmal ausgedrückt? Das Zusammentreffen von günstigen Umständen, die zu Toms Zeugung geführt haben mussten, entsprach in etwa dem, als würde man einem Schimpansen im Dschungel ein Keyboard vor die Füße stellen, und der setzte sich dran und spielte fehlerfrei Beethovens Fünfte. Oder so ähnlich.
   In weit weniger klassischen Tönen klingelte das Telefon und beendete meinen Gedankenausflug in den Urwald. Wie immer den Hörer anlächelnd, weil sich das ja positiv auf die Person am anderen Ende der Leitung auswirken soll, meldete ich mich.
   »Hallo, hier sind die Urlauber«, rief Ingrid, meine jugendliche Stiefmutter, wie immer frisch und fröhlich. »Wir sind grad von einer Kutschfahrt zurück. Kannst dir ja vorstellen, wie toll dein Herr Sohn das fand. Und was macht die Kunst bei euch?«, tönte es aus dem Hörer.
   »Keine Ahnung, was auch immer sie gerade macht, sie macht es ohne mich«, antwortete ich abwesend. Meine ganze Aufmerksamkeit galt den soeben begonnenen Geschehnissen bei Dirk nebenan. Dieser hangelte sich, den Hörer am Ohr und die Telefonschnur zum Zerreißen gespannt, um seinen Schreibtisch herum und brachte in grotesk verrenkter Haltung mit dem Fuß seine Tür dazu, sich bis auf einen kleinen Spalt zu schließen. Mit offenem Mund betrachtete ich das Spektakel. Das hatte ich noch nie bei ihm erlebt, egal, mit wem er telefonierte. Er hatte bisher allerdings auch noch nie eine Freundin gehabt. Logisch, dass er in meiner Gegenwart nicht mit Ute sprechen wollte.
   »Das klingt aber nicht gut«, meinte Ingrid unterdessen besorgt.
   Im Hintergrund hörte ich Tom ausgelassen herumalbern, was mir irgendwie einen Stich versetzte. »Ist schon alles in Ordnung«, beruhigte ich sie. »Ich hab bloß letzte Nacht kaum geschlafen, weil wir wieder Ärger mit der Technik hatten.«
   »Hallo, Mimi!« Tom hatte sich im nächsten Moment den Hörer erobert und erzählte mir nun atemlos von Pferden, Schweinen, Kühen, einem Hund und ganz, ganz vielen Katzen.
   Mir wehte förmlich der Duft von Kuhmist, Stroh und würziger Landluft in die Nase. Unwillkürlich atmete ich tief durch. Das war es, was ich brauchte. Tommi, Gummi­stiefel und Pferdestall.
   »Kommst du morgen?«, fragte mein offensichtlich mit telepathischen Fähigkeiten ausgerüsteter Sprössling.
   »Ja, mein Schatz«, hauchte ich in den Hörer und schaute erst mal geistesgegenwärtig in meinen Wochenplaner. Keine Termine für morgen, wunderbar.
   »Und dann fährst du mit mir Trecker, ja?«
   »Aber nur als Beifahrer.«
   »Warum nicht richtig?«
   »Weil ich das nicht kann.«
   »Dann zeigen Opa und ich dir, wie man das macht, und dann lernst du das auch bald«, meinte Tom, und vermutlich nickte er am anderen Ende der Leitung bekräftigend mit seinem Blondschopf. Er lernte auch ständig Neues hinzu, da war es doch nur logisch, dass seine Mutter das auch tun konnte.
   »Okay Kumpel«, sagte ich mit Original-Arnold-Schwarzenegger-Tonfall und nickte mir aufmunternd zu. Vielleicht sollte ich lieber gleich noch mal schnell die Policen unserer Unfallversicherungen checken, wenn nun auch noch meine geländemäßige Fahrtauglichkeit auf die Probe gestellt werden sollte. Ob es wohl auch Trecker mit Automatikgetriebe gab, oder zumindest Gummizäune? »Ich hab da was für dich, soll ich das mitbringen?«, lenkte ich vorsichtshalber vom Thema ab, bevor ihm noch mehr männerspezifische Aktivitäten einfielen, auf deren Erlernung ich überhaupt nicht scharf war.
   Obwohl ich mir überhaupt nicht mehr so sicher war, ob er so etwas Mädchenhaftes wie die Puppe, die er neulich bei seiner anderen Oma auf dem Speicher entdeckt hatte und unbedingt haben wollte, nun überhaupt noch interessant fand. Aber er hörte schon nicht mehr zu, sondern erzählte Oma und Opa, dass ich morgen kommen würde.
   »Ist bei dir auch wirklich alles in Ordnung?«, erklang als Nächstes wieder Ingrids Stimme aus dem Hörer, und zwar mit einem bohrenden Tonfall, den ich nur zu gut kannte.
   Bloß nichts falsch machen, cool bleiben, sonst nimmt sie mich so lange in die Mangel, bis ich auspacke, und hinterher ist sie diejenige, die wochenlang mit sorgenvoller Miene und Magenschmerzen herumläuft, und mich deshalb auch noch ein schlechtes Gewissen plagt. »Aber klar doch, mal von Mr. Gates abgesehen, natürlich«, plauderte ich superlocker drauflos.
   »Ein Kunde von euch?«
   »Nee, aber schön wärs.« Nachsichtig lächelnd klärte ich sie über den Erfinder der berühmten Computer-Absturz-Automatik auf, wobei ich gleichzeitig versuchte, mir die Höhe seiner jährlichen Versicherungsprämien vorzustellen.
   »Du Ärmste. Ich hab schon immer gesagt, dass du dir auch mal ein paar Tage Erholung gönnen solltest.«
   »Genau das hab ich vor«, sagte ich, lachte und meldete mich zum Mittagessen am nächsten Tag an.
   Einen Moment lang hatte ich sogar Dirk nebenan vergessen. Als ich jedoch den Hörer auflegte, machte mir die digitale Technik unmissverständlich klar, dass er noch immer mit Ute sprach. Das Kinn auf die Hände gestützt, fixierte ich den Apparat und versuchte, mittels mentaler Kräfte die angezeigte Verbindung zu killen. Erwartungsgemäß geschah nichts. Dann quatscht doch, bis ihr umfallt! Ich wandte mich wieder dem Angebot zu, an dem ich gerade arbeitete. Ich hatte Wichtigeres zu tun, als ein blödes Telefon anzustarren. Gesinchen, du wolltest es so, wo ist also dein Problem, meldete sich nach einiger Zeit mein ätzender kleiner Dachstuben-Bewohner namens Kurt Kritiker zu Wort. Genervt gab ich retour, dass ich das selbst wisse und es auch gut so wäre, nur müsse ich mich einfach noch daran gewöhnen.
   »Mit wem sprichst du da?«
   Ich zuckte zusammen. »Äh, mit niemandem. Quatsch, Tom war grad dran und hat mich überredet, schon morgen zu kommen«, stotterte ich wie ein aufgeschrecktes Huhn vor mich hin.
   Oje, kopfinterne Debatten zu führen war eine Sache, aber wenn sich die Gedanken selbstständig und unbemerkt einen Weg nach draußen bahnten, war ich wirklich bald reif für die Insel. Oder vielleicht doch eher fürs Irrenhaus? »Und selbst?«, lenkte ich schnell ab.
   »Rate mal«, sagte er ausweichend. Das blöde Grinsen in seinem Gesicht schloss allerdings jedweden Zweifel aus, wen er hinter verschlossener Tür am Ohr gehabt hatte.
   »Hat sie vergessen, dir ihre schwarze Mauritius zu zeigen?«
   »So ähnlich.«
   »Weiß sie von mir?«
   Er nickte.
   Gut. Ich wollte unbedingt, dass mit offenen Karten gespielt wird. »Und hat damit kein Problem?«
   »Doch. Sie sagt, sie teilt nicht gern.«
   »Braucht sie auch nicht, zumindest nicht das Bett«, stellte ich knochentrocken fest.
   »Darum geht es nicht nur. Sie scheint sich ein paar Gedanken mehr und wohl auch Hoffnungen zu machen.«
   »Und wie stehts mit deinen Gefühlen?«
   »Keine Gefahr«, wehrte er ab. »Die Chemie zwischen uns stimmt zwar, wir können gut miteinander sprechen, knistern tut es auch ein bisschen, aber mehr ist es nicht.«

Wenn mir irgendwann einmal irgendjemand gesagt hätte, ich würde eines Tages irgendwo gemütlich mit meinem Partner beisammensitzen und mit ihm über seine potenzielle Freundin fachsimpeln, ich weiß nicht, was ich ihm an den Schädel geworfen hätte. Aber idiotischerweise taten wir genau das, bis ich um halb zehn mit schwirrendem Kopf allein den kurzen Weg nach Hause ging.
   Ute war demnach das absolute Gegenteil von mir, rekapitulierte ich unser Gespräch noch einmal. Klein, zierlich, sportlich. Und zehn Jahre älter als ich. Statt eines Kindes hatte sie einen Cockerspaniel, in den sie, vermutlich mangels eines Zweibeiners an ihrem Küchentisch, dermaßen vernarrt war, dass er täglich frisch mit den allerfeinsten Delikatessen bekocht wurde. So gut hatten nicht mal Dirk und Tom es bei mir. Die mussten hin und wieder sogar mit einem Fertiggericht oder einer Tiefkühlpizza vorliebnehmen.

Zu Hause angekommen fiel mir ein, dass ich Tom morgen etwas mitbringen wollte. Als ich die Negerpuppe (gibt es eigentlich auch eine politisch korrekte Bezeichnung für eine Puppe mit tiefbrauner Haut und schwarzen Haaren?) einer näheren Betrachtung unterzog, stellte ich naserümpfend fest, dass zwanzig Jahre Dachboden auch mit noch so sorgfältiger Plastikplanenabdeckung Spuren hinterlassen hatten. Also ab ins Bad, Strampler und Jacke ins Waschbecken, Kind über die Wanne.
   Unweigerlich kam mir der Roman »Puppenmord« in den Sinn, als ich die schwarzen, sogar fast echt wirkenden Locken duschte und alles andere als sanft mit Shampoo und Kamm bearbeitete.
   Wie war es noch Henry Wilt, dem Roman-Helden, ergangen: Er hatte, mordlüstern und im Vollrausch nach einer grässlichen Party, in deren Folge ihm auch noch seine Frau verloren gegangen war, eine lebensgroße Plastik-Bumspuppe namens Judy mit der Perücke seiner Frau auf dem Kopf in ein Bohrloch geworfen, die dummerweise dort auf halber Höhe festklemmte, am nächsten Tag entdeckt und für eine Frauenleiche gehalten wurde und damit ein groteskes Zweihundertseitenchaos voll britischen Humors auslöste.

4
Muskelkater

»Es geschehen noch Zeichen und Wunder«, rief mein Vater in Anspielung auf meine häufigen Verspätungen, als ich am nächsten Vormittag
   knapp zwei Stunden vor der verabredeten Zeit auf dem Bauernhof vorfuhr. »Wie hast du denn das geschafft?«, spottete er freundschaftlich.
   Ich zuckte die Schultern. »Vielleicht Rückenwind? Oder ich hab in weiser Vorausschau einkalkuliert, dass ich entweder stundenlang im Stau stehe oder mich verfahre oder bei meinem Talent beides zusammen.« Ich lachte und schlug vor, dass er diese Verfrühung ja gegen die letzten fünf Verspätungen verbuchen könne.
   Wir gingen ins Haus und eine steile, schmale Treppe hinauf, von wo aus ein langer Flur zu den Gästeappartements führte. Auf halbem Weg kam uns ziemlich nackt, barfuß und fröhlich krähend Tom entgegengerannt und sprang froschmäßig in meine Arme, dicht gefolgt von Ingrid mit einem tropfenden Waschlappen in der Hand.
   »Hallo, was macht ihr denn hier?«, fragte ich belustigt. »Kleines Wettrennen?«
   »Das kann man wohl sagen!« Tom strahlte. »Oma wollte mich waschen, und ich bin abgehauen, und dann wollte Oma mich wieder einfangen und …« Vor Lachen konnte er nicht weitersprechen.
   Mit einem Arm hielt ich Tom, mit dem anderen umarmte ich Ingrid und spürte dabei, wie es in meinen Augen kribbelte. Schnell schluckte ich den Anflug von Sentimentalität bei der Familienidylle, die sich mir hier bot, hinunter und schlug Tom vor, schnell die begonnene Reinigung zu Ende bringen und hinterher zum Stall zu gehen.
   »Willst du dich nicht erst mal ein bisschen ausruhen und vielleicht etwas trinken?«, fragte mein Vater verwundert.
   »Nö, danke. Mir ist eindeutig mehr nach Landluft als nach Landkaffee.«
   Argwöhnisch sahen sie mich an, sagten aber nichts weiter zu meinem ungewohnten Bewegungsdrang.

Der würzige Duft von Stroh umhüllte mich, als wir kurz darauf die grün-weiß gestrichene Stalltür mit dem quietschenden Riegelverschluss öffneten. Gierig inhalierte ich die Luft.
   »Es riecht immer wieder herrlich, nicht wahr?« Eine große, schlanke Frau kam auf mich zu. »Das mache ich auch immer als Erstes, wenn ich herkomme.«
   »Isabelle?«, fragte ich zweifelnd. Bis auf die Stimme erinnerte mich nichts mehr an die kleine, unscheinbare Bauers­tochter, mit der ich früher während der vielen Urlaube hier fast jede Minute zusammen verbracht hatte.
   Sie nickte. »Ganz schön alt sind wir geworden, was?«
   »Und so senil im Kopf, dass wir in Pumps und Bügelfalte hier herumstehen«, sagte ich und betrachtete abwechselnd den nass gesabberten Ärmel ihres violetten Seidenoberteils und die undefinierbare, klebrige Masse unter meinen dünnen Ledersohlen.
   »Schwund gibt es bei jeder Sache«, sagte sie unbeeindruckt und umarmte mich, so wie gute, alte Freundinnen das taten.
   Irritiert fragte ich mich, ob es normal war, dass Bauersfrauen zu Beginn des dritten Jahrtausends im Seidenlook mit einem Dekolleté à la Dolly Dollar und klirrenden Armreifen auf ihren Höfen herumliefen. Sollte ich da tatsächlich irgendeine revolutionäre Entwicklung verpasst haben? »Du lebst doch verehelicht irgendwo in der Nachbarschaft, stimmts?«
   »So war der Plan, aber dann ist Dorf-Dornröschen gerade noch rechtzeitig aufgewacht und in die Großstadt abgehauen, wo sie ein lasterhaftes Lotterleben führt«, verkündete Isa fröhlich und genoss es dabei sichtlich, dass ich begriffsstutzig auf ihren üppigen (Silikon-)Vorbau starrte. »Und du bist also in die Mutterrolle eingestiegen«, meinte sie und schaute dabei Tom an, der untypischerweise noch immer stumm neben mir stand. »Hats also doch geklappt. Oder ist das nicht dein Sohn?«
   Hatte mich nicht erst gestern auch Simon daran erinnert? Und nun Isabelle. Menschen, die ich mal gut kannte. Offensichtlich blieb von dem, was mal war, im Laufe der Zeit nichts mehr übrig. Aus dem Ex-Sonnyboy-Draufgän­ger-Tennistrainer war ein Physiotherapeut geworden, aus der blond-blass-lieben-Bauerstochter eine vollbusige Männermörderin, und aus der eisprunglosen Karrierefrau eine Mutter, die keine Lust mehr hatte, mit dem Kindsvater das Kopfkissen zu teilen. Wer sollte da noch durchblicken?
   »Ich bin Tom, und das ist natürlich Mama, und Papa ist zu Hause«, fühlte sich Tom in diesem Moment genötigt, für Transparenz in unseren Familienverhältnissen zu sorgen. Dem Tonfall nach zu urteilen, fand er die Frage voll däm­lich. Ich befürchtete schon, er könnte gleich noch ein freches »du Dummkopf« anhängen, was meine Befähigung in der für mich offiziell überhaupt nicht vorgesehenen Rolle natürlich arg infrage gestellt hätte, aber erfreulicherweise hielt er den Mund. In einem plötzlichen, todesmutigen Anfall fragte ich Isabelle, ob wir nachher gemeinsam reiten wollen.
   »Kannst du es denn noch?«, fragte sie spitzbübisch.
   »Ist das nicht so wie Fahrradfahren?«
   »Was den anschließenden Muskelkater angeht, sicher.«
   Ich bat sie, mir doch bitte das weichste Pferd auszusuchen, was sie, den Daumen nach oben gereckt, versprach.
   Bei bewölktem Himmel und einer frischen Brise, die vom nahen Meer herüberwehte, ritten wir am Nachmittag in gemächlichem Tempo einen breiten Feldweg entlang.
   Isabelle plauderte drauflos wie Dieter Thomas Heck in seinen Glanzzeiten, angefangen bei der ersten Begegnung mit dem Exverlobten, wie sie – dank der Erkenntnis, dass der Typ sie schon vor der Ehe betrog – vom Traualtar weg in Satinpumps und wallendem Hochzeitkleid drei Kilometer weit über Felder und Wiesen nach Hause gelaufen war, bis zu dem Moment, wo sie im Zug nach Lübeck inmitten einer munteren Seniorinnenrunde landete. Inzwischen wohnte sie mit drei quietschfidelen alten Damen zusammen, führte gegen Bezahlung den Haushalt und jobbte nebenbei noch in einer feministisch orientierten Buchhandlung. »Und da blieb es nicht aus, dass ich von Simone de Beauvoir über Marilyn French bis zu Alice Schwarzer alles in die Finger gekriegt hab, was es zu unserem Geschlecht so zu lesen gibt«, verkündete sie zum Schluss und grinste.
   »Starke Leistung«, rief ich. Denn in der Hand gehalten hatte ich Simone de Beauvoirs Wälzer »Das andere Geschlecht« auch schon mehr als ein Mal, aber spätestens bei Seite zehn war ich immer in einen tiefen Schlaf gesunken. Was aber nicht hieß, dass ich nicht mitreden konnte. Nach siebenjähriger Nonstop-Beziehung mit ein und demselben Mann sollte das auch kein Kunststück sein. »Aber weißt du, die ganze Frauenbewegung hat einen wirklich großen Haken.« Ich seufzte. »Und zwar den, dass auch Männer bei diesem Entwicklungsprozess beteiligt sind. Lebst du denn in einer festen Beziehung?«
   »Nö.« Sie schüttelte ihre blonden Dauerwellenlocken. »Was aber nicht heißt, dass ich mich Nacht für Nacht solo in den Laken herumwälze.«
   Mir gefiel ihre unverblümte, offene Art. Ich beschloss, es ihr gleich zu tun. »Siehst du, bei mir ist es genau umgekehrt«, begann ich, meine Geschichte zu erzählen. Von den ersten zaghaften Versuchen, Dirk diplomatisch zu sagen, dass wir mehr Zeit füreinander brauchen, dass mir Sex zwischen Tür und Angel auf Dauer nicht gefiel, was ich mir stattdessen wünschte, und wie wir dadurch immer mehr unter Druck gerieten und verkrampften, bis aus Lust immer mehr Frust wurde und mir schließlich der Gedanke mit Ute kam.
   »Was für eine Idee«, rief sie aus, und es gelang mir nicht, herauszuhören, wie sie es meinte.
   »Bevor er einen Samenkoller oder sonst was in der Art bekommt, schien mir das am vernünftigsten«, fügte ich deshalb vorsichtshalber hinzu.
   »Und wie willst du deine Libido wieder auf Trab bringen? Vielleicht auch mit einem netten Affärchen, so wie du es deinem Dirk gratis verschafft hast?«
   »Weiß nicht«, antwortete ich.
   »Solltest du aber mal darüber nachdenken, bevor das Einzige, was dir noch zu Füßen liegt, dein eigenes Ego ist, dann geht das nämlich nicht mehr so gut.«
   Von einer leichten inneren Unruhe abgesehen, fühlte ich mich im Moment nicht schlecht. Es war ein tolles Gefühl mit einer würzigen Prise von Freiheit und Abenteuer, einmal ohne Dirk und ohne Verpflichtungen einfach nur ich selbst zu sein. In einem Anflug von heftiger Euphorie und Leichtigkeit rief ich Isa zu, dass ich ganz viel Wind auf meinen Wangen spüren wolle, und gab der braunen Stute unter mir – mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte ich es nicht vor fünfzehn Jahren das letzte Mal getan – mit den Schenkeln die nötigen Signale, und schon galoppierten wir wie im Wilden Westen los. Fehlten nur noch Cowboyhut und Lasso, und ich hätte als Schwester vom Marlboro-Mann anheuern können.

Wie sich später herausstellen sollte, war diese Einschätzung meiner sportlichen Möglichkeiten ein knallharter Irrtum. Denn was am Abend, als wir wieder zurück waren und mit unseren Familien gemütlich in der Stube am Kamin saßen, noch wohlige Erschöpfung und bleierne Glieder waren, entwickelte sich in den nächsten sechsunddreißig Stunden zu einem mittelschweren Desaster. Jede Drehung und jede Bewegung meines Körpers war nur noch mit fast unerträglichen Rückenschmerzen möglich.
   »Und du solltest dich hier erholen«, jammerte Ingrid, als sie mir am Samstagmorgen beim Anziehen half.
   »Und mit mir Trecker fahren«, klagte Tom.
   Der Einzige, der konstruktiver an die Sache heranging, war mein Vater. »Sollen wir euch nicht doch lieber nach Hause fahren?«
   »Danke, Paps, aber wir schaffen das schon. So schlimm ist es auch nicht.« Wenn ich eines nicht war, dann zimperlich.

Tapfer bewältigte ich die Strecke, sogar, ohne mich zu verfahren oder im Stau stecken zu bleiben, und schaffte dann auch noch irgendwie die fünfzig Treppenstufen hoch bis in unsere Wohnung. Mein Rücken rebellierte nun restlos. Völlig erschöpft und schweißgebadet quälte ich mich aus sämtlichen Klamotten heraus und ließ heißes Wasser in die Badewanne einlaufen. Das war das Einzige, was vielleicht noch helfen konnte.
   »Wo ist Papa?«, fragte Tom, nachdem er sämtliche Räume inspiziert und mich freundlicherweise mit Playmobilfiguren versorgt hatte, die er nun eine nach der anderen von meinem Arm ins Badewasser flutschen ließ.
   »Bestimmt noch in der Firma.« Obgleich er bei unserer Rückkehr da sein wollte … und es garantiert vor lauter Arbeit im Kopf wieder vergessen hatte. »Ruf ihn doch mal an«, schlug ich vor und schloss erneut die Augen, in der Hoffnung auf ein paar Minuten Entspannung. »Aber trockne dir vorher die Hände ab«, schreckte ich in der nächsten Sekunde schon wieder hoch, was mein Rückgrat auch prompt mit einem messerscharfen Schmerz quittierte.
   Au, verdammt, tat das weh. Das war eindeutig mehr als nur ein simpler Muskelkater. Ich merkte, wie mir die Tränen in die Augen steigen wollten. Vor Schmerz und wohl auch Selbstmitleid. Schnell schluckte ich sie wieder hinunter. Das half auch nicht weiter. Außerdem konnte ich Selbstmitleid nicht ausstehen, weder bei anderen noch bei mir.
   »Keiner da.« Tom kam mit dem schnurlosen Hörer in der Hand zurück und hielt ihn mir ans Ohr.
   »Komisch«, sagte ich, nachdem ich, dem nächsten Herzinfarkt nahe, schnell seinen Arm wieder zurückgeschoben hatte, »versuch es noch mal, vielleicht hast du dich verwählt.«
   Hatte er nicht. Auch beim zweiten und dritten Versuch kam nur das Freizeichen.
   »Bestimmt ist ihm noch ein Termin dazwischen gekommen«, sagte ich mit fester Stimme und schluckte abermals kräftig. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wo er gerade war, und das hatte garantiert nichts mit dem Job zu tun.
   »Wollen wir es uns nachher mit einem Video auf dem Sofa gemütlich machen?«, schlug ich Tom vor, auch wenn das aus pädagogischer Sicht nicht gerade die beste Idee war. Lieber hätte ich mit ihm in den Betten herumgetobt oder Autorennen im Flur gespielt, aber wenn man sich wie neunzig fühlte und kaum bewegen konnte, war Arm in Arm mit Sohnemann Donald Duck gucken noch die klügste Alternative.
   Während kurz darauf Tick, Trick und Track über die Mattscheibe hüpften und allerlei Unsinn mit einem Mittel anrichteten, das alles wieder jung und klein werden ließ – durch ein Missgeschick leider auch ihren Onkel Donald, überlegte ich, wie ich meinen Rücken wieder jung und fit bekommen könnte. Das Baden hatte nämlich überhaupt nichts gebracht. Was wirklich helfen könnte, war eine perfekte Massage. Aber woher nehmen und nicht stehlen an einem Samstagnachmittag, grübelte ich, während nun Dschungelbuch-Erdmännchen Timon und sein allerbester Freund, Warzenschwein Pumbaa, singend ihre Philosophie verkündeten. Und bei Timon machte es bei mir mit einem Mal klick: Ich griff zum Telefon, wählte die Auskunft und ließ mir Timons, sorry, Simons private Nummer geben.
   »Ränckel«, meldete er sich schon nach dem zweiten Klingelton.
   »Hier ist Gesina«, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen, weil der stechende Schmerz in meinem Rücken soeben an Heftigkeit noch zugenommen hatte.
   »Hallo, Indianerin«, rief Simon erfreut aus. »Was verschafft mir die Ehre?«
   Sollte ich so genuschelt haben, dass er mich mit jemandem verwechselte, oder was hatte das nun wieder zu bedeuten? Weder litt ich an Alzheimer noch nannte ich schwarze Haare, braune Augen und einen dunklen Teint mein Eigen. Na ja, vielleicht lief ja auch grad nur die ich weiß nicht wievielte Winnetou-Wiederholung im nachmittäglichen Programm, und er hing wie wir vor der Glotze. Nur dass es bei uns lustige Zeichentrickfiguren waren, von denen eine so ähnlich hieß wie er. »Ich hoffe, ich störe dich nicht bei irgendetwas.«
   »Nein, überhaupt nicht«, versicherte Simon. »Ist bei dir alles in Ordnung? Du klingst irgendwie komisch.«
   Ich räusperte mich. »Ich hab mir so dermaßen das Rückgrat verzerrt, dass mich bei jeder noch so kleinen Bewegung spitze Dolche durchbohren. Oder auch Pfeile, falls dir der Vergleich im Moment irgendwie näher sein sollte.«
   »In einer Stunde könnte ich in der Praxis sein, oder soll ich lieber zu dir kommen?«, fragte Simon, wie eh und je Freund der schnellen Taten, und ließ meine Minispitze einfach an sich vorbeisausen.
   Aber mein Rücken war wichtiger. »Danke, Simon, das ist wahnsinnig lieb von dir«, flötete ich in den Hörer und entschied mich schweren Herzens für seine Praxis als Ort des Geschehens. Es wäre der häuslichen Stimmung bestimmt nicht besonders zuträglich gewesen, wenn Dirk mich nachher halb nackt in sehr vielseitig interpretierbarer Position mit meinem Ex vorfinden würde.

Obwohl es ihm im Grunde genommen recht geschehen würde, schließlich hatte er uns versetzt, überlegte ich eine gute Stunde später, während ich bäuchlings auf einer schmalen Liege lag und meine nackte Rückfront von einem herunterhängenden Heizstrahler herrlich angewärmt wurde. »Das ist ja wie auf der Sonnenbank«, murmelte ich träge und zumindest geistig schon ziemlich entspannt.
   »Aber nicht mehr lange«, verkündete der Herr Physiotherapeut und begann, energisch seines Amtes zu walten.
   »Aua«, kreischte ich in der nächsten Sekunde auf.
   »Du musst locker bleiben und darfst die Muskeln nicht anspannen.«
   »Tu ich ja gar nicht.«
   »Doch, das passiert mehr unbewusst, darum ist es wichtig, dass du dich immer wieder darauf konzentrierst, es nicht zu tun.«
   »Aha«, sagte ich nur und versuchte fortan, völlig locker und flockig zu bleiben, während seine Hände jeden Zentimeter Haut auf meinem Rücken durchkneteten.
   Wenn da nicht diese vielen Muskeln wären, die sich immer wieder unaufgefordert zusammenziehen wollten und von mir entspannt werden sollten, würde ich die Prozedur richtig genießen, überlegte ich, und zum wiederholten Male kribbelte eine zarte Gänsehaut über meine Schulterblätter. Dass meine Rückseite aber auch so unverschämt positiv auf Berührungen reagieren musste. Garantiert wusste Simon das noch genau und hatte wer weiß was für Gedanken in seinem Kopf.
   »Was macht eigentlich deine Mutter? Ich hab sie lange nicht mehr gesehen«, fragte er als Nächstes beiläufig.
   Na toll. Scheinbar hatte er mehr Erinnerungen an die flüchtigen Begegnungen mit meiner narzisstischen Mutter im Supermarkt als an unsere Treffen. Mir sollte es Recht sein. Ausschweifend berichtete ich, dass Annegret im März mit Sack und Pack sowie Rentenbescheid in die Türkei abgedampft war, um nicht nur dem miesen deutschen Wetter, sondern auch der ach so miesen Gefühlskälte in unseren Gefilden zu entfliehen. Meine Mutter vertrat nämlich die Auffassung, dass Frauen mit deutschen Männern heutzutage nicht mehr klarkamen, da diese nur noch auf Äußerlichkeiten und Statussymbole Wert legten und nicht mehr auf Gefühle.
   Plötzlich realisierte ich, dass etwas fehlte. »Wo ist Tom?«, rief ich erschrocken.
   »Den hab ich zur Spielecke im Wartezimmer gebracht, aber Moment, ich schau mal kurz nach«, sagte Simon und verschwand irgendwo nach nebenan.
   »Alles in Ordnung, er guckt sich Bilderbücher an«, wurde ich Sekunden später unterrichtet. »Übrigens sieht er dir doch sehr ähnlich. Er hat deine großen, ausdrucksstarken blauen Augen.«
   Mir wurde erneut heiß. War der Heizstrahler etwa wieder eingeschaltet? Vielleicht sollte ich die Unterhaltung lieber zurück in sachlichere Bahnen lenken. »Was mir übrigens gerade einfällt«, begann ich, »ich bin privat versichert; die Rechnung geht also an mich.«
   »Ehrlich gesagt hatte ich nicht vor, dir eine zu schicken.«
   »Wieso nicht?«
   »Weil ich das hier privat für dich tue.«
   »Ach so, das ist natürlich sehr lieb von dir, aber was machst du, wenn ich noch ein Dutzend Mal zu dir kommen muss, bis ich wieder turnschuhmäßig fit bin?«, fragte ich ihn.
   »Dann hab ich eindeutig den Beruf verfehlt und gehe sowieso über kurz oder lang Pleite«, erwiderte er vergnügt. »So, das wärs. Den Rücken die nächsten Tage immer gut warm halten, und wenn die Schmerzen bis Montag nicht vollständig verschwunden sein sollten, müsstest du Dienstag noch mal vorbeikommen.«
   Beim Anziehen merkte ich, dass ich mich tatsächlich wieder halbwegs schmerzfrei bewegen konnte. Trotzdem verzichtete ich diesmal beim Abschied lieber auf die ballerinamäßige Verrenkung und gab Herrn Ränckel genauso artig wie Tom das Händchen.

Wenn Dirk bei unserer Rückkehr auch zu Hause gewesen wäre, hätte es für uns drei noch ein gemütlicher Abend werden können. Wir hätten einiges vom Bauernhof zu erzählen gehabt. Aber um kurz nach neun gaben wir das Warten endgültig auf. Ich brachte erst Tom zu Bett und danach vorsichtig mich selbst. Bloß keine falsche Bewegung machen!

5
Landungsbrücken

Gott sei Dank war jedenfalls der von Isabelle prophezeite Kater in der Gesäßmuskulatur ausgeblieben, und so saß ich drei Tage später wieder an meinem Schreibtisch.
   Dirk hatte sich inzwischen tausendmal entschuldigt, dass er am Samstag erst um kurz vor elf wieder zurückgekommen war (von wo, sagte er allerdings nicht), Tom verbrachte die nächsten zwei Tage wieder wie üblich bei meinen Eltern, die ebenfalls von den Ferien auf dem Bauernhof zurück waren, und sogar die Computer liefen anstandslos.
   Rein äußerlich war also alles wieder beim Alten. Ich starrte auf die bunten, wirren Linien meines neuen Bildschirmschoners.
   »Irres Design, sieht echt toll aus«, stellte Doris, Sekretärin und gute Seele des Hauses, im Vorbeigehen fest und drückte mir zwei Telefonnotizen in die Hand.
   Erfreut las ich Isas Namen und rief sie sofort zurück.
   »Na, wie gehts dir?«, erkundigte sie sich teilnahmsvoll nach meinem Befinden.
   »Körperlich wieder ganz gut.«
   »Und sonst?«
   »Noch gewöhnungsbedürftig.« Dass Dirk, der sonst so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk war, uns wegen Ute so einfach vergessen hatte, setzte mir mehr zu, als ich wahrhaben wollte.
   »Das Problem mit dem Ego, stimmts?«, konstatierte Isa.
   »Hm«, gab ich widerstrebend zu.
   »Dann weiß ich genau das Richtige für dich. Wie wärs am Wochenende mit einem Kurztrip nach Lübeck?«
   »Leider steht da schon ein anderer Trip, und zwar ein echter Horrortrip, auf dem Programm meiner eheähnlichen Pflichten.« Ich seufzte tief. »Schwiegervater wird achtzig.« Bei dem Gedanken an tristen Small Talk, Statussymbolvorzeigen und das Anhören von Weisheiten zur Kindererziehung von anno dazumal wurde es mir jetzt schon speiübel.
   Wir verabredeten uns für die Woche darauf.
   Die zweite Nachricht stammte von Simon. Er hatte es also nicht abwarten können, bis ich mich melde, überlegte ich, während ich seine Nummer wählte.
   »Deine berufliche Zukunft ist dir sicher«, rief ich, nachdem ich die Sprechstundenhilfe endlich davon überzeugen konnte, dass ich ihren hochverehrten Chef persönlich sprechen müsse. »Bin wieder topfit und könnte auf der Stelle Bäume ausreißen«, fuhr ich putzmunter fort, für meinen momentanen Zustand fast etwas zu munter. Aber egal.
   »Schön, deine Stimme wieder so zu hören, wie ich sie kenne«, sagte Simon herrlich warm und weich.
   »Das hast du wirklich toll hinbekommen«, lobte ich, »obwohl ich daran überhaupt keine Zweifel hatte.«
   »Und was machen wir nun, Indianerin?«
   »Wie bitte?«
   »Da du ja nun heute Abend nicht meine Patientin bist …«
   »Mehr edles oder uriges Ambiente, Bier oder Wein?«, fiel ich ihm ins Wort.
   »Genau das wollte ich dich fragen.«
   »Dachte ich mir, aber ich wollte die Erste sein. Dafür darfst du es dir auch aussuchen.« So kam ich jedenfalls nicht in die Verlegenheit, zugeben zu müssen, dass ich keine Ahnung hatte, wo Mann und Frau heutzutage hingingen, wenn sie ein Date miteinander hatten.
   Knappe fünf Minuten später hatte ich bereits erfolgreich die zweite Verabredung getroffen. Keine schlechte Leistung für jemanden, der schon nicht mehr weiß, wie man dieses Wort schreibt. Zufrieden mit mir ging ich im Kopf auch gleich die Outfitfrage durch. Nach dem Quasimodo-Look vom vergangenen Samstag war heute definitiv perfektes Aufstylen angesagt. Aber was zog frau am besten für eine Lokalität mit dem Namen »Pupasch« an? Gehört hatte ich zwar schon mal irgendwann, dass die Kneipe unten am Hafen bei den Landungsbrücken ein bekannter Treff sein soll, aber diese Bezeichnung fand ich so dermaßen peinlich, dass ich dort freiwillig niemals aufgekreuzt wäre.
   Und was erzählte ich Dirk?
   Eigentlich bestand kein Grund, nicht die Wahrheit zu sagen. Trotzdem gefiel mir der Gedanke überhaupt nicht. Da ich aber offensichtlich nicht kreativ genug war, mir eine gute Lüge einfallen zu lassen, und im Übrigen die Kundentermin-Ausrede für mich als reine Innendienstlerin auch nicht zur Disposition stand, hatte ich keine Wahl. »Ich muss mit dir reden«, sagte ich und schloss sorgfältig die Tür zu seinem Büro hinter mir. »Es ist keine große Sache, und es steckt auch nichts dahinter, aber trotzdem sollst du wissen, dass ich mich heute Abend mit einem alten Bekannten treffe.«
   »Gleiches Recht für alle, nicht wahr«, sagte er ruhig. Aber etwas in seiner Stimme war merkwürdig, ich meinte, eine Spur von Sarkasmus herauszuhören.
   »Wir sind uns kürzlich zufällig begegnet. Und es tut mir bestimmt gut, auch mal wieder rauszukommen und etwas zu unternehmen. Die Sache mit Ute war zwar meine Idee, und ich finde es auch prima, dass es gut mit euch anläuft, aber glaube nicht, dass mich das alles kalt lässt, ganz im Gegenteil, du bist mir nämlich nach wie vor nicht egal«, sagte ich und umarmte ihn spontan über die hohe Rückenlehne des Drehsessels hinweg.
   »Tatsächlich?«
   »Was hast du denn gedacht? Meinst du, wir betreiben diesen ganzen Aufwand einfach zum Spaß?«
   »Vielleicht ist es nur eine Strategie zur Vereinfachung, Trennung auf Raten, sozusagen, erst auch bei mir für Ersatz sorgen, bevor du die Koffer packst.«
   »Es ist wirklich nur ein ehemaliger Klassenkamerad«, sagte ich noch einmal mit Nachdruck. »Und jetzt muss ich wieder rüber, in zehn Minuten kommt ein neuer Kunde, und ich hab noch nicht mal angefangen, seine Unterlagen zu sichten.«
   An der Tür drehte ich mich noch mal um. »Wie bekomme ich übrigens diesen grässlichen Bildschirmschoner wieder weg?«
   »Gefällt er dir nicht?«
   Wahrscheinlich hatte er Stunden damit verbracht, um die Datei überhaupt erst einmal ausfindig zu machen und dann auch noch zum Laufen zu bringen. Und nun kam ich wieder daher und hatte nichts Besseres zu tun, als an dem Werk seines männlich-technischen Spieltriebs herumzumäkeln.
   »Tut mir Leid«, verneinte ich, »schlicht schwarz, bitte, sonst nichts.«

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