»Ich sehe einen Menschen an und weiß nicht mehr, ob ich glauben soll, was sein Gesicht oder seine Stimme sagt.« Claire ist fünfundzwanzig, von Beruf »reiche Tochter« und von einem Tag auf den anderen mittel- und obdachlos. Sie will sich umbringen, doch der Einbrecher Leonard hält sie davon ab. Claire findet Arbeit in einem noblen Hotelkomplex. Schnell gerät sie in einen Strudel von Gefahren, Misstrauen und bedrückenden Fragen. War ihr Vater Mitglied der Mafia? Woran ist ihre Mutter wirklich gestorben? Wem darf sie noch trauen, und wird sie je die Panikattacken überwinden, die sie überfallen, sobald ihr ein Mann zu nahe kommt?

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Bea Lange

Bea Lange
© Kiki Beelitz
Bea Lange ist das Pseudonym, unter dem Sabine Bruns Romane veröffentlicht. Jahrgang 1962, EDV-Kauffrau, Dozentin in der Erwachsenenbildung, Fachjournalistin und Autorin von Fachbüchern. Sie lebt mit Mann, Pferden, Hunden und Katzen in einem kleinen Dorf in Norddeutschland.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Claire schlenderte durch die leeren Räume der Villa. Die Stille wirkte erdrückend. Kein Ticken einer Uhr, kein Summen eines Kühlschranks, kein Türenschlagen und kein Telefonklingeln. Sie betrat das Schlafzimmer ihrer Eltern. Der Teppich war blasser an der Stelle, an der gestern noch das Bett gestanden hatte. In ihr lief wie ein Film die Erinnerung an eine der liebsten Gewohnheiten ihrer Kindheit ab, am Sonntagmorgen zu den Eltern ins Bett zu krabbeln. Mutter hatte immer gelacht, Vater eher unzufrieden gebrummt. Auf dem gleichen Bett hatte sie gelegen und in das Kissen geweint, Stunden, gefühlte Tage und Wochen, nachdem Mutter im Krankenhaus gestorben war, ohne sich von ihr zu verabschieden.
   Claire fühlte einen dicken Kloß im Hals, während die Erinnerung lebendig wurde. Die Todesnachricht war nur zwei Wochen nach ihrem elften Geburtstag gekommen. Seitdem hatte sie keine Erinnerung mehr an diesen Tag.
   Auf der anderen Seite des Flures ging es in den Fitnessraum mit dem Zugang zur Dachterrasse. Beim Blick durch die Glastür lächelte sie. Hier hatte sie jeden Morgen gemeinsam mit dem Vater trainiert. »Es kann nicht schaden, wenn du kräftig bist. Auch Frauen sollten sich verteidigen können«, hörte sie ihn immer noch mit erhobenem Zeigefinger sagen. Sie schmunzelte.
   Bevor sie sich endgültig abwandte und entschlossen die Treppe nach unten lief, blickte sie sich noch einmal auf der Terrasse um. Hier hatte sie zum ersten Mal versucht, Sex zu haben. Bei der Erinnerung musste sie lachen. Stefan war nur wenige Jahre älter als sie und wechselte sich den Job des Chauffeurs in wöchentlichem Rhythmus mit Daniel und John ab, die bedeutend älter und reifer waren. Alle drei verfügten über Kampfsportausbildungen. Sie fungierten neben dem Chauffeursjob auch als Bodyguards. Wenn ihr Vater verreist war, blieb immer einer der drei bei ihr in der Villa und wohnte in einer Einliegerwohnung im Keller.
   An einem Sommertag vor sechs Jahren, kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag, hatte Claire beschlossen, sich entjungfern zu lassen. Die Jungen in der Schule interessierten sich nicht für sie und der Tag war günstig, weil sie mit dem durchaus ansehnlichen Stefan allein im Haus war. Claire hatte ihn überredet, es sich auf der Sonnenliege mit einer Flasche Schampus gemütlich zu machen. Sie konnte ihn auch dazu bringen, ihre Brüste anzufassen, doch als er erfuhr, welchen Job er machen sollte, war er schnell wieder in seine Hose gestiegen und geflüchtet.
   Unten, links entlang, ging es neben dem Eingang des Kellers in das große Arbeitszimmer ihres Vaters. Hinter seinem Schreibtisch hatte sie ihn mit ihrer Kinderhand ins Gesicht geschlagen, als er ihr die Nachricht von Mutters Tod gebracht hatte. An der gleichen Stelle war sie auf dem großen Ledersessel zusammengesunken, als die Polizei ihr vor wenigen Wochen am Telefon mitgeteilt hatte, dass er mit seiner Propellermaschine verschollen war.
   Neben der Haustür hing ein Spiegel. Claire blieb davor stehen und betrachtete sich. Ihr Outfit wirkte wie immer schrill. Sie war knapp hundertfünfundsechzig Zentimeter groß und hatte dank des Krafttrainings einen sportlichen, dafür aber nicht sehr weiblichen Körper. Jan, der Kindheitsfreund aus dem Nachbarhaus, meinte mal, sie hätte eigentlich ein Junge werden sollen, da wäre dem lieben Gott wohl im letzten Moment ein Fehler passiert.
   Zwei Wochen später hatte sie ihn mit Viola gesehen, einem Mädchen aus ihrer Klasse, bei dem der liebe Gott ganz sicher keinen Fehler gemacht hatte.
   Vor dem Spiegel fuhr sie sich mit den auffällig blau lackierten Fingernägeln durch die schulterlangen, zurzeit knallroten Haare der linken Kopfhälfte. Rechts ging das nicht. Hier hatte sie vor drei Monaten alles abrasieren lassen. Inzwischen standen die nachgewachsenen Haare zwei Zentimeter lang. Immerhin pikste es nicht mehr, wenn man darüberwischte. Der aufreizend enge, kurze Satinrock und die passenden High Heels wirkten, als wäre sie auf dem Weg in eine Disco. Unter einer knappen Jeansjacke trug sie ein tief ausgeschnittenes gelbes T-Shirt, das wie geschaffen dafür war, Männerblicke auf die Brust zu lenken.
   Claire war jetzt vierundzwanzig Jahre alt. Sie hatte ihr bisheriges Leben in diesem Haus verbracht. Nun betrachtete sie ihr Spiegelbild. »Ich hätte lieb, hübsch, intelligent und fleißig sein können. Warum bin ich das nicht? Das Einzige, was ich kann, ist Geld ausgeben.«
   Seufzend erinnerte sie sich an die letzten Jahre. Sie war als Erste in der Schule mit einem eigenen Auto zum Unterricht gekommen. Der kleine Sportflitzer hatte ihr einige Dates mit den begehrtesten Jungen der Schule eingebracht, allerdings nicht in der Form, die sich ein junges Mädchen wünschte. Die Jungen waren einfach nur mal gern in ihrem Auto gefahren.
   Still musterte sie sich kritisch. Eigentlich fand sie ihr Outfit witzig, heute allerdings fühlte sie sich einfach nur hässlich.
   Für die Welt war sie die verwöhnte, arrogante Tochter aus wohlhabendem Hause, mit der man nicht ernsthaft befreundet sein wollte. Von der Einsamkeit lenkten nächtliche Disco- und Kneipentouren ab.
   Heute war das alles vorbei. Ihr Leben war vorbei. Claire sah sich allein und völlig mittellos in einer Welt, die ihr keine Freude mehr bereitete.
   Sie hatte weder Familie noch Freunde, keinen einzigen Euro, kein Zuhause mehr und auch das Auto war gepfändet worden.
   Sie atmete tief durch. »Tja, du Dummchen, alles ganz schön falsch gelaufen. Da kann man nichts machen.«
   Mit einem breiten Grinsen verbeugte sie sich vor ihrem Spiegelbild. »Bon voyage, Claire Herrmann.«
   Sie betrat das Wohnzimmer, den größten Raum der Villa. Durch die geöffnete Schiebetür zur Bibliothek blickte sie auf die leeren Wandregale. Da es langsam dunkel wurde, wirkten die einzelnen Fächer wie bedrohliche schwarze Löcher. Das Parkett knarrte unter ihren Schritten.
   Sie setzte sich auf den teuren Teppich neben dem kalten Kamin, zog die unbequemen Schuhe aus und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Vor ihrem Rundgang hatte sie die Flasche Cognac, ein Glas und eine Kerze bereitgestellt. Sie wühlte in der Tasche nach dem Feuerzeug, zündete die Kerze an und goss das Glas randvoll. Sie trank einen großen Schluck. Ohne auch nur ansatzweise das Gesicht zu verziehen, setzte sie das Glas wieder ab, lehnte den Kopf gegen die Wand und steckte sich eine Zigarette an.
   Sie inhalierte tief und zog das Päckchen mit den Tabletten aus der Tasche. Sie betrachtete es versonnen und legte es neben der Flasche auf den Teppich.
   Es war so unnatürlich still in diesem riesengroßen Haus. Während sie gegen die Wände starrte, trank, rauchte und ihre Gedanken wandern ließ, begann sie unbewusst, eine leise Melodie zu summen. Immer dunkler wurde es, und irgendwann verlor sie vollständig jedes Zeitgefühl.
   Plötzlich unterbrach ein leises Klirren die Stille. Irritiert drehte sie den Kopf in Richtung des Geräusches, aber dort war alles dunkel. Wieder ein Geräusch, diesmal eher ein dumpfes Knacken. Und jetzt? Waren das leise Schritte? Kam da jemand die Treppe herunter? Claire lächelte. Die ersten Hallus, war wohl in den letzten Jahren doch etwas viel Alkohol.
   Gleichgültig hob sie das Glas an. Leer. Sie öffnete die Flasche und goss es wieder voll. Seufzend griff sie nach den Tabletten, drückte die ersten fünf aus der Packung und spülte mit einem großen Schluck Cognac nach. Mit fast andächtiger Ruhe presste sie die nächsten fünf Tabletten in ihre Hand und wiederholte den Vorgang wie ein Ritual.
   Die Geräusche kamen näher. Nun konnte sie es richtig einordnen. Es stieg jemand die Kellertreppe hoch. Doch keine Halluzinationen.
   Gelassen wandte sie den Kopf in Richtung der geöffneten Tür. Der Strahl einer Taschenlampe wischte schemenhaft über den Boden, dann gegen die Wände und ins Wohnzimmer hinein.
   Claire erkannte hinter dem Licht einen dunklen Schatten. »Was auch immer du hier suchst, du wirst es nicht finden«, begrüßte sie ihn.
   Der Schatten blieb ruckartig stehen, und sie wurde geblendet. Claire kniff die Augen zusammen. Der Lichtkegel wanderte durch den Raum, blieb kurz auf der Flasche und den Zigaretten hängen und leuchtete wieder in ihr Gesicht.
   Abwehrend hob sie eine Hand. »Hey, muss das sein?«
   Der Typ kam näher. »Was machst du hier?«, fragte eine herbe, männliche Stimme.
   »Trinken. Und rauchen.«
   »Wer bist du?«
   »Geht dich das was an?«
   Er schwieg und leuchtete ihr wieder ins Gesicht.
   »Mann! Kannst du das mal lassen?« Ungeduldig wedelte sie mit der Hand, damit er die Lampe tiefer halten sollte, doch er reagierte nicht.
   Ergeben schloss sie die Augen und lehnte den Kopf gegen die Wand. »Okay, sag Bescheid, wenn du mich lange genug angeglotzt hast. Ich bin jung und unverbraucht, vielleicht hast du Lust, mich zu vergewaltigen?«
   Er kam einen Schritt näher. »Keine Angst, ich tu dir nichts.«
   Sie lachte schrill auf. »Angst, was ist das?« Sie drückte die Zigarette auf dem Teppich aus und blinzelte in seine Taschenlampe hinein. »Setz dich doch, vielleicht überlegst du es dir ja noch mal. Wie gesagt, ich bin jung und unverbraucht. Das sollte einen Mann doch reizen.«
   Nun betrat er das Zimmer ganz, schaute sich überall um und blieb ihr gegenüber, an die Tür zur Bibliothek gelehnt, stehen. Wieder leuchtete er sie an. »Wohnst du hier?«
   »Ich habe hier gewohnt. Jetzt feiere ich gerade Abschied. Mann! Halt endlich mal dieses Licht woandershin!«
   Er schaltete die Lampe aus und einen Moment lang sah Claire nichts mehr. Dann gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, und im Schimmer der Kerze erkannte sie ein glatt rasiertes Gesicht. Sie blickte in ein paar dunkle Augen, die sie reglos betrachteten. Claire grinste. »Ich kenne dich nicht. Bist du echt ein Einbrecher?«
   »Ja, bin ich.«
   »Ich würde sagen, dann ist heute nicht gerade dein Glückstag.«
   Er rührte sich nicht. »Ist das dein Haus? Bist du Claire Herrmann?«
   »Sieht so aus.«
   »Bist du allein hier?«
   »Ich war allein hier, bis du kamst, und das war mein Haus. Jetzt gehört es der Bank wie alles andere auch, was mal meins war. Hier gibt es nichts mehr zu holen. Komm, setz dich. Ich gebe dir zum Trost was von meinem Cognac ab. So teuren Fusel hast du sicher noch nie getrunken.« Sie hielt ihm die Flasche entgegen, doch er rührte sich immer noch nicht. Langsam ging er ihr auf die Nerven. »Hey Bubi, setz dich und trink mit mir oder verschwinde, aber steh da nicht so dumm herum.«
   Er kam näher und hockte sich vor sie. Nun konnte sie sein Gesicht richtig erkennen. Er trug eine Wollmütze, darunter schauten braune Haarsträhnen hervor. Breite Wangenknochen gaben seinem jungen Gesicht einen männlichen Ausdruck. Die Augen erinnerten sie an die des jungen Silvester Stallone in diesen wunderbar kitschigen, alten Rocky-Streifen. Sie standen etwas schräg. Dadurch bekam sein Blick auf eigenartige Weise einen traurigen Touch. Sein Hals und seine Schultern waren breit und muskulös wie bei einem Leichtathleten oder Schwimmer. Seine Nase und sein Mund wirkten sehr klar moduliert, fast wie gemeißelt.
   Sie hielt ihm ihr Glas entgegen. »Hier, trink.«
   Er schüttelte den Kopf. »Wieso gehört alles der Bank? Was ist passiert?«
   »Tja, wenn ich das mal wüsste. Mein Vater ist mit dem Flugzeug verschollen. Meine Kreditkarten wurden gesperrt, die Konten waren leer und plötzlich stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür. So schnell kann das gehen.«
   »Seit wann ist dein Vater verschollen?«
   »Ein paar Wochen. Die sagen, ich soll mir keine Hoffnungen mehr machen. Er flog über dem Meer, als es passierte.« Plötzlich fühlte Claire einen dicken Kloß im Hals. Er sah sie so ernst und mitleidig an. Widerwillig schüttelte sie den Kopf. »Guck nicht so. Was soll’s.«
   »Wo wohnst du jetzt?«
   »Nirgends.«
   »Und wo sind deine Sachen?«
   Claire lachte auf. »Ach, meine Sachen, na klar. In der Garage stehen ein paar Kartons mit Klamotten. Schau gern rein, aber da ist sicher nichts drin, was einen Einbrecher interessiert.«
   Er zog leicht die Augenbrauen zusammen und sein Blick fiel auf die Tablettenpackung. Er fasste unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht an. »Hast du davon welche genommen?«
   Claire antwortete nicht. Seine warmen Finger an ihrem Kinn brachten sie aus dem Konzept. Ein sehnsüchtiges Ziehen erfüllte ihre Brust. Sie griff mit einer Hand in sein Hemd und zog ihn näher zu sich heran. »Ich bin noch Jungfrau. Schlaf mit mir. Ich möchte zu gern noch wissen, wie das ist«, flüsterte sie und drückte ihre Lippen auf seinen geschlossenen Mund.
   Ruhig umfasste er ihr Handgelenk, befreite sich aus ihrem Griff und schob sie zurück an die Wand. Dann nahm er die Tabletten. Ungeduldig riss sie ihm die Packung aus der Hand und schleuderte sie auf den Boden. »Hey, ich hab dich gerade eingeladen. Das kannst du dir doch nicht entgehen lassen!«
   »Hast du vor, dich heute Nacht umzubringen?«
   »Geht dich das was an?«
   Langsam steckte er die Tabletten in die Jackentasche.
   »Hey, was soll das? Gib sie mir wieder«, fuhr sie ihn an und wollte in seine Tasche greifen.
   Er wehrte sie ab und zog die Flasche aus ihrer Reichweite.
   »Du bist zu jung zum Sterben, Claire. Komm mit.« Er packte sie am Arm und zog sie hoch.
   »Hey, was soll das?«
   In wenigen großen Schritten hatte er sie ins kleine Gäste-WC neben der Haustür vor die Toilette gezerrt und dort an den Schultern nach unten gedrückt. »Mund auf«, befahl er rüde. Sie versuchte mit aller Kraft, sich zu wehren, doch er war stärker. Ohne Erbarmen drückten seine Beine in ihren Rücken. Mit einer Hand umfasste er ihr Kinn und kniff mit Daumen und Fingern fest in ihre Wangen, sodass sie mit einem Schmerzlaut den Mund öffnete. Er steckte ihr einen Finger tief in den Rachen, bis der Würgereiz sie dazu zwang, sich zu übergeben. Grinsend ließ er sie los. »So ist es brav.«
   Claire hustete und keuchte. »Arsch!«
   Unbeeindruckt drückte er auf die Spülung und wusch sich die Hände. »Angenehm, Leonard, für Freunde Leo. Reg dich wieder ab. Ich nehme dich mit. Hast du Leute, zu denen ich dich bringen kann?«
   »Ich komme einen Scheißdreck mit. Verpiss dich, wenn du nicht mit mir Sex machen willst. Und gib mir die Tabletten zurück.« Sie rappelte sich auf und folgte ihm in Richtung Wohnzimmer.
   »Nein.«
   »Hey, du Widerling!« Sie hob die Hände, schloss sie zu Fäusten und schlug ihm gegen den Rücken.
   »Au! Spinnst du?«
   »Gib mir die Tabletten!«
   »Das gibt es ja nicht, so eine Furie.« Er packte sie und schleifte sie in die Küche. Dort drehte er den Wasserhahn auf und hielt ihren Kopf unter den kalten Strahl.
   Wild strampelnd und schreiend wehrte sie sich, doch er war stärker und hielt sie erbarmungslos fest. Als er endlich das Wasser abdrehte und sie losließ, stützte sie sich am Beckenrand ab und pustete laut die Luft aus der Lunge.
   Er zog sie hoch. »Funktionieren die kleinen Gehirnwindungen da oben jetzt wieder?«
   »Lass mich los«, presste sie hervor und schüttelte die nassen Haare.
   »Benimm dich wie ein erwachsener Mensch, dann behandele ich dich auch so.«
   »Warum gibst du mir nicht einfach die scheiß Tabletten und verziehst dich?«
   »Weil du die dann alle schluckst und das wäre keine gute Entscheidung.«
   »Hast du eine Ahnung.«
   »Hey, man schmeißt sein Leben nicht einfach so weg. Du bist jung, gesund und ziemlich kräftig, wie ich gerade zu spüren bekommen habe. Du kannst noch alles aus deinem Leben machen.«
   »Ich kann nichts und habe niemanden. Ich finde ja nicht mal einen Kerl, der mich entjungfert.« Sie lachte. »Die haben sogar das Kaffeepulver aus der Küche mitgenommen. Ich habe keinen Bock mehr auf dieses verkackte Leben. Und dich geht das sowieso einen Scheißdreck an. Verpiss dich.«
   »Für ein Mädchen aus so gutem Hause hast du einen recht ungewöhnlichen Stil, dich auszudrücken.«
   Sie riss sich los, marschierte wieder ins Wohnzimmer, ließ sich auf den Boden fallen und schenkte sich neuen Cognac ein.
   Doch bevor sie das Glas an den Mund heben konnte, war er bei ihr, riss es ihr aus der Hand und zog sie wieder hoch. »Schluss jetzt. Wir gehen. Zieh die Schuhe an. Nein, nimm sie lieber in die Hand, mit dem Alkoholgehalt im Blut brichst du dir in den Tretern noch die Beine.«
   »Nein!«
   Er hielt sie mit hartem Griff am Arm, pustete die Kerze aus und drückte ihr die Schuhe in die Hände. Dann zog er sie mit in Richtung Eingangstür.
   »Hey, nun warte doch, meine Zigaretten!«
   »Du brauchst keine Zigaretten. Wer pleite ist, sollte sich Süchte als Erstes abgewöhnen. Wo ist dein Schlüssel?«
   Bevor sie antworten konnte, hatte er schon in ihre Jackentasche gefasst und ihn gefunden. Er öffnete die Haustür, zog sie mit und schloss hinter ihnen ab. Dann steckte er ihr den Schlüssel wieder in die Tasche.


   Vor dem Haus sah er sich um. Die von Laternen gut beleuchtete Straße lag menschenleer vor ihnen. Er zögerte, drehte dann um und zog sie mit in den dunklen Garten hinein.
   Claire kicherte. »Oh, willst du doch noch mein Angebot annehmen? Hier am Pool? Ist aber kein Wasser drin.«
   »Halt den Mund.«
   Ungerührt hielt er sie fest am Arm und zog sie durch den großen Garten zur hinteren Pforte. Während sie den kleinen Wald durchquerten, jammerte Claire. Jeder Stein, auf den ihre nackten Füße traten, verursachte Schmerzen, doch er zog sie unbeeindruckt weiter. Sie erreichten eine Parallelstraße. Hier bog er links ab und nach wenigen Schritten standen sie vor einem alten, klapprigen Passat Kombi.
   Er öffnete die Beifahrertür und schob sie hinein.
   Claire verzog angewidert das Gesicht. »Fährt das Ding?«, fragte sie skeptisch, nachdem er auf der Fahrerseite eingestiegen war.
   »Mit Glück schafft er es noch ein paar Meter.«
   Der Motor sprang an, und sie fuhren los.
   Claire wurde still. Auf einmal fühlte sie sich wieder in die Realität zurückkatapultiert. Mit dem Wissen, dass sie ihr Leben beenden würde, war sie den ganzen Abend lang albern und unnatürlich locker gewesen. Nun aber, in diesem Auto auf der Straße, wurde ihr klar, dass sie weiterlebte und sich allen Problemen stellen musste. Plötzlich sammelten sich Tränen in ihren Augen. »Scheiße, wohin fahren wir eigentlich?« Ihre Stimme klang rau.
   Er blickte zu ihr herüber. »Zu mir. Oder fällt dir doch noch jemand ein, zu dem ich dich bringen kann?«
   Resigniert schüttelte sie den Kopf. »Verdammt, Mann, warum hast du mich nicht einfach da gelassen. Was soll das?«
   Er zuckte die Achseln. »Ich will nun mal kein schlechtes Gewissen haben.«
   »Hey, du bist ein Einbrecher, weißt du überhaupt, was ein schlechtes Gewissen ist?«
   »Sicher mehr als du, oder hast du schon mal ein schlechtes Gewissen gehabt, weil du so reich bist, während andere nicht genug zu fressen haben?«
   »O ja! Natürlich! Die Arschlochnummer! Ich esse mich jeden Tag satt und werfe die Reste in den Müll, anstatt sie nach Afrika zu schicken. Die Sprüche sind wirklich abgenutzt. Danke.« Sie schlug mit der Faust auf die Armlehne der Autotür.
   Er reagierte nicht und einen Moment war es still im Wagen.
   »War …, ich war reich. Jetzt habe ich nichts mehr, keinen beschissenen Euro und nicht mal mehr Zigaretten, dank dir«, sagte sie leise.
   »Du musst morgen zum Sozialamt und zum Arbeitsamt.«
   »Was soll ich denn arbeiten?«
   »Was hast du gelernt?«
   »Nichts.«
   »Dann musst du eben was machen, wofür man keine Ausbildung braucht. Allerdings …«, er musterte sie mit einem skeptischen Seitenblick, »… einen anderen Lebensstil wirst du dir wohl angewöhnen müssen. Deine Fingernägel, deine Schuhe und dieses Röckchen eignen sich nicht unbedingt, um mit eigener Hände Arbeit den Lebensunterhalt zu verdienen.«
   »Als ob ein Einbrecher beurteilen kann, was man braucht, um zu arbeiten.« Sie biss die Zähne zusammen, um nicht loszuheulen. Er brauchte nicht wissen, wie elend sie sich fühlte.
   Er ging auf ihren Einwand nicht ein. »Wo hast du deine persönlichen Sachen?«
   »Ich habe nichts mehr. In der Garage stehen drei Kartons mit Klamotten, die sollten eigentlich in die Altkleidersammlung und die Möbelpacker haben sie vergessen. Ansonsten besitze ich meinen Führerschein, meinen Ausweis und ein leeres Portemonnaie. Hier. Siehst du?«
   Sie zog es aus der Tasche und winkte damit.
   »Was ist mit anderen persönlichen Dingen? Waschzeug, Unterwäsche, Fotoalben, Zeugnisse, alles, was man so braucht?«
   »Hat der Möbelwagen mitgenommen. Sogar das Handy haben sie mir abgenommen. Auch gepfändet. Ich bekam die Nachricht, dass ich bis zum Monatsende ausziehen muss, also bis Ende nächster Woche. Heute Morgen klingelte es aber schon und mehrere große Möbelwagen standen vor der Tür. Zehn Männer oder noch mehr, stürmten herein und räumten alles aus. Hat nur ein paar Stunden gedauert, ruckzuck war alles verschwunden und ich saß auf dem Fußboden. Die Flasche Cognac aus dem Schreibtisch meines Vaters haben sie mir grinsend zum Trost in die Hand gedrückt.«
   »Und woher hattest du die Tabletten?«
   »Die hat mir mein Arzt verschrieben, als mein Vater verschwunden war.«
   »Wo hat die Umzugsfirma alles hingebracht?«
   »Keine Ahnung. Sie meinten nur, es sei alles gepfändet.«
   »Was ist mit den persönlichen Sachen von deinem Vater. Aus dem Schreibtisch zum Beispiel?«
   »Auch alles weg.«
   »Haben sie dir ein Schriftstück gegeben? Hast du irgendwas unterschrieben und einen Durchschlag davon bekommen?«
   »Nein.«
   Eine Weile war es still. Er runzelte die Stirn und schien über ihre Schilderung nachzudenken, sagte jedoch nichts.
   Claire ließ den Kopf gegen den Sitz fallen und starrte mit leerem Blick auf die Straße. Sie fühlte sich nur noch erschöpft, ängstlich und hilflos.
   »Wir sind da«, unterbrach er das Schweigen.
   Sie parkten vor einem hässlichen, großen Wohnblock.
   Claire sah skeptisch aus dem Fenster. »Feine Gegend.«
   »Tja, du bist definitiv was Besseres gewohnt, aber so oder so ähnlich sieht deine nächste Zukunft aus. Gewöhn dich lieber schnell daran.«
   Sie starrte auf den Betonklotz und machte keine Anstalten, auszusteigen. »Scheiße, ich kann das alles nicht.«
   Einen Moment beobachtete er ihr Gesicht. Dann berührte er freundschaftlich ihre Schulter. »Umbringen kannst du dich doch immer noch, aber zumindest solltest du leben, bis du das mit dem Sex erledigt hast. Darauf wirst du doch nicht verzichten wollen.« Sie reagierte nicht, und er stieg aus, kam um den Wagen herum und öffnete ihre Tür. »Na los, komm schon.«
   Er fasste sie wieder am Arm, als wollte er sicher sein, dass sie nicht noch einen Fluchtversuch wagte. Claire wehrte sich nicht. Was sollte ihr schon passieren? Schlimmer als es war, konnte es nicht werden.
   Im Hausflur roch es nach Urin, die Wände waren beschmiert und der Fahrstuhl kaputt. Zielstrebig wandte er sich zum Treppenhaus.
   »Wie hoch ist es?«, fragte sie.
   »Nur bis in den Vierten.«
   Sie verdrehte die Augen und nebeneinander stiegen sie die Treppe hinauf. Dann schloss er eine Tür auf und schob sie in seine Wohnung.
   Er machte überall Licht, und Claire sah sich um. Die Räume wirkten relativ groß, weil sie nur spärlich möbliert waren. Couch und Sessel im Wohnzimmer wiesen Spuren ausgiebiger Nutzung auf. Auf dem Tisch standen benutzte Kaffeebecher und Gläser, in der Küche stapelten sich mehrere dreckige Teller auf der Spüle. Über der Couchlehne und auf einem Sessel lagen Zeitschriften, eine Jacke und ein T-Shirt hingen in der Küche über einem Stuhl. Trotzdem wirkte die Wohnung nicht schmuddelig, sondern hell, freundlich, sauber und gemütlich.
   Er blieb an der Tür stehen und zog sich die dunkle Jacke und die Mütze aus. Dann schob er sich an ihr vorbei und deutete ins Wohnzimmer. »Geh rein.«
   Sie hob das Gesicht. Zum ersten Mal sah sie ihn richtig bei hellem Licht. Unter seinem T-Shirt und der engen Jeans zeichneten sich deutlich ausgeprägte Muskelpakete ab. Die kurzen braunen Haare standen wild durcheinander. Einen Moment lang begegneten sich ihre Blicke. Claire fühlte ein sehnsüchtiges Ziehen in der Brust. Wie es wohl wäre, wenn er sie in den Arm nähme, lächelte und »Mach dir keine Sorgen, Kleines, ich beschütze dich« sagen würde?
   Stattdessen verzog sich sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. »Im Flur die zweite Tür links ist das Bad. Wasch dir das Gesicht.«
   Irritiert starrte sie ihn an, bis er sie kopfschüttelnd am Arm fasste und mitzog. Im Bad schob er sie vor das Waschbecken und verschwand ohne einen weiteren Kommentar.
   Als sie in den Spiegel sah, begegnete sie einer seltsamen Erscheinung. Das Make-up war zerlaufen und gab ihr ein gruseliges Aussehen. Schwarze Wimperntusche zierte ihre rechte Wange und das andere Auge sah aus, als ob sie sich geprügelt hätte. »Klar, die kalte Dusche unter dem Küchenwasserhahn. Dieser Arsch.«
   Gesichtswasser und Wattepads gab es in seinem Bad natürlich nicht, so versuchte sie, sich mit Wasser und Seife zu reinigen. Nachdem sie eine Weile gekämpft hatte, war zwar die Schminke ab, aber ihr Gesicht sah blass und fleckig rot, also definitiv grauenhaft, aus. Wie sollte sie es aushalten, ihm so entgegenzutreten? Es blieb ihr keine Wahl, wenn sie nicht in diesem Badezimmer übernachten wollte. Seufzend betrat sie das Wohnzimmer.
   Er saß in einem Sessel und beendete gerade ein Telefongespräch. Sein Blick ruhte lange und durchdringend auf ihr.
   Nervös kauerte sie sich in einen Sessel. »Guck mich nicht so an. Ich weiß, dass ich grauenhaft aussehe.«
   »Du siehst nicht grauenhaft aus. Nur traurig und müde.« Er stand auf und wandte sich in Richtung Küche. »Hast du heute schon was gegessen?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe keinen Hunger. Gib lieber was zu trinken aus.«
   »Du kannst Wasser haben.«
   »Hast du nichts Alkoholisches da? Scheiße, Mann.«
   »Du brauchst morgen einen klaren Kopf, wenn du dir Arbeit suchen willst. Ich schmeiß mal eine Pizza in den Ofen.« Er ging in die Küche.
   Allmählich ließ die Wirkung des Cognacs nach, was ihre Stimmung nicht gerade erhellte. Sie saß in der Wohnung eines Einbrechers mit traurigen Augen, die ein Kribbeln in ihrem Unterleib verursachten, und sah grauenhaft aus. Sie hatte ihn angefleht, sie zu entjungfern und sich von ihm zum Kotzen zwingen lassen. Peinlicher und erniedrigender ging es wohl kaum. Sie fühlte den Drang, abzuhauen, doch wohin sollte sie gehen?
   »Wie alt bist du?«
   Claire schreckte auf. Er stand im Eingang der Wohnzimmertür. »Vierundzwanzig.«
   »Warum hast du nichts gelernt? Studierst du?«
   »Ich hab mal angefangen, war aber nichts für mich.«
   »Was machst du den ganzen Tag?«
   »Einkaufen, lesen, Facebook, fernsehen und abends Kneipe oder Disco.«
   Er verzog spöttisch die Lippen. »Das hört sich nach einem äußerst ausgefüllten Leben an.«
   »Aber du, was? Einbrechen. Klasse! In so einem Haus wohnen. Klasse! Einen Schrotthaufen als Auto. Klasse!«
   Aus der Küche war das Klingeln der Zeitschaltuhr zu hören. Er drehte sich um und ging. Sie hörte Geschirr klappern, dann kam er mit zwei Tellern wieder, auf denen jeweils eine halbe Pizza lag. Er stellte sie auf den Tisch und schob ihr einen hin. Dann ging er noch mal, um Mineralwasser und Gläser zu holen.
   Er setzte sich ihr gegenüber und begann zu essen. Nach einer Weile sah er auf. »Willst du nicht? Tut mir leid, was Besseres habe ich nicht.«
   Claire schüttelte den Kopf. »Danke. Ich hab keinen Hunger.«
   Nachdem er aufgegessen hatte, zog er ihren Teller zu sich heran. »Wirklich nicht? Letzte Chance.«
   Sie hob abwehrend die Hand und er aß auch die zweite Hälfte der Pizza auf. Dann stand er auf, verschwand kurz nach nebenan und kam mit einer Decke zurück. »Du kannst hier auf der Couch schlafen. Morgen bringe ich dich zu den Ämtern.«
   Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er sie und schloss am Ende des Flures eine Tür hinter sich.
   Claire legte sich hin und deckte sich zu. Doch sie konnte nicht schlafen. Sie verzehrte sich nach Nikotin und das machte sie immer aggressiver. Sie starrte an die Zimmerdecke. Irgendwann registrierte sie, dass es draußen hell wurde.
   Sie blickte auf die Uhr. Es war sechs. In Gedanken versunken strich sie über den Rand der Rolex. Sie war das einzige wertvolle, was aus ihrem Leben geblieben war. Fahrig suchten ihre Hände im Nichts. »Mist, keine Zigaretten.« Seufzend erhob sie sich. Sie musste raus hier. Erst mal zurück zur Villa. Unschlüssig stand sie im Flur. Dann fiel ihr Blick auf das kleine Garderobenschränkchen neben der Tür. Darauf lag sein Autoschlüssel. Sie griff danach und verließ leise die Wohnung.

Kapitel 2

Die Männer saßen sich an einem runden Tisch in einer Nische des Restaurants gegenüber. Alle hatten den Blick auf einen gerichtet. »Und in den Klamotten war wirklich nichts zu finden?«
   Allgemeines Kopfschütteln. »Nein, nicht der kleinste Hinweis. Wir haben auch alle Schränke auf Geheimfächer untersucht und im Handy gab es ebenfalls nichts, keine Nummer, keine alten Anrufe.«
   »Mist.«
   Eine Weile schien er zu überlegen. »Okay, wir brauchen Ergebnisse«, sagte er und warf seine Serviette auf die Tischplatte. »Die Kleine muss her. Wenn wir sie unter Kontrolle haben, werden wir mitbekommen, wie sie mit dem Alten in Verbindung steht und dann kriegen wir ihn. Daniel, du machst das, dich mochte sie doch schon immer.« Er grinste.
   Daniel verdrehte die Augen. »Ja, ich weiß.«
   »Fahr am besten heute Nacht noch, damit sie nicht verschwindet. In dem leeren Haus wird sie nicht lange bleiben. Wir werden ihr einen Job geben, das ist am einfachsten.«

*

Als Claire herauskam, atmete sie tief durch. Sogar in diesem miesen Viertel roch es nach Frühling. Man konnte den Sommer schon ahnen. Sie fühlte sich verkatert und die frische Luft tat ihr gut. Zu dieser frühen Morgenstunde allerdings war es noch kühl und Claire zog die dünne Jacke etwas enger um den Körper. Dann lief sie zu seinem alten Passat.
   Vor ihrem Elternhaus parkte sie auf der Einfahrt und ging ins Haus. Als Erstes brauchte sie ihre Zigaretten. Endlich! Sie öffnete die Schachtel. Drei Stück waren noch drin. Sie zündete sich eine an und sog tief den Rauch ein.
   Anschließend ging sie in die Garage und durchwühlte die Kartons für die Altkleidersammlung. Mit einer Jeans, ein paar T-Shirts, einer Bluse und zwei Pullovern kehrte sie zurück ins Haus. Im Gartenzimmer fand sie Handtücher, die eigentlich für die Benutzung am Pool gedacht waren. Freudig griff sie danach und lief nach oben ins Bad, um zu duschen.
   Am Waschbecken stand noch ein Plastikschälchen mit Handwaschlotion. Die benutzte sie als Duschgel und dachte zum ersten Mal in ihrem Leben darüber nach, warum es eigentlich unterschiedliche Waschgelsorten für die Hände und für die Dusche gab, wenn doch auch beides mit dem gleichen Zeug möglich war.
   Sie trocknete sich ab und zog sich an. Die Klamotten rochen zwar etwas muffig, aber doch angenehmer als die, die sie seit über vierzig Stunden am Körper getragen hatte.
   Als sie fertig war, packte sie die restlichen Kleidungsstücke wieder in einen Karton. Was nun? Unschlüssig blickte sie auf die Uhr, als auf einmal ein Motorengeräusch lauter wurde. Claire sah aus dem Fenster. Eine dunkle Limousine mit fremdem Kennzeichen parkte am Straßenrand. Als die Fahrertür aufging, zog sie die Augenbrauen hoch. »Daniel? Was will der denn hier?«
   Er bewegte sich aufs Haus zu und sie lief mit dem Karton unterm Arm die Treppe hinab, um die Tür zu öffnen.
   »Hallo Claire.«
   »Hallo Daniel, das ist ja eine Überraschung.«
   »Ich habe gehört, dass hier alles gepfändet wurde und dachte, du brauchst vielleicht Hilfe.«
   Claire lächelte ungläubig. »Das ist aber nett von dir.«
   »Ich weiß doch, dass du außer deinem Vater niemanden hast. Also, kann ich irgendwas für dich tun?«
   Sie seufzte. »Ich habe keine Ahnung. Ich habe nichts mehr und wollte hier gerade verschwinden.«
   »Und wo willst du hin?«
   »Ich weiß nicht. Ich brauche Arbeit, eine Unterkunft und Geld, hab keinen Cent mehr in der Tasche.«
   »So was Ähnliches habe ich mir gedacht.« Er tätschelte ihre Schulter. »Hör zu, John und ich haben neue Arbeit in der Ferienanlage von Alexander Diehl gefunden. Den kennst du auch, war mit deinem Vater befreundet. Er sagt, du kannst bei ihm einen Job und ein Zimmer bekommen, bis du was Besseres findest.«
   »Diehl? Ja, den kenne ich. Der war ab und zu mal hier zu Besuch. Das ist aber nett. Wo ist denn diese Anlage?«
   »In Mecklenburg-Vorpommern an der Müritz. Es ist ein großer Park mit exklusivem Hotel, Ferienhäusern, Golf, Tennis, Reitanlage und allem, was sonst noch so dazugehört. War früher mal eins von Honeckers Privatparadiesen.«
   Claire atmete tief durch. »Mensch Daniel, dich schickt der Himmel. Das ist genau das, was ich brauche.«
   Er lachte. »Das freut mich. Dann lass uns deine Sachen holen und losfahren.«
   Gequält verzog sie das Gesicht. »Ich brauche nichts holen. Hab ja nichts mehr. Hier, der Karton ist alles. Ich besitze nicht mal mehr eine Zahnbürste.«
   »Oje.« Er legte tröstend den Arm um sie. »Ich leih dir Geld und wir kaufen unterwegs noch das Nötigste ein, okay?«
   »Das wäre super. Du bist wirklich mein Retter. Das werde ich dir nie vergessen.« Sie sah sich ein letztes Mal im Wohnzimmer um und verließ mit einem tiefen Seufzer das Haus. Bevor sie ins Auto stiegen, deutete er auf den alten Passat. »Was ist mit dem da? Ist das deiner?«
   »Nein, gehört einem Bekannten. Der Schlüssel steckt. Kann er sich hier abholen.«

*

Am Nachmittag fuhren sie aus Hannover hinaus. Auf dem Rücksitz lagen mehrere Tüten mit Einkäufen und Claire fasste endlich etwas Mut. Scheinbar war doch nicht alles hoffnungslos. Daniel drehte das Radio an und sah zu ihr herüber. »Na, jetzt geht es dir besser, oder? Heute Morgen sahst du ja grauenhaft aus.«
   Sie nickte. »Es geht mir wirklich schon viel besser. Ich stehe auf ewig in deiner Schuld.«
   »Ach, halb so wild. Was ist mit deinem Vater? Wirklich gar keine Spur? Es gibt Leute, die munkeln, er wäre nicht verschollen, sondern würde sich vor seinen Gläubigern verstecken, weil er pleite ist.«
   Claire lachte auf. »So ein Quatsch. Mein Vater ist … war ein ehrenwerter Mensch. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber er hat garantiert niemanden beschissen. Es ist gemein, wenn so was von ihm behauptet wird.«
   »Mmh … was sagt denn die Polizei?«
   »Nichts. Es gibt keine Spuren. Er ist ja mitten über der Ostsee plötzlich vom Radar verschwunden. Ich soll mich damit abfinden, dass er tot ist.«
   Er legte seine Hand auf ihre und drückte sie tröstend. »Tut mir leid, Kleine.«
   Dankbar sah sie zu ihm hinüber. Sie kannte Daniel schon viele Jahre. Er arbeitete bei Vater seit Mutters Tod. So manche Nacht hatte er sie von einer Party oder einem Discobesuch abgeholt und ihr bis ins Bett geholfen, weil sie zu betrunken war, ihr Zimmer zu finden. Er musste inzwischen fast vierzig Jahre alt sein, wirkte aber dank seines trainierten Körpers und der kurzen blonden Haare jünger.
   Während sich Claire an alte Zeiten erinnerte, wurde sie langsam müde. Nun spürte sie, dass sie in der vergangenen Nacht kaum geschlafen hatte. Sie schloss die Augen und glitt langsam in ein tiefes traumloses Nichts.
   »Hey, wir sind da.«
   Seufzend blinzelte sie und registrierte, dass sie nicht mehr fuhren. Die Uhr zeigte bereits auf neunzehn Uhr dreißig. Sie hatte die ganze Fahrt über fest geschlafen. Daniel ließ die Scheibe hinunter und ein älterer Mann in Portiersuniform blickte herein. »N’Abend, Helmut.«
   »N’Abend, Daniel. Neues Liebchen dabei?« Er musterte Claire und grinste anzüglich.
   »Keine Sprüche, Helmut. Das ist Claire, eine neue Kollegin.«
   »Ah! Guten Abend, Claire. Schön, dich kennenzulernen.«
   »Guten Abend.«
   Er hob grüßend die Hand und entfernte sich. Dann ging die Schranke auf, und Daniel steuerte den Wagen in einen gepflegten Park hinein. Langsam rollten sie eine breite Zufahrt entlang auf ein großes, altes, schlossähnliches Gebäude zu. Ausladende Rasenflächen wechselten mit gepflegten Blumenbeeten und wuchtigen alten Bäumen ab.
   Claire nickte gefällig. »Wow, das sieht ja beeindruckend aus.«
   »Das war mal ein Adelssitz, dann wurde es Honeckers Domizil. Schließlich hat Alexander es gekauft, renoviert und zu einem exklusiven Resort gemacht. Morgen zeigt dir jemand alles. Jetzt schauen wir erst mal, dass wir noch was zu essen bekommen und du ein Zimmer beziehen kannst.«
   Er fuhr um das Schloss herum und parkte den Wagen am Lieferanteneingang. Sie stiegen aus und gingen hinein. Claire trug die Plastiktüten mit den Einkäufen, und Daniel hatte sich den Karton unter den Arm geklemmt.
   Zielstrebig marschierte er mit großen Schritten einen Flur entlang und Claire folgte ihm. Dann betraten sie ein Büro, in dem eine junge Frau an einem Schreibtisch saß.
   »Hi, Daniel!« Sie strahlte.
   »Hi, Jeanny.« Er griff ihr mit der freien Hand in die Haare, zog spielerisch ihren Kopf in den Nacken und küsste sie besitzergreifend.
   Claire schaute irritiert zu. Dann schimpfte sie innerlich mit sich selbst. Natürlich hatte Daniel eine Freundin, er war schließlich ein gut aussehender Mann. Sie kannte ihn nur in seinem Job als Chauffeur, da hatte er nie eine Frau dabei gehabt.
   »Jeanny, das ist Claire, Claire, das ist Jeanette, deine Chefin für die nächste Zeit.«
   Sie nickten sich zu. Jeanette stand auf. Sie hatte eine traumhafte Figur und lange blonde Haare, die in weichen Wellen über ihre Schultern fielen. Ihr Gesicht war sorgfältig geschminkt. Sie lächelte freundlich und unverbindlich. Neben ihr kam sich Claire wie ein ungehobeltes, klobiges Monster vor.
   »Alexander hat mir schon Bescheid gesagt. Wir haben dir ein Zimmer vorbereitet, Claire«, sagte sie und griff nach einem Schlüssel auf dem Schreibtisch. »Ich bringe dich hin. Daniel, gib mir den Karton.«
   Ohne Zögern lief sie los, und Claire folgte ihr.
   Sie betraten ein Nebengebäude und dort über eine geflieste Treppe den Keller. Von einem schmalen Flur gingen mehrere Räume ab. Am Ende schloss Jeanette eine Tür auf und trat zur Seite, damit Claire eintreten konnte.
   Das Zimmer wirkte klein und einfach. Ein schmales Einzelbett, ein Kleiderschrank, ein kleiner Tisch und ein Stuhl. Neben der Tür ging es links in ein klitzekleines Badezimmer mit Toilette und Dusche. Durch ein kleines, vergittertes Fenster im oberen Teil der Wand fiel etwas restliches Tageslicht in den Raum. Claire sah sich um. Wie eine Zelle im Knast.
   Jeanette räusperte sich. »Ist nichts Tolles hier, aber immerhin ein Einzelzimmer. Die anderen Aushilfen teilen sich zu zweit einen Raum.«
   Claire nickte beschämt. »Ist schon in Ordnung. Ich bin froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.«
   »Ich weiß Bescheid. Alexander hat mir von deinem Vater erzählt. Tut mir leid.«
   Claire senkte den Kopf. »Danke.«
   »Also, ich bin hier zuständig für die Arbeitseinteilung der Angestellten. Morgen früh um fünf Uhr ist dein Dienstbeginn. Melde dich bei mir. Bleib bis dahin in deinem Zimmer. Du solltest keinem Gast über den Weg laufen. Morgen lernst du hier alles kennen und dann weißt du, wo sich das Personal aufhalten darf. Nachher bringt dir noch jemand was zu essen und zu trinken.«
   Claire legte die Tüten auf dem Bett ab. »Okay. Danke.«
   Jeanette nickte. »Sei morgen früh pünktlich.«
   »Äh … ich habe keinen Wecker.«
   »Okay, dann ruft dich jemand an.« Sie deutete auf das altmodische Telefon neben dem Bett. »Wenn du hinaustelefonieren willst, musst du eine Null vorweg wählen.«
   »Danke.«
   Jeanette verließ den Raum, drehte sich noch mal um und lächelte. »Ach, Claire, auf dem ganzen Gelände herrscht Zigarettenverbot für Angestellte. Alexander mag es nicht, wenn wir nach kaltem Rauch stinken.«
   Sie wunderte sich, keinen Schlüssel von außen zu hören, als die Tür zuging, so sehr hatte sie das Gefühl, weggesperrt zu werden. »Sei nicht albern. Der Schlüssel steckt doch von innen«, schimpfte sie mit sich selbst und beschloss, erst mal die Sachen auszupacken und anschließend zu duschen.

Claire schreckte auf, weil neben ihrem Kopf das Telefon klingelte. Sie brauchte einen Moment, um zu realisieren, wo sie sich befand, dann nahm sie den Hörer ab. »Hallo?«
   »Hi, hier ist Tina. Aufstehen! Ich hole dich in fünfzehn Minuten ab. Zieh noch nichts an, ich bring deine Dienstkleidung mit.«
   »Mhm …«, stöhnte Claire. »Wie spät ist es?«
   Die Stimme kicherte fröhlich. »Gleich halb fünf. Schlaf nicht wieder ein!«
   »Nein, bin wach«, brummte sie und setzte sich auf. »Was für eine Scheiße«, fluchte sie leise in dem leeren Raum. Dann raffte sie sich auf und betrat das kleine Bad.
   Als es an der Tür klopfte, hatte sie sich gerade abgetrocknet und Slip und BH übergezogen. Sie öffnete einen Spalt und sah neugierig auf den Flur.
   »Hi, guten Morgen! Ich bin Tina, hab dich eben angerufen.«
   »Morgen.« Nicht besonders begeistert musterte sie die junge Frau. Wie konnte man um diese Zeit so fröhlich sein? Sie war kleiner als Claire und sehr schlank, hatte dunkle Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren und Sommersprossen auf einer beneidenswert niedlichen Stupsnase. Claire öffnete die Tür und ging ins Zimmer. Die Besucherin folgte.
   »Hier, zieh das an. Das ist unsere Uniform.«
   Sie warf eine Bluse und einen Rock in Dunkelbraun auf das Bett. Claire griff mit spitzen Fingern in den Stoff. »Das sieht ja klasse aus.«
   »Schick, nicht?« Tina drehte sich tanzend im Kreis, während sie neckisch den Rocksaum anhob. Claire grinste und zog sich schnell an. »Passt wenigstens. Woher wusstest du meine Größe?«
   »Jeanette hat das für dich rausgesucht.«
   Nach kurzem Zögern wählte Claire die schlichten Sneaker, die sie mit Daniel noch in Hannover gekauft hatte. Die passten zwar nicht zum Rock, aber mit High Heels zur Arbeit zu gehen, war garantiert noch unpassender.
   Grinsend sah Tina Claire beim Anziehen zu.
   »Stimmt was nicht?«
   »Du siehst nicht gerade wie ein seriöses Zimmermädchen aus. Wenn ich dir einen Tipp geben darf, schneid noch schnell die Fingernägel kurz und binde irgendwie die Haare zusammen, wenn du nicht gleich am ersten Tag Ärger mit der gestrengen Jeanette haben willst.«
   »Ich habe keine Nagelschere und ein Haargummi habe ich auch nicht«, stellte Claire fest. »Muss so gehen.«
   »Wie du meinst. Bist du fertig? Wir müssen los, sonst gibt’s Ärger.«
   »Ja, bin fertig. Sag mal, kann man hier irgendwo rauchen?«
   Tina grinste. »Nee, auf dem ganzen Gelände verboten. Gewöhn es dir lieber gleich ab.«
   Claire verdrehte die Augen, während sie nebeneinander den Gang entlang und die Treppe hinaufeilten.
   Bevor sie die Haustür öffnete, zeigte Tina kurz die Treppe nach oben. »Ich wohne im ersten Stock zusammen mit Eva, Zimmer fünf.«
   »Ah, gut zu wissen. Bist du schon lange hier?«
   In großen Schritten eilten sie den Fußweg zum Hauptgebäude entlang.
   »Halbes Jahr. Ich studiere ab Oktober in Berlin und jobbe hier als Übergang«, antwortete Tina beiläufig.
   »Wie alt bist du?«
   »Zwanzig und du?«
   »Vierundzwanzig. Kommst du aus Berlin?«
   »Nein, aus einem kleinen Kaff hier in der Nähe. Ich könnte auch bei meinen Eltern wohnen, aber dann müsste ich morgens so früh fahren und das ist unpraktisch. Da kann man lieber den Knastalltag hier in Kauf nehmen.«
   Claire grinste. »Gestern kam ich mir auch vor, als ob ich im Knast gelandet wäre.«
   »Es ist ein Knast. Das ganze Gelände ist hermetisch abgeriegelt. Man kommt nur durch das Haupttor rein oder raus, und da steht immer ein Pförtner und passt auf.«
   »Warum das denn?«
   »Das ist hier ein sehr luxuriöser Kasten. Es logieren keine normalen Urlauber, nur superreiche Leute aus der ganzen Welt, auch viele Prominente und Politiker. Die sollen sich sicher vor Verbrechern und Journalisten fühlen. Ab und zu haben es schon mal Paparazzi aufs Gelände geschafft. Das ist denen aber nicht gut bekommen.«
   »Wieso? Rufen die gleich die Polizei?«
   »Nein, das regelt der private Wachdienst hier. Und die sind nicht zimperlich.«
   Sie hatten das Haupthaus erreicht, traten ein und gingen eine Treppe hinunter in den Keller.
   »Hier sind alle Wirtschaftsräume und unser Aufenthaltsraum. Da gehen wir hin«, erklärte Tina.
   Sie traten ein.
   Da standen bereits einige Kollegen herum, alle in der gleichen Uniform.
   »Hier gibt es einen Kaffee, bediene dich.« Tina zeigte auf einen halbhohen Schrank, auf dem Thermoskannen und Becher standen.
   Dankbar griff Claire zu und trank einen großen Schluck. Dann verstummten die Gespräche, und neugierig blickte sie auf. Jeanette war eingetreten.
   »Guten Morgen, Leute. Alle anwesend?«
   Sie sah sich um und nickte befriedigt. »Okay. Das ist Claire, gehört ab heute zur Mannschaft.«
   Die anderen nickten Claire kurz zu und sahen dann wieder auf die Chefin. Die hielt sich nicht mit Floskeln auf, studierte den Zettel auf ihrem Klemmbrett und verteilte die Jobs des Morgens. Jeder bekam Instruktionen. Die meisten nickten gleichgültig und schlürften weiter ihren Kaffee.
   Zum Schluss wandte sich Jeanette mit einem unergründlichen Lächeln an Claire. »Okay, du fährst mit Tina die Sportrunde ab, Tennis, Reiten, Golf. Dann lernst du gleich das Gelände kennen. Aber vorher …« Grinsend zog sie eine kleine Schere aus der Tasche. »… solltest du dich noch von diesen Nägeln befreien.«
   Claire kniff die Lippen zusammen und griff nach der Schere. Sie drehte sich zur Seite, doch Jeanette war noch nicht fertig.
   »Und Claire, nach dem Mittag fährt Daniel mit dir in den Ort zum Friseur.«
   »Wieso das denn?«
   »Kürzen und umfärben.«
   Claire zog die Stirn kraus.
   »Was dagegen?«, fragte Jeanette mit hochgezogenen Augenbrauen.
   »Nein. Schon in Ordnung.«
   »Wie schön. Alexander wird dich sicher heute noch persönlich begrüßen. Dann solltest du zivilisiert aussehen.« Sie wartete keine Antwort ab, drehte sich um und sprach zu allen weiter. »So Herrschaften, dann mal an die Arbeit.«

*

»Frühstückspause.« Zufrieden packte Tina das Putzzeug in das kleine Golfcar, mit dem sie unterwegs waren.
   Claire atmete auf. Der Job strengte sie an und eine Pause war genau das, was sie gut gebrauchen konnte. Mittlerweile war es acht. Sie waren über das Gelände gefahren und hatten an mehreren Stationen angehalten, Getränkekühlschränke aufgefüllt, Toilettenanlagen gereinigt, alte Handtücher eingesammelt und neue aufgehängt. Dabei hatte Tina ihr alles Mögliche erklärt und gezeigt. Claire kannte nun den Reitstall, den Golf- und den Tennisplatz und wusste, auf welchem Weg man zu den Einzelappartements und Ferienhäusern kam. Sie war instruiert worden, den Gästen nicht ins Gesicht zu schauen und ihnen möglichst aus dem Weg zu gehen. Nun kehrten sie ins Haupthaus zurück. Sie holten sich aus der Küche Tabletts mit Frühstück und ließen sich im Pausenraum am langen Tisch nieder.
   Claire rieb sich todmüde die Augen.
   Tina grinste. »Was ist, keine Kondition?«
   »Einfach nicht mein Ablauf. Normalerweise gehe ich um fünf ins Bett und schlafe bis Mittag.«
   »Wo kommst du her?«
   »Aus Hannover.«
   »Und wieso bist du hier gelandet?«
   »Mein Vater ist mit dem Flugzeug verschollen und mein Hab und Gut wurde gepfändet. So stand ich auf der Straße und war froh, diesen Job hier zu bekommen.«
   »Oh. Das hört sich nicht gut an.« Tinas Gesicht bekam einen mitleidigen Ausdruck. »Was ist mit deiner Mutter?«
   »Die ist schon lange tot. Ich bin allein, hab auch keine Verwandten mehr.«
   »Das ist nicht schön. Aber warum hier als Zimmermädchen? Hattest du keinen Job in Hannover?«
   Claire zuckte die Achseln. »Wir waren reich. Ich hatte es nie nötig, zu arbeiten«, erklärte sie gleichgültig.
   »Und jetzt hast du nichts geerbt?«
   »Nein. Alles ist futsch. Mein Vater war pleite.« Sie sah mit leerem Blick auf ihre Kaffeetasse. »Wer weiß, vielleicht hat er sogar Selbstmord begangen.« Tina legte tröstend eine Hand auf ihre, und Claire zuckte zusammen. Entschieden riss sie sich aus ihren Gedanken. »Alexander war ein Freund von ihm. Ich bin echt froh, dass er mir diesen Job hier angeboten hat.«
   »Dann kennst du Alexander gut?«
   »Nein, eigentlich überhaupt nicht. Ich habe ihn nur immer kurz gesehen, wenn er meinen Vater besucht hat.«
   Tina beschmierte ein neues Brötchen mit Butter und machte ein nachdenkliches Gesicht.
   »Was ist?«, fragte Claire irritiert.
   Tina zögerte. »Ach, eigentlich nichts. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass Alexander Diehl dich hier einfach so aus Gutmütigkeit aufgenommen hat. So ist der eigentlich nicht. Eher Typ knallharter Geschäftsmann.«
   Ehe Claire antworten konnte, straffte sie sich und grinste. »Ach Quatsch. Eigentlich kenne ich den überhaupt nicht. Wahrscheinlich sind das nur meine Vorurteile. Ich mag diese reichen, arroganten Typen nicht, die hier rumlaufen.«
   Claire zuckte mit den Schultern. »Ich war auch überrascht, als Daniel gestern vor der Tür stand und mir das Angebot gemacht hat. Aber ich habe nicht lange überlegt, hab im Moment einfach keine Wahl.«
   Einige Kollegen betraten den Raum, und sie wurden in lockeres Geplauder gezogen, bis Tina schließlich das Tablett zur Seite schob.
   »So, Claire, bist du fertig? Dann geht’s weiter.«
   »Okay. Was kommt nun?«
   »Die Zimmer hier im Haupthaus. Aber erst die Tabletts in die Küche.«

»Puh. Bin ich kaputt. Das ist ja echt ein Scheiß-Job.«
   Mittags um eins waren sie endlich fertig. Sie hatten auf zwei Stockwerken alle Zimmer gereinigt und aufgeräumt. Claire schwirrten die Anweisungen und Instruktionen wirr im Kopf herum. So schnell hatte sie sich nicht alles merken können. In wahnsinnigem Tempo waren sie durch die Räume gehetzt und hatten alles picobello hergerichtet.
   Claire kam sich furchtbar dumm und ungeschickt vor. Die Zeit, die sie brauchte, um frisches Klopapier raffiniert und kunstvoll gefaltet im Badezimmer zu deponieren, reichte Tina, um fast das ganze Zimmer zu reinigen.
   Nun saßen sie endlich wieder im Aufenthaltsraum und hatten ein Mittagessen vor sich stehen.
   »Wie geht es nun den Rest des Tages weiter?«
   »Erst mal Pause. Ich habe ab fünf Tresendienst im Tennisklub. Was du machst, weiß ich nicht. Frag am besten Jeanette.«
   »Okay, und wo finde ich die?«
   Bevor Tina antworten konnte, stand Daniel plötzlich neben dem Tisch. »Hi Claire! Ich soll dich zum Friseur fahren, wenn du fertig bist. Willst du dich vorher umziehen?«
   »Natürlich. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich so durch die Öffentlichkeit laufe!«
   Er grinste. »Außer dem Figaro wird dich niemand zu Gesicht bekommen. Wir müssen danach sofort wieder zurück, und heute Abend will Alexander mit dir essen.«
   »Oh. Dann muss ich unbedingt noch irgendwo neues Schminkzeug kaufen.«
   Er lachte auf. »Brauchst du nicht, Alexander wird dich natürlich sehen wollen.«
   Aus unerfindlichen Gründen kam Claire Daniels Reaktion seltsam vor, aber sie vermochte nicht zu sagen, was genau sie störte. So zuckte sie nur die Achseln. »Okay, ich zieh mir schnell ein T-Shirt und Jeans an. Dann können wir los.«
   »Beeil dich. Ich warte draußen am Auto.«

Kurze Zeit später rollten sie am Pförtner vorbei auf die kaum befahrene Landstraße. Sie fuhren mehrere Kilometer durch kaum besiedelte Landschaft, bis sie den Ort erreichten.
   »Du hast nicht zufällig Zigaretten da?«, fragte Claire mit wenig Hoffnung in der Stimme. Daniel lachte. »Nein, vergiss es. Alexander mag es nicht, wenn man raucht.«
   Genervt verdrehte sie die Augen. »Kann man eigentlich vom Resort aus auch irgendwohin zu Fuß? Zum Beispiel in eine Kneipe, wenn man mal frei hat? Oder gibt es einen Laden in der Nähe, in dem man Kleinigkeiten einkaufen könnte?«
   »Nein, aber du kannst mich jederzeit bitten, dich in den Ort zu fahren. Geh lieber nicht außerhalb des Geländes allein spazieren. Alexander sieht das nicht so gern. Immer wieder versuchen Paparazzi, Angestellte zu bestechen, um Informationen über die Urlaubsgewohnheiten von Promis herauszufinden.«
   Claire nickte. Tatsächlich ein Knast, Tina hatte recht.
   Sie erreichten den Friseur. Claire ließ sich die lange Haarseite passend zur kurzen schneiden, sodass sie nun eine pflegeleichte Superkurzhaarfrisur hatte. Dann überfärbte der Friseur noch das leuchtende Rot so, dass es ihrer natürlichen Haarfarbe, einem langweiligen Dunkelblond, nahe kam. Genervt schaute sie in den Spiegel. So hässlich hatte sie seit ihrer Kindheit nicht ausgesehen. Man könnte glauben, sie hätte eine Glatze gehabt und nun würden die Haare langsam nachwachsen. Doch Daniel nickte zufrieden. »Sehr gut. Wird dir vom Lohn abgezogen«, meinte er, als er bezahlte und grinste.
   Claire seufzte. Über Geld hatte sie noch nicht nachgedacht. Wie viel sie wohl verdienen würde?
   Sie fuhren zurück. Am Tor begrüßte sie ein anderer Pförtner. »Daniel, du sollst gleich zum Chef kommen und du«, er sah zu ihr hinüber, »ich nehme an, du bist Claire Herrmann? Dir soll ich sagen, dass du um neunzehn Uhr im Appartement von Alexander erwartet wirst.«
   »Wo ist das?«
   »Im Tennisklub über dem Restaurant und den Büros, da hat er ein Penthouse. Weißt du schon, wo das ist?«, fragte Daniel, während er weiterfuhr.
   »Ja. Da war ich heute Morgen in den Umkleidekabinen und habe die Klos geschrubbt.«
   »Na fein. Dann sei pünktlich. Alexander mag es nicht, wenn er warten muss.«
   Daniel parkte das Auto. Claire verabschiedete sich und lief den schmalen Weg zu ihrer Unterkunft entlang.
   »Alexander mag es nicht, wenn er warten muss«, äffte sie Daniel nach. Langsam ging es ihr auf die Nerven, wie ehrfürchtig hier alle vom obersten Boss sprachen. In ihrem Zimmer ließ sie sich aufatmend aufs Bett fallen. Endlich ausruhen. Bevor sie sich versah, war sie eingeschlafen.

*

Das Telefon klingelte schrill. »Nicht schon wieder arbeiten.« Stöhnend zog sich Claire die Decke über den Kopf. Doch bereits beim zweiten Klingeln schreckte sie hellwach hoch und starrte auf die Uhr. »Alexander Diehl! Ach du Scheiße!«
   Sie hob den Hörer ab und hörte Jeanettes strenge Stimme. »Claire? Es ist zehn nach sieben. Was ist los? Alexander wartet.«
   »Oh, sorry, bin eingeschlafen. Tut mir leid. Ich gehe gleich hin«, stammelte Claire, während sie bereits neben dem Bett stand und nach den Schuhen angelte. Schnell fuhr sie sich mit einem Kamm durch die ungewohnt kurzen Haare und hielt das Gesicht unter kaltes Wasser. Dann lief sie los. Am Morgen waren sie den Weg mit dem Golf Car gefahren. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie zu Fuß brauchen würde. Außer Atem erreichte sie endlich den Tennisklub. Im Restaurant fragte sie, wie sie ganz nach oben käme und Tina zeigte ihr den Fahrstuhl.
   Mittlerweile war es Viertel vor acht. Nervös starrte Claire gegen die Fahrstuhlwand. »Wird ja wohl nicht so schlimm sein.« Sie hatte Alexander Diehl mehrmals bei sich zu Hause gesehen und erinnerte sich daran, dass er sie stark beeindruckt hatte. Sie schätzte ihn auf vierzig bis fünfundvierzig. Er hatte kurze braune Haare mit grauen Schläfen, trug immer einen seriösen Anzug und sah aus wie ein Filmschauspieler. Er strahlte eine natürliche Selbstsicherheit und Dominanz aus, der sich Claire nie hatte entziehen können. Ihr gegenüber war er immer höflich, fast väterlich freundlich gewesen, dennoch hatte sie sich in seiner Gegenwart stets dumm, hässlich und unsicher gefühlt.
   Der Fahrstuhl hielt und sie betrat einen Flur, von dem zwei Türen abgingen. An einer war eine Klingel, auf die sie nun drückte. Sie hörte innen einen tiefen Gong. Dann surrte es und die Tür sprang auf.
   Zögernd trat sie ein und folgte einem Flur, in dem ein dicker Teppich jedes Geräusch unterdrückte. Sie gelangte in ein großes, luxuriös eingerichtetes Wohnzimmer, in dessen rechter Nische ein Esstisch mit mehreren Stühlen stand.
   Auf dem Tisch war für zwei Personen gedeckt. Vor einem Teller saß Alexander Diehl. Er hatte bereits fertig gegessen und blätterte konzentriert in einer Akte, die er neben den Teller auf den Tisch gelegt hatte. Als Claire eintrat, blickte er auf. »Claire, du kommst ja doch noch. Ich dachte schon, du wolltest mich versetzen.«
   Schüchtern blieb sie vor ihm stehen. »Guten Abend, Herr Diehl. Es tut mir leid. Ich war eingeschlafen. Entschuldigung.«
   Er lächelte freundlich. »Da es dein erster Tag hier ist, verzeihe ich dir. Leider konnte ich mit dem Essen nicht warten, weil ich heute Abend noch verabredet bin.«
   Er musterte sie von oben bis unten, und Claire fühlte sich in der Jeans und dem einfachen T-Shirt extrem unpassend gekleidet.
   »Nenn mich Alexander. Wir duzen uns hier alle. Wir sind ein großes Team, eine große Familie«, fuhr er fort und lächelte wieder.
   »Danke.« Verlegen wechselte Claire von einem Fuß auf den anderen und verschränkte die Arme vor der Brust. Ob sie sich setzen sollte? Er hatte sie nicht dazu eingeladen und so blieb sie weiter vor ihm stehen.
   »Was mit deinem Vater passiert ist, tut mir sehr leid. Er war ein guter Freund. Mein herzliches Beileid.«
   »Danke.« Claire blickte zu Boden. »Vielen Dank, dass Sie … äh, dass du mir hier den Job gegeben hast. Ich wusste wirklich nicht, wohin.«
   Er winkte ab. »Gern geschehen. Wir brauchten hier sowieso noch eine Aushilfe.«
   Sein Blick ruhte durchdringend auf ihr und verunsicherte sie immer mehr. Wäre sie in ihrem normalen Outfit und vernünftig geschminkt, könnte sie besser mit der Situation umgehen, so aber fühlte sie sich auf groteske Weise wie nackt und ausgeliefert.
   »Also Claire, wie schon gesagt, ich habe leider keine Zeit mehr für dich. Wir werden uns ein andermal ausgiebiger unterhalten. Wenn du etwas brauchst, Kleidung zum Beispiel, wende dich an Jeanette. Wird dann mit deinem Lohn verrechnet. Hier ist dein Arbeitsvertrag. Wenn du den noch schnell unterschreiben willst.« Er zog mehrere zusammengeheftete Seiten Papier aus der Akte und legte sie auf den Tisch.
   »Natürlich.« Schnell trat sie näher, nahm den Kugelschreiber, den er ihr hinhielt, und unterschrieb zweimal dort, wo er es ihr zeigte.
   Er drückte ihr ein Exemplar in die Hand und steckte das andere wieder in die Akte. Dann nahm er ein Smartphone, das von einer eleganten Lederhülle geschützt, auf dem Tisch lag, und hielt es ihr hin. »Ich dachte mir, du möchtest sicher übers Internet mit deinen Facebook- und E-Mail-Freunden in Kontakt bleiben. Das leihe ich dir, bis du dir ein eigenes kaufen kannst. Auf dem ganzen Gelände ist WLAN freigeschaltet.«
   Erstaunt zog Claire die Augenbrauen hoch und griff zu. »Das ist nett. Vielen Dank.«
   Er nickte und umfasste ihre beiden Handgelenke. Unwillkürlich zuckte sie zusammen. Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen. Wie ein kleines Kind stand sie vor ihm ohne eine Idee, was sie sagen könnte.
   »Ich erwarte absolute Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und uneingeschränkte Loyalität. Dafür bin ich auch für dich da, wann immer du mich brauchst. Wenn es irgendwas gibt, was Jeanette nicht regeln kann, kommst du zu mir. Okay?«
   Claire schluckte. »Danke.«
   »Halte dich von den Gästen fern und wenn einer dich anspricht und einen Wunsch hat, wird er erfüllt. Das Wohlergehen unserer Gäste hat oberste Priorität. Verstanden?«
   »Natürlich.«
   Er ließ sie los und unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück. Er schmunzelte. »Keine Angst, ich beiße nicht.«
   Claire fühlte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Sicher lief sie gerade knallrot an. Verlegen verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Nein, ich weiß, Entschuldigung.«
   Er lachte. »Schon gut. Leb dich erst mal ein.«
   Erleichtert verabschiedete sie sich und verließ schnell die Wohnung. Draußen atmete sie tief durch und lief los. Während sie mit großen Schritten den Weg entlangeilte, wurde sie allmählich immer wütender. Wieso hatte sie sich so einschüchtern lassen? Warum hatte dieser Typ sie wie ein dummes Schulmädchen vor sich stehen lassen? »Arrogantes Arschloch«, fluchte sie leise. Dann aber schimpfte sie mit sich selbst. »Claire, reiß dich zusammen. Du bist keine reiche Tochter mehr, sondern eine dumme, ungelernte Hilfskraft. Er hat dich aufgenommen, bezahlt dein Essen und leiht dir ein Handy.« Sie stampfte auf. »Aber so arrogant hätte er trotzdem nicht zu sein brauchen.«
   Seufzend blickte sie auf. In Gedanken versunken war sie den erstbesten Weg entlanggelaufen, ohne darüber nachzudenken, ob es der richtige zu ihrer Unterkunft war. Nun stellte sie fest, dass sie falsch war. »Mist.« Im Dunklen konnte sie die unterschiedlichen Gebäude auf dem Gelände nur schemenhaft erkennen. Als sie sich einigermaßen orientiert hatte, beschloss sie, durch einen kleinen Wald am Golfplatz zu laufen, um den Umweg wiedergutzumachen.
   Ohne weiter nachzudenken, bog sie vom Weg ab und lief querfeldein.
   Plötzlich hörte sie ein Geräusch hinter sich, ein kräftiger Arm legte sich um ihren Hals, und sie wurde bäuchlings auf den Boden gestoßen. Sie schrie auf, doch bevor sie richtig reagieren konnte, fühlte sie schmerzhaft ein hartes Knie in ihrem Rücken. Ihre Hände wurden mit einem Ruck auf den Rücken gezogen und mit Handschellen gefesselt.
   Panisch strampelte und schrie sie, doch ihr Angreifer war größer und stärker. Unbeeindruckt packte er sie an den Armen, zog sie hoch und schob sie vorwärts aus dem Wäldchen hinaus auf einen Weg. Dort stand eine Bank. Er schubste sie darauf. »Sitzen bleiben«, brummte er und leuchtete ihr mit einer Taschenlampe ins Gesicht. »Claire Herrmann! Du bist das?«, rief er, bevor sie wirklich realisierte, was geschah.
   Irritiert starrte sie in den Lichtkegel.
   Der Typ stöhnte genervt auf und setzte sich neben sie. »Ich bin’s, John. Verdammt noch mal, was schleichst du hier um diese Zeit herum? Ich habe dich nicht erkannt. Sonst sahst du nicht so …«, er grinste, »… normal aus.«
   »John?«
   »Ja! Euer Chauffeur. Kennst du mich nicht mehr?«
   »Oh, sorry. John Miller, natürlich.« Augenblicklich war sie erleichtert. John war der älteste der drei Chauffeure ihres Vaters, ein ruhiger, besonnener, vertrauenswürdiger Mann. Sein Vater war Amerikaner, seine Mutter Deutsche, er selbst trug zwar den ausländischen Namen, war aber nie in seinem Leben in den USA gewesen. »Ich bin den falschen Weg gelaufen und wollte nur abkürzen.«
   »Mach das nie wieder. Du kannst froh sein, dass ich dich nicht gleich k.-o. geschlagen habe.«
   »Tut mir leid. Kannst du vielleicht die Dinger abmachen. Das tut weh!«
   »Ja. Natürlich. Beug dich vor.«
   Er entriegelte die Handschellen, und erleichtert zog Claire die Arme nach vorn. »Das sind ja rüde Methoden hier.«
   »Mädchen, du bist hier in einem exklusiven Resort, in dem sich wichtige Leute sicher fühlen sollen. Also im Ernst, treib dich hier nicht nachts rum. Es gibt auch Kollegen, die schnell mal die Waffe ziehen.«
   »Merke ich mir. Tut mir leid.«
   »Gut, komm. Ich begleite dich.«
   Er führte sie auf direktem Weg zu ihrer Unterkunft und verabschiedete sich vor der Tür. Erleichtert lief sie zu ihrem Zimmer.
   Drinnen ließ sie sich erschöpft auf das Bett fallen. Die Handgelenke schmerzten noch von den Handschellen. Es hatten sich Druckstellen an den Knöcheln gebildet. Frustriert rieb sie darüber. Dann merkte sie, dass ihr Magen knurrte. Sie hatte seit dem Mittag nichts mehr gegessen.
   Auf einmal sammelten sich Tränen in den Augen. Sie fühlte sich unendlich erschöpft und war frustriert. Es war alles zu viel. Die plötzliche Pfändung ihres gesamten Besitzes, die Nacht mit dem Einbrecher, die ungewohnt anstrengende Arbeit, schließlich diese erniedrigende Begegnung mit Alexander und nun auch noch der Schreck und die Angst des Überfalls.
   Sie konnte sich nicht mehr zusammenreißen. Die Tränen stürzten die Wangen hinunter und wild schluchzend vergrub sie das Gesicht im Kopfkissen.

Kapitel 3

»Schon eine Woche.«
   Tina hob den Kopf. »Was sagst du?«
   »Ich bin jetzt eine Woche hier. Kaum zu glau-
   ben«, erklärte Claire und drehte sich auf den Bauch.
   Tina, Eva und sie lagen nebeneinander auf Wolldecken, die sie auf dem Rasen neben ihrem Wohngebäude ausgebreitet hatten. Sie genossen bei frühsommerlicher Wärme ihre Pause von vierzehn bis siebzehn Uhr. Anschließend musste Tina zum Dienst ins Restaurant des Tennisklubs. Claire und Eva waren für den Abend in der Küche des Haupthauses eingeteilt.
   Eva öffnete die Augen. »Pass auf, dass du heute Abend nicht wieder Bruch verursachst.«
   Claire grinste. »Gnade! Ich geb mir ja Mühe. Bin es nun mal nicht gewöhnt, so eine Monstergeschirrspülmaschine zu bedienen. Ich komme schließlich aus reichem Hause. Wir hatten immer eine Haushälterin.«
   Eva war Österreicherin und als Saisonkraft im Hotel angestellt. In den Wintermonaten arbeitete sie in einem Skihotel in den Bergen, den Sommer verbrachte sie in der Anlage von Alexander Diehl. Bereits am zweiten Tag waren Tina und Eva spätabends nach Dienstschluss mit einer Flasche Sekt zu Claire geschlichen, um ihren Einstand zu feiern. Seitdem waren sie miteinander befreundet. Claire hatte Eva sofort gemocht. Sie war seit ihrer Kindheit eine leidenschaftliche Skiläuferin und hatte durch den Sport eine eher männliche, sportlich-kräftige Figur und breite Schultern. Sie trug die blonden Haare sehr kurz und lief immer in Jeans und Sneakers herum, wenn sie nicht in der braunen Dienstuniform steckte.
   Lustlos hielt Claire das Smartphone in der Hand und scrollte ihren Facebook-Account durch. Seit sie arbeitete, schien das alte Leben mit den alten Bekannten so weit weg, dass es sie nicht mehr interessierte, was die Internetfreunde posteten. Wer mit wem in welcher Disco und was am Abend wo los sein würde …, alles unwichtig und langweilig. Sie ließ das Handy aus der Hand fallen und blickte träge in die Runde. »Sagt mal, was sind das eigentlich für komische Schornsteine hier überall?«
   Tina guckte von ihrem Buch hoch. »Was für Schornsteine?«
   »Na überall auf dem Gelände, diese komischen Rohre in den Blumenbeeten.«
   »Das sind Entlüftungsrohre von der Bunkeranlage«, erklärte Eva gelangweilt.
   »Was für eine Bunkeranlage?«
   »Das war doch hier zu DDR-Zeiten eins von Honeckers Privatgrundstücken. Der hatte sich eine riesengroße unterirdische Bunkeranlage bauen lassen. Sollen wohl mehrere Kellergeschosse und weitverzweigte Gänge mit Wohnungen, Büros, Kühlhäusern und allem erdenklichen Luxus gewesen sein. Sogar einen Swimmingpool soll es gegeben haben.«
   »Und das existiert alles noch?«
   »Keine Ahnung. Zumindest sind das dazu die Lüftungsrohre. Das hat Jeanette mir mal erzählt. Es gibt hier in Mecklenburg noch so eine Bunkeranlage. Von der anderen wussten die Menschen, von dieser hier weiß bis heute kaum jemand. Es ist übrigens verboten, an die Rohre näher heranzugehen.«
   Tina runzelte die Stirn. »Wieso das denn?«
   »Einsturzgefahr. Deshalb haben sie um jedes Rohr ein großes Blumenbeet angelegt. So kommen auch die Gäste nicht näher heran.«
   Tina gähnte. »Das ist ja toll. Bunker gesperrt wegen Einsturzgefahr. So was kann nur aus der DDR stammen. Wie spät ist es eigentlich?«
   Claire schaute auf ihre Uhr. »Erst halb vier. Noch viel Zeit.«
   Tina stöhnte. »Gnadenfrist.«
   »Ach komm, der Job im Tennisklub kann nicht so schlimm sein. Spülmaschine ist ätzender.«
   »In der Küche wirst du wenigstens nicht dauernd von irgendwelchen mittelalterlichen Typen angebaggert.«
   Claire grinste. »Das stimmt. Such dir doch einen reichen aus, der dich heiratet. Dann hast du für den Rest deines Lebens ausgesorgt.«
   »Nein, danke. Bevor ich mich mit so einem Greis einlasse, arbeite ich lieber mein Leben lang in der Hotelbranche.«
   Eva grinste. »Außerdem wäre wohl dein Julian nicht gerade erfreut, oder?«
   Claire horchte auf. »Hey, Tina, du hast einen Freund? Das wusste ich ja gar nicht.«
   Tina strahlte. »Julian studiert schon. Wir sehen uns im Moment kaum. Aber im Herbst ziehe ich in Berlin zu ihm.«
   Eva seufzte. »Du hast es gut. Claire, wie ist es eigentlich bei dir? Ganz solo?«
   »Jepp.«
   Erstaunt blickte Tina herüber. »Als ich dich an deinem ersten Tag gesehen habe, noch mit den langen Fingernägeln und der heißen Frisur, hätte ich geschworen, dass du garantiert einen total flippigen Lover irgendwo sitzen hast.«
   Eva grinste. »Claire ist ein Kandidat für einen der alten, reichen Knacker hier. Dann muss sie auch nicht mehr so viel Geschirr zerschlagen, weil sie wieder eine Haushälterin hat.« Freundschaftlich schlug sie ihr auf die Schulter. »Ich werde Jeanette sagen, dass sie dich für den Tresendienst anlernen soll.«
   »Untersteh dich! Ich bin heilfroh, in der Küche und als Zimmermädchen nicht mit Gästen zu tun zu haben. Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass hier viel mehr ledige Männer als Frauen oder Paare logieren?«
   Tina kicherte. »Und die Paare sind meist keine echten. Alles verheiratete Männer, die ihre Verhältnisse mithaben.«
   Eva schüttelte sich. »Nie wieder so ein Arsch.«
   Claire zog die Augenbrauen hoch. »Hattest du mal was mit so einem?«
   »Ich bin als junges Mädchen im Skihotel auf einen reichen, älteren Typen reingefallen. Hab mich sogar von dem entjungfern lassen, weil ich dachte, das ist was Besonderes mit uns. Bei seiner Abreise hat er mir verklickert, dass er verheiratet ist und mit mir nur Urlaubsspaß hatte. Arschloch.«
   »Mich hat Julian entjungfert. Das war so romantisch.« Tinas Gesicht bekam einen verträumten Ausdruck.
   »Und du, Claire? Wer war bei dir der Glückliche?« Neugierig schaute Eva zu ihr herüber.
   Sie zuckte mit den Schultern. »Noch keiner.«
   Ruckartig setzten sich die beiden auf.
   »Noch keiner? Du willst echt sagen, du hast noch nie …?«
   »Nein, ich hab noch nie«, brummte Claire entnervt.
   »Wieso nicht?« Tina starrte sie an, als hätte sie sich gerade als Außerirdische geoutet. »Stehst du auf Frauen?«
   Claire lachte auf. »Nein, keine Angst. Ich weiß nicht, hat sich einfach noch nicht ergeben.«
   Eva schüttelte den Kopf. »Sagst du nicht immer, deine Hauptbeschäftigung war Nachtleben? Da hat es sich … nicht … ergeben?«
   »Ja, weiß auch nicht. Die, die mit mir wollten, wollte ich nicht, und die, mit denen ich wollte, wollten mit mir nicht.«

Drei Stunden später stand Claire im Dunst der großen Geschirrspülmaschine, sortierte dreckige Teller ein und am anderen Ende der Waschstraße saubere wieder aus. Es ärgerte sie immer noch, dass ihr vor Eva und Tina herausgerutscht war, dass sie noch nie mit einem Mann geschlafen hatte. Bis zum Pausenende hatten Tina und Eva sie vergnügt veräppelt und sich fantasievoll überlegt, wie sie sie verkuppeln könnten. Hoffentlich vergaßen sie das Thema schnell wieder.
   Stöhnend wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Immerhin brauchte man in der Küche nicht in Uniform herumlaufen. So trug sie zur Jeans ein schlichtes, weit ausgeschnittenes, schlabbriges T-Shirt, was angesichts des heißen Dampfes aus der Maschine deutlich angenehmer war als die enge Bluse.
   Plötzlich stand Jeanette hinter ihr. »Claire, du musst mal eben rüber zu Alexander.«
   »Jetzt?«
   »Er will dich sprechen.«
   »In dem Aufzug? Muss das sein?«
   »Ja. Beeil dich. Alexander wartet nicht gern. Fahr mit dem Golfcar.«
   Missmutig hielt Claire das Gesicht unter kaltes Wasser und strich sich die Haare glatt.
   Kurz darauf war sie unterwegs. Im Tennisklub hielt sie am Hintereingang und marschierte zum Fahrstuhl. Als sie oben geklingelt hatte, öffnete sich sofort die Tür. Drinnen waren Männerstimmen zu hören. Claire fühlte sich nicht wohl. Nervös trat sie ein und ging zögernd in das Wohnzimmer hinüber.
   Hier saßen sechs grauhaarige Männer, denen man schon allein an ihren teuren Armbanduhren und protzigen Halsketten ansah, dass sie wohlhabend sein mussten, gemütlich verteilt auf der Couch und den wuchtigen Sesseln. Alle hatten Gläser mit Whisky vor sich stehen. Als sie näher kam, blickte Alexander auf.
   »Ah, Claire! Fein. Komm hierher.«
   Sie trat näher und blieb unschlüssig hinter seinem Sessel stehen.
   »Herrschaften, darf ich vorstellen. Das ist Claire Herrmann. Die Tochter von Michael Herrmann.«
   Er sagte das in einer Betonung, als würde er einen besonderen Gast vorstellen.
   Claire wünschte sich, im Boden zu versinken. Die Männer unterbrachen ihr Gespräch und musterten sie neugierig. Manche Gesichter kamen ihr bekannt vor. Sie fühlte sich in ihren verschwitzten Arbeitsklamotten hässlich und minderwertig.
   »Komm her«, forderte Alexander und winkte sie neben sich an den Tisch heran.
   Zögernd gehorchte sie. Da der Sitznachbar Alexanders keine Anstalten machte, ihr Platz einzuräumen, musste sie sich eng an Alexanders Sessel drücken, um seiner Aufforderung nachzukommen. Sie streifte den Mann an der Schulter. »Entschuldigung«, flüsterte sie in der Hoffnung, dass man ihr mehr Platz machen würde, doch der Typ reagierte nicht, sondern sah sie nur belustigt an.
   Im gleichen Moment zuckte sie zusammen, weil Alexander seine Hand wie selbstverständlich leicht an ihren Oberschenkel knapp unter dem Po legte. Reflexartig wollte sie ausweichen und stieß dabei gegen den Arm des Mannes auf der anderen Seite.
   »Nicht so stürmisch, junge Dame.«
   Claire fühlte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. »Entschuldigung. Tut mir leid«, stammelte sie und trat schnell einen Schritt zurück.
   »Keine Panik, bleib hier.« Alexander schmunzelte, griff sie am Arm und zog sie wieder näher an den Tisch.
   Die Männer starrten sie unverhohlen an und Claire kam sich vor wie ein Haustier, das zur Schau gestellt werden sollte.
   »Ihre neue Frisur gefällt mir wirklich gut, meint ihr nicht auch? Früher lief sie immer etwas schrill herum.«
   Die Männer nickten, und sie senkte beschämt den Kopf.
   »Und Claire, hast du dich schon ans Arbeitsleben gewöhnt?«
   »Ja, danke.«
   Er nickte zufrieden. »Erzähl doch mal, wie das mit deinem Vater passiert ist. Siehst du, das sind alles Freunde von ihm, und wir waren sehr erschrocken, als wir gehört haben, dass er verschwunden ist.«
   Er hielt sie immer noch am Arm und Claire wollte sich losreißen, doch das würde höchst peinlich wirken, so stand sie verkrampft still. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Er ist, wie unzählige Male vorher, selbst geflogen, und dann ist er verschollen.«
   »Wo wollte er hin?«, fragte einer der Männer und starrte sie konzentriert an.
   Claire zuckte die Achseln. »Ich habe keine Ahnung. Er flog so oft, es war nichts Besonderes.«
   »Wann hat er denn das ganze Geld abgehoben?«, fragte ein anderer, und wieder zuckte Claire nur mit den Schultern. »Ich habe nichts mitbekommen. Mein Vater hat nie mit mir über seine Geschäfte geredet.«
   »Hatte er viel Gepäck dabei?«
   »Ich weiß nicht, ich war nicht da, als er das Haus verlassen hat.«
   Ein anderer schüttelte missbilligend den Kopf. »Da gibt es bestimmt noch Schließfächer oder Immobilien, davon musst du doch wissen.«
   »Nein. Ich habe erst gemerkt, dass kein Geld mehr da war, als meine Kreditkarten gesperrt wurden.«
   Claire fühlte sich immer mehr wie bei einem Verhör. Sie stand vor diesen fremden Männern, Alexander hielt sie fest, als wollte er eine Flucht verhindern, und alle starrten sie so kalt und feindselig an. »Tut mir leid, ich … äh … ich muss, glaube ich, zurück.«
   »Nein.« Alexander sah ihr in die Augen. »Die kommen auch ohne dich zurecht. Er nahm eine Glasschüssel vom Tisch und hielt sie ihr hin. »Tu mir den Gefallen, und hol aus der Küche neue Eiswürfel.«
   Eilig verließ sie den Tisch. In der Küche atmete sie tief durch. Was sollte das? Was wollten diese Typen? Zitternd öffnete sie den Gefrierschrank und befüllte die Schüssel mit neuen Eiswürfeln. Dann atmete sie noch mal tief durch und ging zurück. Unentschlossen blieb sie vor Alexander stehen.
   »Füll doch bitte alle Gläser nach«, befahl er und zeigte auf die Flasche.«
   Nervös wanderte ihr Blick über den Tisch. Sie war keine Kellnerin und überlegte gereizt, wie sie an den Männern vorbei an die Gläser heranreichen könnte, ohne ihnen zu nah zu kommen.
   »Da stellt man sich seitlich neben den Gast und hebt die Flasche elegant vorbei«, instruierte Alexander sie belustigt.
   Die Männer sahen ihr interessiert in den Ausschnitt, während sie unbeholfen versuchte, seinen Anweisungen zu folgen. Endlich waren alle Gläser gefüllt, und sie stellte die Flasche in Alexanders Reichweite auf den Tisch.
   Erleichtert wollte sie sich nun verabschieden, doch wieder schüttelte er den Kopf. »Bleib noch, setz dich zu uns.«
   Sie schluckte, biss die Zähne zusammen und starrte ihn böse an.
   Er lachte. »Hast dich wohl in einen der Köche verguckt, was? Da können wir Alten natürlich nicht mithalten.« Die Männer grinsten anzüglich und Alexander tätschelte ihr väterlich den Arm. »Na, geh schon. Ach Claire, übrigens, du hast einen interessanten BH an«, rief er, als sie sich erleichtert umdrehte.
   Eine Sekunde lang dachte sie, sie würde zu einer Salzsäule erstarren, dann drehte sie sich schnell um und lief hinaus, während die Männer hinter ihr herlachten.
   Im Fahrstuhl trat sie gegen die Wand. »So ein arrogantes Arschloch«, fluchte sie und versuchte verzweifelt, die Tränen zurückzuhalten.
   »Was ist dir denn passiert?« Mit hochgezogenen Augenbrauen starrte Eva sie an, als sie mit einem Haufen dreckigen Geschirrs in die Küche gelaufen kam.
   »Ich musste zum Boss, und der hat mich seinen Freunden vorgeführt, als wäre ich sein Hund.« Mit verkniffenem Mund stopfte sie Teller in die Maschine.
   »Das Geschirr kann aber nichts dafür. Denk dran, kein Bruch! Wird alles vom Gehalt abgezogen!«
   »Ja, schon gut.«
   Freundschaftlich stieß Eva sie mit dem Ellenbogen an, während sie schon halb wieder auf dem Rückweg in den Speisesaal war. »Mach dir nichts draus. Alexander ist manchmal ein Arschloch, der kann nicht anders. Komm nach Feierabend hoch, ich hab noch ein Fläschchen Wein da.«
   Claire grinste. »Gern.«

Kapitel 4

Alexander blickte von seinem Schreibtisch auf, als Daniel eintrat. »Gibt es was Neues?«
   »Nein, nichts. Sie macht ihren Job und hockt in ihrer Freizeit mit diesen beiden Weibern, Tina und Eva, zusammen.«
   »Das Smartphone?«
   »Auch nichts. Sie benutzt es kaum. Ein paar E-Mails und ein bisschen Facebook, nichts von Bedeutung. Über den Hausanschluss hat sie noch nie telefoniert.«
   »Ob sie noch ein heimliches Handy hat?«
   »Glaub ich nicht. Wir beobachten sie rund um die Uhr. Da hätten wir was mitbekommen. Außerdem habe ich ihr Zimmer zweimal durchsucht.«
   »Und auf dem Gelände ist sie auch nicht noch mal nachts herumgeschlichen?«
   »Nein, nach dem ersten Abend im Wald blieb sie immer auf den Wegen und nachts in ihrem Gebäude.«
   Ungeduldig stocherte Alexander mit seinem Kugelschreiber auf dem Papier herum. »Das gefällt mir nicht. Das dauert alles zu lange. Ich glaube, ich werde ihr etwas intensiver auf den Zahn fühlen.«
   Daniel grinste. »Viel Spaß. Pass auf, die kann eine ganz schöne Kratzbürste sein.«
   »Soll sie. Ich mag es, wenn sie sich wehren.«

*

Im Frühstücksraum sorgten die Stimmen der Angestellten für eine unruhige Geräuschkulisse. Genervt sah sich Claire um. Dann seufzte sie. »Morgen habe ich frei. Ich glaube, ich bleibe den ganzen Tag im Bett.« Sie trank einen Schluck Kaffee und streckte stöhnend den Rücken durch.
   Tina beobachtete sie grinsend. »Tja, die feine Dame ist das Arbeiten noch nicht gewohnt.«
   »Stimmt. Du hast recht. Als Kind reicher Eltern lebte es sich bedeutend angenehmer«, antwortete Claire achselzuckend. Es machte ihr nichts aus, wenn die beiden Freundinnen sie aufzogen. Es war nicht böse gemeint. Ohne Tina und Eva wäre sie in der ersten Woche im Resort todunglücklich gewesen. Aber sie waren nett und lustig und lenkten sie immer wieder von ihrem Kummer und ihren Zukunftsängsten ab.
   Fast drei Wochen waren vergangen, seitdem ihr gesamter Besitz gepfändet worden war. Langsam wurde der Job zum Alltag, und das alte Leben verblasste zu einer fast unwirklichen Erinnerung.
   Manchmal lag sie abends im Bett, starrte aus dem kleinen Fenster in den Himmel und dachte an den Einbrecher, der sie davon abgehalten hatte, sich das Leben zu nehmen. Sie erinnerte sich an das Gefühl seiner Hand an ihrem Kinn und an seinen prüfenden Blick. Sie meinte, leise zu hören, dass er ihren Namen aussprach, und übermäßig spürte sie die Sehnsucht nach Liebe und Nähe in ihrem Herzen. Seufzend schimpfte sie sich eine Idiotin, drehte sich um und zwang sich, an etwas anderes zu denken. Allein zu sein, war nicht leicht.
   »Hey, Claire! Träum nicht! Die Arbeit ruft!« Tina fasste sie am Arm.
   Claire zuckte zusammen. »Sorry, ich komme schon.«
   Sie standen auf, nahmen ihr Geschirr und bewegten sich in Richtung Küche. Im Flur stand plötzlich Alexander vor ihnen.
   »Guten Morgen, die Damen.«
   Sie grüßten zurück und wollten an ihm vorbei.
   »Claire, warte, zu dir wollte ich gerade.«
   Tina und Eva schoben sich grinsend schnell vorbei. Dann stand sie allein mit ihm auf dem Flur.
   »Du hast morgen frei, oder?«
   Sie nickte.
   »Schön. Ich möchte, dass du mit mir einen Ausflug machst. Ich muss neue Stoffe für Gardinen aussuchen. Dabei kannst du mir helfen. Wir fahren am frühen Nachmittag los. Anschließend kaufen wir dir etwas Nettes zum Anziehen, und ich zeige dir die schöne Müritz. Ich kenne ein nettes Restaurant am Wasser. Da können wir abends essen. Na, hört sich das gut an?«
   Irritiert starrte sie ihn an. »Äh … das ist nett, aber … äh …«
   »Was ist, hast du schon was Besseres vor?«
   »Nein, äh … aber warum …?«
   Liebevoll fasste er sie am Arm. »Dein Vater und ich waren gut befreundet. Lass mich dir eine kleine Freude machen. Okay?«
   Zögernd nickte sie. »Okay, danke. Gern.«
   »Fein. Ich hole dich um halb drei ab.« Er lief fröhlich pfeifend weiter. Nachdenklich brachte sie ihr Frühstückstablett in die Küche. Nachdem er sie so arrogant vor seinen Freunden lächerlich gemacht hatte, hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Diese Einladung kam völlig überraschend, und sie konnte sich keinen Reim daraus machen.
   Tina wartete mit dem Putzwagen am Fahrstuhl. »Was ist passiert? Hat er dir gekündigt?«
   »Nein. Er hat mich eingeladen für morgen. Er will mir was zum Anziehen kaufen und mit mir essen gehen.«
   Tina grinste. »Dann mag der gestrenge Boss dich wohl.«
   »Quatsch. Er meint, es wäre wegen meines Vaters, weil sie so gute Freunde waren.«
   »Denk nicht drüber nach und genieß es einfach, hier mal rauszukommen.«
   Nervös sah Claire abwechselnd auf die Uhr und in den Spiegel. Sie hatte in den drei Wochen noch keine Gelegenheit gehabt, irgendwo etwas einzukaufen, einerseits, weil es nichts gab, was man zu Fuß erreichen konnte, andererseits, weil sie kein Geld hatte. Einmal waren sie zu dritt in Tinas Auto zum nächstgelegenen, kleinen Dorfladen gefahren. Dort hatten sie von gespartem Trinkgeld Getränke und Kleinigkeiten für gemütliche Abende erstanden. Inzwischen dachte Claire nicht mal mehr an Zigaretten. Da niemand in ihrer Umgebung rauchte, fiel es ihr leicht, auch darauf zu verzichten. Schwerer war zu ertragen, dass sie sich immer noch nicht so stylen und anziehen konnte, wie sie es gewohnt war.
    So trug sie auch heute, wie jeden Tag in ihrer Freizeit, Jeans, ein T-Shirt und Turnschuhe. Sie fand sich hässlich und minderwertig, nicht passend gekleidet für einen Ausflug mit Alexander.
   Claire wusste nicht, was sie von ihrem Boss halten sollte. Einerseits hatte er ihr aus größter Not geholfen, andererseits verunsicherte er sie mit seiner Arroganz. Er sah sehr gut aus. Fast alle weiblichen Angestellten kicherten wie aufgescheuchte Hühner, wenn der große Boss Alexander charmant und höflich mit ihnen redete. Er strahlte unglaubliche Selbstsicherheit und Gelassenheit aus und hatte einen Blick, der einer Frau durch und durch ging. Doch Alexander Diehl trug auch die andere Seite in seinem Charakter, die gemeine, fiese, unglaublich kalte, bei der man Angst bekam, wenn er sie zeigte.
   Einmal hatte Claire ihn richtig wütend erlebt. Eine Angestellte in der Probezeit hatte aus der Restaurantkasse gestohlen und war dabei von einer Überwachungskamera gefilmt worden. In der Frühstückspause war Alexander im Aufenthaltsraum aufgetaucht. Mit Eiseskälte in der Stimme hatte er sie zur Rede gestellt. Sie musste vor ihm alle Taschen ausleeren und die Dienstkleidung ausziehen. Dann ließ er sie in Begleitung zweier Wachleute in Unterwäsche zu ihrem Zimmer laufen, die privaten Sachen holen und bis zum Tor führen.
   Alle Kollegen waren schweigend und schockiert Zeugen geworden, doch niemand hatte sich getraut, Alexander zu stoppen. Man hatte das Gefühl, seine Wut könnte tödliche Folgen haben, wenn man sich ihm in den Weg stellte.

Seufzend sah sie auf die Uhr und verließ das Zimmer.
   Draußen brauchte sie nicht lange warten. Er kam mit seinem silbernen Mercedes Cabrio, hielt vor ihrer Tür und ließ sie einsteigen.
   »Hallo Claire!«
   Bei seinem Anblick atmete sie erleichtert auf. Auch er war in legerer Freizeitkleidung und sie brauchte sich neben ihm nicht schäbig zu fühlen. Er trug Jeans und ein helles Hemd, bei dem er die Ärmel lässig aufgekrempelt hatte.
   Mittlerweile war es Ende Juni und die Sonne schien warm aus einem strahlend blauen Himmel. Das schöne Wetter schien auch ihn in eine gute Stimmung zu versetzen. Er wirkte jugendlich, fröhlich und entspannt. Auf einmal freute sie sich, bei diesem schönen Wetter neben ihm im offenen Auto zu sitzen und einen Ausflug zu machen.
   Langsam rollten sie die schmale Zufahrt zum Tor entlang. Er drehte den Kopf und sah sie durch seine Sonnenbrille hindurch schmunzelnd an. »Du bist eine schöne, junge Frau geworden, Claire. Als ich dich vor zwei Jahren zuletzt sah, ähneltest du eher einem bunten Papagei mit dieser wilden Frisur und den seltsamen Klamotten.«
   Verlegen knetete sie ihre Hände. »Danke.«
   Er lachte. »Und damals warst du auch nicht so schüchtern, eher ziemlich auf Krawall gebürstet.«
   »Wenn ich mich richtig erinnere, besuchtest du uns an einem Tag, an dem ich gerade wütend auf meinen Vater war. Ich weiß aber nicht mehr, worum es überhaupt ging.«
   Er lachte. »Stimmt, ich saß mit deinem Vater bei einer Tasse Kaffee und du kamst vorbei. Er fragte, warum du nicht in der Uni bist und du hast ihm erklärt, dass die da sowieso nur spinnen und du mit deiner Zeit was Besseres anzufangen hast.«
   Sie erreichten das Tor und bogen auf die Bundesstraße ab. Alexander gab Gas und die Geräusche von Motor und Wind verhinderten jedes weitere Gespräch. Claire hielt das Gesicht in die Sonne und lehnte entspannt den Kopf zurück.
   Sie fuhren eine Weile am See entlang und passierten schließlich das Ortsschild von Waren. Alexander ließ den Wagen auf der Suche nach einem Parkplatz langsam durch die Ortsmitte rollen.
   Sie stiegen aus und gingen zum Laden eines Raumausstatters, bei dem sie verschiedene Stoffe anschauten. Alexander fragte immer wieder Claire um ihre Meinung und entschied sich schließlich für eine Farbe, die sie gut geheißen hatte.
   »Sehr schön«, lobte er, »es war gut, dass ich dich mitgenommen habe. Ihr Frauen habt doch ein anderes Auge für so etwas als wir Männer.«
   Claire strahlte. Anschließend schlenderten sie an den Schaufenstern entlang. Vor einer noblen Boutique blieb er stehen. »Komm, hier kaufen wir dir jetzt was Schönes.«
   Verlegen wollte sie weitergehen. »Das ist doch nicht nötig.«
   »Papperlapapp.« Er nahm ihre Hand und zog sie in den Laden. »Such dir was Schönes aus. Kleid oder Rock, keine Hose.«
   Eine junge Verkäuferin kam und ehe sie es sich versah, probierte sie Kleider an, drehte sich vor dem Spiegel und hörte Alexanders Meinung. Schließlich stand sie in einem sehr figurbetonten, knielangen Rock da, zu dem eine edle helle Bluse gehörte.
   »Das sieht gut aus. Das nehmen wir«, entschied Alexander und suchte in seinem Portemonnaie nach der Kreditkarte. »Behalt es gleich an.«
   »Ähm … das geht nicht.«
   Irritiert schaute er auf.
   Sie zeigte auf ihre Füße. »Ich habe keine passenden Schuhe dazu.«
   »Gegenüber ist ein Schuhgeschäft«, teilte die Verkäuferin strahlend mit und Alexander grinste.
   »Na also.«

Eine halbe Stunde später trug sie elegante Sandalen zu ihrem neuen Rock.
   Zufrieden musterte Alexander sie. »Das gefällt mir. Jetzt kann ich stolz darauf sein, mit einer schönen, jungen Frau durch die Fußgängerzone zu spazieren.«
   Claire fühlte Hitze in ihrem Gesicht. Sie kam sich vor wie verkleidet, wie seine Geschäftsführerin, oder eine Anwältin, aber nicht so, wie in ihren gewohnten, flippigen Klamotten.
   Freundschaftlich legte er seinen Arm um ihre Schulter und zog sie im Gehen an sich. »Du brauchst nicht verlegen sein. Freu dich einfach, dann machst du mich glücklich.«
   »Danke. Ich freu mich ja auch.«
   Sie erreichten das Restaurant und der Kellner führte sie zu einem gemütlichen Tisch in einer Nische mit Blick auf das Wasser. Alexander verstand es, sie mit anregendem Geplauder abzulenken, sodass sie schließlich entspannt den Abend genießen konnte.

Spät in der Nacht kehrten sie in das Resort zurück.
   Alexander hielt vor ihrem Eingang und drehte den Kopf zu ihr herüber.
   Verlegen spielte sie mit ihren Händen. »Danke. Das war ein sehr schöner Tag.«
   Lächelnd legte er eine Hand in ihren Nacken und wollte sie zu sich heranziehen, doch instinktiv spannte sich ihr Körper abwehrend an.
   Er schmunzelte. »Man könnte meinen, du wärst ein kleines, unschuldiges Mädchen.«
   Claire verkrampfte. Sicher konnte er selbst im Dunkeln sehen, dass sie rot anlief. Seine Hand lag immer noch fordernd in ihrem Nacken. Seine Finger massierten zärtlich ihren Haaransatz und widerstrebend ließ sie sich zu ihm heranziehen. Er küsste sie sanft auf die Stirn. »Zu deinem Lover in Hannover warst du sicher nicht so spröde.«
   Sie schüttelte schnell den Kopf. »Ich habe keinen.«
   Er lachte. »Dann eben zu dem letzten, den du hattest.« Sie reagierte nicht und er fasste sie am Kinn, um ihr Gesicht zu sich hinüberzudrehen, sodass sie ihm in die Augen sehen musste. »Oder hast du etwa seit dem missglückten Versuch mit Stefan auf eurer Terrasse immer noch keinen rangelassen?«
   Claire zuckte zusammen, als hätte er ihr eine Ohrfeige gegeben.
   Alexander lachte schallend. »Tatsächlich. Die kleine, wilde Claire ist noch Jungfrau.«
   Sie zog ihren Kopf weg, suchte den Türgriff und stieg schnell aus.
   »Gute Nacht, Claire, schlaf gut.« Er lachte immer noch.
   »Gute Nacht«, murmelte sie und war froh, dass er sofort losfuhr und sie ihm nicht noch einmal in die Augen sehen musste.

Kapitel 5

Müde vergrub Leo das Gesicht in den Händen, rieb sich die Augen und griff seufzend nach dem Kaffeebecher, als ihm jemand auf die Schulter klopfte. »Ach, hier bist du, Hötgen, altes Haus.«
   Er blickte auf. Klaus Albers, sein Chef, stellte sich zu ihm an den Stehtisch neben dem Kaffeeautomaten. »Diese Schreibtischhockerei macht mich noch wahnsinnig. Wie können andere es aushalten, jeden Tag am Computer zu arbeiten?«
   Klaus lachte. »Und die anderen können es genauso wenig verstehen, wie du wochenlang undercover unterwegs sein kannst, ohne dabei irrezuwerden.«
   »Ja, wahrscheinlich. Vielleicht bin ich auch schon irre.«
   Leo beobachtete, wie sich sein Chef einen Kaffee aus dem Automaten zog. Sie kannten sich, seitdem er nach dem Streifendienst in die Abteilung gewechselt hatte. Klaus war einige Jahre älter, seine Schläfen zierten bereits graue Haare und der auffällige Bauchansatz verriet, dass er hauptsächlich am Schreibtisch arbeitete.
   Klaus nahm den ersten Schluck. »Weswegen ich dich gesucht habe: Die Kollegen aus der Steuerfahndung sind auf eine neue Verbindung zum Fall Michael Herrmann gestoßen, die uns eventuell interessieren könnte.«
   Leo richtete sich auf. »Es wäre zu schön, wenn wir da endlich mal weiterkommen.«
   »Sagt dir der Name Alexander Diehl etwas?«
   »Nein, nie gehört. Drogen oder Mädchen?«
   Klaus lachte. »Weder noch. Diehl führt ein exklusives Urlaubsresort an der Müritz. Gäste sind ausschließlich Prominente, Politiker und Millionäre. Durch und durch weiße Weste, der Typ.«
   »Ach so, also genau meine Kreise.«
   Klaus lachte. »Ja, fast, würde ich sagen.«
   »Und was hat der mit dem Fall Herrmann zu tun?«
   Alexander Diehl und Michael Herrmann waren anscheinend gut befreundet oder haben irgendwelche Geschäfte miteinander gemacht.«
   Leo runzelte die Stirn. »Was für Geschäfte?«
   »Es sind legal Gelder geflossen, aber die Gründe scheinen irgendwie seltsam. Du warst dem alten Herrmann doch schon länger auf der Spur. Hast du irgendwann mal irgendetwas davon mitbekommen, dass der mit seiner Tochter Urlaub an der Müritz gemacht hätte?«
   Leo schüttelte den Kopf. »Nee, der alte Workaholic hat nie Urlaub gemacht. Und seine reizende Tochter, diese schrille Tussi, wäre auch garantiert nicht mitgefahren.«
   »Ja, siehst du, er hat aber in den letzten fünf Jahren regelmäßig dreimal im Jahr für horrende Summen mehrere Ferienappartements für sich, seine Tochter und Gäste dort gemietet. Jedes Mal für mindestens sechs Wochen. Gleichzeitig hat Diehl für sein Resort bei Herrmann importierte Stoffe gekauft. In solchen Mengen, als hätte der alle Wände mit Stoffen in dreifacher Lage tapeziert.«
   »Ach nee, das hört sich aber gewaltig nach Geldwäsche an.«
   Klaus nickte. »Fragt sich bloß, was der gute Herrmann bekommen hat, denn belegt ist nur, dass hin- und hergezahlt wurde, nicht aber, dass auch irgendwelche Gegenleistungen erbracht worden wären.«
   Leo drehte seinen Kaffeebecher auf dem Tisch. »Sagtest du, dieses Resort liegt an der Müritz? Das ist doch Mecklenburg, oder?«
   »Stimmt. Ich bewundere deine Geografiekenntnisse. Fällt dir dazu was ein?«
   Leo nickte. »Michael Herrmann hatte Verbindungen zu diesem großen Reeder in Hamburg, Harmsen. Der importiert Kleidung aus Indien und lagert irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern.«
   »Mmh … interessant. Ich gehe jede Wette ein, dass der gern bei Alexander Diehl Urlaub macht.«
   Leo grinste. »Gut möglich.«
   Konzentriert knetete er den leeren Kaffeebecher. »Überleg mal, wir haben im Fall Herrmann bisher nur Hinweise auf den Mädchenhandel und die Prostitution innerhalb Europas. Wir wissen nicht, wo die Mädchen herkamen. Was ist, wenn es da noch andere Verbindungen gibt und dieses Resort von dem, wie heißt der gleich, vielleicht so eine Art Verteilerstation ist?«
   »Diehl heißt der, Alexander Diehl. Das hört sich zwar im ersten Moment weit hergeholt an, aber andererseits …, wir wissen eigentlich nur, dass Herrmann seine Finger drinstecken hatte und nicht, wer noch beteiligt war. Allein kann er das unmöglich alles gemanagt haben. Andererseits … der Diehl …, der hat es nicht nötig, solche Geschäfte zu machen, der hat legal längst ausgesorgt.«
   Leo tippte seinem Boss gegen die Brust. »Ja, so sieht es nach außen aus, aber woher hatte er denn überhaupt das Geld, um dieses Resort zu kaufen und so aufwendig aufzubauen?«
   »Stimmt. Reich geboren wurde der jedenfalls nicht. Also fassen wir die Fakten mal zusammen: Herrmann handelte mit Stoffen, die Harmsen importierte. Wir vermuten, dass in den Containern auch Mädchen geschmuggelt wurden, können das aber nicht beweisen. Harmsen importiert außerdem Container mit Kleidung für Boutiquen aus Indien nach Meck-Pom, von denen nur die Hälfte in Läden hier in Deutschland auftaucht, das haben die Jungs von der Steuerfahndung inzwischen sicher nachgewiesen. Wo ist der Rest? Entweder gibt es da ein großes Lager oder diese Container sind ebenfalls nur halb gefüllt und auch darin wird geschmuggelt. Alexander Diehl könnte tatsächlich eine Verbindung zwischen den beiden sein.«
   »Was schlägst du vor?«
   Klaus grinste. »Dir geht die Schreibtischarbeit doch sowieso auf den Geist.«
   »Okay, ich fahre gleich morgen los. Bezahlt die Spesenkasse meinen Urlaub in dieser Anlage?«
   »Wovon träumst du nachts?«
   »Das möchtest du wohl gern wissen.« Grinsend drehte sich Leo in Richtung Bürotür.
   »Sag mal, was ist eigentlich mit der Tochter? Ist die immer noch nicht wieder aufgetaucht?«
   »Claire? Nein, die hat mein Auto vor ihrer Villa stehen lassen und ist spurlos verschwunden.«
   »Hoffentlich ist dem Mädel nichts passiert.«
   Leo lachte hämisch auf. »Da mach dir mal keine Sorgen. Die ist robust, sitzt bestimmt längst bei ihrem Daddy am Pool.«
   Nachdenklich schüttelte Klaus Albers den Kopf. »Ich weiß ja, dass du gegen Mädchen reicher Eltern gewisse Vorbehalte hast, aber findest du nicht, dass sich dieses hier seltsam verhalten hat?«
   »Nein, die hielt mich für blöd. Sie hat mir diese völlig unglaubwürdige Geschichte von der Pfändung vor Ablauf der Frist, bei der ihr angeblich selbst die Zahnbürste abgenommen worden ist, aufgetischt, ohne rot zu werden. Sie hat wirklich gedacht, ich nehme ihr die Geschichte ab. Und sie wollte mit mir ins Bett, bestimmt auch nur, um mich hinterher abzuzocken.«
   »Aber sie hatte doch Tabletten geschluckt. Warum hätte sie das tun sollen, wenn sie an der Show ihres Vaters mitgewirkt hat?«
   »Vermutlich hat sie nur ein paar davon geschluckt, als sie mich bemerkte, damit ich Mitleid mit ihr habe.« Er grinste. »Sie hat aber sicher nicht damit gerechnet, dass sie die gleich wieder auskotzen durfte.«
   »Leo, du urteilst hart. Vielleicht ist sie doch eher Opfer als Täter.«
   Er seufzte. »Keine Ahnung. Ich hätte ihr Handschellen anlegen und sie in eine Zelle sperren sollen, dann wüssten wir es jetzt.«
   Klaus blickte aus dem Fenster. »Vielleicht hatte sie keine Ahnung. Hoffen wir, dass sie sich nicht doch noch was angetan hat.«
   »Mach dir keine Sorgen. Wäre sie auf dem Selbstmordtrip gewesen, hätte sie nicht extra noch aus der Villa Klamotten geholt. Und diese verwöhnten Gören finden immer jemanden, den sie um den Finger wickeln und ausbluten lassen können.«

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