Die Fahrt als Trainee auf der Polyantha soll Elisas großes Abenteuer werden. Was wäre besser geeignet als die Karibik mit türkisblauem Wasser, Reggae und viel Rum? Um die Besatzung für sich einzunehmen, geht Elisa mit deutscher Gründlichkeit an ihre Aufgaben – und mit ebendieser tappt sie in jedes Missgeschick. Trotzdem gewinnt sie viele Sympathien, bis auf die des Kapitäns. Dass Sean Fleming eine Ladung Spülwasser abbekommt, ein Mast zerbricht und sie die Konkurrenz bei der Regatta ausschaltet, was ihn fast disqualifiziert, kann er noch ertragen. Sogar, als sie an einem Asthmaanfall zu ersticken droht, handelt er besonnen. Küssen ist eine überraschend wirksame Therapie. Was er jedoch nicht tolerieren kann, ist Elisas Flirten mit seinem größten Konkurrenten.

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ISBN: 978-9963-53-228-5

Seiten: 347

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Annette Schmitz

Annette Schmitz
Annette Schmitz hat ihre Wurzeln in Bremen, der Hansestadt mit dem maritimen Flair. Sie ging als Krankenschwester nach Afrika, studierte Biologie und begann, als Ausgleich zu wissenschaftlichen Texten Unterhaltungsromane zu schreiben. Ihre bisherigen „Forschungsergebnisse Mensch“ stellt sie in heiteren, spannenden und zugleich berührenden Liebesromanen dar. Um ihren Protagonistinnen ein Happy End zu sichern, bewaffnet sie sie mit Charme, Schlagfertigkeit oder einfach Authentizität. „Gefährlich verliebt – Bin mal kurz die Welt retten“ (2014), „Liebevolle Rache – Eine Gleichung mit zwei Unbekannten“ (2015),  „Diese eine Liebe - Wellentänzer" (2016)“, „Kribbeln im Bauch - Gut verdrängt ist halb vergessen“ (2016), „Jetzt Mal Hand aufs Herz“ (2017).

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Kapitel 1
St. Vincent

Ich hatte nicht aufgepasst.
   Gott sei Dank war niemand verletzt worden. Ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen, die Zeit zurückdrehen. Ein Tag würde reichen, ich würde im entscheidenden Moment einen anderen Handgriff machen und alles wäre wieder gut.
   Ich würde jetzt nicht an diesem abgelegenen Platz sitzen, einsam und verlassen, und immer und immer wieder die gestrige Szene im Kopf durchgehen, als Fleming wutentbrannt auf mich losgegangen war und ich gedacht hatte, er würde mich umbringen wollen. Vor versammelter Mannschaft. Zum Glück hatte Bains eingegriffen. Als Einziger, alle anderen hatten genauso viel Angst vor Fleming wie ich.
   O Mist, es ging schon wieder los. Mein Herz begann zu rasen, die Luft blieb mir weg. Hastig griff ich in den Rucksack, zog das Spray heraus und inhalierte einen tiefen Zug des Medikaments.
   Ich lehnte mich auf der verwitterten Aussichtsbank zurück und versuchte, mich zu entspannen. Es hätte schön sein können, hier oben, mit Blick aufs weite Karibische Meer. Die Strahlen der tief stehenden Nachmittagssonne fielen auf die ruhige Wasserfläche und brachten das Meer zum Glitzern, als ob Milliarden von Diamanten darauf tanzten.
   Ich hatte mich auf den höchsten Aussichtspunkt der Insel geflüchtet. Hier würde mich niemand finden, aber sie würden mich ohnehin nicht suchen. Ich konnte den Hafen von Kingstown sehen, die Hauptstadt von St. Vincent. Wenn ich den Hals streckte, erkannte ich im Hafen unter mir ganz klein die Polyantha, sie hob sich wunderschön und erhaben gegen die armseligen Fischerboote und rostigen Frachtschiffe ab. Gleich daneben lag ein protziges, bunt bemaltes Kreuzfahrtschiff, es wirkte wie ein Flamingo unter Möwen. Erstaunlich, wie es sich in die enge Lücke an der Mole gezwängt hatte. Fleming hasste diese schwimmenden, hässlichen Hotelkolosse.
   In Deutschland war jetzt Winter, kaum vorstellbar bei diesen tropischen Temperaturen. Selbst jetzt, am späten Nachmittag, war es noch so warm, dass ich in meiner kurzen Hose und dem T-Shirt nicht fror. Wenn die Dämmerung einsetzte, dauerte es in den Tropen ungefähr zwanzig Minuten und es war stockfinster. Diese Dunkelheit war erschreckend für Zivilisationsmenschen wie mich. Keine Straßenlaternen, Scheinwerfer von Autos oder Lichter, die durch Fenster drangen. Man fühlte sich hilflos und verloren. Die einzige Lichtquelle zur Orientierung waren Mond und Sterne. Ich hatte das Gefühl, sie leuchteten hier heller als in Deutschland. Der undurchdringliche Urwald um mich herum sah aus wie eine Fototapete. Es war ein ständiges Rascheln, Pfeifen, Zwitschern zu hören, viel lauter und geheimnisvoller als ich es aus heimischen Wäldern kannte.
   Inzwischen hatten sie mein Verschwinden natürlich bemerkt. Ich bekam eine Gänsehaut, wenn ich mir vorstellte, was jetzt auf der Polly los war. Fleming verfluchte mich bestimmt, und mit Sicherheit war er froh, mich endlich los zu sein. Er hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er mich nicht mochte. Ständig hatte er mich schikaniert und sich über jede Kleinigkeit aufgeregt, die ich versehentlich falsch gemacht hatte. Zu keinem anderen Trainee war er so streng gewesen wie zu mir. Dabei hatte ich mir immer besonders viel Mühe gegeben, alles richtig zu machen. Aber egal, was ich tat, ich hatte ihm nichts recht machen können. Sein abweisender Blick tauchte vor mir auf, diese kalten Augen, die mich zuletzt hasserfüllt angefunkelt hatten. Ich ließ den Kopf nach vorn fallen, raufte mir die Haare. Er mochte mich einfach nicht. Wie gut, dass ich ihn auch nicht mochte. Nun hatte er sein Ziel erreicht. Er musste mich nie wiedersehen. Er war mich los.
   Ich begann zu weinen, schluchzte ungehemmt gegen das Getöse aus dem Urwald an. Wie traurig, dass alles so enden musste.
   Noch leise vor mich hinschniefend, hörte ich plötzlich ein Geräusch, das nicht in diese Wildnis passen wollte. Ich sah mich um und wischte mir die Augen aus. Auf dem steilen, unebenen Weg tauchte ein Mann auf einem Rennrad auf. Er keuchte und trat stehend in die Pedale, schwenkte das Rad dabei so stark zur Seite, dass es extrem zu eiern begann und ich schon befürchtete, er würde umfallen und im dichten Gebüsch landen. Noch schien er mich nicht gesehen zu haben, denn er pfiff leise vor sich hin, als er sich aus dem Sattel schwang und das Rad sorgfältig gegen einen Baum lehnte. Er setzte den Helm ab, strich die nass geschwitzten Haare aus dem Gesicht und ging zielstrebig auf die Aussichtsbank zu. Abrupt blieb er stehen. »Na, so eine Überraschung!« Nach einem kurzen Zögern zeigte er ein jungenhaftes Lachen. »Ich bin hier oben noch nie jemandem begegnet. Darf ich?«
   Ich rückte zur Seite, murmelte eine Antwort und hoffte, dass er die Spuren meiner Tränen nicht sah. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und gegangen. Auf Small Talk mit einem sportlichen Touristen hatte ich gerade überhaupt keine Lust. Schweigend blickten wir auf den Horizont.
   »Tut mir leid, wenn ich dir deine private Sonnenuntergangsshow verdorben habe. Immer wenn ich auf St. Vincent bin, schnappe ich mir mein Fahrrad und komme hier hoch. Ziemlich anstrengende Angelegenheit.« Sein Englisch hatte einen leichten Akzent, vielleicht kam er aus Südafrika oder Kanada. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Aber ich brauche den Ausgleich zum Segeln. Dort unten im Hafen liegt mein Schiff, die Biskaya.« Als ich hinuntersah, kam er mit dem Kopf näher. »Nicht das große weiße, das kleinere daneben, mit den zwei Masten.«
   »Schönes Schiff«, bemerkte ich und versuchte, die Polyantha zu ignorieren. »Und es gehört dir?«
   Er nickte. »Ich habe sie vor einigen Jahren bauen lassen. Interessierst du dich für Segelschiffe?«
   »Im Moment eher weniger.«
   »Im Moment weniger? Das hört sich ja geheimnisvoll an.« Er betrachtete mich amüsiert. »Ich bin Philippe. Philippe Lamotte.«
   Bestimmt Frankokanadier. »Elisa Hartung.«
   »Aus Deutschland? Ich war mir nicht sicher, dein Akzent ist nicht typisch Deutsch.« Er erzählte, er wäre schon häufiger in Deutschland gewesen, liebte deutsches Bier und deutsche Autos, und er hätte sich einmal ernsthaft in eine Nürnbergerin verliebt. »Bist du mit dem Kreuzfahrtschiff gekommen?«
   »Nein. Mit der Polyantha.«
   »Polyantha?« Er blickte gedankenverloren auf den Hafen.
   »Das große weiße Segelschiff neben deinem.«
   »Ziemlich alter Kahn«, sagte er nach einer kurzen Pause. »Muss unbequem darauf sein.«
   Ich seufzte. Dass es unbequem war, war nicht das Problem.
   Er betrachtete mich genauer. »Ist alles in Ordnung? Du siehst traurig aus.«
   Ich wich seinem Blick aus. Dieser Philippe schien nett zu sein, sein Lächeln wirkte ehrlich, aber er interessierte sich bestimmt nicht für meine albernen Probleme. Womöglich verstand er sie nicht, hatte mehr Sympathien für Fleming, so von Kapitän zu Kapitän. Andererseits brannte es mir auf der Seele, jemandem von meinem Unglück zu erzählen und ein bisschen getröstet zu werden. »Ich kann nicht auf die Polyantha zurück«, sagte ich leise, »meinetwegen ist die Untermarsrah gebrochen. Deswegen liegen wir hier im Hafen, damit sie für die Regatta schnell repariert wird.«
   Er spitzte die Lippen und pfiff beeindruckt. »Die Untermars? Du meine Güte, wie kann denn eine zarte, kleine Frau wie du das schaffen?«
   »Es war ein Missverständnis. Ich habe das natürlich nicht mit Absicht gemacht.«
   »Natürlich nicht.«
   »Der Kapitän der Polyantha ist ein widerlicher Kerl. Er ist total ausgerastet. Es hat nicht viel gefehlt und er hätte mich über Bord geworfen. Da bin ich lieber vorher gegangen.«
   Er sah ein wenig ungläubig aus, aber er kannte Kapitän Fleming und seine Wutanfälle nicht. »Lass mich mal zusammenfassen. Nach diesem, äh, Unglück bist du einfach auf und davon und niemand weiß, wo du jetzt bist?« Ich nickte. »Willst du meine Meinung hören? Du solltest zurück auf dein Schiff gehen. Ganz ehrlich, die werden dich so lange suchen, bis sie dich gefunden haben. Soll ich mitgehen und mit dem Kapitän reden?« Er lächelte. »So schlimm kann er doch nicht sein.«
   »Doch ist er. Er hasst mich und bringt mich um, wenn er mich findet. Jetzt erst recht.«
   Philippe hob beschwichtigend die Hand. »Nun mal langsam. Wie sieht denn sonst dein Plan aus? Willst du hier sitzen bleiben, die ganze Nacht?«
   Ich blieb stumm. Warum nicht, heute und für immer. Vielleicht würde nach Jahren jemand meine inzwischen verweste Leiche finden und sich fragen, wer ich gewesen war.
   »Wusstest du, dass hier nachts ziemlich große Fledermäuse rauskommen und sich bevorzugt auf junge weiße, unglückliche Frauen stürzen? Um sie auszusaugen.« Er machte ein schlürfendes Geräusch. »Ha! Jetzt hast du zum ersten Mal gelächelt, Eliza aus Deutschland.« Die Art, wie er meinen Namen auf Englisch aussprach, hatte etwas Tröstendes. »Glaubst du mir etwa nicht? Es ist wahr, wirklich, dafür ist St. Vincent weltweit bekannt. Na gut, vielleicht nicht bei allen, aber ganz sicher bei renommierten Ornithologen und Vampirjägern.«
   »Fledermäuse sind keine Vögel.«
   »Echt? Das wusste ich nicht.« Er grinste mich an. »Ich mache dir einen Vorschlag. Wenn du nicht von Fledermäusen verspeist werden willst, okay. Und dass du nicht zurück auf dein Schiff willst, um dich umbringen zu lassen, kann ich auch verstehen. Komm einfach mit mir. Ich nehme dich mit und rette dich vor deinem bösen Captain Blackbeard.«
   Überrascht blickte ich auf. Es war lange her, dass mich jemand nett behandelt hatte und da er mir eine Lösung für mein Problem anbot, fing ich, ohne es zu wollen, schon wieder an zu weinen.
   Philippe legte tröstend einen Arm um mich. »Oh, nicht doch. Gleich geht die Sonne unter, wir sollten zurück nach Kingstown, sonst finden wir den Weg im Dunkeln nicht mehr. Ich wette, heute Abend haben wir einen besonderen Sonnenuntergang. Wir werden ihn uns von meinem Schiff aus ansehen, ja? Kennst du John Frederick Kensett, einen ziemlich bekannten amerikanischen Maler aus dem neunzehnten Jahrhundert? Als ich klein war, habe ich ein Bild von ihm gesehen, einen Sonnenuntergang am Meer. Nur Wasser, Himmel und Farben.« Behutsam wischte er eine Träne von meiner Wange und drückte mich fester an sich. »Das Bild hat mich ungeheuer beeindruckt. Seitdem bin ich ständig auf der Suche nach genau diesem Sonnenuntergang. Und dem Bild. Leider will der jetzige Besitzer es nicht verkaufen, wirklich schade. Ich hoffe, er ändert irgendwann seine Meinung. Ich habe eine Kopie an Bord, vielleicht interessiert sie dich.« Er nahm den Arm weg und richtete sich auf. »Und jetzt überlegen wir uns einen Weg, dich sicher an Bord der Biskaya zu bringen.«
   Philippes unbeschwerte Art führte dazu, dass ich mich allmählich entspannte und sogar über seine lustigen Ideen lachen konnte, mich unbemerkt an Bord zu bringen. Die Polyantha und die Biskaya lagen nebeneinander, ich wollte auf keinen Fall, dass mich jemand von der Polly sah. Sein erster Plan, mich wie Kleopatra in einen Teppich gewickelt an Bord zu schmuggeln, scheiterte am fehlenden Teppich. Dann sollte ein Fass als Transportmittel herhalten, aber das einzige Fass, das groß genug gewesen wäre und das er in einem schäbigen Hinterhofladen im Hafen entdeckte, war noch voller Fischreste. Schließlich kaufte er einen viel zu großen Regenmantel, in dem ich mich versteckte. Den Geräuschen nach hatte Fleming einen Ersatz für die gebrochene Untermars gefunden. Ich hörte Gehämmer und Rufe, als ich neben Philippe mit tief gesenktem Kopf an der Polly vorbeihastete.
   Einerseits war mir leicht ums Herz, weil ich Fleming nie wieder zu sehen brauchte und nicht Gefahr lief, von ihm erwürgt zu werden. Andererseits würde ich die anderen Trainees, Henry, Sergej und natürlich Lasse, vermissen. Nicht alle auf der Polly waren so gemein wie Fleming oder Lockhard. Und die Polyantha war, egal, was Philippe sagte, das schönste Schiff, das es je gegeben hatte.
   Die Biskaya war anders. Sofort, nachdem ich das Schiff betreten hatte, spürte ich den Luxus, der vom glänzenden Deck mit den edlen Hölzern ausging. Alles sah sehr teuer aus. Die Besatzung lief in schicker weißer Uniform herum, verschwand aber sofort aus meinen Augen.
   Philippe rieb sich vergnügt die Hände. »Da wären wir. Hat doch wunderbar geklappt, nicht?« Er führte mich in den Salon, der so groß war wie die Mannschaftsmesse der Polly. Ich sah mich um. Wertvolle Ledersessel, Teppiche und Bilder. Da war das Ölbild, von dem er gesprochen hatte. Er bemerkte meinen Blick, und es schien, als freute er sich über mein Interesse. »Sieh es dir in Ruhe an, ich sage inzwischen Raoul Bescheid, dass er für zwei decken soll.«
   Ich blieb verloren in einem Ledersessel sitzend zurück. Das farbenfrohe Bild an der Wand war beeindruckend und genau so, wie er es beschrieben hatte. Während ich es ansah, spürte ich plötzlich Zweifel in mir aufkommen. Was, wenn Philippe gar nicht so nett war und als Gegenleistung für seine Hilfe etwas von mir erwartete, zu dem ich nicht bereit war? Vielleicht stellte er sich als sadistischer Menschenhändler heraus. Als Krimineller oder Mörder. Bei meinem Glück nicht unwahrscheinlich. Warum waren hier keine anderen Gäste an Bord?
   Als Philippe zurückkam, betrachtete ich ihn misstrauisch. Er war ein Typ, der alles nicht wirklich ernst zu nehmen schien. Kein Wunder, er besaß ein Schiff, hatte anscheinend genug Geld und konnte es sich leisten, die Welt mit seinem breiten Lächeln für sich einzunehmen.
   Er war bestens gelaunt. »Dinner ist in einer halben Stunde fertig. Komm, ich zeig dir deine Kabine, vielleicht möchtest du dich vor dem Essen noch frisch machen? Also, ich muss auf jeden Fall duschen.«
   Er erklärte mir stolz die Aufteilung des Schiffes und versprach, mir morgen alles in Ruhe zu zeigen. Als er schließlich eine Tür öffnete und wir eine Kabine betraten, fehlten mir die Worte. Sie war etwa viermal so groß wie die, die ich mir mit Saskia und Terry auf der Polly geteilt hatte, und wunderschön eingerichtet.
   Er stellte meinen Rucksack ab. »Wir treffen uns in einer halben Stunde oben in der Lounge, okay? Fühl dich wie zu Hause.«
   Ich duschte und betrachtete mich im Spiegel. In den vergangenen zwei Wochen hatten meine Arme und Beine ordentlich Farbe bekommen. Nur da, wo mich meine Kleidung vor der Sonne geschützt hatte, sah ich noch winterweiß aus. Drolliger Kontrast. Zum ersten Mal seit fast zwei Wochen zog ich wieder etwas anderes als Shorts und T-Shirt an. Erfreut stellte ich fest, dass mir mein kurzer Jeansrock locker um die Hüften hing. So schlank hatte ich schon eine Ewigkeit nicht mehr ausgesehen. Ich band mir einen Gürtel um, zog meine hellblaue Baumwollbluse über und bürstete meine Haare. Ich musste an Virginia denken, Flemings Freundin. Sie war eine wirkliche Schönheit, gegen sie verblasste jede Frau, nicht nur ich. Kein Wunder, dass sie und Fleming zusammen waren. Immerhin fühlte ich mich nicht mehr wie die blasse und mit ein bisschen Kummerspeck um die Hüften sitzen gelassene Elisa aus Deutschland.

Philippe und ich saßen nach dem Essen oben an Deck und ließen uns von Raoul, dem hochgewachsenen farbigen Steward, verwöhnen. Philippe umsorgte mich, heiterte mich auf und war so charmant, dass ich fast vergaß, wie verzweifelt ich noch vor wenigen Stunden gewesen war. Die Sonne war längst untergegangen und Sterne leuchteten hell über uns. Es war eine tropische Nacht, Philippe zündete sich eine dicke Zigarre an, die sofort einen würzigen Duft verbreitete. Raoul brachte noch eine Flasche Rotwein und wünschte uns leise eine gute Nacht.
   Philippe rückte seinen Stuhl näher an meinen. »Erzähl mir von dir und dem Kapitän der Polyantha«, forderte er mich auf. »Wie hast du Blackbeard noch geärgert?«
   Ich fand seine Frage nicht lustig. »Der Abend ist viel zu schön, ich will mich lieber nicht daran erinnern.«
   Er griff nach meiner Hand. »Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich heute so einen wertvollen Fund machen würde. Das Leben ist schon merkwürdig.«
   Ich gab ihm recht.
   »Eliza?« Sein Blick war der eines Jägers, der ein Wild erspäht hatte und es erlegen wollte.
   Nach meiner Zeit mit Frank, der auch eher Beute als Jäger gewesen war, ein ungewohntes und beunruhigendes Bild. Mein Herz begann, schneller zu schlagen. »Du bist sehr süß.«
   Er küsste meinen Handrücken, griff nach meinem Gesicht und zog mich zu sich heran. Ich atmete den Duft seines Rasierwassers, des Weines und der Zigarre ein. Seine Lippen berührten meine. Seltsamerweise musste ich an Fleming denken, der nur wenige Meter von mir entfernt auf der Polyantha saß. Schade, dass er nicht mitbekam, wie gut es mir bei diesem netten Kanadier ging.
   Als wir uns voneinander lösten, sah er mich prüfend an. Schließlich lehnte er sich zurück. »Tut mir leid. Immer wenn ich mit einer schönen Frau zusammen bin, versuche ich mein Glück. Ich kann nichts dafür.«
   Sein Kuss war toll gewesen und das wusste er auch. Noch ein, zwei weitere Versuche, und ich wäre bestimmt schwach geworden. Aber so war es besser, schließlich kannte ich diesen Mann nicht.
   Philippe nahm sein Glas, und schon saß der Schalk wieder in seinen Augen. »Überleg es dir. Wenn du von mir ein bisschen getröstet werden willst, ein Blick genügt.«

Als ich später in meinem luxuriösen Bett lag, satt, geborgen und ein wenig beschwipst, fiel mein Blick auf den Tisch. Neben dem Rucksack lag die Fotografie der Polyantha. Ich stand wieder auf, holte sie zu mir und betrachtete sie.
   Was für eine stolze Schönheit. Ein weißer Traum in voller Fahrt.
   Immer, wenn ich das Bild angesehen hatte, kam es mir vor, als wäre sie in ihrer wildesten Bewegung eingefroren und würde sich jeden Augenblick hoch erheben, um dann kraftvoll in die Brandung hineinzustürzen.
   Diese imposante Erscheinung an der braunen Wand im Büro meines Chefs, Frank Vossberg, wirkte irgendwie fehl am Platz. Er hatte das Foto genau gegenüber seines Schreibtisches platziert und es oft und lange betrachtet. Das wusste ich, da ich ihn oft und lange betrachtete. Ich arbeitete in seiner Firma, einer mittelständigen Spedition, dem Mittelpunkt der Welt. Meinem Mittelpunkt der Welt.
   Frank war ein geschiedener, unscheinbarer Mann mit freundlichen Augen, der ein wenig verstaubt wirkte und fast zwanzig Jahre älter war als ich. Seit über drei Jahren hatten wir ein Verhältnis. Unsere Beziehung war nicht sehr leidenschaftlich, er war dafür zu wenig temperamentvoll und ich zu wenig selbstbewusst, aber wir waren gern zusammen und es hatte unserer gemeinsamen Arbeit nicht geschadet.
   Vor vielen Jahren hatte er auf einer Geschäftsreise in Amerika jemanden kennengelernt, der ihn erst fürs Segeln und dann für die Polyantha begeistert hatte. Seitdem war er, wie er meinte, vom Virus des Segelns infiziert.
   »Die Polyantha ist das schönste Schiff, das je gebaut worden ist«, hatte er mir einmal mit einer für ihn ungewohnten Begeisterung erklärt, als ich mir das Bild näher angesehen hatte. Er war richtig ins Schwärmen gekommen, als er von dem Dreimaster sprach, den Rahmasten, der Segelfläche und dem überwältigenden Gefühl, sich nur durch die Kraft des Windes fortzubewegen. Ich dachte damals, dass es schön wäre, wenn er auch so leidenschaftlich über mich sprechen würde. All seinen begeisterten Erzählungen schenkte ich keine besondere Beachtung. Dass er an vielen Wochenenden an Segelkursen teilnahm und den Segelschein machte, anstatt mit mir etwas zu unternehmen, nahm ich geduldig hin. Auch die Bedeutung der unzähligen Hochglanzzeitschriften über teure Segeljachten und tropische Segelgebiete, die in seiner Wohnung stapelweise herumlagen, begriff ich nicht. Ich ahnte nicht das Geringste, als er mich vor etwa einem halben Jahr in ein nobles Hamburger Restaurant zum Essen ausführte.
   Wir hatten bestellt, und da er in Gedanken versunken war, sah ich mich um. So sahen sie aus, die Reichen und Wichtigen. Ich betrachtete den eleganten Stil der alteingesessenen Kaufmanns-, Kapitäns- und Reederfamilien, besonders den der Frauen, und wünschte mir neidvoll, mich genauso vornehm und selbstbewusst geben zu können. Frank sah in seinem braunen Anzug unscheinbar aus wie immer, wahrscheinlich hielt ihn jeder eher für meinen Vater als für meinen Freund.
   »Elisa, ich muss dir was sagen.« Seine Stimme war leise, er spielte nervös mit dem Stiel des Weinglases. Mir fiel sofort die neue Software für die Buchhaltung ein, die noch Schwierigkeiten machte, und der ersehnte Auftrag aus Hongkong. »Ich werde die Firma verkaufen.«
   Ich nahm seine Worte zuerst nicht ernst. Verkaufen? Warum sollte er sein Lebenswerk verkaufen? Die Firma lief gut, es gab viele Aufträge. Oder war mir etwas entgangen, hatte ich etwas falsch gemacht?
   Er vermied es, mich anzusehen. »Es fällt mir nicht leicht.« Er sprach von dem Schiff, das er sich zusammen mit zwei Freunden gekauft hatte. Von der Weltumsegelung, der Sehnsucht nach Freiheit.
   Das Hauptgericht kam, automatisch griff ich zur Gabel und begann zu essen. Ich kaute auf dem Rinderfilet herum, bis ich langsam begriff, was seine Worte bedeuteten. Er wollte wirklich alles aufgeben, seine Firma, seine Sicherheit, mich. Ich tupfte mir mit der Serviette die Lippen sauber und legte das Besteck zurück auf den Teller. Ich hatte keinen Hunger mehr. Eine Frau vom Nebentisch lachte trotz ihrer Vornehmheit laut auf. Ich sah zu ihr hinüber. Sie war etwas über vierzig, gepflegt und wohlhabend und sah nicht aus, als ob sie von einem Mann wegen einer Weltumsegelung sitzen gelassen würde.
   Ich ging nicht mehr zur Arbeit. Wozu auch, was hätte es gemacht, wenn mir gekündigt würde? Ich verbarrikadierte mich, trank Wein, viel Wein, kaufte Zigaretten, – sollte ich doch daran sterben – keuchte mir anschließend die Lunge aus dem Leib und heulte stundenlang voller Selbstmitleid. Manchmal klingelte das Telefon. Ich ließ es klingeln.
   Ich begann zu grübeln. Wenn ich mehr Interesse am Segeln gezeigt hätte, hätte er mich nicht verlassen. Bestimmt hatte er sich gewünscht, dass ich mich mehr für sein Hobby begeisterte. Vielleicht war ich in unserer Beziehung zu zurückhaltend gewesen? Oder zu wenig zurückhaltend? Hatte ich ihn überfordert? Hatte ich ihn gelangweilt?
   Es klingelte an der Wohnungstür. Ich blieb auf meinem Bett liegen, es gab ja niemanden mehr, der sich für mich interessierte. Das Klingeln hörte nicht auf und bereitete mir schließlich Kopfschmerzen. Verschnieft und ziemlich blau öffnete ich. Frank, der Aussteiger, stand vor mir, ein blassblaues Poloshirt und weiße Leinenhosen tragend, ganz der Weltumsegler. Er sah müde aus, wollte mich in den Arm nehmen, aber ich wich ihm aus.
   »Du bist jetzt seit drei Tagen nicht mehr zur Arbeit gekommen, gehst nicht ans Telefon. Ich habe mir Sorgen gemacht.« Er wirkte angespannt. »Und du siehst schlecht aus. Hast du getrunken?« Er schnüffelte. »Und geraucht?«
   »Nur eine.«
   Mit einem tiefen Seufzer ging er an mir vorbei in meine winzige, dunkle Wohnung. Ich folgte ihm wankend. Am Fenster meines Wohnzimmers blickte er mit hängenden Schultern auf die nächste Häuserwand und wirkte dabei sehr deplatziert.
   »Du machst es mir nicht leicht.« Seine Stimme klang traurig.
   »Tut mir leid.«
   Plötzlich fuhr er herum. »Ich kann’s nicht mehr hören, Elisa!« So hatte er noch nie mit mir gesprochen. Ich wusste nicht mal, dass er so laut sprechen konnte. »Immer entschuldigst du dich, für alles und jedes. Warum beschimpfst du mich nicht, warum schreist du mich nicht an? Du bist doch wütend auf mich. Ich verlasse dich, und du leidest still vor dich hin, entschuldigst dich auch noch. Das ist doch nicht normal!«
   Verwirrt schwieg ich. War das der Fehler gewesen, den ich gemacht hatte? Meine Gefühle nicht zu zeigen? Wie sollte ich vorgehen, vielleicht weinen oder, noch besser, schreien? War das genug Gefühl?
   »Ist schon gut.« Er nahm meine Hand. »Hör auf, dir Gedanken zu machen. Du bist nicht der Grund, weshalb ich gehe. Im Gegenteil, dich zu verlassen, fällt mir am allerschwersten.«
   Ich griff zur Zigarettenpackung, zündete mir eine an, und auch wenn ich wusste, was passieren würde, inhalierte ich den Rauch tief.
   Was war am schlimmsten? Wieder verlassen zu werden? Die Hoffnungslosigkeit? Oder meine Selbstzweifel, das Wissen, nicht gut genug zu sein?
   Ich musste husten. Asthma war ein von einem Moment zum anderen erwachender Feind. Einer, der mir das Wichtigste zum Leben nahm: Sauerstoff. Mit dem Husten kam der Schleim, dann das Pfeifen, das nach Luft schnappen und schließlich der Punkt, an dem ich weder ein- noch ausatmen konnte. Meine Lunge war gefüllt mit unnützer, verbrauchter Luft. Es war, als ob ich in bewegungsunfähiger Panik verfolgen konnte, wie ich erstickte.
   Meiner Meinung nach hatte das Asthma mit dem Tod meiner Mutter begonnen. Ich war sieben Jahre alt, als sie beim Schwimmen während eines Türkeiurlaubs ertrank. Sie war mit zwei Freundinnen in einem Kurzurlaub gewesen und ich war zu Hause bei meinem Vater geblieben. Ich erinnerte mich genau, wie er es mir erzählte und ich so lange weinte, bis mir die Luft wegblieb. Die Ärzte meinten allerdings, es wäre aufgrund einer chronischen Bronchitis entstanden. Einmal, als ich mich beim Sport während eines Sprints völlig verausgabte, war ich im Krankenwagen mit einer ins Gesicht gedrückten Sauerstoffmaske wieder zu mir gekommen. Ein anderes Mal, ich war dreizehn und hatte meine erste Zigarette auf Lunge geraucht, dachte ich, sterben zu müssen. Meine mitrauchende Freundin lief schreiend davon, zum Glück fand ein mitfühlender Passant schließlich in meinem Schulranzen das Spray. Meistens hatte ich mein Spray in Reichweite. Als ich mitten in der Pubertät steckte, bekam meine Stiefmutter bei einem meiner Asthmaanfälle Panik und schlug mir ins Gesicht. Sie hoffte wohl, ich würde damit irgendwie reloaden. Ich hatte ihr die Aktion nicht übel genommen und folgsam weitergeatmet.
   Jetzt musste Frank miterleben, wie ich mich an der Lehne eines Stuhles festhielt und nach Luft schnappte. Wie ich seinetwegen elendig vor die Hunde ging. In meinen Ohren begann es zu summen, erste Anzeichen einer bevorstehenden Ohnmacht. Frank hatte schon häufig meine Asthmaanfälle miterlebt, darum wusste er, was zu tun war. Er fand das Spray in meiner Handtasche und drückte es mir in die Hand. Als ich wieder Luft bekam, kam ich mir klein und hässlich vor und ließ es zu, dass er mich in den Arm nahm und mir tröstend übers Haar strich.
   Fünf Jahre hatte ich mit ihm zusammengearbeitet, für die Firma gelebt, mitgeholfen, sie erfolgreich zu machen. Ich war die mit den Sprachkenntnissen, dem Gespür für Angebote und Preise. Ohne mich hätte er sein bescheuertes Boot nicht kaufen können.
   »Bitte versuch, mich zu verstehen. Mir geht es wie dir, wenn du dein Asthma hast, ich bekomme keine Luft mehr. Ich habe das Gefühl, zu ersticken, wenn ich in meinem Büro sitze, Zahlen vergleiche, Angebote prüfe, mit China oder Russland verhandle. Sieh dich doch nur um, willst du nicht auch hier raus, aus dieser Enge?«
   Ich versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Als ich in diese Wohnung eingezogen war, zum ersten Mal ganz für mich allein und selbstständig, war ich dankbar, glücklich gewesen. Jetzt war es nur noch ein dunkles Loch.
   »Meine süße, kleine Elisa.« Er drückte mich an sich und vergrub sein Gesicht in meinen Haaren. »Du bist doch zu so viel fähig, du kannst viel mehr, als du dir zutraust.« Er ließ mich los und sah mich bittend an. »Ich bin in einem Alter, in dem ich diese Chance ergreifen muss. Vielleicht meine letzte. Verstehst du das?«
   In seinem Gesicht lag ein ungewohnt leidenschaftlicher Ausdruck, und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass ich ihn all die Jahre nicht richtig gekannt hatte. Hinter seiner ruhigen und gefassten Fassade hatte eine sehnsuchtsvolle Trauer gesteckt. Die war verschwunden, und er schien glücklich zu sein. Mir kam er vor wie ein Fremder.
   Trotz des Alkohols in meinem Kopf wurde mir klar, wie entschieden sich mein Leben ändern würde. Er war mein Halt gewesen, die einzige Person, der ich in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren, nach dem Tod meiner Mutter, wirklich etwas bedeutet hatte. Was hatte es für einen Zweck, jemanden, der so unglücklich mit seinem bisherigen Leben – und mir – war, zu überzeugen, wichtiger als eine Weltreise zu sein? Ich versuchte es erst gar nicht.
   Frank fragte nicht, ob ich ihn begleiten wollte. Ich hoffte es bis zum Schluss. Zwei Monate später startete er mit seinen Freunden in die Südsee, nachdem die Verträge zur Übergabe der Firma durch die Anwälte geprüft und abgeschlossen worden waren. Ich arbeitete bei Hansen Im- und Export GmbH & Co. KG weiter. Tagaus, tagein. Einige meiner Kollegen warfen mir schadenfrohe Blicke zu. Mein Verhältnis mit dem Chef schien ihnen doch nicht egal gewesen zu sein. Ich vergrub mich in Arbeit, und manchmal, wenn es draußen ungemütlich und kalt war – und innen genauso – fragte ich mich, unter welcher Palme er wohl jetzt gerade lag.
   Frank hatte mir bei seinem Abschied einen großen, gepolsterten Umschlag gegeben und dabei aufmunternd gelächelt. Ich hatte ihn ungeöffnet zur Seite gelegt und danach hartnäckig ignoriert. Ich wollte Frank vergessen. Den Schmerz vergessen, den er mir bereitet hatte.

Es war ein gewohnt trostloser Tag, draußen tobte ein kalter Herbststurm. Der Wind heulte, Regen schlug in heftigen Böen an die Fenster, Äste knallten aufs Dach und auf dem Balkon unter mir schlug ein Windspiel lärmend gegen die Hauswand. Ich hatte den Fernseher eingeschaltet. Die Nachrichten deprimierten mich, die kitschige Familienserie deprimierte mich, der amerikanische Liebesfilm deprimierte mich. Ich ließ die Sendung über das Leben von Igeln eingeschaltet. Igel waren wie ich, unattraktiv, unantastbar, einsam. Keiner scherte sich darum, wenn ein zerquetschter Igelkörper auf der Straße lag. Das war der Moment, in dem ich den Umschlag hervorholte, mich an den kleinen Esstisch setzte, und ihn öffnete. Die weißen Segel der Polyantha ließen sie wie eine Wolke inmitten der aufgewühlten See erscheinen. Wahrscheinlich hatte man sie von einem Beiboot aus fotografiert. Sie sah würdevoll und erhaben aus. Noch immer schien sie wie eingefroren. Ich hielt das Bild etwas von mir. Ihre Spitze deutete genau auf mich und es wirkte, als ob sie ungeduldig darauf warten würde, endlich ins Leben zurückkehren zu können. Das Bild hatte Frank viel bedeutet. Aber wer konnte sich schon über die Gefühle anderer sicher sein? Eine Zeit lang hatte ich mir eingebildet, ihm auch viel bedeutet zu haben.
   Ich drehte die Fotografie um und las zum wiederholten Mal die Nachricht, die er darauf geschrieben hatte.

Liebe Elisa!

Ich überlasse dir die Fotografie, woran du erkennst, wie wichtig du mir bist und immer sein wirst. Ich möchte, dass die Polyantha dein Leben genauso verändert, wie sie meines verändert hat. Sie ist mehr als nur ein Schiff. Sie bedeutet Freiheit und Klarheit. Ich wünsche mir, dass du die gleichen wundervollen Erfahrungen machst wie ich. Das Schiff gehört der AFTF, der American Friends of Tall-ships Foundation. Sie nimmt jedes Jahr eine begrenzte Anzahl an Trainees aus aller Welt auf. Ruf die Nummer an und frag nach Bruce Campbell, er wird sich an mich erinnern. Wage das Abenteuer, Elisa, und finde dich selbst! Du bist immer in meinem Herzen.

Frank

Ich dachte lange darüber nach, ob ich verstand, was Frank mir sagen wollte. Immer wieder hörte ich seine Worte, ob ich nicht auch hier herauswolle, aus dieser Enge. Plötzlich erschien mir die Wohnung unerträglich klein und ich hatte das intensive Bedürfnis, dem Ganzen zu entkommen. Aber auf einem Großsegler mitzufahren? Ich mochte tiefes Wasser nicht, hatte sogar ein wenig Angst davor, und mein Fernweh hatte sich immer in Grenzen gehalten. Abgesehen von Sprachferien in England und Frankreich war ich noch nicht groß herumgekommen.
   Ich war mir keineswegs sicher, das Richtige zu tun, als ich spät in der Nacht zum Telefon griff, mein Herz mir bis zum Hals schlug, und ich die Nummer in Amerika wählte. Als Fremdsprachenkorrespondentin war die Sprache nicht das Problem, ich konnte mich mühelos auf Englisch und Französisch unterhalten. Aber wie würde sich mein Leben ändern, wenn ich mit Bruce Campbell gesprochen hatte? Auf was würde ich mich einlassen? War das alles gut durchdacht?
   Erst bekam ich seine Sekretärin, dann ihn selbst an den Apparat. Atemlos erklärte ich, ein gewisser Frank Vossberg hätte mir seine Nummer gegeben. Ein paar Sekunden herrschte Stille. »Frank Vossberg, solche Überraschung!« Bruce Campbell sprach ein lang gezogenes Amerikanisch. »Wie geht es meinem alten Freund?«
   Ich erzählte kurz, dass er vermutlich gerade in der Südsee herumsegelte, und Campbell lachte schallend in den Hörer. »Wirklich? Ja, ich erinnere mich, ihn hat das Segeln richtig gepackt. Er hat alles aufgegeben? Mutiger Mann.«
   Dämlicher Mann. Ich trug mein Anliegen vor. Campbell machte wieder eine Pause, dann fragte er, ob es unbedingt die Polyantha sein müsste, es wäre ziemlich schwierig, dort einen Platz zu bekommen.
   »Ja, unbedingt«, antwortete ich und betrachtete das Bild vor mir. Die Polyantha wartete auf mich. Er versprach, sein Bestes zu tun, um mir einen Platz als Trainee auf der Polyantha zu verschaffen, wusste aber nicht, wie lange es dauern würde. Ich verstand nicht, was daran schwer sein sollte, bedankte mich aber freundlich. Etwa zwei Wochen später, ich hatte mich mit meinem Schicksal abgefunden, für immer und ewig im kalten Hamburg aushalten zu müssen, fand ich einen dicken Umschlag eingequetscht in meinem Briefkasten. Aufgeregt verteilte ich die Prospekte und Formulare auf dem Esstisch. Eine Fahrt als Trainee auf der Polyantha dauerte zwei Monate und kostete einen Haufen Geld, für mich jedenfalls, obwohl es eigentlich günstig war, wenn man bedachte, dass Vollpension und alle Gebühren für die Landaufenthalte darin inbegriffen waren. Außerdem war ein zweimonatiger Aufenthalt in der Karibik natürlich etwas Besonderes. Andererseits musste man dafür ordentlich mit anpacken. Dort stand, man nahm an Wachschichten teil, half beim Segeln, arbeitete in der Backschaft und dem Reinschiff – keine Ahnung, was das war. Ich füllte die Formulare aus, machte großzügig Kreuze bei allen Gesundheitsfragen, schließlich hatte mir Seeluft schon immer gut getan, und schickte alles am nächsten Tag zurück, Richtung Amerika.
   Erstaunlicherweise fiel es mir leicht, einen Termin bei meinem Personalchef zu machen, einem heftig schielenden Mann mit eingefrorenem Lächeln, und ihm meine Kündigung zu überreichen. Dass er mich für verrückt hielt und gleich zweimal nachfragte, ob ich mir das richtig überlegt hätte, verunsicherte mich zwar, aber ich blieb bei meiner Entscheidung. Es war, als ob ich wie von fremder Hand gesteuert wurde, und ich fand es toll, dass die zaghafte Elisa vor einem neuen Leben stand. Einem tollen, glücklichen, abenteuerlichen Leben.
   Als ich meinen Schreibtisch aufräumte, zum letzten Mal durch die altmodische Eingangshalle der Spedition ging und Franks Stimme zu hören glaubte, kam die alte Unsicherheit durch. Ich war kein risikofreudiger Mensch. Alles, was Veränderungen brachte, machte mir Angst. Was mich zu diesem seltsamen Schritt bewegte, war mir selbst nicht klar. Ich beruhigte mich, dass ich bei meinen Qualifikationen bestimmt kein Problem haben würde, einen neuen Job zu finden, später, wenn ich wieder da war. Ich buchte einen Flug von Hamburg nach Paris und von dort nach Martinique, wo die Polyantha auf ihre neuen Trainees warten würde und schrieb eine Liste, was ich alles für den Törn besorgen musste: Pass, Asthmaspray, T-Shirts, Sonnencreme, MP3-Player … Als ich den alten Rucksack aus dem Schrank holte, legte ich als Erstes das Foto der Polyantha hinein. Ich gab meine wenigen Blumen der Nachbarin, leitete meine Post in ein Postfach um, stellte Heizung, Strom und Wasser ab und fuhr kurz nach Neujahr mit der U-Bahn zum Flughafen. Voller aufgeregter Vorfreude stieg ich in einen kleinen Flieger nach Paris und von dort ging es mit einer großen Urlaubsmaschine weiter Richtung Karibik.
   Das war vor zwei Wochen gewesen. In der Zwischenzeit war unglaublich viel Großartiges, Aufregendes und Schreckliches passiert. Was hätte ich gemacht, wenn Philippe mich nicht gefunden und mitgenommen hätte? Er war ganz anders als Fleming. Der eine war charmant und fühlte sich von mir angezogen, der andere war mürrisch und konnte mich nicht ausstehen.
   Ich fiel in einen unruhigen Traum. Ich rannte vor Fleming davon, versteckte mich, aber er fand mich, legte rasend vor Wut die Hände um meinen Hals und drückte zu. Keuchend wachte ich auf. Was für ein Albtraum. Danach konnte ich nicht wieder einschlafen und wälzte mich grübelnd von einer Seite zur anderen.
   Wenn ich gewusst hätte, was mich auf der Polyantha erwartete, wäre ich dann trotzdem auf das Schiff gekommen? Ich dachte an den besonderen Moment, in dem ich zum ersten Mal gespürt hatte, wie die Polly fast geräuschlos, nur durch die Kraft des Windes, durchs Wasser glitt, und an das seltsam vertraute Gefühl, als ich zum ersten Mal das Schiff betreten hatte.

Kapitel 2
Zwei Wochen vorher

Wie ein vornehmer Schwan schaukelte sie im Hafenbecken. Es war sonderbar, denn sie kam mir vertraut vor, als ob ich sie seit Jahren kennen würde. Vorn am Bug stand mit schlichter Schrift ihr Name. Polyantha.
   Ich war viel zu spät. Erst hatte der Flieger in Paris Verspätung, dann hing ich am Zoll fest und schließlich hatte ich das Gefühl, der Taxifahrer fuhr viele Umwege, um mich ordentlich abzukassieren.
   Je näher ich dem Schiff kam, umso langsamer wurden meine Schritte. Die glatte, weiße Außenwand war hoch, überhaupt fand ich die Polyantha aus der Nähe betrachtet riesig, richtig einschüchternd. Die amerikanische Flagge und die von Martinique flatterten träge an einem Mast. Neben mir blieb eine Gruppe Urlauber stehen, Amerikaner, die bewundernde Kommentare über den Aufbau des Schiffes, die Decks und Masten abgaben. »Großartiges Schiff, ein Dreimaster, sieht man nicht alle Tage.«
   »Polyantha, ungewöhnlicher Name. Ich würde sie mir gern näher ansehen. Schade, dass es nicht möglich ist!« Sie gingen weiter, ich nahm meinen Rucksack und machte mich auf, über die Gangway an Bord zu gelangen.
   Ein junger Mann in dunkelblauen Shorts und gleichfarbigem T-Shirt stellte sich mir in den Weg. »Sorry, der Zugang ist nicht gestattet.«
   Unsicher blieb ich stehen. »Ich bin Elisa Hartung, aus Deutschland, und bin ab heute Trainee auf der Polyantha.«
   Der Matrose musterte mich abschätzend, grinste und machte Platz. »Na dann, willkommen an Bord. Wende dich da drüben an Andy, er wird sich um dich kümmern.« Er deutete auf einen Mann, der mit dem Rücken zu mir auf einem der oberen Decks stand, und sich mit einem zweiten, größeren Mann unterhielt.
   Als ich meinen ersten Schritt auf das Holzdeck der Polyantha machte, streifte ein Luftzug meinen Arm. Es kam mir vor, als hätte mich etwas berührt, etwas nach mir gegriffen. Auf Martinique war es ungewohnt warm und schwül, ich war noch viel zu dick angezogen, eigentlich gab es keinen Grund für meine Gänsehaut. Ich stellte meinen Rucksack ab und schlang fröstelnd die Arme um mich.
   Richtung Bug gab es einen Aufbau, der sich bis zur Spitze durchzog. In der anderen Richtung, zum Heck, war ein weiteres Deck, auf dem sich das große Steuerruder befand und wahrscheinlich die Kommandobrücke lag. Überall, so schien es, gab es Luken, Türen und Treppen nach oben oder unten und Durchgänge zwischen den Decks und der Reling. Aber am meisten beeindruckten mich die unzähligen, scheinbar wahllos verlaufenden Seile. Es schienen an die hundert oder noch mehr zu sein. Sie kamen von überallher, hingen herum und waren an irgendwelchen Halterungen, die wie Kegel aussahen, festgemacht. Unfassbar, dass die jemand auseinanderhalten konnte. Das Chaos wurde durch steil in die Höhe gehende Treppen aus Seilen komplett gemacht. Ich hob den Kopf und sah an den Masten hoch, wo sich ein Gewirr aus Querstangen mit zu Bündeln gerafften Segeln gegen den Himmel abzeichnete. Wie hoch die wohl waren, überlegte ich.
   Das hier war die Realität.
   Ich fühlte mich eingeschüchtert und wünschte mir fast, mich mit dem Bild der Polyantha begnügt zu haben, mit der Vorstellung dieses weißen Traums. Doch jetzt war ich nun mal da, ein Zurück gab es nicht mehr.
   Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Rücken dieses Andys zu, als ich den Blick des anderen, dunkelhaarigen Mannes auffing. Er lehnte über das Geländer und wir sahen einander geradewegs in die Augen. Unsicher machte ich ein paar Schritte auf ihn zu und entdeckte auf den Schultern seines Hemdes einige Streifen. Vielleicht war er der Kapitän dieses Schiffes, selbstbewusst genug sah er jedenfalls aus. Seltsam, wie er mich anstarrte. Als ob er einen Geist sah. Ratlos blieb ich stehen. Sollte ich nach oben gehen, warten oder rufen?
   Endlich richtete sich der Dunkle zur vollen Größe auf und sagte etwas zu Andy, der sich daraufhin in meine Richtung drehte. Erleichtert stellte ich fest, dass er viel freundlicher und sympathischer wirkte als der Dunkle, der zum Glück verschwand.
   Andy kam zu mir herunter und lachte freundlich. »Du bist bestimmt unser deutscher Trainee, willkommen an Bord. Ich bin Andy Doyle, der Schiffsarzt.« Er war etwa Mitte vierzig, nicht sehr groß und trug eine kleine, runde Brille. Einen Moment betrachtete er mich mit dem aufmerksamen Blick eines Arztes und wirkte, als wäre er unschlüssig, ob er mich bereits kannte. »Bist du schon mal gesegelt?«
   Ich schüttelte den Kopf und deutete um mich. »Ich hoffe, dass ich alles schnell begreife. Das sieht ziemlich verwirrend aus.«
   »Reine Übungssache.« Andy lachte. »Die anderen Trainees sind alle an Bord, wir haben nur auf dich gewartet. Solltest du nicht schon vor zwei Stunden ankommen?«
   »Tut mir wirklich sehr leid.« Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen. »Der Flug hatte Verspätung, ich bin gleich nach der Landung hergekommen.«
   »Das passiert, mach dir keine Gedanken, du kannst ja nichts dafür. Ich denke, wir werden heute trotzdem noch auslaufen.« Er zeigte auf eine Tür. »Dann zeige ich dir mal deine Kajüte.«
   Er ging voraus, eine steile Treppe nach unten, einen schummrigen, sehr engen Gang entlang, an dessen Wänden überall Hinweise und Pfeile für Notfälle hingen. Eine schmale Tür reihte sich an die nächste, besonders groß konnten die Räume dahinter nicht sein.
   Die Kabine war wirklich sehr klein. Links und rechts gab es zwei Etagenbetten, dazwischen ein winziges Bullauge, das nur spärlich Licht in den Raum einfallen ließ. Es gab einen kleinen Klapptisch mit zwei Hockern und gleich neben der Tür vier schmale Spinde, über denen gerade genug Platz war, leere Rucksäcke zu verstauen. Die beiden oberen Kojen waren bereits belegt, wie man an dem Durcheinander darauf erkennen konnte. Sie waren sehr schmal und hatten an der vorderen Seite kleine Erhöhungen, wahrscheinlich, damit man bei Seegang nicht hinausfiel. Für die Privatsphäre gab es zurückgebundene Vorhänge.
   »Nicht sehr komfortabel«, gab Andy zu. »Aber du hast Glück, die Kabine wird im Moment nur von dir und zwei anderen Frauen belegt. Saskia kommt aus Holland. Sie ist sehr nett. Und der andere Trainee aus Australien auch. Unsere vierte Frau musste kurzfristig absagen, hat sich das Bein gebrochen. Tja, wirklich Pech. Meistens warten unsere Trainees viele Monate, sogar Jahre, um einen Platz auf der Polly zu bekommen. Ich denke, in ein paar Tagen kommt Ersatz für sie. Also seid ihr nur zu dritt, vorerst.«
   Ich stellte meinen Rucksack zwischen den Betten ab, womit der Raum voll war, und ging mit Andy wieder hinaus. Er zeigte mir die Toiletten und Duschen, die immer nach zwei Kabinen auf dem Gang zu finden waren, und gab mir den Rat, auszupacken und an Deck zu kommen. Vor dem Abendessen wollte der Kapitän die Neuen begrüßen und sie in ihre Wachschichten einteilen.
   Auf dem Weg zurück an Deck verlief ich mich. Die Gänge und Treppen waren verwirrend, und nach mehreren Minuten in den engen, dunklen Fluren geriet ich in Panik. Ein kleiner Asiat kam mir entgegen. Mit hastigen Schritten und tief nach unten geneigtem Kopf, wäre er fast über mich gestolpert. Höflich fragte ich nach dem Weg nach oben, woraufhin er einen Haufen unverständlicher Wörter von sich gab, wild mit den Armen fuchtelte und sich schließlich an mir vorbeischlängelte und verschwand. Ich blickte ihm verblüfft hinterher, genauso schlau wie vorher. Schließlich kam ich woanders, viel weiter vorn, wieder an Deck. Ich sah einige Liegestühle und eine kleine, mit einem Segel überdachte Bar und konnte mir gut vorstellen, bei strahlendem Wetter von dort die Aussicht zu genießen.
   Weiter vorn stand eine Gruppe von etwa einem Dutzend Menschen. Sie hatten sich vor dem Aufbau versammelt, auf dem vorhin Andy und der andere gestanden hatten. Auf den Stufen des schmalen Aufgangs blickte der Dunkle abwartend auf die Gruppe. Auch aus der Nähe betrachtet gewann er kaum Sympathiepunkte dazu. Er wirkte streng, hatte ein herbes, braun gebranntes Gesicht mit tief liegenden Augen und sehr kurze, dunkle Haare. Ich schätzte ihn auf Ende dreißig, Anfang vierzig. Er stellte sich als Kapitän Sean Fleming vor und bedankte sich, dass auch die letzten Trainees endlich hergefunden hatten. Ich hatte das Gefühl, alle starrten mich an und versuchte, mich möglichst klein zu machen.
   Er war unüberhörbar Engländer, sprach mit geübter, autoritärer Stimme, begrüßte uns und erklärte, aus welchen Ländern wir angereist waren. Ich hörte staunend zu. Die Niederlande, Frankreich, Polen, Japan, Schweden, Österreich, Australien, Südafrika und die USA. Die reinste Arche Noah.
   »Und aus Deutschland«, fügte er nach einer winzigen Pause hinzu. »Die Umgangssprache an Bord ist Englisch. Die AFTF hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen jeden Alters und jeder Nation durch das Segeln zusammenzuführen und damit einen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten.«
   Ich blickte mich um und fragte mich, ob sich außer mir noch jemand von diesem Mann eingeschüchtert fühlte. Doch alle blickten aufmerksam auf den Redner. Eine kräftige junge Frau mit kurzen roten Haaren bekam das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Der Kapitän stellte die anwesenden Besatzungsmitglieder vor, erklärte die Reiseroute und erzählte von einer Regatta, an der die Polyantha in etwa drei Wochen teilnehmen würde. Schließlich sprach er von der Polyantha selbst und seine Stimme wurde weicher. Er erklärte, was es Besonderes mit diesem Schiff auf sich hatte und wer es wann und wo gebaut hatte, wies auf die Takelage hin, wie viel Knoten sie machte und wie viel Quadratmeter Segelfläche es gab.
   Ich versuchte mir alles genau einzuprägen, fühlte mich aber schließlich verwirrt. Neben mir stand ein wie gebannt zuhörender, schmächtiger junger Mann, bestimmt kaum älter als zwanzig Jahre.
   »Kannst du noch folgen?«, fragte ich flüsternd.
   Er wandte den Kopf. »Ich hab mich vorher genau über die Polyantha im Internet informiert«, raunte er.
   »Ach so.« Ich konnte mir ein Auflachen nicht verkneifen, er hatte so einen breiten österreichischen Dialekt. »Ich bin Elisa.«
   »Tobias.«
   »Deutschland.«
   »Österreich.«
   Wir hatten nicht mitbekommen, dass der Redner eine Pause eingelegt hatte. »Irgendwelche Unklarheiten?« Der Kapitän blickte kühl auf uns herunter. Alle drehten sich in unsere Richtung. Hochrot beeilten wir uns, die Köpfe zu schütteln.
   »Schön, wenn es keine Fragen gibt, können wir ja fortfahren.«
   Meine Stimmung sank auf einen Tiefpunkt. Ich war müde, verwirrt und hungrig, und der mürrische Kapitän schien mich nicht zu mögen.
   Er erklärte die Regeln, die an Bord herrschten, was erlaubt, was erwünscht und was absolut verboten war. Erlaubt sei natürlich das Segeln und erwünscht das gute Miteinander. »An Bord eines Segelschiffes kann man nur im Team arbeiten, und es ist unbedingt nötig, sich aufeinander verlassen zu können. Egal, wie eure Segelvorkenntnisse sind, ihr alle werdet das Segelhandwerk lernen.« Er räusperte sich. »Früher oder später zumindest. Einiges ist auf der Polly aber strikt verboten.« Es kam mir vor, als blickte er geradewegs in meine Richtung. »Niemand steigt ohne meine Erlaubnis ins Rigg, in die Masten. Wenn jemand nach oben geht, nur gesichert und in Begleitung.«
   Ich schielte nach oben und verspürte nicht den geringsten Wunsch, hinaufzuklettern.
   »Das Schlimmste, was an Bord eines Schiffes passieren kann, ist Feuer.« Er machte eine bedeutungsschwere Pause. »Darum wird hier nur an einer bestimmten Stelle an Deck geraucht. Wenn es denn sein muss. Wenn ihr in der Kombüse arbeitet, achtet darauf, dass ihr nichts in Brand steckt.« Obwohl einige Trainees leise lachten, verzog Fleming keine Miene. »Es gibt an Bord keinen Swimmingpool, weder für euch noch für die Gäste. Ihr befindet euch zwar auf einem modernen Segelschiff, aber wir sind kein Kreuzfahrtschiff.« Er spie das Wort Kreuzfahrtschiff geradezu aus. »Wir haben an Bord eine moderne Wasseraufbereitungsanlage, trotzdem gilt für die gesamte Besatzung, höchstens einmal am Tag duschen – und zwar kurz.«
   Er kam zu den Gästen und schilderte, wie viele an Bord Platz hätten und wo sie untergebracht seien. Er machte eine kurze Pause und blickte mich an. Obwohl ich mir sicher war, keinen Laut von mir gegeben zu haben, wich ich seinem stechenden Blick aus. »Unsere Gäste sind keine Pauschaltouristen«, fuhr er fort. »Die meisten sind Mitglieder oder Angehörige von Mitgliedern der AFTF, das heißt, sie bezahlen den ganzen Betrieb hier. Oder es sind Menschen mit einer großen Segelleidenschaft, die sich den Luxus leisten können, auf der Polyantha mitzusegeln.«
   Er erläuterte das Wachprinzip und wies auf eine wichtige Rettungsübung am nächsten Tag hin. »Die Einteilung nimmt Mr Lockhard vor, er wird euch auch euren Tagesablauf erklären.« Er warf einen prüfenden Blick über unsere Köpfe und lächelte tatsächlich zum ersten Mal, wenn auch nur kurz. »Ich wünsche euch eine schöne Zeit auf der Polyantha.«
   Ein großer, bulliger Typ stellte sich neben den Kapitän. Es gab drei Wachschichten und die dazugehörigen Steuermänner Bains, Henry und er selbst, Lockhard. Er zückte eine Liste und verkündete, er würde die elf Trainees jetzt in ihre Wachmannschaften einteilen. Zuerst kam die zweite Wache dran, von Mitternacht bis vier Uhr morgens und noch einmal von zwölf bis sechzehn Uhr nachmittags, unter Mr Bains’ Führung. Ich sah mich nach jemandem um, der wie ein Mr Bains aussah. Dabei fiel mir ein etwas abseits an der Reling stehender älterer Mann auf, dessen starrer Blick genau auf mich gerichtet war. Er hatte wirre, graue Locken und einen Rauschebart, der bis zu den Augenbrauen zu wachsen schien. Das, was man von seinem Gesicht noch sehen konnte, war braun und wie gegerbt. Es kam heute zum zweiten Mal vor, dass man mich anstarrte. Ich fühlte mich langsam wie ein Alien.
   Mr Bains trat vor. Er war ein untersetzter Mann Ende fünfzig, mit einem gutmütigen Lächeln um den Mund. Lockhard kniff die Augen zusammen, er schien Probleme mit dem Namen zu haben. »Mimi… mi… a… mimos Mimose?« Der Rest wurde zu einem undeutlichen Nuscheln. Der betreffende Trainee, offensichtlich der Japaner, quälte sich ein Lächeln ab und senkte ein paar Mal ergeben den Kopf.
   »Terry Sheldon.« Lockhard sah triumphierend auf. Geht doch, schien sein Blick zu sagen. Zwei weitere Namen folgten. Henrys Schicht war die nächste. Lockhard deutete kurz auf den bärtigen Mann, der mich unheimlich angestarrt hatte. Die Arbeitszeiten der dritten Wache fand ich angenehmer als die der zweiten. Sie ging von acht bis zwölf Uhr vormittags und noch einmal von zwanzig bis vierundzwanzig Uhr nachts.
   »Eliza …« Bevor er weitersprechen konnte, trat der Kapitän vor, der bis dahin stumm zugehört hatte, und raunte ihm etwas zu. Lockhard lauschte und nickte. »Matthew Langton.«
   Ein kräftiger Mann in den Vierzigern hob die Hand. Was war mit mir? Ich sah unsicher in die Runde, aber keiner beachtete mich. Der Kapitän warf einen letzten Blick auf uns und verschwand.
   Lockhard hielt sich inzwischen das Papier dicht vor die Nase und starrte lange drauf. »Dscherom Thi…« Er räusperte sich. »Thi… ba… bau.«
   »Thibaudeau«, half der Betreffende erstaunt. »Jerome Thibaudeau. Ganz einfach.« Der Franzose war nicht sehr groß, sehnig, mit etwas zu langen, dunklen Haaren und einem sensiblen Mund. Lockhard brummte etwas und ging zum nächsten Namen über. »Saskia Ch… Schoon… hoven.«
   Ich sah mich um. War das die grauhaarige magere Frau, drei Trainees weiter, oder die rothaarige jüngere, ganz vorn? Mehr Frauen konnte ich nicht entdecken. Die Rothaarige lachte.
   Dann kam Lockhards erste Wache, von vier bis acht Uhr morgens und sechzehn bis zwanzig Uhr abends. Lockhard begann zu schwitzen. »Tobias G… G… hm… einer.« Die Gruppe kicherte. »Gmeiner.« Tobias senkte verlegen den Kopf.
   Bei den nächsten zwei Namen hatte Lockhard keine Probleme und als letzte kam ich endlich an die Reihe. »Eliza Hartung.« Er sah sich suchend um. Zaghaft hob ich die Hand. Er starrte mich an und sein Gesicht verdüsterte sich. Klar, ich hatte wieder den unangenehmsten Steuermann erwischt. Die Versammlung wurde aufgehoben, ich blieb unschlüssig stehen.
   Noch lag die Polyantha im Hafen. Noch konnte ich aussteigen.
   »Hi, ich bin Saskia.« Die Holländerin blieb vor mir stehen. Sie hatte eine aufregend rauchige Stimme, war vielleicht Ende zwanzig, also etwas jünger als ich, von kräftiger Statur und mit einer frischen Gesichtsfarbe. Ihre kurzen Haare waren knallrot gefärbt und ich zählte vier Löcher in jedem Ohr und ein Nasenpiercing.
   »Du bist die Deutsche, auf die alle gewartet haben? Hatte dein Flieger Verspätung? Echt blöd, wenn man so einen Anfang hat. Die Mannschaft scheint super zu sein. Von denen kann man bestimmt viel lernen. Ich bin echt gespannt.«
   »Ich wäre lieber in einer anderen Wache.« Tobias, der bei uns stehen geblieben war, wirkte bekümmert. »Dieser Lockhard sieht gefährlich aus.«
   »Ich finde den Kapitän viel unangenehmer«, sagte ich.
   Saskia blickte mich verwundert an. »Ehrlich? Ich finde ihn toll. Wer so ein riesiges Schiff kommandieren darf, muss ein super Seemann sein.«
   Das war wohl so. Trotzdem fand ich ihn Furcht einflößend.
   »Wir werden bestimmt nicht viel mit ihm zu tun haben.« Sie schien das zu bedauern. »Eher mit unseren Steuermännern.«
   »Eben.« Tobias warf mir einen schnellen Blick zu. »Schön, dass wenigstens du in meiner Wache bist.« Er wäre bestimmt gern mit uns zur Frauenkajüte gegangen. »Ich bin weiter hinten untergebracht. Mit drei anderen Trainees. Der Japaner scheint ganz nett zu sein.« Seine Stimme war leise. »Wir sehen uns später, nicht?«
   Saskia führte mich zielsicher durch die Gänge zu unserer Kabine. »Bist du schon mal gesegelt?«, fragte sie.
   »Nur einmal, auf der Außenalster, in Hamburg. Und das Boot war so groß.« Ich breitete die Hände auseinander, bis ich gegen die Wände des Ganges stieß. Damals hatte mich Frank zu dem sonnigen Segeltrip auf der Alster überredet. Das war noch am Anfang seiner Segelkarriere gewesen und dementsprechend wacklig war die Fahrt auf der kleinen Jolle verlaufen.
   Während sie mich durch die Gänge führte, plauderte Saskia von ihren Segelerlebnissen auf dem Ijsselmeer. »Aber dieses Schiff, die Polyantha, ist total abgefahren. Du hättest mal den Freudentanz sehen sollen, als ich endlich die Zusage bekommen habe. Fast zwei Jahre habe ich darauf gewartet.« Vor unserer Kabinentür blieb sie stehen. »Terry und ich sind vorgestern mit demselben Flieger angekommen.« Ihre Stimme wurde etwas leiser. »Sie spricht nicht viel, ist ein bisschen speziell. Ich habe rausbekommen, dass ihr Mann vor einigen Monaten an Krebs gestorben ist. Sie ist ziemlich durch den Wind. Also müssen wir sie ein bisschen aufmuntern, okay?«
   »Okay.« Eine depressive Mitreisende und ein plappernder Samariter. Das war nicht unbedingt, was ich mir als Reisebegleitung erhofft hatte.
   Als wir eintraten, war Terry damit beschäftigt, auf ihrem Bett Ordnung zu schaffen. Saskia stellte uns vor. Terry aus Australien war das genaue Gegenteil von Saskia. Still, traurig und farblos. Sie wirkte verhärmt, und ich hatte keine Idee, weswegen jemand wie sie auf die Polyantha kam. Was suchten diese Menschen an Bord? Ablenkung, Abenteuer, Romantik, Selbstmordmöglichkeiten?
   Was suchte ich auf der Polyantha? Freiheit und Klarheit, hatte Frank versprochen. Hoffentlich behielt er recht. Ich könnte ihn etwas besser in Erinnerung behalten.
   Bevor wir zum Abendessen gingen, verfolgten wir an Deck das komplizierte Ablegemanöver. Noch brauchten wir nicht mit anzufassen, wir hätten wahrscheinlich mehr im Weg herumgestanden, als nützlich zu sein. Ich jedenfalls. Saskia juckte es in den Fingern, sie wollte unbedingt mithelfen und verschwand ans hintere Ende des Schiffes, während Terry stumm neben mir stehen blieb. Die Kommandos der Brücke hallten übers Schiff, langsam bewegte es sich vom Anlegesteg weg. An Land standen Menschen, einige winkten, andere halfen, die dicken Seile zu lösen.
   Zuerst fuhren wir unter Motor, aber als wir den Hafen verlassen hatten, begann die Crew, die Segel zu setzen. Fasziniert sah ich zu, wie die Mannschaft hoch über mir auf den Masten turnte und die Segel löste. Als sie sich öffneten und vom Wind eingefangen wurden, sich aufbauschten und das Schiff vorantrieben, war ich restlos begeistert. Geräuschlos, bis auf das leise Pfeifen des Windes und das Knarren der Masten, machten wir Fahrt. Ich blickte zurück auf Martinique, die Insel wurde in der Abenddämmerung kleiner und kleiner. Das Wasser um uns herum glänzte im Rot der untergehenden Sonne, nur kleine Wellen schwappten gegen die Außenwand. Ich wusste nicht, welchen Kurs wir nahmen, wohin die Reise ging, doch ich hatte das Gefühl, genau hierher, auf die Polyantha, zu gehören.

Auf dem Weg zum Abendessen trafen Saskia, Terry und ich auf Tobias. Er tat mir leid, denn er wirkte genauso verloren wie ich und schloss sich uns dankbar an. Während ich sofort wieder die Orientierung verlor, führte Saskia uns zielsicher durch das Labyrinth von Gängen. Die Mannschaftsmesse lag auf dem Hauptdeck, darunter, auf dem Zwischendeck, befanden sich unsere Kajüten und das oberste Deck, das Sonnendeck, war für die Gäste reserviert. Bedauernd dachte ich an die Liegestühle, die wohl nicht für mich in Betracht kamen.
   In der vollen Mannschaftsmesse herrschte lautes Stimmengewirr.
   »Wegen der verschiedenen Wachen gibt’s abends keine festen Essenszeiten«, erklärte Saskia und trat selbstbewusst ein. »Sonst würden hier nicht alle reinpassen.« Die vier länglichen Tische waren fast alle besetzt, nur vorn am Eingang gab es noch ein paar freie Plätze.
   Ich sah mich um. Überall hingen Bilder, manche zeigten die Polyantha, andere das Meer, tropische Inseln oder Menschengruppen, die in die Kamera winkten. Es gab Regale mit Büchern, eine Musikanlage und einen an der Wand befestigten Fernseher. Auf einer Seite befand sich die Essensausgabe mit einem Tresen. Ein Asiat – vielleicht derselbe, der mir vorhin über den Weg gelaufen war - oder ein anderer, stand dahinter und bediente einen Aufzug, füllte Geschirr und Essen nach.
   Die anderen stellten sich sofort in die Schlange am Buffet. Ich war viel zu aufgeregt, um zu essen, und nahm erst mal Platz. Einen Tisch weiter erkannte ich die Gesichter einiger Trainees von vorhin, manche waren fertig und im Begriff, aufzustehen. An meinem Tisch saßen ein paar stille, herbe Typen, bestimmt alles Crewmitglieder. Ja, unter ihnen war auch Henry, der Steuermann, der mich vorhin so angestarrt hatte.
   Einer hob den Kopf, sah in meine Richtung, grinste und stupste seinen Nachbarn an. Schließlich sahen sich alle nach mir um.
   »Hallo«, murmelte ich verlegen. »Ich bin Elisa. Guten Appetit.«
   Ich bekam einen Chor aus rauem Lachen als Antwort. Sehr unhöflich, die Kerle. Offensichtlich hatten sie keine Manieren. Ich würde ihnen nie wieder einen guten Appetit wünschen. Ein Matrose, klein und sehr hässlich, lachte am lautesten. »Elisa, ja? Wieso kommst du nicht auf meinen Schoß? Dann passen wir alle hier ran.« Sein amüsierter Blick fiel hinter mich. Stand da jemand?
   Ich fuhr herum.
   Der Kapitän hielt ein Tablett mit seinem Abendbrot in den Händen. Kühl sah er auf mich herab. »Dieser Platz ist dem Kapitän vorbehalten.«
   »Oh.« Wie vom Blitz getroffen sprang ich auf.
   Überrascht versuchte er noch, sein Tablett vor mir zu retten. Umsonst, die Tasse kippte und Flüssigkeit schwappte über die Kante. Er hielt das Tablett weit von sich, rettete damit zwar seine Hose, aber das Hemd bekam die ganze Ladung ab. Im Raum war es auf einmal totenstill, alle verfolgten meinen peinlichen Auftritt.
   Terry, Saskia und Tobias, die mit ihren voll beladenen Tabletts hinter ihm standen, steuerten hastig auf andere frei gewordene Plätze zu.
   Der Kapitän sah entgeistert an sich hinunter.
   »Das tut mir leid!«, stammelte ich entsetzt.
   Wortlos stellte er das Tablett ab, ging zum Tresen, nahm eine Serviette und rieb an seinem Hemd herum. Der kleine Asiat kam mit einem Lappen angelaufen, blitzschnell hatte er die Pfütze aufgewischt. Ich stand noch immer wie erstarrt, als der Kapitän zurückkam, einen weiten Bogen um mich machte und neben Henry Platz nahm.
   Zum Glück setzten die Unterhaltungen wieder ein, allerdings hörte ich die Leute überall Witze über mich machen. Nur Henrys Blick war mitleidig. Er drehte sich zum Kapitän und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
   Daraufhin hob der Kapitän den Kopf. »Ist nicht schlimm.«
   Meine Knie zitterten, ich konnte mich noch immer nicht bewegen.
   Henry stupste ihn erneut.
   Fleming knallte die Gabel hin, ich zuckte zusammen. »Ich hab doch gesagt, ist nicht schlimm. Jetzt setz dich endlich. Irgendwohin.«
   Mit gesenktem Kopf schlich ich zum Japaner, neben dem noch ein Platz frei war. Mimose, oder wie auch immer er hieß, nickte zweimal kurz und wandte sich wieder seinem Essen zu. Der Hunger war mir gründlich vergangen, ich fühlte mich schrecklich und starrte vor mich auf den Tisch. Ich nahm mir vor, so lange hier sitzen zu bleiben, bis alle raus waren und ich mich davonschleichen konnte. Und wenn’s Stunden dauern würde.
   »Darf ich?«
   Vorsichtig sah ich hoch. Es war Andy, der Schiffsarzt. Ich saß also wieder auf dem falschen Platz. Mir traten Tränen in die Augen. »Bin schon weg.« Wenigstens kippte diesmal nichts um, als ich aufstand. Am besten, ich ging gleich an Deck und sprang über Bord.
   »Bist du denn fertig?«, fragte Andy erstaunt und trat zur Seite. »Meinetwegen brauchst du nicht zu gehen.«
   »Ist das nicht dein Platz?«
   Er schüttelte verwirrt den Kopf. »Hier gibt’s keine festen Plätze.«
   »Aber der Kapitän«, ich räusperte mich, »hat mich eben …« – von seinem Platz davongejagt, wollte ich sagen, verkniff es mir aber.
   Andy folgte meinem Blick. »Der Platz an der Tür ist eine Ausnahme. Der gehört dem Kapitän, alter Aberglaube. Manchmal macht er davon Gebrauch, manchmal nicht.« Er betrachtete mich prüfend. »Seekrank?« Ich zuckte mit den Schultern und setzte mich wieder. »Keine Sorge, das gibt sich mit der Zeit. Trink einen Tee und iss was, damit dein Magen beschäftigt ist.« Sein Lächeln war freundlich, ich beförderte ihn auf der Stelle zum nettesten Menschen auf der Polyantha. Nein, auf der ganzen Welt. »Geh zu TseTse und sag ihm, er soll dir ein Andy-Spezial geben.«
   »TseTse?«
   »Unser kleiner, chinesischer Steward.«
   Folgsam stand ich auf, versuchte auf dem Weg zur Theke die spöttischen Blicke der Crew zu ignorieren, und gab bei TseTse meine Bestellung auf. Als ich sah, was er lieblos auf den Teller klatschte, überlegte ich es mir anders. Ich war keine Engländerin, mein Magen, mein Kopf, weigerten sich entschieden, Porridge ohne ausreichenden Grund zu mir zu nehmen. Wenn ich jemals unter Seekrankheit litt, mochte das etwas anderes sein. Ich änderte die Bestellung, woraufhin mich TseTse wütend ansah. Ich seufzte, heute machte ich mir keine Freunde.
   Andy staunte, als er sah, mit was ich wiederkam. »Doch Hunger?«
   »Hm.«
   Saskias Stimme war gut zu vernehmen. Sie stellte jemandem viele Fragen. Ich wagte einen Blick über die Schultern. Sie stand neben Fleming an der Theke und redete aufgeregt auf ihn ein. Ich hörte sie Wörter wie Regatta, Kurs, Knoten und Mast sagen. Er hielt den Kopf konzentriert auf TseTse gerichtet und reagierte nicht. Das schien sie nicht zu stören, sie trat immer näher an ihn heran. Auf einmal knallte er sein Tablett auf die Ablage und verschwand wortlos aus dem Raum. Saskia sah ihm verblüfft hinterher.
   Andy hatte die Szene mitbekommen. »Sean ist kein großer Unterhalter.« Er lachte leise. »Besonders nicht, wenn er beim Essen ist. Die kleine Unterhaltung wird ihn wahrscheinlich so abgeschreckt haben, dass er sich in nächster Zeit nicht wieder hier unten blicken lässt.«
   »Ich habe ihm vorhin das Tablett aus der Hand gerissen.« Meine Stimme zitterte. »Es war furchtbar peinlich.«
   »Ach, darum keinen Hunger.« Im nächsten Moment schmunzelte er. »Mach dir keine Sorgen, das war ja nur ein Versehen. Hätte ich gern gesehen – nein, schon gut, ich finde es nicht lustig. Gar nicht.« Er wurde ernst. »Du musst dir eines merken, alles ist gut, solange sein Schiff keinen Schaden nimmt.«

Es gab viele Regeln an Bord. Manche lernte ich schnell, jedes Mal, wenn ich wieder einen Fehler machte, von anderen erfuhr ich erst nach und nach. Ich wunderte mich, dass ich Bains nie in der Mannschaftsmesse sah, bis ich hörte, dass er eigentlich kein Crewmitglied war, sondern zu den Gästen gehörte. Als Mitglied der AFTF war er so etwas wie einer der Besitzer der Polyantha, also einer mit viel Geld. Er war ein leidenschaftlicher Segler und arbeitete dementsprechend rein aus Vergnügen auf der Polyantha. Anders als wir bewohnte er allerdings nicht eine enge Vierbettkabine, sondern eine der Luxuskabinen.
   Wie ich befürchtet hatte, war Lockhard nicht mein Fall. Er war groß und bullig, sein Bürstenhaarschnitt passte zu seinem harten Stil. Er schien nie zu lachen oder freundlich zu gucken, sprach sehr schnell und wurde auch sehr schnell laut. Am meisten Glück hatte die dritte Wache bei Henry, der niemals ungeduldig wurde und seinen Trainees anhand einer Kreidezeichnung die Polyantha auf dem Holzboden des Decks erklärte.
   Bei meiner ersten Wache, gleich am frühen Morgen, rannte Lockhard einmal mit uns auf dem Schiff umher, deutete hierhin und dorthin, nach oben, zur Seite, ließ eine Menge Begriffe fallen und vertraute auf unsere besondere Intelligenz, alles sofort zu behalten und anwenden zu können. Tobias wurde blass, als er von Lockhard auf die Probe gestellt wurde und ein Segel benennen sollte, das Lockhard vor etwa einer halben Stunde erwähnt hatte.
   Er stotterte herum, Lockhard unterbrach ihn ungeduldig und fragte stattdessen mich. Ich sah angestrengt nach oben. Wie war das? Ganz oben war das main royal sail, das ging vom ersten Mast ab, vom zweiten hieß das oberste fore royal sail. Oder umgedreht? Das darunter war das, wie hieß das noch, topgallant sail?
   Lockhard rollte mit den Augen, wandte sich um und fragte Dwain, den kleinen, kompakten Iren, Mitte zwanzig, der sich als erfahrener Segler herausstellte und ohne zu zögern das Segel richtig benennen konnte. Erleichtert sah ich, dass Lockhard sich etwas beruhigt hatte. Wahrscheinlich war es auch für ihn nicht einfach, mit mir und Tobias zwei absolute Anfänger in der Wache zu haben.
   Voller Neid blickte ich auf Saskia, die bei Henry ein paradiesisches Leben zu haben schien, und auch Terry kam mit Bains sachlicher Art gut klar. Außer Dwain gab es noch den farbigen Rob aus Südafrika in unserer Wache. Ein schweigsamer Typ, der allerdings sehr viel schneller lernte als Tobias oder ich.
   Wir saßen nach unserer ersten, frustrierenden Nachtwache in einer Ecke und leckten unsere Wunden. »Vielleicht fällt es den anderen nur leichter, diese englischen Fachbegriffe zu lernen, weil Englisch für sie keine Fremdsprache ist«, überlegte ich laut.
   Tobias war zu müde, um zu antworten. Sein schmächtiger Körper schien dieser körperlichen Herausforderung nicht gewachsen zu sein.
   Wir wollten zum Frühstück, doch erst gab es die Rettungsübung. Tobias und ich rannten in unsere Kabinen, schnappten uns unsere Rettungswesten, die unter den Kojen lagen, und kamen damit an Deck gelaufen. Dort versammelten wir uns nach Wachmannschaft, jede bei einer Rettungsinsel. Lockhard zählte uns durch und erklärte, wie wir uns bei Feuer, Wassereinfall, Mann über Bord und Sturm zu verhalten hätten. Er wies auf Rettungsringe, Feuerlöscher und Rettungswege hin und erklärte uns den Rettungsplan mit den Rettungsinseln.
   »Die Sicherheitsgurte zum Aufentern besprechen wir in der nächsten Wache«, brummte er.
   Gott sei Dank, mir knurrte der Magen und ich war hundemüde. Wir hatten mindestens tausendmal das Auspacken und Setzen des Stagsegels trainiert. Dazwischen übte er mit uns die Namen der unterschiedlichen Taue, die eigentlich Tampen hießen, wie Geitau und Gording. Die Geitaue waren dicker als die Gordinge, da sie die äußeren Ecken der Segel aufholen mussten, während die Gordinge durch kleine Löcher im Segel verliefen, um diese zu raffen. Die wichtigsten Kommandos hatte er uns in der Morgendämmerung beigebracht, zum Beispiel all hands on deck.
   Ich hatte genug, ich war fertig. Wenn ich nicht zu müde gewesen wäre, ich hätte es bereut, auf dieses Schiff gekommen zu sein.
   Die erste Wache weckte die zweite, es folgte eine Ablösung, die zweite Wache blieb, die dritte ging, wie wir, zum Frühstücken. Andy hatte recht, Kapitän Fleming war nicht zu sehen.
   Nach dem Essen ging ich in die leere Kajüte, warf mich aufs Bett, und als ich kurz vorm Einschlafen war, dachte ich noch, wie schön sich der Morgen über dem blaugrünen karibischen Wasser durch die aufgehende Sonne angekündigt hatte und wie leise die Polly übers Wasser geglitten war. Ich schlief ein.

Jemand tippte mir auf die Schulter. »Eliza, bist du wach? Deine Wache fängt in einer halben Stunde an.«
   Ich hatte tatsächlich bis halb vier durchgeschlafen. Das Schiff schwankte leicht, die Luft in der Kajüte war stickig.
   »Ja, ich bin wach.« Ich richtete mich vorsichtig auf, um nicht wieder am oberen Bett anzustoßen. Matthew, ich hatte ihn bisher nur flüchtig kennengelernt, ein etwas älterer, sympathischer Amerikaner aus der dritten Wache, lächelte. »Okay, ich muss noch die anderen wecken.« Ich stand leise auf, denn inzwischen lag auch Terry in ihrer Koje, sie hatte mir den Rücken zugewandt. Ich nahm an, sie schlief.
   Als ich aufs Deck trat, sah ich zum ersten Mal einige der Gäste. Ein älteres Paar sah hinab aufs Wasser, ein unscheinbarer Mann mittleren Alters und eine sehr gut aussehende junge Frau in knappen Shorts lagen oben auf dem Sonnendeck auf Liegestühlen. Neben der Frau in Shorts saß der Kapitän und hörte ihr zu. Hatte er nichts Besseres zu tun, als sich mit den Gästen zu sonnen?
   Tobias trat neben mich. »Da würd’ ich jetzt auch gern liegen.«
   Ich lächelte, sein österreichischer Dialekt war charmant.
   »Was meinst du, der Lockhard, bringt der uns in dieser oder erst in der nächsten Wache um?«
   »Ich glaube, der will uns noch ein bisschen quälen. Dann bringt er uns um.«
   Wir machten gute Fahrt, ich stellte mich an die Reling und sah hinunter aufs Wasser. Die kleinen an die Bordwand schwappenden Wellen hypnotisierten mich. In weiter Ferne lag eine Insel, sie sah grün, gebirgig und tropisch aus. Keine Ahnung, wie sie hieß. All das, der strahlendblaue Ozean, die warme Luft, der wolkenlose Himmel … Wenn Lockhard nicht wäre, es hätte das Paradies sein können.

Auf der Polyantha bekam man seine Arbeitskleidung gestellt. Damit gehörten wir irgendwie zum Team und waren trotzdem als Trainees zu identifizieren. Wir trugen rote T-Shirts, dazu rote Shorts oder Hosen. Daneben gab es noch Jacken und Regenanzüge, ebenfalls in Rot. Die Stammcrew war in Blau gekleidet, die chinesischen Stewards in Grün. Der Kapitän trug wie seine Mannschaft die blaue Kluft, nur durch die Streifen auf den Schulterklappen war er als Kapitän zu identifizieren. Auf allen T-Shirts und Jacken war vorn die Polyantha abgebildet. Wenn die Kleidung gewaschen werden musste, warf man sie einfach in einen Sack in einer winzigen Wäschekammer. Einer der chinesischen Klone kümmerte sich um die Reinigung, später konnte man sich aus einem Regal neue heraussuchen.
   Am Ende der dritten Wache war ich völlig fertig. Ich träumte davon, aufstehen und an Deck gehen zu müssen und zu spät zu sein, woraufhin Lockhard mich vor allen anderen zusammenstauchte. Mit einem Ruck fuhr ich hoch, war völlig orientierungslos und brauchte einige Zeit, um mir im Dunkeln klar darüber zu werden, dass es erst kurz nach Mitternacht war.
   Es machte wenig Spaß. Ich hatte das Gefühl, nur zu arbeiten, angeschnauzt zu werden und alles falsch zu machen. Ich kam mir linkisch und unsicher vor. An meinen Händen hatten sich durch das Ziehen an den rauen Tampen Blasen gebildet. Andy versorgte Tobias und mich mit Salben, aber die Blasen heilten nur langsam ab. Die anderen Trainees sah ich selten. Rob und Dwain hatten sich schnell angefreundet und suchten kaum Kontakt zu uns. Wahrscheinlich waren wir Amateure unter ihrem Niveau. Sie durften inzwischen auch ins Rigg. Lockhard hatte mit dem Kapitän gesprochen und der hatte seine Erlaubnis erteilt. Damit waren die beiden die ersten Trainees, die der Crew oben in den Rahmasten beim Segelsetzen helfen durften, worauf sie mächtig stolz waren.
   Vorher bekamen wir alle eine Einweisung, wie man sich im Rigg zu sichern hatte. Wir standen am Mastgarten, dem Bereich um den Mast, an dem sämtliche Taue vom Vortopp an den Nagelbänken befestigt waren. Lockhard demonstrierte, wie die Klettergurte anzulegen waren. Dafür hatte er sich einen Gurt umgeschnallt, der um die Hüfte und zwischen den Beinen verlief, was ein bisschen drollig aussah. Er zeigte auf den Zeiser, der vorn mit einem eingespleißten Karabinerhaken befestigt war, und erklärte, dass man sich mit dem im Rigg sichern musste, zum Beispiel am Großstengestag, ein etwa fünf Zentimeter dickes Stahlseil, das am Vortopp befestigt war.
   Dwain und Rob kletterten in Begleitung der Matrosen hinauf, während Tobias und ich die Köpfe verdrehten, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Während Dwain gut mit den anderen mithalten konnte, brauchte Rob länger. Ich wette, er wurde da oben jetzt doch etwas kleinlauter. Während die beiden über unseren Köpfen herumturnten, hatte Lockhard die Idee, mich zum Reinemachen abzukommandieren. Das und die Arbeit in der Kombüse gehörten auch zu den Aufgaben der Trainees. Eigentlich sollten diese Arbeiten reihum verteilt werden, doch irgendwie blieben sie fast immer an mir oder Tobias hängen. Ich wollte auf keinen Fall Ärger machen, deswegen ging ich mit Eimer, Putzmittel, Lappen und Schrubber aus dem winzigen Abstellraum an die Arbeit.
   TseTse, der immer wie aus dem Nichts aufzutauchen pflegte, regte sich einmal furchtbar auf, als er sah, wie ich, genau der Beschreibung folgend, das Putzmittel abmaß und mit Wasser verdünnte. Mit einer Tirade an schnell gesprochenen Sätzen nahm er mir die Flasche aus der Hand und goss sie in den Eimer, bis sie fast leer war. Ich schüttelte angesichts dieses Umweltfrevels den Kopf, nahm ihm die Flasche ab und zeigte auf die Bedienungsanweisung, auch wenn sie noch so klein geschrieben war.
   »Zu viel«, sagte ich laut.
   Er richtete seine schmalen Augen auf mich und es entbrannte ein kleiner Kampf um die Flasche, den ich, aufgrund meiner Größe, gewann.
   Ich glaube, danach mochte TseTse mich nicht mehr.
   In der Küche herrschte Diktatur. Der Küchenchef, Jacques Martin, war eine temperamentvolle Diva mit einem beeindruckenden Oberlippenschnurbart und kleinen, reizbaren Augen. Als ich ihn das erste Mal sah, nahm er gerade irgendein großes totes Tier auseinander. Die Leiche lag auf einer Ablage auf dem Rücken, und Jacques hantierte mit einem riesigen Messer in seinen Gedärmen herum.
   »Halt mal die Beine auseinander«, befahl er barsch.
   Ich sah erschrocken auf das Innenleben.
   Jacques warf mir einen kurzen Blick zu, grinste, dann zog er das blutige Messer heraus. »Lammfilet. Hmm.«
   Sein Reich war nicht groß, aber perfekt durchorganisiert. Er konnte in der engen Umgebung für Gäste und Mannschaft kochen, und das auf höchstem Niveau. Natürlich nur, weil er die Chinesen, die abgeschobenen Trainees und Sandro, den Hilfskoch, ein fleißiger, bescheidener junger Mann aus Italien, zur Verfügung hatte. Sandro stotterte ein bisschen, er wirkte wie ein scheues Äffchen. Ich mochte ihn, er brüllte nicht herum und machte mir keine Angst. Er war es gewohnt, dass Jacques ihn herrisch herumscheuchte, blieb gelassen, wenn sein Chef mit Töpfen knallte und Messer warf, während mir dabei angst und bange wurde. Jacques war Schweizer, einer von der italienischen Front. Wenn er richtig in Fahrt kam, erhob sich seine Stimme, er fiel ins Italienische und seine Ausbrüche hatten ein bisschen etwas von einer italienischen Oper. Er war bestimmt ein herausragender Koch, aber menschlich war er verdammt schwierig. Er bemerkte schnell, dass ich eine gute Küchenhilfe war. Ich gab mir Mühe, konnte Kartoffeln rund schälen und Gemüse schnell klein schneiden, um einiges besser als Dwain oder Rob. Er war einer der wenigen, der sich freute, wenn er mich sah. Mit Tobias zog Jacques gern sein perverses Spiel ab. Gab es etwas Unangenehmes zu erledigen, wie Fische entschuppen und ausnehmen, ließ er das stets für Tobias über.
   »Das ist das Ekligste, was du dir vorstellen kannst«, jammerte Tobias. »Überall fliegen die Schuppen hin, selbst in die Haare.«
   Die Küche lag tief unten im Schiff, ohne Tageslicht, hatte aber sowohl zur Mannschaftsmesse als auch zum Salon der Gäste einen Aufzug. TseTse und seine drei chinesischen Kollegen schwirrten überall herum. In der Küche, der Wäschekammer, beim Servieren. Nur an Deck sah man sie selten.

Am zweiten Tag, meiner vierten Wache, kam der Wind beständig aus nordöstlicher Richtung, die Segel waren gesetzt und wir bekamen die Anweisung, das Deck zu schrubben. Diesmal mussten wenigstens auch Dwain und Rob mit ran. Während die beiden gemächlich vor sich herarbeiteten und Tobias Messingbeschläge blank putzte, schrubbte ich mit ganzem Eifer. Ich hatte gesehen, dass der Kapitän auf dem Deck über uns stand, und wollte auf keinen Fall wieder einen schlechten Eindruck machen. Er sollte sehen, wie gut ich meine Aufgabe erledigte.
   »Was wird das denn?«, raunzte Lockhard mich schlecht gelaunt an. Er war leise hinter mich getreten und schüttelte missbilligend den Kopf. »Das Holz wird nicht längs, sondern quer zur Maserung bearbeitet, sonst schmirgelt man ja das ganze Deck ab.«
   Ich warf einen schnellen Blick nach oben. Der Kapitän lehnte am Geländer und hörte zu. »Das wusste ich nicht«, entschuldigte ich mich leise.
   Lockhard rollte mit den Augen und ging. Niedergeschlagen arbeitete ich weiter. Dass ich meinen Abschnitt als Erste fertig hatte, interessierte natürlich niemanden. Dwain und Rob standen mit zwei Crewmitgliedern an der Reling und starrten nach oben in die Masten. Diese faule Bande.
   Ich hielt meinen Eimer hoch. »Vorsicht, ich spüle jetzt!«
   Die Gruppe lachte. »Immer mit der Ruhe, Süße«, rief ein Crewmitglied, eine richtige Spaßkanone. Er wandte sich an die anderen. »Die Deutschen sind immer so unentspannt. Am besten, man gibt ihnen Arbeit, dann sind sie glücklich und man hat seine Ruhe.«
   Ich war gekränkt. Gestern hatte mich jemand Frolein Krauty genannt und sich halb totgelacht. Ein ungewohntes Gefühl stieg in mir auf. Es kribbelte, und ohne nachzudenken holte ich mit dem Eimer aus. Sollten sie doch nasse Füße bekommen. Plötzlich – mitten in der Bewegung – trat eine Gestalt in die Wurfrichtung. Es war zu spät, meine Aktion abzubrechen. Ich versuchte noch, dem Inhalt eine seitliche Richtung zu verpassen, aber die Gestalt bekam trotzdem die volle Breitseite ab.
   Einen Moment hörte die Welt auf, sich zu bewegen. Der Kapitän stand tropfnass da, zu überrascht, um zu reagieren. Hinter ihm blickten die verblüfften Matrosen und Trainees in unsere Richtung.
   Ich klammerte mich an den leeren Eimer. In meinem Kopf wirbelte alles durcheinander. Ich suchte nach Worten, wollte etwas sagen, aber die Worte kamen nicht heraus.
   Fassungslos sah der Kapitän an sich hinunter. Sein Blick ging zu mir. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Schließlich machte er auf dem Absatz kehrt und flüchtete.

Es dauerte nicht mal eine Stunde und alle an Bord wussten Bescheid. Die belustigten Blicke der Crew und ihre spöttischen Kommentare verfolgten mich überallhin. »Vorsicht!« Manche sprangen mir mit einem Hechtsprung aus dem Weg, andere hoben die Hände. Am liebsten hätte ich mich in meine Kajüte verdrückt und wäre nicht wieder aufgetaucht.
   Tobias legte den Arm um mich. »Die sind blöd. Es war doch nur ein Versehen. Morgen ist alles vergessen.«
   Das Kommando zum Setzen der Bramsegel kam. Ich hatte keine Ahnung, wie man das machte und wartete auf Anweisungen.
   Lockhard brüllte seine Kommandos. »Klar zum Setzen der Vorbram. An die Schoten, klar bei Geitaue und Gordinge.«
   Zwei Crewmitglieder und Dwain rannten zu den Schoten, zwei andere und Rob lösten die Geitaue und Gordinge der Bram. Lockhard wartete. »Fiert die Geitaue und Gordinge, holt die Schoten.« Oben rutschte das Segel zur unteren Rah. »Schoten fest und belegen. Ans Fall.«
   Nun winkte uns ein Crewmitglied herbei, Tobias und ich halfen, am Fall zu ziehen, bis die Rah sich bewegte. Das war irre schwer. Meine eingerissenen Handflächen taten weh, aber ich biss die Zähne zusammen.
   »Fall klar.«
   »Brassen los.«
   Die entsprechenden Tampen wurden gelöst, und mit gleichmäßigem Rhythmus holten wir sie ein. Ich stand zwischen den Matrosen, die das Tempo angaben, und wollte mich nicht wieder blamieren, also gab ich mein Bestes. Mir schien es eine Ewigkeit zu dauern, es war unglaublich anstrengend. Meine Lunge begann, sich zusammenzuziehen. Endlich war die Rah oben und der Stopper konnte gesetzt werden.
   Die anderen gingen auseinander. Ich wandte mich ab und hustete ein paar Mal. Dann wurde der Husten schlimmer, bei jedem Ausatmen pfiff es und schließlich krampfte sich meine nach Luft schreiende Lunge zusammen. Voller Angst vor einem Asthmaanfall hielt ich mich an der Reling fest. Ruhig, sagte ich mir, langsam atmen, keine Panik. Luft … o Gott.
   Niemand schien zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht konnte ich es schaffen, unbemerkt in meine Kajüte zu kommen, wo mein Asthmaspray lag. Taumelnd setzte ich mich in Bewegung, lief an Gestalten vorbei, die ich kaum wahrnahm. Ich stolperte gegen etwas, stieß mir heftig das Knie und fiel. Plötzlich standen viele Leute um mich herum, woraufhin ich erst recht in Panik geriet. Jemand zog mich hoch. Es war der Kapitän, er sprach kein Wort, führte mich mit festem Griff den Niedergang runter und weiter, bis ich in einem unbekannten Raum stand. Ich erkannte Andy.
   »Langsam atmen, Eliza. Versuch, durch den Mund die Luft herauszupressen«, sprach er beruhigend auf mich ein. »Setz dich auf die Liege. Hast du ein Spray?«
   Ich nickte mühsam.
   »Wo, in deiner Kabine?«
   Ich hustete, schnappte nach Luft, versuchte, die Luft wieder loszuwerden, erfolglos. Eine Unendlichkeit später reichte mir Andy mein Spray. Ich schüttelte es wild, sog gierig den ersten, tief den zweiten und vorsichtshalber auch noch einen dritten Hub ein und wartete atemlos. Ein paar Sekunden später versuchte ich es vorsichtig. Es pfiff, aber meine Lunge füllte sich wieder mit Luft.
   Den erlösenden Moment, wenn ein heftiger Anfall vorbei war, empfand ich immer als so große Erleichterung, dass ich manchmal in Tränen ausbrach. Ich hoffte inständig, dass das diesmal nicht passieren würde. »Vielen Dank für deine Hilfe. Jetzt geht‘s mir viel besser.« Ich sprang von der Liege und wollte verschwinden.
   Andy und ich befanden uns in einem kleinen Raum, unschwer als Krankenstation zu erkennen. Andy schüttelte energisch den Kopf. »Warte, ich möchte erst mal deine Lunge abhören.«
   Unbehaglich setzte ich mich zurück aufs Bett. Bei dieser oft erlebten Prozedur fühlte ich mich immer viel kranker, als ich war. Er hatte mein T-Shirt etwas hochgeschoben und horchte mich mit dem Stethoskop ab. »Einatmen.« Ich atmete pfeifend ein. »Ausatmen.« Ich atmete pfeifend aus. »Noch einmal.« Schließlich setzte er das Stethoskop ab und runzelte die Stirn. »Du hattest einen ziemlich heftigen Asthmaanfall. Kommt das häufiger vor?«
   Ich schüttelte entschieden den Kopf.
   Es klopfte und der Kapitän steckte vorsichtig den Kopf herein. »Ist wieder alles in Ordnung?«
   »Alles klar, halb so schlimm.«
   Fleming trat ein, stellte sich neben die Tür und verschränkte die Arme vor der Brust. Bei seinem griesgrämigen Blick bekam ich wieder das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
   »Also, wie oft hast du einen derart schweren Anfall?« Andy sah mich abwartend an.
   »Ganz selten«, murmelte ich. »Ein, zweimal im Jahr. Mehr sicher nicht. Das Spray ist nur für Notfälle. Ich brauche es nicht oft. Eigentlich nie.«
   Ich beobachtete aus den Augenwinkeln heraus, wie Fleming Andy einen Blick zuwarf. Diese wortlose Botschaft verunsicherte mich. Ich hatte keine Ahnung, was sie zu bedeuten hatte.
   »Was hat den Anfall denn ausgelöst?«, wollte Andy wissen.
   Ich überlegte. Sollte ich sagen, dass es die anstrengende Arbeit an Deck war? Lockhards ungerechte Behandlung? Das peinliche Ereignis mit Fleming, der zum Glück wieder trockene Sachen anhatte? Die gute Seeluft? Sie würden mit Recht fragen, was ich an Bord dieses Schiffes zu suchen hatte. Vielleicht gab es einen Ausweg. »Ich habe eine Zigarette geraucht.«
   Andy schüttelte ungläubig den Kopf. »Du rauchst, trotz deines Asthmas?«
   Fleming runzelte die Stirn, und ich versuchte, meinem Gesicht einen schuldbewussten Ausdruck zu verleihen. »Ich weiß, ich sollte das nicht tun, aber manchmal, wenn ich mich aufgeregt habe, brauche ich einfach eine Zigarette.« Ich schielte in Flemings Richtung. »Es tut mir ehrlich leid, dass mit vorhin.«
   Andy sah überrascht zu Fleming. »Was ist denn passiert?« Er hatte es tatsächlich noch nicht mitbekommen.
   »Ich nehme an, sie wollte die Mannschaft ärgern, als sie den Eimer ausgegossen hat. Getroffen hat sie allerdings mich.«
   Es dauerte einen Moment, dann lachte Andy auf. »Im Ernst?«
   Fleming lachte nicht. Ich auch nicht. Und ich wünschte, Andy würde auch damit aufhören. Das machte alles nur noch schlimmer.
   Der gut gelaunte Arzt räusperte sich. »Also, damit solltest du unbedingt aufhören. Mit dem Rauchen, meine ich. Du hast ja gesehen, was passiert. Ich schlage vor, du ruhst dich erst mal aus. Wir sprechen später miteinander.«
   »Okay. Danke.« Erleichtert huschte ich an Fleming vorbei zur Tür. Auf dem Flur fiel mir ein, dass mein Spray noch bei Andy lag, also drehte ich um. Als ich wieder in Reichweite der Krankenstation kam, hörte ich Andys Stimme. »Ich weiß es nicht, Sean.«
   »Was ist daran schwer zu sagen? Kann oder kann sie nicht an Deck arbeiten? Warum, zum Teufel, kommt so eine überhaupt an Bord? Die ist ja sterbenskrank, ich habe wirklich gedacht, die stirbt, so wie die da oben gekeucht hat.«
   »So schlimm war es nun auch nicht. Man kann gut mit Asthma leben, es gibt gute Medikamente und Sprays. Viele Leute haben Asthma.«
   »Aber nicht auf meinem Schiff.« Er machte eine kurze Pause. »Ich habe dir ja gesagt, die macht nur Ärger.«
   »Vielleicht wäre es gut, wenn sie nicht ausgerechnet in Lockhards Wache wäre.«
   Wieder trat eine Unterbrechung ein. »Soll sie vielleicht zu Henry?«
   »Warum nicht? Ist doch gut gegangen, bis jetzt. Lockhard scheucht die Trainees ganz schön rum.«
   »Das ist hier auch kein Sanatorium.«
   Ich hörte Schritte, schnell drehte ich mich um und verschwand. In meiner Kajüte legte ich mich aufs Bett und hätte am liebsten den Vorhang zugezogen. Zum Glück waren Saskia und Terry nicht da.
   Es war schwer, mit den heutigen Erlebnissen an Bord weiterzumachen. Fleming mochte mich nicht, wie ich gehört hatte. Lockhard mochte mich auch nicht, die Matrosen nicht und Terry, die gerade hereinkam, mich ignorierte und sich auf ihre Koje legte, mochte mich ebenfalls nicht. Ich atmete noch immer schwer. Dann hörte ich ein unterdrücktes Schluchzen, es kam vom Bett über mir. Sie weinte. Was sollte ich tun, sie trösten? Was sagen? Ich drehte mich um. Scheiß Segeltrip.

Der Vorfall mit dem Asthma hatte auch etwas Gutes.
   Andy teilte mir mit bedauerndem Gesicht mit, dass ich nicht ins Rigg dürfte. »Ein unbedachter Moment da oben«, sagte er, »weil du vielleicht husten musst oder von Medikamenten beeinträchtigt bist, kann katastrophale Folge haben.« Damit konnte ich leben, besonders groß war mein Wunsch nicht, hinauf in die Masten zu klettern. »Weißt du Eliza, die Arbeit an Bord, auch für euch Trainees, ist hart. Ich fände es besser, wenn du dich an Deck nicht so verausgaben würdest und mehr Arbeiten im Bereich Reinschiff oder Backschaft übernimmst. Natürlich nicht nur. Ich habe mit dem Kapitän gesprochen und er findet auch, du solltest in eine andere Wache. Am besten in die Dritte, zu Henry.« Andy ahnte wohl, dass ich darüber nicht unglücklich war. »Es wäre natürlich besser gewesen, wenn du mir gleich zu Anfang gesagt hättest, dass du Asthma hast, damit ich für den Notfall Bescheid gewusst hätte. Ich bin gern darauf vorbereitet, was mich auf einer Fahrt erwartet.«
   Er fragte mich nach meiner Krankengeschichte. Ich war abgesehen vom Asthma allerdings kerngesund. Dann sah er sich mein Spray an und riet mir, es regelmäßig zu nehmen, aber das hatten mir andere Ärzte auch empfohlen. Vielleicht war es für einen Nichtasthmatiker schwer nachvollziehbar, wie wichtig das Spray für den Notfall war, und wie sehr mich der Gedanke, es jeden Tag anzuwenden und damit möglicherweise im entscheidenden Moment keine Wirkung zu bekommen, ängstigte. Ich bildete mir ein, mit der Zeit eher weniger von dem Spray nehmen zu müssen und nicht mehr.
   Andy sah mich hinter seinen Brillengläsern ernst an. »Du musst mir versprechen, auf dich achtzugeben. Keine Zigaretten, keine zu schweren Arbeiten. Du weißt, was du dir zumuten kannst. Wenn du auf See einen Anfall bekommst, den wir mit deinem Spray nicht in den Griff bekommen, wird es ernst. Darauf können wir alle verzichten.«
   Ich nickte. »Wirklich, es tut mir leid. Ich werde dafür sorgen, dass das nicht wieder vorkommt. Aber du kannst mir glauben, so einen Anfall habe ich wirklich selten.«
   Er wirkte nicht überzeugt. »Okay, melde dich bei Henry. Ich habe schon mit ihm gesprochen, er weiß Bescheid.«
   Mein Wechsel hatte zur Folge, dass Saskia mit mir tauschen musste, was ihr überhaupt nicht gefiel. Tobias war den Tränen nahe, als er es hörte. Zum einen war er von meinem Anfall noch ganz geschockt. In seinen Augen hatte ich wohl mit dem Tode gerungen. Zum anderen war die Aussicht, allein die Zielscheibe von Lockhards Tyrannei zu werden, der reinste Horror.
   »Da kann ich mich ja drauf einstellen, nur noch Flure und Klos sauber zu machen und Kartoffeln zu schälen.«
   Wir hatten gerade zu Mittag gegessen und standen an Deck in der Ecke, in der Saskia rauchen durfte.
   »Ich ja wohl auch«, beschwerte sie sich düster. »Der Lockhard lässt mich bestimmt nur die ganzen Frauensachen machen.«
   Vor schlechtem Gewissen war mir richtig übel.
   Saskia blickte mich von der Seite an. »Hast du wirklich einen Eimer Wasser über dem Kapitän ausgekippt?«
   »Er stand plötzlich im Weg.«
   »Ausgerechnet der Kapitän. Der scheint sowieso wenig Sinn für Humor zu haben. Bestimmt hält der jetzt alle Trainees für unfähige Schwachköpfe.«
   »Ich bin sicher, dass er zwischen deinen Fähigkeiten und meiner Einfältigkeit unterscheiden kann.«
   Sie drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. »Ich habe nicht gesagt, dass du einfältig bist.« Sie ließ ihr raues Lachen erklingen. »Aber du scheinst das Pech irgendwie anzuziehen. Könntest du als Nächstes nicht mal diese arrogante Schickimickimaus über Bord schupsen? Die wollte doch echt, dass ich ihr einen anderen Sonnenstuhl hole. Jacques in Brand setzen, das wäre auch nicht schlecht.«
   »Oder Lockhard vom Mast stürzen«, schlug Tobias vor.

Ich spürte sofort, dass die Atmosphäre in der dritten Wache viel besser war als in der ersten. Matthew, der Amerikaner, und Jerome, aus Frankreich, waren die anderen Trainees. Beide machten einen sehr netten Eindruck. Jerome war Anfang dreißig, sprach ein furchtbares Englisch, das man kaum verstehen konnte, und fiel ständig zurück ins Französische. Außer mir verstand ihn deshalb niemand. Aus seinen Erzählungen entnahm ich, dass er von Beruf so etwas wie ein Sozialarbeiter war. Matthew, ein Unternehmer aus Denver, war vielleicht Ende vierzig, groß, kräftig und sehr freundlich.
   Henry nickte mir kurz zu, als ich zur Wache eintraf. Mit ihm war alles viel entspannter und das merkte man auch an den Matrosen. Die beiden Russen, Alex und Sergej, waren zwei krasse Gegensätze. Alex war groß und sah mit seinen dunklen Locken total niedlich aus, wie ein großer Teddybär, und war dabei fast genauso schweigsam. Der andere, Sergej, war genau das Gegenteil, klein, drahtig, mit Narben im Gesicht, abstehenden Ohren und schiefen Zähnen, also ziemlich hässlich. Er war ein Schlitzohr, und wenn er einen ansah, mit seinen kleinen, listigen Augen, kam es mir oft vor, als durchschaute er jeden meiner Gedanken. Er war es auch gewesen, der mich in der Mannschaftsmesse auf dem Schoß sitzen haben wollte.
   Dann gab es noch Lasse, den blonden Hünen mit dem weichen, etwas verklärten Gesicht. Er war anders als seine Kollegen, längst nicht so hart, und zuerst dachte ich, er wäre ein bisschen zurückgeblieben. Am Anfang konnte er mir nicht in die Augen sehen und vermied es, mich anzusprechen. Aber wenn ich ihn anlächelte, schien er sich zu freuen und schon bald lächelte er scheu zurück. Was er dagegen überhaupt nicht mochte, waren Unstimmigkeiten. Darauf reagierte er mit seltsamen Ticks, einem Vor- und Zurückwippen des Kopfes oder einem leisen Summen. Er war absolut loyal, wie übrigens alle Crewmitglieder der Polyantha. Für seinen Kapitän wäre er durchs Feuer gegangen. Fleming war für Lasse ein fehlerloser, über ihn wachender und allmächtiger Gott, der vorgab, was zu tun war und für alles die Verantwortung übernahm. Und Lasse war das Schaf, das behütet werden wollte. Nach einigen gemeinsamen Schichten hatte er mir sein Vertrauen geschenkt. In rührender Offenheit erzählte er von seinen Eltern, die in Südschweden lebten, und seiner Schwester, die ihr erstes Kind bekommen hatte, von dem er Patenonkel werden sollte. Wo auch immer ich hinging, er stand bald neben mir und half. Ich mochte Lasse sehr.
   Außerdem gab es in unserer Wache noch einen Iren, Joseph, und einen Holländer, Richard, beide noch sehr jung und ein bisschen verspielt. Die dritte Wache hatte relativ humane Arbeitszeiten, von acht bis zwölf Uhr und von zwanzig bis vierundzwanzig Uhr. Es fiel mir auf, wie oft der Kapitän in der Zeit ebenfalls auf der Brücke zu finden war. In keiner anderen Schicht sah man ihn so viel da oben stehen. Ich hoffte, das war nicht meinetwegen und fragte Lasse danach. Er wich meinem Blick aus. »Das ist Zufall.«
   Meine erste dritte Wache begann mit einem gemeinsamen Frühstück mit Jerome, Matthew und den Crewmitgliedern unserer Wache sowie dem etwas mitgenommen aussehenden Henry. Er hatte dunkle Augenränder und rote Flecke im Gesicht.
   »Henry sieht krank aus«, bemerkte ich leise zu Lasse. »Geht‘s ihm nicht gut?«
   Lasse neigte den Kopf tiefer über seinen Teller und zuckte die Schultern. Da wollte einer nicht mit der Sprache rausrücken, stellte ich fest und wurde neugierig.
   Zum ersten Mal nahm auch der Kapitän wieder am Frühstück teil. Zum Glück saß ich weit weg von ihm, aber wahrscheinlich hatte er mich nicht einmal wahrgenommen. Jerome, der bereits morgens munter wie ein Fisch im Wasser war, erzählte, wie ihn auf Martinique der Taxifahrer auf dem Weg vom Flugplatz zum Hafen an der Nase herumführen wollte und ihm fiel nicht auf, dass er mal wieder ins Französische gefallen war. Es irritierte ihn scheinbar überhaupt nicht, dass ihm niemand außer mir Beachtung schenkte. Da sein Englisch so schlecht war, bekam er ohnehin selten Antworten auf seine Fragen oder Kommentare.
   Ich stand auf, um mir Kaffee nachzuschenken. TseTse war heute Morgen nicht zu sehen, den kleinen Chinesen am Buffet kannte ich noch nicht. Der Namenlose grinste mich an. »Du die Deutsche?« Ich nickte und nahm die Thermoskanne mit dem Kaffee. »Aha.« Er grinste noch breiter, fast bis zu den Ohren.
   »Und wer bist du?« Ich drehte den Deckel auf.
   »Dong.«
   Ich versuchte, ernst zu bleiben. »Wo ist denn mein Freund TseTse?« Langsam goss ich mir die duftende, dunkle Flüssigkeit ein.
   »TseTse dein Fleund? El sagt, du die komische, knickelige Deutsche.«
   Ich hielt irritiert inne. Inzwischen waren Matthew und der Kapitän neben mich getreten, beide warteten auf den Kaffee. Ich bemerkte, wie Fleming die Kanne in meiner Hand fixierte und einen Schritt zurücktrat. Verstimmt wandte ich mich wieder an Dong. »Wieso knickrig?«
   »Bist du mit dem Kaffee fertig?«, fragte Matthew.
   Dong wischte mit einem winzigen Tuch über die Arbeitsplatte. »Weil knickelig mit Putzmittel.«
   »Ich bin nicht knickrig«, verteidigte ich mich gekränkt, auch, weil der Kapitän alles hören konnte. »Ich halte mich nur an die Bedienungsanweisung. Es kommt aufs richtige Mischverhältnis an, und wenn man sich an die Vorgaben hält, schont man zum einen die Umwelt und …«
   »Darf ich mal?« Fleming nahm mir die Kanne aus der Hand und goss erst Matthew, dann sich selbst ein. Anschließend schüttelte er sie. Leer.
   Dong nahm sie ihm ab. »Ich mache neuen, Kapitän.«
   »Denk ans richtige Mischverhältnis«, murmelte Fleming und wandte sich ab.
   Ich sah ihm wortlos nach. Matthew stellte sich neben mich. »Schau nicht so traurig. Er hat noch einiges gut bei dir. Immerhin hast du ihn klitschnass gemacht.«
   »Wie kann man denn so nachtragend sein?«
   Matthew lächelte. »Keine Ahnung. Ich hätte dir längst vergeben. Stell dir einfach vor, wie er ausgesehen hat. Wie ein begossener Pudel.«

An Bord der Polyantha war es schwierig, bestimmten Personen aus dem Weg zu gehen. Besonders, wenn es sich dabei um den Kapitän handelte. Allerdings gab es auch welche, denen ich kaum begegnete. Weil sie nicht in meiner Wache waren oder weil sie sich sehr zurückzogen. Da war zum Beispiel der Trainee Marek, ein ständig finster blickender Pole, oder der zurückhaltende Japaner Mimose, der eigentlich Miyamato Minoru hieß sowie ein langer Schwede namens Joss, der aussah, als ob er jeden Moment zum Surfen wollte. Alle arbeiteten in der zweiten Wache bei Bains.
   Manche Gäste sahen uns zu, wenn wir Segelmanöver fuhren, andere lagen hauptsächlich in ihrer Ecke und sonnten sich. Mr und Mrs Cooper, ein Ehepaar in den Fünfzigern, sah man selten. Sie waren zum ersten und wahrscheinlich auch zum letzten Mal auf einem Segelschiff, denn Mrs Cooper litt stark unter der Seekrankheit. Andy war ständig bei ihr und gab ihr Medikamente, nachdem Tipps und Tricks nichts geholfen hatten.
   Die Bowemanns, ein älteres Ehepaar aus Philadelphia, waren anders. Mrs Bowemann gesellte sich häufig zu uns Trainees, horchte uns aus, woher wir kamen und wie wir hießen. Gut gelaunt erzählte sie uns mit ihrem rot geschminkten Mund, wo sie überall auf der Welt gewesen war. Man konnte richtig neidisch werden. Immerhin fand sie, dass die Polyantha das beste und schönste Segelschiff sei, auf dem sie je mitgefahren wäre. Eine Mischung aus Luxus und Abenteuer. Ich fand sie lustig, typisch amerikanisch, manchmal ein bisschen anstrengend, aber eigentlich immer freundlich. Mr Bowemann, ein Mann, der aufgrund seiner Fülle eine gehörige Portion Respekt ausstrahlte, hielt sich gern bei Fleming oder Bains auf der Brücke auf. Wahrscheinlich war er froh, seiner schwatzhaften Frau manchmal entkommen zu können.
   Mr Stewart war ein dünner Amerikaner mittleren Alters mit blasser Gesichtshaut und kaum noch Haaren. Er sprach uns nie an, und ich glaube, das hatte nichts damit zu tun, dass er uns Trainees für unter seiner Würde befand, so wie die arrogante Schönheit, die immer mit dem Kapitän flirtete, sondern dass er einfach gehemmt war. Er bemühte sich sehr, uns bei unserer Arbeit nicht im Weg zu stehen. Als wir uns doch einmal gegenüberstanden, lächelte er mich unsicher an und sprang hastig zur Seite. Bestimmt wollte er auch mal Segel setzen, traute sich aber nicht, zu fragen. Dafür postierte er sich ständig mit seinem Fotoapparat und machte von allem und jedem Fotos. Vom Schiff, den tollen Sonnenuntergängen, Vögeln am Himmel, Delfinen im Wasser, der Mannschaft im Rigg und uns Trainees.
   Saskia betrachtete ihn einmal nachdenklich. »Möchte wissen, was der für Fotos in seiner Sammlung hat.«
   »Was meinst du?«
   »Als du vorhin mit den anderen an den Schoten gezogen hast, hat er ein Foto von dir gemacht.«
   Überrascht sah ich zu dem unscheinbaren Mann. »Von meinem Rücken?«
   »Genau, Elisa, von deinem Rücken.«
   Neben der unsympathischen amerikanischen Schönheit gab es noch Miss Goddard, auch eine alleinstehende Passagierin, aus England. Warum sie an Bord Urlaub machte, war mir zunächst nicht klar. Sie war bestimmt noch keine vierzig, kleidete sich aber wie eine ältliche Frau, zugeknöpft und unvorteilhaft farblos. Ihre dunkelblonden Haare trug sie als kurzen, wenig schmeichelhaften Bob. Ich sah sie häufig aufs Meer blicken, manchmal sah sie uns auch bei Manövern zu, aber die meiste Zeit lag sie mit einem riesigen Sonnenhut auf ihrem Liegestuhl und las oder schrieb etwas in ein Buch. Sie wirkte höflich, einsam und langweilig. Durch einen Kommentar von Andy fand ich heraus, dass sie schriftstellerische Ambitionen hatte und an einem Reisebericht über die Karibik schrieb. Warum nicht, es war wohl eher unwahrscheinlich, dass ihr Lebensunterhalt davon abhing.
   Meine Schicht sollte das knapp vierzig Quadratmeter große Großbramsegel, das die erste Wache vom Großmast abgenommen und heruntergebracht hatte, und jetzt über dem halben Manöverdeck verteilt war, ausbessern. Der Riss war zu groß, um es oben im Mast zu flicken. Das Segel war irre schwer und das Abnehmen eines so unhandlichen Gebildes in schwindelerregender Höhe sehr gefährlich.
   Jerome übernahm heute den Ausguck, vorn am Klüver, und Matthew war für die Kombüse eingeteilt worden. Henry war sehr gerecht, in seiner Wache verteilte er die Aufgaben reihum. Ich freute mich darüber, dachte ich doch schon, die Küche wäre für den Rest der Reise meine Arbeitsstätte. Matthew nahm es gelassen auf, er war ganz anders als Dwain oder Rob.
    Die meisten aus der Crew hatten mehrere Funktionen an Bord. Zwei arbeiteten regelmäßig mit im Maschinenraum, ein anderer hatte als Bootsmann eine kleine Werkstatt im Kabelgatt, vorn im Schiff. Sergej war der Segelmacher der Polyantha. Er erzählte, dass etwa viertausend Meter Tuch für die fünfundzwanzig Segel benötigt würden und einen Wert von fast dreihundertfünfzigtausend Dollar hätten. Die Segelsätze würden regelmäßig erneuert werden. Ich staunte, kein Wunder, dass das Fahren auf einem Windjammer so teuer war.
   Sergej untersuchte das Segel gründlich nach Löchern, Rissen und Scheuerstellen. Dabei wühlte er sich durch das weiße Chaos, während wir versuchten, das sperrige und bereits untersuchte Segel zu ordnen. Mein Blick ging über die Unmenge an Stoff, und längst hatte ich den Überblick verloren, wo der Riss abgeblieben war. Sergej setzte sich hin und zog das defekte Tuch zu sich heran.
   Ich befühlte den Stoff. »Ist das Baumwolle?«
   »Polyester. Der hält länger.« Er nahm eine etwa zehn Zentimeter lange Nadel und fädelte einen ziemlich dicken Faden ein. Seine Hände waren raue Pranken, bestimmt würde er damit keinen Knopf annähen können. Ich beobachtete, mit wie viel Kraft er die Nadel durch den Stoff bohrte.
   Plötzlich hörten wir überraschte Ausrufe und leise Schreie, sie kamen vom Sonnendeck. Joseph und Richard sprangen auf und liefen nach vorn. Es gab ein Problem mit der Überdachung, die englische Miss stand unter dem halb eingebrochenen Sonnenschutz und hielt tapfer ein Stück der Überdachung hoch. Mrs Bowemann und Mr Stewart waren offenbar unter dem Tuch begraben.
   »Was ist passiert?«, wollte Sergej wissen, der vom Segel zugedeckt war und nichts sehen konnte.
   »Sonnensegel mal wieder abgegangen«, sagte Alex knapp.
   »Ist unsere Beauty in Gefahr, muss ich sie retten?«
   »Meinst du Miss Goddard?« Ich sah mich um. »Die lebt noch.«
   Sergej wühlte sich unter dem Segel hervor. »Die englische Jungfrau? Aber Elisa, du Schäfchen. Die ist reich, aber doch nicht schön. Ich meine Virginia. Das ist ’ne heiße Braut.«
   »Die mit den langen Beinen?«
   »Beine? Wer achtet denn bei der auf Beine, wenn man solche Vorzüge hat?« Er hielt sich beide Hände weit vor die Brust.
   »Die sind doch nicht echt.«
   Sergej und Alex blickten mich überrascht an.
   »Klar sind die echt«, sagte Alex beleidigt. Männer waren so oberflächlich. Seeleute besonders.
   »Nicht eifersüchtig sein, Solnyschka.« Sergej grinste. »Mir persönlich sind süße, kleine Apfelsinen viel lieber als riesige, wässrige Melonen.« Er beugte sich wieder über seine Arbeit. »Sie ist übrigens die Nichte von Bains. Schade, dass sie vergeben ist.«
   »Gehört die zu dem Unscheinbaren mit dem Fotoapparat, diesem Mr Stewart?«
   Sergej und Alex lachten. »Nö, die gehört zum Kapitän.«
   Die Vorstellung, der unfreundliche Kapitän hätte mit irgendeinem menschlichen Wesen irgendein menschliches Verhältnis, war einfach unvorstellbar. Er mochte ja gut aussehen, war groß und hatte dichte schwarze Haare. Seine Augen hatte ich mir noch nicht näher angesehen, aber vor seinen strengen Zornesfalten und den schmalen Lippen, mit denen er hauptsächlich zusammengepresst schwieg, hatte ich den größten Respekt. »Die sind zusammen?«
   Lasse kam zu uns und nahm eine Ecke des Stoffes auf. »Das sieht noch ganz gut aus oder, Sergej?«
   »Jupp. Das hält noch ’ne Weile.«
   »Die sind richtig zusammen?«
   »Das scheint dich ja mächtig zu interessieren«, stellte Sergej trocken fest. »Ja, die sind richtig zusammen. Auf einem Schiff bleibt nie lange etwas geheim. Auch wenn der Kapitän sich alle Mühe gibt, es geheim zu halten. Er weiß, wie eine Sex… ich meine, Liebesgeschichte, die Moral an Bord untergraben kann. Sie ist da viel freizügiger.« Er lachte gackernd. »Muss ein wahrer Teufel im Bett sein. Was meinst du, was er mit mir machen würde, wenn ich was mit der englischen Miss anfangen würde?«
   Alex runzelte die Stirn. »Warum sollte die was mit dir anfangen?«
   »Um mal ’nen richtigen Kerl zu haben?«
   Lasse schien sich unwohl zu fühlen. »Ich finde es nicht gut, dass ihr so über den Kapitän redet.«
   Sergej ignorierte ihn. »Beziehungen zwischen Besatzung und Gästen sind tabu. Das ist eine eiserne Regel an Bord.«
   »Und Trainees?« Auch ich ignorierte Lasse.
   »Gäste und Trainees? Hatten wir noch nicht.«
   »Trainees und Besatzung.«
   »Solnyschka, fragst du das, weil du ein Auge auf mich geworfen hast?«
   Ich musste lachen. Als ich Lasses entsetztes Gesicht sah, bemühte ich mich, ernst zu werden.
   Sergej hatte den Riss fertig vernäht und schüttelte sein Handgelenk aus. »Unsere getunte Beauty fährt nur aus einem einzigen Grund wochenlang auf einem Segelschiff ohne regelmäßigen Handyempfang, Schönheitssalons und Schickimickipartys mit. Wegen unseres schicken Kapitäns.« Er blickte nachdenklich auf das Tuch in seiner Hand. »Was machen nur Schiffe mit einem alten, hässlichen Kapitän?«
   Ich schüttelte den Kopf. »Er hat einen schlechten Geschmack.«
   »Hat er nicht«, rief Lasse.
   »Finde ich auch nicht«, stimmte Sergej dem aufgebrachten Lasse zu. »Für die alltäglichen Bedürfnisse eines Mannes reicht die Beauty völlig aus. Mehr wird er von ihr nicht wollen, wette ich.«
   Darüber musste ich noch eine Weile nachdenken. Wir wurden durch Henrys Rufe unterbrochen. Seit dem Morgen hatte der Wind immer mehr zugenommen und die Polyantha schlingerte zum ersten Mal ein wenig. Da der Wind anscheinend gedreht hatte, gab Henry den Befehl für eine Halse. Ich half, das Segel zur Seite zu schieben und lief hinter Lasse her. Auch Jerome war zur Stelle, blickte sich um und wartete. Auf dem Brückendeck stand Henry, neben ihm Fleming. Beide sprachen kurz miteinander, und Henry kam zu uns runter. Fleming gab dem Rudergänger neue Befehle, das Ruder wurde gedreht, das Schiff legte sich steil zur Seite, sodass der Wind an den Segeln entlangstrich. Ein Teil der Crew ging nach Steuerbord, der andere Teil, darunter Lasse und ich, nach Backbord. Jeder Matrose übernahm ein Segel, um es zu brassen. Ich stand bei Lasse, gegenüber gehörte Jerome der Gruppe an, die die Tampen zum Fieren in den Händen hielten.
   Die Rufe der Matrosen schallten über Deck. »Vorsegel bereit. Backbordbrassen bereit. Steuerbord klar.«
   Fleming wartete und gab weitere Kommandos. »Fiert auf an Backbord, holt durch an Steuerbord.«
   Ein Rasseln und leises Quietschen war zu hören, als der Großtopp gedreht wurde. Mit unserem ganzen Gewicht warfen Lasse, Richard und ich uns in die Tampen. Ich sah nach oben, der Großtopp stand jetzt senkrecht zur Schiffsachse.
   »Alles fest und belegen. Klar zum Brassen des Vortopps.«
   Lasse und Richard belegten die Tampen und wir rannten alle zur seitenverkehrten Station. Lasse deutete auf einen Tampen, ich versuchte ihn zu lösen, aber es gelang mir nicht. Der Tampen daneben hatte ihn eingedrückt. Meine Fingerspitzen taten weh, Panik stieg in mir auf. Zum Glück war Lasse zur Stelle und löste ihn in Seelenruhe. »Backbordbrasse klar.«
   Alle warteten jetzt auf Flemings nächste Befehle. Er sah nach oben, die Segel des Großtopps schlugen wild im Wind, der Lärm war ohrenbetäubend. »Fiert auf an Steuerbord, holt durch an Backbord. Vorsegel schiften.«
   Das Segel drehte sich. Jetzt mussten nur noch die Schoten dicht geholt werden. Wir zogen weiter an der Leine, die das Rahsegel horizontal drehte. Durch das Wasser waren die Tampen rutschig geworden, auch die Planken waren feucht. Es war nicht einfach, Halt zu finden. Fleming ließ die Segel nicht aus den Augen. »Alles fest und belegen. Lose raus an Backbord.«
   Eine Welle zerstob am Bug, wir hatten ordentlich Fahrt aufgenommen und Gischt fegte mir ins Gesicht. Das war einfach irre. Wieder fiel die Polyantha in ein Wellental, sie neigte sich jetzt zur anderen Seite. Während die Crew noch an den Schoten arbeitete, stand ich an der Reling, atmete die frische Luft tief ein und sah auf den eintauchenden Bug. Allein für diesen Moment hatte sich der bisherige Ärger gelohnt.

Nach dem Abendessen traf ich mich mit Saskia und Tobias in der Raucherecke. Ihre Schicht ging noch eine halbe Stunde. Ich schilderte begeistert meine Eindrücke vom Vormittag. Saskia, die inzwischen mit ins Rigg durfte, nickte verständnisvoll. »Eine Halse ist total beeindruckend. Ist zwar eine Menge Arbeit, aber wenn sich das Schiff neu in den Wind legt, das hat was. Ich habe von da oben übrigens eine Walfamilie gesehen.«
   Tobias hatte die meiste Zeit seiner Schicht in der Küche zugebracht. Er wirkte bedrückt. Ich versuchte, ihn zu trösten, aber er hörte nicht richtig zu. Später, es war bereits dunkel, aber trotzdem noch angenehm warm, wir hatten alle benötigten Segel gesetzt, gesellte ich mich zu einer Gruppe Matrosen, darunter Sergej und Alex, die sich auf der Back versammelt hatte. In ihrer Mitte saß das jüngste Crewmitglied der Polyantha, Kolja, gerade achtzehn Jahre alt, ein ausgesprochen hübscher, ernster Junge. Er hielt ein großes Akkordeon im Arm und spielte gedankenversunken eine Melodie, die sich sehr wehmütig anhörte. Als er leise dazu sang, spürte ich eine seltsame Ergriffenheit. Auch die anderen schwiegen andächtig. Ich ging zu Sergej und hockte mich neben ihn. »Wie heißt das Lied?«, fragte ich leise.
   »Ich hab das Meer gesehen. Ein Mann beschreibt seine Sehnsucht nach dem Meer, das er verlassen musste, aber nicht vergessen kann.«
   »Eine sehr berührende Melodie.«
   Sergej legte den Arm um mich. »Wir Russen sind sentimental. Eine melancholische Bande.«
   Ich musste an seinen rauen Ton denken, wenn er sich geärgert hatte oder Befehle herumbrüllte. Melancholisch wurden dabei eher die anderen.
   Von der Musik angezogen, gesellten sich nach und nach auch die anderen Trainees zu uns. Tobias schien noch immer etwas düster gestimmt und Terry drückte sich in einer dunklen Ecke herum, wahrscheinlich weinte sie wieder. Einige Gäste und sogar Fleming tauchten auf dem Sonnendeck auf. Virginia stellte sich dicht neben ihn. Ich nutzte die Gelegenheit, mir die Amerikanerin genauer anzusehen. Vermutlich war sie so alt wie ich, bestimmt nicht viel jünger. Groß, wohlproportioniert und trotz der späten Stunde in engen Caprihosen und ärmelloser Bluse chic angezogen. Ihr gelangweilter Blick schweifte über unsere Köpfe hinweg, blieb einen Augenblick bei Saskias Rotschopf hängen, wanderte weiter, bis zu mir. Überrascht bemerkte ich, wie sie innehielt und mich fixierte. Ich hielt tapfer ihrem Blick stand, auch noch, als sie sich an den Kapitän wandte. Er sah zu mir, erwiderte etwas und sie lachte.
   »Ich bin sicher, dass die nicht echt sind«, sagte ich zu Sergej, der noch immer den Arm um mich gelegt hatte. Er wusste sofort, worüber ich sprach und tat genau, was ich gehofft hatte. Er hob den Kopf und blickte sich suchend nach Virginia um. Nun waren wir quitt, Virginia und der Kapitän lästerten über uns, wir über sie.
   Sergej nahm den Arm weg. »Sieht aus, als gäbe es eine neue Bestimmung. Zu enger Kontakt zwischen Besatzung und Trainees ist auch nicht erwünscht.«
   Ich wagte noch einen Blick zum Sonnendeck. Während Virginia das Interesse an uns verloren zu haben schien, behielt der Kapitän uns weiter im Auge. Andy tauchte auf, stellte sich neben den Kapitän und sah sich um. Als er mich entdeckte, hob er grüßend die Hand. Er war wirklich der freundlichste und angenehmste Mensch auf der Polyantha.
   Das Lied war zu Ende, es gab eine kurze Pause, wir applaudierten begeistert. Koljas ernstes Gesicht verzog sich zu einem schüchternen Lächeln.
   »Ist er nicht süß?« Mrs Bowemanns hohe Stimme zerstörte ein bisschen die bewegte Stimmung.
   »Kennst du ein österreichisches Lied vom Meer?« Tobias hatte sich zu mir und Sergej gesetzt. Er sah bekümmert aus, versuchte aber, unbeschwert zu klingen.
   Ich überlegte. »Mit fällt nicht mal ein Deutsches ein, außer Wir lagen vor Madagaskar und das ist bestimmt auch noch aus dem Englischen geklaut.«
   Das englische Lied, das jetzt gespielt wurde, kannte ich nicht, aber es war bei der Mannschaft scheinbar sehr beliebt, alle sangen mit. Anschließend spielte Kolja La Mer und Jerome sang voller Begeisterung mit. Ich kannte das Lied und stimmte leise mit ein. Jerome sprintete auf mich zu und umarmte mich, was bestimmt auch nicht vom Kapitän erlaubt war. »Worum geht es in dem Lied?«, fragte Tobias leise.
   »Das Meer hat sie geschaukelt«, übersetzte ich. »Die klaren Golfe entlang und mit einem Liebeslied, das Meer hat mein Herz für den Rest des Lebens beruhigt.«
   Tobias schluckte. »Schön.«
   Dann war Kolja in der Karibik angekommen. Er spielte Reggae und Bob Marleys No Woman, No Cry. Keine Frau, keine Tränen, hey kleiner Schatz, vergieß keine Tränen, weine nicht Frau. Eigentlich auch kein lustiger Text.
   Die Gäste zogen sich als Erste zurück, ihre Stimmen waren noch einige Zeit aus dem Salon zu hören. Wir hatten eine ruhige Wache und Henry schickte uns Trainees früher in die Kojen. Saskia schnarchte ein bisschen, Terry schlief geräuschlos. Ich zog mich leise aus. Als ich in meiner engen Koje lag, war ich glücklich. Der heutige Tag war der schönste gewesen, seit ich auf der Polyantha war.

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