Nach dem Ende einer desaströsen Beziehung verlässt Christine Deutschland und beschließt, einen Neustart im Mount Bigelow Preserve zu wagen. Der abwechslungsreiche Job als Landärztin bereitet ihr Freude, aber der verflixt gut aussehende Ranger Sean strapaziert ihre Nerven. Mit seiner griesgrämigen Art bringt er sie zur Weißglut, dennoch zieht er sie trotz seiner undurchsichtigen Vergangenheit magisch an. Christine setzt alles daran, ihn für sich zu gewinnen. Als Sean seinen tiefen Gefühlen für Christine nachgibt, holt ihn plötzlich seine dunkle Vergangenheit ein. Aus dem idyllischen Leben am Mount Bigelow wird ein Wettlauf gegen den Tod. Wird ihre Liebe diese Zerreißprobe überstehen?

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ISBN: 978-9963-53-180-6

Seiten: 270

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Ylvi Walker

Ylvi Walker wurde in den späten Siebzigern in Deutschland geboren. Sie wuchs mit allerlei Getier in einem idyllischen Dörfchen auf. Ihr Berufswunsch stand schon relativ früh fest und sie ist konsequent dabei geblieben. Entgegen ihrer persönlichen Vorliebe für die Farbe schwarz, trägt sie beruflich weiß. Das Schreiben entdeckte sie bereits in jungen Jahren für sich. Ihre Kurzgeschichten füllen etliche Notizbücher, doch nur wenige eignen sich für die Publikation. Erst in der Elternzeit mit ihrer Tochter widmete sie sich ihrem ersten großen Schreibprojekt: einem Vampirroman, den sie bis heute keinem Verlag vorgestellt hat.

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Leseprobe

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Kapitel 1

»Jack, aus!« Christine packte blitzschnell nach dem roten Halstuch des Chaoten auf vier Beinen, doch er wand sich wie ein Aal und entschlüpfte ihren
   Fingern. Für einen derart kleinen Hund hatte er verteufelt viel Kraft.
   Und verflucht, er war ein gerissenes Schlitzohr! Zielstrebig, die Nase schnüffelnd im Gras vergraben, pirschte der weiß-braun gescheckte Räuber die Treppe zu Turners Veranda nach oben. Vor der roten Holztür des winzigen, sehr betagten Blockhauses hielt er inne und witterte besonders gründlich. Er schnüffelte und schnaubte geräuschvoll. Sie kannte Jack gut genug, um zu wissen, was folgen würde. Er wandte ihr den Kopf zu und blickte sie an. Beinah, als wollte er ihr mitteilen: Jetzt erst recht. Jack hob sein Bein und pinkelte vor Turners Haustür.
   »O Jack, nein!« Christine zog ihre leisen Worte bestimmt in die Länge und holte Luft. Hoffentlich war dieser unausstehliche Stinkstiefel nicht zu Hause. »Komm endlich her, du kleiner Teufel, ehe dieser Kerl …« Das Knarren einer schweren Holztür ließ sie verstummen.
   »Ehe was, Miss Lincoln?«
   Die Männerstimme klang rau vom Schlaf, kein Wunder, es war erst kurz nach sieben Uhr. Turners braunes von Sonnenstrahlen geküsstes Haar hing im wirren Durcheinander in seiner Stirn und vor seinen dunklen Augen, die ebenfalls schlafverhangen waren. Er trug nur eine Jeans und zeigte seinen gestählten Oberkörper unverhüllt. Christine schluckte. Warum sah dieser unausstehliche Kerl so verdammt gut aus, dass es ihr den Atem verschlug? Hitze stieg in ihre Wangen und die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf, als ein Schauder ihren Körper erfasste und Wirbel für Wirbel ihren Rücken hinabglitt. Es war gewiss der frischen Brise geschuldet, die vom Seeufer kam. Christine zog die dünne Strickjacke fester um sich, doch sie konnte das Frösteln nicht vertreiben. Jack dackelte in aller Seelenruhe zu ihr zurück. Mit wedelndem Schwanz sah er zu ihr hoch und legte dabei diesen treudoofen Blick auf, bei dem sie ihm nie lang böse sein konnte.
   »Ehe was?«, wiederholte Turner, tat brummend einen Schritt nach vorn und trat mit nackten Füßen in die Pfütze, die Jack auf den gewachsten Dielen hinterlassen hatte. Sein leicht gebräunter Teint schlug in ein Tomatenrot um. Laut fluchend schnappte er sich einen alten Lappen, der auf der Veranda lag, wischte sich damit die Füße ab und warf ihn auf die Hinterlassenschaft.
   »Es tut mir entsetzlich leid.« Ihr schoss die Röte heiß ins Gesicht und sie senkte den Blick. Warum brachte Jack sie immer in solche Situationen? Ihre mangelnde Erziehung war daran schuld. Sie ließ ihn mit allem durchkommen. Das wusste sie, dennoch fiel es ihr schwer, mehr Disziplin an den Tag zu legen. »Ich wollte ihn davon abhalten, aber er war einfach schneller.«
   »Dann leinen Sie Ihren Köter gefälligst an!« Turner rümpfte angewidert die Nase. »Nicht, dass ihm etwas passiert. Hier gibt es wilde Tiere.« Er grinste schadenfroh und seine Augen blitzten unheilvoll auf. Eine unverhohlene Drohung, in deren Anschluss er nach drinnen verschwand und die Tür zuschlug.
   Was dachte sich dieser Mistkerl dabei? Sie widerstand dem Drang, die Leine von sich zu schmettern. »Danke, Jack. Es ist ja nicht so, dass Ranger Turner mich nicht schon hasst, ohne dass er seine Füße in deinem Pipi gebadet hat.« Leise schnaufend hakte sie den Karabiner der Leine an seinem Halsband ein. Turner hatte ja recht. Die wilden Tiere stellten eine Gefahr da, doch die traumhafte Gegend rund um den Flagstaff Stausee verleitete sie dazu, leichtsinnig zu werden. »Er ist ab nächsten Monat mein Kollege. Ich muss mit ihm klarkommen und ich versuche es wahrhaftig.« Christine seufzte. Dieses Mannsbild zu mögen, war leichter gesagt als getan. Sie hatte sich redlich bemüht und ihm nie einen Anlass geboten, der seine Feindseligkeit rechtfertigte. Er kannte sie nicht, und dennoch verhielt er sich wie ein Ekelpaket. Schon bei ihrer ersten Begegnung vor wenigen Tagen, einem Essen bei Ursula zu seinem baldigen Dienstantritt, hatte er sie behandelt wie eine Aussätzige. Er verbarg seine Antipathie nicht, sondern lebte sie offen und in vollen Zügen aus. Das kleine Teufelchen auf ihrer Schulter soufflierte ihr, dass er gerade exakt das bekommen hatte, was er verdiente. Die Schadenfreude hielt allerdings nicht lang vor. Der Vorfall würde Wasser auf seine Mühlen gießen und seine Feindseligkeit weiter anfachen.
   Jack sah verstehend zu ihr auf und lauschte jedem ihrer Worte. Seine halb aufgestellten Ohren zuckten aufmerksam. Wenn er nur wirklich verstehen würde. »Du Chaot sabotierst mich. Er ist der einzige Mensch weit und breit. Und wie soll ich mit ihm zusammenarbeiten?« Als ob Jack darauf eine Antwort gewusst hätte. Zweifel nagten an ihr, aber sie würde keinesfalls die Flinte ins Korn werfen wegen dieses Rüpels. Sie konnte die Situation nicht ändern und würde sich nicht auf sein Niveau herablassen. Ihre Freundlichkeit ärgerte ihn sicher mehr, als wenn sie ihm die Stirn bot und seine Unverschämtheiten konterte. Sie ließ sich nicht die Laune von diesem Exemplar von Mann verderben.
   Heute war der erste Sonnentag nach einem langen, sehr strengen Winter. Die Sonnenstrahlen drangen wärmend an ihre Haut, fast wie eine Liebkosung. Vögel zwitscherten eine sanfte Melodie und begrüßten den Frühling aus Leibeskräften. Christine genoss die Vorteile der Nebensaison. Endlich keine Erfrierungen, Schnupfennase und Knochenbrüche von Hikern und Wintersportlern zu versorgen, die bei ihrem Trail über den Mount Bigelow, durch das gleichnamige Naturreservat, bei ihr vorbeikamen.
   Christine hatte sich das alles anders vorgestellt, als Ursula ihr vor einem Jahr den Job an diesem Ort verschafft hatte. Die Umgebung war toll, keine Frage. Sie liebte die Nähe zur Natur. Ihre Blockhütte lag nur wenige Schritte vom See entfernt und mitten im Wald. Der Anblick aus ihrem Wohn- und Schlafzimmer war atemberaubend und bezauberte sie jeden Tag aufs Neue. Einen Haken hatte die Sache: Sean Turner war ihr einziger Nachbar im Umkreis von fünf Meilen und verpestete mit seiner schlechten Laune das angenehme Klima.
   Gegenwärtig, in der Nebensaison im Frühling, war die Rangerstation am Flagstaff nur sporadisch besetzt und Christine in Bereitschaft. Im Sommer ging es wie im Taubenschlag zu, wenn die Hiker und Wassersportler das Bigelow Preserve unsicher machten.
   Alles war jedoch besser, als weiterhin in Deutschland zu versauern und ihrer desaströsen Ehe nachzutrauern, die in einem Scheidungskrieg der Extraklasse geendet hatte. Christine war Hals über Kopf aus ihrer alten Heimat geflohen, weil sie in Frieden leben wollte. Etwas, das in Deutschland nicht mehr möglich schien. Thorsten hatte es sich als Ziel gesteckt, ihr Dasein zur Hölle zu machen. Er hatte sie systematisch und jahrelang betrogen, zuletzt mit ihrer ehemals besten Freundin Jennifer. Dieser Verrat hatte sie zutiefst verletzt. Niemals hätte sie vermutet, dass ihre Freundin seit Kindertagen sie derartig hintergehen würde. Dass Jennifer jetzt auch noch ein Kind von ihrem Exmann erwartete, setzte dem Ganzen die Krone auf. Selbst die Distanz von Tausenden von Meilen und Monate Abstand waren nicht ausreichend, um die Enttäuschung auch nur ansatzweise zu mildern.
   Jahrelang hatten sie über das Thema Kind diskutiert. Thorsten hatte sich immer strikt dagegen ausgesprochen. Es würde nicht in ihre Lebensplanung passen. Seine Einstellung hatte sich offensichtlich geändert. Die Geliebte war schwanger und erwartete ein Wunschkind. Oder hatte er einfach nur mit ihr kein Kind gewollt? Es tat ihr in der Seele weh, denn für sie gehörten Kinder zu einer glücklichen Beziehung dazu. Ihm zuliebe hatte sie verzichtet.
   Mit dem Wissen von heute war sie froh, dass es keinen Nachwuchs gab, der in die Streitigkeiten hineingezogen wurde. Die Scheidungsschlacht war schlimm genug gewesen und hatte Christine einiges an Nerven gekostet. Thorstens Ringen um jeden Cent, um die Eigentumswohnung, um jedes verflixte Möbelstück. Sie hatte ihm am Ende alles überlassen, weil sie es keinen Tag länger in Deutschland aushielt. Dort war kein Neuanfang möglich. Sie hatte einen Schlussstrich gezogen und hoffte, nie wieder von ihm oder Jennifer zu hören. Lediglich Jack war ihr geblieben und ihn wollte sie auf keinen Fall missen.
   Im Bigelow-Naturreservat konnte sie endlich durchatmen und zur Ruhe kommen. Kein Mann, der versuchte, ihr Leben zu diktieren und sie nach Strich und Faden belog. Sie war Single und genoss es. Nur selten holte ihre Vergangenheit sie ein, und wenn, dann verkroch sie sich in ihrer Hütte, um niemandem zur Last zu fallen. Die Abgeschiedenheit war einfach ideal. Die Probleme verschwanden nicht, aber nach einer Ruhepause konnte sie sich erholt an ihre Lösung machen.
   Für den Fall, dass es ihr zu ruhig wurde, gab es Ursula und Eugene, bei denen sie immer willkommen war. Leider wohnten sie gute zwanzig Autominuten entfernt, wenngleich Eugene bei seinen Rundgängen als Ranger regelmäßig bei ihr nach dem Rechten sah wie auch der zweite, deutlich jüngere Ranger Dexter. Lediglich Turner behandelte sie im besten Fall wie Luft.
   Von diesem dauerhaft schlecht gelaunten Mannsbild würde sich Christine jedoch nicht den Tag verderben lassen.

*

Er hatte nicht mit Christine gerechnet, und auch nicht mit den Hinterlassenschaften ihres Hundes. Das rote Halstuch mit der Aufschrift Chaot schmückte diesen vierbeinigen Terroristen recht passend. Das Lächeln auf seinem Gesicht war fehl am Platz, aber er konnte nichts dagegen tun. Im Grunde genommen sollte er sauer sein, aber dem kleinen Chaoten und Christine konnte er nicht lang böse sein. Terrier hatten einen Dickkopf, und Christine ließ ihn schalten und walten, wie es ihm beliebte. Der Jagdhund hätte eine strenge Hand in der Erziehung gebraucht, doch sie verhätschelte ihn wie einen Schoßhund.
   Christine war zu weich. Alles an ihr war weich. Angefangen mit ihrem bernsteinfarbenen Haar, das sie unordentlich hochgesteckt hatte und aussah, als hätte der Wind es zerzaust. Sie war groß gewachsen und schlank, besaß jedoch sanfte, weibliche Rundungen an den richtigen Stellen und einen Po, der zum Reinkneifen einlud. Als er sie auf der Veranda überrascht hatte, war Schamesröte über ihre milchweißen Wangen mit den Tausenden Sommersprossen gehuscht. Sie hatte peinlich berührt gelächelt und den Blick gesenkt.
   Christine war zu zartbesaitet für das Leben in der Natur. Laut seinen Kollegen weigerte sie sich nach wie vor, eine Waffe zum Selbstschutz in ihrer Blockhütte zu haben. Was wollte sie tun, falls ein Bär in ihrem Vorgarten nach Fressen suchte? Ihn mit netten Worten zum Gehen überreden? Diese Frau passte nicht hierher, dennoch quälte sie sich seit gut acht Monaten im Bigelow Preserve rum. Sie weckte einen Beschützerinstinkt in ihm, der ihm überhaupt nicht recht war.
   Sean schob die Gardine des Fensters um Fingerbreite zur Seite und beobachtete Christine, wie sie auf ihren sturen Hund einquatschte. Seine Drohung war fies gewesen. Er würde dem vierbeinigen Übeltäter nicht ein Haar krümmen. Der Terrier hatte Charakter, und wenn er ihm nicht gerade auf die Terrasse pisste, mochte er ihn. Seine Sorge galt eher der Tatsache, dass der Jagdhund eine Witterung aufnehmen und abhauen oder sich mit dem falschen Wildtier anlegen könnte. Mitten in einem Reservat gehörte der Hund an die Leine. Es war gesünder für ihn und sein nicht minder stures Frauchen. Er musste Eugene wohl bitten, Christine an die Leinenpflicht zu erinnern. Von ihm nahm sie keinerlei Belehrungen an. Kein Wunder. Er gab sich nicht umgänglich, und sie konnte ihn auf den Tod nicht ausstehen. Das lag gänzlich in seiner Absicht.
   Er sah ihr hinterher, als sie endlich den Rückweg zu ihrer fünf Minuten entfernten Hütte antrat, und atmete auf. Frauen waren eine Komplikation, die er in seinem Leben nicht gebrauchen konnte.

*

Christine hatte sich bereits für die Nachtruhe fertig gemacht und war in ihren bequemen Flanellpyjama geschlüpft. Ihr Haar war noch nass von dem Bad, das sie genossen hatte. Fließend Wasser und Elektrizität waren etwas Feines und nicht selbstverständlich im Reservat. Turners Hütte verfügte nicht über derartigen Luxus. Womöglich war er deshalb so griesgrämig. Als sich Christine auf die betagte Couch platzieren wollte, die nur mit Tonnen von Decken einigermaßen bequem war, um auf dem briefmarkengroßen Röhrengerät ein wenig fernzusehen, klopfte es an der Tür. Jack hob den Kopf und sah gespannt zum Eingang. Christine wagte einen Blick aus der verglasten Seitenfront ihres Wohnzimmers.
   Zu Beginn hatte diese offene Bauweise ihr Angst bereitet, doch um Spanner brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, selbst in der Hauptsaison nicht. Es war bereits dunkel, dennoch erkannte sie die Konturen eines Land Rovers.
   Es klopfte erneut. »Christine?«
   Jack rekelte sich auf seiner Hundedecke neben dem Kamin, gähnte und rollte sich wieder zusammen, als er erkannte, dass keine Gefahr drohte. Eugene kam öfter nach seinen Runden durch den Park bei ihr vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Selten war er jedoch so spät. Christine schlüpfte schnell in ihren Morgenmantel, ehe sie die Tür öffnete.
   »Good evening, honey. Ich wollte nachsehen, ob alles in Ordnung ist bei euch Hübschen.«
   Während er im Türrahmen stehen blieb, trottete sein ständiger Begleiter, der Bassett Herr Schulz, an ihm vorbei und machte sich schnurstracks auf den Weg zu Jacks Futternapf. Dieser knurrte leise, rührte sich jedoch nicht. Warum auch? Den Inhalt hatte Jack bis auf den letzten Krümel geleert, nachdem sie ihn befüllt hatte.
   »Sean hat mich gerade angesprochen.«
   Christine schloss die Augen und seufzte. Wieso machte dieses Mannsbild einen solchen Aufstand? Konnten sie das nicht wie Erwachsene untereinander klären? Warum musste er Eugene in die Sache mit reinziehen? Das war wie im Kindergarten. »Willst du reinkommen?« Sie trat einen Schritt zur Seite, die Arme jedoch abweisend vor der Brust verschränkt.
   »Danke, hon, aber Ursel wartet mit dem Essen auf mich und ich bin sehr spät dran, da ich noch bei Sean vorbeisehen musste, um Bürokram zu erledigen. Machen wir es kurz und schmerzlos.« Er seufzte leise. »Jack sollte nicht unangeleint im Reservat unterwegs sein. Es ist gefährlich für ihn. Er ist und bleibt ein Jagdhund, auch wenn es im Moment kaum so scheint.« Eugene lachte dieses volle Lachen, das ihn derart sympathisch machte, und griff sich an seinen gerundeten Bauch.
   Ihrer Meinung nach hätte er das kakifarbene Hemd eine Nummer größer tragen müssen, denn die Knöpfe spannten. Er zog den braunen Krempenhut von seinem spärlich mit hellem Haar bedeckten Kopf und kratzte sich am Doppelkinn. Jack krabbelte von seiner Decke, streckte sich und beschloss, nun doch Herr Schulz und Eugene zu begrüßen.
   Eugene ging stöhnend in die Hocke und kraulte Jack hinter den Ohren. »Nicht zu denken, wenn er einem Bär über den Weg läuft. Ein Happs und er ist weg! Nein, das wollen wir unter keinen Umständen.« Seine Stimmlage wurde höher, da er seine letzten Worte an Jack gerichtet hatte. »Sean bat mich, dich darauf hinzuweisen.« Im Schneckentempo erhob er sich und ächzte.
   Eugene war nicht mehr der Jüngste. Der Hut landete auf seinem Kopf und er blickte sie abwartend an. »Geht klar.« Im Grunde wusste sie, dass es besser für Jacks Sicherheit war. Bisher war es gut gegangen, aber wenn … Daran wollte sie nicht einmal denken. Jack war ihr Ein und Alles. Sie bückte sich und nahm Jack auf den Arm, der sich an sie schmiegte. Zu ihrem Erstaunen kam Jacks Pinkelattacke nicht zur Sprache. Hatte sie sich wirklich in Sean getäuscht? Oder war es Eugene, der die Beschwerde zurückhielt?
   »Wunderbar! Dann sind wir uns ja einig. Ich soll dich von deiner Großtante daran erinnern, dass ihr morgen in die Stadt wolltet. Soll ich dich abholen?«
   Sie wollten in der nahe liegenden, größeren Stadt Skowhegan Vorräte einkaufen. Ein Nachteil der abgelegenen Lage. Mindestens einmal im Monat musste sie fast siebzig Meilen fahren, um sich mit den grundlegenden Dingen einzudecken. »Nur, wenn es keine Umstände macht.« Die Freundlichkeit von Ursula und ihrer Familie rührte ihr Herz. Sie hatten Christine mit offenen Armen aufgenommen, als sie einen Neustart wagte. Christine war mit fast Nichts angekommen.
   »Umstände? Nein.« Eugene lachte herzlich. »Und mach dich darauf gefasst, dass es ein langer Tag wird. Ursel will Vorhangstoffe für ein neues Projekt kaufen. Bis morgen und schlaf schön.« Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedete sich Eugene.

*

Sean genoss die himmlische Ruhe am frühen Morgen. Es half ihm, den Kopf freizubekommen. Jeden Morgen und Abend lief er seine Runden am See. Es war notwendig und besser als sämtliche Rehamaßnahmen. Nur, wenn er seine Muskeln regelmäßig nutzte und trainierte, schaffte er es, die Steifheit aus seinen Gliedern zu vertreiben. Er liebte es, die letzten Reserven aus seinem Körper zu holen. So war er gerüstet für den Tag und in der Lage, am Abend abzuschalten.
   Mit der würzigen Waldluft des Reservats war das Joggen angenehmer als in New Yorks Parkanlagen. Er konnte endlich frei durchatmen. Die Frische belebte seinen müden Geist und die Natur war einfach grandios. Am Horizont zeichnete sich das breite Massiv des Bigelow Mountains ab. Die Gipfel waren fast schneefrei und nur noch wenige helle Flecken waren auf die Distanz erkennbar. Der Frühling hatte seine Fühler ausgestreckt und hauchte dem Land Leben ein.
   Als er im Bigelow Preserve vor wenigen Wochen angekommen war, fand er die Präsenz der Natur und das Leben, das hier selbst im Winter herrschte, beeindruckend. Wie mochte es erst im Sommer sein? Der kleine Vorgeschmack gefiel ihm und schob seine negativen Emotionen weit in den Hintergrund. Es ließ ihn nicht vergessen, aber machte alles ein wenig erträglicher. Weiterhin in der Großstadt zu leben, zu tun, als wäre nichts geschehen – undenkbar. Zu Beginn hatte er sich gegen die abgeschiedene Lebensweise gesträubt, inzwischen begrüßte er sie.
   Seine halbstündige Laufstrecke führte an Christines Hütte vorbei. Der Anblick, der sich am heutigen Morgen bot, war unerwartet. Nur im roten Bademantel bekleidet lief sie den Schotterweg entlang, der zur kleinen Badebucht führte. Was hatte sie vor? Sie nahm den Weg über den Steg zu dem etwas seichteren und vor Strömung geschützten Abschnitt. Es war laut Eugene eine beliebte Stelle, um zu schwimmen, doch nicht bei fünfzehn Grad Außentemperatur. Er blieb stehen und suchte Sichtschutz hinter einem Baum.
   War er ein verflixter Spanner?
   Es war unter seiner Würde, was er trieb, dennoch blieb er wie angewurzelt stehen und beobachtete sie. Der Bademantel glitt von ihren Schultern und landete auf den Bohlen des Stegs. Er war erleichtert und gleichermaßen ein wenig enttäuscht, dass sie darunter einen Badeanzug trug. So abgeschieden das Preserve in der Nebensaison war, hatte er fast gehofft, dass sie nackt baden gehen würde.
   Christine trug ein schnörkelloses schwarzes Modell mit tiefem Rückenausschnitt, das viel Haut und auch Farbe zeigte. Selbst aus der Distanz von mehreren Metern erkannte er das großflächige Tattoo in der Mitte ihres Rückens. Stille Wasser waren tief. An und für sich war er kein großer Fan von Körperkunst, doch bei ihr bildete es einen überaus reizvollen Kontrast zu ihrer milchweißen Haut und lud ein, es berühren zu wollen. Und ihre Figur … schlichtweg himmlisch. Verflucht! Er joggte, um runterzukommen, nicht, um sich an seiner Nachbarin scharfzumachen.
   Ein Bellen katapultierte ihn schlagartig in die Realität zurück. Vor ihm stand Jack, der ihn, ganz Jagdhund, gestellt hatte. Christines ungeteilte Aufmerksamkeit lag auf ihm. Sie sah alles andere als erfreut aus.
   Christine bückte sich nach dem Bademantel und verhüllte hastig ihren Körper, ehe sie zu ihm kam. »Jack, hierher!«, befahl sie. »Was tust du hier draußen?«
   »Ja, was tut er hier? Die Leine.« Sean bemühte sich um einen abgeklärten Ton. Es fiel ihm nicht leicht, doch er zeigte Wirkung.
   Christine verschränkte die Arme vor der Brust. »Er hat den Dreh raus, die Tür mit der Schnauze aufzustoßen. Ich weiß nicht wie, aber er büxt ständig aus.«
   »Dann sollten Sie die Tür abschließen.«
   »Gute Idee.« Sie klang schnippisch.
   »Was machen Sie hier?«
   »Nach was sieht es aus?« Die Bissigkeit stand ihr nicht gut zu Gesicht. »Ich wollte schwimmen.«
   »Bei nicht einmal fünfzehn Grad Außentemperatur? Das Wasser ist eiskalt. Sie holen sich den Tod.«
   Sie lachte trocken und wölbte eine Augenbraue. »Schön, dass Sie sich um meine Gesundheit sorgen. Abhärtung ist aber gut für den Kreislauf und stärkt darüber hinaus die Abwehrkräfte.«
   Er schüttelte den Kopf. Es hatte ihn nicht zu interessieren. Und wenn sie im Winter nackt durch den Wald joggte oder im zugefrorenen See Eisschwimmen ging, es war ihre Entscheidung.

*

»Der Hund.« Sean zeigte auf Jack, der schnüffelnd seine Runden durch die Böschung zog.
   Der Miesepeter hatte ihr gerade noch gefehlt und seine Belehrung konnte er sich sparen. Jack war abgehauen. Er war einfach zu raffiniert und ein kleiner Ausbruchskünstler. Mit seinem Geschick brachte er sie zur Verzweiflung. Sie hatte die Tür fest ins Schloss gezogen, und als sie nach draußen ging, hatte er tief und fest geschlafen. »Jack, komm!« Er blickte kurz zu ihr, zwinkerte in das Sonnenlicht und trottete seelenruhig weiter. Wenigstens schlug er den Weg zur Hütte ein.
   Sean stand die Schadenfreude ins Gesicht geschrieben. Sie hätte sie ihm gern herausgeprügelt. Gewalt war keine Lösung, doch er machte es ihr wirklich schwer, an sich zu halten.
   Was bildete er sich ein? Sie ballte die Hände zu Fäusten, verborgen unter dem Armaufschlag des Bademantels. »Was wollen Sie hier?« Eine dumme Frage, die sich leicht beantworten ließ. Er trug Shorts, Trainingsjacke und Laufschuhe. Leider sah er sogar darin verboten gut aus. Sie wusste, dass er jeden Morgen und auch oft am Abend joggte und fast immer an ihrer Hütte vorbeikam. So früh hatte sie jedoch nicht mit ihm gerechnet.
   »Ich wollte schwimmen gehen.« Er grinste verschlagen. »Eine Ärztin sagte mir, es solle gut sein für die Gesundheit.«
   Sie entgegnete seine Spitzfindigkeit mit einem erzwungenen Lächeln. Ihre Wangenmuskeln waren derart angespannt, dass ihre Kiefer schmerzten. »Ich wünsche Ihnen viel Spaß. Das Wasser ist heute bitterkalt. Ich verzichte.« Die kleine Spitze musste sein. Christine ging zurück zum Haus. Weg aus seiner Reichweite und weg von seinen Gemeinheiten. Dieses Ekelpaket reizte sie immerzu, aber sie würde ihm nicht die Genugtuung verschaffen, aus der Haut zu fahren.

Kapitel 2

Der kleine Handarbeitsladen in Skowhegan war ein Juwel. Es gab alles, was das Herz einer Näherin begehrte. Die Auswahl war riesig. Leider war sie mit zwei linken Händen gesegnet, was den Umgang mit Stoff anging. Nähen konnte sie sehr gut, jedoch nur Wunden.
   Christine ließ ihre Fingerspitzen über einen wild geblümten Stoff mit cremefarbenem Untergrund gleiten. Die grobe Webung fühlte sich rau an, doch das florale Muster auf der hellen Farbe verlieh dem Material Leichtigkeit. Es wäre der ideale Fensterbehang für die kühlen Winter, um die zugige Luft fernzuhalten, die sich selbst durch die schmalsten Ritzen presste.
   »Du hast noch immer diese schrecklichen lodengrünen Vorhänge in deiner Hütte, oder?« Ursula trat neben sie und riss ihr den Stoffballen unter den Fingern weg. »Viel zu düster und erdrückend. Nichts für die Wohnung einer jungen, modernen Frau. Mein Geburtstagsgeschenk an dich: Du bekommst einen neuen, freundlicheren Fensterbehang von mir genäht.«
   Christine war baff. Womit hatte sie eine solche Herzlichkeit verdient? Ursulas Liebenswürdigkeit wärmte ihr das Herz. Die gesamte Familie Thurston war einfach wunderbar. »Aber ich habe erst in drei Monaten Geburtstag.«
   Ursula presste den Ballen an ihre Brust. »Ich weiß. Dafür schuldest du mir auch eine Kleinigkeit. Ich brauche deine Beratung. Angela zieht wieder zu Hause ein.« Mit einem Seufzen sackte sie um einige Zentimeter in sich zusammen. »Sie hat ihren Job in Skowhegan verloren und zu allem Überfluss hat sie auch noch ihre langjährige Beziehung beendet. Angela hat versucht, die Wohnung allein zu halten.« Ursula holte tief Luft und spitzte ihren vollen, von zahlreichen Fältchen umgebenen Mund zu einer Schnute. »Aber jetzt, da sie arbeitslos ist, zieht sie wieder zu Hause ein. Ich möchte es ihr hübsch machen. Du bist in ihrem Alter. Was würde ihr gefallen?«
   Christine stutzte. Angela war fünf Jahre jünger als sie und ein gänzlich anderer Typ. Allein optisch. Sie war burschikos und stämmig, kleidete sich in Männershirts und Baggy Pants. Angela wirkte gelegentlich ein wenig ungepflegt und trug niemals Make-up. Sie liebte Barbecues mit Massen an Fleisch und Bier. Ihr Geschmack war einfach und bodenständig. Das typische Mädchen von Land, während Christine die verwöhnte Mimose aus der Großstadt war. Aller Wahrscheinlichkeit nach lag Ursulas Geschmacksempfinden näher an Angelas als Christines. Ablehnen wollte sie dennoch nicht. Sie würde versuchen … Ihr Blick blieb an einem weißen Stoff mit dem blau-schwarzen Emblem der Maine Black Bears hängen, einem martialischen Grizzlybär. »Sie hat Eishockey gespielt, nicht? Wenn ich mich recht entsinne, ist sie immer noch ein großer Fan ihrer ehemaligen Mannschaft.«
   »Genau deswegen wollte ich dich dabeihaben.« Ursula lachte. »Wobei wir es dezenter angehen sollten. Sie ist ja kein kleines Mädchen mehr. Nur ein paar Tupfer von den Bears, ansonsten …«
   »… royalblau und weiß?«
   Ursula nahm Christines Gesicht zwischen ihre Hände und küsste sie auf die Stirn. »Du bist ein Goldschatz! Lass dir ja nichts anderes einreden. Jetzt holen wir unsere Vorräte. Du bist heute Abend zum Essen eingeladen.«

Christine stand in Ursulas geräumiger Küche und half ihr beim Kochen. Sie genoss diese geselligen Abende, die jede Trübsal in den Hintergrund drängten. Heiteres Gelächter und Anfeuerungsrufe drangen aus dem Wohnzimmer in den Raum. Neben Eugene verbrachte ein weiterer Ranger seinen Feierabend damit, bei den Thurstons Bier zu trinken und das Footballspiel anzusehen. Dexter war einige Jahre jünger als Christine und gehörte laut Ursula zum ständigen Inventar der Familie. Sobald ein Football- oder Eishockeyspiel übertragen wurde, fand er sich ein. Nicht, dass Ursula etwas dagegen gehabt hätte. Sie liebte es, andere zu bemuttern, und war erst glücklich, wenn alle Anwesenden zufrieden waren. Ihre Kinder waren erwachsen und in die Großstädte abgewandert. Die ländliche Umgebung bot nicht viel für junge Erwachsene. Lediglich das Nesthäkchen Angela hatte es noch nicht geschafft, sich vollständig von ihnen abzunabeln.
   »Eugene?«, trällerte Ursula in der Küchentür zum Wohnzimmer stehend. Sie streifte ihre Hände an der geblümten Rüschenschürze ab. »Wann holst du Angela vom Bahnhof ab?«
   Eugene zuckte mit den Schultern. »Während des Spiels?« Er schnaubte, die Augen weiterhin auf den Fernseher gerichtet. »Ich habe Sean darum gebeten. Er bleibt dann auch zum Essen.«
   Christine rutschte das Messer aus, mit dem sie gerade Möhren zerkleinert hatte, und schnitt sich in den Zeigefinger. Zischend wollte sie den Finger in den Mund schieben.
   Ursula schnappte jedoch ihre Hand und wickelte ein Küchentuch darum. »Wie ungeschickt, Darling. Du solltest besser aufpassen.«
   »Es ist halb so schlimm.« Sie ärgerte sich über ihre Tollpatschigkeit. Warum brachte allein die Erwähnung dieses Mannes sie derart aus dem Konzept? Die Antwort darauf war einfach. Er war ein nerviger Mistkerl. Es versprach ein heiterer Abend zu werden, sobald Mister Sexy, Mysteriös und Unausstehlich die Atmosphäre mit seiner miesen Laune verpestete.
   Wäre es unverschämt, sich vor dem Essen zu verabschieden, bevor er auftauchte? Ein dummer Gedanke. Ursula wäre tödlich beleidigt.
   Nur zu Abend essen. Sie musste sich ja nicht die Zeit allein mit ihm um die Ohren schlagen. Leckeres Essen, gemütlich beisammensitzen und Sean ignorieren – das hörte sich nach einem guten Plan an.
   Das Motorgeräusch, das abrupt vor der Einfahrt verstummte, raubte ihr die Möglichkeit zur vorzeitigen Flucht.
   »Ah! Da sind sie schon«, rief Ursula. Sie rieb sich freudig die Hände und zog die Schürze aus, bevor sie zur Tür ging.

*

Familiäre Anlässe lagen ihm nicht. Ebenso wenig wie Freundschaftsdienste. Hätte er geahnt, zu welchem Abenteuer es sich entwickeln würde, Eugenes Tochter vom Bahnhof abzuholen, hätte er dankend abgelehnt. Die Kleine schien nett zu sein, doch sie quasselte wie ein Wasserfall. Während der zwanzigminütigen Fahrt hatte sie ihm ihre lückenlose Lebensgeschichte ab dem Kindergarten erzählt. Ihm kam es zumindest so vor. Er betastete sein linkes Ohr. Bei ihr bekam die Aussage jemandem die Ohren abreden fast Wahrheitsgehalt.
   Dass sie endlich das allein stehende Haus der Familie Thurston erreichten, erschien ihm wie ein Gottesgeschenk. Keine Minute länger hätte er es mit ihr im Wagen ausgehalten.
   Sean steuerte Eugenes Land Rover Defender die geschotterte Auffahrt entlang und parkte vor dem Blockhaus. Es war die gehobene, familienfreundliche Variante seiner kleinen Hütte. Gepflegt, mit einem Balkon und bunten Frühblühern in Blumenkästen rund um das Gebäude arrangiert. Sie hatten Anschluss an die städtische Strom- und Wasserversorgung, während er sich mit einem alten Dieselgenerator und Wasser aus dem Brunnen versorgen musste.
   Das Domizil der Thurstons wirkte gemütlich und äußerst einladend wie ein Ferienhaus aus den Hochglanzreisekatalogen. Völlig anders als seine bessere Bretterbude, doch er hatte es so gewollt. Genau genommen war ihm keine alternative Wahl geblieben, als dieses abgeschiedene Leben anzunehmen, das ihm das FBI aufs Auge gedrückt hatte. Was er wollte, hatte nie zur Debatte gestanden.
   Die Schwermut hielt sein Herz fest in ihrem eisernen Griff und raubte ihm den Atem. Er dachte an seine Familie, seine Freunde und wünschte sich nichts sehnlicher, als sie wiederzusehen. Unmöglich. Er war zu einer Gefahr geworden. Es gab kein Zurück in sein altes Leben. Das war mit ihm gestorben.
   »Sean?« Angela, die bereits aus dem Auto gestiegen war, kaum, dass er angehalten hatte, stand neben der Fahrertür und grinste ihn an. Sie holte ihn für diesen Moment aus dem Tief.
   Er erwiderte ihr Lächeln. Eugene konnte seine Vaterschaft schwerlich leugnen, was jedoch wenig schmeichelhaft für Angela war. Sie besaß die gleiche breite Nase wie er und ein flächiges Gesicht. Die Augen hatte sie von ihrer mütterlichen Seite geerbt. Strahlend und freundlich. Ihr quirliges Gemüt erinnerte ihn an Ursel. Gott, Ursula. Sie war wirklich eine nette Frau, erschlug ihn jedoch beinah mit ihrer aufopfernden Fürsorge.
   Jeden Tag brachte ihm Eugene eine Dose mit einer zubereiteten Mahlzeit vor der Arbeit vorbei. Es handelte sich dabei um das Abendessen des Vortags. Es war befremdlich für ihn, doch so oft er auch versucht hatte, Ursula davon zu überzeugen, dass er zwar dankbar sei, aber sie nicht für ihn mitkochen müsse, sie ließ sich nicht davon abbringen. Inzwischen hatte er sich damit arrangiert. Um ehrlich zu sein, liebte er ihre Kochkünste. Deftige Hausmannsküche wie zu Hause. Er wollte diese freundliche Gabe nicht mehr missen, da sich seine Kochfertigkeiten auf das Erhitzen von Dosen und Mikrowellenfraß beschränkten.
   Angela riss die Tür auf und stieß mit der Faust gegen seine Schulter. »Willst du hier sitzen bleiben? Mom wartet mit dem Abendessen. Du weißt, wie grantig sie werden kann, sobald man zu spät kommt oder sogar ihr Essen verschmäht.«
   Mit einem Seufzen ergab er sich seinem Schicksal und stieg aus dem Auto. Er ließ Angela den Vortritt, doch nicht, ohne ihr den winzigen Koffer aus der Hand zu nehmen. Für eine Frau reiste sie mit schmalem Gepäck, allerdings war sie auch nicht das typische weibliche Wesen.
   Angela trug weite Jeans und ein unförmiges weiß-blaues Eishockeytrikot. Feminine Formen waren nur entfernt zu erahnen. Sie entsprach beileibe nicht seinem Beuteschema, auch wenn Eugene sie ihm als patente junge Frau angepriesen hatte. Zu stämmig, zu burschikos und sie redete zu viel, zweifelsfrei. Sie quasselte selbst auf der kurzen Wegstrecke zur Haustür ohne Punkt und Komma.
   »Du hast kaum gesprochen. Ich weiß nur, dass du der neue Ranger bist. Du fängst nächste Woche an, nicht?«
   Er nickte. Womöglich hatte er nichts gesagt, weil sie ihn einfach nicht zu Wort kommen ließ oder ihm nicht nach Small Talk war.
   »Du bist aber wortkarg.« Angela blieb vor der Eingangstür stehen und wandte sich ihm zu. »Zum ersten Mal hier?« Sie lachte und tiefe Grübchen zeichneten sich in ihre vollen Wangen. »Wie ich meine Eltern kenne, vermutlich nicht. Eines vorneweg, was ich die ganze Zeit ausgelassen habe.« Sie hob einen Finger. »Ich bin eigentlich nicht der Typ, der damit hausieren geht, aber die Verkupplungsversuche meiner Eltern kannst du getrost ignorieren. Auch wenn sie hoffen, dass ich irgendwann noch zur Vernunft komme: Ich spiele nicht in deinem Team.«
   Im ersten Moment verstand er nur Bahnhof. Was versuchte sie, ihm mit dieser Metapher mitzuteilen? »Was möchtest du mir damit sagen?«
   Angela kicherte, bevor sie ihm den Rücken zuwandte und den Finger auf die Türklingel presste. »Ich bin ebenso lesbisch, wie Dexter schwul ist.«
   Ihre Offenbarung ließ ihn kalt. Weder ihr noch das Sexleben seines zukünftigen Kollegen interessierte ihn. Er würde sein Ding durchziehen und versuchen, so viel Abstand wie möglich zu seinen Arbeitskollegen zu wahren. Er würde es vermeiden, Freundschaft mit ihnen zu schließen. Nicht zu bemerken, dass Dexter anders war, war jedoch fast unmöglich, da er so verzweifelt probierte, maskulin zu sein. Er trank Bier, ging zu Grillabenden, zum Football und zum Eishockey, grölte mit seinesgleichen mit, baggerte die Frauen derart plump an, dass ein Korb garantiert war, und ließ sich sogar zu schrecklich frauenfeindlichen Zoten hinreißen. Nur Show. Vor Maines Landeiern konnte er sich verstellen, doch Sean hatte beim NYPD so einige Lügner kennengelernt. Dagegen war Dexters Schauspiel das stümperhafte Laientheater eines Grundschülers.
   »Schockiert?«
   Er lächelte. »Ich komme aus der Großstadt.«
   »Philly? Dexter erwähnte da etwas. Du hast Eindruck bei ihm hinterlassen.«
   Ihm war aufgefallen, dass sich Dexter an seine Fersen geheftet und darauf gebrannt hatte, ihn in seinen neuen Tätigkeitsbereich einzuweisen, aber es war ihm gleich. Solange Dexter die Finger bei sich behielt und ihn nicht anbaggerte. »Ursprünglich ja, aber ich habe in New York gelebt und gearbeitet.« Mehr würde er nicht von sich preisgeben. Er durfte es nicht, wenn er seine wahre Identität weiterhin geheim halten wollte.
   »Was bringt dich dann in dieses verschlafene Nest?«
   »Die Ruhe«, antwortete er ausweichend. Es war seine eigene Hölle, die er erlebt hatte und in New York ein für alle Mal hinter sich lassen wollte. Niemand ging es etwas an. Es war sogar gefährlich, Außenstehende einzuweihen. Seine Vergangenheit war ein Tabuthema.
   »Ruhig hast du es in der alten Rangerhütte am Flagstaff Lake. Wir waren früher an den Wochenenden dort. Gähnend langweilig.«
   Die sich öffnende Tür erlöste ihn aus dem Gespräch. Ursula fiel Angela unversehens um den Hals und zog sie mit sich in das Haus. Mit dem Koffer in der Hand blieb er im Türrahmen stehen. Ihm kam das Desinteresse an seiner Person gerade recht. Womöglich könnte er sich einfach aus dem Staub machen. Niemand würde es auffallen, wenn er sich klammheimlich verzog.
   Lachend kam eine ihm überaus vertraute Frau aus der Küche und erstarrte zur Salzsäule, als sie ihn bemerkte. Ihr süßes Lächeln wurde von einem unterkühlten Ausdruck verdrängt. Genau das hatte er verdient. Warum fühlte sich ihr eisiger Blick trotzdem an, als würde ihm jemand einen rostigen Nagel ins Herz treiben? Er musste diese Gefühle für sie im Keim ersticken. Wenn er nur wüsste, wie. Als sie letztlich wegsah und Angela begrüßte, lag erneut der freundliche Zug auf ihrem Gesicht.

*

»Was stehst du da in der Tür, Junge?« Eugene ging auf Sean zu und legte freundschaftlich einen Arm um dessen Schultern. »Komm doch rein, setz dich.« Er bugsierte Sean in Richtung Couch, riss ihm den Koffer aus der Hand und verschwand damit die Treppe nach oben.
   Sean blieb neben dem Sofa stehen, die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt. Es war nicht zu übersehen, dass er sich ebenso unwohl fühlte wie sie. Christine ließ den Blick über ihn schweifen. Sie konnte es nicht lassen. Er trug Jeans, die knackig eng am Po anlagen und sein schmales Becken betonten. Das blau-schwarz karierte Holzfällerhemd steckte im Bund der Hose. Die breite Gürtelschnalle, die den braunen Ledergürtel schloss, war riesig und zierte ein detailverliebtes Armeemotiv.
   Hatte er gedient?
   Ganz gewiss. Er war nicht der Typ Mann, der so etwas aus Dekogründen trug und sich mit fremden Federn schmückte. Wie immer, wenn sie nervös war, kaute sie auf ihrer Unterlippe. Das Outfit sah verteufelt gut an ihm aus, fast noch besser als Sean halb nackt. Nur fast. Er strich eine der überlangen Ponysträhnen aus seiner Stirn und holte tief Luft. Ihre Anspannung war kaum noch auszuhalten.
   Warum hatte er diese Wirkung auf sie? Sie gehörte nicht zu den Frauen, die auf miese Typen standen. Ein Mann musste sie hofieren und nicht wie ein Stück Dreck behandeln. Sean sah gut aus, doch charakterlich war er ein Griff ins Klo, salopp ausgedrückt. Auf einen solchen Mann legte sie keinen Wert. Als ob er auch nur einen Gedanken in diese Richtung verschwendet hätte. Mit Taten und Worten zeigte er unmissverständlich, wie wenig er von ihr hielt.
   Womit hatte sie das verdient? Warum war er so ein Ekelpaket? Darüber nachzusinnen, war mühselig und brachte sie keinen Deut weiter. Sie würde ihn meiden, soweit es ihre Arbeit zuließ. Falls sie doch mit ihm zusammenarbeiten musste, würde sie ihn und seine Spitzfindigkeiten ignorieren, auch wenn es ihr schwerfiele.
   »Christine, würdest du mir bitte kurz in der Küche zur Hand gehen?« Ursula trat vor den Couchtisch, nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus.
   Dexter protestierte halbherzig.
   »Das ist eine Aufzeichnung, und jetzt gibt es Essen. Punkt.« Ursula duldete keine Widerrede.
   Christine saß an der anderen Seite des Esstisches, weit entfernt von Sean. Dieser Stinkstiefel konnte tatsächlich charmant sein. Nur nicht zu ihr. Gegenüber Ursula und Angela zeigte er sich überaus zuvorkommend.
   Er hatte Ursula mit Komplimenten für die Mahlzeit überschüttet und viel gelächelt. Kaum zu glauben, aber seine Mundwinkel waren in der Lage, nach oben zu zeigen. Es war ein verschmitztes Lächeln, das zarte Fältchen neben seine Augenwinkel und Grübchen in seine Wangen zauberte. Es machte ihn verflucht attraktiv. Die Verbitterung, die sonst dunkle Schatten in seinem Gesicht hinterließ, war wie weggeblasen.
   Sein ganzes Verhalten am Tisch war überraschend positiv. Sie mochte es. Sean besaß Essmanieren und war ein angenehmer, äußerst kultivierter Tischnachbar. Etwas, das man weder von den anderen beiden Männern noch von Angela behaupten konnte. Angela stand den Männern in nichts nach. Sie plapperte mit vollem Mund und stopfte das Essen in sich rein, als gäbe es kein Morgen. Sean war ein Lichtblick in diesem Punkt.
   »Möchte jemand Nachspeise? Einen Kaffee oder Espresso?« Ursula strahlte vollste Zufriedenheit aus. Solche Anlässe waren für sie das Höchste. Sie liebte es, wenn sie andere bewirten durfte.
   Ungefragt erhob sich Christine und half ihr, den Tisch abzudecken. Sie brachte das Geschirr in die Küche und räumte es in die Spülmaschine, als sie eine sanfte Berührung an ihrer Schulter bemerkte.
   »Sean und du. Was läuft da?«
   Christine glitt der Teller vor Schreck aus der Hand. Gott sei Dank fiel er in die Spülmaschine und blieb heil. Sie wandte sich Ursula zu. »Überhaupt nichts!« Ihre Stimme schrillte hoch. Es hörte sich selbst in ihren Ohren unglaubwürdig und nach Verteidigungshaltung an. Wie schaffte es dieser Mann nur, sie ständig aus dem Konzept zu bringen? Sie wollte das nicht. Kein Mann sollte diese Macht über sie haben, nie wieder!
   »Ach ja?« Auf Ursulas breitem Gesicht lag ein ebenso breites Lächeln. »Er hat dich die ganze Zeit während des Essens angesehen, sobald du nicht hingesehen hast. Und du genauso.«
   »Du täuschst dich.« Christine schnaubte. War sie so leicht zu durchblicken? »Er ist ein widerlicher Stinkstiefel, der mich nicht ausstehen kann.«
   »Sean? Ein Stinkstiefel?« Ursula sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren, runzelte die Stirn und ihre buschigen Augenbrauen bildeten eine durchgehende Linie. »Er ist mit Abstand der kultivierteste und freundlichste Mann im Umkreis von hundert Meilen.«
   »Und er kann mich auf den Tod nicht ausstehen. Er hat Jack bedroht.«
   Ursula hob eine Augenbraue. »Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, so einträchtig, wie die beiden heute Abend sind.«
   So wirkte es tatsächlich nicht. Jack war die gesamte Zeit unter dem Tisch herumgewuselt und hatte jeden Krümel, der zu Boden fiel, mit peinlicher Akribie beseitigt. Jetzt, da die Hauptmahlzeit beendet war, hatte er es sich auf dem Teppich neben dem Esstisch bequem gemacht, direkt neben Seans Füßen und schlief seelenruhig. Dennoch berichtete Christine Ursula bis ins kleinste Detail, was am gestrigen Morgen vorgefallen war.
   »Er war wütend. Verständlich, wenn er in Jacks Hinterlassenschaft getappt ist. Seine Worte hat er womöglich nicht treffend gewählt, aber er würde dem süßen Lauser nie ein Haar krümmen. Sobald du Jack im Reservat frei laufen lässt, besteht die Gefahr, dass er verletzt oder von einem Bär gefressen wird. Ich denke, das wollte dir Sean mit recht drastischen Worten klarmachen. Er ist wirklich ein netter Kerl, doch das Leben hat es nicht immer gut mit ihm gemeint.«
   Christine wurde hellhörig. Sie wusste über Sean nur das Offensichtliche. Er war der neue Ranger und ihr Nachbar. Seine Vergangenheit war ein gut gehütetes Geheimnis. Abwartend blickte sie Ursula an.
   Diese lehnte sich verschwörerisch vor. »Er war Cop in New York und wurde während eines Einsatzes angeschossen«, flüsterte sie. »Die Verletzung war so gravierend, dass er nicht mehr im Außendienst tätig sein konnte. Fortan sollte er sein Dasein am Schreibtisch fristen. Das wollte er nicht. Er quittierte seinen Dienst und hat als Ranger am Flagstaff angeheuert.«
   Interessant. Auch wenn ihr eine derartige Beeinträchtigung nicht auf den ersten Blick aufgefallen war. Sie hatte nie darauf geachtet. Meist war sie damit beschäftigt, sich hitzige Wortduelle mit ihm zu liefern und ihm nicht an die Gurgel gehen zu wollen.
   »Er tut äußerst geheimnisvoll.« Ursula kicherte hinter vorgehaltener Hand. »Doch als er mir bei den Instandhaltungsarbeiten im und ums Haus half, konnte ich ihm einige Details zu seiner Vergangenheit entlocken. Er ist ein patenter Handwerker. Eugene hat leider zwei linke Hände. Sean hat die Wasserhähne repariert und mir geholfen, die Veranda zu streichen. Ich habe erfahren, dass er verheiratet war, aber seit fünf Jahren geschieden ist. Seiner Exfrau hat die Arbeit bei den Cops nicht gefallen.«
   »Nichtsdestotrotz ist er ein mürrischer Eigenbrötler. Ich versuche, mit ihm auszukommen, doch er ist immerzu feindselig. Inzwischen gehe ich ihm aus dem Weg. Ich lege keinen Wert auf Konfrontation. Die hatte ich zur Genüge.« Ursula verstand, was sie auszudrücken versuchte. Nach der Schlammschlacht, die auf ihre Ehe folgte, wollte sie ihre Ruhe und keinerlei weitere Streitigkeiten.
   »Er ist dein Nachbar. Versuch einfach, ein wenig freundlicher zu sein und ihm ein bisschen entgegenzukommen. Ich habe dein Gesicht gesehen, als er ankam. Du hast ihn derart unterkühlt angeblickt, dass sogar Wasser in der Hölle gefroren wäre.« Ursula klopfte ihr aufmunternd auf die rechte Schulter. »Das tust du bei jedem Mann, der nett zu dir sein möchte.«
   Tat sie das wirklich? Sie wollte die Männer fernhalten, aber dass sie eine derartig ablehnende Aura ausstrahlte, war ihr nicht bewusst gewesen. Sie seufzte und nahm die bereitgestellten Dessertteller von der Ablage. »Kümmern wir uns um das leibliche Wohl der Anwesenden. Dexter, Eugene und Angela sind sicher ganz versessen darauf, das Spiel zu Ende zu sehen.«

Kaum, dass der letzte Krümel des leckeren Apfelkuchens verputzt war, waren Eugene, Dexter und Angela auf das Sofa geflüchtet und hatten die Aufzeichnung des Spiels von vorn gestartet. Lediglich Sean saß weiterhin am Esstisch und nippte genüsslich an seiner Tasse Kaffee.
   »Du magst keinen Football, Sean?«, trällerte Ursula fröhlich und räumte die Kuchenteller ab.
   »Schon, aber ich habe das Spiel bereits gesehen und weiß, wie es ausgeht. Ich möchte den anderen nicht die Laune vermiesen.« Er grinste verschmitzt, erhob sich von seinem Platz und half Ursula beim Abdecken des Tisches.
   Christine folgte seinem Beispiel und griff zeitgleich mit ihm nach einem Teller. Ihre Finger berührten sich, und er zog seine Hand nicht zurück. Seine Haut fühlte sich weich an unter ihren Fingerspitzen. Nicht wie die Haut eines Arbeiters. Die Berührung löste ein wohliges Gefühl in ihrer Magengegend aus. Ihre Blicke trafen sich, und er hielt ihn unverblümt, weiterhin unverschämt grinsend. Was hatte dieser Kerl für entzückende Augen. Dunkel wie die Nacht, geheimnisvoll und mysteriös. Ihr Körper begann zu kribbeln und sie erschrak aufgrund dieser Reaktion. Sie zog ihre Finger weg und schlug ihm fast den Teller aus der Hand. Um Schlimmeres zu verhindern, musste er mit der zweiten Hand nachgreifen. Sein Blick war zuerst überrascht, dann kroch ein gehässiger Ausdruck auf sein gerade noch attraktives Gesicht. Er wirkte verhärmt und um Jahre gealtert. »Entschuldige bitte.« Christine schluckte und senkte den Blick. Hitze kroch in ihre Wangen.
   »Schon okay. Ist ja nichts passiert.« Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie er sich in Richtung Küche entfernte. »Das Essen war wie immer wundervoll, Ursel. Danke schön.«
   »Oh, ich hatte eine tolle Helferin«, klang Ursulas Stimme aus dem anderen Raum. »Viele der jungen Dinger heutzutage können nur noch Tüten und Dosen öffnen, doch meine Großnichte ist in der Lage, eine Mahlzeit aus frischen Zutaten zuzubereiten. Ohne diese ganzen Zusatzstoffe und Hilfsmittelchen. Sie ist eine patente junge Frau, gut aussehend und mit Köpfchen.«
   Was bezweckte Ursula mit dieser Aussage? Am liebsten wäre Christine vor Scham im Boden versunken, so massiv, wie Ursula sie bei Sean anpries. Es war ihr unangenehm. Solche Lobeshymnen hatte sie nicht verdient. Sie starrte auf ihre Schuhspitzen und wagte es nicht, aufzusehen.
   »Ich weiß«, sagte Sean zu ihrer Überraschung mit einer winzigen Spur Amüsement. »Ich hoffe, dass ich ihre Künste als Quacksalberin nie in Anspruch nehmen muss.«
   Quacksalberin? Wie nett. Ganz gewiss hatte sie sich keine sieben Jahre den Hintern während des Studiums aufgerissen, um von einem sturen Mannsbild wie ihm derart verunglimpft zu werden. Sie hob den Kopf und sah in Richtung Küche, punktgenau in seine Augen. Er grinste nach wie vor. Ein breites, äußerst zufriedenes Grinsen. Offenbar liebte er das Spiel mit dem Feuer. Sie würde sein kindisches Spiel nicht mitspielen und seine Worte mit Nichtbeachtung strafen.
   »Quacksalber? Das ist aber ein hartes Wort, Sean.« Ursula hieb ihm gespielt vor die Brust. »Meine Großnichte ist eine hervorragende Ärztin. Sie hat zuletzt im Schichtdienst in der Notaufnahme eines Krankenhauses gearbeitet. Stresserprobt und allen Situationen, die am Flagstaff Lake anfallen, durchaus gewachsen. Die vergangenen acht Monate hat sie mit Bravour gemeistert.«
   »Das ist erfreulich. Trotzdem mag ich keine Ärzte.« Er wandte seinen Blick ab und reichte Ursula die Teller, damit sie diese einräumen konnte.
   »Wer mag die schon?« Ursula lachte. »Ich sehe Arztpraxen ebenfalls lieber von außen. Eine Bitte, Sean.« Ursula sah mit einem Augenzwinkern zu ihr herüber. »Eugene wollte Christine nach Hause bringen. Leider haben Dexter und er ein bisschen zu tief ins Bierglas geblickt. Ich könnte meine Nichte selbstverständlich auch fahren, aber dann müsste ich den Rückweg mitten in der Nacht mutterseelenallein antreten. Du hast den gleichen Weg wie sie.«
   Christine blieb wie vom Donner gerührt stehen. Mit Sean, allein im Auto. Jack wäre zwar bei ihr, gleichwohl bereitete der Gedanken ihr Unbehagen, mit diesem Muffel unterwegs zu sein. »Ich kann auch selbst fahren. Morgen früh bring ich euch den Wagen zurück, und Eugene kann mich bei seiner Tour zu Hause absetzen. Das ist kein Problem.« Sie mühte sich ein Lächeln auf das Gesicht, das Sean mit hochgezogenen Augenbrauen erwiderte.
   »Kommt gar nicht infrage, hon! Es ist dunkel. Die Bären sind gerade aus dem Winterschlaf erwacht, und du hast immer noch keine Waffe.« Ursula hob einen Zeigefinger.
   Lieber würde sich Christine mit einem ausgehungerten Bären abgeben als mit diesem miesepetrigen Mannsbild.
   »Den Umstand mit der Waffe werden wir ebenfalls ändern. Eugene hat bereits versucht, dich im Umgang mit der Schusswaffe zu schulen. Du hast gebuckelt wie ein wilder Mustang. Er befürchtet, dass nicht wirklich etwas hängen geblieben ist von seinem Unterricht. Sean wird diese Fertigkeiten mit dir vertiefen, sobald er im Dienst ist.«
   »Werd ich das?« Sein Grinsen war schlagartig weggefallen und er kreuzte die Arme vor seiner breiten Brust.
   »Ich will nicht, dass meine Nichte waffentragend durch die Gegend rennt und das Cowgirl mimt, doch ich möchte, dass sie sich im Fall des Falles verteidigen kann.« Ursula sah mild lächelnd zu Christine.
   »Das ergibt Sinn.« Sean fuhr sich seufzend durch sein volles Haar.
   Nicht nur, dass er sie nach Hause fahren sollte, jetzt hatte ihr Ursula auch noch Schießunterricht bei ihm aufgebrummt. Auf seine Hilfe konnte sie gut verzichten. Sie konnte mit einer Waffe umgehen, aber sie mochte einfach keine Schießeisen. »Das ist wirklich nicht nötig.« Christine bemühte sich um einen nichtssagenden Ton. »Ich mag keine Schusswaffen.«
   »Sind Sie eine dieser militanten Waffengegnerinnen?« Sein Ton war brüsk. Er maß sie mit einem schiefen Grinsen.
   »Haben Sie schon einmal auf einem Küchentisch eine Notoperation durchführen müssen, weil eine senile Oma ihren Enkel für einen Einbrecher hielt und ihn mit Blei gefüttert hat?« Ihr dritter Einsatz am Flagstaff war gleich derart nervenaufreibend gewesen. Sie hatte all ihr Wissen aus der Notfallmedizin einsetzen müssen, um den jungen Mann zu behandeln. Er hatte überlebt, würde jedoch den Rest seines Lebens im Rollstuhl sitzen. Ein Umstand, den sie gern zu verdrängen versuchte. Es war nicht alles eitel Sonnenschein. Sie räusperte sich. »Schusswaffen gehören nur in die Hände von geschultem Personal und nicht in das Nachtschränkchen einer tattrigen Oma.«
   »Dem kann ich nicht widersprechen, doch standen Sie schon einmal einem Bären gegenüber? Oder einem Einbrecher? Eine Waffe kann auch nur zur Verteidigung eingesetzt werden. Obwohl, ich könnte mir vorstellen, dass Sie einen Verbrecher in die Flucht quatschen könnten.«
   Unverschämter Mistkerl. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Schießübungen – mit ihm. Nur zu gern, wenn er sich als Zielscheibe zur Verfügung stellte.
   »Reden wir ein anderes Mal darüber.« Sean seufzte und sah flüchtig zu ihr, um gleich wieder wegzusehen. »Ich nehme Sie gern mit auf dem Rückweg. Kein Problem.« Seine Miene sagte das Gegenteil. Er sah aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
   »Wunderbar.« Ursula kicherte. »Danke, Sean. Dann bin ich beruhigt.«

*

Christine saß in einer derart verkrampften Haltung neben ihm, die einfach nicht bequem sein konnte. Nur Jack lag tiefenentspannt auf ihrem Schoß und schnarchte leise. Sean hatte schon bei ihrem Gespräch im Haus bemerkt, dass sie ihm liebend gern an die Gurgel gegangen wäre. Gut, er war auch unverschämt gewesen. Einige seiner Aussagen hatten unter die Gürtellinie gezielt. Sie war zurecht sauer. Es war aber auch verteufelt schwer mit ihr. Sie reizte ihn bis aufs Blut.
   Das Schweigen zwischen ihnen war eisig, doch er wusste nicht, wie er die Unterhaltung in Gang bringen sollte. Und falls er es schaffte, was sollte es bringen? Nein, so war es ganz gut.
   Er konzentrierte sich auf die schmale Waldstraße, die zu ihrer Blockhütte führte. Es war stockdunkel und hatte zwischenzeitlich zu regnen begonnen. Mit jeder Sekunde nahm der Schauer an Intensität zu, und er sah die Hand vor Augen nicht mehr. Er ging vom Gas. Der Wagen kam nur noch im Schneckentempo voran. Der Niederschlag verwandelte die unbefestigte Schotterpiste in wenigen Minuten in ein Schlammbad. Er war ein geübter Fahrer, doch in New York hatte er nie mit solchen Unwegsamkeiten zu kämpfen gehabt. Dort standen hitzige Verfolgungsjagden durch die Häuserschluchten und Staus an der Tagesordnung. Hier steckte er im schlimmsten Fall fest und musste den Rest der Strecke zu Fuß zurücklegen. Mit ihr. Verdammt.
   Christine seufzte leise. »Sie sollten nicht zu viel Gas wegnehmen. Das Geheimnis ist, ein ausgewogenes Tempo zu finden.« Ihre Stimme klang eine Spur ängstlich. »Wenn Sie zu langsam fahren, sackt der Wagen ein. Zu schnell und die Reifen fressen sich in den Morast. Ich habe damit leider etliche Male Erfahrung machen müssen.«
   Sie verkündete ihm nichts Neues, doch er war erstaunt, dass sie es wusste. Er warf ihr einen Seitenblick zu, ein Fehler. Die winzige Lücke in seiner Aufmerksamkeit genügte, dass der Wagen ins Schlingern kam und in den Graben rutschte. Christine neben ihm quiekte erschrocken auf, als der Land Rover schräg im Straßengraben zum Stehen kam und der Motor abstarb. Wundervoll. Das plötzliche, leise Kichern irritierte ihn vollends.
   »Den bekommen wir heute Nacht nicht mehr dort raus. Gene und Dexter haben eine Seilwinde, aber die haben einen über den Durst getrunken und können uns leider nicht weiterhelfen. Jemand von außerhalb zu rufen, hat keinen Sinn. Die würden es bei dem Unwetter nicht bis hierher schaffen.« Christine sah mit einem Lächeln zu ihm rüber. »Mir ist das zigmal passiert. Diese Stelle ist überaus tückisch, sobald auch nur ein wenig mehr Regen fällt.«
   »Und nun?« Kaum, dass die Worte ausgesprochen waren, bereute er sie. Er war ein Cop, ein Mann, der Taten folgen ließ. Und er war ein Ranger. Es war an ihm, diese Situation zu klären. Sie zu fragen, war dümmlich.
   »Dann darf ich Ihnen Ihre erste Lehrstunde zum Thema ‚Was tun wir, falls unser Wagen liegen bleibt?’ geben?« Christine kicherte glockenhell. »Sehr schön. Da wir nicht im Auto übernachten möchten, müssen wir zu Fuß weiter. Wie ich Gene kenne, hat er im Kofferraum wetterfeste Bekleidung. Kommen Sie dran, ohne dass wir das Fahrzeug verlassen müssen?«
   Nichts leichter als das. Sean zwängte sich durch den schmalen Raum zwischen Fahrer- und Beifahrersitz und kam ihr dabei näher, als ihm lieb war. Seine Hüfte streifte ihren Arm, doch er ließ sich nicht beirren und kletterte in der schrägen Position nach hinten auf die Rückbank. Sein eingeschränktes Bein bereitete ihm dabei nicht wenig Mühe. Die Reha nach seiner Verwundung hatte ihm einen feuchten Kehricht gebracht. Trübsal blasen half jedoch nicht. Er war nicht mehr in New York, sondern saß mit Christine mitten im Wald im Seitengraben und im Stockdunklen fest. Draußen versank die Welt in Wassermassen. Früher hätte er die Situation genutzt. Wann bekam man schon die Gelegenheit, mit einer hübschen Frau festzusitzen?
   Warum dachte er an so etwas? Genau der Mist hatte ihn erst in die Bredouille gebracht, in der er sich befand. Mit dem besten Stück zu denken, war fahrlässig. So weit würde es nie wieder kommen.
   Sean suchte nach der Verrieglung der Rückbank. Es dauerte einen Moment, bis er sie fand und einen der Rücksitze umklappen konnte, um Zugriff auf den Kofferraum zu bekommen, ohne den Wagen zu verlassen. Neben allerlei Unrat fand er einige nützliche Dinge. Unter anderem zwei Parkas und eine Taschenlampe. Er blieb auf der Rückbank und reichte einen der Parkas an Christine weiter. Ohne zu zögern, streifte sie ihn über, verstaute Jack darunter und schloss den Reißverschluss. Er schlüpfte in die Jacke, ehe er aus dem Wagen krabbelte.
   Kaum, dass er draußen war, empfing ihn ein Regenguss vom Feinsten. Nach wie vor schüttete es wie aus Eimern. Die Straße, die zur Blockhütte führte, hatte sich in ein Bächlein verwandelt. Gerade als er zur Beifahrertür eilen und ihr helfen wollte, kletterte Christine äußerst geschickt aus dem Wagen. Die Hand, die er ihr reichte, um ihr herabzuhelfen, verschmähte sie. Sie sprang von der erhöhten Position und landete problemlos auf beiden Füßen. Seine Hand hatte sie nicht böswillig zurückgewiesen, sie hatte schlicht keine frei gehabt, da sie die kostbare Fracht unter ihrer Jacke festhalten musste. Entschlossen ging sie voran, aber schlug einen falschen Weg ein. »Wohin willst du?« Die persönliche Anrede war ihm ungewollt rausgerutscht. »Du läufst in die falsche Richtung.«
   »Wie ich bereits sagte. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit dem Wagen liegen bleibe. Dexter hat mir diesen Fußweg gezeigt. Er führt an meiner Hütte vorbei und auch an deiner. Ich lebe seit fast einem Dreivierteljahr hier und kenne mich ein bisschen aus. Du kannst aber gern warten, bis der Regen aufhört.«
   Sie duzte ihn ebenfalls. Die vertraute Anrede gefiel ihm. Er musste wohl auf ihre Ortskenntnisse vertrauen. Je schneller sie wegkamen und aus dem Regen raus, desto besser. »Wir müssen nur dem Trampelpfad folgen?« Sie nickte, was er im Schein der Taschenlampe nur schwerlich erkannte. »Lass mich vorgehen.« Bereitwillig trat sie zur Seite und ließ ihm den Vortritt.

*

Trotz des nervtötenden Regens, der sie auch mit Parka bis auf die Knochen durchnässte, lag ihr Blick ununterbrochen auf Sean. Sie suchte nach einem Indiz, dem Anzeichen einer derartig gravierenden Verletzung, die das Ausscheiden aus dem aktiven Polizeidienst rechtfertigte. Sie wurde fündig. Im unwegsamen Gelände des Trampelpfads zeigte er rechts ein kaum merkliches Hinken, aber das war zu vernachlässigen und nichts, was ihn einzuschränken schien. Er bewegte sich schnell, sodass sie Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten. Sie verfügte über eine beachtliche Kondition, die war bei ihren Touren im Reservat Pflicht, da viele Wege nur zu Fuß zurückzulegen waren. Auch das war ein Bestandteil ihres Jobs, den sie mochte und nicht missen wollte. Sein Tempo brachte sie dennoch aus der Puste. Ihr Stolz verbot es ihr jedoch, ihn zu bitten, langsamer zu gehen, obwohl ihr Puls bereits kurz vorm Durchbrechen der Schallmauer war.
   Sie wollte sich vor ihm unter keinen Umständen Schwäche eingestehen und weiter Öl in das Feuer gießen. Sean hatte ihr unverblümt gezeigt, dass er sie für fehl am Platz hielt. Ein zartes Frauchen wie sie hätte nichts in der Wildnis zu suchen. Lächerlich. Sie war länger im Preserve als er. Sicherlich kam man hier mit Dingen in Kontakt, von denen man in Deutschland und in der Stadt nur gehört hatte. Bislang hatten sich ihre Begegnungen mit Wildtieren auf Nerze und Marder beschränkt. Ein Rascheln im Unterholz ließ sie zusammenfahren und gegen Seans breiten Rücken laufen.
   Er fuhr zu ihr herum. Mit einer Geste seines Zeigefingers an ihren Lippen hielt er sie an, still zu sein. Die Berührung kam überraschend und war unerwartet angenehm. Ihr Herz klopfte wie verrückt.
   Aus den Augenwinkeln sah sie ein winziges Tier aus einem Gestrüpp über den Weg huschen. Es war nicht viel größer als eine Katze, womöglich ein Marder. Seine Augen reflektierten das Licht geisterhaft, als es kurz aufsah. So schnell, wie es aufgetaucht war, war es in der Hecke verschwunden. Rund um den See gab es allerlei wildes Getier, aber diese kleinen Wichte waren in der Regel harmlos. Sie atmete auf.
   »Ein Nerz. Kennst du gewiss nur von Pelzmänteln.« Er lachte geringschätzig.
   »Ich würde niemals Pelz tragen«, sagte Christine entrüstet. Gerade als er dabei war, ein paar Sympathiepunkte zu sammeln, machte er durch einen unverschämten Kommentar alles zunichte. Sie schluckte eine bissige Entgegnung hinunter. Was dachte sich dieses dreiste Mannsbild? Sie biss sich auf die Unterlippe. So konnte das beim besten Willen nicht weitergehen. Wie sollte sie mit ihm zusammenarbeiten, wenn er ständig stichelte? Das konnte heiter werden.
   »Ist mir auch gleich.« Sein Tonfall war leicht belustigt.
   Sie wollte wirklich mit ihm zurechtkommen. Es gab keine andere Alternative. Sie versuchte es, doch wenn er nicht wollte, waren ihr die Hände gebunden. »Wir müssen weiter, wenn wir uns nicht den Tod holen wollen.« Ihr Ton klang barsch und war nah daran, als unhöflich empfunden zu werden. Er wollte es so, also bekam er, was er verdiente. Sie erwiderte seine Unfreundlichkeit im gleichen Maße.
   Schluss mit lustig!

Kapitel 3

Die zehn Minuten Fußmarsch kamen Christine vor wie eine Ewigkeit. Sean hatte nicht einen Ton mehr gesprochen. Es kam ihr gerade recht. Sie hatte nicht die Muße, sich mit ihm hitzige Wortduelle zu liefern. Ihre Kleider klebten an ihr, ebenso ihr Haar. Christine war von Kopf bis Fuß durchnässt, die Kälte biss sich in ihre Glieder und sie war hundemüde. Jack zitterte wie Espenlaub unter ihrem Parka, und sein Zittern übertrug sich auf sie. Sie war durchgefroren, als sie endlich seine Hütte erreichten. Sean ging entschlossen auf die Tür zu und schloss sie auf.
   Was hatte sie erwartet? Dass er sie im strömenden Regen bis zu ihrem Haus begleitete? Nicht Sean Turner. Als er ihre Unsicherheit bemerkte, forderte er sie mit einer Handbewegung auf, ihm zu folgen, doch sie zögerte immer noch.
   »Willst du nicht reinkommen? Nur bis der Regen aufgehört hat. Danach bring ich dich zu deiner Hütte.« Er lächelte und trat in den dunklen Raum. Sein Gang zeigte ein leichtes Verkürzungshinken, das zugenommen hatte.
   Dieser Umstand konnte durchaus für sein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Polizeidienst verantwortlich sein. Ihr Mitleid hielt sich derweil in Grenzen.
   Er knipste das Licht an, doch die betagte Lampe inmitten des Raumes brauchte einen Moment, bis sie zündete. »Die Stromkreise sind marode. Ich bin froh, wenn sie überhaupt arbeiten.«
   Sie fasste ihren Mut zusammen und trat ein. Der Blick, der sich ihr bot, war speziell. Das Innere seiner Hütte war spartanisch. Den Mittelpunkt des Raums bildeten ein Sofa und ein Tisch. Falsch, aufeinandergestapelte Paletten und ein Flickenteppich, dessen Grundton einst weiß gewesen war. Was interessierte sie sein Einrichtungsstil? Es war trocken. Punkt. Sie hatte nicht vor, länger als nötig zu bleiben. Jede Minute erschien ihr eine zu viel. »Schön hast du es«, sagte sie und ließ ihren Blick weiter umherschweifen.
   Er lachte und zog seinen Parka aus. Sean war ebenso durchnässt wie sie. Das Hemd klebte an seinem muskulösen Oberkörper. Von den Haarsträhnen fielen Tropfen auf sein Gesicht und perlten an den markanten Linien hinab. Sean war verteufelt sexy. Die Anziehung war allerdings rein körperlich. Was nutzte ihr eine schöne Verpackung, wenn der Inhalt ungenießbar war? Warum verschwendete sie überhaupt einen Gedanken daran?
   »Ich bin bislang nicht dazu gekommen, es nach meinem Geschmack einzurichten. Es sind die Sachen vom Vorbesitzer. Ich hab die Hütte genommen wie gesehen. Lass den kleinen Racker raus. Er windet sich wie ein Dingo unter der Regenjacke.«
   Jack sprang sofort hinunter, als sie den Reißverschluss öffnete. Er schüttelte sich und schnaufte, ehe er sich auf dem alten Flickenteppich unter dem Couchtisch wälzte, um sein kurzes Fell auch noch von dem letzten Wassertropfen zu befreien.
   Nicht schon wieder! Jack brachte sie abermals in eine peinliche Situation. Die Wärme schoss ihr siedend heiß ins Gesicht, doch Sean wurde nicht wütend. Er lachte.
   »Der olle Vorleger stinkt sowieso nach nassem Hund. Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an. Hauptsache, Jack ist trocken und zufrieden.« Seine Stimme klang weich und freundlich. Anders als zuvor.
   Sie wusste diesen Mann einfach nicht zu nehmen. Sein Verhalten verwirrte sie, und das machte sie unsicher. Jack schien ungemein glücklich. Schnuppernd zog er seine Bahnen durch Seans Hütte. Wenigstens einer, der sich nicht unwohl in seiner Haut fühlte.
   »Er ist doch hoffentlich stubenrein?«
   Christine nickte.
   »Gut, die Jacke kannst du am Garderobenständer aufhängen.« Er zeigte auf ein klappriges, mannshohes Metallgestell, das neben der Eingangstür stand. »Du darfst die Tür auch gern schließen. Oder wartest du auf jemand? Ich hol dir derweil ein Handtuch und etwas Trockenes zum Anziehen.«

Es vergingen keine zwei Minuten, bis Sean aus dem Nebenraum zurückkam, in dem sich offenbar sein Schlafzimmer befand. Er war seine nasse Bekleidung losgeworden und trug lediglich gestreifte Shorts. Ein großes Handtuch hing um seinen Hals und verdeckte nur notdürftig seinen attraktiven, unbekleideten Oberkörper. Hübsch, definitiv. Christine erkannte den Ansatz eines Sixpacks. Seine Haut wirkte von der Sonne geküsst, selbst nach dem harten Winter. Gegen ihn wirkte sie käsebleich und ungesund.
   »Du kannst dich gern in meinem Schlafzimmer ein wenig zurechtmachen. Ich denke nicht, dass du das Bad nutzen möchtest.« Er zeigte mit einer Kopfbewegung nach draußen.
   »Dein Bad ist …«
   »Vor der Tür.« Er grinste schelmisch. »Wie auch die Toilette. Wenngleich die wenigstens ein Dach hat. Die Dusche ist Open Air.«
   Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt, wenn sie sich ausmalte, wie er nackt unter freien Himmel unter der Dusche stand. Sean war ein gut aussehender Mann, solche Attribute ließen sie nicht kalt. »Was ist im Winter?« Wieso fragte sie ihn danach? Ihr Hirn ging in der Nähe dieses Mannes in den Energiesparmodus.
   »Ich bin ja noch nicht lang hier, doch im Moment dusche ich bei Dexter oder den Thurstons nach meinem Waldlauf. Im Winter kann ich in der Station duschen. Du solltest aus den nassen Klamotten rauskommen.« Er zeigte auf die Tür, aus der er gekommen war. »Ich habe dir auf dem Bett etwas hingelegt. Es ist nicht deine Größe, aber für den Übergang sollte es reichen.«
   Christine warf einen Blick auf Jack, der sich entspannt auf dem Teppich zusammengerollt hatte und schlief. Sie bewunderte die Gelassenheit, mit der er jeder neuen Situation gegenübertrat. Ihr war mulmig zumute, als sie die wenigen Schritte zu Seans Schlafzimmer hinter sich brachte. Sie zog die Tür von innen zu, ehe sie tiefer in den Raum trat. Das Zimmer war winzig klein und bis auf das schmale Bett und einen zweitürigen Kleiderschrank leer. Das Bett war ordentlich gemacht und auf der Tagesdecke lagen ein Handtuch und ein Stapel adrett zusammengefalteter Kleidung. Christine schlüpfte aus den patschnassen Socken, ehe sie die Kleidungsstücke unter die Luppe nahm. Eine weiße Bluse mit Spitze, ebenso eindeutig feminin wie der hellblaue Rock mit dem Blümchenmuster und Lochspitzenrand. Nicht ihr Stil. Sie mochte verspielte, mädchenhafte Kleidungsstücke nicht wirklich, doch im Augenblick war ihr alles recht, Hauptsache, es war trocken und sauber.
   Sie wurde ihre Kleidung los und trocknete Haar und Körper mit dem flauschigen Handtuch ab. Es roch zart nach Lavendel und Kernseife wie auch die Kleidung. Sie war zwei Nummern zu groß. Kein Drama. Es war ja nur für den Übergang. Sie raufte ihre Klamotten zusammen und warf einen Blick in den mannshohen Spiegel am Kleiderschrank. Sie löste die Klammer aus ihrem Haar und brachte die wirre, feuchte Mähne ein wenig in Form. Ihr Haar kräuselte sich bereits und die heute Morgen sorgsam glatt geföhnten Locken hatten ihren Auftritt, dennoch ließ sie es offen. Mit ihrem nassen T-Shirt rubbelte sie die Überreste ihres Make-ups vom Gesicht. Die schwarze Mascara und der Lidstrich waren verwischt und ließen sie aussehen wie ein Panda oder ein Mitglied einer Blackmetal-Band. Und so hatte Sean sie zu Gesicht bekommen. Erneut stieg ihr Hitze in den Kopf.
   Warum interessierte sie seine Meinung? Er war ein miesepetriger Stinkstiefel. Und wieso brannte sie darauf zu erfahren, wem die Kleidung gehörte, die sie trug? Ihr Herz schlug schneller, als sie kurz entschlossen den Schlüssel des Schranks umdrehte. Die Tür knarzte leise, und Christine hielt inne. Es war unverschämt, doch ihre Neugier drängte sie. Langsam öffnete sie die Tür. Es drangen keine verräterischen Geräusche nach außen.
   Der Anblick war ernüchternd. Der Schrank war fast leer. Auf einem Bügel hing eine dunkle Jeans. Auf den Ablagebrettern über der Kleiderstange lagen ein paar Shirts, ein Pullover und seine Sportbekleidung. In einer Kiste daneben befanden sich Unterwäsche und Socken. Sehr spärlich. Keine weitere Frauenkleidung. Was bewog einen Mann wie Sean, einen Satz Frauenkleider aufzubewahren?
   Waren sie womöglich von einer verflossenen Liebschaft? Es ging sie überhaupt nichts an. Sie schloss den Schrank, nahm ihre Kleidung und das Handtuch und ging zurück ins Wohnzimmer.

*

Christine kam recht flott zurück. Gerade als er dabei war, in sein Shirt zu schlüpfen. Er wandte ihr blitzschnell seine Vorderseite zu. Sie sollte nicht seinen vernarbten Rücken sehen.
   Es war lächerlich. Spätestens bei der Untersuchung vor Dienstantritt musste er sich vor ihr ausziehen. Er strich das Shirt glatt und wischte sich über die Stirn.
   Er wollte sie nicht angaffen, doch er kam nicht umhin, sie in Augenschein zu nehmen. Christines feuchtes Haar fiel in weichen kupferfarbenen Wellen über ihre Schultern. Offen war es weitaus femininer und noch reizvoller, doch die Kleidung …
   Warum hatte er die Lumpen aufgehoben? Als Mahnmal? Er wusste auch so, dass die Beziehung zu Mariella ein Fiasko gewesen war. Daran wurde er jeden Tag erinnert. Mariella war um einiges kleiner gewachsen als Christine. Der Rock war zu kurz. Alles in allem wirkte es an ihr unstimmig. Christine war nicht der Typ für Blümchenmuster, Spitze und Rüschen. Der Anblick der Kleider ließ unangenehme Emotionen hochkochen.
   Barfuß lief Christine über die rauen Holzbohlen und zischte schmerzerfüllt auf, als sie einen Schritt auf ihn zutat. Seit er hier wohnte, hatte er sich etliche Splitter in die Füße getreten.
   Sean trat auf sie zu, legte seine Hände auf ihre Hüften und hob sie hoch. Ihr Geruch verschlug ihm den Atem. Sie roch nach Vanille wie ein üppiges, äußerst dekadentes Dessert. Ihre Kurven unter seinen Fingern fühlten sich weich, warm und verführerisch an. Er trug sie eilends zu der Couch und setzte sie ab. »Ich hol dir ein paar Socken.« Sean eilte ins Schlafzimmer. Sein Herz schlug schneller und sein Atem stockte. Zur Hölle, was tat er? Es war falsch.
   Er half ihr, nicht mehr und nicht weniger. Draußen regnete es in Strömen. Es war seine Pflicht als Kollege, ihr einen Unterschlupf anzubieten. Warum also irritierte ihre Anwesenheit ihn so?
   Weil sie ein verflixt heißes Eisen war. Christine war attraktiv, intelligent und selbstbewusst. Alles Eigenschaften, die er an einer Frau zu schätzen wusste. Wieso lief sie gerade ihm über den Weg? Hier, in der Einöde der Wildnis? Mit allem hatte er an diesem Ort gerechnet, aber nicht mit einer solch anziehenden Frau. Das weibliche Geschlecht war eine Komplikation, die er in seinem verfahrenen Leben nicht gebrauchen konnte. Nicht nach dem, was Mariella ihm angetan hatte.

*

Christine war zu verdutzt, um etwas zu sagen, als Sean wie von der Tarantel gebissen im Schlafzimmer verschwand.
   Er hatte sie zuvor geschnappt und zur Couch getragen, nachdem sie sich einen Splitter zugezogen hatte. Sie war ihm dabei ganz nah gekommen. Seine Berührung auf ihren Hüften hatte sich angenehm angefühlt. Das Shirt war ein bisschen hochgerutscht, und sie hatte seine warme Haut unverhüllt auf ihrer gespürt. Viel zu früh endete die unerwartete Zweisamkeit. Er hatte sie fast auf die Couch geworfen, als hätte er sich an ihr die Finger verbrannt. Komisches Mannsbild.
   Christine seufzte und wandte sich der Sache zu, von der sie Ahnung hatte. Sie untersuchte ihren Fuß. Es war halb so wild. Mit den Fingerspitzen griff sie nach der Spitze des kleinen, nicht einmal zahnstocherdicken Holzstückchens und zog es heraus. Die leichte Hornhaut an ihren Zehenballen hatte das Schlimmste verhindert. Es blutete kaum. Ein wenig Desinfektionsmittel oder Alkohol, ein Pflaster und ihr Fuß wäre wie neu.

Sean kam kurze Zeit später zurück ins Zimmer. Neben den Socken hatte er eine kleine Verbandstasche mitgebracht und eine Jeans angezogen. Leider. Sie hätte gern mehr von ihm gesehen, doch selbst bekleidet war er ein Hingucker. Es wirkte ein wenig ungelenk, wie er versuchte, sich vor der Couch hinzuknien. Rechts blieb sein Bein leicht gestreckt. Offenbar konnte er es nicht ganz durchbeugen. Es sah unbequem aus, aber er ließ sich nichts anmerken.
   Seine linke Hand strich federweich über ihre Wade und seine Finger schlossen sich um ihren Knöchel. Er zog ihren Fuß auf seinen Oberschenkel und öffnete die Verbandstasche. »Ich kann das selbst.« Was sie sagte, war etwas anderes, als das, was sie wollte. Seine Berührung fühlte sich mehr als angenehm an. Sie wollte nicht, dass er aufhörte. Die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Sie erschauderte. Gänsehaut erfasste ihren Körper.
   War sie völlig verblödet? Ihr Verstand sagte ihr, dass sie Seans Handlung sofort unterbinden musste, doch sie verharrte still und genoss die Berührung.
   Seine Fingerspitzen glitten sanft über die Oberseite ihres Fußes, bevor er ihn so drehte, dass er ihn betrachten konnte. »Ist dir kalt?« Ohne ihre Antwort abzuwarten, griff er nach einer der Wolldecken, die auf dem Sofa lagen, und reichte sie ihr. »Ich weiß, du bist Ärztin, aber so eine kleine Verletzung kann ich ebenfalls versorgen.« Er riss das Päckchen der Kompresse auf, tränkte sie mit Desinfektionsmittel und säuberte die Wunde.
   Es brannte flüchtig und wurde heiß, doch die Berührung mit dem Tupfer war nebensächlich. Seine Fingerspitzen auf ihrem Knöchel hinterließen ein warmes Gefühl auf der Haut. Ihr Körper prickelte angenehm.
   »Der Holzboden ist grausam. Eugene hat mir angeboten, dass wir ihn im Frühjahr abschleifen und neu versiegeln. Ich habe mir einige Splitter geholt in den wenigen Wochen, die ich hier wohne.« Ein Lächeln lag in seiner Stimme. »Die Wunde ist halb so schlimm, aber das weißt du sicher schon. Du, als patente Ärztin aus der Großstadt.« Er hatte Ursulas Wortlaut aufgenommen und mit einer Spur Sarkasmus gewürzt.
   Seine verbitterte Art verpasste ihr eine eiskalte Dusche und vertrieb selbst das kleinste Fitzelchen positiver Empfindung.
   »Was verschlägt dich hierher? Die Karrierechancen können es nicht sein, ebenso wenig die Bezahlung.«
   Ihr gefiel es nicht, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte. Sie fühlte sich in die Ecke gedrängt und entzog sich seiner Berührung, kaum, dass er das Pflaster aufgeklebt hatte. Mit keiner Menschenseele wollte sie darüber reden und erst recht nicht mit Sean. »Ich habe meinen Job verloren.« Sie log, ohne zu zögern, und hoffte, dass er die Lüge schluckte. »Tante Ursula erzählte mir von der Stelle als Ärztin im Reservat, und da ich nicht vorhatte, den Rest meines Lebens in Deutschland zu versauern, habe ich zugesagt.« Sie zuckte mit den Schultern und versuchte, gleichgültig zu klingen.
   »Was sagt Mister Lincoln dazu?«
   Die Frage war unter der Gürtellinie und kränkte sie ernsthaft. Warum konnte Ursel nicht ihr Mundwerk halten? Sie meinte es sicher gut, aber mit ihrer Vorgeschichte hausieren zu gehen, lag nicht in Christines Sinn. »Herr Lenhard und ich sind geschieden, deswegen trage ich wieder meinen Mädchennamen. Das hat dir Ursula wohl nicht erzählt.«
   Sean lachte frech und strich sich sein Haar mit einer lässigen Geste aus dem Gesicht. »Ursula hat mir überhaupt nichts gesagt. Ich habe eins und eins zusammengezählt. Warum sonst sollte eine fähige Ärztin wie du herkommen?« Er tippte an ihre rechte Hand. »Und da ist noch eine leichte Einbuchtung an deinem Finger vom Ehering.«
   Sie sah auf ihre Hand. An ihrem rechten Ringfinger war ein heller Streifen. Bis vor drei Monaten hatte sie den Ring noch getragen. Warum? Selbstquälerei? Idiotie? Sie wusste es nicht wirklich. Auf ein Comeback ihrer Liebe hatte sie wahrhaftig nicht gehofft. Sie war inzwischen froh, dass sie Thorsten los war. Jennifer war nicht die einzige Affäre gewesen, wie sie im Nachhinein erfahren musste. Er hatte sie zigmal betrogen in ihrer langjährigen Beziehung. Dazu noch die Schwangerschaft. Es hielt ihr vor Augen, wie wenig er in ihre Beziehung investiert hatte. Warum blutete ihr Herz nach wie vor, wenn sie daran dachte? Sie wollte ihn nicht zurück. Nicht nach den bösen Worten und Drohungen, die von seiner Seite aus gefallen waren.
   Thorsten hatte versucht, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Er hatte systematisch ihren Ruf ruiniert. Ihr Leben in Deutschland war zu einem Spießrutenlauf geworden. Früher oder später hätten die Verleumdungen sie ihren Job gekostet. Bevor es so weit kommen konnte, hatte sie einen Schlussstrich gezogen. Böse Zungen deuteten ihre Flucht als Schuldeingeständnis. Ihr war es einerlei. Sie wollte nur weg. Christine hatte ihr Vertrauen in das andere Geschlecht verloren und der Verlust ihrer ehemals besten Freundin Jennifer belastete sie nach wie vor.
   Was war der Ring also gewesen? Am ehesten eine Art Mahnmal, nicht erneut den gleichen Fehler zu begehen und einem Mann ihr Vertrauen zu schenken.
   »Ich bin Polizist. Solche Dinge fallen mir auf. Es ist mein Job, zwischen den Zeilen zu lesen.« Dieses Mal war sein Ton frei von jeder Wertung.
   »Und was sollten mir die Frauenkleider sagen?« Sie konnte es nicht ausstehen, dass er in ihr las wie in einem offenen Buch. Nur aus diesem Beweggrund hatte sie so überspannt reagiert.
   Seine Mundwinkel zuckten unaufhörlich und sein eisiger Blick durchbohrte sie. Ihr wurde unbehaglich. Deutlich erkennbar hatte sie einen falschen Knopf bei ihm gedrückt. Nach der Unfreundlichkeit, die er in den vergangenen Wochen an den Tag gelegt hatte, geschah es ihm jedoch nur recht. Warum fühlte sie sich dennoch miserabel?
   Seine verhärteten Züge lockerten sich übergangslos und ein sachtes Lächeln zeichnete Fältchen um seine Augen. »Dass es in meinem Leben Frauen gab. Sie gehören meiner Exfreundin, über die ich eigentlich nicht sprechen mag. Nur so viel: Es ging böse aus.« Er erhob sich schleppend und hinkte die ersten Schritte auf seinem Weg zu der kleinen Küchenzeile. »Kaffee? Heiße Milch?«
   »Heiße Schokolade?«, fragte sie hoffnungsvoll und dankbar für die Ablenkung. Warum behielt er dann die Kleidung? Aus dem gleichen Grund, aus dem sie den Ring behalten hatte? Als Warnung?
   »Oder doch lieber etwas Hochprozentiges? Ich habe einen hervorragenden irischen Whiskey.«
   »Wie wäre es mit einem Irish Coffee?«
   »Hört sich gut an, aber ich habe keine Ahnung, wie man den macht.« Sean lächelte.
   »Ich kann es dir gern zeigen.« Sie wollte aufstehen, da unterbrach er sie mit einem Zwischenruf.
   »Die Socken, bitte. Nicht, dass du dir noch einen Splitter zuziehst.«

*

Christines Handgriffe waren ausgesprochen routiniert. Während er das Wasser auf dem Holzherd kochte und anschließend den Kaffee von Hand aufbrühte, bereitete sie die Tassen mit Whisky und Zucker vor. »Du machst das nicht zum ersten Mal.«
   Christine kicherte. »Ich habe während meines Studiums in einer Bar gearbeitet. Anders kam ich nicht über die Runden. Ich habe den ein oder anderen Cocktail gemixt.«
   Er konnte sich Christine nicht hinter einem Tresen vorstellen. Sie wirkte nicht wie die Frau, die sich zu derart niedrigen Tätigkeiten herabließ. Eher wie die Tochter aus feinem Haus, der alles zugeflogen kam. So sehr konnte man sich irren.
   »Ich habe in einem Imbiss gejobbt, Zeitungen ausgetragen, Hunde ausgeführt und noch einige andere Minijobs erledigt. War eine witzige, aber auch stressige Zeit.« Sie lachte glockenhell, als sie Whiskey und Zucker mit einem Streichholz entzündete, und sah ihn aus ihren hellen Augen an. »Ich bin aus gutem Haus, wie man so schön sagt. Mein Vater war jedoch der Meinung, dass ich mich nicht ins gemachte Nest setzen sollte. Arbeit formt den Charakter. Ich habe mir mein Studium selbst finanziert.«
   Darauf war sie unübersehbar stolz. Sie hatte auch allen Grund dazu. Zu ihrer Schönheit und Intelligenz addierte er Durchsetzungskraft. Das gefiel ihm. Aber die Sache mit der Kündigung? Nie und nimmer hätte eine Klinik eine solch fähige Ärztin gehen lassen. Oder war ihr ein Kunstfehler unterlaufen und sie war vor den Folgen geflohen? Wilde Spekulationen brachten ihn nicht weiter. Sie hatte sein Interesse geweckt. Er wollte mehr über sie erfahren, doch sein untrügerisches Gespür gab ihm zu verstehen, dass sie nicht bereit war, weitere Dinge über sich preiszugeben.

*

Trotz der Startschwierigkeiten hatte sie sich nett mit Sean unterhalten und die Zeit fast vergessen. Sofern sie sich nicht gerade über ihre Verflossenen unterhielten, konnte er tatsächlich freundlich sein. Sie hatten sich über das Leben am Flagstaff Lake ausgetauscht. Er hatte sie ein bisschen über ihren Tätigkeitsbereich und die Einwohner rund um den See ausgehorcht. Da kam wohl der Polizist in ihm zum Tragen. Gelegentlich hatte es ein wenig von einem Verhör gehabt, aber solange seine Fragen nicht ihr Privatleben betrafen, hatte sie ihm gern Auskunft gegeben. Sie konnte seine Neugier verstehen. Für ihn war dieses Leben neu.
   »Hört sich alles ungemein spannend an.« Sean stellte die leere Kaffeetasse auf den Couchtisch und streckte sich. »Das Unwetter hat sich zwischenzeitlich gelegt. Ich sollte dich nach Hause bringen. Wir haben bereits weit nach Mitternacht.« Er gähnte und erhob sich von seinem Platz.
   Christine sah zum Fenster. Es war still geworden. Kein Regen, der gegen die Scheibe prasselte und graue Schlieren hinterließ, wenn er hinablief. Sie hatte das Gespräch mit ihm genossen und dabei die Umgebung um sich herum vergessen.
   »Ich muss morgen in aller Früh in die Stadt. Natürlich erst, nachdem ich Eugenes Wagen aus dem Graben befreit habe.«
   Christine folgte seinem Beispiel. »Die Kleidung …«
   »Gibst du mir bei nächster Gelegenheit zurück.« Er lachte leise und winkte ab. »Oder mach mit ihr, was du willst. Ich brauche sie nicht mehr.« Er wirkte seltsam erleichtert. »Es ist an der Zeit, alten Ballast loszuwerden.«

Der fünfminütige Weg zu ihrer Hütte hatte sie fast eine viertel Stunde gekostet. Die Klamotten waren ungeeignet für die unwegsame Strecke, die das Unwetter zurückgelassen hatte. Abgeknickte Bäume und Astwerk machten den Weg zu einem Hindernislauf. Der Weg mutierte zu einem Schlammbad. Sie sank fast bis zu den Knöcheln im Morast ein. Gott sei Dank trug sie ihr gewohntes Schuhwerk.
   »Soll ich nach dem Rechten sehen? Es sieht zwar so weit alles gut aus, aber man weiß ja nie.«
   Christine schloss die Tür zu ihrer Hütte auf. Jack rührte sich unter der Jacke, weshalb sie ihn aus seinem Gefängnis befreite. Kaum, dass seine Pfoten den Boden berührten, rannte er zu seinem Körbchen und machte es sich laut schnaubend bequem.
   »Der geborene Wachhund.« Sean lachte. »Und? Soll ich mich umsehen?«
   Christine knipste das Licht an. Es funktionierte. Alles sah gut aus auf den ersten Blick. Das Stromnetz schien intakt und es tropfte nicht durch Löcher im Dach. Große Schäden hätte sie in der Dunkelheit bemerkt und kleine Sturmschäden konnte sie bei Tageslicht in Augenschein nehmen. »Nein, ist in Ordnung. Ich denke nicht, dass etwas zu Bruch gegangen ist. Du bist sicherlich erledigt, und das läuft nicht weg.«
   Sean stand nach wie vor regungslos im Türrahmen. Sollte sie ihn hereinbitten? Die Höflichkeit hätte es geboten, doch sie war entsetzlich müde und er wirkte, als wäre er überall lieber als hier. Beinah, als befände er sich auf der Flucht. Erschöpfung und Anspannung hatten dunkle Schatten und tiefe Furchen in seinen scharf geschnittenen Gesichtszügen zurückgelassen.
   Er hatte erwähnt, dass er früh rausmusste, und sie wollte ihn nicht länger aufhalten. »Danke, dass du mich nach Hause gebracht hast.« Sie ging einen Schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand zum Abschied.
   Er griff nach ihren Schultern und zog Christine an sich. Seine Fingerspitzen liebkosten ihren Nacken und streichelten den Haaransatz hinab über ihren Rücken. Kleine Stromschläge jagten ihr Rückgrat hinunter und pulsierten in ihrem Körper. Sean beugte sein Gesicht zu ihr, sein Atem umschmeichelte ihre Wange, während seine Hand durch ihr Haar glitt. Sein Mund berührte ihren in einem keuschen Kuss.
   Es fühlte sich sensationell an, ihm so nah zu sein. Alles hatte sie erwartet, aber nicht eine solch intime Geste zum Abschied. Er presste sie mit seinem Leib gegen den Türrahmen, sodass sie seinen erhitzten Körper spürte. Es war so verboten gut, dass sie vor Entzücken in seinen Mund stöhnte. Seine Lippen kitzelten an ihrer empfindsamen Haut. Der Kuss hinterließ ein sinnliches Prickeln, als er sich von ihr löste. Sie wollte mehr und fuhr mit der Hand unter sein Shirt, doch er entzog sich ihrer Berührung, trat einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf.
   »Es tut mir leid. Das hätte nicht passieren dürfen«, stammelte er und verschwand in der Dunkelheit.

*

»Idiot«, schalt er sich. Es war falsch, sie zu küssen, dennoch … Ihre Lippen hatten sich so gut angefühlt. Weich und samtig. Ihre Fingerspitzen auf seiner Haut waren verlockend gewesen und hätten ihn fast die Selbstbeherrschung verlieren lassen. Seine Gedanken überschlugen sich. Er schmeckte ihren zuckersüßen Speichel auf seinen Lippen. Es raubte ihm den Verstand.
   Warum hatte er es getan? Weil sie wunderhübsch war. Intelligent. Amüsant. Er hätte sich die ganze Nacht mit ihr unterhalten können. Exakt aus diesem Grund hatte er sie nach Hause gebracht. Es war bescheuert. Er sollte sie auf Abstand halten, aber er hatte sie geküsst und gestreichelt. Liebend gern hätte er viel mehr mit ihr angestellt, doch sein Verstand hatte in allerletzter Sekunde die Notbremse gezogen.
   Christine hatte seine Zärtlichkeiten erwidert. Allein der Gedanke ließ ihn erschaudern. Er schlug sich die Hand vor die Stirn und stöhnte. Er musste sich ablenken. Anstatt nach Hause zu gehen, machte er sich auf den Weg zu Eugenes Auto. Wäre doch gelacht, wenn er das Problem nicht allein aus der Welt schaffen könnte.

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