Nur widerwillig folgt die schüchterne Jackie ihrer besten Freundin Hieke auf die dänische Urlaubsinsel Alsen, auf der Hieke sie kurzerhand zur Teilhaberin eines Eis- und Würstchenkiosks macht. Jackie will vor allem eins: ihren gewalttätigen Exmann nie wiedersehen. Anfangs betrachtet sie sich eher als Anhängsel ihrer tatkräftigen Freundin, doch bald verliert Jackie ihre Scheu und beginnt, sich in dem kleinen Inseldorf wohlzufühlen. Besonders der attraktive Restaurantbesitzer Deco, den es aus den USA in die dänische Provinz verschlagen hat, weckt Gefühle, die Jackie längst tot und begraben glaubte. Wenn ihre gemeinsame Zukunft eine Chance haben soll, müssen sie beide den Mut finden, sich den Schatten der Vergangenheit zu stellen.

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ISBN: 978-9963-53-066-3

Seiten: 327

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Tabea Petersen

Tabea Petersen
Ich wurde 1979 in Halle an der Saale geboren und wuchs in Dessau auf. Nach dem Abitur zog ich zum Studium nach Dänemark und blieb dort. Heute lebe ich mit meiner Familie in der Kleinstadt Graasten nahe der dänisch-deutschen Grenze. Gemeinsam mit meinem Mann betreibe ich eine Ferienhaus-Vermittlungsagentur. In meiner Freizeit schreibe ich Romane und Kurzgeschichten.

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Leseprobe

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Kapitel 1

»Ist es nicht herrlich hier? Und diese Luft!«
   Es war Mitte April, und gerade erst war der Winter nach erbitterten Kämpfen mit Schnee-
   matsch, Hagel und Eisregen endgültig dem Frühling gewichen. Trotzdem hatte meine Freundin Hieke die Scheibe auf der Fahrerseite fast ganz hinuntergekurbelt. Gierig sog sie die frische, klare Luft ein. Der Fahrtwind wirbelte ihre braunen Locken durcheinander, und die Strahlen der Frühlingssonne malten Lichtkringel auf die abgewetzten grauen Sitzbezüge und die ziemlich eingestaubte Instrumententafel ihres kleinen Opels, dessen leuchtend dottergelbe Farbe an eine jener handtellergroßen Gummienten erinnerte, die man in der Badewanne schwimmen lassen konnte. Deshalb hatte Hieke ihrem Auto den Namen Quietscheentchen gegeben. Es war einer dieser Frühlingstage, an denen die ganze Welt wie frisch gewaschen wirkte. Das Sonnenlicht ließ alle Farben so klar und kräftig hervortreten, dass einem nach dem wochenlangen grau in grau des Spätwinters fast die Augen wehtaten.
   Für mich war es der erste Tag in diesem Jahr, an dem ich den Frühling bewusst wahrnahm. Als wir über die Alssundbrücke fuhren, lag unter uns Sonderburg wie eine Märchenstadt aus dem Bilderbuch. Die Sonnenstrahlen brachen sich in Hunderten von blanken Fensterscheiben und leuchtend roten Ziegeldächern. Sie verwandelten die leicht gekräuselte Oberfläche des Sunds in ein Glitzermeer aus Diamanten, auf dem in makellosem Weiß die ersten Segler dahinglitten. Doch so sehr ich diesen Anblick auch genoss, es fiel mir schwer, Hiekes Euphorie zu teilen. Wie immer hatte sich meine Freundin voller Begeisterung in ihr neuestes Vorhaben gestürzt, und allen Einwänden zum Trotz schien sie diesmal wirklich entschlossen zu sein, mich zu ihrer Partnerin zu machen. Dabei war ich die denkbar ungeeignetste Kandidatin für diesen Job: Ich hasste es, mit Fremden sprechen zu müssen, nie wollten mir im entscheidenden Augenblick die richtigen Worte einfallen, noch dazu in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache war. Ich hatte seit Jahren so gut wie kein Dänisch mehr gesprochen, und meine einzige Erfahrung in der Verkaufsbranche bestand aus einem Sommerferienjob als Kassiererin in einem Supermarkt, den ich zu Studentenzeiten mehr schlecht als recht gemeistert hatte. Ein Verkäufertyp war ich wahrhaftig nicht. Außerdem war ich seit meiner Führerscheinprüfung kaum je wieder Auto gefahren – eigentlich nur dann, wenn mein Mann etwas getrunken hatte. Ich dachte mit Schrecken an diese Fahrten zurück: Verbissen hatte ich geradeaus gestarrt und krampfhaft das Lenkrad umklammert, damit er, der neben mir jede meiner Bewegungen genauestens überwachte, nicht merkte, wie meine Hände zitterten. Nur keinen Fehler machen, mich um Himmels willen bloß nicht verfahren auf dieser Strecke, die – ihm zufolge – selbst ein hoffnungsloser Fall wie ich inzwischen im Gedächtnis haben müsste.
   Doch ausgerechnet mich, Jaqueline Jeske, wollte Hieke nun zur Mitbetreiberin einer Imbissbude in einem Ferienort auf der Insel Alsen machen. Unwillkürlich entfuhr mir ein Seufzer, und Hieke drehte sich zu mir um.
   »Was ist, gefällt es dir etwa nicht?«
   »Doch, doch«, beeilte ich mich, zu versichern.
   »Da, wo wir hinwollen, ist es noch viel schöner, du wirst sehen.« Wie immer, wenn Hieke von dem Ort sprach, an dem sie als Kind so viele glückliche Ferientage erlebt hatte, nahm ihr Gesicht einen leicht verklärten Ausdruck an. »Das wird ein Spitzensommer!« Wieder einmal klang es, als wäre alles schon beschlossene Sache. Das war typisch Hieke, Hieke und ihre verrückten Ideen!
   Dabei kam ich lediglich rein interessehalber mit, um mir das Ganze einmal anzuschauen, obwohl ich von dem Einfall eigentlich nicht viel hielt. Das hatte ich Hieke klipp und klar gesagt, oder zumindest hätte sie mir meine Skepsis doch deutlich anmerken müssen. Wie denn?, fragte meine innere Stimme spöttisch. Diese Stimme war ein Teil von mir, solange ich zurückdenken konnte. Ein kühler Beobachter, der mich gleichsam mit den Augen anderer sah. Ich hatte früh gelernt, dass jemand wie ich kein Lob zu erwarten hatte. Unbarmherzig kommentierte diese Stimme alles, was ich dachte, sagte oder tat, verhöhnte gnadenlos jeden kleinen Fehler, jede noch so kleine Schwäche.
   Hast ja wieder mal den Mund nicht aufgekriegt. Wie typisch für dich, Jeske! Wenn du Hieke von dieser Sache abbringen willst, musst du schon etwas deutlicher werden, aber dazu bist du doch viel zu feige.
   Ich seufzte noch einmal, diesmal still in mich hinein.
   An sich klang Hiekes Idee nicht einmal so schlecht. Seit sie Anfang des Jahres ihren Job als Erzieherin in einer Kindertagesstätte verloren hatte, spielte sie mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen. Als sie in der dänischen Tageszeitung die Anzeige entdeckte, dass in dem Ferienort, in dem sie als Kind mit ihren Eltern regelmäßig den Sommerurlaub verbracht hatte, ein Imbissstand mitsamt Inventar zu vermieten war, kannte ihre Begeisterung keine Grenzen mehr. Das schien genau das Richtige für sie zu sein, schließlich hatte sie als Schülerin und Studentin regelmäßig in einer Imbissbude gejobbt. Außerdem sprach sie dank ihres Vaters, der aus Dänemark stammte, fast genauso gut dänisch wie deutsch.
   Der Haken an der Sache war bloß, dass sie mich unbedingt dabeihaben wollte. Es würde mir guttun, meinte sie, wenn ich einmal für eine Weile aus meiner Studierstube herauskäme. Dieser Satz hatte mich fast wütend gemacht. Was glaubte sie denn? Dass ich einfach so mir nichts, dir nichts meine Doktorarbeit unterbrechen und an der Uni alles stehen und liegen lassen konnte, um den Sommer über mit ihr zusammen eine Würstchenbude aufzumachen? Verdammt, was sollte ich in Dänemark? Es ging mir gut, seit ich vor etwas über einem Jahr wieder zurück nach Flensburg gezogen war. Ich hatte eine hübsche Wohnung in der Altstadt, ich mochte meine Arbeit an der Uni – wirklich, ich war zufrieden mit meinem Leben. Zumindest sagte ich das jedem, der es hören wollte. Doch wenn ich ehrlich war, erschreckte mich die Feststellung, dass manchmal Wochen vergehen konnten, ohne dass ich mit irgendjemandem außer meinen Studenten sprach, und die wenigsten von ihnen kannte ich mit Namen. Gelegentlich riefen Hieke oder meine Eltern an, ab und zu sprach ich mit meinem Mentor über meine Doktorarbeit, wechselte ein paar höfliche Grußworte mit den Nachbarn. Das war alles. Manchmal, wenn ich Pärchen oder Familien in der Stadt beobachtete, hatte ich das Gefühl, das Leben ziehe an mir vorüber wie ein Film, den ich aus der Entfernung auf einer Leinwand betrachtete. Wenn ich mit meinem Aufnahmegerät zwischen spielenden Kindergartenkindern saß, um ihre Fortschritte beim Sprechenlernen zu analysieren, bohrte sich die Gewissheit, dass ich niemals eigene Kinder haben würde, wie ein giftiger Dorn in mein Herz. Manchmal, wenn ich abends in meiner Wohnung saß, erschrak ich beim Klang meiner Stimme. Ich konnte die Stille nicht ertragen. Sie ließ Erinnerungen in mir wach werden, dabei bemühte ich mich so sehr, vergessen zu können. Dann hielt ich es in meiner Wohnung nicht mehr aus, lief stundenlang ziellos durch die Straßen, bis mich Müdigkeit und Kälte schließlich wieder nach Hause trieben. Oft hatte ich das Gefühl, unsichtbar zu sein, mich regelrecht aufzulösen, und dann versuchte ich, die Blicke von Fremden einzufangen, hoffte auf einen Gruß, ein Nicken, irgendein Zeichen, dass sie mich noch wahrnahmen, dass es mich noch gab. Über all das sprach ich mit niemandem, nicht einmal mit Hieke, die schon seit Kindertagen meine beste Freundin war. Wahrscheinlich ahnte sie dennoch, dass es mir keineswegs so gut ging, wie ich immer behauptete. Meine Freundin hatte ein feines Gespür für Menschen. Obwohl sie selbst gern und viel redete, beobachtete sie gleichzeitig sehr genau. Ihr konnte ich nichts vormachen. Sicher hatte sie recht, es würde mir guttun, mehr unter Leute zu kommen. Also gut, ich würde der Sache eine Chance geben.
   Die schmale Straße schlängelte sich über sanfte Hügelkuppen, vorbei an satten grünen Wiesen, Wäldchen, deren Bäume gerade ihre ersten zartgrünen Knospen angesetzt hatten und deren Böden mit Buschwindröschen und gelben Sumpfdotterblumen übersät waren. Wir fuhren durch kleine Dörfer, vorbei an vereinzelten Bauerngehöften und weiß gekalkten Kirchen mit roten Ziegeldächern. Nach einer scharfen Rechtskurve am Fuße eines Hügels sah ich zu unserer Linken das Meer. Eine Weile fuhren wir direkt am Ufer entlang, links von uns nur Dünen, Sandstrand und Wellen. Die rechte Straßenseite säumte eine Ansammlung von Holzhäusern unterschiedlichster Größen, Formen und Farben. Ferienhäuser. Ein wenig weiter landeinwärts, beinahe so, als hielten sie sich absichtlich im Hintergrund, lagen ein paar vereinzelte Backsteinhäuser. Sie mussten den ursprünglichen Bewohnern dieses Küstenstreifens gehören. Noch etwas weiter hügelaufwärts konnte ich einen Bauernhof ausmachen. Wir rollten vorbei an einem Restaurant mit dem klangvollen Namen Strandperle und kamen schließlich vor einem gelb gestrichenen Steinhaus zum Stehen, an dessen rechter Seite wie ein überdimensionales Schwalbennest ein ebenfalls gelber Holzverschlag klebte.
   »Voilà, da wären wir!« Hieke stieg aus, wandte sich zum Strand um und sog genüsslich die würzige Luft ein, die nach Meerwasser und Tang roch. »Schau dir doch bloß mal diese Aussicht an!« Sie breitete die Arme aus, als wollte sie alles ringsherum umarmen. »Gigantisch, oder? Und das jeden Tag, den ganzen Sommer über. Herrlich, oder etwa nicht?«
   »Schon, aber bist du sicher, dass du damit auch Geld verdienen kannst?«, wandte ich vorsichtig ein.
   »Klar doch!« Hieke wischte meinen Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung fort. »Im Moment sieht es hier vielleicht noch etwas verlassen aus, aber glaub mir, sobald es etwas wärmer wird, ist hier richtig was los. Die Leute lieben diesen Strand. Ganz besonders die Hamburger und Flensburger. Wegen der Sprache brauchst du dir also überhaupt keine Sorgen zu machen. Im Sommer werden hier wahrscheinlich mehr Deutsche sein als Dänen.«
   Während Hieke sprach, näherte ich mich vorsichtig dem blassgelben Bretterverschlag, der anscheinend unseren potenziellen Arbeitsplatz darstellen sollte, zumindest deutete ein windschiefes Holzschild mit der Aufschrift Zu vermieten darauf hin.
   Das Ganze machte einen nicht eben gepflegten Eindruck. Die gelbe Farbe der Holzbude war nicht nur verblasst, sondern an vielen Stellen schon völlig abgeplatzt, und überhaupt schienen die zwei angerosteten Metallluken, mit denen die Fenster verschlossen waren, das Stabilste an der Konstruktion zu sein. Über den Fenstern war ein verwittertes Schild angebracht, dessen Aufschrift Kiosk – Getränke, Würstchen & Eis nur noch mit Mühe zu entziffern war. Auf der gefliesten Terrasse, die wohl einst als Sitzplatz für die Gäste gedient hatte, hatten Maulwürfe und Wühlmäuse ganze Arbeit geleistet. Kaum eine Fliese lag noch an ihrem ursprünglichen Platz, und alles war von Unkraut überwuchert. Ein schiefer Bretterzaun, an dem ein paar rostige Fahrradgestelle lehnten, vervollständigte dieses Bild des Verfalls. Am liebsten wäre ich sofort wieder umgekehrt, doch unsere Ankunft war bereits bemerkt worden. Ein Mann kam aus dem gelben Haus, steuerte zielsicher auf Hieke zu und begrüßte sie mit einem Handschlag und einem breiten Grinsen.
   »Hieke Hansen?«
   »Ja. Und du musst Christian Thomsen sein?«
   »Genau. Aber nenn mich ruhig Kedde. Das tun alle hier.«
   Wieder einmal musste ich mir erst ins Gedächtnis rufen, dass sich in Dänemark alle duzten. Ob ich mich jemals daran gewöhnen würde?
   Hieke schien damit jedenfalls kein Problem zu haben. »Und das hier ist meine Freundin Jaqueline Jeske.«
   »Tag.« Der Mann drückte mir die Hand und nickte kurz in meine Richtung. Dann wandte er sich sofort wieder Hieke zu. Er schien mit einem Blick erfasst zu haben, wer von uns beiden das Sagen hatte. Während er uns zum Haus führte, redete er ununterbrochen auf sie ein. Ich gab mir redliche Mühe, seinen Ausführungen zu folgen, aber da er nicht nur wahnsinnig schnell, sondern auch noch breitestes Sønderjysk sprach, musste ich bald kapitulieren. Ich beschränkte mich darauf, hier und da ein paar Worte aufzuschnappen und musterte den Mann verstohlen.
   Er musste in den Sechzigern sein, war groß und kräftig gebaut und trug eine ausgebeulte Jeans, Hosenträger über einem karierten Hemd und Holzpantinen. Sein üppiger Bauchansatz und das fleischige Gesicht mit der leicht geröteten Nase verrieten seine Leidenschaft für gutes Essen und alkoholische Getränke. Doch seine Blicke huschten, während er unaufhörlich weitersprach, wieselflink hin und her. Sie schienen jedes Detail genauestens wahrzunehmen und abzuwägen. Diese grauen Augen verrieten mir, dass man den Mann nicht unterschätzen durfte.
   Inzwischen hatte er uns in sein Wohnzimmer geleitet, wo seine Frau, die er als Yvonne vorstellte, uns Kaffee servierte. Sie war eine üppige Blondine, eine jener Frauen in den Fünfzigern, die sich offenbar nur schwer damit abfinden konnten, dass sie nicht mehr zwanzig waren, und die diese Tatsache mittels einer Fülle von Kosmetika, Schmuck und allzu farbenfroher Kleidung zu kaschieren versuchten. Ich fragte mich, ob ihre Haarfarbe echt war – ihr Lächeln jedenfalls war es nicht. Wahrscheinlich würde sie froh sein, wenn wir so schnell wie möglich wieder aus ihrem Wohnzimmer verschwanden. Ich kam mir in dem mit schweren, antiken Möbeln, Nippes und gehäkelten Zierdeckchen überladenen Raum, der trotz allen Zierrates staubig, ja, sogar schmuddlig wirkte und nach schalem Zigarettenrauch roch, jedenfalls reichlich fehl am Platze vor.
   Kedde Thomsen redete immer noch auf Hieke ein, die seinen Wortschwall nur ab und zu mit einer zustimmenden Bemerkung und einem energischen Nicken unterbrach. Sie schienen sich einig zu werden.
   »Na, dann schauen wirs uns doch mal an.« Thomsen erhob sich umständlich aus seinem Sessel und bedeutete uns, ihm zu folgen. Seine Frau geleitete uns zur Tür, die sie mit Nachdruck hinter uns schloss. Er holte einen Schlüssel aus der Hosentasche und machte Anstalten, die schmale Eingangstür des Holzverschlages aufzuschließen, doch offenbar klemmte das Schloss. Mit einem gezielten Fußtritt gelang es ihm schließlich, die Tür zu öffnen, und wir gingen hinein.
   Der Innenraum schien zweigeteilt zu sein. Wir befanden uns in einer Art Lagerraum. Eine nackte, von Staub und Spinnenweben überzogene Glühlampe an der Decke warf ein trübes Licht auf das Sammelsurium von leeren Bierkisten, rostigen Schildern, Eimern, Gartengeräten, Fahrrädern und sonstigem Krimskrams, mit dem der Raum angefüllt war. Nur ein schmaler Korridor war freigelassen worden, der zu einer weiteren Tür führte. Durch diese gelangten wir in den eigentlichen Verkaufsraum. Der rechteckige Raum wurde an der Stirnseite von zwei großen Schiebefenstern dominiert, die jetzt allerdings mithilfe der metallenen Fensterläden fest verschlossen waren. Unter den Fenstern lief eine schmale Theke entlang, und in der linken hinteren Ecke befand sich ein Waschbecken. Ansonsten unterschied sich der Raum vom Lager nur dadurch, dass sich unter der beeindruckenden Ansammlung von Sperrmüll, mit dem er vollgestopft war, auch mehrere altertümliche Kühlschränke, eine Fritteuse, eine riesige Gefriertruhe sowie einige weitere Küchengeräte befanden.
   »Seht ihr, hier ist alles, was ihr braucht.« Thomsen präsentierte uns diese Rumpelkammer mit der Miene eines Gebrauchtwagenhändlers, der ein echtes Schnäppchen anpreist.
   »Wir brauchen aber einen Backofen für die Brötchen«, wandte Hieke ein. Ich starrte sie ungläubig an. Sie schien sich tatsächlich in Gedanken schon in dieser Bruchbude häuslich einzurichten. Ließ sie sich denn wirklich durch nichts von ihrer fixen Idee abbringen?
   »Ihr könnt das hier benutzen, das funktioniert mindestens genauso gut.« Thomsen zeigte uns einen bereits angerosteten Sandwichmaker, den ich nicht einzuschalten gewagt hätte, ohne einen Stromschlag oder Schlimmeres zu befürchten.
   So schnell ließ sich Hieke jedoch nicht überzeugen. Sie betrachtete das Gerät mit Kennermiene und schüttelte den Kopf. »Da passen aber höchstens drei Hotdog-Brötchen auf einmal rein. Wir brauchen etwas Größeres.«
   »Aha, da kennt sich jemand aus.« Thomsen hob anerkennend die Augenbrauen. »Gut, ich werde sehen, was ich für euch finden kann. Und natürlich räume ich hier ein bisschen auf und setze den Laden für euch instand.« Er klang, als würde er uns einen ganz besonderen Gefallen tun. »Also, sagen wir, zehntausend pro Monat vom ersten Mai, mit allem Inventar natürlich – zuzüglich Strom und Wasser?«
   Zehntausend Kronen? Ich hoffte, mich verhört zu haben. Zu meinem Entsetzen sah ich Hieke neben mir langsam nicken.
   »Das klingt okay. Oder was meinst du?«
   Erst jetzt schien Thomsen meine Anwesenheit wieder in den Sinn zu kommen. »Sprichst du eigentlich dänisch?«, wandte er sich an mich.
   »Ein bisschen.« Ich bemühte mich, nicht rot zu werden, was mir nicht besonders gut gelang. Verflixt, der Mann musste mich für eine komplette Idiotin halten!
   Aber da Hieke fest entschlossen zu sein schien, sich auf dieses Abenteuer einzulassen, blieb mir wohl nichts anderes übrig, als mich ebenfalls zu Wort zu melden. Ich musste zumindest versuchen, sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. »Hat er tatsächlich zehntausend gesagt? Zuzüglich Strom und Wasser?«, fragte ich vorsichtig. Meine Befürchtung erwies sich als richtig, und Hieke wollte nicht einmal den Versuch machen, über den Preis zu verhandeln.
   »Mensch, bei der Lage hier können wir nicht so wählerisch sein!«, meinte sie.
   Ich stöhnte innerlich. »Dann lass dir die Bedingungen wenigstens schriftlich geben.« Das immerhin sah sie ein und fragte Thomsen nach einem Vertrag. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Deutsch er sprach, doch er schien dem Lauf unserer Unterhaltung ohne größere Mühe gefolgt zu sein.
   »Traust mir wohl nicht, wie?«, fragte er mich mit einem belustigten Blitzen in den Augen.
   Am liebten hätte ich laut und deutlich Nein gesagt, doch zu meinem Ärger bemerkte ich, dass meine Wangen schon wieder brannten. Ich schlug die Augen nieder und murmelte etwas von wegen Formalitäten.
   Thomsen grinste vielsagend. »Ja, ja, die Deutschen und ihre Formalitäten. Hier bei uns regelt man so was mit einem Handschlag.« Er klang fast beleidigt. »Aber gut, ihr kriegt euren Vertrag. Ich kenne ’nen Anwalt, der ihn für mich aufsetzen kann, dann könnt ihr am Wochenende unterschreiben kommen.«
   Darauf einigten wir uns, und von dem, was Thomsen weiter mit Hieke besprach, bekam ich kaum noch etwas mit.
   Als er uns endlich allein ließ, schlug Hieke vor, einen Spaziergang durch den Ort zu machen. Eine Weile gingen wir einfach schweigend nebeneinander her.
   »Du bist also dabei?«, fragte Hieke. Das war mehr eine rhetorische als eine wirkliche Frage, denn sie sah mir meine Bedenken deutlich an.
   »Also, ich weiß nicht. Und überhaupt, wie soll ich denn das machen mit der Uni und allem«, versuchte ich, mich herauszureden. »Das ist alles nicht so einfach, weißt du.«
   »Aber auch nicht so kompliziert, wie du es machst. Deine Doktorarbeit rennt dir doch nicht weg. Und du hast selbst gesagt, dass du zurzeit nur wenige Lehrveranstaltungen zu halten hast. Wenn du wirklich wolltest, könntest du dich sicher beurlauben lassen. Es ist ja nur für den Sommer. Komm, mach mit! Wir können das hier groß aufziehen, du und ich. Ich weiß, dass wir es können. Alles, was wir brauchen, ist ein kleiner Kredit, am besten von deiner Bank, denn meine gibt mir bestimmt keinen.«
   »Ach, deswegen willst du mich also dabeihaben? Wegen des Kredits?« Im Grunde wusste ich, dass der letzte Satz albern war, doch ich konnte nicht anders. Da war diese alte Unsicherheit, die ewig lauernde Frage, warum sich eigentlich überhaupt jemand mit mir abgab. Hieke kannte das Spiel, und sie enttäuschte mich nicht.
   »Quatsch, natürlich nicht deswegen. Das weißt du genau! Ich will dich dabeihaben, weil du erstens meine beste Freundin bist und ich mir Sorgen um dich mache. Du musst endlich mal unter Menschen kommen, bevor du noch total in deiner Wohnung versauerst! Und zweitens möchte ich wirklich gern mit dir zusammenarbeiten.«
   Das war es, was ich hören wollte, und sie wusste es. Sie hatte wieder einmal gewonnen. Ich seufzte, konnte mir aber gleichzeitig ein Lächeln nicht verkneifen. »Jetzt verrat mir mal, wie du das machst, Hieke Hansen? Ich habe keine Ahnung, wie du es anstellst, aber irgendwie kriegst du immer alle Leute dazu, genau das zu tun, was du von ihnen willst.«
   »Heißt das, du bist dabei?«
   »Ja, das heißt es wohl.«
   »Na also! Schlag ein, Partner!« Sie hielt mir ihre erhobene Rechte hin, und ich ließ meine Handfläche gegen ihre klatschen.
   Übermütig hopste Hieke die Straße entlang und pfiff dabei vor sich hin. Ich beneidete sie um ihre Unbekümmertheit, denn inzwischen bereute ich beinahe schon wieder, dass ich ihrem Plan zugestimmt hatte. Das Restaurant, an dem wir vorübergegangen waren, hatte bereits geöffnet und machte einen ausgesprochen gepflegten Eindruck. Das Haus erstrahlte in makellosem Weiß, die Fenster waren frisch geputzt, das Schild über der Tür musste erst vor Kurzem neu gestrichen worden sein, und sogar der Kies auf dem Parkplatz war ordentlich geharkt. Auch in einigen der umliegenden Ferienhäuser regte sich Leben: Es wurde geputzt und gewienert, Rasenmäher lärmten, hier und da war sogar jemand mit Hammer oder Säge zugange. Doch die Mehrzahl der Häuser lag noch immer wie ausgestorben da, und einige von ihnen sahen ziemlich verfallen aus. Es schien schwer vorstellbar, dass aus diesem verschlafenen Nest im Sommer eine Touristenattraktion werden würde.
   Hieke musste bemerkt haben, wie still ich geworden war. Sie verpasste mir einen Boxhieb in die Seite. »Na, was is? Hats dir de Sprache verschlagen? Nu los, Schäggie, sag doch mo was!«
   Wie so oft ahmte sie aus Spaß den unverkennbaren Akzent meiner Geburtsstadt Dresden nach, um mich zu ärgern. Damit gelang es ihr immerhin, mir ein Grinsen zu entlocken. »Nenn misch nisch immer so, sonst kriegste eins aufn Nischel«, parierte ich.
   »Ja, ja, wers glaubt, wird selig.« Sie hakte sich bei mir unter und zog mich mit sich auf die andere Straßenseite.
   Wir schlugen einen schmalen Weg ein, der den Hügel hinauf führte. »Wo willst du hin?«, fragte ich.
   »Lass dich überraschen …«, sang Hieke und lächelte spitzbübisch.
   Bald ließen wir die Ferienhäuser hinter uns. Der Pfad schlängelte sich zwischen mannshohen Brombeerhecken entlang, vorbei an einer Wiese, auf der Kühe weideten. Fünf Minuten später standen wir auf einem weitläufigen Schotterplatz vor dem Bauerngehöft, das wir vorhin schon von Weitem gesehen hatten. Es war ein roter Klinkerbau mit drei Flügeln, die im rechten Winkel zueinander lagen. Den mittleren und rechten Flügel machten Stall- und Scheunengebäude aus, links von uns lag das zweistöckige, von Kletterrosen und Wein bewachsene Wohnhaus, zu dem außerdem ein kleinerer, einstöckiger Anbau gehörte. Ein Schwalbenpärchen kreiste über dem Hofplatz. Offenbar waren sie gerade dabei, in einer geschützten Ecke unter der Dachtraufe ihr Nest zu bauen. Ein Hund begann zu bellen. Jetzt bemerkte ich auch die Hundehütte, die im Schatten einer großen Birke in der Hofecke stand. Im nächsten Moment sah ich schon den Bewohner der Hütte, einen riesigen schwarzen Labrador, auf uns zustürmen. Ich blieb stehen, schloss die Augen und machte mich auf das Schlimmste gefasst. Ich bin kein mutiger Mensch, und vor Hunden – besonders vor großen – hatte ich schon immer eine Heidenangst.
   »Ei, du bist aber ein Lieber! Ja, komm her.« Vorsichtig öffnete ich die Augen wieder. Ganz im Gegensatz zu mir war Hieke regelrecht verrückt nach allem, was vier Beine und einen Schwanz hatte. Meistens beruhte die Zuneigung auf Gegenseitigkeit, so auch jetzt. Freudig sprang der Labrador an ihr hoch, und sie kraulte ihn ausgiebig hinter den Ohren. Mich beschnüffelte er nur kurz, aber da ich noch immer stocksteif dastand, verlor er schnell das Interesse und wandte sich wieder Hieke zu.
   »Mhm«, murmelte sie. »Ich möchte mal wissen, ob …« Sie kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Aus der offenen Scheunentür traten zwei Männer in dunklen Arbeitsoveralls und Gummistiefeln.
   »Kann ich euch helfen?«, fragte der eine Mann und wischte die ölverschmierte Hand an seinem Overall ab. Sein rundes, gutmütiges Gesicht wies ebenfalls einige Ölflecke auf, und das weiße Haar stand wirr nach allen Seiten ab.
   Der zweite Mann, der um einiges jünger sein musste, war offenbar an der schmutzigen Arbeit beteiligt gewesen, wie man an den Flecken auf seinem Overall sehen konnte. Er musterte Hieke nachdenklich aus zusammengekniffenen Augen.
   Auch der ältere Mann schien bei Hiekes Anblick ins Nachdenken gekommen zu sein. »Sag, kennen wir uns nicht?«, fragte er zögernd.
   Hieke lachte. »Aber Onkel Per! Erkennst du mich denn nicht? Ich bins, Hieke aus Flensburg!«
   »Hieke?« Dem Mann schien ein Licht aufzugehen. »Bist du das wirklich? Die kleine Hieke! Das gibts ja nicht! Wie lange ist es jetzt her, seit du das letzte Mal hier warst? Zehn Jahre?«
   »Fast dreizehn!«
   Voller Begeisterung schlug der alte Mann seinem jüngeren Kollegen mit der Hand auf die Schulter. »Jan, erinnerst du dich noch? Als sie das letzte Mal hier war, hat sie geholfen, deine Tochter zu wickeln, und heute ist Maria selbst schon halb erwachsen. Ist das nicht verrückt, wie die Zeit vergeht?«
   Der Mann sprach ebenfalls mit unverkennbar sønderjyskem Akzent, jedoch wesentlich langsamer als Kedde. Zu meiner Erleichterung verstand ich ihn ohne größere Mühe.
   Bei seinen Worten hellte sich das schmale, etwas verschlossen wirkende Gesicht des jüngeren Mannes auf. Endlich schien auch er sich an Hieke zu erinnern. »Hej«, murmelte er, und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem flüchtigen Lächeln. Er hob seine schmutzigen Hände wie zur Entschuldigung, dass er uns nicht gebührend begrüßen konnte, und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung der grün gestrichenen Eingangstür, die zum Wohnhaus gehörte.
   »Ja, lasst uns reingehen«, stimmte der alte Mann zu, den Hieke Per genannt hatte. »Närrisches Vieh, jetzt hau schon ab!« Der Labrador hatte, voller Begeisterung darüber, dass sich endlich jemand mit ihm beschäftigte, ein verknotetes Stück Seil angeschleppt und stupste Hieke energisch damit an, doch Per schob ihn gutmütig beiseite.
   »Laika lebt aber nicht mehr, oder?«, fragte Hieke.
   »Nein, leider. Sie ist vor drei Jahren gestorben. Laban hier ist ein Sohn von ihr. Kommt mit, Stine wird sich freuen.«
   »O ja. Ach, ich bin so froh, euch wiederzusehen.« Hieke strahlte. Verhalten folgte ich den dreien ins Wohnhaus. Wir gelangten in einen großen und ziemlich düster wirkenden Vorraum mit altmodischem Steinfußboden. In der Mitte des Raumes führte eine steile Treppe in den ersten Stock, links und rechts befanden sich zwei Türen, die jeweils in den Anbau sowie in die übrige Wohnung führen mussten. Die beiden Männer zogen ihre Stiefel aus, forderten uns jedoch auf, unsere Schuhe anzubehalten und unsere Jacken an der Garderobe aufzuhängen. Dann stieß der jüngere Mann namens Jan die Tür auf der rechten Seite mit dem Ellenbogen auf. Es war, als hätte er den Vorhang vor einem Fenster beiseitegeschoben, um die Sonne hereinzulassen. Ich konnte nicht sagen, wieso, doch die Atmosphäre des Raumes nahm mich sofort gefangen. Die hellblau gestrichenen Küchenmöbel erinnerten mich an die Puppenstube, die ich als Kind besessen hatte.
   Eine zierliche, ältere Frau hantierte am Wasserhahn. Sie wandte kurz den Kopf, als wir eintraten, drehte sich dann zu uns um und wischte sich die Hände an ihrer geblümten Küchenschürze ab. »Oh, ihr habt Gäste mitgebracht. Wie gut, dass ich gerade Kaffee aufgesetzt habe. Annette und die Kinder kommen bestimmt auch bald.«
   »Du wirst es nicht glauben, wer hier ist«, rief Per aufgeregt. Der kleine, rundliche Mann strahlte übers ganze Gesicht. »Das ist Hieke – die kleine Hieke aus Flensburg, weißt du noch? Und äh …« Etwas verlegen sah er mich an. Erst jetzt schien ihm aufgefallen zu sein, dass er mich noch nicht begrüßt hatte.
   »… und meine Freundin Jaqueline«, half Hieke ihm aus seiner Verlegenheit.
   »Stine Holm, freut mich.« Die Frau drückte mir fest die Hand. Ein warmes Lächeln ließ ihr schmales, fein geschnittenes Gesicht aufleuchten, als sie Hieke in die Arme schloss. »Ach Kind, das ist ja eine Überraschung!«
   Doch dann sah sie ihren Mann genauer an, und ihre Züge verdüsterten sich. »Aber du kommst mir so nicht in die Stube. In die Waschküche mit dir. Jan, du auch!«
   Die beiden Männer gehorchten widerstandslos und verschwanden. Als sie frisch gewaschen und umgezogen wieder auftauchten, hatte Stine mich und Hieke bereits ins Wohnzimmer an den gedeckten Kaffeetisch dirigiert. Wir saßen auf einem riesigen, altmodischen grünen Plüschsofa, vor uns ein runder Couchtisch mit hübsch bestickter Tischdecke, der sich beinahe durchbog unter seiner Last aus Kuchen und Keksen. Außer dem großen Sofa gab es noch einen ebenfalls grünen Zweisitzer, einen braunen Ledersessel und einen kunstvoll gedrechselten Schaukelstuhl. Dem Sofa gegenüber stand in einer Ecke ein Fernseher, in der anderen ein gusseiserner Kaminofen. Eine Glastür führte hinaus auf eine kleine Terrasse, ein großes Panoramafenster gewährte uns eine herrliche Aussicht auf den üppigen Garten und die Wiesen bis hinunter zum Meer. Auf dem Fensterbrett reihten sich Blumentöpfe dicht an dicht, blühende Orchideen, Kakteen, Hibiskus, Alpenveilchen und noch einige andere, deren Namen ich nicht kannte. Neben dem Fenster stand in einem großen Keramiktopf ein Gummibaum, darüber war an der Decke ein trockener Ast einer Korkenzieherweide aufgehängt, kunstvoll dekoriert mit kleinen Scherenschnitten aus buntem Karton. An der entgegengesetzten Wand standen ein großes Bücherregal und ein Schreibtisch, auf dem sich Zeitungen und Briefe stapelten, beschwert mit etwas, das aussah wie ein Bleigewicht von einer altertümlichen Haushaltswaage. An allen Wänden hingen Bilder: Einige schwere Ölgemälde in vergoldeten Rahmen, wahrscheinlich Familienerbstücke, dann wieder Fotos, von denen einige neueren Datums zu sein schienen, andere hingegen waren altmodische Schwarz-Weiß-Fotografien.
   Hieke sah sich um und lachte. »Hier hat sich überhaupt nichts verändert. Höchstens ein paar neue Fotos sind dazu gekommen. Meine Güte, ist das Maria?« Aufmerksam betrachtete sie das Porträt eines blonden Mädchens im weißen Kleid, wahrscheinlich ein Konfirmationsbild. »Ihr habt recht, die Zeit vergeht wirklich wie im Flug.«
   Per Holm ließ sich uns gegenüber im Schaukelstuhl nieder, und ich konnte nicht umhin, ihn überrascht anzustarren. Erst jetzt fiel mir auf, dass dem Mann der linke Unterarm fehlte, er war kurz unter dem Ellenbogen abgetrennt worden. Ich fragte mich, wie lange der alte Mann wohl schon mit dieser Behinderung lebte. Hieke jedenfalls schien nicht überrascht, also musste es eine ältere Verletzung sein.
   Bald war zwischen Hieke und den Holms ein lebhaftes Gespräch im Gange. Erinnerungen wurden aufgefrischt aus den Jahren, in denen Hieke als Ferienkind den Sommer auf dem Hof der Holms verbracht hatte. Dann erzählte Hieke von unserem Vorhaben, Keddes Kiosk zu pachten.
   Stine wiegte bedenklich mit dem Kopf. »Glaubt Kedde Thomsen bloß nicht alles, was er so erzählt. Der Mann quasselt selbst dem Teufel ein Ohr ab, aber wenns ums Arbeiten geht, ist er nicht der Schnellste. Ich an eurer Stelle wäre vorsichtig.«
   Per und Jan nickten zustimmend, doch selbst von ihren alten Bekannten ließ sich Hieke ihre Begeisterung nicht ausreden. Sogar Stines Angebot, zwei freistehende Zimmer im ersten Stock des Bauernhofes zu mieten, schlug sie zu meiner Überraschung aus. Ich selbst hielt mich weitestgehend aus dem Gespräch heraus, beantwortete nur ab und zu zögernd die Fragen, die Stine und Per mir stellten, und hoffte, dass mein Dänisch nicht allzu fehlerhaft war.
   Als wir uns gerade verabschieden wollten, öffnete sich die Tür und eine schlanke, sportlich wirkende Frau mit streichholzkurzen blonden Haaren trat ein, gefolgt von zwei Jugendlichen, die unverkennbar ihre Kinder waren: einem Jungen, der zwölf oder dreizehn Jahre alt sein musste, und einem etwas älteren Mädchen, in dem ich die Konfirmandin von dem Foto wiedererkannte. Mit Schwung beförderten die beiden ihre Schultaschen in die Ecke und setzten sich an den Tisch.
   Die Frau begrüßte Stine mit »Hallo Mutti«, bevor sie sich ebenfalls mit einem Seufzer der Erleichterung auf einen Stuhl sinken ließ.
   »Viel zu tun auf Arbeit?«, fragte Per mitfühlend.
   »Das kannst du laut sagen«, stöhnte die Frau. »Mopedunfall, Fahrradunfall, ein Rollschuhläufer mit gebrochenem Arm, ein Sturz von einer Leiter. Es ist wie verhext: Kaum wird das Wetter schön, wollen sich die Leute anscheinend unbedingt um Kopf und Kragen bringen. Oh, ihr habt Besuch.« Jetzt erst bemerkten die drei Neuankömmlinge Hieke und mich. »Annette Lynge, angenehm.«
   »Aber Annette, kennst du mich nicht mehr?« Hieke lachte. »Maria, bist du aber groß geworden! Ich weiß, es ist nervig, so etwas zu hören, aber ich kanns einfach nicht lassen. Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, hattest du gerade laufen gelernt. Ist das dein Bruder?«
   Nachdem Hieke freudig begrüßt worden war, wurde auch ich allen vorgestellt: Per und Stines Tochter Annette, die mit Jan verheiratet war und als Krankenschwester im Sonderburger Krankenhaus arbeitete, und ihren Kindern Maria und Anders. Gemeinsam mit den dreien war eine prächtige schwarze Katze mit weißen Pfoten und weißem Latz auf der Brust hereingekommen, die, wie ich bald erfuhr, ein Kater war und Kalle hieß. Majestätisch stolzierte der Kater von einem zum anderen, ließ sich von jedem ein wenig streicheln – auch ich überwand meine Furcht vor den Krallen und kraulte ihn hinter den Ohren –, bevor er sich schließlich auf Stines Schoss zusammenrollte und zufrieden zu schnurren begann.
   Es wurde noch eine lebhafte Runde, und erst am späten Nachmittag brachen Hieke und ich nach Hause auf. Vorher allerdings bestand Maria darauf, uns ihre drei Lieblinge im Stall vorzustellen – zwei fuchsbraune Stuten namens Butterblume und Kleeblatt und ein etwas dunklerer Hengst namens Löwenzahn.
   »In Wirklichkeit haben sie schrecklich vornehme Namen und ellenlange Stammbäume, aber ich finde, die Blumennamen passen viel besser zu ihnen.«
   Hieke ließ sich sofort von Marias Begeisterung anstecken, fütterte die drei Pferde mit Mohrrüben und tätschelte ihr glänzendes Fell. Ich dagegen hielt respektvoll Abstand und verfluchte innerlich meine schreckhafte Natur. Die Pferde waren wunderschön, nur eben ziemlich groß. Ein wenig zu groß für meinen Geschmack.
   Auf der Heimfahrt stand Hiekes Mund keinen Augenblick still vor lauter Begeisterung darüber, ihre alten Freunde wiedergefunden zu haben. So erfuhr ich einiges über die Familien Holm und Lynge, unter anderem auch, dass Per seinen Arm schon als Junge verloren hatte. Laut Hieke hatte er sich unerlaubterweise an den Maschinen seines Vaters zu schaffen gemacht und war mit der Hand ins laufende Getriebe eines Mähdreschers geraten. Da er der einzige Sohn seiner Eltern war, hatte er trotzdem den Hof übernommen.
   »Er ist geschickter als manch anderer, der zwei Hände hat, du wirst staunen«, erzählte Hieke. »Er reitet sogar, du wirst es bei den Ringreiterfestspielen im Sommer erleben. Er ist fast so etwas wie eine Sensation hier in der Gegend, der einarmige Reiter. Ich glaub, er ist sogar mal Ringreiterkönig gewesen.«
   Ich verstand nur ungefähr die Hälfte von dem, was Hieke erzählte, doch das kümmerte mich im Moment wenig. »Warum hast du eigentlich Nein gesagt, als Stine uns angeboten hat, den Sommer über hier zu wohnen?«, fragte ich, als Hiekes Redeschwall für einen Augenblick verstummte.
   »Stine ist viel zu gutmütig, ich will das nicht ausnutzen. Sie würde von uns garantiert nur einen Bruchteil dessen als Miete verlangen, was sie verdienen kann, wenn sie die Zimmer tageweise an Touristen vermietet. Ich hätte ein schlechtes Gewissen dabei. Wir können auch bei Kedde ein Zimmer kriegen, hat er gesagt.«
   Das also war eines der Dinge, die mir bei ihrem Gespräch mit Thomsen entgangen waren. Ich war alles andere als angetan von der Aussicht, mit Kedde und Yvonne unter einem Dach zu wohnen, aber das sagte ich nicht. »Na gut, aber wir schauen uns das Zimmer wenigstens vorher an«, murmelte ich stattdessen. »Sonst versucht er noch, uns seine Besenkammer anzudrehen.«
   Hieke lachte. »Keine Angst, wir lassen uns schon nicht übers Ohr hauen.«
   Da war ich mir keineswegs so sicher.

Kapitel 2

Als ich am nächsten Morgen dazu kam, über das Geschehene nachzudenken, fragte ich mich ernsthaft, ob ich den Verstand verloren hatte. Warum hatte ich Hieke nicht rundweg erklärt, dass ich ihre Idee für völlige Spinnerei hielt? Den ganzen Tag lang überlegte ich fieberhaft, wie ich mich aus der Sache herausreden könnte, spielte in Gedanken Dutzende Gespräche mit Hieke durch, hockte am Schreibtisch, kaute an den Fingernägeln und starrte auf das Telefon. Aber ich rief Hieke nicht an – nicht an diesem Tag, nicht am nächsten und auch nicht am übernächsten.
   Der Tag, an dem sich alles änderte, war ein Donnerstag. Ich hatte mein Seminar an der Uni beendet und ging ins Sekretariat, um meine Post aus dem Postfach zu holen. Die Sekretärin, eine füllige Dame mittleren Alters, mit der ich bisher nur ab und zu ein paar flüchtige Worte gewechselt hatte, zwinkerte mir vertraulich zu.
   »Sie haben aber ein Glück – so ein gut aussehender Mann!« Sie musste mir mein Unverständnis deutlich angesehen haben, denn bevor ich fragen konnte, setzte sie schon zu einer Erklärung an. »Na, Ihr Freund, der eben hier war. Sie haben doch sicher nichts dagegen, dass ich ihm Ihre Adresse gegeben habe. Er wollte Ihnen Blumen schicken, sagte er. Oh, jetzt hab ichs verraten. Ach ja, in Ihrem Alter müsste man noch mal sein.«
   Sie kicherte wie ein kleines Mädchen, schien überhaupt nicht zu merken, dass ich bei ihren Worten zur Salzsäule erstarrt war. Mit Mühe widerstand ich dem Impuls, mich auf dem Absatz umzudrehen und loszurennen, zwang mich, das Verschwörerlächeln der Frau zu erwidern, bevor ich meine Post aus dem Fach nahm und gemessenen Schrittes das Gebäude verließ. Einmal draußen drohte Panik mich zu übermannen, und in meinem Inneren tobte das Chaos. Er konnte hier überall sein, hinter jeder Straßenecke lauern. Vielleicht wartete er schon vor meiner Haustür auf mich oder – noch schlimmer – es war ihm bereits gelungen, sich Zugang zu meiner Wohnung zu verschaffen. Zuzutrauen war ihm alles. Wenn sich Robert einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ er sich durch nichts und niemanden aufhalten, und mit seinem Charme gelang es ihm, die meisten Menschen innerhalb kürzester Zeit um den kleinen Finger zu wickeln. Wie auch mich damals. Zwanzig Jahre war ich alt gewesen, Studentin, schüchtern und völlig ahnungslos im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Es hatte mir geschmeichelt, dass sich ein erfahrener Mann wie er für ein unscheinbares Mädchen wie mich interessierte. Er hatte mich mit Geschenken geradezu überhäuft, ich war mir vorgekommen wie im Märchen. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich mich bis über beide Ohren in ihn verliebt, zumindest hatte ich das geglaubt. Unsere Hochzeit war wie ein Traum gewesen, der wahr wurde, doch das jähe Erwachen war bald gekommen. Als er mich zum ersten Mal undankbar schalt, mich ein ungeschicktes, dummes Provinzgör nannte, hatte ich ihm im Stillen recht gegeben. Selbst noch, als er mich das erste Mal schlug, hatte ich geglaubt, auf irgendeine Weise selbst daran schuld zu sein, ihn provoziert zu haben. Ich glaubte seinen wortreichen Entschuldigungen und Versprechen, redete mir ein, alles würde wieder wie früher werden, wenn ich nur lernte, nicht ständig alles falsch zu machen. Doch er brach seine Versprechen wieder und wieder, schlug mich selbst dann noch, als ich schwanger war. Als ich endlich den Mut fand, ihn zu verlassen, war es zu spät. Seit jenem schrecklichen Tag, an dem er mich nach meiner Fehlgeburt im Krankenhaus besuchte, hatte ich Robert nicht wiedergesehen. Heimlich wie ein Dieb war ich noch einmal in sein Haus, das nie wirklich unser Haus gewesen war, geschlichen und hatte mit Hiekes Hilfe ein paar Sachen zusammengerafft. Die Scheidung war komplett über unsere Anwälte gelaufen, und inzwischen war es mir gelungen, einigermaßen auf eigenen Füßen zu stehen. Nur die Angst hatte mich nie ganz losgelassen, lauerte ständig dicht unter der Oberfläche. Ich wusste, dass Robert nicht der Mann war, der eine Niederlage, und als solche musste er das Scheitern unserer Ehe betrachten, einfach so hinnehmen würde.
   Unwillkürlich beschleunigte ich meine Schritte, rannte schließlich, bis ich völlig außer Atem vor meiner Haustür angelangt war. Von Robert keine Spur. Mit klopfendem Herzen stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung hinauf, doch auch hier war niemand – noch nicht. Schnell packte ich ein paar Sachen zusammen. Hieke und ihr Freund Jörg stellten keine Fragen, als ich sie bat, bei ihnen übernachten zu dürfen, ließen mich einfach hereinkommen, wie sie es immer taten. Die beiden waren schon seit unserer gemeinsamen Schulzeit ein Paar. Hiekes sprudelndes Temperament und Jörgs unerschütterliche Ruhe schienen einander wunderbar zu ergänzen. Ich hatte mich in ihrer Gesellschaft stets wohlgefühlt. Sie hatten mir nie das Gefühl gegeben, das fünfte Rad am Wagen zu sein, auch jetzt nicht. Nach dem Abendessen begann Hieke eifrig, Pläne für den Sommer zu schmieden, malte unser gemeinsames Abenteuer in den schillerndsten Farben aus. Jörg sagte wie immer nicht viel, doch ich sah ihm an, dass er seine Bedenken hatte.
   »Du willst also wirklich mitmachen, Jackie?«, fragte er und blickte mir aufmerksam ins Gesicht.
   »Ja, ich bin dabei.« Beinahe hatte ich Jörg gegenüber ein schlechtes Gewissen, schließlich war ich im Grunde ebenso wenig vom Gelingen dieses waghalsigen Unternehmens überzeugt wie er. Trotzdem hätte ich in diesem Moment am liebsten alles stehen und liegen lassen, um sofort nach Dänemark aufzubrechen, nur weg von hier, wo Robert jeden Augenblick auftauchen konnte, um sich an mir zu rächen.

In den nächsten Tagen hielt ich mich so wenig wie möglich in meiner Wohnung auf, doch auch anderswo fühlte ich mich nicht sicher. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich mich nach allen Seiten umsah und beim kleinsten, ungewohnten Geräusch zusammenfuhr.
   Ich sprach mit meinem Mentor an der Uni und ließ mich beurlauben. Dann bat ich bei meiner Bankberaterin um einen Kredit, der auch bewilligt wurde. Somit waren für unseren Sommer in Dänemark alle Weichen gestellt.
   Am Samstag darauf fuhren Hieke und ich los, um bei Kedde Thomsen den Pachtvertrag zu unterschreiben. Thomsen war genauso redselig wie beim letzten Mal, und seine Frau schaute ebenso verkniffen drein, als sie uns bat, auf ihrer Couch Platz zu nehmen, wo sie uns lauwarmen Kaffee und krümlige Kekse servierte. Wir mussten eine halbe Stunde auf den Anwalt warten, der sich als älterer, ein wenig ungepflegt wirkender, Mann namens Arne entpuppte. Er war groß und hager und bewegte sich mit der langsamen Würde eines Kranichs, sein grau meliertes Haar war strähnig und eine Spur zu lang. Er war mit einer zerknitterten Bügelfaltenhose, einem ebenso zerknitterten Nylonhemd und einen schief hängenden Schlips bekleidet und trug eine abgeschabte lederne Aktenmappe unterm Arm. Kedde begrüßte ihn wie einen alten Freund. Selbst Yvonne ließ sich in seiner Gegenwart zu einem freundlichen Lächeln herab und stellte Bierdosen, Schnapsgläser und eine Flasche Cognac auf den Tisch. Arne fühlte sich hier anscheinend wie zu Hause, denn er ließ sich mit einem Seufzer des Wohlbehagens in einen Sessel sinken, öffnete eine Dose Bier und trank einige kräftige Schlucke.
   Anschließend zog er einen Stapel loser Blätter aus seiner Aktenmappe, strich mit seiner feingliedrigen Hand die Eselsohren glatt und reichte die Papiere mitsamt einem Kugelschreiber an Hieke weiter. Stirnrunzelnd beugte sie sich über den Vertrag und versuchte, mir dessen Wortlaut ins Deutsche zu übersetzen. »Klingt in Ordnung, oder was meinst du?«, fragte sie, nachdem wir den Vertrag durchgelesen hatten.
   »Mhm.« Um ehrlich zu sein, hatte ich keinen blassen Schimmer. Der angebliche Anwalt machte einen nicht eben seriösen Eindruck, und dass er offenbar mit Kedde befreundet war, machte die Sache nicht besser. Kam es mir nur so vor, oder zwinkerten die beiden Männer einander über unsere Köpfe hinweg verschwörerisch zu? Wir wussten nicht einmal, ob das Dokument überhaupt rechtskräftig war. Wahrscheinlich war es im Grunde nichts weiter als ein Haufen nutzlos verschwendetes Papier, aber was blieb uns schon anderes übrig, als zu unterschreiben? Kedde und Arne waren bereits beim zweiten Bier angelangt, als Hieke und ich unsere Namen unter den Vertrag setzten. Kedde malte ein paar schwungvolle Kringel daneben und schenkte mit zufriedenem Grinsen Cognac ein.
   »Skål!«, polterte er.
   Höflich nippten Hieke und ich an unseren Gläsern, und ich musste mich sehr beherrschen, um nicht angewidert das Gesicht zu verziehen. Ich hatte für Spirituosen nie viel übriggehabt, und das einzig Gute, was man über den Cognac sagen konnte, war, dass er hochprozentig war.
   Kedde, Arne und Yvonne jedoch leerten ihre Gläser in einem Zug.
   Arne nickte anerkennend. »Nicht übel, der Cognac.«
   Ihm wurde sofort nachgeschenkt. Ich warf Hieke einen warnenden Blick zu, den sie mit einem leichten Nicken beantwortete. Sie hatte verstanden: Bevor der Nachmittag in ein Saufgelage ausarten konnte, gab es noch ein paar Fragen zu klären. Yvonne warf uns einen giftigen Blick zu, als sich Hieke nach dem leer stehenden Zimmer erkundigte, doch ihr Mann war wie immer die Freundlichkeit in Person. Schwerfällig stand er vom Sofa auf und führte uns in einen kleinen Anbau hinter dem Haus. Hier gab es drei Räume: Einen engen, verwinkelten Korridor, der außerdem als Teeküche dienen sollte – in eine kleine Nische waren ein Kühlschrank und eine elektrische Kochplatte gezwängt worden, ein wackliger Tisch und zwei Stühle standen daneben –, ein ebenso winziges Badezimmer mit Dusche, Toilette und Waschbecken und ein Schlafzimmer mit zwei Betten. Möbel, Tapeten und Fußbodenbelag hatten schon bessere Tage gesehen, das Ganze machte einen düsteren, verstaubten Eindruck und verströmte den leicht muffigen Geruch von feuchter, abgestandener Luft. Doch das war im Grunde nichts anderes, als wir erwartet hatten. Wir kamen zu dem Schluss, dass die Unterkunft zum Übernachten durchaus brauchbar war, schließlich würden wir wohl kaum dazu kommen, uns tagsüber hier aufzuhalten. Kedde versicherte uns wortreich, dass die Zimmer natürlich für uns hergerichtet werden würden, was uns einen weiteren Mörderblick von Yvonne einbrachte – nicht ganz unverständlich, denn Kedde war sicher nicht der Mann, der beim Aufräumen und Putzen Hand anlegte. Viel wahrscheinlicher würde er diese niederen Tätigkeiten seiner Frau überlassen.
   Uns stand nicht der Sinn nach einem Nachmittag in Gesellschaft unserer schlecht gelaunten künftigen Hauswirtin, ihres nicht mehr ganz nüchternen Mannes und des ebenfalls schon deutlich angeheiterten Anwalts, und so schlugen wir Keddes leutselige Einladung zum Bleiben aus. Er hatte kaum die Tür hinter uns geschlossen, da drang auch schon Yvonnes wütendes Gekeife zu uns hinaus. Anscheinend hatte sie mit Mühe und Not an sich halten können, bis die Tür hinter den ungebetenen Gästen in Schloss gefallen war, und ließ nun ihre Wut an ihrem allzu gastfreundlichen Ehemann aus. Kedde machte ein paar vergebliche Versuche, die Schimpftirade seiner Frau zu unterbrechen, bevor er sie schließlich mit einem dröhnenden »Halt endlich den Mund, verdammt noch mal!« zum Schweigen brachte.
   Hieke und ich sahen uns an und konnten nicht anders, als laut loszuprusten. Ehrlich gesagt war mir ein wenig mulmig zumute beim Gedanken an die Blicke, die uns Yvonne zugeworfen hatte. Wenn sie uns schon jetzt am liebsten von hinten sah, wie sollten wir erst mit ihr zurechtkommen, wenn wir hier einzogen?
   Mir blieb jedoch kaum Zeit, mir darüber weiter den Kopf zu zerbrechen. Die nächsten Tage und Wochen standen ganz im Zeichen unseres baldigen Aufbruchs. Ich absolvierte meine letzten Lehrveranstaltungen an der Uni, immer auf der Hut vor Robert, der aber Gott sei Dank nicht auftauchte. Gemeinsam mit Hieke kundschaftete ich den Großhandel in Sonderburg aus und ließ unser Unternehmen beim Gewerbeamt eintragen. Hieke traf sich noch mehrmals mit Kedde Thomsen, schimpfte jedoch bald, dass sein Versprechen, den Kiosk für uns instand zu setzen, nichts als heiße Luft gewesen war, es sehe dort noch genauso chaotisch aus wie eh und je. Schließlich überredete sie stattdessen Jörg, ihr zu helfen. Am ersten Maiwochenende war es schließlich soweit: Wir konnten den Kiosk eröffnen.
   Ich war ziemlich gespannt, als ich mit meiner gepackten Reisetasche in Hiekes Quietscheentchen stieg. Einerseits freute ich mich darauf, das Resultat von Hiekes und Jörgs Anstrengungen zu begutachten, war unsäglich erleichtert, ja fast übermütig bei dem Gedanken, Robert ein Schnippchen geschlagen zu haben. Gleichzeitig fragte ich mich mit einem Anflug von Panik, ob ich der neuen Herausforderung überhaupt gewachsen war. Was, wenn ich mich als vollkommen unfähig erwies und mich vor den Kunden bis auf die Knochen blamierte? Was, wenn Hieke schon nach wenigen Tagen die Nase voll hatte von mir? Wenn ich ihr von meinen Bedenken erzählte, würde sie sicher nur darüber lachen, also tat ich es nicht.
   Ich kam auch bald auf andere Gedanken, als wir in Sonderburg beim Großhandel vorfuhren. Hieke hatte inzwischen schon mehrmals dort eingekauft und versicherte mir, dass wir nur noch ein paar Kleinigkeiten brauchten. Wieselflink huschte sie zwischen endlosen Regalen hin und her, in denen sich die Waren bis zur Decke stapelten, und während ich mich noch fragte, wie um alles in der Welt ich mich jemals in diesem Labyrinth zurechtfinden sollte, hatte sie schon drei Einkaufswagen bis zum Rand mit den sogenannten Kleinigkeiten beladen. Ich bezweifelte stark, dass alle diese Kisten und Kartons mit Lebensmitteln und Getränken in das kleine Quietscheentchen hineinpassen würden, aber nach einigem Hin und Her bekamen wir sie tatsächlich hinein. Die Rückbank hatten wir heruntergeklappt, und die Ladefläche war bis oben hin vollgepackt. Unter meinen Füßen stand eine Bierkiste und auf meinem Schoss balancierte ich einen Stapel aus Kartons, obenauf meine Reisetasche. Ich saß alles andere als bequem, aber wir hatten schließlich alle unsere Einkäufe untergebracht. Flott fuhr Hieke rückwärts aus der Parklücke und stieß geradewegs mit einem Lkw zusammen, der eben beladen wurde. Der Fahrer fluchte und wollte wissen, aus welchem Automaten Hieke ihren Führerschein gezogen habe. Hieke brüllte zurück, er sei selbst schuld, wenn er sich einfach mitten in die Ausfahrt stelle. Schimpfend begutachtete sie die Beule an der Kofferraumklappe ihres geliebten Qietscheentchens. Der Lkw schien glücklicherweise nicht beschädigt zu sein, und so begnügte sich der Fahrer damit, noch eine Weile halblaut vor sich hin zu brummen und Hieke zu fragen, ob sie keinen Rückspiegel habe. Nachdem er einen genaueren Blick auf unser hoffnungslos überfülltes Gefährt geworfen hatte, verstummte er jedoch. Tatsächlich war im Rückspiegel des Quietscheentchens im Moment nichts weiter zu sehen als eine grüne Kiste Tuborg-Bier und der Gipfel eines Berges aus übereinandergeschichteten Tüten mit Hotdog-Brötchen. Während der Fahrt beruhigte sich auch Hieke langsam wieder, und schließlich meinte sie seufzend, auf eine Beule mehr oder weniger käme es wohl auch nicht mehr an. Obwohl sie ihr Quietscheentchen geradezu abgöttisch liebte, ging sie nicht immer eben vorsichtig damit um, und so hatte der dottergelbe Lack im Lauf der vergangenen Jahre bereits einige Kratzer abbekommen.
   Als wir beim Kiosk ankamen, war meine Freundin wieder blendender Laune. Ächzend kroch ich unter meinem Kistenberg hervor und rieb mir den eingeschlafenen Fuß. Als ich wieder aufrecht stehen konnte, sah ich mich um – und mir fiel buchstäblich die Kinnlade hinunter.
   »Na, was sagst du?« Hieke strahlte.
   Sie und Jörg hatten ganze Arbeit geleistet: Der gesamte Kiosk hatte einen neuen Anstrich erhalten. Die einstmals so baufällig erscheinende Bretterbude glänzte geradezu, die frisch geputzten Fenster funkelten im Sonnenlicht. Die Terrasse sah, wenngleich immer noch ziemlich uneben, ohne Unkraut und Maulwurfshügel beinahe zivilisiert aus, und auch die Sitzbänke und Tische waren neu gestrichen worden. Doch die Krönung des Ganzen, der Grund dafür, dass ich noch immer mit offenem Mund mitten auf der Straße stand, war das Schild über der Fensterfront. Auf dem Holzschild, dessen ursprüngliche Aufschrift kaum noch lesbar gewesen war, prangten nun mit roten Lettern auf weißem Grund die Worte Jackies Grill.
   »Mach den Mund zu, sonst kommen die Fliegen rein!« Hieke grinste, sichtlich zufrieden mit dem Eindruck, den ihr Werk auf mich gemacht hatte.
   »Ihr seid ja nicht ganz dicht!«
   »Bedank dich bei Jörg, das Schild hat er gemacht. Schade, dass ich keinen Fotoapparat dabeihabe – dein Gesichtsausdruck ist Gold wert. Komm, gehen wir rein.«
   Auch innen glänzte der Kiosk vor Sauberkeit, und ein scharfer Geruch nach Essigreiniger hing in der Luft. Wir luden unsere Einkäufe aus dem Auto und brachten sie im Lagerraum unter. Zufrieden sah sich Hieke in ihrem neuen Reich um: Getränkekisten waren fein säuberlich übereinandergestapelt, in einem Schrank lagerten Kartons mit Süßigkeiten, die große Tiefkühltruhe war bis zum Rand mit Eis, Würstchen, Pommes frites und Hotdog-Brötchen gefüllt.
   Eine beinahe feierliche Stimmung ergriff uns, als wir das metallene Klappschild mit der Aufschrift Geöffnet am Straßenrand aufstellten, das Wechselgeld in die Kassenlade zählten, die erste Packung Würstchen aufschnitten, die ersten Hotdog-Brötchen in den Backofen schoben. Hieke füllte die Fritteuse mit frischem Öl, stellte einige Bier- und Brauseflaschen in den verglasten Kühlschrank, arrangierte Süßigkeiten einladend in einem Regal neben dem Schiebefenster. Ich malte unterdessen in meiner besten Schönschrift Angebots- und Preisschilder und hängte sie im Fenster auf. Bald war alles bereit. Jetzt fehlte nur noch eins: die Kunden. Die allerdings ließen auf sich warten, der gesamte Ort war wie ausgestorben.
   »Es ist auch viel zu kalt für Anfang Mai«, murmelte ich und zog mir einen Wollpullover über.
   Hieke war dennoch guter Dinge. »Keine Angst, wenn sich die gute Nachricht erst mal herumgesprochen hat, kriegen wir hier mehr als genug zu tun, du wirst sehen«, beruhigte sie mich.
   Blieb nur die Frage, wie sich die Nachricht herumsprechen sollte, wenn niemand da war, der sie verbreiten konnte. Doch das sagte ich nicht laut. Hieke wollte mir so schnell wie möglich beibringen, wie man einen echten dänischen Hotdog zubereitete und mit dem großen Eislöffel perfekt runde Eiskugeln hinbekam, aber da wir die Resultate meiner Bemühungen selbst verspeisen mussten, gaben wir bald auf.
   »Ich mach uns erst mal ’ne Tasse Kaffee«, meinte Hieke, doch einen Augenblick später schlug sie sich mit der flachen Hand an die Stirn. »Mist, ich hab die Kaffeefilter vergessen!«
   »Ich hab welche dabei – in meiner Tasche.« Tatsächlich hatte ich so ziemlich alles an Küchen- und Badezimmerutensilien in meine Reisetasche gestopft, von denen ich annahm, dass wir sie eventuell irgendwann brauchen würden, denn auf Keddes überschwängliches Versprechen, die Wohnung für uns herzurichten, gab ich nicht viel. Dafür beschränkte sich meine Garderobe allerdings auf das Allernötigste und Strapazierfähigste, was ich an Jeans, T-Shirts und Pullis besaß.
   »Jackie, du bist ein Schatz!« Hieke warf mir einen Luftkuss zu, bevor sie hinauslief, um meine Tasche aus dem Auto zu holen.
   Ich holte mir einen der wackligen Stühle aus dem Lagerraum, machte es mir damit in einer Ecke gemütlich und schlug das grün eingebundene Kassenbuch auf, das wir soeben im Großhandel erworben hatten. Robert hatte mich stets ausgelacht, wenn ich hin und wieder interessehalber einen Blick in seine Geschäftsbücher warf. Schließlich verstünde ich nicht das Geringste von Buchführung, warum sollte ich mir also den Kopf mit etwas zerbrechen, das ohnehin über meinen Verstand hinausging? Tatsächlich jedoch hatte es mir Freude bereitet, mich in die langen Zahlenreihen zu vertiefen. Jedes Mal, wenn es mir gelungen war, einen Zusammenhang, ein Muster, zu erkennen, hatte ich eine innere Befriedigung verspürt, als hätte ich soeben ein kompliziertes Puzzle gelöst. Innerhalb weniger Monate hatte ich mir die Grundlagen der Buchhaltung beigebracht, und vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine tiefe Verbundenheit mit meiner Mutter gespürt, als ich herausfand, dass ich ihre Vorliebe für Zahlen und logische Reihenfolgen teilte, obwohl mich der Mathematikunterricht in der Schule nie zu fesseln vermocht hatte. Vielleicht waren wir im Grunde unseres Wesens doch nicht so verschieden, wie ich immer geglaubt hatte. Sie war binnen weniger Jahre zur Geschäftsführerin einer Modeboutique in der Flensburger Innenstadt aufgestiegen. Das Planen, Verwalten und Organisieren war ihr Element, und nun würde ich ebenfalls mein eigenes Geschäft führen, das sogar meinen Namen trug. Eigentlich konnte ich Hieke für ihre Idee nur dankbar sein. Mit einem zufriedenen Lächeln nahm ich den kleinen Stapel Quittungen zur Hand, den Hieke achtlos auf die Theke geworfen hatte, und begann, die Beträge der Reihe nach im Kassenbuch zu notieren.
   »Hej!«
   Ich schrak zusammen. Vor dem Fenster stand ein Mann, den Ellenbogen lässig gegen die Holzwand gelehnt, und lächelte mich an. Er musste etwa in meinem Alter sein, vielleicht ein paar Jahre älter, groß, muskulös und ganz in Schwarz gekleidet. Sein schulterlanges, dunkles Haar war hinter dem Kopf zusammengebunden, und seine blauen Augen blitzten fröhlich.
   »Hej«, murmelte ich und ärgerte mich, weil meine Wangen schon wieder brannten.
   »Ihr habt ja ganz schön aufgeräumt hier«, sagte der Mann anerkennend. Er sprach mit einem leichten Einschlag von Sønderjysk und noch etwas anderem, das ich nicht ganz einordnen konnte.
   Ich wusste nicht recht, was ich ihm antworten sollte und beließ es bei einem »Mhm«.
   »Wer ist eigentlich Jackie?«
   Ach ja, das Schild. Ich wappnete mich für eine längere Erklärung. Beinahe alle Leute hier, Kedde und seine Freunde, die Dame beim Gewerbeamt, die Kassiererin im Großhandel, schienen meinen Namen seltsam zu finden. »Ich bin Jackie.«
   »Ah, dann heißt du Jacklyn?«
   Er sprach den Namen englisch aus und schien im Gegensatz zu den anderen nicht im Mindesten überrascht. Ich war erleichtert und hoffte, nichts weiter sagen zu müssen.
   »Kommt aber hier nicht so häufig vor der Name, oder?«
   »Nein … in Dänemark nicht, glaube ich.« Ich hörte selbst, dass ich unsicher klang, und auch mein Gegenüber schien das bemerkt zu haben. »Wir können auch deutsch sprechen, das ist okay für mir … nein, mich, oder?« Ohne zu zögern, wechselte er ins Deutsche.
   »Mich«, berichtigte ich automatisch.
   »Na, jede Falls, hallo und herzlich willkommen.« Jetzt, wo er deutsch sprach, zweifelte ich nicht mehr daran, dass er Amerikaner sein musste. Sein Akzent ließ der Deutschlehrerin in mir geradezu die Haare zu Berge stehen, doch seiner Selbstsicherheit tat das keinen Abbruch.
   »Übrigens, ich heiße Deco. Mich … mir gehört die Restaurant da drüben.« Mit einer lässigen Kopfbewegung deutete er in Richtung der Strandperle. »Also, auf gutes Nachbarschaft.«
   Ich kam mir reichlich albern dabei vor, diesem fremden Mann durch das Schiebefenster hindurch die Hand zu schütteln, aber es blieb mir wohl nichts anderes übrig, schließlich hatte er mir die Hand angeboten. Sein Händedruck war fest und überraschend warm. Auf seinem Handrücken sah ich die blauschwarzen Linien einer Tätowierung, die sich auf seinem Arm fortsetzte.
   »Ich wünsch euch viel Glück, aber erwartet lieber nicht zu viel. Kedde hatte vergangenen Sommer nur kurz geöffnet. Er sagte, es lohnt sich nicht«, sprach er weiter, als ich nichts sagte.
   Na wunderbar. Das war genau die Art von Aufmunterung, die ich jetzt gebrauchen konnte! Meine gute Laune hatte sich ebenso schnell wieder verflüchtigt wie die Sonne, die inzwischen vollkommen hinter einer bleigrauen Wolkenwand verschwunden war. Was um alles in der Welt machte ich hier eigentlich?
   Der Mann namens Deco musste mir meinen Unmut deutlich angesehen haben, denn er beeilte sich, zu versichern, dass unsere Bemühungen sicher trotzdem Früchte tragen würden, und dass wir uns selbstverständlich jederzeit an ihn wenden könnten, wenn wir Hilfe benötigten. Dann drehte er sich um und ging seiner Wege.
   »Hey, das war aber mal ein gut aussehendes Stück Mann. Hab ich ein Pech!« Ich hatte Hieke gar nicht hereinkommen hören. Das kühle Wetter schien ihrer Hochstimmung nichts anhaben zu können. Fröhlich vor sich hin pfeifend setzte sie eine Kanne Kaffee auf. »Hat der Typ was gekauft?«, fragte sie.
   »Hat er nicht, er hat sich nur vorgestellt.« Ich gab unser Gespräch in groben Zügen wieder. Wie zu erwarten gewesen war, hatte Hieke für Decos Warnung nur ein verächtliches Schnauben übrig.
   »Von wegen, es lohnt sich nicht, ha! Der hat doch nur Angst um seinen Umsatz!«
   Ich verkniff es mir, sie darauf hinzuweisen, dass jemand, der auf ein Drei-Gänge-Menü in einem Restaurant aus war, sich wohl kaum zu uns verirren würde, um stattdessen ein Würstchen zu essen.
   »Arroganter Schnösel! Der wird sich noch wundern!«
   Ich hoffte wirklich, dass Hieke recht behalten würde, doch einstweilen sah es nicht danach aus. Zwei Stunden später hatten wir immer noch nichts verkauft, wir froren wie die Schneider, und zu allem Überfluss hatte es auch noch angefangen zu regnen. Das einzige Anzeichen menschlichen Lebens weit und breit waren vier Kanus, die still auf den Strand zuglitten. Bald sprangen einige mit Regensachen bekleidete Gestalten ins flache Wasser und zogen die Boote ans Ufer. Mein Herz begann unwillkürlich schneller zu schlagen, als ich die kleine Gruppe auf unseren Kiosk zukommen sah – unsere ersten Kunden.
   »Siehst du, was habe ich gesagt?« Hieke grinste breit.
   Das siegessichere Lächeln wich jedoch bald aus ihrem Gesicht, als klar wurde, dass die Reisenden, die sich als Jugendgruppe aus Deutschland entpuppten, kein Interesse an Hotdogs oder Pommes frites hatten. Trotzdem erlaubten wir den arg durchnässten jungen Leuten, sich in unserem Lagerraum etwas aufzuwärmen und bekamen immerhin fünfundzwanzig Kronen für unsere Kanne frisch aufgebrühten Kaffee. Die Reisenden fragten nach einer Seekarte, die wir nicht hatten, und Ansichtskarten der Umgebung, die wir ebenfalls nicht hatten. Hieke schrieb Ansichtskarten und Briefmarken auf unsere Liste für den nächsten Einkauf. Wir verkauften noch zwei Mars-Riegel und ein paar Lakritzstangen. Die Jugendlichen füllten ihre Feldflaschen mit Leitungswasser auf, und dann waren sie auch schon wieder verschwunden. Danach passierte lange Zeit überhaupt nichts mehr. Selbst Hieke machte inzwischen ein bekümmertes Gesicht und begann, unruhig im Lager auf und ab zu marschieren. Wir waren erleichtert, als Jörg nach Feierabend vorbeikam. Er hatte um sechzehn Uhr frei, und so tauchte kurz vor fünf sein roter Golf hinter der Straßenbiegung auf. Jörg schien die Situation mit wenigen Blicken erfasst zu haben und sparte sich die Frage, wie es denn liefe. Wir waren ihm ausgesprochen dankbar. Beinahe schämte ich mich, als er darauf bestand, die zwei Hotdogs zu bezahlen, die ich ihm zum Abendessen servierte. Bisher waren wir selbst unsere besten Kunden – würde das so weitergehen?
   Als Kedde wenig später gemächlich anspaziert kam und sieben Bier bestellte, wäre ich ihm am liebsten um den Hals gefallen. Er hatte Gäste mitgebracht – Yvonne, Arne den Anwalt, drei weitere Männer und eine Frau, die wir nicht kannten. Es hatte aufgehört zu regnen, und so ließ sich die kleine Gruppe an einem der Tische auf der Terrasse nieder. Im Grunde, dachte ich, während ich sie verstohlen musterte, entsprachen sie nicht gerade der Klientel, die man sich als frischgebackene Geschäftsfrau wünscht. Dass Kedde, Yvonne und Arne gern einen über den Durst tranken, hatte ich inzwischen herausgefunden. Jemand wie meine Mutter hätte die drei wohl ohne zu zögern als asozial bezeichnet, und erst recht die drei anderen Männer, die sich nun in ihrer Gesellschaft befanden. Zwei von ihnen waren groß und vierschrötig. Der eine erinnerte mich mit seinem langen rötlich braunen Haar, dem Ring im rechten Ohrläppchen, dem wettergegerbten, stoppelbärtigen Gesicht und den muskelbepackten, tätowierten Oberarmen an einen Piratenkapitän. Der andere hatte ein rundes, freundliches Vollmondgesicht, sanfte braune Dackelaugen, und glich mit seinen plumpen, ein wenig schwerfälligen Bewegungen eher einem übergroßen Teddybären. Am auffälligsten jedoch war der dritte Mann. Ich musste mir große Mühe geben, ihn nicht ungläubig anzustarren. Er musste über fünfzig sein, war jedoch nicht größer als ein zehnjähriger Junge. Sein Gesicht war zerfurcht und verhutzelt wie das eines Koboldes, seine Kleidung dermaßen schmutzig, Haar und Bart so verfilzt, als lebte er tatsächlich in einer Erdhöhle im Wald. Aber seine dunklen Augen blickten aufgeweckt und wachsam aus dem schmutzstarrenden Gesicht. Zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand hielt er eine Zigarette, an der er ab und zu zog. Die Frau schien auf den ersten Blick überhaupt nicht in diese Runde zu passen: Jung und zierlich war sie, hatte langes, dunkles Haar, einen olivfarbenen Teint und dunkle, leicht schräg stehende Mandelaugen, die ihrem Gesicht einen katzenhaften Ausdruck verliehen. Doch die Art, wie sie rittlings auf der Bank saß, mit großen, gierigen Schlucken das Bier aus der Flasche trank, den Kopf in den Nacken warf und laut über die groben Witze der Männer lachte, verriet, dass sie sich unter ihnen voll und ganz zu Hause fühlte. Lilian hieß sie und war mit dem Piraten liiert, der eigentlich Bjarke hieß, aber Bud Spencer genannt wurde. Ole war der plumpe Riese, und der Kleine hieß Sten.
   »Kriegt man hier auch was zu fressen?«, polterte Bjarke, der Pirat.
   »Aber klar doch. Was hättet ihr denn gern?« Hieke war ganz in ihrem Element. »Sieben Gebratene, mit allem Drum und Dran«, bestellte der Hüne.
   »Mit brutalen Zwiebeln für mich«, mischte sich Kedde ein. »Und das Grünzeug könnt ihr weglassen.«
   Zunächst einmal verstand ich kein Wort. Kedde schien sich prächtig über meine verständnislose Miene zu amüsieren, doch Hieke erbarmte sich meiner.
   »Also, sieben Gebratene heißt: Sieben Hotdogs mit Bratwürsten«, erklärte sie. »Brutale Zwiebeln sind rohe Zwiebeln, und das Grünzeug sind die Gurkenscheiben, alles klar?«
   Ich nickte stumm. Als ich die Hotdogs zubereitete, zitterten meine Hände so sehr, dass ich Zwiebelstücke quer über den Fußboden verstreute, während ich mir ausmalte, was Bjarke, alias Bud Spencer, mit mir anstellen würde, falls die Würstchen nicht genug durchgebraten, die Brötchen nicht warm genug oder der Senf zu scharf war. Der Mann hatte seinen Spitznamen sicher nicht ohne Grund bekommen. Reiß dich bloß zusammen, Jeske! Du hast dir die Suppe selbst eingebrockt, jetzt löffle sie auch aus. Einen Augenblick lang schloss ich die Augen, versuchte, tief durchzuatmen und mich zur Ruhe zu zwingen.
   »Keine Angst, Kleine, wir beißen nicht, höchstens in die Würstchen.« Bud Spencer grinste, dröhnendes Gelächter von Kedde.
   »Gut zu wissen.« Hieke grinste auch.
   Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse, von der ich hoffte, dass sie wie ein Lächeln aussah. Wieder einmal bewunderte ich meine Freundin rückhaltlos. Sie schien sich einfach mit jedem unbeschwert unterhalten zu können. Vorurteile, Überheblichkeit oder jegliche Art von Verstellung lagen ihr fern. Mit ihrem fröhlichen, offenen Wesen und ihrer entwaffnenden Ehrlichkeit gewann sie die Herzen von Kindergartenkindern oder alten Damen genauso, wie sie mit den raubeinigen Männern draußen auf der Terrasse sofort eine gemeinsame Wellenlänge gefunden hatte. Ich dagegen war, wie so oft, gelähmt vor Unsicherheit. Wenigstens meine Hotdogs schienen in Ordnung zu sein. Bud Spencer hatte seinen in drei Bissen verschlungen und nickte anerkennend.
   »Mhm, nicht übel«, murmelte er mit vollem Mund, knüllte das Butterbrotpapier, in das der Hotdog eingewickelt war, zu einer Kugel zusammen und warf sie zielgenau in den Papierkorb, der auf der Terrasse stand. »Ich könnt noch ’nen Gummiadler vertragen, aber ordentlich durchgebraten.«
   »Für mich auch, bitte.« Der plumpe Riese namens Ole lächelte, im Vergleich zu Bud Spencers poltriger Stimme klang er beinahe schüchtern.
   »Geht klar.« Hieke holte zwei halbe Hähnchen aus der Gefriertruhe und versenkte sie im heißen Frittierfett. »Dauert aber ’n Weilchen.«
   »Ihr fresst wie die Scheunendrescher, hat euch das schon mal jemand gesagt?«, fragte Lilian kopfschüttelnd.
   »Ich liebe dich auch, Schatz.« Unter dem Gejohle seiner Kumpane drückte Bjarke seiner Frau einen herzhaften Schmatzkuss auf die Lippen.
   »Bäh, du stinkst nach Zwiebeln«, knurrte sie, stimmte aber in das Gelächter mit ein.
   »Krieg ich noch ’n Hofbräu?« Stens Stimme war genauso ausgedörrt wie sein Gesicht, ein heiseres Krächzen.
   »Hofbräu? Tut mir leid, wir haben nur Carlsberg oder Tuborg.« Ich wusste sofort, dass ich etwas Dummes gesagt hatte. Um mich herum lauter amüsierte Blicke, zum Grinsen verzogene Gesichter. Volltreffer, Jeske, wieder mal. Wie machst du das bloß immer?
   Kedde schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und wieherte los, Arne und Bud stimmten ein. Das Gelächter hallte in meinen Ohren wider, es schien kein Ende nehmen zu wollen.
   »Hofbräu ist Carlsberg, Jackie.« Sogar Hieke klang belustigt. »Sieh dir mal das Schild an – Königlich dänischer Hoflieferant. Verstehst du?«
   Mit Mühe brachte ich ein schwaches Nicken zustande.
   Hieke hatte die Flasche geöffnet und ließ sie schwungvoll über den Tresen in Stens geöffnete Hand schliddern.
   »Lasst sie schon endlich in Ruhe.« Es war Lilian, die dem Spott der Männer schließlich ein Ende bereitete. »Woher soll sie das denn wissen, ist schließlich keine Säuferin, so wie ihr. Und Sten, bist du sicher, dass das mit dem zweiten Bier ’ne gute Idee ist?«
   »Zwei sind in Ordnung, mehr trinke ich auch nicht«, krächzte Sten. »Antabus, versteht ihr?« Sein Grinsen entblößte eine lückenhafte Reihe bräunlicher Vorderzähne.
   »Ach so, verstehe.« Hieke nickte.
   Einmal mehr kam ich mir wie die letzte Idiotin vor.
   Sten musste mein verständnisloses Gesicht bemerkt haben und setzte, immer noch grinsend, zu einer weiteren Erklärung an. »Die Medizin, der ich mein Leben verdanke.« Jetzt grinste nicht nur er. Kedde und Bud sahen aus, als wollten sie gleich wieder losröhren.
   »Nette kleine Pille. Trinkst du danach mehr als zwei Bier, kotzt du wie ’n Reiher und wünschst dir einen schnellen Tod. Da lernt man, sich zu beherrschen, das könnt ihr mir glauben.«
   Na wunderbar, Jeske. Wirklich tolle Gesellschaft, die du dir da ausgesucht hast. Alkoholiker, wahrscheinlich allesamt. Hieke schien das überhaupt nicht zu stören. Sie reichte Brathähnchen über den Tresen, schenkte Bier aus und klönte mit den Männern, als hätte sie nie etwas anderes getan.
   »Sag mal, willst du nicht langsam die Kippe ausmachen? Du versengst dir noch die Finger«, wandte sie sich gerade an Sten.
   Tatsächlich war die Zigarette zwischen seinen Fingern, die wievielte es auch immer sein mochte, inzwischen bis auf den Filter heruntergebrannt. Stirnrunzelnd hob er den Arm und betrachtete seine Hand, als sähe er sie gerade zum ersten Mal. »Oh, stimmt, danke, dass du mich dran erinnerst. Ich hab ’n kleines Gefühlsproblem mit meinem rechten Arm, wisst ihr. Manchmal vergesse ich, dass ich ihn habe. Merks nicht mal, wenn mir die heiße Asche drauffällt.« Tatsächlich war sein Unterarm von Brandmalen übersät, manche feuerrot, andere bereits verblichen.
   Ich musste schlucken, um die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken, gab mir die größte Mühe, den Mann nicht anzustarren, spürte jedoch, wie meine Wangen brannten.
   »Okay, ich werds mir merken. Dann passen wir in Zukunft auf, dass du dich nicht selbst ankokelst. Darf ich zur Not den Feuerlöscher zu Hilfe nehmen?«
   Hieke! Wie konnte sie darüber noch Witze machen? Ich war fassungslos. Doch die Männer kicherten nur.
   »Keine schlechte Idee.« Sten selbst ging sofort auf den Spaß ein. »Für Wasser hab ich zwar sonst nicht viel übrig, aber wenns sein muss. Oh, hallo Alter.«
   »Selber Alter. Gammelt ihr schon wieder hier herum, während andere im Schweiße ihres Angesichts ihren kargen Lohn verdienen müssen?« Der Restaurantbesitzer Deco schien sich mit den örtlichen Saufkumpanen bestens zu verstehen.
   »Von wegen, karger Lohn.« Kedde grinste maliziös. »Wenn es sich nicht lohnen würde, wärst du wohl kaum immer noch hier, oder? Was ist, sind dir die Steaks angebrannt? Dann helfen dir die Mädels sicher gern mit ein paar Grillwürstchen aus. Magst du ’n Bier?«
   »Nee, danke, nicht während der Arbeitszeit. Mich treibt eine andere Sucht.« Augenzwinkernd wandte sich Deco an Hieke und mich. »Euer Süßigkeiten-Angebot ist wirklich verlockend. Ich hätte gern ein paar von diesen da: dreckige Wischlappen. Und dann …«
   »Kann er haben, nichts lieber als das«, flüsterte Hieke mir zu und tat so, als wollte sie mit dem nassen Abwaschlappen nach Deco werfen.
   Ich lächelte pflichtschuldigst zurück, obwohl mir der Sinn ganz und gar nicht nach Scherzen stand. Dieser ganze Tag war ein einziger Albtraum, ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab. Der Restaurantbesitzer schien eine ausgesprochene Vorliebe für die sauren, mit scharfer Lakritze gefüllten Bonbons zu haben, die mit unappetitlichen Namen wie Hundefurz, Vogelklecks, Kloakenschlamm oder dreckige Wischlappen auf sich aufmerksam machten. Während Hieke ihn bediente, war sie die Freundlichkeit in Person und ließ sich ihre Abneigung mit keiner Silbe, keiner einzigen Geste anmerken. Mit einem Lakritz-Lollie im Mund, einem weiteren hinterm Ohr und einer Tüte Bonbons in der Hand zog Deco wieder ab.
   »Für zwanzig Kronen Süßigkeiten, wie ausgesprochen großzügig!«, machte Hieke ihrem Ärger Luft. Sie knirschte mit den Zähnen. »Was glaubt der eigentlich, wer er ist?«
   Normalerweise hätte ich mir an dieser Stelle sicher Gedanken darüber gemacht, wieso Deco bei uns Süßigkeiten kaufte, die er doch sicher viel billiger im Großhandel bekommen konnte. Um anzugeben, wie Hieke behauptete, oder wollte er einfach nett sein? In diesem Moment allerdings war ich nicht in der Stimmung, über irgendetwas nachzudenken. Ich hoffte nur, dass dieser Abend so schnell wie möglich vorübergehen würde. Unsere Gäste jedoch hatten nicht vor, uns schon zu verlassen. Arne war nach ein paar Bier ausgesprochen gesprächig geworden.
   »Kauft das Bier und die Zigaretten doch in Deutschland, dann spart ihr an der Mehrwertsteuer. Braucht ja keiner zu wissen«, raunte er uns verschwörerisch zu.
   Beifälliges Gemurmel von Kedde. »Außerdem muss man ja nicht alles, was man verkauft, in der Abrechnung registrieren. So um die zehn bis fünfzehn Prozent kann man schon in die Trinkgeldkasse wandern lassen, das merkt kein Mensch.« Er hatte sich richtig in Fahrt geredet, gab einen Trick nach dem anderen zum Besten, wie man das Finanzamt hintergehen und die Geschäftsbücher frisieren konnte. Ich hoffte inständig, dass Hieke nicht vorhatte, seine Tipps in die Praxis umzusetzen, und war richtiggehend erleichtert, als Bud Spencer den ausufernden Monolog des Anwalts unterbrach.
   »Jetzt verrat den beiden nicht gleich alles, sonst graben sie mir noch völlig das Wasser ab«, rief Bud und grinste. Auch er war jetzt blendender Laune und erzählte ausgiebig von seinem eigenen kleinen Privatlokal, wo er illegal aus Deutschland eingeführtes Bier und Spirituosen ausschenkte. »Natürlich nur an vertrauenswürdige Kundschaft«, wie er uns augenzwinkernd verriet. »Kommt doch mal vorbei und schauts euch an, ist gleich um die Ecke. Ach übrigens: Falls ihr ’nen Fernseher oder DVD-Player haben wollt, braucht ihrs nur zu sagen. Onkel Bud macht euch ’nen Spezialpreis. Computer, MP3, Playstation, kann ich auch alles besorgen. Ich hab da so meine Quellen, versteht ihr?«
   O ja, ich verstand nur zu gut. Wo war ich hier bloß hingeraten? Alkoholismus, Schmuggelei, Steuerhinterziehung, Hehlerei – fehlte bloß noch, dass sich einer von den Typen nebenbei als Zuhälter betätigte. Jeske, du stolperst wirklich von einer Katastrophe in die nächste. Wie konntest du auch so naiv sein, dich auf diese wahnsinnige Idee einzulassen?
   Falls Buds Enthüllungen Hieke schockierten, so ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken. Sie tat das Ganze mit einem gutmütigen »Ja ja, wir sprechen uns morgen, wenn du wieder nüchtern bist« ab und fing einen dankbaren Blick von Lilian auf, die vergeblich versucht hatte, ihren redseligen Mann mit einem Tritt auf den Fuß zum Schweigen zu bringen.
   Endlich waren die Männer zum Aufbruch bereit, leerten das letzte Bier und stellten die Flaschen auf den Tresen.
   »Wer zahlt?«, erkundigte sich Sten.
   »Geht auf meine Rechnung.« Kedde zückte sein Portemonnaie mit der Geste eines gnädigen Königs, der Almosen unters darbende Volk verteilt, und ignorierte den säuerlichen Blick seiner Gattin.
   »Musst du dich immer dermaßen aufspielen? Tust so, als würdest du das Geld in Säcken nach Hause tragen, dabei …«, fauchte Yvonne auch schon los, als die beiden noch keine drei Schritte entfernt waren.
   »Du machst mich wahnsinnig, Weib! Kannst du nicht einmal aufhören zu keifen und …?«
   Die Haustür fiel hinter den beiden ins Schloss, doch ihr gedämpftes zweistimmiges Gezische drang weiterhin zu uns nach draußen.
   »Ach ja, das muss wahre Liebe sein.« Bud Spencer grinste vielsagend, schlang seine Riesenpranke um Lilians schmale Schultern und zog sie mit sich.
   Ole verabschiedete sich freundlich, auch er und Sten machten sich nun auf den Nachhauseweg.
   Wir begannen, aufzuräumen und sauber zu machen. Hieke wischte den Boden und leerte die Papierkörbe, ich versuchte, mich auf das Geld in der Kasse zu konzentrieren. Nachdem ich mich zum vierten oder fünften Mal verzählt hatte, gab ich es auf. Ich fragte mich, ob Hieke überhaupt bemerkt hatte, wie niedergeschlagen ich war. Oder tat sie nur so, als merkte sie nichts, plapperte betont fröhlich drauflos, als wäre alles in bester Ordnung. Doch als wir wenig später die Tür zu der kleinen Wohnung öffneten, die in den nächsten Monaten uns gehören sollte, legte meine Freundin mir plötzlich die Hand auf die Schulter.
   »Das hier ist nicht einfach für dich, ich weiß«, sagte sie ernst. »Aber mit der Zeit gewöhnst du dich schon dran.« In ihrer Stimme lag etwas Flehentliches.

Kapitel 3

Ich hatte nicht gedacht, dass sich meine Laune noch verschlechtern konnte, doch ich hatte mich geirrt. Die Wohnung war noch genauso trist und staubig wie bei unserem ersten Besuch, und auch der muffige Geruch lag noch immer in der Luft. Anscheinend hatten sich Kedde und Yvonne nicht einmal dazu aufraffen können, vor unserer Ankunft ein wenig zu lüften. Eigentlich hatten wir Keddes Versprechungen auch nicht ernst genommen, trotzdem musste ich schlucken bei dem Gedanken, die nächsten Wochen – ja, Monate – hier zu verbringen. Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. Jetzt werd nicht noch völlig hysterisch, Jeske. Du hast es nicht anders gewollt.
   »Na ja, das Hilton ist es nicht, aber Hauptsache ein Bett.« Hieke war pragmatisch wie immer. »Wenn man müde genug ist, pennt man überall.«
   Sie hatte recht. Trotz des klammen Bettzeugs und der fetten Spinne, die beinahe direkt über meinem Kopf in ihrem ausladenden Netz hockte, schlief ich fast augenblicklich ein. Als ich erwachte, war es stockfinster, und ich war völlig orientierungslos. Wo um Himmels willen war ich? Ruhig bleiben, Jeske. Dreh jetzt bloß nicht durch! Es gelang mir, die aufsteigende Panik zu unterdrücken, langsam kamen die Erinnerungen zurück. Neben mir im anderen Bett schnarchte Hieke leise vor sich hin, ihre gleichmäßigen Atemzüge hatten etwas Beruhigendes.
   Mit der Zeit gelang es mir, inmitten des Dunkels die Umrisse der Möbel wahrzunehmen. Leise stand ich auf, schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer, um Hieke nicht zu wecken, und tastete mich Schritt für Schritt bis ins Badezimmer vor. Endlich fand ich den Lichtschalter, im trüben Licht der verstaubten Lampe goss ich mir ein Glas Wasser ein.
   Ein leises Rascheln ließ mich zusammenfahren. Es war Jahre her, seit ich zuletzt eine gesehen hatte, doch es gab keinen Zweifel: die langen Fühler, die aus dem Abfluss unterm Waschbecken auftauchten, die flachen schwarz gepanzerten Körper, die viel zu vielen krabbelnden Beine – Kakerlaken. Ich erinnerte mich nur zu gut. Die Dresdner Schule, in der ich meine ersten vier Schuljahre absolviert hatte, war ein schmuddlig grauer Plattenbau gewesen, dünnwandig und mit bröckelnden, löchrigen Fugen, durch die Ungeziefer jeglicher Art ungehindert eindringen konnte. Die Kakerlaken waren eine wahre Plage gewesen. Sie krochen durch die Abflüsse in den Waschräumen, gingen in der Kantine ein und aus, hockten hinter Heizkörpern und Rohren, nisteten in den Einbauschränken der Klassenzimmer und widersetzten sich standhaft den Angriffen der Kammerjäger, die in regelmäßigen Abständen während der Ferien das gesamte Gebäude vom Keller bis unters Dach in Giftgaswolken hüllten. Anfangs hatte ich kaum gewagt, meine Schultasche irgendwo abzustellen oder vor den Turnstunden meine Sachen im Umkleideraum aufzuhängen, aus Angst, eins der widerlichen Tiere könnte hineinkriechen. Mit dem Umzug nach Flensburg waren die Kakerlaken aus meinem Leben verschwunden, eins der wenigen Dinge, denen ich damals nicht nachgetrauert hatte. Nun waren sie wieder da. Als sich das fünfte Paar tastender Fühler langsam über den Rand des Abflussgitters schob, schrie ich. Mit einem Satz sprang ich auf den Toilettendeckel, um meine bloßen Füße in Sicherheit zu bringen.
   »Was ’n los?« Hiekes verschlafenes Gesicht tauchte an der Tür auf. Mit einem Knirschen verschwand die Anführerin der Kakerlakenkarawane unter der Sohle von Hiekes Hausschuh. »Huch.« Hieke hob den Fuß. Der Panzer der Kakerlake war etwas eingedellt, doch das Tier krabbelte unverdrossen weiter.
   Mir war schlecht. »K … Kakerlaken«, stotterte ich. »Das sind Kakerlaken.«
   »Echt?« Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete Hieke die Tiere, die inzwischen quer durch den gesamten Raum marschierten. »Bist du sicher?«
   »Hieke, ich bin in einem versifften Plattenbau in Dresden zur Schule gegangen. Ich weiß, wie Kakerlaken aussehen.«
   »Tja, dann müssen wir morgen mal ein ernstes Wörtchen mit Kedde reden.« Sie gähnte herzhaft. »Komm wieder ins Bett, Jackie. Jetzt können wir da eh nix machen.«
   Sie hatte ja recht. Trotzdem folgte ich ihr nur widerstrebend, trippelte auf Zehenspitzen aus dem Raum, um bloß nicht auf eins der Insekten zu treten, und drückte die Badezimmertür hinter mir so fest zu, wie ich nur konnte.
   Ich bezweifelte, dass ich wieder einschlafen würde, versuchte krampfhaft, nicht darüber nachzudenken, was sich möglicherweise noch alles in den dunklen Winkeln der kleinen Wohnung verbarg. Irgendwann musste mich der Schlaf doch übermannt haben, denn als ich wieder zu mir kam, war es längst Tag. Durch die schmuddlige Fensterscheibe sah ich einen bleigrauen wolkenverhangenen Himmel. Das Wetter würde also kaum besser werden als gestern. Ich seufzte.
   »Oh, Morgen, Jackie.« Hieke war tatsächlich einmal vor mir wach – und nicht nur wach, sie war auch noch ausgesprochen gut gelaunt, grinste von einem Ohr zum anderen. »Willkommen unter den Lebenden! Du musst ja wirklich völlig erledigt gewesen sein, so wie du geratzt hast.«
   »Mhm.« Mühsam erhob ich mich. An einem Badezimmerbesuch führte kein Weg vorbei, auch wenn ich ihn liebend gern vermieden hätte. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und betrat den winzigen Raum. Nach einem schnellen Blick in alle Ecken stellte ich erleichtert fest, dass die Kakerlaken verschwunden waren. Sie hatten sich wohl wieder unter dem Abfluss verkrochen. Der Schlauch der Dusche war gerade eben lang genug, dass man mit dem Duschkopf auf den Abfluss zielen konnte. Ich drehte den Wasserhahn voll auf und schickte eine Ladung heißes Wasser durch das quadratische Metallgitter. Wahrscheinlich längst nicht genug, um die verhassten Insekten zu ersäufen, dennoch fühlte ich mich danach ein wenig sicherer. Sicher genug, um mir eine heiße Dusche zu genehmigen, wobei ich versuchte, den schwarzen Schimmel in den Fugen der Duschecke zu ignorieren. Ich brauchte unbedingt ein Paar Badelatschen.

Hieke hatte Kaffee gekocht, und nach einigen Fehlversuchen gelang es uns sogar, in dem angerosteten Toaster ein paar Brotscheiben zu rösten, ohne dass sie verkohlten.
   »Na also, es geht doch.« Hieke biss in einen Marmeladentoast. Dann hielt sie mitten in einer Kaubewegung inne und runzelte die Stirn. »Hörst du das auch?«
   Was meinte sie? Doch da, tatsächlich, ein Rascheln. Es klang, als würde sich jemand an der Mülltüte unter der Spüle zu schaffen machen. Ich öffnete die Schranktür, und etwas Kleines, Braunes kam herausgeschossen, sah mich kurz mit großen schwarzen Knopfaugen und zitternden Schnurrbarthaaren an, bevor es hinter dem lockeren Ende der Fußbodenleiste verschwand. Eine Maus.
   »Also langsam reicht es aber«, knurrte Hieke.
   Im Vergleich zu den Kakerlaken war die Maus beinahe niedlich, trotzdem war es wohl an der Zeit, Kedde an sein Versprechen zu erinnern.
   Dieser wirkte keineswegs überrascht, als Hieke ihm von der Maus erzählte, meinte lediglich, er würde mal nachsehen, ob er noch eine Mausefalle hätte. Er klang, als täte er uns damit einen ganz besonderen Gefallen, erwähnte mit keiner Silbe, dass er als Vermieter schließlich für den einwandfreien Zustand der Wohnung verantwortlich war. Kein Wort des Bedauerns oder der Entschuldigung. »Ansonsten könnt ihr die Mausefalle sicher auch im Supermarkt kaufen, alles kein großes Problem.«
   Mit anderen Worten – kümmert euch selbst drum. Na wunderbar.
   »Außerdem sind Kakerlaken im Badezimmer, und zwar ’ne ganze Kolonie. Aber das ist sicher auch kein Problem, oder?« Langsam wurde Hieke wirklich sauer.
   Wenn sie diesen Ton anschlug, war mit ihr nicht zu spaßen, doch das wusste Thomsen noch nicht. Yvonne war während des Gesprächs, scheinbar beschäftigt, mit dem Staubwedel in der Hand um uns herumscharwenzelt, eindeutig ein Vorwand, um zu lauschen, denn ich konnte nicht sehen, dass sie irgendwo tatsächlich Staub entfernte.
   Der Staubwedel landete mit einem Plumps auf dem Boden, als sie vor Entrüstung nach Luft schnappend die Hände in die Seiten stemmte. »Also, das ist ja wohl die größte Frechheit, die mir je untergekommen ist! Zu behaupten, ich hätte Kakerlaken in meinem Haus!« Ihr schrilles Kreischen hätte jeder Feuerwehrsirene alle Ehre gemacht.
   »Nein, die Mädchen haben sich sicher geirrt. Es werden nur ein paar Kellerasseln oder Ohrenkneifer gewesen sein, das kommt schon mal vor, wenn eine Wohnung lange leer steht.« Kedde tat sein bestes, die aufgebrachten Frauen zu beschwichtigen, doch er hatte seine Rechnung ohne Hieke gemacht.
   »Willst du mich für dumm verkaufen?«, blaffte sie ihn an. »Ich weiß ja wohl, wie Kellerasseln aussehen, und diese Viecher waren ungefähr zehnmal so groß! Und wenn hier etwas eine Frechheit ist, dann ist das der Zustand dieser Wohnung! Wie viele Jahre ist es eigentlich her, dass da mal jemand sauber gemacht hat? Ich setze keinen Fuß mehr in diesen Dreckstall, bevor nicht ein Kammerjäger da gewesen ist!«
   Schon war der schönste Streit im Gange. Hieke und Yvonne keiften, dass die Wände wackelten, Kedde quasselte dazwischen, sie sollten sich beruhigen, und es würde sich schon alles lösen lassen, doch es gelang ihm nicht, sich Gehör zu verschaffen. Und das Einzige, was ich tat, war, mit hängenden Armen danebenzustehen und mir zu wünschen, ich wäre weit, weit weg. Ich hätte wenigstens die Haustür zumachen sollen, aber daran dachte ich erst in dem Moment, als Decos Kopf im Türrahmen auftauchte. Auch das noch. Nicht genug damit, dass Hieke und Yvonne aussahen, als wollten sie sich jeden Moment gegenseitig an die Gurgel springen, jetzt hatten wir auch noch Zuschauer. Einen Augenblick später war Deco auch schon wieder verschwunden. Der hatte es gut. Ich wünschte, ich könnte auch einfach so meiner Wege gehen und … ja, und was dann?
   »Komm, wir gehen!« Hieke packte mich am Arm und zog mich nach draußen. In der kleinen Wohnung angelangt, warf sie ihre Sachen in die Tasche und zog mit einem energischen Ruck den Reißverschluss zu.
   »Aber wo wollen wir denn hin?«, fragte ich zaghaft.
   »Keine Ahnung, uns fällt schon was ein. Jetzt komm.«
   Seufzend packte ich ebenfalls meine Sachen zusammen und folgte ihr ins Freie. Vor der Tür stießen wir beinahe mit Stine zusammen. Sie handelte so schnell, dass wir nicht einmal dazu kamen, uns zu wundern, wo sie eigentlich hergekommen war. Später erfuhr ich, dass Deco ihr von unserem Problem erzählt hatte.
   »Falls du mich fragen wolltest, ob mein Angebot, bei uns zu wohnen, noch gilt, die Antwort ist Ja. Wollt ihr gleich mitkommen?« Sie beantwortete damit Hiekes Frage, noch bevor sie ausgesprochen war.
   »Stine, du bist ein Schatz.« Hieke strahlte schon wieder.
   Yvonne dagegen war jetzt erst richtig sauer und fauchte Stine an, sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Doch diese ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
   »So, wie ich das sehe, wollten die beiden Mädels gerade gehen, Yvonne«, entgegnete sie liebenswürdig. »Sie brauchen einen Platz zum Wohnen, und ich habe einen. Also ist das durchaus meine Angelegenheit.«
   »Aber wir hatten doch eine Abmachung …« Keddes Einwand klang ziemlich lahm, von seiner üblichen Redegewandtheit war in diesem Moment wenig zu spüren.
   »Eine Abmachung, die du nicht eingehalten hast, mein Lieber«, schnitt ihm Stine, immer noch die Freundlichkeit in Person, kurzerhand das Wort ab. »Du hattest doch versprochen, die Wohnung in Ordnung zu bringen, oder nicht? Aber du hast nichts dergleichen getan, stimmts?«
   »Schon gut, schon gut, ich sag ja gar nichts mehr.« Kedde hob abwehrend die Hände. »Eins zu null für dich.« Plötzlich schien er das Ganze amüsant zu finden. »Stine Holm, du bist das störrischste Frauenzimmer, das mir jemals untergekommen ist.« Er grinste.
   »Danke für das Kompliment«, erwiderte Stine trocken und schritt erhobenen Hauptes davon. Hieke und ich standen einen Moment lang buchstäblich mit offenem Mund da, bis wir uns wieder gefasst hatten und mit unseren Siebensachen im Schlepptau hinter Stine herrannten.
   »Na, dem hast dus aber gegeben.« Hieke lachte.
   »Der braucht so was ab und zu, damit er keine allzu hohe Meinung von sich selbst bekommt.« Stine zwinkerte uns fröhlich zu. »Am besten, ihr holt erst mal euer Auto. Wir sehen uns gleich auf dem Hof.«
   Hier gefiel es mir schon wesentlich besser. Die Zimmer, die uns Stine zuwies, befanden sich im ersten Stock des Haupthauses, und ich verliebte mich auf den ersten Blick in das kleine Mansardenzimmer mit der altmodischen gelben Tapete mit Blümchenmuster. Ein blau gestrichenes Holzbett stand darin, ein ebenfalls blauer, mit Schnitzereien verzierter Holzschrank und ein kleiner Nachttisch mit Häkeldeckchen, auf dem in einer blauen Vase ein Trockenblumenstrauß stand. Eine weiße, mit einer gehäkelten Borte verzierte Tagesdecke war auf dem Bett ausgebreitet, passend zu den weißen Spitzengardinen am Fenster. Auf den Holzdielen lag ein bunter gewebter Fransenteppich, und über dem Bett hing ein Kunstdruck in einem einfachen Holzrahmen. P.S. Krøyer, Strandspaziergang bei Skagen. Hellblaues Meer, Sonnenschein und elegante Damen mit Rüschenkleidern und Sonnenschirmen.
   Als ich meine Sachen in den Schrank legte, die Bücher im Nachttischchen unterbrachte und meine Reisetasche unters Bett schob, kam ich mir vor wie das Waisenmädchen Anne, das auf Green Gables ein neues Zuhause fand. Dieses Buch hatte ich schon als Kind geliebt. Hiekes Zimmer war ein wenig größer als meines, aber ähnlich eingerichtet mit weißer Tapete und dunkelgrün gestrichenen Holzmöbeln. Außerdem gab es noch eine kleine Küche mit einem quadratischen Esstischchen und zwei Stühlen, und ein hellblau gefliestes Badezimmer mit Dusche. Die altmodische, aber liebevolle Einrichtung erinnerte mich einmal mehr an eine Puppenstube. Alles war hell, freundlich und blitzsauber. Wir fühlten uns sofort wohl, kamen uns beinahe vor, als wären wir im Urlaub. Das einzige Minus war, laut Hieke, dass »dieser überhebliche Kochheini« auch hier wohnte. Im Vorzimmer war uns der Restaurantbesitzer Deco begegnet und hatte uns fröhlich erklärt, er wohne zur Miete in der kleinen Wohnung im Anbau. Hieke erwiderte seinen Gruß nur mit einem kühlen Blick. Kaum war er verschwunden, erklärte sie mir, sie habe nicht vor, sich »von diesem Kerl die Laune verderben zu lassen«, und man werde einander wohl aus dem Wege gehen können. Ich hätte sie fragen können, was sie eigentlich gegen ihn hatte, aber das tat ich nicht. Stattdessen kniff ich wie üblich und hielt um des lieben Friedens willen den Mund. Wir machten uns auf den Weg zum Kiosk. Hieke war wieder blendender Laune und zeigte mir Jans und Annettes Haus, ein hübsches gelbes Backsteingebäude weiter unten am Hügel. Ich war zunächst davon ausgegangen, dass die beiden mit ihren Kindern bei Per und Stine auf dem Hof wohnten, hatte mich aber eines Besseren belehren lassen. Die drei Generationen der Familie verbrachten zwar viel Zeit miteinander, lebten aber nicht unter einem Dach.
   »Wahnsinn, als ich vor Jahren das letzte Mal hier gewesen bin, war das hier noch ein Rohbau mit einem Betonmischer und einem riesigen Sandhaufen vor der Tür. Ist wirklich schön geworden.« Hieke summte leise vor sich hin und überredete mich, einen kleinen Umweg am Strand entlang zu machen.
   Fröhlich stapften wir durch den feuchten Sand. Doch die Urlaubsstimmung verging mir bald, als wir erst einmal wieder im Kiosk standen. Es war im Grunde dasselbe Spiel wie am Vortag: Erst passierte stundenlang überhaupt nichts, irgendwann im Laufe des Nachmittags kam Deco auf einen Sprung vorbei, später holten sich Kedde, Bud und Konsorten ihr Abendessen und das obligatorische Bier. Hieke begrüßte sie wie alte Freunde und schwatzte unbekümmert drauflos. Der Streit vom Morgen schien vergessen. Ich stand hilflos daneben, fühlte mich unwohl in Gesellschaft der Männer und schämte mich gleichzeitig für meine Zurückhaltung und meine Hintergedanken, in denen im Grunde eine ganze Menge Überheblichkeit lag. Warum konnte ich nicht einfach normal mit diesen Leuten reden, die schließlich meine Kunden waren? Hielt ich mich vielleicht für etwas Besseres?
   Spätestens nach ein paar Tagen hatte ich jedoch begriffen, dass ich mich an Kedde und seine Clique würde gewöhnen müssen, denn sie waren die einzigen Käufer, auf die wir uns selbst bei Wind und Wetter verlassen konnten. Ohne sie hätten wir wahrscheinlich nach zwei Wochen aufgegeben und wären abgereist, so jedoch konnten wir immerhin am Ende jedes Tages einen kleinen Gewinn verbuchen – im Grunde viel zu wenig, aber genug, um zu hoffen und weiterzumachen.
   Es dauerte nicht lange, bis unsere Stammgäste anfingen, uns in ihre kleinen und großen Geheimnisse einzuweihen. Dass Hieke es fertigbrachte, selbst den härtesten Typen Dinge zu entlocken, die sie niemandem sonst erzählt hätten, daran hatte ich mich im Laufe der Jahre gewöhnt, doch zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass unsere Kunden mir das gleiche Vertrauen entgegenzubringen schienen.
   »Als Kneipenwirtin bist du immer auch ’ne Art Seelsorger, das gehört zum Job«, erklärte Hieke.
   Ich bezweifelte, dass ich einen besonders guten Seelsorger abgeben würde, ich bekam ja nicht einmal mein eigenes Leben in den Griff, aber das sagte ich nicht. Geduldig hörte ich mir Keddes und Yvonnes weitschweifige Berichte über ihre Tochter an, die in Kopenhagen, wenn man ihren Eltern glauben durfte, sehr erfolgreich als Fotomodell Karriere machte. Sie war das einzige Gesprächsthema, bei dem sich Kedde und seine Frau nicht ständig in die Haare gerieten. Die beiden wurden nie müde, mit ihrer Schönheit, ihrem Talent und ihrem Erfolg zu prahlen. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es wohl gewesen sein mochte, mit Kedde und Yvonne als Eltern aufzuwachsen, doch es wollte mir nicht recht gelingen. Vielleicht waren sie im Grunde auch nicht schlimmer als meine Eltern, bei denen ich mich schließlich oft genug gefragt hatte, wie sie sich jemals ineinander hatten verlieben können.
   Bud Spencer und Lilian hatten ebenfalls einen Sohn, wie ich bald erfuhr. Er hieß Jimmy, war dreizehn und gut mit Stines und Pers Enkel Anders befreundet. Doch im Gegensatz zu Anders’ fröhlichem, offenen Wesen machte er einen in sich gekehrten, beinahe mürrischen Eindruck. Einige Male hatte ich gesehen, wie er sich mit seinen Eltern unterhielt, ab und zu kaufte er bei uns Eis oder Süßigkeiten, doch wenn Bud und Lilian mit ihren Freunden auf unserer Terrasse saßen, Bier tranken und über die Weltlage debattierten, zeigte er sich nie.
   Voller Stolz führte Bud Hieke und mir sein kleines Schmugglerlokal vor. Das Ganze erinnerte mich an eine Laube in einer Schrebergartenkolonie. Genauer gesagt: Buds ganzes Haus wirkte wie eine Gartenlaube. Es war ein kleiner, aus Gasbetonblöcken gemauerter Bungalow mit Flachdach, vermutlich ein ehemaliges Ferienhaus. Bud hatte die Terrasse mit einem Wellblechdach versehen, die Konstruktion von außen mit Holz verkleidet und den Boden mit dunkelgrünen Filzmatten ausgelegt. So war eine Art Wintergarten oder Pavillon entstanden. Windschief zwar, und durch den Fußbodenbelag hindurch konnte man die Kanten jeder einzelnen darunterliegenden Betonfliese erkennen, doch der Bau erfüllte seinen Zweck als Schankraum. Die wackligen Klappstühle und -tische mit den abgewetzten Wachstuchdecken und die kunstvoll an den Wänden drapierten Lichterketten mit den bunten Glühlampen machten die Schrebergartenatmosphäre perfekt. Hier saßen die Männer fast jeden Tag, tranken, spielten Karten oder versuchten ihr Glück mit der elektronischen Dartscheibe an der Wand. Hinter seiner grob gezimmerten Theke schenkte Bud Schmugglerbier aus und selbst gebrannten Salmiaklikör, der schwarze Sau genannt wurde und so abscheulich scharf war, dass ich mich, zur großen Belustigung der Männer, noch minutenlang schütteln musste, nachdem ich ihn probiert hatte. Den Probeschluck abzulehnen, hatte ich nicht gewagt, obwohl ich Lakritze schon von jeher nicht ausstehen konnte. Ich wollte Bud nicht verärgern. Alle anderen, einschließlich Hieke, schienen das Gebräu lecker zu finden. Im Radio dudelten Schlager, was Hieke dazu veranlasste, mit Bud eine heftige Debatte über guten Musikgeschmack anzufangen. Bud schien es zu amüsieren, wie Hieke angewidert das Gesicht verzog, und er drehte die Musik noch lauter. Immerhin konnten sich die beiden zu guter Letzt auf Kim Larsen einigen, den hörte sogar ich ganz gern.
   Wenn sich Bud nicht gerade hier oder bei uns am Kiosk aufhielt, war er auf seinem klapperigen Moped unterwegs. Das Gefährt war eigentlich ein paar Nummern zu klein für einen Mann wie ihn, es schien beinahe zu verschwinden unter seiner massigen Gestalt, zu der eine Harley Davidson besser gepasst hätte. Da er sich eine solche nicht leisten konnte, nahm er mit dem Moped vorlieb, trug aber trotzdem bei jeder Gelegenheit seine speckige Lederjacke, die geradezu gespickt war mit Aufnähern und Symbolen, über deren Bedeutung ich lieber nicht so genau Bescheid wissen wollte. Die Jacke war keineswegs eine Bluffnummer. Wie sich herausstellte, war Bud tatsächlich Mitglied einer Rockerbande, oder zumindest war er es gewesen. Er vertraute mir an, dass er mehrmals wegen Einbruchs, Hehlerei und diversen Schlägereien im Gefängnis gesessen hatte. Inzwischen versuchte er jedoch, sich aus dem Milieu herauszuhalten.
   »Schon wegen Lilian und dem Jungen. Nur manchmal, wenn ich zu viel trinke, kann ich mein großes Maul nich halten. Außerdem isses nicht so einfach, da wieder rauszukommen. Die Jungs können ziemlich ungemütlich werden, wenn man ihnen ’nen Gefallen verweigert, denn im Grunde besteht dieses ganze System nur aus Gefallen: Du tust was für jemanden, beschaffst ihm Sachen, schützt ihn oder haust in seinem Auftrag irgendwem eine rein. Seine Feinde sind auch deine Feinde. Dann schuldet er dir ’nen Gefallen, den du jederzeit einfordern kannst. Aber natürlich schuldest du wiederum ’ner Menge anderer Leute ’nen Gefallen, und wann die Schuld beglichen ist, das bestimmen die anderen, nicht du selbst. Das Ganze ist ’ne recht praktische Sache, wenn du mit den Bullen und diesem ganzen verfick… oh, ’Tschuldigung … verflixten Staat nix am Hut hast und dich trotzdem irgendwie durchwursteln willst. Aber wenn du erst mal drin bist, kommst du halt schwer wieder davon los.«
   Ich nickte, murmelte irgendetwas Zustimmendes und kam mir ziemlich fehl am Platze vor. Was brachte den Mann bloß dazu, ausgerechnet mir so etwas zu erzählen, und was um Himmels willen sollte ich zu ihm sagen? Doch im Grunde ging es nicht darum, was ich sagte.
   »Die Leute wollen sich einfach nur mal ihren Frust von der Seele reden, danach ist ihnen leichter ums Herz. Sie kommen zu dir, weil du zuhören kannst«, erklärte Hieke.
   In der Tat schien man mich für die geborene Zuhörerin zu halten. Vielleicht lag es daran, dass ich selbst nicht viel redete oder auch daran, dass die anderen nicht genau wussten, wie viel ich von dem, was sie mir erzählten, überhaupt verstand. Jedenfalls war Bud keineswegs der Einzige, der mir seine Lebens- und Leidensgeschichte anvertraute. Sten erzählte mir von seiner turbulenten Kindheit und Jugend mit der alkoholkranken Mutter und ihren ständig wechselnden Männerbekanntschaften. Freimütig räumte er ein, dass es ihm selbst letztendlich nicht besser ergangen war, und dass er wahrscheinlich auf Parkbänken schlafen und seine wenigen Besitztümer in Plastiktüten mit sich herumtragen würde, wenn Kedde ihm nicht seinen alten Wohnwagen überlassen hätte, in dem er nun mehr schlecht als recht hauste.
   Ole dagegen war stolz auf die kleine Holzhütte, in der er, ebenfalls bei Kedde zur Untermiete, lebte, und ließ mich seinen Garten bewundern. Er liebte die Pflanzen, die unter seiner hingebungsvollen Pflege prächtig gediehen. Für Kletterrosen, üppige Stauden und ausladende Obstbäume, die Stines Garten so einzigartig machten, war hier kein Platz, doch die kleinen, sorgfältig angelegten Blumenbeete waren ein Fest fürs Auge. Hier und dort lugten lustige Keramikfiguren unter Blättern hervor, in einem runden Goldfischteich plätscherte eine winzige Fontäne. Auf der Rasenfläche, die gerade genug Platz für einen Tisch und ein paar Gartenstühle bot, schien kein Grashalm in eine verkehrte Richtung zu wachsen. Dieser Garten war Oles ganze Leidenschaft, das erkannte man sofort. Ansonsten besaß der große, freundliche Mann fast nichts außer einem Bett, einem wackligen Tisch mit Stuhl, einem Schrank und der Kleidung, die er auf dem Leibe trug.
   »Pflanzen sind dankbar«, sagte er. »Sie fragen nicht danach, wie schlau einer ist oder was er kann. Alles, was du brauchst, ist ein bisschen Geduld – und Geduld habe ich, auch wenn ich sonst nicht viel tauge.«
   »Quatsch, wer sagt denn so was?«, protestierte ich.
   »Alle. Ich bin eben ziemlich dumm«, erwiderte er schlicht. »Da hat es auch nix genützt, dass mein Vater versucht hat, mir das Lesen und Schreiben mit dem Stock einzubläuen. Er dachte, ich wäre nur faul, aber daran lag es nich. Ich habs immer wieder versucht, aber Buchstaben und Zahlen wollen einfach nich in meinen Schädel rein.« Wie zur Bestätigung, klopfte er sich mit der Faust gegen die Stirn. »Sie gehen zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus, und nix bleibt hängen.«
   »Macht nix, dafür kannst du zupacken für drei.« Sten musste sich fast auf die Zehenspitzen stellen, um seinem großen Kameraden tröstend auf die Schulter zu klopfen.
   Ich lächelte still in mich hinein. Irgendwie mochte ich die beiden schrulligen Kerle. Es machte mich fast stolz, dass mich die Männer offenbar zu ihrer Vertrauten auserkoren hatten. Von unseren Stammkunden war Lilian die Einzige, die nie etwas über sich selbst erzählte. Sie grüßte freundlich, lächelte und schwieg. Der Restaurantbesitzer Deco dagegen war ziemlich redselig, plauderte unbekümmert auf Deutsch, Dänisch und Englisch durcheinander. Alle schienen ihn zu mögen, selbst Lilians Sohn Jimmy taute in seiner Gesellschaft auf. Ab und zu spielte Deco sogar mit ihm und Anders im Hof hinter seinem Restaurant Basketball.
   Nur Hieke hatte anfangs tatsächlich versucht, ihm aus dem Weg zu gehen, doch das erwies sich als nicht so einfach, wie sie geglaubt hatte. Da Stine und Per uns alle drei behandelten, als gehörten wir zur Familie, stießen wir häufig in Stines Wohnzimmer aufeinander. Außerdem tauchte Deco jeden Tag mindestens einmal an unserem Kiosk auf. Er gab sich stets Mühe, es so aussehen zu lassen, als wäre er gerade zufällig vorbeigekommen, kaufte ein paar Kleinigkeiten, die er vermutlich nicht wirklich brauchte, und versuchte, uns in ein Gespräch zu verwickeln, aber bis auf einige höfliche Phrasen ließ Hieke ihn meistens abblitzen.
   Alles änderte sich jedoch an dem Tag, als wir ihn nach einem unserer Einkäufe vor dem Großhandel trafen, wo er schwungvoll einige Getränkekisten in seinen schwarzen VW-Transporter beförderte, während wir uns vergeblich bemühten, unsere vielen Kartons, Kisten und Pakete in Hiekes Quietscheentchen unterzubringen. Diesmal war es wirklich aussichtslos. Ich hatte mich in Gedanken schon darauf eingestellt, mit der einen Hälfte unserer Einkäufe auf dem Parkplatz zu warten, bis Hieke die andere Hälfte in den Kiosk gebracht hatte, doch Hieke wollte noch immer nicht aufgeben. Gerade stolperte sie laut fluchend rückwärts aus dem Auto, ein Karton mit Eiswaffeln purzelte hinterher und traf sie genau an der Schläfe.
   »Au! Schietkram, verfluchter! Himmel, Arsch und … ’Tschuldigung.« Sie warf Deco, mit dem sie beinahe zusammengestoßen wäre, einen grantigen Blick zu, und ihre Bitte um Verzeihung klang eher, als forderte sie ihn auf, schleunigst zu verschwinden.
   Er jedoch tat nichts dergleichen, sondern fragte, ob er uns helfen könne. »In mein Auto ist noch massenhaft Platz für eure Sachen, und wir fahren ja sowieso in dieselbe Richtung.«
   »Äh, ja, das wäre nett«, murmelte ich, bevor Hieke etwas anderes erwidern konnte.
   Deco brachte uns nicht nur die Einkäufe bis zur Tür, er bestand auch darauf, die schweren Getränkekisten bis ins Lager zu tragen und meinte, wir könnten in Zukunft öfter gemeinsam einkaufen. »Sagt einfach Bescheid, wenn ihr was braucht, okay? Ich brings euch dann mit oder wir fahren zusammen.«
   Damit war die Freundschaft besiegelt. Ehe ich mich versah, waren Hieke und Deco in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Er erzählte von seiner Kindheit und Jugend in den USA, wie er sich nach dem Schulabschluss freiwillig zum Militär gemeldet hatte und in Deutschland stationiert worden war. Nach Ablauf seiner Dienstzeit hatte er sich ein paar Jahre lang mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, bis er schließlich einen Ausbildungsplatz als Koch fand. Vor knapp zwei Jahren hatte er sich nun seinen langjährigen Wunsch erfüllt und ein eigenes Restaurant eröffnet.
   Hieke erzählte von unserem Leben in Flensburg und von ihrer Idee, den Sommer über eine Imbissbude zu pachten.
   »Und da seid ihr einfach losgezogen? Hat denn keine von euch ein Freund oder so?«
   »Na ja, mein Freund war am Anfang nicht begeistert, aber ich schätze, inzwischen hat er sich an den Gedanken gewöhnt«, antwortete Hieke fröhlich. »Und Jackie braucht niemanden um Erlaubnis zu fragen, sie ist geschieden.«
   Na wunderbar, dachte ich verdrießlich. Warum setzte sie es nicht gleich in die Zeitung. Ich verstand Hieke nicht. Noch vor wenigen Stunden hatte sie den Mann dorthin gewünscht, wo der Pfeffer wuchs, jetzt erzählte sie ihm ihre ganze Lebensgeschichte – und meine gleich mit.
   Tja, Jeske. Wenn du den Mund nie aufkriegst, brauchst du dich auch nicht darüber zu wundern, dass andere glauben, sie müssten für dich sprechen.
   »Du hast einfach freigenommen?«, wandte sich Deco an mich. »Obwohl du ein Job an der Uni hast? Oder magst du nicht mehr Lehrerin sein?«
   »N…, jaaa doch. Ich brauchte einfach mal ein bisschen frische Luft.« ’Ne lahmere Ausrede ist dir wohl grad nicht eingefallen, Jeske? Hoffentlich fragt er nicht weiter, bitte nicht! Ich warf Hieke einen verzweifelten Blick zu. Fehlte bloß noch, dass sie anfing, ihm lang und breit von meiner gescheiterten Ehe zu erzählen. Doch sie schien mich verstanden zu haben und wechselte schnell das Thema.
   Wahrscheinlich lag es an Decos selbstbewusster Ausstrahlung. Selbstsichere Menschen hatten mich schon als Kind immer eingeschüchtert: meine erste Kindergartenerzieherin, meine Mathelehrerin, der Sportlehrer, unser Nachbar mit dem großen Schäferhund, das nette Mädchen von nebenan, das mich jahrelang jeden Nachmittag zum Ballspielen mitgeschleift hatte. Ich hatte ihr nie gesagt, dass ich Ballspiele hasste. Später graute mir vor meinem Literaturdozenten und seinen ironischen Bemerkungen, meinem Hauswirt oder diesem einen, allzu wissbegierigen Studenten aus der ersten Reihe, der meine sorgfältig vorbereiteten Seminare ständig mit seinen Fragen durcheinanderbrachte. Robert gegenüber war ich immer ein schüchternes, kleines Mädchen geblieben, und er hatte meine Unsicherheit gnadenlos ausgenutzt. Wie oft wagte ich selbst Hieke gegenüber nicht, meine ehrliche Meinung zu sagen, wie oft wurde ich sogar in Gegenwart meiner Mutter nervös. Und alles nur, weil sie stets zu wissen schienen, wer sie waren und was sie wollten, mit einer Sicherheit auftraten, die ich nie besessen hatte. Eigentlich war es erbärmlich, aber ich konnte nichts dagegen tun. Kedde, Bud Spencer, Deco … Wo ich auch hinkam, überall traf ich auf Menschen, in deren Gegenwart ich mich unweigerlich in ein stotterndes Etwas verwandelte, das mit hochrotem Gesicht in einer Ecke herumdruckste und verzweifelt nach einem Mauseloch suchte, in dem es sich verkriechen konnte.

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