Ihr Leben lang sehnt sich Faye Harper nach ihrem Vater. Als sie einen Hinweis auf seine Identität entdeckt, bricht sie spontan zu einer abenteuerlichen Suche auf, die sie nach Lake Anna führt. In dem beschaulichen Bergstädtchen findet sie nicht nur Hoffnung auf eine Familie und neue Freunde, sondern lernt auch den attraktiven Sheriff Ryan Bennett kennen, der sie in seinen Bann zieht. Die Anziehungskraft zwischen ihnen ist stark genug, um sie von der großen Liebe träumen zu lassen, doch Ryan verabscheut nichts so sehr wie Lügen. Werden seine Gefühle für Faye erlöschen, wenn sie ihm ihr dunkles Geheimnis offenbart?

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-156-1

Seiten: 308

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Joanne St. Lucas

Joanne St. Lucas
Joanne St. Lucas ist das Pseudonym, unter dem Jane Luc ihre romantischen Romane veröffentlicht. Es gibt nicht viele Garantien im Leben ... aber bei Joanne ist zumindest ein Happy End garantiert. Immer.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Faye trat durch die Hintertür in die Küche des Black Fox. Vor den glänzenden Edelstahlarbeitsflächen stapelten sich die Kisten der Lieferanten. Sie atmete den Geruch nach Reinigungsmitteln und Sauberkeit ein, der um diese Uhrzeit herrschte. In ein oder zwei Stunden würde der Duft von Kräutern und Gewürzen in der Luft liegen, gemischt mit den Dämpfen aus dem Topf des angesetzten Soßenfonds. Noch ein wenig später würde all das mit den Aromen gegrillten Fleisches, gebratenen Fisches und dem exzellenter Beilagen zu einem Potpourri gehobener Küche verschmelzen.
   Sie ging in den Umkleideraum und zog ihre Kochkluft aus dem Spind. Die Tür hinter ihr öffnete sich, und Adam Foster, der Oberkellner des Black Fox und ihr künftiger Geschäftspartner, warf einen Blick in den Raum.
   »Hey.« Sie grinste über die Schulter und schloss die Knöpfe ihrer Kochjacke.
   »Hi. Marshall will dich im Büro sprechen.«
   »Alles klar.« Sie stopfte ihre Handtasche in den Spind und folgte Adam in das Büro des Black Fox. Im Gegensatz zum luftigen Gastraum des Restaurants und der großen, glänzend sauberen Küche, war dieser Raum klein und vollgestopft. Das wäre eines der ersten Dinge, die sie ändern würde, wenn ihnen das Restaurant gehörte. Einmal kräftig ausmisten und alle Kochzeitschriften und Artikel, die älter als zwanzig Jahre waren, aussortieren. Selbst dann bliebe noch genug übrig. Vielleicht sollte sie rebellisch sein und alles entsorgen, was in den vergangenen zehn Jahren niemand mehr in die Hand genommen hatte.
   Marshall Gross saß hinter dem winzigen Schreibtisch. Auf der Kante hockte seine aktuelle Freundin und Kellnerin im Black Fox, Sheyna Penn. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und verzog die Miene zu einer bitterbösen Grimasse.
   »Sheyna.« Sie ignorierte den mörderischen Blick und nickte der Frau zu. »Hey, Marsh. Was gibts?« Bis auf Sheyna waren sie genau das Gespann, das das Black Fox in ein paar Tagen übernehmen würde. Wenn es hinsichtlich ihrer Partnerschaft etwas zu besprechen gab, was wollte Marshalls Freundin dann hier? Faye mochte sie nicht, aber für ihren Freund konnte sie ihre Existenz akzeptieren. Sie lächelte in die Runde.
   Einen Moment lang sprach niemand. Marshall kratzte sich am Kopf.
   Fayes Lächeln verschwand. »Was ist los?«, fragte sie vorsichtig.
   »Wir sind verlobt«, platzte Sheyna heraus.
   »Wow.« Warum zog sie dann so ein Gesicht? »Das ist toll. Ich freue mich für euch. Herzlichen Glückwunsch.« Sie würde die Frau nicht umarmen. Es schien, als hätte sie vor, ihr die Augen auszukratzen, sollte sie das auch nur in Erwägung ziehen. Faye war sich sicher, Sheyna nie einen Grund für ihre Feindseligkeit geboten zu haben, aber wenn ihnen das Restaurant gehörte und Marshall sie heiratete, würden sie eng zusammenarbeiten müssen. Es war also angebracht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie konnte die Kellnerin vielleicht nicht ausstehen, aber ihr Freund war total verknallt in sie und legte ihr die Welt zu Füßen.
   »Und ich weiß alles«, fuhr Sheyna in die erneute Stille hinein fort.
   Faye runzelte die Stirn. Irritiert sah sie zwischen Marshall und seiner Verlobten hin und her. »Was weißt du?«
   »Du hast mit Marshall geschlafen«, fauchte Sheyna.
   »Was?« Marshall wich Fayes Blick aus und starrte auf den winzigen Fleck der Schreibtischplatte, der nicht mit Papieren bedeckt war. Adam seufzte leise hinter ihr. Die Einzige, die sich mit ihr auseinanderzusetzen schien, war Sheyna. Faye sah ihr in die vor Zorn blitzenden Augen. »Hat er dir das erzählt?«
   »Wir haben keine Geheimnisse voreinander.«
   »Scheint so.«
   »Willst du es etwa abstreiten?« Die Wangen der Kellnerin verfärbten sich dunkelrot.
   Faye verschränkte die Arme vor der Brust. Sie verstand nicht, worauf diese Unterhaltung hinauslief. Ihr Bauch sagte ihr, dass es nichts Gutes war. »Selbstverständlich streite ich das nicht ab. Ich verstehe allerdings nicht, in welcher Art und Weise das von Belang sein …«
   »Du schläfst mit meinem Mann und hältst das für belanglos?« Sheyna sprang vom Schreibtisch und baute sich vor ihr auf.
   Faye hob den Blick. Ihr Gegenüber war an sich schon ein Stück größer als sie und trug zusätzlich mörderische High Heels. Allerdings war es noch nie Fayes Art gewesen, sich von irgendwem oder irgendetwas einschüchtern zu lassen. Schon gar nicht von diesem dürren Gestell, das der Windzug einer zufallenden Tür umwehen konnte. »Worum geht es hier eigentlich?« Die Frage war an Marshall gerichtet.
   Er sah nicht auf. Sheyna antwortete an seiner Stelle. »Du hast dir den falschen Mann ausgesucht. Ich lasse dir das nicht durchgehen. Du bist raus aus der Partnerschaft.«
   Faye konnte nicht anders. Sie musste lachen. »Ich glaube nicht, dass du das zu entscheiden hast, Barbie«, nannte sie Sheyna bei dem Spitznamen, den die Belegschaft ihr hinter ihrem Rücken verpasst hatte.
   »Marshall und ich sind verlobt.« Sie fuchtelte mit ihrer frisch beringten Hand vor Fayes Gesicht herum.
   »Deshalb triffst du hier noch lange keine Entscheidungen.«
   Endlich hob ihr Geschäftspartner und Freund seit dem ersten Tag an der Culinary School den Kopf. Sein Gesicht hatte einen gequälten Ausdruck angenommen. »Wir haben uns überlegt, ob es nicht das Beste wäre, wenn du dir ein anderes Restaurant suchst.«
   Was? Sie wollte das Wort aussprechen, aber es kam nicht über ihre Lippen. Sie war sprachlos.
   »Sheyna hat recht. Für den Frieden im Black Fox wäre es besser, wenn du woanders arbeiten würdest.«
   Faye öffnete den Mund und schloss ihn wieder. In ihrem Kopf rauschte es. Sie drehte sich zu Adam um. Er lehnte lässig an der Wand. Die Hände in den Hosentaschen zuckte er mit den Achseln. Es war ihnen ernst. Sie sollte das Restaurant verlassen. »Ich soll gehen?«, brachte sie schließlich heraus. »Das wollt ihr alle drei?« Sie musste sich noch einmal rückversichern, dass sie das gerade richtig verstanden hatte. »Ich soll gehen, weil wir im College, lass mich überlegen, das muss vor über zehn Jahren gewesen sein, einmal miteinander geschlafen haben? Einmal? Was im Übrigen nicht einmal weltbewegend war. Für keinen von uns beiden.«
   Sheyna fauchte.
   »Was hat das mit dem Black Fox zu tun?« Sie waren in ihrem Juniorjahr nach einer durchfeierten Nacht zusammen im Bett gelandet und hatten es nach dem Aufwachen bereut. Sie waren Freunde, beste Freunde. Aber offensichtlich kein Liebespaar. Die einzige Leidenschaft, die zwischen ihnen brodelte, war die fürs Kochen. Nach den ersten unangenehmen Momenten hatten sie über ihren Ausrutscher gelacht und sich geschworen, die besten Köche der Welt zu werden, gemeinsam ein Restaurant zu eröffnen und sich als Sterneköche zu etablieren. An diesem Schwur hatten sie festgehalten. Bis heute. Zwei Tage vor der Unterzeichnung des Vertrages für ihr erstes eigenes Restaurant sollte sich der Traum, den sie so viele Jahre lang zusammen geträumt hatten, in Luft auflösen.
   »Du warst schon damals scharf auf ihn«, ließ Sheyna sie von oben herab wissen. »Nur, weil er dich abgewiesen hat, heißt das nicht, dass du ihn nicht noch immer willst.«
   »Du bist paranoid. Mit Marshall zu schlafen war, wie mit einem Bruder ins Bett zu gehen. Ich will nichts von ihm, außer seine Souschefin werden.«
   »Ich glaube dir kein Wort. Und ich dulde einen solchen Störfaktor nicht.«
   Faye hob die Augenbrauen. Ein sarkastisches Lächeln stahl sich in ihre Mundwinkel. »Du duldest das nicht? Seit wann hast du denn ein Mitspracherecht? Es geht hier um Adams, Marshalls und mein Restaurant. Du bist Kellnerin.«
   »Ich bin ab jetzt keine Kellnerin mehr. Wenn wir das Restaurant übernommen haben, leite ich den Servicebereich.«
   Aha. Warum führte sie dieses Gespräch eigentlich mit Sheyna anstatt mit ihren Partnern? Faye verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich weiß nicht, wie ihr das Restaurant ohne meinen Anteil kaufen wollt. Ich glaube kaum, dass du neben deinen Ausgaben für Schuhe und die Kosmetikerin genug Trinkgeld zur Seite gelegt hast, um meinen Anteil auszugleichen.«
   Einen Moment herrschte angespannte Stille. Sheyna hob herausfordernd das Kinn. Schließlich räusperte sich Adam hinter ihr.
   »Dale wird uns das Geld leihen.«
   Faye fuhr zu ihm herum. Er zuckte abermals mit den Schultern. »Du bist ein Flittchen, Adam«, entfuhr es ihr.
   »Hey! Das sagst du bloß, weil ich schwul bin.«
   »Nein, das sage ich, weil du nicht treu sein kannst.« Sie sah ihn scharf an. »Das wird nicht gut gehen. Das wisst ihr beide.« Sie grenzte Sheyna bewusst aus. »Du wirst es verbocken, Adam, genau wie in jeder einzelnen Beziehung, die du bisher hattest. Dale wird sein Geld zurückverlangen. Und was macht ihr dann?«
   Marshall erhob sich. »Es hat keinen Sinn, herumzudiskutieren. Wir haben uns beraten und beschlossen, dass es am besten ist, wenn sich unsere Wege trennen. Sheyna ist nicht glücklich mit dem Wissen über unsere Vergangenheit.«
   »Dann hättest du es ihr nicht erzählen dürfen«, zischte Faye.
   Marshall versteifte sich. »In einer guten Beziehung hat man keine Geheimnisse voreinander.«
   »Schön.« Sie hob die Hände, wie um sich zu ergeben. »Kein Problem. Ich gehe.« Das war zu lächerlich. In zwei Tagen würden sie bettelnd vor ihrer Tür stehen und sie anflehen, doch noch ins Black Fox einzusteigen. Sie konnten das Restaurant nicht ohne sie führen. Das war ein Ding der Unmöglichkeit. Sie griff an Sheyna vorbei nach ihrem Rezepteordner, der in einem der vollgestopften Regale sein Dasein fristete.
   »Was tust du da?« Die Kellnerin griff automatisch danach.
   »Ich nehme meine Sachen und gehe.«
   »Das ist Eigentum des Restaurants.«
   »In deinen Träumen vielleicht.« Faye riss kräftig an dem Ordner.
   Sheyna ließ los und taumelte auf ihren meterhohen High Heels nach hinten, verlor das Gleichgewicht und setzte sich äußerst ungalant auf ihren klapperdürren Hintern. »Du Miststück«, kreischte sie.
   »Verklag mich doch.« Faye zeigte Adam und Marshall den Mittelfinger und verließ mit ihren Rezepten unter dem Arm das Büro.
   Früher oder später würden sie sie anflehen, zurückzukommen. Sie würde sie leiden lassen. Auf Knien würden sie vor ihr rutschen. Sie erlaubte sich nicht eine Sekunde den Gedanken, dass der Traum ihres Lebens gerade platzte. Dass sie kein Restaurant mit ihrem besten Freund führen würde, dass sie sich nicht gemeinsam einen Stern erkochen würden. So weit würde es nicht kommen. Zumindest nicht, weil eine dumme Zicke, die sie hasste und eifersüchtig war, solange sie sich kannten, ihren Freund so unter der Fuchtel hatte, dass er blind tat, was sie verlangte.
Kapitel 1

Faye schlug gegen ihre Spindtür. Diese knallte zu und federte ob der Wucht des Schlages wieder zurück. Sie zerrte ihre Sachen aus dem Schrank und stopfte sie in den Müllsack, den sie aus der Putzkammer geholt hatte. Wut pulsierte durch ihre Adern.
   Die Tür zum Umkleideraum wurde aufgestoßen. Faye musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Marshall war. Wer sonst würde es wagen, hier hereinzukommen, wenn sie wirklich wütend war? Niemand außer ihm. Sie ignorierte ihn, zog weiter blindlings Sachen aus dem Spind. Was war da nur alles drin? Wie viel Zeug hatte sich in den vergangenen Jahren angesammelt?
   »Ich hatte gehofft, du würdest es verstehen«, begann Marshall leise.
   »Es gibt nichts zu verstehen.« Faye fuhr zu ihm herum. »Du zerstörst gerade meinen Traum. Und deinen gleich mit. Du kannst dir nicht von deiner Freundin das Leben verpfuschen lassen.«
   »Genau da liegt das Problem. Du begreifst es nicht.« Er ließ sich auf den Stuhl sinken, der neben der Tür stand. »Sheyna verpfuscht mein Leben nicht. Sie bereichert es. Sie macht mich zum glücklichsten Mann des Universums. Davon hast du keine Ahnung, weil du nicht weißt, was Liebe bedeutet. Du warst vermutlich in deinem Leben noch nie in etwas anderes verliebt als in die Küche und deine Messer. Aber ich liebe Sheyna.«
   »Tolle Liebe, wirklich. Eine Frau, die austickt, weil ihr Verlobter vor tausend Jahren mal mit einer anderen Frau geschlafen hat. Ganz wunderbar. Was ist mit allen anderen Frauen, mit denen du jemals zusammen warst? Bekommen die alle Hausverbot?« Faye drehte sich wieder um und schlug noch einmal mit der flachen Hand gegen die Spindtür, die abermals zuschlug und zurückfederte. Entnervt ließ sie den Müllsack fallen.
   »Ich habe gehofft, du würdest es nicht ganz so schwernehmen. Du bist eine unfassbar gute Köchin. Die beste, die ich kenne. Du wirst überall einen neuen Job finden. Jedes Restaurant, das etwas auf sich hält, wird dich mit Kusshand nehmen.« Er lehnte den Kopf gegen die Wand.
   Erst jetzt bemerkte Faye die dunklen Ringe unter seinen Augen und begriff, dass ihm die Entscheidung alles andere als leicht fiel. Er musste sich zwischen seinem Traum und seiner Traumfrau entscheiden – und war dabei, die falsche Wahl zu treffen.
   »Das geht nicht gut.« Ihr Zorn ließ ein wenig nach. Ihre Worte waren die reine Wahrheit. Es würde niemals funktionieren ohne sie. »Du brauchst mich in der Küche des Black Fox. Ich bin deine Souschefin.«
   »Peter wird den Job übernehmen können. Zumindest vorübergehend.«
   Der Saucier? Sie schüttelte den Kopf. »Du wirst noch an meine Worte denken.«
   »Peter hat die notwendige Erfahrung«, beharrte Marshall.
   Ein störrischer Zug, den sie nur zu gut kannte, legte sich um seinen Mund. Es hatte keinen Zweck, weiter über dieses Thema zu philosophieren. Peter war klasse auf seinem Gebiet, ihm fehlte aber jegliche Kreativität und Fantasie. Er würde sie nicht einmal im Ansatz ersetzen können.
   Faye war nicht eingebildet und nahm sich nicht zu wichtig. Aber sie wusste, was sie konnte – und das war kochen. Die Idee, das Black Fox zu übernehmen, resultierte aus der Tatsache, dass Marshall und sie ein unschlagbar einfallsreiches und experimentierfreudiges Team waren.
   Sie schloss ihren Spind, leise diesmal, hob den Müllsack auf und warf ihn sich über die Schulter. »Ich weiß vielleicht nichts über die Liebe, aber ich weiß, was sie wert ist, wenn du dafür auf ewig deinem Traum hinterherjagen musst.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und wartete, bis er ihr in die Augen sah. »Es wird nicht funktionieren. Allein der Gedanke, dass sich Adam Geld von Dale leiht, verursacht mir eine Gänsehaut. Ich liebe Adam wie meinen Bruder, aber er ist und bleibt die größte Schlampe, die in Boston herumläuft. Er wird Dales Herz brechen und es auf den Haufen ausrangierter Herzen werfen, auf dem er tagtäglich herumtrampelt. Er wird ihm keinen ganzen Monat treu bleiben können. Was macht ihr, wenn Dale – verletzt und verbittert – sein Geld aus dem Restaurant zieht? Was dann? Dann verlierst du deinen Traum wegen deiner Traumfrau. Ein wirklich toller Plan, Marsh.« Sie konnte den bitteren Unterton in ihrer Stimme nicht vermeiden.
   Ihr Freund erwiderte nichts, also ließ sie ihn sitzen. Je länger sie über die Worte nachdachte, die sie ihm gerade an den Kopf geworfen hatte, desto sicherer war sie, dass Marshall seinen Fehler erkennen und sie zurückholen würde. Sie konnten das Black Fox nicht ohne sie führen.
   Die Küche war leer. Auf dem Herd köchelten zwei große Töpfe. Sie hörte Annie im Kühlraum über irgendetwas lachen, was Greg sagte. Faye öffnete ihre Messerschublade, holte ihre Klingen heraus und packte sie in ihr Etui. Vorsichtig schob sie sie in ihre große Handtasche, schulterte den Müllsack mit ihren restlichen Habseligkeiten und öffnete die Hintertür, durch die sie das Restaurant vor gerade einmal einer halben Stunde betreten hatte. Zwei Tage blieben Marshall und Adam, zur Besinnung zu kommen. In zwei Tagen würden sie den Kaufvertrag für das Black Fox unterschreiben. Bis dahin würde sich Marshall daran erinnern, dass das Restaurant nicht sein, sondern ihr gemeinsamer Traum gewesen war.
   Zwei Tage später setzte Faye ihre Großmutter Maxin im Einkaufszentrum ab und lieh sich ihren Wagen, um in die Stadt zu fahren. Sie konnte nicht nachvollziehen, warum ihre Granny und deren Freundinnen vom Bridgeclub es als Sport betrachten, vor dem Öffnen der Geschäfte durch die leeren Gänge des Einkaufszentrums zu walken. In der klimatisierten Luft marschierten sie in strammem Schritt an den dunklen Schaufenstern vorbei, lediglich beobachtet von Bob, dem pensionierten Officer, der als Wachschutz arbeitete. An der Ostküste hielt gerade der Herbst Einzug. Die Luft war kühl und klar, die frühen Sonnenstrahlen wärmten bereits. Der Tag versprach, wunderschön zu werden. Warum sollte man dieses schöne Wetter gegen das muffige Einkaufszentrum eintauschen? Außer vielleicht wegen Bob. Der Officer machte mit seinem vollen weißen Haar, den buschigen Augenbrauen und den Lachfältchen sicher großen Eindruck auf die Damen in Maxins Alter. Das kleine Bäuchlein verriet, dass er gern aß und nichts gegen die Kekse und den Kuchen hatte, die die Walkingherde ihm garantiert regelmäßig zusteckte.
   Faye schüttelte den Kopf und trank einen Schluck Milchkaffee. Sie hatte sich noch nie Gedanken über Bob, ihre Großmutter und deren Freundinnen gemacht. Sie wusste, warum sie es jetzt tat. Es war ein Versuch, sich von dem abzulenken, was ihre Gedanken tatsächlich beschäftigte. Marshall und Adam hatten nicht angerufen. Sie hatten sie nicht angebettelt, zurückzukommen.
   Sie hatte an einem der kleinen Bistrotische vor einem Café Stellung bezogen. Es lag der Kanzlei, in der der Kaufvertrag für das Black Fox unterzeichnet werden sollte, genau gegenüber. Trotz der Eiche, die das Licht über ihr filterte, trug sie eine Sonnenbrille und fühlte sich wie eine Geheimagentin oder eine miese Stalkerin. Je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es betrachtete. Sie hatte ihren beiden ehemals besten Freunden Marshall und Adam, begleitet von Sheyna und Dale, dabei zugesehen, wie sie das Gebäude betraten. Über eine Stunde waren sie nun schon bei dem Anwalt. Wie lange dauerte ein Restaurantkauf? Und warum saß sie noch immer hier? Sie hatten sie nicht angerufen, nicht erkannt, wie wichtig sie für das Black Fox war. Glaubte sie ernsthaft, Marshall würde aus dem Gebäude gestürmt kommen, weil er seine Meinung geändert hatte und das Restaurant auf keinen Fall ohne sie führen wollte?
   Sie musste ehrlich zu sich selbst sein. Möglicherweise hatte sie überreagiert. Vielleicht war sie nicht so eine gute Köchin, wie sie dachte. Vielleicht hatten sie nur nach einem Weg gesucht, sie loszuwerden, ohne ihr sagen zu müssen, wie schlecht sie in der Küche war. Wie war sie auf die Idee gekommen, sich für unentbehrlich zu halten? Indem sie selbstmitleidig in diesem Café saß, machte sie sich lächerlich. Verdammt lächerlich. Es war an der Zeit einzusehen, dass sie verloren hatte. Sie entzog ihr Bein dem Terrier vom Nebentisch, der, von seinem Frauchen nicht zur Ordnung gerufen, um sie herumschlich. Er hatte bereits zweimal versucht, Liebe mit ihrem Schienbein zu machen. Sie zog ein paar Geldscheine aus ihrer Jeanstasche und schob sie unter die Tasse.
   Es war an der Zeit, neu zu beginnen. Sie hatte sich noch nie von Rückschlägen aufhalten lassen, hatte noch nie zu den Menschen gehört, die sich selbst bemitleideten. Das Kapitel Black Fox war offensichtlich abgeschlossen. Natürlich würde sie ihre Situation noch analysieren müssen, aber sie wäre nicht so erbärmlich, sich hier von der Restaurantcrew erwischen zu lassen.
   Sie stand in dem Moment auf, in dem sich die Tür der Kanzlei öffnete und Marshall und Adam mit Sheyna und Dale blinzelnd ins Sonnenlicht traten. Faye machte einen Schritt zur Seite, um hinter dem Stamm der Eiche in Deckung zu gehen. Ihr Fuß blieb an irgendetwas hängen. Ehe sie begriff, dass sie sich in der Leine des verliebten Terriers, die sich um ihre Füße und den Stuhl schlängelte, verheddert hatte, war ihr Gleichgewicht bereits aus den Fugen geraten. Sie versuchte, sich am Tisch festzuhalten. Gleichzeitig machte der Hund einen erschrockenen Satz zur Seite, wodurch der Stuhl kippte und ihr Gleichgewicht noch mehr in Mitleidenschaft zog. Der Tisch war offensichtlich nicht geeignet, ihre Lage zu stabilisieren. Er neigte sich zur Seite und stürzte gemeinsam mit ihr, der leeren Kaffeetasse, ihren Dollarnoten und der Blumenvase mit der einzelnen pinkfarbenen Gerbera laut scheppernd zu Boden.
   Die Aufmerksamkeit der Cafégäste war ihr gewiss. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass sich auch die Black Fox-Crew nach dem Lärm umdrehte. Scheiße, war das Letzte, was sie dachte, bevor sie neben dem Tisch auf den Fliesen der Caféterrasse landete. Sie schloss die Augen und blieb sitzen. Vielleicht hatten sie sie nicht gesehen. Vielleicht gingen sie einfach weiter, um den Kauf des Restaurants zu feiern.
   »Faye?«
   Mist. Sie öffnete die Augen und blickte in Marshalls Gesicht. Bei ihrem Sturz hatte sie ihre Sonnenbrille verloren.
   »Alles okay?« Er sah sie besorgt an.
   Hinter seiner Schulter tauchte Sheynas weniger mitfühlende Grimasse auf. »Spionierst du uns nach?«
   Auf Marshalls anderer Seite erschien Adam mit neugierigen Augen. Der Terrier schien sich von seinem Schreck erholt zu haben und schnüffelte schon wieder an ihrem Bein herum. Sie schob ihn zur Seite und rappelte sich auf. Mit zitternden Fingern klopfte sie ihre Jeans ab, ohne einen der anwesenden anzusehen. Sie konnte geradezu spüren, wie ihr die Schamesröte in die Wangen kroch – der Fluch der Rothaarigen, wie ihre Großmutter es immer nannte. »Ich habe einen Kaffee getrunken. Das ist in Boston noch nicht verboten, oder?«
   »Ganz zufällig gegenüber der Kanzlei, in der wir den Kaufvertrag für das Restaurant unterschreiben. Wers glaubt.« Sheyna schnaubte wenig damenhaft.
   »Glaub, was du willst.« Faye stieg aus dem Wirrwarr von Hundeleine und Stuhlbeinen. Mit einem großen Schritt trat sie aus dem Chaos. Peinlicher konnte der Moment nicht werden, also konnte sie sich genauso gut umdrehen und einfach gehen.
   »Faye«, rief Marshall ihr hinterher.
   Ohne zurückzusehen, hob sie den Arm und streckte zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen den Mittelfinger aus. Sie ließ ihn oben, bis sie um die Hausecke verschwunden war.
Kapitel 2

Faye ließ das Debakel hinter sich und fuhr nach Hause. In der Auffahrt stand ein smaragdgrüner Pick-up mit dem Schriftzug Coleman Constructions. Sie parkte den Wagen ihrer Großmutter an der Straße und betrat das Haus durch die Waschküche.
   »Grandma? Ich bin wieder da«, rief sie in die Stille, die sie empfing.
   »Ich bin hier, Schätzchen.«
   Faye legte ihre Handtasche auf den Küchentresen und folgte dem Ruf ihrer Großmutter ins Wohnzimmer. Maxin saß mit einem attraktiven Mann in Fayes Alter bei Keksen und Tee auf der Couch. Sie schienen sich blendend zu amüsieren.
   »Schätzchen, gut, dass du da bist. Darf ich dir Geno Coleman vorstellen? Er kommt wegen des kaputten Dachfensters. Geno, das ist meine Enkelin Faye.«
   Faye kannte das. Die Augen ihrer Großmutter leuchteten verdächtig. Sie sah schon hübsche Urenkel mit den dunklen Haaren und blauen Augen des Mannes, der ihr gegenübersaß, durch das Haus rennen.
   »Schätzchen, kannst du Geno das Fenster zeigen? Ich kann die vielen Stufen bis unter das Dach nicht mehr steigen.«
   Natürlich. Maxin konnte noch keine Stunde vom Powerwalking im Einkaufszentrum zurück sein, sah sich aber nicht in der Lage, die Treppen hinaufzugehen. Faye seufzte innerlich. »Kein Problem, Mr. Coleman, ich zeige Ihnen das Fenster, das repariert werden muss.«
   Der Mann stand auf. Er war groß. »Angenehm, Sie kennenzulernen.« Er reichte ihr die Hand. »Nennen Sie mich Geno.«
   »Faye«, sagte sie automatisch.
   »Geno ist Architekt«, teilte Maxin ihr unnötigerweise mit.
   »Aha.« Faye sah zu ihm auf. »Brauchen wir einen Architekten für unser Dachfenster?«
   Geno schenkte ihr ein Grübchengrinsen. »Vermutlich nicht. Ich arbeite für die Firma meines Vaters. Also betrachten Sie mich doch einfach als den Handwerker, als der ich hier bin.«
   »Na, dann kommen Sie mal mit.« Faye führte ihn auf den Dachboden und zeigte ihm das Fenster, das zur Straße hinauszeigte.
   »Baseball?«, fragte er.
   »Fußball. Der Junge von Gegenüber hat einen verdammt guten linken Fuß. Ein Schuss, ein Treffer.«
   Geno zog ein Notizbuch und ein Maßband aus seiner hinteren Hosentasche und vermaß mit schnellen und effizienten Bewegungen das Fenster. Faye beobachtete ihn. Auf ihn traf das Attribut sexy zu wie maßgeschneidert. Wenn sie sich nicht gerade mit völlig anderen Dingen auseinandersetzen müsste, hätte sie ihn durchaus interessant gefunden.
   »Okay.« Er steckte Maßband und Notizbuch weg und drehte sich zu ihr um. »In zwei Tagen sollte die Glasscheibe zugeschnitten sein. Wir rufen an, um einen Termin für den Einbau zu vereinbaren.«
   »Wunderbar.« Sie wandte sich zur Treppe.
   »Eins noch, Faye.«
   »Ja?« Sie drehte sich wieder um.
   Er kam auf sie zu, und sie wich einen Schritt zurück. »Wenn ich die Blicke Ihrer Großmutter richtig verstanden habe, hätte sie gern, dass ich Sie mal zum Essen oder auf einen Drink einlade.«
   Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Sie können die Blicke meiner Großmutter offenbar gut interpretieren.«
   Er sagte nichts, grinste sie nur an.
   »Sie würden mich einladen, nur um meiner Großmutter einen Gefallen zu tun?«
   Er kam noch einen Schritt näher, und sie wich einen weiteren Schritt zurück. »Sicher. Älteren Damen soll man keinen Wunsch abschlagen.« Er breitete unschuldig die Arme aus. »Sie sehen, ich bin gut erzogen worden. Sie können getrost mit mir ausgehen.« Er flirtete locker, aber er hatte etwas von einem großen, geschmeidigen Raubtier. Dunkel und gefährlich. Er kam noch einen Schritt näher. »Wenn ich ehrlich sein soll, würde ich es nicht nur für Ihre Großmutter tun, sondern auch für Sie. Und für mich.«
   Faye schluckte. Ein sexy Raubtier. Seine Augen fixierten sie, und er legte spielerisch den Kopf schief. Er schien sie zu hypnotisieren. Vorsichtig setze sie noch einen Schritt zurück und stieß einen Stapel alter Zeitschriften um. Das brach den Bann. Sie räusperte sich. Wahrscheinlich war sie einfach zu lange mit keinem attraktiven Mann mehr allein in einem Raum gewesen. »Tut mir sehr leid, Geno. Ich würde wirklich gern mit Ihnen ausgehen, aber im Moment muss ich mich um ein paar Dinge kümmern und habe den Kopf nicht frei. Wenn Sie sich verabreden, sollte die Aufmerksamkeit der Frau, die Ihnen gegenübersitzt, nur Ihnen gelten.«
   Er grinste. »Da haben Sie vermutlich recht.« Sein Blick wurde ernst. »Obwohl ich es wirklich schade finde.«
   Um seinem eindringlichen Blick zu entgehen, bückte sie sich und hob die Zeitungen auf, die sie bei ihrem Schritt nach hinten vom Stapel gefegt hatte. Sorgsam legte sie eine nach der anderen zurück. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er mit den Schultern zuckte.
   »Wer weiß. Vielleicht laufen wir uns ja noch einmal über den Weg, wenn die Voraussetzungen anders sind.«
   »Vielleicht«, murmelte sie.
   »Auf Wiedersehen, Faye. Es war wirklich schön, Sie kennenzulernen.«
   »Gleichfalls.« Sie richtete sich auf, um ihn zur Treppe zu bringen.
   »Bemühen Sie sich nicht. Ich finde hinaus.« Er verschwand die Treppe hinunter.
   Faye seufzte, legte die Zeitung, die sie in der Hand hatte, auf den Stapel und griff nach der nächsten.
   Einen Moment stand sie wie erstarrt in der staubigen Luft. Dann bückte sie sich und hob das Foto auf, das unter dem Altpapier zum Vorschein gekommen war. Vorsichtig, als wäre es explosiv, drehte sie es um und las die schnörklige Handschrift ihrer Mutter.
   Als ihre Großmutter ein paar Minuten später die Treppe hinaufhüpfte wie ein junges Reh, starrte sie noch immer auf das lachende Pärchen, das auf einem Bootssteg saß und die Beine ins Wasser baumeln ließ. Der Kleidung nach schien es ein warmer Sommertag gewesen zu sein, auch wenn sich im Hintergrund eine Bergkette mit schneebedeckten Gipfeln durchs Bild zog. Auf der Rückseite stand: Lake Anna 1982.
   »Das war ein wirklich netter, junger Mann«, bemerkte Maxin. »Und so gute Manieren. Hat er dich zum Essen eingeladen?«
   Faye ignorierte ihre Frage und hielt das Foto hoch. »Ist das mein Vater?«

*

Ryan kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenwurzel, um das Pochen zu vertreiben, das sich von dort aus über seine Stirn ausbreitete. Sophia Weatherly schien es darauf anzulegen, ihm den letzten Nerv zu rauben. Besonders, weil jede ihrer Schandtaten ein wirklich anstrengendes Treffen mit ihrer Mutter nach sich zog. Er drückte die Sprechtaste seines Funkgeräts. »Linda Mae für Sheriff Bennett.«
   »Kommen, Sheriff«, klang die geschäftsmäßige Stimme seiner Dispatcherin aus dem Lautsprecher.
   »Ich habe den Bereich oberhalb des Thunder Creek überprüft. Keine Wilderer. Allerdings habe ich von hier oben einen wunderbaren Ausblick auf die Turnhalle der Middle School. Rufen Sie die Eltern von Sophia Weatherly, Janet Templeton und Nora Jankins an. Ich habe ihre Töchter beim Schwänzen und Rauchen erwischt und werde sie in der Schule abliefern.«
   »Verstanden, Sheriff. Ich kümmere mich sofort darum.«
   »Wunderbar«, murmelte Ryan und startete den Wagen. Er fuhr die ausgewaschene Schotterstraße hinunter und hielt auf die Mädchengruppe zu, die es sich auf der Rückseite des Schulgeländes an der Böschung des Thunder Creek gemütlich gemacht hatte. Er war eigentlich ein entspannter Mensch, aber Sophia Weatherly stellte seine Geduld in letzter Zeit wahrlich auf die Probe. Mit ihrem dreizehnten Geburtstag war sie zur Plage mutiert. Wenn sein Neffe Shane auch so wurde, wenn ihn die Pubertät erwischte, dann prost Mahlzeit. Er wollte nicht einmal daran denken.
   Bis er die Mädchen erreichte, hatten sie die Zigaretten unter ihren Sohlen ausgedrückt und die Kippen über die Böschung in den Fluss geworfen. »Einen schönen guten Tag, meine Damen«, grüßte Ryan sarkastisch, als er ausstieg. Er tippte sich an die Hutkrempe und streckte die Hand aus.
   Janet seufzte und ließ drei Zigaretten und ein Feuerzeug hineinfallen. Ryan musterte alle drei. Sophias Freundinnen wirkten zumindest im Ansatz schuldbewusst und ein wenig ängstlich. Sie selbst funkelte ihn herausfordernd an. Diesen Blick kannte er. Er zerknüllte die Zigaretten in seiner Hand, schob sie in die Hosentasche und streckte den Arm erneut aus. »Den Rest auch.«
   »Welchen Rest?« Sophia hob das Kinn noch ein Stück weiter. Die pure Herausforderung. Nora warf ihrer Freundin einen ängstlichen Blick zu.
   »Den Rest, den du mir nicht gegeben hast.«
   Sie zuckte die Achseln. »Wir hatten nur drei.«
   »Wers glaubt.« Er vermied es, sich über die inzwischen pochende Schläfe zu reiben. Teenager verursachten Kopfschmerzen, und zwar jede Menge. Er schnappte sich Sophias Schultasche, die neben ihr auf dem Boden lag, und durchsuchte sie systematisch. Lange brauchte er nicht, um die angerissene Packung Glimmstängel zu finden. Wie du mir, so ich dir. Obwohl sich in seinen Hinterkopf der Gedanke schlich, dass er sich nicht so kindisch verhalten sollte wie die Mädchen, die vor ihm standen, konnte er es sich nicht verkneifen. Er ließ die Schachtel mit einem Grinsen vor Sophia auf den Boden fallen und zermalmte sie genüsslich unter seinem Stiefelabsatz. Sie fixierte ihn mit unbewegter Miene. Er wusste nicht, was hinter ihrer hübschen Stirn vor sich ging, aber er war sich sicher, dass er sich nicht zum letzten Mal mit ihr auseinandersetzte.
   »Einsteigen, die Damen.« Er hob die Schachtel auf und öffnete die hintere Tür seines Streifenwagens. Die Mädchen krochen hinein und hockten wie die Lemminge auf der Kante der Sitzbank. Wenigstens Nora und Janet wurden bei der Erwähnung ihrer Eltern noch eine Spur blasser und sanken bei dem Vortrag, den er ihnen über die Gefahren des Rauchens hielt, ein wenig in sich zusammen. Sophia warf ihm lediglich einen gelangweilten Blick zu und rollte mit den Augen.
   Er parkte vor dem Schulgebäude und lieferte die Sünderinnen im Sekretariat ab. Er würde ihnen ein paar Arbeitsstunden aufbrummen, und die Rektorin ließ sich sicher auch etwas für sie einfallen, wie er sie kannte.
   Er nickte der Sekretärin zu und trat auf den Gang hinaus, als er das vertraute Stakkato klappernder Absatzschuhe und die dazugehörige Stimme hörte. »Hast du den Sheriff gesehen? Sein Wagen steht vor der Tür. Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht hat. Also wirklich, dieses Mädchen treibt mich noch in den Wahnsinn.«
   »Wahrscheinlich ist der Sheriff noch im Sekretariat«, antwortete eine unbekannte Frauenstimme.
   »Ich sollte mich bei ihm bedanken.«
   Auf keinen Fall. Ryan sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um. Wenn er noch fünf Sekunden hier stehen blieb, lief ihm Sophias Mutter direkt in die Arme. Er probierte die Tür neben dem Sekretariat. Abgeschlossen. Die Tür gegenüber führte zu einem Putzraum, der offen war. Er schlüpfte hinein. Keine Sekunde zu früh. Kaum hatte er die Tür hinter sich zugezogen, bogen Noras Mutter und Janet Weatherly um die Ecke.
   Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und atmete erleichtert aus. Als er wieder Luft in seine Lungen sog, roch er Putzmittel und – Rauch. Zigarettenrauch. Hatte er noch den Geruch von den Mädchen in der Nase? Nein, vor ihm glühte in der Dunkelheit eine Zigarettenspitze auf. Er tastete nach dem Lichtschalter und tauchte den Raum in gleißendes Licht. »Rektorin Sloan?«
   Sie blinzelte ihn an. »Sheriff.«
   »Was tun Sie hier?«
   »Nach was sieht es denn aus?« In ihrem strengen, dunklen Kostüm, einer Perlenkette um den Hals, die sie schon getragen hatte, als er noch zur Schule gegangen war, stand sie an der gegenüberliegenden Wand und zog genüsslich an ihrer Kippe. Neben ihr stand ein halb voller Aschenbecher in einem Putzmittelregal. Sie war nicht zum ersten Mal hier.
   Er zog die Augenbrauen nach oben. »Sie sitzen im Dunkeln und rauchen?«
   »Manchmal braucht man das. Einen stillen, dunklen Raum und die Droge seiner Wahl, oder die Kinder befördern einen auf direktem Weg in die nächste Nervenheilanstalt.« Mit dem Kinn wies sie in Richtung Decke. »Das ist der einzige Raum im ganzen Gebäude, in dem kein Rauchmelder hängt. Deshalb verstecke ich mich hin und wieder hier, wenn es mir auf der anderen Seite des Ganges zu bunt wird.« Sie inhalierte noch einmal tief. »Und vor wem sind Sie auf der Flucht?«
   »Ich bin nicht auf der Flucht.«
   Sie schnalzte mit der Zunge und warf ihm diesen Blick zu, der ihm als Junge Gänsehaut verursacht hatte – und immer noch verursachte, wie er gerade feststellte. In seinen Teenagerjahren hatte er einige Stunden in ihrem Büro verbracht und jede Menge Standpauken und Strafarbeiten verpasst bekommen. Er hatte sie immer gefürchtet, obwohl er ihr bereits mit vierzehn über den Kopf gewachsen war. Er hatte keine Ahnung, woran es lag, aber auch auf sein dreiunddreißigjähriges Ich hatte sie immer noch dieselbe Wirkung.
   Er seufzte. »Ich versuche, Sophias Mutter aus dem Weg zu gehen.«
   Die Rektorin strich sich den Kostümrock glatt und nickte. »Ich habe gehört, sie sei auf der Jagd nach Ehemann Nummer drei, und ihre Wahl fällt auf Sie, Sheriff.«
   Er sank ein wenig in sich zusammen. Die Feststellung basierte nicht vollständig auf Gerüchten. In letzter Zeit ließ Janet Weatherly ihn ihr Interesse immer wieder spüren, und das nicht gerade unterschwellig. Er ging ihr aus dem Weg, wo er nur konnte. Bis jetzt hatte sie das allerdings noch nicht von ihren Plänen und den erbärmlich schlechten Aufläufen, mit denen sie ihn versorgte, abgebracht.
   Miss Sloan sprühte sich eine ordentliche Ladung Odol in den Mund. »Ich werde mir die Ladys jetzt vorknöpfen. Mütter und Töchter. Rauchen ist wirklich eine Unart«, sagte sie mit einem ironischen Blick auf den Aschenbecher. Dann zwinkerte sie Ryan zu. »Wenn ich die Damen in der Mangel habe, sollten Sie die Beine in die Hand nehmen, Sheriff.«
   »Danke, Miss Sloan.« Ryan wartete, bis sie den Raum verlassen hatte, schaltete das Licht aus und lehnte sich im Dunkeln gegen das Regal mit den Putzmitteln. Er zog einen Schokoriegel aus seiner Hemdtasche, riss ihn auf und biss die Hälfte ab. Sein Leben war wirklich fantastisch. Eine aufmüpfige Jugendliche als Gegnerin, ihre Männer jagende Mutter auf den Fersen und als Komplizin eine heimlich rauchende Rektorin. Das Dasein eines Polizeichefs auf dem Land.
   Er kehrte ins Sheriffbüro zurück und schrieb seinen Bericht. Die Mädchen würden für ihre Verfehlung fünf Stunden lang Müll an der Lake Anna-Uferpromenade einsammeln. Eine angemessene Strafe, aber sie brachte keine Zufriedenheit. Irgendetwas ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, also entschied er sich, zeitig Feierabend zu machen. Er wechselte in seine Laufkleidung und absolvierte einen langen Lauf am Ufer des Sees entlang. Entgegen der sonstigen Wirkung, die der Sport auf ihn hatte, wurde er die Verspannung nicht los. Sie saß ihm im Nacken und machte ihn unruhig und nervös. In seiner Wohnung trainierte er weiter. Klimmzüge, Liegestütze, Sit-ups. Es half nichts. Schließlich beschloss er, dass es höchste Zeit wurde, wieder einmal aus der Stadt herauszukommen und irgendwo hinzufahren, wo er nicht der Sheriff von Lake Anna war, den jeder kannte.

*

Faye betrachtete ihr Gesicht im Rückspiegel. Sie sah so aus wie vor drei Wochen. Keine der Erfahrungen, die sie seit der Begegnung mit Geno Coleman auf dem Dachboden ihrer Großmutter gemacht hatte, schien sich in ihren Zügen widerzuspiegeln. So viel war passiert, seit sie das Foto gefunden hatte. Ihr Leben hatte sich einmal um einhundertachtzig Grad gedreht und sie hierher geführt. Statt einer netten Verabredung mit einem gut aussehenden Architekten hatte sie ihre Sachen gepackt, ein Auto gekauft und war zu einem Roadtrip quer durch die Staaten aufgebrochen.
   Maxin war von ihrer Idee alles andere als begeistert gewesen, aber sie hatte ihr bestätigt, dass der Mann auf dem Foto ihr Vater war. Zumindest hatte ihre Mutter das behauptet. Ihre Großmutter hatte ihn nie zu Gesicht bekommen. Faye nahm sein Bild einmal mehr zur Hand und verglich seine Züge mit denen ihres Spiegelbildes. Arthur Flanagan, Besitzer eines Diners in einem Bergstädtchen namens Lake Anna, Montana. Er war Koch. Wie passend. Irgendwo musste ihr Talent herkommen, und von ihrer Mutter oder Grandma stammte es mit Sicherheit nicht. Sie hatte noch nie von diesem Ort gehört und im Internet versucht, mehr herauszufinden. Dabei war sie auf der Facebook-Seite der Stadt ziemlich schnell über ein Bild ihres Vaters gestolpert. Eine ältere Version des Mannes, der mit ihrer Mutter auf dem Bootssteg gesessen hatte.
   Er hatte Faye offensichtlich seine roten Locken vererbt. Auf dem alten Foto standen sie in ungebändigten orangeroten Spiralen von seinem Kopf ab, so wie sie es jeden Morgen bei ihr taten. Auf dem aktuelleren Bild, auf dem er vor seinem Diner stand, war die kräftige Farbe dem Grau des Alters gewichen, die Locken hielten sich jedoch beharrlich. Bis auf die Frisur hatte sie ihrer Mutter sehr ähnlich gesehen. Nun wusste sie, woher ihr wilder Haarschopf stammte.
   Faye war sich nicht sicher, was sie tun würde, wenn sie ihrem Vater schließlich gegenüberstand. Bis jetzt hatte sie es vermieden, darüber nachzudenken. Sie hatte Boston verlassen wollen, um das Black Fox und ihre ehemals besten Freunde hinter sich zu lassen. Ihr Rauswurf schmerzte, wenn sie die Gedanken daran zuließ. Also verdrängte sie sie. Alles im Leben hatte einen Grund. Aus jeder Situation konnte sich etwas Positives entwickeln, wenn man es nur zuließ. Sie wollte nicht so verbittert und unzufrieden enden wie ihre Mutter, die sich in den schönsten Momenten des Lebens im Weg gestanden hatte und an der alles Gute abgeprallt war. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die sich unterkriegen ließen.
   Hätte sie gemeinsam mit Marshall und Adam den Kaufvertrag für das Black Fox unterschrieben, wäre sie nicht mit Geno auf den Dachboden gestiegen. Das Foto ihrer Eltern läge immer noch unter einem Stapel alter Zeitungen. Der Rauswurf aus dem Restaurant war ein deutliches Zeichen, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Im Moment konnte sie nicht viel mit sich anfangen, aber sie hatte einen ganzen Haufen Geld übrig, den sie nun nicht mehr für das Black Fox einsetzen musste. Der Zeitpunkt war perfekt, um sich auf die Suche nach ihrem Vater zu machen, und vielleicht half ihr diese Reise dabei, ihrem Leben eine neue Bestimmung zu geben.
   Sie kaufte bei einem etwas windig aussehenden Gebrauchtwagenhändler einen dunkelroten Jeep Patriot, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt hatte, und brach auf in Richtung Westen. Sie kam nur langsam voran, hielt, wo immer es ihr gefiel, kostete Weine, probierte die Spezialitäten jeder Region, durch die sie kam. Sie atmete durch, holte alles nach, wofür sie während ihres Studiums und in den ersten harten Berufsjahren danach keine Zeit gehabt hatte. Ihr Ordner füllte sich mit Ideen für neue Gerichte, Kontaktadressen von Käsereien, Weingütern und Mikrobrauereien. Sie fühlte sich so frei und lebendig wie nie zuvor. Zwei Wochen waren vergangen, seit sie die Bostoner Skyline hinter sich gelassen hatte. Schließlich näherte sie sich unausweichlich ihrem Ziel. Von Missoula aus fuhr sie in das Tal des Thunder Creek. Der Anblick, der sich bot, je weiter das Tal anstieg, überwältigte Faye. Die Straße schlängelte sich schmal und hoch über dem Fluss an einer der Felswände der Schlucht entlang. Das Wasser schoss in reißender Geschwindigkeit und durchsetzt von unzähligen Stromschnellen durch das enge Tal. Hin und wieder blitzten Raftingboote oder die Kajaks todesmutiger Wassersportler auf. An Stellen, an denen das Flussbett ein wenig breiter war und das Wasser ruhiger dahinfloss, hatten sich Fliegenfischer eingerichtet und ließen ihre Angelsehnen unermüdlich durch die Luft sausen.
   Die Blätter der Bäume begannen, sich in einem Kaleidoskop aus Gelb, Orange und Rot zu färben. Sie erinnerten sie an ihre Heimat an der Ostküste, die sie noch nie zuvor verlassen hatte. Doch irgendwann konnte die malerische Landschaft sie nicht mehr davon ablenken, dass sie sich ihrem Ziel unaufhaltsam näherte. Sie erreichte Thunder Creek, ein Bergstädtchen, das etwa eine halbe Stunde von Lake Anna entfernt lag, und fuhr an den Straßenrand. Ihre Hände waren feucht und ihr Herz schlug ein wenig zu schnell für ihren Geschmack.
   Was sollte sie tun, wenn sie ihrem Vater gegenüberstand? Was sollte sie sagen? Sollte sie ihn zunächst anrufen? Sollte sie ihn sich zuerst einmal ansehen? Vielleicht war er ihr überhaupt nicht sympathisch. Über das Internet hatte sie herausgefunden, dass er eine Tochter hatte. Von einer Ehefrau hatte sie nichts gelesen, was aber nichts heißen musste. Sie musste vorsichtig vorgehen, schließlich wollte sie niemanden vor den Kopf stoßen. Das Beste wäre, noch einmal in Ruhe über ihre Situation nachzudenken.
   Anstatt nach Lake Anna weiterzufahren, folgte sie den Hinweisschildern der Hotels und entschied sich schließlich für die Eagle Peek Lodge, einem wunderschönen Ressort mit Blick über das Tal und die Berge. Sie nutzte das Fitnessstudio des Hotels – sie hatte seit über zwei Wochen keinen Sport mehr gemacht, es wurde also höchste Zeit – und ließ sich im Spa verwöhnen. Sie genoss eine Gesichtsbehandlung und eine Massage, ließ ihre geschundenen Kochhände pflegen.
   Nun stand sie in ihrem Zimmer mit den rustikalen Wänden im Blockhausstil und den farbenfrohen Wandteppichen, die sicher von Ureinwohnern gefertigt worden waren. Ihre Finger fuhren über den weichen Quilt, der vermutlich Handarbeit war, und überlegte, wie sie vorgehen sollte. Sie kam einer Entscheidung nicht einen Hauch näher. Sie beschloss, das Nachdenken noch einmal zurückzustellen und sich zunächst um ihren knurrenden Magen zu kümmern. Sie wusste, sie schob die Entscheidung nur auf, aber wenn es etwas gab, wovon sie mehr als genug hatte, dann war es Zeit. Sie würde in der Bar der Lodge einen Drink nehmen und das Essen im Restaurant probieren.
   Sie suchte ein Kleid und ihre Lieblings-High Heels aus ihrem Gepäck. Nur weil sie den größten Teil des Tages in ihrer Kochmontur und rutschfesten Schuhen verbrachte, hieß das nicht, dass sie ein weibliches Outfit nicht zu schätzen wusste. Sie war eine Frau, die Liebe zu einem hübschen Paar Schuhe war genetisch in ihr verankert. Sie schlüpfte in die Kleidung, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, um sie wenigstens etwas zu zähmen und zog die Zimmertür hinter sich ins Schloss.

*

Ryan blieb im Türrahmen der Bar der Eagle Peek Lodge stehen und warf einen Blick in den Raum. Wenn er seinem Leben in Lake Anna entfliehen wollte, kam er hierher. In der Lodge traf er bis auf den Barkeeper selten auf Einheimische. Hier trieben sich nur Touristen, Jäger, Angler und Outdoor-Sportler herum. Niemand nervte ihn. Niemand wollte etwas von ihm. Er konnte einfach in Ruhe ein Bier oder einen Whiskey trinken und genießen, ein anonymer Mensch zu sein. Manchmal traf er auf eine hübsche Frau, die ihm bei einem Essen Gesellschaft leistete – und hin und wieder endete so ein Abend auch in einem der Hotelzimmer. Ryan konnte sich nicht mit den Frauen aus Lake Anna verabreden. Sie würden sofort davon ausgehen, zwei Wochen später einen Heiratsantrag zu erhalten. Janet Weatherly war das beste Beispiel. Er hatte sie einmal, nachdem sie sich wegen ihrer Tochter bei ihm ausheulte, auf einen Drink ins Crazy Bear eingeladen – wider besseren Wissens. Jetzt hatte er sie an der Backe und musste aus der eigenen Stadt flüchten, um einen ruhigen Abend verbringen zu können.
   Die Bar war nur mäßig besucht. An einem der Tische saßen drei Männer, vermutlich Angler und am rechten Ende des Tresens ließen sich zwei weitere Herren ein Bier schmecken. Ihren orangefarbenen Kappen nach waren sie Jäger. Sie schienen nach ihrer Rückkehr aus den Wäldern den direkten Weg an die Tränke gewählt zu haben.
   Ryans Blick glitt nach links und blieb an einer Frau hängen, die allein an der Bar saß und an einem Glas Rotwein nippte. Ihre Kurven waren atemberaubend. Sie hatte etwas von einem Pin-up-Girl der Fünfzigerjahre. Ihr Körper steckte in einem anschmiegsamen schwarzen Kleid. Der hohe Barhocker erlaubte es ihm, ihre übereinandergeschlagenen Beine in den heißen Absatzschuhen in ihrer ganzen Pracht zu bewundern. Die obere Hälfte ihres Rückens war von einer wilden Wolke feuerroter Locken bedeckt, die ein Eigenleben zu haben schienen. Sie wippten, als stünden sie unter Strom. Er bezweifelte die Echtheit dieser Haarfarbe, aber wenn es einer Frau stand, konnte sie von ihm aus auch blaue Haare haben. Das Gesicht der Fremden konnte er im Spiegel hinter der Bar nur verschwommen ausmachen. Trotzdem gefiel ihm, was er sah. Er nickte dem Barkeeper zu und wies mit den Augen in ihre Richtung. Pete, mit dessen älterem Bruder er zur Schule gegangen war, grinste ihn an und hob unauffällig den Daumen. Das Zeichen, dass die Dame allein hier war und er nicht Gefahr lief, sich mit einem Ehemann oder Verlobten auseinandersetzen zu müssen, weil er ihr einen Drink spendierte.
   Er warf einen Blick auf sein Handy. Shane hatte ihm eine Nachricht geschrieben und beschwerte sich über das sklaventreiberische Verhalten seines Onkel Max. Sein Bruder würde seinem Neffen garantiert nicht zu viel der Arbeit, die es auf der Familienranch zu erledigen gab, aufbrummen. Er schrieb Shane, er solle sich nicht wie ein Mädchen aufführen, sonst würde er Max dazu bringen, ihn noch den Pferdestall ausmisten zu lassen. Zufrieden mit seinen pädagogischen Fähigkeiten schaltete er das Handy auf lautlos und schob es in seine Hosentasche. Nichts hob seine Stimmung mehr als eine kleine verbale Keilerei mit seinen Brüdern oder seinem Neffen – höchstens der Anblick einer sexy Frau wie der an der Bar konnte da mithalten.
   Er ging zu ihr hinüber und ließ sich auf den Barhocker neben ihr gleiten. »Hi.«
   Sie wandte sich zu ihm um und lächelte ihn an. »Hi.«
   Einen Moment sagte er nichts, sondern sah sie einfach nur an. Diese Frau war wirklich schön. Volle Lippen, die perfekt zu ihrem Betty Boop-Körper passten. Eine schmale Nase und große Augen von der Farbe eines alten Whiskeys, die von langen, geschwungenen Wimpern beschattet wurden.

*

Was für ein Kerl, war das Erste, was Faye durch den Sinn ging, als sie den Mann im Spiegel hinter der Bar erblickte. Er stand im Türrahmen und tippte eine Nachricht in sein Handy, bevor er es wegsteckte, geradewegs auf sie zukam und sich neben sie setzte. Groß, breitschultrig und blond. Vermutlich war er ein echter Naturbursche. Als er seine Unterarme lässig auf den Tresen legte, schimmerten die blonden Härchen auf der gebräunten Haut wie Gold. Am meisten beeindruckten sie seine Augen. Sie hatten die Farbe von geschmolzener Schokolade und waren von Lachfältchen umringt. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihn anzulächeln. Vorsichtig schielte sie in Richtung seiner Finger. Er trug keinen Ring. Es schien ungefährlich, das zweite Glas Wein zu trinken, auf das er sie einlud. Er stellte sich als Ryan vor. Ein Name, der gut zu ihm passte.
   Sie plauderten über die Lodge, das Wetter und das Tal des Thunder Creek. Ryan schien sich gut auszukennen und nannte ihr ein paar Stellen, an denen man wunderbar angeln oder im Morgengrauen Rehe, Hirsche und Elche auf ihrem Weg zu den Tränken am Fluss beobachten konnte.
   »Sind Sie Jäger oder Angler?«
   Er zwinkerte ihr zu und nahm einen Schluck von seinem Draft. »Beides. Manchmal angele ich. Und hin und wieder begebe ich mich auf die Jagd.«
   Seine Antwort war mehr als zweideutig. Sie musste das wohlige Schaudern unterdrücken, das sich durch ihren Körper zog. Dieser Mann war sexy. Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, die Finger unter sein blaues Hemd zu schieben und über seinen flachen Bauch wandern zu lassen. Seine Lippen waren fest, sein Kinn kantig. Wie er wohl küsste? Sie tippte auf frech und fordernd.
   Er ertappte sie beim Starren und grinste. »Was treibt Sie nach Thunder Creek, Faye? Sie wirken weder wie eine Jägerin noch eine Anglerin. Nicht, dass Sie mit Schlapphut und in Gummistiefeln nicht umwerfend aussehen würden.«
   Sie lachte, während seine großen Hände aus der winzigen Serviette, die er unter ihrem Weinglas hervorzog, eine Blume falteten und in ihr Haar schoben. »Ich will nur ein paar Tage entspannen. Das Spa in diesem Hotel ist einfach wundervoll.« Sie sah keinen Sinn darin, einem völlig Fremden, den sie vermutlich nach diesem Abend nie wiedersah, von ihren verzwickten Familienverhältnissen zu erzählen.
   »Kein schlechter Ort, um zu relaxen.«
   Fayes Magen knurrte und brachte ihn erneut zum Grinsen. »Es gibt hier ein ausgezeichnetes Restaurant. Hätten Sie Lust, mir beim Dinner Gesellschaft zu leisten?«
   Faye zögerte nicht eine Sekunde. Wahrscheinlich war es falsch, mit diesem Adonis zu flirten, anstatt sich Gedanken zu machen, wie sie ihrem Vater gegenübertreten sollte. Aber es war ein angenehmes Gefühl, Ryan tief in die Augen zu sehen und ein bisschen dahinzuschmelzen. »Sehr gern.«
   Er zahlte die Drinks und legte ihr auf dem Weg in das Restaurant der Lodge die Hand in den unteren Rücken, knapp über ihrem Po. Seine Wärme – oder besser: Hitze – strahlte durch den dünnen Stoff ihres Kleides und versengte ihre Haut. Selbst, als sie an einem kleinen Fenstertisch Platz genommen hatten, konnte sie die Stelle, an der er sie berührt hatte, noch spüren.
   Er überredete sie zu einem dritten Glas Wein, und sie nahm es an. Sie würde einen kleinen Schwips bekommen, das wusste sie. Trotzdem wusste sie noch genau, was sie tat. Dieses Dinner schien eindeutig auf etwas wesentlich sinnlicheres als Essen hinauszulaufen. Sie musste sich zusammenreißen. Seit wann reagierte sie so auf einen Mann? Okay, sie hatte seit einer ganzen Weile weder eine Beziehung gehabt noch ein Abenteuer genossen. Ihr Leben hatte sich ausschließlich um das Black Fox gedreht. Wenn sie ehrlich war, trauerte sie der Fast-Verabredung mit dem Architekten ein kleines bisschen nach. Geno Coleman konnte diesem Mann allerdings nicht das Wasser reichen. Eine solche Anziehung hatte sie noch nie erlebt. Die Situation war neu, aber spannend. Sie genoss es, umgarnt zu werden, der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit dieses Fremden zu sein.
   Irgendwie schaffte Ryan es, das Gespräch locker dahinfließen zu lassen, während sich ihr Hirn zunehmend in Matsch verwandelte. Sie beschäftigte sich immer intensiver mit dem Gedanken, wie sich sein Mund auf ihrem anfühlen würde. Wie wäre es, ihn zu küssen? Bargen seine Lippen die gleiche Hitze wie die Hand, die er ihr vorhin auf den Rücken gelegt hatte?
   Er bestellte Crème brulée als Dessert und sah ihr dabei zu, wie sie mit dem Löffel durch die Kruste brach und kostete. Die Geschmacksexplosion aus Vanille und Karamell ließe sie die Augen schließen. Als sie sie wieder öffnete, blickte sie in Ryans. Er fixierte sie wie die Schlange das Kaninchen.
   »Du hast da was.« Seine Stimme klang ein wenig heiser. Er fuhr mit dem Daumen über ihren Mundwinkel, wischte einen winzigen Klecks Creme weg und leckte ihn, ohne den Blick von ihrem zu lösen, von seinem Finger.
   Faye schluckte. Ihr Herz raste. Das war verrückt. Sie war verrückt. Verrückt nach diesem Mann. Sollte sie es wagen? Ja, sie verdiente dieses Kribbeln im Bauch. »Wie lange bist du hier?«, platzte sie heraus.
   Er runzelte die Stirn, so als ob er ein Problem mit dieser Frage hatte. Dann fuhr er mit dem Zeigefinger über ihren Handrücken und verursachte ihr eine Gänsehaut. Er wusste offenbar genau, wie man eine Frau verführte. »Nur heute Nacht«, erwiderte er schließlich.
   Er war nur für eine Nacht hier. Sie ebenfalls. Sie waren Fremde und würden sich nie wiedersehen. Sie wollte diese Nacht, wollte genießen, was er ihr zu bieten hatte, ohne sich danach umzudrehen und zurückzusehen. Morgen früh war dieser Abend Geschichte. Sie würde sich wieder auf die wesentlichen Dinge in ihrem Leben konzentrieren. Faye biss sich auf die Unterlippe und nahm all ihren Mut zusammen. So etwas wie das hier hatte sie noch nie getan. Sie beugte sich vor, bis sich ihre Lippen fast berührten. »Perfekt«, murmelte sie. »Ich stelle mir schon die ganze Zeit vor, wie es wäre, dich zu küssen.« War sie zu dreist? Zu direkt?
   Die Lachfältchen um seine Augen vertieften sich. »Ich weiß. Deine Blicke lassen sich ziemlich leicht lesen.«
   »Ach ja?« Immer noch waren sie nur Zentimeter voneinander entfernt.
   »Hm«, gab er zurück und hinterließ ein Vibrieren in ihrem Magen.
   Faye hob den Blick und sah ihm in die Augen. Sie überwand die letzte Distanz und küsste ihn. O Gott, war alles, was ihr durch den Kopf schoss, als sich ihre Lippen trafen.

*

O Gott, war alles, was Ryan dachte, als sich ihre Lippen trafen. Diese Frau war der blanke Wahnsinn. Er hatte sie sexy gefunden, wie sie am Tresen gesessen hatte. Es war nett gewesen, mit ihr zu plaudern. Sie war intelligent und fröhlich – und sie hatte immer wieder auf seinen Mund gestarrt, so als könnte sie ihn hypnotisieren und dazu bringen, sie zu küssen.
   Er hatte vorgehabt, ihrem unausgesprochenen Wunsch nachzukommen. Nach dem Dinner. Er wollte die erotische Spannung, die zwischen ihnen knisterte, noch ein wenig auskosten. Faye war eine tolle Frau mit einer sinnlichen Ausstrahlung. Am faszinierendsten fand er die Art, wie sie ihr Essen genoss. Sie schnitt von allem kleine Stücke ab, von den Kartoffeln, dem Fisch, dem Gemüse auf ihrem Teller. Dann hielt sie die Gabel kurz unter die Nase, inhalierte den Duft und kaute bedächtig mit geschlossenen Augen. Sie machte das unbewusst, nicht, um ihn scharfzumachen. In ihrer Natürlichkeit war sie purer Sex. Wenn sie die Lider auch so senkte, wenn sie im Bett unter ihm lag … Sein Hals war plötzlich wie ausgetrocknet. Er trank einen Schluck und versuchte, sich zu konzentrieren. Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal so intensiv auf eine Frau reagiert zu haben.
   An Faye war alles anders. Sie duftete noch nicht einmal wie andere Frauen. Nichts erinnerte an die blumigen Parfums, die er kannte. Sie roch exotisch. Nach Kräutern. Irgendwie herb, aber erregend.
   Er gab sich große Mühe, sich zu beherrschen, doch dann hatte sie diesen kleinen Klecks Crème brulée am Mundwinkel, und er konnte nicht widerstehen. Ihre Augen weiteten sich, als er die Creme wegwischte und seinen Daumen ableckte.
   Und dann hätte sie es mit ihrer Frage fast versaut. Warum wollte sie wissen, wie lange er hier blieb? War ihr nicht klar, dass das ein One-Night-Stand werden würde, wenn sie sich auf ihn einließ? Er dachte darüber nach, doch dann küsste sie ihn. O Gott.
   Sie öffnete ihre Lippen, und er nutzte die Chance, tastete sich vor, erkundete sie. Ihr Geruch nach frischen Kräutern mischte sich mit dem Geschmack des Rotweins und der Crème brulée. Er ließ seine linke Hand in ihre wilden Haare fahren und zerdrückte die Papierblume, die er für sie gefaltet hatte. Mit der Rechten glitt er über ihren seidigen Hals.
   Sie erwiderte den Kuss mit ungebremster Leidenschaft, und er ließ seine Hand weiter nach unten wandern, strich über ihr Dekolleté.
   »Sie sollten sich ein Zimmer nehmen«, ging es ihm durch den Kopf, oder – verdammt, das war keiner seiner Gedanken gewesen, sondern die Worte der Kellnerin, die mit der Rechnung vor ihnen stand. Sie hatte recht. Er löste sich von Faye. »Moment.« Er hob die Hüften ein wenig, um seinen Geldbeutel aus der Gesäßtasche zu ziehen.
   »Lass.« Sie hielt seine Hand fest. »Setzen Sie es auf Zimmer 18.«
   »Sehr wohl.« Die Kellnerin warf ihnen noch einen scharfen Blick zu und verschwand.
   »Das geht nicht«, protestierte Ryan. »Ich übernehme die Rechnung.«
   Sie sah ihm in die Augen. Wieder war ihr Mund ihm so nah. »So geht es schneller.« Ihre Wangen waren wundervoll gerötet. »Wenn du möchtest, zeig ich dir mein Zimmer. Es ist sehr hübsch eingerichtet.«
   »Wirklich?« Er ließ den Zeigefinger am wild hämmernden Puls an ihrem Hals liegen. »Wie ist das Bett?«
   »Das ist besonders hübsch. Die Tagesdecke ist vermutlich Handarbeit. Die Kissen passen dazu und sind sehr wei…«
   Er unterbrach sie mit einem harten Kuss. Sie wollte spielen? Wunderbar. Er liebte Spielchen. »Zeig mir das Bett, und ich zeige dir, was man mit so einer Tagesdecke alles anstellen kann.«
   »Gern.« Sie stand auf und ging vor ihm her zu ihrem Zimmer. Ihre Hüften wippten bei jedem Schritt, den sie in diesen heißen Riemchen-High Heels machte. Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, würde er ihr das Kleid ausziehen und sie dazu bringen, diese Schuhe anzubehalten, während sie in ihrem Bett ein kleines Feuerwerk zünden würden.

Kapitel 3

Ryan stahl sich aus Fayes Zimmer, bevor die Sonne aufging. Während er seine Kleider zusammensuchte, zuckte kein Muskel an ihrem Körper. Sie schlief wie ein Stein, auf dem Bauch, die Decke bis zur Taille hinuntergerutscht. Er nahm sich noch einen Moment, um die schön geschwungene Linie ihres Rückens zu bewundern. Ihr Gesicht war von ihm abgewandt. Er strich ein letztes Mal über ihre wilden roten Locken.
   Die Hand auf dem Türknauf zögerte er einen Moment. Sollte er ihr seine Handynummer hinterlassen? Er kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenwurzel. Woher kam dieser Gedanke? Sie waren unter der Voraussetzung, dass es sich um eine einzige Nacht handelte, auf Fayes Zimmer gegangen. Er würde die Spielregeln nicht im Nachhinein ändern, auch wenn es ihm erstaunlich schwerfiel, einfach so zu gehen.
   Blödsinn.
   Er öffnete die Tür, warf einen letzten Blick auf die schlafende Schönheit und zog sie leise, aber entschlossen, hinter sich ins Schloss. Es machte keinen Sinn, den Kontakt zu ihr zu halten. Sie würde dahin zurückkehren, woher sie kam. In irgendeinen New England Staat an der Ostküste, so wie sie klang. Er wusste nicht einmal, ob sie dort vielleicht eine Beziehung oder gar einen Ehemann hatte. Es war besser, sich an eine außergewöhnliche Nacht zu erinnern und das Ganze abzuhaken.
   Ryan beschloss, nicht zur Bennett-Ranch hinauszufahren und mit seiner Familie zu frühstücken. Er würde in seinem Apartment über der Polizeiwache duschen, ein paar Pop Tarts in den Toaster schieben und sich später in Art’s Diner ein zweites Frühstück gönnen.

Zehn Minuten vor Dienstbeginn betrat er das Sheriffbüro. Linda Mae telefonierte bereits. Sie winkte ihm und kritzelte mit dem Kugelschreiber geometrische Formen auf ihren Notizblock. »Sicher … natürlich. Wir werden uns sofort darum kümmern … Sie haben alles richtig gemacht.« Sie rollte mit den Augen. »Ich gebe die Information sofort weiter … selbstverständlich … Der Sheriff wird sich sicher persönlich darum kümmern … Nein, das überlassen wir keinem unerfahrenen Deputy … Das wünsche ich Ihnen auch. Bye.« Sie legte auf und seufzte.
   Ryan zog die Augenbrauen nach oben. »Schwerer Fall?«
   »Nelly Sneyder. Sie hat an der Staatsstraße, etwa drei Meilen außerhalb der Stadt, einen Hund gesehen, der an der Leitplanke angebunden war. Anhalten wollte sie nicht. Es hätte eine Falle sein und jemand nur darauf warten können, dass sie anhält, damit er sie ausrauben oder vergewaltigen kann.«
   »Vergewaltigen?« Ryan konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Nelly war dreiundachtzig Jahre alt. Die Chance eines sexuellen Übergriffs war verhältnismäßig gering. »Was hat sie um diese Uhrzeit überhaupt da draußen zu suchen?«
   »Sie ist auf dem Weg in die Berge, um Kräuter zu sammeln. Ist immer noch nicht von diesem Hexentrip heruntergekommen.«
   »Und in den Bergen hat sie keine Angst, überfallen zu werden?«
   »Sagen Sie das nicht zu laut, Sheriff. Sonst verlangt sie noch Personenschutz beim Brennnesselsammeln oder was immer sie da oben treibt.«
   »Ich kümmere mich gleich darum. Wie war die Nacht?«
   »Deputy Henderson hat sich schon gemeldet. Alles ruhig. Keine besonderen Vorkommnisse.«
   »Wunderbar.« Ryan nahm die Schlüssel seines Dienstwagens vom Brett. »Wenn Harry kommt, sagen Sie ihm, er soll die Zäune von Graves Weide noch einmal abfahren. Mir brechen diese Rinder in letzter Zeit ein wenig zu oft aus.«
   »Wird erledigt, Sheriff.«
   Als Ryan an diesem Morgen von Thunder Creek nach Lake Anna gefahren war, hatte er keinen angebundenen Hund gesehen. Das konnte er Linda Mae, der Klatschzentrale der Stadt, natürlich nicht erzählen. Innerhalb von Minuten würde sich herumsprechen, dass er die Nacht nicht in seinem eigenen Bett verbracht hatte. Zumindest bedeutete das, der Hund war noch nicht allzu lange ausgesetzt.
   Er fuhr hinaus und fand den Welpen am gegenüberliegenden Straßenrand. Er wendete und hielt den Wagen hinter dem Tier an. Ängstlich kauerte der kleine Kerl im hohen Gras, duckte sich, soweit es das kurze Seil, mit dem er angebunden war, zuließ.
   »Hey, Kleiner. Du brauchst keine Angst zu haben«, redete er beruhigend auf den Welpen ein. Er kauerte sich vor den Hund und strich ihm mit langsamen, gleichmäßigen Bewegungen über den Kopf. Vorsichtig hob das Tier seine Schnauze und sah ihn aus dunklen, seelenvollen Augen an. »Na, komm. Ich bring dich zu einem echt netten Typen, der sich um dich kümmern wird. Wenn du ihm allerdings verrätst, ich hätte gesagt, er wäre nett, beiß ich dir ins Ohr. Haben wir uns verstanden?«
   Der Welpe deutete ein Schwanzwedeln an. Langsam, um ihn nicht zu erschrecken, knotete Ryan das Seil von der Leitplanke. Er wollte gerade aufstehen und den Hund zu seinem Fahrzeug führen, als ein Wagen mit überhöhter Geschwindigkeit um die Kurve schoss. Der Fahrer erkannte den Streifenwagen zu spät und wich mit quietschenden Reifen aus. Erschrocken sprang der Welpe in seinen Schoß. Ganz so klein war das Tier überhaupt nicht, wenn es nicht zusammengekauert im hohen Gras hockte. Der unerwartete Sprung brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Er kippte mitsamt Hund in den Straßengraben. Den Welpen schien das zu amüsieren, denn jetzt wedelte er richtig mit dem Schwanz und leckte Ryan mit seiner, für ein Hundebaby wirklich riesigen, Zunge einmal quer über das Gesicht. Von dem Raser sah er nicht viel, bevor er um die nächste Kurve verschwand. Dunkelroter SUV war alles, was ihm auffiel.
   »Du bist mir vielleicht einer.« Bevor der kleine Kerl ihn noch einmal mit seiner Monsterzunge erwischte, hob er ihn hoch und rappelte sich auf. Er setzte den Hund auf den Rücksitz des Streifenwagens. Er würde ihn in der Tierarztpraxis seines Bruders abgeben und sich auf die Suche nach dem Raser machen, und ihn sich ordentlich vorknöpfen. Ein Vorteil Lake Annas war, dass die Stadt eine Sackgasse war. Wenn jemand in Richtung des Ortes fuhr, fand er ihn dort auch irgendwo.
   Er überprüfte ein letztes Mal den Straßengraben. Keine Hinweise auf die Personen, die den kleinen Hund ausgesetzt hatten. Als er die Fahrertür öffnete, sah ihn der Welpe mit hingebungsvollem Blick an – vom Beifahrersitz aus. »Hatte ich dir nicht einen anderen Platz zugeteilt?«
   Der Hund wedelte mit dem Schwanz und stemmte seine Vorderpfoten gegen das Armaturenbrett, um einen besseren Ausblick zu haben.
   »Also gut, was solls. Ein Platz ist so gut wie der andere.« Ryan seufzte und schüttelte den Kopf. »Und hör auf, mit einem Hund zu reden«, wies er sich zurecht. Er setzte sich hinters Steuer und kutschierte seinen Gast in die Stadt.

Die Tierarztpraxis, die sein Zwillingsbruder gemeinsam mit seinem ehemaligen Mentor und zwischenzeitlichen Partner, Allan Jacobs, betrieb, lag in der Bearstreet. Wenn sich Ryan richtig erinnerte, war heute einer von Allans freien Tagen, sodass er seinen Bruder allein antreffen würde. Er klemmte sich den Hund unter den Arm und marschierte in die Praxis. Der Warteraum war leer. »Josh, wo steckst du?«
   Josh steckte den Kopf aus seinem Behandlungszimmer und grinste. »Brüderchen! Wenn das keine Zwillingstelepathie ist. Ich wollte dich gerade anrufen.«
   »Um was gehts? Ist mit Shane alles in Ordnung?«
   »Alles klar. Ich wollte nur wissen, wo du gesteckt hast. Ich bin gestern Abend bei dir vorbeigefahren, um dich zu einem Bier im Crazy Bear zu überreden. Du warst nicht da. Wo hast du dich herumgetrieben? Gibt es etwas, dass ich wissen müsste?«
   Um es wie ein Tratschweib an den Rest der Familie weiterzuerzählen? »Wo ich war, geht dich so viel an wie …«
   »Ah, also ist es eine Frau. Eine, die wir kennen?«
   »Das tut mir jetzt so leid wie möglich, aber ich werde deine Frage nicht beantworten. Falls du dich dunkel erinnerst, kenne ich mich mit Vernehmungstaktiken bestens aus und wittere eine Falle, bevor du überhaupt eine stellen kannst.«
   »Hm.« Josh trank einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse auf seinen Schreibtisch. »Jemand aus Lake Anna?«, überlegte er, ohne auf Ryans Äußerung einzugehen. »Nee, kann ich mir nicht vorstellen. Es sei denn, es ist Janet Weatherly. Sie soll ja neuerdings ganz heiß auf dich sein. Ich hab gehört, sie will aus dir Ehemann Nummer drei machen.«
   »Du lauschst zu viel an den falschen Stellen. Ich bin wegen des kleinen Kerls hier. Hab seine Leine gerade von der Leitplanke an der Staatsstraße geknotet. Er dürfte allerdings noch nicht lange dort gesessen haben.« Angesichts der Neugier seines Bruders, die Linda Maes in nichts nachstand, unterließ er es, das Zeitfenster für das Aussetzen des Hundes einzugrenzen. »Sieh ihn dir mal an.«
   »Natürlich. Komm her, Schätzchen.« Josh nahm ihm den Hund ab und setzte ihn auf den Untersuchungstisch. Der Welpe sah Ryan mit panischem Hundeblick an.
   »Ist gut, Kleiner.« Ryan strich ihm über den Kopf. »Der Typ ist hässlich und nicht besonders klug, aber er tut dir nichts.«
   Josh rammte ihn den Ellenbogen in die Rippen und grinste. »Hör auf, mir ins Genick zu atmen, kleiner Bruder.«
   Ryan ließ sich auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch fallen, schnappte sich Joshs Kaffeebecher und sah ihm zu, wie er den Welpen gründlich unter die Lupe nahm.
   Sie waren eineiige Zwillinge. Als Kinder hatten sie eine Menge Leute zum Narren gehalten. Inzwischen konnte man sie ganz gut unterscheiden, weil Joshs Haare immer einen Tick zu lang waren, sodass sie lockig über seinen Kragen fielen, während er selbst es als äußerst pflegeleicht und praktisch empfand, sie so kurz wie möglich zu tragen. Außerdem konnte man zwar nicht behaupten, Josh hätte keine Muskeln, aber er war eher der schlaksige Typ. Ryan hielt seinen Körper mit jeder Menge Training in Form.
   Josh legte ein Datenblatt für den Hund an. »Irgendwelche Hinweise darauf, wer ihn ausgesetzt hat?«
   »Nein. Ich gehe nicht davon aus, denjenigen zu finden.«
   Josh strich dem Kleinen über den Kopf. »Jetzt bist du in guten Händen. Hast du ihm schon einen Namen gegeben?«
   »Wie soll ich ihm denn einen Namen geben? Ich weiß doch nicht einmal, ob es ein Weibchen oder Männchen ist.«
   »Ein Männchen. Schäferhundmischling, circa vierzehn Wochen alt. Kerngesund, trotz des Aussetzens. Er wurde zuvor offenbar gut versorgt. Wie du an seinen etwas überdimensionalen Pfoten sehen kannst, wird er wahrscheinlich groß. Sehr groß. Reicht dir das an Basisinformationen, um ihm einen Namen zu geben, Sheriff? Oder soll ich beim FBI anfragen, ob sie so nett wären, ein psychologisches Profil des Hundes zu erstellen?«
   »Ich dachte, das ist Aufgabe der Leute im Tierheim.«
   »Du kannst ihn nicht ins Tierheim bringen.«
   »Natürlich fahr ich ihn dort hin. Was soll ich sonst mit ihm machen?«
   »Das Tierheim ist völlig überfüllt. Bei Tieren, die sie nicht vermitteln können, denken sie bereits darüber nach, sie einzuschläfern.«
   Der Hund jaulte, als ob er Josh verstand.
   »Aber er ist ein Welpe. Die finden schon jemanden, der ihn nimmt. Er ist niedlich und so.«
   Josh schüttelte den Kopf. »Vergiss es. Vor drei Monaten wurde zum letzten Mal ein Hund vermittelt. Die Leute leiden unter der wirtschaftlichen Lage und holen sich keine Tiere ins Haus, die zusätzliches Geld kosten.«
   Ryan trank den Kaffee seines Bruders aus. »Dann nimmst du ihn eben.«
   »Kommt überhaupt nicht infrage. Wir haben bereits zwei Hunde, falls du das vergessen haben solltest. Seit Alex’ Lieblingsstiefel einer von Wolverines Heißhungerattacken zum Opfer gefallen ist, ist sie nicht mehr gut auf Welpen zu sprechen.«
   Verdammt, er hatte Angelo, die Promenadenmischung von Joshs Frau und Wolverine, den Labrador seines Neffen vergessen. »Egal, dann kommt er eben auf die Ranch.«
   Josh lachte. »Max beißt dir den Kopf ab, wenn du das Vieh anschleppst. Der Kater, den er Allie geschenkt hat, richtet mehr Schaden an als Angelo und Wolverine zusammen. Bei ihm wirst du den Hund nicht los.«
   »Was soll ich sonst mit ihm machen?«
   »Behalte ihn.«
   »Behalten? Spinnst du? Ich bin Polizist.«
   Josh verschränkte die Arme vor der Brust. »Dann mach einen Diensthund aus ihm.«
   Ryan warf einen Blick auf den Hund. Das rechte Ohr war umgeklappt, die riesige Zunge hing ihm seitlich aus der Schnauze. Er schien ihn anzugrinsen. Besonders intelligent sah er allerdings nicht aus. »Du bist ja so witzig, Bruder.«
   Bevor ihr Gespräch in Streit ausarten konnte, erklang Thriller von Michael Jackson, Joshs Klingelton für Anrufe ihres Neffen Shane. Er tastete seine Hosentaschen ab, sah auf dem Schreibtisch nach und fand es schließlich in der Tasche seines Parkas. Während er suchte, legte der Hund den Kopf schief, und begann inbrünstig, das Lied mitzuheulen. Erst, als Josh das Gespräch annahm, hörte er auf – und grinste Ryan wieder an.
   Josh gab ein paar kurze Jas und Okays von sich – nichts, woraus Ryan schlau wurde – und legte auf.
   »Was ist los?« Ein Anruf von Shane versetzte ihn automatisch in Alarmbereitschaft.
   »Es fallen zwei Stunden aus, und er geht nach der Schule mit zu Ben.« Josh tippte auf seinem Handy herum, während er sprach, und sah schließlich mit einem Grinsen auf. »Magst du das?«, fragte er den Hund und ließ noch einmal Thriller laufen. Voller Begeisterung stimmte der Welpe ein. Josh lachte lauthals, als er das Lied wegdrückte. Er beugte sich zu dem Hund hinunter und kraulte ihn hinter den Ohren. »Gutes Lied. Das gefällt dir, hm.« Zur Antwort schleckte ihm das Tier einmal quer über das Gesicht.
   Josh richtete sich wieder auf und wischte sich die Hundespucke von der Wange. »Siehst du? So einfach findet man einen Namen. Er mag Michael, also kannst du ihn Jackson nennen. Das ist ein guter Name, mein Junge. Ist das dein neuer Name? Ja?«
   Der Welpe schien offensichtlich einverstanden. Er ließ sich auf dem Untersuchungstisch wie ein nasser Sack auf den Rücken fallen und präsentierte seinen Bauch. Josh rieb über das weiche Fell, und der kleine Kerl fiepte vor Ekstase.
   Ryan kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenwurzel. Wenn das so weiterging, hätte er innerhalb kürzester Zeit Kopfschmerzen. »Ich muss los.« Wenn er sich verdrückte, kam er ohne den Hund davon. Sein Bruder würde schon jemanden finden, der sich um ihn kümmerte. Er war bereits aufgestanden und hatte zwei Schritte Richtung Tür gemacht, als Josh ihn mit einem Blick fixierte, den er normalerweise für Shane reserviert hatte, wenn der irgendetwas ausheckte.
   »Vergiss es.« Josh hob den Welpen auf und drückte ihn ihm in den Arm. »Telepathische Zwillingsverbindung. Ich weiß ganz genau, was du denkst. Dein Hund. Dein Problem.«

*

Josh lehnte sich in den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Bruder war sauer. Er konnte die roten Wellen, die um ihn herum pulsierten, regelrecht sehen. Ryan packte den Hund auf den Beifahrersitz und startete den Wagen. Jackson stellte die Vorderpfoten auf das Armaturenbrett, um besser sehen zu können.
   Josh musste grinsen. »Gut machst du das, Kleiner«, murmelte er. Der Welpe würde Ryan in den Wahnsinn treiben. Aber das musste sein. Natürlich hätte er den Hund ins Tierheim bringen können. Genauso gut hätte er jemanden gefunden, der sich um ihn kümmert, doch das wollte er nicht. Ryan sollte sich mit dem Vierbeiner auseinandersetzen. Die Bennetts waren eine verkorkste Familie, jeder auf seine Weise. Ryan war immer der zurückhaltende gewesen. Er spielte den Clown. Ein wahrer Scherzkeks. Er übernahm Verantwortung im Job, für die Familie. Für Shane. Er kümmerte sich, aber er war emotional unerreichbar.
   Max und Josh hatten es auch viele Jahre lang vorgezogen, ihre Gefühle für sich zu behalten oder gar nicht erst zuzulassen. Schlussendlich hatte das bei ihnen beiden fast dazu geführt, dass sie die Frauen, die sie liebten, für immer verloren hätten.
   Ryan hatte noch nicht einmal eine Beziehung in Aussicht. Er vergnügte sich offensichtlich nach wie vor mit Touristinnen in Thunder Creek. Er wusste nicht, was es bedeutete, zu lieben und wiedergeliebt zu werden. So wie sie groß geworden waren, war das kein Wunder. Josh war so dankbar, Alex gefunden zu haben. Sie war seine Ergänzung, sein fehlendes Puzzlestück. Alex vervollständigte ihn. Er wünschte sich für seinen Bruder das Gleiche. Ryan sollte ebenso glücklich werden wie Alex und er, und wie es vermutlich auch Max und Sara miteinander waren.
   Was sein Bruder in der Zeit, in der er als Detective in Billings arbeitete, getrieben hatte, wusste Josh nicht. Er sprach nicht darüber. Die Zeit dort hatte allerdings nicht unbedingt dazu beigetragen, ihn zugänglicher zu machen.
   Josh kannte Ryans Masche genau. Wenn sein Bruder etwas ausblenden wollte oder ihm irgendetwas nicht passte, knipste er sein Tausend-Watt-Lächeln an und ging zum nächsten Thema über. Weil er umgänglich und charmant war – immerhin als einziger der drei Brüder –, ließen ihn die meisten damit durchkommen. Aber Josh hatte entschieden, dass ab sofort Schluss damit war. Er würde seinem Bruder auf die Pelle rücken und ihm die Augen öffnen. Ob er wollte, oder nicht.
   Jackson würde ihm dabei helfen. Einem hübschen Kerl wie ihm würde Ryan auf Dauer nicht widerstehen können. Wenn das Tier erst einmal einen Platz in seinem Herzen erobert hatte und diese Tür offen stand, wäre es nicht mehr schwer, eine Frau darin zu platzieren.
   Zufrieden verließ Josh seinen Beobachtungsposten. Er würde sich einen neuen Kaffee kochen und seine frisch angetraute Frau anrufen, bevor der Sturm auf die Praxis begann.

Kapitel 4

Das leise Klicken der ins Schloss fallenden Tür weckte Faye. Sie streckte sich genüsslich. Ihr One-Night-Stand – Ryan – war gegangen. Gott sei Dank. Nicht, dass die Nacht nicht fantastisch gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Sie würde sie mit Sicherheit noch lange in Erinnerung behalten. Fast war es ein wenig schade, dass die Erfahrung auf diese wenigen Stunden beschränkt bleiben würde. Trotzdem war es besser, allein zu sein. Der Moment, in dem man neben einem Fremden aufwachte, war einfach zu unangenehm.
   Sie strampelte die Decke zur Seite und stand auf. Auf dem Laufband im Fitnessstudio verbrannte sie ein wenig der nervösen Energie, die immer noch, oder schon wieder, in ihr brodelte. So früh am Morgen war sie allein hier. Niemand lenkte sie ab. Der Fernseher an der Wand war leise auf CNN eingestellt. Sie hatte jede Menge Zeit, ihre aktuelle Lage zu überdenken.
   Nach dem Sport duschte sie und genehmigte sich ein kleines Frühstück. Mit dem letzten Schluck aus ihrem Kaffeebecher traf sie ihre Entscheidung. Sie würde es halten wie in der vergangenen Nacht. Sie würde sich in das Abenteuer stürzen und sehen, was passierte. Sie würde nach Lake Anna fahren, in Art’s Diner gehen. Sie würde wissen, was sie tun musste, wenn sie dort war. Würde spüren, wie sie reagieren musste. Ihr Vater würde sie vielleicht erkennen. Vielleicht auch nicht. Möglicherweise wusste er von ihr, wahrscheinlich aber eher nicht. Sie würde es erfahren. Erst dann würde sie überlegen, wie es weiterging.
   Sie dachte darüber nach, was man zum ersten Treffen mit seinem Vater trug. Nicht zu überkandidelt. Sie entschied sich für Jeans, T-Shirt, einen Hoodie und Sneaker. Ihr Haar ließ sie offen.
   Trotz ihrer Entschlossenheit ließ sich ihre Nervosität nicht ganz verdrängen. Ihr Fuß trat das Gaspedal ein wenig zu fest durch. Sie schoss über die enge Straße, die sich am schroffen Ufer des Thunder Creek entlangschlängelte, immer weiter das Tal hinauf. Nur noch drei Meilen. Sie nahm die nächste Kurve zügig und bemerkte im letzten Moment den Polizeiwagen, der am Straßenrand stand. Sie trat auf die Bremse und wich dem Hindernis aus. Um Haaresbreite. Verdammt. Ihr Herz raste vor Schreck. Hatte sich ein Officer hier aufgestellt, um sie mit einer Radarpistole aus dem Verkehr zu ziehen? Sie sah in den Rückspiegel, konnte aber keinen Polizisten sehen. In gemäßigterem Tempo nahm sie die nächste Kurve. Nur noch zweieinhalb Meilen bis Lake Anna. Ihr Herzschlag beschleunigte noch ein wenig.
   Faye wusste nicht, was sie von der Stadt erwarten sollte. Art’s Diner, ein Bed & Breakfast namens Lake View Inn und das Crazy Bear, die örtliche Bar, hatten Facebook-Auftritte. Es gab eine offizielle Homepage der Stadt, und sie hatte beim Recherchieren herausgefunden, dass hier ein ehemaliges Topmodel und ein Ex-Footballprofi lebten. Lake Anna war auf Tourismus ausgerichtet, auf Jäger, Angler und Wanderer, die den Nationalpark erkunden wollten. Outdoor-Sportler taten alle möglichen verrückten Dinge, und im Winter wurde das Tal zu einem Paradies für Skifahrer.
   Sie hatte sich die Bilder angesehen, versucht, einen Eindruck zu bekommen. Niemals hätte sie sich vorstellen können, wie das Bergstädtchen in der Realität auf sie wirken würde.
   Sie parkte an der Uferpromenade des Sees und blieb einen Moment im Auto sitzen. Von hier konnte sie den Steg sehen, auf dem das Bild ihrer Eltern geschossen wurde, das sie auf dem Dachboden gefunden hatte. Sie ließ den Blick über die glatte, dunkle Fläche des Lake Anna gleiten. Die Berge, die sie auf der Fahrt hierher begleitet hatten, erhoben sich hinter dem Wasser majestätisch in den Himmel. Die Gipfel waren schneebedeckt. Hinter den Wänden aus Stein färbte sich der Himmel in einem zarten Fliederton. Bald würde die Sonne aufgehen. Wie dieser Flecken Erde wohl im Tageslicht aussah? Sie stieg aus und ging am See entlang die kurze Strecke zu Art’s Diner. Im dämmrigen Licht des anbrechenden Tages waren die großen Fenster hell erleuchtet. Vereinzelte frühe Gäste saßen am Tresen und in zwei der Sitznischen. Ihr Herz klopfte laut und schnell, als sie an die Tür des Restaurants trat. Ihre Hände wurden feucht. Sie wischte sie an ihren Jeans ab und zögerte kurz. In Augenhöhe war mit Klebeband ein handgeschriebenes Schild an der Tür angebracht. Koch gesucht.
   Ihre Knie wurden weich.
   Koch gesucht?
   Faye atmete einmal tief durch und stieß die Tür auf. Der Duft nach Speck und Kaffee, gemischt mit dem Geruch frisch gebackener Muffins, schlug ihr entgegen. Einen Augenblick lang ließ sie das Lokal auf sich wirken. Es ähnelte vielen Diners, die sie in ihrem Leben gesehen hatte. Alles erinnerte an die Fünfzigerjahre, Bodenfliesen im Schachbrettmuster, Sitznischen aus rotem Kunstleder, Resopaltische. Die linke Seite des Raumes wurde von einem langen Tresen aus dunklem Holz beherrscht. Davor reihten sich verchromte Barhocker mit Sitzflächen im gleichen Rot wie die in den Nischen auf. Hinter dem Tresen war die Wand nur hüfthoch und wurde darüber von einer halbhohen Glasscheibe ergänzt, die den Blick in die Küche des Diners freigab. Und dort stand er – ihr Vater.
   Er spähte über die Glasscheibe und starrte sie einen Moment lang an. Dann runzelte er die Stirn und erhob seine Stimme zu einem Brüllen, das so vielen Küchenchefs dieser Welt zu eigen war. »Mach die Tür zu, Mädchen. Wir heizen hier nicht das Tal.«
   Arthur Flanagan. Groß, stämmig, graue drahtige Locken. Seine Gesichtsfarbe schien der Beweis, dass er sich gern und oft in der freien Natur aufhielt, wenn er nicht gerade in der Küche seines Diners stand. Es war vom Wetter gegerbt und von Falten durchzogen.
   Er erkannte sie nicht, dessen war sich Faye sicher. Aber er suchte einen Koch. War das der Wink des Schicksals, auf den sie gewartet hatte? Sie könnte als Köchin anfangen und ihn kennenlernen. Das war nicht ehrlich, aber es gab ihr die Chance, in seiner Nähe zu sein. So konnte sie in Ruhe überlegen, wie sie ihm beibrachte, dass sie seine Tochter war. Wenn er kein guter Mensch war, konnte sie verschwinden, ohne ihn je in ihr Geheimnis einzuweihen. Sie räusperte sich. »An der Tür steht, Sie suchen einen Koch.«
   Art musterte sie durch die Glasscheibe von oben bis unten und zog die Augenbrauen hoch. »Du kannst kochen, Mädchen?«, blieb er bei dem in der Küche üblichen Du.
   »So sagten meine Lehrer in der Culinary School.«
   »Culinary School? Heiliger Himmel. Schon mal in einem Diner gekocht?«
   »Nein, Sir.«
   Er seufzte. »Ich kenne euch. Geht auf eine hübsche Schule und glaubt, als Sterneköche zu enden. Dabei seid ihr nicht besser als der Rest von uns. Na komm.« Er trat durch die Schwingtür, die Restaurant und Küche trennte. »Ich darf wohl im Moment nicht wählerisch sein. Ich bin Art.«
   »Faye Harper.« Sie gab ihrem Vater die Hand. Wieder wurden ihre Knie weich. In ihren Ohren rauschte das Blut. Sie musste sich zusammenreißen, um nichts von dem, was er zu ihr sagte, zu versäumen.
   »Wir haben von halb sieben morgens bis neun Uhr abends geöffnet und arbeiten in zwei Schichten, die sich mittags überschneiden. Die Frühschicht beginnt um sechs Uhr und endet um zwei. Die Spätschicht dauert von halb zwölf bis wir schließen. Ich habe ein Mädchen, das hilft. Sally. Sie ist keine gelernte Köchin, stellt sich aber gar nicht blöd an. Die Schichten werden zwischen dir und ihr aufgeteilt. Ich bin meistens den ganzen Tag da.« Er zeigte auf eine ältere Kellnerin, die bei einer Tasse Kaffee am hinteren Ende des Tresens ein Kreuzworträtsel löste und das Winken eines der Gäste geflissentlich ignorierte. »Das ist Mary Lou.«
   Eine zweite Frau trug ein Tablett mit leerem Geschirr an ihnen vorbei in die Küche. Sie nickte Faye knapp zu.
   »Meine Tochter Janet«, stellte Art sie vor.
   Seine Tochter. Faye sah der Frau hinterher. Seine Tochter bedeutete, sie hatte eine Halbschwester. Sie schluckte. Vielleicht hatte Art sogar noch mehr Kinder, mehr Geschwister für sie, etwas, worüber sie als Einzelkind nie nachgedacht hatte. Ihre Hände wurden wieder feucht. Janet sah ihr überhaupt nicht ähnlich. Sie war größer als sie und regelrecht dünn. Ihr Make-up war sehr kräftig und ihre blond gesträhnten Haare, die sie offensichtlich nicht von ihrem Vater geerbt hatte, toupiert. Janets Outfit war knapp und ihr Dekolleté gut platziert. Sie bekam mit Sicherheit mehr Trinkgeld als die Kellnerin, die, immer noch über ihr Kreuzworträtsel gebeugt, nicht bemerkte, dass das Diner Gäste hatte, die bestellen wollten.
   Art sprach weiter, und Faye konzentrierte sich wieder auf ihn.
   »Am Wochenende und in den Ferien haben wir ein paar Teenager als Aushilfen. Ab und zu bedient meine Enkelin Sophia. In der Küche sind wir allerdings unter uns. Du kochst bis heute Mittag. Wenn ich mit dir zufrieden bin, hast du den Job.«
   Es hatte geklappt. »Einverstanden. Ich habe heute meine Kochkluft und meine Messer nicht dabei.«
   »Fürs Erste kannst du meine Messer mitbenutzen. Mit der Kleidung sind wir hier nicht pingelig. Zieh an, was du willst. Solange die Sachen sauber sind und du deine Haare zusammenbindest, soll es mir recht sein«, brummte er.
   Faye schnappte sich eine der laminierten Speisekarten, um sich einen Überblick über das Angebot des Diners zu verschaffen und folgte Art in die Küche. Was sie hier sah, gefiel ihr. Der Raum war groß und blitzsauber. Der Boden war penibel geschrubbt. Die Edelstahlarbeitsflächen boten viel Platz. Nichts fand Faye schlimmer, als ihrem Nachbarn beim Kochen ständig den Ellenbogen in die Rippen zu stoßen, weil sie auf zu engem Raum arbeiten mussten. Die Geräte, die sie auf den ersten Blick sah, waren nicht auf dem allerneusten Stand, wirkten aber solide und gut gepflegt.
   »Die Scheibe ist gefährlich.« Art wies auf das halbhohe Glas, das sie vom Gastraum trennte. Sie konnten die Menschen im Lokal beobachten, genauso gut konnten ihnen die Gäste beim Kochen zusehen. »Dein Vorgänger hat einmal zu oft den hübschen Touristinnen hinterhergesehen und, zack, hat er sich geschnitten. So richtig. Bis auf den Knochen. Sehne durchtrennt und so weiter. War eine ziemliche Sauerei. Lass dich von denen da draußen nicht ablenken, verstanden? Und jetzt lass uns anfangen. In einer halben Stunde wird die Frühstücksmeute hier einfallen.«

Faye brauchte zwei Stunden, um Art davon zu überzeugen, dass sie die richtige für den Job war. Die Gerichte, die sie kochten, waren kein Hexenwerk. Die meisten Zutaten waren frisch und qualitativ gut. Einige Speisen bereitete Art aus Fertigprodukten zu. Sie würden besser schmecken, wenn man sie selbst herstellte. Aber sie wollte ihn nicht kritisieren. Er war nicht so cholerisch, wie manch ein Chefkoch, den sie in der Vergangenheit kennengelernt hatte, ein Sonnenschein war er aber auch nicht gerade. Der größte Teil der Konversation beschränkte sich auf eine gebrummte oder geknurrte Anweisung oder einen saftigen Fluch.
   Sie sah zu ihm hinüber. Wie er wohl zu der Zeit gewesen war, in der er ihre Mutter kennengelernt hatte? Sie konnte es immer noch nicht fassen. Der Mann, der neben ihr stand und Speck briet, Pfannkuchen wendete und Muffins zum Aufwärmen in die Mikrowelle schob, war ihr Vater.
   Die Küche eines Diners war etwas anderes als ein Sternerestaurant. Art und sie waren allein, stimmten ihre Handgriffe aufeinander ab. Hier wurden keine Bestellungen brüllend in den Raum annonciert. Arts Tochter Janet reichte die Zettel ohne großes Aufheben durch die Schwingtür. Mary Lou schien nicht besonders viel zu arbeiten. Nach einer Stunde Frühstücksbetrieb war sie noch immer nicht mit ihrem Kreuzworträtsel fertig. Sie beschränkte ihre Arbeit auf das gelegentliche Wiederauffüllen einer Kaffeetasse.
   Es war eine völlig neue Erfahrung, in den Gastraum blicken und den Gästen beim Essen zusehen zu können. Sie sah, wie mancher verzückt die Augen verdrehte, wenn ihm etwas schmeckte, und andere die Stirn runzelten, wenn sie mit dem, was vor ihnen auf dem Tisch stand, nicht zufrieden waren. Bisher hatte Faye hinter geschlossenen Türen gearbeitet. Die Küche strikt vom Gastraum getrennt. Sie hatte nie Kontakt zu den Gästen gehabt. Das stand in einem gehobenen Restaurant ausschließlich dem Küchenchef zu. Das Arbeiten von einem Aussichtspunkt aus gefiel ihr. Es machte Spaß, Art dabei zu beobachten, wie er über die Glaswand hinweg mit Gästen und Freunden sprach, stritt und hin und wieder jemanden anbrüllte. Er wirkte wie ein Grießgram, hatte das Herz allerdings am richtigen Fleck. Das Diner und er schienen feste Institutionen in der Stadt zu sein.
   Faye brachte Pfannkuchen und Rühreier an einen Tisch, an dem ein älteres Paar saß, und räumte das leere Geschirr von zwei Gästen am Tresen ab. Mary Lou tat nichts dergleichen. Wenn sie es der Kellnerin überlassen hätte, die Gerichte zu servieren, hätten sie es vermutlich nie in warmen Zustand an die Tische geschafft.
   Als sie in die Küche zurückkehrte, lag ein Haufen Suppengemüse auf ihrem Arbeitsplatz.
   »Ich vermute, du kannst eine Brühe ansetzen.«
   »Sicher, Chef.«
   Art schenkte ihr den Ansatz eines Lächelns, der ihr Herz ein wenig höherschlagen ließ. Er schien sie zu mögen.
   »Für jemanden aus der feinen Kochschule bist du gar nicht so schlecht«, brummte er. »Ich wollte mir zwar bis zum Mittag überlegen, ob du etwas taugst, aber ich habe mich schon entschieden.«
   Faye hielt die Luft an.
   »Du hast den Job. Wie lange kannst du bleiben?«
   »Oh.« Sie spürte, wie ihr vor Freude die Röte in die Wangen stieg. Ihr Vater gab ihr einen Job. Er kannte sie nicht, befand ihr Kochtalent aber für gut genug, um sie für sich arbeiten zu lassen.
   »Von mir aus kannst du gern die nächsten dreißig Jahre bleiben. Wenn du wenigstens bis Weihnachten durchhältst, hast du mir schon sehr geholfen.«
   Janet stand hinter dem Tresen und füllte Bohnen in die Kaffeemaschine. Sie warf Faye einen abschätzigen Blick zu. »Solltest du das nicht erst mit mir besprechen, Daddy?«, rief sie über die Abtrennung. »Wir wissen nichts über sie.«
   Er schenkte seiner Tochter ein Lächeln, die wärmste Geste, die Faye bis jetzt an ihm gesehen hatte. »Keine Sorge, Schätzchen, ich weiß schon, was ich tue. Wie sieht es aus? Kannst du bis Weihnachten bleiben?«, wandte er sich wieder an Faye.
   »Das ist machbar. Allerdings muss ich eine Bleibe finden. Ein möbliertes Zimmer oder eine kleine Wohnung.« Sie konnte nicht ewig im Hotel wohnen bleiben.
   Art nickte. »Ich höre mich mal um. Wir werden schon was für dich finden.« Er sah sie an. »Janet hat natürlich recht. Du kochst gut genug, dass ich dich auf jeden Fall behalten möchte. Trotzdem muss ich wissen, ob du eine entwichene Straftäterin auf der Flucht bist, oder so was. Hast du ein Zeugnis und Referenzen?«
   »Sicher. Ich lasse dir meine Abschlüsse gleich morgen zuschicken. Ein paar Telefonnummern suche ich dir nachher raus. Du kannst dich gern über mich erkundigen.« Im Black Fox war sie zwar rausgeflogen, aber es gab auch dort noch ein paar Leute, die durchaus bereit waren, ein gutes Wort für sie einzulegen.
   »Wunderbar«, brummte Art. Er schob ihr einen Teller Waffeln hin. »Bring die in die Fensternische dort drüben.«
   »Wird erledigt.«
   Er wies mit dem Kinn auf das Suppengemüse. »Danach kannst du dich um die Brühe kümmern.«
   Faye konnte ihr Grinsen nicht unterdrücken. Sie brachte das Essen an den Tisch und hatte das Gefühl, auf Wolken zu schweben. So unerwartet diese Wendung ihres Lebens sie erwischt hatte, so sehr freute sie sich auf das, was vor ihr lag, und hoffte, die Chance, die sich hier bot, nutzen zu können.
   Sie sammelte das leere Geschirr am Nachbartisch ein, drehte sich mit vollen Armen um – und erstarrte. Sie war sich nicht sicher, ob ihr die Kinnlade heruntergefallen war. Hoffentlich nicht. Vor ihr stand, offensichtlich nicht weniger erschrocken als sie, ihr One-Night-Stand. Ach du Scheiße! Er trug eine Polizeiuniform. An sein Bein gelehnt stand ein Schäferhundwelpe, oder so was ähnliches, mit einem umgeklappten Ohr und einer ziemlich langen, aus dem Maul hängenden Zunge.
   Das Schicksal hatte einen ziemlich verdrehten Sinn für Humor. Sie fand ihren Vater und bekam von ihm sogar einen Job angeboten, nur um ein paar Minuten später herauszufinden, dass der Mann, mit dem sie die vergangene Nacht verbracht hatte, nicht, wie angenommen, ein Tourist, sondern ein Cop war, der in der Stadt arbeitete, die sie für die nächsten Monate zu ihrem Zuhause erkoren hatte. Die Situation konnte peinlicher nicht sein.
   Faye räusperte sich. Vermutlich war ihr Gesicht knallrot angelaufen. Zumindest fühlte es sich verdammt heiß an. »So sieht man sich wieder.« Sie versuchte, möglichst gelassen zu klingen.
   Ryan schaltete sein Tausend-Watt-Lächeln ein. »Verfolgst du mich?«
   »Ich wusste nicht, dass wir uns noch einmal über den Weg laufen würden. Kann ich dir irgendetwas bringen?«
   »Ich mach das schon«, ertönte hinter ihr die etwas scharfe Stimme ihrer neuen Halbschwester. »Geh in die Küche und mach deine Arbeit. Ich weiß, was der Sheriff will. Das ist die neue Küchenhilfe meines Vaters«, fügte sie etwas leiser an Ryan gewandt hinzu. »Dein Lieblingsplatz ist frei.« Sie dirigierte ihn an den Tresen.
   Der Sheriff. Faye warf einen Blick auf den Stern an seiner Uniformbrust. Natürlich hatte sie nicht einfach mit einem Officer geschlafen. Es musste gleich der Sheriff sein. Sie rollte innerlich die Augen über sich selbst und brachte das schmutzige Geschirr in die Küche. Faye suchte eine der Plastikboxen heraus, in die sie Essen zum Mitnehmen verpackten, füllte sie mit Wasser und brachte sie nach draußen. Der kleine Hund hatte sich zu Ryans Füßen niedergelassen und kaute auf den Schuhbändern seiner Stiefel herum. Bei ihrem Anblick wedelte er mit dem Schwanz und machte sich gierig über das Wasser her, als sie es ihm hinstellte. Sie strich über das weiche Fell des Welpen. »Du bist ein guter Hund. So ein lieber Kerl.« Sie sah auf und blickte in Ryans Augen. Von seinem Platz auf dem Barhocker aus ragte er wie ein Turm über ihr auf. In seinem Blick lag der Anflug eines Lächelns – und etwas anderes, heißes, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt zu sein schien.
   »Er ist ein wahrer Frauenmagnet.«
   »Das glaube ich gern.« Sie stand auf und trat einen Schritt zurück, weil sie eindeutig zu nah beieinanderstanden. »Ich muss wieder in die Küche.«
   »Machst du Frühstück für mich? Ich brauche heute irgendetwas mit besonders viel Energie. Die vergangene Nacht war sehr anstrengend.« Er zwinkerte ihr zu, und Faye spürte, dass ihr schon wieder die Röte in die Wangen schoss.

*

Manchmal hatte das Schicksal einen wirklich verdrehten Sinn für Humor. Da hatte er seit ewigen Zeiten einmal wieder das Gefühl, die Frau mit der er die Nacht verbracht hatte, nicht verlassen zu wollen, und prompt tauchte sie ein paar Stunden später in seiner Stadt auf. War sie ihm hierher gefolgt, weil sie ihn wiedersehen wollte? Er schüttelte den Kopf und kniff sich in die Nasenwurzel, um wieder klar denken zu können. Natürlich war sie ihm nicht hinterhergefahren. Sie hatte ehrlich erschrocken ausgesehen, als sie ihn erblickte. Janets Verfolgung machte ihn paranoid.
   Er stützte die Ellenbogen auf den Tresen und sah Faye nach. Sie verschwand durch die Schwingtür mit den Bullaugen in die Küche und tauchte einen Moment später an ihrem Arbeitsplatz hinter der Glasscheibe, ihm genau gegenüber, wieder auf.
   Vor etwa zehn Jahren hatte Art einen Bericht über moderne Restaurantküchen gesehen, das Diner kurzerhand über den Winter geschlossen und die Wand zwischen Küche und Lokal herausreißen lassen. Als sich die Türen im Frühjahr wieder öffneten, war die Wand bis auf Hüfthöhe neu gemauert und mit einer halbhohen Glasscheibe ergänzt worden. Ein gutes Abluftsystem sorgte dafür, dass die Gäste von den Küchengerüchen verschont blieben. Sie konnten dem Koch bei der Arbeit zusehen, mit ihm über Baseball und Wetter reden und den neuesten Klatsch und Tratsch austauschen.
   Manch einer hatte die Nase gerümpft über so viel Modernität. Ryan hatte den Umbau immer gemocht. Jetzt allerdings war er geradezu begeistert von den Möglichkeiten, die so viel Glas bot. Art sollte für diese Idee einen Orden verliehen bekommen. Er sah Faye dabei zu, wie sie professionell und mit rasender Geschwindigkeit Gemüse zerteilte und in einen großen Topf warf. Das Messer in ihrer Hand bewegte sich so schnell, dass er es fast nur als verschwommenen Schatten wahrnehmen konnte.
   Faye von der Ostküste – er kannte nicht einmal ihren Nachnamen – war also Köchin. Über eine Küchenhilfe, wie Janet sie bezeichnet hatte, ging dieses Können eindeutig hinaus. Das erklärte einiges. Er sah sie wieder vor sich, bei ihrem gemeinsamen Dinner. Das Riechen an jedem Bissen, das Kauen mit geschlossenen Augen. Sie hatte das Essen in Gedanken in seine Strukturen zerlegt. Ihre Haut war glatt und weich gewesen, aber an ihren Händen hatte er jede Menge kleine und mittelgroße Narben entdeckt, als er sie von Kopf bis Fuß erkundet hatte. In der Nacht war es ihm zu persönlich erschienen, sie auszufragen, woher die Verletzungen stammten. Zu viel Neugier passte nicht zu einem One-Night-Stand, aber nun begriff er: Es waren die Male einer Köchin. Offensichtlich waren ihre Küchenunfälle bisher glimpflicher ausgegangen als die von Marc Dearings, Arts letztem Koch. Zumindest waren ihm an ihr keine gravierenden Schnitte aufgefallen.
   Arts Gesicht erschien hinter der Glasplatte und holte ihn ins Hier und Jetzt zurück. »Habe ich das gerade richtig gesehen? Du hast einen verdammten Flohfänger in mein Diner geschleppt?«
   »Nein, Art. Das ist nicht einfach ein Hund. Das ist Officer Jackson, Diensthund in Ausbildung«, log er gut gelaunt. Mit Art zu streiten, machte immer Spaß. Insbesondere, weil er wusste, dass der Ältere nicht so übellaunig war, wie er sich gern gab. »Ein Officer darf deinen Laden sehr wohl betreten. Hast du noch nichts davon gehört? Wir gründen in Lake Anna eine K9-Einheit.«
   »Hirnrissig«, brummte Art. »Wir brauchen keine Hundestaffel. Weiß der Gemeinderat schon von dieser Idee?«
   Ryan zog die Augenbrauen hoch. »Was glaubst du denn?« Art saß im Gemeinderat, konnte sich die Frage also selbst beantworten.
   Faye sah von ihrer Schnippelarbeit auf und lächelte ihn an, fast ein wenig schüchtern. Er hob die Kaffeetasse und prostete ihr zu. Dass sie in der Stadt blieb, barg jede Menge Potenzial. Mit Essen würde er sie zu keiner weiteren Nacht herumbekommen. Er aß zwar für sein Leben gern, aber das Kochen war eine der Pflichten, die ihn am meisten nervten. Er könnte ihr die Gegend zeigen, sie mit auf einen Kajakausflug nehmen, solange das Wetter noch hielt. Vielleicht gefiel ihr auch eine Wanderung in den Bergen.
   Egal, was sie unternahmen, er musste sie davon überzeugen, noch einmal eine Nacht mit ihm zu verbringen. Das Gefühl, das sich heute Morgen beim Verlassen ihres Zimmers in ihm eingenistet hatte, breitete sich aus. Er wollte mehr von ihr, mehr Zeit mit ihr, mehr von ihrem Körper. Er war noch längst nicht fertig mit ihr. Ein merkwürdiger Gedanke, den er seit Ewigkeiten bei keiner Frau mehr gehabt hatte. Im Moment war nicht der richtige Zeitpunkt, das zu analysieren. Entwischen lassen würde er Faye aber auch nicht.
   Er begann gerade, sich einen Plan zurechtzulegen, wie er sie am besten herumbekommen könnte, als Janet sein Frühstück vor ihm abstellte. Sie konnte es nicht lassen, seinen Arm mit ihrem Busen zu streifen und ihm etwas zu nahe zu kommen.
   »Danke, dass du Sophia gestern in ihre Schranken gewiesen hast. Ich weiß langsam nicht mehr, was ich mit diesem Mädchen noch anstellen soll. Die Pubertät verwandelt sie in ein Monster.«
   Er drehte sich ein wenig auf seinem Stuhl, um Janet besser ansehen zu können. »Die Pubertät scheint mir, ehrlich gesagt, eine etwas zu einfache Entschuldigung. Deine Tochter hat in den vergangenen Monaten so viel angestellt. Sie ist auf dem besten Weg, eine kriminelle Karriere einzuschlagen. Lange wird sie nicht mehr mit Arbeitsstunden davonkommen. Das garantiere ich dir.«
   »Es ist so wahnsinnig schwierig als alleinerziehende Mutter.« Sie seufzte.
   Unter normalen Umständen hätte sie ihm leidgetan. Doch irgendetwas stimmte nicht an dieser Mutter-Tochter-Beziehung. Er hatte das ungute Gefühl, Janet nutzte die Verfehlungen ihrer Tochter, um ihm auf die Pelle zu rücken. Sie schien keinen Versuch zu unternehmen, Sophia Benehmen beizubringen, weil sie bei jedem Unfug, den sie anstellte, auf die Wache marschieren und ihn nerven konnte.
   »Ich wollte mich bei dir bedanken und habe dir gestern Abend einen Auflauf vorbeigebracht. Du warst nicht zu Hause.«
   »Nein.«
   Janet schwieg und wartete offenbar auf eine Erklärung, wo er gewesen war. Er schielte durch die Glasscheibe und beobachtete Faye dabei, wie sie Karotten in Scheibchen schnitt. Keine Chance, dass er Janet in die Details der vergangenen Nacht einweihte.
   Sie zuckte mit den Achseln. In ihre Stimme schlich sich eine Spur Enttäuschung. »Na ja, dann komme ich einfach heute Abend noch mal vorbei und bring dir die Schüssel.«
   »Nicht nötig, Janet. Ich bin heute Abend auch nicht da. Du brauchst mir kein Essen zu bringen, das weißt du«, versuchte er es zum hundertsten Mal.
   Sie strahlte ihn an. »Ich mache das gern.«
   »Verbring die Zeit lieber mit deiner Tochter und arbeite an ihren Allüren.«
   Einen Moment wandelte sich ihr Blick, wurde dunkel und bitter. Dann hatte sie sich wieder im Griff und setzte ihr freundliches Kellnerinnenlächeln auf. »Sicher, Ryan. Lass es dir schmecken. Ich muss nach den anderen Tischen sehen. Mary Lou ist heute mal wieder nicht besonders gut drauf.«
   Ryan nickte ihr zu und machte sich über sein Frühstück her. Jackson setzte sich auf und sah ihn bittend an, also ließ er einen Streifen Speck unter dem Tresen verschwinden. Der Kleine fing ihn in der Luft auf und ließ ihn mit einem einzigen Schnappen seiner Kiefer in seinem Rachen verschwinden.
   Während Ryan aß, zog er sein Handy aus der Tasche. Er hatte eine Nachricht seines Bruders Max erhalten. »Treffen heute Abend. Wichtig«, las er Jackson leise vor. »Du wirst ihn noch kennenlernen, mein Freund. Ich warne dich jetzt schon: Er ist kein Mann vieler Worte. Weder mündlich noch schriftlich.« Sein Blick wanderte zu Faye. Sie schnitt jetzt etwas anderes, Sellerie oder irgend so ein Zeug. Sorry Bruder, tippte er. Nicht heute Abend. Bin beschäftigt.
   Dann Essen am Sonntag, kam die prompte Antwort.
   Kocht Shane? tippte er zurück.
   Ist der Himmel blau?
   Ryan war sich nicht zu fein, zuzugeben, dass sein elfjähriger Neffe von ihnen allen das glücklichste Händchen in der Küche hatte. Er schob sein Handy in die Tasche und lehnte sich auf seinem Hocker zurück, um Faye noch ein bisschen beim Schnippeln zu beobachten. Shane würde sie vermutlich sehr mögen, sollte er sie jemals kennenlernen.

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