John Walter, ein vermögender Banker aus New York, hat nach einer niederschmetternden Diagnose den Sinn des Lebens verloren. In seiner Verzweiflung wirft er einen Pfeil auf eine Weltkarte, um zu entscheiden, wo er sein restliches Leben verbringen will. So landet er auf einer kleinen australischen Insel und läuft dem wohl ehrlichsten und chaotischsten Freigeist der Weltgeschichte über den Weg: Roxane Sanchez. Sie schenkt ihm Antworten und berührt ihn auf faszinierende Weise. Schnell bemerkt er jedoch, dass die lebenslustige Frau dramatische Lebensumstände verbirgt. John deckt ein Geheimnis auf, das Roxanes Leben für immer verändern wird. Kann er ihr trotz seines eigenen düsteren Hintergrundes beistehen und ihr Herz für sich gewinnen?

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ISBN: 978-9963-53-020-5

Seiten: 314

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Natalie Regier

Natalie Regier
Natalie Regier wurde am 31. Januar 1992 in einer kleinen Stadt in Kasachstan geboren und kam als Vierjährige nach Deutschland. Sie liebt Literatur, weil es berührt und zum Lachen bringt, fesselt und zum Nachdenken animiert. Mit ihrem Liebesroman „Mit dem Pfeil in die Liebe“ debütierte sie beim bookshouse-Verlag. Es folgten weitere Liebesromane. Momentan studiert sie in Bielefeld und schreibt an weiteren Büchern.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

John schrak durch ein Klopfen an der Bürotür auf. »Herein.« Er hatte Kopfschmerzen. Dieser verdammte Regen in New York. Über die verglasten Wände des Gebäudes ergossen sich wahre Wasserfälle. Der endlose Papierkram trug auch nicht dazu bei, seine Laune zu bessern.
   Larissa betrat den Raum. »Mr. Walter, es sind einige Faxe von Dr. Deels eingetroffen.«
   John ließ seinen Kugelschreiber auf den Tisch fallen. Er winkte seine Sekretärin zu sich und blätterte die Unterlagen durch. »Gütiger … das darf nicht wahr sein«, flüsterte er. Mit zittriger Hand strich er seinen Anzug zurecht. »Lassen Sie mich bitte allein.«
   Sie blinzelte verdutzt. »Ist alles in Ordnung, Mr. Walter?«
   »Entschuldigen Sie, Larissa, aber ich muss allein sein.«
   Sie gehorchte zögernd.
   Es fiel ihm schwer, sich zusammenzureißen. Seine Welt schwankte. Das Gegenteil dessen, was er sich für sein Leben ausgemalt und vorhergesehen hatte, war eingetroffen. Genau der Part, den er nicht hatte planen können, über den er keine Befehlsgewalt besaß, rächte sich und raubte ihm die Luft aus den Lungen. Es war nichts, worüber er groß nachgedacht oder es auch nur in Betracht gezogen hatte, dass es ihn treffen könnte. Jeden anderen vielleicht, aber nicht ausgerechnet ihn.
   Ein weiteres Mal las er den Arztbericht und musste es laut aussprechen, um den Worten Glauben zu schenken. »Mit Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass die letzte Untersuchung einen Gehirntumor bestätigt hat.« Die Zeilen verdichteten sich zu einer schwarzen Wolke.
   … eine Operation wird unumgänglich sein … gute Prognose … gutartig …
   Die Nachricht hätte ihn aufbauen sollen, stattdessen erreichte sie etwas ganz anderes. Was wäre, wenn es sich um einen bösartigen Tumor handelte und seine Tage gezählt wären? Was hatte er vorzuweisen bis auf seine Karriere? Was hatte er erreicht? Wer war er überhaupt ohne seine Position in der Bank?
   Er legte wie betäubt die Unterlagen auf den Tisch, faltete die Hände über dem Kopf und blickte auf die dunklen Dächer hinaus. Er befand sich in einem der höchsten Gebäude der Stadt und arbeitete für die Walter Bank, die sein Urgroßvater gegründet hatte.
   John hatte das ganze Leben damit verbracht, genau in diesem Büro zu landen, seit seiner Kindheit war dieses Ziel präsent gewesen. Vor vier Jahren hatte er es geschafft. Mit dreiundzwanzig war er der Jüngste, der jemals diese Position erreicht hatte.
   Wie jäh sich das Blatt wenden konnte. Nichts ergab mehr einen Sinn. Er fand nichts, woran er sich noch klammern konnte, keinen Rettungsanker.
   Das Handy klingelte schrill, fordernd, kreischend in der Stille und brachte das Fass zum Überkochen. Mit einer einzigen Bewegung fegte er Unterlagen, seine Kaffeetasse, Bilderrahmen seiner Familie und andere Utensilien vom Tisch. »Das darf doch nicht wahr sein!« Er klammerte sich an die Tischplatte. Sein Blick hetzte durch den Raum, wanderte über das Chaos auf dem naturweißen Marmorboden, das einen krassen Gegensatz zu der akribischen Ordnung in seinen Aktenregalen bildete. Er betrachtete die Dartscheibe an der Wand zu seiner Linken, drehte sich auf seinem Chefsessel, bis sein Augenmerk auf der riesigen Weltkarte an der gegenüberliegenden Wand haften blieb. Hellblaue Punkte zeigten Filialen und Zentralbanken rund um den Globus. Die Walter Bank war die zweitgrößte und erfolgreichste der Welt.
   Wie betäubt stand John auf, ging zu der Dartscheibe und nahm einen Pfeil. Mit geschlossenen Augen schoss er ihn auf die Weltkarte ab.
   Er öffnete die Lider. Die Spitze steckte in einer kleinen Insel unweit der australischen Küste.
   John starrte auf den Punkt, bis sein Blick verschwamm, bis ein Gedanke wie ein Blitz in seinen Kopf einschlug.
   Er nahm den Pfeil, steckte ihn in die Brusttasche seines Jacketts und holte sein Portemonnaie aus der Schublade. Das war alles, was er noch brauchte.
   Im Vorzimmer traf er auf seine Sekretärin. »Larissa.«
   Sie legte den Telefonhörer auf den Tisch. »Was kann ich für Sie tun, Mr. Walter?«
   »Richten Sie meinem Vater aus, dass ich kündige.«
   »Aber …« Sie sprang auf.
   John hörte ihr nicht mehr zu und marschierte zielstrebig zu den Fahrstühlen. An dem Vergangenen ließ sich nichts mehr ändern, an der Zukunft schon. Er wollte das Leben neu erlernen und wieder einen Sinn erkennen.

Kapitel 1

»Das war absolut fantastisch. Und mutig«, lallte Susan. Sie klammerte sich an Roxys Oberarm und stolperte um ein Haar über einen Stein,
   der versteckt im Sand lag.
   Es war zwei Uhr morgens, der kürzeste und angenehmste Weg von Liams Bar nach Hause führte über Gratias Strand. Roxy konnte nicht behaupten, dass sich dieser Weg in der Vergangenheit als besonders schwierig erwiesen hätte. Nur wer hatte plötzlich diese Steine überall verteilt? »Was war fantastisch? Dass ich diesem Idioten das Bier über den Kopf gegossen habe oder der Tequila? Ich finde, dass der Alkohol heute besonders unsere Genialität herausbefördert hat.«
   Susan warf ihre strohblonde, im Mondlicht schimmernde Mähne zurück und legte eine nachdenkliche Miene auf. Sie trommelte sich voller vorgetäuschter Ernsthaftigkeit mit dem Finger gegen die Unterlippe. Als ihre Augen aufleuchteten und sie ihren Gedanken auszusprechen versuchte, verhakten sich ihre nackten Füße ineinander und rissen sie in den Sand.
   Glücklicherweise hatte sie zuvor Roxys Arm losgelassen. Sie prustete los und krümmte sich vor Lachen. »Ich sag’s doch! Der Tequila war heute zu gut. Du hast eben wie ein Kartoffelsack ausgesehen.«
   Susan schmiss sich nicht gerade damenhaft auf den Rücken. Mit ausgebreiteten Armen und einem Grinsen, das stark einem Honigkuchenpferd ähnelte, seufzte sie. »Wenigstens sehe ich aus wie ein besonders hinreißender Kartoffelsack.«
   Roxy kriegte sich kaum noch ein, weil Susan ein Kleid trug, das die Farbe von Schlamm besaß und vom Schnitt her wirklich einem Sack ähnelte. Ihr Modegeschmack war noch nie vorzeigbar gewesen. Nicht, dass Roxy darin talentierter war.
   »Weißt du was? Lass mich hier liegen und geh. Mein Leben war ziemlich lohnenswert. Ich habe gesehen, wie du Lukas das Bier über den Kopf gegossen hast. Außerdem wurde ich zum ersten Mal von Bill Smith geküsst. Wovon soll ich noch träumen? Ich habe alles erreicht, was ich im Leben begehre. Auf Wiedersehen, schöne Welt!«
   »Möglicherweise davon, ihn morgen wieder zu küssen? Das wäre doch eine anregende und atemberaubende Vorstellung. Stell dir vor, wie er mit seinem befleckten Blaumann über dich herfällt, dich auszieht und Dinge mit dir veranstaltet, die ich besser nicht aufzählen sollte.« Roxy ließ sich an Susans Seite nieder. Der Sand wirkte auf einmal sehr einladend. Die Körner waren noch lauwarm von der Sonne und weitaus bequemer als ihr Bett mit der steinharten, uralten Matratze.
   Roxy sah hinauf zum Himmel, betrachtete die Sterne und lauschte dem Rauschen des Meeres. Zu dieser Zeit befanden sich selten noch Touristen am Strand, deswegen bevorzugte sie die Nachtstunden.
   Susan warf ihr einen gespielt finsteren Blick zu. In Anbetracht ihrer wirren Mähne und dem kirschroten Gesicht wirkte sie jedoch alles andere als Furcht einflößend. »Du bist sadistisch. Mir kommt der Hamburger gleich hoch, obwohl er köstlich gewesen ist.«
   Na gut, Roxy musste erwähnen, dass Bill um die sechzig war, einen ausgeprägten Bierbauch vorwies und nur noch goldene Zähne besaß, auf die er auch noch mächtig stolz war. Dazu schütteres Haar und einen Kleidungsstil, bei dem die Frauen schreiend davonliefen. Und die Erfindung mit dem Namen Deo hatte er anscheinend nicht mitbekommen oder war besonders begabt darin, sie zu ignorieren. Diese ganzen Tatsachen hielten ihn jedoch nicht davon ab, jedes weibliche Wesen auf der Welt anzubaggern.
   »Roxy«, murmelte Susan einige Zeit später.
   »Susan«, erwiderte sie in der gleichen Tonlage und öffnete die Augen. Immer, wenn ihre Freundin etwas auf dem Herzen hatte, biss sie sich auf die Lippe und konnte es nie einfach aussprechen. Darin unterschieden sie sich. Roxy trug das Herz praktisch auf der Zunge und dachte selten lange darüber nach, was sie mit der Außenwelt teilte. »Was gibt’s? Soll ich dir Bills Nummer besorgen? Ich glaube, er kommt morgen ins Hotel und repariert das kaputte Fenster in Zimmer 15. Ich könnte ihn fragen.«
   Susan kicherte und warf eine Handvoll Sand auf Roxys Bauch. »Wenn du das tust, muss ich unsere Freundschaft kündigen. Ich werde diese Nacht wahrscheinlich Albträume von goldenen Zähnen bekommen.« Sie schüttelte sich, bis sie bemerkte, was Roxy wieder geschafft hatte. »Du Ziege.« Ihre Stimme klang verärgert. Susan richtete sich auf und bereute es sichtlich. Sie packte sich an die Schläfe. »Mein Kopf! Ich wollte dir etwas sagen und das wusstest du.«
   O ja, das stimmte. Roxy war ein Naturtalent im Thementauschen. Nur ahnte sie, was Susan auf dem Herzen hatte und wollte es sich ersparen. Ihr Magen zog sich zusammen.
   »Du solltest ihn endlich suchen. Das Leben ist zu kurz, um zu warten. Es gibt gute Detektive, die dir helfen könnten, deinen Vater zu finden. Du hast wieder diesen Gesichtsausdruck bekommen, als deine Mutter ihn vorhin erwähnt hat.« Susan beäugte sie von der Seite mit ihren wissenden, kastanienbraunen Augen.
   »Es hat keinen Zweck, ihn zu suchen, okay? Ich weiß nicht einmal, wie er heißt oder wie er aussieht. Wenn ich Mum danach frage, bricht sie in Tränen aus oder verflucht mich. Lassen wir das Thema. Dafür war es heute zu genial.«
   Susan sah sie eine Weile an und blickte schließlich auf die Weite des Ozeans.
   Im Licht des Mondes besaßen die Wellen eine schwarze Farbe. Dieser Anblick strahlte immer etwas Beruhigendes und Heimisches aus und vertrieb so gut wie jeden negativen Gedanken. Es wäre undenkbar, von hier wegzuziehen. Vielleicht war sie auch besonders gut darin, die unschönen Dinge im Leben zu übersehen.
   Sie seufzten gleichzeitig. Roxy, weil sie das Thema erneut von sich schob und Susan vermutlich wegen Roxys Sturheit. Sie schien nicht zu bemerken, dass sich hinter dieser Sturheit ihre Machtlosigkeit versteckte.
   »Ich glaube, er wird es nie überwinden können.« Susan lachte leise, während Roxy sie verwirrt musterte.
   »Wer kann was nicht überwinden?«
   »Lukas. Du hast ihm schon wieder einen Korb vor allen Leuten gegeben. Er versucht es seit einer Ewigkeit bei dir. Bestimmt schon seit zwei Jahren.«
   Roxy erwiderte das Lachen und runzelte die Stirn. »Keine Ahnung, warum er an mir klebt. Ich stehe nun mal nicht auf einen blonden Sunnyboy. Vor allem auf keinen, der sich benimmt, als wäre er sechzehn und nicht fünfundzwanzig.«
   »Ich kann mir gut vorstellen, wieso er dich anhimmelt. Du, mit deinen seegrünen Kulleraugen und einem Körper, bei dem jede Frau nur neidisch gucken kann.«
   Susan dachte, dass sie einige Kilos zu viel auf den Rippen hatte, und nannte sich liebevoll Walross. Vermutlich hatte sie bei diesem Thema nicht alle Tassen im Schrank. Im Gegensatz zu ihr besaß sie wenigstens Kurven. Roxy war schon immer schlank und zierlich gewesen. »Wir schweifen ab. Außerdem wird es Zeit, dass wir nach Hause kommen. Beweg dich, Busenfreundin.« Sie richtete sich auf und streckte Susan eine Hand entgegen.
   Den restlichen Weg gingen sie schweigend nebeneinander her, ohne ein weiteres Mal im Sand zu landen. Es wehte ein lauwarmer Wind, der Roxy das Haar ins Gesicht wehte und die Haut erfrischte.
   Die leuchtend gelben Buchstaben ließen sich schon von Weitem erkennen. S. U. N., der Name ihres bescheidenen Hotels. Seit zwei Jahren stand es unter ihrer Leitung, nachdem Mum es auf sie hatte umschreiben lassen. Geplant war, dass sie es gemeinsam führten, damit die Arbeit nicht an einer Person hängen blieb. Sie wollten gemeinsam stark sein. Etwa zwei bis drei Wochen im Jahr, wenn es hochkam, half Mum ihr tatsächlich. In der restlichen Zeit widmete sie sich ihrer Alkoholsucht. Damals war Roxy froh gewesen, als Mum sie darum bat, ihr unter die Arme zu greifen. Sie war naiv. Statt sich wegen ihrer Probleme Hilfe zu holen, tauchte Mum tiefer in den Kreislauf der Sucht ein und ließ Roxy mit der Leitung allein, obwohl sie zu der Zeit erst die Highschool absolviert und keine Ausbildung in diesem Bereich vorzuweisen hatte.
   Es war ein kleines Hotel, mit zwanzig altmodisch eingerichteten Zimmern und einem Restaurant, in dem vor allem italienische Küche und die typischen Klassiker der Gegend wie Fischbrötchen und andere Meerestiere angeboten wurden. Es befand sich direkt am Strand, etwas abgelegen von der belebten Promenade und war vor allem im Sommer gut besucht. Die übergroßen Anlagen auf der anderen Seite der Insel vermiesten ihnen das Geschäft und zwangen Roxy, die Zimmer zu einem Spottpreis anzubieten.
   Vor drei Jahren musste Mum ihr Haus verkaufen, weil das Unternehmen nicht genug Geld abwarf, um die Hypothek zu bezahlen. Infolgedessen lebte Roxy in einem Hotelzimmer. Ihre Mutter ebenfalls, wenn sie nicht wieder für Tage oder Wochen verschwand. Leider empfand sie es nicht als notwendig, Roxy Bescheid zu geben. Sie versuchte, nach außen hin gelassen und unbesorgt zu wirken, wenn Mum urplötzlich vom Erdboden verschluckt war. Es war eine miese Situation. Sie musste das Hotel leiten, sie beide über Wasser halten und Mum im Auge behalten.
   Roxy schüttelte den Kopf, als sie sah, dass der Buchstabe S mal wieder einen Wackelkontakt hatte und das Licht wie in einem Horrorfilm flackerte. Diese Leuchtreklame konnte kein ganzes Jahr überstehen, ohne dass mindestens eine der Neonröhren den Geist aufgab.
   »Sieh mal«, murmelte Susan und hielt sie am Ellbogen fest. Sie deutete in Richtung Meer.
   Zwischen zwei Felsen erkannte Roxy die Silhouette eines Mannes. Er saß reglos im Sand, das Gesicht zum Ozean gewandt. Seine Jacke flatterte am Rücken. Neben ihm lag eine große Tasche.
   »Ist das ein neuer Tourist? Hat heute jemand bei euch eingecheckt?«
   »Kann sein. Lassen wir ihn einfach sitzen. Falls er ein Zimmer möchte, ist Will da. Er schiebt heute die Nachtschicht.«

Die Hitze am nächsten Morgen brachte Roxy fast um, als sie ins Büro trat. Für eine Klimaanlage hätte sie einen Mord begangen. Der kleine Raum konnte kaum chaotischer aussehen. Es lagen so viele Unterlagen und Zettel auf der Tischfläche, dass sich die kaffeebraune Farbe nur noch erahnen ließ. Eigentlich besaßen sie Ordner. Diese standen aufgereiht in einem Regal, verstaubt und sicher seit zwei Jahren nicht mehr benutzt. Für Dekorationszwecke waren sie jedoch praktisch und kostengünstig. Ihre Mutter war mehr als nur chaotisch und Roxy musste es geerbt haben.
   »Morgen Will.« Sie lächelte ihn an.
   »Hallo Kleines«, erwiderte der Siebzigjährige und drehte sich auf dem Schreibtischstuhl in ihre Richtung. Will hatte afrikanische Wurzeln und betrachtete sie mit seinen schwarzen Augen.
   »Du kannst jetzt gehen. Du bist bestimmt hundemüde.«
   Mit seinem schmächtigen Körperbau war Will kaum größer als sie, was selten vorkam, weil sie die stolze Größe von einem Meter fünfundfünfzig besaß.
   Er kratzte sich über die Glatze und erhob sich langsam mithilfe seines Gehstockes. »Bist du sicher? Mir hat ein Vogel gezwitschert, dass es gestern besonders ausgelassen in Liams Bar zuging. Es ist erst sieben Uhr, Liebes. Leg dich doch noch mal hin. In meinem Alter braucht man nicht mehr so viel Schlaf.« Er zwinkerte und hatte wie immer ein liebevolles Lächeln parat.
   Roxy stellte sich vor den Spiegel und kämmte ihr Haar. Sie hatte das überbewertete Geschenk gelockter Haare von ihrem unbekannten Vater geerbt, die ihr rabenschwarz bis zur Taille fielen. Die Locken provozierten sie damit, sich an den falschen Stellen zu kräuseln und sich nie bändigen zu lassen. Wenigstens sah man ihr an den Augen die gestrige Nacht nicht mehr an, obwohl sie nur vier Stunden geschlafen hatte. »Das macht nichts. Ich bin es gewohnt. Hast du Mum gesehen? Wir hatten vergangene Nacht einen Streit, woraufhin sie verschwunden ist.«
   Sie beobachtete im Spiegel, wie sich Will eine graue Cap aufsetzte. Sein Lächeln verrutschte. »Ich habe deine Mutter diese Nacht nicht gesehen, Kleines. Sei nicht so hart zu ihr. Vielleicht schläft sie noch oder ist in einer anderen Bar. Florida hat doch durchgehend geöffnet.« Er machte eine kurze Pause und gähnte. »Na gut. Ich muss los.«
   Seine Hand lag schon auf der Türklinke, als Roxy ihn aufhielt. »Sag mal, hat gestern ein Mann eingecheckt? Oder heute in der Nacht?« Sie ging zum Schreibtisch.
   »Nein. Für heute Mittag hat sich eine vierköpfige Familie angekündigt. Ach, bevor ich es vergesse. Ihr Zimmer, Nummer 14, sollte noch einmal überprüft werden. Und Bill ist eben schon hier gewesen und hat das Fenster repariert. Er wollte kein Geld und hat gemeint, dass er dir etwas geschuldet habe.«
   Ihre Blicke kreuzten sich und Roxy lachte auf. »Wenn ich gewusst hätte, dass eine Gratisreparatur rausspringt, hätte ich Susan gesagt, dass sie sich nicht so anstellen soll. Bill hat sie gestern auf die Wange geküsst, nachdem ich ihn in einem Scherz dazu animiert hatte. Sie ist angelaufen wie eine Tomate, was er besonders herrlich fand. Er ist ihr daraufhin auf die Pelle gerückt.«
   Will erwiderte ihr Lachen und nahm damit den ganzen Raum für sich ein. Er war bekannt für sein lautes Organ. »Er wird sich auch in den nächsten zwanzig Jahren nicht ändern. Nicht unser Bill, der ewige Junggeselle.«
   Roxy wischte sich schmunzelnd den Schweiß von der Stirn, schaltete den Ventilator auf dem Tresen ein und hielt das Gesicht in den Wind. Die Hitze machte ihr nur etwas aus, wenn sie verkatert war. Um kurz nach sieben war es bereits fünfunddreißig Grad, im Hochsommer erreichten die Temperaturen des Öfteren fünfundvierzig Grad und mehr.
   Will öffnete die Tür. »Wieso hast du nach einem neuen Touristen gefragt?« Er ordnete die Flyer auf dem Beistelltisch neben dem Eingang.
   »In der Nacht saß ein Mann mit einer Tasche im Sand. Er sah von Weitem wie ein Rucksacktourist aus.« Sie zuckte mit den Schultern und versuchte, aus dem Wirrwarr auf dem Tisch schlau zu werden.
   »Rucksacktourist? Nein. Meinst du den Mann im Anzug? Ich glaube, er sitzt immer noch da. Er hat sich den ganzen Morgen nicht bewegt.«
   »Was für ein schräger Vogel. Na gut, du brauchst deinen Schlaf. Ich werde das Zimmer gleich für die Familie …«, in diesem Moment fand sie die Reservierung und konnte den Namen ablesen, »… Brand überprüfen.«
   »Wenn ich nicht eine Ewigkeit fürs Lesen brauchen würde, hätte ich mich längst um diese Unterlagen gekümmert. Vielleicht solltest du sie endlich sortieren.«
   Roxy nickte. »Das sollte ich.«
   Will schlenderte durch die Schiebetüren an die frische Luft.
   Mit dem Schlüssel und Putzutensilien im Schlepptau, begab sich Roxy ins Zimmer für die Familie. Die Sommersaison hatte erst angefangen und langsam verirrten sich immer mehr Gäste ins S. U. N. Leider nicht genug, um sich eine Putzfrau leisten zu können. Will war fast schon zu teuer, obwohl er nur einen geringen Lohn bekam. Viel zu wenig, aber es war eben alles, was sie aufbringen konnte. Er wusste das. Aus diesem Grund hatte er sich noch nie beschwert und übernahm oft freiwillig zusätzliche Schichten. Und das in seinem stolzen Alter.
   Sie musste um das Haus herumgehen, weil sich das Zimmer auf der anderen Seite befand. Roxy öffnete die Balkontür, um den stickigen Schleier zu vertreiben. Außerdem gab es nichts Schöneres als eine Meeresbrise im Zimmer. Das mahagonibraune Mobiliar war kaum erwähnenswert, es sah aus, als hätte es beide Weltkriege überstanden. Ihre Schränke hatten nicht einmal Türen, weiß Gott, warum. In jedem Zimmer lag eine weinrote Tagesdecke mit weiß-rot gestreiften Kissen darauf. Einen Bonus genoss das Hotel jedoch: Es bot einen fantastischen Ausblick auf das Meer, die kleine Surfbude und einen wunderschönen Sandstreifen.
   Der Strand füllte sich langsam mit Hotelgästen. Fast alle Liegen waren bereits besetzt, was Roxy daran erinnerte, einige nachzubestellen. Der letzte Sturm hatte viele zerstört.
   Sie ließ den Blick wandern und erkannte Susan, die durch den Sand spazierte. Ihre Freundin trug ein mit Blumen übersätes Sommerkleid und peilte die Felsen an. Tatsächlich saß der Mann an derselben Stelle. Er trug einen dunklen Anzug, schwarze, glänzende Lackschuhe und schien rein optisch kein Rucksacktourist zu sein.
   Susan wirkte peinlich berührt, nachdem sie ihm etwas gesagt hatte, und eilte mit hastigen Schritten auf den Weg zu, der zum Hoteleingang führte.
   »Susan«, rief Roxy und winkte, weil sie dem Holzweg folgte und wahrscheinlich annahm, dass sie im Büro saß.
   Susan grinste, ließ die kleine Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen aufblitzen und stampfte wie ein Elefant durch das Blumenbeet, um Roxy zu erreichen. Es wäre zwecklos, ihr mitzuteilen, dass sie es vorsichtig tun sollte. Für sie waren Feingefühl und Vorsicht Fremdwörter.
   »Was wolltest du von ihm?« Roxy lehnte sich an das Metallgeländer.
   Susan blieb stehen und blickte zu ihr hinauf. »Ich habe ihn gefragt, ob er Hilfe braucht.« Ihr Gesichtsausdruck zeigte überdeutlich, dass sie es bereits bereute.
   Roxy griff nach dem Putzlappen im Eimer und wischte über den Gartentisch aus Plastik. »Was hat denn Mister Man in Black gesagt? Du siehst schon wieder aus wie eine Tomate.«
   Susan bedachte sie mit einem bitterbösen Ausdruck. »Dieser Penner hat nicht mal reagiert. Er hat mich einfach ignoriert, als wäre er der König von Bockwurst!« Sie schnaubte. »Dann arbeitet dieser Mistkerl auch noch für die Walter Bank. Unsympathischer kann man kaum sein!«
   Roxy warf den Lappen in den Eimer. »Bist du sicher?«
   »Ganz sicher. An seiner Tasche ist ein Logo eingenäht. Außerdem hat er mehrere bedruckte Kugelschreiber in der Brusttasche stecken.«
   »Super, dann bekommt Mr. Miller Verstärkung. Darauf kann ganz Gratia bestens verzichten.« Miller, ihr Betreuer bei der Walter Bank, hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er es hasste, wenn das Geld nicht rechtzeitig kam und er gern nachhalf, wenn nötig. Er war bekannt dafür, mit seinen Methoden an das zu kommen, was er verlangte. Früher hatte Roxy angenommen, dass in der heutigen Gesellschaft niemand an so viel Macht gelangte, kriminelle Dinge zu vollbringen, ohne belangt zu werden. Miller offensichtlich schon. Viele Bar- und Imbissbesitzer mussten sich mit ihm rumschlagen, seine Drohungen hinnehmen und überhöhte Raten bezahlen. Aus Angst vor den Konsequenzen schaltete niemand einen Anwalt ein oder versuchte, sich zu wehren. Vielleicht auch, weil nicht nur bei ihr das Geld dafür fehlte. Außerdem hatte Miller seine Handlanger, die es amüsant fanden, Reifen aufzuschlitzen oder Fenster einzuschlagen. Unter anderem das Zimmerfenster, das Bill repariert hatte. »Ich muss jetzt das Zimmer putzen. Ansonsten bewerfe ich ihn gleich mit Wasserbomben oder Strandliegen«, murmelte sie.
   »Ich kann dir helfen, wenn du möchtest. Ich bin sowieso mal wieder arbeitslos und habe nichts zu tun. Du könntest den Papierkram erledigen.«
   »Was war diesmal der Grund, den Job an den Nagel zu hängen?«
   »Ich habe gemerkt, dass ich nicht in der Lage bin, zu kellnern.« Sie wirkte verlegen.
   »Sieh es positiv, jetzt kannst du Kellnerin zu den anderen Berufen schreiben, die du niemals wieder ausüben willst. Wie Pflegerin, Köchin und Verkäuferin.«
   »Sehr witzig. Für mich gibt es noch keinen Beruf. Er muss erst erfunden werden. Soll ich dir jetzt helfen?«
   »Wenn es dir nichts ausmacht, wäre das super. Heute bekommen wir neue Gäste und ein junges Paar wollte ausziehen.«
   Ein Lächeln entstand auf ihren Lippen. »Dann bring ich das Zimmer auf Vordermann und komme anschließend zu dir.«
   »Danke. Du bist mit Abstand die Beste.«
   Susan kletterte ungeschickt über das Geländer und nahm ihr die Putzutensilien ab.

Leider wurde Roxy kein Zeuge eines Wunders, das sich in Form eines sortierten und geordneten Schreibtisches zeigte. Stattdessen erschien das junge Paar am Tresen und gab den Schlüssel zurück. Roxy verabschiedete sie mit einem Präsent und setzte sich an den Tisch.
   Langsam sah sie den Haufen durch und ordnete ihn in mehrere Stapel. Nach einer Ewigkeit, ganze zehn Minuten später, hielt sie es nicht mehr aus und schaltete das Radio ein. Denn ehrlich, das Summen vom Ventilator war nicht lohnenswert für die Ohren oder sogar die Laune steigernd.
   Ihr Lieblingslied, ein Klassiker von Michael Jackson, wurde gespielt. Sie summte mit. Sekunden später sprang sie vom Stuhl auf, tanzte davor und durchkämmte weiter den Papierkram. Es machte sogar Spaß.
   Ein Räuspern ließ sie zusammenfahren. »Herrgott«, stotterte sie und blickte zum Tresen.
   Der Mann vom Strand stand davor, ließ die Tasche auf den Boden fallen und musterte sie. Eine Pilotenbrille hing an der Brusttasche seines weißen Hemdes, und ein Jackett lag auf seinem Unterarm.
   »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Roxy betont freundlich. Bei ihren Erfahrungen mit Bankangestellten konnte sie die Bedenken kaum verbergen.
   Ihr Gegenüber hatte kaffeebraunes Haar, Dreitagebart und einen sportlichen, hochgewachsenen Körperbau. Sie schätzte ihn auf Ende zwanzig. Seine Augen waren strahlendblau wie der Himmel, wenn nicht eine Wolke die Sicht darauf versperrte. Und Herrgott, für einen Banker sah er unglaublich scharf aus. Diese markanten Kieferknochen, die schwarzen Wimpern um diese leuchtenden Augen, dazu dieser elegante und gut sitzende Anzug.
   Sie schüttelte innerlich den Kopf. Ein gut aussehender Ersatz für Miller-Killer war alles andere als hilfreich.
   Ein Lächeln formte sich auf seinen Lippen, während er das Büro betrachtete. »Mir wäre mit einem Zimmer geholfen.«
   Roxy wandte sich gänzlich dem Tresen zu und stemmte eine Hand in die Hüfte. »Ein Zimmer?«
   »Das wäre sehr nett.«
   Es war kaum zu übersehen, dass er Geld besaß. Armani-Anzug, eine edle Brille und teure Armbanduhr. Wieso sollte er ausgerechnet bei ihr ein Zimmer wollen, wenn es auf der schönen und begehrten Seite luxuriösere Hotels gab? Sie deutete auf die Tür. »Sie können, wenn Sie wollen, dem Weg am Strand weiter nördlich folgen. In etwa zweihundert Metern beginnt die Promenade. Dort finden Sie sicher ein Hotel, das Ihren Ansprüchen gerecht wird. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie hier richtig sind. Bitte verstehen Sie das nicht falsch.« Dass sie ihm trotz seiner sehr anziehenden Erscheinung nicht traute, ließ sie besser ungesagt.
   »Ich glaube, ich verhöre mich. Du wirst mein Hotel zugrunde richten. Seit wann schicken wir Gäste zu der Konkurrenz?«, sagte ihre Mutter und betrat den Raum. Sie trug noch die Kleidung vom Vorabend. Eine rote Stoffshorts und ein weißes Top, denen die Nacht anzusehen war.
   »Entschuldigen Sie«, wandte sich Roxy an den Gast. »Unsere Zimmer sind kaum besser als eine Jugendherberge. Ich denke nicht, dass wir Ihren Ansprüchen genügen können und ich möchte Ihnen Umstände ersparen.«
   Mum fuhr sich mit der Hand durch das blonde Haar, das ihr in leichten Wellen bis zum Schlüsselbein fiel und wirr abstand. Das Schlimmste war, dass sie den Geruch einer abgestandenen Kneipe verbreitete. Sie besaßen die gleiche Augenfarbe, nur dass sich um Mums Augen mit der Zeit tiefe Falten gebildet hatten und der Glanz seit einigen Jahren abhandengekommen war.
   »Ich bin mir sicher, dass mir das Zimmer gefallen wird. Vielleicht schätzen Sie mich falsch ein, Miss«, warf der Fremde ein und musterte Mum und Roxy abwechselnd. Die Situation schien ihn zu amüsieren. Er hatte dunkle Schatten unter den Augen und das Hemd hatte sicherlich schon bessere Zeiten erlebt. Offensichtlich trug er es schon eine Ewigkeit, denn es war von Falten übersät.
   Monika deutete mit hochgezogenen Augenbrauen auf ihn. »Gast ist Gast. Benimm dich. Als könnten wir uns unsere Gäste aussuchen.«
   Roxy drückte sich die flache Hand gegen die Stirn, was sie immer tat, wenn sie innerlich verzweifelte. Es machte sie wütend, dass Mum nie etwas vollbrachte, was auch nur ansatzweise sinnvoll war. Nie. Wenn es jedoch darum ging, Roxy vor Gästen zu kritisieren, ließ sie keine Gelegenheit verstreichen. »Wie du möchtest. Geh nur und amüsiere dich.«
   Mum hob die Hände. »Du übertreibst vollkommen. Dein Verhalten kann ich mir nicht länger ansehen.« Sie verschwand wacklig auf den Beinen die Treppe hinauf.
   »Sie wollen ein Zimmer? Aber liebend gern. Wünschen Sie eines mit Meerblick?«, sagte Roxy zu enthusiastisch, um ihre Laune zu kaschieren.
   Er sah sie an, als durchschaute er sie. Wenn er auf diese Art grinste, wirkte er wie ein Sportmagazinmodel, das eine harte Partynacht hinter sich hatte. Sie vermutete, dass er das Haar normalerweise perfekt durchgewuschelt gestylt trug, momentan sah es eher durcheinander aus. Es passte zu dem müden Erscheinungsbild.
   »Ich habe mich selten so willkommen gefühlt. Meerblick klingt fantastisch.« In seiner Stimme schwang ein sarkastischer Unterton.
   Roxy musste schmunzeln. »Leider kann ich Ihnen damit nicht dienen. Meerblickzimmer sind vergeben.« Sie betonte ihre Worte besonders mitfühlend und beobachtete gespannt, wie er reagierte.
   Er nickte, als hätte er mit einer Absage gerechnet. »Das ist zu bedauern. Ich würde auch ein anderes Zimmer nehmen. Das Meer lässt sich sowieso am besten vom Strand aus bewundern. Finden Sie nicht?«
   »Wie Sie wünschen.« Sie warf einen Blick in das Reservierungsbuch und ließ einen Finger übers Papier gleiten.
   »Sie haben gern Chaos um sich, nicht wahr?«
   Roxy sah flüchtig zu ihm und schließlich zum Tisch. »Sie tragen anscheinend mit Vorliebe teure Anzüge. Möchten Sie mir Ihre Meinung zu diesem Ordnungssystem erzählen? Es ist einmalig.« Natürlich musste sie einen Witz reißen, ansonsten wäre sie im Erdboden versunken.
   Er lachte leise. Der Klang seiner Stimme war angenehm, leicht rau und tief. Warum um Himmels willen war er Banker? Ein Mann mit diesem Beruf würde in ihr immer eine gewisse Skepsis wecken.
   »Ordnungssystem? Ich frage mich, wie jemand so arbeiten kann.«
   »Dieses System ist nur zu knifflig, als dass es ein Außenstehender durchschauen könnte.«
   Er verzog das Gesicht. »Ihre Aussage ist sehr geschickt. Damit lässt sich alles kaschieren.«
   Roxy ignorierte seine Worte. »Wissen Sie, was? Sie bekommen sogar Meerblick, wenn auch seitlich. Sie werden direkt neben meinem Zimmer wohnen, Man in Black.« Sie lächelte zögernd, bevor sie ihm den Rücken zuwandte, um einen Anmeldebogen herauszusuchen.
   »Man in Black? Geben Sie Ihren Gästen gern Spitznamen?«
   »Ja. Auf diese Art kann ich sie mir besser merken. Außerdem versüßt es mir den Arbeitsalltag.« Sie durchsuchte den Tisch nach dem Papier.
   »Sie wohnen auch hier?«
   »Sieht so aus. Hier, füllen Sie bitte diese Unterlagen aus. Ach, Ihren Ausweis oder Reisepass brauche ich ebenfalls.« Roxy klemmte die verschollenen Unterlagen auf ein Brett und reichte es ihm.
   »Sehr nett. Danke«, sagte er betont höflich und begann mit dem Ausfüllen.
   Sie verdrehte die Augen. Aus diesem Gast wurde sie nicht schlau. Für einen von Miller-Killers Leuten schien er zu freundlich, allerdings arbeitete er offensichtlich für die gleiche Bank. Dass er die ganze Nacht am Strand gehockt hatte, machte ihn nicht weniger verdächtig. Aus diesem Grund wollte sie, dass er das Zimmer neben ihrem bekam. Dort konnte sie ihn besser im Auge behalten. Sicher war sicher.
   Nach einigen Minuten meldete er sich und sie stand auf, um die Blätter entgegenzunehmen.
   »Sie heißen wirklich John Christian Walter?«
   »Sonst hätte ich diesen Namen nicht angegeben, Miss.«
   »Sie heißen somit wie Ihr Arbeitgeber?«
   Seine Augen weiteten sich, während er leise lachte und sich mit einem Taschentuch Schweißperlen von der Stirn wischte. »Nun, am besten, ich gebe Ihnen den Ausweis. Damit dürfte das aus der Welt sein.«
   Sie legte das Dokument auf die Fensterbank, weil sie den Kopierer anschließen musste. Im Blamieren war sie ein Supertalent. »John Christian Walter«, wiederholte sie mit einem belustigten Klang. »Bei diesem Namen ist es kein Wunder, dass Sie Vertreter oder Banker geworden sind. Alles an Ihnen schreit nach Anzugträger. Oder Politiker. Oder Manager.«
   Der Kopierer war ein klappriges Etwas, das älter war als Roxy und eine Ewigkeit brauchte, um seiner Tätigkeit nachgehen zu können. Sie musste ihm einen Tritt verpassen.
   »Ich habe mir diesen Namen nicht ausgesucht. Und ich arbeite auch nicht mehr dort. Wenn Sie sich schon über meinen Namen lustig machen, würde ich gern Ihren erfahren.« Ihn schien ihr Benehmen nicht mal ansatzweise zu stören, denn er grinste. Er bediente sich am Wasserspender und trank ein Glas in einem Zug leer.
   Roxy überlegte, ob sie sich vorstellen sollte oder nicht, und entschied sich dagegen. Es machte zu viel Spaß, diesen Fremden etwas aufzuziehen. »Miss Namenlos.«
   »Sehr erfreut, Miss Namenlos.«
   Sie musste lachen. »Ganz meinerseits, John Christian Walter. Sie bekommen die 19. Ich muss nur noch eine Kopie erstellen, dann können Sie aufs Zimmer.«
   Der Kopierer hatte ein verzweifeltes Knacken von sich gegeben, was darauf hinwies, dass er bereit war. Deswegen suchte Roxy den Ausweis in dem Durcheinander auf dem Tisch. Herrgott, sie war sich sicher, ihn obenauf gelegt zu haben. Ständig diese Verräter, die im Wirrwarr verschwanden.
   »Ich dachte, Ihr Ordnungssystem kann an Genialität nicht übertroffen werden?«
   »Das liegt daran, dass selbst ich es manchmal nicht durchschauen kann. Selbst für Einstein wäre das eine harte Nuss gewesen.«
   »Ah, Einstein. Brillanter Mann. Ich versuche mal, mit ihm mitzuhalten. Das gute Stück liegt auf der Fensterbank.«
   Sie spürte, wie ihr Blut in die Wangen schoss. Danke, verkaterter, unbrauchbarer Verstand. »Danke, Mr. Walter. Zu meiner Verteidigung, ich war dabei, alles aufzuräumen.« Sie machte zügig eine Kopie und reichte ihm den Ausweis zurück.
   »Jetzt, da ich Sie aus dieser verzwickten Lage befreit habe, wäre es doch angebracht, mir Ihren richtigen Namen zu verraten.« Er hatte etwas Siegessicheres in den Augen. Das passte zu seiner Aura. Er war jemand, der zielorientiert vorging und es nicht gewohnt war, etwas nicht zu bekommen. Zumindest würde er nicht einfach aufgeben und alles zeitnah durchsetzen.
   Solche Menschen beeindruckten Roxy, weil sie das Gegenteil widerspiegelte. Sie hatte noch nie gewusst, was sie unbedingt haben wollte oder darum gekämpft. Mit Ausnahme von diesem Hotel, mit mäßigem Erfolg und dazu gezwungenermaßen. »Wenn Sie ihn erfahren, müsste ich sie töten. Er ist top …«
   In diesem Moment öffneten sich die Schiebetüren. »Hey Roxy, alles klar? Wie ich sehe, bist du heile nach Hause gekommen.« Liam Vincent, dem die Bar gehörte, in der sie oft ihre Zeit verbrachte, hatte die Kneipe ebenfalls von seinem Vater überschrieben bekommen, nur dass dieser vor einigen Jahren einen Herzinfarkt erlitten hatte und folglich seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte.
   Liams dunkelblondes Haar fiel ihm leicht in die Stirn, in seinem Gesicht blitzen freundliche, schokoladenbraune Augen, während eine auffällige Narbe sein Kinn entzweite. Er war die wichtigste Person in Roxys Umfeld, seit ihrer Kindheit waren sie unzertrennlich. Mit seinem typisch frechen Grinsen gesellte er sich an Johns Seite und zwinkerte ihr zu.
   »Mir könnte es kaum besser gehen, Kumpel. Ist die Kneipe nach gestern Abend wieder vorzeigbar?«
   »Du würdest staunen.« Er wandte sich an John und reichte ihm die Hand. »Sie wollen ein paar Tage entspannen?«
   John lächelte. »Ich denke, es werden einige Wochen. Ehrlich gesagt habe ich mich noch nicht festgelegt.«
   Liam zuckte mit den Achseln. »Dann haben Sie sich die richtige Bleibe ausgesucht. Roxane ist die netteste Person, die ich kenne. Sie werden sicher einen angenehmen Aufenthalt haben.«
   John nickte. »Ja, das durfte ich gerade erleben.«
   Es kostete sie viel Kraft, nicht loszukichern. Sie hatte sich schrecklich peinlich benommen.
   »Ich habe dir Blumen mitgebracht. Dafür, dass ich dich gestern nicht nach Hause bringen konnte«, erklärte Liam, reichte ihr das Geschenk und steckte seine Hände in die Hosentaschen.
   »Danke. Du wirst dich wundern, aber ich kann fünfhundert Meter allein nach Hause laufen. Außerdem war Susan dabei.« Sie freute sich trotzdem, sah die violetten Tulpen an und holte eine Vase.
   »Bei betrunkenen Touristen kann man nie wissen.« Er grinste breit. »Außerdem habt ihr beide gestern selbst getrunken.«
   Roxy verdrehte die Augen. »Kann sein. Du musst mich nicht ständig begleiten. Ich komm schon klar.«
   »Sehen wir dann. Anderes Thema: Ich würde dich heute gern entführen«, erklärte Liam. Er war mies im Thementauschen. »Gleich kommt Liz und wird den Empfang übernehmen. Du bist seit zwei Wochen ununterbrochen hier. Es wird Zeit, dass wir etwas Spaß haben. Was denkst du?«
   »Ich weiß nicht.« Sie griff nach dem Schlüssel für Johns Zimmer und trat aus dem Büro in die Empfangshalle.
   »Komm schon. Meine Schwester macht ihre Sache prima.« Liam schaukelte leicht, indem er sich von der Ferse auf die Fußspitze lehnte und wieder zurück.
   Roxy seufzte. Ihm konnte sie so gut wie nie etwas abschlagen. »Eigentlich wollte ich die Unterlagen ordnen«, bemerkte sie halbherzig.
   Ein ungläubiges Lachen kam aus seiner Richtung. »Natürlich. Sehr glaubwürdig, dass du deswegen einen Tag vergeudest, anstatt Surfen oder Schwimmen zu gehen. Ich deute das als Ja.«
   Mit einem Kopfschütteln wandte sie sich an John. »Also«, lenkte sie zurück auf die Reservierung. »Sie wissen nicht, wie lange Sie bleiben möchten?«
   »Nein.«
   »Gut. Ich heiße übrigens Roxane Sanchez und werde Sie jetzt zu Ihrem Zimmer bringen.«
   »Danke, Miss Sanchez.«
   Zu dritt traten sie aus der Eingangshalle. Die Hitze erdrückte Roxy im ersten Moment. Vor ihnen erstreckten sich der große Parkplatz und dahinter der viel befahrene Highway.
   »Bist du jetzt dabei?«, hakte Liam nach und musterte sie von der Seite. Es war eine rhetorische Frage, denn er kannte sie besser als jeder andere.
   »Kann ich mir kaum entgehen lassen. Wir treffen uns gleich an deinem Auto.«
   Liam grinste. »Geht doch.«
   Roxy wandte ihm den Rücken zu und gab John zu verstehen, dass er ihr folgen sollte. Schweigsam gingen sie um das Gebäude herum. Vor dem Zimmer reichte sie ihm eine Hotelbroschüre, eine Landkarte und den Schlüssel. »Hier finden Sie die Essenszeiten. Wenn Sie am Abend gern ausgehen, empfehle ich Ihnen Liams Bar. Dort herrscht viel Trubel und sie ist ganz in der Nähe. Sie müssen rechts dem Strandweg folgen, um die Promenade zu erreichen. In zehn Tagen findet unser Lagerfeuerfest statt, mit Getränken, italienischer Küche und einer Sängerin. Wenn Sie sonst noch Fragen haben, können Sie mich gern ansprechen. Ich bin hier immer irgendwo. Ansonsten sitzt jemand anderes in der Eingangshalle und kann Ihnen weiterhelfen.«
   »Klar, Miss Sanchez. Danke.«
   Sie drehte sich um und war schon an der Ecke, als er ihr nachrief. »Möchten Sie gar kein Trinkgeld?«
   »Nein. Trinkgeld wird bei mir grundsätzlich an die Wohlfahrt gespendet. Die Spendenbox mit Informationen finden Sie bei Bedarf in der Eingangshalle.«
   Liam und Susan warteten auf dem geschotterten Parkplatz. Immerhin konnten sie sich mittlerweile wieder wie zwei normale Menschen unterhalten. Vergangenes Jahr hatten sie eine sechsmonatige Beziehung, die der gesamten Küste Kopfschmerzen bereitet hatte. Es war merkwürdig bei den beiden dilettantischen Freigeistern: Als Freunde verstanden sie sich hervorragend, als Paar hatten sie sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen und sich schlimmer als Teenager aufgeführt.
   »Susan, dich habe ich völlig vergessen. Bist du mit dem Zimmer durch?«
   »Klar. Hab die Putzmittel schon auf den Platz gestellt und Liz im Büro getroffen. Du hast heute einen freien Tag?«
   »Ich versuche, Susan davon zu überzeugen, mitzukommen«, erklärte Liam.
   Susan winkte ab. »Nein. Geht ihr lieber allein. Ich bin viel zu verkatert und denke, dass ich mich gleich schlafen lege.«
   »Macht es dir nichts aus? Du wolltest doch bei mir im Büro abhängen?« Sie bekam ein schlechtes Gewissen.
   Susan verdrehte die Augen, während ein belustigter Laut aus ihrer Kehle kam. »Ich wäre sowieso auf dem Stuhl eingeschlafen. Du weißt doch, ich stehe nicht besonders aufs Surfen.«
   Roxy zuckte mit den Schultern. »Wie du willst.«

Kapitel 2

Mit Liams orangefarbigem Ford-Geländewagen, der schon dreißig Jahre auf dem Buckel hatte, fuhren sie auf die andere Seite der Insel zum Westbeach. Dieses Stück Land war legendär bei den Surfern. Liam und sie unternahmen manchmal spontane Ausflüge dorthin und ließen die Seele baumeln. Es war ihre Zeit fernab der täglichen Verpflichtungen. Als Jungunternehmer hatten sie kaum Zeit für Freizeitaktivitäten.
   »Du errätst nie, wer sich bei mir gemeldet hat.« Liam brachte den Wagen auf dem Parkplatz zum Stillstand.
   Roxy las an seinem Gesichtsausdruck ab, dass es sich um eine Person handeln musste, die er verabscheute. Jeder, der ihn kannte, wusste, dass er ein Weltverbesserer war. Er war von Herzen offen und ehrlich, konnte auf jeden Menschen problemlos zugehen und zeigte in den unmöglichsten Situationen Toleranz und Verständnis. Seine freundliche Art musste man gern haben. »Sag nicht, dass es Emilia ist. Wenn ich damit ins Schwarze getroffen habe, werde ich ihr eine donnern.«
   »Volltreffer. Sie hat mir eine E-Mail geschrieben. Ist das nicht liebenswürdig?«
   Sie schnaubte. »Grenzenlos. Ignorier sie. Dieses dumme Nudelholz hat deine Aufmerksamkeit nicht verdient.«
   Liam blickte aus der Windschutzscheibe, trommelte mit dem Daumen gegen das Lenkrad und schien in der Vergangenheit zu schwelgen. Immer, wenn er an sie dachte, verdunkelten sich die sonst so fröhlichen Züge.
   Es lag fünf Jahre zurück, als Emilia mit ihren Eltern bei Roxy im Hotel eingecheckt hatte. Sie war eine dunkle Schönheit mit brasilianischen Wurzeln und einem bissigen Humor. Sie war in ihrem Alter gewesen, deshalb hatte Roxy sie mit zu Liams Bar genommen. Sie verliebten sich, waren verrückt nacheinander und verbrachten jede freie Minute miteinander. Sie war die Eine, die Liam von ganzem Herzen geliebt hatte. Es ging so weit, dass er und Roxy zum ersten Mal stritten. Sie gerieten aneinander, weil sie ihn vor Emilias Abreise gewarnt hatte.
   Er hatte es nicht verstanden. Liebe machte blind und naiv.
   Nach vier Wochen gemeinsamer Zeit machte dieser durchgeknallte, damals zwanzigjährige Kerl ihr einen Heiratsantrag. Emilia nahm an und blieb auf Gratia. Gemeinsam bezogen sie die kleine Wohnung über der Bar. Nach einigen Monaten hatte sie ihm ohne Vorwarnung einen Brief hinterlassen und flüchtete zurück nach Hause, während Liam seinem Vater bei Besorgungen geholfen hatte. Emilia hatte ihm geschrieben, dass ihr das Leben hier nicht ausreichte. Sie erhoffe sich mehr vom Leben, als die einfache Frau eines Barbesitzers zu sein. Es täte ihr leid. Natürlich. Miststück.
   Nur war er es, der immer noch in dieser Wohnung lebte, sich lange nach ihrer Abreise an die gemeinsamen Momente erinnern musste, weil er zwangsläufig täglich damit konfrontiert wurde. Die Bar, der Strand, die rustikale Altstadt. Alles hatte ihn an sie erinnert. Und sie? Tja, sie hatte diesen Ort hinter sich gelassen, ihn vergessen und sich ein neues Leben aufgebaut. Sie hatte sich sogar einen Namen als Journalistin in England gemacht.
   Freunde hatten versucht, Liam damit aufzuheitern, indem sie ihn auf die Jugend aufmerksam machten und dem die Schuld gaben. Allerdings war es eine absurde Art, Emilias Verhalten zu rechtfertigen. Jung, na und? Sie hätte nie seinen Antrag annehmen und ihm das Herz brechen sollen, indem sie wie eine Kriminelle über Nacht verschwand. Die Krönung war, dass sie das gesamte Geld, von beiden mühsam für die Hochzeit angespart, mitgenommen hatte.
   Es war immer das Gleiche, wenn sich eine Liebe zwischen Touristen und Einheimischen bildete. Solange die Sonne und die Atmosphäre die Gefühle ankurbelten, war alles wunderschön und rosarot. Wenn die Urlauber abreisten, verletzte es den Einheimischen und dieser musste die Zeit an dem Ort vergessen, wo diese einzigartigen Momente entstanden waren. Und die Urlauber? Sie ließen sie und diesen Ort auf ewig zurück, vergaßen diese Zeit oder nannten es Sommerliebe.
   Eine Woche nach Emilias Verschwinden hatte Liam mit Roxy am Strand gesessen. Sie reichten sich die Hände, beschlossen, nie wieder einen Touristen an sich heranzulassen und sich gegenseitig vor diesem Herzschmerz zu beschützen. Es machte Roxy fassungslos, dass Emilia es wagte, ihn nach fünf Jahren Schweigen zu kontaktieren.
   Liam starrte blicklos aus der Scheibe.
   Ihr Herz schwoll bei seinem Anblick an, darum hakte sie sich bei ihm unter und legte den Kopf an seine Schulter. Sein Geruch war ihr vertrauter als jeder andere. »Was hat sie geschrieben?« Sie sah ebenfalls aus dem Fenster.
   Der Parkplatz lag direkt am Strand, deswegen beobachtete sie ein paar Surfer, wie sie versuchten, sich auf den Brettern zu halten.
   »Sie hat gefragt, ob sie mir das Geld erstatten soll.« Er griff nach ihrer Hand, sie verschränkten die Finger ineinander und er küsste ihren Handrücken.
   »Nach fünf Jahren? Wie gutherzig. Sie sollte den Friedensnobelpreis bekommen.«
   Aus Liams Kehle entrang sich ein amüsierter Laut, dem ein langer Seufzer folgte.
   »Hat sie noch etwas gewollt?« Roxy spielte an dem Lederarmband, das sie ihm auf der Highschool geschenkt hatte.
   »Nur die üblichen Floskeln. Wie es mir geht und was ich so treibe. Nichts von Bedeutung.«
   Angewidert senkte sie den Blick auf ihre Füße. »Ich bin kein aggressiver Mensch. Du kennst mich. Aber sollte dieses emotionslose Ding noch einmal hier aufkreuzen, werde ich zum ersten Mal meine Fäuste einsetzen.«
   Liams Lachen platzte aus ihm heraus. »Das möchte ich gern sehen. Damit hätten wir die kleinste Faust gegen den Rest der Welt.«
   Sie löste sich, um ihm einen Schlag gegen den Oberarm zu platzieren.
   Er hob die Hände nachgiebig. »Na gut, überzeugt. Mit einer Maus würdest du es aufnehmen können.«
   »Ha!« Schmollend lehnte sie sich in den Sitz zurück, bis ihr etwas Geeignetes einfiel und sie schnippte. »Ich weiß, wie wir uns an ihr rächen können.« Erwartungsvoll musterte sie ihn von der Seite. Er zog ein Gesicht, als ahnte er nichts Gutes. Zugegeben, ihre Ideen waren nicht immer umsetzbar oder sogar erwachsen. »Etwas Vertrauen musst du mir entgegenbringen, Kumpel.«
   »Okay. Lass hören.«
   »Weißt du noch, wie eifersüchtig sie ständig war, wenn es um mich ging?«
   Er nickte.
   Sie musste grinsen. »Dann antworte ihr. Schreib ihr, dir ginge es phänomenal. Erzähl ihr, dass wir beide letztes Jahr geheiratet und uns ein Haus neben dem Hotel gekauft haben. Denk dir etwas Glaubwürdiges aus. Sie wird vor Wut kochen, wenn sie erfährt, dass ausgerechnet wir geheiratet haben.«
   Er reagierte mit hochgezogenen Augenbrauen. »Auf solche Ideen kommst nur du.« Er warf ihr einen weichen Blick zu und nahm ihr Gesicht in die Hände, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu drücken.
   »Dieser Plan ist genial. Sie hat es nicht anders verdient.«
   »Einverstanden. Ich werde ihr antworten. Deinetwegen.«
   »Sehr gut. Dann wird sie sich nie wieder melden. Und jetzt komm, die Wellen vermissen uns.«
   Sie stiegen aus und gingen ums Auto herum.
   »Roxy«, murmelte er, als er die Bretter von der Ladefläche beförderte.
   »Was ist los?«
   »Unser Pakt steht noch, oder?«
   Sie blinzelte ihn verwundert an, weil sie nicht wusste, worauf er hinauswollte. Sie hatten sicher seit vier Jahren nicht mehr darüber gesprochen. Es war eine Selbstverständlichkeit. »Natürlich. Wie kommst du darauf?«
   Er lehnte die Bretter gegen den Kotflügel und schlug die Heckklappe zu. »Ich habe diesen Sommer ein seltsames Gefühl. Das ist alles. Irgendetwas steht bevor.«
   Roxy zwickte ihm in den Bauch und musste es sich verkneifen, nichts Foppendes zu erwidern. »Das liegt an ihrer unnötigen Nachricht. Antworte ihr und vergiss sie. Du wirst noch eine Frau finden, die dieses Leben und dich lieben wird. Weißt du, es gibt auch verrückte Menschen auf der Welt.«

Am Abend half Roxy in Liams Bar aus. Diese erinnerte an die Pubs in London aus den wilden siebziger Jahren. Liams Vater Peter hatte sich in seiner Jugend in diese Stadt verliebt und sie sozusagen mit nach Gratia gebracht. Viele schwarz-weiße Bilder aus England schmückten die Wände, Lampen im Design einer englischen Biersorte funkelten an der Decke und die Musik spiegelte es wider. Es schien nicht nur den Einheimischen zu gefallen, der Laden platzte vor Touristen. Bill saß auf seinem typischen Eckplatz, mit der gleichaltrigen Witwe Dolly, die mehr Make-up trug, als Roxy jemals besessen hatte. Die beiden waren für ihre lebhaften Geschichten, die oft unter die Gürtellinie gingen, bekannt und gefürchtet. Sie beschlagnahmten gerade zwei neue Opfer, natürlich Reisende, die anscheinend genug Höflichkeit besaßen und ihnen zuhörten, anstatt das Weite zu suchen. Dolly befeuchtete die knallroten Lippen und bückte sich flirtend über den Tisch, wobei ihre üppigen Brüste auf der Tischfläche landeten. Sie warf dem fremden Mann einen verstohlenen Blick zu, der ihn bis auf die Knochen erröten ließ.
   Liam stupste Roxy mit der Schulter an und deutete auf das schräge Duo. »Ich bin gespannt, wann Bill Dolly endlich seine Liebe beichtet«, erwähnte er und wischte mit dem Lappen über den Tresen. Er lächelte.
   »Wie kommst du denn darauf? Er ist doch unser ewiger Junggeselle und kann die Finger nicht von Frauen lassen.«
   Liam lachte und reichte zwei jungen, blonden Beachgirls Schnapsgläschen. »Und weshalb wohl? Mein Vater hat mir erzählt, dass die beiden die gesamte Schulzeit ein Paar gewesen sind. Kurz vor dem Abschluss haben sie sich richtig gestritten. Daraufhin hat Dolly aus Wut einen anderen Mann geheiratet. Er ist sehr früh verstorben und so zog sie hierher zurück. Du kennst ihr Temperament. Für sie gibt es keine Grenzen. Vater meinte sogar, dass Bill nach ihr keine offizielle Freundin mehr hatte. Ich habe die beiden im Auge behalten und das liefert mir die Bestätigung. Man sieht ihnen die Vergangenheit an.«
   Er hatte schon immer die Menschen beobachtet und das erkannt, was die meisten viel zu oft übersahen. Roxy fragte sich, wieso es ihr nicht vorher aufgefallen war. Bills Art, seine Angebetete zu betrachten, oder die ständigen Berührungen der Hände und Schultern. Vielleicht verbrachten sie aus diesem Grund jeden Abend gemeinsam, weil sie sich seit einer Ewigkeit liebten und es voreinander verschwiegen. »Mag sein. Irgendwie passen sie zusammen.«
   Liam legte ihr einen Arm um die Schultern und drückte sie an seinen Körper. »Vielleicht sollten wir wirklich heiraten. Wir sind wie Dolly und Bill. Unzertrennlich, seit siebzehn Jahren.«
   Kichernd kniff sie ihm in den Bauch und befreite sich aus dem Griff. »Du hast zu viel getrunken.« Sie schmunzelte. »Wir haben eine ganz andere Verbindung zueinander als ein Liebespaar. Für uns ist eine Liebesgeschichte zu unsicher.«
   »Kann sein. Für mich bleibst du auf ewig das kleine Mädchen auf der Schaukel.« Er verschwand mit einem Tablett nach draußen, um dort die Tische mit Getränken zu versorgen.
   Roxy reichte einem Mann zwei Bier über die Theke und spülte einige Gläser.
   Im nächsten Moment saß John Walter an der Bar. Er schien geschlafen zu haben, die dunklen Schatten unter den Augen waren verschwunden. Sein Haar hatte er gestylt. Er trug ein cremefarbenes Hemd, kombiniert mit einer dunklen Anzughose. Es kam nur selten vor, dass sich jemand mit einem eleganten Kleidungsstil hierher verirrte. Schlecht sitzende Hawaiihemden, Kleider in Rollwurstdesign, ausgeleierte und giftgrüne Cordhosen passten dagegen hervorragend in diesen Pub.
   Er lächelte, als sich ihre Blicke kreuzten. »Miss Sanchez, hier arbeiten Sie auch?«
   Sie wechselte die halb leere Nussschale vor ihm gegen eine neue aus und erwiderte das Lächeln. »Nicht offiziell. Ich helfe hin und wieder aus. Susan, meine Freundin, hasst es, Kellnerin zu spielen, deshalb sitzt sie im Empfang. Die Bar gehört Liam, den Sie beim Einchecken kennengelernt haben. Was darf es denn sein, Mr. Walter?«
   »Ich nehme ein Bier, bitte.« Er lehnte sich gelassen an den Tresen. »Was tun Sie sonst noch, außer hier auszuhelfen, sich vor dem Papierkram zu drücken und ein Hotel zu leiten?«
   Roxy spürte, wie ein Grinsen auf ihren Zügen entstand. »Ich denke mir Spitznamen für die Reisenden aus.« Sie reichte ihm das Bier und nahm das Geld entgegen. Das Trinkgeld stopfte sie in die Box der Wohlfahrt. Ein weiterer Pakt zwischen Liam und ihr.
   John schmunzelte. »Davon wurde ich Zeuge. Nein, Opfer.«
   »Opfer? Ich finde, dass Man in Black harmlos ist. Da habe ich schon schlimmere Spitznamen verteilt.«
   Liam kam zurück und deutete mit dem Kopf auf einen Tisch, wo sich eine Gruppe von Frauen niederließ.
   Junggesellenabschied, erkannte Roxy an den schrecklichen Kostümen. Sie standen auf Disneymärchen und grässliche Prinzessinnenkleider.
   »Kannst du den Tisch übernehmen? Ich muss kurz hoch zu Dad. Ich beeile mich.«
   Sein Vater brauchte Medizin und Hilfe beim Waschen. »Natürlich. Geh schon. Grüß ihn von mir.«
   »Mr. Walter, sehen Sie die Dame mit dem asiatischen Kleid dort drüben?«, fragte sie, zog ein Notizbuch aus einer Schublade und deutete mit dem Kopf in die gewünschte Richtung.
   »Die Dunkelhaarige?«
   Sie nickte schmunzelnd. »Sie hat vor einer Woche bei mir eingecheckt. Loreen Perces, eine Dänin. Sie ist die Geisha. Kennen Sie den Film, in dem sich die Damen blass schminken und ihre Jungfräulichkeit verkaufen? Sie sieht aus, als hätte sie dort mitgespielt. Jeden Morgen beobachte ich sie am Strand, wie sie verzweifelt versucht, mit weißem Puder die gebräunte Haut zu überdecken. Echt witzig.«
   »Jetzt, wo Sie es sagen, erkenne ich gewisse Ähnlichkeiten.«
   Roxy bückte sich verschwörerisch über den Tresen, damit niemand sonst ihre Stimme hören konnte. »Oder der Mann, der fünf Plätze weiter am Fenster sitzt. Seinen richtigen Namen habe ich vergessen, aber das ist nicht wichtig. Für mich ist er Charlie Sheen. Er wohnt seit drei Wochen im Hotel und hat bestimmt schon zehn Frauen abgeschleppt. Und nicht gerade unattraktive. Die meisten waren sogar in meinem Alter, obwohl er fünfzig ist. Keine Ahnung, was er den Damen bietet. Sie scheinen es aber zu mögen.«
   Ihr Gegenüber wirkte beeindruckt. »Nicht übel. Hat er es auch bei Ihnen versucht?«
   Roxy öffnete lachend die niedrige Schwingtür aus dunklem Holz, die Gäste davon abhalten sollte, sich selbst zu bedienen. »O ja, das hat er. Erfolglos. Bei meiner Mutter war das anders. Leider Gottes.« Sie ging zu dem Frauentisch, nahm die Bestellung entgegen und holte im Eiltempo die gewünschten Getränke. Es war schrecklich viel los und sie musste von einer Ecke in die nächste rennen.
   »Roxy! Eine Runde Wokis«, rief Bill mit hochrotem Kopf. Das normale Wort für Wodkapinnchen war den Einheimischen zu lang. Sonne und Faulheit vertrugen sich bestens.
   »Bist du dir sicher, dass du noch welche verträgst? Nicht, dass Dolly dich tragen muss. Die Arme wird es nicht überleben, bei deinem stolzen Gewicht«, rief sie zurück und hievte ein Tablett voll Biergläser auf den Nachbartisch.
   Bill schnaubte. »Ich vertrage noch Flaschen von dem Zeug. Keine Sorge. Der Erfinder von Wodka hat bei seiner Idee an mich gedacht.«
   Bevor sie mit den Wokis zu Bills Tisch laufen konnte, hielt Liam sie auf und nahm ihr die Last ab. »Ich mach das schon. Danke. Bleib an der Bar.«
   Roxy befolgte seine Anweisung, denn dort war auch genug zu tun. Schließlich musste sie sich immer die neusten Storys der Männer anhören und sie mit ausreichend Stoff versorgen. Reinhard Block, ein Elektriker, der oft die Buchstaben im Hotel reparierte, hatte sich zum tausendsten Male von seiner Freundin getrennt. Und Johann Windhaus, sein bester Freund, konnte an diesem Tag eine große Beute Fische aus dem Wasser ziehen. Das waren typische Männergeschichten hier in der Gegend.
   Roxy sah das leere Glas vor John und griff danach. »Möchten Sie ein neues Bier?«, fragte sie zweimal, weil er es nicht sofort gehört hatte.
   Er blickte von der Landkarte auf, die vor ihm ausgebreitet lag. Zwei junge Blondinen tuschelten neben ihm und betrachteten ihn verstohlen. Bei seinem Aussehen kein Wunder. John sah erst zu Roxy und schließlich glitt sein Blick flüchtig zu den Frauen. Kaum schenkte er ihnen Aufmerksamkeit, setzten sie ein verführerisches Gesicht zur Schau und klimperten mit den schwarzen verklebten Wimpern. Ihn schien es nicht zu interessieren, denn er wandte sich an Roxy. »Ja, danke. Entschuldigen Sie. Ich habe mir Orte in der Karte markiert, die ich gern besichtigen möchte.«
   »Nicht der Rede wert.« Nachdem sie das Bier gezapft hatte, betrachtete sie neugierig die Karte.
   John bemerkte es und drehte sie zu ihr um. »Was denken Sie, habe ich mir die richtigen Objekte ausgesucht?«
   »Objekte.« Sie schmunzelte. »Reden Sie in Ihrer Freizeit immer wie bei einem Geschäftsessen?«
   John lachte. »Kann gut sein. Diese Sprache wurde mir in die Wiege gelegt. Ich glaube mich zu erinnern, dass Meeting mein erstes Wort gewesen ist. Was sagen Sie zu meinem Plan?«
   Sie zog ihm den Kugelschreiber aus der Hand und zeichnete zwei weitere Orte ein, die es verdient hatten, gesehen zu werden. Es waren welche, die nur Insider kannten und die meisten Touristen nicht zu Gesicht bekamen. Darunter Westbeach. Eine Freizeitmöglichkeit strich sie durch. »Wenn Sie es mögen, für eine Rundfahrt zu viel zu bezahlen, können Sie mitfahren. Ich würde Ihnen aber empfehlen, lieber von der Promenade mit dem Schiff Amanda zu starten, anstatt direkt vor dem Hotel mit Clara. Der Kapitän, Amando Russ, erzählt während der Fahrt interessante Geschichten und bietet köstliches Essen preiswert an. Mit den anderen liegen Sie richtig. Und die beiden, die ich ergänzt habe, kennen die meisten nicht. Allerdings kann ich behaupten, dass es die schönsten Orte sind.«
   John musterte sie mit seinen himmelblauen Augen, die einen gewissen Glanz beinhalteten, den sie nicht deuten konnte. »Wie habe ich mir denn Insiderwissen verdient?«
   Sie verdrehte die Augen. »Danken Sie mir nicht zu früh, Mr. Walter. Vielleicht habe ich Ihnen die schrecklichsten Orte der Welt eingezeichnet und belüge Sie, um mir einen Spaß daraus zu machen.«
   Er schüttelte den Kopf und trank einen Schluck Bier. »Behandeln Sie Ihre Gäste immer wie mich? Sie sind sehr skeptisch.«
   »Nein, eigentlich nicht. Ich bin sogar bekannt dafür, ganz nett zu sein.« Er hatte sie durchschaut. Sie versuchte, es zu überspielen, indem sie über den Tresen wischte. Sie fühlte sich schrecklich, weil er ihre Bedenken nicht verdient hatte. Zumindest noch nicht.
   »Wie beruhigend.«
   Roxy grinste ihn frech an und bediente die anderen Männer, die förmlich darum bettelten, einen weiteren Drink zu bekommen.
   Zwei Stunden später kam Rosalie, eine Angestellte der Bar, die sie ablöste.
   Liam sah sie entschuldigend an, während sie die Schürze an Rosalie überreichte. Es war erst Mitternacht und das Ende der Feier noch nicht in Sicht. »Ich werde nicht wegkönnen, Roxy. Es tut mir leid. Ich kann dich nicht begleiten. Schon wieder.« Er wirkte nicht glücklich darüber und ließ den Blick über die Gäste gleiten, als überlegte er, doch kurz zu verschwinden.
   »Das musst du auch nicht. Ich kann allein gehen. Bleib hier und mach dir keinen Kopf.«
   Dieses Verhalten war typisch für ihn. Er wollte sie schon immer vor allem beschützen und begleitete sie damals täglich von der Schule nach Hause, obwohl es für ihn ein Umweg war. Nach all den Jahren hatte sich nichts daran geändert.
   »Ich könnte Miss Sanchez begleiten. Ich wollte sowieso zurück«, meldete sich John zu Wort und tauchte hinter Liam auf.
   Liam musterte ihn einige Sekunden lang und nickte schließlich. »Wieso nicht? Sie machen einen guten Eindruck. Schreib mir, wenn du da bist, damit ich Gewissheit habe. Bis Morgen.«
   »Mach ich. Lass nichts anbrennen.«
   John hielt ihr die Tür auf und bestand charmant darauf, ihr den Rucksack abzunehmen. Er war ein Gentleman. Sie mochte Männer der alten Schule.
   Nach der Hitze in der Bar tat die frische Luft unglaublich gut. Stillschweigend ließen sie die überfüllte Promenade und den Weg aus Holz vorbei an der Rettungsstation hinter sich. Am Strand zog Roxy die Sandalen aus. Nach der Lautstärke in der Bar war die Stille beim Spazierengehen angenehm und nicht bedrückend. Sie spähte in Johns Richtung. Durch das fahle Licht des Mondes war seine Mähne rabenschwarz und betonte die Augen, sie leuchteten in dieser reinen, klaren Farbe.
   Obwohl sie ihn kaum kannte, fühlte sie sich gut an seiner Seite. Es war merkwürdig. Vielleicht lag es an seiner stattlichen Größe von einem Meter neunzig oder an seinem Erscheinen im Allgemeinen. Er vermittelte das Gefühl, ihm vertrauen zu können, trotz seines Berufes. Außerdem hatte es Roxy überrascht, dass Liam zugestimmt hatte. Bei Touristen war er generell skeptisch, wenn es um sie ging.
   Sie vertagte den Gedanken und fragte sich stattdessen, wie jemand so viel Stoff bei diesem Wetter tragen konnte. Langärmliges Hemd, bodenlange Stoffhose und geschlossene Lackschuhe. Keine Ahnung, weshalb, aber sie hatte noch nie etwas Gutes an Lackschuhen bei Männern finden können. Es waren überflüssige High Heels für Herren.
   Ihr neuster Hotelgast trug sie sogar auf dem Sand. Es gehörte nicht zu ihren Eigenschaften, lange über etwas nachzudenken, deshalb verlangsamte Roxy die Schritte und blieb stehen.
   John sah sie an. »Haben Sie etwas vergessen? Sollen wir umdrehen?«
   Sie schüttelte den Kopf und deutete auf seine Treter. »Was tun Sie nur Ihren Füßen an? Bitte ziehen Sie die Schuhe aus. Es gibt kein schöneres Gefühl, als den lauwarmen und weichen Sand in der Nacht unter den Füßen. Und Sie stampfen hier mit Ihren Lederschuhen durch die Gegend wie Arnold Schwarzenegger in Terminator. Die Küste muss man spüren.«
   Er lachte. »Ich soll die Schuhe ausziehen? Darüber haben Sie nachgedacht?«
   »Machen Sie Witze? Ich habe noch nie jemanden getroffen, der solche Schuhe am Strand trug.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und musste es sich verkneifen, nicht zusätzlich das Kinn hervorzuschieben.
   Er schien an ihrer Ernsthaftigkeit zu zweifeln, denn er musterte sie eindringlich.
   »Sie werden sehen, dass es lohnenswert ist. Nur zu. Vorher werde ich nicht weitergehen. Sie müssen es erleben, um es zu verstehen.«
   Er hob die Hände seufzend, kniete sich hin und öffnete die Schnürsenkel. »Hm.« Zuerst beäugte er seine Füße im Sand und schließlich Roxy. »Ich muss zugeben, dass Sie recht haben. Es ist irgendwie … befreiend und sehr angenehm.«
   »Gut. Dann kommen Sie. Ich bin hundemüde.«
   Den restlichen Weg verbrachten sie wieder schweigend, bis sie an ihren Zimmern ankamen. Roxy hatte den Schlüssel bereits ins Schloss gesteckt, als sich John gegen die Wand zwischen seiner und ihrer Tür lehnte.
   »Darf ich Sie etwas fragen, Miss Sanchez?«
   »Klar. Was gibt’s?«
   »Was würden Sie davon halten, mit mir essen zu gehen?«
   »Sie möchten mit mir essen gehen? Warum?« Sie verstand seine Gelassenheit und Freundlichkeit nicht, schließlich hatte sie ihm nicht gerade ihre freundlichste Seite gezeigt.
   John lachte leise, stieß sich von der Wand ab und wandte sich ihr zu. Er war hervorragend darin, besonders lässig rüberzukommen. Richtig charismatisch. »Wieso nicht? Sie faszinieren mich.«
   »Sie kennen mich überhaupt nicht.«
   »Sie haben recht. Das möchte ich aber gern ändern. Wie wäre es mit einem Abendessen morgen oder übermorgen? Sie suchen sich das Restaurant aus. Ich habe mir sagen lassen, dass das Sommernacht gut sein soll. Aber Sie wissen wahrscheinlich besser, wo das Essen erstklassig ist. Was denken Sie?«
   Sommernacht war ein überteuerter und prahlerischer Laden, den vor allem wohlhabende Menschen besuchten.
   Sie betrachtete John. Sein Aussehen war mehr als nur attraktiv. Dieses volle kaffeebraune Haar und dazu der Kontrast zu diesen himmelblauen Augen. Seine markanten Kieferknochen und der durchtrainierte Oberkörper. O ja, er sah heiß aus. Er war aber nicht der erste gut aussehende Tourist, der von ihr angetan war und versucht hatte, mit ihr auszugehen oder sie zu einem Abenteuer zu verführen. Sie hatte noch nie ein Date oder eine heiße Liebesnacht mit einem Reisenden. Und das würde sie auch für ihn nicht ändern, auch wenn er verdammt gut aussah und kein unangenehmer Zeitgenosse zu sein schien. Im ersten Moment hätte sie ihn nicht so eingeschätzt, aber John besaß Humor. Sie mochte Menschen mit Humor. Diese schlichen sich viel zu schnell in ihr Herz und blieben dort. »Entschuldigung, Mr. Walter, aber ich verabrede mich nicht mit Touristen. Hab ich noch nie. Schönen Abend noch und danke fürs Heimbringen.« Roxy lächelte, bevor sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug.

Kapitel 3

Es war später Vormittag, als Roxy vor der Bar auf Liam wartete. Vor einer Stunde hatte er angerufen und sie gebeten, mit Peter zum Arzt zu fahren. Sie saß auf einem Stuhl neben dem Eingang und beobachtete die Gäste. Die Sonne schien, zur Erfrischung wehte ein sanfter Wind.
   Die Tür öffnete sich geräuschvoll. Roxy sprang auf, um sie aufzuhalten, damit Liam seinen Vater im Rollstuhl besser herausschieben konnte. Peter war seit dem Herzinfarkt furchtbar schwach, konnte keine zehn Meter laufen, bevor er Atemnot bekam und in Schweiß ausbrach. Er war erst dreiundfünfzig gewesen, hatte vor dieser Attacke immer viel Sport getrieben und gesund gelebt, sich ehrenamtlich engagiert und liebte Fußball, unternahm Segeltouren und las zahlreiche Bücher. Es brach ihr das Herz, ihn in diesem Zustand zu sehen. Es war vier Jahre her und trotzdem wurde es kaum leichter. Momentan konnte er nicht einmal ein Buch lesen, weil seine Konzentration und das Augenlicht nicht mehr ausreichten. Das Schicksal war ein mieser Richter, der die falschen Menschen verurteilte. Er war für Roxy immer wie ein Vaterersatz gewesen und deshalb half sie Liam gern bei solchen Verpflichtungen. Peters stachliges Haar hatte längst die Farbe verloren und schimmerte weiß in der Sonne. Er verbreitete den Geruch von Minze.
   »Keine Ahnung, was ich ohne dich tun würde. Ich kann hier nicht weg und dieser Termin ist wichtig«, erklärte Liam und schob den Rollstuhl in Richtung Carport.
   Roxy nahm ihm den Rucksack ab und versuchte, Schritt zu halten.
   »Hallo Kleines«, begrüßte Peter sie und lächelte. Seine Stimme war sehr dünn, kaum hörbar wegen der Touristen auf dem Gehweg.
   »Du siehst gut aus. Hat die Physiotherapie angeschlagen?«
   »Etwas. Ich kann den linken Arm besser heben. Und ich komme in Bewegung.«
   Sie drückte seine Schulter. »Das ist gut. Mach dir keine Gedanken, Liam. Ich mach das mit Vergnügen.«
   Er warf ihr einen dankenden Blick zu, obwohl sie abwinkte.
   Liam half seinem Vater beim Einsteigen, während Roxy den Rollstuhl zusammenfaltete und ihn auf die Ladefläche des Geländewagens hievte.
   »Lass dir die neue Dosierung der Medikamente genau erklären oder am besten aufschreiben. Und achte bitte darauf, dass sie ihn nicht zu sehr anstrengen und mit Fragen bombardieren.«
   Sie nickte. »Ich werde mit Peter in die Altstadt fahren, wenn er möchte. Wir waren lange nicht mehr dort. Oder denkst du, dass es im Moment nicht gut für ihn wäre?«
   Liam suchte den Schlüssel in der Hosentasche. »Musst du nach dem Arztbesuch abwägen. Wenn es nicht zu belastend wird, wird er sich sicher freuen. Achte nur darauf …«
   »Dass er nicht zu lange in der Sonne sitzt und ausreichend trinkt. Schon klar«, unterbrach sie ihn und lachte.
   Er reagierte mit Kopfschütteln. »Ich rede Unsinn. Ruf mich an, wenn es Schwierigkeiten gibt.«
   »Ist gut. Bis später. Genehmige dir etwas Ruhe, bevor der Steuerberater kommt.«
   Der Arztbesuch verlief problemlos und Peter stimmte erfreut zu, noch zur berühmten Altstadt zu fahren. Wie sie liebte er die verwinkelten Gassen und die kleinen Boutiquen, die altertümliche Architektur und die Cafés mit ihrem rustikalen Mobiliar. Immer, wenn sie Zeit mit ihm verbrachte, spazierten sie als Erstes zu der alten St. Lorenz Kirche, die erstmals im dreizehnten Jahrhundert auf einer päpstlichen Urkunde erschienen war. Sie befand sich nur einen Katzensprung vom Hafen und der Promenade entfernt.
   Bei einer Bank in dem weitläufigen Park der Gemeinde blieb Roxy stehen, betätigte die Bremse am Rollstuhl und setzte sich. Schweißperlen standen auf Peters Stirn, die sie mit einem feuchten Taschentuch wegwischte. Sie reichte ihm Wasser in einem Becher. »Wird es dir zu viel?«
   Er schüttelte den Kopf und musterte sie mit diesen Augen, die trotz körperlicher Schwächen voller Lebensenergie leuchteten und Wärme ausstrahlten. Liam hatte einiges von ihm geerbt. »Es ist schön hier. Ich habe diesen Park vermisst. Sorg dich nicht so viel. Du machst meinem Sohn harte Konkurrenz.«
   Ertappt lächelte Roxy und lehnte sich zurück. »Er kann nicht überboten werden.«
   »Das stimmt. Wie geht’s dir, Kleines?«
   »Gut. Die Hauptsaison hat angefangen und die Hälfte der Zimmer sind bereits belegt.«
   »Das höre ich gern. Wie geht es Monika?«
   Sie beobachtete die kristallförmigen Blätter bei ihrem Tanz am Baum, der durch den warmen Wind verursacht wurde. »Es geht, Peter. Sie bleibt immer lange weg und kann die Finger nicht vom Alkohol lassen.« Und Männern.
   Er strich sich die Falten der Jeans weg. »Vielleicht hätte ich besser auf sie achtgeben sollen, wie Liam bei dir. Wir waren auch sehr eng befreundet, damals. Vielleicht nicht wie ihr beide, aber doch ausreichend.«
   Sie drückte seine Schulter. »Du kannst nichts dafür. Monika muss ihr Leben selbst wieder auf die Reihe bekommen. Das wird schon.«
   »Vielleicht hast du recht. Sie ist eine tolle Frau und wird schon wissen, was sie tut. Bis jetzt hat sie immer alles geschafft, was sie sich in den Kopf gesetzt hat.«
   »Kann sein. Wir reden kaum noch miteinander. Ach, es ist nur eine negative Phase.«
   Kurzzeitig blieb es still und Roxy beobachtete die Möwen am Himmel. Sie segelten elegant durch die Luft, frei von Sorgen und Zwangslagen. Manchmal wünschte sie, mit ihnen tauschen zu können.
   »In der Kirche gibt es eine Selbsthilfegruppe, die über gewisse Probleme spricht. Alkohol, Depressionen, Sinn des Lebens. Vielleicht erzählst du ihr davon.«
   Sie seufzte. Solche Gesprächsthemen prallten an ihr ab. »Ich denke nicht, dass sie mir zuhören wird. Ist es der ehrenamtliche Verein, für den du früher tätig warst?«
   »Ja. Die Mitarbeiter sind sehr nett und verständnisvoll.«
   »Kann ich mir vorstellen. Ich versuche, es ihr zu sagen. Vielleicht hilft es.« Sie hatte wenig Hoffnung und setzte nicht gerade auf den Verstand ihrer Mutter. Wenigstens konnte sie Peter mit dem Versuch besänftigen.
   Sie blieben einige Zeit lang sitzen, bis sie sich auf den Weg in ein Café machten. Peter mochte das Piccio und kannte den Besitzer gut. Aus diesem Grund nahm sich Roxy besonders viel Zeit, ließ die Männer bei ihrer Unterhaltung allein und schnupperte in den naheliegenden Geschäften. Sie erlaubte sich, ein reduziertes Kleid zu kaufen, weinrot, sommerlich leicht und mit Spaghettiträgern. Bei zwanzig Dollar ging das schon klar.
   Nach einer Stunde holte sie Peter ab, der sichtlich müde war, und brachte ihn nach Hause. Liam brachte seinen Vater in die Wohnung und bestand darauf, sie heimzubringen.
   Im Empfang saß anstelle von Will zu ihrer Überraschung ihre Mutter. Sie trug eine Reservierung ein. »Ach, Roxy. Du bist früh dran.«
   Roxy holte sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. Ihre Verwunderung über Mums plötzlichen Drang, mit anzupacken, versuchte sie, sich nicht anmerken zu lassen, obwohl sie ihr am liebsten etwas Gemeines und Wütendes an den Kopf geworfen hätte. Es kam so selten vor, dass sie es nicht gleich wieder zerstören wollte. »Ich habe den Tag mit Peter verbracht, und weil Liam heute keine Hilfe in der Bar braucht, bin ich schon hier.«
   Monika erhob sich vom Stuhl und reichte einem Hotelbewohner den Schlüssel, bevor sie sich zu ihr drehte. »War es schön?«
   Roxy roch den Alkohol aus ihrem Mund. Sie hasste es, wenn sie schon nachmittags etwas intus hatte. Reichte ihr der Abend nicht mehr aus? Es wurde schlimmer und schlimmer. »Ja. Wir waren an der St. Lorenz Kirche und im Café von Michael Cremer. Ich habe ein Kleid gekauft.« Sie hielt inne und überlegte, wie sie ihr schonend Peters Ratschlag beibringen konnte. Roxy verabscheute es, zu lügen, und deswegen musste sie es zwangsläufig irgendwann zur Sprache bringen. »Er hat mir von einem ehrenamtlichen Verein erzählt, für den er früher tätig war. Scheinen nette Leute zu sein. Sie sprechen über Probleme und so etwas.«
   An der Art, wie Mum ihre Lippen aufeinanderpresste, erkannte Roxy, dass sie genau wusste, worauf sie hinauswollte. Und es ärgerte sie.
   »Sehr schön. Möchtest du mir damit sagen, dass ich zu diesen Beknackten gehen und ihnen meine Probleme erzählen soll?« Ihre Stimme klang abschätzig.
   Roxy stöhnte innerlich auf. Wieso konnte sie nicht lügen? Es wäre problemloser gewesen. »Vielleicht. Es ist nicht grundlos, oder?«
   Ein fassungsloser Laut entrang sich ihrer Kehle. »Du hast Gründe, die da wären? Bin ich eine schlechte Mutter, eine schlechte Partnerin oder was ist dein Problem?« Etwas Anklagendes haftete an ihren seegrünen Augen, während die Hände zittrig das schlecht sitzende Shirt zurechtzupften.
   »Das behaupte ich überhaupt nicht. Du bist immer betrunken und lässt dich hier kaum blicken.« Roxy überspielte ihr Mitleid, indem sie vorgab, ihre Handtasche nach dem Handy zu durchsuchen.
   »Darin unterscheidet sich unsere Sicht auf die Dinge. Ich habe lange für dich und das hier gelebt. Jetzt hole ich meine Zeit nach. Es geht dich nichts an, was ich tue.«
   »Ich bin deine Tochter. Natürlich geht es mich etwas an. Ich mache mir Sorgen um dich. Das ist alles. Kannst du das nicht nachvollziehen?«
   Mum schüttelte den Kopf. »Das ist alles? Na klar, wer’s glaubt. Du verurteilst mich. Ich tue nur das, was ich jetzt möchte und das stört dich. Was ist dein Problem? Sag es mir, soll ich gehen?«, schrie sie.
   Roxy wollte keine Szene vor den Gästen machen, die ins Restaurant gingen, und unterdrückte ihre Wut und Machtlosigkeit. Schon wieder. »Nein, Mum. Es wäre nur nett, wenn du hier auch mal arbeiten könntest. Hör auf, mich anzuschreien. Glücklicherweise besitze ich gesunde Ohren.«
   »Wenn du unbedingt willst, werde ich eben morgen die Frühschicht übernehmen, wenn Will gegangen ist. Bin ich dann wieder eine vorzeigbare Mutter? Oder muss ich mir erst eine Schürze umbinden, backen, kochen und aufhören, zu leben?«
   Roxy hätte ihr eine knallen können. »Gut, mach das, Mum. Ich bin jetzt weg.«
   Was hatte es für einen Sinn, mit ihr darüber zu sprechen? Nein, zu schreien. Es war nicht leicht, von seiner einst liebevollen Mutter so behandelt zu werden, obwohl sie beide wussten, dass es nicht an Roxy lag, sondern an Mum.
   Draußen traf sie den Koch. Gustav, ein langer Mann in den Vierzigern, der mit Abstand das beste Essen der Welt zaubern konnte. Ohne ihn wäre sie längst verhungert. Sie hatten einen Deal: Er zahlte weniger Miete für sein Lokal und Mum und sie bekamen Essen, so viel sie wollten. Roxy winkte ihm halbherzig zu. Er musste ihr die Stimmung und den Grund dafür vom Gesicht abgelesen haben, denn er winkte bemitleidend zurück.

Kapitel 4

Ein forderndes Klopfen riss Roxy aus dem Schlaf. Ein Sonnenstrahl fiel durch die feine Spalte der Gardinen herein und ließ die Staubkörner tanzen. Sie stöhnte. Es war erst acht Uhr morgens. Sie hätte die ganze Welt verfluchen können.
   Mürrisch warf sie die Beine über die Kante, erhob sich und riss die Tür auf. Ihre Mutter stand davor und wirkte nervös.
   »Warum weckst du mich? Ich dachte, du wolltest heute die Frühschicht übernehmen?«
   Mum benahm sich so unruhig, dass sie an den Fingernägeln kaute und sich umschaute, als wäre sie auf der Flucht. »Zieh dir bitte etwas an und komm. Mr. Miller wartet im Büro auf dich.«
   Verfluchter Mist! Schlimmer konnte der Tag kaum beginnen. Im Eiltempo wusch sich Roxy das Gesicht und zog ein weißes Sommerkleid über.
   Der lange, glatzköpfige und bierbauchige Mann zwischen fünfzig und Anfang sechzig saß auf einer der beiden Bänke in der Eingangshalle. Er trug einen dunkelgrauen Anzug und eine Krawatte in dem mittelblauen Ton der Walter Bank. Sein Erscheinungsbild schrie förmlich danach, ihn als Arschloch abzustempeln. Er lächelte, als sie durch die Schiebetüren trat. Nein, das traf nicht ganz zu. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die ein Lächeln widerspiegeln sollte. Kein Wunder, dass Mum wahrscheinlich längst über alle Berge war oder sich in einer Kammer eingeschlossen hatte.
   Er richtete sich auf und reichte Roxy die Hand, wobei er sie fast zerquetschte. »Miss Sanchez, Sie stehen anscheinend nicht gern früh auf. Das sollten Sie lieber, wenn ich an Ihre Umsätze denke.«
   Zorn loderte in ihr auf. Trotzdem versuchte sie, ruhig zu bleiben und ging ins Büro. Er blieb, wo er war, denn sie konnten sich trotzdem unterhalten. Leider Gottes. »Was kann ich für Sie tun, Mr. Miller?«
   Sie bot ihm eine Flasche Wasser an, bei der er nur die Nase rümpfte und ablehnte. Sollte er doch verdursten.
   »Können Sie sich an das letzte Gespräch erinnern?«
   Roxy knirschte mit den Zähnen und versuchte, ein Lächeln aufzusetzen. »Wie hätte ich das vergessen können? Sie waren sehr deutlich.« Oder das eingeschlagene Zimmerfenster.
   Er betrachtete sie durch die offen stehende Tür mit einem gewissen Argwohn und schüttelte den Kopf. »Offensichtlich nicht deutlich genug. Wieso haben Sie das Geld erneut zu spät überwiesen? Möchten Sie, dass ich meine Aussage umsetze?«
   Es ging ihr mächtig gegen den Strich, dass er ihr ständig drohte. Und sie schluckte alle Beleidigungen wie gewöhnlich hinunter. Bei ihm besaß sie die Stärke einer überfahrenen Maus. »Ich habe Ihnen das Geld überwiesen. Was möchten Sie? Es waren nur wenige Tage. Außerdem laufen die Geschäfte wieder. Die Hauptsaison hat angefangen.« Sie krallte die Finger in die Lehne des Stuhles. Wenn sie ihren Ärger an diesem Idioten ausließ, tat er es ebenfalls. Er wäre nur viel mächtiger als sie.
   »Freut mich, zu hören, dass es wieder läuft. Es waren trotzdem fünf Tage. Wenn Sie das nächste Mal wieder so fahrlässig handeln, müssen Sie etwas mehr Geld überweisen, damit ich meinen Ärger über Ihre Unfähigkeit, die Geschäfte zu leiten, vergesse.«
   Sobald ihr Verstand die Drohung realisiert hatte, zog sich ihr Magen zusammen. Er drohte wieder, dabei wusste sie kaum, wie sie manchmal die Rate auftreiben sollte.
   »Wissen Sie, plötzlich kann sich diese harmonische Gegend zu einer gefährlichen verwandeln. Fenster werden eingeschlagen, Unterlagen gestohlen, Gäste eingeschüchtert. Das wäre doch etwas Grauenhaftes und Ruinierendes.«
   Roxy öffnete den Mund, nur um ihn wieder zu schließen. In den Wintermonaten war sie kaum in der Lage, die Hypothek rechtzeitig zu überweisen. Jetzt wollte er auch noch Bestechungsgeld. Dabei stieg diese dämliche Rate sowieso schon unaufhörlich.
   Miller beobachtete sie mit einem ebenso arroganten wie abschätzenden Ausdruck. Ein siegessicheres Grinsen breitete sich auf den Zügen aus.
   »Nun …«, setzte sie an, weil ihr beim besten Willen nichts einfiel, was sie sagen konnte.
   In diesem Moment tauchte John Walter auf, der wahrscheinlich im Restaurant gefrühstückt hatte, und ging mit zielstrebigen Schritten auf Miller zu. Eine senkrechte Falte hatte sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet. Er blieb vor ihm stehen und reichte ihm die Hand, als hätten die beiden eine Verabredung.
   Roxy konnte sich keinen Reim darauf machen, aber Millers Gesichtsfarbe wechselte zu purpurrot. »Mr. Walter«, stotterte er und ließ ein nervöses Lächeln aufblitzen.
   John blieb unbeeindruckt. »Sie haben mich erkannt.« Seine Stimme brachte die Überlegenheit deutlich zum Vorschein. »Das erspart mir, Ihnen zu erklären, wer ich bin.«
   »Aber selbstverständlich. Ich wusste nicht, dass ausgerechnet Sie hier zu Gast sind. Es gibt auf der anderen Seite luxuriösere Möglichkeiten.« Miller zupfte an seiner Krawatte herum, obwohl sie auch ohne diese Attacke perfekt gesessen hatte.
   »Es kann Ihnen gleichgültig sein, welches ich bevorzuge.«
   »Natürlich«, stimmte er zu und nickte. »So war …«
   »Ich möchte nicht unhöflich werden, sondern wissen, wie Sie Ihr Verhalten rechtfertigen wollen.« John betrachtete gelassen sein Gegenüber.
   Schweißperlen traten auf Miller-Killers Stirn. Er kratzte sich an der Schläfe. »Was meinen Sie? Ich habe Mrs. Sanchez nur einen Besuch abgestattet, um zu sehen, wie die Geschäfte laufen.«
   »Verkaufen sie mich nicht für dumm. Ich möchte wissen, wieso Sie Miss Sanchez gedroht haben? Sie möchten sich etwas dazuverdienen, indem Sie Geld für etwas verlangen, wofür die Walter Bank niemals welches verlangt hätte oder verstehe ich das falsch?«
   Miller erblasste. »Natürlich nicht. Sie müssen etwas falsch verstanden haben. Das war nie meine Absicht.«
   John machte einen belustigten Laut. »Sie wollen also behaupten, dass ich meinen Ohren nicht trauen kann?«
   Das musste sie John lassen, er blieb vollkommen ruhig und dominant, während sein Gesprächspartner zu einer Rosine zusammenschrumpfte.
   »Nein, selbstverständlich nicht, allerdings …«
   »Allerdings ziehen Sie den Namen der Bank in den Dreck, versuchen, ehrliche Kunden zu erpressen und Ihre kriminellen Machenschaften damit zu kaschieren, dass Sie es auf mein Gehör schieben? Hören Sie endlich auf, es zu leugnen. Sie verschwenden meine Zeit und diese ist sehr kostbar.«
   Der Mann knickte ein und lockerte mit einem schuldigen Gesicht die Krawatte. »Ich bin wahrscheinlich meinen Job los.«
   John lachte auf. »Nicht nur das. Sie erstellen mir eine Liste mit Ihren Kunden, Sie werden sich bei jedem persönlich entschuldigen und die Lage erklären. Außerdem möchte ich Miss Sanchez’ Akte unverzüglich haben. Die restlichen Akten werden Sie an Mr. Dexter schicken. Und sollten wir weitere Ungereimtheiten finden, werden Sie sich vor Gericht verantworten. Kein normal denkender Mensch wird Sie je wieder einstellen, es sei denn als Tellerwäscher.«
   Roxy hätte es nicht für möglich gehalten, aber Miller wurde noch blasser. Leider war sie zu geschockt, um diesen Anblick zu genießen.
   »Nun zweifele ich an Ihrem Gehör.« John schmunzelte und wandte sich an Roxy. »Darf ich mir die Wasserflasche nehmen? Der Wasserspender ist leer und Kaffee macht mich immer durstig.«
   Sie reichte sie ihm wortlos. Ihre Sprache, diese Verräterin, hatte sich längst aus dem Staub gemacht.
   Mr. Miller hievte den Aktenkoffer auf den Tresen und brachte eine Akte zum Vorschein. Roxy sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, sie an John zu überreichen.
   »Ich möchte heute noch eine Liste Ihrer Kunden. Haben Sie mich verstanden?« John legte die Akte auf den Tresen. »Gut. Und jetzt entschuldigen Sie sich besser. Sie können gleich hier damit beginnen.«
   Miller hielt dem Blick nicht stand. Er wandte sich an Roxy und musste erst tief durchatmen. »Bitte entschuldigen Sie mein Benehmen. Ich hatte zu keiner Zeit das Recht, Ihnen zu drohen. Bitte sehen Sie von einer Anzeige ab.«
   Verblüfft sah sie zwischen den Männern hin und her. John lächelte sie an, während Miller-Killer aussah, als könnte er es kaum erwarten, zu verschwinden. »Verschwinden Sie und lassen Sie sich hier nie wieder blicken.«
   Er erwiderte nichts und flüchtete aus dem Gebäude.
   Sie blickte dem geflohenen Mann hinterher, obwohl er nicht mehr zu sehen war, und versuchte zu begreifen, was sich vor ihren Augen abgespielt hatte.
   John riss sie aus der Starre. »Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Miss Sanchez. Ich wusste nicht, was Sie wegen dieses Mitarbeiters durchmachen mussten.« Seine Stimme klang weich. »Glauben Sie mir bitte, wenn ich Ihnen sage, dass ich so einen Fall zum ersten Mal mitbekommen habe. Es tut mir sehr leid. Selbstverständlich bekommen Sie eine Entschädigung und eine angemessene Beratung.«
   Sie konnte darauf weder etwas erwidern noch ihn ansehen. In ihrer Gefühlswelt herrschte das reinste Chaos. Wie oft hatte sie sich mit Miller rumgeschlagen, seine Drohungen hinnehmen und miterleben müssen, wie Mum unter ihm eingeknickt war. Seinetwegen waren sie gezwungen, das Haus zu verkaufen, weil die Rate zu hoch angestiegen war. Wie oft hatte sie im Büro gesessen und versucht, das Geld möglichst pünktlich zusammenzukratzen, um das Hotel nicht zu verlieren. Jedes Mal, wenn sie es verspätet überwiesen hatte, erhöhte er die Hypothek. Angeblich, weil er Zweifel daran hatte, dass Roxy sie jemals abbezahlen konnte. Sie war machtlos dagegen. Unfähig, sich gegen seinen Willen zu wehren. Gerade in der Nebensaison und im Winter kämpfte sie um ihre Existenz, jobbte, wo es nur ging, um genug aufzubringen, damit sie das hier nicht verlor. Es war alles, was sie besaß und beruflich konnte. Sie liebte das S. U. N. und die Menschen, denen sie dadurch begegnete. Sie war hier aufgewachsen, mit ihrer damals gesunden Mutter und ihren Großeltern, die bei einem Autounfall gestorben waren. Roxy liebte diese Wände voller Erinnerungen, familiärer Atmosphäre und die Ungewissheit, welche Persönlichkeit sie als Nächstes kennenlernen durfte.
   »Miss Sanchez«, murmelte John.
   Sie hatte weder bemerkt, dass sie sich gesetzt hatte, noch dass einige Tränen aus ihren Augen entwichen waren.
   Er betrachtete sie mitfühlend und machte den Anschein, als wollte er zu ihr ins Büro kommen.
   »Bitte entschuldigen Sie mich, Mr. Walter«, flüsterte sie, huschte aus dem Büro und verließ die Eingangshalle. Sie blieb erst am Ende des Weges stehen, der zum Strand führte, und ließ sich auf dem Holz nieder. Es kam nur selten vor, dass sie weinte. In diesem Moment konnte sie es nicht verhindern, denn sie begriff kaum, wer John Walter war. Er musste in der Hierarchie zumindest weit über einem Filialleiter stehen.
   Diese Last der steigenden Raten und die Angst davor, was Miller wieder verlangte und plante, die Drohungen und die Machtlosigkeit, verbunden mit der Furcht, was passieren würde, wenn das Geld wieder verspätet eintraf, war oft überwältigend. Es war unglaublich schwer gewesen, mit diesem Kummer zu leben und damit allein zurechtzukommen. Dieses Arschloch hatte so viel in ihrem und dem Leben ihrer Mutter zerstört, dass Roxy ihre Gefühle kaum in Worte fassen konnte. Und sie hätte niemals gedacht, dass sie von dieser Misere befreit werden würden.
   Sie erkannte an dem Klang der Schritte hinter sich, dass John näher kam. Niemand sonst trug Lederschuhe auf dem Weg zum Strand. Er tauchte mit der Akte in der Hand an ihrer Seite auf, zog die Hosenbeine hoch und setzte sich. Zuerst blieb er ruhig und reichte ihr ein Taschentuch.
   Glücklicherweise hatte sie sich durch seine Anwesenheit schneller wieder unter Kontrolle.
   John hatte in der Zwischenzeit die Mappe aufgeschlagen und notierte sich einiges, während sein Blick über das Papier wanderte.
   »Mr. Walter«, murmelte sie peinlich berührt, weil er sie in dieser Verfassung zu Gesicht bekam.
   Er hob den Finger, um ihr zu signalisieren, dass sie ihm noch einen Moment gewähren sollte. An seiner Miene war deutlich abzulesen, dass er rechnete. »Ha.« Mit finsterer Miene schüttelte er den Kopf.
   »Mr. …«
   »Eine Sekunde noch, dann habe ich es durchgesehen.« Flüchtig griff er nach ihrer Hand und drückte sie, bevor er sich wieder den Unterlagen widmete. »Dieser verfluchte Mistkerl!«
   Aus Roxys Kehle kam ein amüsierter Laut, während sie das Meer beobachtete.
   »War mein Kommentar etwa belustigend?«
   »Etwas. Zu Ihrer Person passt es nicht, wenn Sie Schimpfwörter verwenden. Genauso wenig wie zu einer Nonne oder einem Priester.«
   »Ich muss zugeben, dass ich auch nur selten darauf zurückgreife.« Er veränderte seine Haltung, indem er sich zu ihr drehte und die Mappe zwischen ihnen ausbreitete. »Sie haben die letzten drei Jahre viel zu hohe Raten für Ihren Kredit bezahlt. Wissen Sie, dieser Mann war sich seiner Sache wirklich sicher, denn er hat sogar notiert, dass das zu viel bezahlte Geld auf sein Konto eingezahlt wurde. Es geht um einige Tausend Dollar. Und ich habe meine rechten Zweifel daran, dass Sie das einzige Opfer sind. Aber das spielt jetzt keine Rolle.« Er drehte einen Zettel um, damit sie seine Notizen lesen konnte.
   Roxy zog scharf die Luft ein. »Ich bekomme zwanzigtausend Dollar zurück?« Voller Ungläubigkeit und Irritation beäugte sie ihn.
   Er nickte. »Mindestens. Diese Akte ist von den letzten drei Jahren. Was davor geschehen ist, müsste ich mir noch besorgen. Sollte er damals auch schon überhöhte Raten verlangt haben, wird die Summe um einiges steigen.«
   »Das … das … Wow. Ich …«
   John legte eine Hand auf ihre Schulter. »Es tut mir leid, dass jemand aus meinem Unternehmen seine Position so ausgenutzt hat. Ich rufe gleich bei einem Mitarbeiter an und werde sehen, ob wir Ihnen das Geld noch heute erstatten können.«
   Vermutlich begriff John nicht einmal das volle Ausmaß seiner Aussage. Es gab keine Erklärung auf dieser Welt, die die letzten Jahre und ihr Existenzleid ansatzweise erklären würde. John hatte ihr gesamtes Leben mit dieser Entwicklung umgestellt. Von Grund auf. Genau deswegen bezweifelte sie, dass er es verstand. Eigentlich war es auch nicht von Belang. Noch nie hatte sie so eine Dankbarkeit verspürt wie in diesen Sekunden. Tränen stiegen ihr in die Augen. Ohne darüber nachzudenken, stellte sie sich auf die Knie und umarmte ihn zu stürmisch. »Sie haben keine Vorstellung davon, was Sie für mich getan haben. Nicht nur das Finanzielle. Ich meine das, was Mr. Miller meiner Familie angetan hat. Niemand wollte uns helfen, bis Sie kamen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Mr. Walter.«
   Zögernd erwiderte er die Umarmung, indem er eine Hand zaghaft auf ihren Rücken legte.
   »Sie können sich nicht vorstellen, wie weit meine Dankbarkeit reicht.« Sie ließ ihn beschämt los, weil sie so dramatisch reagiert hatte, und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Na toll. Als wäre diese Situation nicht peinlich genug. Aber zugleich unglaublich erleichternd.
   Er räusperte sich und fuhr sich durch das Haar. Etwas hektisch, als überspielte er etwas. »Nennen Sie mich bitte John.«
   Roxy streckte ihm eine Hand entgegen. Die Bedenken, die sie einst gegen ihn gehegt hatte, verpufften. Stattdessen schämte sie sich dafür, ihn mit Miller unter eine Decke gesteckt zu haben. »Roxane. Oder einfach Roxy.«
   »Sehr erfreut, Roxy. Ich werde mich heute noch um alles kümmern.«
   »Danke, John. Wirklich, für alles.«
   Er lächelte und schlug die Mappe zu, mit dem Blick in Richtung Meer. Etwas Nachdenkliches haftete auf seinen Zügen. »Darf ich dich etwas fragen?«
   »Klar.«
   »Womit hat er dir noch gedroht? Was hat er dir alles angetan?«
   Roxy atmete lange ein und beobachte, wie sie ihre Füße in den Sand grub und wieder von den Körnern befreite. »Ich glaube, es hat vor sechs Jahren angefangen. Damals habe ich oft gehört, wie meine Mutter nach einem Termin mit ihm geweint hat. Einmal hat jemand die Reifen unseres alten Geländewagens zerschnitten und ich habe mit angehört, wie Mum das mit seinem Namen in Verbindung gebracht hat. In der darauffolgenden Wintersaison wurde der Wagen gestohlen und zertrümmert. Wir konnten uns keinen Neuen leisten. Auch wenn Mum es nie ausgesprochen hat, wussten wir beide, wer es gewesen ist. Vor allem, weil wir seinen Sohn eine Stunde vorher ganz in der Nähe gesehen haben. Danach mussten wir unser Haus verkaufen. Liam hat versucht, mir zu helfen, was mit zerstochenen Autoreifen endete. Ich habe ihm das Versprechen abgerungen, nichts mehr zu unternehmen. Mum hat irgendwann auf das Sparbuch zurückgegriffen, das für meine Ausbildung gedacht war. Aus diesem Grund konnte ich nicht studieren. Außerdem haben seine Handlanger oft Fenster bei uns eingeschlagen oder Dinge gestohlen.« Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen und beobachtete die Wellen, wie sie sich rhythmisch auf dem Sand ergossen.
   Es dauerte eine Weile, bis er sprach. »Er wird dafür büßen, Roxane. Das verspreche ich dir.«
   »Mir ist es viel wichtiger, dass es endlich ein Ende hat. Mit dem Rest komme ich klar.«
   Er nickte und rollte geistesabwesend die Mappe zusammen.
   »Darf ich dich jetzt etwas fragen?«
   Er lehnte sich mit den Ellbogen auf die Knie und erwiderte ihren Blick. »Selbstverständlich.«
   »Was hast du für eine Position, wenn du Miller problemlos rausschmeißen kannst? Er hat sich vor dir praktisch gefürchtet.«
   John lachte leise. »Das würdest du mir nicht glauben, wenn ich es dir erzähle.«
   »Warum?«
   »Mal davon abgesehen, dass ich nicht mehr dort arbeite, gehört mir diese Bank. Mein Urgroßvater, Wilhelm der Erste, hat sie achtzehnhundertsechzig in New York gegründet. Jetzt gehört sie meinem Vater und zur Hälfte mir. Es ist ein reines Familienunternehmen.«
   Ihr Mund öffnete sich und ließ sich nur schwer wieder schließen. »Oh«, flüsterte sie. »Das erklärt natürlich sein Benehmen bei deinem Erscheinen. Er sah aus, als stünde Godzilla vor ihm.«
   Er besaß so lange Beine, dass die Sitzposition auf dem Boden wahrscheinlich nicht gerade bequem war, denn er streckte die Beine mehrfach durch. »Ich glaube, es ist nicht immer leicht, mit mir zusammenzuarbeiten. Ich habe immer genaue Vorstellungen und dulde es nicht, wenn man nicht vorbereitet bei mir auftaucht. Trotzdem versuche ich, immer ruhig zu bleiben. Mein Vater ist das Gegenteil. Er wird schnell laut. Du glaubst nicht, wie oft sich die Mitarbeiter vor ihm versteckt haben.« Er lachte.
   Roxy mochte den Klang seiner Stimme. Sie klang tief, angenehm dunkel und männlich. Nicht aufdringlich. Während sie ihn betrachtete, wie er ihr einen belustigten Blick zuwarf, konnte sie sich gut vorstellen, wieso die Leute von seiner Person eingeschüchtert wurden, trotz der ruhigen Art. Er besaß etwas Dominantes, auch wenn er freundliche Züge vorwies. Er strahlte Stärke aus. »Jedenfalls nicht, wenn man Dreck am Stecken hat. Danke noch mal, John.«
   Er winkte ab, als wäre es keine große Sache. »Es hätte längst einer durchschauen müssen. Wahrscheinlich muss ich meinem Vater mitteilen, dass er das System, oder zumindest diesen Part davon, noch einmal überarbeiten muss. Es muss mehr Kontrollen aus New York geben. Wir werben mit unserem Familienunternehmen, da darf so etwas nicht passieren.« Er hielt inne. »Roxane, es gibt etwas, was du tun könntest. Gib mir eine Chance und geh mit mir aus. Nicht jeder Banker ist gleich. Im Nachhinein ergeben deine Bedenken nämlich Sinn. Bitte sag nicht Nein. Ich habe dich zweimal aus einer misslichen Lage befreit. Eine weitere Abfuhr wäre hartherzig.«
   Ihr Lachen platzte aus ihr hinaus. Damit hatte sie erneut nicht gerechnet. »Ach, John.« Sie richtete sich auf und küsste ihn auf die Wange. Seine Bartstoppeln kitzelten und er duftete anziehend nach einem Parfüm. »Das, was du getan hast, ist bei Weitem nicht zu vergleichen mit einem banalen Date mit mir. Du hast noch nicht begriffen, was es für mich bedeutet. Und entschuldige bitte, aber ich verabrede mich nicht mit Touristen. Wärst du kein Tourist, würde meine Antwort anders ausfallen. Du hast dein Herz an der richtigen Stelle.«

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