Nicht immer ist alles so, wie es scheint. Manchmal stößt man auf Geheimnisse, die man nicht erfahren will, aber sie helfen einem zu verstehen – und zu verzeihen. Die sechzehnjährige Nora ertrinkt im elterlichen Swimmingpool. Ein harter Schlag für ihre beste Freundin Alicia. Die beiden waren enge Freundinnen und gingen durch dick und dünn. Als sich Alicia ein Erinnerungsstück aus Noras Zimmer holt, findet sie ihr Tagebuch und einen Schlüssel, der nirgendwo zu passen scheint. Allmählich wird ihr klar, dass ihre Freundin viele Geheimnisse mit sich herumtrug. Geheimnisse, die sie innerlich zerfraßen. Immer grauenhaftere Dinge kommen ans Tageslicht, die Alicia nicht glauben will. Nach und nach öffnen sich neue Türen, die sie dem Geheimnis Stück für Stück näherbringen. Schon bald wünscht sich Alicia, das Tagebuch niemals gefunden zu haben.

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ISBN: 978-9963-53-315-2

Seiten: 334

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Anna Loyelle

Anna Loyelle
Anna Loyelle, alias Andrea Kammerlander, wurde 1972 in Schwaz in Tirol im Zeichen des Zwillings geboren. In der Marktgemeinde Jenbach aufgewachsen, entdeckte sie bereits in der Grundschule den Hang zum Schreiben. Ihre Gedanken brachte sie damals mit der Füllfeder in einem Schulheft zu Papier, und erfreute ihre Mitschüler und Lehrer vorwiegend mit Abenteuer- und Tiergeschichten. Mit vierzehn Jahren schrieb sie ihr erstes Buch, das sieben Jahre später veröffentlicht wurde. Nach der Geburt ihrer Söhne legte Anna Loyelle eine Schreibpause ein, die sie im Jahr 2000 wieder beendete. Seitdem schreibt sie Jugendromane, Liebes- u. Erotikromane, Kindergeschichten, Thriller und Kurzgeschichten verschiedener Genres. Zahlreiche ihrer Werke wurden bereits in Zeitschriften, Anthologien, Onlineverlagen und als Print-Books veröffentlicht.

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Leseprobe

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Dreizehn Jahre zuvor
Versteckspiel

Es ist windstill und die Sonne scheint. Ich sitze mit meinen Lieblingspuppen Missy und Henna auf der neuen rosafarbenen Decke mit den weißen Einhörnern und den grünen Wolken und spiele. Nora ist krank. Sie muss den ganzen Tag im Bett bleiben. Mom sitzt in ihrem Liegestuhl und liest ein Buch. Das Bild auf dem Einband sieht lustig aus. Eine Frau, die mit einer Gummiente in einer kaputten Kaffeetasse sitzt. Moms Handy klingelt. Sie redet mit Mrs Sin von gegenüber und schneidet dabei lustige Grimassen. Ich lache und halte mir die Hand vor den Mund, damit Mrs Sin es nicht hört. Mom mag sie nicht besonders, ist aber trotzdem freundlich zu ihr. Nach einer Weile steht sie auf und flüstert mir zu, dass sie rasch ein Kuchenrezept für Mrs Sin heraussucht. Ich verspreche, im Garten zu bleiben und mich nicht von der Decke zu bewegen. Ich sehe ihr nach, wie sie im Haus verschwindet. Die Tür lässt sie offen. Plötzlich verdunkelt sich der Himmel. Ich sehe nach oben. Eine Wolke verdeckt die Sonne. Ich schließe die Augen und wünsche mir, dass die Wolke weiterzieht, doch das tut sie nicht, und als ich die Augen wieder aufmache, wird es noch dunkler.

Alicia öffnete langsam die Augen und zuckte zusammen, als ihr Blick verschwamm. Ein leises Summen in ihrem Kopf, das sich anhörte wie ein Bienenschwarm, entfernte sich gemächlich. Was war los mit ihr? So fühlte sie sich doch nur, wenn sich Daddy im Garten mit ihr im Kreis drehte und sie auf die Decke setzte, wo sie mit ausgestreckten Armen nach Halt suchte, weil sich alles in ihrem Kopf noch weiterdrehte. Aber Daddy war nicht hier, und sie befand sich auch nicht zu Hause im Garten.
   Ein ekliger Geschmack lag auf ihrer Zunge. Sie versuchte, ihn abzustreifen, indem sie über ihre Zähne fuhr, aber es nutzte nichts. Was hatte sie bloß gegessen?
   Sie versuchte, sich aufzusetzen, doch ein heftiges Schwindelgefühl überkam sie und zwang sie, sich wieder hinzulegen. Das war wirklich seltsam. Warum fühlte sie sich so? War sie krank?
   Müdigkeit erfasste sie so stark, dass sie sich nicht dagegen wehren konnte. Ihre Lider wurden schwer, sie hatte keine Kraft, sich dagegen zu wehren. Ihr Kopf fiel zur Seite, ihr Körper entspannte sich.

Als sie irgendwann wieder aufwachte, war ihr Blick klar und das Summen in ihrem Kopf verschwunden. Sonnenlicht fiel durch ein kleines Fenster herein und erhellte den Raum. Verwundert sah sie zur Decke hoch. Wo war ihre Hello Kitty-Lampe? Und warum befand sich überall Holz an den Wänden? Die Wände in ihrem Zimmer hatte Daddy doch in dem hellen Gelb gestrichen, das sie im Baumarkt ausgesucht hatte. Der Verkäufer wollte Daddy überreden, eine andere Farbe zu nehmen, aber er hatte nur den Kopf geschüttelt und den Eimer mitgenommen. Woher kam also das Holz?
   Alicia setzte sich auf und rümpfte die Nase. Es roch muffig. So wie in der Waschküche, in der Mommy im Winter die Wäsche aufhängte. Warum duftete es nicht nach Pfannkuchen und Kakao? Mommy bereitete doch jeden Morgen das Frühstück für sie zu.
   Ihr Herz begann schneller zu schlagen, und Gänsehaut bildete sich an ihren Armen. Etwas stimmte hier nicht. Sie wollte aus dem Bett steigen und Mommy suchen, doch dicke Holzstäbe hinderten sie daran. Erschrocken wich sie zurück, aber die Stäbe befanden sich überall.
   »Mommy«, flüsterte sie, zog die Knie an und kniff die Augen zu. »Mommy?«
   Niemand antwortete ihr.
   Allen Mut zusammennehmend, öffnete sie zuerst ein Auge, dann das zweite. Ein Gitterbett. Sie befand sich in einem Gitterbett, deshalb die Stäbe! Aber … warum hatte sie in diesem Babybett geschlafen? Seit Weihnachten besaß sie doch ein richtiges Bett. Eins für große Kinder, wie sie es schon war. Und warum befand sie sich nicht in ihrem Zimmer? »Mommy?« Ihre Stimme klang eigenartig rau. »Mommy!« Sie stand auf und hielt sich an den Stäben fest, da sich ihre Beine zittrig anfühlten. »Mommy! Daddy!« Warum hörten sie nichts? »Mommy!« Sie überlegte, ob sie sich an den Stäben hochziehen und sich aus dem Gitterbett fallen lassen sollte? Bestimmt wäre das laut genug, damit Mommy oder Daddy sie hörten. Sie griff nach ihrer Puppe Missy, ohne die sie nie schlafen ging, und versuchte, die oberste Querstange zu umfassen. Erfolglos. Alicia wurde klar, dass es sich hier um kein normales Gitterbett handelte. Die Stäbe waren viel zu hoch. Es kam ihr eher vor wie ein Käfig. Plötzlich glaubte sie, keine Luft mehr zu bekommen. Die Angst in ihr gewann die Oberhand. Was war hier los? Wieso befand sie sich in einem Käfigbett? Hatte sie etwas angestellt, an das sie sich nicht mehr erinnerte? »Mommy! Daddy«, schrie sie hysterisch und rüttelte an den Holzstäben, aber sie bewegten sich keinen Zentimeter. »Mommy! Daddy!« Nichts. Sie war gefangen wie die Tiere im Zoo, die sie letzten Sonntag mit Mommy, Daddy und Nora besucht hatte. »Mom…« Eine Tür wurde aufgerissen, die Worte erstarben in ihrem Mund.
   »Sei still«, sagte jemand ungeduldig. »Sei sofort still!«
   Die Stimme klang irgendwie verzerrt. So ähnlich wie Daddys Stimme an ihrem Geburtstag, nachdem er die Luft, die eigentlich keine Luft war, aus einem Luftballon eingesaugt hatte.
   Sie wandte den Kopf und starrte die schemenhafte Gestalt an der Tür an. Sie trug eine Prinzessinnenmaske und hatte lange Haare. Alicia erkannte auf Anhieb, dass es sich um keine echten Haare handelte, sondern um eine Perücke, die schief auf dem Kopf saß, so als wäre sie in Eile aufgesetzt worden.
   »Sei still, sonst verbockst du das Spiel!«
   »Das Spiel?«, fragte sie mit einem leichten Zittern in der Stimme.
   »Ja, das Versteckspiel«, antwortete die Prinzessinnengestalt. »Erinnerst du dich nicht mehr? Du hast es dir ausgesucht.« Sie schüttelte den Kopf.
   »Spielen … Mommy und Daddy auch mit?«
   »Ja. Sie suchen dich längst.«
   Erleichterung breitete sich in ihr aus. Wenn Mommy und Daddy sie suchten, würden sie sie bestimmt bald finden. »Wer bist du?«
   »Das verrate ich dir nicht.«
   »Warum muss ich mich hier verstecken?«
   »Damit du nicht zu schnell gefunden wirst.«
   »Warum?«
   »Weil ich sehr lange mit dir Verstecken spielen will.«
   Die Worte klangen bedrohlich. Alicia schluckte. Sie wollte ein großes Mädchen sein und nicht weinen, aber die Furcht in ihr wuchs. »Ich habe keine Lust mehr. Mir gefällt es hier nicht. Bring mich wieder nach Hause.«
   Die Gestalt lachte, aber es klang überhaupt nicht fröhlich, sondern böse. Sehr böse. »Vergiss Mommy und Daddy. Wir spielen das Versteckspiel so lange, wie ich es will. Leg dich hin und schlaf, sonst muss ich dir noch etwas von dem Beruhigungsmittel geben.« Die Prinzessin, die keine war, drehte sich um und schlug die Tür hinter sich zu.
   Alicia begann zu weinen wie ein Baby.

Heute
Wie ein Schmetterling im Wind

So fühlt es sich also an, das Sterben. Schwerelos. Frei. Schwebend. Wie ein Schmetterling, der vom Wind fortgetragen wird. Ich sehe mir dabei zu, wie ich untergehe. Was für ein beängstigendes Gefühl. Ich kann nichts dagegen tun. Die Droge, die mir ohne mein Wissen verabreicht wurde, macht mich wehrlos. Mein Körper ist tot, nur mein Kopf funktioniert. Wasser streichelt über meine Haut. Noch befindet sich genug Luft in meinen Lungen, aber schon bald wird es vorbei sein. Ich weiß es. Ich beginne schon zu sinken. Ganz langsam. Immer tiefer. Wasser steigt mir in die Nase. In die Ohren. In den Mund. Meine Augen brennen. Ich weine, aber es fällt nicht auf. Ich versuche, wieder an die Oberfläche zu gelangen, aber ich kämpfe vergebens. Alles ist taub. Mein Herz pocht wie verrückt. Mein Puls rast. Mein Brustkorb schmerzt. Ich spüre Krämpfe im Bauch und in den Beinen. In meinem Kopf pfeift es. Der Ton ist unerträglich. Das soll aufhören! Ich muss … aber ich kann mich nicht bewegen. Allie. Meine liebe Allie! Der Gedanke an dich quält mich. Ich sehe dein Lächeln vor mir. Dein süßes, unschuldiges Lächeln. Deine braunen Augen. Wieso bist du nicht bei mir? Spürst du nicht, was mit mir los ist? Fühlst du nicht, dass ich diese Welt für immer verlasse? Dass ich sterbe? Du hast einmal gesagt, wir seien Seelenverwandte. Spiegelzwillinge. Ein Mensch in zwei verschiedenen Körpern. Wenn das so ist, wieso bist du dann nicht hier? Jetzt, wo ich dich so furchtbar dringend brauche?
   Am dunklen Himmel über mir leuchten Sterne. Es ist eine Vollmondnacht. Ich sehe ihn, wie er sich über den Beckenrand beugt, um zu prüfen, ob ich sterbe. Sein Anblick wird durch das Wasser verzerrt, doch ich erkenne, dass er zu mir herabsieht, als würde er mich verhöhnen. Als würde er sagen: Du hast diese Strafe verdient, jetzt musst du für deine Sünden büßen. Ich will noch nicht sterben. Ich bin viel zu jung. Wie soll ich mich wehren? Es ist unmöglich. Mein Körper gehorcht mir nicht. Was hat er mir verabreicht?
   Der Druck wird unerträglich. Ich kann nicht mehr. Meine Kräfte schwinden. Ich gebe auf. Lasse mich fallen. Gleite hinab in die kalte Dunkelheit. Sein Bild verwischt, doch ich weiß, dass er noch da ist.
   Plötzlich überfällt mich Panik. Ich bin zu jung zum Sterben! Ich will diese Welt noch nicht verlassen. Mit aller Kraft versuche ich, meine Hand zu heben, darauf hoffend, dass er sie im letzten Moment noch ergreift, aber ich schaffe es nicht. Mein Schicksal ist besiegelt. Niemand wird mich vermissen. Ich bin ein Nichts in einer Welt voller Nichtigkeiten.
   Die Kälte hüllt mich ein wie ein Kokon. Schmerzen überall. Leb wohl, grausame Welt. Leb wohl, geliebte Allie. Weine nicht um mich. Ich bin keine einzige Träne wert. Früher oder später wirst du merken, dass ich den Tod verdient habe. Bis dahin behalte mich so in deinem Herzen, wie du mich gekannt hast. Leb wohl. Für immer. Dein Schmetterling.


Angst

Alicia hörte sich atmen. Ihr Körper fühlte sich an wie gelähmt. Sie drückte sich in die Nische zwischen der Badewanne und dem Handtuchschrank und starrte wie gebannt zur Tür. Panik trieb ihr den Schweiß aus allen Poren. Sie hatte die Tür abgeschlossen und den Wäschekorb davorgeschoben, obwohl sie wusste, dass ihn das nicht aufhalten würde. Diesen Kerl, der Mom und Dad ermordet hatte.
   Die Erinnerung daran, wie er mit der bluttriefenden Machete über die toten Körper gebeugt stand, raubte ihr beinahe den Verstand. Wimmernd presste sie die Augen zu, um das grausame Bild zu vertreiben, doch es hatte sich bereits in ihrem Kopf eingebrannt. Vor Übelkeit musste sie würgen. Entsetzt presste sie die Hände auf den Mund. Sie durfte sich nicht übergeben! Jedes Geräusch würde dem Mörder verraten, wo sie sich versteckte. Er hielt sich immer noch im Haus auf und suchte nach ihr. In ihrer Vorstellung konnte sie regelrecht sehen, wie er die Treppe heraufkam und seine Nase in die Luft reckte, um ihren Angstschweiß einzuatmen. Wenn er sie fand, würde er sie genauso bestialisch töten wie Mommy und Daddy, daran zweifelte sie keine Sekunde.
   Der Türknauf drehte sich.
   Nein! O Himmel, nein! Er hatte sie gefunden!
   Der Mörder trat gegen die Tür.
   Sie war verloren. Schluchzend verbarg sie das Gesicht hinter ihren Händen.
   Die Tür flog auf, der Wäschekorb wurde regelrecht beiseite geschleudert. Mit einem bedrohlichen Laut trat der Hüne ins Badezimmer, die Machete zum Schlag ausgeholt.
   Alicia streckte abwehrend die Arme aus, und … ihr eigener Schrei weckte sie auf.
   Schweißgebadet öffnete sie die Augen und blinzelte verwirrt. Das Haar klebte an ihrer Stirn. Ihr Herz schlug rasend, und sie zitterte. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihr klar wurde, dass sie alles nur geträumt hatte. Niemand war ins Haus eingebrochen, um Mom und Dad vor ihren Augen mit einer Machete zu ermorden. Keine vermummte Gestalt suchte nach ihr, um ihr grausames Werk zu vollenden. Nach einigen angstvollen Minuten realisierte das auch ihr Körper. Die Panik flaute ab.
   Sie setzte sich auf, knipste die Nachttischlampe an und sah auf den Wecker. Drei Uhr morgens. Stöhnend rieb sie sich über das Gesicht. Mom hatte recht. Sie schaute zu oft Criminal Minds. Die Serie war wirklich nichts für schwache Nerven. Vielleicht sollte sie eine Pause einlegen und nur noch Filme ansehen, in denen es keine Mordfälle aufzuklären gab.
   Sie war gerade im Begriff, das Licht wieder auszumachen, als sie ein Geräusch vernahm. Ihr Blick huschte zum Fenster hinüber, das sie vor dem Zubettgehen einen Spalt weit geöffnet hatte. Der laue Wind bewegte den Vorhang sachte hin und her. Das Angstgefühl kehrte zurück. Sie bekam eine Gänsehaut. Da hörte sie es wieder. Es kam eindeutig von draußen. Eisige Kälte kroch ihren Rücken hoch. O nein, trieb sich da ein Einbrecher herum? Die Erinnerung an den schrecklichen Traum flammte lebhaft in ihr auf. Einen Moment lang zog sie es in Erwägung, sich unter der Bettdecke zu verkriechen, dann nahm sie allen Mut zusammen und schlich ans Fenster. Sie spähte in die Dunkelheit hinaus. Da war nichts. Fröstelnd rieb sie sich über die Arme. Bestimmt hatte sie sich das Geräusch nur eingebildet. Eine Sinnestäuschung aufgrund des grusligen Traums. Vielleicht sollte sie einfach wieder zurück ins Bett gehen und …
   Bewegte sich da eine Gestalt in der Nähe des Swimmingpools auf dem Grundstück der Haydens? Es war zu dunkel, um etwas Konkretes zu erkennen, trotzdem war sie sicher, dass da jemand war. Handelte es sich dabei womöglich um Nora? Hatte sich ihre Freundin aus dem Haus geschlichen, um etwas Verbotenes zu tun? Diesen Gedanken verwarf sie rasch wieder. Nora würde niemals etwas machen, mit dem ihre Eltern nicht einverstanden wären. Es konnte sich nur um einen Einbrecher handeln, deshalb musste sie die Haydens warnen.
   Sie eilte zum Bett, griff sich ihr Handy vom Nachttisch und wählte Noras Nummer. Es klingelte, aber sie ging nicht ran. Alicia ignorierte die Anweisung der Mailbox, eine Nachricht zu hinterlassen, legte auf und versuchte es noch einmal. »Komm schon, es ist wichtig.« Wieder blieb ihr Anruf unbeantwortet. Das war seltsam. Nora legte ihr geliebtes Handy nie außer Reichweite, egal, wo sie sich gerade befand. Alicia versuchte es noch zweimal, aber ohne Erfolg. Schlussendlich gab sie auf und hinterließ eine Nachricht auf der Mailbox. »Nora, da schleicht jemand um euer Haus. Ich kann nicht sehen, wer das ist, dafür ist es zu dunkel. Bitte ruf mich zurück.« Sie nagte an der Unterlippe. Was sollte sie tun? Ihre Eltern wecken? Die Polizei anrufen? Aber was, wenn ihr die Fantasie aufgrund ihres Traums nur einen Streich gespielt hatte? Was, wenn sie sich irrte?
   Mit einem flauen Gefühl im Magen ging sie zum Fenster zurück. Alicias Herzschlag beschleunigte sich. Das Licht des Vollmondes spiegelte sich teilweise leicht verzerrt im Wasser des Pools wider und vermittelte den Eindruck, als würde sich jemand darin befinden. Nein, unmöglich. O Himmel, dieser grausame Traum hatte sie völlig aus der Bahn geworfen. Sie sah nur Gespenster. Um drei Uhr morgens würde bestimmt niemand von den Haydens schwimmen gehen.
   Noch während ihres Gedankengangs wurde der Bewegungsmelder an der Haustür der Haydens ausgelöst. Der Lichtkegel erfasste eine Gestalt. Alicias Nackenhärchen stellten sich auf. Sie musste den Notruf wählen! Doch dann erkannte sie, dass sie völlig falsch lag. Da trieb sich kein Eindringling herum, sondern ein Hund, der neugierig die Umgebung erkundete. »O mein Gott.« Alicia fiel ein Felsbrocken von den Schultern. Der Hund lief aufgeregt hin und her, schnüffelte, markierte einige Stellen im Garten und trottete zum Pool. Dort blieb er stehen, hob den Kopf und verharrte einige Sekunden regungslos, ehe er sich abwandte und wieder in der Dunkelheit verschwand. Das Licht des Bewegungsmelders ging aus.
   Alicia atmete erleichtert auf. »O Mann, es war nur ein Hund.« Zum Glück hatte sie weder Nora aufgeweckt noch die Polizei informiert. Wie peinlich wäre das gewesen, wenn die mit Blaulicht und Sirenen angefahren wären, um einen Hund zu stellen. Sie huschte ins Bett zurück, zog die Decke bis zum Kinn hoch und schrieb eine SMS an ihre Freundin. Bitte lösch meine Nachricht aus deiner Mailbox. Am besten, du hörst sie nicht ab. Ich dachte, bei euch drüben ist ein Einbrecher zugange, aber ich habe mich zum Glück geirrt. Es war nur ein Hund. Alles ist okay. Tut mir leid, dass ich so durchgedreht bin. Das lag wahrscheinlich an dem schlimmen Traum, den ich hatte. Ich erzähle dir morgen davon. Bitte schreib zurück, sobald du wach bist. Sie schob das Telefon unters Kopfkissen und wartete auf das vertraute Signal einer eingehenden SMS, aber das Handy blieb stumm. Nora meldete sich nicht.

Schmerz

»Was denkst du, Allie, wie werden wir einmal sterben?«
   Ich sehe Nora an und runzle die Stirn. Wir sitzen in ihrem Garten auf der Decke unter dem Apfelbaum und blättern in den neuesten Mode-und Klatschzeitschriften. Sie zeigt auf einen Artikel mit der Überschrift: Warum mussten sie so jung sterben?
   »Das ist eine blöde Frage. Wie kommst du darauf?«
   »Die Frage ist nicht blöd. Ich meine es ernst. Guck mal, die starben alle viel zu jung.« Sie hält mir die Zeitschrift unter die Nase. »Heath Ledger, Amy Winehouse, River Phoenix, Sawyer Sweeten …«
   »Die hatten doch Suchtgiftprobleme oder verübten Selbstmord.«
   »Trotzdem. Verstehst du nicht, worauf ich hinauswill?«
   »Nein. Hör bitte auf damit.« Ich habe keine Ahnung, warum, aber diese Unterhaltung macht mich wütend. »Wir sind zu jung, um uns schon über den Tod Gedanken zu machen.«
   Nora legt die Zeitschrift in ihren Schoß. »Das ist genau das, was ich meine. Woher willst du wissen, dass wir zu jung sind? Woher willst du wissen, dass wir nicht schon morgen sterben?«
   Ich sehe sie an und spüre einen eisigen Schauder durch meinen Körper jagen. Ihr Blick ist gen Himmel gerichtet. Sie rührt sich nicht, starrt nur nach oben. »Nora?«
   Sie reagiert nicht, zuckt nicht einmal mit der Wimper.
   »Nora, bitte sag etwas.« Ihr Verhalten macht mir Angst. Warum redet sie seit einigen Wochen so komisches Zeug? »Nora!«
   »Was würdest du tun, wenn ich plötzlich tot umfalle?«, fragt sie, ohne mich anzusehen.
   »Bitte, Nora …«
   »Wärst du traurig?«
   »Natürlich.«
   Sie sieht mich immer noch nicht an. »Würdest du mich vermissen, wenn ich tot wäre?« Ihr Blick schnellt regelrecht zu mir.
   »Sicher«, antworte ich genervt. Ihre Augen sind feucht, ihre Lippen zittern. »Ich würde dich jede Sekunde vermissen, die du nicht bei mir bist«, füge ich deshalb sanft hinzu.
   »Danke, Allie«, flüstert sie, steht auf und läuft ins Haus.
   Ich sehe ihr nach und wünsche mir, sie in den Arm zu nehmen, um das, was sie offenbar belastet, zu vertreiben.


Alicia schlug die Augen auf und blinzelte. Erinnerungsfetzen des Albtraums schwirrten durch ihren Kopf. Die bluttriefende Machete des Mörders, ihr misslungener Versuch, sich zu verstecken, der Hund im Garten der Haydens …
   »Der Hund. Nora.« Sie tastete unter dem Kopfkissen nach ihrem Handy und warf einen Blick auf die Uhrzeit. Halb sieben Uhr morgens. O Mann. Sozusagen noch Mitternacht. Gewöhnlich schlief sie samstags so lange, bis Mom sie zum Mittagessen weckte.
   Sie setzte sich auf und starrte auf das Display. Weder ein Anruf noch eine SMS von Nora waren eingegangen. Seltsam. Es gab Nächte, da simsten sie sich die Finger wund oder telefonierten unter der Bettdecke versteckt stundenlang miteinander. Dass Nora sich nicht meldete, war ungewöhnlich.
   Stimmengewirr drang durch das Fenster herein. Alicia schlug die Decke zurück. Eigentlich war sie noch viel zu müde, um aufzustehen, doch die Neugier trieb sie ans Fenster. Ihr Herz machte einen Satz vor Schreck, bei dem Anblick, der sich ihr bot. Auf dem Grundstück der Haydens trieben sich Männer in weißen Overalls herum. Und Polizisten. Und Sanitäter. Und der Notarzt. Die Szenerie erinnerte sie an einen Tatort aus Criminal Minds. Schlagartig wurde ihr klar, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Ihre Kehle wurde eng, als ein Transporter mit der Aufschrift Pathologie in der Einfahrt der Haydens stehen blieb. Zwei Männer in weißen Overalls stiegen aus und holten einen sargähnlichen Gegenstand aus dem Lieferwagen. Ein Polizist winkte sie durch die Absperrung und ging ihnen voraus zum Pool.
   Alicia wurde schlecht. Ihr Herzschlag beschleunigte sich vor Angst. Was war da los? Sie musste Nora anrufen. Mit zitternden Händen griff sie nach ihrem Telefon, das noch im Bett lag. Es klingelte, aber Nora ging nicht dran. Die Mailbox schaltete sich ein. Alicia versuchte es noch einmal. Ohne Erfolg. O nein, o nein! Tausend Gedanken strömten zeitgleich auf sie ein. War etwas mit dem Hund von letzter Nacht? Hatte er jemanden gebissen? Oder war doch ein Einbrecher unterwegs gewesen?
   Barfuß und in Schlafshorts und T-Shirt rannte sie die Treppe hinunter. Ihre Eltern standen an der offenen Haustür und blickten zu den Haydens hinüber. Mom weinte. Falsch, sie wurde regelrecht von lauten Schluchzern geschüttelt, während Dads Hände auf ihren Schultern lagen. Alicias Knie gaben nach. Sie stolperte über die letzte Stufe. Das Geräusch ließ Mom herumfahren. Sie war kreidebleich.
   »Alicia, nein, bleib, wo du bist«, sagte Dad mit zittriger Stimme. »Geh wieder nach oben.«
   Alicia sah die Tränen in seinen Augen. Wie in Trance ging sie auf ihn zu. »Was ist passiert?«
   Niemand antwortete.
   »Hat Nora etwas angestellt?«
   Dad stellte sich ihr in den Weg. In seiner Miene standen Entsetzen und Trauer. »Geh wieder in dein Zimmer, Allie, ich komme nachher zu dir und erkläre dir alles.«
   Eine eisige Hand umklammerte ihr Herz und drückte zu, bis sie den Schmerz kaum noch aushielt. »Erklären? Was denn?« Ihre Stimme klang brüchig, das Atmen fiel ihr schwer.
   »Alicia, bitte, im Moment kann ich …«
   »Was ist da drüben los, Dad? Geht es um den Hund?«
   »Um den Hund?«, wiederholte er irritiert.
   »Der Hund, der heute Nacht hier herumgeschlichen ist. Hat er etwas angestellt?«
   »Ich weiß nichts von einem Hund.«
   »Ich habe ihn gesehen … ich muss …« Sie drängte sich an Dad vorbei, eilte zu Mom und folgte ihrem Blick. Die Hecken, die den Garten der Haydens umschlossen, verdeckten teilweise die Sicht.
   »Allie«, sagte Dad eindringlich, »geh wieder nach oben.«
   Das konnte sie nicht. Etwas war bei Nora passiert. Da niemand ihr sagen wollte, was, musste sie es selbst herausfinden.
   Sie lief nach draußen, ehe Mom oder Dad sie zurückhalten konnten. Die Bewohner der umliegenden Häuser standen auf der Straße. Alle Blicke waren auf das Grundstück der Haydens gerichtet.
   Alicia zwängte sich zwischen den Hecken hindurch und rannte durch den Garten zum Pool, der offensichtlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Polizisten, Sanitäter und Männer in weißen Overalls verdeckten ihr die Sicht. Sie musste näher heran. So rasch es ihre zittrigen Beine zuließen, bewegte sie sich vorwärts. Der Notarzt kniete auf den Steinfliesen, die den Pool umgaben. Vor ihm lag eine Gestalt, die sich nicht bewegte. Ein weiblicher Körper auf einer schwarzen Plastikplane. Alicia blieb ruckartig stehen. Ihre Beine fühlten sich plötzlich bleischwer an. Die Gestalt sah aus wie Nora, aber das konnte unmöglich sein. Sie zwang sich, noch ein paar Schritte weiterzugehen und wünschte sich Sekunden später, sie hätte es nicht getan. Entsetzt sah sie auf das bizarre Bild, das sich ihr bot. Bleich und starr lag ihre Freundin da, die Augen weit aufgerissen, als würde sie in den Himmel blicken. In diesen wunderschönen blauen Morgenhimmel. Doch der Schein trog. In Noras blauen Augen war jedes Leben erloschen. In Wahrheit sah sie ins Leere.
   Die langen blonden Haare klebten in ihrem Gesicht, das Make-up war verschmiert. Eine groteske Maske, hinter der sich ihre Schönheit verbarg. Der rot lackierte Nagel ihres linken Zeigefingers war abgebrochen. Sie hatte ein enges weißes T-Shirt und pinkfarbene Shorts an. Keine Schuhe. Ihre geliebte Halskette mit dem Schmetterlingsanhänger lag nicht um ihren Hals, und der linke Ohrring fehlte.
   Einer der Männer in den weißen Overalls kam auf sie zu. »He, was machst du da?«
   »Ist das Nora?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort längst kannte. »Ist das Nora Hayden? Meine Freundin Nora?« Nein, das kann nicht sein! Das ist niemals Nora!
   »Du darfst nicht hier sein. Komm, ich bring dich …«
   Alicia wandte den Kopf. Eine Polizistin stand neben ihr. »Ich … bitte, ist das Nora? Was ist mit ihr passiert?«
   Die Polizistin legte eine Hand auf ihre Schulter. »Wo sind deine Eltern?«
   »Ist das meine Freundin Nora?«
   »Wie heißt du?«
   »Warum antwortet mir niemand? Ich will nur wissen …« Alicias Blick trübte sich. Übelkeit überkam sie so heftig, dass sie auf die Knie sank und sich an Ort und Stelle übergab. Sie wurde regelrecht von Krämpfen überrollt. Wie durch einen Nebel hindurch sah sie den Arzt, der eben noch vor Nora gekniet hatte, auf sich zukommen. Bin ich auch tot? Er redete mit ihr, aber sie verstand nichts. Seine Lippen bewegten sich stumm. Er machte etwas mit ihrem Arm. Sie konnte sich nicht wehren. Kraftlos fiel sie ins Gras. Alicia fühlte sich, als hätte ihr jemand bei lebendigem Leib das Herz herausgerissen. Nora war … tot? Nein, nein, nein!
   »Alicia! O Gott, Alicia!« Mom war da, bettete ihren Kopf in ihren Schoß und streichelte über ihre Wange. »Alles wird gut. Schsch, alles wird gut.«
   »Mom?«
   »Schsch, meine Kleine, alles wird gut.«
   Etwas pikste sie in den Arm. »Nora ist … Nora … Nora …«
   »Schon gut, Schatz, alles ist gut. Mommy ist bei dir.«
   »Nein«, wimmerte sie, »Nora ist …« Mom drückte sie fest an sich und wiegte sie hin und her. So, wie sie es früher auch gemacht hatte, als Alicia noch klein war. Das hatte immer geholfen, um sie zu beruhigen. Diesmal wirkte es nicht. Nein, nicht diesmal. Nora war tot. Bleich und starr wie eine Puppe, mit leblosen, wässrigen Augen.
   »Mom, Nora ist … Nora ist … tot …« Es auszusprechen tat so weh. Sie spürte Moms Tränen auf ihre Stirn tropfen. »Wieso? Was ist passiert?«
   »Ich weiß es nicht, mein Schatz.«
   »Aber …« Ehe sie zu Ende sprechen konnte, hüllte sie ein milchig weißer Nebel ein, der sie den grausamen Schmerz für eine Weile vergessen ließ.

Trauer

»Weißt du, wo du herkommst?«
   »Na klar. Vom Haus gegenüber.«
   »Nein, ich meine, weißt du, wo du wirklich herkommst?«
   Ich sitze auf Noras Bett und sehe von der Zeitschrift auf, in der ich eben gelesen habe. Sie lehnt in ihrem Schreibtischstuhl und blickt, wie so oft in letzter Zeit, gedankenverloren aus dem Fenster. Manchmal geht mir ihre Schwermut tierisch auf die Nerven, da ich keine Ahnung habe, wo sie herstammt. »Nora, du sollst den Text auswendig lernen, damit ich dich abfragen kann.«
   »Ich weiß nicht, wo ich herkomme. Ich glaube sogar, dass das niemand weiß.«
   Ich seufze und schließe die Augen. »Bitte konzentriere dich auf den Text.«
   »Also, ich habe keine Ahnung, wo ich herkomme.«
   Sie sieht mich herausfordernd an, als erwartet sie, dass ich ihr widerspreche, aber ich tue es nicht. Stattdessen senke ich meinen Blick wieder auf die Zeitschrift, in der Hoffnung, dass sie sich endlich auf ihre Aufgabe konzentriert.
   »Eines Tages werden wir alle herausfinden, dass wir nicht die sind, die wir dachten, zu sein. Dass wir …«
   »Halt die Klappe, oder ich gehe nach Hause, Nora!«
   Sie verstummt, zuckt mit den Schultern und beugt sich über das Französischbuch. Nach ein paar Minuten des Schweigens höre ich sie wieder murmeln.
   »Ihr werdet schon sehen. Ihr werdet es alle sehen.« Ich achte nicht darauf, sondern stecke mir die Stöpsel meiner Kopfhörer ein und suche in meinem Handy nach einem Song, der mich aufheitert.


Alicia erwachte schweißgebadet. Sie hatte von Nora geträumt und fühlte sich leer und ausgelaugt. Der Traum war traurig und schön zugleich gewesen, auch wenn sie sich nicht mehr an Details erinnern konnte. Das Beruhigungsmittel, das sie die letzten Tage eingenommen hatte, linderte zwar den Schmerz über Noras Tod, aber es verhinderte nicht, dass sie ihr in der Traumwelt begegnete. Nora ist tot. Dies nur zu denken, riss ihr das Herz heraus.
   Niemand hatte ihr bisher gesagt, was genau passiert war. Auf ihre Fragen erhielt sie nur ausweichende Antworten. Sie wusste, dass Mom und Dad sie nur beschützen wollten, dennoch musste sie die Wahrheit erfahren.
   Sie ging ans Fenster und zog die Vorhänge beiseite. Die Sonne schien, der Himmel war wolkenlos. Vögel trällerten fröhlich ihre Lieder. Die Idylle verursachte ihr Übelkeit. Wie konnte sich die Welt einfach so weiterdrehen, als wäre nichts geschehen? In ihren Augen brannten Tränen. Nora würde nie wieder den Himmel sehen, keine Vögel zwitschern hören, keine Blumen riechen, keine Grashalme zwischen ihren Fingern spüren. Nichts. Denn Nora befand sich in der Dunkelheit. Im Nirgendwo. Ich vermiss dich so. Alicia wurde von ihrer Trauer überwältigt. Schluchzend verbarg sie das Gesicht hinter ihren Händen und weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte.
   Stell dir vor, deine Freundin ist an einem schönen Ort, an dem sie immer schon sein wollte. Von dort aus wacht sie über dich, freut sich mit dir, lacht mit dir, redet mit dir. Stell dir vor, sie ist ein Stern, mit dem du sprechen kannst, der dir zuhört und dich versteht, auch wenn du keine Antwort erhältst. In deinem Herzen wird sie weiterleben. Immer.
   Alicia schluckte, als ihr die tröstenden Worte der Polizistin wieder einfielen. Und die vielen Fragen, die sie ihr gestellt hatte. Über ihre Freundschaft zu Nora. Über ihre Hobbys. Wie Nora in der Schule war. Ob es jemanden gab, der Nora nicht mochte. Ob sie mit allen Lehrern gut ausgekommen war. Ob es Streit zwischen Nora und ihren Eltern gegeben hatte und was die Nachricht bezüglich des Einbrechers bedeutete, die sie auf Noras Mailbox gesprochen hatte. Ihre eigenen Fragen jedoch waren unbeantwortet geblieben.
   Sie fühlte sich wie gerädert und legte sich wieder ins Bett, schloss die Augen und versuchte, an nichts zu denken, bis sie einschlief.

Später wachte sie ein wenig erholter auf, aber die Trauer hüllte sie immer noch ein wie ein Kokon. Sie schleppte sich ins Badezimmer, um zu duschen und sich die Zähne zu putzen. Im Spiegel blickte ihr ein blasses Gesicht mit dunklen Augenringen entgegen. So ähnlich hatte Nora ausgesehen, am Tag, als sie sie zuletzt gesehen hatte. Tot und bleich und leer. Sie presste die Lippen zusammen und schloss die Augen, um nicht schon wieder loszuheulen, doch die Tränen bahnten sich hartnäckig einen Weg unter ihren Lidern hervor. Es tat so weh, an Nora zu denken. Würde das irgendwann vorbeigehen? Konnte sie sich jemals an die schönen Zeiten mit ihrer Freundin erinnern, ohne vom Schmerz erdrückt zu werden?
   Als sie aus dem Badezimmer kam, hörte sie Mom und Dad miteinander sprechen. Seltsam. Musste Dad heute nicht arbeiten? Es war doch Montag. Oder erst Sonntag? Irgendwie hatte sie den Überblick verloren, was mit Sicherheit an dem Beruhigungsmittel lag.
   Sie setzte sich auf die oberste Stufe und lehnte den Kopf an die Wand, um die beiden zu belauschen.
   »Ich sah Alex vorhin am Pool stehen und ins Wasser starren.« Dads Stimme klang gedämpft. »Ich ging zu ihm und fragte, ob er klarkommt.«
   »O nein, der arme Alex«, hörte sie Mom voller Betroffenheit sagen. »Es ist so schrecklich. Ich kann immer noch nicht fassen, dass Nora tot ist.«
   Sekundenlang herrschte Stille.
   »Alex erzählte mir, dass der Arzt da war und Barbara ein Beruhigungsmittel verabreichen musste«, fuhr Dad fort. »Die letzten zwei Nächte war sie im Krankenhaus, aber dort will sie nicht mehr hin. Alex fühlt sich so hilflos.«
   »Wenn ich der armen Barbara nur helfen könnte.«
   Dad seufzte laut. »Das kannst du nicht. Niemand kann das.«
   »Ich weiß. Das ist ja das Schlimme. Es tut so weh, dass man glaubt, man erträgt es nicht, und egal, was andere tun, um den Schmerz zu lindern, es funktioniert nicht.«
   Wieder war es eine Weile still. Alicia glaubte schon, das Gespräch sei zu Ende.
   »Hat Alexander darüber gesprochen, wie das passieren konnte?«, fragte Mom da.
   Alicias Herzschlag beschleunigte sich. Erfuhr sie endlich, was ihrer geliebten Freundin zugestoßen war?
   »Erinnerst du dich, dass Nora mit sechs oder sieben Jahren schlafgewandelt ist?«
   »Ja. Barbara hat deswegen jeden Abend ein nasses Handtuch vor Noras Bett gelegt, damit sie aufwacht, wenn sie aufsteht und mit den nackten Füßen darauf tritt. Manchmal war das wirksam, manchmal nicht. Als sie älter wurde, hörte das Schlafwandeln plötzlich auf. Warum?«
   »Weil Alex vermutet, dass Nora das Haus schlafwandelnd verließ, in den Pool fiel und ertrank.«
   »O nein, wie grausam.« Alicia presste die Hand auf den Mund, um einen Schluchzer zu unterdrücken. Nora war schlafgewandelt und deshalb ertrunken? Nein! O nein!
   »Alex vertraute mir an, dass Nora obduziert wird.«
   »Obduziert? Du liebe Zeit, welch eine schreckliche Vorstellung für die Haydens.«
   »Der Polizist, der bei ihnen war, sagte, dass so etwas bei nicht klaren Todesfällen immer gemacht wird. Sie wollen untersuchen, ob Nora unter Drogen stand oder alkoholisiert war, als es passierte.«
   »Nora würde Drogen nie anrühren.«
   »Das wissen wir, aber nicht die Polizei. Die Beerdigung wird dadurch hinausgeschoben.«
   »Das ist so schrecklich. Wenn ich mir vorstelle, Alicia wäre … ich könnte das nicht ertragen.«
   Erneut trat Stille ein, die Alicia zermürbte. Unaufhörlich flossen Tränen über ihre Wangen. Nora sollte aufgeschnitten werden! Wie konnten die Haydens das zulassen?
   »Ich habe einen Hund bellen hören, in dieser Nacht«, setzte Mom die Unterhaltung nach einer Weile fort. »Was, wenn Nora gar nicht schlafgewandelt ist? Vielleicht hat sie den Hund auch gehört, ist rausgegangen, irgendwie gestolpert und in den Pool gefallen?«
   »Das glaube ich nicht. Nora konnte gut schwimmen. Wäre sie wach gewesen, wäre sie an den Beckenrand geschwommen.«
   Die Worte flossen ineinander, verfingen sich, wurden zu Klumpen, die schwer in Alicias Magen lagen. Die Frage nach dem Warum trat plötzlich weit in den Hintergrund. Alles, was sie wollte, war, Nora in die Arme zu schließen, über ihr Haar zu streichen, ihre Wange zu küssen und ihren Herzschlag zu spüren. Alles, was sie wollte, war Nora. Jetzt, für immer.
   »Allie?« Mit tränenverschleiertem Blick sah sie auf. Mom und Dad standen am Fuß der Treppe. »Was machst du denn da?« Mom eilte zu ihr und schloss sie sanft in die Arme. »Komm, ich bring dich zurück ins Bett.«
   »Nora ist ertrunken?«
   »Schsch, nicht jetzt, meine Kleine.«
   »Wieso ist sie ertrunken? Sie konnte doch schwimmen. Wäre sie nicht aufgewacht, wenn sie schlafwandelnd ins Wasser gefallen wäre? Und diesen Hund, den habe ich auch gehört. Sogar gesehen …«
   »Schsch, alles wird gut …«
   »Nein, Mom …«
   »Ich werde Doktor …«
   »Ich will kein Beruhigungsmittel mehr.«
   »Aber …«
   »Wenn ich benebelt bin, kann ich nicht denken.«
   »Du sollst nicht denken, Schatz.« Sanft drückte Mom sie ins Bett und zog die Decke bis zu ihren Schultern hoch.
   »Mir ist zu heiß. Ich will keine Decke. Ich muss mich umziehen und …«
   »Schsch. Beruhig dich, Schatz.« Zärtlich strich sie Alicia eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
   »Mom, wieso war die Polizei hier und hat Fragen über Nora gestellt?«
   »Das weiß ich nicht. Dein Dad und ich wurden auch befragt. Wahrscheinlich ist das Routine bei so einem Unglücksfall.«
   »Die Polizistin wollte wissen, ob Nora Feinde hat … hatte.«
   Mom krauste die Stirn. »Feinde?«
   »Ich konnte nichts sagen … ich meine, ich weiß nicht, ob Nora Feinde hatte.«
   »Scht, schon gut, Schatz.«
   »Nein, es ist nicht gut. Nora … sie war seit einer Weile oft abweisend zu mir, und ich weiß nicht, warum.«
   »Abweisend? Davon habe ich nichts bemerkt. Bist du dir sicher?«
   Die Erkenntnis traf Alicia hart, aber sie konnte es nicht mehr verdrängen. Nora hatte sich verändert. Es war nicht mehr so zwischen ihnen gewesen wie früher. Nora hatte begonnen, eigene Wege zu gehen, ohne sie, und das zuzugeben verletzte sie. »Ja, bin ich. Sie unternahm kaum noch etwas mit mir, und zu unseren Freitags-DVD-Abenden kam sie auch nur noch selten. Und dann … sie wollte auf einmal nicht mehr, dass ich ihr Zimmer betrete. Sie benahm sich, als würde sie etwas vor mir verheimlichen. Einmal, als ich ihr ein Buch zurückbrachte, ließ Mrs Hayden mich rein und ich ging hoch zu Nora. Ich klopfte an ihre Tür und wartete. Sie telefonierte gerade, und ich hörte sie lachen. Ich klopfte noch einmal, denn ich dachte, sie hätte mich nicht gehört, da riss sie die Tür auf und sah mich zornig an. Ich sagte Hi und wollte ins Zimmer gehen, doch sie streckte den Arm aus, um mich daran zu hindern und blaffte mich an, dass ich unten warten sollte, bis sie Zeit für mich hätte. Dann warf sie die Tür zu und ich … Ich wusste nicht, was los war. Als Nora später herunterkam, tat sie, als ob nichts vorgefallen wäre. Nicht einmal entschuldigt hat sie sich. Und jetzt kann ich sie nicht mehr fragen, was los war. Ich werde es nie erfahren.«
   »Es tut mir so leid, Schatz.« Alicia vergrub ihr Gesicht im Kissen und krallte sich an der Decke fest. Sie fühlte sich, als würde sie innerlich zerreißen.
   »Soll ich doch den Arzt anrufen?«
   »Nein. Es geht mir gut.«
   »Das stimmt nicht, aber es ist okay. Du darfst weinen und traurig sein. Sie war deine beste Freundin. Ihr wart wie Schwestern.«
   »Es tut so weh.«
   »Ich weiß.« Alicia schloss die Augen, sank an Moms Brust und weinte zum zweiten Mal in ihrem Leben wie ein Baby.

Abschied

»Hast du je daran gedacht, dich umzubringen?«
   »Bist du verrückt?«
   »Nein. Das ist eine völlig normale Frage. Also, hast du?«
   »Natürlich nicht.« Ich sitze neben Nora im Hörsaal und versuche, mich auf den Mann zu konzentrieren, der unserer Schule einen politisch veranlagten Vortrag hält. Mich interessiert kein Wort von dem, was ich da höre, aber es ist allemal besser, als den Mathetest zu schreiben, der wegen dieser Veranstaltung ausfiel. Ich sehe Nora an und suche in ihrer Miene nach dem Grund dieser Frage, doch ich finde keinen. Sie macht einen fröhlichen Eindruck auf mich. Inzwischen bin ich zu der Einsicht gelangt, dass Nora ihre Gesprächspartner zu gern mit Fragen dieser Art schockiert, um ihre Reaktionen zu testen.
   »Na gut. Wenn du dich umbringen würdest, wie würdest du das anstellen?«
   Ich seufze und suche nach einer Antwort, damit sie mich endlich damit zufriedenlässt. »Wahrscheinlich würde ich Pillen schlucken.«
   »Warum?«
   »Keine Ahnung. Vielleicht, weil das am wenigsten Schmerzen bereitet?«
   »Woher weißt du das?«
   »Ich weiß es nicht, ich vermute es nur.«
   »Okay. Ich würde es auch mit Pillen machen. Aber man muss genug davon schlucken, damit sie auch wirken, sonst wacht man irgendwann auf und stellt fest, dass einem der Magen ausgepumpt wurde und derselbe Scheiß von vorn beginnt.«
   Ich schüttle den Kopf und beschließe, sie zu ignorieren, aber das ist nicht nötig, denn den Rest der Stunde schweigt sie.


Die Tage vergingen, die Zeit lief weiter, die Welt drehte sich. Der Schmerz in Alicias Brust blieb. Jede Erinnerung an Nora trieb ihr Tränen in die Augen. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass sie ihre beste Freundin nie wieder sehen und ihr schallendes Lachen nie wieder hören würde. Nora war für immer fort.
   Nachts, wenn Alicia die Sehnsucht nach Nora so stark überkam, dass sie nicht mehr schlafen konnte, ging sie ans offene Fenster und schaute zum Haus der Haydens hinüber. Noras Zimmer lag im Dunkeln. Einige Male sah sie Alexander Hayden am Pool. Er stand nur da und starrte ins Wasser. Als ob er darauf warten würde, dass Nora auftauchte und lachend »Alles nur ein Scherz, ich bin gar nicht tot!« rief.
   Als Noras Leiche endlich für die Beerdigung freigegeben wurde, hoffte Alicia, dass der Druck in ihrer Brust nachließ, doch das Gegenteil geschah. Das Wissen um die bevorstehende Bestattung legte sich wie eine tonnenschwere Last auf ihre Atemwege. Der Arzt musste kommen und ihr etwas zur Beruhigung geben. Zwei Tage lang fühlte sie sich wie ein Schatten ihrer selbst, konnte weder essen noch trinken und verkroch sich in ihrem Bett.
   Am Tag der Beerdigung weigerte sie sich, das betäubende Medikament einzunehmen. Wenn sie sich von Nora verabschiedete, wollte sie klar im Kopf sein. Sie schleppte sich zum Kleiderschrank. Noch nie war es ihr so schwer gefallen, ihn zu öffnen. Sie musste schwarze Sachen heraussuchen. Kurz wallte Ablehnung in ihr auf. Wer war zu dem Entschluss gekommen, dass man nur fähig war zu trauern, wenn man Schwarz trug? Nora hatte fast nie Schwarz getragen. Sie mochte es bunt. Ihre Lieblingsfarbe war Fuchsia.
   Alicia griff nach einem pinkfarbenen T-Shirt und schlüpfte hinein. Nora besaß auch so eins. Sie hatten die Shirts erst vor drei Wochen gekauft. Nora war noch nicht einmal dazu gekommen, es zu tragen. Alicia ballte die Fäuste. Schon wieder brannten Tränen unter ihren Lidern.
   »Ich ziehe das heute für dich an«, sagte sie mit zitternder Stimme, »und niemand wird mir das verbieten.«
   Nach einem zögerlichen Klopfen kam Mom ins Zimmer. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Sie musterte das pinkfarbene Shirt, und Alicia wartete auf eine Rüge, die nicht kam. Stattdessen wurde sie von Mom in den Arm genommen.
   »Geht’s dir gut?«
   Alicia brachte nur ein Nicken zustande.
   »Das war eine dumme Frage. Entschuldige. Wie sollte es dir gut gehen an so einem Tag wie heute.« An so einem Tag wie heute. An Noras Beerdigung. Abschied. Für immer. »Stehst du es durch?« Alicia nickte noch einmal. »Wenn nicht, gib mir ein Zeichen, und wir gehen. Jeder wird das verstehen.«
   »Danke, Mom, aber ich schaffe das.«
   »Okay. In einer halben Stunde fahren wir zur Kirche.«
   Als sie wieder allein war, zog sie eine schwarze Jeans vom Kleiderbügel und schlüpfte hinein. Mühsam blinzelte sie die erneut aufsteigenden Tränen zurück und nahm eine schwarze Bluse aus dem Schrank. Die hatte sie erst einmal getragen. Zu einem ganz anderen Anlass. Letztes Jahr an Weihnachten. Ihre Finger zitterten, als sie sie gerade so weit zuknöpfte, dass man noch ein Stück des pinken T-Shirts darunter sehen konnte. Auf eine Jacke verzichtete sie, obwohl es nieselte. Auf dem Weg zur Tür trat sie ans Fenster, um es zu schließen, und erblickte einen Streifenwagen, der gerade in die Einfahrt der Haydens fuhr. Zwei uniformierte Cops stiegen aus. Was wollten sie ausgerechnet heute? Noch mehr Fragen stellen?
   Die Haustür der Haydens öffnete sich, ehe einer der beiden klingeln konnte. Alexander wechselte kurz ein paar Worte mit ihnen, dann ließ er sie ins Haus. Was auch immer der Grund für den Besuch der Polizisten war – er riss alle Wunden wieder auf.

Die kleine Kirche war bis zum letzten Platz besetzt. Am Altar stand Pfarrer Forester und sprach leise mit den Messdienern. Foresters Haare waren bereits ergraut. Er trug eine Brille und seit Kurzem auch ein Hörgerät. Früher hatte er den Religionsunterricht an der Highschool geleitet, doch seit sich sein Gehör vor ein paar Monaten verschlechtert hatte, wurde er von einem jungen Theologen vertreten. Nora hatte dem neuen Lehrer mit ihren Ansichten zur Religion sehr zugesetzt, sodass sie nicht nur einmal wegen ihrer frechen Sprüche zum Direktor musste.
   Forester lächelte und nickte ihr zu. Alicia erwiderte das Lächeln flüchtig. Sie mochte den Pfarrer. Er hatte Nora nie von oben herab behandelt und war immer sachlich auf ihre Meinung eingegangen. Trotzdem wünschte sie sich, irgendwo in den hinteren Reihen zu sitzen, anstatt ganz vorn bei den Haydens, da sie sich vorkam wie auf dem Präsentierteller. Bestimmt erwarteten einige Mitschüler, dass sie laut schluchzte und Sturzbäche weinte vor Traurigkeit, doch diesen Gefallen würde sie ihnen nicht tun.
   »Geht’s?«, fragte Mom zum wiederholten Male besorgt.
   »Ja. Ich wünschte nur, Forester würde endlich anfangen.«
   Barbara Hayden weinte leise. Mom legte tröstend den Arm um sie. Alexander Hayden starrte stumm auf seine Schuhspitzen. Neben ihm saßen ein Mann und eine Frau mit versteinerten Gesichtern. Da der Mann eine große Ähnlichkeit mit Alexander Hayden besaß, vermutete Alicia, dass es sich bei ihm um seinen Bruder oder Cousin handelte. Zu Barbara Haydens linker Seite saß eine ältere Frau. Nora hatte einmal erzählt, dass ihre Großmütter bereits vor ihrer Geburt verstorben waren und dass ihre Tante mütterlicherseits in Paris lebte, weshalb sie sich nicht oft sahen. Alicia war froh, dass sie zum Begräbnis gekommen war und Mrs Hayden beistand.
   Als der Pfarrer endlich mit der Predigt begann, tauchte Alicia ab in glückliche Erinnerungen mit Nora. Sie sah ihre strahlenden Augen, hörte sie lauthals lachen, sah, wie sie ihr langes blondes Haar mit den magentafarbenen Strähnchen kokett über die Schultern warf, hörte sie über die Zicken in ihrer Klasse lästern, roch ihr Parfum, betrachtete den glitzernden Nagellack an ihren oval gefeilten Nägeln, beneidete sie um die Leichtigkeit, mit der sie Jungs um den kleinen Finger wickelte, sang mit ihr ein Lied, das sie zusammen einstudiert hatten …
   Der Schmerz der Erinnerung bohrte sich gnadenlos und eiskalt in ihr Herz. Ihre Kehle wurde eng. Sie spürte die neugierigen Blicke ihrer Mitschüler im Rücken und hörte sie tuscheln. Verstohlen sah sie nach rechts und ertappte Marissa Rush dabei, wie sie zu ihr herüberstarrte. Alicia blinzelte irritiert, als sich Marissa nicht abwandte. Es kam ihr so vor, als wollte sie ihr etwas mitteilen. Marissas Lippen bewegten sich, aber Alicia verstand nicht, was sie ihr zu sagen versuchte. Da sie eigentlich selten Kontakt mit Marissa hatte, vermutete sie, dass diese lediglich ihr Beileid aussprechen wollte, was mehr war, als die anderen Mitschülerinnen taten. Nora war nicht allzu beliebt bei ihren Klassenkameradinnen gewesen, da sie nie davor zurückgeschreckt war, auch mit Jungs zu flirten, die bereits in festen Händen waren. Genau das hatte Nora gereizt.
   Nach der Predigt verließ der Trauerzug die Kirche und schritt auf Noras Grab zu. Vereinzelte Sonnenstrahlen kämpften sich durch die Wolkendecke. Alicia presste die Lippen zusammen, als sie den rechteckig ausgehobenen Graben erblickte, der nur darauf wartete, Noras Sarg aufzunehmen. Die Luft roch nach feuchter Erde. Alicia schwankte leicht. Nora würde in Zukunft von diesem Geruch umgeben sein. Eingehüllt wie ein Kokon. Für immer.
   Dad legte seine Hand auf ihre Schulter. »Möchtest du gehen?«
   Sie wollte nicht nur gehen, sie wollte weglaufen, weit weg, irgendwohin, wo niemand weinte und Nora noch lebte. Sie wollte diesem Albtraum entfliehen und ihr unbesorgtes Leben weiterführen, wollte mit Nora lachen und Jungen Streiche spielen, Lehrer ärgern und über die Klassenprinzessinnen lästern. Alicia hätte alles getan, um ihre Freundin wiederzubekommen, aber das Leben war grausam und bot keinen Weg zurück. »Nein, ich muss das durchstehen. Nora würde dasselbe auch für mich tun.«
   Dad nickte und schenkte ihr ein liebevolles Lächeln. Alicia ließ ihre Blicke über die Trauergäste schweifen. Alle hielten die Köpfe gesenkt und die Hände zum Gebet gefaltet. Dominic, der Typ aus dem Diner, der Nora letzten Sommer einige Male ins Kino eingeladen hatte, war auch da. Er spürte ihren Blick offenbar, sah auf und nickte ihr zu. Neben ihm standen Leute aus der Schule. Zicken, Streber, Loser. Nora war nur mit wenigen von ihnen befreundet gewesen.
   Sogar der Direktor und ein paar Lehrer waren gekommen, um ihre Anteilnahme zu zeigen. Mit ernsten Gesichtern und gefalteten Händen wirkten sie in ihren schwarzen Anzügen befremdlich.
   Als sie über ihre Schulter sah, entdeckte sie Cato. Er stand direkt hinter ihr, und seine Anwesenheit wurde ihr mit jeder Faser ihres Herzens bewusst. Ihre Blicke trafen aufeinander. Der Moment reichte aus, um ihr Herz schneller schlagen und ihre Wangen heiß werden zu lassen. Rasch senkte sie den Kopf und starrte ihre Hände an. Catos Anblick wühlte sie nach so langer Zeit immer noch auf.
   Zwei Frauen in dunkelgrauen Hosenanzügen, die etwas abseitsstanden, erweckten ihre Aufmerksamkeit. Sie ließen ihre Blicke langsam über die Trauergäste schweifen, so als würden sie jemanden suchen. Wenige Minuten später näherte sich ihnen ein Mann. Er trug einen schwarzen Anzug und telefonierte mit seinem Handy. Nachdem er das Gespräch beendet hatte, wandte er sich den Frauen zu. Sie sprachen miteinander, ohne die Trauergäste aus den Augen zu lassen. Alicia spürte ein Kribbeln im Nacken. Diese Leute waren bestimmt nicht hier, weil sie um Nora trauerten. Dafür wirkten sie zu geschäftig.
   Der Mann im Anzug begegnete ihrem Blick. Als sie ihm standhielt, senkte er den Kopf und sprach wieder mit den Frauen. Sie sahen zeitgleich zu ihr herüber. Was sollte das? Die kleinere fasste plötzlich in ihre hintere Hosentasche und zog ein Handy heraus. Dabei verrutschte ihre Jacke ein wenig. Alicia hielt die Luft an. War das eine Pistole an ihrem Gürtel? Ja. Sie hatte richtig gesehen. Die Frau im dunkelgrauen Hosenanzug trug eine Pistole bei sich. Dann wurde es ihr schlagartig klar. Die drei waren Polizisten in Zivil! Aber … was sollte das? Wieso waren die hier? Noras Tod war ein grauenhafter Unfall gewesen. Polizisten in Zivil tauchten nur dann auf einem Begräbnis auf, wenn ein Mordfall vorlag, in der Hoffnung, dass der Mörder dort aufkreuzte. Das wusste sie aus Criminal Minds. Irgendetwas stimmte hier nicht.
   Barbara Hayden unterbrach Alicias Gedankengang, als sie sich laut schluchzend in Alexanders Arme warf. Der Pfarrer verstummte kurz und senkte mitfühlend den Kopf. Alicia presste die Lippen zusammen, um die Tränen zurückzuhalten. Sie wollte nicht vor allen weinen.
   Cato trat so nahe an sie heran, dass sich ihre Schultern berührten, und fasste nach ihrer Hand. »Ich bin bei dir, Allie. Du musst das nicht allein durchstehen.«
   Dankbar sah sie ihn an. Er lächelte. Für einen Moment verdrängte prickelnde Wärme die Kälte in ihrer Brust und vermittelte ihr die Illusion, dass alles gut werden würde.

Kribbeln

»Ich finde ihn unheimlich süß. Du musst ihn dir endlich krallen, Allie.«
   Wir sehen Cato und seinen Kumpels beim Basketballspielen zu. Es ist heiß, und er hat sein T-Shirt ausgezogen. Ich muss dauernd auf seine Muskeln starren und auf seine milchkaffeebraune Haut, die in der Sonne glänzt. Mein Herz klopft schneller, seit er da ist, und meine Wangen fühlen sich heiß an. Er sieht immer wieder zu uns her – oder zu mir? Mein Magen rebelliert auf eine angenehme Weise, wenn er mit seinen Kumpels redet, und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass er mich wieder anspricht. Nora hat damit keine Probleme. Sie redet mit allen, egal, ob sie denjenigen kennt oder eben erst kennenlernt. Ich bin zu schüchtern, um so zu sein wie sie, was mich oft nervt.
   »Guck, er zwinkert dir zu«, teilt Nora mir leise mit und stößt dabei ihr Knie gegen meins.
   »Ich sehe es.«
   »Zwinker zurück, schnell.« Ich tue es und komme mir blöd vor. Cato hebt die Hand und winkt mir zu. Ich winke zurück. Nora stöhnt und schüttelt den Kopf.
   »O Mann, ihr seid Babys. Wie lange wollt ihr euch denn noch anschmachten? Reiß dich endlich am Riemen und lade ihn zu einem Date ein.«
   Der Gedanke allein treibt mir schon Schweißperlen in den Nacken. Nie und nimmer werde ich das tun. Dafür bin ich viel zu feige. Plötzlich höre ich jemanden >Achtung< rufen. Noch ehe ich kapiere, was los ist, knallt mir der Basketball an den Kopf. Ich spüre einen heftigen Schlag, dann falle ich rückwärts von der Bank und lande im Gras. Der Schmerz ist zuerst gar nicht so schlimm, erst, als ich mich aufzusetzen versuche, schießt er wie eine vergiftete Pfeilspitze durch meinen Kopf. Stöhnend lege ich mich wieder hin und warte, bis es vorüber ist.
   »Allie, du meine Güte, geht’s dir gut?«
   Nora beugt sich über mich, dann taucht Cato in meinem Sichtfeld auf. Ich lächele und hebe die Hand, um sein Gesicht zu berühren – nur um sie sofort wieder zurückzuziehen. Er ist es wirklich, und seine Miene drückt Besorgnis aus.
   »Allie? Alles okay? Sollen wir den Krankenwagen rufen?«
   Dass er mich das fragt, beschert mir absurderweise Glücksgefühle.
   »Hör auf, so dümmlich zu grinsen, Allie, und sag mir, ob du okay bist.«
   Verwirrt sehe ich Nora an. Warum sollte ich nicht okay sein? Sie helfen mir, mich aufzusetzen. Vor meinen Augen dreht sich alles.
   »Sie wird eine Beule kriegen«, höre ich Cato sagen und fasse mir an die Stelle oberhalb der rechten Schläfe, die am meisten schmerzt. Und da ist sie schon, die Erhebung, aus der bald eine dicke, fette Beule entstehen wird. O nein, wie unendlich peinlich! Nach ein paar Minuten – oder sind es Stunden? – stehe ich endlich auf. Ich fühle mich irgendwie wacklig auf den Beinen, aber ich verschweige es, um nicht noch peinlicher rüberzukommen.
   »Soll ich dich heimbringen?«, fragt Cato.
   Er steht ganz nah neben mir. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich will gerade mit Ja antworten, als sich Nora bei mir unterhakt.
   »Lass schön die Finger von ihr. Ich mach das schon.«
   Ungläubig sehe ich sie an. Was soll das? Hatte sie mir vorhin nicht geraten, ihn zu einem Date einzuladen? Warum vermiest sie mir diese große Chance?
   »Okay«, höre ich Cato sagen. »Ich hoffe, die Beule wird nicht zu groß.« Dann dreht er sich um und läuft zu seinen Kumpels zurück.
   »Nora, er wollte mich nach Hause bringen.«
   Sie sagt nichts, zieht nur die Brauen hoch und sieht mich ernst an.
   »Das wäre der ideale Moment gewesen, um ihm näherzukommen. Warum …«
   Abrupt lässt sie meinen Arm los. »Schon gut. Ich habs kapiert. Du willst nicht, dass ich mich um dich kümmere. Und was jetzt? Soll ich ihn zurückholen und bitten, dass er dich geradewegs in sein Bett zerrt?«
   »Was? Aber …«
   »Ach, vergiss es. Ich bin weg!« Sie geht so schnell davon, dass ich kein Wort mehr sagen kann. Ich starre ihr nach und frage mich, was ich eben falsch gemacht habe.


Alicia starrte auf das Sandwich in ihrer Hand, das Mom heute Morgen für sie zubereitet hatte. Sie würde es niemals hinunter bekommen. Ihr wurde bereits bei dem Gedanken daran schlecht. Mom hatte es gut gemeint, aber sie konnte es nicht essen. Nicht einmal den knackigen Salat, der seitlich aus dem Brötchen ragte, oder die dunkelroten Tomatenscheiben. Obwohl ihr Magen knurrte, fühlte sie sich, als hätte sie bereits Tonnen von Big Macs verschlungen, inklusive einer Riesenportion Pommes mit Sourcream Soße.
   Seit Noras Begräbnis war eine Woche vergangen. Die Cops hatten die Haydens seither noch einige Male aufgesucht. Auch sie selbst war erneut von der netten Polizistin über Noras Freunde, ihre Schulkollegen, ihren außerschulischen Umgang und über ihre Hobbys befragt worden. Ebenso über Noras Internettätigkeiten, doch da konnte Alicia ihr nicht helfen. Sie hatte weder einen Facebook- noch einen Twitter-Account. Im Gegensatz zu den anderen Mädchen in ihrem Alter hatte sie kein Interesse am virtuellen Leben. Soweit sie wusste, hatte Nora das genauso gehalten. Die Polizistin hatte ihr das offensichtlich nicht abgekauft, denn kurz bevor sie wieder gegangen war, hatte sie Alicia unter einem Vorwand aus der Reichweite ihrer Eltern gebracht und sie gebeten, offen darüber zu reden, ob sich Nora auf irgendwelchen Onlineportalen herumgetrieben hatte. Alicia musste die seltsame Frage ein weiteres Mal verneinen.
   »Bist du dir da ganz sicher?« Der Blick der Polizistin war eindringlich auf sie gerichtet.
   »Ja. Ich glaube schon. Wir haben uns vor einem Jahr oder so bei Facebook angemeldet, aber nur, weil wir neugierig waren. Nach ein paar Tagen haben wir unsere Accounts wieder gelöscht.«
   »Warum? Die Mädchen und Jungs heutzutage leben doch regelrecht auf diesen Seiten?«
   »Keine Ahnung. Ich gebe mich lieber mit echten Menschen ab. Die Leute, die uns da kontaktiert haben, kamen aus anderen Ländern. Wir haben nicht mal verstanden, was die geschrieben haben. Und diese nervigen Spieleeinladungen … nein, das war nichts für mich, und ich verstehe den ganzen Hype nicht, der darum gemacht wird.«
   »Und Nora? Dachte sie genauso darüber?«
   »Ja. Wir haben lieber etwas zusammen unternommen. In der echten, nicht in der virtuellen Welt. Aber was hat das alles mit Noras Unfall zu tun?«
   Diese Frage hatte die Polizistin nicht beantwortet, sondern sich rasch verabschiedet.
   Seufzend packte Alicia das Sandwich wieder ein und stellte den Schulrucksack neben sich auf die hüfthohe Mauer. Normalerweise saß Nora neben ihr und lästerte ausgiebig über Lehrer oder Schüler, beschwerte sich über Schularbeiten, motzte über Hausaufgaben oder wetterte über ungerechte Benotungen. Ihr war immer etwas eingefallen, worüber sie schimpfen, lachen oder diskutieren konnte, aber Nora war nicht mehr da, und Alicia fühlte sich furchtbar allein.
   »Was dagegen, wenn ich mich zu dir setze?«
   Sie blickte auf und kniff ein Auge zu, weil die Sonne sie blendete. Cato stand vor ihr. Ihr Puls beschleunigte sich abrupt. Seine milchkaffeebraune Haut bot einen tollen Kontrast zu seinem weißen T-Shirt. Seit der Beerdigung waren seine schwarzen Haare wieder kurz. Mühsam versuchte Alicia, das Kribbeln in ihrem Bauch zu ignorieren. Da sie, wie so oft in seiner Gegenwart, dummerweise kein Wort herausbrachte, schüttelte sie nur den Kopf. Er ließ sich so nahe neben ihr nieder, dass sich ihre Beine berührten. Alicia schluckte und hielt kurz die Luft an. Das Flattern in ihrem Magen verstärkte sich. Nur mühsam widerstand sie dem Impuls, ihre Hand auf seine zu legen. Sie sah ihn an und begegnete seinem Blick. Ihre Knie wurden weich, obwohl sie saß. Sein Lächeln brachte ihr Blut zum Kochen. Am liebsten würde sie ihn küssen, doch dazu war sie zu feige. Seine Augen waren dunkelbraun und mit Magie behaftet, die Alicia anzog und nicht mehr losließ. Wie gebannt starrte sie ihn an, versank in seinem Blick, tauchte ein und sehnte sich danach, sich in seine starken Arme zu kuscheln. Seit drei Jahren war sie so verliebt in ihn, dass es fast wehtat. Nora hatte ihn auch gut gefunden und Alicia das Versprechen abgenommen, Cato die Entscheidung zwischen ihnen zu überlassen. Nur, Cato hatte sich bisher noch nicht entschieden. Jetzt war Nora tot und der Eid, den sie damals geschworen hatte, hatte an Bedeutung verloren. Trotzdem fühlte sich der Gedanke, Catos Freundin zu sein, an, als würde sie Nora hintergehen.
   Sie riss sich von seinem Blick los und sah in Richtung Schulgebäude, damit sich ihr Herzschlag beruhigte.
   »Wie geht’s dir?«
   Seine Stimme machte diesen Plan zunichte. »Ähm, danke, ganz gut.« Ihre Sinne spielten in seiner Nähe verrückt.
   »So siehst du aber nicht aus.«
   Die Feststellung irritierte sie. Bisher war niemand so ehrlich zu ihr gewesen, doch es war auch einfacher, hinter vorgehaltener Hand über jemanden zu tuscheln, als ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.
   »Noras Tod setzt dir ganz schön zu, hm?«
   Noras Tod! Cato hatte das Ding beim Namen genannt. Noras Tod! Nicht, die Sache mit Nora oder das mit Nora … Nein, Cato sagte es so, wie es war. Das schmerzte furchtbar, schaffte jedoch gleichzeitig ein Gefühl des Vertrauens zwischen ihnen. Bei Cato musste sie sich nicht verstellen. Bei ihm konnte sie ihren Schmerz zeigen. »Sie fehlt mir furchtbar«, gab sie zu.
   »Mir auch. Sie war eine gute Freundin. Wir hatten viel Spaß zusammen.« Obwohl seine Worte tröstend gemeint waren, erweckten sie absurderweise ihre Eifersucht. Der Gedanke verstörte sie. Wie konnte sie auf ihre tote Freundin eifersüchtig sein?
   Hastig griff sie nach ihrem Rucksack und stand auf. »Ich geh schon mal rein. Mein Kurs fängt gleich an.«
   Cato erhob sich ebenfalls. Alicia wollte an ihm vorbeigehen, doch er stellte sich ihr in den Weg und legte seine Hand auf ihren Arm. »Hey, wenn du reden willst, egal worüber, ich bin da.«
   Sie sah zu ihm auf und erinnerte sich, dass er am Tag von Noras Beisetzung ihre Hand gehalten hatte. Darüber hätte sie sich gern mit ihm unterhalten und ihn gefragt, was das zu bedeuten hatte, jedoch war sie zu feige, um es anzusprechen.
   Ihre Haut prickelte, dort, wo seine Finger sie berührten.
   »Okay«, sagte sie mit rauer Stimme. »Danke.« Sie erwartete, dass er seine Hand zurückzog, doch er tat es nicht. Im Gegenteil. Er begann, sachte über ihren Arm zu streichen. Alicia schluckte und versuchte die Glücksgefühle, die diese Berührung in ihr auslöste, zu ignorieren.
   »Sehen wir uns später?«, fragte er und kam näher. So nahe, dass er sie mühelos küssen könnte, wenn sie nur ein bisschen den Kopf hob.
   »Ich … keine Ahnung. Vielleicht.« Ihr Körper begann zu brennen, bei der Vorstellung, sich mit ihm irgendwo allein zu treffen. »Ich … ich muss wirklich …«
   »Allie?«
   Die Art, wie er ihren Namen aussprach, verwandelte ihre Beine in Gelee. Obwohl sie wusste, dass es ein Fehler war, sah sie ihm in die Augen. Ihr Herz schlug Purzelbäume, die Schmetterlinge in ihrem Bauch flippten aus. Die Sehnsucht, sich an ihn zu schmiegen und ihn zu küssen, wurde so stark, dass sie Angst bekam.
   »Allie?«, wiederholte er flüsternd und überwand das letzte Quäntchen Abstand zwischen ihnen. Wie gebannt hing sie an seinen Lippen. »Ich wollte dir schon lange sagen …«
   Sein Handy klingelte und zerstörte den sinnlichen Moment. Erschrocken über die Anziehung entwand sie sich ihm und eilte los.
   »Warte«, bat er, doch sie floh, ohne noch einmal zu ihm zurückzusehen.

Erinnerungsstücke


   arbara Hayden kniete im Gras und verteilte mit ihren behandschuhten Händen Blumenerde in einem neu angelegten Beet. Es hatte eine rechteckige Form und befand sich in der Nähe des Apfelbaums. Alicia dachte wehmütig daran, wie sie im Sommer mit Nora im Schatten dieses Baumes auf einer Decke gesessen, Musik gehört, Modezeitschriften durchgeblättert, Apfelkuchen verspeist, über Jungs geredet und Zukunftspläne geschmiedet hatte. Noras Traum war es, Sängerin zu werden. Mr Dunlop, der Musiklehrer, war von ihrer rockigen Stimme begeistert gewesen und hatte sich beeindruckt darüber gezeigt, dass sich Nora das Gitarrespielen innerhalb kürzester Zeit selbst beigebracht hatte. Alicia sang ebenso für ihr Leben gern, doch im Gegensatz zu Nora liebte sie Musicals. Mr Dunlop hatte ihnen eine Woche vor Noras Tod Anmeldeformulare für die Castingteilnahme zur World Championships of Performing Arts gegeben, einer der größten Wettbewerbe für angehende Künstler weltweit. Sie wollten die Formulare gemeinsam ausfüllen und abgeben, und wenn sie das Casting bestanden, zusammen im nächsten Jahr zum Wettbewerb nach Los Angeles fliegen. Seither lagen die Papiere unausgefüllt in der Schublade ihres Schreibtisches.
   Alicia verdrängte die Gedanken an die verlorene Chance, atmete tief durch und ging auf Mrs Hayden zu. Sie hatte lange überlegt, ob sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen sollte. Letztendlich war sie zu der Erkenntnis gekommen, dass sie es tun musste.
   Barbara Hayden war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie Alicia nicht bemerkte. Sie griff nach der Pflanze im Blumentopf neben sich, hob sie behutsam heraus und setzte sie in die Erde. Eine kleine weiße Katze saß in einiger Entfernung im Gras und beobachtete das Geschehen neugierig.
   »Mrs Hayden«, sagte Alicia leise, um sie nicht zu erschrecken. Als sie nicht reagierte, kniete sie sich neben sie und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Abrupt wandte sie den Kopf. Ihr Gesicht war tränennass. Sie sah krank und ausgezehrt aus, unter ihren Augen lagen dunkle Ringe. Das kinnlange blonde Haar wirkte ungekämmt, ihre schwarze Bluse zerknittert, als hätte sie darin geschlafen.
   Alicia wurde von Schuldgefühlen überwältigt und wäre am liebsten wieder gegangen, doch jetzt war es zu spät. »Mrs Hayden, ich …«
   »Schmetterlingsflieder«, fiel sie ihr ins Wort. »Die nette Verkäuferin im Blumenladen erklärte mir, dass er eigentlich Sommerflieder heiße, aber der zarte Duft der violetten Blüten ziehe unzählige Schmetterlinge an, deshalb würde er auch Schmetterlingsflieder genannt. Von Juli bis Oktober blühe er, danach entstehen Beeren. Nora liebt Schmetterlinge. Schon als Kind hat sie stets versucht, sie zu fangen. Manche landeten auf ihrem Kopf oder auf ihrer Schulter, und sie war so fasziniert von ihnen, dass sie völlig stillstand, damit sie nicht wieder wegflogen. Zu Kostümpartys und sogar an Halloween ging sie nur als Schmetterling verkleidet. Ich setze den Flieder hier ein, neben Noras Lieblingsbaum, dann könnt ihr ihn im Sommer ansehen, wenn ihr meinen selbst gemachten Eistee trinkt und …« Sie verstummte, als würde ihr klar werden, was sie da sagte, und wandte sich wieder der Pflanze zu.
   Alicia presste die Lippen zusammen und bemühte sich, nicht loszuheulen.
   »Ich rede zu viel, nicht wahr? Ich sollte noch eine Valiumtablette nehmen und mich hinlegen. Manchmal hilft mir das, den Tag zu überstehen, doch wenn die Wirkung nachlässt, ist alles wieder da. Die Sehnsucht nach Nora, nach meinem Baby … sie zerreißt mich …, frisst mich auf …, ich weiß nicht, wie … O Gott …« Sie begann, heftig zu schluchzen.
   Alicia wusste nicht, was sie tun sollte. Sie erhob sich und blickte zu ihrem Elternhaus hinüber, in der Hoffnung, Mom irgendwo am Fenster oder im Garten zu sehen. Leider wurde ihr dieser Wunsch nicht erfüllt, und so stand sie da wie eine Statue und wartete, bis sich Mrs Hayden einigermaßen beruhigte.
   »Verzeih mir, Allie, manchmal überkommt mich diese Hilflosigkeit, und ich kann nicht mehr aufhören zu weinen.«
   »Mrs Hayden, wenn es möglich wäre, würde ich mit Nora tauschen. Es tut mir so leid, dass …«
   Barbara sah sie entsetzt an. »So etwas darfst du nicht einmal denken.« Sie stand auf und griff nach ihrer Hand. »Ich bin sehr froh, dass du Noras Freundin bist … warst. Ich bin es noch und werde es immer sein, Alicia. Du hast ihr gutgetan, weil du so ein liebes Wesen hast und … Danke, dass du meiner Kleinen so eine gute Freundin warst.«
   Die Worte schnürten ihr die Kehle zu.
   Barbara ließ ihre Hand los und tupfte sich mit dem Ärmel ihrer Bluse die Tränen von den Wangen. »Es gibt etwas, das ich dich fragen möchte. Ist dir auch aufgefallen, dass Nora sich die letzten Monate stark verändert hat?« In ihrer Stimme lag ein leichtes Zittern. »Vielleicht bilde ich es mir nur ein … Nein, eine Mutter spürt so was, oder? Sie zog sich mehr und mehr vor uns zurück, schloss sich in ihrem Zimmer ein, wollte nicht mit uns reden. Gut, Teenager sind so, doch manchmal war sie abwesend und ihre Blicke wirkten verängstigt und traurig. Wenn ich versuchte, mit ihr zu reden, blockte sie ab oder ignorierte mich. Ihre Noten verschlechterten sich zunehmend. Ich fragte sie, was los sei, aber sie meinte nur, im Moment sei ihr alles ein bisschen zu viel. Der Schulstress, die Bewerbungen fürs College, die Suche nach einem Ferienjob … Ich konnte nicht mehr zu ihr vordringen. Etwas war passiert, was sie mir nicht anvertrauen wollte.«
   Alicia schluckte befangen. Eigentlich war Nora ständig darum bemüht gewesen, im Mittelpunkt zu stehen, egal, ob positiv oder negativ, doch Barbara hatte recht. Seit einiger Zeit war Nora abwesend und still gewesen und ihre schulischen Leistungen hatten sich rapide verschlechtert. Nora hatte dem Stress, den sie angeblich zu Hause hatte, weil ihre Eltern ihr wie Geier im Nacken saßen und sie wie ein kleines Kind behandelten, die Schuld an ihrem Leistungsabfall und an ihrer Lustlosigkeit gegeben. Das würde Alicia Mrs Hayden aber auf keinen Fall sagen. Und was den Ferienjob anging … Na ja, Nora war nicht wirklich scharf darauf gewesen, sich für jemand anderen die Finger schmutzig zu machen. In Wahrheit hatte sie gehofft, ihre Eltern würden einfach das Taschengeld erhöhen. Wenn Alicia genauer darüber nachdachte und alle Komponenten zusammenfasste, musste sie zugeben, dass sich Nora tatsächlich sehr verändert hatte.
   »Ich rede schon wieder zu viel. Es tut mir leid. Du bist bestimmt nicht gekommen, um mir beim Jammern zuzuhören. Was kann ich für dich tun?«
   Alicia zögerte. War das wirklich der richtige Moment, um ihr Anliegen vorzubringen? Andererseits: Würde es je den richtigen Moment dafür geben? »Mrs Hayden, ich hätte gern ein Andenken von Nora.« Ihre Stimme klang rau. »Darf ich mir etwas aus ihrem Zimmer nehmen? Ein Stofftier vielleicht oder ihr Kopfkissen?«
   In Barbaras Augen schimmerten neue Tränen.
   »Es tut mir leid, bitte verzeihen Sie meine Taktlosigkeit.«
   »Nein, das ist schon in Ordnung. Seit dem Unfall habe ich nichts in ihrem Zimmer verändert. Es ist noch alles so, wie es war, als sie … ich schaffe es nicht, hineinzugehen, weißt du. Und Alexander auch nicht. Wir können nicht einmal die Tür öffnen und reinsehen. Geh nur hoch und such dir etwas aus. Ich werde mich inzwischen um den Schmetterlingsflieder kümmern. Er soll wachsen und viele Blüten bekommen, damit die Schmetterlinge sich darauf niederlassen. Nora liebt Schmetterlinge, aber das weißt du ja.«
   Alicia wurde mulmig zumute. Würde sie es fertigbringen, Noras Zimmer zu betreten? Ihre Beine fühlten sich an wie Blei, als sie am Pool vorbeikam. Sie blieb stehen und starrte ins Wasser. Hier war es passiert. Hier war Nora ertrunken. Ihre Kehle wurde eng. Die Vorstellung, zu ertrinken, war grausam. Wie konnte das nur passieren? Warum war Nora nicht aufgewacht? Hätte das Wasser sie nicht aus dem tranceähnlichen Zustand reißen müssen? Und warum war Nora nach so vielen Jahren wieder schlafwandelnd durch die Gegend gelaufen?
   Sie sank in die Knie und tauchte die Fingerspitzen ein. Das Wasser hatte eine angenehme Temperatur, doch sie bezweifelte, dass die Haydens jemals wieder darin schwimmen würden. Sie schloss die Augen und erinnerte sich an den vergangenen Sommer, als es so heiß war, dass sie jeden Nachmittag Eistee trinkend auf ihren Liegen am Pool verbracht hatten. Ab und zu war Dominic, der Typ, der im Diner arbeitete, vorbeigekommen. Er stand auf Nora und flirtete auf Teufel komm raus mit ihr. Zu seinem Anmachrepertoire gehörte es auch, ihr den Rücken und die Beine mit Sonnencreme einzureiben, wobei er seine Hände langsam über ihre Haut gleiten ließ. Nora war im Nu braun gebrannt, Alicia holte sich einen höllischen Sonnenbrand. Nächtelang konnte sie deswegen kaum schlafen und nichts anderes als ein leichtes Top und weite Shorts tragen. Während sie auf ihrer Liege unter dem Sonnenschirm ein Buch von Sandra Florean las, saßen die beiden am Beckenrand, ließen ihre Beine ins Wasser baumeln und tuschelten miteinander. Da Alicia Dominic nicht sympathisch fand, kam es ihr gelegen, dass sie sich nicht zu ihnen in die Sonne gesellen konnte.
   Um der Erinnerung zu entfliehen, stand sie auf und schritt auf das Haus zu. Die Tür war unverschlossen. Sie trat in den Flur und blieb wie angewurzelt stehen. An der Garderobe hing Noras hellblaue Jeansjacke. Sekundenlang starrte sie das Kleidungsstück gebannt an. Es war, als würde Nora gleich die Treppe herunterkommen, sich die Jacke angeln und mit ihr losziehen, um etwas zu unternehmen. Alicia streckte die Hand aus und berührte den Ärmel. Nora hatte ihn mit einem Schmetterlingsaufnäher und mit winzigen Glitzersteinchen verziert. Sie roch daran und nahm unverkennbar den Duft von Miss Dior, Noras Lieblingsparfum, wahr. Ein riesiger Kloß bildete sich in ihrem Hals. Sie erinnerte sich, wie Nora die Jacke und den kitschigen Schmetterlingsaufnäher gekauft und sich durch eine ganze Palette von Parfums gerochen hatte, nur um sich nach fast einer Stunde doch für den ersten Duft zu entscheiden.
   Sie schloss die Augen, ließ den Ärmel los und konzentrierte sich darauf, ruhig zu atmen. Ihr Herz fühlte sich an wie ein blutiger Klumpen. Nora, ich vermisse dich. Sie hatte nicht geahnt, dass hier zu sein so wehtun würde.
   Ein paar Minuten später ging sie, begleitet von bekümmernder Stille, die Treppe hoch. Noras Zimmertür war geschlossen. Zögernd legte sie eine Hand auf den Türknauf und drehte ihn. Ihr Puls beschleunigte sich, Schweißperlen bildeten sich in ihrem Nacken. Sie war schon länger nicht mehr in diesem Raum gewesen und fürchtete sich ein bisschen vor dem, was sie erwartete.
   Ein stickiger Geruch schwebte ihr entgegen, als sie eintrat. Die Vorhänge waren zugezogen, das Fenster geschlossen. Alicia widerstand nur schwer dem Impuls, es zu öffnen, um frische Luft und Sonnenlicht hereinzulassen. Die Bettdecke war zurückgeschlagen, das Kopfkissen zerknautscht, das Laken verrutscht. Der Anblick vermittelte den Eindruck, als hätte Nora eben noch darin gelegen und wäre nur nach unten gegangen, um sich ein Glas Wasser zu holen.
   Sie drehte sich um und schnappte nach Luft, da sie nicht auf die Ansicht vorbereitet war, die sich ihr bot. Die gesamte Wand gegenüber dem Bett war mit Schmetterlingsbildern beklebt. Schmetterlinge in jeder Form, Farbe und Größe; Postkarten, Zeitungsausschnitte, Abziehbilder, Fotos, Zeichnungen. Offenbar hatte Nora alles gesammelt und an die Wand geklebt, was irgendwie nach Schmetterling aussah. Alicia bekam eine Gänsehaut. Das war unheimlich. Wann hatte Nora begonnen, sich derart stark für diese Flattertierchen zu interessieren?
   Mit einem flauen Gefühl im Magen trat sie an den Schreibtisch und stellte fest, dass die Schmetterlingsinvasion vor nichts haltgemacht hatte. Aus buntem Papier gefaltete Tierchen lagen in einer mit Glassteinen verzierten Schatulle, weitere, aus farbigen Federn bestehende Falter, waren an einem Draht befestigt und steckten in einem hohen Glas. Schmetterlinge aus Moosgummi und Salzteig, sorgsam bemalt, waren über dem gesamten Schreibtisch verteilt. Sogar ihren Laptop hatte Nora mit Abziehbildern von Zitronenfaltern, Feuerfaltern, Schwalbenschwänzen und unzähligen anderen Flugtieren dieser Art verziert.
   »Du meine Güte«, sagte Alicia kopfschüttelnd und nahm ein Buch zur Hand, das auf einem Stapel Modezeitschriften lag. Wie nicht anders zu erwarten, handelte es sich um eine Lektüre über Insekten.
   Neben dem Laptop lagen Schulhefte und Bücher, lose Zettel, Stifte, Büroklammern, ein offener Kleber, Briefumschläge, CDs, Taschentücher, ein halb volles Glas Wasser mit kleinen Fliegen drin und ein angebissener Schokoriegel. Als wäre sie nur mal schnell auf die Toilette gegangen. Zwischen all dem Durcheinander entdeckte sie Noras Songtext-Mappe. Das aufgeklebte Schmetterlingsmotiv auf dem Einband überraschte sie nicht. Sie zog die Mappe unter dem Kleinkram hervor und schlug sie auf. Nora hatte einige neue Texte geschrieben. Warum wusste sie nichts davon? Bisher war sie immer die Erste gewesen, die Noras Songs zu hören bekam. Sie überflog die Zeilen und erschrak über die Vielfalt an Traurigkeit, die ihr in Form von Buchstaben entgegenschlug. Was hatte ihre Freundin veranlasst, so tieftraurige Sätze für ihre Songs niederzuschreiben?
   Betrübt legte sie die Mappe zurück und warf einen Blick auf Noras Akustikgitarre, die in der Ecke stand. Sie ging hinüber und strich über die Rundungen des Instruments. Bei dem im August stattfindenden Casting für die Championships of Performing Arts hätte Nora die Chance gehabt, die Jury mit ihrer rauchig rockigen Stimme von ihrem Talent zu überzeugen. Die Tatsache, dass es niemals dazu kommen würde, bedrückte Alicia ungemein. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es jemand zerquetschen. Sie atmete tief ein und aus, bis das Gefühl schwächer wurde und sich der Knoten in ihrer Brust auflöste. Wie lange würde das so gehen? Konnte sie je wieder an Nora denken, ohne vor Trauer zusammenzubrechen?
   Alicia wandte sich der Korkpinnwand zu, die über dem Schreibtisch hing, und die Nora mit Notizzetteln, Flyern und Fotos gespickt hatte. Inmitten der Schmetterlingsinvasion an der Wand wirkte das Teil irgendwie verloren. Sie nahm einige Flyer ab, um sich die vertrauten Fotos darunter anzusehen. Schnappschüsse von gemeinsamen Erlebnissen, witzigen Pannen, spannenden Ausflügen und lustigen Nachmittagen in Alicias Zimmer.
   Sie erlebte eine Überraschung, denn die Fotos, die sie erwartet hatte, waren nicht mehr da. Stattdessen gab es jede Menge Aufnahmen von Personen, die sie nicht kannte. Nanu? Okay, Nora hatte sich nie schwergetan, fremde Leute anzusprechen, aber warum hatte sie ihre neuen Bekanntschaften mit keinem Wort erwähnt?
   Alicia löste ein Foto von der Pinnwand und starrte die darauf abgebildeten Mädchen an. Sie trugen kurze, enge Kleider und High Heels, steckten die Köpfe zusammen und formten die rot geschminkten Lippen zu Kussmündern. Die Blicke, die sie in Richtung Kamera warfen, wirkten lasziv und kokett. Sie waren sich ihrer sexy Ausstrahlung voll bewusst.
   Plötzlich beschleunigte sich Alicias Puls. Die zweite von links war Nora! Aber, das konnte nicht sein. Nora hätte sich niemals so angezogen und geschminkt. Sie kniff die Augen zu. Doch, das war eindeutig Nora. »Was zum Teufel …?« Sie nahm ein weiteres Foto in die Hand. Nora hatte ein hautenges Minikleid an, aus dem ihre Brüste regelrecht hervorquollen, und trank Bacardi direkt aus der Flasche. Dabei stand sie mit zwei anderen Mädchen auf einem Tisch, der von Jungs umringt war, die weitaus älter aussahen als sechzehn. »Nein, unmöglich«, entfuhr es ihr ungläubig. Sie löste noch ein Bild von der Pinnwand. Nora trug darauf eine rote Hotpants, eine weiße, unter der Brust zusammengeknotete Bluse und schwarze Stiefel mit Bleistiftabsätzen. Neben ihr standen ein paar Mädchen, die ähnlich angezogen waren, und drei Typen, die finster dreinblickten. Hinter ihnen war der Eingang des Dance & Play Clubs zu sehen. Der Club hatte bereits zwei Wochen nach der Eröffnung für schlechte Schlagzeilen gesorgt, da bei einer Razzia Drogen gefunden wurden. Als damals die Meldung darüber in den Nachrichten kam, behauptete Nora, dass sie nie einen Fuß in den Club setzen würde. Dieses Foto bewies das Gegenteil.
   Es gab weitere Bilder, auf denen Nora mit fremden Menschen lachte, trank, rauchte, tanzte und unverkennbar betrunken oder bekifft war. Auf einigen knutschte sie mit Jungs und sah dabei herausfordernd in die Kamera. Alicia lief ein eisiger Schauder über den Rücken. War das wirklich ihre Freundin oder nur eine Doppelgängerin? Wenn es sich tatsächlich um die echte Nora handelte, warum hatte sie die Fotos nicht vor ihren Eltern versteckt? Die Haydens hätten ihr diese Ausschweifungen bestimmt nicht durchgehen lassen. War es ihr egal gewesen oder wollte sie aus dem behüteten Leben, das sie bisher geführt hatte, ausbrechen?
   »Warum hast du das Vertrauen in mich verloren?«, fragte Alicia in die Stille hinein. Es schmerzte sie, dass Nora das alles vor ihr verheimlicht hatte. Was war bloß in ihr vorgegangen? Aus welchen Gründen hatte sie sich mit diesen Leuten eingelassen? Sekundenlang starrte sie die Collage an, in der Hoffnung, irgendwo Antworten zu finden. Schließlich faltete sie die Flyer auseinander und brachte sie so an der Korkwand an, dass die meisten Bilder verdeckt wurden, damit sie den Haydens nicht sofort ins Auge stachen, wenn sie sich irgendwann wieder in dieses Zimmer wagten. Am liebsten hätte sie alle Aufnahmen verschwinden lassen, doch dazu hatte sie kein Recht. Auch, wenn die Aufnahmen alles andere als nett waren, waren sie ein Teil von Noras Leben.
   Auf dem Boden neben dem Bett lag ein T-Shirt. Sie hob es auf, und der unverkennbare Duft von Miss Dior stieg ihr in die Nase. Sie drückte es an die Brust und schloss kurz die Augen, um sich die Nora in Erinnerung zu rufen, die sie von klein auf kannte. Die fröhliche, freche, mutige Nora, die für jeden Spaß zu haben war, gern Jungs neckte und Vanilleeis liebte. Die Nora, die ihr jedes Geheimnis anvertraute und in ihren Armen weinte, wenn sie traurig war.
   Ehe sie die Augen wieder öffnete, drehte sie sich von der Korkwand weg, um die Bilder nicht noch einmal sehen zu müssen. Diesen Abschnitt von Noras Leben wollte sie so schnell wie möglich vergessen. Er beunruhigte und verstörte sie, weil sie keine Erklärung dafür hatte und auch nie eine bekommen würde.
   Das T-Shirt in ihrer Hand fühlte sich plötzlich tonnenschwer an, deshalb ließ sie es wieder auf den Boden fallen. Wenn Mrs Hayden einverstanden war, würde sie es mitnehmen.
   Im Regal neben dem Fenster bewahrte Nora ihre CDs, DVDs und Bücher auf. Sie besaß alle Staffeln von Heartland, Gossip Girl, Vampire Diaries und Pretty little Liars. Ihre Bücher hatte sie seltsamerweise nach den Farben der Einbände sortiert, anstatt nach den Namen der Autoren. Nora mochte mystische, paranormale und fantastische Geschichten. Auf ihre Frage nach dem Warum hatte Nora sie lächelnd angesehen. Weil da Dinge passieren, die im richtigen Leben niemals passieren, Allie, und weil ich gern mal in so eine verzauberte Welt reisen würde, um herauszufinden, ob ich dort besser hinpasse, als in die reale Welt, antwortete sie mit verträumten Blick.
   Alicia bemerkte, dass ein Buch über die Kante des Regals ragte, während alle anderen ordentlich in einer Reihe aufgestellt waren. Gefährlich begabt, Simone Olmesdahl, lauteten Titel und Autorenname. Alicia hatte ihr das Taschenbuch zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt. Sie zog es heraus und schlug es auf. Sachte ließ sie die Blätter durch ihre Finger gleiten und rief sich in Erinnerung, wie Nora mit angewinkelten Beinen völlig versunken in die Geschichte in ihrem Bett saß und nicht bemerkte, dass sie einen ekligen, fetten Maikäfer auf ihr Kopfkissen legte. Erst, als Nora nach einer Weile ihre Position änderte, sah sie das Insekt und ergriff, das Buch fest an ihre Brust gedrückt, die Flucht. Alicia schluckte. Sie musste das Buch mitnehmen, um sich immer an diese witzige Geschichte zu erinnern.
   Gerade als sie es auf den Schreibtisch legen wollte, stach ihr die Ecke eines Fotos ins Auge, die zwischen den letzten Seiten hervorlugte. Neugierig schlug sie das Buch an dieser Stelle auf – und schnappte nach Luft. Was sie sah, erschreckte sie zutiefst. Auf dem Foto war Nora abgebildet. Sie saß, nur mit BH und Höschen bekleidet, rittlings auf einem Stuhl, die Hände auf die Lehne gelegt, das Kinn auf die Hände gesenkt, und blickte lasziv in die Kamera. Ihr langes blondes Haar umrahmte leicht gewellt und sanft ihr herzförmiges, stark geschminktes Gesicht. Zwischen ihren Brüsten lag die Kette mit dem Schmetterlingsanhänger, die sich Nora irgendwann in den letzten Monaten gekauft hatte. Im Hintergrund war ein Bett zu sehen und eine halb offen stehende Tür, die in ein Badezimmer führte. Dieses Foto war also nicht in diesem Zimmer entstanden. Alicia drehte das Bild herum, in der Hoffnung, einen Hinweis über seine Entstehung zu finden, stattdessen entdeckte sie einen Satz, den Nora in ihrer schlampigen Handschrift hingekritzelt hatte: Für immer dein, für immer mein, für immer unser – süße Geheimnisse schmecken unbeschreiblich gut. Bestürzt fasste sich Alicia an den Hals. Was bedeutete das? Warum hatte sie sich so ablichten lassen? Wem hatte sie erlaubt, sie in Unterwäsche zu sehen? Dominic? Einem der Muskelpakete auf den Pinnwandfotos?
   Alicia drehte das Bild um und betrachtete es noch einmal. Sie versuchte, in Noras Augen zu lesen, versuchte, eine Erklärung zu finden, doch sie fand keine. Schweren Herzens beschloss sie, den Haydens diesen Anblick zu ersparen und ließ das Foto in ihrer Hosentasche verschwinden. Sie wollte sich nicht vorstellen, was mit Barbara passierte, wenn sie ihre Tochter so sah. Es würde ihr definitiv noch einmal das Herz brechen.
   Sie legte das Buch auf den Schreibtisch, um es später mitzunehmen, und trat ans Bett. Eigentlich hatte sie bereits gefunden, was sie wollte – das T-Shirt und das Buch, doch die Bilder von Nora trieben sie an, noch ein bisschen herumzustöbern. Sie fürchtete sich davor, was sie noch finden würde, aber es war ihr unmöglich, jetzt zu gehen. Es kam ihr so vor, als hätte sie Nora nicht mehr gekannt, als wäre sie zu einer anderen Person geworden. Zu einer Heimlichtuerin und Lügnerin, die sich anderen Leuten zugewandt und sich Schritt für Schritt von ihrer Schwester entfernt hatte. War das der Grund für ihr abweisendes Verhalten in den vergangenen Monaten gewesen? Der Grund, warum sie Alicia nicht mehr in ihrem Zimmer haben wollte und die gemeinsamen Freitags-DVD-Abende mit lahmen Ausreden absagte?
   Sie kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an und sah zum Regal hoch, das sie vor mehr als einem Jahr zusammen mit Nora an der Wand über dem Bett angebracht hatte. Die Arbeit war schwierig gewesen, zumal Nora unbedingt wollte, dass das Brett so hoch oben sein sollte, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, um die Dinge zu fassen zu kriegen, die sie dort hinauflegen wollte. Auf Alicias Frage, warum sie darauf bestand, hatte sie nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, es gäbe eben Sachen, die nicht jedem gleich ins Auge fallen dürften.
   Alicia zog ihre Sandalen aus, stieg auf das Bett und sah jede Menge Stofftiere, die eng aneinandergereiht auf dem Regal saßen. Ihr Blick blieb an zwei großen schwarzen Knopfaugen hängen. Sie gehörten zu Pinky, dem rosafarbenen Hündchen mit den Schlappohren und der Narbe über dem rechten Auge, das Alicia letztes Jahr auf dem Rummelplatz beim Dosenwerfen gewonnen hatte. Da sich Nora auf Anhieb in das Tierchen verliebt hatte, hatte sie es ihr geschenkt. Sie wollte das Hündchen unbedingt mitnehmen, denn an ihm hafteten wunderbare Erinnerungen.
   Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um Pinky zu fassen zu bekommen. Als sie das Stofftier entwendete, entstand eine Lücke, worauf die braune Plüschmaus mit der Pilotenbrille umfiel. Alicia setzte die Maus wieder auf und rutschte die anderen Stofftiere nach. Dabei streifte sie einen Gegenstand. Er fühlte sich glatt an. Eckig. Wie ein … Buch? Sie rutschte die Stofftiere erneut beiseite und versuchte, den Gegenstand nach vorn zu ziehen, um ihn zu fassen zu bekommen. Das war nicht so einfach. Das Ding bewegte sich kaum, weil sie nicht herankam. Nora war ein paar Zentimeter größer und hatte sich bestimmt leichter getan. Erst, als eine Ecke des vermeintlichen Buches seitlich über den Rand des Regals rutschte, bekam sie es zu fassen. Irritiert stellte sie fest, dass es tatsächlich ein Buch war. Es hatte einen roten Ledereinband und zwei Bändchen, die zu einer Schleife gebunden waren. Daran befestigt baumelte ein kleiner Schlüssel. Warum versteckte Nora das Buch und den Schlüssel dort oben?
   Rasch brachte sie die Stofftiere wieder in die richtigen Positionen, stieg aus dem Bett und schlüpfte in die Sandalen. Dann löste sie die Schleife an der Vorderseite des Buches und ließ den kleinen Schlüssel in ihre Hand rutschen. Sie betrachtete ihn nachdenklich. Warum hatte Nora ihn zusammen mit dem Buch dort oben aufbewahrt? Sie sah sich im Zimmer um, entdeckte jedoch auf den ersten Blick kein Schloss, in das der Schlüssel passen könnte. Sie steckte ihn in ihre Hosentasche und schlug das Buch auf. Als sie die ersten Worte las, erkannte sie, dass es sich um ein Tagebuch handelte. Um Noras Tagebuch. Ihre Kehle wurde eng.
   Meine Gedanken, Träume, Wünsche und Sehnsüchte stand da in Noras Handschrift auf der ersten Seite. Dinge, die nur mich etwas angehen. Alicia atmete tief durch. Tränen brannten in ihren Augen. Das hier war das Persönlichste, was sie von Nora bekommen konnte. Ihr Tagebuch. Wann hatte sie begonnen, ihre Gedanken aufzuschreiben? Ein bitterer Geschmack legte sich auf ihre Zunge. Noch etwas, das Nora vor ihr geheim gehalten hatte. Mit einem flauen Gefühl im Bauch blätterte sie das Buch durch und hielt wahllos auf einer Seite inne, um den Eintrag dort zu lesen. Mist, ich hab den Mathetest verbockt. Dabei kann ich nichts dafür. Miss Parson, die blöde Ziege, hat mich falsch beurteilt.
   Irgendwo im Haus knallte eine Tür zu, und auf der Treppe wurden Schritte laut. Alicia erschrak. Sie war schon viel zu lange hier und sollte gehen. Kurz überlegte sie, ob sie das Tagebuch wieder zurücklegen sollte, beschloss aber, es mitzunehmen. Sie würde es irgendwann lesen und entscheiden, ob sie es den Haydens zurückgab oder lieber weiterhin vor ihnen versteckte, so wie Nora es getan hatte. Rasch hob sie das T-Shirt auf und verdeckte damit das Tagebuch in ihrer Hand. Mit der anderen griff sie sich Pinky und das Taschenbuch. Keine Minute später wurde die Tür geöffnet. Alexander Hayden blickte sie verwirrt an.
   »Alicia? Was machst du denn hier?«
   »Ich … ich …« Schuldgefühle wegen des Tagebuches erfassten sie. »Ich habe … Mrs Hayden sagte …«
   Seine Stirn legte sich in Falten. »Was suchst du in Noras Zimmer?«
   Alicia kam sich wie ein Eindringling vor und bereute zutiefst, hergekommen zu sein. »Es tut mir leid … Ich wollte nicht …«
   Sein Blick richtete sich auf ihre Hände. »Sind das Noras Sachen?«
   »Ja, ich … ich …«
   »Leg sie zurück.«
   »Aber …«
   »Leg Noras Sachen wieder zurück!«
   Sie sah Tränen in Alexander Haydens Augen schimmern und fühlte sich von Sekunde zu Sekunde schlechter. »Ja, Mr Hayden«, sagte sie leise und senkte den Kopf. Sie wollte nichts zurücklegen. Sie wollte diese Erinnerungsstücke unbedingt mitnehmen, aber wie sollte sie das anstellen?
   »Alexander?« Barbara Hayden kam die Treppe herauf. »Du bist zurück.« Feuchte Erde klebte an ihrer Kleidung.
   Er drehte sich ruckartig zu ihr um. »Alicia nimmt Sachen von Nora …« Seine Stimme klang brüchig.
   Barbaras Blick glitt zu dem, was Alicia festhielt.
   Ihr Herz schlug schnell. Was hatte sie bloß angerichtet? »Ich lege es zurück«, sagte sie den Tränen nahe, »ich lege sofort alles zurück.«
   »Es ist in Ordnung, Allie. Behalte es.«
   »Barbara!«
   »Alex, ich habe ihr erlaubt, sich eine Erinnerung aus Noras Zimmer zu holen. Sie muss etwas besitzen, das sie unsere Kleine niemals vergessen lässt.«
   Die Worte schnitten ihr ins Herz. Sie hielt die Luft an, doch es nutzte nichts. Wie Sturzbäche liefen Tränen über ihre Wangen.
   Alexander Hayden ballte die Fäuste. »Es tut mir leid. Ich war nicht darauf gefasst, dass du … Als ich heraufkam und Geräusche aus Noras Zimmer hörte …« Er verstummte, drehte sich um, lief die Treppe hinunter und verließ das Haus.
   Mrs Hayden zuckte zusammen, als die Tür hinter ihm zuknallte. Alicia presste vor Scham und Schmerz die Lippen zusammen. Was hatte sie nur getan? Diese armen Menschen waren am Boden zerstört, und sie hatte nichts Besseres zu tun, als um ein Erinnerungsstück zu bitten?
   »Du hast dir nichts vorzuwerfen«, sagte Barbara Hayden sanft und legte eine Hand auf Alicias Schulter. »Mach dir keine Gedanken. Er kommt bald wieder und dann …« Sie ließ den Satz unvollendet und zog ihre Hand zurück.
   Alicia zählte stumm bis zehn und rang um Fassung. Wenn Mr Hayden zurückkam, würde sich nichts verändert haben. Nora wäre immer noch tot. »Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich diese Sachen mit.«
   Mrs Hayden warf einen flüchtigen Blick darauf und nickte.
   »Vielen Dank. Das bedeutet mir sehr viel.« Sie gingen die Treppe hinab zur Tür.
   »Es war nett, mit dir zu plaudern. Vielleicht kommst du wieder einmal vorbei?«
   Alicia nickte, obwohl sie es nicht ernst meinte.
   »Wir könnten uns gemeinsam Videos von Nora ansehen. Zum Beispiel, wie sie gehen lernte. Oder Rad fahren. Oder schwimmen.«
   Noch während Mrs Hayden sprach, öffnete Alicia die Tür. Sie war noch nie so froh gewesen, von Noras Zuhause wegzukommen.

Gerüchte

»Alicia?«
   Warum hat Nora mir verschwiegen, dass sie Tagebuch führt?
   »Alicia?«
   Weshalb sieht Nora auf diesen Fotos aus wie eine Schlampe?
   »Allie?«
   Wer sind die Typen, mit denen sie sich fotografieren ließ?
   »Allie?«
   Sie hatte das Bild, auf dem sich Nora lasziv auf dem Stuhl rekelte, vorsichtshalber zusammen mit dem Tagebuch und dem kleinen Schlüssel in der abschließbaren Schublade ihres Schreibtisches versteckt.
   »Alicia?«
   Bisher hatte sie es nicht über sich gebracht, Noras vertrauliche Aufzeichnungen zu lesen. Schon der Gedanke daran, in den Geheimnissen ihrer toten Freundin herumzustöbern, ließ sie sich wie eine schäbige Verräterin vorkommen. Andererseits waren sie die dicksten, besten, tiefsten Freundinnen gewesen, die alle …, fast alle, Heimlichkeiten miteinander geteilt hatten. Nora würde bestimmt nichts dagegenhaben, wenn sie ihr Tagebuch las. Und wenn doch? Sie hat sich seit einer Weile mehr und mehr von mir entfernt.
   »Alicia!«
   Die Gabel, mit der sie die ganze Zeit unbewusst in ihrem Essen herumgestochert hatte, fiel ihr vor Schreck aus der Hand. Verwirrt schaute sie von Mom zu Dad.
   »Liebes, du starrst schon seit Minuten vor dich hin.« Dad legte seine Hand kurz auf ihre und drückte sie. »Du musst endlich wieder etwas essen. Wenn du weiterhin so wenig zu dir nimmst, wirst du krank. Deine Mom hat extra Gemüselaibchen für dich gekocht. Das ist doch deine Lieblingsspeise.«
   Dads verzweifelter Versuch, sie zum Essen zu bewegen, trieb ihr Tränen in die Augen. Sie wollte ihren Eltern keine Sorgen bereiten. Es war nur so, dass sie sich matt fühlte und keinen Appetit verspürte. Die Trauer um Nora laugte sie völlig aus.
   »Wenn du wenigstens die Hälfte deiner Portion essen würdest …«, lenkte Mom hoffnungsvoll ein. Alicia bemühte sich um ein Lächeln und zwang sich, ihr den Gefallen zu tun, auch wenn ihr bei jedem Bissen noch übler wurde.
   Mom und Dad sprachen über alles Mögliche, um sie von ihren Gedanken an Nora abzulenken. Sie ging auf die Konversation ein und gab sich fröhlich, obwohl ihr innerlich nach Weinen zumute war.
   Nach dem Essen räumten sie gemeinsam den Tisch ab und setzten sich auf die Terrasse. Es war ein wunderschöner Samstagnachmittag. Die Sonne schien vom blauen Himmel. Der Frühling war endlich da. Die junge weiße Katze, die sie bei Mrs Hayden im Garten gesehen hatte, lag im Gras und rekelte sich.
   »Oh, der kleine Streuner ist wieder da«, bemerkte Dad. Lächelnd nickte er in Richtung Katze. »Er besucht uns seit ein paar Tagen.«
   »Wem gehört er?«
   »Das weiß ich nicht, Liebes. Er trägt kein Halsband und wenn er genug Streicheleinheiten bekommen hat, verdrückt er sich stets.«
   »Woher weißt du, dass es ein er ist?«
   Er zwinkerte ihr zu. »Ich habe nachgesehen.«
   Mom servierte Kaffee und selbst gemachten Eistee und setzte sich neben Alicia in einen Liegestuhl. »Schatz, was hältst du davon, über Ostern zu deinen Großeltern zu fahren? Es wäre bestimmt eine schöne Ablenkung und deine Großeltern würden sich freuen, dich wiederzusehen.«
   Dads Eltern besaßen einen Ponyhof, drei Autostunden entfernt. Nora war in den Ferien oft dorthin mitgekommen. Ohne sie würde es nicht dasselbe sein.
   »Du musst dich nicht sofort entscheiden. Sag uns einfach Bescheid, wenn du soweit bist.«
   Bei der Vorstellung, wie Großmutter sie in die Arme nahm und tröstende Worte in ihr Ohr flüsterte, wurde ihr flau. Großmutter hatte Nora sehr geliebt, deshalb würde die Begegnung nicht ohne Tränen ablaufen und dafür besaß Alicia im Moment nicht die Kraft.
   Sie stellte ihr Glas auf den Gartentisch und stand auf, um in ihr Zimmer zu gehen, doch die Türklingel machte ihr einen Strich durch die Rechnung.
   »Siehst du bitte nach, wer das ist?«
   »Ja, Mom.« Sie ging zur Tür und öffnete sie. Bei Catos Anblick setzte ihr Herzschlag eine Sekunde aus. Ihr wurde heiß, und ein prickelnder Schauder jagte wie ein Blitz durch ihren Magen. In seinen haselnussbraunen Augen lag ein belustigtes Funkeln, als er lächelnd die Hand hob.
   »Hi Allie.« Er trug Sportkleidung und hielt einen Basketball unter dem Arm. »Warum gehst du mir in der Schule aus dem Weg?«
   »Tu ich gar nicht«, stritt sie, erschrocken über seine Direktheit, ab, obwohl es stimmte.
   Cato neigte leicht den Kopf. »Tust du. Komm schon, ich kann die Wahrheit ertragen. Sag’s mir.«
   Sie presste die Lippen zusammen und senkte den Blick. Weil du mein Herz zum Rasen bringst. Weil ich dich immer ansehen will. Weil ich dich die ganze Zeit küssen möchte. Weil ich so verliebt in dich bin, dass mir dein Anblick wehtut. Das konnte sie ihm doch nicht sagen! »Ich … ich wollte nur allein sein …, um nachzudenken und so.« An seiner Miene erkannte sie, dass er ihr nicht glaubte. Sie war noch nie eine gute Lügnerin gewesen. Er warf ihr ohne Vorwarnung den Ball zu. Als sie ihn auffing, lachte er und streckte den Daumen hoch.
   »Guter Fang. Hast du Lust auf eine Runde Basketball? Ich treffe mich gleich mit den anderen auf dem Platz.«
   Ihr dummes Herz schlug einen Salto nach dem anderen.
   »Ich kann nicht spielen.« Cato rückte seine Baseballkappe zurecht und nickte. »Okay. Damit habe ich gerechnet. Wie wäre es dann mit zusehen und anfeuern?«
   Alicia zögerte. Warum war er nur so hartnäckig?
   »Natürlich begleitet sie dich«, fiel ihr Mom in den Rücken. »Sie kann frische Luft gebrauchen.« Mit einem breiten Lächeln schob sie sie Cato regelrecht entgegen.
   »Mom!«
   »Du darfst nicht nur in deinem Zimmer herumhocken. Geh ein bisschen raus. Das wird dir guttun und dich ablenken. Bitte. Mir zuliebe.« Moms flehender Blick war kaum zu ertragen. Notgedrungen gab sie nach. »Okay, aber nur eine halbe Stunde. Ich habe noch viel zu tun und …«
   »Schon klar«, unterbrach Cato sie. Er grinste und umfasste ihr Handgelenk. »Komm mit.« Er zog sie buchstäblich aus dem Haus, und Mom schloss rasch die Tür.
   »Habt ihr euch gegen mich verschworen?«
   »Quatsch, deine Mom sorgt sich nur um dich. Ich übrigens auch.«
   »Du?« Sie bekam weiche Knie.
   »Klar, wir waren immer gute Freunde, Nora, du und ich. Und Freunde sorgen sich umeinander.«
   Unweigerlich glitt ihr Blick zum Haus der Haydens hinüber. Ja, sie waren gute Freunde gewesen.
   Sie verließen den Garten und liefen auf die Straße hinaus. Cato gab ihre Hand frei, ging aber so nahe neben ihr, dass sich ihre Arme berührten. Dort, wo er sie festgehalten hatte, kribbelte es.
   »Also, noch mal, warum gehst du mir in der Schule aus dem Weg?«
   Sie sah zur Seite. »Wieso bist du so hartnäckig?«
   »Das ist keine Antwort.«
   Sie nagte an der Unterlippe und überlegte, was sie sagen könnte, doch ihr war klar, dass er jede Lüge durchschaute und sie löchern würde, bis sie es ihm erzählte. »Keine Ahnung. Ich mach es nicht absichtlich. Ich brauche nur ein bisschen Zeit, um …«
   »… allein zu sein, zum Nachdenken und so«, vollendete er den Satz mit ihren Worten.
   Unwillkürlich musste sie lächeln. »Richtig.«
   Er nickte und unterließ es zum Glück, weiterzubohren. Ihre Arme berührten sich wieder. Das brannte wie Feuer. Verstohlen sah sie ihn an. Wäre es immer noch Verrat an Nora, wenn sie mit ihm zusammenkäme? Nein. Nora ist tot. Wieso fühlte sich dann der Gedanke allein schon so an?
   »Was ist? Du bist doch sonst nicht so still. Willst du über Nora reden?«
   Sie schüttelte den Kopf.
   »Ich glaube, über sie zu reden, würde dir guttun. Du darfst auch gern in meiner Gegenwart weinen.«
   In seiner Anwesenheit heulen? Niemals! »Es geht mir gut«, beteuerte sie und beschleunigte ihre Schritte, um weiteren Fragen zu entgehen.
   Ein paar Jungs von der Schule waren bereits auf dem Basketballplatz und spielten sich warm. Sie musterten Alicia neugierig, während sie Cato mit ihren üblichen Handschlagritualen begrüßten. Ein Latino, den Alicia nur vom Sehen kannte, flüsterte Cato etwas zu, worauf er sich zu ihr umdrehte und ihr lächelnd zublinzelte. Ihr Herz schlug Purzelbäume. Sie lächelte zurück und spürte Hitze in ihre Wangen steigen.
   Der Moment währte nur kurz, denn die gegnerische Mannschaft traf ein. Große, durchtrainierte Jungs in Schlabberhosen, mit siegessicheren, herausfordernden Mienen. »Ich setz mich da rüber«, rief sie Cato zu und wandte sich zu den Zuschauerbänken am Spielfeldrand um. Dort saßen Kerstin und Linda aus ihrer Klasse und ein paar andere Mädchen, die sie flüchtig aus der Schule kannte. Sie zögerte. Sollte sie sich wirklich zu ihnen setzen?
   »Hey, warte mal!« Cato folgte ihr, umrundete sie und stellte sich ihr grinsend in den Weg. »Drück mir die Daumen, Allie. Mein Team muss gewinnen.«
   »Das tut ihr doch immer.« Ihr Puls beschleunigte sich bei seinem Anblick. Ihre Handflächen wurden feucht.
   »Wenn nicht, verlieren wir diesmal eine kleine Summe Bares.«
   »Ihr spielt um Geld?«
   »Na klar, sonst nimmt die Sache ja niemand ernst. Gib mir schnell einen Kuss.«
   »Was?« Hatte sie eben richtig gehört?
   Er tippte auf seine Wange. »Rasch, einen Kuss. Das bringt Glück.«
   »Aber …«
   »Die gucken schon alle. Willst du mich vor denen blamieren?«
   »Nein.«
   »Dann mach.« Sie spitzte die Lippen und hauchte einen Kuss auf seine hellbraune Haut. Sekundenlang fühlte sie sich wie auf einer Wolke schwebend. Himmel, sie hatte Cato einen Kuss gegeben!
   »Danke«, flüsterte er. »Jetzt kann ich nur gewinnen.« Er kehrte im Laufschritt zu seinen Kumpels zurück, während sie dastand wie angewurzelt und ihm nachsah. Erst, als sie die Mädchen hinter sich kichern hörte, löste sich ihre Starre. Sie ballte die Fäuste, ging in ihre Richtung und setzte sich auf die freie Bank neben ihnen. Ihr wurde schlagartig klar, dass dieser harmlose Kuss am Montag das Gesprächsthema in ihrer Klasse sein würde. Dafür würden Linda und Kerstin schon sorgen.
   Sie versuchte, sich auf das Spiel zu konzentrieren und das Getuschel der Mädchen zu ignorieren. Sollten sie ruhig lästern, es war ihr egal.
   Cato bewegte sich flink und war geschickt darin, seine Gegner auszutricksen. Er traf jeden Korb und verhalf seinem Team dadurch zu einem großen Punktevorsprung. Immer wieder sah er zu ihr herüber und winkte ihr zu. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch kamen nicht zur Ruhe.
   »Warum guckt Cato uns nicht an?«, hörte sie Linda irgendwann fragen. Sie klang beleidigt.
   »Vielleicht leidet er an Geschmacksverirrung?«, antwortete Kerstin laut.
   Okay, sie wollte provozieren. Alicia tat, als würde sie der Unterhaltung keine Beachtung schenken.
   »Oder er braucht eine Brille«, sagte die Rothaarige mit den Sommersprossen. Alicia erinnerte sich nicht an ihren Namen, wusste aber, dass sie sie schon einige Male in der Schulkantine getroffen hatte. Meistens hing sie mit Kerstin und Linda und dem Rest der Clique ab.
   »Keine Sorge, sobald er genauer hinsieht, wird ihm klar, dass er sich die Falsche ausgesucht hat.«
   Kerstins Worte sollten Alicia treffen, doch sie ignorierte das Gerede immer noch und beobachtete Catos geschmeidige Bewegungen. Wie es sich wohl anfühlte, in seinen Armen zu liegen und von ihm an Stellen berührt zu werden, an denen sie bisher noch kein Junge berührt hatte? Bei der Vorstellung, von ihm geküsst zu werden, verspürte sie ein Kribbeln im Bauch.
   Kerstin räusperte sich, offenbar, um Alicias Aufmerksamkeit zu gewinnen. »Seht ihr den Latino in Catos Team? Den mit den vielen Tattoos auf den Armen?«, fragte sie und streckte den Finger aus. »Das ist Carlos. Er ist schon zwanzig und arbeitet drüben bei MoJoe’s. Ihr wisst schon, das ist die Autowerkstatt, an der wir jeden Tag mit dem Schulbus vorbeifahren. Also, ich habe aus sicherer Quelle erfahren, dass Nora es mit ihm getrieben hat, und das mehr als einmal.«
   Alicia erstarrte. Wie bitte? Plötzlich fühlte sie die Blicke aller Mädchen auf sich gerichtet. Bestimmt warteten sie darauf, dass sie etwas sagte. Ein kalter Schauder rieselte ihren Rücken hinunter. Um Fassung bemüht, fixierte sie weiterhin Cato.
   »Na ja, zu Carlos würde ich auch nicht Nein sagen.«
   »Stimmt, der sieht heiß aus. Heißer sogar als Cato.«
   »Heißer als alle Jungs an unserer Schule.«
   »Kein Wunder, dass Nora die Beine für ihn breitgemacht hat.«
   »Also, ich würde es auch mit ihm treiben.«
   »Keine Chance, Linda. Nora kannst du nie das Wasser reichen. Ihre Titten waren drei Mal größer als deine, und ihre Muschi konnte es mit zwei Typen gleichzeitig aufnehmen.«
   Alicia war fassungslos über Kerstins Pietätlosigkeit. Schmerz und Wut ließen sie erstarren.
   »Die Schlampe ist doch jedem Kerl nachgelaufen wie eine läufige Hündin. Der will ich nicht das Wasser reichen.«
   »Wisst ihr eigentlich, dass sie Spencer Moore auch auf die Pelle gerückt ist?«
   »Was, dem schnuckligen Aushilfslehrer? Ist nicht wahr!«
   Alicia war sich bewusst, dass die Mädchen diese Unterhaltung nur führten, um ihr eine Reaktion zu entlocken. Keine von ihnen hatte Nora gemocht, dennoch verstand sie nicht, wie sie es fertigbrachten, schlecht über eine Tote zu reden, nur um sie hier aus der Reserve zu locken. Was versprachen sie sich davon?
   »O doch! Sobald sie glaubte, keiner schaut hin, hat sie sich ihm regelrecht an den Hals geworfen.«
   »Der war aber auch süß.«
   »Ich wette, sie hat ihn rumgekriegt.«
   »Na klar. Die hat jeden rumgekriegt.«
   »O ja, sie hat alles zwischen ihre Beine geschoben, was sie erwischen konnte.«
   »Ich wette, wenn sie Geld für jeden Schwanz, den sie in der Hand gehalten hat, Geld genommen hätte, wäre sie steinreich geworden.«
   Alicia presste vor Zorn die Lippen zusammen. Das reichte. Sie stand auf und sah eine nach der anderen an. »Wie könnt ihr so über Nora reden? Was habt ihr von diesen gemeinen Lügen?«
   Kerstin straffte die Schultern und neigte leicht den Kopf. In ihren graublauen Augen stand blanker Hohn. Sie wickelte sich eine Strähne ihres langen schwarzen Haares um den Finger und lächelte zuckersüß. »Von welchen Lügen redest du?«
   Linda kicherte. »Ist ja klar, dass du davon nichts weißt. Du hast deine ach so unschuldige Freundin ja immer auf ein Podest gehoben.« Sie nestelte an ihrem Bettelarmband herum und strich sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr.
   »Hast du dich nie gefragt, was Nora so macht, wenn sie keine Zeit für dich hat? Dachtest du, sie hockt in ihrem Zimmer und lernt?«, fügte Kerstin mit einem triumphierenden Flackern in den Augen hinzu.
   Die Rothaarige, die Alicia nur flüchtig kannte, erhob sich abrupt und stellte sich direkt vor sie.
   Alicia konnte die Sommersprossen auf ihrer Nase und das belustigte Funkeln in ihren grünen Augen sehen.
   »Das glaubst du doch nicht ernsthaft? Du bist eine Heilige, schon klar, aber Nora war alles andere als das. Das Wort Schlampe stand groß und deutlich auf ihrer Stirn. Sie hat mit den Jungs gespielt, hat sie verführt und weggeworfen, um dem Nächsten auf den Schoß zu klettern.«
   Alicia verlor die Kontrolle. Mit einem Aufschrei stürzte sie sich auf sie, fasste in ihr langes Haar und zog daran, bis sie vor ihr in die Knie ging. »Nimm das zurück«, schrie sie außer sich vor Wut. »Nimm das sofort zurück!«
   Die Rothaarige versuchte verzweifelt, sich aus ihrem Griff zu befreien, doch Alicia war so in Rage, dass sie ungeahnte Kräfte entwickelte. Linda, Kerstin und die anderen beiden Mädchen waren zu feige, um ihrer Freundin beizustehen und riefen stattdessen die Jungs zu Hilfe. Alicia stieß das Mädchen zu Boden, setzte sich auf ihren Bauch und drückte ihre Arme ins Gras.
   »Lass mich los, du Verrückte! Du bist ja noch irrer als Nora!«
   »Und du bist eine Idiotin! Nimm zurück, was du gesagt hast!« Plötzlich wurde Alicia von starken Armen umfasst und hochgezogen. »Nein! Lass mich!«, schrie sie und schlug um sich.
   »Beruhig dich, Allie.« Cato hielt ihre Hände fest.
   »Die ist genauso verrückt wie Nora«, kreischte die Rothaarige und floh in die Arme ihrer Freundinnen.
   Alicia versuchte, sich aus Catos Griff zu befreien, um sie erneut zu attackieren, doch sie hatte keine Chance. »Lass mich los«, verlangte sie den Tränen nahe.
   »Erst, wenn du dich beruhigt hast.«
   »Sie haben Nora beleidigt und Lügen über sie erzählt.«
   »Das sind keine Lügen! Nora war eine Schlampe, und jeder außer dir weiß das«, rief Kerstin.
   »Lass mich los, Cato! Ich will ihr eine Ohrfeige verpassen!«
   »O nein, das wirst du nicht tun.« Er führte sie von den Zuschauerbänken weg. »Hör nicht auf sie. Die wollen doch nur, dass du so reagierst, wie du es gerade tust«, sagte er eindringlich.
   Sie sah ihn zitternd an. Wusste er überhaupt, wie es schmerzte, diese gemeinen Dinge über Nora zu hören?
   »Okay, ich bin ruhig.« Er ließ sie los und schüttelte den Kopf.
   »Allie, was hast du dir dabei gedacht? Die haben dich absichtlich provoziert.«
   Sie schluckte, um die Tränen zurückzuhalten, da sie auf keinen Fall in seiner Gegenwart weinen wollte. »Ich weiß. Aber … ich kann das nicht auf Nora sitzen lassen. Sie haben sie aufs Übelste beleidigt und …«
   »Nora ist tot, Allie«, unterbrach Cato sie mit sanfter Stimme. »Sie ist tot.«
   Warum musste er immer so direkt sein? Das weiß ich, schrie sie innerlich und spürte die ersten Tränen über ihre Wangen laufen. Sie presste die Hand auf den Mund, denn in ihrer Kehle braute sich ein verzweifelter Schluchzer zusammen.
   Cato wandte sich zu seinem Team um und zeigte auf einen schlaksigen Typen, der bisher nur als Zuschauer fungiert hatte. »Ray, spiel du für mich. Ich bin gleich zurück.«
   Dann nahm er Alicias Hand und führte sie aus dem Park. Als sie außer Sichtweite des Basketballplatzes waren, blieb er stehen. Alicia hielt den Kopf gesenkt und wischte sich beschämt die Tränen von den Wangen.
   »Diese Idiotinnen haben Nora beleidigt. Wie können sie das nur tun? Sie haben gesagt, sie hätte mit Carlos und mit dem Aushilfelehrer geschlafen, und dass sie für alle Jungs die Beine breitgemacht hat. Wieso tun die das? Was haben sie davon? Nora ist tot.« Verzweiflung überkam sie mit einer Heftigkeit, die sie nicht abwehren konnte. Der aufgestaute Schmerz der letzten Tage trat an die Oberfläche. Mitten auf dem Gehweg begann sie, hemmungslos zu weinen. Sie hasste sich dafür. Cato wollte sie in den Arm nehmen, aber sie drehte sich beschämt von ihm weg. Er ließ sich jedoch nicht abwimmeln und zog sie einfach an seine Brust, als wäre es keine große Sache. Sie schluchzte und zitterte und konnte sich minutenlang nicht beruhigen.
   »Allie, es ist okay«, flüsterte er und strich ihr mit einer Hand übers Haar. »Lass alles raus. Du hast ein Recht darauf, zu trauern.«
   Die simple Geste fühlte sich tröstend an. Sie spürte seine andere Hand auf ihrem Rücken, spürte die positive Energie, die von ihm ausging, spürte seine Nähe, die Vertrautheit, die Sehnsucht. Er streifte mit den Lippen über ihre Stirn und ihre Schläfe. Alicias Puls beschleunigte sich. So nah war sie ihm noch nie gewesen. So bittersüß nah. Es hätte sich gut anfühlen können, wenn es unter anderen Umständen passiert wäre.
   Der Tränenfluss versiegte langsam. Der Kloß in ihrem Hals löste sich auf. Der Schmerz wurde von Schamgefühlen verdrängt. O nein, was habe ich getan? Wie konnte ich mich nur so gehen lassen? Sie wich vor ihm zurück, als hätte sie sich verbrannt.
   »Allie, es ist okay«, hörte sie ihn sagen, aber es war nicht okay. Ganz und gar nicht.
   Ohne ihn noch einmal anzusehen, lief sie nach Hause.

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