Am liebsten würde Tina alle Probleme weit von sich schieben. Dumm nur, dass sie alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist. Eine Landpartie führt sie geradewegs nach Bützer, einem kleinen, aber hübschen Kaff an der Havel. Dort wird ein heruntergekommener Vierseitenhof zum Verkauf angeboten. Rasch steht fest: Sie wird aufs Land ziehen und sich ihren lang gehegten Traum von einem Mehrgenerationenhaus erfüllen. Das ist jedoch schwieriger als erwartet. Tinas Kinder leisten Widerstand und auch mit den Schrullen des Vorbesitzers hat sie nicht gerechnet. Den Mann mit seinem Machogehabe, den schwarzen Klamotten und dem albernen Tuch um den Kopf kann sie nicht recht einschätzen. Sein finsterer Blick geht ihr unter die Haut und insgeheim nennt sie ihn Prinz Eisenherz. Besser, sie interessiert sich nicht weiter für den Kerl und konzentriert sich lieber auf ihr Ziel, bald eine Familie der besonderen Art zu haben.

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ISBN: 978-9963-52-845-5

Seiten: 431

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Britta Orlowski

Britta Orlowski
Britta Orlowski wurde im Jahr 1966 geboren – eine Schnapszahl, ich weiß, meine Eltern hätten gleich stutzig werden sollen. Stattdessen zogen sie mich mit viel Liebe, Wärme und schönen Geschichten auf. Sie nahmen meine zahlreichen kreativen Experimente gelassen hin und nährten meine ohnehin uferlose Fantasie noch mit zauberhaften Erzählungen über Spielzeug, welches zum Leben erwacht, sobald ich des abends eingeschlafen sei. So wuchs ich also in meiner Geburtsstadt Rathenow auf, absolvierte die zehnklassige polytechnische Oberschule und erlernte den Beruf der stomatologischen Schwester in der Kreispoliklinik. Ich angelte mir einen netten Mann, dem ich sage und schreibe im taufrischen Alter von fünf Jahren zum ersten Mal begegnete und ihn sogleich aus tiefstem Herzen verabscheute. Zum Glück änderte ich später meine Meinung - wir heirateten und gründeten eine Familie. Ihm verdanke ich meine lieben Söhne, die überhaupt die schönsten Babys der Welt waren. Im Erziehungsurlaub wurde mir rasch langweilig. Beim Aufräumen stieß ich auf die Manuskripte aus meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Ich begann erneut, Geschichten zu schreiben - nur so für mich. Wenige Jahre später infizierte ich mich mit dem Patchworkvirus und hänge seitdem an der Nadel. Doch auch das Schreiben ließ mich nicht mehr los. Nach einigen Überlegungen kam ich zu dem Schluss, dass es bestimmt einen Weg gibt, beide Hobbies zu verbinden. So entstand mein erster Roman „Rückkehr nach St. Elwine“. Da mir der Abschied von meinen Hauptfiguren am Ende so schwer fiel, war die Idee geboren, daraus mehr zu machen. Eine lockere Serie mit in sich abgeschlossenen Geschichten, die stets am gleichen Ort, dem fiktiven Küstenstädtchen in der Chesapeake Bay, spielen. Nach langem Suchen habe ich ein begeisterungsfähiges Verlagsteam gefunden.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Seine Besorgnis schien unbegründet. Wie bereits unzählige Male während der letzten zurückgelegten Kilometer stellte er fest, dass weit und breit keine Menschenseele unterwegs war. In diesem verdammten Kaff war einfach der Hund begraben. Er zog ein Tuch aus der Hosentasche und band es sich um den Kopf.
   Vor ihm erstreckte sich die Koppel. Die Nacht war empfindlich frisch und im Juni noch recht kurz. Es begann bereits zu dämmern. Im Gras hing Tau, was den Boden glitschig machte. Er achtete darauf, wohin er seine Füße setzte.
   Der Hengst hatte ihn bemerkt und stieß ein leises Schnauben aus. Auch die Stute hob den Kopf und starrte in seine Richtung. Unruhig tänzelten die anmutigen Tiere. Schon schoss der Hund aus dem Unterstand hervor und knurrte.
   Er hatte nichts anderes erwartet und zog das vorbereitete Fleischstück aus dem Beutel. »Na, wen haben wir denn da? Schau, was ich dir mitgebracht habe. Ist das nicht lecker? Und ganz allein für dich.«
   Der Hund blieb stehen, legte seinen Kopf schief und starrte ihn misstrauisch an. Dabei knurrte er weiter.
   »Du bist schlau, ich weiß. Aber es wird dir trotzdem nichts nutzen, mein Guter«, flüsterte er sanft. Sein Tonfall verfehlte die Wirkung nicht.
   Der Hund kam einen Schritt näher. Er war den harmonischen Umgang von Mensch und Tier gewohnt.
   »Komm, hol es dir. Mach uns beiden die Freude.«
   Nur noch zwei Schritte trennten das Tier von seinem Leckerbissen. Wieder hielt es inne und sah zu ihm auf.
   »Bist ein guter Hund.« Langsam ging er in die Knie und streckte vorsichtig die Hand aus.
   Schon berührte die feuchte Nasenspitze seine Handfläche. Sachte bewegte er seine Finger und streichelte das Tier unter dem Kinn. Es schien ihm zu gefallen. Es ließ auch zu, dass er ihm mit der zweiten Hand über den Nasenrücken strich. »Na komm, du hast dir den Leckerbissen redlich verdient.« Er schob das Fleisch etwas näher.
   Speichel tropfte dem Hund aus der Schnauze. Noch ein letzter Blick aus den treuen Hundeaugen und schon machte er sich über den Happen her. Im selben Moment jaulte er auf, fing sich rasch wieder, wich aber zurück und schleppte sich unter Schmerzen fort. Die Pferde flüchteten.
   Lauft nur, lauft. Für heute lasse ich euch davonkommen. Aber der Tag wird kommen oder sollte ich lieber sagen, die Nacht …
   Heute war er Herr über Leben und Tod. Es gefiel ihm, dass endlich etwas nach seinen Wünschen lief. Und hieß es nicht: Wer zuletzt lacht, lacht am besten? Lautes Lachen verkniff er sich momentan besser. Der Tag brach an und er stahl sich davon. Bald würde jemand den Hund finden. Er beglückwünschte sich für seine Umsicht, den Anfang nicht mit einer Katze gemacht zu haben, wie es seine ursprüngliche Idee gewesen war. Katzen kamen andauernd unter die Räder. Auf dem Land brauchte man sie als Nutztiere, um lästige Nager zu fangen. Aber eine sehr innige Beziehung zwischen Katze und Halter baute man hier nicht auf. Bei Pferden lag die Sache anders. Sie waren magische Wesen – allein schon ihre Augen.
   Um nicht vorschnell zu handeln, wollte er sich zunächst an den Hunden probieren. Auch, um sich anschließend genüsslich steigern zu können.
   Wieder sah er sich um, es wurde Zeit, zu verschwinden.

Kapitel 1
Niemals Tangas

»Mama, du bist ja betrunken – am helllichten Tag! Und überhaupt, warum arbeitest du nicht?«
   »Übertreib es nicht, angeheitert vielleicht.« Ein Prosecco am Morgen vertrieb Kummer und Sorgen. Tja, nun saß sie wirklich in der Klemme. Was wollte Feli jetzt schon hier? Anscheinend konnte ihre Tochter Gedanken lesen.
   »Ausfallstunden.«
   »Schon wieder?«, nuschelte sie. »Was ’n das für Lehrer?«
   »Mann, Mutti, wie konntest du nur? Du müsstest dich hören.«
   Und wenn schon. Hatte sie nicht auch das Recht, sich einfach ein Sektfrühstück zu gönnen, wenn ihr danach war? Mutter hin oder her. Dumm nur, dass sie Alkohol nicht vertrug, auf nüchternen Magen schon gar nicht. Immerhin nahm sie in diesem Zustand nicht am Straßenverkehr teil. Genau genommen nahm sie an gar keinem Verkehr teil. Sie grinste vor sich hin.
   »Und außerdem …« Feli rümpfte die Nase. »Seit wann räumst du nicht mehr auf?«
   »Siehste mal, wie sich das anfühlt.« Sie hatte heute eben einen absoluten Tiefpunkt.
   »Du brauchst frische Luft. Ich lüfte jetzt durch.«
   Gutes Kind. Sie konnte ihrer Tochter die Erschütterung nicht übel nehmen. Am besten, sie ließ ordentlich kaltes Wasser über das Gesicht laufen. Zusätzlich gewann sie dadurch etwas Zeit, um sich eine Erklärung zurechtzulegen. Au Backe, war ihr schlecht. Konnte nicht jemand den Badezimmerspiegel festhalten? Und wer war diese fremde Frau mit den verquollenen, roten Augen, die sie da anglotzte? Sie war bereits mit Kopfschmerzen aufgewacht und hätte sich den Piccolo gar nicht erst kredenzen dürfen. »Wie heißt du?« Mal sehen, ob ihr die Frau im Spiegel antwortete. Sie tat es und hatte exakt ihre Stimme. »Christina, genannt Tina, von Oma Lieschen liebevoll als mein Tinchen bezeichnet. Aber das ist schon verdammt lange her.« Hastig klatschte sie sich Wasser ins Gesicht. Ihr Spiegelbild wurde nur unwesentlich schöner. Himmel, war ihr Haar stumpf. Es wäre genau der richtige Zeitpunkt für einen Notfallbesuch beim Friseur ihres Vertrauens. Leider würde sie den bezahlen müssen. Und schon war sie wieder beim Ursprung ihrer miserablen Lage. Manchmal kam es knüppeldick, und dann lief nichts mehr rund. Apropos rund: Immerhin war an ihr alles irgendwie rund. Frauliche Kurven nannte man das wohl. Ha, ha. Jetzt, mit zweiundvierzig, musste sie der Wahrheit ins Auge sehen: Ihr Körpergewicht hatte bisher noch jeder Diät getrotzt und blieb standhaft. Sie sah zögernd an sich hinunter. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie außer einem ausgeleierten T-Shirt nur ihren Slip trug. Behutsam drehte sie sich um die eigene Achse und schielte wieder in den blöden Spiegel der Wahrheit. Sie kam sich ein bisschen wie die böse Königin bei Schneewittchen vor. »Wer ist die Schönste im ganzen Land?« Dabei entfuhr ihr ein Hickser. »Ihr, teuerste Tina, seid die Schönste im Land. Aber zieht nur immer solche Schlüpfer an und keinen Tanga, dann wird es schon gehen, denke ich.« Frechheit. Sie wusste selbst, dass man mit solch einem Hintern nicht in Tangas herumhüpfen sollte. Gab es überhaupt welche für diese Größe? Nein, das wollte sie sich gar nicht erst vorstellen. Sie streckte dem Spiegel die Zunge heraus. Warum ackerte sie sich im Fitnessstudio eigentlich so ab? Oder knabberte an Möhren und Selleriestangen herum und tat, als wären es sonst was für Leckerbissen? Weil sie hinter der klapperdürren Simona und ihren anderen Kolleginnen nicht zurückstecken wollte. Simona. Allein der Name stach ihr in die Eingeweide. So eine falsche Schlange hatte sie einst Freundin genannt. Lächerlich. Vor einer Woche hatte besagte Simona, ihre Chefin, ihr die Kündigung hingeknallt. Klar, sie war zu unbequem geworden in der Firma. Schließlich standen sie wirtschaftlich nicht so gut da, dass man einen Dienstwagen anschaffen und zusätzlich eine Stelle für Botengänge und Einkaufsservice schaffen konnte. Immer wieder hatte Simona sie darauf angesprochen. Nach und nach kam heraus, dass sie ihren neuen Lover mit ins Boot holen wollte. Das ging einfach nicht und genau dies sagte Tina ihr auch. Mit dem Ergebnis, dass sie flog. Daraufhin beanspruchte Tina erst mal ihren restlichen Urlaub und pinselte fleißig Bewerbungen, aber alle stolperten über ihren Lebenslauf. Entweder war es das Alter. Zweiundvierzig! »Wir wollten eigentlich jemand Jüngeres mit langjähriger Berufserfahrung.« Ach was. Oder die Tatsache, dass sie alleinstehend mit drei Kindern war. Von dem errechneten Arbeitslosengeld konnte sie sich weder die teure Miete noch die privaten Schulen leisten. Nur gut, dass in drei Tagen die Sommerferien begannen. Sie würde sich dennoch dringend etwas einfallen lassen müssen. Natürlich hatte sie so etwas wie einen Notgroschen, und dann war da noch der Bausparvertrag. Aber es wäre ihr lieber, so über die Runden zu kommen.
   Es klopfte an der Badezimmertür. »Mutti, Telefon für dich.«
   Vielleicht doch eine Zusage? O Gott, und ausgerechnet jetzt hatte ihre Zunge solche Schwierigkeiten. Sie stolperte in den Flur und stieß mit dem nackten Zeh gegen Felis Schultasche. »Aua, verdammt. Musst du immer alles im Weg stehen lassen?« Tina hätte sich ihren großen Onkel am liebsten in den Mund gesteckt. Mit verkniffenem Gesicht hinkte sie weiter.
   »Das sagt die Richtige«, hörte sie Felicitas raunen.

*

Tanja lief auf die Koppel. Etwas stimmte nicht, obwohl alles aussah wie immer. Zeus und Kleopatra standen etwas abseits und trabten nicht näher wie sonst, wenn sie die Koppel betrat. Und Spax ließ sich nicht blicken, was noch niemals vorgekommen war. Der Bordercollie war einer ihrer besten Hütehunde, der am Tage die Arbeit mit den Schafen ungemein erleichterte. Nachts blieb er meistens auf der Koppel bei den Pferden. Tanja sah sich um. Zeus hatte ihr seinen Kopf zugewandt, gleichzeitig konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Pferde absichtlich auf Abstand blieben. Hastig stapfte sie in Richtung Unterstand. Die letzten Meter rannte sie. Dann entdeckte sie Spax. Er lag auf der Seite, leblos und längst erstarrt.

Kapitel 2
Landpartie

Tina döste vor sich hin. »Hast es also nicht bereut, dass du meine Einladung angenommen hast?«, hörte sie Flo plappern.
   »Was sagt dir das?«
   »Du müsstest nur mal dein Gesicht sehen.«
   Flo hatte recht. Seit ihre ehemalige Klassenkameradin bei ihr angerufen hatte, ging es Tina etwas besser, zumindest für den Moment. Flo war eine solche Frohnatur, dass sie schlichtweg nicht anders konnte. »Du kommst doch zum Klassentreffen?«, hatte sie am Telefon gefragt.
   Natürlich nicht, hatte Tina antworten wollen. Immerhin hatte sie lediglich zwei Schuljahre in Rathenow verbracht, bevor ihre Eltern sich scheiden ließen und sie mit ihrer Mutter zurück nach Berlin zog. Was war das für ein Drama, als sie sich von Floriane verabschiedet hatte, unter Tränen, versteht sich. Keine konnte sich vorstellen, ohne die andere weiterzuleben. Hach, und dann klappte es wider Erwarten doch. Bereits nach zwei, drei Briefen kühlte die Freundschaft ab. Sie verloren sich aus den Augen. Erst seit vier Monaten, als die Einladungen für das Klassentreffen sie erreichten, hatten sie sich bei StayFriends wiedergefunden. Tina erfuhr, dass Flo seit mehr als zehn Jahren in den USA lebte, zum zweiten Mal verheiratet war und, genau wie sie, drei Kinder hatte. Sie schrieben sich mindestens einmal wöchentlich E-Mails. Um Flo die Teilnahme zu ermöglichen, hatte man das Klassentreffen extra in die Sommermonate gelegt. Tina war es schleierhaft, warum ausgerechnet sie ebenfalls eingeladen war. Möglich, dass Flo daran gedreht hatte. Bei ihr wusste man nie. »Ich bin seit voriger Woche bei meinen Eltern in Rathenow. Wenn ich es schaffe, aus St. Elwine einzufliegen, wirst du von Berlin aus doch wohl nach Rathenow kommen können«, hatte Flo am Telefon gesagt. Tinas genuscheltes »Kinder nicht allein lassen …« ließ Flo nicht gelten. Dann fiel ihr auch noch die eigene Tochter in den Rücken. »Tom und ich sind groß genug, um auf die Kleine aufzupassen. Mach dir ein paar schöne Stunden, Mutti. Du hast es wirklich nötig.« Tina hatte Felicitas einen durchdringenden Blick zugeworfen. Das Mädel tat gerade so, als würde sie an der Flasche hängen. Mangels Gegenargumenten hatte sie schließlich zugesagt. Sie hatte den Zug nach Rathenow genommen und war von Floriane am Bahnhof abgeholt worden. Flos Eltern wohnten seit ein paar Jahren nicht mehr im Neubaublock in Rathenow Ost, sondern hatten in einer Siedlung ein Häuschen gekauft. Ansonsten wäre der wochenlange Besuch einer fünfköpfigen Familie plus eines sechsten Schlafgastes kaum möglich gewesen. Das Klassentreffen war wirklich großartig und ja, sie hätte es bereut, wenn sie nicht daran teilgenommen hätte. Aber das musste sie Flo nicht gleich auf die Nase binden. Schlimm genug, dass Felicitas ihr beim Abschied zugeflüstert hatte: »Trink nicht so viel, Mutti!« Also wirklich, hatte man dafür Worte?
   Tina nächtigte nach dem Klassentreffen bei Familie Amsel im Meisenweg – kein Witz – und wurde von Flo zu einer Landpartie eingeladen. Ihre Freundin wollte ihr unbedingt das Dorf an der Havel zeigen, in dem sie ihre ersten Jahre verlebt hatte. Bützer stand auf dem Ortsschild, das sie gerade mit dem Mietwagen passierten. Flo schien ganz aus dem Häuschen und wedelte aufgeregt mit der Hand.
   »Nie gehört«, grummelte Tina.
   »Wie findest du es?«, flötete Flo vergnügt.
   »Eine Straße, rechts und links Häuser und Bäume, nichts Besonderes.«
   »Du bist blöd.«
   »Sieht ganz nett aus«, meinte Tina versöhnlicher.
   »Als meine Eltern vom Land in die Stadt zogen, war es für mich wie die Vertreibung aus dem Paradies«, merkte Flo theatralisch an.
   »Du liebe Zeit.«
   Sie bogen in die Havelstraße ein und parkten.
    »Lass uns ein bisschen die Füße vertreten.«
    An sich fand Tina den Vorschlag ihrer Freundin nicht schlecht. Allerdings trug sie mörderische High Heels, mit denen sie ungeschickt über das Kopfsteinpflaster stakste. »Glücklicherweise kennt mich hier niemand«, murmelte sie vor sich hin und setzte ihr schönstes Lächeln auf.
   Etwa auf halber Höhe der Havelstraße stand das Tor eines Vierseitenhofes offen. Sie entdeckten das »Zu verkaufen«-Schild eines Maklers. Tina blieb wie angewurzelt stehen. Ihr Blick huschte zwischen dem Schild und dem Hofeingang hin und her. Etwas zog sie magisch in seinen Bann. Da war ein Gedanke, der all die Jahre im Hintergrund gelauert hatte und sich auch jetzt permanent wehrte, formuliert zu werden.
   Floriane verharrte bewegungslos neben ihr. Der Augenblick verstrich und ging im Lärm unter, als ein Typ im tiefergelegten Golf GTI mit hämmernden Bässen vorbeibretterte.
   »Wenn der Hof zu verkaufen ist, kann man ihn sich bestimmt auch ansehen.« Tina schritt bereits vorwärts.
   »Muss man nicht angemeldet sein?« Flo hatte ihre Zweifel. »Schau mal.« Sie entdeckte an einem der Gebäude ein Holzschild und zeigte darauf.

Was der Bauer nicht kennt,
das isst er nicht.
Würde der Städter kennen,
was er isst,
er würde umgehend Bauer werden.

»Sehr originell.« Tina stimmte in Flos fröhliches Gelächter ein. »Wer hätte gedacht, dass man sich in diesem Kaff so vortrefflich amüsieren kann? Die Hinterwäldler halten sich wohl für die besseren Menschen. Nicht jeder will schließlich in der hinterletzten Pampa Bauer sucht Frau spielen. Was gibt es hier groß außer Hühnerkacke, Kuhmist und ekligen Pferdebremsen?«
   »Interessante Vorstellung haben Sie da«, vernahm sie eine Stimme dicht hinter sich.
   Tina fuhr herum. Dank ihrer High Heels stand sie dem Typ in Augenhöhe gegenüber, ansonsten hätte sie ziemlich armselig zu ihm aufsehen müssen. Das strahlende Grün seiner Augen setzte sie für einen Moment schachmatt.
   Aber Tina wäre nicht Tina, würde sie sich durch solche Lappalien aus dem Konzept bringen lassen. »Sie sind also der Bauer«, schnurrte sie, während sie ihn möglichst unauffällig musterte. Alte Arbeitsstiefel, schwarze Latzhose, nackter, muskulöser Oberkörper und um den Kopf hatte er ein schwarzes Bandana gebunden. War es da ein Wunder, dass seine Augen derart hervorstachen?
   »Bauer, Hinterwäldler, ganz nach Belieben.«
   Wer sagte denn heutzutage noch nach Belieben? Äußerlich Rocker, innerlich ein Minnesänger – ein drolliger Spaßvogel.
   »Was soll dieses imposante Anwesen denn kosten?« Sie tirilierte fast und gab sich als potenzielle Käuferin. Die Gebäude glichen eher Kaschemmen, zumindest das eine. Aber … sie schloss für einen Moment die Augen, und da war es wieder. Ein Bild aus tausend Traumfragmenten zusammengefügt. Sie sah es deutlich vor sich. Ehe sie es zu fassen bekam, zerplatzte es wie eine Seifenblase, hinterließ aber eine Ahnung, einen Hauch dessen, was hätte sein können. Verwirrt rieb sie sich den Nacken.
   »Der Preis ist Verhandlungssache.«
   Dann war in jedem Falle etwas faul. Lächerlich, enttäuscht zu sein.
   »Wollen Sie sich umsehen? Ich zeige Ihnen gern die Räumlichkeiten.«
   Das war im Grunde ein freundliches Angebot, stand jedoch im krassen Widerspruch zu seinem finsteren Gesichtsausdruck. Oh, wollte Prinz Eisenherz sie das Fürchten lehren?
   »Kann ja nicht schaden, sich alles genauer anzusehen«, sagte Flo fröhlich.
   Auch das noch. Außerdem musste sie bereits seit einer halben Stunde mal für kleine Dorfbesucherinnen. Tina lächelte halbherzig, beugte sich zu ihrer Freundin und flüsterte ihr Bedürfnis in deren Ohr.
   »Sag das doch gleich.« Noch bevor Tina es verhindern konnte, wandte sich Flo an Eisenherz. »Gibt’s hier eine Gästetoilette?«
   Er nickte knapp. »Folgen Sie mir.«
   Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als im Gänsemarsch hinterherzutippeln.
   Er wies auf eine Holztür mit einem ausgesägten Herzmotiv. Manchmal passten Klischees einfach wie Arsch auf Eimer.
   Tina zog an dem grün gestrichenen Riegel, die Tür öffnete sich leicht quietschend und sie starrte auf ein Bilderbuch-Plumpsklo. Sie zuckte zurück. »Das ist nicht Ihr Ernst.« Rasch wandte sie sich um und blickte geradewegs in sein amüsiertes Gesicht.
   Tina holte tief Luft. Vor diesem ungehobelten Kerl würde sie sich ganz sicher keine Blöße geben. Mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte, betrat sie den Bretterverschlag, verriegelte von innen und hob ihr Sommerkleid hoch. Das hatte sie erst einmal getragen und sollte auf keinen Fall mit … was auch immer hier drin war, in Berührung kommen. Sie zerrte sich den Slip hinunter und balancierte sich vorsichtig hängend über die Öffnung im Sitzbrett. Tina starrte angestrengt an die Decke, als sie ihre Blase erleichterte und entdeckte Spinnweben. Lieber Gott, lass nicht zu … Der Gedanke war kaum zu Ende gedacht, als etwas Federleichtes über ihre linke Pobacke krabbelte.
   Aufschreien, Riegel öffnen und hinausstürmen war alles eins. Zu spät wurde sie sich der verdutzten Blicke ihrer Freundin und Prinz Eisenherzes bewusst, die vor der Scheune standen. In Windeseile richtete Tina ihre Unterhose, ließ den Rock des Kleides hinunterfallen und tat möglichst unbeteiligt. Hätte sie gekonnt, würde sie ein Liedchen pfeifen.

*

Jakob ignorierte das Vibrieren des Mobiltelefons in seiner Hosentasche. Immerhin wusste er genau, wer ihn an einem Sonntag erreichen wollte. Warum kapierten die meisten Menschen hier nicht, dass er nicht mehr für sie arbeitete? Besonders von Tanja hätte er mehr Verständnis erwartet. Er war für ihr Anliegen nicht mehr zuständig. Diese Erkenntnis half allerdings wenig, um gegen die Vorstellung vom toten Spax anzukämpfen. Ihr letztes Telefonat war ihm noch gegenwärtig.
   Die Stimme der sonst so ausgeglichenen und in sich ruhenden Tanja schien vor Schmerz zu vibrieren. »Wir haben Spax tot aufgefunden.«
   »Das tut mir sehr leid.«
   »Kannst du herkommen?«
   »Nein … ich bin nicht mehr zuständig.«
   »Was?«
   »Nun …«
   »Kannst du mir das bitte mal erklären?«
   »Es gibt ein Problem und …«
   »Das ist nicht dein Ernst«, war sie ihm ins Wort gefallen.
   »Doch«, hatte er verärgert darüber, dass sie ihn nicht ausreden ließ, geantwortet.
   Er war es leid, sich zu rechtfertigen. Tanja hatte schließlich keine Ahnung. Ein kalter Schauder huschte sein Rückgrat hinab.

Kapitel 3
Gesagt – getan

Während der Rückfahrt sprach Tina kein einziges Wort.
   Sie spürte, wie Flo ihr einen Seitenblick zuwarf. »Ist direkt unheimlich mit dir. Was ist los?«
   »Wieso? Du plapperst doch genug für uns zwei.«
   »Behauptet mein Mann auch immer.«
   »Der muss es wissen.«
   »Geht’s dir gut?« Flo ließ nicht locker.
   »Alles bestens, hab nur nachgedacht.« Sie machte eine Pause. »Was hältst du von einem Mehrgenerationenhaus?«, fügte sie betont gleichgültig hinzu.
   Flo ließ sich nicht so leicht täuschen. »Was genau meinst du damit?«
   »Och, ein großes Haus oder ein Hof, in dem Jung und Alt unter einem Dach wohnen. Die sich gegenseitig zur Hand gehen, ein bis zweimal die Woche eine Mahlzeit zusammen einnehmen, trotzdem über eigene Rückzugsräume verfügen, so etwas. Eine Alternative zur Großfamilie, mit viel Toleranz.«
   »Klingt wirklich hübsch. Da bist du doch nicht jetzt erst drauf gekommen?«
   »Na ja.«
   »Tina, wie lange?«
   »Was?«
   »Stell dich nicht dumm.«
   »Na schön, der Gedanke ging mir gelegentlich durch den Kopf. Weißt du, manchmal wäre es nett, wenn man eine Familie hätte, so mit Großeltern, Eltern oder Tanten.«
   »Ich verstehe sehr gut, was du meinst. Die ersten Jahre in Amerika habe ich meine Leute schrecklich vermisst. Ich kannte so gut wie niemanden.«
   »Seit meine Mutter nicht mehr lebt, überkommt mich hin und wieder die Idee von solch einem Mehrgenerationenhaus. Und weißt du, was das Beste daran wäre?«
   »Na?«
   »Dass ich mir im Vorfeld aussuchen könnte, wer zu uns passt oder nicht.«
   »Ich stimme dir zu.« Flo lenkte den Wagen geschickt in eine Parklücke am Bahnhof. »Ich bringe dich noch zum Zug. Hat der Hof in Bützer etwas mit deinem alternativen Lebenstraum zu tun?«
   »Quatsch. Wie kommst du darauf?«
   »Ich meine nur.«
   »Hast du dich umgesehen? Da gibt es keinen Supermarkt, keine Shoppingmeile, kein Geldinstitut, keine Schule …«
   »Auch keine Arztpraxis, geschweige denn ein Nagelstudio«, fiel Flo ihr ins Wort und deutete auf Tinas kunstvoll modellierte Fingernägel.
   »Da hast du es.«
   »Aber ansonsten: Jede Menge Luft zum Atmen, eine herrliche Landschaft mit Wiesen und Wäldern, einem Berg, die Havel, die sich dahinschlängelt und deren Wasser im Sonnenschein glitzert und nicht zu vergessen einen idyllischen Vierseitenhof.« Flo warf einen gespannten Blick in ihr Gesicht.
   Tina nickte gedankenverloren.
   »Also doch. Und einen Frisör haben sie auch in Bützer und eine Kneipe, falls du wieder ‚Fröhlich sein und singen‘ spielen willst.«
   »Dir darf man nichts erzählen.«
   »Sei nicht gleich eingeschnappt. Im Ernst, ich erinnere mich noch an den sensationellen Geschmack der Fassbrause von damals und an den Kindertanz. Obwohl ich es gehasst habe, dass meine Mutter uns dazu verdonnerte, weiße Strumpfhosen zu tragen. Ein Mädchen wie ich, ich bitte dich. Wie sollte man da von der Scheune zum Kohlenschuppen klettern? Kannst du mir das verraten?«
   »Nur herumstromern im Sinn, tz, tz. Kein Wunder, dass der Hof einen solchen Eindruck auf dich gemacht hat«, sagte Tina.
   Liebevoll puffte Flo ihr gegen die Schulter.
   Tina blieb stehen. »Meinst du, Prinz Eisenherz hat meinen nackten Hintern gesehen?«
   »Wo denkst du hin? Ich habe ihn geschickt in ein Gespräch verwickelt. Darüber, dass ich in Amerika lebe und in Bützer aufgewachsen bin.« Wenn Flo eines konnte, dann war es, jemanden so richtig schön zuzutexten.
   Diese Tatsache beruhigte Tina. Von der Lautsprecherdurchsage am Bahnsteig verstand sie kein Sterbenswort. Es dauerte nicht lange, bis der Zug einrollte.
   Flo umarmte sie herzlich. »Ich bin noch den ganzen Sommer über hier. Mein Mann ist übrigens Projektant, der kennt sich in der Baubranche aus. Wenn du willst, kann er sich den Hof ansehen und eine Kostenaufstellung machen.«
   »Wie viel nimmt er durchschnittlich dafür?«
   »Tina, lass das meine Sorge sein.«
   »Die Idee ist ein dickes Windei.«

*

Jakob wischte sich den Schweiß von der Stirn. Was für ein beschissener Tag. Der einzige Lichtblick war die aufgetakelte, sexy Braut mit den Mördersandalen und dem Jennifer-Lopez-Hintern. Von dem Anblick würde er noch eine Weile zehren. Auch wenn sie vorgab, sich für den Hof zu interessieren, so war diese Dame doch mit Abstand die ungeeignetste Kandidatin. Wahrscheinlich hatte sie sowieso nur nach einem Örtchen gesucht. Konnte er ihr schlecht verdenken. Spaß beiseite: Wenn der Hof nicht bald unter dem Hammer landete, würde er ein echtes Problem bekommen. Ein weiteres – ha, ha. Er drehte das Radio lauter und lauschte der Bittersweet Symphony von The Verves. Der Song passte haargenau dazu, wie er sich heute fühlte. Müde rieb er sich über das Gesicht. Er wusste, es gab keine andere Möglichkeit, als den Hof zu veräußern, aber es fiel ihm schwerer als gedacht. Wie konnte er sich sonst erklären, dass er den beiden Grazien das Objekt nicht gerade überschwänglich angeboten hatte? »Beim nächsten Mal musst du dich mehr ins Zeug legen«, ermahnte er sich. Es sollte streng klingen, kam aber nur halbherzig über seine Lippen.
   So, wie er alles in letzter Zeit nur halbherzig erledigte.
   Nicht alles.
   Beim Blick auf den sagenhaften Hintern war er voll bei der Sache gewesen. So musste ein Sonntag sein, jawohl. Er beschloss, nicht zum tausendsten Mal die Unterlagen durchzugehen. Inzwischen kannte er sie auswendig. Es nutzte sowieso nichts. Mit einer einzigen Handbewegung fegte er die Blätter vom Tisch, sodass sie zu Boden flatterten.

*

»Das ist nicht dein Ernst«, kreischte Feli.
   »Doch.« Tina zwang sich zur Ruhe und atmete tief durch.
   Ihr Sohn sprang auf die Füße. »So was kannst du unmöglich wollen. Nicht in einem Dorf.« Er spie das Wort förmlich aus. »Wenn es denn schon sein muss, warum suchst du dir hier in Berlin kein geeignetes Gebäude?«
   »Ist viel zu teuer. Außerdem ist die Landschaft dort reizend.« Tina hatte sich in den letzten Tagen so sehr in den Gedanken verliebt, dass es für sie nur noch einen Entschluss gab. Sie hatte sogar mit Flo telefoniert, die simultan übersetzen musste, sodass ihr Mann begriff, um was es Tina ging. Wie versprochen, waren die beiden in Bützer gewesen und hatten das Anwesen genauer unter die Lupe genommen.
   Das Dach war erst vor ein paar Jahren gedeckt worden, das hörte sich schon mal positiv an. Bis auf die Scheune waren alle Gebäude voll unterkellert. Eine moderne Heizungsanlage gab es ebenfalls, die musste für Tinas Vorhaben natürlich erweitert werden. Das Haupthaus vorn an der Straße war früher voll bewohnt gewesen. Als der jetzige Besitzer es erwarb, klagte er auf Eigenbedarf und bekam recht. Er war bestimmt ein richtiger Kotzbrocken und hatte die Mieter nicht schnell genug vergraulen können, jede Wette. Hatte den Mund zu voll genommen und sich übernommen. Es würde sie nicht wundern, wenn dem die Frau weggerannt war, bei dem Anblick, den er tagein, tagaus bot. Man kannte das ja. Ihr sollte es egal sein, Hauptsache, sie kam preiswert an den Hof. Der Innenausbau wäre nicht ohne, hatte Marc, Flos Mann, gesagt. Aber vielleicht würden sich die zukünftigen Mieter ja mit einbringen. Tina hatte in den letzten Tagen nichts anderes getan, als Konzepte aufzustellen. Unter Chiffre hatte sie sogar ein Zeitungsinserat geschaltet. Sie war gespannt, ob sich jemand melden würde. Bestimmt, hoffentlich … und wenn nicht? Dann war sie genauso schlau wie vorher. Viele Menschen zog es aufs Land. Ebenso viele hatten keine Angehörigen und wollten dennoch im Alter nicht allein sein, aber keineswegs in ein Heim gehen. Tina war ausgebildete Krankenschwester, sie könnte die Leute betreuen. Auch die anderen Hilfebedürftigen im Dorf. Sie registrierte, dass sie den Ort bereits Dorf und nicht mehr Kaff nannte. Was passierte hier mit ihr?
   »Kannst du voll vergessen. Da mache ich nicht mit«, tobte Tom. »Hast du mal darüber nachgedacht, was mit meinen Kumpels wird?«
   »Im Handumdrehen hast du weitere dazugewonnen. Außerdem: Bützer ist quasi einen Katzensprung von Berlin entfernt.«
   Statt einer Antwort krachte hinter ihm die Tür zu. Felicitas folgte ihrem Bruder heulend, allerdings verzichtete sie auf den dramatischen Rums.
   Tina legte den Kopf in ihre aufgestützten Hände. Der erste Versuch war voll in die Hose gegangen.
   Nur ihre Jüngste, die fünfjährige Josi, sah sie mitleidig an. Sie rückte auf dem Sofa näher und legte ihre Arme um Tina. »Also, ich würde mich freuen, wenn ich ganz viele Omis und Opis bekäme. Gibt’s da auch einen Papa für mich?«
   »So weit würde ich nicht gehen, Häschen. Aber immerhin jede Menge Tanten und Onkel. Das ist doch auch was Schönes, oder?«
   Josefine zog die Stirn kraus. »Ein Papa wäre mir lieber.«
   »Du hast doch einen.«
   »Schon, aber den kenne ich gar nicht.«
   War auch besser so. Tina küsste die weiche Wange ihrer Kleinen. »Den kann ich dir leider nicht versprechen. Willst du dann jetzt auch nicht mit?«
   »Doch, ich kann dich schließlich nicht allein lassen.«
   Tina musste lächeln.
   »Kann ja sein, dass ich trotzdem einen Papa finde.«
   »Ja, man weiß nie.«

In den folgenden Wochen pendelte Tina ständig zwischen Berlin und Bützer hin und her. Allerdings weigerten sich ihre Kinder, bis auf Josi, sie zu begleiten. Es gelang ihr, mit Prinz Eisenherz in Ruhe über ihr Vorhaben zu sprechen. Zwar nuckelte er ständig an einer Bierflasche mit Porzellanverschluss herum, schien ihr aber doch aufmerksam zuzuhören. »Gibt es weitere Interessenten?«, wollte sie leicht beunruhigt wissen.
   »Könnte sein.«
   »Nun gut.« Sie ließ ihren Blick schweifen. »Ist das da hinten ein Garten?«
   »Ja.«
   »Darf ich mal schauen?«
   »Natürlich. Man sollte nie die Katze im Sack kaufen.«
   Der Kerl machte sie rasend. Wollte er nun verkaufen oder nicht? Einen Lidschlag lang hätte sie schwören können, dass ihm ihre Idee mit dem Mehrgenerationenhaus gefiel. Dann jedoch beobachtete sie, wie ein Muskel in seiner Wange zuckte und anschließend wirkte er wieder so abweisend wie zuvor.
   Nun, Garten konnte man das Gelände, das sich dem Hof anschloss, kaum noch nennen. Aber es ließ sich immerhin erahnen, dass es einmal recht hübsch gewesen war. Hier musste man grundlegend mit der Hacke dem Unkraut zu Leibe rücken. Das dürfte kein Problem sein. »Wild-romantisch – gefällt mir.« Irgendetwas musste sie schließlich sagen.
   »Tatsächlich?« Er klang, als würde er sich auf ihre Kosten amüsieren.
   Am liebsten würde sie ihm gegen das Schienbein treten, hielt den Zeitpunkt allerdings für ungeeignet. Im Anschluss erklärte sie ihre finanzielle Lage und ihr Konzept. Zunächst die Wohnungen zu renovieren, schnellstmöglich zu vermieten, zusätzlich die Aufnahme eines Kredites, Aufbau einer privaten Hauskrankenpflege, Umbau sämtlicher Gebäude zu Wohn- oder Gemeinschaftsräumen, eventuell sogar ein oder zwei Fremdenzimmer zu schaffen und an Urlauber zu vermieten. Er unterbrach ihre Litanei, indem er sich lautstark räusperte. Tina sah ihn an.
   »Klingt, als würden Sie mich nur so peu à peu bezahlen wollen?«
   »Es muss alles erst in Gang kommen. Ich bin jedoch optimistisch und denke, nach einem halben Jahr haben wir gute Einnahmen.« Sein forschender Blick machte sie zusehends nervös. »Nun, äh … darauf läuft es in etwa hinaus, ja.«
   Prinz Eisenherz rieb sich geistesabwesend die Brust, die heute mit einem schwarzen Hemd bekleidet war. »Ich lass mir das durch den Kopf gehen und melde mich bei Ihnen.«

Und das hatte er getan. Seine Worte lauteten: »Ich bin einverstanden.« Mehr nicht, und als er im Begriff war, aufzulegen, rief sie rasch in den Hörer: »Wir müssen aber noch die Einzelheiten besprechen.«
   »Sie wissen ja, wo Sie mich finden.«
   Na fein. Ein komischer Kauz, der hatte einen Knall, mal ehrlich. Aber Prinz Eisenherz hatte ihr soeben eine Tür geöffnet und durch diese würde sie treten.
   Sie schaffte es, dass man ihr den Bausparkredit auszahlte. Das reichte zunächst, um drei oder vier Wohnungen zu renovieren. Bei der Gelegenheit reichte sie ihr Konzept bei der Hausbank ein, um die restliche Finanzierung abzusichern. Ihr Kundenberater war mehr als zuversichtlich und machte ihr Mut. Eine Zusage wäre reine Formsache, so wie die Dinge stünden. Es gab jede Menge zu tun: die beiden Großen in ihren Schulen abmelden, Tapeten und Malerzeugs kaufen und die Renovierung organisieren. Wieder einmal kam ihr Flo zu Hilfe, die sich während des Klassentreffens mit einem ehemaligen Mitschüler unterhalten hatte. Genau der richtige Mann für Tinas Vorhaben. Ein Anruf genügte und Henrik sagte begeistert zu. Sie kündigte ihre Wohnung, bestellte eine Umzugsfirma und unterschrieb in Bützer eine Art Vorvertrag. Nicht, dass noch irgendwas schiefging. Tina entwarf Flyer am Computer und steckte sie im Dorf in die Briefkästen. Die ersten Interessenten bezüglich der Hauskrankenpflege meldeten sich recht schnell.

*

Ungeduldig lief er durch die Nacht. Der Zeitpunkt, um erneut in Aktion zu treten, war gekommen. Sollte er sich nochmals zunächst einen Hund vornehmen? Besser nicht. Schließlich wollte er erreichen, dass alles eher zufällig anmutete. Der Tod des Hundes war mit großem Bedauern aufgenommen worden.
   Jetzt würde er den nächsten Schritt in die Tat umsetzen.

Kapitel 4
Quilting Bee

Marc Cumberland, Flos Mann, hatte Wort gehalten und ihr einen wunderbaren Entwurf gefertigt. Flo hatte sie heute zu einem Quilting Bee nach Rathenow eingeladen. Tina hatte nicht den blassesten Schimmer, was das war.
   »Lass dich überraschen«, hatte Flo am Telefon gesagt.
   Im gesamten Garten ihrer Eltern waren Wäscheleinen gespannt, an denen Quilts – herrliche Patchworkdecken – im Wind flatterten. Auf der Terrasse saßen einige Damen, die Flo ihr als die Rathenower Optikquilter vorstellte. »Ich habe die Gruppe während meiner Sommeraufenthalte in Rathenow kennengelernt und dank Internet stehen wir immer in Verbindung. Jedes Jahr treffen wir uns einmal zum Quilting Bee und zeigen uns gegenseitig unsere genähten Schätze. Das nennt man Show and Tell. In St. Elwine, wo ich wohne, bin ich auf eine abenteuerliche Weise bei den Quilterinnen gelandet und hänge seitdem an der Nadel. Es ist ein wunderbares Hobby.«
   »Das glaube ich.« Tina war eingeschüchtert von all den neuen Eindrücken. Dankbar nickend nahm sie einen Teller mit einem riesigen Stück Quarksahnetorte, den ihr eine der Damen in die Hand drückte.
   »Gemütlich essen und trinken gehört auch zu einem richtigen Quilting Bee«, erklärte die Frau lächelnd.
   Tina dachte mit einem Anflug schlechten Gewissens an ihre ausladenden Hüften und erst die Oberschenkel. Herrje, in Bützer würde es kein Fitnessstudio geben. Hätte sie daran mal früher gedacht. Aber der Kuchen sah sehr unschuldig aus und noch viel leckerer. Eigentlich eine Verschwendung, ihn nicht zu essen. Neueste Studien besagen ja, dass, wenn man sehr langsam kaute, der Magen früher das Signal zum Sattsein bekam. Eine gute Gelegenheit, das jetzt auszuprobieren. Die Macher von Frauenzeitungen konnten einem viel erzählen.
   Ganz hinten in der Ecke, direkt neben einem großen Aschenbecher, saß Zarah Leander und paffte eine nach der anderen. Sie hieß nicht wirklich so, wie die fidele Rentnerin berichtete, aber wurde aufgrund ihrer tiefen Stimme von allen so genannt. Tina fühlte sich auf Anhieb wohl in der Runde. So war es kein Wunder, dass sie den Frauen auf Flos Aufforderung hin von ihrem Mehrgenerationenhaus erzählte.
   Die Leander hing ihr förmlich an den Lippen. »Hör mal, Schätzchen, ist da noch eine Wohnung frei?«
   Als Tina nickte, verengten sich die Augen der Rentnerin zu schmalen Schlitzen. Plötzlich wirkte sie wie ein Huhn in Legenot, stellte Tina beunruhigt fest.
   »Wir müssen uns genauer unterhalten. Wie soll das laufen, da bei dir auf dem Hof?«, donnerte sie mit ihrer Reibeisenstimme.
   Nichts leichter als das. Tina begann laut ihren Traum mit so viel Enthusiasmus und Feuereifer zu spinnen, dass es sie selbst überraschte. Am Ende hatte sie eine Mieterin und obendrein wollte sich Zarah an dem Vorhaben finanziell beteiligen.
   »Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn«, summte Tina.

*

Tanja zog besorgt ihre Stirn in Falten. Fünf ihrer besten Muttertiere waren sehr krank. Sie kannte sich gut genug aus, um zu wissen, dass hier wahrscheinlich jede Hilfe zu spät kam. Die Schafe zeigten unter anderem schaumigen Nasenausfluss, Speichelfluss und mit Stöhnen einhergehendes, unvollständiges Erbrechen sowie Durchfall. Sie ließ sofort einen Tierarzt aus Rathenow kommen. Der Veterinär bestätigte ihren Verdacht. Die Schafe zeigten eindeutig schwere Vergiftungserscheinungen. Er führte eine Spülung des Pansens mit Aktivkohle durch und spritzte Kortison, Schmerzmittel und Vitamine. Die nächsten vierundzwanzig Stunden waren entscheidend für das Leben der Tiere. Tanja hatte wertvolle Zeit verloren, weil der Arzt erst aus Rathenow kommen musste, denn ausgerechnet jetzt hatte der richtige Mann für solche Fälle beschlossen, den Aussteiger zu mimen. Was war nur in ihn gefahren, dass man noch nicht einmal vernünftig mit ihm reden konnte?

Kapitel 5
Glücksschlüppi

Jakob beschloss, angeln zu gehen. Vielleicht war es tatsächlich an der Zeit, nicht immer nur aufzuzählen, was nicht ging, sondern die Sachen zu tun, die möglich waren. Angeln zum Beispiel. Es war einfach wunderbar, wie ihm die letzten Wochen gezeigt hatten. Er löste die Kette des alten Kahns, stieg hinein und stieß sich mit dem Paddel ab. Als er sich auf der Mitte der Havel befand, legte er die Angel aus und machte es sich auf dem Boden bequem. Der Kahn trieb ruhig dahin, er beobachtete die vorbeiziehenden Wolken, hin und wieder schoss ein Vogel vorbei, ansonsten störte ihn nichts und niemand. Wenn er Glück hatte, biss sogar ein Fisch an und er konnte sich eine leckere Mahlzeit brutzeln. Bei diesem Gedanken lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Jakob streckte die Hand nach seiner Bierflasche aus, ließ den Porzellanverschluss zurückploppen und trank ein paar Schlucke. Hier auf dem Wasser wurde die Seele groß und frei.
   Während er sanft hin und her schaukelte, spürte er, wie sich der Druck zwischen seinen Schulterblättern minderte. Er konnte hören, wie ein Hecht einen Satz machte, als neckte er den Angler, der oft vergebens versuchte, ihn zu fangen. An deiner Stelle wäre ich nicht so übermütig, sandte Jakob dem Tier eine stumme Botschaft. Man sieht sich immer zweimal im Leben. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Frösche quakten, Schafe blökten von irgendwo her, Insekten summten an seinem Ohr vorbei, hier gab es das noch – Natur pur. Er richtete sich auf, kontrollierte, ob der Wurm am Haken hing, und sah hinüber zum Ufer. Abgefressen, der Hecht wollte ihn tatsächlich foppen. Also versuchte er es erneut, dieses Mal mit einem Blinker. Die braunen Schmackedutschen tanzten ihren ruhigen Walzer, das Schilf raschelte im leichten Wind und der Haubentaucher ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Es war keineswegs wirklich still und doch konnte er hier am besten entspannen, Kraft tanken, wofür auch immer. Aber daran wollte er jetzt nicht denken. Viel besser war es, sich die Berliner Großstadtpflanze namens Tina vorzustellen. Die war einfach so in sein Leben geflattert und mischte es nun gehörig auf. Vorbei war es mit der Beschaulichkeit auf dem Hof. Zuerst hatte er noch gedacht, die kleine Quasselstrippe und der Ami würden das Anwesen kaufen. Stattdessen fegte die aufgebrezelte Schnalle, die glatt die Hauptdarstellerin eines Werbespots für Designerklamotten hätte sein können, wie ein Hurrikan in sein Leben. Mit dem lächerlichen Ansinnen, seinen Hof erwerben zu wollen. Sie war zu schick, zu gestylt, zu etepetete, vollkommen ungeeignet – passte aufs Dorf wie eine Robbe in die Wüste. Und ihr Vorschlag war schlichtweg genial. Damit hatte er nun wirklich nicht mehr gerechnet. Aber es passte, es passte so gut zu dem, was vor ihm lag, dass er unmöglich ablehnen und sie gehen lassen konnte. Zwar wusste sie noch nichts von seiner Bedingung, aber sie würde sie annehmen, davon war er felsenfest überzeugt. Jakob musste zugeben, dass ihre zielgerichtete Vorgehensweise ihn einigermaßen überraschte.
   Eine Zweiraum- und Tinas Vierraumwohnung im Haupthaus waren renoviert und nachher würde der Umzugslaster kommen. Sie hatte drei Kinder im Alter von fünfzehn, vierzehn und fünf Jahren, wie sie ihm berichtet hatte. Die beiden Jüngeren waren Mädchen. Da weilte er besser den ganzen Tag hier auf der Havel und blieb dem Umzugsstress fern. Das Chaos würde noch früh genug über ihn hereinbrechen. Es gehörte zur anderen Seite der Medaille. Man konnte eben nicht alles haben. Er hatte einen Pakt mit der Hölle geschlossen und nun gab es kein Zurück mehr.

*

Tina verdrehte die Augen. Die Kinder stritten sich lautstark, die Klimaanlage in ihrem alten Renault schien den Geist aufgegeben zu haben und sie hatte vergessen, etwas zu trinken einzupacken. Ganz toll. Feli, die neben ihr saß, weil ihr bei längeren Autofahrten auf der Rückbank stets schlecht wurde, heulte seit Berlin vor sich hin.
   »Schätzchen, sieh es dir erst mal an. Jeder von euch bekommt ein eigenes Zimmer«, versuchte sie, ihre Tochter ein letztes Mal aufzumuntern. »Das wolltest du doch immer.«
   »Ja, da braucht sie nicht mehr mit der kleinen Kröte zusammen zu schlafen«, lästerte Tom.
   Josefine steckte ihrem Bruder die Zunge raus. »Ich bin weder klein noch eine Kröte.«
   »Und ob, du bist fast noch ein Baby. So sieht’s aus.«
   »All meine neuen Tanten und Onkel werden mich viel lieber mögen, weil ich nicht so frech bin wie du.«
   »Du träumst ja. Es wird keine Onkel und Tanten geben. Das Projekt ist jetzt schon zum Scheitern verurteilt.«
   »Das ist ganz gemein Mami gegenüber.«
   »Na und? Wer nimmt denn auf mich Rücksicht?«
   »Du Armer«, schaltete sich Tina ein.
   Tom starrte wütend aus dem Fenster und beschloss zu schweigen.
   »Wir sind da, wir sind da«, rief Josi begeistert aus, als Tina den Wagen in die Havelstraße lenkte. Die Kleine war als Einzige schon mehrere Male vor Ort gewesen. Tina hätte nicht gedacht, wie standhaft ihre Großen in ihrer Weigerung, den Hof vorab zu besichtigen, blieben. »Da vorn ist es.« Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutete sie auf das große Haus aus roten Klinkersteinen.
   Feli starrte entsetzt auf den Hofeingang. Ein gequälter Ton schob sich an ihren Stimmbändern vorbei.
   »Ich habe nie behauptet, dass alles bereits fix und fertig ist«, beeilte sich Tina zu sagen. »Nach und nach bauen wir den Hof richtig schön aus. Du wirst sehen. Unsere Wohnung ist super – im Wohnzimmer haben wir sogar einen Kamin.«
   »Ja, denk nur, dieses Jahr kann der Weihnachtsmann wirklich zu uns kommen«, rief Josi begeistert.
   Tom tippte sich an die Stirn.
   »Alles wird gut, mein Schatz«, wandte sich Tina an Felicitas.
   Diese warf die Autotür krachend zu.
   Tina vernahm wütend ausgestoßene Worte, die verdächtig nach »Erst saufen und dann Kindesmisshandlung« klangen. Da hörte doch alles auf!
   Kurz darauf hupte es hinter ihnen – der Laster war da. Es konnte losgehen.
   Henrik, Flo und Marc hielten ihr Versprechen und halfen mit. Tom packte ebenfalls mit an.
   Josi ergriff Felis Hand und ging mit ihr Richtung Havelufer spazieren. »Hier ist es so schön. Wir können jeden Tag baden gehen, ohne zu bezahlen. Stell dir mal vor. Prima, oder?«
   »Ganz toll«, murrte Felicitas nicht mehr ganz so ablehnend. Ihr fiel auf, dass die Kleine ausnahmslos jeden grüßte, der ihnen begegnete. »Was soll das denn?«
   Josefine blickte sie verwirrt an.
   »Warum sagst du jedem Guten Tag?«
   »Na, es sind doch meine neuen Tanten und Onkel.«
   »Quatsch. Wenn überhaupt, dann höchstens die, die auf den Hof ziehen. Was der Himmel verhindern möge.«
   »Nicht schon wieder.« Josi stöhnte theatralisch.
   »Werd ja nicht frech.«

*

Zur Feier des Tages überreichte Flo ihr einen nigelnagelneuen Edelstahlsäulengrill sowie Brot und Salz. »Wir wohnen bedauerlicherweise nicht hier, wünschen aber dennoch eine gute Nachbarschaft«, meinte Flo. »Wenn ich jemals nach Deutschland zurückkehren werde, ziehe ich bei dir ein.«
   »Großartig, darauf freue ich mich schon. Was sagt dein Mann dazu?«
   »Der versteht zum Glück zu wenig Deutsch.« Sie grinste mit einem Blick auf Marc.
   »Das war nicht nett.« Er musterte sie eingehend.
   »Schon gut, Cowboy. Lass uns die Kühltasche holen.« Sie wandte sich wieder an Tina. »Da findest du alles für eine leckere Mahlzeit vom Grill. Holzkohle und Anzünder haben wir auch dabei.«
   »Du bist ein Schatz.«
   »Ich gestehe, das war eigentlich Marcs Idee.«
   »Guter Mann.« Tina tätschelte dem Mann ihrer Freundin die Schulter.
   Als sie beim Essen saßen, schlenderte Prinz Eisenherz heran. Er warf ihnen einen flüchtigen Gruß zu.
   »Kommen Sie doch und setzen Sie sich zu uns«, lud Tina ihn ein. »Es ist genug da.« Sie bemerkte die Angel und den Fisch, der an seiner Hand baumelte. »Oh, guter Fang, was?«
   »Kann man wohl sagen. Havelzander, der ist der Beste.« Damit verschwand er im ehemaligen Stallgebäude, das er sich zur Wohnung ausgebaut hatte. Kurz darauf kam er wieder heraus und trug eine Schüssel und Zeitungspapier unter dem Arm. Er setzte sich auf die Gartenbank, nahm den Fisch aus und machte ihn sauber. Als er erneut im Haus verschwand, zog ein unnachahmlicher Geruch über den Hof. Der Duft eines in Butter gebratenen Havelzanders.
   Jakob kam mit dem Leckerbissen nach draußen und bot jedem eine Kostprobe an.
   »Aber nur, wenn Sie sich zu uns setzen und auch etwas essen«, stellte Tina klar. Sie betrachtete sein sonnengebräuntes Gesicht mit den irlandgrünen Augen. Wann er wohl von hier wegging? Plötzlich bereitete ihr der Gedanke Unbehagen. Der Moment verflüchtigte sich so rasch, wie er gekommen war.
   Erstaunlicherweise sprach Prinz Eisenherz sehr gut Englisch. So konnten sich die Männer unterhalten. Die Gelegenheit war günstig, um Flo zu entführen und mit ihr durch den verwilderten Garten zu streifen. »Sieh mal«, rief diese entzückt. »Was für einen herrlichen Himbeerstrauch du hast. Davon musst du unbedingt Konfitüre machen.«
   »Bestimmt.« Tina lächelte. »Meinst du, ich bin verrückt, wenn ich all das hier umgestalten möchte?«
   »Vollkommen.«
   »Wenn ich nachts aufwache und darüber nachdenke, bekomme ich manchmal weiche Knie«, gab Tina zu. »Die Kinder sind stinksauer auf mich.«
   »Du tust das Richtige. Ich erinnere mich noch, wie ich nach und nach meine zahlreichen Jobs aufgab, um mich ganz dem Schreiben zu widmen. Damals ging es mir genauso. Aber ich habe es gepackt und du wirst ebenfalls erfolgreich sein.«
   »Danke. Es bedeutet mir sehr viel, dass du das sagst. Kamen dir nie Zweifel?«
   »Oh, jede Menge. Ich habe dann einfach meinen Lieblingsschlüppi angezogen, er ist rosa mit vielen kleinen Schmetterlingen. Der hat mir jedes Mal Glück gebracht.«
   »Das ist alles?«
   Flo nickte.
   »Was für ein Zufall, dass ich meinen heute trage. Mitternachtsblaue Spitze, sehr verführerisch. Ich würde sagen, er hat funktioniert. Nun habe ich einen echten Glücksschlüppi.«

*

Tanja sah aus dem Fenster und blickte auf ihren Hof, der nicht weit vom Bützerschen Berg entfernt lag. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass Spax einfach so gestorben war. Ihr Mann war zwar der Meinung, sie müsse die Tatsache akzeptieren, dass nicht alles auf dem Hof unter ihrer Kontrolle war, aber sie wollte eine amtliche Bestätigung. Auch für ihre Mutterschafe war jede Mühe vergeblich gewesen – sie hatte sie verloren. Die Ursache lautete: tödliche Dosis von Andromedotoxin. Und das war schlichtweg unmöglich.
   Draußen vor dem Fenster lief Manu vorbei, die gerade einen der Bordercollies ausbildete. Immer, wenn Tanja einen der Hunde in Aktion sah, überfiel sie der Hauch einer bösen Ahnung. Drehte sie langsam durch?

Kapitel 6
Überraschung

Wieder einmal hatte sich Tina unter Tränen von Flo verabschiedet. Längst war ihre Freundin zurück in St. Elwine. Eine entsprechende Mail hatte sie bereits erhalten und fühlte sich eine Nanosekunde lang ganz allein auf der Welt. Sie sah aus dem Küchenfenster in den Hof hinaus. Josi saß auf der Bank neben Prinz Eisenherz und blätterte in dem Bilderbuch, das Floriane ihr geschenkt hatte. Es war so herzzerreißend geschrieben und mit unglaublich schönen Illustrationen versehen, dass es sogar Erwachsene mühelos in den Bann zog. In Flo Cumberlands Geschichten aus dem Obstgarten hatten die kleine Erdbeerelfe und der Quittenprinz zahlreiche Abenteuer zu bestehen. Hilfe leisteten die Birne Helene, das Kirschbüblein Paul und die Waldheidelbeere Trulla. »Gemalt hat es meine Geschäftspartnerin Victoria Tanner, sie ist Grafikerin, Fotografin, Illustratorin, ein echtes Allroundtalent. Weißt du, wer quasi ihr angeheirateter Cousin ist?«, hatte Flo Tina gefragt. »Der Rocksänger Tyler O’Brian.«
   »Was?«
   »Und das Beste, er wohnt in St. Elwine und geht bei mir ein und aus.«
   »Du machst Witze.« Tina hatte sich sofort Luft zufächeln müssen. »Also ehrlich, wenn ich hier scheitere, wandere ich nach St. Elwine aus.«
   Die Voraussetzungen waren tatsächlich nicht die besten. Sie hatte vor allem nicht damit gerechnet, dass sich ihre beiden Großen so hartnäckig weigerten, dem Ganzen wenigstens etwas Positives abzugewinnen. In drei Tagen würden sie ihre neue Schule in Milow besuchen und bei dem kurzen Besichtigungstermin waren ihre Gesichter immer finsterer geworden. Tina hatte beschlossen, ihre Launen zu ignorieren, vorerst. Leider traf sie heute Vormittag fast der Schlag, als sie Felis Zimmer betrat. Die Göre hatte doch tatsächlich mit schwarzer Farbe zwei Wände ihres neuen Zimmers übertüncht. Blieb zu spekulieren, wo sie die Farbe herhatte. Von Prinz Eisenherz etwa? Das konnte sie sich eigentlich nicht vorstellen. Außerdem trug Feli nur noch dunkle bis schwarze Klamotten, hatte sich schwarzen Nagellack aufgetragen, ihre Augen mit Kajal umrandet und Lippenstift der gleichen Farbe besorgt. Ihrem Gothic-Töchterlein stand die Wut permanent ins Gesicht geschrieben. Tom war etwas verträglicher, obschon er sie geflissentlich übersah. Tina seufzte, ging in die Waschküche, lud Wäsche in den Korb und trug ihn in den Hof zur Leine. Prinz Eisenherz hatte sich netterweise bereit erklärt, ihr die Waschmaschine anzuschließen. Überhaupt schien er es nicht eilig zu haben, von hier zu verschwinden. Ein seltsamer Typ. Von Arbeit hielt er offenbar nicht viel, nuckelte stattdessen fast ständig an seiner Bierflasche herum. Trotzdem hatte sie noch nie bemerkt, dass er im Anschluss torkelte, eine Fahne hatte oder betrunken wirkte. Offensichtlich vertrug er jede Menge. Das zumindest passte zu seinem äußeren Erscheinungsbild. Sie hing die Wäsche auf, ordentlich nach der Größe, Josis Socken kamen zum Schluss dran.

*

Jakob schielte zu seiner neuen Nachbarin. Die Kleine auf der Bank stand ihrer Mutter in puncto Kontaktfreudigkeit in nichts nach. Unentwegt zeigte sie ihm Bilder von einem Obstgarten, in dem die Erdbeere und eine Quitte miteinander stritten.
   »Übergestern gehen Tom und Feli in die neue Schule in Milow«, erklärte Josi ihm gerade sehr ernst.
   Er spürte, dass es um seine Mundwinkel zuckte.
   »Das heißt übermorgen, du Dummerchen.« Felicitas musste sich auf leisen Sohlen herangeschlichen haben.
   Er hatte sie jedenfalls nicht bemerkt. Sein leichtes Erschrecken überspielte Jakob. Er warf dem Mädchen einen Blick zu und stutzte. Sie hatte mächtig finster aufgetragen.
   »Kann man ja mal verwechseln«, murrte die Kleine neben ihm.
   Die hatte wirklich ein sonniges Gemüt. Wenn sich Felicitas die Kohle aus dem Gesicht wischen würde, war sie genauso bildschön wie ihre Mutter. Höchstens noch wenige Jahre und die Kerle standen bei dem Mädel Schlange.
   Tina bückte sich gerade nach einem Wäschestück. Super, dieser Hintern, das musste man der Frau lassen. Er spürte, dass Feli seinem Blick folgte. Nuschelte sie wirklich etwas, das verdächtig nach »Ist ja eklig« klang?
   »Wussten Sie, dass sie trinkt?«
   Verwirrt blinzelte Jakob hoch. »Wer?«
   Tina stand plötzlich neben ihnen. »Du bist wohl nicht bei Trost?«, funkelte sie ihre Tochter an. »Und wie siehst du überhaupt aus?«
   »So laufe ich nicht Gefahr, mich hier schmutzig zu machen. Auf dem Dorf. Außerdem ist man hier ständig im Funkloch.« Zur Unterstreichung hielt sie ihr Handy hoch.
   »Im Garten, zwei Schritte neben dem Himbeerstrauch, hast du prima Empfang«, schaltete sich Jakob ein.
   Feli schritt davon.
   »Der kleine Wutpickel hält Sie ziemlich auf Trab, was?«
   »Kann man wohl sagen.«
   »Das renkt sich wieder ein.«

*

Versuchte der Mann etwa, sie zu trösten? »Sprechen Sie aus Erfahrung?« Wäre interessant, Näheres über ihn herauszubekommen.
   »Vielleicht.«
   »Übrigens, ich trinke nicht. Felicitas übertreibt gern.«
   »Klar.« Er nahm einen kräftigen Zug aus seiner allgegenwärtigen Pulle. »Hätten Sie Zeit? Ich würde gern etwas mit Ihnen besprechen.«
   Tina wurde hellhörig. »Sicher.«
   »Sie halten an Ihrem Vorhaben mit dem Mehrgenerationenhaus fest?«
   »Ja, heute zieht eine nette ältere Dame ein und ein Ehepaar aus Berlin möchte sich demnächst hier umsehen. Ich werde Henrik wieder Bescheid geben, dass er weiter renoviert.«
   Er nickte bedächtig und spannte sie damit auf die Folter. Nun red endlich!
   »Es geht um Toleranz und familiäres Miteinander, das habe ich doch richtig verstanden?«
   Worauf zum Kuckuck wollte er hinaus? »Ja.«
   »Dann würde ich gern bleiben.«
   »Wie jetzt?« Verwirrt blinzelte Tina ihn an.
   »Ich möchte gern zur Miete hier wohnen, auf unbestimmte Zeit.«
   In ihrem Kopf bewegten sich gleich mehrere Rädchen. Leider konnte sie sich nicht weiter mit Prinz Eisenherz und seinem überraschendem Angebot beschäftigen, es hupte vor dem Tor. Tina zeigte den Männern der Umzugsfirma den Weg zur Wohnung ihrer Mieterin. Sie machten sich sofort an die Arbeit und schleppten alte, dunkle Möbel in das Haus.

*

Josi hatte genug von der Erdbeerelfe und klappte das Buch zu. »Du, Herr Eisenherz, darf ich im Garten spielen?«
   »Wie hast du mich genannt?«
   Josi ging nicht weiter auf die Frage ein. »Bleibst du jetzt für immer bei uns?«, wollte sie stattdessen wissen.
   Für immer – hallten ihre Worte in seinem Kopf wider. Wie lange mochte das sein? Immerhin hatte Miss Superhintern nicht strikt und sofort Nein gesagt. Am besten, er käme ihr irgendwie entgegen. Das hieß, er müsste sie heute im Auge behalten. Bald wurde es im Mehrgenerationenhaus noch ein bisschen enger. Er seufzte leise. So hatte er sich das alles hier nicht vorgestellt. Aber er hatte keine Wahl.
   »Duhu?« Josi berührte leicht seine Hand und sah ihn fragend an.
   »Äh, entschuldige. Natürlich darfst du im Garten spielen.«

*

Das Telefon klingelte und Tina nahm ab.
   »Herzchen, ich bin es.« Zarah Leander, unverkennbar. »Ich musste umdisponieren.«
   »Heißt das, Sie kommen nicht?«
   »Doch natürlich, nur anders, als ich vorhatte. Den Rest erzähle ich dir später. Mach dir keine Sorgen.«
   »Ja gut.« Tina legte auf und ahmte fröhlich die tiefe Stimme der berühmten Schwedin nach. Sie sang »Davon geht die Welt nicht unter.« Beschwingt drehte sie sich im Kreis und sah sich plötzlich ihrer Tochter gegenüber. »Felicitas, hast du dich wieder etwas beruhigt?« Wenn Tina ihren Namen korrekt aussprach, legte man sich besser nicht mit ihr an. Ihre Tochter wusste das genau. »Seit wann stehst du auf schwarze Klamotten? Das macht dich viel zu alt.« Zu spät bedachte sie, dass vierzehnjährige Mädchen unbedingt älter aussehen wollten. Was für dumme Schäfchen.
   »Bei dem muskelbepackten Rocker mit dem Gesicht eines Erzengels scheint es dich nicht zu stören.« Sie deutete mit dem Kopf nach draußen zu Prinz Eisenherz, der noch immer auf der Bank saß.
   »Wie du redest.«
   »Übrigens, der Typ wirft dir schmachtende Blicke zu.«
   »Jetzt hör aber auf!«

Kapitel 7
Dampferfahrt

Wer marschierte da die Havelstraße rauf und zog polternd einen Koffer auf Rollen hinter sich her? Keine Geringere als die kettenrauchende Rentnerin mit der Reibeisenstimme, genannt Zarah Leander. Als die Dame Tina erkannte, winkte sie ihr zu. Demnach bestand kein Irrtum, aber wo kam sie jetzt her, noch dazu aus Richtung Havel?
   »Es gab einen kleinen Disput«, klärte sie Tina fröhlich auf.
   »Ach ja?«
   »Wie du siehst, finde ich immer eine Lösung und nun bin ich da.«
   »Ich freue mich. Die Umzugsfirma hat ihre Sache gut gemacht.«
   »Das will ich auch hoffen. Hat mich eine schöne Stange Geld gekostet.«
   Tina nahm ihr den Koffer ab und trug ihn die halbe Treppe zur Zweiraumwohnung hinauf. »Ich hoffe, Sie sind nicht enttäuscht.«
   »Papperlapapp, wie könnte ich? Und hör auf, mich zu siezen, das macht mich zu alt.«
   Tina stieß ein fröhliches Lachen aus. Gemeinsam starteten sie einen Rundgang über den Hof. Von Prinz Eisenherz fehlte jede Spur. »Josefine kennst du ja schon. Und das sind Tom und Felicitas«, stellte sie ihr die Kinder vor.
   »Entzückend.«

Gegen Abend betrat eine Frau den Hof. Zarah hatte sich bereits in ihre Wohnung begeben, sie war müde.
   »Entschuldigen Sie die Störung, ist hier bei Ihnen eine Frau Selma Hoffmann untergekommen?«
   »Nicht, dass ich wüsste«, antwortete Tina wahrheitsgetreu.
   »Sie hat im Einwohnermeldeamt aber diese Adresse angegeben.«
   Tina verstand nur Bahnhof. Fast zu spät fiel ihr ein, dass Zarahs richtiger Name zwar im Mietvertrag stand, sie ihn sich aber nicht eingeprägt hatte. »Wie sieht sie denn aus, die Dame, die Sie suchen?«
   »Meine Mutter ist etwa einssechzig groß, hat graues Haar, trägt eine Brille mit Metallgestell …«
   »Führte einen silbernen Koffer auf Rollen bei sich und hat eine verdammt tiefe Stimme?«
   »Sie haben sie also gesehen?«
   »Ist vor ein paar Stunden hier eingezogen unter falschem Namen.« Tina musste über ihren eigenen Witz kichern. Die Frau schien es allerdings nicht lustig zu finden. »Sie sagten, Ihre Mutter …« Tina räusperte sich dezent.
   »Ganz recht, wenn Sie mir also bitte zeigen wollen, wo …«
   »Hier entlang.« Oje, das roch nach Ärger. Nicht, dass sie ihre erste Mieterin verlor, bevor diese überhaupt eine Nacht hier verbracht hatte.
   Die Frau klopfte forsch an Zarahs Wohnungstür. »Mutter, ich bin es. Mach bitte auf!«
   »Das könnte dir so passen.«
   Tina tat, als hätte sie nichts gehört. Aus Familienangelegenheiten hielt man sich besser raus.
   »Was treibst du nur?«
   »Ich wohne hier«, ließ sich Zarahs Stimme vernehmen.
   Die Frau schnappte hörbar nach Luft. »Du wohnst bei uns.«
   »Wohnte – Präteritum.«
   Tina wusste, sie sollte sich zurückziehen. Aber das Gespräch war einerseits spannend, anderseits amüsant. Sie fing einen ärgerlichen Blick der Frau auf. Ich gehe ja schon. Langsam, sehr langsam nahm sie die Stufen nach oben und blieb vor ihrer eigenen Tür stehen. Sie spitzte so unanständig ihre Ohren, dass sie Sterne sah.
   »Das kannst du nicht machen, Mutter. Du bist alt und brauchst Hilfe.«
   Kein Wunder, dass Zarah getürmt war. Mit solchen Worten vergraulte man jeden Mitmenschen, wusste die Tochter das denn nicht? Die Art der Frau erinnerte sie unangenehm an Fernsehsendungen wie »Bitte melde dich!«, wo die Leute vor laufender Kamera heulten und oftmals so abstrus aussahen, dass man sofort begriff, warum der Vermisste abgehauen war.
   »Die bekomme ich hier auch. Dies ist ein Mehrgenerationenhaus, in dem Toleranz großgeschrieben wird.«
   Hört, hört.
   »Ist das dein letztes Wort?«
   »Angelika, wir können uns jederzeit besuchen. Aber wohnen tue ich mit dir nicht mehr unter einem Dach. Von meinem Lebensabend habe ich eine andere Vorstellung als du.«
   »Na schön, wie du willst. Offenbar meinst du es ernst.«
   Tina hörte das Klacken der Absätze und blinzelte hinunter.
   Vorsichtig öffnete Zarah-Selma die Tür und lehnte sich heraus. »Ist die Luft rein, Herzchen?« Mit ihrer wunderbaren Altstimme klang die Frage noch eindringlicher.
   »Woher wusstest du … äh?«
   »Denkst du, ich bin bescheuert?«
   »Bestimmt nicht.«
   »Komm, auf den Schreck müssen wir erst mal einen heben.«
   »Aber nur einen kleinen.«
   Zarah-Selma verschwand kurz, um mit einer Flasche Wodka und zwei Gläschen wieder zu erscheinen. »Wir setzen uns in den Hof.«
   »Hast du deiner Tochter denn nicht gesagt, dass du ausziehst?« Tina deutete ein Nicken an, als Zarah-Selma das Glas einschenkte.
   »Natürlich. Aber die Frau ist immer so beschäftigt und hört mir einfach nicht zu. Da habe ich gehandelt. Der Umzugswagen machte sie dann allerdings doch stutzig.«
   »Kann ich mir vorstellen.« Der Wodka wärmte so richtig schön durch.
   »Noch einen?«
   »Einer geht noch.« Tina streckte ihr das Glas hin.
   »Es kam zu einer lautstarken Auseinandersetzung.«
   »Mhm.«
   »Sie wollte mir allen Ernstes verbieten, dass ich bei ihr ausziehe. Hat sogar heimlich telefonisch mein Taxi nach Bützer wieder abbestellt.«
   »Allerhand.«
   »Nicht wahr?« Zarah-Selma wedelte mit der Flasche.
   »Gib schon her.«
   »Meinen Koffer hatte ich zum Glück im Carport zwischengelagert. Also sagte ich ihr, ich müsse erst mal spazieren gehen, um Dampf abzulassen.«
   »Das hat sie geglaubt?«
   »Ja, ich lüge sonst nie.«
   »Manchmal hat, hicks, hat ma einf … einfach keiiiine andr Wahl.«
   »Genau. Ich bin schnurstracks zur Dampferanlegestelle.«
   »Genial.«
   »Nicht wahr? Noch ein Schnäpschen?«
   »Das musch … abr der let, der letzzzzte sein.«
   »Guten Abend, die Damen.«
   Wo kam der dunkle Lord denn jetzt her? »Darf isch vorstellen: Zarah Leander, die neue Mitbwonerin.«
   »Freut mich sehr.«
   »Woll … wollen Se auch einen?«, bot Zarah-Selma an.
   »Danke, nein.« Ohne ein weiteres Wort schlenderte er an ihnen vorbei und betrat seine Wohnung.
   »Nix für ungut, Herz … hicks …chen. Ich muss jetzt insch Bett.« Zarah-Selma erhob sich wankend.
   »Ja, bin auch erledigt. Dann träumaw’sschönez. Waschmaindererst’n Nacht imneuenZuhaus träumt, geht i’Erfllug«, nuschelte Tina.

Kapitel 8
Gartenpaten

Meine Güte, war ihr Mund pelzig, igitt. Sonderbarerweise hatte Tina aber keinen Kater, nur Durst. Sie schlurfte in die gemütliche große Küche und setzte eine Kanne Tee auf. Dann schlüpfte sie in den Jeans-Minirock und ein weißes Tanktop. Das Wetter war herrlich und lud zu einem Frühstück auf dem Hof ein. Leider hatte sie noch keine geeigneten Gartenmöbel. Den Punkt setzte sie auf ihre imaginäre Liste zu den Dingen, die sie demnächst anschaffen wollte. Draußen entdeckte sie Zarah-Selma, die rauchend auf der Bank saß und in der Zeitung las. Sie winkte ihr zu. Josi kam in die Küche und sie frühstückten zusammen. Die Kleine konnte es kaum erwarten, nach draußen zu kommen. Nachdem sie aufgeräumt hatte, folgte Tina ihr. Soeben hatte sich das Berliner Ehepaar für einen Besichtigungstermin angemeldet. Die Frau am Telefon freute sich, dass Tina das so kurzfristig noch für heute realisieren konnte. Die Frau für alle Fälle war flexibel, alles kein Problem.
   »Guten Morgen«, schnarrte Zarah-Selma. »Ich habe übrigens herrlich geschlafen. Und von einem wunderschönen Garten geträumt. Meinst du, das hat etwas zu bedeuten?«
   »Ganz bestimmt. Ich weiß nur noch nicht, was.«
   »Wie geht es dir? Du hattest gestern ganz schön einen in der Krone«, erkundigte sich Zarah-Selma.
   »Hab Alkohol noch nie so gut vertragen wie gestern.«
   »Übung macht den Meister.« Wo zum Kuckuck kam Prinz Eisenherz jetzt her?
   Ihr war nicht ganz klar, was sie von seiner Bemerkung halten sollte.
   »Das ist der Wodka, er hat eine reine Seele. Bleib hübsch bei Wasser, Wodka oder Pfefferminztee, dann kannst du nichts falsch machen«, unterrichtete die Ältere.
   »Werd’s mir merken«, antwortete Tina und wandte sich an den Rocker. »Wo gibt es hier den nächsten Supermarkt?«
   »Wenn Sie wollen, können wir nachher zusammen einkaufen fahren. Ich nehme Sie mit.«
   Oh, so entgegenkommend kannte sie ihn überhaupt nicht. Das lag sicher nicht an ihrem Minirock. Bestimmt wollte er nur höflich sein.
   »Übrigens, wenn Sie frische Eier brauchen, bedienen Sie sich jederzeit im Hühnerstall.«
   Das wurde ja immer besser. Aber von einem Hühnerstall hatte sie noch nichts gesehen.
   »Er liegt etwas versteckt hinter dem Brombeergestrüpp.« Jakob deutete in Richtung Garten.
   Genau genommen gehörte ihr der dann wohl auch. Wieso rückte er erst jetzt mit der Sprache raus? Egal. Was sie allerdings noch mehr beschäftigte, war die Tatsache, dass ihr ausgerechnet just in diesem Moment einfiel, was sie in ihrer ersten Nacht in Bützer geträumt hatte. Wie hatte Feli sich ausgedrückt? Der Typ mit dem Erzengelgesicht. Richtig, und eben der hatte sie schwindelerregend geküsst – lange – sehr lange und sehr, sehr gut.
   Nicht noch länger daran denken, befahl sich Tina, als sie neben Prinz Eisenherz in einem Toyota Landcruiser saß. Ein herrliches Fahrzeug und so groß. Der kostete bestimmt einen Wahnsinnsbatzen Geld. Ein Mann, der den lieben langen Tag nichts anderes tat als zu angeln, hin und wieder irgendwo ein Brett oder einen Haken anzunageln und an seinem Bierchen zu zutschen, wie kam der zu so viel Geld? Entweder lebte er auf zu großem Fuß – was nahelag, betrachtete man den Hof –, er war in krumme Geschäfte, vielleicht Autoschieberei verwickelt, oder er hatte in seinem früheren Leben so viel Kleie verdient, dass er jetzt den Aussteiger mimen konnte.
   »Sind Sie aus der Gegend?« Tina gab sich große Mühe, arglos zu klingen.
   »Nee.«
   »Und?« Sie sah ihn fragend an.
   »Hamburg.«
   »Da wollte ich immer schon mal hin.« Tina ärgerte sich über diese Floskel. »Wie sind Sie dann an den Hof gekommen?« Ihre Neugier war größer als ihr Stolz.
   Er sah weiterhin geradeaus. »Lange Version oder kurze?«
   »Kurz genügt völlig.«
   »Geerbt.«
   So kurz nun auch wieder nicht. »Aha.« Und dann? Tina drehte sich zur Seite und tat, als bestaunte sie die Zwischenfrucht auf den Äckern bei Böhne. Aufdrängen musste sie sich schließlich nicht.
   Sein Handy klingelte.
   »Wollen Sie nicht rangehen?«
   »Nö.«
   Na schön, ihr sollte es egal sein. Sie zupfte an ihrem Rocksaum herum und entfernte einen imaginären Fussel.
   Der Anrufer ließ sich nicht so leicht abwimmeln.
   »Fahren wir nach Rathenow?«, wollte Tina wissen.
   Der finstere Engel nickte.
   Mann, konnte Schweigen anstrengend sein. »Gibt’s woanders keine Einkaufsmöglichkeit?«
   »Doch, in Milow oder in Premnitz.«
   Zu gütig. Es läutete erneut. »Da ist aber jemand hartnäckig«, konnte sich Tina nicht verkneifen.
   Ihr Chauffeur zeigte jetzt Anzeichen von Genervtsein. Er riss das Handy aus dessen Schale, obwohl er eine Freisprechanlage hatte. Wahrscheinlich wollte er nicht, dass sie sein Gespräch mithören konnte. Dabei interessierte sie das gar nicht. Autsch, das war natürlich gelogen.
   »Ja? Ich glaube nicht. Mhm. Denke drüber nach. Sicher …«
   Er gab sich echt Mühe, dass sie ihm nicht folgen konnte. Schön, dachte sie eben wieder über den großzügigen Geländewagen nach. Eine weitere Variante hatte sie vorhin gänzlich unterschlagen. Der fahrbare Untersatz als Phallussymbol. Tina musste kichern. Sie verstummte sofort, als sie einen nervösen Blick auffing. Huch, konnte der empfindlich sein.
   Weiß der Himmel, wo der Streifenwagen herkam. Jedenfalls fuhr er plötzlich neben ihnen und eine Kelle blinkte. Bitte rechts ranfahren!
   Prinz Eisenherz stöhnte.
   Hättest du mich lieber mithören lassen, feixte sie und schielte vorsichtshalber auf den Tacho. Zu schnell war er jedenfalls nicht unterwegs, grenzwertig schlimmstenfalls.
   »Fahrzeugpapiere und Führerschein, bitte!« Der Polizist sah zwischen dem Foto und Eisenherz’ Gesicht hin und her. »Sollten Sie erneuern lassen.«
   »Ich weiß.«
   Der klang richtig reumütig. Aber warum stieg er so hastig aus? Er konnte sich also doch hurtig bewegen, wenn er wollte, sieh an. Zu gern hätte sie gehört, wie er sich aus dieser Nummer herauswand. Leider konnte sie nichts verstehen, sah ihn nur gestikulieren und auf die Frontscheibe deuten. Den zermatschten Insekten konnte er ja kaum die Schuld geben. Oder deutete er etwa auf sie? Vor Schreck richtete sich Tina kerzengerade auf. Als er einstieg, lächelte er tatsächlich, wenn auch zaghaft.
   »Wie viel?«
   Er sah sie verwirrt an. Konnte man denn wirklich so sehr auf der Leitung stehen? »Was müssen Sie für Ihr kleines Telefonat berappen?«
   »Nichts.«
   Die Welt konnte so ungerecht sein, beschloss Tina. Sie an seiner Stelle hätte es garantiert erwischt. Wieso hatte er so ein unverschämtes Glück? »Was haben Sie denen erzählt?«
   Er sah sie mit seinen grünen Kleeaugen an und zwinkerte kurz. »Hebamme im Einsatz.«
   Tinas Kichern drängelte so sehr in ihrer Kehle, dass sie es herauslassen musste. »Das glaube ich nicht«, prustete sie.
   Er beugte sich vor und tippte mit dem Zeigefinger gegen die Scheibe. Was hatte der nur immer mit dem Frontglas? Jetzt bemerkte sie das kleine Schildchen. Unmöglich, der Typ durfte keine Hebamme sein. Und wenn doch? Seltsam, was da bei ihr kribbelte. Sie schielte zu ihm hinüber. Seine Mundwinkel kräuselten sich verräterisch. Auf dem Parkplatz konnte sie gar nicht schnell genug aus dem Cruiser klettern, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen. Ungläubig blinzelte sie auf das Schild: Tierarzt im Einsatz. Er hatte eine angenehme tiefe Stimme, wenn er lachte. Der Bastard hatte sie an der Nase herumgeführt.

»Danke fürs Mitnehmen«, sagte sie, als sie gemeinsam ihre Einkäufe ausluden.
   »Ich hatte sowieso in Rathenow etwas zu erledigen.«
   »Eine Entbindung, nehme ich an.«
   »Warum so verschnupft?«
   »Bin ich nicht.«
   »Hört sich aber so an.«
   »Quatsch. Sind Sie wirklich Tierarzt?«
   »Die Dinger gibt es auf dem Polenmarkt zu kaufen.«
   »Ehrlich?« Tina wurde abgelenkt, als ein Wagen vorfuhr. Das Ehepaar aus Berlin hätte sie fast vergessen.
   Hans-Joachim und Hedi Kempowski waren sehr höflich und zurückhaltend. Sie wollten sich alles genau ansehen und Tina zeigte ihnen sogar den Hühnerstall. Irgendwie gewann sie mehr und mehr den Eindruck, dass die schüchterne Hedi mit einem entzückten Gesichtsausdruck herumlief. Was hatte das zu bedeuten? Von Hans-Joachim erfuhr sie, dass beide im öffentlichen Dienst gearbeitet hatten und jetzt ihr Häuschen in Berlin verloren, da das Grundstück dem Bau einer neuen Straße zum Opfer fiel. Sie hatten keine Kinder und suchten schon seit Längerem nach einer geeigneten neuen Bleibe. Je mehr Tina ihre Vorstellung erläuterte, desto aufgeschlossener wurden die Kempowskis.
   »Ich hatte nicht mehr zu hoffen gewagt. Was Sie uns da erzählen, ist genau, wonach wir suchen. Ach, und der Garten.« Hedi schloss die Augen und stand bewegungslos da.
   Etwas verunsichert räusperte sich Tina. »Ich stehe natürlich noch am Anfang. Es ist lange nicht fertig. Zunächst hielt ich es für wichtiger, die Wohnungen herzurichten.«
   »Natürlich, meine Liebe. Das hätte ich an Ihrer Stelle nicht anders gemacht. Ich habe eine Bitte.«
   Vorsichtig nickte Tina.
   »Ich war untröstlich, vor allem meinen Garten zu verlieren. Darf ich mich um diesen hier kümmern?«
   Tina fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatte so gar keine Ahnung von Pflanzen. Gut, wenn sich jemand dieses Problems annahm.
   Sie setzten den Mietvertrag auf. Innerlich klatschte Tina in die Hände. Wieder hatte sie eine Hürde genommen.
   Zarah-Selma saß auf der Bank im Hof und rauchte. Kein gutes Vorbild für die Kinder, aber dieser Frau konnte sie nichts übel nehmen. Von Prinz Eisenherz fehlte jede Spur. Auch den Rest des Tages bekam sie ihn nicht mehr zu Gesicht. Ruht sich bestimmt vom anstrengenden Vormittag aus, lästerte sie still.
   Josi hatte sich bereits mit einem kleinen Mädchen aus der Nachbarschaft angefreundet. Die beiden spielten im Garten, als ihre Tochter den Hühnerstall entdeckte. Aufgeregt kam sie angelaufen, um Tina die Neuigkeit mitzuteilen.
   »Ich habe es auch erst heute erfahren.« Es sah ganz danach aus, als gehörte Prinz Eisenherz auch ein Stück des Nachbargeländes, denn der Stall und der abgeteilte Hühnerhof lagen eindeutig neben ihrem Grundstück. Was er wohl ursprünglich vorgehabt hatte? Einen Bio-Hof mit allem Drum und Dran, um sich selbst zu versorgen? Ihr fiel ein, dass sie noch immer keinen ordentlichen Vertrag mit Eisenherz geschlossen hatte. Das lag aber nur daran, dass sie auf grünes Licht von ihrer Bank wartete. Sie bekäme in Kürze Bescheid, hatte man ihr versichert. Hoffentlich überlegte er es sich zwischenzeitlich nicht anders. Trotz des Schreibens, worin er bestätigte, an sie zu verkaufen. Sie erinnerte sich, dass er sich um die Formalitäten mit dem Notar hatte kümmern wollen. Da man dem Kerl aber noch beim Laufen die Schuhe besohlen konnte, ging sie nicht davon aus, dass er bereits etwas unternommen hatte. Immerhin hatte sie ihm versichert, dass ihre Kreditzusage nur noch reine Formsache war. Sogar ihr Konzept, das ebenfalls bei der Bank lag, hatte sie ihm als Kopie vorgelegt.
   »Mutti, darf ich die Hühner füttern?«
   Tina sah ihre Tochter entgeistert an. »Ich weiß nicht recht. Lass uns nachschauen, ob …« Sie hatte schon wieder seinen richtigen Namen vergessen. In diesem Punkt verließ ihr Gedächtnis sie regelmäßig. » … der Nachbar zu sehen ist.« Wie vermutet, blieb er vom Erdboden verschluckt.
   Josi ließ sich nicht entmutigen. »Komm mit.« Sie zog Tina mit sich. »Warte hier.« Mit gezielten Schritten marschierte die Kleine in den Stall. Als sie wieder erschien, hatte sie den vorderen Saum ihres Kleidchens in der Hand. Im Rock hatte sie das Körnerfutter verstaut, um es mit einer Hand elegant in den Hühnerhof zu streuen. Tina musste lachen.

Kapitel 9
Hühner sind Biester

Es war Sonntag und Tina wollte zur Feier des Tages für jeden ein Frühstücksei kochen. Sie nahm sich einen Topf und machte sich auf zum Hühnerstall. »Guten Morgen, Ladys, wie geht’s, wie steht’s?« Bildete sie es sich nur ein oder blickten die Viecher sie tatsächlich misstrauisch an? Unsinn. Trotzdem konnte es gewiss nicht schaden, mit ihnen zu sprechen. Gott sei Dank war kein Mensch hier. Wenn ihre früheren Kollegen sie jetzt sehen könnten, würden sie sich kaputtlachen. Na wenn schon. »Ich bin Tina und neu hier und ab jetzt euer Boss.« Falls das Federvieh beeindruckt war, überspielte es die Situation gut. »Ab mit euch nach draußen, die Sonne scheint längst.«
   Denkste, niemand rührte sich, sie glotzten Tina nur weiter unvermittelt an. »Gut, wie ihr wollt. Dann machen wir das anders, kein Problem.« Nach einer kurzen Überlegung streckte sie langsam ihre Hand aus. »Put, put, put …« Tina legte ihren Kopf schief, sodass sie quasi Aug in Aug ihrer Gegnerin gegenüberstand. Wäre doch gelacht, die Viecher würden schon begreifen, wer hier den Ton angab.
    »Aua.« Von wegen. Ein zweiter Versuch war nicht erfolgreicher. »Mist.« Tina steckte sich ihren blutenden Finger in den Mund. Bekam sie jetzt etwa Vogelgrippe? Igitt! Angewidert verzog sie das Gesicht und spuckte aus. Einerseits konnte sie verstehen, dass sich die Hennen nicht von jedem unsittlich berühren lassen wollten, andererseits hatte sie Appetit auf ein Frühstücksei. Sie sah sich um und entdeckte eine kleinere Ausgabe eines Huhns. Vielleicht war sie nur an die Anführerin geraten. Mit dieser hier hatte sie eventuell ein leichteres Spiel. Immerhin sah sie wesentlich schwächer aus. Aber um die Augen herum hatte das Biest doch etwas von einem Raubvogel, da konnte sich Tina nicht helfen. Und erst der Schnabel. Ihr Magen knurrte bereits protestierend. »Ich mach ja schon«, murrte sie leise. Aber ihr Mut sank zusehends. Besser, sie zog sich vorerst zurück. »Ich komme wieder, verlasst euch drauf.« Sie flitzte in ihre Wohnung.
   »Josi, du musst mir unbedingt helfen. Kannst du noch mal die Hühner füttern, so wie letztens?« Im Stillen gratulierte sie sich zu ihrem ungemein guten Einfall. Erst, als sie vor dem Maschendrahtzaun stand, beobachtete, wie ihre Tochter die Körner streute und ein dunkles Lachen erklang, verflog ihr Hochgefühl.
   »Wie lange beobachten Sie mich schon?«
   »Lange genug.«
   Ganz toll. »Haben Sie die Biester so abgerichtet?«
   »Iwo. Liegt vielleicht an den Krallen der unbekannten Art. Da fürchten sie sich.«
   Tina verstand den Wink auf ihre gestylten Fingernagelmodellagen. Sie stapfte besser mit dem Topf bewaffnet in den Stall und sammelte die Objekte ihrer Begierde ein.
   Er lehnte noch immer an einem der Zaunpfeiler, kaute auf einem Grashalm herum und grinste sie an.
   »Haben Sie nichts zu tun?«
   »Heute ist Sonntag.«
   Als ob das bei dem einen Unterschied machte. »Schon gefrühstückt? Ich hätte frische Eier.«
   »Nett, dass Sie das sagen.« Er nahm sich zwei Handvoll, und er hatte große Hände, wie sie verärgert feststellte. Langsam setzte er sich in Bewegung.
   »Wir müssen unbedingt für klare Verhältnisse sorgen«, sagte sie an seinen Rücken gewandt.
   »Was für Verhältnisse meinen Sie?« Er drehte sich nicht mal um.
   »Ich möchte gern, dass der Hauskauf ordentlich geregelt wird.«
   »Gut, dass Sie mich daran erinnern.«
   Gern doch.
   »Gleich am Montag besorge ich den Termin bei einem Notar. Keine Sorge.« Immerhin blieb er jetzt stehen.
   »Gut, dann …«
   Josi kam herbeigelaufen. »Wie habe ich das gemacht?« Der Stolz in ihrer Stimme war unverkennbar.
   Machomann hob amüsiert die Brauen.
   »Sehr gut, mein Schatz«, lobte Tina. Sie wusste zum Glück, wie man mit Kindern umging.
   Josi strahlte über das ganze Gesicht. »Guten Appetit, Herr Eisen …«
   Erschrocken hielt Tina ihrer Tochter den Mund zu. »Lauf rein und wasch dir schnell die Hände, bevor dein Toast kalt wird.«
   Jakob sah sie verblüfft an. »Was haben Sie den Kindern noch mal gesagt, wie ich heiße?«
   Sie hörte, wie in seiner Wohnung das Telefon klingelte, und schickte ein Dankgebet zum Himmel.
   »Entschuldigung.« Mit einer knappen Bewegung war er im Haus.
   »Bestimmt haben irgendwo die Wehen eingesetzt.«

Kapitel 10
Die Ritterburg

Jakob hing seinen Gedanken nach. Ihm fiel der feuchtfröhliche Abend seiner neuen Nachbarinnen wieder ein.
   »Das war Prinz, hicks, Prinz Eisen …erz«, hatte Tina zu Selma gesagt.
   Er schüttelte den Kopf. Die Frau hatte echt nicht alle Tassen im Schrank. Ob sie tatsächlich trank, wie der finstere Wutpickel es behauptet hatte? Dann würde er sich die Sache mit dem Hierbleiben noch mal überlegen müssen. Aber was wurde dann aus den Kindern? Nicht sein Bier, sagte er sich. Da, wo er hinging, konnte ihm dies alles herzlich egal sein. Noch war es nicht so weit.
   Natürlich gab es einen Schulbus von Bützer nach Milow, aber der kostete Geld. Das Fahrradfahren waren die Großstadtpflanzen nicht gewöhnt, entsprechend schlecht war der Zustand ihrer alten Zweiräder. Eine bessere Alternative schien es nicht zu geben, zumindest bei schönem Wetter.
   Feli verzog angewidert das Gesicht. »Auf einer solchen Schese soll ich über Land radeln? Da mache ich mich an der neuen Schule ja gleich zum Gespött.« Verächtlich stieß sie gegen die verdreckten Speichen.
   »Unsinn, hier fährt so gut wie jeder mit dem Rad«, versuchte Tina, ihre Tochter zu beschwichtigen. »Kein Mensch wird daran Anstoß nehmen.«
   Du hast ja keine Ahnung, hätte mit Leuchtschrift auf Felis Gesicht geprägt sein können.
   Jakob beobachtete die Neudörfler schon eine geraume Zeit. Die Lopez saß in der Klemme. Ohne darüber nachzudenken, beschloss er, ihr da herauszuhelfen.
   »Das ist so ungerecht«, stieß das Gothic Girl zischend aus.
   Ihr Bruder stand nickend mit einem nicht minder finsteren Gesicht daneben, enthielt sich aber jeden Kommentars.
   »Gibt es ein Problem?«, schaltete sich Jakob ein.
   »Nun ja.« Die Mutter seufzte.
   »Nein«, blafften die netten Kinderchen.
   Jakob blieb stehen und blickte alle drei wortlos an. Minutenlang verharrten sie so, bis Feli die Stille unterbrach.
   »Was ist?«
   »Das frage ich dich«, konterte Jakob.
   »Das ist doch wohl offensichtlich.«
   Die Stärke ihrer Patzigkeit ließ ihn überraschend kalt. Stattdessen folgte er ihrem grimmigen Blick. Okay, das Vorderrad wies eine leichte Acht auf, alles am Fahrrad war verstaubt, aber das konnte man leicht wieder hinbekommen. Ebenso verhielt es sich mit den platten Reifen ihres Bruders.
   »Wenn das alles ist, was dir schlechte Laune bereitet, ich kann das aus der Welt schaffen.« Jakob ignorierte die Nanosekunde, in der Miss Superhintern ihn mit offenem Mund anstarrte.
   »Wirklich?«, fragte La Lopez.
   Er nickte.
   »Vielen Dank, das wäre sehr nett.« Sie schenkte ihm ein Lächeln, wenn es für seinen Geschmack auch ein wenig ungläubig herüberkam.
   »Könnte man das irgendwie mit meiner Miete verrechnen?«, fragte er.

*

Tina gefror fast das Lachen, dann nickte sie. »Natürlich.« Mehr brachte sie nicht hervor. Der musste das Geld ja dringend nötig haben. Während sie noch darüber nachgrübelte, schob Eisenherz die Fahrräder ihrer Kinder über den Hof zur alten Werkstatt hin. Sie schlenderte indes zum offen stehenden Garagentor und inspizierte die Frontscheibe seines Landcruisers. So sehr sie sich auch anstrengte, den Tierarzt-im-Einsatz-Aufkleber konnte sie nicht finden. Ob er ihn absichtlich entfernt hatte?
   Sie schielte zu ihm hinüber und ertappte ihn dabei, wie er sie beobachtete. Sein Mund verzog sich zu einem frechen Grinsen. Er schien genau zu wissen, wonach sie suchte. Und einzig aus diesem Grund gab sie ihr Bestes, so zu tun, als irrte er sich. Sie stöckelte in den Garten, als wenn nichts wäre. Tina hörte noch immer sein dunkles Lachen und ärgerte sich darüber, erst recht, als der Fünfzehn-Zentimeter-Absatz ihrer Sandalette im Himbeergestrüpp hängen blieb und sie um ein Haar mit der Nase im Dreck gelandet wäre.
   Hastig erlangte sie ihre Contenance wieder und sah sich um. Niemand hatte sie gesehen, gottlob. Doch hier irrte sie natürlich wieder ein Mal.
   »Mutti, hast du dir wehgetan?«
   »Nein, Schätzchen, alles gut. Was machst du hier?«
   »Wir spielen«, erklärte ihre Jüngste, als müsste Tina wissen, dass dies doch wohl offensichtlich war.
   »Verstecken.«
   Jetzt entdeckte Tina auch das zweite kleine Mädchen. »Aha, und vor wem versteckt ihr euch?«
   »Vor dem großen Hund.« Josi senkte ihre Stimme und spähte vorsichtig in alle Richtungen.
   »Welchem großen Hund?«, hakte Tina erschrocken nach.
   »Na dem, der immer vorn am Tor steht. Und manchmal liegt er im Hof in der Sonne.«
   »Was?«
   »Hast du den noch nie gesehen, Mutti?«
   »Nein, nie, Liebes.« Tina wandte rasch den Kopf und schmunzelte. Josi und ihre ausufernde Fantasie. Bereits vor Monaten hatte sich das Kind ein Schoßhündchen gewünscht. Jetzt, hier auf dem Lande, könnte sie sich die Anschaffung eines solchen nochmals überlegen, falls die Kleine immer wieder davon anfangen sollte. Andererseits hatte sie auch hier in Bützer genug um die Ohren. War ein Hund erst einmal da, trug sie dafür die Verantwortung. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie sich vor den meisten Tölen fürchtete.

Tags darauf, ein Montag, ging der Ernst des Lebens wieder los. Für Feli und Tom kam er in Gestalt der neuen Schule einher.
   »Weißt du, wo du uns hinschickst?«, kreischte Feli hysterisch, als sie am Nachmittag wieder den Hof betrat.
   »Das ist keine Schule, sondern ein Gemäuer. Hast du zu viele Harry-Potter-Filme gesehen? Es ist düster, alles ist alt und zur Krönung gibt es dort ein Internat. Die Internatsschüler nennen sich die Internen und halten sich für was Besseres. Das muss man sich mal vorstellen. Kampieren auf einer Ritterburg in einem Kaff, das sowieso kein Schwein kennt, und halten die Nase hoch, dass es sofort reinregnen kann. Hoffentlich tut es das auch bald.«
   »Mhm.« Tina war klug genug, nichts weiter darauf zu sagen. Sie warf einen raschen Blick auf Tom, der ebenfalls kein bisschen begeistert aussah.
   »Ich will da nicht wieder hin. Melde mich woanders an. Oder noch besser, lass uns zurück nach Berlin gehen. Da sind meine Freundinnen und da gehöre ich hin.«
   »Ich auch«, stellte sich Tom sofort auf die Seite seiner Schwester.
   »Kinder, nach einem Tag kann man doch noch nicht viel sagen. Ihr müsst euch erst eingewöhnen. Ich bin mir sicher, danach werdet ihr es großartig finden.«
   »Ach ja? Was weißt du denn schon?« Feli heulte.
   Immerhin hatte sich Tina mit dem Schuldirektor unterhalten und befand, dieses Gebäude sei mal etwas anderes. Und es war die einzige private Schule im Umkreis und dazu sogar einigermaßen erschwinglich. In Berlin hätte sie das Doppelte berappen müssen. Daher hatte sie nicht lange überlegt und vom Bausparkredit das Schulgeld im Voraus bezahlt. Dies war Bedingung für die Aufnahme ihrer Kinder gewesen.
   Was war nur los mit Feli? Seit sie hier waren, widersetzte sie sich ihr permanent. War dies das Anzeichen der viel zitierten Pubertät? Felicitas war ein kluges Mädchen mit einer raschen Auffassungsgabe, doch in letzter Zeit wünschte sich Tina, das Mädchen wäre ein Spätentwickler. Sie seufzte leise. Dann läutete ihr Handy und sie ging ran.
   »Meine Mutter hält es nicht für nötig, mir zu antworten«, zischte Feli, stellte ihr Fahrrad gegen die Mauer und stapfte ins Haus.
   »Sind Sie die neue Krankenschwester?«, schrie jemand in das Telefon.
   Tina hielt das Gerät sofort auf Abstand. Da schien jemand schwerhörig zu sein.
   »Hallo?«
   »Ja, die bin ich.« Genau genommen stand auf dem Flyer Christina Lenz – private Pflege, freiberufliche Krankenschwester, und ganz neu war sie auch nicht, aber sei’s drum.
   »Meine Nachbarin, die Trude, könnte dringend Ihre Hilfe gebrauchen«, brüllte es aus dem Telefon.
   »Aha. Warum ruft sie dann nicht selbst an?«, wollte Tina wissen.
   »Sie hat kein Telefon.«
   Zugegebenermaßen, dann ist es schwierig. »Bat Ihre Nachbarin Sie, mich zu kontaktieren?«
   »Was?«
   »Wollte Ihre Nachbarin, dass Sie mich anrufen?«, brüllte Tina nun ebenfalls in den Hörer.
   »Nicht direkt.«
   Was sollte das denn heißen? Tina rollte mit den Augen.
   »Trude ist achtundachtzig Jahre alt und ein wenig speziell, wenn Sie wissen, was ich meine.«
   So genau wusste Tina das leider nicht. »Nun, ich kann nicht einfach dort hingehen und …«
   »Warum nicht?«, unterbrach die Anruferin sie. »Wollen Sie neue Patienten oder nicht?«
   Im Grunde schon.
   »Trude wohnt in der Gartenstraße, unmittelbar neben mir. Am besten, Sie stellen sich gleich morgen bei ihr vor.«
   »Mhm, und die Angehörigen?«
   »Gibt es nicht. Sie ist seit Jahren geschieden und Kinder hat sie auch keine.«
   »Na gut, dann …« Tina ließ sich die genaue Adresse durchschreien und notierte diese in ihrem Kalender.
   Zarah-Selma saß auf der Bank im Hof und winkte ihr fröhlich.
   Tina ging auf sie zu. »Weißt du, wo Feli abgeblieben ist?«
   Zarah wies in Richtung Garten. »Telefonieren, nehme ich an.«
   »Das Mädel ist dermaßen verstockt.« Sie seufzte.

*

Felicitas stand in der Tat zwei Schritte neben dem Himbeerstrauch und heulte, während sie ihr Handy fest an das Ohr presste. »Eine Ritterburg, das muss man sich mal vorstellen. Ja. Nicht mehr lange, da kannst du Gift drauf nehmen. Du hast es gut, hier ist alles Scheiße, außer meinem Zimmer vielleicht … und erzähl, was gibt es bei euch Neues? Sag bloß. Wieso musst du jetzt schon Schluss machen? Na gut, aber ruf wieder an, ja?«
   Josi hob neugierig den Kopf. »Eine echte Ritterburg?«
   »Lass mich in Ruhe, du siehst doch, dass ich telefoniere.«
   »Jetzt nicht mehr.«
   »Wie auch, wenn alle Welt zuhört.«
   »Dann geh doch in dein Zimmer.«
   »Wie oft muss ich es dir eigentlich noch erklären? Dort ist kein Empfang.«
   »Ist doch nicht so schlimm, wenn man hier reden kann.«
   Feli tippte sich an die Stirn.
   »Zeigst du mir die Ritterburg?«
   »Die ist in Milow, unsere neue Schule.«
   »Wirklich? Erzählst du mir auch keinen Quatsch?«
   Feli zuckte mit den Schultern. »Ob Ritterburg oder Spukschloss, weiß ich doch nicht. Jedenfalls ist es Scheiße dort.«
   »Scheiße sagt man nicht, frag Mutti.«
   »Lass mich! Quassel Prinz Eisenherz voll.«
   »Der ist nicht da. Meinst du, in dem Schloss gibt es echte Gespenster?« Zweifelnd rieb sich die Kleine die Nase.
   »O ja, und eines Tages werden sie dich mächtig erschrecken. Warte nur ab.«
   »Felicitas!«
   Wenn ihre Mutter diesen Ton anschlug, war mit ihr nicht gut Kirschen essen. Natürlich wusste sie selbst, dass es nicht eben nett war, der kleinen Schwester Angst einzujagen. Warum kümmerte es in dieser Familie niemanden, wie es ihr seit diesem vermaledeiten Umzug ging? Mit einem Mal überkam sie ein banges Gefühl. Sie begriff, dass das Leben, so wie sie es bisher kannte, unwiderruflich vorbei war.
   Feli rannte tiefer in den verwilderten Garten hinein und erst, als sie sich außer Sichtweite wähnte, schlug sie die Hände vor das Gesicht und weinte.

Kapitel 11
Nachbarn

Jakob lag auf einer Liege im hintersten Winkel des Gartens und starrte in den Himmel. Es ging ihm nicht gut, zum Teil, weil sich sein Gedankenkarussell drehte, drehte und drehte. Längst hätte er einen Termin beim Notar ausmachen müssen, so wie er es der Lopez versprochen hatte. Sie hatte natürlich recht, indem sie versuchte, ihn zu drängen. Momentan schwebten sie in einer gesetzlosen Wolke. Und er ließ sich dahintreiben, ganz entgegen seinem früheren Verhalten. Sonst wäre er gar nicht erst in Bützer gelandet. Diesen Schritt gegangen zu sein, bereute er keinesfalls. Nur hatte er beim besten Willen nicht damit rechnen können, wie sich die Sache entwickelte.
   Er hörte, dass sich leichte Schritte näherten und es im Gebüsch seitlich von ihm raschelte.
   Er vernahm herzzerreißendes Schluchzen, das ihm durch und durch ging. Da weinte jemand, als hinge sein Leben davon ab. Jakob spürte die Aussichtslosigkeit dahinter. Resigniert schloss er für einen Augenblick die Lider.
   Sollte er nachsehen, ob und vor allem wer da Hilfe brauchte? Andererseits, was ging es ihn an, welche Probleme die neuen Bewohner seines Hofes zu bewältigen hatten? Er war ohnehin bald raus aus dieser Nummer.
   Da war es wieder, dieses Schluchzen.
   Jakob wünschte sich, dass jemand auf einen imaginären Knopf drückte und es ausstellte. Natürlich tat man ihm nicht den Gefallen. Wieso auch? Er könnte sich eine Zeit lang die Hände auf die Ohren pressen, bis wieder Ruhe eintrat. Das verzweifelte Weinen … es machte ihn … nun, es nervte ganz einfach und daher beschloss er, dafür zu sorgen, dass es aufhörte. Jakob stemmte sich hoch und entdeckte das Gothic-Girl hinter dem Hartriegelstrauch. Bereits von hier aus erkannte er ihre verlaufene Wimperntusche. Sie sah zum Fürchten aus und er verkniff sich ein Schmunzeln.
   Als sie ihn bemerkte, schien ein Ruck durch ihren Körper zu gehen. Hastig wischte sie sich über das Gesicht, was den Zustand ihres Make-ups keineswegs verbesserte.
   »Was ist passiert?«
   »Nichts.«
   Klar, sieht man. Sie schien nach einem Taschentuch zu suchen. Jakob reichte ihr eine Packung Tempos. Verunsichert sah sie ihn an.
   »Bist du …« Er wusste nicht, was er sie fragen wollte.
   Sie schniefte lautstark in das Taschentuch. »Muss der Heuschnupfen sein.«
   Er brummte zustimmend, während er sie weiterhin unschlüssig ansah. »Und sonst?«
   »Meine Mutter begreift einfach nicht, wie es mir dabei geht.«
   Das zumindest konnte er sehr gut nachvollziehen.
   »Ich will das hier nicht.« Sie spie das letzte Wort förmlich aus.
   Ja, er konnte sich auch nicht mit dem anfreunden, was er bekommen hatte. Und all seine hochfliegenden Pläne waren mit einem Schlag vernichtet worden.
   »Mutti glaubt, sie könne sich verwirklichen, indem sie für die Landeier Mutter Teresa spielt.«
   Jakob verzog bedauernd den Mund. Was tat er hier eigentlich? Mit hysterischen weiblichen Teenagern kannte er sich nun wirklich nicht aus. In solchen Augenblicken bezweifelte er, ob es gut war, Miss Superhintern das Feld überlassen zu haben, doch einen Rückzieher konnte er schlecht machen. Das Läuten ihres Handys erlöste ihn von der mascaraverschmierten Landplage. Ohne abzuwarten, was als Nächstes kam, machte er sich auf den Weg in den Hof. Besser, er blieb eine Weile unsichtbar und verschanzte sich in seinen vier Wänden. Da hatte er immerhin noch seine Ruhe.
   Ein ganz und gar trügerischer Gedanke. Kaum stand er auf seiner Türschwelle, begann sein Haustelefon zu schrillen.

*

»Hallo, kann ich Sie einen Moment sprechen?«, rief Tina über den Hof, als sie den finsteren Lord erblickte. Wo kam er auf einmal her? Sie hatte die ganze Zeit über nach ihm Ausschau gehalten, entschlossen, ihn wegen des Notartermins ein für alle Mal festzunageln. Schließlich hatte sie weiß Gott genug um die Ohren. Ging ihr dieser Mann absichtlich aus dem Weg? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Andererseits ließ sich beim besten Willen nicht nachvollziehen, was den komischen Kauz umtrieb.
   Er machte eine vage Kopfbewegung in ihre Richtung und verschwand im Inneren des Hauses. Hat man dafür Töne? So einfach wollte sie ihn dieses Mal nicht davonkommen lassen. Sie stöckelte gekonnt über den Hof, drückte gegen die lindgrün gestrichene Haustür und siehe da, diese gab nach und schwang ins Innere. Bereits von außen erkannte der aufmerksame Betrachter, dass dieses Gebäude einmal ein Stall gewesen war. Dementsprechend würden die Wände im Innenteil wohl noch immer aus alten, roten Klinkersteinen bestehen. Genauso war es auch und doch war sie verblüfft über den Anblick, der sich ihr bot. Sie stand auf einem aus groben Klinkern gemauerten Podest und hatte freie Sicht auf einen großen Raum, der Küche, Ess- und Wohnbereich zugleich war. Rechts von ihr lag eine Galerie, eine Holzbalkenkonstruktion mit einem schnörkellosen Geländer und einer rustikalen Stiege, die wahrscheinlich zu einem Schlafzimmer führte. Durch die beinahe deckenhohen Rundbogenfenster vis-à-vis der Eingangstür fiel jede Menge Tageslicht, was für eine lässige Behaglichkeit sorgte. Natürliche Materialien und organische Farben bescherten ihr ein sofortiges Wohlgefühl. Verblüfft rieb sie sich den Nacken. Ihr Blick wanderte zurück zur Küche mit den aus wertvollem Holz gefertigten Schränken, die einen unnachahmlichen honiglasierten Schimmer aufwiesen. Die freiliegenden Ziegel ergaben einfach den perfekten Hintergrund, das musste sie anerkennen. War das in der Ecke etwa ein AGA-Herd? Gern hätte sie sich in aller Ausgiebigkeit umgesehen, da nahm sie in den Augenwinkeln eine Bewegung wahr und hielt inne. Ihr nunmehr zielgerichteter Blick wanderte zur Galerie, auf der Prinz Eisenherz mit dem Rücken zu ihr stand und telefonierte. Ihre sehenden Sinnesorgane arbeiteten auf Hochtouren und daher achteten ihre Ohren nicht allzu sehr auf das, was er sagte. Denn der Mann da oben streifte sich die Träger seiner Arbeitslatzhose von den Schultern und zog sich lässig das verschwitzte T-Shirt über den Kopf. Selbst von hinten sah sie, dass er sehr gut gebaut war und obwohl er kein Jungspund mehr war, konnte er sich ausgezogen wirklich sehen lassen. Tina biss sich gerade noch rechtzeitig auf die Lippen, um nicht anerkennend zu pfeifen. Es war klar, dass er sich unbeobachtet wähnte und deshalb hielt sie es für klüger, einen strategischen Rückzug einzulegen. Und zwar, bevor er merkte, dass sie hier mit offenem Mund stand und ihn anstarrte. Rasch machte sie kehrt und marschierte, so gut es mit ihren Stöckelschuhen ging, wieder in den verwilderten Garten. Da sie schon einmal hier war, konnte sie auch gleich so etwas wie eine Bestandsaufnahme machen. Hedi hatte heute Vormittag am Telefon so von ihrem Landgarten geschwärmt, dass sich Tina beinahe angesteckt fühlte. Sie sah zwar nicht den versprühenden Charme eines solchen vor ihrem geistigen Auge, aber dafür war sie vielleicht ein zu praktisch veranlagter Mensch. Momentan blickte sie jedenfalls auf jede Menge Gestrüpp, kniehohes Unkraut und einen Ziegelstapel vor der Mauer, die dieses Land vom Nachbargrundstück trennte. Die Steine lagen dort offenbar schon eine lange Zeit, denn sie waren mit einer Patina aus dichtem Moos überzogen. Tina blickte zurück zum Haus und hoffte, dass der schwarze Ritter endlich wieder zum Vorschein kam. Nebenbei entdeckte sie im Giebel des Gebäudetraktes, den Eisenherz für sich beanspruchte – zumindest noch, denn sie hatte vor, dies zukünftig zu ändern – eine Tür. Diesen Eingang zum Haus nahm sie heute zum ersten Mal richtig wahr. Tina bildete sich ein, seine gesamte Wohnung bereits gesehen zu haben. Aber der ehemalige Stall war doppelt so lang. Was für Räume schlossen sich seinem Wohnbereich an? Sie würde es in Erfahrung bringen, und zwar schon bald. Gerade als sie prüfte, ob die Tür verschlossen war, rief ihr jemand etwas zu.
   »He, Sie!«
   Tina sah sich um, konnte aber niemanden ausmachen.
   »Hier bin ich«, ertönte die Fistelstimme, von der sie nicht genau wusste, ob sie einem Mann oder einer Frau zuzuordnen war.
   »Hier oben, über der Mauer.«
   Sie hob den Kopf und sah sich endlich einem Gesicht gegenüber, einem runden, männlichen. Sofort lächelte sie freundlich. »O hallo, ich habe gar nicht mitbekommen, woher die Stimme kam.«
   »Übernehmen Sie jetzt den Hof?«
   »Könnte man sagen, ja.« Sie lachte vergnügt.
   »Dann sorgen Sie schnellstens dafür, dass diese Steine von meiner Mauer weggeräumt werden«, versetzte der Nachbar ärgerlich.
   »Ihre Mauer …«
   »Ganz genau, die habe ich vor einigen Jahren hochgezogen, denn von dieser Seite aus machte man ja keine Anstalten.«
   »Aha.«
   »Das war, noch bevor der Herr den Hof geerbt und damit begonnen hatte, hier kostspielige Luftschlösser zu bauen.«
   Also doch, sie hatte es geahnt.
   »Erzählt man sich das?«
   »Dies und noch einiges mehr. Hier im Dorf bleibt nichts geheim.«
   Tina nickte verstehend.
   »Ich hoffe, die Ziegel sind bis Ende nächster Woche hier verschwunden«, sagte er in scharfem Tonfall, ohne sie dabei direkt anzusehen.
   »Wie bitte?«
   »Meine Mauer wird feucht.«
   »Wegen der Steine?«
   »Ganz recht. Ich habe es ihrem eingebildeten Vorgänger hinlänglich erklärt. Aber der kriegte das ja nicht auf die Reihe.«
   Moment mal, Tina hatte Mühe, die Fülle an Informationen zu ordnen. »Sieht so aus, als lagerte der Stapel dort bereits eine halbe Ewigkeit.«
   »Eben«, keifte die Fistelstimme.
   »Und auf ein Mal wird die Mauer feucht – draußen …«
   »Wenn ich es sage.« Er stieß jetzt beim Sprechen ein wenig an.
   »Das klingt aber doch ulkig, meinen Sie nicht?« Ihr fiel auf, dass sie sich einander nicht vorgestellt hatten. »Ich bin übrigens Tina Lenz. Lenz wie Frühling«, verkündete sie fröhlich.
   Freundlichkeit war für das Bulldoggengesicht offenbar ein Fremdwort.
   »Es ww … wäre klug, ww …wenn Sie k …keinen Ärger mm …machten«, stotterte der Nachbar.
   »Wie kommen Sie denn da drauf?«
   »Ich mm …mein ja n …nur.«
   Der Typ hatte wohl einen Sprung in der Schüssel.
   »Bbb …bis Ende n …nächster Woche. Ich pp …prüfe das.« Und schon war der Kopf verschwunden.
   Empört stemmte Tina die Hände in die Hüften. Spinner. Wie sollte sie denn die Steine durch die Gegend schleppen? Da gab es doch wohl weit Wichtigeres zu tun. »Bekloppt, ganz eindeutig«, brabbelte sie vor sich hin.
   »Wer?«
   Sie fuhr herum.
   »Sie meinen hoffentlich nicht mich. Bauer, Hinterwäldler lasse ich mir ja noch gefallen, aber nicht bekloppt.«
   Tina spürte, wie sich ihre Wangen mit Röte überzogen. Musste er sie so deutlich daran erinnern, dass er sie damals ertappt hatte? Er schmunzelte doch nicht etwa?
   »Ihre paffende Freundin meinte, Sie suchen mich.«
   Tina räusperte sich, um Zeit zu gewinnen. Wie sollte sie ihr Anliegen am besten vorbringen? Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, indem er mit dem Kopf in Richtung Nachbargrundstück deutete. »Fing der Zausel wieder mit den Steinen an?«
   Sie nickte. »Warum haben Sie die nicht schon längst fortgeschafft?«
   »Keine Zeit.« Er zuckte mit den Schultern.
   Ha, keine Zeit. Die hatte der Typ schließlich im Überfluss. »Wirklich?«
   »Das sehen Sie doch«, antwortete er prompt.
   Eben.
   »Der alte Schrinker ist ein echter Kotzbrocken, legt sich mit Vorliebe mit jedem an. Nehmen Sie’s nicht persönlich«, erklärte ihr der finstere Rocker seelenruhig.
   »Was Sie nicht sagen. Gibt es noch mehr von der Sorte in Bützer?«
   Er zuckte nur mit den Schultern. Was soviel heißen konnte wie: Finden Sie es selbst heraus.
   »Und was möchten Sie von mir?«, fragte er ruhig.
   Ich will doch nichts von Ihnen, dachte sie im Stillen, bis sie endlich begriff, dass dem ja so war. »Zunächst eine Frage …«
   »Bitte.«
   Wenn er sich Mühe gab, klang er ausgesprochen höflich, das musste sie ihm lassen. »Ihre Wohnung … äh …«
   »Ja?«
   »Sie ist, nun sagen wir mal, lediglich halb so groß wie das gesamte Gebäude, das Sie für sich … beanspruchen.«
   »Und?«
   »Da könnte doch locker noch eine zweite Wohnung eingerichtet werden, denn wie ich festgestellt habe, gibt es sogar eine separate Eingangstür.«
   »Nein.« Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung, aber seine Stimme hatte bei diesem einen Wort einen schärferen Ton angenommen.
   Oder bildete sie sich das nur ein? Meine Güte, seine Frühsommerwiesen-Augen wichen ihr nicht aus, wirkten sogar durchdringend.
   »Ich meine, hinsichtlich der Miete ist es doch auch viel günstiger für Sie, wenn …«
   »Machen Sie sich keine Sorgen, Ihre Miete ist sicher«, fuhr er ihr in die Parade.
   »Ich denke, Sie haben kein Geld.«
   »Wer sagt das?«
   »Tja, nun …«, sagte sie unbehaglich. »Das hatte ich angenommen, weil Sie letztens die Reparatur der Fahrräder meiner Kinder auf Ihre Mietzahlung angerechnet haben wollten.« Und weil Sie scheinbar auf ziemlich großem Fuß gelebt haben: Riesenhof, Riesenjeep, AGA-Herd – sie war ja nicht blind, behielt diese Argumentation aber besser für sich.
   Da war es wieder, sein dunkles, leicht spöttisches Lachen. »Ein Scherz, verzeihen Sie. Ich dachte, das wüssten Sie.«
   Ach, Mylord beliebten zu scherzen, ha, ha, ha. Angesäuert schlug Tina die Lider zu, um sofort wieder ihren Blick zu heben. »Mein Fehler«, gab sie kleinlaut zu.
   »Macht ja nichts.«
   Der Typ ging ihr allmählich auf den Zeiger.
   »Das heißt dann im Klartext: Sie wollen weiterhin für den gesamten rechten Flügel des Hofes aufkommen.«
   Er nickte. »Vorläufig ja.«
   Vorläufig? Sie sah ihn erwartungsvoll an.
   »Jedenfalls so lange, wie ich … bleibe.«
   »Wollen Sie doch weg?« Seine Äußerungen wirkten irgendwie abstrus.
   »Früher oder später müssen wir alle gehen«, murmelte er.
   Zwei, drei Schläge lang klopfte ihr Herz zum Zerspringen. Dann war alles wie immer. Verwirrt rieb sie sich den Nacken.
   »War’s das?«, fragte er rau.
   Tina überlegte hastig. »Nein, da ist noch etwas. Der Notar …«
   »Hallo Jakob.«
   Sie sahen beide der auf sie zulaufenden Blondine entgegen. Lange Beine in engen Jeans, eine leichte Bluse, Haare bis knapp oberhalb der Schulter, die ein freundlich lächelndes Gesicht umspielten.
   »Guten Tag.«
   Tina reichte der Frau, die in etwa im selben Alter war wie sie, die Hand.
   Ihr Nachbar bekam ein Wangenküsschen, sieh an.
   »Willst du uns nicht einander vorstellen, Jakob?«
   Seinem Gesichtsausdruck nach zu deuten, wollte er das keineswegs.
   »Ich bin Jette Reimer, eigentlich Marietta, aber das finde ich unnötig lang.« Die Frau lächelte warmherzig.
   »Tina Lenz, wie der Frühling, und ich halte es mit Christina ebenso.«
   Sie lachten vergnügt, der Miesepeter neben ihnen nicht.
   »Dr. Reimer ist hier die Landärztin«, fühlte sich der Lord offenbar bemüßigt, hinzuzufügen.
   »Wirklich? Das trifft sich gut. Ich möchte eine private Hauskrankenpflege eröffnen.«
   »Interessant. Darüber müssen wir uns unbedingt näher unterhalten.«
   »Sehr gern.«
   »Meine Praxis ist in Milow, nicht weit vom ehemaligen Landambulatorium entfernt.«
   »Das werde ich sicher finden«, merkte Tina an.
   »Und nun zu dir, Jakob.« Die Ärztin sah ihn ernst an.
   Er trat einen Schritt zurück. Sein Gesicht wirkte noch abweisender.
   »Ich möchte mit dir reden.«
   Ich aber nicht mit dir – er sagte es zwar nicht, aber das brauchte er auch nicht, fand Tina.
   Jette pfiff leise. »Lassen Sie sich durch seine unverbindliche Art nicht abschrecken.« Die Ärztin wandte sich an Tina. »Ich habe ihn ins Herz geschlossen, seit er meine Hebamme war.«
   Also doch? Sie platzte noch mal vor Neugier.
   Währenddessen zog der männliche Geburtshelfer die nette Frau Doktor in Richtung seiner Wohnung.
   Wieder einmal blieb Tina mit dem Gefühl, etwas elementar Wichtiges unerledigt gelassen zu haben, zurück. Sie zog einen Flunsch. Da hatte sie ja wirklich tolle Nachbarn. Schrinker, der alte Stinker – ha, ha, das reimte sich sogar – und Jakob, der Lügner, der die Wahrheit gern nach Gutdünken auslegte.

Kapitel 12
Der Tote in der Werkstatt

Tags darauf erwachte Jakob mit Kopfschmerzen. Wenn der Tag schon so beschissen begann, blieb er am besten im Bett. Da er aber wusste, dass er besser gleich eine Tablette einwarf, stand er auf und wankte die Stiege hinunter in die Küche. Er spülte mit einem Glas Wasser nach und sah durch die Scheiben seiner Haustür in den Hof hinaus. Ein Anblick, den er immer genoss.
   Die kleine Josi Lenz stand da und winkte ihren großen Geschwistern nach, die sich missmutig auf zur Schule machten. »Fahrt vorsichtig!«, hörte er sie rufen.
   Unwillkürlich verzogen sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln. Sie war wirklich goldig, wie sie ihnen Luftküsschen hinterherschickte. Dann drehte sie sich um und tippelte in Richtung Hühnerstall, wie er annahm. Sie entdeckte ihn am Fenster und winkte ihm zu. »Guten Morgen.« Sie strahlte über das ganze Gesichtchen.
   »Morgen«, antwortete er amüsiert, trat dann aber unschlüssig einen Schritt zurück, denn er trug nicht eine Faser am Körper. Er schlief immer nackt und lief meistens am Morgen auch so durch das Haus. Aber bis dato lebte er allein auf dem Hof, ungestört. Und er hatte nie Gardinen vor dem Fenster, denn er liebte den ungehinderten Blick in die freie Natur. Wahrscheinlich müsste er, zumindest für die kommende dunkle Jahreszeit, in Erwägung ziehen, wenigstens Vorhänge anzubringen. Noch war August und er brauchte kein künstliches Tageslicht anknipsen. Außerdem stand er hier in der Küche, wo es nur kleine, in Brusthöhe eingebaute Fensteröffnungen gab. Alle Körperteile, die ein kleines Mädchen verwirren könnten, waren von außen nicht einsehbar.
   Jakob goss sich ein halbes Glas seines Killerwassers, wie er es ironisch nannte, ein und nahm einen großzügigen Schluck.
   »Soll ich dir beim Kaffeekochen helfen? Das kann ich schon.«
   Er verschluckte sich fast und suchte in Sekundenschnelle nach etwas zum Anziehen. Aber außer dem Geschirrtuch war nichts greifbar, okay, wenn er die Topflappen nicht mitzählte. Fieberhaft überlegte er, ob er gestern Abend die Haustür abgeschlossen hatte. Das vergaß er nämlich manchmal gern. Gott sei Dank, das Schicksal war ihm hold, die Kleine drückte vergeblich gegen die Tür.
   »Machst du auf?«
   »Äh, das … das geht jetzt nicht.«
   »Warum, du schläfst doch nicht mehr?«
   »Ich habe zu tun.«
   »Darum will ich mich ja um deinen Kaffee kümmern.«
   Jakob war ein bisschen gerührt. »Besser ein anderes Mal, Josi.«
   »Ich mache das gern.«
   »Oh, danke, das glaube ich dir. Es ist auch wirklich nett von dir, aber im Moment … sehr … ungünstig.«
   »Bist du noch nicht angezogen?«, flötete sie seelenruhig.
   Vielleicht war es tatsächlich einfacher, dies zuzugeben. »Genau.«
   »Mein Bruder läuft auch immer so rum. Macht ja nichts. Und Mutti sagt, hier auf dem Hof sind wir alle zusammen eine Familie. Dann kannst du mich ruhig reinlassen.«
   Meine Güte, das Goldkind war schon süß in ihrer Unkompliziertheit, aber er beschloss, ihr dennoch diesen Gefallen nicht zu tun. »Wie wäre es, wenn du nach den Hühnern siehst? In der Zwischenzeit ziehe ich mir was über und dann lasse ich dich rein.«
   »Gut. Ich war zwar schon vorhin im Stall, aber dann gehe ich noch mal. Komme gleich wieder.« Und schon flitzte sie davon.
   Jakob ging ins Schlafzimmer, zog sich an und verschwand im Bad. Dort hing auch sein Bandana, dass er sich um den Kopf band. Schon klopfte es erneut an der Haustür. Er ließ die kleine Frohnatur eintreten.
   »Ich glaube, außer etwas Obst habe ich nichts da, was ich dir zum Frühstück anbieten könnte.«
   »Hast du eine Kaffeemaschine?«
   »Schon, aber ich trinke derzeit lieber Tee.«
   »Ach so?« Für den Moment schien es, als hätten seine Worte sie aus dem Konzept gebracht. »Da braucht man ja nur heißes Wasser und eine Tasse, stimmt’s?«
   »Und Tee.« Er merkte selbst, wie klugscheißerisch das klang.
   Sie warf ihm einen dementsprechenden Blick zu.
   Jakob biss sich auf die Lippen, um nicht loszuprusten. »Entschuldige.«
   Da begann sie, wie selbstverständlich durch seine Küche zu wuseln. »Wo sind deine Tassen?«
   Er deutete auf die Hakenleiste unter dem Hängeschrank.
   Sie reckte sich auf Zehenspitzen, mühte sich jedoch vergebens. »Kannst du mich hochheben?«
   Jakob tat ihr den Gefallen, sodass sie die Tasse vom Haken nehmen konnte. Mit dem Wasserkocher kannte sie sich bestens aus.
   »Wie wäre es, wenn ich das heiße Wasser aufgieße?«, bot er vorsorglich an.
   »Ja bitte, ist zu gefährlich für kleine Kinder, sagt Mutti.«
   »Da hat sie recht.«
   Wieder strahlte sie ihn an, als gäbe es kein Morgen mehr. Augenblicklich vergaß er seine Kopfschmerzen bei der Zuneigung, die er in ihren nugatbraunen Augen las. »Soll ich dir einen Apfel schälen?«, fragte er.
   »Ich habe doch schon gefrühstückt.«
   Er nickte vage.
   »Du hast gar keine Haare auf dem Kopf, stimmt’s? Habe ich vorhin gesehen.«
   Die Kleine bekam einfach alles mit. »Richtig.«
   »Aber du hattest mal welche.«
   »Ja.«
   Offenbar genügte ihr diese Antwort. Glatzköpfe waren heutzutage nichts Besonderes mehr und immerhin war er bereits achtundvierzig Jahre alt. Es gab genug kahle Männer, auch jüngere.
   »Bist du ein echter Prinz?«
   Er hob seine Augenbrauen. »Was sagst du da?«
   »Mutti nennt dich immer Prinz Eisenerz, wenn sie mit Zarah spricht. Zarah ist meine neue Oma, sie wohnt unter uns, kennst sie ja.«
   Er verbarg sein Lachen hinter der Teetasse und nahm einen Schluck.
   »Es heißt, Herz. Prinz Eisenherz. Tut mir leid, wenn ich dich enttäuschen muss, aber ich bin kein Prinz.«
   »Das dachte ich mir schon.« Dabei wedelte sie nonchalant mit der Hand. »Und?«
   »Und was?«
   »Wie ist dein richtiger Name?« Sie betonte die Frage, als läge es auf der Hand, dass sie darüber Bescheid wissen müsste.
   »Jakob.«
   »Und weiter?«
   Meine Güte, sie nahm es aber genau. »Der Rest ist viel zu lang. Jakob reicht vollkommen. Findest du nicht?«
   Sie schien eine Weile zu überlegen. Dann nickte sie. »Mir gefällt Jakob.«
   »Das freut mich.«
   »Ich heiße Josefine Lenz, aber du darfst Josi zu mir sagen.« Erneut ging in ihrem Gesicht die Sonne auf.
   Einen Moment lang war Jakob versucht, zu glauben, man hätte ihm einen Engel vor die Nase gesetzt. »Prima.«
   Josi schlug die Augen kurz nieder, dann sah sie ihn wieder an. Bis dato hatte er angenommen, Frauen übten solche Tricks, bis sie sie draufhatten und jeden Mann um den Finger wickeln konnten. Aber nun musste er seine Meinung revidieren, dies schien angeboren zu sein.
   »Musst du nicht in den Kindergarten?«
   »Nein. In Bützer gibt es keinen, und wenn Mutti arbeitet, passt Zarah auf mich auf.«
   »Verstehe.«
   »Aber ich muss jetzt trotzdem los.«
   »Ja, mach’s gut und danke für den Tee.«
   Sie bezauberte ihn wieder mit ihrem Lächeln. »Der hat heute ganz anders geschmeckt, richtig?«
   »Woher weißt du das?« Es kostete ihn keine Mühe, auf dieses Spielchen einzugehen.
   »Das liegt daran, weil ich ihn gemacht habe.«

*

Jakob lag auf der Lauer am Ufer der Havel und spähte mit dem Fernglas über den Fluss auf die gegenüberliegende Seite. Etwas weiter hinter dem Uferstreifen auf der Wiese entdeckte er einen Storch und im Wasser einen Zwergtaucher. In den Pappeln saß ein Grünfink und ein Stückchen tiefer flog ein Stieglitz, der auf Nahrungssuche war. In den ufernahen Gärten würde er fündig werden. Disteln waren seine bevorzugte Leibspeise. Jakob war jedes Mal fasziniert von dessen Farbenprächtigkeit.
   Seine Gedanken gingen auf die Reise. Als er über den Hof geschlendert war, hatte Zarah ihn freundlich begrüßt. Natürlich steckte sie sich wieder einen Glimmstängel an.
   Frau Lenz indes schien es eilig zu haben. Auf die Frage der vergnügten Oma, welches denn ihre Lieblingsblume sei, hatte sie lediglich mit den Schultern gezuckt und war in ihrem alten Renault davongedüst. Als sie in den Wagen stieg, hatte er sich noch ein Mal einen kurzen Blick auf ihren wundervollen Po gegönnt.
   Noch im Nachhinein schüttelte er den Kopf. Wie hatte die Reibeisen-Stimmen-Rentnerin dem fleischgewordenen Traum aller Männermagazin-Leser auch eine solch profane Frage stellen können? Lieblingsblume – also wirklich. Tja, wenn es um die neuen Trendfarben der Saison bei Nagellacken gegangen wäre …
   »Du bist ganz schön zynisch geworden«, hatte Jette gestern Nachmittag zu ihm gesagt.
   »Was? Weil ich angemerkt habe, wie rührend du dich um mich kümmerst?«
   Sie war nicht auf seine Frage eingegangen. »Du hast deinen Termin verpasst.«
   »Nein, habe ich nicht.«
   »Heute Vormittag in meiner Praxis.«
   »Ich sagte, ich überlege es mir. Nicht meine Schuld, wenn du das missverstehst.«
   Sie hatte leise geseufzt. »Du darfst den Kopf nicht in den Sand stecken, Jakob.«
   »Woher willst du wissen, was ich darf und was nicht?«
   »Es ist wichtig, die Werte zu checken und dann die Optionen durchzugehen. Ich habe dir gesagt …«
   »Du hast auch gesagt«, unterbrach er sie mitten im Satz, »dass diese Art der Erkrankung fast immer heilbar ist.« Nur ein Tauber konnte die Anklage in seiner Stimme nicht hören.
   Sie hatte seinen Vorwurf endlich kapiert, er sah es in ihren Augen. Und seine Heftigkeit tat ihm nicht im Geringsten leid.
   Wie erwartet senkte sie eine Sekunde lang den Kopf. »Du bist selbst Mediziner. Du weißt, wie das funktioniert. Im Grunde läuft es immer auf ein Ausschlussverfahren hinaus. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, wo der Überbringer schlechter Nachrichten hingerichtet wird.«
   »Habe ich dir etwa was getan?«
   »Du meidest mich, als hätte ich Aussatz.«
   »Das bildest du dir ein.«
   »Klar.« Sie machte eine Pause. »Schick, deine neue Nachbarin, das muss ich schon sagen. Sie passt hervorragend aufs Land. Allein die Schuhe, ein Traum.« Sie wusste genau, wie er sich über ihre Worte ärgern würde. Er versuchte, ihr wenigstens finster entgegenzufunkeln, doch sie machte ungeniert weiter. »Solche Fingernägel sind reine Kunstwerke, findest du nicht auch?«
   Scheinbar ungerührt blickte er auf seinen AGA-Herd.
   »Nicht jede Frau im Dorf muss sich nach praktischen Beweggründen stylen.«
   Er hörte genau, wie sie versuchte, ihr Glucksen zu unterdrücken. »Mir war nicht klar, welchen Typ du bevorzugst.«
   Ärgerlich fuhr er herum.
   »Schon gut.« Sie zeigte ihm wie zum Waffenstillstand ihre Handflächen.
   »Und das mit der Hebamme hättest du ruhig für dich behalten können«, blaffte er.
   »Es schien sie aber zu interessieren.«
   »Eben.«
   Da war er. Das türkisblaue Schillern des fliegenden Edelsteins riss Jakob aus seinen Gedanken. Der große, spitze, blaue Schnabel stach ins Wasser und schon verschwand der Eisvogel für zwei, drei Sekunden bei seinem Stoßtauchgang. Jakob war immer wieder fasziniert, wie sich dieser Vogel meist aus dem Sitzen, manchmal jedoch auch aus dem Flug in den Fluss stürzte. Und schon schoss das Tier wieder heraus, mit einem kleinen Fisch im Schnabel, den er grundsätzlich mit dem Kopf zuerst verschlang.

*

Tina stellte ihre Rostlaube in der Gartenstraße ab. Sie stakste das kurze Stück bis zur Haustür und suchte vergeblich nach einem Klingelknopf. Kurz entschlossen klopfte sie an die Haustür und schon brach hinter dem Hoftor die Hölle los. Ein mindestens zwei Meter großer Köter begann zu bellen und wollte ihr zeigen, wer hier das Sagen hatte. Na schön, sie würde sich keineswegs aufdrängen.
   Die aggressive Töle fuhr mit der Schnauze unter dem Hoftor hindurch und flitzte wild von links nach rechts. Tina machte besser, dass sie Land gewann, und zwar schnurstracks. Als sie sich den Hund auf der anderen Seite des Zaunes vorstellte, begannen ihre Knie zu zittern.
   Plötzlich legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Tina fuhr herum.
   »Keine Bange, das Tier verteidigt nur sein Frauchen«, wurde sie angebrüllt.
   Sollte es doch, sie machte da ganz bestimmt nicht mit. Da war man ja seines Lebens nicht mehr sicher. »Ich bin Christina Lenz. Haben wir gestern telefoniert?«
   »Woher wissen Sie das?«, schrie ihr Gegenüber.
   Tja, Intuition. »Ihre Nachbarin scheint nicht zu Hause zu sein. Ich komme besser ein anderes Mal wieder.« Schon wollte sie sich davonmachen.
   Die schreiende alte Dame hielt sie zurück. »Ach was. Die Trude verlässt nie das Haus. Wenn sie was braucht, bringe ich es ihr mit, ansonsten lebt sie recht anspruchslos. Wenn Sie mich fragen, schafft sie das alles nicht mehr. Haushalt, Hof, Garten und die Tiere.«
   Bedeutete das, dass es außer dem Hund noch mehr Viecher gab?
   »Da hört doch alles auf.« Das Hoftor wurde geöffnet, der Hund schoss heraus und hielt geradewegs auf Tina zu.
   Ihr rutschte das Herz in die Hose, doch für Flucht war es längst zu spät. Daher tat sie das Erstbeste, was ihr einfiel, sie hielt die Luft an.
   Das dürre Weiblein in der Dederon-Kittelschürze stand mit in den Hüften gestemmten Händen da und blickte ihre schwerhörige Nachbarin an. Jeder Zipfel an der besagten Trude stak vor Dreck. Tinas Sympathie gehörte augenblicklich der Schreiboje, die sich beherzt bückte und den Hund daran hinderte, an Tina herumzuschnüffeln.
   »Was behauptest du da eigentlich?« Trude sah ihre Nachbarin ärgerlich an und ließ anschließend ihren Blick über Tina schweifen. An ihren Stöckelschuhen verharrte er etwas länger, um dann direkt zum Gesicht zu gehen. »Wer sind Sie?«
   Tina schielte zu dem riesigen Schäferhund, dem die streichelnden Hände offenbar guttaten. Sie räusperte sich und stellte sich vor, dabei erwähnte sie natürlich ihre neue Hauskrankenpflege-Firma.
   »Was schreien Sie so, ich bin ja nicht schwerhörig«, stellte Trude trocken fest.
   Tatsächlich hatte Tina nicht bemerkt, dass sie sich der Lautstärke der Nachbarin angepasst hatte.
   »Und wie kommen Sie da auf mich?«, wollte Trude in aller Logik wissen.
   Tina warf der anderen Frau einen Seitenblick zu.
   »Verstehe«, kombinierte Trude.
   Ihr Verstand funktionierte demnach noch einwandfrei. Darüber freute sich Tina.
   »Was mischst du dich eigentlich in alles ein?« Trudes Ton war zwar immer noch barsch, aber ihr Blick bohrte sich nicht mehr ganz so finster in den ihrer Nachbarin.
   »Na, dann kommen Sie rein. Anhören kann man sich ja mal, was Sie zu sagen haben«, forderte sie Tina auf. »Und du brauchst gar nicht so triumphierend zu grinsen«, rief sie ihrer Nachbarin nach, als sich diese mit zufriedener Miene davonstahl.

*

Tina hatte Josi eine gute Nacht gewünscht, ihre beiden Großen waren in ihren Zimmern. Sie ging noch einmal in den Hof. Jetzt im August wurden die Tage langsam kürzer, aber sie war recht zufrieden mit dem bisher Erreichten. Eine nierenkranke Patientin in der Waldstraße, die sie morgens und abends versorgte und eine rüstige Rentnerin, die ihre Hilfe beim Anziehen von Kompressionsstrümpfen benötigte, gehörten bereits zu ihren Schützlingen. Besagter Trude, die man einfach nur als geistig rege, aber doch recht altersschwach bezeichnen musste, würde sie morgen einen Vertrag zur Unterschrift vorlegen. Die Frau brauchte in der Tat jemanden, der sie etwas umsorgte. Mit diesen drei Patienten stand ihre Firma noch auf wackligen Füßen, aber immerhin war ein Anfang gemacht. Das meiste Geld verdiente sie allerdings mit Mieteinnahmen und so lag es auf der Hand, dass sie die Anzahl derer, die auf ihrem Hof wohnten, mehren wollte. Nächste Woche würden die Kempowskis vis-à-vis von Zarah einziehen und oben neben Tina stand noch eine renovierte kleine Zweiraumwohnung leer. Blöd, dass Jakob auf die Nutzung des gesamten rechten Flügels bestand. Parallel zum Haupthaus grenzte ein Klinkerbau an, der einst eine Schreinerwerkstatt gewesen sein musste. Vielleicht könnte man auch diesen zu Mietwohnungen umbauen. Nichts anderes hatte Jakob mit dem alten Stall getan.
   Ihre Absätze klackerten über den Hof. Sie öffnete die Tür und spähte in die Werkstatt. Von der Decke und den Gerätschaften hingen Spinnweben herunter. Es roch nach Sägespänen, Staub und … Tinas Nackenhaare stellten sich auf. Sie suchte nach dem Lichtschalter und drehte daran. Kurz flackerte eine Glühbirne auf, die dann jedoch leise zischend ihren Dienst einstellte.
   Noch reichte das spärliche Tageslicht aus, um eine nicht allzu schlechte Bausubstanz zu erkennen. Na ja, was bitte schön sollte bei einer soliden Klinkermauer auch marode werden? Wenn man den ganzen Krempel und die alten Werkzeuge ausräumte, sah der Raum schon ganz anders aus. Tina ging weiter hinein. Mit neuen Fenstern und Trockenbauwänden könnte hier eine Wohnung für eine mehrköpfige Familie entstehen. Ging man davon aus, dass das Dach gedämmt und neu gedeckt werden müsste, käme man mit dem Innenausbau bestimmt auf … hm, auf eine ziemlich hohe Summe, die sie zunächst einmal vorstrecken müsste. Sie durchmaß den Raum, um seine ungefähre Größe zu überschlagen. Etwas ließ sie stutzen und innehalten. War hier noch jemand? »Ist da wer?«
   Sie sah sich um und blickte zur geschlossenen Tür. Seltsam, hatte sie diese nicht offen stehen lassen, und zwar mit voller Absicht? Ein banges Gefühl, einem Windzug gleich, streifte sie. Es war, als wäre sie nicht allein an diesem Ort, der ihr plötzlich seltsam erschien. Doch was, versuchte sie sich gut zuzureden, sollte mit einer Schreinerwerkstatt nicht stimmen? Tina drehte sich um ihre eigene Achse und spähte in jeden der vier Winkel. Da war nichts. Wie um einen möglichen Hinterhalt auszuschließen, konnte sie ihre Augen nicht vom Inneren des Raumes lösen. Langsam setzte sie sich rückwärts in Bewegung. Besser, sie sah sich morgen früh hier noch ein Mal genauer um. Sie öffnete die Tür und wäre beinahe in eine Person gelaufen. Tina erschrak fürchterlich und stieß einen Laut aus.
   »Oh, kleine Mutprobe am Abend? Suchen Sie den Kontakt zu dem Toten in dieser Werkstatt?«
   Sie kannte die Frau nicht, aber bei ihren Worten begann ihr Herz zu hämmern.
   »Hat Jakob Ihnen nichts davon gesagt? Warum überrascht mich das nicht?«
   Tina stand noch immer da, unfähig sich zu bewegen, als die burschikose Frau ihr die Hand entgegenstreckte. »Entschuldigung, ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu sehr erschreckt. Ich bin Tanja.«
   »Guten Abend«, stellte sich Tina nun ebenfalls vor. »Was hat es mit diesem Toten auf sich?«
   »Vor mehr als hundert Jahren ist der Schreiner Helmut Meier hier in seiner Werkstatt umgekommen. Er stolperte und fiel so unglücklich mit dem Hals in seine Sense, dass er starb. Es wird allerdings gemunkelt, dass ihn vielleicht jemand geschubst und nachgeholfen hat. Obwohl damals sogar die Polizei ermittelte, konnten die genauen Umstände nie geklärt werden. Und nun erzählt man sich, dass der Kollege Meier, Gott hab ihn selig, hier dann und wann nach Lust und Laune herumspukt.«
   »Wer glaubt denn an so was?«
   »Sie würden staunen, wie viele Menschen heutzutage noch abergläubisch sind.«
   »Jakob bestimmt nicht.«
   »Sie meinen, dass er Ihnen deshalb diese Spukgeschichte nicht erzählt hat?«
   Tina nickte und erschlug eine Mücke, die auf ihrem Arm ein Nachtmahl einzunehmen pflegte.
   »Davon bin ich nicht überzeugt. Früher konnte man sich gut mit ihm unterhalten, aber in letzter Zeit ist er recht still geworden. Igelt sich hier ein und macht von einem Tag zum anderen einfach dicht. Wo er so ein hervorragender Geburtshelfer war. Der hat goldene Hände, sage ich immer. Jetzt muss unsereiner sehen, wo er bleibt.«
   Meine Güte, die Frauen des Dorfes konnten doch nicht alle einen solchen Kult um diesen Mann machen. Sie jedenfalls würde jederzeit wieder eine weibliche Hebamme bevorzugen. Und sie wollte ihn sich auch nicht zwischen gespreizten Beinen von Kreißenden vorstellen. Aber dies war nun nicht mehr ganz einfach, ärgerte sich Tina.
   »Eigentlich wollte ich zu Jakob, und ihn um einen Gefallen bitten. Aber dann sah ich Sie und dachte mir, ich stelle mich kurz vor. Schließlich haben Sie nun den Hof übernommen. Ich habe übrigens auch Ihren Flyer zur Kenntnis genommen. Scheint mir ein gutes Konzept zu sein, das Sie sich da ausgedacht haben.«
   »Danke.«
   »Und was wird mit der Praxis?«
   Tanja meinte wohl Jakobs Hebammenpraxis in eigener Niederlassung, überlegte Tina. »Keine Ahnung. Ich mache aus dem Anwesen ein Mehrgenerationenhaus.«
   Tanja pfiff durch die Zähne. »Nicht schlecht.«
   Tina meinte, für einen Augenblick Jakobs Gesicht an dessen kleinem Küchenfenster entdeckt zu haben. Als sie jedoch genauer hinsah, konnte sie ihn nicht entdecken. Daraufhin fuhr Tanja herum und sah zum Gebäudeteil hinüber, in dem der finstere Lord wohnte. Mit wenigen Schritten stand sie vor dessen Haustür. »Jakob, bist du da?«
   Nichts rührte sich.
   »Komm schon, Jakob, sei kein Stiesel. Ich weiß, dass du da bist. Ich muss mit dir reden.« Zum Nachdruck klopfte Tanja dreimal gegen die Tür. »Jakob!«
   »Was?«, ertönte es von drinnen.
   »Bist du schon im Bett?«
   »Wohl kaum.«
   »Gut. Ich würde dich ungern stören, falls du bereits schliefest.«
   »Ganz was Neues. Bei dem Spektakel, das du hier veranstaltest, kann kein Mensch zur Ruhe kommen.«
   »Lässt du mich kurz rein?«
   »Nein.«
   »Warum nicht?«
   »Erstens bin ich nicht angezogen und zweitens kann ich mir denken, was du willst.«

Kapitel 13
Der Hofquilt

Selma zog es vor, im Innenhof zu frühstücken. Das schöne Wetter musste man schließlich ausnutzen. Sie trank starken, schwarzen Kaffee, biss von ihrem Honigbrötchen ab und las nebenbei in der Märkischen Allgemeinen. Tom und Feli schlurften schlaftrunken mit finsterer Miene über den Hof zum Schuppen, wo ihre Fahrräder untergebracht waren.
   »Guten Morgen, ihr Lieben«, schmetterte sie ihnen entgegen.
   »Morgen«, grunzten die Jugendlichen und würdigten sie kaum eines Blickes.
   Sie nahm es ihnen nicht krumm. Kinder in diesem Alter waren schwierig. Manche auch noch, wenn sie älter waren, und dachte dabei an ihre Tochter.
   Kaum saßen die beiden auf ihren Sätteln, zündete sie sich eine Zigarette an.
   Dann steckte Josi ihren Kopf in den Hof hinaus. Selma winkte ihr zu und sie kam herangetrippelt. Sie trug noch immer ihr kurzes Nachthemdchen mit pinkfarbenen Elfen drauf.
   »Na, hast du heute etwa länger geschlafen?«
   »Ausnahmsweise«, bestätigte die Kleine.
   Selma lachte. »Ich habe bereits den Tisch für dich gedeckt. Möchtest du dich zu mir setzen oder willst du dich erst anziehen?«
   Josi gab eine sehr deutliche Antwort, sie nahm sofort Platz. »Du, Zarah, weißt du was? Der Prinz Eisenerz ist nämlich gar kein Prinz.«
   »Woher weißt du das?«
   »Ich habe ihn gefragt.«
   »Ach ja?« Schade, dass sie sein Gesicht dabei nicht hatte sehen können. Sie schob der Kleinen das Schälchen mit dem Obstsalat zu.
   »Er läuft gerne nackig rum.«
   Selmas Kaffeetasse klirrte. »Was hast du gesagt?« Sie musste unbedingt ein ernstes Wort mit Tina sprechen. Bislang konnte sie sich über den schweigsamen Nachbarn nicht beklagen, aber so etwas ging zu weit.
   »Er hat auch keine Haare«, unterrichtete sie Josi weiter.
   Selma grübelte, ob die Kleine sein Haupthaar meinte oder … Sie hatte natürlich schon davon gehört, dass sich die jungen Männer heutzutage gern weitreichend rasierten, aber …
   »Guten Morgen.« Er trug ein T –Shirt und schwarze Latzhosen. Mit dem Piratentuch sah er verwegen aus.
   Selma konnte nicht verhindern, sich ihn im Adamskostüm vorzustellen. Teufel auch!
   »Hallo«, erwiderte sie.
   »Frau Lenz hat heute früh an meine Tür geklopft. Wissen Sie, was sie wollte?«
   »Nein. Aber allzu lange wird sie nicht fort sein und dann können Sie sie ja fragen.«
   Er deutete ein Nicken an und verschwand durch das Tor.

*

Gertrud Langner setzte ihre Unterschrift unter den Vertrag, den Tina ihr vorgelegt hatte.
   »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen.« Sie lächelte ihre frischgebackene Patientin an. Inzwischen kannte sie auch den Namen der schwerhörigen Nachbarin: Roswitha Krogoll. Diese hatte der Achtundachtzigjährigen einen großen Gefallen getan, als sie Tina angerufen hatte. Es war mehr als nur schmuddelig im Haus und so krempelte sie die Ärmel hoch, um zunächst im Schlafzimmer ein wenig Grund reinzubringen. Leere Katzenfutterdosen stapelten sich im Flur und Tina warf sie in den Wertstoffsack.
   »Trinken Sie auch genug?«, wollte sie von der älteren Frau wissen.
   »Na ja …«
   Schon bereitete sie eine Kanne Tee zu. »Wo ist Ihr Badezimmer?«
   »Hab keines.«
   »Und die Toilette?« Tina versuchte, sich ihre Fassungslosigkeit nicht anmerken zu lassen.
   »Na, draußen.«
   »Ein Plumpsklo?«
   »Jetzt gucken Sie nicht so entsetzt. Das ging jahrelang, warum soll ich das jetzt ändern? Abgesehen von den Kosten, das lohnt doch alles nicht mehr. Schauen Sie sich das Haus an, ist nicht mehr viel mit los, so wie mit mir. Isso.«
   Oje. »Sie sollten wenigstens einen Nachtstuhl haben.«
   Trude sah skeptisch aus.
   »Ich würde mich darum kümmern, selbstverständlich.«
   Das Gesicht ihres Gegenübers hellte sich auf.
   »Jetzt möchte ich gern Ihren Blutdruck messen, einverstanden?«
   Trude nickte.
   Tina sah sich währenddessen um. Hier würde sie mehr als genug zu tun haben, so viel war sicher.
   Als sie wieder auf ihrem Hof eintraf, fand sie die Leander und Josi in trauter Zweisamkeit beieinandersitzen.
   Sie beschloss, ein Päuschen zu machen und sich zu ihnen zu gesellen.
   »Jetzt ist Mutti da, dann kann ich im Garten spielen gehen. Nun bist du ja nicht mehr so allein, Zarah«, schlussfolgerte die Kleine und hüpfte fröhlich davon.
   »Für Josi ist es hier wie im Paradies«, sagte Tina. »Wenn doch nur …«
   Zarah –Selma berührte flüchtig ihre Hand. »Es bringt nichts, trüben Gedanken nachzuhängen. Gib den beiden Zeit, das wird schon.«
   Tina seufzte. Schön, dass sie jemandem ihr Herz ausschütten konnte. Genau das hatte sie mit der Gründung ihres Mehrgenerationenhauses erreichen wollen. Sie sah einer wunderbaren Zukunft entgegen, dessen war sie sich plötzlich absolut sicher.
   »Ich muss dir was sagen«, begann ihre mütterliche Freundin zögernd.
   Tina horchte auf. Etwas an Selmas Tonfall ließ sie ahnen, dass ihr die folgenden Worte nicht gefallen würden.
   »Unser Prinz Eisenherz …«
   »Er heißt Jakob«, unterbrach Tina sie.
   Selma hob die Brauen. »Nun, Josi berichtete mir, dass er hier nackt durch die Gegend läuft. Sie hat es selbst gesehen.«
   »Was?« Etwas Ähnliches hatte sie am gestrigen Abend bereits empfunden. Andererseits fiel ihr ein, dass Josi auch einen großen Hund vor dem Tor gesehen hatte. Das Kind hatte eben eine lebhafte Fantasie. Viele Kinder mussten sich mit weit schlimmeren Anlagen herumschlagen. Bei nächster Gelegenheit wollte sie die Angelegenheit allerdings überprüfen und sich in Ruhe mit Josi unterhalten.
   Daher sprang sie nicht sofort empört auf die Füße.
   Jetzt erst sah sie genauer hin und beugte sich vor. Selma stichelte an einer Näharbeit. »Was machst du Schönes? Sieht interessant aus.«
   »Das wird unser Hofquilt«, informierte Selma sie stolz.
   »So?«
   »Ja, jeder Bewohner bekommt einen Block in Form eines überdimensionalen Segments des Dresdner Tellers.«
   Tina verstand kein Wort von dem, was Selma ihr zu erklären versuchte, doch dann schob sie ihr eine Abbildung aus einem Quiltjournal zu. »Dieses Muster nennt man Dresdner Teller. Ich habe die Größe geändert und mir eine Variante ausgedacht, nach der der fertige Quilt einmal eine Art Stammbaum darstellen wird. Das einzelne Segment für mich zum Beispiel werde ich mit einer applizierten Hortensie versehen, denn ich liebe diese Pflanze. Sie ist wie eine alte Dame, die gern mal einen pichelt, das passt doch.«
   Tina begriff endlich und befand Selmas Idee für hervorragend. Nun verstand sie auch, warum sie ihr ihre Lieblingsblume nennen sollte. Über diese Frage würde sie zeitnah gründlich nachdenken müssen. Mit der Natur hatte sie es bis dato nicht so, aber eine Lieblingsblume zu bestimmen, kann ja nicht allzu kompliziert werden. »Flo, meine Freundin in St. Elwine, liebt besonders die Zitronentagetes. Aber ich habe keinen Schimmer, was das sein soll. Du etwa?«
   »Dem Namen nach kann es sich nur um eine Gattung einer Studentenblume handeln.«
   »Ach, diese stinkenden Dinger? Na ja, leuchten tun sie immerhin ganz schön.«
   Selma stieß ein Lachen aus.
   Es wurde Zeit für Tina, einige Telefonate zu erledigen. Frau Langner brauchte unbedingt einen Nachtstuhl, und zwar so schnell wie möglich.
   Als sie gegen Mittag endlich eine Tiefkühlpizza in den Ofen schob, sah sie aus dem Fenster auf das alte Werkstattgebäude gegenüber dem Haupthaus. Himmel, wie sehr sie sich gestern Abend erschrocken hatte. Sofort fielen ihr Zarah –Selmas mahnende Worte wieder ein. Lief Jakob tatsächlich nackt durch die Gegend? Sie würde die Sache im Auge behalten müssen, immerhin hatte sie minderjährige Kinder. Ob sie ihn bei nächster Gelegenheit darauf ansprach? Solche unangenehmen Dinge schob man besser nicht auf. Auch Tanja war gestern Abend sehr direkt gewesen. Nur dass Tina leider nicht ganz schlau aus allem geworden war. Sie musste das klären und vergegenwärtigte sich die Szene vom Vorabend noch mal.
   Verblüfft hatte sie zugesehen, wie Tanja die Hände vor ihrer Brust verschränkte und laut durch die geschlossene Haustür hindurchrief. »Jakob, was fällt dir dazu ein: kolikartige Schmerzen, angespannte Bauchdecke. Na, klingelt da was bei dir? Soll ich fortfahren?«
   Plötzlich war die Tür aufgerissen worden, eine Hand schnellte heraus und zerrte die Besucherin ins Haus. Seitdem beschäftigten sie zwei Fragen. Erstens: War Jakob tatsächlich eine Hebamme? Und zweitens: Lief er nackt herum und hatte Tanja dennoch ins Haus geholt, nur damit Tina nicht mitbekam, um was es bei ihrem Gespräch ging?
   Endlich konnte sie die Pizza aus dem Ofen holen. Sie beschloss, draußen auf dem Hof unter dem Sonnenschirm zu essen und rief nach Josi, die aus einer Ecke des Gartens herbeigeschossen kam. Tina entdeckte Jakob, der auf der Bank saß und einen Schluck aus seiner Bierflasche nahm. Menschenskinder, protestierte sie im Stillen, dessen Leber lief bestimmt auf Hochtouren. Besser, er aß mal etwas Richtiges. »Möchten Sie auch ein Stück Pizza?«, bot sie daher an.
   »Danke.«
   Hieß das Ja oder Nein?
   »Ich habe schon gegessen«, stellte er klar.
   »Na dann. Ich hätte Ihnen gern etwas abgegeben.«
   Er nickte. »Die ist aus der Kühltruhe, was?« Dabei verzog er wie angewidert das Gesicht.
   Da hörte doch alles auf. Schließlich hatte sie den ganzen Vormittag über gearbeitet. Sollte sie sich da noch hinstellen und eine selbst gemachte Pizza kreieren? Tina unterdrückte den Drang, sich zu rechtfertigen. »Was mögen Sie daran nicht?«, fragte sie amüsiert.
   »Haben Sie sich durchgelesen, was auf der Packung steht?«
   Verwirrt sah sie ihn an.
   »All die Konservierungs- und Zusatzstoffe.« Er schüttelte sich.
   Aber den lieben langen Tag nichts als Bier hineinschütten. So was hatte sie gern. Bestimmte redete er sich mit dem deutschen Reinheitsgebot raus.
   »Was sind Konservenstoffe?«, wollte Josi wissen und wischte sich Tomatenmark vom Mundwinkel.
   »Dinge, die nicht ins Essen gehören.«
   Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, starrte die Kleine misstrauisch auf ihren Teller.
   »Quatsch«, stieß Tina aus und funkelte ihn finster an.
   Dann eben nicht, stand in seinen Irlandaugen.
   Sie wollte rasch das Thema wechseln. »Ich muss mit Ihnen reden.«
   Mylord seufzte schwer.

*

Jakob ahnte, was kommen würde.
   »Es geht um den Hof«, kam sie gleich zur Sache.
   »Was ist damit?«
   Sie sah ihn streng an.
   Na schön, sie hatte ja recht. Irgendwann mussten sie Nägel mit Köpfen machen.
   Wie um Zeit zu gewinnen, beobachtete er die Kleine, wie sie die letzten Tropfen mittels Trinkröhrchen geräuschvoll aus einem Tetrapack herauszutschte. Als er begriff, dass es sich um einen Fruchtnektar mit mindestens fünfundzwanzig Prozent Fruchtgehalt handelte, schüttelte es ihn erneut. Solch ein Gesöff sollte man seinen Kindern nicht zu trinken geben.
   »Darf ich aufstehen?«, bat Josi.
   »Natürlich.« Tina Lenz lächelte. Erst, als sich ihre Tochter nicht mehr in Hörweite befand, wandte sie sich ihm zu. »Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber hin und wieder drängt sich mir der Verdacht auf, Sie würden nicht mehr an mich verkaufen wollen.«
   »Unsinn.«
   Sie zog die Stirn kraus und musterte ihn durchdringend. »Mir kam es so vor, als wichen Sie mir aus, sobald ich dieses Thema anschnitt.«
   So leicht machte man Miss Superhintern nichts vor. Was sollte er darauf antworten? Dass sie nicht lange um den heißen Brei herumredete, gefiel ihm eigentlich ganz gut. Eigentlich.
   »Und nun schweigen Sie schon wieder und …«
   Er hob den Kopf und warf ihr einen Seitenblick zu.
   »Nun ja … irgendwie … sitzen Sie … wie ein … ein Häufchen Unglück vor mir.«
   »Was?« Er fühlte sich ertappt und richtete sich kerzengerade auf.
   Einen Herzschlag lang sahen sie sich in die Augen.
   »Natürlich will ich verkaufen. Muss. Also will ich’s auch.« Den zweiten Satz sagte er, um vor allem sich selbst zu überzeugen.
   »Verstehe«, murmelte sie, doch ihrem Gesichtsausdruck entnahm er, dass dem nicht so war.
   »Wissen Sie, es ist verwirrend für mich. Sie haben ein Schild an der Tür, dass der Hof zum Verkauf steht. Spricht man Sie darauf an, sind Sie über eine Nachfrage nicht besonders begeistert. Dann rufen Sie mich zurück und nuscheln halbherzig durchs Telefon, dass Sie mit meinem Angebot einverstanden sind. Daraufhin stelle ich mein gesamtes Leben auf den Kopf, verscherze es mir, wenn ich Pech habe, zeitlebens mit Feli und Tom. Ich nehme all meine Ersparnisse und baue Ihr Anwesen um, das zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon mir gehören sollte. Können Sie nicht verstehen, dass mich das gelinde gesagt beunruhigt? Ich muss verrückt sein.«
   »Sie haben doch einen Vorvertrag, den ich bereits unterschrieben habe.«
   »Ja und?«
   Was hieß das schon in Zeiten wie diesen. »Stimmt«, sagte er leise.
   »Sie wollen verkaufen und wollen es doch wieder nicht. Demnach müssen Sie verkaufen und Sie versuchen, diese Tatsache zu akzeptieren. Das kann ich sehr gut nachvollziehen.« Wie selbstverständlich berührte ihre Hand die seine. »Ich bitte Sie lediglich darum, mit offenen Karten zu spielen. Denn ich kann es mir nicht leisten, all mein Hab und Gut zu verlieren.«
   Er nickte.
   »Ich muss wissen, woran ich bin«, fuhr sie fort. »Es ist wirklich keine Schande, wenn Sie sich finanziell verkalkuliert haben …«
   Es wurde langsam Zeit, dass er bei diesem Gespräch wieder die Oberhand gewann. »Hab ich nicht«, fühlte er sich zu sagen bemüßigt.
   »Aha.«
   Er sah ihr an, dass sie ihm keinen Glauben schenken konnte. Dennoch sagte er die Wahrheit. »Es dreht sich nicht immer alles nur ums Geld.«
   Sie prustete leise.
   Jakob verdrehte die Augen. Dann gab er sich einen Ruck. Sie hatte bereits so viel Zeit und Geld in dieses Projekt investiert, dass sie seinen Respekt verdiente. »Ich muss verkaufen, die Gründe dafür sollten Sie nicht weiter interessieren«, sagte er schroffer als beabsichtigt. »Bisher habe ich nur nicht gewagt, Ihnen den reellen Kaufpreis zu nennen, da Sie ihn wahrscheinlich gar nicht aufbringen können.«, fügte er freundlicher hinzu. Dies war Unsinn, eine Ausrede, die ihm gerade erst eingefallen war. Aber sie klang wunderbar plausibel und er beglückwünschte sich bereits im Stillen dazu. Bis er in ihr Gesicht sah und erkannte, wie sehr sie erschrak.
   Schließlich räusperte sie sich und schien sich ein Herz zu fassen. »Wie viel?«
   Er stapelte tief, da ihm klar war, dass er gewisse Abstriche machen musste, und nannte ihr die Summe, die ihm vorschwebte.
   Ihr klappte die Kinnlade hinunter.
   Auweia. »Und? Wollen Sie mich nun immer noch drängen und beim Notar den Verkauf perfekt machen«, hätte er sie beinahe gefragt. Hinsichtlich ihrer erschütterten Miene verkniff er es sich allerdings. »Zum Hof gehört mehr, als Sie vielleicht denken und das gesamte Anwesen ist den Kaufpreis auf alle Fälle wert. Außerdem kann ich Ihnen ein Gutachten vorlegen …«
   »Nicht nötig«, unterbrach sie ihn. »Das hätten Sie mir früher sagen sollen, finden Sie nicht?«
   Ihre Fassungslosigkeit brannte ein Loch in sein Herz.
   »Ehrlich gesagt haben Sie auf mich eher den Eindruck gemacht, als spielte Geld keine Rolle.« So gestylt und aufgebrezelt, wie sie herumlief.
   Für den Bruchteil einer Sekunde fühlte sie sich offenbar geschmeichelt, ein Lächeln huschte über ihre Züge. Dann jedoch funkelte sie ihn finster an. »Und nun?«
   »Was?«
   »Schmeißen Sie mich vom Hof, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich eine solche Summe beim besten Willen nicht aufbringen kann?«
   »Wie sieht es mit irgendwelchen Sicherheiten aus?«
   »Fehlanzeige.«
   »Hm.«
   »Wie schnell brauchen Sie das Geld?«, fragte sie ruhig und bemüht fest.
   »Na ja …«
   »Großartig.«
   Bei der letzten Silbe kippte ihre Stimme und er befürchtete schon, sie würde in Tränen ausbrechen. »Wir finden eine Lösung.«
   »Ah ja?« Sie klang nicht überzeugt, kein Wunder, er war es ja nicht einmal selbst.
   »Ich lass mir etwas einfallen.« Seine Worte überraschten ihn am meisten.

*

Tina musste das alles erst einmal verdauen und lief zum Briefkasten. In ihrem Rücken spürte sie seinen Blick auf sich. In der Post entdeckte sie endlich das ersehnte Schreiben ihres Bankinstitutes und bekam Herzklopfen. Sofort riss sie das Kuvert auf, faltete das Schreiben auseinander, und noch während sie es überflog, zog sich eine imaginäre Schraubzwinge um ihren Körper. Das konnte nicht wahr sein. Durfte es nicht. Tina war fassungslos.
   Eisenherz trat auf sie zu. »Geht es Ihnen nicht gut?«
   Zarah-Selma gesellte sich zu ihnen. Sie hatte noch kleine Fältchen auf der Wange, die vom geknitterten Kopfkissen ihres Mittagsschläfchens stammten. »Hallo ihr beiden. Gibt es Neuigkeiten?«
   Und was für welche, hätte Tina am liebsten geantwortet, biss sich jedoch auf die Lippen. An ihre erste Mieterin hatte sie noch gar nicht gedacht. Den Kempowskis würde sie auch absagen müssen. Und wie um alles in der Welt sollte sie Gertrud Langner erklären, dass sie ihre Firma doch nicht ausbauen würde? Das Mindeste, was sie tun konnte, war, einen anderen Pflegedienst zu organisieren. Tina fühlte sich so elend wie noch nie. So schlimm war es noch nicht einmal bei Simonas Kündigung gewesen.
   »Na, ihr wollt mir wohl offenbar nichts verraten?« Selma deutete ihrer beider Schweigen falsch und lachte fröhlich. Sie schwenkte ihr Nähkörbchen herum und stellte es auf dem Tisch ab. »Jakob, ich werde einen Hofquilt nähen, bei dem jeder Bewohner einen eigenen Block erhält. Würden Sie mir Ihre Lieblingsblume verraten? Es kann auch eine andere Pflanze sein, beispielsweise ein Baum.«
   Ha, am besten, um ihn daran aufzuknüpfen. Sie war auf seine Antwort gespannt. Dieser ungehobelte Kerl und eine Lieblingsblume. Wie grotesk war das denn?
   »Die Kupfer-Felsenbirne«, kam es wie aus der Pistole geschossen.
   Was denn, musste er etwa nicht lange überlegen?
   »Kenne ich nicht«, antwortete Zarah-Selma mit ihrer Cembalostimme.
   Ich auch nicht, gestand sich Tina, würde das aber nicht preisgeben.
   »Als ich den Hof vor ein paar Jahren erbte, habe ich eine gepflanzt«, erklärte Mylord seelenruhig. »Soll ich Sie Ihnen zeigen?«
   Nicht nötig, dachte Tina.
   »Aber ja, sehr gern.« Zarah-Selma rollte das R.
   Schon marschierten sie im Gänsemarsch in den Garten, und als Tina dachte, es ginge nicht mehr weiter, deutete der Naturbursche auf einen Busch, der in ihren Augen nicht allzu viel hermachte.
   »Ist das der erste Strauch, den Sie hier gepflanzt haben, Jakob?«, fragte Selma.
   »Der einzige«, antwortete er gewohnt knapp.
   Zarah-Selma besah sich den Busch, als wäre es die Zauberespe aus dem Märchen Die goldene Jurte. Lächerlich. Dabei wusste sie noch nicht, dass sie sich die Arbeit für den sogenannten Hofquilt sowieso sparen konnte.

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