Ein Kuss von Lewis und Caroline ist hin und weg. Weg, im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie flüchtet vor ihren Gefühlen nach Miami. Doch sie kann Lewis nicht vergessen und kehrt nach London zurück, um ihm zu gestehen, dass sie sich in ihn verliebt hat. Die Sache hat bloß einen Haken - Lewis steht auf besondere Spielchen und Caroline will ihn auf keinen Fall teilen.

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Lina Roberts

Lina Roberts ist ein Winterkind des Jahres 1969. Dennoch liebt sie den Frühling, sonnige Tage am Meer und die quirligen Metropolen Berlin, Kairo und Bangkok. Wenn sie nicht gerade schreibt, liest sie gern oder hängt träumend ihren Fantasien nach. Unter anderem Namen hat sie bereits einen Roman und einige Kurzgeschichten veröffentlicht. Als Lina Roberts schreibt sie romantische Liebesromane mit prickelnder Erotik.    

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1. Kapitel


Der Nieselregen ging in Schneeregen über, als Caroline auf die Straße nach Sunnihill abbog. Der Bordcomputer zeigte zwei Grad an. Sie erschauerte. Warum war sie zurück nach London geflogen? Und vor allem, warum im Dezember? Sie könnte jetzt am Strand liegen, kühle Drinks genießen und gut gebauten Kerlen in knappen Badehosen beim Joggen zusehen. Etwas hatte sie wie ein Magnet nach England gelockt. Caroline seufzte. Nicht etwas, sondern jemand. Leuchtend blaue Augen, sinnliche Lippen und schwarze kurze Haare tauchten in ihren Erinnerungen auf. Das, sowie ein atemberaubend muskulöser Körper gehörten Lewis Cromwell. Wie konnte ein solcher Mann Lewis heißen? Und warum trug er immer diese gediegenen schwarzen Anzüge? Natürlich maßgeschneidert, doch das änderte nichts daran, dass er ihrer Meinung nach in Jeans gehörte. Sie grinste. Oder in gar nichts.
   Vier Wochen war es her, dass Lewis sie im Haus ihres Halbbruders Cole geküsst hatte. Nicht irgendwie. Mit irgendwie hätte sie umgehen können. Hätte die weichen, sinnlichen Lippen und diesen Hunger vergessen können, mit dem er ihren Mund für ein paar Sekunden lang in Besitz nahm. Den traumhaften Körper, der sich hart an ihren drückte und sie damit an die Wand des Büros nagelte. Am nächsten Morgen war sie nach Miami geflogen. Kein Mann hatte sie vorher je so berührt. Weder ihren Körper noch ihre Seele. Auf diese Eisfläche hatte sie sich nie begeben wollen, weil sie wusste, dass jenes Terrain zu gefährlich war. Für ihr Seelenheil. Niemals würde sie einem Mann die Kontrolle überlassen. Das führte zu Chaos – und Chaos hatte sie genug in ihrem Leben.
   Eine dezent beleuchtete Auffahrt tauchte rechts neben ihr auf. Eine lange Gerade, die in einen Parkplatz mündete, der mit Autos vollgestellt war. Caroline fuhr langsam vorbei. Alles um sie herum war in Dunkelheit getaucht, nur aus dem Haus flutete mattes Licht. In diesem Augenblick ging die Haustür auf und die groß gewachsene Gestalt, die davorstand, wurde in sanft flackerndes Licht gehüllt. Wie Kerzenschein. Offensichtlich fand dort eine Weihnachtsfeier statt.
   Caroline wandte den Blick ab und schrie im nächsten Moment auf. Ihre Scheinwerfer erfassten eine Katze, die über die Straße rannte. Sie riss das Lenkrad herum und trat die Bremse. Der BMW kam ins Schlingern, jedes Gegenlenken war vergeblich. Der Wagen rutschte auf den Standstreifen und auf die Bäume am Straßenrand zu.
   »O nein!« Sie wurde nach vorn geschleudert. Ihr Kopf landete auf dem Airbag, der Gurt presste sich in ihren Körper. Caroline stöhnte. Schwindel erfasste sie, einen Moment lang fühlte sie sich wie betäubt. Sie stöhnte und richtete sich vorsichtig auf. Offensichtlich hatte sie Glück im Unglück gehabt. Sie war höchstens vierzig gefahren, wenn überhaupt.
   Ihre Hand zitterte, als sie ihre vom Beifahrersitz gerutschte Handtasche vom Boden fischte und darin nach dem Handy suchte. Ein rotes Blinken beleuchtete das Innere ihrer Tasche. Caroline nahm das iPhone heraus und aktivierte den Bildschirm. Zwei Prozent, mehr hatte der Akku nicht mehr. »Na klasse.« Warum hatte sie während des Fluges fast ununterbrochen Musik gehört, statt zu schlafen? Sie warf das Smartphone in ihre Tasche und löste den Gurt. Ihr Pech, nun musste sie zum Ferienhaus ihres Vaters laufen. Und das mitten in der Nacht. Bei Schneetreiben und mit ihrem schweren Koffer.
   Caroline öffnete die Tür, stieg aus und schloss den Reißverschluss ihrer Daunenjacke. Scheiße, ihre Nasenspitze und ihre Hände würden erfrieren, noch bevor sie die Wagentür geschlossen hatte. Ihr Nacken begann zu schmerzen und erneut wurde ihr schwarz vor Augen. Sie lehnte sich an den Wagen, schob die Tür ins Schloss und blickte sich langsam um. Von der Katze war nirgendwo etwas zu sehen. Caroline atmete auf, während ihr Blick an der Einfahrt hängen blieb. Das Haus war erleuchtet gewesen, was hieß, die Party oder was immer dort stattfand, war noch in vollem Gange. Vielleicht konnte sie dort die Polizei, ein Taxi und den Mietwagenservice anrufen?
   Noch bevor sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, lief sie leicht schwankend zum Kofferraum, nahm das Warndreieck heraus und verschloss den Wagen. Nach wie vielen Metern sollte es aufgestellt werden? Sie biss sich in die Unterlippe und ging los. Vierzig Meter, fünfzig? Egal, Hauptsache, da stand eins. Hier kam mitten in der Nacht eh kaum jemand vorbei. Caroline zählte ihre Schritte, die wirkten, als hätte sie jede Menge Alkohol im Blut und wählte die goldene Mitte, um das Dreieck aufzustellen. Danach hängte sie ihre Handtasche über die Schulter und schob ihre Haare unter den Kragen ihrer Jacke. Die Schmerzen im Nacken wurden schlimmer und verschoben sich in ihren Hinterkopf. Ihr Sichtfeld verschwamm immer wieder und die wenigen Schritte hatten sie erschöpft. Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen. Der kalte Wind zerrte an ihren Haaren und kroch ihr in den Kragen.
   Sie heftete den Blick auf die parkenden Wagen und ging weiter. Ab und zu war ein Ausfallschritt dazwischen, doch ihre Benommenheit ließ nach. Wenigstens fünfundzwanzig Autos standen auf dem vollen Parkplatz, darunter weder ein Klein- noch ein Mittelklassewagen. BMW, Mercedes, Rolls-Royce, Ferrari, Lamborghini. Hier sah es aus wie vor dem Anwesen ihres Stiefvaters in Texas. Na toll. Noch mehr Spießer.
   Caroline blieb neben einem nachtschwarzen Mercedes stehen, dessen Motor noch heiß war, und lehnte sich dagegen. Ihr Blick verschwamm erneut und ein Zittern durchlief ihre Beine. Verdammt, ins Bett würde sie so schnell nicht kommen. Sie musste zu einem Arzt. Sie atmete ein paar Mal tief durch und sah auf die Motorhaube, deren Farbe sie an Lewis’ Anzüge erinnerten. Ob maßgeschneidert oder nicht änderte nichts daran, dass ihn ihr Stiefvater niemals akzeptieren würde. Für Brandon wurde ein Mann erst zu einem Mann, wenn er wenigstens sieben Nullen vor dem Komma auf seinem Konto besaß. Ihr Stiefvater könnte, ohne einen Blick in das Drehbuch zu werfen, J. R. Ewing aus der Fernsehserie Dallas locker ersetzen. Der gleiche Typ Mann, genauso widerlich, egozentrisch und abgehoben. Sie verstand seit Jahren nicht, was ihre Mutter an Brandon fand.
   Noch einmal atmete sie tief durch, stieß sich von dem Wagen ab und ging auf das Haus zu. Soweit sie sich erinnerte, war die Stadtvilla erst im vergangenen Sommer fertiggestellt worden. Caroline schätzte, dass sie wenigstens vierhundert Quadratmeter Wohnfläche hatte. Aber keinen Keller. In der Nähe des Virginia Sees wohl auch nicht zu empfehlen. Sie lief an den Säulenzypressen vorbei, die in Pflanzkübeln vor dem Eingang standen, und spähte durch das Glaselement in der Tür. Überall befanden sich Kerzen und …
   Sie fuhr zurück. War da gerade eine Frau nur in Lederdessous und High Heels gekleidet durch den Eingangsbereich gelaufen? Caroline blinzelte, wischte sich über die Augen und sah erneut durch das Glas. Schatten fielen auf den Marmorboden. Schatten von einem Pärchen, das sich offensichtlich küsste.
   Caroline trat zwei Schritte rückwärts. Sie hatte sich bestimmt verguckt. Garantiert. Der Unfall musste ihre Wahrnehmung trüben. War das nicht normal bei einem Schleudertrauma? Sie atmete tief durch. Und wenn nicht? Dann platzte sie mitten in eine …
   Sie schnitt den Gedanken kurzerhand ab und sah an der Hauswand entlang. Die Gardinen an den nächsten beiden Fenstern waren zugezogen, doch durch das letzte Fenster rechts von ihr fiel goldenes Licht. Entweder sie riskierte einen Blick hinein, oder sie lief die rund drei Kilometer bis zum Haus ihres Vaters. Mitten in der Nacht, bei immer dichter werdendem Schneetreiben. So unsicher, wie sie derzeit einen Fuß vor den anderen setzte, war sie wahrscheinlich morgen früh noch nicht daheim. Es ging sie nichts an, was im Inneren des Hauses vorfiel, andererseits verspürte sie wenig Lust, in eine Swingerparty zu platzen. Ein einziges Mal hatte sie sich auf einen Dreier eingelassen. An jenem Abend vor zwei Jahren hatten sie zu viel Alkohol getrunken, um Hemmungen zu empfinden und zu wenig, um zu vergessen. Die Stunde in Joshs und Mias Armen war berauschend gewesen, doch hinterher kam das Erwachen. Keiner von ihnen teilte gern, ebenso wenig wie sie. Caroline hatte irgendwie versucht, die Freundschaft zu ihnen aufrechtzuerhalten, aber sie zerbrach an der Leidenschaft, die durch zu viel Whisky für eine Nacht aufgeflammt war.
   Mit einer Hand an der Hausmauer ging sie an der Wand entlang zum letzten Fenster. Ihr Blick glitt zu der Scheibe, die von keiner Gardine verdeckt wurde. Ringsherum im Raum waren Kerzen aufgestellt und beleuchteten nackte Körper.
   Der Atem blieb Caroline in der Kehle stecken. In der Mitte des Zimmers stand eine große Polsterliege, auf der sich drei Männer und ebenso viele Frauen vergnügten. Sich küssten, leckten, saugten. An jeder Stelle, die sie finden konnten. Oder sie fütterten sich mit Obst. Weintrauben, Pfirsichscheiben, Erdbeeren, einfach alles, was sich in den Schalen neben dem Sofa auf zierlichen Beistelltischen befand.
   Rechts von Caroline stand eine weitere Liege. Auf ihr lag eine vollbusige Brünette, die ihre Beine weit gespreizt hatte. Zwischen ihren Schenkeln tauchten die blonden Haare eines breitschultrigen Mannes auf, der seine Partnerin mit der Zunge beglückte. So, als wäre sie das süßeste Dessert, von dem er je gekostet hatte.
   Caroline rang mit ihrer Fassung. In dem Moment ging die Tür gegenüber vom Fenster auf und eine zierliche Frau betrat das Zimmer. Sie trug ein hautenges, langes rotes Kleid, das an der rechten Seite hoch geschlitzt war. Ihr Dekolleté reichte bis zum Bauchnabel. Die Schnüre ihrer Perlenkette ruhten in dem Tal zwischen ihren runden Brüsten, die nur zur Hälfte von dem dünnen Stoff des Kleides bedeckt wurden. Sie war noch keine dreißig, besaß einen edlen hellen Teint und volle rot geschminkte Lippen. Hinter ihr tauchte ein Mann auf, dessen langer Wintermantel seine muskulöse Figur kaum verbergen konnte. Sein Blick aus blauen Augen flog durch den Raum. Während sich sein Gesicht verdüsterte, trafen sich ihre Blicke durch die Fensterscheibe. Caroline stolperte zurück.
   Lewis.
   Ihr Hals schnürte sich zu. Nein! Nicht er hier. Bitte nicht! Doch sie hätte diese Augen überall wiedererkannt. Dieses leuchtende Blau, das sie nur von schlichten Kornblumen kannte.
   Sie fuhr herum und taumelte los. Ihre Beine wollten nicht, trotzdem rannte sie weiter. Als wäre der Teufel in Person hinter ihr her. Und als würde er dabei lachen. Abartig schrill und schonungslos. Tränen stürzten sich in ihre Augen. Sie hatte kein Anrecht auf Lewis. Nicht, nachdem sie ohne ein Wort nach dem Kuss zurück nach Miami geflüchtet war. Dennoch schmerzte ihr verdammtes Herz. Zum ersten Mal hatte sie sich wirklich verliebt. In einen Mann, den sie nur haben konnte, wenn sie bereit war, ihn mit anderen zu teilen.
   Caroline erreichte den Parkplatz. Nein, niemals wieder wollte sie teilen. Und erst recht nicht Lewis. So stark war sie nicht. Sie könnte es nicht ertragen, wenn eine andere Frau in seinen Armen lag. Wenn seine starken Hände ihren aufregenden Körper streichelten, seine Lippen sich auf ihre …
   Die Haustür flog auf und fiel einen Moment später wieder ins Schloss. »Caroline!«
   Sie blieb nicht stehen. Wie könnte sie ihm jetzt in die Augen sehen?
   »Warte. Caroline, bitte!«
   Schritte erklangen und näherten sich ihr, obwohl sie noch schneller lief. Scheiße! Ihre Knie zitterten und ihre Ausfallschritte wurden häufiger. Gott, wie jämmerlich.
   Kräftige Finger, die eher zu einem Holzfäller denn zu einem Anzugträger passten, schlossen sich um ihren Oberarm und drehten sie herum.
   »Caroline.«
   Verdammt! Warum klang ihr Name so sexy, wenn Lewis ihn aussprach?
   »Was du gesehen hast …«
   »Du bist mir keine Rechenschaft schuldig«, würgte sie ihn ab. »Zwischen uns war nur ein Kuss, mehr nicht. Inzwischen bin ich in festen Händen.« Was hatte da aus ihr gesprochen? Ihre Wut, ihre Eifersucht, ihre Scham? Wahrscheinlich eine Kombination. Eine, die ihr Gesicht wahren sollte und verbarg, wie verletzt sie wirklich war.
   Seine Mimik verfinsterte sich wie in dem Moment, als er hinter der Frau in Rot das Zimmer betreten hatte. »Feste Hände scheinen für dich ebenso wenig etwas zu sein wie für mich. Oder warum bist du hier?«
   Caroline erwiderte seinen Blick, ohne mit einer Wimper zu zucken. O nein, sie würde ihm nicht zeigen, wie sehr seine Worte sie verletzten. »Ich hatte einen Unfall.«
   Sein Blick glitt über ihren Körper. »Wo? Ist dir etwas passiert?«
   »Der Mietwagen ist Schrott.« Vielleicht auch nicht. So genau hatte sie sich den Schaden gar nicht angesehen.
   »Ist dir schwindlig? Tut dir etwas weh?«
   Warum drängten sich jäh Tränen in ihre Augen? Nur, weil Besorgnis in seiner Stimme mitschwang? Sie war die Halbschwester seines Freundes, eine Bekannte eben, um die man sich durchaus sorgen konnte. Mehr war das nicht.
   »Mir geht es gut.« Das wohl eher nicht. Ihr war noch immer schwindlig, in ihrem Hinterkopf hämmerten Dutzende Bauarbeiter und ihr Puls klopfte besorgniserregend schnell.
   »Nein, tut es nicht«, sagte er. »Du bist blass wie eine Kalkwand, und du zitterst.«
   »Es ist kalt«, verteidigte sie sich. Und warum hatte sie das Gefühl, im Inneren zu verbrennen?
   »Ich bringe dich ins Krankenhaus«, sagte er bestimmt und zog sie an sich. »Wahrscheinlich hast du ein Schleudertrauma.«
   Sein Geruch streifte ihre Nase. Eine maskuline Note, vermischt mit der herben Frische einer Limette.
   »Vergiss es. Ich trage keine Halskrause«, wehrte sie ab. »Ich will nur in mein Bett.« Vorzugsweise neben einen nackten, warmen und starken …
   Sie stöhnte. Klasse! Er hat dir gerade erklärt, dass eine Frau nichts für ihn ist und du schaffst es nicht, seine Anziehungskraft auszublenden. Und auch nicht seine Arme auf ihrem Rücken, die sie an seinen traumhaften Körper pressten, seinen Duft und die Besorgnis in seinen kornblumenblauen Augen.
   »Du musst keine Halskrause tragen. Das ist nicht mehr üblich«, erwiderte er und half ihr zu seinem Wagen. Natürlich ein Mercedes. Der Mercedes, an den sie sich gelehnt hatte. Der Wagen war gediegen wie sein Anzug und der Wintermantel, den er trug. Und dunkel wie die Nacht. Sein blütenweißes Hemd und die Krawatte in der Farbe seiner Augen wirkten wie erfrischende Farbtupfer in all dem Schwarz.
   Lewis öffnete die Beifahrertür und half ihr so behutsam auf den Sitz, als wäre sie zerbrechlich. Seine Nähe und der besorgte Blick, den er ihr immer wieder zuwarf, verwirrten Caroline. Er wirkte eben nicht, als würde er sich wegen einer flüchtigen Bekannten ängstigen.
   »Warum hast du mich geküsst?«
   Seine Mundwinkel zuckten. Er legte den Gurt um sie und verschloss diesen. »Weil ich wissen wollte, wie du schmeckst.« Er senkte den Blick in ihre Augen. »Und wie du dich anfühlst.«
   Ein Zittern durchlief sie. Seine warme Stimme wirkte, als würde er sie liebkosen.
   »Und?« Mist, warum konnte sie nicht den Mund halten? Er hatte ihr doch erklärt, dass er gern hier und da kostete.
   Er richtete sich abrupt auf. Seine Mimik verdüsterte sich erneut und wirkte jetzt abweisend. »Da gibt es kein und«, sagte er und verschloss die Beifahrertür. Lewis umrundete den Wagen und stieg auf der Fahrerseite ein. Er legte den Gurt an und startete den Motor. »Wo steht dein Auto?«
   »Dreihundert Meter hinter der Einfahrt«, antwortete sie leise. So direkt hatte ihr noch nie ein Kerl gesagt, dass sich ein weiterer Kuss nicht lohnte. Irgendetwas drückte schwer auf ihren Brustkorb. Sie hatte nicht nur an einen weiteren Kuss gedacht, sondern an mehrere.
   Kälte kroch ihr unter die Jacke und ließ sie frösteln, während Lewis den Wagen zurücksetzte und ihn vom Parkplatz zur Auffahrt lenkte. Es war eine seltsame Kälte, die ihr Inneres erfasste und ein wiederholtes Zittern durch sie hindurch schickte.
   Ihr Blick glitt über sein Gesicht, das noch immer so düster wirkte wie sein Anzug. Wahrscheinlich war es besser, wenn es zu keinem weiteren Kuss kam. Wenn sich ihre Wege trennten, sobald er sie am Wochenendhaus ihres Vaters abgesetzt hatte. Vor zwei Jahren hatte sie sich geschworen, niemals wieder zu teilen. Weder ihre Gefühle noch den Mann. Sie kam damit nicht klar. Mit der Eifersucht, die sich wie eine vergiftete Klinge durch den Körper bohrte. Mit dem nagenden Gefühl, nicht genug zu sein. Und Lewis hatte ihr Inneres berührt, mehr als irgendein Kerl zuvor. Sie würde es nicht ertragen, ihm dabei zusehen zu müssen, wie er eine andere Frau flachlegte.
   »So schlimm sieht dein BMW nicht aus«, sagte er und riss sie aus ihren Gedanken. Er fuhr langsam an dem Mietwagen vorbei, blickte in die Spiegel und wendete seinen Mercedes. »Ich bringe dich trotzdem zu einem Arzt.«
   Caroline verzichtete darauf, ihn anzusehen und blickte stattdessen stur in das Schneetreiben. Die Besorgnis, die erneut in seiner Stimme aufgeflammt war, schickte ein warmes Kribbeln durch ihren Körper. Sie seufzte. Um Freunde machte man sich auch Sorgen, oder nicht? Gut, das zwischen ihnen konnte man nicht unbedingt Freundschaft nennen. Er war der Freund ihres Halbbruders, obwohl er einige Jahre jünger war als Cole. Wie viele, wussten sie nicht. Aber dreißig war Lewis noch nicht. Sie schätzte ihn auf siebenundzwanzig.
   »Wir sollten die Polizei rufen«, sagte sie und blickte zu ihm.
   »Das erledige ich, wenn wir im Krankenhaus sind«, erwiderte er.
   Caroline ertrug seinen Blick nur ein paar Momente und wandte den Kopf ab. In dem atemberaubenden Blau seiner Augen lag tiefe Besorgnis, die wirkte, als gälte sie einem Menschen, den er gern hatte. Sehr gern. Wie seltsam.

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