Hannah hat vor langer Zeit jeglichen Kontakt zu Maxim abgebrochen, obwohl es die schwerste Entscheidung ihres Lebens war. Die einzig richtige, aber niemals hätte sie damit gerechnet, dass ihre Gefühle für diesen Mann überdauern würden. Als sie ihm erneut begegnet, trifft sie die Erkenntnis umso schmerzhafter, die ihr aus seinen eiskalten Augen entgegenklirrt. Er hasst sie für das, was sie ihm angetan hat ... Maxims Zwillingsschwester Aurora hingegen ist der festen Überzeugung, dass die Gefühle ihres Bruders längst nicht so abgekühlt sind, wie es scheint. Deshalb hat sie es sich auch in den Kopf gesetzt, die beiden ehemaligen Liebenden wieder zusammenzuführen. Dumm nur, dass Maxim nicht mitspielt und alles tut, um Hannah von sich zu stoßen. Bis zu jener Nacht nach dem Klassentreffen, in der die kalte Fassade bröckelt ...

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Nadine Ring

Nadine Ring
Nadine Ring hegt eine große Schwäche für schöne, tiefgreifende, taschentuchdezimierende Liebesgeschichten - sei es in Verbindung mit fantastischen Elementen oder im Kontext der Realität. Daher fühlt sie sich in den Genres Romantasy, Contemporary- und New-Adult-Romance sowie Romantic-Thrill ganz besonders gut aufgehoben. Im Dezember 1987 in Berlin geboren und aufgewachsen, hegt sie eigentlich den Wunsch vom Häuschen im Grünen. Nach einer vernünftigen Ausbildung folgte Nadine Ring ihrem Herzen und studierte ganz unvernünftig Germanistik und Publizistik.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Wiedersehen

Immer wieder strich Hannah über das rötlich eingefärbte Papier. Sie zeichnete die hervorgehobenen Schneeflocken nach, die in demselben Weiß gehalten waren wie die geschriebenen Zeilen: Einladung zum Klassentreffen der Jahrgänge 2004 – 2008 am 21.12.2013. Treffpunkt: die Turnhalle des Florentin-Gymnasiums.
   Warum gerade in der Vorweihnachtszeit? Das letzte Treffen vor dreieinhalb Jahren – an dem sie nebenbei bemerkt auch nicht teilgenommen hatte – war im Sommer organisiert worden und somit sehr viel verlockender gewesen. Wer besaß kurz vor Weihnachten schon die Zeit, in dieses Kaff zu reisen? Die meisten feierten ohnehin auswärts, holten ihre zurückgebliebenen Familienangehörigen über die Feiertage zu sich, sodass es hier alljährlich wie ausgestorben wirkte.
   Hannah war eine der Wenigen, die dieses langweilige Örtchen nach ihrem Abschluss nicht verlassen hatte. Die meisten waren in größere Städte gezogen, um zu studieren, zu arbeiten oder Praktika zu absolvieren. Hannah war geblieben. Freiwillig. Nun ja, mehr oder weniger.
   Seufzend ließ sie die Einladung auf den Tisch gleiten, vergrub das Gesicht in den Händen und rieb ein paar Mal über ihre kalten Wangen. Die Heizung war schon wieder kaputt, bereits das dritte Mal innerhalb der letzten vier Wochen, aber sie hatte keine Lust, sich ständig mit dem Vermieter herumzuärgern. Er war ein ziemlich unfreundlicher Kauz.
   Hätte sie mehr Zeit gehabt, wäre sie bei der Wohnungssuche gründlicher vorgegangen, doch sie hatte es keinen Tag länger in ihrem Elternhaus ausgehalten. Zu viele Erinnerungen an den Wänden, in den Ecken, die fauchten und kratzten, wann immer sie ihnen zu nahe kam. Zudem hatte sie mit dem Verkaufserlös einen Teil der Schulden abbezahlen können. Immerhin.
   Als sie ihren Tee ausgetrunken hatte, zog sie sich Mantel, Schal und Handschuhe über und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Dieses Mal würde sie nicht mit dem Fahrrad fahren – zu stürmisch.
   Sie mochte die Samstags-Spätschichten nicht, denn oftmals war das kleine Restaurant dann schrecklich laut und überfüllt. Dabei sollte man annehmen, nach fast sieben Jahren und unzähligen Spätschichten hätte sie sich allmählich daran gewöhnen müssen. Dem war nicht so. Sie hatte sich lediglich damit abgefunden. Wie mit so vielen Dingen, die sie nicht ändern konnte.

Unaufhörlich bewegte Hannah ihre Zehen, während sie die Bestellung einiger Jugendlicher entgegennahm. Die Wärme des Restaurants, das sie vor einer Viertelstunde durch den Mitarbeitereingang betreten hatte, brauchte eben ihre Zeit, um sich durch die aufgeweichten Schichten Stoff und das lädierte Leder zu kämpfen. Wer hätte auch ahnen können, dass drei Paar Socken plus Winterstiefel nicht ausreichend sein würden? Gut, die Schuhe waren alt und hielten nicht mehr so dicht, wie sie sollten, doch momentan konnte Hannah daran nichts ändern. Sie musste sparen und durfte sich keine Ausnahmen erlauben, auch wenn ihre Zehen darunter litten.
   Als sie die Nahrungswünsche der Teenager aufgenommen hatte, machte sie sich auf den Weg zurück an die Theke, um die Bestellung weiterzureichen.
   »An Tisch elf hat sich gerade eine kleinere Gruppe niedergelassen, könntest du dich darum kümmern? Lena ist vollkommen überfordert.«
   Hannah blickte in das gutmütige Gesicht ihrer langjährigen Kollegin Alma, ehe sie über ihre Schulter spähte, um Lena dabei zu beobachten, wie sie wild schnaufend durch den Laden stolperte. Sie war noch sehr jung, besuchte das letzte Jahr des Florentin-Gymnasiums und arbeitete erst seit Kurzem hier. Sie war eingestellt worden, als ihre Vorgängerin – ebenso jung, ebenso voller Tatendrang und Wünsche – gegangen war. So war das immer: Sie kamen und gingen. Als Hannah hier angefangen hatte, war sie auch so jung gewesen wie Lena und Anne und Marek und … sie konnte sich nicht mehr an die vielen Namen erinnern. Im Gegensatz zu all jenen war sie geblieben. Bis heute. Und das, obwohl sie immer hatte gehen wollen, um ihre Sehnsucht nach der Ferne zu stillen. Nach der großen, weiten Welt, die es zu entdecken gab – so viel schillernder, farbenfroher, lebendiger als dieses verschlafene Nest. Jetzt hatte sie nach so vielen Jahren endlich die Chance, nun war sie frei, doch die finanzielle Misere hielt sie hier. Es war wie ein Fluch, aber dennoch tat sie es weiterhin – hoffen. Das musste sie, denn ohne ein Ziel vor Augen hätte sie längst den Verstand verloren. Zweifellos. »Sicher, kein Problem.« Sie stieß sich von der Theke ab und schlenderte auf Tisch Nummer elf zu. Dabei rief ihr einer der Jugendlichen von eben eine weitere Bestellung zu, die sie seufzend notierte. Kein Grund, so herumzubrüllen, sie war schließlich nicht taub.
   Erst, als sie vor ihrem Ziel stand, sah sie auf, um den neu eingetroffenen Gästen die erforderliche Aufmerksamkeit zu schenken. Sie begegnete großen grünen Augen – vertrauten Augen – die ihre eigene Überraschung widerspiegelten. Das hübsche Gesicht hatte sich kaum verändert, lag noch immer zart und wunderschön vom dunklen Haar umrahmt.
   Hannah erstarrte, nahm nur am Rande den jungen Mann neben ihrer einstigen Freundin wahr, ehe sie den Kopf ruckartig wandte, um ihrer bösen Vorahnung die Substanz zu nehmen. Leider ohne Erfolg. Denn dort saß er … seiner Zwillingsschwester direkt gegenüber. Neben ihm eine rotblonde Frau, aber das war unerheblich, als sich ihre Blicke begegneten. Unter ihr tat sich der Boden auf und verschlang sie mit allem, was sie hatte. Das war nicht viel, aber genug, um ihr den Halt zu nehmen. Jeglichen.
   Bedauerlicherweise entsprach dies nicht der Realität, dabei hätte sich Hannah liebend gern in ein Erdloch gestürzt. Vor allem, als ihr die Eiseskälte bewusst wurde, mit der er sie niederstarrte. Eine Kälte, die durch die Luft splitterte und sie dort traf, wo es am meisten wehtat.
   Sie ließ den Block fallen – ihre zitternden Hände waren schuld. Sofort bückte sie sich nach dem Papier, doch jemand kam ihr zuvor.
   »Hallo Hannah, was für eine Freude!« Die hübsche Dunkelhaarige strahlte, während sie ihr den Block hinhielt.
   Nachdem sie ihn entgegengenommen hatte, erhob sich Hannah schnell und strich sich in alter Gewohnheit die Schürze glatt, und das länger als nötig. Noch immer stand sie unter Schock, hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Ganz ruhig, nur nicht die Nerven verlieren. Fest umklammerte sie den Kugelschreiber. »Ha…«, setzte sie an, räusperte sich, um ihrer Stimme die nötige Festigkeit zurückzugeben. Es hatte nur wenig Erfolg. Sie klang wie ein verschrecktes, kleines Mädchen. »Hallo«, hauchte sie, bevor sie zum Wesentlichen überging. »Was darf ich euch bringen?« Sie wollte kein Gespräch provozieren. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht, wenn er ihr so nahe war.
   »Hey, ich bin’s, Aurora. Erkennst du mich nicht?«
   Sch…eibenkleister! Wie könnte Hannah sie nicht erkennen? Aurora war schließlich eine gute Freundin gewesen … und die Schwester ihrer großen Liebe. Das Herz hämmerte ihr so heftig in der Brust, dass sie Sorge hatte, man könnte es erkennen. So ein Unsinn, sprach sie sich Mut zu. Es half nichts. Sie war ein reines Nervenbündel, vollkommen überwältigt von dieser Situation. Hiervor hatte sie sich all die Jahre gefürchtet. Nur aus diesem Grund hatte sie den Kontakt zu Aurora gekappt, als diese mit Maxim nach New York zum Studieren gegangen war. Zwar hatte es anfänglich noch das eine oder andere Telefonat gegeben, doch bald war Hannah nicht mehr an den Hörer gegangen, wenn sie die Nummer ihrer Freundin auf dem Display hatte aufleuchten sehen. Ebenso waren all die Nachrichten auf ihrem AB unbeantwortet geblieben. Sie hatte sich nicht mehr zurückgemeldet. Nie. Eben deshalb, weil die Gefahr zu groß gewesen wäre, dass sie Maxim früher oder später zwangsläufig über den Weg laufen würde, wenn sie die Freundschaft zu seiner Schwester aufrechterhalten hätte, und das hatte ihr eine Heidenangst eingejagt. Sie hatte sich davor gefürchtet, ihm irgendwann wieder in die Augen sehen zu müssen, nachdem sie damals Nein gesagt und alles zunichtegemacht hatte. Dass Hannah mit ihrer Furcht nicht übertrieben hatte, war wohl nicht von der Hand zu weisen. Sein Blick war unmissverständlich. Er hasste sie, und das brach ihr nach all den Jahren ein zweites Mal das Herz. »Ich … natürlich erkenne ich dich, Aurora. Es ist nur gerade viel los«, erklärte Hannah und strich sich erneut über die Schürze. Sie sah furchtbar aus! Und genauso fühlte sie sich auch. Furchtbar unzulänglich. Sie war sich wohl bewusst, dass alle Augenpaare dieser kleinen Gesellschaft aus Designerfummel-Trägern auf ihr ruhten. Aber die anderen waren ihr egal, nur er machte sie entsetzlich nervös. Er und sein Blick, den sie aus den Augenwinkeln sehen konnte, den sie zu spüren glaubte. Rasend und erbarmungslos verbrannte er ihre Haut. Es tat so weh, dass sie es nicht länger ertrug und den Kopf übertrieben weit über den Block beugte, bis ihr Haar wie ein Vorhang nach vorn fiel und sie schützte.
   Aurora schien verstanden zu haben, dass Hannah nicht in Plauderstimmung war, denn sie äußerte gleich darauf ihre Bestellung. Eine zarte Wehmut durchzog ihre Worte, aber sie konnte darauf keine Rücksicht nehmen. Natürlich tat es ihr leid, ihre ehemalige Freundin vor den Kopf zu stoßen, aber sie hatte keine andere Wahl. Kein einziger klarer Gedanke wollte sich einstellen, ihr Kopf brummte und schien zum Rhythmus ihres Herzens zu schwirren. Wirr und konfus.
   Rasch schmierte sie auch die Bestellungen der anderen beiden, ihr fremden Personen auf den Zettel, während sie versuchte, das armselige Zittern ihrer Finger unter Kontrolle zu bekommen. Es wollte ihr nicht gelingen. Ihre Schrift war nie hässlicher gewesen.
   »Gin Tonic«, drang schließlich seine Stimme zu ihr durch, rau und verheerend. Sie war noch wie damals … und doch anders. Fester, erfahrener. Sie zeugte von Standhaftigkeit, Selbstbewusstsein und einer gewissen arroganten Langeweile.
   Es erwischte sie heftig. Ein flirrender Schauder lief ihr über den Rücken, ihre Handflächen wurden unangenehm feucht, und auch ihre Knie ließen sie im Stich, bebten, als wären sie aus Pudding. Sie hatte ihn so sehr vermisst … so sehr. Nun war er ihr nahe wie schon lange nicht mehr und doch war die Entfernung zwischen ihnen unüberwindbar. Hannah kämpfte mit ihren Erinnerungen. Und den Tränen.
   Was hatte sie erwartet? Sie hatte ihn damals ohne Erklärungen abgewiesen und jeglichen Kontakt zu ihm abgebrochen, und das, obwohl sie so eine einzigartige, wunderschöne Zeit zusammen verbracht hatten. Eine solche Behandlung verdiente niemand, schon gar nicht der Mensch, den man am allermeisten liebte.
   Hannah hatte ihre Gründe gehabt. Natürlich hatte sie die, doch davon wusste er nichts. Er würde es auch niemals erfahren. Nach all den Jahren spielte es ohnehin keine Rolle mehr.
   Hektisch notierte sie alles und murmelte ein »Kommt sofort«, ehe sie davonstürmte. Himmel, noch auffälliger hätte sie sich nicht verhalten können. Ein wenig atemlos erreichte sie die Theke und schob Alma den Zettel hin. »Hier ist die Bestellung, den Rest muss Lena machen.« Sie würde nicht wieder an Tisch Nummer elf zurückkehren.
   Alma entging ihr sonderbares Verhalten selbstverständlich nicht, dafür kannte sie Hannah viel zu gut. Skeptisch beäugte sie sie. »Alles in Ordnung, Schätzchen? Du bist ja vollkommen durch den Wind.«
   Hannah vernahm die Sorge in Almas Stimme. Sie war schon immer eine sehr aufmerksame und vor allem liebe Frau gewesen. Und obwohl sie drei Jahrzehnte älter war als Hannah, verstanden sie sich ausgezeichnet. Hannah hatte sie über die Jahre fest ins Herz geschlossen und sich ihr in der Vergangenheit oft anvertraut. Meistens dann, wenn ihre Mutter mal wieder einen ihrer tyrannischen Anfälle gehabt und sie geglaubt hatte, sie würde nicht noch länger durchhalten. Alma war immer da gewesen und wusste deshalb auch genau, wenn etwas nicht stimmte. Und gerade stimmte so gar nichts. »Äh … klar, ich bin nur etwas gestresst, das ist alles.« Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um Alma ihr Herz auszuschütten.
   »Wegen der verdammten Aasgeier?«, schimpfte die Ältere.
   »Ja … genau«, nahm sie die Gelegenheit beim Schopf, denn gelogen war dies nicht. Die stressten sie ohnehin permanent.
   »Hannah, Liebes, das Angebot steht noch, hörst du?« Eindringlichkeit und Nachdruck begleiteten ihre Worte. »Robert hat auch nichts dagegen. Ich habe schon alles mit ihm besprochen. Wir würden dir wirklich sehr gern helfen.«
   Hannah wurde warm ums Herz ob der Fürsorglichkeit, aber sie konnte dieses großzügige Angebot nicht annehmen. »Ich weiß das wirklich zu schätzen, aber ich möchte keine Schulden bei Freunden machen, das wäre noch schlimmer als bei diesen Kreditheinis.« Sie seufzte, wischte sich eine lästige Strähne von der Wange und fuhr sich abermals über die Schürze. »Könntest du Lena Bescheid geben, dass sie Tisch elf übernimmt?«, wechselte sie das Thema. Das war wichtiger.
   Doch Alma war nicht auf den Kopf gefallen – und blind erst recht nicht. Daher genügte ein genauerer Blick zum besagten Tisch und sie begriff schlagartig, wo das Problem lag. Ganz zu Hannahs Verdruss.
   »Irre ich mich, oder sitzt da die kleine Hubar?« Sie runzelte die Stirn, ehe sich ihre Augen überrascht weiteten. »Und ihr gegenüber … das ist doch nicht etwa …?«
   Ja … ganz genau.
   Leider Gottes.

Kapitel 2
Eskapaden

Hannah atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. Genau das hatte sie vermeiden wollen, denn Alma wusste um ihre Gefühle für Maxim, auch wenn es lange her war, dass sie das letzte Mal von ihm gesprochen hatte. »Doch … so ist es«, murmelte sie und zuckte kapitulierend mit den Schultern.
   »Du meine Güte. Der ist ja ein richtiger Mann geworden! Und was für einer …«
   Alma war wirklich ein außerordentlich gutmütiger Mensch, nur manchmal fehlte es ihr an Taktgefühl. »Danke, das ist mir nicht entgangen«, murrte Hannah.
   Alma streckte die Hand aus und legte sie ihr auf die Schulter. Fest sah sie ihr in die Augen. O verflixt, sie kannte diesen Blick.
   »Aber Schätzchen, warum willst du ihm aus dem Weg gehen? Das ist die Gelegenheit! Jetzt, wo du nicht mehr gebunden bist.«
   »Was? Das … kann unmöglich dein Ernst sein.«
   »Natürlich ist das mein Ernst. Warum auch nicht?«
   »Es ist viel zu viel Zeit vergangen. All die Jahre … Sieh ihn dir nur mal an. Wir leben in verschiedenen Welten.«
   »Falsch. So wie ich das sehe, lebt ihr beide auf der Erde.«
   Hannah verzog das Gesicht. »Du weißt, was ich meine. Außerdem ist er in Begleitung hier.«
   »Begleitung? Ich sehe niemanden.«
   »Das kannst du von hier aus auch nicht. Sie sitzt neben ihm.«
   »Und wenn schon! Die erste große Liebe vergisst man nie. Sieh mich und meinen Robert an.«
   »Wir waren fast noch Kinder …«
   »Und doch hast du mit ihm und dem, was ihr hattet, bis heute nicht abschließen können. Deine Argumente werden löchrig, meine Liebe.«
   »Er hasst mich«, flüsterte sie. Seine Augen hatten ihn verraten.
   »So ein Unsinn. Warum sollte er?«
   »Warum? Ist das nicht offensichtlich? Ich habe ihn verletzt.« Benommen schüttelte sie den Kopf.
   Alma seufzte, ehe sie Hannahs Gesicht in beide Hände nahm und sie mit eindringlicher Zärtlichkeit musterte. »Du hast vor allem dir selbst wehgetan, Kindchen. Und wofür? Für eine Mutter, die dein selbstloses Opfer nicht im Geringsten zu würdigen wusste.«
   Mit einem Mal war er wieder da, so präsent wie vor sechs Jahren. Der Schmerz des Verlustes. Mit einem Mal wurde sich Hannah wieder bitterlich bewusst, was sie alles aufgegeben, was sie verloren hatte … und wie es nun hätte sein können, wenn sie Ja zu ihm, und Nein zu ihrer Mutter gesagt hätte. Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie glaubte, sie wäre über Maxim Hubar hinweg. Zeiten, in denen der Selbstbetrug hervorragend funktioniert hatte. Nun wurde ihr klar, dass all das nur eine große Lüge gewesen war. Nichts war besser geworden. Die Zeit hatte keine Wunden geheilt, hatte sie bestenfalls betäubt, und nun, da er ihr so erschreckend nahe war, hatte sie keine Chance, sich weiterhin etwas vorzumachen. Die Wunden platzten auf und Hannah würde den Rest ihrer Schicht damit zu kämpfen haben, nicht auf dem Boden des Restaurants zu verbluten. Das durfte sie nicht. Sie musste warten, bis sie daheim war und niemand zusah.
   Als sie ihre Tränen aufkommen spürte, wandte sie sich von Alma ab und griff nach den fertigen Bestellungen. »Die Gäste warten«, krächzte sie und machte sich sofort auf den Weg, um sich in ihre Arbeit zu flüchten.
   Die nächsten Stunden zogen sich unerbittlich in die Länge. Sie verfluchte jede einzelne Minute, denn die Hubars und ihre Freunde bestellten und bestellten, erweckten nicht den Anschein, als wollten sie sobald wieder gehen. Glücklicherweise hatte sich die Anzahl der übrigen Gäste schon etwas gelichtet, sodass Lena mit ihren Tischen zurechtkam. Hannah musste also nicht noch einmal an Tisch Nummer elf zurückkehren, worüber sie unglaublich dankbar war. Doch auch wenn sie stets einen großen Bogen um diesen machte, erwischte sie sich des Öfteren dabei, wie sie verstohlene Blicke auf die kleine Gesellschaft warf.
   Nun, so war das nicht korrekt. Sie warf ausschließlich Maxim die Blicke zu – dann, wenn keine Gefahr bestand. Und sie stellte fest, dass er noch immer der schönste Junge … Mann für sie war. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er noch ein halber Teenager gewesen, doch von den jungenhaften Zügen hatte er nichts zurückbehalten. Die Konturen seines Gesichts wirkten schärfer, Kreuz und Schultern breiter und unbequem gerade. Er trug das schwarzbraune Haar kürzer und vor allem ordentlicher. Seine gesamte Haltung hatte etwas Überlegenes, obwohl es nicht so schien, als würde er diesen Eindruck bewusst provozieren. Trotz all dieser Veränderungen konnte sie die Ähnlichkeit zu dem Jungen von damals noch erkennen. Nur seine Augen waren ihr fremd. Seine Augen und das Eis darin …
   Hannah schwankte an diesem Abend zwischen Verzweiflung und Erbitterung. Sie konnte nicht begreifen, weshalb ihr das Schicksal einen so miesen Streich spielte. Warum hatte es die Hubar-Zwillinge und ihre Freunde ausgerechnet in diese kleine, unmodische Gaststätte geführt und nicht in das schicke Restaurant im Zentrum? Da passten sie mit ihren mondänen Kostümen und Anzügen doch viel besser hinein.
   Einmal mehr glättete sie den Stoff der Schürze. »Ich bin kurz an der frischen Luft«, rief sie Alma zu, die gerade mit der Zubereitung einiger Getränke beschäftigt war.
   »Natürlich, Liebes.« Sie schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Leider verfehlte es seine Wirkung.
   Hannah verließ den Gästebereich, lief den schmalen Gang entlang, von dem Lager und Besuchertoiletten abgingen, ehe sie durch den Mitarbeiterausgang nach draußen stieß. Augenblicklich wurde sie von der schneidenden Kälte umarmt. Da sie sich nichts übergezogen hatte, wirkte die eisige Nachtluft wie ein Schock, aber sie hieß die Kälte willkommen, denn sie dämpfte die Hitze ihres Gemüts. Und obwohl sie sogleich bitterlich zu frieren begann, blieb sie einige Minuten im dämmrigen Schein der kleinen Lampe stehen und atmete tief durch. Das hatte ihr die letzten Stunden gefehlt. Zu atmen.
   Die Kälte wurde aufdringlicher und trieb sie schließlich zurück in das geheizte Gebäude. Gedankenverloren durchquerte sie den Flur, und als sie um die Ecke und in den Besucherbereich bog, stieß sie mit jemandem zusammen. Das folgende Schauspiel glich keiner dieser klischeehaften Szenen, in denen das ungeschickte, bis über beide Ohren verknallte Mädchen gegen ihren Schwarm rannte. Nein. Es war viel schlimmer. Sie kollidierte mit der schönen Rotblonden, Maxims Begleitung. Diese kam in ihren schwindelerregend hohen Pumps ins Wanken. Reflexartig griff Hannah nach den Oberarmen der Frau, um sie festzuhalten. Leider misslang dieses Unterfangen auf ganzer Linie, denn auch Hannah verlor darüber ihr Gleichgewicht, und so stürzten sie beide. Die Blonde schrie, Hannah stöhnte.
   »Du ungeschickter, blinder Dorftrottel«, keifte die Frau. »Schau dir an, was du angerichtet hast!« Sie wies auf einen kleinen Riss an der Seite ihres Kostüms.
   Wie paralysiert starrte Hannah auf den gerissenen Stoff – ihr wurde übel. Es folgte eine Ansammlung an wilden Flüchen und unflätigen Beleidigungen, die ihr geradewegs ins Gesicht geschmettert wurden. Diese hübsche Frau mit ihrer akkuraten Garderobe hatte ein ziemlich schmutziges Mundwerk und Hannah mittlerweile einen glühenden Kopf, denn sie konnte die Blicke der Gäste förmlich spüren.
   Und wer hätte gedacht, dass es noch schlimmer werden würde? Es ging viel zu schnell. Sie realisierte erst, was geschehen war, als die blonde Furie bereits aufgesprungen und um die Ecke in Richtung Toiletten gestürmt war.
   Benommen hob sie ihre Hand und legte sie sich auf die schmerzende Wange. Sie war geohrfeigt worden. Hier. Vor all den Leuten. Vor ihm. Geohrfeigt, als wäre ihre Würde eine Sandburg, die man bedenkenlos niedertrampeln durfte. In solchen Momenten wünschte sich Hannah, sie wäre nicht derart passiv. Ihr Verhalten war geradezu kriecherisch, aber nichts anderes hatte sie all die Jahre unter der Tyrannei ihrer Mutter getan. Sie war gekrochen. Immer. Und sie hatte vergessen, wie man aufrecht stand.
   »Mein Gott, Hannah, alles okay?«, rief Alma aus einiger Entfernung, und eilte von der anderen Seite des Raumes herbei.
   Noch ehe sie sie erreicht hatte, nahm Hannah eine sehr viel raschere Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Irritiert hob sie den Kopf, doch als sie die hochgewachsene Statur und den teuren Anzug bemerkte, ließ sie ihn sofort wieder sinken. Sie würde es nicht wagen, ihm nun ins Gesicht zu sehen. Nicht, nachdem sie seine todschicke Freundin umgerannt hatte und so formvollendet von dieser geohrfeigt worden war. Sie würde keinen weiteren Gefrierbrand ertragen. Am Ende dachte Maxim vielleicht noch, dass sie das absichtlich getan hatte. O Gott …
   Umständlich versuchte sie, sich aufzurichten, doch sie kam ins Stocken, als Maxim plötzlich vor ihr stehen blieb. Dabei hatte Hannah fest damit gerechnet, dass er eiskalt an ihr vorbeirauschen würde, um seiner Begleitung hinterherzueilen. Ein kleiner Teil in ihr hatte auch die Befürchtung gehabt, er würde im Vorbeigehen auf sie spucken. Immerhin hatte der heutige Abend einen Haufen Gemeinheiten für sie bereitgehalten. Warum dem ganzen Horror nicht noch ein Krönchen aufsetzen?
   Doch Maxim war nicht an ihr vorbeigegangen, er war stehen geblieben. Und er hatte sie auch nicht angespuckt. Nun, bisher zumindest nicht.
   Er räusperte sich – eine klare Aufforderung. Vorsichtig kam sie dieser nach, blickte zu ihm auf, und begriff, was er von ihr wollte. Ihr helfen! Er wollte ihr tatsächlich helfen. Sie fiel aus allen Wolken, konnte es nicht fassen, wo er doch vorhin nur Ablehnung für sie übrig hatte.
   Er hielt ihr seine Hand hin, blieb geduldig, obwohl Hannah unhöflich lange zögerte. Für manch einen musste es aussehen, als wäre sie massiv begriffsstutzig, dabei war sie nur verwirrt und überfordert. Beides ziemlich hochgradig.
   Zurückhaltend hob Hannah den Arm, legte ihre Hand in seine. Es war eine große, warme, sanfte Hand. Eine Hand, die Hannah nie wieder loslassen wollte, aber musste, denn sie entzog sich ihr sofort, nachdem sie wieder aufrecht stand. Es war der Beweis, dass es sich bei dieser Geste um reine Höflichkeit handelte – nichts weiter. Und doch war da dieses blöde Etwas, das sich Hoffnung nannte. Eine Empfindung, die sie nicht zulassen wollte, weil das nur schmerzte. Am Ende, wenn sie zerbrach.
   Er war nur höflich, mehr nicht. Oder? »Danke«, krächzte Hannah. Es fiel ihr schwer, ihm in die Augen zu sehen, denn das Eis war nicht gewichen.
   Maxim erwiderte nichts. Sie bekam nicht einmal ein Nicken. Himmel, nicht einmal ein simples Nicken! Er starrte sie nur an.
   Als Alma einen Moment darauf an Hannahs Seite erschien und ihr zärtlich über die Schultern strich, schritt Maxim stoisch an ihnen vorbei, um seiner Freundin auf die Toilette zu folgen. Das vermutete Hannah jedenfalls. Die arme Frau konnte seelischen Beistand gebrauchen, immerhin hatte ein dummer Dorftrottel ihr teures Kleid ruiniert.
   »Hey … alles in Ordnung, Liebes? Tut es sehr weh?«
   Es tat schrecklich weh, aber die anhaltende Benommenheit half ihr, den Schmerz zu betäuben. Er würde sich jedoch nicht ewig zurückdrängen lassen. Er würde sie überfallen – mit grausamer Wucht. Dessen war sie sich sicher. Sie musste bloß dafür sorgen, dass es nicht hier geschah. Nur nicht hier. Sie schüttelte den Kopf. »Alles okay.« Scherzkeks.
   Mittlerweile hatten sich die Gäste wieder ihren eigenen Angelegenheiten zugewandt, dennoch fing Hannah den einen oder anderen Blick auf. Das alles wäre aber nur halb so schlimm, müsste sie nicht jederzeit mit der Rückkehr von Maxim und seiner Begleitung rechnen. Sie wollte keinem von beiden noch einmal gegenübertreten – und schon gar nicht im Doppelpack. Die Showeinlage von eben hatte bereits arg an ihren Kräften gezehrt.
   »Liebes, wie wäre es, wenn du Simon nach vorn schickst und an seiner Stelle für den Rest der Schicht in der Küche aushilfst?«, bot Alma ihr an, denn sie schien genau zu wissen, was in Hannah vorging. Wie praktisch, dass es ihr als Frau des Restaurantchefs möglich war, derartige Entscheidungen zu treffen.
   Hannah nickte und zögerte keine Sekunde, dieses Angebot anzunehmen. Sie konnte nicht anders, auch wenn ihr dieser feige Rückzug das letzte bisschen Stolz und Selbstbewusstsein aberkannte. Sie war gewillt, diesen Preis zu zahlen. In ihrem Leben hatte sie schon weitaus höhere Rechnungen beglichen. Was kam es da auf die eine oder andere mehr an?
   Mit diesen und ähnlichen Gedanken versuchte sich Hannah, ihr fluchtartiges Verhalten schönzureden. Doch als sie sich in die Küche zurückgezogen hatte und die aufgebrachte Tirade der Furie aus dem Gästebereich hereinschallen hörte, die ausdrücklich nach dem blinden Dorftrottel verlangte, fühlte sie sich absolut mies. Sie wünschte sich einmal mehr, dass sie mutiger wäre und das Rückgrat besäße, nun dort hinauszugehen und sich der Situation zu stellen. Aber sie war nicht mutig, und ihr Rückgrat weich wie Gummi, weil sie ihrer Mutter gegenüber immer nachgegeben hatte. Das war überlebensnotwendig gewesen, denn es hatte ihr zumindest ein wenig Frieden verschafft.
   Irgendwann war das Gekeife vorbei und Hannah unendlich erleichtert, als Alma ihr mitteilte, dass die Hubars das Restaurant verlassen hatten.
   Zweieinhalb Stunden später fiel sie vollkommen ausgelaugt in ihr Bett und wartete auf die Tränen. Sie kamen nicht, ließen sie im Stich. Dabei hätte sie sich gern den Ballast von der Seele geheult.
   Nun, da niemand zusah.

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