Als Finn Gallagher erfährt, dass Penelope Parker mit ihrer Tochter ins beschauliche Städtchen Willow Creek zurückkehrt, ist er wild entschlossen, die attraktive Brünette auf Distanz zu halten. Schließlich brach ihm die Schwester seines besten Freundes einst das Herz. Dennoch lässt der Gedanke an sie seinen Puls in ungeahnte Höhen schnellen. Finn ahnt nicht, dass Penny ebenfalls triftige Gründe besitzt, ihm aus dem Weg zu gehen. Obwohl sich beide dagegen wehren, fühlen sie sich magisch voneinander angezogen, und es fällt ihnen schwer, dem verführerischen Knistern zu widerstehen. Ihre aufflammende Leidenschaft zieht jedoch fatale Folgen nach sich. Als sich die Lage dramatisch zuspitzt, gerät nicht nur Pennys Tochter in Lebensgefahr.

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ISBN: 978-9963-52-769-4

Seiten: 343

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Kate Sunday

Kate Sunday
Kate Sunday ist ein Pseudonym der deutschen Autorin Kerstin Sonntag. Seit 2012 verzaubert sie ihre Leser mit gefühlvollen, romantischen Liebesgeschichten. Als Kate Lynn Mason schreibt sie prickelnd-erotische, sexy Romance sowie New Adult. Unter ihrem richtigen Namen entwirft sie Geschichten für Kinder. Geboren in Köln und aufgewachsen in Süddeutschland, arbeitet und lebt die Autorin heute mit ihrer Familie an der Bergstraße. Sie ist Mitglied bei Delia, der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1. Kapitel

Zur Hölle mit den Männern! Penny hoffte inständig, dass der Herr mit dem Dreispitz höchstpersönlich ein nettes Plätzchen dicht am Feuer für Jason Atkins reservierte. Unsanft zerrte sie am Reißverschluss ihrer prall gefüllten Reisetasche, sodass sie sich prompt den Zeigefinger klemmte. Sie beschloss, den Schmerz zu ignorieren und zog beharrlich weiter. »Verflixtes, widerspenstiges Ding, warum willst du nicht so wie ich?« Endlich gelang es ihr, die Tasche zu schließen. Sie richtete sich auf und strich sich eine lästige Haarsträhne aus der Stirn. Ihr Blick fiel auf ein silbergerahmtes Bild, auf dem Jason sein schönstes Zahnpastalächeln zeigte. Mit einer Handbewegung fegte sie das Foto von der Kommode. Das hässliche Klirren, das auf dem Fuße folgte, klang wie süße Genugtuung in ihren Ohren. »Glaubst wohl, du kannst mich für dumm verkaufen, was? Wie konnte ich nur jemals …?« Ihre Schimpftirade verstummte abrupt. »Oh, hallo Schatz.« Seit wann hatte Abigail dort gestanden?
   »Mommy? Mit wem sprichst du?« Abbys blaue Kulleraugen scannten den Raum.
   »Ach, mit niemandem. Mommy führt Selbstgespräche, Sweetheart.« Yep. Mommy dreht langsam, aber sicher durch. Sie stieß ein künstlich klingendes Lachen aus und bückte sich, um die Glasscherben vom Parkettboden aufzuklauben. Anschließend warf sie den kaputten Rahmen inklusive Jasons dümmlich grinsendem Gesicht in den Papierkorb. Es war an der Zeit, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Sie hatte einfach kein Glück mit den Männern. Nein. Sie war eine von jenen Frauen, die mit schlafwandlerischer Sicherheit stets nach den Falschen griffen. »Sag mal, hast du deinen Rucksack fertig gepackt? Wir sollten langsam los«, sagte sie zu Abby, bemüht, ihrer Stimme Fröhlichkeit zu verleihen. »Ich bin sicher, Nana wartet bereits.« Schließlich konnte Abby nichts dafür, dass sie auf einen Idioten hereingefallen war. Schon wieder.
   »Und Tommy auch.« Abby vergrub ihre Nase in dem karamellfarbenen Fell ihres Teddybären, den sie an ihre schmale Brust presste.
   »Und Tommy«, bestätigte Penny. Ihre Tochter fieberte nicht nur danach, die heiß geliebte Großmutter, sondern auch deren behäbigen Kater in die Arme schließen zu dürfen. Tiere übten auf Abby eine magische Anziehungskraft aus.
   Wenige Minuten später hatte Penny ihre Tochter samt Gepäck und Teddy in ihrem mitternachtsblauen Ford verstaut. Sie manövrierte den SUV aus der Parklücke und reihte sich in den zäh dahinfließenden Morgenverkehr ein. Die Straßen von Downtown Asheville vibrierten bereits vor Geschäftigkeit. Natürlich hatte es seine Vorteile, in einem schicken Apartment mitten in der City zu wohnen. Der Lärm, das Gewimmel und der dichte Verkehr nervten sie jedoch heute mehr als sonst. Kein Wunder, denn sie war übermüdet, hatte kaum geschlafen. Ihre Gedanken waren ständig um Jason gekreist. Auch Stunden später saß die Enttäuschung wie ein tiefer Splitter in ihrem Fleisch. Ob die Sache mit ihm überhaupt noch Sinn machte? Zähneknirschend rief sie sich zur Ordnung, als sie neue Tränen aufsteigen spürte. Sie wollte sich vor Abby keine Blöße geben. Fehlte noch, dass sie zu weinen anfing und ihr sorgfältig aufgetragenes Make-up ruinierte. Schließlich hatte es lang genug gedauert, bis sie alle Spuren der vergangenen Nacht beseitigt hatte. Nein, keine einzige Träne mehr würde sie wegen dieses Scheusals vergießen. Sie dachte nicht daran, sich das bevorstehende Wochenende durch trübe Gedanken verderben zu lassen. Sie würden zwei wunderbare Tage in Willow Creek verbringen, um mit ihrem Bruder Sam und seiner zweiten Frau Hannah Hochzeit zu feiern. Tja, von einem weißen Spitzenkleid und einem funkelnden Ring am Finger hatte sie auch geträumt. Dieser schöne Traum war nun verpufft. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Verdammt. Sie würde nicht weinen! Ihre Finger krampften um das Steuer ihres Wagens, bis die Knöchel weiß hervortraten.
   »Mommy, was ist los?« Abby besaß feine Antennen.
   Penny spähte blinzelnd in den Rückspiegel. »Alles in Ordnung«, versicherte sie rasch. Nichts war in Ordnung, rein gar nichts. Noch immer konnte sie es nicht fassen, dass Jason sie mit der rothaarigen Hexe aus dem zweiten Stock betrogen hatte. Ausgerechnet mit dieser Kuh, die ihre Kurven in billiges Elastan zwängte und sich mit Glitzerschmuck behängte wie ein bescheuerter Weihnachtsbaum. Was hatte die ihm außer einem zugegebenermaßen äußerst biegsamen Körper (was in der Natur der Sache lag, da sie als Aerobiclehrerin jobbte) zu bieten? Waren Männer so einfach gestrickt? Eigentlich müsstest du das nach all den Jahren endlich kapiert haben, Penelope. Sie versuchte, die Stimme in ihrem Kopf, die sie verblüffend an ihre Mutter erinnerte, zu ignorieren. Wenn sie ehrlich war, hatte es Anzeichen dafür gegeben, dass Jason kein Kostverächter war. Sie hatte das leise Schrillen der Alarmglocken ignoriert. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Sein hemmungsloses Flirten mit der attraktiven Brünetten in Wendy’s Diner, das sie großzügig mit seinem übermäßigem Weinkonsum entschuldigt hatte. Seine interessierten Blicke, wenn eine knapp bekleidete Frau auf dem Gehweg vorbeistöckelte. Die kleinen, wie zufällig wirkenden Berührungen, das vertrauliche Augenzwinkern, wenn er auf ihre Freundin Jenna traf. Jason mochte Jenna eben gut leiden, hatte Penny versucht, sein Verhalten zu rechtfertigen. Was war schon dabei? Welcher Mann sah nicht gern einer hübschen Frau hinterher? Gott, Penny, wie konntest du nur so blauäugig sein?
   Sie schaltete in den nächsten Gang, während ihre Gedanken zum gestrigen Abend zurückwanderten. Sie hatte sich mit Jenna auf einen Drink in Delilah’s Cocktail Lounge verabredet und Jason gebeten, sich um Abby zu kümmern. Jason, der drei Blocks weiter ein todschickes Loft sein Eigen nannte und die meiste Zeit ohnehin bei Penny in der Hickory Road verbrachte, hatte großspurig versichert, das sei überhaupt kein Problem. Gekümmert hatte er sich allerdings weniger um Abby als um Candice. Penny hatte die beiden Turteltauben in ihrer Wohnung auf der Couch bei Kerzenlicht erwischt, wo Jasons Hände eifrig Candices nackten Körper erforschten.
   Als Penny ins Zimmer trat, weiteten sich seine Augen vor Überraschung. »Schon … so früh?«, keuchte er, sich offensichtlich mitten in einem Aufruhr der Hormone befindend.
   Candice warf den Kopf zurück, sodass sich ihr flammend rotes Haar wie feurige Lava über ihre Schultern ergoss. »Früh? Nein, mein Hase, ich bin noch lange nicht fertig mit dir.« Als er nicht reagierte, folgte sie seinem starren Blick. Ihr Lachen erstarb.
   »Tja«, sagte Penny mit einer Stimme, die einem arktischen Windhauch am Nordpol gleichkam, »ich schätze, die Party ist vorbei.« Sie knipste das Deckenlicht an.
   Candice löste sich von Jason, sprang auf und klaubte hastig ihre Kleidung vom Boden auf. »Ich … äh geh dann mal«, meinte sie überflüssigerweise, bevor sie sich in den Flur verzog.
    Mit einer Hand sein bestes Stück bedeckend, angelte Jason nach seinem Slip. »Ich hab dich noch nicht zurückerwartet, Honey.«
   »Offensichtlich.« Vor Wut zitternd verfolgte Penny, wie er sich ankleidete. Sie wich zurück, als er sich ihr näherte.
   »Honey. Reg dich mal nicht auf. Es war doch nur …«
   »Spar dir die Mühe, Jason.« Sie spürte bittere Galle aufsteigen. Natürlich warf sie ihn hinaus. Stopfte seinen Pyjama, Unterwäsche, ein paar frische Hemden und seinen Waschbeutel – Dinge, die er im Lauf der Zeit in ihre Wohnung angeschleppt hatte – in eine Reisetasche und drückte ihm die Sachen in die Hand. Anschließend knallte sie ihm die Wohnungstür in sein verdutztes Gesicht. Was verdammt noch mal hatte er erwartet? Dass sie ihn lächelnd bitten würde, ihr bei einem gepflegten Glas Chardonnay Einzelheiten über sein Techtelmechtel zu berichten? Abby, die der nächtliche Tumult geweckt hatte, fing in ihrem Zimmer zu weinen an. Penny hatte ihre liebe Mühe, sie zu beruhigen. Sie kuschelte sich zu ihr in die Prinzessinnenbettwäsche und wartete, bis sie wieder eingeschlafen war. Dann erst ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Sie schluckte hart, als die Erinnerung ihre Gefühle hochkochte.
   »Mommy, kommt Jason nicht mit uns nach Willow Creek?« Abby ließ auf dem Rücksitz einen Kaugummi knallen.
   »Nein, Sweetheart.« Möglichst unauffällig wischte Penny mit dem Handrücken über die Wangen. Nur zur Sicherheit. »Wir fahren allein. Du und ich.«
   »Aber wieso? Warum kann er nicht mitkommen?«
   »Das habe ich dir doch erklärt. Jason hat andere Pläne.« O ja, die hatte er garantiert. Vermutlich vergnügte er sich in genau diesem Augenblick auf dem mit Satin bezogenen Bett dieses Luders und schlürfte Champagner aus ihrem gepiercten Bauchnabel. Penny schüttelte sich innerlich. Die Fantasie ging mit ihr durch. Sie verscheuchte die Hirngespinste. »In einer knappen Stunde sind wir in Willow Creek.«
   Abby trommelte voller Begeisterung mit den Fersen ihrer weißen Lackballerinas gegen den Sitz. »Warum fahren wir eigentlich nicht öfter zu Nana nach Willow Creek, Mommy?«
   Abby betete ihre Nana förmlich an. Was nicht verwunderlich war, denn Nana verwöhnte sie nach Strich und Faden, wenn sie Abby in Asheville besuchte. Sie kochte mit Hingabe ihr Leibgericht: Spaghetti mit Köttbullar und Preiselbeerkompott. Spielte stundenlang Scrabble mit ihr oder las ihr Geschichten von Pippi Langstrumpf vor. Penny bemühte sich, die gegenseitige Zuneigung vorbehaltlos zu akzeptieren. Insgeheim jedoch fühlte sie jedes Mal einen leisen Stich. Warum betrachtete Emilia sie nicht mit derselben unverhohlenen Freude, wie sie es bei Abby tat?
   »Das ist nicht so einfach«, beantwortete Penny nun Abbys Frage. Sie warf einen prüfenden Blick in den Rückspiegel, bevor sie ausscherte, um einen altersschwachen Chevy zu überholen. An diesem Morgen schienen sich wieder einmal alle Sonntagsausflügler verabredet zu haben, Asheville und seinem Frühlingsblumenfestival einen Besuch abzustatten. Ein UPS-Van setzte sich so knapp vor ihren Wagen, dass sie hart auf die Bremse treten musste, um ihm nicht ins Heck zu rauschen. »Armleuchter! Alles okay, Liebes?«
   Abby ignorierte ihre Frage. Sie beschäftigten offensichtlich andere Dinge. »Mommy, wenn wir Onkel Sam auf Green Acres besuchen, kann ich dann auf den Eseln reiten?«
   »Bestimmt.« Über Pennys Miene huschte ein kleines Lächeln. »Hör zu, Mommy muss sich auf den Verkehr konzentrieren. Warum spielst du nicht ein bisschen mit deinen Barbies?«
   »Okay.«
   Während sich Abby in ihr Spiel vertiefte, folgte Penny der Patton Avenue stadtauswärts. Ihre Gedanken eilten voraus. Sie sah der Ankunft in Willow Creek mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits freute sie sich, ihre Heimat wiederzusehen. Sie sehnte sich nach dem lieblichen Hügelland der Foothills mit seinen Weiden, Pferdekoppeln und ausgedehnten Wäldern. Andererseits fühlte sie leise Beklemmung aufsteigen. Schon lange war sie nicht mehr in die beschauliche Kleinstadt am gleichnamigen Flüsschen zurückgekehrt, die sich an die Ausläufer der Appalachen schmiegte. Weil sie nicht über die Gründe für ihr Fernbleiben nachdenken wollte, konzentrierte sie sich auf die Begegnung mit ihrem älteren Bruder. Sam, ein ehemaliger Cop, der vor einigen Jahren seinen Beruf an den Nagel gehängt hatte, lebte auf einer Farm etwas außerhalb der Stadt, wo er Esel züchtete. Zudem hatte er sich inzwischen einen Namen als Schriftsteller gemacht. Seine Krimi-Trilogie Stumme Schreie führte die Bestsellerlisten an, und Sam arbeitete bereits an einer neuen Serie. Diesen Kreativitätsschub verdankte er unter anderem Hannah, wie er Penny anvertraut hatte. Hannah, deren Liebe die Erinnerung an das schreckliche Verbrechen an seiner ersten Frau und dem ungeborenen Kind allmählich verblassen ließ. Bisher hatte Penny lediglich ein paar Mal mit Hannah telefoniert oder E-Mails ausgetauscht. Sie freute sich darauf, ihre neue Schwägerin kennenzulernen. Ebenso gespannt war sie auf deren Großmutter Eliza Mae, die aus Charlotte anreiste, sowie den drei Monate alten Matt, den Hannah mit in die Ehe brachte. Penny hatte bei Spielzeugbox in der Merrimon Avenue einen entzückenden grauen Plüschelefanten mit überdimensionalen rosa Füßen für den Jungen erstanden. Für Sam und Hannah hatte sie eine hübsche filigrane Porzellantassensammlung als Hochzeitsgeschenk im Gepäck.
   Trotz der Umstände stellte sie fest, dass sie sich auf die Feier freute. Nicht nur darauf, Sam wiederzusehen, sondern auch auf die Gelegenheit, ein hübsches Kleid zu tragen. Sie machte sich gern zurecht. Genoss es, bewundernde Blicke auf sich zu ziehen. Für das Fest hatte sie sich deshalb etwas Neues gegönnt, ein royalblaues Cocktailkleid im Fünfzigerjahrestil, verziert mit feinstem Jacquardblumenmuster. Die rotgesichtige Verkäuferin bei Bellagio hatte ihr versichert, dass das tiefe Blau auf wunderbare Weise mit der Farbe ihrer Augen harmonierte. Unwillkürlich überprüfte Penny ihr Make-up im Rückspiegel und ertappte Abby, die dem armen Ken mithilfe der wasserstoffblonden Barbie einen kräftigen Hieb verpasste.
   »Du Blöder«, schimpfte Barbie. »Du bist ein richtiger Doofmann!« Penny applaudierte ihrer Tochter im Stillen. Besser hätte sie es auch nicht formulieren können.
   »Aber es war doch nicht so gemeint«, jammerte Ken.
   Typisch Mann.
   »Weißt du, was du bist?«, blökte Barbie. »Du bist ein Aschloch, ja genau, das bist du!«
   »Abigail Katrina Parker! Ich möchte nicht, dass du derartige Ausdrücke in den Mund nimmst!« Insgeheim musste Penny ihr allerdings recht geben. Es brodelte in ihr. Gewaltig. Jason hatte einen großen Fehler begangen. Einen Fehler, den sie ihm vermutlich nicht so schnell verzeihen würde.
   »Aber Mommy, du sagst so was auch«, protestierte die Kleine. »Ich hab genau gehört, wie du gestern zu Jason gesagt hast …«
   »Das ist etwas anderes.«
   »Warum?«
   O Herr, gib mir Geduld. Penny rollte mit den Augen. Sie war gern eine Mom. Manchmal jedoch – nur manchmal – wagte sie es, sich vorzustellen, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie sich nicht vor fast sieben Jahren in einer mondhellen Sommernacht von der sanften Berührung warmer weicher Lippen und ein paar Gläsern Champagner zu viel verführen lassen hätte. Innerlich leise aufseufzend reihte sie sich in den Verkehr auf der Interstate 240 in Richtung Westen ein. Noch neununddreißig Meilen bis Willow Creek.

2. Kapitel

»Hi, alter Freund.« Finn schlängelte sich an seinem Kumpel Sam vorbei in den Flur. »Zeit für einen Jack Daniel’s?« Möglichst unauffällig ließ
   er seinen Blick ins offene Wohnzimmer hinübergleiten.
   Sein Freund hob in einer hilflosen Geste beide Hände. »Ich schätze, mir wird nichts anderes übrig bleiben, oder?« Er versetzte Finn einen spielerischen Stoß vor die Brust. »Komm schon rein, genehmigen wir uns einen, auch wenn es gerade mal eben elf Uhr ist. In dem ganzen Trubel der Hochzeitsvorbereitungen kann ich einen Drink gut gebrauchen.«
   Finn folgte ihm ins lichtdurchflutete Wohnzimmer, wo sich Sam sogleich an der Bar zu schaffen machte.
   »Holst du uns Gläser und Eis?«
   »Yep.« Gehorsam stapfte Finn in die Küche, als wäre er daheim. Gut, um ehrlich zu sein, betrachtete er Green Acres auch ein bisschen als sein zweites Zuhause. Er hatte Sam vor vielen Jahren an der Upstate University von South Carolina in Spartanburg kennengelernt, wo sie im Footballteam gespielt hatten. Sam hatte seiner Mannschaft nicht selten als Quarterback zum Sieg verholfen, und Finn hatte sich einen Namen als geschickter und wendiger Guard gemacht. Noch heute blickte er mit Stolz auf seine Leistung zurück, denn Football zählte nicht als Nationalsport seiner Heimat. Finn war ein Kind Irlands. Seine Eltern hatten die grüne Insel dreizehn Jahre nach seiner Geburt verlassen, um ihrem einzigen Sohn in den Vereinigten Staaten eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Seine Jugendzeit verbrachte er in Bridgeport, einem rauen Vorort von Chicago. Im Sommer fuhr er Skateboard auf den schmuddligen Gehwegen der Nachbarschaft oder spielte mit den Jungs Basketball auf dem harten Asphalt eines eingezäunten Hinterhofs. Das zweistöckige rostbraune Backsteinhaus hinter dem schmiedeeisernen Zaun in der zweiunddreißigsten Straße schien ihm mit den Jahren immer enger und bedrückender zu werden. Der Lärm der lebhaften Stadt immer unerträglicher. Oft blickte er sehnsüchtig aus dem Fenster auf die Blätter des ausladenden Bitternussbaums und träumte von den sanften grünen Hügeln seiner Heimat. Wo es nicht nach Abgasen stank, wenn man das Fenster öffnete. Wo die frisch gewaschene, fröhlich auf der Leine flatternde Wäsche draußen hängen bleiben konnte, wenn es zu regnen begann, weil der Regen rein und sauber wie Quellwasser war. Nach seinem Studium in Spartanburg hatte sich Finn entschlossen, nicht nach Chicago zurückzukehren. Er hatte sich in den Süden verliebt. Das liebliche Hügelland der Foothills von North Carolina, wo sich am Horizont die violetten Berge in den scheinbar unendlich weiten blauen Himmel erhoben, erinnerte ihn an sein Geburtsland. Ihm gefiel das gemächlich dahinplätschernde und entspannte Lebensgefühl. Kurzerhand ließ er sich in Willow Creek nieder, dem Heimatort seines Freundes Sam. Kaufte sich einen einfachen Bungalow in der Pine Ridge Alley, einer ruhigen, baumbestandenen Straße, in der hauptsächlich Familien oder ältere Herrschaften wohnten. Eine Zeit lang schlug er sich als Aushilfs- und Nachhilfelehrer in den umliegenden Orten durch, bis er an der Grundschule von Willow Creek eine feste Anstellung fand. Bei den Parkers in der Cotton Hill Lane war er ein gern gesehener Gast. Emilia und Hank hatten ihn gleich ins Herz geschlossen. Seine Freundschaft mit Sam, der bei der örtlichen Polizei eine Karriere als Cop startete, bestand weiterhin. Es war Sams Schwester Penny, die Finn von Beginn an die kalte Schulter zeigte. Vielleicht war dies einer der Gründe gewesen, weshalb er eine Schwäche für die dunkelhaarige Schönheit entwickelt hatte. Ihre spröde Kühle reizte ihn. Zu dumm, dass er bei ihr nie eine Chance gehabt hatte. So hielt er sich an Sam, der seine Gegenwart sichtlich genoss. Als sein Freund Maggie Cavendish heiratete und mit ihr nach Green Acres zog, wurde es Finn zur lieben Gewohnheit, nach Feierabend auf einen Drink vorbeizukommen. Hier brannte meist ein einladendes Feuer im Kamin, und Sam hielt immer eine Flasche seines Lieblingswhiskeys für ihn bereit. So wie auch heute.
   Zufrieden grinsend hielt Finn die beiden Gläser, die er dem Regal neben dem Kühlschrank entnommen hatte, unter den Eiswürfelspender und kehrte anschließend ins Wohnzimmer zurück. »Schon jemand da?«, wollte er beiläufig wissen, als er sie Sam reichte.
   Sein Kumpel streifte ihn mit einem flüchtigen Blick, bevor er großzügig einschenkte. »Hannah ist mit Matt zum Bahnhof gefahren, um Eliza Mae abzuholen.«
   Finn hatte bereits das Vergnügen gehabt, Eliza Mae Mitchell, Hannahs Großmutter, die ihre Enkelin nach dem tragischen Unfalltod der Eltern zu sich nach Charlotte geholt hatte, kennenzulernen. Er schätzte die warmherzige Dame – eine Südstaatenlady, wie sie im Buche stand. Ihre zierliche, scheinbar zerbrechliche Statur hatte ihn nicht darüber hinwegtäuschen können, dass sich hinter der reizendenden Liebenswürdigkeit eine energisch zupackende, resolute Frau verbarg. Sie erinnerte ihn ein wenig an Emilia, Sams Mom. »Und sonst?«
   »Und sonst?« Sam hob die dunklen Brauen.
   »Na ja, ich meine, sind sonst irgendwelche Gäste eingetroffen?« Finn verlagerte sein Gewicht und bemühte sich um einen möglichst unbefangenen Gesichtsausdruck.
   »Falls du auf Penny und Abby anspielst, nein. Wir erwarten sie gegen Mittag.«
   Sein alter Freund kannte ihn viel zu gut. Finn sah es an der Art, wie sich dessen rauchgraue Augen verengten. Er wich Sams forschendem Blick aus und machte es sich mit dem Whiskey auf dem Sofa bequem. An seinem Getränk nippend betrachtete er den hellen großzügigen Raum. Die schlichten Natursteinwände, die bis hinauf ins Spitzgiebeldach reichten, verliehen dem Erdgeschoss Gemütlichkeit, aber auch lichte Weite. Verblasste Orientteppiche ergänzten den edlen Parkettboden, dessen warmer, tiefer Glanz an die Farbe eines orangeroten Kürbisses erinnerte. Auf Sams Kirschholzsekretär stapelten sich neben dem Laptop jede Menge säuberlich geordnete Papiere. Offensichtlich das Manuskript zu seinem neuesten Kriminalroman. Daneben glitzerte die Schneekugel mit der kleinen Elfe. Eine Erinnerung an Maggie. Green Acres war ein heimeliger Ort, an dem man sich wohl und geborgen fühlte, stellte er nicht zum ersten Mal fest. Anders als sein Zuhause, das den Eindruck einer Junggesellenbude vermittelte. Einer sauberen allerdings, bitte schön. Mrs. Kramer machte einen guten Job. Mit Hingabe putzte und wienerte sie seine spartanisch eingerichteten Räume. Im Bungalow war alles auf Funktionalität ausgerichtet, weniger auf Gemütlichkeit. Womöglich war dies ein weiterer Grund, weshalb er nach getaner Arbeit gern auf einen Drink bei Sam und Hannah vorbeikam? Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Freund zu, der es sich in einem Ledersessel gemütlich gemacht hatte. »Nun sag, mein Lieber, bist du bereit, morgen erneut in den Hafen der Ehe einzuschippern?«
   Um Sams Mundwinkel zuckte es. »Klingt seltsam. Aber ja, um es mit deinen Worten auszudrücken, ich bin bereit, um einzuschippern.«
   Ebenfalls grinsend hob Finn sein Glas. »Cheers, Mann. Du Glückspilz.« Sam hatte einen guten Fang gemacht. Nicht nur, dass Hannah Mulligan äußerst nett anzusehen war, sie war auch ein warmherziges und kluges Exemplar der Gattung Frau. Sein Freund war durch die Hölle gegangen, als Maggie starb. Finn hatte befürchtet, dass er den gewaltsamen Tod seiner Frau und des Ungeborenen niemals überwinden würde. Dank Hannah fingen seine Wunden endlich zu heilen an. Sie war der Grund, weshalb Sam wieder lachen konnte. Schon dafür mochte Finn die zierliche Brünette.
   »Wenn du möchtest, bleib zum Mittagessen«, schlug Sam vor. »Deanna hat vermutlich wieder einmal genügend Chili gekocht, um eine ganze Footballmannschaft zu versorgen.«
   Deanna Wilbur, die Haushälterin auf Green Acres, galt als der gute Geist des Hauses. Emilia Parker hatte die blonde fröhliche Frau nach Maggies Tod engagiert, um sicherzustellen, dass ihr Sohn mit regelmäßigen Mahlzeiten versorgt wurde. Selbstverständlich hatte die Tatsache, dass sie mit Deannas Hilfe ein Auge auf Sam haben konnte, ebenfalls eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt.
   Deanna war gekommen und geblieben. Inzwischen gehörte sie zu Green Acres wie die hohen alten Roteichen, die das Haus schützend umgaben. Wie die weiten grünen Koppeln und Jackson, der schwarze Vorarbeiter, der sich um die Esel kümmerte. An drei Vormittagen, wenn Hannah Doc Bailey im Familiengesundheitszentrum von Willow Creek assistierte, betreute Deanna den kleinen Matt. Sie besaß den Ruf, eine begnadete Köchin zu sein.
   Doch auch wenn Finn jederzeit sein letztes Hemd für einen Teller ihres köstlichen Chilis gegeben hätte, musste er leider ablehnen. Bedauernd hob er die Schultern. »Danke, aber Shelley möchte mich zum Lunch treffen.«
   Sams Augen funkelten interessiert auf. »Womöglich möchte sie dir etwas Wichtiges mitteilen? Von wegen, sie hört ihre biologische Uhr ticken und so? Hochzeiten sollen ja bekanntlich ansteckend sein, hab ich gehört.« Er feixte.
   Unsanfter als beabsichtigt stellte Finn das Glas ab. »Was?« Ihm wurde heiß. Dann kalt. Sie begaben sich auf unangenehmes Terrain. »Quatsch«, erwiderte er eine Spur zu schroff. »Das ist bei uns kein Thema.« Noch lange nicht.
   »Ist alles in Ordnung bei euch beiden?«
   Er beugte sich vor, stützte seine Arme lässig auf den Oberschenkeln ab. »Klar, warum nicht?«
   »Aber?«
   »Kein Aber. Es ist alles bestens zwischen Shelley und mir.«
   »Du weißt, ich finde Shelley reizend. Sie ist lieb und nett, aber ich hab eigentlich nie verstanden, warum du damals mit McKenna gebrochen hast. Sie ist eine klasse Frau. Und ihr habt einiges gemeinsam, wie die Liebe zur Literatur zum Beispiel.«
   Finn dachte an die attraktive Blondine, der die örtliche Buchhandlung Bookends gehörte. Er und die Buchhändlerin pflegten ein freundliches, aber distanziertes Verhältnis. Vor ein paar Jahren hatten sie eine stürmische Affäre gehabt. In einem schummrigen Pub im Nachbarort Tryon hatten sie sich über ein paar Gläsern eiskaltem Bier unterhalten und auf Anhieb glänzend verstanden. Sie nahm ihn mit zu sich nach Hause, wo sie diese und folgende Nächte miteinander verbrachten. Eine wunderbare, intensive Zeit folgte.
   Nach ein paar Monaten zog er die Reißleine. Er hatte kalte Füße bekommen. Panik geschoben. Viel zu nahe war McKenna ihm gekommen. Um ein Haar hätte sie die Mauer, die er so sorgsam um sein Herz errichtet hatte, zum Einsturz gebracht. Die Wahrheit war, dass er Angst hatte, sich ernsthaft zu binden. Was die Liebe anging, war er ein gebranntes Kind. Den Frauen, mit denen er sich verabredete, gab er nie eine wirkliche Chance. Keiner gelang es, zu ihm durchzudringen. Weil er in seinem Herzen immer nur die eine trug. Im Nachhinein hatte er bereut, McKenna von sich gestoßen zu haben. Es war albern und unreif gewesen, mit ihr aus Angst vor verletzten Gefühlen zu brechen. Mit ihr hätte es vielleicht klappen können.
   Die Chance war jedoch längst verstrichen, denn seine Zurückweisung hatte die Buchhändlerin zutiefst verletzt. Zwei Jahre lang ging sie ihm konsequent aus dem Weg. Wenn er in Bookends nach einem Buch stöberte, ignorierte sie ihn, und er musste jedes Mal mit ihrer pummligen Assistentin Hazel, die ihn argwöhnisch durch ihre dicken Brillengläser musterte, vorliebnehmen. Wenn sie sich im Cottage Garden Café oder in Violet’s Krämerladen über den Weg liefen, verließ McKenna postwendend das Lokal oder den Laden. Auf der Mainstreet wechselte sie demonstrativ die Straßenseite, und auf Partys von gemeinsamen Freunden zeigte sie ihm die kalte Schulter. O ja, McKenna Anderson ließ ihn deutlich wissen, was sie von ihm hielt. Irgendwann fing sie wieder an, ihn anzusehen, wenn sie sich begegneten. Grüßte ihn mit einem knappen Hallo. Manchmal gab sie sich freundlich und beinahe unbefangen in seiner Gegenwart, ein anderes Mal behandelte sie ihn abweisend und kühl. Wenn er die vielsagenden Blicke ihrer dunklen Samtaugen richtig deutete, schien sie nicht abgeneigt, sich noch einmal mit ihm einzulassen. Aber Finn zögerte. Hieß es nicht immer, man solle Beziehungen nicht aufwärmen?
   Dann lernte er Shelley kennen. Was ihm sofort an ihr gefiel, war ihre Bescheidenheit, ihre stille Freundlichkeit. Sie forderte nichts, schien zufrieden mit seiner bloßen Gegenwart. Mit ihr gab es kein verzehrendes Feuer, an dem er sich die Finger hätte verbrennen können. In der letzten Zeit allerdings hatte sich zwischen ihnen irgendetwas verändert. Er konnte es nicht genau festmachen. Es war vielmehr ein Empfinden, der Hauch einer Ahnung. Er glaubte, in Shelleys Augen ein erwartungsvolles Funkeln zu entdecken, wenn sie über die bevorstehende Hochzeit sprachen. Hoffentlich wartete sie nicht darauf, dass Finn den nächsten Schritt machte. Das hatte er gewiss nicht vor. Sie waren noch nicht so weit. Und er bezweifelte, dass er es jemals sein würde.
   »Finn?«
   »Hm?« Er fand Sams Blick abwartend auf sich gerichtet.
   »McKenna.«
   Finn lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »McKenna«, wiederholte er, um Zeit zu gewinnen. »Sie ist ohne Zweifel eine tolle Frau. Keine Ahnung, warum aus uns nichts geworden ist. Außerdem bin ich mit Shelley glücklich.«
   »Aha.« Sams Augen verengten sich aufs Neue.
   Einmal Cop, immer Cop. Sein Freund konnte das Schnüffeln nicht sein lassen. Er nahm es ihm jedoch nicht übel. Sam war eben Sam. »Nicht jeder hat das Glück, gleich zwei Mal im Leben auf die große Liebe zu treffen, Kumpel. Aber ja, Shelley und ich sind glücklich.« Es stimmte doch, oder?
   Shelley, eigentlich Michelle Carnegie, und er hatten sich auf dem Willow Creek-Musikfestival kennengelernt. Sie war ihm aufgefallen, weil sie in der Tanzhalle einsam in einer Ecke gestanden und mit großen Augen das rege Treiben um sich herum beobachtet hatte. Wie ein scheues Reh in einer Lichtung, das vom grellen Sonnenlicht geblendet wurde. Sein Herz hatte sich gerührt, als er sie so verloren dastehen gesehen hatte, und er hatte sie zum Tanzen aufgefordert. Sie tanzten und plauderten den ganzen Abend. Später fuhr er sie nach Hause. Ein spontaner Kuss auf einer Party, die sein Freund Josh in seiner Berghütte am Cedar Cliff Mountain geschmissen hatte, besiegelte zwei Wochen später das Ende der platonischen Freundschaft. Sie vermieden es, von Liebe zu sprechen. Ihre Beziehung plätscherte gemächlich dahin wie der Willow Creek. Es gab keine unangenehmen Überraschungen, kein böses Wort. Mit Shelley zusammen zu sein, war wie das Ankern in einem geschützten Hafen. Manchmal, ja, nur manchmal, sehnte er sich nach dem kleinen Quäntchen mehr. Nach den unberechenbaren hohen Wellen des weiten Ozeans. Nach diesem besonderen aufregenden Prickeln, wie er es bisher nur einmal verspürt hatte. Er erinnerte sich flüchtig an die Worte, die seine Mom gern zitierte. Irgendetwas über ein Boot im Hafen, das dort zwar sicher ankerte, zu diesem Zweck aber nicht erbaut worden war. Ach, zum Teufel damit. Er brauchte keine Aufregung. Konnte gut und gern auf das ganze Drama, den Schmerz, auf Sehnsucht, die das Herz zerriss, Wut und Enttäuschung verzichten! Sein Leben lief in geordneten, ruhigen Bahnen. Und das war gut so. So sollte es bleiben. Und dennoch: Jetzt, wo er wusste, dass er Penny bald wieder gegenüberstehen würde, fing sein Herz verräterisch wild zu pochen an.

*

An ihrem Schminktisch sitzend öffnete Emilia das lederne Schmuckkästchen, das Hank ihr zum fünfzehnten Hochzeitstag geschenkt hatte. Behutsam nahm sie die cremefarbenen Süßwasserperlenohrringe heraus, um sie zu betrachten. Sie hatte sie vor vielen Jahrzehnten zu ihrer Trauung getragen und plante, sie morgen auf der Hochzeit ihres Sohnes anzulegen. Sie freute sich auf diesen besonderen Tag. Natürlich hatte sie gehofft, dass Sam irgendwann wieder glücklich werden würde. Niemals hätte sie jedoch zu träumen gewagt, dass er sich je wieder binden, geschweige denn heiraten würde. Noch dazu so eine bezaubernde Frau wie Hannah Mulligan. Zugegeben – zunächst hatte Emilia starke Bedenken gegen diese Verbindung gehabt. Als sich Sam und Hannah kennenlernten, war Hannah verheiratet und erwartete obendrein ein Kind. Zwar hatte sie ihren Mann, der offenbar ein gewalttätiger Trinker war, verlassen, aber weil er nicht gewillt war, sie aufzugeben, hatte er sich an ihre Fersen geheftet und war ihr bis nach Willow Creek gefolgt. Kära hjärtandes, du liebe Güte, es war ein fürchterliches Durcheinander mit tragischem Ende gewesen!
   Eines Tages hatte man seine Leiche auf Green Acres entdeckt. Vermutlich hatte er Hannah, die bei Sam Unterschlupf gefunden hatte, nachspioniert. Ein verhängnisvoller Mix aus Drogen und Tabletten hatte seinem Leben ein jähes Ende gesetzt. So entsetzlich die Umstände waren, Hannah war frei für Sam. Wie würde ihr Sohn auf die Schwangerschaft reagieren? Wäre er in der Lage, ein fremdes Kind anzunehmen, nachdem er sein eigenes durch die Hand eines Mörders verloren hatte?
   Zu ihrer Überraschung akzeptierte er den kleinen Matthew wie sein eigen Fleisch und Blut. Der Junge, den Hannah nach ihrem verstorbenen Vater benannt hatte, war aber auch entzückend. Emilia selbst war ganz vernarrt in ihn. Wer hätte gedacht, dass sie so unverhofft Granny werden würde? Auch wenn sie nicht die leibliche Großmutter dieses Kindes war, verspürte sie dennoch eine zärtliche Liebe zu ihm, die in ihrer Intensität den Gefühlen, die sie für Abigail hegte, in nichts nachstand.
   Leise lächelnd befestigte sie einen der Perlenohrringe am Ohrläppchen, um sich anschließend im Spiegel zu betrachten. Je älter sie wurde, desto mehr erkannte sie in den hohen Wangenknochen, dem energischen Kinn und den rauchgrauen Augen ihren Vater Sverre Fredriksson. Was für ein Glück, dass der alte Herr ein gut aussehender Zeitgenosse gewesen war, dachte sie schmunzelnd. Seinerzeit hatte er in seinem schwedischen Heimatdorf allen jungen Mädchen den Kopf verdreht. Sie nickte ihrem Spiegelbild zu, doch irgendetwas störte sie. Nicht, dass sie abergläubisch wäre, aber es fühlte sich seltsam an, diesen Schmuck zu tragen. Nein, lieber nicht. Sie nahm den Ohrring ab und griff stattdessen nach einem Paar winziger Diamantstecker. Sie funkelten im Tageslicht und ließen ihre Augen strahlen. Viel besser. Noch einen Hauch ihres Lieblingsduftes – Chanel No. 5 – hinter das Ohr und fertig.
   Sie verschloss das Schmuckkästchen mit einem winzigen Schlüssel und verstaute es in der Kommode. Mit einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel strich sie eine silbern schimmernde Strähne ihres ehemals flachsblonden, zu einem eleganten Chignon frisierten Haares, sorgfältig zurück. Das leichte Schwindelgefühl, das sie beim Aufstehen überfiel, ignorierte sie. Emilia war nicht zimperlich. Wenn sie sich nicht wohlfühlte, trank sie ein Gläschen Likör – eine Angewohnheit, die sie von ihrem Vater übernommen hatte, und biss die Zähne zusammen. Sie hielt nichts davon, auf jedes Wehwehchen, auf jedes Zwicken und Zwacken, das die meisten im zunehmenden Alter plagte, zu achten. Sie war eine Frau, die funktionierte, nicht jammerte. Im Großen und Ganzen ging es ihr gut, und sie war dankbar, dass sie mit fast achtundsechzig noch ein aktives Leben führen konnte. Hoffentlich würde dies noch lange der Fall sein, schließlich freute sie sich darauf, zu sehen, wie der kleine Matt aufwuchs. Und wer weiß, vielleicht entschieden sich Sam und Hannah ja dafür, dem Jungen ein Geschwisterchen zu schenken? Hannah war mit Mitte dreißig jung genug, um weitere Kinder zu bekommen.
   Wenn sich Penelope nur dazu entschließen würde, die Familie öfter in Willow Creek zu besuchen. Emilia seufzte tief. Von wem ihre Tochter nur den Sturkopf geerbt hatte? Sie trat an ihren Nachttisch, um eins der messinggerahmten Bilder zu betrachten: Ingrid und Sverre Fredriksson vor dem rot gestrichenen Elternhaus in Kandersö mit Emilias jüngerem Bruder Emil, der im zarten Alter von neun beim sorglosen Spielen an der Uferpromenade im Fluss ertrank. Sie konnte sich kaum noch an ihn erinnern, stellte Emilia betroffen fest. Auch ihre Eltern waren lange schon verstorben, hatten den frühen Tod des Sohnes nie verkraftet. Nachdenklich nahm sie einen anderen Rahmen in die Hand. Das Foto zeigte ihre Tochter bei einem ihrer seltenen Besuche in der Cotton Hill Lane, kurz nach Abigails Geburt. Penelope hielt das in eine rosafarbene Baumwolldecke eingewickelte Bündel mit vor Stolz funkelnden Augen an ihre Brust. Sie wirkte glücklich und zufrieden, doch Emilia bemerkte das trotzig gen Himmel gereckte Kinn. Siehst du, Mutter, trotz deiner Unkenrufe habe ich es geschafft. Und das ganz allein. Leise aufseufzend stellte Emilia das Bild zurück. Sie konnte es kaum erwarten, ihre Tochter wiederzusehen. Abigail in ihre Arme zu schließen. Wenn sie sich nicht ab und an nach Asheville begeben würde, würde sie ihre Enkelin vermutlich niemals zu Gesicht bekommen. Ihre Tochter mied Willow Creek wie der Teufel das Weihwasser. Der Himmel mochte wissen, warum. Penelope hatte diesbezügliche Fragen stets mit einem ärgerlichen Schulterzucken abgetan, und die schmale Linie ihrer Lippen hatte Emilia deutlich signalisiert, dass ihre Tochter nicht bereit war, ihr die Gründe für ihr Fernbleiben zu verraten. Penelope Ann war schon immer starrköpfig gewesen. Impulsiv und aufbrausend. Ganz im Gegensatz zu Emilia, die Vor- und Nachteile sorgfältig abwägte, alles gründlich durchdachte und ihr Leben effizient organisierte. So grundverschieden, wie Mutter und Tochter waren, war es kein Wunder, dass sie immer wieder aneinandergerieten.
   Sie hörte das Knirschen von Autoreifen auf dem Kies in der Einfahrt und den durchdringenden Klang einer Hupe. Das mussten Penelope und Abigail sein. Emilia straffte ihren Rücken, strich glättend über den taubenblauen Kostümrock und verließ das Schlafzimmer. Die blank gebohnerten Dielen knarrten unter den Sohlen ihrer Pumps. Im Vorbeigehen zupfte sie schnell noch das weiße Häkelspitzendeckchen auf der Flurkommode zurecht. Kaum hatte sie die Haustür geöffnet, flog Abigail in ihre ausgebreiteten Arme.
   »Nana! Nana!«
   Emilia hielt den vor Aufregung vibrierenden kleinen Körper, vergrub ihre Nase in dem herrlich seidigen Haar, das so wunderbar nach Apfelshampoo duftete. »Hallo Cupcake. Da ist ja mein kleiner Liebling. Schön, dass ihr da seid.« Sie richtete ihren Blick auf Penelope. »Hallo, mein Kind.«
   »Mom.« Penelope bedachte ihre Mutter mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange, bevor sie sich mit dem Gepäck an ihr vorbei in den Flur schob.
   »Wie war die Fahrt? Seid ihr gut durchgekommen?« Emilia löste sich behutsam von Abigail.
   »Klar. Wenn man sich erst einmal durch Asheville gekämpft hat, ist der Rest ein Kinderspiel.« Penelope ließ die Taschen auf die Holzdielen plumpsen.
   Sie wirkte erschöpft, fand Emilia, ein wenig angegriffen. Unter ihren Augen lagen tiefe Schatten, und um ihren hübsch geschwungenen Mund zeigten sich zwei feine Linien. »Penelope?«
   »Hm?«
   »Ist alles in Ordnung?«
   »Aber natürlich. Warum denn nicht?«
   »Nun, ich finde, du wirkst etwas abgespannt.«
   »Ist das ein Wunder?« Penelope ging sogleich in die Defensive, wie sie das immer tat. »Kind, Job, Termine. Ist eben manchmal ein wenig stressig.«
   Emilia verkniff sich eine Bemerkung. Immerhin war es die Entscheidung ihrer Tochter, ihr Leben gute fünfundvierzig Meilen von der Familie entfernt zu führen. Sie hätte nichts dagegen, Penny zu unterstützen und sich hin und wieder um Abigail zu kümmern. Im Gegenteil. Seitdem der kleine Matt die Familie bereicherte, sehnte sie sich noch mehr danach, auch ihre Enkelin in der Nähe zu haben. »Wie geht es Jason?«, lenkte sie das Gespräch in eine andere Richtung. »Hast du ihn nicht überreden können, euch zu begleiten? Ich hätte mich gefreut, ihn wiederzusehen.« Nein, das war gelogen. Sie fragte aus reiner Höflichkeit. Emilia mochte Jason Atkins nicht. Sie hatte diesen selbstherrlichen, arroganten Menschen, der nie um eine passende Antwort verlegen schien, noch nie leiden können. Mochte der Himmel wissen, was ihre Tochter an ihm fand. Andererseits hatte sie Penelopes Männerwahl schon immer fragwürdig gefunden. Weshalb sie in der Vergangenheit mehr als einmal aneinandergeraten waren.
   »Herrgott, Mom. Du weißt doch, wie beschäftigt Jason ist.« Über Penelopes Nasenwurzel bildete sich eine steile Falte. Sie bückte sich, um ein vermeintlich loses Schnürbändel an ihrem Sneaker zu befestigen. »Abby, geh ruhig Tommy suchen, du hast dich doch so auf ihn gefreut«, setzte sie nach und schloss damit die Tür zwischen ihnen.
   »Wo ist deine Katze, Nana?« Abby bohrte vor lauter Aufregung in der Nase.
   »Sieh doch mal in der Küche nach, Cupcake.« Emilia griff nach Abbys Hand. »Vermutlich schläft Muffin in seinem Körbchen. Er ist die halbe Nacht umhergestreunert und muss sich jetzt ausruhen.«
   »Warum nennst du Tommy Muffin, Nana?«
   Emilia lächelte. »Ich weiß es nicht, Liebes. Ich schätze, ich gebe allen, die ich besonders liebe, Spitznamen.«
   »Und mich nennst du Cupcake.« Die Kleine strahlte.
   »So ist es, mein Schatz. Und nun geh.« Emilia wuschelte ihr liebevoll durch den Pony. Früher, als Penelope ein Kind gewesen war, hatte sie ihre Tochter sötnos – Süßnäschen – gerufen. Das war lange her. »Abigail ist ein liebes Ding«, sagte sie, die Erinnerung, die seltsam schmerzte, verdrängend. »Ich wünschte, ich könnte sie öfter sehen.« Sie konnte nicht verhindern, dass sich ein vorwurfsvoller Unterton in ihre Stimme schlich.
   Penelope bedachte sie prompt mit einem vielsagenden Blick.
   »Darf ich euch eine Erfrischung anbieten, bevor wir zum Lunch nach Green Acres aufbrechen?«, sprach Emilia weiter, bevor sich daraus eine neue Diskussion entfachen konnte. »Wir könnten es uns auf der Veranda gemütlich machen. Die Frühlingsblumen blühen so herrlich, und ich habe frische Zitronenlimonade da.«
   Mit einer ungeduldigen Handbewegung wischte Penelope das lange dunkle Haar nach hinten. »Nein, Mom, lass gut sein. Ich bringe rasch das Gepäck hinauf, und dann können wir gleich los nach Green Acres.«
   »Gewiss.« Emilia spürte einen Stich der Enttäuschung.
   Penelope war bereits auf halbem Weg nach oben, da drehte sie sich noch einmal um. »Mein altes Zimmer?«
   Beim Anblick ihrer attraktiven, stets ein bisschen kühl erscheinenden Tochter, zog sich Emilias Herz zusammen. Pennys saphirblaue Augen erinnerten sie so verblüffend an Hank, dass sie ihre Tochter manchmal kaum ansehen konnte. Sie wünschte, sie könnte diese Barriere einreißen, die sie beide im Lauf der Jahre so sorgsam zwischen sich errichtet hatten. Sie wusste, sie trug nicht unerhebliche Schuld daran, dass sich ihre Beziehung in diese Richtung entwickelt hatte. Zwischen ihnen hatte sich nie, anders als es bei Sam der Fall war, ein enges Verhältnis entwickelt. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, warum Geschwister derart unterschiedlich sein konnten, obwohl sie demselben Hause entstammten. Vielleicht hatte es etwas mit dem Sternzeichen zu tun, unter dem Penelope geboren war? Das Kind war ein typischer Widder, wie er im Buche stand. Ihre ungestüme Art hatte Emilia dazu verleitet, sie besonders beschützen und leiten zu wollen. Natürlich hatte Penelope die Bemühungen der Mutter stets als Bevormundung interpretiert. »Ja, Liebes«, entgegnete Emilia mit leisem Bedauern, weil sie sich wünschte, die Dinge lägen anders. »Ich habe dein Mädchenzimmer für euch hergerichtet.« Sie wandte sich ab, um in der Küche nach Abigail und Tommy zu sehen.

3. Kapitel

Emilia stützte sich auf dem Holzgeländer des Bootsstegs ab und ließ den Blick schweifen. Sie liebte den Emerald Lake, der vom Flüsschen Willow Creek gespeist wurde. Besonders gefiel ihr die intensive smaragdgrüne Farbe, die das Wasser in den warmen Sommermonaten annahm. Hank und sie hatten in den frühen Jahren ihrer Ehe, als die Kinder klein waren, gern am Seeufer gepicknickt. Emilia hatte davon geträumt, einmal eins der im Schatten hoher alter Bäume versteckten Blockhäuser zu besitzen. Sie und Hank hätten es sich als Ferienhäuschen für die Wochenenden herrichten können, so wie es viele andere machten. Nun, dieser Traum war lange ausgeträumt. Wie so viele andere auch.
   Mit einem wehmütigen Gefühl in der Brust wandte sich Emilia um und richtete den Blick auf das kleine Lokal, in dem ihr Sohn heute Hochzeit feierte: Annie’s Cottage. Dort, auf der festlich geschmückten Terrasse tanzte ihr Sohn mit der neuen Schwiegertochter zu Anne Murrays Could I have this dance. Sie konnte nicht anders, sie musste die Worte leise mitsummen. O ja, sie erinnerte sich daran, wie Hank und sie sich zu dieser Musik gedreht hatten. Erst auf ihrer eigenen Hochzeit, später auf den Musikfestivals, die sie in Willow Creek besucht hatten. Das war ihr Lied gewesen. Jetzt war es Sam, der mit Hannah zu dieser Melodie tanzte.
   Schon lange hatte sie ihn nicht mehr so glücklich und gelöst erlebt wie heute. Es schien, als hätte er endlich die Schatten der Vergangenheit abgestreift. Mit Stolz stellte sie nicht zum ersten Mal fest, dass ihr Sohn ein gut aussehender Mann war. Der schiefergraue Anzug mit der blutroten Rosenblüte am Revers stand ihm ausgesprochen gut. Mit leisem Lächeln registrierte sie, wie einige der ledigen Damen nicht umhin konnten, ihm bewundernde Blicke zuzuwerfen. Er jedoch hatte nur Augen für seine Braut. Als wir eng umschlungen zur Musik tanzten, hab ich mich in dich verliebt. Emilia fischte ein Spitzentaschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sich verstohlen Tränen aus den Augenwinkeln. Hank schien ihr so präsent wie schon lange nicht mehr. Fast meinte sie, den Druck und die Wärme seiner kräftigen Finger durch den dünnen Stoff der Satinbluse auf ihrer Schulter zu spüren. Sie hob ihren Arm, um die Hand auf die brennende Stelle zu legen. Vom ersten Moment an, da sie ihm in die umwerfend blauen Augen geblickt hatte, hatte sie sich in Hank Parker verliebt. Als junge Frau war sie aus Schweden für ein Urlaubssemester an die Universität von Charlotte gekommen. Ein halbes Jahr hatte sie eingeplant, mehr nicht. Sie hatte ja nicht ahnen können, dass daraus fast ein ganzes Leben werden würde. Auf dem Campus war sie ihm buchstäblich in die Arme gefallen. Sie war gestolpert, er hatte sie aufgefangen. Der Rest war, wie man so schön sagte, Geschichte. Sie hatten geheiratet, sich in Hanks Heimatstadt ein hübsches Haus mit Veranda und Gartenzaun in der Cotton Hill Lane gekauft, wo sie ihre beiden Kinder großzogen. Ein gemeinsames Geschäft bauten sie sich auf, einen zauberhaften Antiquitätenladen an der Main Street. Zu Emilias Bedauern gehörte er nun einem zwielichtigen Händler, der importierte Chinaware verkaufte. Sie hatten noch so viel vorgehabt. Die Kinder waren erwachsen, führten ihr eigenes Leben. Hank und Emilia hatten geplant, zu reisen. Nach Europa, in Emilias Heimat, nach Australien.
   Dazu war es nie gekommen. Hanks Herz hatte von heute auf morgen aufgehört, zu schlagen. Einfach so. Die erste Zeit nach seinem Tod war schwer für sie gewesen. Es hatte Tage gegeben, an denen hatte sie morgens nicht aufstehen können. Hatte sich gewünscht, die Sonne möge niemals mehr den Horizont erklimmen. Ihre Kinder hatten ihr die Kraft gegeben, weiterzumachen, besonders Sam. Und nach all den Jahren hatte sie es irgendwie gelernt, ohne den geliebten Mann an ihrer Seite zurechtzukommen. Sie war zufrieden mit ihrem Leben. Sie besaß einen netten Bekanntenkreis, freundliche Nachbarn. Willow Creek, das idyllische, etwas verschlafene Städtchen, erinnerte sie mit seinen malerischen Straßen, den Backsteingebäuden, überdachten Veranden und farbigen Markisen ein wenig an Kandersö. Sie liebte es, die breiten Gehwege entlangzuschlendern, wo schmiedeeiserne Sitzbänke inmitten von liebevoll bepflanzten Blumenkübeln und immergrünen Bäumchen zum Verweilen einluden. Sie nannte es ihr Stückchen Heimat in der Fremde. Dennoch gab es Augenblicke, wie gerade jenen, inmitten all der fröhlichen Menschen unter dem samtblauen Himmel von North Carolina, in denen ihr Herz vor Sehnsucht nach Hank Parker zu zerspringen drohte. Sie vermisste seine blitzenden Augen, seinen Humor. Die Zärtlichkeit seiner schwieligen Hände, seine Lebendigkeit. Sie war immer die Rationale von ihnen gewesen, die Kontrollierte. Er der Spontane, Begeisterungsfähige. Sie hatten sich gut ergänzt, waren wie füreinander geschaffen. Seitdem Hank nicht mehr da war, kam es ihr vor, als fehlte ein essenzieller Teil von ihr. Sie bemühte sich nach Kräften, die starke gefasste Frau zu sein, für die jeder sie hielt. Manchmal schien es ihr allerdings schier unmöglich, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Mit Tränen in den Augen riss sie sich vom Anblick der verliebten Brautleute los. Sie konnte den zärtlichen Ausdruck in den Augen ihres Sohnes, mit dem er seine neue Frau bedachte, nicht länger ertragen. »Min älskling, min älskade man«, flüsterte sie, »varför har du lämnat mig ensam på jorden? Wie konntest du dich so einfach davonstehlen, mein Liebling?«
   Während sie mit brennender Kehle über das Wasser starrte, wo sich bald das Licht der bunten Lampions spiegeln würde, reiste sie in Gedanken zurück in die Vergangenheit. Sie dachte an jene, die sie bereits verloren hatte: Hank. Emil und ihre Eltern Sverre und Ingrid. Auf einmal fand sie sich von einem heftigen Gefühl der Einsamkeit überwältigt.

*

Penny schnappte sich Abbys Hand. »Komm, Sweetheart, lass uns Tante Hannah begrüßen.«
   Gehorsam stolperte die Kleine in den feinen Lackschuhen hinter ihr her.
   Hannah, die an einem der runden Stehtische in ein Gespräch vertieft war, musste das eifrige Getrappel von Abbys Absätzen auf den Holzplanken des Decks gehört haben. Mit dem Champagnerglas in der Hand drehte sie sich nach ihnen um. »Hey, ihr beiden!« Sie entschuldigte sich bei ihren Freundinnen und kam freudestrahlend auf sie zu.
   »Hi, Hannah.« Penny hauchte ihrer frischgebackenen Schwägerin einen Kuss auf die Wange, darauf bedacht, das dezente Make-up nicht zu ruinieren. »Du siehst wirklich sehr hübsch aus.«
   Hannah hatte ihr ehemals kurz geschnittenes Haar zu einem schulterlangen Bob wachsen lassen. Heute Abend trug sie ihn als raffinierte Hochsteckfrisur, was die schön geschwungene Linie ihres Nackens zur Geltung brachte. Türkisfarbene Ohrhänger funkelten mit ihren grünen Augen um die Wette. Im Dekolleté ihres schlichten cremefarbenen langen Kleids trug sie ein Lederband mit einem Amulett in Form einer Bärentatze, die einen grünen Stein umschloss. Hannah sah zauberhaft aus. Sam war wirklich ein Glückspilz.
   »Danke schön.« Ein wenig verlegen steckte Hannah eine widerspenstige dunkle Strähne hinter das Ohr. »Du siehst aber auch sehr hübsch aus, Penny. Die Bilder, die ich bisher von dir gesehen habe, werden dir nicht gerecht.«
   Bevor Penny auf das Kompliment reagieren konnte, drängte sich Abby dazwischen. »Tante Hannah? Kann ich morgen auf den Eseln reiten?«
   Penny legte ihrer Kleinen die Hände auf die schmalen Schultern. »Abby, ich denke, Hannah hat morgen andere Dinge zu tun, als …«
   »Nein, nein, ist schon gut.« Hannah neigte sich hinab, um Abby ins Gesicht sehen zu können. »Dein Onkel Sam und ich fliegen morgen in aller Frühe in die Flitterwochen nach Hilton Head Island, Süße. Wir werden also leider nicht da sein. Ich bin mir jedoch sicher, dass Jackson und Deanna nichts dagegen haben, wenn du auf Green Acres vorbeikommst. Bestimmt lässt Jackson dich auf Grumpy reiten.«
   Penny fing Abbys flehentlichen Blick auf. »Mommy?«
   Eigentlich hatte sie vorgehabt, so rasch wie möglich zurück nach Asheville zu fahren. Schließlich hatte sie zu arbeiten, und außerdem lag ihr das bevorstehende Gespräch mit Jason schwer im Magen.
   »Mommy, bitte.«
   Wie könnte Penny diesem kleinen Affengesichtchen widerstehen? »Na gut«, lenkte sie ein. »Wir werden nach dem Frühstück einen Abstecher nach Green Acres machen. Aber nur für ein, zwei Stündchen, dann muss Mommy zurück nach Hause, in Ordnung?«
   Die Kleine schlang ihre Ärmchen um Pennys Taille und presste die Nase fest in den blauen Stoff des Cocktailkleids. »Tante Hannah?«
   »Hm?«
   »Wo ist denn dein Sohn?«
   »Matt ist zu Hause auf Green Acres«, erwiderte Hannah freundlich. »Deannas Tochter Missy passt auf ihn auf. Der Trubel auf der Party wäre zu viel für den Kleinen, weißt du? Außerdem schläft er jetzt bestimmt schon.«
   »Ich kann auch mal auf Matt aufpassen, wenn du willst.« Penny und Hannah tauschten ein Lächeln.
   »Mein Bruder hat Glück, dich gefunden zu haben, Hannah«, meinte Penny unvermittelt, von einer jähen Welle der Zuneigung erfasst.
   »Oh, ich denke, wir beide hatten Glück. Es war wohl so etwas wie eine göttliche Fügung.« Hannah schmunzelte. »Meine Güte, hör mich an, ich klinge fast schon wie Tayanita.«
   »Soso. Das ist ja interessant.« Eine mollige Frau in einem bunt bedruckten Rock, der bis zu den in einfachen Ledersandalen steckenden Füßen reichte, trat zu ihnen. Tayanita, eine gute Freundin der Familie. Vor mehr als dreißig Jahren hatte die Cherokee ihr Dorf und ihre Leute oben in den Bergen verlassen, um sich in den Foothills ein neues Leben aufzubauen. Mit ihrer Freundin Sylvia Cooper hatte sie vor einigen Jahren in Willow Creek das Cottage Garden Café eröffnet, an das ein entzückender kleiner Souvenirladen anschloss. Penny wusste, dass ihr Bruder es sich zur lieben Gewohnheit gemacht hatte, in Tayanitas Café seinen täglichen Pott Kaffee zu genießen. Im Lauf der Zeit hatte sich zwischen ihm und Tayanita eine enge Freundschaft entwickelt.
   »Du liebe Güte.« Hannah umarmte die Indianerin lachend. »Ich hab es nicht so gemeint. Du weißt, ich schätze dich sehr.«
   Um Tayanitas Mundwinkel zuckte es. »Das beruht auf Gegenseitigkeit, meine Liebe.« Sie hielt die junge Frau auf Armeslänge von sich. »Ich glaube, ich habe dich noch nie zuvor so strahlend gesehen.«
   Hannahs Wangen nahmen die Farbe von reifen Georgiapfirsichen an. »Ach bitte, du machst mich ganz verlegen. Schau doch, Sams Schwester und seine Nichte Abby sind hier.«
   Über Tayanitas exotische Züge glitt ein Lächeln. »Wie schön, dich einmal wieder bei uns in Willow Creek zu haben, Penny. Wir bekommen dich viel zu selten zu Gesicht.«
   Einen Moment lang schien es Penny, als würden die bernsteinfarbenen Augen der Indianerin bis auf den Grund ihrer Seele blicken. Sam betonte immer wieder, dass die Cherokee über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügte. Sie kann Dinge sehen, die uns anderen verborgen bleiben, hatte er ihr anvertraut. Sie schien von Anfang an gewusst zu haben, dass Hannah und ich füreinander bestimmt waren.
   Penny wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Sie glaubte nicht an Bestimmung und Schicksal, sondern daran, dass jeder Mensch für sein Glück verantwortlich war. Dennoch mochte sie Tayanita gut leiden. Die herzliche Frau mit der angenehm melodiösen Stimme besaß etwas Mütterliches, das einem Wärme und Geborgenheit vermittelte. »Du bist nicht die Erste, von der ich das höre«, entgegnete sie freundlich.
   »Dann solltet ihr uns öfter mal besuchen.« Tayanita beugte sich zu Abby hinab. Sie strich sich die taillenlangen Haare, die ihr wie ein schwarzer Vorhang vors Gesicht fielen, zurück. »Und du bist also Abigail? Was für ein hübscher Name das ist. Ich habe übrigens gerade neue Traumfänger in den Shop bekommen. Traumfänger halten die bösen Träume fern und beschützen dich. Wenn du magst, kannst du dir einen für dein Zimmer aussuchen, meine Süße.«
   Abby zupfte an Pennys Rockzipfel. »Darf ich, Mommy?«
   »Wir schauen mal, Liebes. Wenn wir Zeit finden.«
   »Lasst uns doch ein Gläschen mit McKenna, Deanna und Helen trinken.« Hannah deutete mit dem Daumen über ihre Schulter. »Sie freuen sich bestimmt, euch zu sehen.«
   »Gern.« Tayanita streckte einen Arm nach Abby aus. »Kommst du mit, junge Dame?«
   Die junge Dame nickte kichernd, während sie ihre Hand in Tayanitas schob. Offensichtlich fand sie Gefallen an der Cherokee. Wer würde dies nicht tun? Die offene Herzlichkeit der Indianerin war einfach ansteckend.
   Hannah stellte sie einander vor. »Penny, Tayanita, das ist Helen Carlyle, meine gute Freundin aus Ohio. Ihr Mann Mike war so nett, sich um die Kinder zu kümmern, damit Helen mit uns feiern kann.« Sie legte einen Arm um die dunkelblonde Frau mit dem fröhlichen Band Sommersprossen über der Nase und drückte sie an sich. »Dafür könnte ich deinen Mike glatt knutschen!«
   Penny stimmte in das heitere Gelächter ein. Anschließend begrüßte sie Deanna Wilbur, die sie in eine spontane Umarmung zog. »Schön, dass ihr zur Feier geblieben seid. Ich hatte schon befürchtet, ihr würdet nach der Trauung direkt nach Hause fahren. Man bekommt euch ja sonst so gut wie nie zu Gesicht.«
   »Meine Rede.« Tayanita zwinkerte Abby verschwörerisch zu. »McKenna, Penelope – ihr kennt euch?«
   »Tun wir.« Die blonde McKenna Anderson lächelte säuerlich. Ihre Begeisterung schien sich in Grenzen zu halten.
   McKenna war in der Highschool eine Klasse unter Penny gewesen. Das letzte Mal, als sie sich auf der Hochzeit von Sam und Maggie begegnet waren, hatte ihr die Buchhändlerin äußerst feindselige Blicke zugeworfen. Penny hatte den Grund dafür nie erfahren, aber es hatte sie damals genauso wenig interessiert wie heute. Sie taxierte die andere Frau kühl, bis eine der weiß behandschuhten Kellnerinnen mit einem Silbertablett voller Champagnergläser auftauchte. Dankbar nahm sich Penny ein Glas vom Tablett. Manche Dinge waren mit Champagner einfach besser zu ertragen. Sie fühlte ein leicht hysterisches Kichern aufsteigen.
   »Und du, Schätzchen?«, wandte sich die Kellnerin an Abby. »Vielleicht ein Schlückchen Orangensaft?« Als Abby schüchtern bejahte, signalisierte die Frau einer vorbeihuschenden Kollegin. »Heather, wärst du so nett, unserem kleinen Gast einen Fruchtsaft zu bringen?«
   Heather war so nett. »Aber gern. Kommt sofort.«
   »Wie ist es dir ergangen, Penny?«, wollte Deanna wissen, nachdem sie alle mit Getränken versorgt worden waren. »Wunschlos glücklich in Asheville, wie ich hörte?«
   »Selbstverständlich.« Penny zwang sich zu einem, wie sie hoffte, überzeugendem Lächeln. »Sehr glücklich sogar.« Sie schämte sich, die nette Haushälterin ihres Bruders so schamlos zu belügen, aber sie würde gewiss nicht hier und jetzt unter McKennas argwöhnischem Blick ihre Seele offenbaren.
   Eine Weile tauschten sie Belanglosigkeiten aus, lauschten der Musik und sahen den tanzenden Pärchen zu. Penny ließ ihren Blick über die festlich gekleideten Menschen schweifen und erstarrte. Da drüben bei ihrem Bruder stand er. Finn Gallagher. Der Mann, dem sie aus dem Weg hatte gehen wollen. Sie fixierte flugs ihre Füße in den zierlichen Sandaletten, als er seinen Kopf in ihre Richtung drehte. Wenn doch nur auf der Stelle eine goldgelockte Fee mit ihrem magischen Zauberstab erscheinen und ihr den dringenden Wunsch gewähren würde, unsichtbar für Finn Gallagher zu sein! Sie hoffte, er würde nicht herüberkommen. Nachdem sie eine Weile mit dem intensiven Studium ihrer lackierten Zehennägel verbracht hatte, wagte sie erneut einen vorsichtigen Blick. Finn stand mit dem Rücken zu ihr, einen Arm kameradschaftlich um Sams Schultern gelegt. Glück gehabt, Penny Parker. Unauffällig nahm sie die beiden in Augenschein. Ihr Bruder, breitschultrig und hochgewachsen. Sein feines Hemd spannte sich über einen breiten, muskulösen Rücken, die langen dunklen Leinenhosen verbargen seine kräftigen Beine. Obwohl er als Schriftsteller viel Zeit am Schreibtisch verbrachte, sah man seiner Statur die körperliche Arbeit, die er auf der Farm verrichtete, deutlich an. Finn dagegen wirkte schlanker und drahtiger, aber sie musste zugeben, dass er in seinem eisblauen Hemd unter einer taillierten Weste und einer grauen Hose eine nicht minder gute Figur machte. Bereits in der Kirche war ihr aufgefallen, wie überraschend gut er in seiner Festtagskleidung aussah. Den Blickkontakt mit ihm hatte sie erfolgreich vermieden, was sich als schwieriges Unterfangen erwiesen hatte, stand er doch als Trauzeuge während der Zeremonie neben Sam.
   Gedankenversunken nippte sie an ihrem Champagner und hätte sich beinahe verschluckt, als ihr Bruder ihr unvermittelt zuwinkte. Natürlich – wie konnte es auch anders sein, irgendjemand meinte es derzeit anscheinend besonders gut mit ihr – sah nun auch Finn herüber und nickte ihr zu. Mist. Sie biss auf ihre Unterlippe, dann riss sie sich zusammen und winkte betont fröhlich zurück. Jetzt würde ihr definitiv nichts anderes übrig bleiben, als ihn zu begrüßen. Außer sie beabsichtigte, als der weltgrößte weibliche Stoffel in die Geschichte Willow Creeks einzugehen. Sie holte tief Luft, um sich für die Begegnung zu wappnen. »Darf ich euch kurz Abby anvertrauen?«, wandte sie sich an Tayanita. »Ich würde gern ein paar Worte mit meinem Bruder wechseln.«
   »Natürlich. Sehr gern.« Tayanita legte lächelnd eine silberberingte Hand auf Abbys Schulter. »Wir werden uns schon amüsieren, nicht wahr, Schatz?«
   Abby nickte eifrig, und Penny drückte ihr flink einen Kuss auf den Scheitel, bevor sie sich auf den Weg machte. McKennas argwöhnische Blicke brannten in ihrem Rücken.

4. Kapitel

Auf das Gesicht ihres Bruders stahl sich ein breites Grinsen. »Schwesterchen. Welch erquickender Anblick für meine müden Augen! Hast du dich für ein paar Minuten von der illustren Damenrunde loseisen können?«
   Penny fühlte sich von einer Welle der Zuneigung ergriffen. Sie hatte diese Neckereien vermisst. Sie hatte Sam vermisst. Mehr, als ihr bewusst gewesen war. Ihr älterer Bruder fehlte ihr. »Bruderherz.« Sie bot ihm ihre Wange zum Kuss. »Gut siehst du aus.«
   Sam gab ihr einen freundschaftlichen Knuff. »Du siehst auch nicht übel aus, wenn ich das bemerken darf. Soweit man das von einer alten Jungfer behaupten kann.« Seine grauen Augen blitzten übermütig.
   »Herzlichen Dank für das Kompliment, Sam Emil«, konterte sie gutmütig, wohl wissend, dass ihr Bruder diesen von ihrer Mutter ausgewählten Zweitnamen, den sie ihm in Gedenken an den verstorbenen Onkel verpasst hatte, nicht ausstehen konnte.
   »Ich unterbreche ungern euer reizendes Geplänkel, aber ich komme mir gerade etwas überflüssig vor.« Finn klang eher amüsiert als verärgert.
   »Hi, Finn.« Sie bemühte sich um ein unverbindliches Lächeln in seine Richtung.
   »Wow. Ich muss Sam zustimmen.« Er ließ seinen Blick anerkennend über sie gleiten. »Du siehst umwerfend aus.«
   Sein offenes Kompliment nahm ihr den Wind aus den Segeln. Ohne dass sie es wollte, starrte sie ihn ihrerseits an. Sein kastanienbraunes Haar, das üblicherweise immer ein bisschen wirkte, als wäre er soeben dem Bett entstiegen, trug er heute sorgfältig nach hinten gekämmt. Eine widerspenstige Locke fiel ihm über die Braue, was seinen jungenhaften Charme unterstrich. Seine Gesichtszüge konnte man als klassisch bezeichnen, die gerade Nase und das markante Kinn unter dem perfekt geschwungenen Mund, um den ihn sicher viele Frauen beneideten. Sie riss sich vom Anblick seiner Lippen los. Vermutlich war er schon immer ein gut aussehender Kerl gewesen, auch wenn sie nie einen Seitenblick auf ihn geworfen hatte. Abgesehen von dem einen Mal, aber da hatten nicht unerhebliche Mengen an Champagner eine Rolle gespielt. Sie schob die sich aufdrängende Erinnerung rasch beiseite. Er war einfach nicht ihr Typ. Finn war eben … Finn. Sie hatte seine seltsame Vorliebe für alte Autos aus den Sechzigern stets belächelt. Seine Leidenschaft für Rock- und Countrymusik und die Angewohnheit, nachts an sternenklaren Nächten, wenn normale Leute schliefen, den Himmel durch ein riesiges Rohr zu betrachten. Finn Gallagher war kein Mann, den sie je ernsthaft als Partner in Betracht gezogen hätte. »Du ähm«, sie musste sich räuspern, »machst ebenfalls keine schlechte Figur.«
   In seinen grünblauen Augen blitzte der Anflug eines Lächelns auf. »Danke. Und das aus deinem Mund. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.«
   »Tja. Auf Hochzeiten scheine ich irgendwie eine Schwäche für dich zu entwickeln.« Kaum waren die Worte draußen, spürte sie, wie ihr Hitze bis unter die Haarwurzeln kroch. Himmel! Welcher Teufel hatte sie soeben geritten?
   Sie sah ein Glitzern in seine Augen treten. »Ich erinnere mich.«
   Von Sam kam ein dezentes Räuspern. Er hob die dunklen Brauen, als ihr Seitenblick ihn streifte.
   O mein Gott. Möge sich augenblicklich ein tiefes Loch auftun, in das sie versinken konnte. Wie kam sie auf die Schnapsidee, Sams erste Hochzeit zu erwähnen? Sie bereute ihre in mehrerer Hinsicht taktlose Bemerkung. »Ich ähm, hört zu, es tut mir leid. Vielleicht sollte ich …« Gib es auf, Penny. Hastig wandte sie sich nach Abby um. Es war ein Fehler gewesen, auf Finn zuzugehen. Sie hätte auf ihre innere Stimme hören sollen.
   »Entspann dich, Schwesterherz.« Sam knuffte sie freundschaftlich.
   »Vielleicht lässt du dich später von mir zu einem Tänzchen überreden?« Finn schob die Hände in die vorderen Hosentaschen und wippte lässig auf den Fersen seiner feinen Schuhe.
   Tanzen? Träum weiter, Finn. »Vielleicht.«
   »Wir haben lange nichts mehr voneinander gehört.«
   »Stimmt«, sagte sie überflüssigerweise. War ihr früher der weiche irische Akzent nie aufgefallen? Seine dunkle Stimme erinnerte sie an guten, alten Whiskey. Obwohl sie Finn Gallagher seit Ewigkeiten kannte, kam es ihr vor, als würde sie ihn zum ersten Mal in einem neuen Licht betrachten. Was sie zutiefst irritierte. Auf einmal klopfte ihr Herz schrecklich schnell.
   »Tja Leute. Ich denke, ich werde nach meiner bezaubernden Braut sehen. Hab sie schon viel zu lang allein gelassen.« Sam tippte sich an eine imaginäre Hutkrempe.
   Bleib Sam, wollte sie protestieren, doch er zwinkerte ihr verschwörerisch zu.
   »Wir sehen uns.«
   Super, Bruderherz, vielen Dank. Manchmal war Sam noch immer der Stinkstiefel, der er als Kind gewesen war. Stirnrunzelnd sah sie ihm nach. Was sollte sie mit Finn nun anfangen? Sie hatten sich ewig nicht mehr gesehen, geschweige denn gesprochen, und es fiel ihr absolut nichts ein, was sie zu ihm hätte sagen können. Andererseits konnte sie ihn schlecht einfach stehen lassen, oder?
   Er nahm ihr die Entscheidung ab. »Tut mir leid, dass ich dich heute früh in der Kirche nicht begrüßen konnte. Bis ich mich durch das Gedränge nach dem Gottesdienst zu eurer Bank durchgeboxt hatte, warst du bereits fort.«
   »Es war eine zauberhafte Zeremonie, findest du nicht? Als die Sängerin das Ave Maria anstimmte, kamen mir glatt die Tränen.« Ach, hör auf zu plappern, Penny. Was war mit ihr los? Wenn sie ihren Kunden Glauben schenken durfte, war sie eine gewandte Gesprächspartnerin. Was in ihrem Beruf als Webdesignerin nicht ungeschickt war, um ihre Arbeit an den Mann zu bringen. Doch in diesem Augenblick schien sie irgendwie neben sich zu stehen. Vermutlich war alles ein bisschen viel gewesen in der letzten Zeit. Die Sache mit Jason hatte sie aus der Bahn geworfen. Kein Wunder, dass sie neben der Spur lief. Als sie den Kopf hob, fühlte sie abermals Wärme in ihre Wangen steigen. Hör auf, mich so anzustarren, Finn Gallagher.
   »Kann ich dir etwas zu trinken besorgen?« Schon wieder dieses seltsame Lächeln, das in den blaugrünen Augen begann und im Anheben eines Mundwinkels endete.
   »Nein, danke.« Sie bemühte sich krampfhaft, nicht auf seine Lippen zu starren. Sie waren wirklich außergewöhnlich schön geformt.
   »Wo ist deine Tochter?« Finn spähte über ihre Schulter. »Wie hübsch sie heute früh als Blumenmädchen aussah.«
   »Danke.« Als sie sich umdrehte, um nach Abby zu sehen, entdeckte sie lediglich Deanna und McKenna am Stehtisch ins Gespräch vertieft. Penny zuckte kurz mit den Schultern. »Sie ist vermutlich mit Tayanita unterwegs. Abby mag Sams Freundin sehr, wie mir scheint.« Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, die der Wind ihr ins Gesicht blies. »Hör zu, Finn, es war nett, dich wiederzusehen, ich werde …«
   »Erzähl mal, wie ist es dir ergangen all die Jahre, Penelope?« Er ignorierte ihren verzweifelten Versuch, sich zu verabschieden und rückte stattdessen bedrohlich näher.
   Penelope? Früher war sie Penny für ihn gewesen. Einfach Penny. Ihre Mutter war die Einzige, die sie mit ihrem vollen Namen ansprach. Penelope oder, wenn die Situation eskalierte, Penelope Ann. Früher hatte Penny ihren Namen gehasst, weil die Kinder in der Schule sich lustig darüber gemacht hatten. Pen-Pen hatten sie gerufen oder was noch viel schlimmer war: Loppy. Inzwischen jedoch fühlte sie sich selbstbewusst genug, ihren wunderschönen Namen mit Stolz zu tragen. Ihr Dad, der ein Verehrer der antiken Griechen gewesen war, hatte ihn für sie ausgesucht. Unlängst hatte sie sogar in der Cosmopolitan gelesen, dass Penelope als einer der derzeit beliebtesten Namen galt. Wer hätte das gedacht? »Gut. Mir geht es gut.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Und wie läuft es bei dir?«
   »Könnte nicht besser sein.«
   »Wunderbar.« Damit wäre ja alles gesagt, was zu sagen war. Sie rang sich ein gequältes Lächeln ab. Gerade, als sie fieberhaft überlegte, wie sie ihn endlich loswerden könnte, gesellte sich eine junge Frau zu ihnen. Penny misstrauisch taxierend, schlang sie ihre Arme um Finns Taille.
   »Hey, Babe. Ich habe dich schon gesucht.« Ohne den Blick von Penny zu wenden, bot sie Finn ihre Lippen zum Kuss.
   »Michelle Carnegie, Penelope Parker«, stellte er sie anschließend einander vor.
   »Finns Verlobte«, fügte Michelle mit Nachdruck hinzu und streckte eine kühle Hand nach Penny aus.
   Überrascht erwiderte Penny den schlaffen Händedruck. Finn Gallagher war verlobt? Damit hätte sie nicht gerechnet. Aber andererseits, warum sollte es keine Frau an seiner Seite geben? Hatte sie nicht vor wenigen Augenblicken zugeben müssen, dass er fantastisch aussah? Und hatte nicht Sam ihr im Lauf der Jahre immer wieder auf die Nase gebunden, dass sein bester Freund ein begehrter Junggeselle sei? Warum ihr Bruder es für nötig befunden hatte, sie wiederholt auf diese weltbewegende Tatsache hinzuweisen, war ihr ein Rätsel. Sie hatte diese Verkündung stets mit einem gleichgültigen Jaja kommentiert. Möglichst unauffällig nahm sie Finns Verlobte genauer unter die Lupe. Mittelgroß und schlank, mit knapp schulterlangem aschblondem Haar, das ein längliches Gesicht umspielte, wirkte sie eher unauffällig, jedoch nicht unattraktiv. Die Art, wie sie einen Arm fest um Finns Mitte geschlungen hielt, ließ Penny vermuten, dass sie vermutlich ein eifersüchtiger Mensch war. Liebe Güte, von mir hast du bestimmt nichts zu befürchten. »Finn und ich sind alte Bekannte«, klärte sie die andere Frau bereitwillig auf.
   »Penelope – Penny und ich kennen uns schon ewig«, bestätigte Finn hastig. »Sie ist Sams Schwester.«
   »War nett, Sie zu treffen, Michelle. Wir sehen uns, Finn.« Penny wandte sich ab, um nach Abby zu suchen. Statt der erwarteten Erleichterung, sich endlich loseisen zu können, fühlte sie seltsame Verwirrung aufkommen.
   Finn war verlobt.
   Sams bester Freund, den sie immer ein wenig wie einen lästigen zweiten Bruder betrachtet hatte, würde den Bund fürs Leben schließen. Warum versetzte ihr diese Erkenntnis einen leisen Hieb? Warum schien ihr diese Vorstellung nicht zu behagen? Während sie sich ihren Weg durch die Gäste bahnte, blieb ihr Blick an dem Brautpaar hängen, das eng umschlungen tanzte. Die beiden wirkten glücklich. Unendlich zufrieden mit sich und der Welt. Abermals fühlte Penny eine Art Beklemmung aufsteigen. Überrascht stellte sie fest, dass es Eifersucht war, die ihr Herz schmerzhaft zusammenziehen ließ. Eifersucht. Und Sehnsucht. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass ihre Beziehung mit Jason Atkins der Vergangenheit angehörte. Auch wenn Jason extrem gut aussehend war. Wortgewandt, charmant. Und der Sex mit ihm himmlisch. Aber körperliche Liebe war nicht alles. Penny wollte mehr. Etwas Echtes. Hingabe, Ehrlichkeit, ein Versprechen. Sie wollte das, was Sam und Hannah miteinander teilten. Die Art von Liebe, die Finn offensichtlich mit dieser Michelle verband. Sie blinzelte, um die dummen Tränen zurückzudrängen.
   Es hatte mit ihr und dem attraktiven, aufstrebenden Banker mit politischen Ambitionen so vielversprechend begonnen. Anfangs gab er sich zärtlich und aufmerksam. Liebevoll im Umgang mit Abby. Wenn Penny ehrlich war, hatte sie insgeheim gehofft, Jason könnte der Richtige sein. Derjenige, der sie und Abby zu einer kompletten Familie machen würde. Ja, manchmal hatte sie davon geträumt, wie er ihr in nicht allzu ferner Zukunft einen funkelnden Diamanten an den Finger stecken würde. Schließlich waren sie drei Jahre lang ein Paar gewesen. Ein glückliches Paar. Hatte sie zumindest angenommen. Doch jetzt wusste sie, Jason war lediglich eine schmucke Verpackung, die nicht hielt, was sie versprach. All die schönen Sprüche, die leeren Worte. Sein charmantes Lächeln. Sie hätte es ahnen müssen. Männer wie er waren nicht echt. Sie waren funkelndes Beiwerk. Keine Lebenspartner. Zorn und Enttäuschung zugleich wallten in ihr auf. Niemals wieder würde sie auf so jemanden hereinfallen. Niemals mehr würde sie sich mit weniger zufriedengeben, als mit dem, was ihr Bruder gefunden hatte.

*

Was für eine schöne Frau! Michelle biss sich auf die Unterlippe, als sie Sams Schwester nicht ohne einen Anflug von Neid hinterherblickte. Schneewittchen höchstpersönlich wäre neidisch gewesen: dunkle lange Haare, leuchtend blaue Augen und ein fein geschwungener Mund, den ein kirschroter Lippenstift betonte. Wow. Auch Finn schien sich nicht von ihrem Anblick lösen zu können. »Hey, ich bin auch noch da«, erinnerte sie ihn. Weil er nicht reagierte, kniff sie ihm in den Oberarm.
   »Was?« Er wirkte, als wäre er mit seinen Gedanken meilenweit entfernt gewesen.
   »Du sollst nicht anderen Ladys hinterherstarren«, meinte sie mit einem halbherzigen Lächeln. Natürlich hatte sie die unterschwelligen Spannungen zwischen Finn und der anderen Frau vernommen. Sie war doch nicht dumm. Bestimmt fühlte sich diese Fremde zu Finn hingezogen. Es war kein Geheimnis, dass ihm die Herzen sämtlicher Singlefrauen in Willow Creek zuflogen. Was nicht verwunderlich war. Er verzauberte alle mit seinem jungenhaften Charme. Sein freundliches, warmherziges Wesen kam eben gut bei den Frauen an. Die Mütter der Kinder seiner Klasse donnerten sich immer gewaltig auf, wenn sie einen Termin bei Finn Gallagher hatten. Dass sich jemand wie er nach ihr – Shelley Carnegie – umdrehen sollte, niemals hätte sie damit gerechnet. Sie sah das realistisch. Sie war das typische Mädchen von nebenan. Nicht unattraktiv, jedoch keine auffallende Schönheit. Mittelmaß eben. So war es schon in der Highschool gewesen, wo sie zu den unauffälligen, leidlich beliebten Schülerinnen gezählt hatte. Sie machte keinen Ärger, aber ebenso wenig von sich sprechen. In der Abschlussklasse wählte man sie zusammen mit Marty Delanie zur schüchternsten Schülerin. Marty, der nie den Mund aufbekam und wie ein Feuermelder leuchtete, wenn er angesprochen wurde. Ein Foto im Jahrbuch erinnerte Shelley noch heute an diesen wenig schmeichelhaften Titel.
   Gott sei Dank hatte sie diesen Teil ihres Lebens hinter sich gelassen. Heute verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Sekretärin in einer Baufirma, besaß einen netten Freundeskreis und konnte es sich leisten, sich jeden Sommer zwei Wochen lang in Myrtle Beach die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Und sie war die feste Freundin von Finn Gallagher. Das musste man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Sie hatte definitiv etwas aus sich gemacht.
   Seit dem Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren lebte sie wieder zu Hause bei ihrem Vater Walter, einem ehemaligen Profibaseballspieler, der sich immer mehr zu einem seltsamen Kauz entwickelte. Niemand wusste so recht, was ihm fehlte. Doc Bailey, den Shelley zurate gezogen hatte, hatte von einer möglichen beginnenden Altersdemenz gesprochen und vorgeschlagen, dass sich Walter in Greenville in eine Spezialklinik zur näheren Abklärung begeben sollte. Ihr Vater, dieser Dickschädel, hatte dies jedoch als Blödsinn abgetan. Ihm fehle nichts, hatte er den freundlichen Arzt angeschnauzt. Doc Bailey solle sich gefälligst um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Die meiste Zeit über verschanzte er sich in seinem Zimmer, um stundenlang alte Filme seiner Baseballspiele abzuspielen oder verblichene Fotos in ein abgegriffenes Lederalbum einzusortieren, das er wie einen Schatz hütete. Da er sich nicht darum scherte, ob und wann etwas Warmes in seinen Magen kam, und es ihn nicht zu stören schien, wenn eine zentimeterdicke Staubschicht Möbel und Böden bedeckte, kochte Shelley für ihn und hielt das große Haus sauber. Im Obergeschoss hatte sie zwei Zimmer in Beschlag genommen und sich dort häuslich eingerichtet.
   Zuletzt hatte sie es sich jedoch angewöhnt, öfter bei Finn zu übernachten. Sie machte sich Hoffnungen. Hoffnungen, dass er sie bald fragte, ob sie ihn heiraten wolle. Ihrer Meinung nach war die Zeit dafür reif. Nach zwei Jahren konnten sie ihre Beziehung endlich auf die nächste Stufe heben, oder nicht? Sie war bereit. Mehr als bereit. Sie fieberte danach, Finn Gallaghers Frau zu werden. Michelle Carnegie Gallagher. Der Name klang wie eine süße Verheißung in ihren Ohren. Sobald sie Finns Frau war, würde sie aus seinem spartanischen Häuschen in der Pine Ridge Alley ein gemütliches Heim machen. Ihm die perfekte Gattin sein. Wenn Kinder kämen, würde sie ihre Stelle bei Patterson & Young selbstverständlich aufgeben, um ganz für die Familie da zu sein. Genau so, wie es ihre Mom getan hatte. Natürlich stellte sich die Frage, was mit ihrem Vater geschehen würde. Wenn sie ihr Elternhaus verkauften, könnte sie es sich vielleicht leisten, ihm einen schönen Platz in einem guten Heim zu beschaffen. Dies waren alles Dinge, die bedacht werden mussten. Finn und sie sollten endlich einmal über ihre gemeinsame Zukunft sprechen. Sein unverhohlenes Interesse an einer anderen Frau ärgerte sie. »Penelope«, sie zog den Namen unnatürlich in die Länge, »was ist das überhaupt für ein seltsamer Name?«
   »Penny«, sagte er geistesabwesend. »Ich finde den Namen schön.«
   Sein Geständnis versetzte ihr einen Hieb in die Magengrube. »Was ist mit dieser Penny«, hakte sie nach, »gibt es etwas, das du mir sagen möchtest?«
   »Was meinst du denn?« Offensichtlich zog er es vor, den Ahnungslosen zu spielen.
   O nein, so leicht kam er ihr nicht davon. »Ich bin nicht blöd, weißt du. Wir Frauen spüren solche Dinge. Also«, herausfordernd reckte sie das Kinn, »hattest du mal was mit ihr?«
   Finn musterte sie lang und hart, bevor er antwortete. »Ich habe mal für sie geschwärmt. Wie man das eben für die Schwester seines besten Freundes macht. Das ist längst gegessen. Lange her und vorbei.«
   Ihr wurde eiskalt. Auf ihrer Kopfhaut bildete sich eine Gänsehaut. »Bist du dir sicher?« Ihre Stimme klang schneidend. Sie konnte nicht anders. Das grünäugige Monster der Eifersucht hatte seine Krallen in ihre Eingeweide geschlagen.
   »Pennys Leben spielt sich in Asheville ab. Außerdem hat sie eine kleine Tochter.«
   Shelley wusste nicht, was das eine mit dem anderen zu tun haben sollte. Sie hob eine Braue. »Und?« Sie kannte sich selbst kaum wieder. Nie zuvor war sie derart schnippisch zu Finn gewesen.
   »Nichts weiter.« Auf Finns Nasenwurzel bildete sich eine steile Falte. »Was ist eigentlich los mit dir, Shell?«
   Sofort befiel sie das schlechte Gewissen. Sie hegte keine Ambitionen, eine keifende Xanthippe zu sein. Schließlich sehnte sie sich danach, dass ihr dieser Mann einen Heiratsantrag machte. »Entschuldige«, lenkte sie ein, ihm einen reuevollen Blick unter ihren Wimpern zuwerfend. »Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Für einen Moment dachte ich, du hättest vielleicht noch Gefühle für sie.«
   »Dummerchen.« Finns Miene wurde weich. »Penny ist lediglich Sams Schwester. Nichts weiter.« Seine Augen forschten in ihrem Gesicht. »Was sollte das eigentlich, von wegen, wir seien verlobt?«
   »Ach das.« Jetzt wurde ihr schrecklich heiß. Betont lässig zuckte sie mit den Schultern. »Das ist mir so herausgerutscht. Findest du das etwa schlimm? Immerhin sind wir schon lang zusammen.«
   »Zwei Jahre.«
   »Eben.« Sein durchdringender Blick verunsicherte sie. »Ich dachte – ich dachte einfach, es wäre langsam an der Zeit …« Hilflos brach sie ab.
   »Ich würde gern mitbestimmen, wenn es um so wichtige Entscheidungen geht.« Ein Muskel an seinem Kiefer zuckte. »Außerdem kann man so etwas nicht übers Knie brechen.«
   »Du musst darüber nachdenken?«
   »So etwas entscheidet man doch nicht aus dem Bauch heraus. Das will gut überlegt werden. Schließlich ist eine Verlobung ein Versprechen.«
   Als ob sie das nicht wüsste. Sie schluckte und wandte sich ab, damit er die Tränen nicht sah, mit denen sich ihre Augen füllten. Darüber nachdenken musste er! Es will gut überlegt werden! Das hörte sich eher nach einer geschäftlichen Entscheidung als nach einer Herzensangelegenheit an. Sie versteifte sich, als sie Finns Finger auf ihrer Schulter spürte.
   »Shell. Es tut mir leid. Vielleicht habe ich mich etwas ungeschickt ausgedrückt.« Er zwang sie sanft, sich umzudrehen.
   Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Unterlippe zitterte. Angestrengt hielt sie den Blick auf den Boden gerichtet. Die Band stimmte ein neues Lied an. A Kiss to build a dream on. Na prima. Jetzt konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten.
   »Sieh mich an. Komm schon.«
   Sie schniefte, und Finn strich mit den Daumen über ihre Wangen, um sie zu trocknen.
   »Lass uns diesen schönen Tag nicht verderben. Heute wollen wir mit Sam und Hannah feiern.« Mit dem Zeigefinger hob er sanft ihr Kinn, damit er ihr in die Augen sehen konnte. »Bitte lächle wieder. Wo ist meine Shelley, die stets ein Lächeln auf den Lippen trägt? Du siehst so hübsch aus, wenn du lächelst. Na siehst du, war gar nicht so schwer. Und jetzt lass uns tanzen, in Ordnung?« Er legte seine Arme um ihre Taille und zog sie an sich.
   Sie lehnte ihre Wange an seine Brust, spürte seine Wärme und atmete seinen tröstlichen Duft. Dennoch konnten seine Worte und die Berührung die tiefe Enttäuschung über seine Reaktion nicht vertreiben. Shelley schloss die Lider, wiegte sich mit dem Mann, den sie über alles liebte, zum Takt der Musik und versuchte, das nagende Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, beiseitezuschieben.

5. Kapitel

»Mommy!« Abby hatte sie entdeckt. Ausgelassen winkte sie ihr zu. »Hier sind wir!«
   Von Tayanita hatte Penny erfahren, dass
   die Kleine unvermittelt von Sehnsucht nach ihrer Nana überwältigt worden war, und sie das Kind deshalb Emilia anvertraut hatte. Sie hoffte, in Pennys Sinn gehandelt zu haben? Penny hatte der Cherokee herzlich gedankt und sich zum Bootssteg aufgemacht, wo es sich Emilia und Abby auf den sonnenwarmen Holzplanken gemütlich gemacht hatten.
   Sie straffte den Rücken, bemüht, ein fröhliches Gesicht aufzusetzen und jeden erneut aufkommenden Gedanken an Jason im Keim zu ersticken. Vorsichtig ließ sie sich neben Abby nieder, darauf bedacht, dass sich kein Spreißel des von Wind und Wasser verwitterten Holzes in den delikaten Stoff ihres Kleids bohrte. »Hi, ihr beiden. Abby, sei bitte vorsichtig, damit du dein hübsches Kleidchen nicht ruinierst.« Sie hatte vergessen, was für ein zauberhaftes Fleckchen Erde der Emerald Lake war, dachte sie, während sie den Blick schweifen ließ. Von den schrägen Strahlen der untergehenden Sonne beschienen funkelte das Wasser wie flüssiges Gold. Die ganze Umgebung schien in ein sanftes rotgoldenes Leuchten getaucht. Als Jugendliche waren sie mit ihren Rädern nach der Schule oft zum Picknick an den See gefahren, hatten manchmal im Mondschein nackt gebadet …
   »Ist es nicht friedlich und wunderschön hier?« Emilias Stimme riss Penny aus ihren Erinnerungen. »Hier könnte ich für immer sitzen bleiben, dem leisen Plätschern der Wellen lauschen und allen Kummer vergessen.«
   Kummer? Penny warf ihrer Mutter einen Seitenblick zu. Wovon sprach Emilia? Gab es etwas, das sie bedrückte? Eine seltsame Vorstellung. Wo Emilia doch stets den Eindruck vermittelte, als hätte sie alles im Griff. Als gelänge es ihr, jede Situation zu meistern. Grübelnd streichelte Penny über Abbys Arm. Ihre Tochter schmiegte sich an sie und Penny war dankbar für die süße Wärme, die der kleine Körper ausstrahlte.
   Eine Weile saßen sie einträchtig beieinander und lauschten den Geräuschen in der aufkommenden Dämmerung. Musikklänge, ausgelassenes Gelächter und Gesprächsfetzen wehten herüber, vermischten sich mit dem glucksenden Wasser, das an die Stegpfosten schlug. Zwischen dem Schilf am Ufer schaukelte ein vertäutes Boot. Baumfrösche stimmten ihren abendlichen Gesang an, und der laue Wind trug den süßen Duft von Wildblumen heran. Penny liebte diese Jahreszeit, wenn die Natur zu ihrer vollen Blüte erwachte. Es war schön, wieder in der Heimat zu sein. Sie schloss die Lider, um sich dem Zauber des Augenblicks hinzugeben.
   »Mommy?«
   »Hm?«
   »Hat Tante Hannah schlimm geweint, als die Polizei ihren toten Mann auf Onkel Sams Wiese gefunden hat?«
   »Wie bitte?« Penny riss die Augen auf. Die Worte ihrer Tochter schrillten in ihren Ohren nach. Entgeistert starrte sie über Abbys Scheitel hinweg ihre Mutter an. »Über was um Himmels willen habt ihr euch unterhalten, Mom?«
   »Abby hat doch ein Recht, etwas über ihre Familie zu erfahren«, entgegnete Emilia konsterniert.
   »Aber da gibt es Grenzen! Ich bitte dich, Mom! Du kannst doch nicht allen Ernstes …?«
   »Warum sollen wir Dinge beschönigen? Warum soll Abby nicht wissen, was mit dem ersten Ehemann ihrer neuen Tante geschehen ist? Willst du, dass die Kleine mit Lügen aufwächst?«
   »Sorgfältig abzuwägen, was ich einer knapp Sechsjährigen erzähle, und mich gegebenenfalls dagegen zu entscheiden, ihr gewisse Dinge anzuvertrauen, hat nichts mit Belügen zu tun.« Pennys Atmung beschleunigte sich.
   »Du entfremdest das Kind von seiner Familie, Penelope. Hältst es oben in Asheville in einem goldenen Käfig gefangen.«
   Es reichte. Penny sprang auf, so schnell es ihr das festliche Kleid erlaubte. »Was sagst du da?«
   »Komm nach Hause, Penelope. Kommt heim nach Willow Creek.« Emilia fixierte sie mit eindringlichem Blick.
   Penny stemmte ihre Fäuste in die Seiten. »Misch dich nicht in mein Leben ein, Mutter. Ich weiß selbst, was gut für mich und meine Tochter ist. Abby, steh auf. Wir gehen. Nimm deine Schuhe und komm«, drängte sie erneut, als die Kleine sich nicht rührte.
   »Aber Mommy, ich will hierbleiben.«
   »Das hast du immer getan, nicht wahr?« Emilias Stimme nahm einen scharfen Ton an. »Zu glauben, dass nur du weißt, was gut für dich ist. Du hast seit jeher meine Ratschläge in den Wind geschlagen.«
   »Und du hast schon immer versucht, mir deinen Willen aufzuzwängen.«
   »Penelope, bitte.« Mühsam rappelte sich Emilia hoch. »Ich möchte nur, dass wir alle miteinander auskommen.«
   Penny bedachte sie mit einem eisigen Blick. »Verstehst du noch immer nicht, wie anmaßend es von dir ist, zu denken, du wüsstest, was für mich oder meine Tochter das Richtige sei?« Sie schnappte sich Abbys Hand. Ihre Absätze klackerten ein wütendes Stakkato auf dem Holz. »Tut mir leid, Süße«, entschuldigte sie sich bei Abby.
   Sie hatte das Gefühl, kaum atmen zu können. Was hatte sich ihre Mutter dabei gedacht, ihr kleines Mädchen mit Details über die Umstände von Shane Mulligans Ableben zu füttern? Drogen hatten irgendeine Rolle gespielt, so erinnerte sich Penny dunkel. Dies waren gewiss keine Dinge, die man mit einem Kind erörtern sollte. Wie konnte Emilia nur! Sie brauchte jetzt dringend einen Drink. In ihrer blinden Wut prallte sie gegen eine harte Männerbrust. Fast hätte sie das Gleichgewicht verloren, wenn nicht zwei starke Arme sie umfangen und festgehalten hätten. Sie gehörten zu Finn.
   »Hoppla. Wohin so eilig?«
   Sie schoss ihm einen wütenden Blick zu. Der hatte ihr gerade noch gefehlt.
   »Wohin so eilig?«, wiederholte er, diesmal sanfter.
   »Geh mir aus dem Weg«, fauchte sie. »Und lass mich bitte los.«
   »Meine Güte, Penny. Was ist dir für eine Laus über die Leber gelaufen?« Anstatt zu tun, worum sie ihn gebeten hatte, strich er ihr mit den Fingern über die nackten Oberarme. Vermutlich eine Geste, um sie zu beruhigen.
   Sie bewirkte das Gegenteil. Penny spürte ein seltsames Kribbeln auf ihrer Haut. Eine zärtliche, sanfte Berührung, die ein Bild vor ihrem geistigen Auge aufblitzen ließ. Sie erinnerte sich an eine leidenschaftliche Umarmung, heiße Küsse im Mondlicht. An einen wohlproportionierten Körper … nein! Stopp. Holy Cow! Bloß weil Finn in seinem festlichen Outfit zugegebenermaßen ziemlich sexy rüberkam, musste sie diese Gedanken nicht gleich vertiefen. Sie wand sich aus seinem Griff und funkelte ihn an. »Lass mich.« Es machte sie sauer, dass er sie so leicht aus der Fassung brachte. Dieses elektrisierende Prickeln, das sie soeben durchfahren hatte, befremdete sie. Verdammt, sie war ziemlich durcheinander wegen der Sache mit Jason.
   »Mommy? Ich hab Hunger.« Eine weinerlich klingende Abby zog an ihrer Hand.
   »Weißt du was?« Finn ging in die Hocke. »Was hältst du davon, wenn Tante Tayanita mit dir an das leckere Büfett geht, damit du etwas in den Magen bekommst, und ich unterhalte mich derweil ein bisschen mit deiner Mom?«
   Vergiss es, Finn Gallagher. Netter Versuch.
   »Mommy, darf ich?«
   »Bitte Finn, was soll das?«
   »Komm schon, Penny, gib dir einen Ruck.« Kurzerhand gab er Tayanita, die sich in der Nähe mit einer älteren Dame in lachsfarbenem Kostüm und passendem Hütchen unterhielt, ein Zeichen. Es dauerte keine Minute, da hatte sich die Cherokee zu ihnen gesellt.
   »Puh, danke dir, Finn.« Tayanita schwang ihr langes Haar über die Schulter. »Das war Rettung in letzter Minute. Hester Flanagan besitzt zwar ein Herz aus Gold, kann aber zuweilen eine rechte Plaudertasche sein.« Sie zwinkerte Penny zu. »Ihr scheint etwas im Schilde zu führen. Um was geht’s?«
   »Unserer kleinen Freundin hier«, Finn machte eine Kinnbewegung Richtung Abby, »knurrt mächtig der Magen. Meinst du, du könntest ihr am Büfett etwas Schönes zusammenstellen, Taya?«
   »Es gibt nichts, was ich lieber täte. Wenn du dich noch einmal unter meine Fittiche begeben willst, Schatz?« Tayanita streckte eine Hand nach Abby aus. »Wäre doch gelacht, wenn wir nicht etwas Leckeres für dein hungriges Bäuchlein auftreiben könnten.«
   Abby, anscheinend getröstet, strahlte. Vermutlich hegte sie die Hoffnung, etwas Süßes zu erhaschen, wenn ihre Mom bei der Essensauswahl nicht dabei war. Denn Penny legte viel Wert auf eine gesunde Ernährung. Was Abby weniger entzückte.
   Sie seufzte innerlich auf. Ihr blieb jetzt ohnehin nichts anderes übrig, als gute Miene zum Spiel zu machen, auch wenn es ihr gegen den Strich ging, dass Finn über ihren Kopf hinweg entschied. Sie hatte jedoch keine Lust, als Spielverderberin dazustehen. Trotzdem konnte sie sich nicht verkneifen, Finn anzublaffen, sobald Tayanita und Abby außer Hörweite waren. »Was sollte das, Finn?«
   Er warf ihr einen schiefen Blick zu. »Du siehst aus, als könntest du eine Pause gebrauchen.«
   »Ach. Und die willst du mir verschaffen?«
   »Warum nicht? Früher haben wir uns mal gut verstanden.«
   »Das ist lange her. Außerdem wollte ich mir einen Drink besorgen.«
   »Kann ich doch machen.«
   Misstrauisch hob sie die Brauen.
   »Jetzt mach mal halblang. Ich mach dir keinen Antrag. Ich will nur mit dir plaudern, okay? Lass uns irgendwo hinsetzen, und dann hole ich dir deinen Drink.« Im Vertrauen darauf, dass sie ihm brav folgte, steuerte er eine Bank auf der Vorderseite des Lokals unter einer ausladenden Zeder an. »Nimm Platz«, lud er Penny mit einer Handbewegung ein.
   Aber gern, Sir. Ganz wie Sie wünschen. Herausfordernd starrte sie ihn an, nachdem sie sich gesetzt hatte. »Und nun?«
   »Was kann ich dir bringen? Früher trankst du gern …«
   »Früher«, schnitt sie ihm uncharmant das Wort ab. »Jetzt hätte ich gern einen Mint Julep. Mit extra Eis.«
   Er deutete eine Verbeugung an. »Kommt sofort.«
   Machte er sich über sie lustig? Stirnrunzelnd sah sie ihm hinterher, wobei ihr Blick magisch von seinem Hinterteil angezogen wurde, das sich wohlgeformt in der engen Stoffhose präsentierte. Sexy. Sie biss auf ihre Unterlippe. Penny Parker, hast du den Verstand verloren? Meine Güte, du bist doch kein pubertierender Teenager, den der Anblick eines sexy Pos aus der Fassung bringt. Innerlich kopfschüttelnd riss sie sich von dem verführerischen Anblick von Finns Kehrseite los und richtete den Blick auf den See. Langsam senkte sich die Dunkelheit über den Emerald Lake. Drüben am anderen Ufer blinkten einzelne Lichter zwischen den Bäumen auf. Vermutlich machten es sich die Bewohner der schmucken Blockhäuser jetzt auf dicken, flauschigen Teppichen mit einem Glas Wein vor einem knisternden Kaminfeuer gemütlich, lachten, plauderten, hörten Musik. Oder liebten sich im flackernden Schein des Feuers. Ein tiefes Gefühl der Einsamkeit rollte unvermittelt über sie hinweg. Sie war allein. Schon wieder. Vielleicht war es ihre Bestimmung, allein zu bleiben. Vielleicht würde sie niemals einen Partner finden, der sie und Abby bedingungslos liebte. Jemanden, der zu ihnen stand. Zu dem sie aufsehen, an dessen Schulter sie sich lehnen konnte, und der sie nachts in seinen starken Armen und ihr die Treue hielt. Einen für immer. Sie hatte sich stets in die falschen Typen verliebt. Hatte sich von vermeintlich starken, erfolgreichen und charismatischen Männern angezogen gefühlt. Und wieder einmal auf bittere Weise erfahren müssen, dass der äußerliche Eindruck nicht hielt, was er versprach. Vielleicht war es an der Zeit, dass sie ihr Männerbild überdachte? Andererseits – sie hatte keine Lust mehr auf diesen ermüdenden Datingzirkus. Die ewigen Hoffnungen, die zerplatzten Träume. Die bitteren Enttäuschungen, wenn es am Ende doch nicht klappte. Sie musste an Abby denken. Dieses Hin und Her war für die zerbrechliche Seele eines heranwachsenden Kindes nicht gut. Jason Atkins war die längste und ernsthafteste Beziehung seit langer Zeit gewesen. Verdammt, sie hatte sich gewünscht, dass es diesmal funktionieren möge … Sie spürte Tränen hinter ihren Lidern brennen, die sie rasch wegblinzelte, als sich Schritte näherten. »Hey Finn. Das ging ja schnell.« Sie empfing ihn mit einem wackligen Lächeln.
   Während er sie wortlos musterte, reichte er ihr einen Zinnbecher, aus dem eine Minzstange ragte. Dann ließ er sich mit einer Flasche Carolina Blonde in der Hand neben ihr nieder.
   Zu nah. Viel zu nah. Sie konnte sein Aftershave riechen. Es duftete herrlich. Herb und frisch zugleich. Moschus? Lemongras? Am liebsten hätte sie sich gegen ihn gelehnt, um zu schnuppern. Nach was hatte er früher gerochen? Sie versuchte, sich zu erinnern. Es gelang ihr nicht. Vermutlich war sie dabei, verrückt zu werden. Hätte ihr jemand vor einem Tag gesagt, dass sie sich danach sehnte, Finns Duft zu ergründen, sie hätte schallend gelacht.
   Hastig nahm sie einen Schluck von ihrem Mint Julep und presste das kalte Metall an ihre erhitzte Wange. »Danke. Das tut gut.«
   »Alles okay mit dir?«
   »Mit mir ist alles bestens«, erwiderte sie eine Spur zu schroff. Erneut nippte sie an ihrem Getränk. Ein Hauch von Minze blieb an ihrem Gaumen hängen. Sie atmete tief durch und beschloss, weniger zickig zu sein. »Wo steckt deine Verlobte?«, fragte sie, bemüht, liebenswürdig zu erscheinen.
   »Shelley? Sie wollte sich frisch machen. Wird ein paar Minuten ohne mich auskommen.« Sein Blick wanderte abermals über ihren Körper. »Du siehst übrigens zauberhaft aus in diesem blauen Kleid. Ich liebe den Style, er ist so schön retro.«
   Etwas verlegen spielte sie mit der Minzstange in ihrem Becher. »Danke. Das Kleid ist neu.« Bestimmt interessierte ihn diese Tatsache brennend. Sie hatte das Gefühl, unter seinem intensiven Blick zu erröten.
   »Wir haben uns echt lange nicht mehr gesehen, Penny. Wie geht es dir? Ich meine wirklich?«
   »Warum willst du das wissen?«
   »Wir waren mal so etwas wie Freunde.«
   »Waren wir das?« Obwohl sie es nicht beabsichtigt hatte, kam ihre Antwort schnippisch. Noch immer konnte sie seinen Duft wahrnehmen. Er war so … männlich? Zu ihrem Entsetzen bemerkte sie, wie in ihrem Bauch ein seltsames Flattern erwachte. Ein sehnsüchtiges Ziehen. Sie fühlte Begehren aufsteigen, wie blubbernde Luftbläschen, die sich an die Oberfläche eines Sees drängen.
   Sie erstarrte. Nein, das war eine Täuschung. Ein Witz. Es konnte nicht sein, dass Finns bloße Anwesenheit derartige Gefühle in ihr weckte! Unmerklich rückte sie ein wenig ab. Wie konnte man nach einer Trennung derart durcheinander sein?
   »Na komm.« Finn ließ nicht locker. »Erzähl ein bisschen von dir.«
   »Du weißt schon, dass Übliche.« Irritiert und beunruhigt fixierte sie den samtenen Himmel, an dem die Sterne zu funkeln begannen. »Viel Arbeit, Stress mit Kunden, Termine. Das Kind …« Sie brach ab. Sie wollte mit Finn nicht über Abby sprechen. Mit dem Kopf machte sie eine Bewegung zur Terrasse. »Mein Bruder scheint endlich wieder glücklich zu sein.«
   »Themawechsel, hm?« Über Finns Züge huschte ein seltsames Lächeln. »Mein Freund hatte mächtiges Glück, dass Hannah ihm über den Weg gelaufen ist.«
   »Stimmt.« Penny richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihre Füße. »Und du? Wirst du – auch bald heiraten?«
   »Ich?«
   »Sagte deine Freundin nicht, ihr wärt verlobt?« Penny warf ihm einen Seitenblick zu.
   »Ach so, das.«
   Er fuhr sich durch sein Haar. Die Manschette seines Hemdsärmels rutschte ein wenig hoch und entblößte ein Stückchen Unterarm. Sehnen und Muskeln zeichneten sich unter der zart gebräunten Haut ab und Penny überkam das irre Verlangen, mit ihrem Zeigefinger diese Konturen entlangzufahren.
   Ihr Pulsschlag beschleunigte sich. »Schon gut«, sagte sie rasch, ihren Blick abwendend. »Es geht mich ja nichts an.«

*

Während er überlegte, ob er ihr von Shelley erzählen sollte, musterte Finn Penny verstohlen aus den Augenwinkeln. Sie sah umwerfend aus für Anfang dreißig. Das hübsche Cocktailkleid betonte ihre exquisite Figur an all den richtigen Stellen. Es fiel ihm verdammt schwer, sich zu konzentrieren, weil er nicht aufhören konnte, daran zu denken, was sich unter dem leuchtend blauen Stoff verbarg. Allein der Gedanke ließ seinen Pulsschlag in ungeahnte Höhen schnellen. Ob sie überhaupt wusste, wie hinreißend sie aussah? Sie kam ihm ein wenig verloren vor und – wenn er es nicht besser wüsste – verunsichert. So kannte er Sams Schwester überhaupt nicht. Sie war ihm immer als eine selbstbewusste und recht eigensinnige, junge Frau begegnet. Eine Frau, die genau wusste, was sie wollte. Oder nicht wollte, stimmt’s Finn? Er ignorierte die lästige Stimme in seinem Ohr, die ihn an seine Niederlage erinnerte. Ihn überkam der spontane Wunsch, sie beschützen zu wollen. Ihre Welt, mit der sie offenbar derzeit haderte, zurechtzurücken. Sein Herz pochte hart. Noch immer löste ihr Anblick Gefühle in ihm aus, die er lieber nicht zu ergründen gedachte. Einst hatte er sich geschworen, Penny Parker nie wieder an sich heranzulassen. Er hatte seine Lektion bitter gelernt. Die Brauen zusammenkneifend nahm er einen Schluck von seinem Carolina Blonde und starrte düster hinaus auf den See. Nachdem er damals von Sam erfahren hatte, dass sie sich von irgendeinem Kerl ein Kind hatte andrehen lassen, hatte es ihm ein zweites Mal das Herz gebrochen. Es hatte lang gedauert, bis er über die Geschichte mit ihr hinweggekommen war. Nun sah er sie wieder, und sein Herz schlug abermals einen wilden sehnsüchtigen Rhythmus. Nein, diesmal würde er der Versuchung nicht nachgeben. Außerdem gab es Shelley. Er musste einen Weg finden, unbefangen mit Penny umzugehen. Schließlich war sie die Schwester seines besten Freundes und würde ihm unweigerlich immer mal wieder über den Weg laufen. Er sehnte sich danach, sie ansehen zu können, ohne dass sich in seiner Brust etwas Schmerzliches regte. Ohne, dass er das pochende Verlangen, sie an sich zu ziehen und ihr das verdammte Kleid vom Leib zu reißen, unterdrücken musste. Er lehnte sich vor, stützte seine Unterarme auf den Oberschenkeln ab und fixierte die Bierflasche. »Also um auf deine Frage zurückzukommen: Shelley und ich sind …«
   »Finn?«
   Eine allzu vertraute Stimme veranlasste ihn, sich umzudrehen. Sofort überkam ihn das schlechte Gewissen. Er sprang auf und winkte seiner Freundin. »Hey, Shell!«
   »Ich hab dich überall gesucht!« Shelleys haselnussbraune Augen funkelten vorwurfsvoll.
   Finn legte einen Arm um ihre Taille und gab ihr einen Kuss auf den Mund. »Hey, Baby.«
   »Igitt, du riechst nach Bier.« Shelleys argwöhnischer Blick streifte Penny. »Was macht ihr hier? Warum seid ihr nicht drüben bei den anderen?«
   »Penny und ich wollten uns unterhalten.«
   An der Art, wie sie ihn anblickte, war deutlich abzulesen, dass sie sein Verhalten missbilligte. »Du hättest mir ruhig Bescheid geben können.« Sie zog einen Schmollmund.
   »Ja, das hätte ich. Tut mir leid, Süße.« Er streichelte mit den Lippen über ihr Haar, und sie schmiegte sich an ihn. Überrascht stellte er fest, wie unangenehm ihm ihr Klammern war. Er hatte nicht gewusst, dass sie eifersüchtig sein konnte. Andererseits hatte er ihr noch nie einen Grund dazu gegeben. Er machte im Geist drei Kreuze, dass sie keine Gedanken lesen konnte.
   Penny erhob sich und glättete mit der freien Hand ihren Rock. »Ich geh mal wieder. Danke für den Drink.«
   »Kein Problem.« Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln. Mit leisem Bedauern blickte er ihr über Shelleys Kopf hinweg hinterher und wünschte, sie hätten ein wenig mehr Zeit miteinander gehabt. Aber wohin hätte das geführt?
   Shelley bohrte einen spitzen Finger in seine Seite. Da war es wieder, dieses vorwurfsvolle beunruhigende Funkeln in ihren Augen. »Hier bin ich«, sagte sie mit merkwürdigem Unterton. »Küss mich, Finn.«

*

Die Tür zum Restaurant fiel mit einem leisen Klicken in ihrem Rücken ins Schloss. Penny ging ein paar Schritte in Richtung Bootssteg und ließ die milde, nach würzigen Kiefern duftende Luft in ihre Lungen strömen. Es war still geworden am Emerald Lake. Das Brautpaar hatte Annie’s Cottage längst verlassen, die meisten der Hochzeitsgäste ebenso. Diejenigen, die noch auf ein Glas Wein oder ein letztes Bier geblieben waren, hatten sich ins Restaurant zurückgezogen.
   Penny sehnte sich nach einem Moment der Ruhe. Die vielen Menschen und das höfliche Geplänkel hatten sie angestrengt, wenngleich sie auch einige Begegnungen besonders genossen hatte. Wie etwa jene mit Hannahs reizender Großmutter. Die alte Dame mit dem herzförmigen Gesicht und den lebhaften hellen Augen war ihr auf Anhieb sympathisch gewesen. Sie hatten sich angeregt unterhalten. So gut hatten sie sich verstanden, dass Eliza Mae Penny und Abby kurzerhand nach Fairview in Charlotte eingeladen hatte.
   Alles in allem war es eine wunderbare Hochzeitsfeier gewesen. Dennoch fühlte sich Penny seltsam leer und ausgebrannt. Der Bruch mit Jason hatte seinen Tribut gefordert. Dazu kam nun auch noch die Sache mit Emilia. Noch immer fühlte Penny Groll aufsteigen, wenn sie daran dachte, was sich ihre Mutter herausgenommen hatte. Ein letztes Mal hatte sie versucht, Emilia ihren Standpunkt zu erklären, doch es war vergebene Liebesmüh gewesen. Naturgemäß beharrte ihre Mom auf ihrer Meinung. Um des lieben Friedens willen vereinbarten sie für den Rest der Feier eine Art Waffenstillstand. Emilia war vor einer Weile bereits nach Hause aufgebrochen. Sie sei erschöpft, hatte sie gemeint und angeboten, Abby mitzunehmen. Rückblickend hätte es Penny eigenartig vorkommen müssen, dass ihre stets agile Mutter über Müdigkeit geklagt hatte, aber Penny war gedanklich mit anderen Dingen beschäftigt. Jason und die letzten drei Jahre, die sie miteinander verbracht hatten. Und die verstörenden Gefühle, die die Begegnung mit Finn hervorgerufen hatte.

Die bunten Lampions zwischen den Bäumen am Ufer warfen ihre magischen Lichter auf das silbern schimmernde Wasser. Nebelschwaden, zart wie Brautschleier, schwebten über die Bucht. Fehlte nur die gute Fee, die ihr Leben wieder in Ordnung brachte. Ein wenig traurig streifte sie ihre Sandaletten von den Füßen und trug sie von den zarten Riemen baumelnd in ihrer Hand. Die Holzplanken der Terrasse fühlten sich glatt und kühl unter ihren Fußsohlen an. Am Ende des Bootsstegs angekommen, raffte sie den Rock ihres Kleides, setzte sich und ließ die nackten Beine baumeln. Es tat gut, die seidige Kühle des Wassers zu spüren.
   Penny lehnte sich zurück, schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Geräusche der Umgebung. Ein Käuzchen rief, und irgendwo raschelte es im Schilf. Das Zirpen der Grillen vermischte sich mit dem leisen beruhigenden Plätschern des Wassers. Langsam fiel die Anspannung des langen Tages von ihr. Sie stieß einen lauten wohligen Seufzer aus. Als sie Schritte auf den Holzplanken vernahm, fluchte sie stumm. Konnte man keine fünf Minuten für sich haben? Sie blickte über ihre Schulter und sah Tayanita auf sich zukommen.
   »Hallo Penny.«
   »Tayanita.« Penny bemühte sich, ein freundliches Gesicht aufzusetzen.
   Um die Lippen der Indianerin spielte ein Lächeln. »Darf ich mich zu dir setzen?«
   »Natürlich.« Penny lud die Cherokee mit einer Handbewegung ein. Obwohl sie eigentlich lieber allein geblieben wäre in diesem Augenblick. Doch sie mochte Tayanita und vielleicht tat ihr die Gesellschaft der warmherzigen Frau sogar gut.
   »Sieh nur.« Tayanitas silberne Armreifen funkelten im Mondlicht, als sie ihren Arm hob. »So viele Glühwürmchen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Es ist eine besondere Nacht heute. Ein wunderbarer Zeitpunkt, um eine Verbindung zu besiegeln.« Sie hob ihr Gesicht dem Mond entgegen. »Dein Bruder hat sein Glück wiedergefunden. Ich habe es ihm prophezeit. Alles was er hatte tun müssen, war sein Herz zu öffnen und auf dessen Melodie zu hören.«
   Penny knabberte an ihrer Unterlippe. Wenn es nur so einfach wäre. War sie nicht jedes Mal auf die Nase gefallen, als sie ihrem Herzen gefolgt war?
   »Im Grunde ist es mit der Liebe ganz einfach«, fuhr Tayanita fort. Sie drehte den Kopf, um Penny anzusehen. »Wir Menschen sind es, die daraus eine schwierige Sache machen. Sind es nicht Erwartungen, Zweifel und Ängste, die uns im Wege stehen?«
   »Ich weiß nicht.« Penny zuckte mit den Achseln. »Ich habe schon viele Frösche geküsst und auf einen Prinzen gehofft. Eigentlich habe ich die Hoffnung aufgegeben, jemals den Richtigen zu finden.«
   »Möglicherweise hast du ihn längst schon getroffen.«
   »Wie bitte?« Penny lachte bitter auf. Von dem Geräusch aufgeschreckt, erhob sich ein Entenpaar schnatternd und schimpfend aus dem Schilf in die Dunkelheit. Während sie den Vögeln nachblickte, dachte Penny an die Männer, die ihren Weg gekreuzt hatten. »Gewiss nicht. Das hätte ich gemerkt.«
   Erneut schenkte die Cherokee Penny ein geheimnisvolles Lächeln. »Manchmal stehen wir uns selbst im Weg. Und erkennen die offensichtlichsten Dinge nicht.«
   Was sollte das bitte schön nun wieder heißen? »Nimm es mir nicht übel, aber du sprichst in Rätseln, Tayanita.«
   »Halte einfach dein Herz und deine Augen offen, meine Liebe. Alles wird sich finden.«
   »Ich wünschte, ich könnte das glauben«, erwiderte Penny und zog die Beine aus dem Wasser, denn ohne die wärmenden Strahlen der Sonne wurde es langsam ein bisschen frisch. Mit den Handflächen strich sie über die Haut, um die Wassertropfen abzustreifen. »Ich habe gerade eine schreckliche Enttäuschung erlebt.« Es überraschte sie, wie leicht ihr das Geständnis über die Lippen kam. Üblicherweise machte sie die Dinge gern mit sich selbst aus. Sie war kein Mensch, der seine Probleme mit anderen wälzte. Von Jenna abgesehen. Jenna war die Einzige, der sie hin und wieder ihre Sorgen anvertraute. In diesem Augenblick jedoch schien es ihr einfach und natürlich, mit der Indianerin offen zu reden. »Mein Partner hat mich betrogen. Ich werde die Beziehung beenden.«
   Tayanitas Stimme klang sanft, als sie sprach. »Es tut weh, eine derartige Erfahrung machen zu müssen. Aber manchmal ist es nötig, Enttäuschungen zu erleben, damit wir klarer sehen. Und erkennen, was wir wollen.« Sie fixierte Penny mit warmem Blick. »Erkennen, was wichtig ist.«
   »Ich weiß genau, was ich will«, entgegnete Penny leise. »Aber je sehnsüchtiger ich darauf warte, dass mein Wunsch in Erfüllung geht, umso unerreichbarer scheint er für mich zu werden.«
   »Du musst Geduld haben.« Tayanita strich sich das lange Haar zurück. »Alles wird zur rechten Zeit geschehen. Vielleicht warst du bisher noch nicht so weit, um zu erkennen, wo dein Glück liegt.« Sie nickte ihr zu. »Hab Vertrauen.«
   In Pennys Hals formte sich ein dicker Kloß. Vertrauen. In wen oder was? »Ich komme gut allein zurecht«, meinte sie fast trotzig. »Wir kommen allein zurecht. Vielleicht sollte ich meinen Traum, einen Mann zu finden, der uns zur Familie macht, einfach aufgeben.« Sie zog eine Grimasse, um die dummen Tränen wegzublinzeln.
   »Das glaube ich nicht.« Tayanita glättete den bunt bedruckten Stoff ihres Rocks. »Wirf die Zweifel über Bord, Penny. Es wird sich alles finden. Manchmal geht das Schicksal verschlungene Wege.«
   Schicksal. Nein, sie wollte es Tayanita nicht auf die Nase binden, aber sie war nicht überzeugt. Wenn es so etwas wie ein Schicksal gab, stellte es Penny ganz schön auf die Probe. Mit brennenden Augen starrte sie dorthin, wo das hohe Gras im Wind wisperte, als würde es ihr eine Botschaft zuflüstern wollen.

6. Kapitel

Mit einem Seufzer, der aus tiefster Seele kam, stellte Penny den Staubsauger aus. Sie streckte ihren schmerzenden Rücken, fuhr sich mit dem Unterarm über die erhitzte Stirn und blickte sich um. Sie hatte die Zeit am Vormittag genutzt, die Abby im Kinderhort verbrachte, um geschlagene dreieinhalb Stunden lang zu staubsaugen, zu wischen und Fenster zu putzen. Sie hatte aufgeräumt und die Betten neu bezogen. Sie hatte die Wohnung auf den Kopf gestellt. Von innen nach außen gekehrt, und alles geputzt, gewienert und poliert, was möglich gewesen war. Nun blitzten die Fensterscheiben. Der Parkettboden glänzte und durch die sauberen Räume wehte frischer Zitronenduft.
   Wider Erwarten fühlte sich Penny trotzdem nicht besser. Insgeheim hatte sie irgendwie gehofft, sie könnte mit ihrer Putz- und Säuberungsaktion den noch immer schwelenden Zorn auf Jason vertreiben. Den Ärger mit ihrer Mutter vergessen. Sie hatten sich im Unguten getrennt. Emilia, unnachgiebig, wie es ihrer Art entsprach, hatte partout nicht einsehen wollen, dass sie einen Fehler begangen hatte. Penny hatte vergeblich auf eine Entschuldigung gewartet. Den Kopf voller quälender Gedanken hatte sie schlecht geschlafen und war mit Abby in aller Frühe nach Asheville aufgebrochen. Emilias Angebot, Frühstück für sie zu machen, hatte sie ausgeschlagen und Abby stattdessen auf dem Rückweg bei Hendersonville zu Cracker Barrel eingeladen. Abby schmollte, weil sie nicht, wie erhofft, die Esel auf Green Acres besuchen durfte. Zerknirscht nahm sich Penny vor, es wiedergutzumachen. Der Streit mit Emilia lag ebenfalls wie ein unverdaulicher Knäuel in ihrer Magengrube. Bereits drei Mal schon hatte sie vergeblich versucht, sie zu erreichen.
   Und Jason. Sie konnte sein Verhalten noch immer nicht fassen. Als sie ihn zur Rede gestellt hatte, hatte er lediglich mit den Achseln gezuckt. Er sei eben auch nur ein Mann, hatte er erklärt. Und Männer besäßen nun einmal gewisse Bedürfnisse. Ob Penny das nicht verstehen könne? »Sei nicht so streng mit mir, Kleines«, versuchte er, sie zu beschwichtigen. »Die Sache mit Candice hat nichts zu bedeuten. Es ist nur Sex.« Er machte Anstalten, sie zu umarmen, doch sie wich zurück und funkelte ihn zornig an.
   Nie wieder würde sie sich von diesem charmanten Lächeln und dem Zwinkern seiner samtbraunen Augen einwickeln lassen. »Nur Sex, sagst du? Nichts zu bedeuten? Ich frage mich, was ich dir je bedeutet habe.« Enttäuschung und Wut stiegen erneut wie bittere Galle auf.
   Ob sie ihm den einen Fehltritt nicht nachsehen könne, wollte er scheinbar reumütig wissen.
   Sie konnte nicht. Stattdessen hatte sie ihn gebeten zu gehen und niemals auch nur daran zu denken, wieder an ihre Tür zu klopfen. Danach hatte sie das dringende Bedürfnis verspürt, die Fenster weit aufzureißen, um frische Luft hereinzulassen. Nichts mehr sollte an ihn erinnern, nichts. Auch nicht der Duft seines teuren Aftershaves, der noch im Raum hing, nachdem er schon längst gegangen war. Sie stand mitten im Wohnzimmer, während Tränen über ihre Wangen liefen. Dieser elende, verdammte Mistkerl! Drei Jahre ihres Lebens hatte sie ihm geschenkt. Abby hatte ihn gern gehabt. Wieso auch nicht? Mit seiner gewinnenden Art hatte er das Mädchen um den Finger gewickelt. Genau wie seine Mutter. Er war großzügig, hatte von seinen zahlreichen Geschäftsreisen kuschlige Teddys, niedliche Püppchen oder besonderen Schmuck mitgebracht. Penny fühlte ein bitteres Lachen aufsteigen. Jason Atkins konnte gut mit den Frauen. Auch mit den jungen. Sie wollte nicht wissen, wie viele Damen er auf seinen Reisen beglückt hatte. Sie vertraute ihm nicht mehr. Nicht nach der Sache mit Candice. Wie hatte sie je annehmen können, dass sich dieser smarte, clevere und gut aussehende Mann ebenso nach einer Familie sehnte wie sie? Er war ein Playboy, ein Genießer, der das Leben und sein Vergnügen liebte. Und offensichtlich andere Frauen. Leider kam diese Erkenntnis etwas spät. Schwungvoll zog sie den Staubsaugerstecker aus der Steckdose und verpasste dem Schalter einen deftigen Tritt, um die Schnur einrollen zu lassen. »Du kannst mich mal, Jason Atkins«, sagte sie laut und deutlich, als stünde er neben mir. »Und zwar kreuzweise.«
   Sie stemmte die Arme in die schmalen Hüften und blickte sich um. Die Fotos, auf denen Jason zu sehen war, hatte sie vom Kaminsims genommen und in den Müllcontainer im Hof gesteckt. Die farbenfrohe Patchworkdecke, die er ihr aus Louisiana mitgebracht hatte, hatte sie ebenso entsorgt. Zwar passte sie wunderbar zum cremefarbenen Ledersofa, aber Penny war sicher, dass der schwindsüchtige Tipper, der vor dem Gemischtwarenladen unten an der Straße sein Lager aufgeschlagen hatte, den weichen, warmen Stoff zu schätzen wusste. Besonders, wenn im Winter der kalte Wind aus dem Norden blies, würde Jason Atkins’ Quilt Tipper schützen. Jetzt erinnerte nichts mehr in ihrer Wohnung daran, dass vor Kurzem noch ein Mann hier ein und aus gegangen war. Sie schob die aufkommende Wehmut energisch beiseite. Am liebsten würde sie Jason aus ihrem Leben wischen wie Kreide von der Tafel mit einem Schwamm. Was kaum möglich war, denn wenn sie Pech hatte, würde sie ihm wieder über den Weg laufen. Schließlich pflegte er seine Einkäufe beim selben Supermarkt zu tätigen, und womöglich würde er Candice im zweiten Stock weiterhin beglücken. Als sie mitten in ihrem blitzblanken Wohnzimmer stand, überfiel sie ein heftiges Gefühl der Einsamkeit. Sie wünschte, Abby wäre hier. Oder irgendjemand, der sie in den Arm nehmen würde.

Ein Summen drang in ihren Traum. Penny kuschelte sich fester in die weiche Decke, unwillig, die Bilder loszulassen. Stand sie doch gerade mit dem Mann ihrer Träume vor dem Altar und war kurz davor, ihm das Jawort zu geben. Ihr Herz pochte freudig.
   »Willst du, Penelope Ann Parker«, der Pastor mit den Apfelbäckchen nickte ihr freundlich zu, »dem hier anwesenden …« Er brach ab, als das Summen zum zweiten Mal erklang. Seine Gestalt begann sich samt blumengeschmücktem Altar, Bräutigam und Hochzeitsgästen in Nebel aufzulösen.
   So ein Mist. Penny hätte zu gern den Namen ihres Zukünftigen erfahren. Schlaftrunken angelte sie nach dem Telefon auf ihrem Nachttisch. »Hallo?« Ihre Stimme klang, als hätte sie einige Gläser Whiskey intus.
   »Penny? Hier ist Sam. Entschuldige bitte, dass ich dich wecke.«
   Sie gab ein Stöhnen von sich. Sie hatte ihren Bruder von Herzen gern. Nur nicht gerade mitten in der Nacht. »Was in aller Welt ist los? Hättest du nicht bis morgen früh …?«
   »Mom ist im Krankenhaus.«
   Penny tastete nach dem Lichtschalter ihres Nachtlämpchens und riss sich die Schlafmaske von den Augen. »Was ist passiert?«, fragte sie, die Lider gegen das grelle Licht zusammenkneifend.
   »Bitte reg dich nicht auf. Mom ist gestürzt.«
   »Wie bitte?« Penny schoss hoch. Glitzernde Fünkchen blitzten vor ihren Augen, bevor sie langsam verglühten. Ihre Sicht normalisierte sich.
   »Sie hat einen Anfall erlitten. Die Ärzte sind sich bislang nicht sicher, ob es sich um einen Schlaganfall handelte oder nicht.«
   »O mein Gott.« Penny fuhr sich durch das Haar. »Was …« Sie verstummte, als sie eine weibliche Stimme einen Aufruf durch einen Lautsprecher durchgeben hörte. »Sam, wo in aller Welt bist du?«
   »Hilton Head Airport. Wir warten auf unseren Flug zurück nach Charlotte. Wir müssten im Lauf des Vormittags im Krankenhaus eintreffen.«
   »Von welchem Krankenhaus sprichst du?« Ihr Bruder brach seine Flitterwochen ab? Dann musste es schlimm um Emilia stehen. Penny spürte, wie sich eine eiskalte Hand um ihren Brustkorb schloss.
   »Das St. Luke’s in Columbus. Die sind auf solche Fälle spezialisiert.«
   Solche Fälle? »Du lieber Himmel, Sam! Was ist mit Mom? Seit wann wisst ihr Bescheid? Und vor allen Dingen, woher?« Da war er wieder, dieser winzige Stachel der Eifersucht, weil Sam als Erster darüber informiert worden war, dass ihre Mutter im Krankenhaus lag.
   »Patty fand sie bewusstlos auf den Verandastufen liegend vor, als sie spät abends mit Boomer Gassi ging. Zum Glück war sie so geistesgegenwärtig, sofort den Notarzt zu informieren. Anschließend hat sie mich auf dem Handy angerufen. Mom muss ihr die Nummer irgendwann gegeben haben.«
   Natürlich hatte sie das. Patty Hall, Emilias Nachbarin, die jede ihrer englischen Rosen mit Namen ansprach, lebte mit ihrem geistig zurückgebliebenen Sohn und einem rabenschwarzen Mischling namens Boomer nebenan. Junior, wie Patty ihren Sohn liebevoll nannte, pflegte einmal im Monat des Nachts im Garten den Vollmond anzuheulen. Was im Grunde auch nicht viel schlimmer war, als das Gegröle des alten Saul, der die Anwohner ein paar Straßen weiter mit Love me tender beglückte, sobald er ein paar Bierchen zu viel getankt hatte. Willow Creek war schon immer ein eigentümliches Städtchen gewesen. In diesem Fall jedoch dankte Penny der schrulligen Nachbarin von Herzen, dass sie zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen war. Wer weiß, wann Emilia sonst entdeckt worden wäre?
   »Wie schrecklich, Sam«, flüsterte Penny. Sie schnappte sich ihre Armbanduhr vom Nachttisch. Halb vier. Für sie war die Nacht vorbei. Unter diesen Umständen würde sie gewiss nicht mehr weiterschlafen können. »Ich mache mich auf den Weg«, entschied sie. »Ich packe und wecke Abby gegen sechs, damit wir los können.«
   »In Ordnung.« Sam klang erleichtert. »Danke, Penny.«
   »Sie ist auch meine Mom.« Penny wusste, dass ihre Äußerung albern war, aber sie ärgerte sich, weil sich Sam anhörte, als ob sie ihm einen Gefallen tat. Nicht selten fühlte sie sich von der engen Beziehung, die Mutter und Sohn zueinander hatten, ausgeschlossen. Sie hatte das Gefühl, dass die beiden mitunter vergaßen, dass sie ebenfalls zur Familie gehörte.
   »Natürlich. Wir sehen uns im Krankenhaus.« Ihr Bruder beendete das Gespräch, bevor sie noch etwas sagen konnte.
   Sie war jetzt hellwach. Etwas engte ihren Brustkorb ein und machte es ihr schwer, zu atmen. Sie presste eine Faust auf ihre Brust, um die düstere Beklemmung loszuwerden. Auf einmal wurde ihr klar, dass es Angst war, die ihr die Luft abschnürte. Schreckliche Angst, sie könnte ihre Mutter verlieren, bevor sie sich versöhnt hatten. Angst, Emilia könnte sterben, bevor sie sich ausgesprochen hatten. Wie es ihr wohl ging? Ob sie auch gerade wach lag und an ihre letzte Auseinandersetzung dachte? Weil ihr heiß wurde, schlug sie die Bettdecke auf. Eine Weile blieb sie reglos liegen, starrte an die Zimmerdecke und dachte an ihre Mutter. Ein tiefes Gefühl der Sehnsucht nach der Frau, die ihr die Tränen von der Wange gewischt hatte, wenn sie sich das Knie beim Skateboard fahren aufgeschrammt hatte, erfasste sie. Die sie in ihren Armen gehalten hatte, als sie der erste schreckliche Liebeskummer gequält hatte. Die Frau, die ihr jeden Morgen mit geschickter Hand Zöpfe geflochten hatte, bevor Penny zum Schulbus aufbrach.
   Penny schnappte nach Luft und sprang aus dem Bett, weil sie es plötzlich nicht mehr aushielt, untätig dazuliegen.

Mit einem beklemmenden Gefühl im Bauch schlich Penny über die blank geschrubbten Krankenhausflure des St. Luke’s, in denen es nach Putz- und Desinfektionsmittel roch. Penny hasste Krankenhäuser. Bisher war sie zum Glück nur zwei Mal Gast in diesem Etablissement gewesen. Das erste Mal, als ihr mit neun auf der Geburtstagsparty einer Schulkameradin der Blinddarm geplatzt war, das zweite Mal zu Abbys Geburt. Die Kleine hatte per Notkaiserschnitt geholt werden müssen, weil sich die Nabelschnur um ihren Hals gewickelt hatte. Es waren unschöne Erinnerungen, die Penny mit diesem Ort verband. Aber nicht nur deshalb verharrte sie vor der Tür, neben der ein schlichtes Plastikschild Emilias Namen verkündete. Ob ihre Mom sie überhaupt sehen wollen würde? Die spröde, dauergewellte Dame an der Anmeldung im Erdgeschoss hatte jedenfalls nichts einzuwenden gehabt, dass Penny Emilia Parker besuchen wollte. Zimmer dreiundvierzig, Flur fünf im Westflügel, dritter Stock, hatte sie ihr entgegengebellt, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.
   Eine Schwester, mit beiden Händen eine Bettpfanne balancierend, kam auf Penny zu. Die Gummisohlen ihrer bequemen Clogs quietschten schrill auf dem Linoleumboden. Sie nickte Penny im Vorbeigehen zu. »Finden Sie sich zurecht?«
   Penny bejahte. Sie gab sich einen Ruck und öffnete behutsam die Tür. Es dauerte eine Sekunde, bis sich ihre Augen an das im Zimmer vorherrschende Dämmerlicht gewöhnt hatten. Staubkörnchen tanzten flirrend im Licht, das durch einen schmalen Spalt in den schweren Vorhängen drang. Emilia lag regungslos in einem Bett am Fenster. Aus einer Plastikflasche, die an einem Infusionsständer hing, tröpfelte Flüssigkeit in einen Schlauch. Bis auf das monotone Piepen der Herzüberwachungsmaschine herrschte Stille in dem Einbettzimmer.
   Zögerlich trat Penny näher. »Mom? Mom, bist du wach?« Ihr Blick fiel auf die Nadel, die mit einem Pflaster an Emilias linker Hand befestigt und mit dem Infusionsschlauch verbunden war. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie sich, ihre Mutter möge sie, anstatt so still und regungslos in ihrem Bett zu liegen, mit kühlem, abschätzendem Blick betrachten und zurechtweisen. »Mom«, raunte sie erneut. »Ich bin es. Penny.«
   Emilias Lider flatterten. Mit einem kaum hörbaren Stöhnen bewegte sie sich unter dem gelb-weiß gestreiften Krankenhauslaken. Sie wandte den Kopf in Pennys Richtung. »Ich bin schläfrig«, nuschelte sie. »Die Schwester hat mir ein Mittel zur Beruhigung gegeben.« Nur mühsam schien sie ihre Augen offen halten zu können. »Setz dich zu mir, Darling.« Ihr benommener Blick irrte suchend durch den Raum. »Abigail?«
   Darling? Wann hatte Emilia sie das letzte Mal so genannt? Pennys Kehle schnürte sich enger. Mit weichen Knien ließ sie sich auf die Bettkante sinken. »Ich habe Abby bei Deanna auf Green Acres gelassen. Ich wusste nicht, ob du …« Sie machte eine verunsicherte Geste. »Was machst du für Sachen?«
   Emilia tastete nach Pennys Hand. Ihre schlanken Finger fühlten sich eiskalt an. »Ich bin froh, dass du gekommen bist.« Sie befeuchtete mit der Zunge ihre trockenen Lippen.
   »Ich hole dir einen Schluck Wasser.« Penny sprang auf und ging zum Waschbecken, wo sie einen der Papierbecher, die sich auf der Glasablage stapelten, mit kaltem Wasser füllte. Sie bemühte sich, den Becher ruhig zu halten, als sie ihn ihrer Mutter an die Lippen hob.
   Es kostete Emilia sichtlich Kraft, sich etwas aufzurichten, um trinken zu können. Matt sank sie ins Bett zurück. »Danke, Darling.«
   »Du bist nicht böse auf mich?«
   »Weshalb sollte ich das sein?«
   »Wegen unseres Streits.« Penny schloss ihre Finger um den Becher.
   Emilia holte zitternd Luft. »Wir sind selten einer Meinung, nicht wahr? Es ist nicht einfach mit uns. Das war es noch nie.« Es war das erste Mal, dass ihre Mutter dies offen aussprach.
   »Nein.« Penny sah zu, wie die klare Flüssigkeit von der Infusionsflasche in den Schlauch tröpfelte, und wünschte, es wäre anders. Ich liebe dich, Mom. Hilflos streichelte sie mit dem Daumen über Emilias kalte Hand. »Wollen wir die Vorhänge aufziehen und etwas Licht und frische Luft hereinlassen?«

*

Emilia machte nicht einmal den Versuch, sich die Tränen von der Wange zu wischen. Während sie aus dem Fenster hinaus in den lichten blauen Himmel starrte, lauschte sie den sich entfernenden Schritten ihrer Tochter. »Penelope«, flüsterte sie kaum hörbar. Sie liebte diese junge Frau. Genauso tief und leidenschaftlich, wie sie ihren Sohn Sam liebte. Penelope diese Liebe zu zeigen, fiel ihr schwer. Sie hatten sich schon immer aneinander gerieben. Noch heute sah Emilia das kleine Mädchen vor sich, das mit vorgestrecktem Kinn und zornig blitzenden blauen Augen verkündet hatte, sie werde ausziehen, sobald sie erwachsen sei, um endlich das tun zu dürfen, was sie wolle. Oh, Penelope hatte stets andere Vorstellungen vom Leben gehabt als ihre Mutter. Das Kind war ein Wirbelwind. Hitzköpfig und unbezähmbar mit eigenen Vorstellungen. Sam hingegen … Ein leises Lächeln stahl sich auf Emilias Lippen, als sie an ihren Erstgeborenen dachte. Zwischen ihr und Sam existierte ein unsichtbares Band. Besonders die Zeit nach dem brutalen Mord an Maggie, als Emilia ihrem Sohn in seiner dunkelsten Zeit beiseitegestanden hatte, hatte sie noch näher aneinandergeschweißt. Penelope war von Anfang an der erklärte Liebling ihres Vaters gewesen. Hank hatte Penny stets in ihrem Eigensinn ermutigt, weshalb er und Emilia mehr als einmal aneinandergeraten waren. Zum Glück der einzige Streitpunkt in einer ansonsten harmonischen Ehe. Vater und Tochter waren ein unzertrennliches Team gewesen.
   Als Hank vor einigen Jahren unerwartet verstarb, verlor Penelope nicht nur ihren Vater, sondern auch ihren besten Freund. Emilia wusste, dass ihre Tochter bis heute unter dem Verlust litt. Möglicherweise hatte sie deshalb die ungeplante Schwangerschaft begrüßt? Hatte sie sich für das Kind entschieden, weil sie hoffte, dass es die Leere in ihrem Herzen, die Hanks Tod dort hinterlassen hatte, ausfüllen würde? Emilia erinnerte sich daran, wie sie versucht hatte, ihrer Tochter das Kind auszureden. »Wie willst du für das Kleine sorgen? Willst du alles allein stemmen?«, hatte sie entsetzt gefragt.
   »Meine Güte, Mom. Millionen von Frauen ziehen ohne Hilfe Kinder groß. Denkst du nicht, dass ich das auch schaffen werde?«
   »Wolltest du nicht etwas aus deinem Leben machen? Wie stellst du dir das vor, als alleinerziehende Mutter?«
   »Aus meinem Leben machen?« Penelopes Augen verzogen sich zu schmalen Schlitzen.
   »Du hattest immer hochtrabende Pläne, erinnerst du dich? Dein eigenes Unternehmen wolltest du haben. Ein Haus, ein schickes Auto. Reisen wolltest du.«
   »Und du meinst, weil ich ein Kind bekomme, werde ich das nicht schaffen? Wie immer unterschätzt du mich, Mom. Ich muss es dir anscheinend beweisen, oder?«
   Und das hatte sie getan. Penelope hatte ihr Leben in die Hand genommen und meisterte es – so viel musste Emilia ihr zugestehen – als Alleinerziehende erstaunlich gut. Nur in Sachen Männern schien sie kein glückliches Händchen zu haben. Bisher war noch jede dieser Beziehungen zu Bruch gegangen. Emilia hegte den leisen Verdacht, dass es auch mit Jason Atkins nicht so lief, wie sich Penny das wünschte. Sie hoffte von Herzen, dass ihre Tochter endlich den Richtigen fände. Den Einen, mit dem sie für den Rest ihres Lebens glücklich sein würde. So wie Emilia es mit Hank gewesen war. So wie Sam es mit Hannah sein würde. So Gott wollte. Sie schluckte, weil ihre Kehle brannte, und schloss die Lider. Das Tageslicht schien ihr auf einmal viel zu grell.

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