Samantha Patrick willigt nur widerstrebend ein, für achtzehn Monate die Ehefrau des Millionärssohns Jason Miles zu spielen, damit dieser sein Erbe ausbezahlt bekommt. Doch Schulden aus einer früheren Beziehung zwingen sie dazu. Sie zieht in sein Strandhaus auf Cape Cod und nützt die Zeit für eine Collegeausbildung, während sie sich mehr schlecht als recht mit Jason und seiner Ablehnung arrangiert. Erst, als die Schatten ihrer Vergangenheit sie einholen und Jason beweist, dass in ihm viel mehr steckt als nur der verwöhnte, reiche Bengel, riskiert sie es und öffnet ihm ihr Herz – mit ungeahnten Folgen …

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-52-789-2
Kindle: 978-9963-52-791-5
pdf: 978-9963-52-788-5

Zeichen: 291.756

Printausgabe: 10,99 €

ISBN: 978-9963-52-787-8

Seiten: 184

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Susan Clarks

Susan Clarks entdeckte früh ihre Leidenschaft für Bücher. Deshalb verwunderte es niemanden, dass sie sich für ihr Leben zwei große Ziele setzte. Zum einen wollte sie die Welt retten, zum anderen einen Roman schreiben. Da sich die Rettung der Welt mit Familie ein wenig schwierig gestaltet, hat sie sich nach der Geburt ihres ersten Kindes intensiv dem Schreiben zugewandt und ihren ersten Roman zu Papier gebracht, der im Juli 2014 im Bookshouse Verlag veröffentlicht wurde.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1


Jason wandte sich von seiner Mutter und dem Anwalt ab und ging langsam auf das große Bürofenster zu, das ihm einen perfekten Ausblick über Boston gewährte. Er ballte die Hände zu Fäusten und vergrub sie in den Hosentaschen, während er das rege Treiben auf den Straßen beobachtete. Der morgendliche Stau hatte sich noch nicht vollständig aufgelöst, Fußgänger drängten sich über die Bürgersteige und Fahrradfahrer schlängelten sich zwischen den Autos hindurch. Der Lärm erreichte ihn aber nicht hinter der Glasfront des elften Stocks.
   Durch die Wolkenschicht brachen vereinzelte Sonnenstrahlen und ließen ihn blinzeln. Hätte es heute nicht regnen sollen? Aber an diesem Tag war bisher nichts so gekommen, wie er es erwartet hatte.
   »Jason«, sagte seine Mutter, »du darfst das nicht falsch verstehen.«
   Er lachte in sich hinein. Nicht falsch verstehen. Wie denn sonst? Sein Vater enthielt ihm sein Erbe vor und schaffte das sogar aus dem Grab heraus. Dabei hatte ihn der Verlust seines Vaters unerwartet heftig getroffen. Immerhin hatten sie die letzten drei Jahre kaum mehr miteinander gesprochen, und wenn, dann waren es keine freundschaftlichen Worte. Trotzdem hatte Vaters Tod eine Leere in ihm hinterlassen. Das Gefühl, etwas Wichtiges verloren zu haben. Das Gefühl, eine Dummheit nicht mehr gutmachen zu können.
   Und nun das.
   Jason schüttelte den Kopf und drehte sich wieder zu seiner Mutter und Mr. Cline um. »Wie sollte ich es denn deiner Meinung nach verstehen?«
   »Dein Vater wollte immer nur das Beste für dich. Aber er wollte eben auch, dass du etwas mit deinem Leben anfängst, dass du das Familienunternehmen weiterführst und etwas bodenständiger wirst.«
   Jasons Fingernägel bohrten sich in seine Handflächen. »Er wusste, dass ich nichts vom Heiraten halte.« Er wusste es sogar verdammt genau! Über diesen Punkt hatte er mit seinem Vater in der Vergangenheit mehr als einmal gestritten. Er war der Grund, warum sie die letzten drei Jahre fast schweigend verbracht hatten. »Und er wusste, dass ich mich von ihm nicht erpressen lassen will.« Bereits vor Jahren hatte er seinen Vater um Geld gebeten, damit er endlich seinen Traum einer Weltumsegelung wahr machen konnte. Aber bereits damals hatte er ihm das Geld verweigert. Stattdessen hatte er ihm einen Deal angeboten. Sobald er heiraten würde, würde er das Geld als eine Art Hochzeitsgeschenk erhalten.
   Und von der Idee hielt Jason heute genauso viel wie damals. Nämlich nichts. Er wandte sich wieder um und starrte aus dem Fenster.
   »Nirgendwo in den Stiftungsstatuten steht, dass Sie sofort heiraten müssen, Mr. Miles«, hörte er den Anwalt. »Sie können sich Zeit damit lassen. Bis dahin arbeiten Sie eben im Familienunternehmen und erhalten eine monatliche Gewinnausschüttung.«
   Erneut lachte Jason in sich hinein. Als ob die marode Firma noch irgendwelche Gewinne abwerfen würde. Seinen Traum konnte er sich davon jedenfalls nicht erfüllen. Davon konnte er vermutlich noch nicht einmal leben. »Stecken Sie sich Ihre monatliche Gewinnausschüttung sonst wo hin, Mr. Cline.« Bei der ersten Gelegenheit würde er Miles Constructions mit dem größtmöglichen Gewinn verscherbeln. Vielleicht würde er so genügend Geld zusammenkriegen, um endlich in See stechen zu können.
   »Jason.« Seine Mutter trat auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Sei doch vernünftig.«
   »Vernünftig?«, fauchte er und starrte sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Du meinst, ich soll heiraten, um an mein Erbe zu kommen?«
   »Du bist neunundzwanzig Jahre alt. Vielleicht solltest du zumindest einmal darüber nachdenken.«
   Wenn ihn sein Vater wenigstens auf normalem Wege enterbt hätte, dann hätte er versucht, das Testament anzufechten. Aber so? Zähneknirschend richtete Jason seine Aufmerksamkeit wieder dem Himmel zu. Die Wolken verdeckten inzwischen wieder vollständig die Sonne und womöglich würde der Wetterbericht doch noch recht behalten. Aber kein Gewitter dieser Welt würde ihn heute davon abhalten, einen kleinen Segelturn zu unternehmen.
   »Du brauchst doch das Geld«, flüsterte seine Mutter.
   Ja, er brauchte das Geld. Und seinem Vater war das bewusst gewesen, als er diese dämliche Familienstiftung ins Leben gerufen hatte. Sein Vater hatte gewusst, wie viel ihm die Jacht, das Segeln und der damit verbundene Traum bedeuteten. Er hatte es verdammt noch mal ganz genau gewusst.

*

Samantha zuckte zusammen und sah von ihrem Schreibtisch auf, als die Tür zum Büro ihres Chefs lautstark zufiel. Jason Miles stand fluchend davor. Mit fahrigen Bewegungen strich er sich durch sein kurzes Haar, während er auf den grauen Steinfußboden starrte. »Verfluchte Scheiße«, murmelte er.
   Sams Blick huschte durch die Büroräumlichkeiten und sie stellte erleichtert fest, dass sich außer ihnen keiner im Raum befand. Mr. Clines nächster Termin verspätete sich und ihre Kollegin Mary war gerade Kaffee holen. »Alles in Ordnung?«
   Nachdem klar gewesen war, dass er heute mit seiner Mutter in der Kanzlei erscheinen würde, hatte Mary sofort die neueste Klatschzeitung hervorgekramt, ihr sein Foto unter die Nase gehalten und sie über seinen vollständigen Lebenslauf in Kenntnis gesetzt. Allerdings hatte Sam dabei den Eindruck gewonnen, dass dieser lediglich daraus bestand, wann er mit welcher Frau wie lange liiert war.
   »Sieht es danach aus?«, fauchte er und schenkte ihr einen Blick, der seine Missbilligung klar zum Ausdruck brachte.
   »Nein«, antwortete sie gelassen. Mit gestressten und unfreundlichen Klienten hatte sie öfter zu tun, da beeindruckte Jasons barsche Abfuhr sie in keiner Weise. »Aber vielleicht kann ich Ihnen ja irgendwie behilflich sein.«
   Er schnaubte und musterte sie von oben bis unten. Als er mit seiner Begutachtung fertig war, verzog er den Mund zu einem schiefen Grinsen. »Wie wollen Sie mir helfen?«
   Sam zuckte ungerührt mit den Schultern. »Ich könnte Ihnen ein Taxi rufen, das Sie nach Hause bringt.« Dann wäre sie ihn zumindest los. Gott bewahre, dass Mary nun noch auftauchen würde.
   »Darin besteht Ihre große Hilfe? Zum Hörer zu greifen, und ein Taxi zu bestellen?« Er lachte auf. »Was muss Mr. Cline froh sein, dass er Sie hat.«
   Sam spannte ihre Kiefer an und atmete durch. Herablassung und Unhöflichkeit waren eine Sache, Beleidigungen eine ganz andere. »Ich kann Ihnen auch etwas zu trinken bringen, solange Sie auf Ihre Mutter warten.«
   Seine Augenbrauen rutschten nach oben. »Ach, dann können Sie neben Telefonieren auch Kaffee kochen? Kein Wunder, dass Mr. Cline Sie eingestellt hat. Sie sind ja eine richtige Perle in seiner Kanzlei.« Sein Blick wanderte von ihrem Gesicht zu ihrem Hals und blieb auf ihren Brüsten haften. »Was können Sie denn sonst noch alles?«
   Wortlos starrte sie ihn an und wartete, bis er den Augenkontakt wiederherstellte. Mit ihren achtundzwanzig Jahren war sie zu alt, um sich von ihm provozieren zu lassen. Trotzdem ärgerte sie sich über seine Arroganz. Sie erhob sich aus ihrem Sessel und deutete in Richtung Wartebereich. »Nehmen Sie doch dort drüben Platz. Ich bringe Ihnen inzwischen ein Glas Wasser.«
   Mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht betrachtete er sie. »Ich bin sicher nicht heute hierhergekommen, um mir von irgendeiner Möchtegerntippse im Großmutteroutfit sagen zu lassen, was ich zu tun oder zu lassen habe.«
   Sam griff unwillkürlich zu ihrer taubengrauen Strickjacke und zog sie enger um sich. Sie schluckte, weigerte sich aber, den Blickkontakt mit ihm zu unterbrechen. Sie hoffte nur für ihn, dass das Gespräch mit Mr. Cline tatsächlich so unangenehm gewesen war, dass es diese Beleidigungen erklärte. Allerdings hielt sie es auch für möglich, dass Jason Miles von Haus aus ein derartiger Kotzbrocken war.
   Erst, als er kopfschüttelnd die Augen schloss, wandte sie sich ab. »Ich hole Ihnen das Wasser.«
   Wenig später stellte sie es ohne ein weiteres Wort auf dem kleinen Beistelltisch ab, der sich neben der braunen Ledercouchgarnitur befand. Jason hatte es sich dort bequem gemacht und blätterte hektisch durch eine Zeitung.
   Als sie sich auf den Rückweg machen wollte, legte er das Papier beiseite und griff nach dem Glas. Von unten her sah er sie an. »Ihre Kellnerqualitäten sind wirklich nicht zu verachten.«
   Sie hielt inne und betrachtete sein makelloses Gesicht. Die gerade Nase und die hohen Wangenknochen, umrahmt von kurzem, leicht gewelltem braunem Haar, verliehen ihm ein aristokratisches Aussehen, mit dem er mit Sicherheit keinerlei Schwierigkeiten bei der Frauenwelt hatte. Warum er aber seine schlechte Laune unbedingt an ihr auslassen musste, wollte ihr nicht so recht einleuchten.
   Ein letztes Mal lächelte sie ihn an. »Freut mich, wenn ich Ihnen behilflich sein konnte«, erwiderte sie und überließ ihn endgültig sich selbst.
   Ganz klar, er war von Haus aus ein derartiger Arsch.

*

Sven Kuwalski setzte sich am Bug neben Jason auf das Deck und lehnte sich gegen die Reling. »Hast du schon einen Käufer?«
   Jason rieb sich über die Stirn, dann legte er den Kopf in den Nacken und starrte in den strahlend blauen Himmel. Eine Möwe zog ihre Kreise und stieß ab und an einen Schrei aus, der das leise Plätschern der Wellen übertönte. »Nein«, brachte er schließlich hervor.
   Nur ungern dachte er daran, dass er seine geliebte Segeljacht bald verkaufen musste. Es standen einige Wartungsarbeiten an und die Gebühr für den Liegeplatz wurde dieses Jahr wieder erhöht. Er konnte sich das Boot schlicht nicht mehr leisten.
   »Chance wird mir fehlen«, erklärte Sven, der ihn spontan zu diesem Trip begleitet hatte. »Die kleinen Feste werden ohne sie nicht mehr dieselben sein.« Grinsend sah er zu Jason.
   Mühsam rang dieser sich ein Lächeln ab. Mehr als nur ein Privatfest hatten sie auf der Jacht gefeiert. Und er hatte dieses wilde Leben stets genossen. Sich betrinken, tanzen, zwangloser Sex. Alles, ohne sich je über Konsequenzen Gedanken machen zu müssen. Aber es würden nicht die Feiern sein, die ihm fehlten. Es wäre die Jacht.
   Er griff nach einer Flasche Budweiser und gönnte sich einen kräftigen Schluck.
   »Und wenn du dich doch auf diese merkwürdige Stiftungsklausel einlässt?« Sven sah ihn aus seinen glasklaren blauen Augen an. Sein inzwischen zu lang gewordenes, blondes Haar fiel ihm ins Gesicht und er streifte es mit einer Hand hinter das Ohr. »Ich meine …«, fuhr er zögernd fort. »Was wäre so schlimm daran?«
   Jason starrte auf das offene Meer und genehmigte sich einen weiteren Schluck. Er kannte Sven schon sein halbes Leben lang. Er mochte ihn. Er war einer der wenigen, denen er von der Familienstiftung erzählt hatte. Einer derjenigen, die nicht wegen des Geldes mit ihm befreundet waren. Wobei ihm das Geld in den vergangenen Jahren ohnehin ausgegangen war. Schließlich hatte ihm sein Vater nach ihrem Streit jede finanzielle Zuwendung gestrichen. »Du weißt, was ich vom Heiraten halte«, erklärte Jason.
   »Ja, ich weiß. Und ich gebe dir ja grundsätzlich recht, dass kein vernünftiger Mann sich an eine einzige Frau binden soll. Aber es steht doch auch nirgendwo in diesen ominösen Stiftungsstatuten, dass du auf ewig verheiratet sein musst, oder?«
   »Nein«, gestand Jason ein. Das stand tatsächlich nicht darin. Nach der Testamentsverlesung vor ein paar Wochen und der Eröffnung von Cline, dass es kein Erbe gab, weil das Familienvermögen über eine Stiftung verwaltet wurde, hatte er sich die Statuten genauestens durchgelesen. Die Stiftung diente offiziell zur finanziellen Unterstützung der Familie Miles. Die Hauptunterstützung würde er aber erst kriegen, wenn er heiratete.
   »Du könntest doch schnell heiraten, und dich nach zwei Wochen wieder scheiden lassen.«
   Nachdenklich zupfte Jason am Etikett der Bierflasche herum. Heiraten, dachte er und schnaubte. »Es steht was von angemessener Ehedauer drin«, klärte er seinen Freund auf.
   Sven runzelte die Stirn. Er schob die Sonnenbrille hoch und sah Jason aus großen Augen an. »Und wie lange soll so eine angemessene Ehedauer sein?«
   Jason zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«
   »Und wer kontrolliert das?«
   Wieder zuckte Jason mit den Schultern. »Keine Ahnung«, murmelte er erneut und schob seinen Unterkiefer von einer Seite zur anderen. Die Familie Miles bestand im Grunde nur aus seiner Mutter und ihm. Es gab sonst keine Verwandten, die von der Stiftung profitieren könnten. Als Verwalter der Stiftung fungierte seine Mutter, also war sie wohl für die Einhaltung der Statuten verantwortlich. Und nie im Leben würde sie sich über die Wünsche ihres verstorbenen Ehemannes hinwegsetzen.
   Jason ließ seinen Blick über das Deck der Jacht gleiten. Ehe sie heute früh in See gestochen waren, hatte er noch alles sauber poliert und aufgeräumt. Es war merkwürdig, in seinem Apartment rührte er keinen Finger, um es ordentlich zu halten. Dafür hatte er sich von dem mageren Gehalt eines Segellehrers sogar eine Putzfrau angestellt. Aber auf seiner Jacht ließ er nach Möglichkeit keine Fremden allein herumspazieren und machte lieber alles selbst.
   Er atmete tief durch. Chance würde ihm wirklich fehlen. Auch wenn er oft wochenlang nicht mit ihr hinaus aufs Meer fahren konnte, weil es sein Zeitplan oder das Wetter nicht zuließen, so reichte es ihm schon, zu wissen, dass sie da war und auf ihn wartete. Wenn sich alles andere in seinem Leben in stetem Wandel befand, so war Chance sein Fixpunkt. Sein Zuhause. Und das sollte er nun verlieren?
   Jason stellte das Bier wieder auf dem Bretterboden ab und erhob sich. Langsam schritt er über das Deck, während er mit der Hand über die Reling streifte. Chance war sein Baby. Vor sieben Jahren hatte er sie im Hafen entdeckt und gewusst, er musste sie haben. Er hatte sein Bankkonto geplündert und sie gekauft. Seither hegte und pflegte er sie. Trotz ihrer Jahre war sie noch immer in einem Topzustand, dafür hatte er stets gesorgt. Wann immer ihm etwas über den Kopf wuchs, war sie da und wartete nur darauf, dass sie endlich wieder gemeinsam ein Abenteuer erlebten.
   Er liebte diese Jacht.
   Als er am Heck angelangt war, legte er die Unterarme über die Reling und beugte sich vor. Kaum ein Wind wehte und die Wellen schlugen nur sanft gegen die Seite. In der Ferne erkannte er ein paar Möwen, die ihre Bahnen um einen der Leuchttürme von Cape Cod zogen.
   Segeln war schon so lange ein Bestandteil seines Lebens, dass er sich kaum an die Zeit erinnern konnte, in der es anders gewesen war. Dabei war es ausgerechnet sein Vater gewesen, der ihm als Kind das Segeln nähergebracht hatte. Der ihn die Tricks und Kniffe eines Segelbootes gelehrt hatte. Dem er das unglaubliche Gefühl der Freiheit auf See verdankte.
   Seit seinem zwölften Lebensjahr träumte er von einer Weltumsegelung. Von der Unabhängigkeit und der Souveränität, die ein solches Unternehmen mit sich brachte. Er hatte seinem Vater beweisen wollen, dass er es schaffte. Er wollte es sich selbst beweisen.
   Und er wollte es mit Chance.
   Sollte er heiraten, um Chance zu behalten? Um mit ihr endlich diese Tour zu starten, die er von Anfang an mit ihr vorhatte? Er seufzte und senkte den Kopf. Verdammt. Sollte er sie wirklich nur wegen seiner Sturheit verlieren? Und mit ihr seinen Traum? Nur, weil er einem Toten gegenüber nicht nachgeben wollte?
   Immer wieder klopfte er mit dem Fuß gegen das Deck, als würde ihm so die Entscheidung leichter fallen. Er hatte nie heiraten wollen, sich nie dem Zwang einer Ehegemeinschaft aussetzen wollen. Er hatte sich auch vor drei Jahren seinem Vater nicht gebeugt.
   Aber vielleicht sollte er seine Abneigung gegen die Ehe dieses eine Mal hintenanstellen. Vielleicht sollte er seinem Vater die Genugtuung einfach lassen, wenn er dafür sein Zuhause, seine Zuflucht behalten könnte.
   Miles Constructions loszuwerden, war ohnehin nicht so einfach, wie er sich das vorgestellt hatte. Zumindest nicht unter den Bedingungen, die er gern gehabt hätte. Denn auch wenn er es nicht gern zugab, hing er doch an dem Familienunternehmen. Viele Arbeiter in der Werft kannte er persönlich. Einige hatten ihm bei Reparaturen an Chance geholfen, obwohl jeder wusste, dass er mit seinem Vater im Kleinkrieg lebte. Dass er letztlich dafür verantwortlich wäre, wenn genau diese Leute ihren Job verlieren würden, vermochte er nicht mit seinem Gewissen zu vereinbaren. Von daher schwebte ihm inzwischen ein ganz eigener Deal für das Unternehmen vor. Aber der bedurfte etwas Zeit, sodass er gar nicht sofort in See stechen könnte.
   Und womöglich sollte er diese Zeit dazu nutzen, um für die Stiftung einen liebenden Ehemann zu spielen.
   Er streckte sich, holte tief Luft und blickte zu Sven, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen musterte. »Vielleicht sollte ich mal mit meiner Mutter reden.«

Kapitel 2


Sam tippte die letzten Zeilen des Geschäftsbriefes, als Mr. Cline sie durch den Lautsprecher in sein Büro zitierte. Verwundert stoppte sie die Schreibarbeit und blickte zu Mary hinüber, doch die zuckte nur mit den Schultern. Sam erhob sich und machte sich auf den Weg.
   Vermutlich würde er sie darum bitten, einen Spezialkaffee für Mrs. Miles von dem Coffeeshop um die Ecke zu holen, oder sonst um irgendeine Arbeit, für die sie eigentlich nicht angestellt war. Aber ihr war es egal. Über solche Nebensächlichkeiten ärgerte sie sich nicht, dafür brauchte sie die Arbeit zu sehr. Zudem war sie heute viel zu dankbar, dass Mrs. Miles ohne ihren Sohn erschienen war.
   Sie klopfte kurz an die schwere Holztür, ehe sie eintrat. Mr. Cline saß aufrecht hinter dem Schreibtisch und lächelte ihr aufmunternd zu. Mrs. Miles befand sich in einem Stuhl davor, hatte die Beine übereinandergeschlagen und die Hände im Schoß gefaltet. Wie immer trug sie ein schickes Kostüm, dessen Preis vermutlich Sams Monatsgehalt entsprach. »Was kann ich für Sie tun, Mr. Cline?«, fragte sie, als keiner von beiden ein Wort an sie richtete.
   »Setz dich, Sam.« Mr. Cline deutete auf den Stuhl neben Mrs. Miles.
   Sams Blick huschte zwischen Mr. Cline und Mrs. Miles hin und her, und sie versuchte, einen Anhaltspunkt zu entdecken, was genau hier vor sich ging. Mr. Cline hatte sie noch nie gebeten, während des Besuches eines Klienten in seinem Büro Platz zu nehmen. Nur langsam setzte sie sich in Bewegung und tat, wie ihr angeordnet. »Ist irgendetwas nicht in Ordnung?« Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. In Gedanken rekapitulierte sie die Ereignisse der letzten Wochen in der Kanzlei, aber ihr fiel nichts ein, weshalb sie Ärger bekommen könnte. Selbst Jason Miles gegenüber war sie freundlich geblieben, denn sie konnte es sich auf keinen Fall leisten, diesen Job zu verlieren.
   Mr. Cline lachte und schüttelte den Kopf. »Nein, Sam. Keine Sorge. Alles bestens.«
   Erleichtert atmete sie auf.
   Er beugte sich vor und legte die Hände flach auf den Schreibtisch. »Mrs. Miles würde dir nur gern ein Angebot unterbreiten.«
   Aus zusammengekniffenen Augen musterte Sam die Frau. Sie war genauso dezent geschminkt wie immer, die Haare tadellos hochgesteckt und in ihrer Mimik konnte Sam keine Unsicherheit erkennen. »Ein Angebot?«, fragte sie vorsichtig.
   Mr. Cline nickte. »Ja, und ich würde vorschlagen, du hörst es dir einfach mal an.«
   Sam konnte schlecht Nein sagen, also blickte sie nur erwartungsvoll zu Mrs. Miles. Das ungute Gefühl, das sie beschlich, wollte sich aber nicht abschütteln lassen.
   Mrs. Miles rutschte in ihrem Sessel etwas höher und wechselte das Bein, das sie über das andere schlug. »Mr. Cline hat mir sehr viel von Ihnen erzählt. Er lobt Sie in den höchsten Tönen und ist der Ansicht, Sie könnten womöglich die Richtige für mein kleines Problem sein.«
   Recht schlau wurde sie aus dieser Ansprache nicht, weshalb sie nun auch nicht wusste, was sie sagen sollte. »Die Richtige - wofür?«
   Mrs. Miles knetete mehrmals ihre Hände, ehe sie sich erhob und ans andere Ende des Raumes stolzierte. Vor dem Bücherregal mit den dicken juristischen Lexika blieb sie stehen. »Kannten Sie meinen verstorbenen Gatten?«, fragte sie unvermittelt.
   Sam nickte. »Ja, er kam öfter in die Kanzlei. Er war immer sehr freundlich zu mir und seinen Tod habe ich sehr bedauert.« Was hatte Mr. Miles mit dieser Unterredung zu tun?
   Wieder malträtierte Mrs. Miles ihre Hände, während ihr Blick auf dem teuren Perserteppich zu ihren Füßen lag. »Mein Mann hat ein paar Jahre vor seinem Tod sein ganzes Vermögen in eine Familienstiftung gegeben zur finanziellen Absicherung für meinen Sohn und mich.«
   Noch immer hatte Sam keine Vorstellung, worum es hier eigentlich ging. Da die Angelegenheit aber offensichtlich für Mrs. Miles unangenehm war, wollte sie sie nicht drängen. Die rechtliche Seite einer Stiftung kannte sie nur leidlich, glaubte aber auch nicht, dass dies für Mrs. Miles Anliegen wichtig wäre.
   »Vor ein paar Jahren hat er sich mit unserem Sohn zerstritten.« Mrs. Miles begann im Raum auf und ab zu gehen und winkte ab. »Eine dumme Sache. Aber leider sind beide unglaublich stur, und keiner war bereit auf den anderen zuzugehen. Und mein Mann war es gewohnt, seinen Willen zu kriegen. Er wollte immer nur das Beste für Jason. Und er war eben der Ansicht, das wäre eine Ehe. Und …« Sie seufzte und holte tief Luft. »Und deshalb hat er in den Stiftungsstatuten eine Klausel verankert, wonach unser Sohn Jason erst zu seinem Geld kommt, wenn er … wenn er heiratet.«
   Ungläubig starrte Sam Mrs. Miles an, erst dann glitt ihr Blick zu Mr. Cline. Dieser lächelte schwach und nickte. Für einen Moment war Sam geneigt, laut loszulachen. Wenn sie daran dachte, wie sich Jason bei seinem Besuch in der Kanzlei ihr gegenüber benommen hatte, empfand sie das eben Gehörte als ausgleichende Gerechtigkeit. »Und was hat das jetzt mit mir zu tun?« Sie fand diese Heiratsklausel zwar mehr als fragwürdig, aber es gab doch wohl Schlimmeres. Musste Jason eben auf sein Geld etwas warten. Verhungern würde er ja kaum.
   Mrs. Miles öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus. Ihre Gesichtszüge verhärteten sich, ehe sie zum Fenster schritt und die Skyline Bostons bewunderte.
   »Jason braucht das Geld«, erklärte Mr. Cline, während er einen Stift rhythmisch auf den Schreibtisch klopfte. »Aus persönlichen Gründen. Deshalb spielt er nun mit dem Gedanken, zu heiraten.«
   Sam verstand noch immer nicht, wie sie in diese Geschichte hineinpasste. »Und?«, fragte sie vorsichtig. »Wo liegt das Problem?«
   »Er braucht eine Braut«, erklärte Mrs. Miles mit fester, klarer Stimme, ohne sich von der Fensterscheibe abzuwenden.
   Sam blinzelte, sah von Mrs. Miles zu Mr. Cline und wieder zurück. Ihr Gehirn ratterte. Eine Braut? Jason Miles war regelmäßig auf der Titelseite irgendwelcher Boulevardzeitungen, und nie hinterließ er dort den Eindruck, als ob er Probleme hätte, Frauen kennenzulernen. Mrs. Miles konnte kaum ernsthaft andeuten, sie solle seine Braut spielen.
   Mrs. Miles wandte abrupt ihren Kopf zu Sam und sah ihr in die Augen. »Er will keine seiner sonstigen Bekanntschaften heiraten und ich begrüße diesen Entschluss. Stattdessen hat er mich gebeten, für ihn die optimale Frau zu finden.«
   Sams Kehle trocknete schlagartig aus. »Wie kann ich da jetzt helfen?«, fragte sie und räusperte sich.
   Mr. Cline und Mrs. Miles tauschten vielsagende Blicke, ehe er wieder das Wort an Sam richtete. »Sam, du arbeitest nun schon seit fünf Jahren für mich. Du bist fleißig und ehrlich. Du hast nie nach einer Gehaltserhöhung gefragt, obwohl ich weiß, dass du das Geld gut brauchen könntest.« Er wartete, aber Sam reagierte nicht. »Mrs. Miles sucht jemanden, der die Situation nicht ausnützen würde. Der sich an die Vereinbarung halten würde.«
   Sams Blick wanderte zu Mrs. Miles, deren Aufmerksamkeit wieder auf die vorbeiziehenden Wolken gerichtet war. Ob sie erwähnen sollte, wie das letzte Zusammentreffen zwischen Jason und ihr verlaufen war? »Warum ausgerechnet ich?«
   Mr. Cline lächelte sie nachsichtig an. »Einer Wildfremden kann Mrs. Miles nicht trauen, dafür ist die Angelegenheit zu heikel. Und jemanden aus ihren Kreisen kann sie genauso wenig fragen. Und die einzig passende Person, die ich kenne, bist du.«
   Mrs. Miles wandte sich um und kam auf sie zu. »Jasons Ehefrau würde für die Dauer der Ehe ein monatliches Taschengeld von zweitausend Dollar erhalten, dafür, dass sie …«, sie zuckte mit der Schulter, »… sagen wir – ein sittsames Verhalten an den Tag legt und diese Ehe achtzehn Monate aufrechterhält. Zudem verzichtet sie auf jeden Unterhaltsanspruch nach der Ehe, bekommt aber eine großzügige Abfindung von hunderttausend Dollar aus der Stiftung.«
   Sams Herz schlug bis zum Hals, als ihr allmählich klar wurde, was dies für sie bedeuten könnte. Mrs. Miles wollte tatsächlich, dass sie diese Ehefrau war. Sie sollte für eineinhalb Jahre monatlich zweitausend Dollar kassieren, dafür, dass sie ihre Unterschrift auf ein Stück Papier setzte. Dafür, dass sie für achtzehn Monate aller Welt vorspielte, sie wäre eine liebende Ehefrau, würde sie am Ende sogar noch ein Vermögen erhalten. Sie könnte ihre Schulden abbezahlen.
   »Was ist mit meinem Job?«, fragte sie Mr. Cline.
   Ehe dieser etwas erwidern konnte, antwortete Mrs. Miles. »Jasons Frau würde natürlich nicht arbeiten.«
   »Du würdest deinen Job im Anschluss selbstverständlich zurückerhalten, wenn du das möchtest.«
   Ungläubig blickte Sam zwischen den beiden hin und her. Das Ganze klang zu schön, um wahr zu sein. Zu einfach, und sie suchte verzweifelt nach dem Haken. »Was ist, wenn ich aus irgendeinem Grund die achtzehn Monate nicht durchhalte?«
   Mr. Cline zuckte nur mit der Schulter. »Na ja, die monatlichen Zahlungen würden an dich eingestellt und du würdest auch keine Abfindung erhalten.«
   »Und Jason würde sein Erbe nicht ausbezahlt bekommen«, ergänzte Mrs. Miles. »Sollte Jason die Ehe vorzeitig beenden, würde die Abfindung trotzdem an Sie ausbezahlt.«
   Zweitausend Dollar pro Monat. Hunderttausend Einmalzahlung. Mit dem Geld könnte sie ihre alten Schulden begleichen. Sie könnte sogar eine Collegeausbildung starten. Eineinhalb Jahre wären schnell rum. Vermutlich würde sie Jason die meiste Zeit nicht einmal zu Gesicht kriegen. Was spielte es da für eine Rolle, dass er ein Vollidiot war? »Und Sie wollen wirklich, dass ich diese Frau bin?«, fragte sie Mrs. Miles.
   »Ja«, antwortete diese knapp und nickte.
   Nochmals wägte sie das Für und Wider ab, suchte in Mr. Clines Gesicht einen Anhaltspunkt, warum sie ablehnen sollte, aber er lächelte ihr nur aufmunternd zu.
   Sollte sie dem wirklich zustimmen?

*

»Du hast abgelehnt?«, rief Beth ins Telefon. »Aber warum denn?«
   »Weil es mir einfach nicht richtig erschien«, antwortete Sam und rührte weiter in ihrer Spaghettisoße. Sie klemmte sich den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr und griff nach dem Salzstreuer.
   Obwohl Mr. Cline und Mrs. Miles sie heute Vormittag so eindringlich angestarrt hatten, hatte sie es letztlich nicht über sich gebracht, zuzustimmen. Letztlich hatten die beiden nichts anderes von ihr verlangt, als alle Menschen in ihrer Umgebung zu belügen. Und dafür hätte man sie bezahlt. Achtzehn Monate lang. Je länger sie über das Angebot nachgedacht hatte, umso unehrlicher war es ihr erschienen. Sie wollte niemand sein, der für Geld seine Integrität verkaufte. Sie hatte so manches in ihrem Leben verloren, sie wollte nicht auch noch das verlieren.
   »Sam, sei vernünftig«, säuselte Beth weiter in den Hörer. »Zweitausend pro Monat, Hunderttausend als Abfindung, bar auf die Kralle! Weißt du, wie lange du arbeiten musst, um so einen Batzen Geld zu verdienen?«
   Sam seufzte, schaltete die Herdplatte ein und setzte sich an den kleinen runden Esstisch in ihrer Küche. »Ich weiß«, gestand sie leise ein. Sie wusste es nur zu gut. »Aber der Kerl ist ein totaler Kotzbrocken. Vermutlich hatte sein Vater gute Gründe, ihm sein Erbe vorzuenthalten. Und ich bin ihm dann dabei behilflich, an das Geld zu gelangen.«
   »Wen interessiert’s!« Beth atmete hörbar aus. »Soll der Typ sein Geld haben. Soll er damit machen, was er will. Sich seine fünfte Villa kaufen, für Drogen ausgeben oder einen Auftragsmörder bezahlen - Hauptsache, du kriegst am Ende die Hunderttausend.«
   »Beth«, versuchte Sam, ihren Redeschwall zu unterbrechen.
   »Nein, Sam. Nun hör mir mal gut zu.« Im Hintergrund fiel eine Tür zu und die leise Musik, die bisher noch zu hören gewesen war, verstummte. »Michael hat dir einen riesigen Berg Schulden hinterlassen, den du vermutlich noch in hundert Jahren abstottern wirst, wenn sich nicht unverhofft irgendeine Geldquelle auftut. Und – oh Wunder - genau das ist passiert. Also hör auf mit diesem scheiß heiligen Getue und setz dich in Bewegung! Ruf diese Tussi an, bevor es zu spät ist und sie sich jemand anderen für den Job sucht.«
   Sam stützte ihren Kopf mit der Hand ab und rieb sich über die Stirn. Sie liebte ihre Freundin. In den schwärzesten Tagen ihres Lebens war sie für sie da gewesen, hatte auf sie aufgepasst und versucht, sie zu trösten. Nur leider hatte das zur Folge, dass Beth glaubte, sich wie eine Mutter in ihr Leben einmischen zu dürfen. »Aber …«, setzte Sam erneut an.
   »Nein, kein Aber, Sam«, fiel ihr Beth prompt ins Wort. »Seit zwei Jahren nagst du am Hungerstuch, weil Michael ein Riesenarschloch ist. Du hast dir das, nach allem, was war, verdient.«
   »Der Kerl kann mich nicht ausstehen. Der wird mich ohnehin nie heiraten.«
   Beth schnaubte ins Telefon und Sam konnte bildlich vor sich sehen, wie sie die Augen verdrehte. »Wenn es so sein soll, dann soll es so sein. Aber du wirst dich gefälligst auf deine Hinterbeine stellen und das rausfinden.«
   Sam kaute auf ihrer Unterlippe und beobachtete, wie der Deckel durch den heißen Wasserdampf auf dem Kochtopf tänzelte. Zweitausend pro Monat. Hunderttausend als Abfindung. Für eineinhalb Jahre. Sie wäre endlich wieder schuldenfrei. Etwas, womit sie im Traum nicht mehr gerechnet hatte, wenn sie allein an ihren letzten Kontoauszug dachte. Und sie könnte sogar aufs College gehen. Eine Ausbildung anfangen. Womöglich als Krankenschwester. Schwer atmete sie aus. »Ich weiß einfach nicht, Beth …«
   »Sam«, setzte Beth erneut an. »Tu’s für Tommy. Ihm hätte es gefallen.«

Kapitel 3


Jason marschierte im Arbeitsraum seiner Mutter auf und ab und hinterließ im Teppich bereits eine Laufspur. Heute würde er seine zukünftige Braut kennenlernen. Obwohl er sich freiwillig zu dieser Aktion entschlossen hatte, verursachte ihm der Gedanke daran Kopfschmerzen.
   Er hatte keine seiner bisherigen Freundinnen fragen wollen, auch keine Bekannte. Schließlich sollte niemand in seiner Umgebung Genaueres über seine Ehe erfahren und seine üblichen Bekanntschaften hatten sich bisher nicht gerade durch Verschwiegenheit ausgezeichnet. Außerdem traute er ihnen, wenn es ums Geld ging, keinen Meter weit. Sie hätten nur versucht, noch mehr Vorteile aus der ganzen Angelegenheit zu ziehen und womöglich einer Scheidung nach eineinhalb Jahren gar nicht zugestimmt. Nein, darauf verspürte er wahrlich keine Lust. Lieber würde er eine Wildfremde heiraten, die er nach dieser Zeit auch wieder los wäre.
   Zumindest hoffte er das.
   »Nun sei doch nicht so nervös«, bemerkte seine Mutter, die es sich auf der Ledercouch mit einer Tasse Tee gemütlich gemacht hatte. »Man könnte meinen, das wäre das erste Rendezvous in deinem Leben.«
   »Sehr witzig«, entgegnete er, hielt aber in der Bewegung inne und musterte seine Mutter. Nach dem Tod seines Vaters hatte sie sich von der Gesellschaft zurückgezogen, kurz hatte er sogar befürchtet, dies würde ein Dauerzustand werden. Aber seit Kurzem fand sie allmählich wieder ins Leben zurück, beteiligte sich gelegentlich sogar an der einen oder anderen Wohltätigkeitsveranstaltung und hatte bereits einmal zu einem Essen eingeladen.
   »Und du bist dir sicher, dass sie keine Probleme machen wird?« Er versteckte seine Hände in den Hosentaschen und wippte auf den Füßen vor und zurück. Wer auch immer hier gleich durch die Tür spazieren würde, war schließlich auch nur eine Frau.
   »So sicher, wie man sich eben in so einer Situation sein kann. Sie hat zumindest alles unterschrieben, was wir ihr vorgelegt haben.«
   Jason nickte. Immerhin etwas. »Sie verspätet sich.«
   Seine Mutter verdrehte die Augen und erhob sich. »Es sind gerade mal zwei Minuten.«
   Zum hundertsten Mal fragte er sich, ob er das Richtige tat. Ob er das wirklich durchziehen sollte. Ja, er liebte seine Jacht. Und ja, er wollte endlich um die Welt segeln. Aber war es das wert, für achtzehn Monate seine Freiheit zu verkaufen? »Mom, ich …«
   Plötzlich ging die Tür auf und Mrs. Jenkins, die Haushälterin, führte eine junge Frau in den Raum.
   Während seine Mutter sie begrüßte und sie zu der Ledercouch begleitete, starrte Jason sie nur an. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Er wusste nur nicht, woher.
   Ob er sie aus einem Club kannte? Allerdings hatte er Schwierigkeiten, sie sich dort vorzustellen. Sie war keine graue Maus mit dicker Hornbrille, allerdings auch kein sexy Vamp. Seine mögliche zukünftige Frau war auf den ersten Blick unscheinbar, nichts an ihr zog besondere Aufmerksamkeit auf sich. Weder die legere Kleidung noch der Pferdeschwanz, zu dem die Haare zusammengebunden waren. Und trotzdem. Die grazilen Bewegungen, das schüchterne Lächeln und die wachen Augen verliehen ihr etwas Geheimnisvolles.
   Er gesellte sich zu ihr, reichte ihr die Hand und murmelte eine Begrüßung. In der unmittelbaren Nähe gewann ihre Erscheinung. Die einfache Jeans und die taubengraue Strickjacke verbargen einen wohlgeformten Körper. Einen Körper, den er unter anderen Umständen vielleicht sogar gern zum Summen gebracht hätte.
   Als sie seine Hand schüttelte, lachte er kurz auf. Es war ein fester Handschlag. Keiner von der Sorte, bei dem man das Gefühl hatte, man würde einen toten Fisch in den Händen halten. Ein Handschlag, der ihm sympathisch war.
   Langsam ließ er sich neben seiner Mutter auf der Couch nieder und betrachtete die ebenmäßigen und irgendwie auch bekannten Gesichtszüge, die ihm gegenübersaßen. Er war sich sicher, dass er ihr schon einmal begegnet war. Aber ihm wollte partout nicht einfallen, wo. Erneut glitt sein Blick über ihre Gestalt, allerdings blieb er dieses Mal bei der aschfahlen Strickjacke hängen, denn auch sie kam ihm plötzlich bekannt vor. Sein Blick schnellte zurück in ihr Gesicht.
   »Miss Patrick, haben Sie noch irgendwelche Fragen zu dem Arrangement?«, fragte seine Mutter, als sie ihr eine Tasse Tee reichte.
   Seine Ehefrau in spe nahm das Getränk entgegen und schüttelte den Kopf. »Nein, für mich ist soweit alles klar.«
   »Sie wollen mich also heiraten?«, fragte er und starrte sie unverhohlen an, denn irgendwie konnte er es nicht glauben. Mit Sicherheit hatte auch sie ihr kleines Treffen vor wenigen Wochen nicht vergessen. Frauen konnten sehr nachtragend sein, das wusste er nur zu gut. Welches Spiel spielte sie?
   Sie schenkte ihm ein Lächeln, als könnte sie kein Wässerchen trüben. »Ja, genau deshalb bin ich hier.«
   »Und Sie wollen natürlich das Geld, das sie dafür kriegen.« Aus keinem anderen Grund würde sie ihn heiraten. Das war ihm klar. Sympathiepunkte hatte er damals mit Sicherheit keine gesammelt.
   Sie zuckte mit den Schultern. »Es ist ein Geschäft.«
   »Genau so ist es«, mischte sich seine Mutter ein und bot auch ihm eine Tasse Earl Grey an.
   Er schüttelte den Kopf und musterte ein weiteres Mal die Jacke, die sie trug. Die hatte sie bestimmt nicht ohne Grund angezogen, und der lag nicht in den etwas frischeren Außentemperaturen.
   »Was wissen Sie darüber, warum ich eine Ehefrau brauche?«, fragte er sie, während er sich ein Glas halb voll mit Wasser füllte.
   »Ich habe keine Details deiner Beweggründe genannt«, erklärte seine Mutter. »Das ist im Grunde ja auch unerheblich.«
   Jason winkte ab. »Ich finde, wenn wir schon planen, zu heiraten, sollten wir auch mit offenen Karten spielen.« Er wechselte mit ihr einen langen Augenkontakt, der klarstellte, dass sie sich beide ihrer ersten Begegnung bewusst waren. »Also, was wissen Sie?«
   Ihr Blick schweifte kurz zu seiner Mutter, um dann wieder auf ihm zu ruhen. »Nur, dass sie das Geld aus der Stiftung aus persönlichen Gründen brauchen. Mehr nicht.«
   Jason ließ das Wasserglas zwischen seinen Händen hin und her rollen. »Ich besitze eine Jacht, die nicht gerade wenig Geld verschlingt. Und ich würde gern mit ihr endlich um den Globus segeln.« Er leerte das Glas mit einem Schluck und stellte es zurück auf den Couchtisch. »Was ist mit Ihnen?«
   Die abrupte Frage ließ sie zusammenzucken, aber sie hatte sich schnell wieder im Griff. »Ich habe Schulden aus einer früheren Beziehung.«
   Er wartete, ob sie das Gesagte noch weiter ausführen würde, aber sie schwieg. Dass sie verschuldet war, hatte ihm bereits seine Mutter erzählt und überraschte ihn deshalb nicht. »Dann haben Sie also kein Problem damit, nur des Geldes wegen einen völlig Unbekannten zu heiraten?«
   »So unbekannt sind Sie nicht.«
   »Dann eben einen, der Ihnen nicht sonderlich sympathisch ist.«
   Sie grinste.
   »Warum solltest du ihr nicht sympathisch sein?«, fragte seine Mutter und blickte zwischen ihnen hin und her, aber keiner achtete auf sie.
   »Haben Sie denn ein Problem damit, jemanden zu heiraten, der Ihnen nicht sonderlich sympathisch ist?«, fragte stattdessen die Frau, deren Namen er schon wieder vergessen hatte.
   Er schürzte die Lippen und lächelte ebenfalls. Was immer sie im Schilde führte, sie war nicht dumm. »Tja, das liebe Geld. Es war schon immer ein ausgezeichneter Ehestifter.«
   Seine Mutter runzelte die Stirn und sah erneut zwischen ihnen hin und her. »Kommen wir nochmals zurück auf das Wesentliche. Sie haben also keine weiteren Fragen?«, wollte sie von seiner Zukünftigen wissen.
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein, hab ich nicht.«
   »Ihnen ist der Ablauf klar und Sie haben die Konditionen verstanden, unter denen diese Ehe zustande kommt?«
   Die Sachlichkeit, mit der seine Mutter die Fragen stellte, brachte ihn ein Stück weit zurück in die Realität, hatte er doch gerade das Gefühl gehabt, als würde ihm das Ganze sogar ein klein wenig Spaß bereiten.
   »Ja, das habe ich«, antwortete sie. »Ich erhalte monatlich zweitausend Dollar sowie eine Abfindung von einhunderttausend Dollar, dafür, dass ich aller Welt eineinhalb Jahre lang die liebende und treue Ehefrau Ihres Sohnes vorspiele.«
   Jason hob die Augenbrauen und musste ein Lachen unterdrücken. Hörte er da einen Hauch Sarkasmus aus ihrer Stimme?
   »Und Ihnen ist klar, dass diese Ehe auch geschieden werden kann, ohne dass Sie dem zustimmen?«, bohrte seine Mutter weiter.
   »Ja, ist es.«
   »Und dass Sie nach dieser Ehe keinerlei Anspruch auf Unterhalt haben?«
   »Auch das weiß ich.«
   Seine Mutter nickte und schien zufrieden mit dem Ergebnis des Verhörs. »Ich lass euch allein, damit ihr euch ein bisschen kennenlernen könnt.« Ohne auf eine Erwiderung zu warten, erhob sie sich und verließ den Raum.
   Eine Totenstille breitete sich aus, in der nur das Ticken der antiken Standuhr zu hören war. »Nehmen Sie die schroffe Art meiner Mutter nicht persönlich. Sie ist bloß kein allzu großer Freund von diesem Arrangement.«
   »Ich hatte bisher den Eindruck, dass sie federführend in dieser Angelegenheit wäre.«
   »Gezwungenermaßen«, erklärte er und schenkte sich erneut etwas Wasser in das Glas. »Meine Mutter verwaltet die Stiftung, deshalb ist sie dafür verantwortlich, dass die Stiftungsstatuten, die mein Vater damals aufgestellt hat, eingehalten werden. Und da unsere Familie in der Bostoner Gesellschaft keine unwichtige Rolle spielt, hat sie es vorgezogen, selbst Ausschau nach einer Schwiegertochter zu halten, anstatt mir diese fragwürdige Aufgabe zu überlassen.«
   Savannah oder Sarah oder wie sie hieß griff nach ihrem Tee und lehnte sich zurück. »Und Sie sind mit ihrer Wahl zufrieden?«
   Er lächelte sie von unten her an. »Tja, das ist jetzt die Frage, nicht?«
   »Sie können sich an mich erinnern.«
   »Wie könnte ich diese Jacke vergessen? Haben Sie die selbst gestrickt?«
   Wenn sie wegen seiner Bemerkung beleidigt war, so zeigte sie es nicht, stattdessen erwiderte sie sein Lächeln. »Ihre Mutter ist der Ansicht, ich wäre die ideale Besetzung als Ihre Scheinehefrau.«
   »Meine Mutter irrt.«
   Schweigend betrachteten sie einander, bis sie ihre Teetasse abstellte und die Arme vor der Brust verschränkte. »Warum?«
   Er schnaubte. »Weil ich Frauen kenne. Und nur, weil Sie keinerlei Modegeschmack besitzen und nicht in knalligen High Heels herumstolzieren, heißt das noch lange nicht, dass Sie auch nur einen Deut besser sind als all die anderen geldgeilen Tussis, die mir sonst über den Weg laufen.«
   Ihre Augen weiteten sich und er schien sie zur Abwechslung tatsächlich aus der Fassung gebracht zu haben. Er nutzte ihre Sprachlosigkeit. »Und wenn Sie glauben, ich wäre so blöd, Sie zu schwängern, dann haben Sie keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben.« Das war ein Punkt, den er von Anfang an klarstellen wollte.
   »Glauben Sie mir«, sagte sie mit auffallend ruhiger Stimme, »ich habe eine ziemlich klare Vorstellung, mit wem ich es zu tun habe. Aber ich fürchte, dass Sie keine Ahnung haben, wen Sie vor sich haben.«
   Er lachte auf und schüttelte den Kopf. Die war ja goldig. Als ob er Angst vor einer Sekretärin in einer selbst gestrickten Jacke hätte. Nein, mit Frauen kannte er sich aus. Und keine würde es schaffen, ihn hereinzulegen. »Wen habe ich denn vor mir?«, fragte er und beugte sich vor.
   Langsam erhob sie sich. »Jemanden, für den es wohl an der Zeit ist, sich zu verabschieden und Ihnen noch ein schönes Leben zu wünschen.«
   Er zog erneut die Augenbrauen in die Höhe und richtete sich ebenfalls auf. Nur ein halber Meter trennte sie voneinander. »Sie verzichten so bereitwillig auf das Geld?«
   Sie legte den Kopf in den Nacken und sah zu ihm hoch, rückte aber keinen Zentimeter von ihm ab. »Ich befinde mich in einer finanziellen Notlage und bin deshalb bereit, nach jedem Strohhalm zu greifen, der sich mir bietet. Aber ich werde nicht betteln.« Mit diesen Worten wandte sie sich ab und verließ den Raum.

*

Lange sah Jason auf die Tür, durch die seine Fastverlobte gerade verschwunden war. Mit so einem Abgang hatte er nicht gerechnet. Zumindest schien sie Rückgrat zu besitzen. Trotzdem sträubte sich etwas in ihm, ausgerechnet dieser Frau einen Ring an den Finger zu stecken.
   Kopfschüttelnd ließ er sich wieder auf die Couch fallen. Das Problem war, dass er praktisch keine Alternativen hatte. Zumindest keine, die er ernstlich in Erwägung zog. Denn all die hübschen Gesichter in seinem Leben waren hinterlistige, kleine Blutsaugerinnen. Da zog er es vor, mit einer verheiratet zu sein, die ihm offen die Krallen zeigte. Insgesamt hätte er so wohl weit weniger Probleme.
   Als die Tür wieder aufging, sah er hoch. Seine Mutter trat mit fragendem Blick ein, kam auf ihn zu und setzte sich. »Das war aber ein kurzes Kennenlernen.«
   »Laut Stiftungsstatuten muss ich sie nur heiraten, nicht kennenlernen.«
   Seine Mutter lachte. »Ich mag sie. Ich glaube, sie ist die Richtige.«
   »Das heißt, du hast sonst niemanden im Angebot?« Seufzend fuhr er sich mit den Fingern durch das Haar, während seine Mutter die Beine überkreuzte und die Hände darauf ablegte.
   »Ich kann ja schlecht eine Annonce in die Zeitung setzen.«
   »Diese ganze Sache geht mir total gegen den Strich.« Am liebsten würde er seinen Vater aus dem Grab holen und ihn einmal kräftig durchschütteln. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Warum hatte er ihm nicht einfach sein Erbe lassen können?
   »Wir können es immer noch absagen«, warf seine Mutter ein. »Auch wenn ich weiß, dass dein Vater dich gern verheiratet gesehen hätte, weiß ich nicht, ob er es unbedingt unter solchen Umständen wollte.«
   Jason lachte auf und erhob sich. Er vergrub seine Hände in den Hosentaschen und wandte sich ab. Vermutlich hätte seinem Vater gerade das an der Sache gefallen. Dass er ihn endlich mal zu etwas zwingen konnte, das Jason eigentlich zutiefst zuwider war. »Glaub mir, Mutter, die Umstände wären für ihn völlig in Ordnung gewesen.«
   Seine Mutter seufzte. »Ich bin mir da nicht so sicher«, meinte sie leise, »aber viel wichtiger ist, ob es für dich in Ordnung ist.«
   Er drehte sich um und sah seiner Mutter direkt in die Augen. Er wollte seinem Vater diese Genugtuung nicht lassen. Am liebsten hätte er ihm einfach ins Gesicht geschrien, er solle sich sein Geld sonst wohin stecken. Aber das hieße eben auch, endgültig auf Chance zu verzichten. Und mit ihr auf seinen Traum. Etwas, das sein Vater genauso missbilligt hatte wie so vieles andere in seinem Leben.
   Egal, wie er es drehte, irgendwie gewann sein Vater auf jeden Fall. Entweder er verlor Chance oder seine Freiheit. Aber seine Freiheit würde er zumindest nach achtzehn Monaten wieder zurückerhalten. Chance jedoch würde er für immer verlieren.
   Mit gesenktem Kopf schritt er auf seine Mutter zu. »Also gut«, sagte er und reckte sein Kinn in die Höhe. »Sag dieser Susan, Sandra, oder wie auch immer sie heißt, sie soll einen Termin festlegen.«

Kapitel 4


Nun sag schon, wie ist er?« Beth klopfte mit ihren Fingernägeln auf die Tischplatte und sah sie aus großen Augen an. Als der Kellner ihnen den bestellten
   Kaffee servierte, riss sie ihm die Tasse förmlich aus der Hand.
   »Ein arrogantes Arschloch, das sich hinter einer charmanten Maske verbergen kann.« Sam war nach dem Treffen schon fast erleichtert gewesen, dass aus dem Deal nichts wurde. Aber nur kurze Zeit später hatte sie einen Anruf von seiner Mutter erhalten, die ihr erklärte, dass Jason einverstanden sei und sie sich einen Termin aussuchen könne. Im ersten Moment war sie so perplex, dass sie gar nicht groß widersprochen hatte. Aber auch nach längerem Nachdenken war ihr einfach klar, dass dies eine einmalige Chance für sie bedeutete, die sie nicht so ohne Weiteres wegen ihres Stolzes vermasseln durfte.
   »In der Zeitung sieht er immer so nett aus.«
   »Was weiß denn schon eine Zeitung«, murmelte sie in ihren Kaffee und beobachtete die vorbeispazierenden Leute auf der Straße. Alles schien seinen gewohnten Gang zu nehmen. Nur für sie hatte sich innerhalb weniger Tage die ganze Welt auf den Kopf gestellt. In zwei Wochen würde sie heiraten. Einen Kerl, den sie noch nicht einmal sonderlich leiden konnte. Sie würde aus ihrem kleinen Apartment in Boston ausziehen und stattdessen in ein Strandhaus am Cape Cod ziehen. Gut abgeschottet von der Außenwelt.
   »Und du wirst echt auf Cape Cod wohnen?«, fragte Beth.
   »Yap«, erwiderte Sam und nickte. »Ist eine Idee seiner Mutter. Dort lauern wohl weniger Paparazzi.«
   »Warum fahrt ihr denn nicht einfach auf Hochzeitsreise? Dann wäret ihr das Problem mit der Presse los.« Beth griff nach dem Keks, der auf dem Unterteller lag, und biss herzhaft zu.
   Sam lachte auf und richtete ihren Blick wieder auf die Straße. Eine Hochzeitsreise, das hätte ihr gerade noch gefehlt. »Anscheinend gibt es Schwierigkeiten in der Firma, weshalb Jason nicht weg kann. Vermute aber eher, dass er genauso wenig Lust auf eine Hochzeitsreise verspürt wie ich.«
   Beth winkte ab. »Cape Cod ist ja auch nicht schlecht. Ruhe, Abgeschiedenheit und ein Strand, so weit das Auge reicht. Was will man mehr?«
   Sam hoffte nur, dass das Strandhaus groß genug war, damit sie sich gegenseitig aus dem Weg gehen konnten. Denn sollten sie irgendwann aufeinander losgehen, wäre keiner da, um es zu verhindern. »In Cape Cod gibt es ein Community College«, erklärte sie leise und beobachtete, wie der Milchschaum ihres Cappuccinos langsam in sich zusammenfiel. »Ich dachte, nachdem ich nicht mehr bei Mr. Cline arbeite, könnte ich dort ein paar Kurse besuchen. Zeit hätte ich dann ja.« Unsicher sah sie zu Beth auf.
   Diese ergriff ihre Hand. »Ich finde, das ist eine wunderbare Idee. Davon träumst du doch schon lange.«
   Vorsichtig nippte Sam an ihrem Kaffee. Schon während ihrer Highschoolzeit hatte sie davon geredet, einmal aufs College zu gehen. Aber dann war alles anders gekommen. Zuerst Michael, dann Tommy …
   »Es gäbe dort auch einen Krankenschwesterkurs.« Sollte sie diese Ausbildung beenden, könnte sie wirklich neu anfangen.
   »Und was sagt dein Verlobter dazu?« Beth grinste über das gesamte Gesicht.
   »Ich hatte nicht den Eindruck, als ob er mich wegen irgendetwas um Erlaubnis fragen würde. Und ich habe nur unterschrieben, dass ich mich sittsam …«, sie unterstrich das Wort mit zwei angedeuteten Anführungszeichen, »… verhalten würde. Solange ich also mit keinem Professor ins Bett steige, sollte das kein Problem sein.«
   Beth rutschte in ihrem Sessel etwas vor, beugte sich zu ihr herüber und legte eine Hand auf Sams Unterarm. »Sam, vermassele dir das nicht. Das ist die Gelegenheit, deine Vergangenheit hinter dir zu lassen. Und wenn du dafür diesem Kerl in den Hintern kriechen musst, dann bitte, bitte, tu es einfach.«
   Sam neigte den Kopf zur Seite und lächelte. »Beth, du kennst mich.«
   Beth lehnte sich zurück und stieß die Luft aus ihren Lungen. »Eben. Du ziehst Probleme magisch an.«

*

»Und? Wie ist deine Verlobte?«, rief Sven ihm über die Musik hinweg zu.
   Jason zuckte mit den Schultern, denn er wusste tatsächlich keine vernünftige Antwort auf diese Frage. »Langweilig«, antwortete er. Das traf auf ihr äußeres Erscheinungsbild vermutlich am ehesten zu. Allerdings hätte er sie sonst nicht wirklich als langweilig bezeichnet. Nein. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie ihm noch reichlich Ärger machen konnte, wenn sie wollte. In ihren wachen Augen lag ein Trotz, der nur dazu da zu sein schien, um ihr Schwierigkeiten zu bereiten - und nun auch ihm.
   Sven lehnte sich gegen die Bar, rutschte näher an Jason und sah ihn grinsend an. »Dann hast du keinen Jackpot geknackt mit deiner Zukünftigen?«
   Erneut zuckte Jason mit den Schultern. »Hatte ich auch nicht erwartet.« Allerdings hätte er eine etwas fügsamere Frau erwartet. Eine, die sich darüber freute, ihn heiraten zu dürfen. Eine, die gewillt war, sich ihm unterzuordnen. So drohte diese Ehe in einer Katastrophe zu enden, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte.
   »Wann ist denn der große Tag?«
   Jason wandte sich zu Sven und griff nach seiner Bierflasche. »In zehn Tagen.« Sie würden diese Farce schnell durchziehen und dann nach Cape Cod verschwinden. Mit etwas Glück hielt das Wetter noch eine Weile und er könnte die nächsten Wochen auf Chance ein wenig herumsegeln. So brauchte er sich zumindest nicht mit seiner Angetrauten auseinanderzusetzen.
   »Darf ich dein Trauzeuge sein?« Svens Grinsen wurde immer breiter.
   »Von mir aus.« Derartige Formalitäten waren ihm völlig gleichgültig. Hauptsache die Show verlief reibungslos, sodass er am Ende der achtzehn Monate auch tatsächlich sein Geld auf dem Konto hatte. Denn blöderweise würde seine Mutter keinen Tag früher die Kohle herausrücken.
   Sven rückte noch näher und nickte mit dem Kopf Richtung Eingang. »Sieh mal, wer uns da direkt ansteuert.«
   Jason folgte Svens Blick und entdeckte seine Ex, Emily. In dem engen Minirock kamen ihre meterlangen Beine tadellos zur Geltung und Jason musste daran denken, wie sie vor nicht allzu langer Zeit um seine Hüften geschlungen waren. Auch wenn Emily gegen Ende ihrer kurzen Affäre zu anhänglich geworden war, so hatte sie doch ihre Vorzüge gehabt.
   »Hi, Em«, begrüßte er sie, als sie vor ihnen stand. »Wie geht’s dir?« Er würde nicht den Fehler machen und sie fragen, warum sie auf ihn zukam, nachdem sie vor wenigen Monaten noch geschworen hatte, nie wieder ein Wort mit ihm zu reden.
   »Gut, und dir?« Mit einer eleganten Handbewegung warf sie ihre blonden, langen Haare über die Schulter und ließ ihre perfekten weißen Zähne aufblitzen.
   »Ich heirate in zehn Tagen.« Er hatte wirklich gehofft, seine Hochzeit ein wenig länger geheim halten zu können. Aber als er vorhin den Club betreten hatte, musste er feststellen, dass sich diese Neuigkeit bereits in Windeseile verbreitet hatte. Deshalb vermutete er, dass auch Em schon davon wusste. Somit konnte er nur Punkte sammeln, wenn er gleich damit rausrückte.
   »Dann ist es also wahr?«, fragte sie und starrte ihn aus großen Augen an. »Wer ist sie?«
   »Niemand, den du kennst.«
   Emily blickte zwischen Sven und ihm hin und her, als ob sie abwägen würde, inwieweit sie ihm glauben konnte. »Aber du warst doch immer so gegen das Heiraten?«
   Sven lachte und als Jason ihm einen bösen Blick zuwarf, versteckte er sein Grinsen hinter der Bierflasche. »Ja, Jason. Du warst doch immer so gegen das Heiraten.« Offensichtlich amüsierte sich Sven köstlich.
   »Warum hast du denn nie etwas gesagt? Wir hätten doch darüber reden können«, sagte Emily, ehe Jason etwas auf Svens Bemerkung erwidern konnte.
   Sprachlos starrte er sie an. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.
   »Ja, Jason. Warum hast du denn nie etwas gesagt?«, echote Sven, der wohl Mühe hatte, einen weiteren Lacher zu unterdrücken. »Hast uns alle im Glauben gelassen, du würdest vom Heiraten nichts halten. Also wirklich.«
   Jason durchbohrte Sven mit seinem Blick und hoffte für ihn, dass er die Botschaft verstand. An Emily gewandt zuckte er mit den Schultern. »Dinge ändern sich eben.« Mitnichten würde er sich jetzt groß über dieses Thema auslassen.
   »Dann ist es dir also wirklich ernst?«, fragte Emily.
   Sven war klug genug, dieses Mal die Klappe zu halten.
   »Vielleicht«, erwiderte Jason.
   »Wie ist sie denn so?«, hakte Emily nach.
   Jason stieß sich von der Theke ab und stellte sich vor ihr auf. »Unwichtig«, meinte er und legte eine Hand auf ihre Hüfte. »Sie ist nicht da. Aber du bist es.« Mit diesen Worten drängte er sich noch näher an sie und schenkte ihr ein Lächeln, das keine Frau dieser Welt missverstehen konnte. Denn nur weil er seinem toten Vater nachgab und heiratete, bedeutete dies noch lange nicht, dass er sich auch wie ein verheirateter Mann verhalten musste.

*

An ihrem Hochzeitstag regnete es.
   Auf dem Weg zur Bostoner City Hall prasselte das Wasser unaufhörlich gegen die Fensterscheibe des Taxis und die Wolken hingen tief über der Stadt. Beinahe hätte Sam den Fahrer gebeten, die Heizung aufzudrehen.
   Beth saß neben ihr und lächelte ihr aufmunternd zu, aber trotzdem wollte sich keine Vorfreude einstellen. Sie würde heute heiraten – wegen des Geldes. Hätte ihr jemand in ihrer Jugend gesagt, dass sie sich dazu einmal herabließe, hätte sie ihn ausgelacht. Damals war sie noch voller Idealismus gewesen, voller Träume und Hoffnungen. Jetzt war sie erwachsen. Jetzt tat sie, was sie tun musste. Und heute musste sie heiraten.
   Beth bezahlte den Taxifahrer und gemeinsam schritten sie unter einem großen Regenschirm über den weitläufigen Vorplatz. Sam hatte sich mit den letzten Dollars auf ihrem Konto ein neues, melonengelbes Kleid gekauft. Die Farbe Weiß war ihr schlicht zu unehrlich erschienen. Allerdings wünschte sie sich bei den frischen Temperaturen, das Kleid würde zumindest über die Knie reichen.
   Als sie es endlich mit ihren hohen Absätzen über das Kopfsteinpflaster zum vereinbarten Treffpunkt vor dem Eingang geschafft hatte, entdeckte sie dort niemanden der Familie Miles. Offensichtlich verspäteten sie sich. Und während Sam mit Beth vor dem übertrieben modernen Gebäude auf ihren Bräutigam wartete, versuchte sie, die Nässe in ihren Stilettos zu ignorieren. Erst als die Kälte allmählich bis in die Knochen vordrang, traf Jason mit seiner Mutter, Mr. Cline und einem jungen Mann ein.
   Jasons Blick huschte kurz über Sams Gestalt. Er nickte ihr zu und verschwand, ohne ein Wort zu sagen, in die Halle des Rathauses.
   Sam atmete durch und folgte ihm.
   Nachdem sie über die weitläufigen, kahlen Steintreppen und Gänge gelaufen waren, warteten sie vor dem Raum mit der Nummer 601 auf die Standesbeamtin. Eine ältere, adrett gekleidete Frau tauchte auf und lud sie in ihr Büro ein. Formalitäten und Höflichkeitsfloskeln wurden ausgetauscht, um dann ohne Umschweife zum Kern der Zusammenkunft vorzustoßen.
   Beth, der junge Mann namens Sven, Mr. Cline und Mrs. Miles nahmen auf den Sesseln neben der Tür Platz, während sich Jason und Sam vor einem Bücherregal aus dunklem, edlem Holz aufstellten, das so gar nicht zu dem sonstigen Ambiente der Bostoner City Hall passte.
   Die Standesbeamtin platzierte sich vor sie und begann mit der Zeremonie. Sams Blick glitt immer wieder zu Jason. Seit er am Rathaus eingetroffen war, hatte er sie nie länger als wenige Sekunden gemustert. Auch jetzt ließ er mit starrer Miene das Schauspiel über sich ergehen, ohne ihr mehr Aufmerksamkeit als unbedingt nötig zu schenken. Nichtsdestotrotz registrierte sie, wie umwerfend gut er in seinem grauen Maßanzug aussah.
   Mit Mühe unterdrückte sie ein Seufzen. Selbst, als sie die Ringe tauschten und sich das Jawort gaben, geschah alles ohne jegliche Emotion. Sie wusste nicht genau, was sie erwartet hatte, vor allem, da sie selbst auch keine Begeisterung aufbringen konnte, aber Jason wirkte, als ob man ihn dem Scharfrichter vorführte.
   »… seid ihr nun Kraft des Gesetzes rechtmäßig verbundene Eheleute.« Die Standesbeamtin lächelte und als keine Reaktion folgte, nickte sie Jason aufmunternd zu.
   Aber dieser deutete nur Sven, dass er vortreten sollte, um seine Unterschrift als Trauzeuge zu leisten. Als auch Beth wortlos ihren Namen auf das Papier gesetzt hatte, ergriff Jason Sams Arm und wandte sich mit ihr um.
   Mrs. Miles kam auf sie zu, umarmte ihren Sohn und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Keiner von beiden schien glücklich, aber sie schenkte Sam ein Lächeln, das aufrichtig wirkte. »Ich gratuliere euch«, sagte sie und küsste auch Sam auf die Wange.
   »Danke«, murmelte sie und blickte sich Hilfe suchend nach Beth um. Sie war die Einzige, die sie zu dieser Hochzeit eingeladen hatte. Sie war auch die Einzige, die von der Vereinbarung wusste. Keinem sonst hatte sie die Wahrheit sagen dürfen. Für Beth hatte sie sich verbürgt.
   »Du kommst doch noch mit nach Cape Cod?«, fragte sie Beth. Jetzt, da der offizielle Teil erledigt war, spürte sie langsam Panik in sich hochkriechen. Worauf hatte sie sich nur eingelassen?
   Beths Blick glitt über die Anwesenden. »Ich weiß nicht«, murmelte sie. »Fährt denn sonst noch jemand mit raus?«
   Sam hatte keine Ahnung. Es waren zwar Unmengen Details über den Ehevertrag und die Zeremonie besprochen worden, aber über den genauen Ablauf danach hatte bisher kaum jemand ein Wort verloren. Es war wohl für niemanden wichtig gewesen. »Ich weiß es nicht«, gestand sie ein.
   Als Beth etwas erwidern wollte, gesellte sich Mr. Cline zu ihnen und streckte Sam seine Hand entgegen. »Ich gratuliere, Mrs. Miles.«
   Sam zuckte bei dieser Anrede zusammen. Was hatte sie nur getan? »Danke«, flüsterte sie und schüttelte seine Hand.
   »Jason meint, ihr würdet gleich nach Cape Cod aufbrechen.«
   Sam nickte. Jetzt wusste sie zumindest, wie es weitergehen würde.
   »Haben Sie Ihre persönlichen Dinge schon übersiedelt?«
   Über den Umzug hatte sie sich bisher genauso wenig Gedanken gemacht wie über die exakten Abläufe nach der Zeremonie. Nur ihren Mietvertrag für die Wohnung hatte sie gekündigt, aber selbst der würde noch drei Monate weiterlaufen. Langsam schüttelte sie den Kopf. »Nein, das werde ich wohl morgen erledigen. Ich habe nur eine kleine Tasche gepackt, die noch zu Hause im Flur steht.«
   Jason trat an ihre Seite und ergriff erneut ihren Arm. »Kommst du?« Die Selbstverständlichkeit, mit der er sie berührte, ließ sie erschaudern. Nun befand sie sich wirklich in der Höhle des Löwen.
   Sie blickte zu Beth, befreite ihren Arm aus Jasons Griff und umschlang stattdessen ein letztes Mal ihre Freundin. »Wünsch mir Glück«, flüsterte sie ihr ins Ohr.
   Beth erwiderte die Umarmung. »Es wird alles gut, du wirst sehen.«
   Sam löste sich von Beth und folgte Jason aus dem Rathaus – hinein in ihr neues Leben.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.