Die junge Grace, Tochter des Lokalzeitungsbesitzers, brennt mit dem berüchtigten Piraten Captain Blackheart durch und sorgt damit im Fischerdorf Pirates Cove für einen Skandal. Sechzig Jahre später findet Autorin Tracy ihr Tagebuch und erfährt, dass Grace aus einer lieblosen Zweckehe geflohen ist. Tracys Neugier ist geweckt. Was geschah damals wirklich und was wurde aus Grace und Blackheart? Mit Feuereifer forscht sie nach Hinweisen und kommt einem streng gehüteten Familiengeheimnis auf die Spur. Doch ein Unbekannter versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass die Wahrheit ans Licht gelangt. Gut, dass Tracy zwei Beschützer hat: ihren Bodyguard Decker und den Aussteiger Shark. Zwei Männer, deren gemeinsame Vergangenheit sie zu Rivalen macht. Tracy muss sich entscheiden. Schenkt sie ihr Herz dem zuverlässigen Decker oder Shark, dem Abenteurer, der mehr über Blackheart zu wissen scheint, als er zugibt?

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ISBN: 978-9963-52-833-2

Seiten: 296

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Stefanie Lahme

Stefanie Lahme
Stefanie Lahme, geboren 1970, wohnt in einem Dorf im Münsterland. Ihr Kopf steckte immer schon voller Geschichten, die sie zunächst erzählt und aufgemalt und später aufgeschrieben hat. Sie liebt Bücher und alles, was damit zu tun hat, liest alles, was ihr in die Finger kommt und hat sich auch beim Schreiben noch für kein bestimmtes Genre entschieden, nur eins darf niemals fehlen: Liebe! Inspiration holt sie sich beim Joggen und auf möglichst vielen Reisen nach Irland, denn an die grüne Insel hat sie ihr Herz verloren.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Piraten, ein Schutzengel und keine Vampire

Mit einem Zirpen glitt das scharfe Messer durch den nächsten Strang schwarzer Locken. Sie schnitt möglichst dicht an der Kopfhaut und beobachtete mit einem Lächeln voll grimmiger Befriedigung, wie das Haarbüschel zu Boden segelte, zu den anderen dunklen Strähnen, die bereits um sie herum verteilt lagen.
   Im Spiegel erblickte sie ihr blasses Gesicht, sah das triumphierende Leuchten in ihren Augen. Nein, nun konnte sie niemand mehr schön nennen. An der Wand hinter ihr hing das Wappen ihrer Familie, auf dem in geschwungenen Lettern »Terra marique potens« geschrieben stand. Mächtig zu Lande und zur See. Zur See. Ein breites Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als die letzten Locken auf den Steinboden rieselten. Zur See. Bald würde sich ihr großer Traum erfüllen und sie, Grainne O’Malley, würde endlich in See stechen …«
   Tracy sah kurz von dem Buch auf und registrierte, dass die Augen ihrer Zuhörerschaft genauso leuchteten wie die von Grainne in der von ihr beschriebenen Szene.
   Wie üblich waren wesentlich mehr Frauen als Männer der Einladung von Books & More zur Lesung von Treasure Hunts neu erschienenem Roman Königin der grünen Insel, dessen erste Auflage schon fast vergriffen war, gefolgt. Sie erzählte darin die wahre Geschichte des aufregenden Lebens von Grainne O’Malley, der irischen Piratin.
   Obwohl auch ihre letzten vier veröffentlichten Romane alle auf den Bestsellerlisten gelandet waren, freute sie sich noch genauso über den Erfolg ihres neuen Buches wie über den des ersten vor fünf Jahren. Damals war sie als Shootingstar der Spannungsliteraturszene gefeiert worden und hatte sich seitdem einen Namen als Autorin von gut recherchierten und packend geschriebenen historischen Romanen gemacht.
   Books & More war bekannt für üppige, fantasievolle Dekorationen. Um dem kargen Lesesaal ein piratenhaftes Ambiente zu geben, war anscheinend der Fundus geplündert und alles herangeschleppt worden, das entfernt an Seeräuber erinnerte. Sogar ein Holzboot.
   Nach der gut besuchten Lesung genoss Tracy die sich anschließende Signierstunde. Sie nahm sich Zeit für ihre Leserinnen, denn es machte ihr großen Spaß, sich ein wenig mit ihnen zu unterhalten und aus erster Hand zu erfahren, wie der neue Roman bei ihnen ankam. Tracy gehörte nicht zu den Autorinnen, die für sich im stillen Kämmerlein abgeschottet ein neues Werk zu Papier brachten. Sie brauchte den Kontakt und hatte sich daher eine Website einrichten lassen, mit den Optionen, mit ihr und natürlich anderen Leserinnen zu chatten oder Kommentare zu ihren Büchern zu hinterlassen.
   Bis vor nicht allzu langer Zeit war sie begeistert von den Möglichkeiten gewesen, die das Internet ihr bot. Motivierende Kommentare oder nette Begegnungen im Chatroom hatten ihr sogar über die eine oder andere Schreibblockade hinweggeholfen.
   Nun traute sie sich kaum noch, sich einzuloggen.
   Ob er wohl da war? Ob sich hinter der freundlich lächelnden Fassade eines Lesers der Mensch verbarg, der gehässige und zunehmend bedrohlichere E-Mails an sie schrieb und sowohl sie als auch ihre Leserinnen in bissigen Kommentaren beleidigte und beschimpfte?
   Aus irgendeinem Grund, den sie nicht zu benennen vermochte, war sie sicher, dass es sich um einen Er handelte. Sie wusste natürlich, dass auch Frauen zu Gemeinheiten fähig waren, und wie sie das wusste. Da war etwas an seiner Art, sich auszudrücken, dass sie glauben ließ, es wäre eine männliche Person. Sie konnte den Finger nicht darauf legen, aber dieses Gefühl war da.
   Während sie ihren Namen und eine nette persönliche Widmung in ein druckfrisches Exemplar von Königin der grünen Insel schrieb, gelang es ihr nicht, die Gedanken an die letzte verletzende Mail zu verdrängen. Sie versuchte, sie in den hintersten Winkel ihres Hirns zu verbannen und sich auf die nächste aufgeregte Leserin zu konzentrieren.

*

»Erzähl schon, ist sie heiß?«, fragte Rick und grinste. Er flirtete ungeniert mit der hübschen Barkeeperin, während er versuchte, Gabe die Würmer aus der Nase zu ziehen.
   Sie hatten damals einen Witz bei der Navy: schweigsam, tot, Decker.
   Rick vermisste die Frotzeleien und rauen Späße unter den SEALs bereits nach einer Woche Urlaub und wollte sich lieber nicht vorstellen, wie es erst Gabe gehen musste. Kein Wunder, dass er so trübsinnig dahockte und in sein Getränk starrte. Halt, war da nicht ein winziges Zucken um seine Mundwinkel? Steckte doch noch Leben in Gabe?
   »Komm schon, Decks. Wie ist sie?«
   »Keine Ahnung. Hab sie noch nicht getroffen.« Ungerührt trank Decker einen Schluck.
   »Hey, Süße, Lust auf’n Rätsel? Was hat zwei Daumen und ist total gut im Bett?« Rick versuchte sein Glück wieder bei der Barkeeperin.
   Die routinierte Barkeeperin zog nur die perfekt gezupften Brauen hoch, als er mit vielsagendem Grinsen seine Daumen auf sich richtete. Gabe verdrehte leicht die Augen.
   Rick schüttelte den Kopf. »Mann, Alter, keine Ahnung, warum du so mies drauf bist. Ne schöne Frau, ’n schickes Haus am Meer … ah, das ist doch der Stoff, aus dem Romane sind, oder? Schöne Frau in Gefahr, der starke Retter, dem sie dann dankbar ist.« Er wackelte mit den Augenbrauen.
   Diesmal wurde aus dem Zucken der Mundwinkel sogar ein, wenn auch widerwilliges, Grinsen. »Klar, der Stoff, aus dem ihre Romane sind.«
   »Hast du schon einen gelesen?«
   »Ein Blick auf die Klappentexte hat mir schon gereicht. Dazu diese unsäglichen Cover. Eine Frau mit wehendem Haar, an einen Kerl mit wildem Blick geschmiegt, den Hals begierig gereckt, die Augen in Erwartung eines Kusses halbgeschlossen …«
   Rick lachte. »He, Decks, an dir ist ein Poet verloren gegangen. Aber ich weiß, was du meinst. Meine Schwester nennt diese Schmöker Nackenbeißer-Romane. Langweiliger Schund, der sich historischer Roman schimpft und unter dem Deckmantel schlecht recherchierter geschichtlicher Fakten mit billiger Effekthascherei und holprig geschriebenen Sexszenen den Geschmack Millionen unbefriedigter Hausfrauen trifft.«
   Decker verzog das Gesicht. »Ganz genau. Ausgerechnet für eine Frau, die so einen Mist verzapft und auch noch richtig Kohle damit macht, soll ich nun das Kindermädchen spielen.«

*

Nach der schönen, erlebnisreichen und anstrengenden Lesereise befand Tracy es für an der Zeit, einige Monate sesshaft zu werden und an ihrem neuen Buch zu arbeiten. Während der paar Tage in Bridgeport hatte sie die große Auswahl an guten Restaurants, die exzellenten Shoppingmöglichkeiten und nicht zuletzt das Nachtleben genossen. Nun aber reichte es ihr. Genug Großstadt. Sie sehnte sich nach der Natur, der Weite des Meeres und langen Wanderungen an frischer Luft. In einem kleinen Dorf aufgewachsen war sie immer noch das alte Landei, das die Natur liebte.
   Bevor sie aber in Richtung ihrer neuen Wahlheimat mit dem verheißungsvollen Namen Pirates Cove aufbrechen konnte, stand noch ein Treffen bei Walthams an, dem Verlag, der ihre Bücher herausbrachte. Darum hatte sie sich an diesem Morgen in ein für ihre Verhältnisse geschäftsmäßiges Outfit geworfen, enge Jeans und ein Blazer über einem mit bunten grafischen Mustern bedruckten Oberteil. Sie nahm den Fahrstuhl zu Cynthias Büro. Sie betreute sie bei Walthams und war ihr in den Jahren der Zusammenarbeit eine gute Freundin geworden.
   Cynthia hatte offenbar schon auf sie gewartet (so spät war sie doch nicht?) und kreischte bei ihrem Anblick. »Tracy, endlich. Erzähl, erzähl, wie war die Lesung gestern? Ach was frag ich, sie war super, hat Trish mir schon erzählt. War es okay mit Trish? Es tut mir so leid, dass ich nicht kommen konnte, aber …«
   Tracy lachte und befreite sich aus Cynthias herzlicher Umarmung. »Hey, alles gut. Trish war toll. Die Lesung war toll. Wer ist denn auf die Idee mit dem Schiff gekommen?«
   Cynthia sprudelte wieder los, während sie in ihr Büro gingen. Tracy bekam sofort gute Laune. Mittlerweile hatte sie sich an Cynthias anfangs eher erschreckende, exaltierte Art gewöhnt und mochte die quirlige junge Frau sehr. Cyn war ein richtiges Energiebündel. Hinter ihrer tadellosen Businesskleidung steckte ein kreativer, fantasievoller und zudem noch humorvoller Kopf.
   Ohne ihren Redefluss für eine Sekunde zu unterbrechen, hantierte sie an der Espressomaschine herum. »… und Piraten sind sowieso im Moment voll im Trend, darum ist El Cheffe auch begeistert von deiner neuen Idee. Oh, da fällt mir ein …« Sie warf einen Blick auf ihre elegante Armbanduhr. »… wir haben gleich einen Termin bei ihm, es geht um deinen Bodyguard.«
   Tracy fuhr von der Besuchercouch, auf der sie es sich bequem gemacht hatte, hoch. »Um bitte, was?«
   Cynthia lächelte sie strahlend an, vermutlich um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. »Ja, darüber haben wir doch neulich am Telefon gesprochen. Max hat entschieden, dass es sinnvoll ist, jemand zu deinem Schutz abzustellen. Eine reine Vorsichtsmaßnahme.«
   »Max hat das also entschieden, ja?«
   Cynthias Lächeln wurde etwas verkrampfter. Sie stellte schnell eine große Tasse Cappuccino vor Tracy ab. Genau, wie sie ihn mochte, mit einer doppelten Portion aufgeschäumter Milch.
   »Es ist wirklich besser nach all diesen Drohungen. Du wirst dich viel sicherer fühlen.«
   Tracy schluckte eine bissige Erwiderung hinunter und nahm einen Schluck des göttlichen Gebräus. Sie war regelrecht süchtig nach dem Zeug und reiste nie ohne ihre eigene Espressomaschine.
   Cynthia besaß wenigstens so viel Ehrgefühl, etwas zerknirscht auszusehen, als sie auf dem anderen Sofa schräg gegenüber von Tracy Platz nahm und an ihrem doppelten Espresso nippte. »Wenn er dir allzu sehr auf die Nerven geht, melde dich einfach. Dann lassen wir uns was anderes einfallen«, sagte sie diplomatisch.
   Tracy seufzte theatralisch. »Also eigentlich brauche ich keinen Aufpasser. Außerdem hab ich doch Thin Lizzy.«
   »Thin Lizzy. Jetzt machst du aber Witze. Die gute Seele kann doch niemandem etwas zuleide tun.«
   Cynthia schüttelte den Kopf, sodass ihr akkurat geschnittener Bob um ihr hübsches Gesicht flog.
   Auch Tracy musste lachen. Obwohl sie keineswegs begeistert davon war, so bevormundet zu werden, war das wohl nicht Cynthias Schuld. Tracy ging davon aus, dass die Bodyguardaktion auf Max’ Mist gewachsen war. Na, der würde noch was zu hören bekommen.
    »Jetzt müssen wir leider schon zum geschäftlichen Teil kommen, Trace«, sagte Cynthia nach einem erneuten Blick auf ihre Uhr bedauernd, als wäre es ein Affront. »Du weißt, Max wartet nicht gern. Aber hast du vielleicht Lust, dich später mit mir zu treffen? Wir könnten auf einen Cocktail ins Aquarius, was meinst du?«
   »Gern.«
   Gemeinsam gingen sie das Exposé durch, das Tracy absichtlich vage gehalten hatte. Ein Vorteil ihres Erfolges war, dass Max, nachdem sie vier Bestseller in Folge abgeliefert hatte, ihr Freiheiten ließ, von denen andere Autorinnen nur träumen konnten. Tracy wusste das, denn früher war sie eine von den kleinen Schriftstellerinnen gewesen, die mit ihrem Manuskript von Verlag zu Verlag tingelten und nur Ablehnungen erhielten. Nun durfte sich Tracy über einen dicken Vorschuss freuen, bevor sie auch nur eine Seite geschrieben hatte. Max vertraute ihr, und das gab ihr die Möglichkeit, in Ruhe vor Ort zu recherchieren.
   »Pirates Cove … das klingt so abenteuerlich und romantisch«, sagte Cynthia, nachdem sie die wichtigsten Vertragspunkte noch einmal durchgegangen waren. »Wirst du dort in ein Hotel gehen?«
   »Nein, ich hab ein kleines Ferienhaus gemietet. Mit Meerblick. Viel Ruhe, gute Luft, Natur, genau das, was ich zum Schreiben brauche.«
   »Hört sich himmlisch an.« Cynthia seufzte. »Frag nicht, wann ich zuletzt Urlaub machen durfte.«
   Tracy grinste. »Du würdest dich ohne deine Arbeit zu Tode langweilen. Warum kommst du nicht mal ein verlängertes Wochenende rüber? Du könntest es als berufliche Besprechung tarnen.«
   »O ja. Das mach ich gern. Pirates Cove ist jedenfalls nicht so weit weg wie Irland. Da kann Max also nicht wieder etwas dagegen haben, oder?« Ein schalkhaftes Leuchten trat in Cynthias Augen. »Übrigens schuldest du mir was. Ich konnte Max nämlich gerade noch ausreden, dass er auf Vampiren in deinem nächsten Buch besteht.«
   »O nein.« Tracy stöhnte mit nur halb gespieltem Entsetzen auf.
   Sie mussten lachen. Cynthia wusste genau, wie sehr Tracy der aktuelle Vampirhype auf die Nerven ging.
   »Wenn Max unbedingt auch auf diesen Zug aufspringen will, nicht mit mir.« Einen Bodyguard ließ sich Tracy zur Not gefallen, aber Vampire würde sie garantiert nicht in ihren Roman einbauen, nur um den Trend zu bedienen.
   »Wenn man vom Teufel spricht«, rief Cynthia fröhlich, denn in diesem Moment wurde die Tür schwungvoll aufgestoßen.
   Ein großer, breitschultriger Mann betrat das Büro, das mit einem Mal viel zu klein zu sein schien. Wenn Tracy den charismatischen Max länger nicht getroffen hatte, vergaß sie immer, was für eine energiegeladene Präsenz er entwickelte. So manch einen schüchterte das zunächst ein.
   »Tracy Hunter, wie wunderbar, dich wohlbehalten wiederzusehen. Trish hat mir schon gesteckt, dass die Lesung gestern wieder ein voller Erfolg war. Hab auch nichts anderes erwartet.« Er lachte.
   Ehe sich Tracy versah, zog der Hüne sie in eine bärenhafte Umarmung.
   »Tracy, meine Liebe, bau unbedingt viele von diesen heißen Szenen ein. Du weißt doch, Sex sells.
   Tracy lächelte etwas gezwungen. Max polterige Art war, zugegeben, gewöhnungsbedürftig. Er redete, wie ihm der Schnabel gewachsen war, was er sich als Besitzer eines renommierten Verlagshauses auch durchaus erlauben konnte.
   »Habt ihr alles besprochen, Cyn?«
   Cynthia nickte.
   »Gut, dann gehen wir jetzt in mein Büro. Es gibt da jemanden, den ich dir vorstellen möchte, Tracy. Du wirst begeistert sein.«
   Tracy öffnete schon den Mund, um ihrer Meinung zu dem Bodyguardplan Ausdruck zu verleihen, aber Cynthia führte hinter Max’ Rücken eine bühnenreife Pantomime auf: Sie verdrehte die Augen, fuhr sich mit der Handkante über den Hals und schüttelte wild den Kopf.
   Max schien ihre Irritation nicht zu bemerken, bot ihr galant den Arm und dirigierte sie durch den Flur zu seinem Büro. »Tracy, darf ich dich mit deinem Schutzengel bekannt machen? Gabriel Decker.«
   Der Mann, der in Max’ Büro in einem der Besuchersessel gewartet hatte, erhob sich sofort höflich und reichte Tracy zur Begrüßung die Hand.
   »Mr. Decker, dies ist Tracy Hunter, bekannt und beliebt unter ihrem Pseudonym Treasure Hunt, das beste Pferd in unserem Stall.« Er lachte erneut. »Der Star von Walthams Books.«
   In diesem Stil sprach er weiter, aber Tracy hörte nicht mehr zu und vergaß sogar völlig, sich über die peinliche Lobhudelei zu ärgern. Stattdessen musterte sie ihren Schutzengel ungläubig. Hatte Max einen Collegestudenten als Bodyguard engagiert? War das sein Ferienjob? Rasierte der sich überhaupt schon? Obwohl: Er war … ziemlich niedlich. Grüne Augen …, Sommersprossen …, ja, wirklich sehr niedlich.
   Deckers Augen blitzten spöttisch auf, als hätte er ihre Gedanken erraten, und zwar alle. Tracys Wangen wurden heiß.
   Max hatte seine Lobrede mittlerweile beendet.
   »Freut mich, Mrs. Hunter«, warf Decker ein. »Zu Ihrer ersten Information: Ich bin älter, als ich aussehe. Die meisten schätzen mich viel zu jung ein, doch der erste Eindruck täuscht. Ich bin unglaubliche neunundzwanzig Jahre alt und ausgebildeter Navy SEAL.«
   Aus der leichten Wärme wurde ein heißes Brennen. Tracy wäre am liebsten im Boden versunken. Offenbar gehörte Gedankenlesen auch zur Navy SEAL-Ausbildung.
   Decker hob die Brauen. »Da Sie einen Bodyguard für unnötig halten, sollten wir zunächst klären, worin genau meine Aufgabe bestehen wird.«
   Tracy warf Max einen ungläubigen Blick zu. Sie konnte nicht fassen, dass er die Gesprächsführung an Decker abgab. Das sah ihm nicht ähnlich. Sonst wollte er immer die Fäden in der Hand halten. Nun jedoch ging er zum Schreibtisch, setzte sich auf seinen Stuhl und lehnte sich abwartend zurück, bat lediglich Tracy und Decker mit einer lässigen Handbewegung, Platz zu nehmen. Sie war völlig überrumpelt, denn der Kontrast von Deckers jugendlichem Aussehen und seiner souveränen, selbstbewussten Art hätte größer nicht sein können.
   Er ließ von vornherein keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass er der Profi war und sich in seine Arbeit nicht reinreden lassen, im Gegenzug aber einen äußerst guten Job machen würde.

Als Tracy eine Stunde später das Verlagshaus verließ, war sie benommen. Tatsächlich hatte Decker es irgendwie geschafft, sie nicht wirklich zu Wort kommen zu lassen, auf irgendeine subtil-perfide Art, vermutlich ein Navy SEAL-Trick.
   Während sie schnellen Schrittes zu ihrem Hotel ging, legte sich ihre Verblüffung und machte Verärgerung Platz, und als sie schließlich die Lobby erreicht hatte, schäumte sie vor Wut. Wie war es diesem Decker bloß gelungen, sie derart zu überfahren? Sie wollte keinen Bodyguard. Der Plan war gewesen, dies Max unmissverständlich klarzumachen. Stattdessen hatte sie wie eine Vollidiotin da gesessen und zu allem Ja und Amen gesagt.
   Ohne, wie sonst üblich für sie, ein paar freundliche Worte mit dem Portier zu wechseln, stürmte sie durch die Eingangshalle zu den Fahrstühlen und fluchte auf dem Weg nach oben vor sich hin. Schon bevor die Türen sich öffneten, hörte sie ein Geräusch, das ihr die Haare zu Berge stehen ließ: Ein hohes, herzzerreißendes Jaulen in einer Frequenz, die dazu geeignet schien, Gläser bersten zu lassen.
   Es sah Thin Lizzy nicht ähnlich, zu jaulen. Normalerweise war sie ruhig, auch wenn sie ein paar Stunden allein gelassen wurde. Sie neigte eher dazu, ein Schläfchen zu halten. Irgendetwas musste sie in Alarmbereitschaft versetzt haben.
   Besorgt verließ Tracy den Aufzug. Ein strenger, metallischer Geruch stieg ihr in die Nase. Sie sah rot, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Wand und die Zimmertür waren beschmiert, so dunkel, dass es fast schwarz wirkte. Tracy ging benommen näher heran. Wie von weither drang das verzweifelte Geheul an ihr Ohr. Fassungslos ließ sie den Blick über die Sauerei schweifen. Was war denn das? Oberhalb der Tür hatte jemand ein totes blutverschmiertes Huhn genagelt, das kopfüber dort hing und Tracy aus glasigen Augen anstarrte. Sie schnappte nach Luft und taumelte zurück. Der metallische Geruch ließ sie würgen.
   Ein Teil von ihr war völlig entsetzt über den Anblick, der sich ihr bot, der andere betrachtete die Verwüstung mit klinischem Interesse. Hm, diese Farbe sah genauso aus wie der Lack auf ihren Zehennägeln. Wie hieß der doch gleich? Ach ja, Schwarze Kirsche. Geronnenes Blut wäre bestimmt nicht sehr verkaufsfördernd.
   Tracy unterdrückte ein hysterisches Kichern. Das anhaltende Geheul erinnerte sie daran, dass es Wichtigeres gab als Farbanalysen. Vielleicht sollte sie besser die Polizei rufen? Oder jemanden vom Hotel? Sie wunderte sich, warum niemand das Jaulen gehört und sich beschwert hatte. Ihr fiel ein, dass auf dieser Etage nur Geschäftsleute untergebracht waren, die ständig Konferenzen besuchten. Das Reinigungspersonal hatte seine Arbeit bestimmt schon erledigt. Ein erneutes jämmerliches Gejaule gab den Ausschlag. Sie würde dieses Zimmer betreten, alles andere würde einfach zu lange dauern.
   Sie kramte ein Papiertaschentuch aus der Hosentasche und schaffte es mit größter Überwindung, die Schlüsselkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz zu stecken. »Bleib cool, Trace, das ist nur Hühnerblut, das tut dir nichts. Du kannst Hühner sowieso nicht besonders gut leiden, also, reiß dich zusammen und mach die verdammte Tür auf, bevor Thin Lizzy vollends durchdreht.«
   Mithilfe des Taschentuches gelang es Tracy, die Tür zu öffnen. Voller böser Vorahnungen betrat sie ihr Hotelzimmer.
   Thin Lizzy tänzelte in höchsten Tönen winselnd um sie herum. Sie streichelte das aufgeregte Tier. »Ist ja gut.« Sie blickte sich in dem Raum um. Es sah alles so aus wie vor wenigen Stunden, als sie das Hotel verlassen hatte. Fast, denn das Bett war gemacht worden. Mit klopfendem Herzen ging Tracy zum Badezimmer, von Thin Lizzy behindert, die sie umkreiste und beinahe zu Fall brachte. Immerhin war sie nun ruhig, zitterte und bebte jedoch am ganzen Körper.
   »Ist ja gut.« Tracy atmete tief durch und stieß mit Schwung die Badtür auf. Auch hier hatte sich seit dem Morgen nichts verändert, bis auf die Tatsache, dass die feuchten Handtücher gegen frische ausgetauscht worden waren. Kein messerschwingender Psychopath in der Dusche, keine auf den Spiegel geschmierte gruslige Botschaft, keine Leiche auf der Badematte.
   Sie atmete zischend aus. Thin Lizzy drängte sich gegen ihr Bein und sie sank auf die Knie, um sie zu umarmen. Thin Lizzy schmiegte sich freudig an sie. In ihren klugen Augen stand unbedingtes Vertrauen. Frauchen war da und es gab keinen Grund mehr für sie, vor irgendetwas Angst zu haben. Tracy unterdrückte ein Seufzen. Hund müsste man sein. Solche Gedanken waren Quatsch, das wusste sie genau. Eins war allerdings klar, sie würde keine Sekunde länger als nötig in diesem Hotel bleiben.
   Aber wo sollte sie hin? Während sie mit fahrigen Bewegungen ihren Koffer packte, interessiert von Thin Lizzy beobachtet, kam ihr eine Idee. Warum nicht einfach früher als geplant nach Pirates Cove fliegen? So hätte sie ein wenig Ruhe, bevor Supermann Gabriel Decker eintreffen würde. Eigentlich war abgesprochen, dass er einen Tag vor Tracy in Pirates Cove eintraf, um das Haus und die Umgebung zu sondieren und abzusichern.
   Darauf konnte Tracy keine Rücksicht nehmen. Es wusste ohnehin niemand, dass sie nach Pirates Cove wollte. Niemand außer Max, Cynthia, dem Ferienhausvermieter … Na schön, aber niemand wusste, dass sie einige Tage eher kam. Sie würde also völlig sicher sein, ohne von jemandem behelligt zu werden. Die Idee gefiel ihr immer besser. Ihre Hände zitterten nicht mehr, als sie den Laptop aufklappte.
   Es gab noch genau einen Platz für den Nachmittagsflug nach Blennerville, dessen Flughafen etwa hundert Meilen von Pirates Cove entfernt war. Glück musste man haben.
   Ein paar Clicks und einen Einsatz der Kreditkarte später war der Flug gebucht. Tracy schrieb eine kurze Mail an den Vermieter, in der sie ihn über ihr früheres Erscheinen informierte. Nachdem sie auf Senden geklickt hatte, lehnte sie sich aufatmend zurück. »Lizzy, unser Urlaub kann beginnen!«

Tracy ließ die Seitenscheibe hinunter und genoss die frische Brise. Sie roch bereits das Salzaroma des nahen Meeres. Aus den Lautsprecherboxen erklang ein Song von Example, die Sonne schien, und sie war frei, konnte die nächsten Wochen machen, was sie wollte. Keine Termine, keine Verpflichtungen, keine ständigen Hotelwechsel.
   »Juhu!« Tracy hätte gern die Arme in die Luft geworfen. Sie hielt jedoch lieber das Lenkrad fest, denn die Serpentinenstraße war nicht ohne.
   Thin Lizzy, die den kurzen Flug in der Transportbox gut überstanden hatte, thronte angeschnallt auf dem Beifahrersitz. Ihr langes, normalerweise melancholisches Gesicht schien sich zu einem Grinsen zu verziehen. Ein Schild an der Straße wies auf einen Aussichtspunkt in vierhundert Metern hin. Tracy ließ es sich nicht nehmen, dort anzuhalten.
   »Wow, Thin Lizzy, sieh dir das an!« Sie genoss die Aussicht auf die Bucht, in die sich die Häuser von Pirates Cove schmiegten. Das Meer breitete sich wie ein tiefblauer Spiegel bis zum Horizont aus, von kleinen Schaumkronen betupft wie mit Sahnebaisers. Tracy musste einfach aussteigen, um das Bild in sich aufzunehmen. Sie bedauerte, dass ihr Fotoapparat tief im Koffer begraben lag, und tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie in den kommenden Wochen die Gelegenheit finden würde, für eine Fotosession hier heraufzufahren. Am besten zum Sonnenuntergang.
   Die Gegend sah wunderschön aus. Das direkt am Meer liegende Städtchen Pirates Cove war von Wald und Bergen umgeben. Tracy hatte im Internet jede Menge Bilder angesehen, aber es war völlig anders, selbst dort zu sein. So schön hatte sie es sich nicht vorgestellt.
   Jetzt musste nur noch das Ferienhaus ihren Vorstellungen entsprechen, und sie war wunschlos glücklich. Wunschlos …, nun ja. Vor ihrem inneren Auge tauchte das tote Huhn auf, die blutbeschmierte Tür. Und es gab die bedrohlichen Mails. Im Moment hatte Tracy das Gefühl, mit den Straßenschluchten und dem Lärm der Großstadt auch ihre Sorgen hinter sich gelassen zu haben. Hier, an diesem abgelegenen Ort, konnte nichts und niemand ihr etwas anhaben.
   Die Wegbeschreibung des Ferienhausvermieters war perfekt. Sie führte Tracy über die Hauptstraße von Pirates Cove, das auf den ersten Blick einen malerischen Eindruck machte, Richtung Küste. Da war es schon, das Ferienhaus mit dem klangvollen Namen Captains Cabin. Von außen sah es aus wie auf den Bildern der Internetanzeige. Ein holzvertäfeltes, zweigeschossiges Haus mit runden Fenstern, die sofort die Assoziation mit Bullaugen weckten. Ein Dachgarten, von dem man bestimmt das Meer sehen konnte. Tracy gurtete Thin Lizzy los und stieg aus. Sie fühlte sich wie ein Kind an Weihnachten, das es kaum erwarten kann, die Geschenke auszupacken. Nur dass ihr Geschenk dieses Ferienhäuschen war. Wie der Vermieter ihr in seiner Antwort auf ihre Mail mitgeteilt hatte, lag der Schlüssel unter der Fußmatte und drehte sich leicht und geräuschlos im Schloss. Tracy grinste zu Thin Lizzy hinunter, die zu ihr aufsah und zurückzugrinsen schien. »Dann wollen wir mal.«

Kapitel 2
Home, Sweet Home

Es gab Orte, an denen man sich sofort zu Hause fühlte, als wäre man angekommen. Orte, an denen man von einer eigenartigen Zufriedenheit erfüllt wurde, einer inneren Gelassenheit, gleichsam als wäre man der hektischen Welt für eine Weile entrückt, als befände man sich in einem Paralleluniversum der Ruhe und Entspannung.
   Dieses Gefühl verspürte Tracy, als sie Captains Cabin betrat. Das geräumige Wohnzimmer mit offener Küchenzeile war mit Panoramafenstern ausgestattet zwar modern, doch gleichzeitig anheimelnd eingerichtet. Auch an den von Tracy extra gewünschten Schreibtisch hatte der Vermieter gedacht.
   Das Sofa und der geblümte Sessel machten einen verführerisch bequemen Eindruck. Sie sah sich bereits manchen Abend gemütlich bei einem eisgekühlten Bier und einem spannenden Buch dort sitzen, nach einem produktiven Tag am Laptop oder der unterhaltsamen und hoffentlich ergiebigen Vorortrecherche.
   Unter den wachsamen Blicken ihres bubihaften Bodyguards.
   Von diesem Gedanken ließ sie sich nicht die Laune verderben. Sie nahm die Außentreppe auf die Dachterrasse, dicht gefolgt von Thin Lizzy. »Juhu. Good Evening, Pirates Cove«, rief sie und reckte die Arme in die Luft, da sie diesmal von keiner Serpentinenstraße daran gehindert wurde. Mit leuchtenden Augen sah sie auf das Meer hinaus. Ja, das war es. Sie konnte sich mühelos vorstellen, hier einige Monate zu verbringen. Die Aussicht auf die vor ihr liegenden, erlebnisreichen, freien Tage erfüllte sie mit einem aufgeregten Kribbeln, vom Scheitel bis zu den Fußsohlen. Sie liebte es, fremde Gegenden zu erkunden, neue Leute kennenzulernen und Geheimnisse zu ergründen. Vor ihr lag eine aufregende Zeit und sie wollte jede Sekunde davon genießen.

Tracy rekelte sich genüsslich in dem großzügig bemessenen Bett. Ausschlafen, nichts vorhaben, sich treiben lassen können – das Leben war herrlich. Thin Lizzy hatte sich wie üblich dicht neben dem Bett zusammengerollt und den Hundekorb verschmäht. Sie sprang auf und ließ ein erwartungsvolles »Wuff« erklingen.
   »Ja, gleich, nur noch ein Viertelstündchen.« Tracy streckte sich wohlig seufzend aus. Welch Luxus, sofort nach dem Aufwachen einen wundervollen Meerblick genießen zu dürfen. Der Tag fing vielversprechend an. Sie schmiedete voller Tatendrang Pläne. Zuerst würde sie eine Runde mit Thin Lizzy gehen und danach ausgiebig auf der Terrasse frühstücken. Doch halt … im Kühlschrank herrschte gähnende Leere, obwohl sie dem Vermieter zusammen mit der Ankündigung ihrer früheren Ankunft einen Wunschzettel mit Lebensmitteln gemailt hatte. Zum Glück war das Haus wenigstens frei. Nach einem kurzen Boom in den Siebzigern war das trotz seines wilden Namens beschauliche Pirates Cove kein Touristenmagnet mehr. Außer während des jährlichen Hummerfestes, das eine illustre Gästeschar anzog, verirrte sich kaum jemand in das Örtchen. Am Vorabend konnte nur Thin Lizzy dinieren, denn einen Notvorrat an Hundefutter hatte Tracy auf dem Weg vorsichtshalber gekauft. Tracy war ohne Abendessen ins Bett gegangen.
   Das rächte sich nun mit einem gefährlich knurrenden Magen. Tracy bereicherte die To-do-Liste sogleich mit dem Punkt Essenbeschaffung. Am besten verknüpfte sie die Gassirunde mit einem Spaziergang in die Stadt, um dort das Nötigste für ein Frühstück einzukaufen. Den Rest wollte sie später mit dem Auto erledigen. Zuerst war ein großer Cappuccino fällig, natürlich mit einer doppelten Portion Milchschaum. Tracys geliebte Espressomaschine stand unten auf dem Küchentresen und wartete auf ihren Einsatz.
   Nach einem bedauernden Blick auf die Eckbadewanne, die sich exzentrischerweise im Schlafzimmer befand und einen dekadenten Meerblick bot, hüpfte Tracy im Nachtgewand die Treppe hinunter. Ein ausgiebiges Bad wollte sie in aller Ruhe zelebrieren, wenn sie mehr Zeit hatte und der Genuss nicht durch nagenden Hunger getrübt wurde.
   In der Küche erwartete sie eine Überraschung. Ein fremder Mann inspizierte seelenruhig den Inhalt der Küchenschränke. Mit einem peinlichen, kieksigen Schreckenslaut sprang Tracy gefühlte zwei Meter senkrecht in die Luft. Natürlich war das erste, was ihr einfiel, der unbekannte Hass-Mail-Schreiber, der möglicherweise sogar identisch mit dem Hühner-über-Türen-Nagler war. Aber der würde kaum derart kaltblütig in ihr Ferienhaus spazieren und sich in der Küche umsehen … oder doch? Vielleicht suchte er eine Waffe. »He, was tun Sie da?«, rief Tracy forsch, um ihren Schrecken zu überspielen.
   Der junge Mann, denn er war sehr jung, wie Tracy feststellte, als er sich gelassen umdrehte, tat so, als hätte er ihr Erscheinen nun erst bemerkt. »Ach, hallo. Sie sind ja schon da.«
   Thin Lizzy lief zutraulich mit matt wedelndem Schwanz auf ihn zu. Na toll. Die würde auch einen Einbrecher lieb willkommen heißen. Wie ein Einbrecher sah der Typ allerdings nicht aus. Dagegen sprach außerdem, dass er sich völlig ungezwungen benahm, als kannte er sich in Captains Cabin bestens aus. Vermutlich hatte der Vermieter ihn beauftragt, nach dem Rechten zu sehen. Tracy entspannte sich. »Ja, das bin ich. Und mit wem hab ich das Vergnügen?«
   Der Junge, denn als solchen stufte Tracy ihn unwillkürlich ein, schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln. »Ich bin Sky. Hab Ihren Kühlschrank gefüttert. Willkommen in Pirates Cove.«
   Tracy schüttelte die ausgestreckte Hand und schloss aus seinen Worten, dass er tatsächlich im Auftrag des Vermieters da war.
   »Sorry, wollt Sie nich erschrecken. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie schon hier sind …« Statt den Satz zu beenden, zuckte er gleichgültig die Achseln.
   Tracy verzichtete darauf, ihn auf den vor dem Haus parkenden Leihwagen hinzuweisen. Immerhin hatte er den Kühlschrank gefüllt. »Ich bin Tracy«, sagte sie versöhnlich.
   Sky grinste. »Weiß ich. Treasure Hunt, die berühmte Autorin.« Er sagte das ohne jede Ehrfurcht, mit einem schalkhaften, ironischen Augenzwinkern und sah Thin Lizzy bewundernd an. »Cooler Hund. Greyhound, stimmt’s?«
   Tracy nickte und konnte nicht umhin, zu bemerken, dass er unverschämt gut aussah, auf eine exotische, leicht düstere Art, die zusammen mit seiner jugendlichen, gespielt gelangweilt-coolen Art eine unwiderstehliche Mischung ergab.
   »Wenn Sie noch was brauchen, oder ’ne Frage haben … hier ist meine Nummer.«
   Er kritzelte etwas auf einen Zettel und legte ihn auf den Küchentresen. Wo er nun schon Mal da war, wollte Tracy die Gelegenheit zur Recherche nicht ungenutzt verstreichen lassen. »Kommst du aus Pirates Cove?« Sie ließ sich auf einem der Hocker an der Küchentheke nieder. Erst dabei fiel ihr auf, dass sie noch ihren Schlafanzug trug, was ihr aber nichts ausmachte. War schließlich nichts sonderlich Freizügiges. Sky schien keinen Anstoß an der Aufmachung zu nehmen.
   »Nö. Bin nur diese Semesterferien hier«, gab er bereitwillig Auskunft.
   »Wie bist du ausgerechnet auf Pirates Cove gekommen?«
   Wieder zuckte er auf seine lässige Art die Achseln und lehnte sich an den Tresen. »Keine Ahnung. Hier is es ruhig, kaum Ablenkung vom Lernen und so. Die Kohle stimmt und viel zu tun is ja nich im Moment.« Er zögerte einen winzigen Augenblick. »Und Sie? Schreiben Sie Ihr nächstes Buch?«
   »Hm, ja. Aber nicht weitersagen, ist noch geheim.« Auch Tracy konnte schalkhaft zwinkern.
   »Ich hab Ihr Buch gelesen, das in Ägypten spielt, mit dem Forscher und so. Voll spannend. Da gibts doch bald ’n Film von, oder?«, sagte Sky begeistert und gab kurzzeitig die abgeklärt-coole Fassade auf.
   Tatsächlich war Das Geheimnis des blauen Sarkophags kürzlich verfilmt worden. Die Dreharbeiten waren mittlerweile abgeschlossen und das Werk würde in einigen Wochen in die Kinos kommen. Tracy hatte sich ausbedungen, dass sie sowohl am Drehbuch, als auch an der Endfassung des Filmes mitarbeiten durfte, ohne jedoch zu bedenken, was für ein Haufen Arbeit da auf sie zukam. Gleichzeitig schrieb sie an Königin der grünen Insel und musste sich sehr ins Zeug legen, um alles unter einen Hut zu bringen.
   Obwohl sie die anstrengende, oft konfliktgeladene, aber dennoch schöne Zeit mit der Filmcrew nicht missen wollte, war sie froh, wieder mehr Zeit für sich zu haben, und für den neuen Roman. Max war äußerst angetan davon, dass einer ihrer Romane verfilmt wurde. Nicht nur wegen der Zusatzeinnahmen aus dem Verkauf der Filmrechte, sondern auch, weil ein Film, egal, ob er letztendlich gut oder schlecht war, auf jeden Fall effektive Werbung darstellte und das Interesse an Tracys anderen Büchern wecken würde.
   Skys Interesse war offensichtlich geweckt. Tracy freute sich immer, wenn sie jemanden traf, dem ihre Romane gefielen. »Ja, stimmt. Mein nächster Roman wird übrigens hier in dieser Gegend spielen. Ich verrate dir schon mal, dass es um einen Piraten geht … aber pst, topsecret.«
   Sky riss die Augen auf. »Etwa um den berüchtigten Captain Blackheart?« Er nahm eine Pose ein, die er wohl für piratenhaft hielt.
   Tracy musste grinsen und wollte ihn fragen, was er von Captain Blackheart wusste, als die Tür wüst aufgestoßen wurde.
   Obwohl Gabriel Decker nach außen hin einen beherrschten Eindruck machte, erkannte Tracy sofort, dass es in ihm brodelte. Ja, Decker kochte geradezu vor Wut. Fast meinte sie, eine dünne Rauchfahne aus seinem Schädel quellen zu sehen. Wie es schien, hatte er irgendwie herausgefunden, dass sie hier war. Wie war er hergekommen? Die Flüge für die nächsten Tage waren ausgebucht, da in Blennerville ein Festival stattfand. Vermutlich stellte das kein wirkliches Hindernis für einen Ex-Navy SEAL dar. Er ließ den Blick sekundenschnell wachsam durch das Zimmer schweifen und richtete ihn dann auf Tracy, die sich so fühlte wie damals in der dritten Klasse, als die strenge Mrs. Klopstock sie beim heimlichen Lesen im Matheunterricht ertappt hatte.
   Diesmal wollte sie sich nicht so einschüchtern lassen wie bei der Besprechung im Verlagshaus. »Guten Morgen«, sagte sie höflich.
   »Morgen«, erwiderte Decker, etwas weniger höflich, und heftete seinen kritischen Blick auf Sky, der interessiert abwechselnd von ihm zu Tracy sah und vermutlich darüber nachdachte, in welcher Verbindung sie zueinanderstanden.
   Decker sah wieder Tracy an und zog die Augenbrauen hoch. Ihr wurde klar, was die Szene für einen Eindruck auf Decker machen musste. Sie, im Nachtgewand, dazu der Junge, der sich benahm, als wäre er hier zu Hause … Bestimmt glaubte Decker, sie hätte sofort engeren Kontakt zu den Einheimischen geknüpft. Doch ihr war egal, was er von ihr dachte. Sollte er sie doch für eine sexsüchtige Schlampe halten, die nichts anbrennen ließ. Der E-Mail-Schreiber hatte ihr diesen Titel schon mehrmals verpasst. Nicht sehr einfallsreich, wenn sie es recht bedachte.
   Sky schien zu spüren, dass Ärger in der Luft lag. »Tja … ich werd mal wieder. Ciao.«
   Tracy hätte ihm am liebsten »Du kannst gern noch bleiben« nachgerufen, um das unvermeidliche Donnerwetter hinauszuzögern. Die Tür fiel hinter Sky zu.
   »Ziehen Sie sich was an«, sagte Decker ruhig. Zu ruhig.
   »Ist das ein Befehl?«, fragte Tracy schnippisch. Decker sah sie schweigend an, und sie fühlte sich wie ein bockiger Teenager. Das gefiel ihr überhaupt nicht. Sie rutschte vom Thekenhocker und ging zur Tür. »Sie können ja schon Mal Kaffee machen. Einen großen Cappuccino mit viel Milchschaum, bitte«, rief sie Decker über die Schulter zu. Hatte sie es damit zu weit getrieben? Sie sah sich lieber nicht mehr um und flitzte die Außentreppe hinauf in ihr Schlafzimmer, um etwas Passendes anzuziehen.

*

Decker wurde aus dieser Person einfach nicht schlau. Während des Treffens im Verlag hatte er wie üblich versucht, sich einen ersten Eindruck von Tracy Hunter zu verschaffen. Zur Vorbereitung hatte er alles gelesen, was er über sie in die Finger bekam und kannte ihre Biografie. Eltern Archäologen, immer auf Reisen, einzige Tochter Tracy musste den nomadenhaften Lebensstil mitmachen, bei einem Unfall an einer Ausgrabungsstätte starben beide und die damals Vierzehnjährige lebte fortan bei der Großmutter. Studium Journalismus, Archäologie, Geschichte. Siebenundzwanzig Jahre alt, offiziell Single, aber Affären nicht abgeneigt, wie einschlägige Boulevardzeitungen zu berichten wussten. Wurde bei Recherchen zu ihrem letzten Roman in Irland häufig in Begleitung eines irischen Künstlers gesehen. Bisher fünf Bücher veröffentlicht, alles Bestseller, eines kürzlich verfilmt.
   Obwohl es an Material nicht mangelte – besonders die Regenbogenpresse berichtete regelmäßig von neuen Eskapaden der jungen Autorin und Abenteurerin, war es schwer, Privates über Tracy Hunter herauszufinden, das über die üblichen oberflächlichen und vermutlich medienwirksam übertriebenen Plattitüden und Halbwahrheiten hinausging. Etwas hatte Decker allerdings herausgefunden, und das gefiel ihm nicht. Hunter hielt sich nicht an Absprachen, war impulsiv bis zur Gedankenlosigkeit und von einem übermäßigen Freiheitsdrang beseelt. Das würde seinen Job nicht gerade einfach gestalten, aber hey, wer wollte schon einen einfachen Job.
   Decker lächelte grimmig und setzte die knallrote Espressomaschine in Gang. Als die junge Autorin am Vortag das Büro von Max betrat, hatte er gleich mit einer Mischung aus Erleichterung und ungewollter Enttäuschung festgestellt, dass sie rein optisch überhaupt nicht seinem Typ entsprach. Er bevorzugte amazonenhafte, durchtrainierte Frauen, sportlich, mit Kurven an den richtigen Stellen. Tracy war alles andere als kurvig. Ihre Figur konnte man nur als knabenhaft bezeichnen, und sie machte einen zierlich-zerbrechlichen Eindruck. Dazu die unsägliche Frisur, ein seltsames, verzwirbeltes Gewirr von kurzen Lockensträhnen in allen möglichen Rotschattierungen, als hätte sich ein Kind mit Fingerfarbe daran versucht.
   Ein spitzes Gesichtchen, das selbst bei wohlwollender Betrachtung nicht hübsch zu nennen war, und merkwürdig gelbbraune Augen. Die Frau besaß etwas irritierend Koboldhaftes, das zu ihrer Persönlichkeit gut zu passen schien, sprunghaft und unberechenbar, wie sie sich bisher gegeben hatte.
   Dass sich Decker müßigen Gedanken über Tracys Aussehen und der fehlenden Entsprechung zu seinem persönlichen Geschmack hingab, ließ deprimierende Rückschlüsse auf sein aktuelles, tatsächlich nicht vorhandenes Sexualleben zu, wie er sich eingestehen musste. Schon rein jobtechnisch war Tracy Hunter ohnehin tabu für ihn. Sex mit einer Kundin würde nur zu unnötigen Verwicklungen und Komplikationen führen, die eine korrekte Ausführung seiner Arbeit erschweren könnten.
   Decker stellte die Tassen auf den Tresen, einen stinknormalen schwarzen Kaffee und einen überkandidelten Cappuccino mit Schaumkrone, als Tracy ins Zimmer tänzelte. Obwohl sich Decker streng und dominant geben wollte, konnte er sich bei dem Anblick ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen. Stilgefühl war bei ihr offensichtlich noch weniger ausgeprägt als Disziplin und Zuverlässigkeit. Sie hatte den Schlafanzug gegen abgeschnittene Jeans und ein T-Shirt, das mit comicartigen Fantasiewesen bedruckt war, eingetauscht. Für ein Kindergartenkind bestimmt ein passendes Outfit. Der ausgemergelte Hund war ihr dicht auf den Fersen. Eigentlich mochte Decker Hunde, aber richtige Hunde, und nicht so eine Schicki-Micki-Modeerscheinung wie dieses Wesen. Allerdings hätte es schlimmer sein können, immerhin war der Hund vernünftig groß und nicht so ein Rattenviech wie Chihuahuas und dergleichen.
   Decker wartete, bis Tracy mit unverhohlenem Genuss einen Schluck von dem Schaumgebräu zu sich genommen hatte. »Mrs. Hunter, wenn ich einen Auftrag annehme, erledige ich ihn gut. Das bedarf eines Mindestmaßes an Kooperation Ihrerseits. Sollten Sie dazu nicht bereit sein, werde ich den Auftrag abgeben.«
   »Okay, gehts nicht noch hochgestochener?«, brummte Tracy. »Lernt man das bei den SEALs, so zu labern?«
   »Ich kann es auch anders ausdrücken: Wenn Sie nicht parieren, kann Ihr Chef sich nach einem neuen Personenschutzdienst umsehen.« Decker sagte das mit einem Lächeln, das Tracy erwiderte, allerdings sah es bei ihr eher wie ein grimmiges Zähnefletschen aus. »Dass es leichtsinnig und dumm war, aus Bridgeport zu verschwinden, muss ich Ihnen wohl nicht extra sagen.« Decker sah Tracy mit ernster Miene an. »Wir werden uns jetzt auf bestimmte Regeln einigen und uns beide daran halten. Da Ihnen Ihre Freiheit sehr wichtig ist, aber sicher nicht wichtiger als Ihr Leben, werde ich Sie so effizient wie möglich schützen und Ihnen dabei größtmöglichen Freiraum lassen.«
   Decker hatte das zwar nicht wirklich vor, beziehungsweise war ihm klar, dass zwischen den Definitionen von »Freiraum« für ihn und Tracy himmelweite Unterschiede bestanden, doch es machte keinen Sinn, die Frau von Beginn an gegen sich aufzubringen. Er wusste aus Erfahrung, dass jemand wie sie nur rebellisch und trotzig und dadurch schwerer steuerbar wurde. Seine Strategie sah vor, ihr zunächst die Illusion von Selbstbestimmtheit zu geben, obwohl natürlich er bestimmte, wo es lang ging. Er war Profi und beabsichtigte, den Job so gut zu machen, wie man es von ihm erwartete. Sogar besser.
   Während Decker knapp und präzise erklärte, wie er sich die nächsten Wochen vorstellte, wurden Tracys Augen immer größer und leicht glasig. Schließlich beendete Decker den Vortrag und sah sie abwartend an.
   »In Ordnung«, sagte sie überraschend zahm. »Da gibt es aber noch was, sozusagen eine kleine Bedingung, die ich stelle.«
   Nachdem das Gespräch, eigentlich eher der Monolog, bisher problemloser gelaufen war, als Decker befürchtet hatte, nickte er gnädig. »Na schön. Welche?« Allzu schlimm konnte es schon nicht werden. Er rechnete mit Extrawünschen, die strengen Besuchsregeln betreffend oder dergleichen.
   Tracy sah ihm fest in die Augen. »Heirate mich.«

*

Tracy frohlockte innerlich, weil sie es, wenn auch nur für Sekunden, geschafft hatte, die unerschütterliche, stoische Art des Ex-Navy SEAL zu durchbrechen. Für einen Moment machte er ein derart verblüfftes Gesicht, dass sie nur mühsam ein Lachen unterdrücken konnte. Er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle, aber Tracy reichte der kurze Augenblick schon. Also steckte hinter der Fassade eiserner Selbstbeherrschung doch ein richtiger Mensch und kein Roboter.
   Deckers bevormundende, überhebliche Art passte ihr nicht, und daher hatte sie es darauf angelegt, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Das ging leichter als gedacht. Außerdem war der Kerl so unglaublich förmlich und korrekt, der flehte geradezu nach ein bisschen Auflockerung. Außer, er war wirklich der humorlose, streng professionelle Stiesel, als der er bisher aufgetreten war, wovon Tracy nicht ausging. Dagegen sprachen die winzigen Lachfältchen um die hübschen grünen Augen. Auf Tracys Menschenkenntnis war im Allgemeinen Verlass.
   Tatsächlich grinste Decker, nachdem er sich gefasst hatte, und schien sich ein wenig zu entspannen. »Da ich nicht glaube, dass ich Sie so schnell dermaßen beeindrucken konnte, dass Sie mich ernsthaft als Ehemann in Erwägung ziehen … Verraten Sie mir, wie Sie das meinen?«
   Schlaues Kerlchen. Die hochgestochene Redeweise würde Tracy ihm schon austreiben. Möglicherweise versuchte er, sich durch diesen Stil einen Anstrich von Reife zu geben, um sein jugendliches Äußeres auszugleichen. Das war unnötig und wirkte aufgesetzt. Tracy wurde ebenfalls oft für wesentlich jünger gehalten, als sie war. Früher hatte sie sich darüber geärgert, mittlerweile störte es sie nicht mehr. Wer meinte, sie nicht für voll nehmen zu müssen, wurde in der Regel alsbald eines Besseren belehrt. Sie musterte Decker amüsiert. »Klar, gern. Ich mache meinen Job zufällig auch immer gut. Mein Job ist das Schreiben, ich bin hier, um für einen neuen Roman zu recherchieren. Die Anwesenheit eines Bodyguards würde das sehr erschweren.« O nein, offenbar war der gestelzte Sprachstil ansteckend. »Ich möchte das Vertrauen der Menschen gewinnen, sie sollen offen mit mir sprechen. Das geht schlecht, wenn jeder weiß, dass ich bedroht werde. So was macht den Leuten Angst. Die würden nichts mit mir zu tun haben wollen. Naja, einige zieht die Gefahr möglicherweise an, das dürfte allerdings die Minderheit sein. Also, langer Rede kurzer Sinn, wir tun so, als wären Sie mein Freund, mein Verlobter, mein Cousin oder was auch immer, aber auf keinen Fall mein Bodyguard.«
   »Kein Problem, Undercovermissionen sind meine Spezialität.« Decker zuckte nicht mit der Wimper.
   Aha, doch Spuren von Humor vorhanden. Tracy nickte zufrieden. »Gut, dann schlage ich vor, dass Sie meinen Freund darstellen. Wir müssen uns natürlich duzen. Ich bin Tracy.«
   Decker ergriff ihre ausgestreckte Hand. Wie ihr bereits bei Walthams aufgefallen war, hatte er einen warmen, festen, angenehmen Händedruck.
   »Gabriel. Für meine Freunde Gabe.«
   Oh, war das ein Augenzwinkern? Tracys Herz schlug ein wenig schneller. Ihr Typ war der Bubi zwar nicht, aber zugegeben sehr niedlich, wenn er auf diese freche Art grinste. Dazu das spitzbübische Funkeln in den Augen.
   »Gut, da wir das geklärt haben, machen wir am besten mit dem Briefing für heute weiter.«
   Ernüchtert hob Tracy die Schultern. Schade, sie hatte gerade begonnen, sich ein bisschen zu verknallen. »Äh … Briefing?«
   »Ja, der Plan, was Sie … du … heute vorhast.«
   »Ach so, die To-do-Liste. Nachdem ich die studentische Hilfskraft schon vor dem Frühstück vernascht habe, wollte ich jetzt eine Runde mit Thin Lizzy gehen und etwas Essbares einkaufen. Ich frühstücke auf der Terrasse, und danach können wir weiterbriefen, denn ein leerer Magen brieft nicht gern.«
   »… sagt Konfuzius«, murmelte Decker, grinste aber. »In Ordnung. Während du frühstückst, seh ich mir mal das Haus und die Umgebung an.«
   Thin Lizzy, die auf dem Sofa gedöst hatte, war bei der Erwähnung ihres Namens aufgesprungen und sah erwartungsvoll zu ihnen auf. Tracy leinte sie an. In einträchtiger Dreisamkeit verließen sie das Haus.
   Die frische, gute Meeresluft versetzte Tracy sofort in Hochstimmung. Sie atmete ein paar Mal tief und vernehmlich ein und aus. »Hach, toll. Ist das nicht schön hier?«
   Decker nickte knapp. Obwohl er äußerlich entspannt wirkte, entging Tracy nicht, dass seine Wachsamkeit keine Sekunde nachließ. Er scannte die Umgebung mit geübtem Blick und schien sich jedes Detail einzuprägen. Puh, das musste echt anstrengend sein. Tracy erfreute sich lieber am Anblick des Meeres und der Berge. Sie machte eine kurze Notiz auf ihrer mentalen To-do-Liste: Wanderkarte besorgen und Einheimische nach guten Wanderwegen befragen.
   Vielleicht war ein Bodyguard doch praktisch. Der könnte den Rucksack tragen. Ein breites Grinsen flog bei der Vorstellung, wie sie gämsenflink und unbelastet einen Berg hinaufhüpfte und Decker mit einem überdimensionalen Rucksack beladen hinter ihr herkeuchte, über ihr Gesicht. Aber das war natürlich Quatsch, denn für einen Navy SEAL war das sicher nicht der Rede wert. Wahrscheinlich würde sie es sein, die hinter ihm herkeuchte.
   Bald erreichten sie das Städtchen. Die wenigen Leute, die ihnen begegneten, grüßten freundlich. Was für ein angenehmer Kontrast zu Bridgeport, wo niemand gegrüßt hatte und alle gestresst und mit gehetztem Blick aneinander vorbeihasteten. Aus einem Tante-Emma-Laden duftete es verführerisch nach frischen Brötchen. Tracys Magen knurrte mittlerweile wie ein wütender Tiger. Kurzerhand beauftragte sie Decker damit, auf Thin Lizzy aufzupassen. Da er keine Einwände erhob, vermutete sie, dass er sowieso vorgehabt hatte, vor dem Haus Posten zu beziehen.
   Zu ihrer Freude stellte sie bei einem kurzen Rundgang durch den Supermarkt fest, dass es dort alles Lebenswichtige und noch einiges mehr zu kaufen gab. Natürlich im Vergleich zu den riesigen ungemütlichen Discountern zu leicht höheren Preisen, aber dafür war der Laden in der Nähe und bot, wie Tracy hoffte, zusätzliche Informationsmöglichkeiten. Die grauhaarige Frau hinter der Kasse machte den Eindruck, als wäre sie einem Tratschgespräch nicht abgeneigt. Tracy wusste aus Erfahrung, dass besonders Einkaufsläden wertvolle Informationsbörsen darstellten. Im Moment war sie allerdings zu hungrig für längere Gespräche. Sie nahm sich trotzdem die Zeit, der Kassiererin zu verraten, dass sie später für einen größeren Einkauf zurückkehren würde. Die Augen der Frau blitzten neugierig. »Ach, haben Sie hier ein Ferienhaus gemietet?«
   »Ja, Captains Cabin. Ich bin gestern angekommen. Die Gegend ist wunderschön, ich freue mich schon aufs Wandern.«
   »Captains Cabin, eine gute Wahl. Sie werden sich bestimmt bestens erholen. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich ruhig an mich. Ich verkaufe Wanderkarten und kann Ihnen gern einen Picknickkorb zusammenstellen.«
   »Danke, das ist nett. Auf das Angebot komme ich garantiert zurück.« Zufrieden verließ Tracy den Laden, vor dem ihre beiden Wachhunde geduldig warteten.

*

Er sah aus dem Fenster, ließ den Blick müßig über die gepflegte Rasenfläche vor dem Haus schweifen und runzelte die Stirn. Eine Stelle sah schlecht gemäht aus. Er würde den Gärtnern ordentlich die Leviten lesen. Er duldete keine Nachlässigkeiten. Weder bei sich noch bei anderen.
   Er holte sein Handy hervor und tippte eine Kurzwahlnummer ein. »Berichten Sie«, sagte er schroff, ohne eine Begrüßung, als sich jemand meldete. Eine Weile lauschte er schweigend. Ungehalten zog er die Brauen zusammen. »Was für ein Mann? Wir sind davon ausgegangen, dass sie allein kommt. Finden Sie heraus, wer das ist.«
   »Wird erledigt. Ist vermutlich nur einer von ihren Lovern. Sie ist bekannt für Affären«, erklang es beschwichtigend aus dem Hörer.
   »Finden Sie raus, wer das ist, und zwar zügig.« Vermutungen interessierten ihn nicht. Was zählte, waren Fakten. Er brauchte Fakten, um seine nächsten Schritte zu planen.

*

Zurück bei Captains Cabin fiel Tracys Blick das erste Mal auf das auffällige Auto, das hinter ihrem Leihwagen vor dem Haus parkte. Was war sie für ein Blindfisch. Oder abgelenkt von einer bestimmten Person? Mit geübtem Blick suchte sie den Wagen nach dem typischen Aufkleber einer Autovermietung ab, wurde jedoch nicht fündig. »Das ist kein Leihwagen. Bist du etwa die gesamte Strecke mit dem Auto gefahren?«
   »Die Flüge waren ausgebucht«, sagte Decker gleichmütig.
   Wie lange hatte er für die Tour gebraucht? Vermutlich die ganze Nacht. Kein Wunder, dass er mies drauf war. Tracy stellte sich vor, wie sich während der endlosen, langweiligen und einsamen Autofahrt Wut in ihm aufgestaut hatte. Wut auf sie, Tracy, die einfach ohne ein Wort aus Bridgeport verschwunden war. Wenn sie es recht bedachte, war er unter diesen Umständen noch gut gelaunt. Als SEAL lernte man bestimmt schnell, sich zu beherrschen. Warum er wohl nicht mehr bei der Navy war? Das würde sie schon bald herausfinden. Sie fand immer alles heraus, früher oder später.
   Vor Captains Cabin blieb Decker stehen. »Bis gleich.«
   Tracy zog die Augenbrauen hoch. »Willst du nicht mit frühstücken?«
   »Ich werde eine Kontrollrunde drehen. Warte im Haus auf mich.« Ohne ein weiteres Wort stapfte er davon.
   Tracy wechselte einen vielsagenden Blick mit Thin Lizzy. Keine schlaue Idee, die Sache mit der Autofahrt anzusprechen. Fettnäpfchen an Tracy, vielen Dank, dass du mal wieder in mich reingetreten bist.

Einen schaumigen Cappuccino und ein knuspriges Körnerbrötchen mit Hüttenkäse und Honig später befand sich Tracy erneut im Urlaubsmodus. Sie rief sich mit einem letzten Fitzel Pflichtbewusstsein ins Gedächtnis, dass sie nicht zum Faulenzen hier war. Naja, nicht nur … ein bisschen Erholung hatte sie nach den stressigen Monaten wirklich verdient. Thin Lizzy lag längst bequem auf dem Boden ausgestreckt und döste. Tracy nahm sich ein Beispiel an ihr und streckte sich im Liegestuhl aus. Der Greyhound machte seinem Ruf als »Sechzig-Meilen-pro-Stunde-Couchpotatoe« mal wieder alle Ehre. Wie herrlich, die Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren. Die Temperatur war genau richtig, angenehm warm mit einer leichten Brise, ohne die es bestimmt schnell zu heiß geworden wäre. Bestes Sommerwetter. Tracy schloss die Augen. Sie könnte eigentlich schon Mal darüber nachdenken, was sie als Nächstes unternehmen wollte. Eigentlich. Oder auch nicht. Es war schön, einfach nur entspannt dazuliegen.

*

Als Decker von der Erkundungstour zurückkam, fand er Tracy und Thin Lizzy tief schlafend auf der Terrasse. Die Pfoten des großen Hundes zuckten im Schlaf. Decker warf einen Blick auf Tracy und stellte amüsiert fest, dass es bei ihr die Nase war, die zuckte. Offenbar hatte sie seine Witterung aufgenommen, denn sie hob die Lider.
   »Oh, … schon fertig? Und, was entdeckt? Hat das Haus Gnade vor deinen strengen SEAL Augen gefunden?«
   Hatte sie überhaupt nicht geschlafen? Sie klang hellwach. Decker zog den zweiten Liegestuhl heran und nahm Platz. »Nein, hat es nicht. Viel zu viel Grünzeug. Zu viele Möglichkeiten, sich zu verstecken.«
   »Ich werde hier jedenfalls nicht wieder ausziehen.«
   Tracy sah wie ein trotziger Kobold aus. Decker seufzte innerlich. Mit dieser Reaktion hatte er natürlich gerechnet. »Ich habe Bewegungsmelder um das Haus herum installiert. Wenn sich jemand im Gebüsch versteckt, wird Alarm ausgelöst.«
   Sie verzog das Gesicht. »Nein, das geht auf keinen Fall.«
   Hatte er ernsthaft erwartet, dass die eigenwillige Frau damit zufrieden sein würde? Decker schwieg und sah sie abwartend an.
   »Wenn Thin Lizzy frei herumläuft, löst sie jedes Mal Alarm aus.«
   Auf den Einwand hatte Decker jedoch nur gewartet. »Ich habe mir die Freiheit genommen, an ihrem Halsband einen Sender zu befestigen, der den Bewegungsmelderalarm neutralisiert.«
   Tracy musterte ihn mit neuem Interesse. »Aha. Hast du das Zeug alles von einer Art Q? Bekomm ich auch einen Sender?«
   »Nein«
   »Nein? Aber dann löse ich doch auch jedes Mal Alarm aus.«
   »Du bekommst keinen Sender. Und du wirst nicht allein hier herumlaufen.«

*

Tracy war sprachlos, jedenfalls für einige Sekunden. Was bildete sich der Kerl ein? Sie setzte zum Protest an.
   Decker lehnte sich bequem zurück. »Hast du dich eigentlich mittlerweile mal bei deiner Lektorin gemeldet?«
   Huch. Mist. Cynthia. Tracy durchfuhr es siedend heiß. Sie hatte nicht nur die Verabredung am Vorabend völlig vergessen, sondern zudem verabsäumt, Cynthia Bescheid zu geben, dass sie schon früher nach Pirates Cove gereist war.
   So schnell es ging, erhob sie sich aus dem viel zu bequemen Liegestuhl und lief in ihr Schlafzimmer. Handy, Handy, wo war das Teil bloß? Tracy gehörte zu den rar gewordenen Menschen, die nicht ständig ein Handy mit sich herumschleppten. Sie fühlte sich von den Dingern eher belästigt, und der Gedanke, jederzeit erreichbar zu sein, erfüllte sie mit Unbehagen.
   Schließlich fand sie das ungeliebte Gerät in der Reisetasche zwischen der Unterwäsche. Tatsächlich: zweiundfünfzig Anrufe in Abwesenheit. Die meisten von Cynthia. Einige von Liam. Liam konnte warten.
   Kaum hatte Tracy die Nummer eingetippt ertönte Cynthias aufgebrachte Stimme aus dem Handy, das Tracy so weit wie möglich weg vom Ohr hielt. Als die Tirade beendet zu sein schien, zog Tracy den ausgestreckten Arm wieder ein. »Cyn? Es tut mir leid. Ich hätte dich schon früher angerufen, aber irgendwie war hier ein chaotisches Kuddelmuddel.«
   Aus dem Telefon erklang eine Art Schnauben.
   »Es tut mir wirklich, wirklich unglaublich leid«, sagte Tracy mit echter Reue. Cynthia hatte sich Sorgen gemacht und war zu Recht sauer. Warum passierte Tracy ständig so etwas? Sie stieß Menschen, die sie mochte, vor den Kopf, ohne es zu wollen.
   »Decker hat mir schon Bescheid gesagt.« Cynthias Stimme klang ein wenig milder. »Dein Glück, sonst hättest du jetzt die gesamte Bridgeporter Polizei auf den Fersen. Apropos Polizei, die war im Hotel. Frag mich nicht wie, aber ich konnte sie davon überzeugen, dass es reicht, wenn du deine Aussage schriftlich machst. Guck mal in dein Postfach. Das Hotelmanagement hab ich auch beruhigt. Ich wollte es eigentlich vom Vorschuss abziehen, doch du hast bei Max einen Stein im Brett. Noch. Treib es nicht zu weit, Trace.«
   »He, Moment mal, ich hab das Huhn da nicht hingenagelt!«
   »Du warst verschwunden, ohne jemandem etwas zu sagen. Was meinst du, was das für einen Eindruck gemacht hat? Der Manager hat gedacht, dass du, verrückte Autorin, die du bist, ein irres Voodooritual abgezogen hast.«
   Tracy konnte das Kichern nicht unterdrücken.
   »Trace, das war wirklich das letzte Mal, dass ich dir deinen Allerwertesten rette.«
   Zu Tracys Erleichterung klang Cynthias Stimme eher amüsiert als verärgert. Sie atmete auf. »Du bist ein Schatz, Cyn. Was würde ich ohne dich nur machen.« Das meinte sie einerseits völlig ernst, jedenfalls im Moment, andererseits wusste sie auch, wie gern Cynthia das hörte.
   »Tracy, das ist eine bedrohliche Sache. Die E-Mails waren ärgerlich, aber das ist noch eine Nummer schlimmer. Du siehst jetzt hoffentlich ein, wie wichtig ein Bodyguard ist.«
   »Ähm …« Tracy wollte Cynthia nicht sofort wieder verärgern und schwieg daher diplomatisch.
   »Gut«, sagte Cynthia zufrieden. »Ich habe eine Verabredung mit Mr. Farnsworth arrangiert. Näheres findest du in deinem Postfach. Du hast doch Internet da draußen?«
   Tracy nickte brav, obwohl Cynthia das nicht sehen konnte. »Ja, hab ich. Ich schau gleich nach. Danke, Cyn. Du bist die Beste.« Sie plauderten noch einige Minuten. Dann legte Tracy das Handy auf den Nachttisch und atmete tief durch. »Puh. Das wäre erledigt.«
   Ein Blick auf die Terrasse zeigte ihr, dass sich Decker mit gesegnetem Appetit über die restlichen Brötchen hermachte. Unbemerkt huschte sie die Treppe hinunter und warf ihren Laptop an. Eine Verabredung mit Farnsworth – das war ein guter Anfang.

Kapitel 3
Eine Legende zum Dinner

»Wir sollten deine Legende noch mal durchgehen.« Tracy lehnte sich bequem im Beifahrersitz zurück.
   Decker zog die Augenbrauen hoch, ohne den Blick von der Straße zu wenden. »Legende? Wo hast du das denn her?«
   »Na, das heißt doch so. Weiß doch jeder, Allgemeinbildung.«
   »Wenn du den Konsum schlechter Agentenfilme zur Allgemeinbildung zählst …«
   »Sei nicht immer so überheblich. Die Scheinidentität eines Agenten nennt man üblicherweise Legende, Punkt, aus. Und deine Legende lautet?« Tracy machte eine auffordernde Handbewegung.
   Deckers Mundwinkel kräuselten sich zu einem Schmunzeln. »Mein Name ist Gabe und ich bin der Freund einer gewissen Tracy Hunter. Wir kennen uns aus dem College, haben nach dem Abschluss den Kontakt verloren, uns über Facebook wiedergefunden und beschlossen, bei einem gemeinsamen Urlaub über gute alte Zeiten zu schwadronieren. Zufrieden?«
   »Hm, nicht übel.« Die Idee mit der Liebesbeziehung hatte Tracy schnell wieder verworfen. Alter platonischer Freund passte besser und ließ ihr mehr Optionen offen, obwohl sie keinen blassen Schimmer hatte, was genau das für Optionen sein sollten.
   Decker bog von der Straße ab und bremste vor einer herrschaftlichen Villa. Tracy setzte sich auf und starrte das Anwesen, denn als simples Haus konnte man die noble Behausung schlecht bezeichnen, neugierig an.
   »Als Besitzer einer Kleinstadtzeitung hat der gute Farnsworth es aber zu ganz schön was gebracht«, bemerkte Decker. Er spitzte die Lippen, als wollte er einen anerkennenden Pfiff ausstoßen.
   Tracy war in den Anblick des Gebäudes vertieft und machte sich im Geiste Notizen. »Er ist nicht nur Besitzer einer Kleinstadtzeitung. Er ist sozusagen der ungekrönte König von Pirates Cove. Die halbe Stadt gehört den Farnsworth.«
   Das war allerdings nicht der Grund, warum sie sich darüber freute, dass es Cynthia gelungen war, ihr eine Einladung zum Abendessen bei der Familie zu beschaffen. Die Farnsworth standen nämlich im unmittelbaren Zusammenhang zu Captain Blackheart. Da besagter Zusammenhang, nun ja, etwas delikat war, um es einmal milde auszudrücken, konnte sich Tracy vorstellen, dass ihr Vorhaben, ein Buch über die sagenumwobene Gestalt zu schreiben, nicht allein Freude bei Familie Farnsworth auslösen würde. Sie musste ihre diplomatischen Fähigkeiten spielen lassen.
   Beinahe erwartete sie, dass ein Butler sie in Empfang nehmen würde, aber nachdem sie geklingelt hatte, wurde die Eingangstür von Mr. Walter Farnsworth persönlich geöffnet, der sie charmant und freundlich begrüßte und hereinbat. Dem hochgewachsenen, schlanken Mann war anzusehen, dass er großen Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild legte. Tracy schätzte ihn sofort als den disziplinierten, ehrgeizigen Typen ein, der selbst im Alter ein tägliches Training absolvierte, um sich in Form zu halten. Der Erfolg gab ihm recht, denn obschon Farnsworth auf die fünfzig zuging, wirkte er attraktiv und sportlich, die Bewegungen dynamisch und jugendlich. Was bei Tracy die Alarmglocken läuten ließ, waren die Augen. Kalt und berechnend. Bei diesem Mann musste sie Vorsicht walten lassen, obwohl, oder gerade, weil er sich nett und umgänglich gab. Tracy hatte bereits mit der Sorte Mann zu tun gehabt. Farnsworth verfolgte seine Ziele rücksichtslos und tat nichts ohne Grund.
   »Endlich lerne ich Sie persönlich kennen, meine Liebe. Maggie hat all Ihre Romane verschlungen, und, das muss ich jetzt zugeben, ich ebenfalls, nachdem ich in einen aus purer Neugier hineingelesen habe.« Farnsworth zwinkerte Tracy zu. Er führte sie in ein teuer und stilvoll eingerichtetes Wohnzimmer.
   Teuer und stilvoll, das traf genauso auf seine Ehefrau zu, die sich mit einer elegant-fließenden Bewegung von einem Sofa erhob und ihnen entgegenkam. »Mrs. Hunter … und Mr. Decker. Wie schön, dass Sie so kurzfristig kommen konnten. Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen.«
   Obwohl die Worte freundlich klangen, wirkte Ava Farnsworth auf Tracy kühl und unnahbar. Das mochte zum Teil an ihrer nordisch-herben Schönheit liegen. Der Blick der hellen eisblauen Augen war durchdringend und forschend auf Tracy gerichtet.
   Tracy lächelte harmlos. »Vielen Dank für die Einladung.«
   »Leider ist heute der einzige freie Abend für die nächsten Wochen, darum konnte ich Ihrer, wie sagt man, Sekretärin, Lektorin, nur noch diesen Termin anbieten.« Ava Farnsworth unterzog Decker einer Musterung.
   Termin, das klang sehr geschäftsmäßig. Tracy war der kurze, giftige Seitenblick aufgefallen, den Ava ihrem Ehemann zugeworfen hatte. War sie etwa nicht begeistert davon, am freien Abend eine kleine Autorin bewirten zu müssen?
   Farnsworth ignorierte den Blick und schlenderte zur Hausbar. »Was darf ich Ihnen als Aperitif kredenzen?«
   »Für mich nichts, danke«, sagte Decker.
   Farnsworth zog die Augenbrauen hoch. »Natürlich, Sie müssen ja noch fahren. Und für Sie, Mrs. Hunter? Wie wäre es mit einem Aperol Spritzz?«
   »Gern. Vielen Dank.«
   Ziemlich steif standen sie herum und hielten Small Talk. Ava erkundigte sich nach Tracys Ferienhaus und Tracy überlegte, während sie antwortete, wie sie das Gespräch möglichst geschickt und vor allem möglichst bald auf Captain Blackheart lenken könnte.
   Bevor sie jedoch eine elegante Überleitung gefunden hatte, polterte eine junge Frau die Treppe hinunter. Sie war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Auch die Lippen wurden von einem schwarzen Lippenstift betont. Allerdings sah sie alles andere als depressiv oder melancholisch aus, im Gegenteil. Die Augen, von dem gleichen hellen Blau wie die ihrer Mutter, wirkten nicht kühl, sondern blitzten lebhaft und vergnügt und verrieten eine wache Intelligenz. »Oh, wow, Sie sehen noch viel cooler aus als auf den Buchumschlägen.«
   Tracy mochte sie auf Anhieb. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass sich Decker ein Grinsen verkniff. Sie selbst war weniger beherrscht und lachte laut auf. »Ach ja? Das nehme ich einfach mal als Kompliment.«
   Farnsworth warf seiner Tochter einen missbilligenden Blick zu, schwieg aber.
   Seine Frau zog missbilligend die Stirn kraus. »Margret, was ist denn das für ein Benehmen?«
   »Ups, sorry, Mum. Guten Abend, Mrs. Hunter. Freut mich sehr, Sie kennenzulernen.«
   Als Margret Tracy die Hand reichte, deutete sie sogar einen kleinen Knicks an, grinste dabei jedoch schalkhaft.
   »Mrs. Hunter, Mr. Decker, das ist unsere Tochter Margret. Übrigens ein sehr großer Treasure Hunt-Fan.« Farnsworth geruhte, die Vorstellung zu übernehmen, während Margret, jeder Zoll wohlerzogene Tochter, auch Decker die Hand gab.
   »Wo ist dein Bruder?«, fragte Ava mit einem scharfen Unterton.
   Margret hob lässig die Schulter. »Zocken.«
   Ihre Mutter zuckte gepeinigt zusammen, aber bevor sie Margret wieder maßregeln konnte, ertönte ein Gong. Offenbar das Zeichen, dass das Dinner bereit war. Kurz, nachdem der erste Gang serviert wurde, tauchte der zockende Bruder Alec auf. Er murmelte eine Entschuldigung, ohne jemanden anzusehen und schien auf seinem Stuhl unsichtbar werden zu wollen. Im Gegensatz zu Margret, die offensichtlich Gefallen an dem Besuch fand, zeigte sein blasses Gesicht, in das zerzauste blonde Haare fielen, einen leidenden Ausdruck, als wäre er zur Teilnahme an dem Abendessen regelrecht gezwungen worden und am liebsten woanders. Er schaufelte stumm Essen in sich hinein, ohne nach rechts oder links zu blicken. Seine Schüchternheit wurde von der neugierigen, offenen Art Margrets mehr als wettgemacht. Sie sprudelte geradezu über vor Fragen, wollte alles vom Filmdreh wissen und war sehr an dem Roman interessiert, für den Tracy in Pirates Cove recherchierte.
   »Captain Blackheart, schon klar, aber worüber genau werden Sie schreiben? Wird Urgroßmutter Grace die Hauptrolle spielen, wie Grainne O’Malley? Erzählen Sie aus ihrer Perspektive?«
   »Margret, nun reicht es aber. Lass unseren Gast auch mal essen«, sagte ihr Vater milde, doch der wohlwollende Blick ließ erkennen, dass ihm die aufgeschlossene Art seiner Tochter gefiel.
   »Ach, das ist in Ordnung.« Tracy wollte das von Margret gelieferte Stichwort sofort aufnehmen. »Im Moment bin ich in der Recherchephase. Es wird sich herausstellen, in welche Richtung der Roman gehen wird. Ich hoffe natürlich, dass Sie und Ihre Familie mir weiterhelfen können.« Noch mehr hoffte sie, dass die Familie dem Projekt überhaupt positiv gegenüber eingestellt war. Immerhin war die Urgroßmutter Grace Farnsworth mit einem Piraten durchgebrannt und hatte Ehemann und Kinder in Pirates Cove zurückgelassen. Zur damaligen Zeit war das ein großer Skandal gewesen. Tracy wusste nicht, wie die Familie Farnsworth zu der Sache stand, auch wenn sie schon siebzig Jahre zurücklag.
   Farnsworth warf ihr einen abschätzenden Blick zu. »Mrs. Hunter, ich will ehrlich zu Ihnen sein. Als Ihr Verlag mir mitteilte, dass Sie ein Buch über Blackheart planen, war mir das nicht recht. Ich wollte sofort einen Anwalt einschalten, um gegen Sie vorzugehen.«
   Tracy schluckte schwer. Davon hatten ihr weder Cynthia noch Max berichtet.
   »Dann habe ich Ihren neusten Roman gelesen und beobachtet, wie positiv er sich ausgewirkt hat. Wussten Sie eigentlich, dass sich seit dem Erscheinen von Königin der grünen Insel die Zahl der Irlandtouristen mehr als verdoppelt hat? Alle wollen die Schauplätze aus dem Buch besuchen.«
   Tracy erinnerte sich dunkel, dass Cynthia etwas in der Art erwähnt hatte. Es sollten angeblich bald spezielle Grainne-O’Malley-Reisen angeboten werden. Natürlich würde sich Walthams Books einen Anteil der Einnahmen sichern, wovon auch Tracy profitieren würde. Aber das war ferne Zukunftsmusik … oder doch nicht?
   Farnsworth schien jedenfalls beeindruckt zu sein. »Wie Sie bestimmt schon bemerkt haben, ist Pirates Cove ein verschlafenes Nest«, sagte er abfällig. »Es wird zu wenig in die Tourismusförderung investiert. Unser Bürgermeister setzt andere Prioritäten. Früher … ja, da kamen die Menschen hierher, da war Pirates Cove berühmt für hervorragende Fischgerichte, ein beliebtes Reiseziel für Gourmets. Leider hat sich das mit der Überfischung der Meere geändert. Die meisten Fische, die in den Restaurants serviert werden, kommen tiefgekühlt aus entfernten Teilen der Welt. Außerdem haben sich die Ansprüche der Touristen gewandelt. Es reicht ihnen nicht, am Meer zu entspannen und gut zu essen. Erlebnis-Tourismus heißt das Zauberwort. Wellness. Activity. Adventure.«
   Das waren schon vier Zauberworte, aber Tracy hielt den Mund und registrierte, wie sich ein gelangweilter Ausdruck auf Avas Gesicht breitmachte, während Margret und Alec eher peinlich berührt aussahen, wobei um Margrets Lippen ein amüsiertes Lächeln spielte. Decker verzehrte weiterhin mit Appetit sein Essen und schien der Unterhaltung nicht wirklich zu folgen. Farnsworth schwadronierte weiter über den Tourismus. Tracy begriff, dass er sich von einem Roman mit dem Thema Captain Blackheart erheblichen Aufschwung erhoffte. Die Besucher würden neugierig nach Pirates Cove strömen, wie zurzeit nach Irland. Er sah schon unendlich viele Möglichkeiten, wie man den ungeschriebenen Roman wirksam vermarkten konnte: spezielle Wandertouren, Themen-Hotels, Tour-Packages inklusive Piratenschatz-Suche und Romantik-Dinner am Strand unter Piratenflagge.
   »Und darum, meine liebe Mrs. Hunter, werden wir natürlich unser Möglichstes tun, Sie dabei zu unterstützen, wieder einen wundervollen Roman zu schreiben«, kam Farnsworth zum Schluss, als Tracy und vermutlich alle anderen am Tisch glaubten, der Monolog werde bis zum frühen Morgen weitergehen.
   Das war doch schon mal was. Tracy bedankte sich artig und wollte sich erkundigen, ob es Dokumente, Zeitzeugen oder dergleichen gab, aber Farnsworth hob bereits Aufmerksamkeit heischend die Hand.
   »Einer meiner Redakteure, Peter Merchant, hat letztes Jahr ein wenig in dieser Richtung recherchiert und wird Ihnen gern seine Aufzeichnungen und Funde zur Verfügung stellen. Ich war so frei und habe für morgen ein Treffen ausgemacht.«
   Tracy rang sich ein Lächeln ab. Sie bestimmte ihre Termine am liebsten selbst, aber sie wollte Farnsworth nicht vor den Kopf stoßen. Er hatte es vermutlich gut gemeint. Also bedankte sie sich ein weiteres Mal. Schweigsam verzehrten sie das Dessert, Mousse au Citron, ein luftig-leichter Genuss.
   »Wo befindet sich denn eigentlich der Cove, nach dem Pirates Cove benannt wurde?«, fragte Tracy, nachdem die Teller abgeräumt waren. Die Frage erschien ihr harmlos, doch alle starrten sie an, als hätte sie ein Tabu gebrochen. Die Reaktion erstaunte sie.
   Farnsworth brach das drückende Schweigen mit einem Räuspern. »Da muss ich Sie leider enttäuschen. Es existiert kein Cove hier. Wahrscheinlich hieß der Ort früher Pirates Cave. Irgendwann wurde durch einen Übertragungsfehler das a zum o. Höhlen gibt es nämlich viele an den Klippen.«
   »Ein Cove ist eine Gruppe von aufrecht stehenden Steinplatten, den Menhiren. Sie kommen in Steinkreisen vor. Du kennst doch sicher Stonehenge« erklärte Tracy, da Decker ein verwirrtes Gesicht machte.
   »Kann ich jetzt gehen?« Alec meldete sich das erste Mal zu Wort. Farnsworth warf ihm einen scharfen Blick zu. »Nachdem mein gnädiger Herr Sohn den ganzen Abend die Zähne nicht auseinanderbekommen hat, außer zum Essen natürlich, legt wohl niemand mehr besonderen Wert auf seine Anwesenheit.«
   Tracy fühlte, wie sich ihr Magen mitfühlend zusammenzog, als sie den Ausdruck in Alecs Gesicht sah, eine Mischung aus Resignation und Verletztheit. Mit einer abrupten Bewegung schob er den Stuhl zurück, stand auf und verließ ohne ein Wort das Esszimmer.
   »Gibt es denn noch Menschen hier, die Grace Farnsworth persönlich kannten? Oder könnte ich vielleicht mit weiteren Familienmitgliedern der Familie Kontakt aufnehmen?«, fragte Tracy, um das folgende peinliche Schweigen zu beenden.
   »Das wird alles Peter mit Ihnen besprechen. Wie wäre es mit einem Drink auf der Terrasse?«
   Eine Stunde später verabschiedeten sich Tracy und Gabriel von den Eheleuten Farnsworth, nach einem ausgezeichneten Sherry auf der Terrasse mit wundervoller Aussicht. Leider hatte Tracy das Gespräch nicht mehr erfolgreich zurück auf Grace lenken können, zumal sich die hilfreiche Margret nach dem Essen verzogen hatte, ohne bissigen Kommentar ihres Vaters diesmal. Stattdessen brillierte besonders Ava im Small Talk und langweilte Tracy damit fast zu Tode. Darum war sie froh, als sie endlich auf dem Weg zu Deckers Auto waren.
   Decker war schon wieder mit irgendetwas nicht einverstanden. Jedenfalls war seine Miene verkniffen bis grimmig. Vermutlich würde er bei der erstbesten Gelegenheit seinen Unmut äußern. Tracy freute sich darauf.
   Unter dem Scheibenwischer klemmte ein Kärtchen, und sie musste grinsen. Das war bestimmt eine Autohändler-Visitenkarte. Kein Wunder, bei der alten Karre.
   Decker hatte die Karte ebenfalls entdeckt und nahm sie an sich, während Tracy einstieg. Im Auto gab er sie allerdings gleich an Tracy weiter. »Für dich.«
   Das war definitiv keine Visitenkarte, nur ein weißes Stück Papier, auf dem in ordentlicher, leicht schnörkeliger Schönschrift »Liebe Tracy, es gibt einen Cove hier. Treffen Sie mich morgen Abend im freien Fall« stand.
   Auf dem Heimweg überlegte Tracy, laut natürlich, wer die Botschaft geschrieben hatte und worum es sich bei dem freien Fall handelte. Decker schwieg. Schließlich verlor sie die Geduld. »Raus mit der Sprache, was ist dir über die Leber gelaufen? Bist du sauer, weil ich dir erklärt habe, was ein Cove ist?«
   »Wie? Nein … natürlich nicht. Außerdem weiß ich, was das ist. Aber du hast einfach zugestimmt, hier eine Lesung zu halten. Das müssen wir vorher besprechen.«
   Aha, daher wehte der Wind. »Hätte ich etwa Nein sagen sollen? Der olle Farnsworth war hilfsbereiter als ich dachte, da konnte ich ihm diese Bitte kaum abschlagen. Oder hätte ich sagen sollen, tut mir leid, aber ich muss das erst mit meinem Bodyguard besprechen?«
   »Ja.«
   Decker schien nicht geneigt, weiter darüber zu diskutieren, also legten sie den Rest der Fahrt schweigend zurück. Das üppige Essen und, zugegeben, der viele Wein zum Essen, hatten Tracy außerdem sehr ermüdet, sodass sie aus einem Nickerchen aufschreckte, als Decker vor Captains Cabin bremste.
   Sie wollte aussteigen, doch Decker hielt sie mit einer knappen Geste zurück. »Warte.«
    Tracy beobachtete, wie er sich vorsichtig auf das Haus zu bewegte. Ihre Lider wurden schwer. Sie war fast eingeschlafen, als er ihr die Beifahrertür öffnete. Sie gähnte. »Und, ist die Luft rein? Alle Einbrecher dingfest gemacht?« Na gut, das war zwar nicht der originellste aller Scherze gewesen, aber Decker machte sich nicht Mal ansatzweise die Mühe, die Mundwinkel gen Norden zu bewegen.
   Im Haus wurde Tracy von einer verschlafenen Thin Lizzy begrüßt. Ihr fiel etwas ein. »Wo schläfst du eigentlich? Auf dem Sofa? Mist, wir hätten uns heute um Bettzeug kümmern müssen.«
   »Hätten wir nicht. Ich habe Ausrüstung dabei. Und ich werde auf der Terrasse nächtigen.«
   Nächtigen … klar.
   Die Ausrüstung bestand aus Isomatte und Schlafsack. Sah nicht wirklich bequem aus, sollte es vermutlich auch nicht sein. Tracy sparte sich jeden Kommentar.
   Nachdem sie sich in ihr schönes Bett gekuschelt hatte, Thin Lizzy daneben auf dem Boden ausgestreckt, ließ sie den ersten Tag mit Bodyguard Revue passieren. Nicht übel. Jedenfalls hätte es viel schlimmer laufen können.

Kapitel 4
Keine Marmelade unter der Dusche

Nach einem befriedigenden Schluss-Sprint joggte Decker in gemächlichem Cool-Down-Tempo zurück zu Captains Cabin. Er war im Morgengrauen aufgestanden. Tracy und Thin Lizzy hatten noch tief und fest geschlafen, wie er registriert hatte, als er ungeniert durch die großen Fenster in ihr Schlafzimmer spähte. Jetzt hörte er schon aus fünfzig Metern Entfernung Lärm aus dem Ferienhaus dringen, den er erst bei näherem Hinhören als Musik identifizieren konnte. Ihm blieb nur die Hoffnung, dass Tracys Musikgeschmack ebenso abwechslungsreich war wie ihre Kleidungsvorlieben. Zum Dinner bei den Farnsworth war sie zu seiner Überraschung sehr schick und passend gekleidet gegangen.
   Mit einem Tastendruck auf ein Handheld deaktivierte er die Lichtschranke um das Grundstück, die er vorsichtshalber eingeschaltet hatte, als er sich zur Laufrunde aufmachte, obwohl die Gefahr bestand, dass Tracy das Haus verließ, während er abwesend war. Aber sie saß im Wohnzimmer am Laptop und tippte eifrig. Aus der Stereoanlage dröhnten treibende Gitarrenriffs, untermalt von einer nölenden Stimme, die »Now I wanna be your dog« sang.
   Tracy schien völlig in ihre Schreiberei vertieft zu sein. Ihr roter Schopf wippte im Takt des Songs. Decker wollte sie nicht erschrecken, indem er sich bei dem Lärm anschlich, darum ging er zunächst zur Anlage und regelte die Lautstärke herunter.
   Tracy sah irritiert auf und wandte sich um. Ihre Wangen waren gerötet und die Augen glänzten. »Hi.«
   Ein Morgenmuffel war sie jedenfalls nicht. Decker zog die Augenbrauen hoch. »Hi. Iggy Pop?«
   »Hm. The Stooges.« Tracy strahlte. »Toll, was? Beim Schreiben hör ich am liebsten laute Musik. Hörst du so was auch gern?«
   »Ich steh eher auf Country Music«, sagte Decker neutral, was Tracy wohl für einen guten Witz hielt, denn sie prustete los.
   »Alles klar, der war nicht schlecht. Hey, ich mache mir gerade Notizen zu Familie Farnsworth. Was ist dein erster Eindruck von Walter?«
   »Scheint ein wenig besessen von den Tourismus-Plänen zu sein.«
   »Hm. Wenn wieder mehr Touristen nach Pirates Cove kommen, profitiert er davon. Ihm gehören einige Restaurants, er ist Mitinhaber der Bädergesellschaft und auf die Zeitung würde es sich ebenfalls positiv auswirken.«
   »Inwiefern? Mehr Leser?«
   »Mehr Leser, höhere Auflagen, mehr Anzeigenkunden … die Einnahmen durch Anzeigen sind für eine Tageszeitung sehr wichtig.«
   Decker wurde das Gefühl nicht los, dass sich noch etwas anderes hinter Farnsworth’ Engagement verbarg. Er musste herausfinden, ob der Kerl mit den Drohungen an Tracy zu tun hatte. Für ihn war zunächst jeder verdächtig, und Farnsworth traute er nicht. Darum hatte Farnsworth’ Bitte an Tracy, eine Lesung in der örtlichen Bibliothek zu halten, keine Begeisterung bei ihm ausgelöst. Irgendetwas steckte hinter der glatten Fassade, und er wollte wissen, was das war. Es fiel ihm schwer, zu glauben, dass Farnsworth ein Fan von Tracys Historienschinken war.
   »Heute frühstücken wir aber zusammen, oder? Dann können wir sofort das Briefing erledigen«, sagte die Schinken-Verfasserin mit einem Augenzwinkern und klappte ihren Laptop zu.
   Decker hatte nichts dagegen. »Bis gleich auf der Terrasse.« Er ging duschen.

*

Tracy belud rasch ein Tablett. Aus dem Badezimmer drang das Prasseln der Dusche, und sie stellte sich unwillkürlich vor, wie Decker seinen durchtrainierten Luxuskörper … Stopp! An dergleichen sollte sie lieber nicht denken. Erst recht nicht auf nüchternen Magen.
   Sie lenkte sich damit ab, dass sie Überlegungen zu Pirates Cove anstellte. Der auf den ersten Blick idyllische Ort zeigte beim näheren Hinschauen deutliche Anzeichen dafür, dass es der Gemeinde an Geld fehlte. Das fing bei provisorisch geflickten Straßen an und hörte bei leer stehenden, dem Verfall preisgegeben Häusern nicht auf. An den Ferienpensionen und Hotels hingen Schilder mit der Aufschrift »Zimmer frei.« Ladenlokale standen zu vermieten und die Auslagen der vorhandenen Geschäfte machten einen altbackenen Eindruck. Viele Häuser hätten einen frischen Anstrich nötig, einige auch mehr als das. In den Straßencafés und Bistros saßen nur vereinzelt Leute. Insgesamt wirkte der Ort nicht wie ein quirliger Ferienort, sondern ausgestorben. Tracy konnte diese Beobachtungen am Vortag bei einem längeren Spaziergang mit Thin Lizzy und Decker vertiefen. Das meiste waren Kleinigkeiten, die nicht sofort ins Auge fielen, doch zusammengenommen zeichnete sich ein deutliches Bild ab: Pirates Cove befand sich auf dem absteigenden Ast. Womöglich war es keine schlechte Idee, den Tourismus anzukurbeln.
   Wenig später saß Tracy mit einem frisch geduschten, zwar bekleideten, aber dennoch sehr ansehnlichen Decker am Frühstückstisch auf der Terrasse. »Heute Mittag treffe ich mich mit Peter Merchant vom Pirates Cove Tribune. Offenbar hat er nur eine Mittagspausenlänge Zeit für mich. Darum wollte ich danach noch in die Bibliothek. Da kannst du dir auch gleich mal ansehen, wie das mit der Lesung ist.«
   »In Ordnung«, sagte Decker friedlich und verteilte Orangenmarmelade auf seinem Toast.
   Aha, ein süßer Typ. Tracy hatte sofort wieder das Bild vom duschenden Decker vor Augen, nun mit dem Extra, dass sie die Orangenmarmelade … Stopp.
   »Und weiter?«
   »Äh, was?« Weiter? Die Marmelade unter der Dusche konnte er doch wohl nicht meinen. Tracy starrte ihn so entgeistert an, dass er grinsen musste.
   »Wie sieht es mit dem freien Fall aus?«
   »Ach so. Ja, also da hab ich Folgendes herausgefunden: Das Freier Fall ist eine Kneipe an einem Wasserfall. Ich vermute, dass Margret Farnsworth die Botschaft geschrieben hat. Sie hat das mit dem Cove mitbekommen und außerdem genug Zeit, den Zettel an die Windschutzscheibe zu pappen, während wir auf der Terrasse saßen.«
   »Dann könnte es auch Alec gewesen sein.«
   »Könnte schon, aber die Schrift sah weiblich aus.«
   »… sagte Sherlock Hunter, bevor sie Alec im Freier Fall begegnete.«
   Tracy erwiderte Deckers Grinsen. Nach seinem Rumgezicke vom Vorabend schien er an diesem Morgen wesentlich bessere Laune zu haben. Vielleicht hatte ihm einfach Bewegung gefehlt? Tracy machte sich eine mentale Notiz: Dafür sorgen, dass Decker immer genug Auslauf hat. »Das mit dem Cove war merkwürdig, oder? Ich meine, Farnsworth’ Reaktion. Der hat so geguckt, als hätte ich ihn nach der Kombination zu seinem Safe gefragt.«
   »Der Rest der Familie sah aber auch nicht entspannter aus.« Decker hob gleichmütig die Schultern. »Vermutlich existiert irgendein grausames Familiendrama, das sich bestimmt hervorragend in deinem neuen Roman verwursten lässt.«
   »Verwursten?« Tracy spielte die Empörte. »Jedenfalls werde ich weiter recherchieren, ob jeder der Meinung ist, dass es niemals einen Cove hier gegeben hat. In Irland gibt es ebenfalls viele Steinkreise, und manche Farmer haben die auseinandergenommen, um daraus Mäuerchen zu bauen.«
   »Wohl nicht sehr abergläubisch da …«
   »Vermutlich überwog der Verdruss, ständig um einen ollen Dolmen herumzuernten.«
   »Dolmen, Steinkreise, Menhire, Coves … interessant, aber was hat das mit Captain Blackheart zu tun?«
   Tracy war erstaunt, dass sich Decker für ihre Arbeit interessierte, und, wie sie sich eingestand, auch etwas geschmeichelt davon, dass ihr neues Buchprojekt seine Neugier wecken konnte. »Das weiß ich noch nicht. Allein der Name Pirates Cove … dahinter könnte sich eine spannende Geschichte verbergen.«
   »Oder eine simple Buchstabenverwechslung.«
   Tracy sah Decker an der übrigens sehr niedlichen, Nasenspitze an, dass er selbst daran zweifelte.
   »So, hast du die Liste fertig?«
   Er wechselte so abrupt das Thema, dass Tracy einen Moment nicht verstand, was er meinte. Dann fiel es ihr wieder ein. »Ich hab keine Feinde.«
   »Jeder hat Feinde. Wie ist es mit der Konkurrenz? Andere Schriftsteller? Da wird es sicher Neider geben.«
   »Nicht, dass ich wüsste.« Tracy kannte viele Autorenkolleginnen und –kollegen von gemeinsamen Lesungen, Buchmessen, Verlagsfesten, und sie traute niemandem von ihnen zu, ihr Drohmails zu schreiben, geschweige denn blutige Hühner anzunageln.
   »Was ist zum Beispiel mit dieser Kira Hellenbaum? Die schreibt doch auch so Abenteuer-Romantik-Romane. Kommt ihr euch da nicht ins Gehege?«
   Aha, Decker hatte seine Hausaufgaben gemacht. »Kira ist eine liebe Frau, wir haben uns auf einer Buchmesse getroffen und sogar über ein Gemeinschaftsprojekt nachgedacht«, erklärte Tracy.
   »Denk noch mal genau nach.« Decker sah sie ernst an. »Jede Kleinigkeit könnte wichtig sein. Vielleicht ist da jemand, den du verärgert hast, möglicherweise bei dem Filmdreh.«
   Tracy runzelte die Stirn. »Jetzt wo du es sagst. Da könnte es tatsächlich jemanden geben.«
   Tracy dachte mit einer Mischung aus Wehmut und Erleichterung an den Filmdreh zu Das Geheimnis des blauen Sarkophags zurück. Wehmut, weil sie viele Mitglieder der Filmcrew nach monatelanger, oft intensiver, Zusammenarbeit sehr schätzen gelernt hatte. Mit einigen verband sie nun sogar eine Freundschaft. Erleichterung, weil die Zusammenarbeit wahrlich nicht immer einfach gewesen war. Zickige Schauspielerinnen, deren angeblich zu kleine Rollen ihrem großen Ego nicht gerecht wurden und die ohne das richtige Mineralwasser ‚so nicht arbeiten’ konnten. Ihre männlichen Kollegen waren da im Übrigen auch nicht besser gewesen. Ein cholerischer Regisseur, dessen plötzliche Wutanfälle Tracy anfangs sehr irritiert hatten, bis sie merkte, dass er sich meistens genauso schnell wieder ab- wie aufregte. Hektische Regieassistenten und Make-up-Artists und wie sie alle hießen machten sich oft gegenseitig das Leben schwer.
   Zwischendurch konnte sich Tracy des Eindrucks nicht erwehren, dass sämtliche Menschen, die auch nur entfernt mit der Filmbranche zu tun hatten, hoffnungslose Egomanen waren. Trotzdem war sie eigentlich gut mit den Filmleuten ausgekommen. Nach Meinung einiger Klatschblätter mit dem männlichen Hauptdarsteller sogar mehr als gut. Ihnen war eine heiße Affäre angedichtet worden.
   »Tommy ist aber verheiratet und seine Frau war höllisch eifersüchtig, obwohl an den Gerüchten rein gar nichts dran war. Tommy und ich haben uns nur gut verstanden, und naja, wir sind ab und zu mal zusammen einen trinken gegangen und so was. Das haben wohl einige in den falschen Hals gekriegt«, sagte Tracy zum Abschluss ihres Kurzberichtes für Decker.
   »Wie drückte sich denn die Eifersucht der Dame aus?«
   »Och, das war nichts Dramatisches. Sie erschien am Drehort, stürzte sich kreischend auf mich und versuchte, mich zu beißen.« Tracy erwiderte Deckers irritierten Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.
   Er musterte sie, als versuchte er einzuschätzen, ob es die Wahrheit oder nur ein Scherz war. »Und als ich nach möglichen Feinden gefragt habe, ist dir das nicht sofort eingefallen. Passiert dir so etwas öfter oder woran liegts?«
   »Ich dachte, die Sache hat sich erledigt. Shirley, so heißt die Frau, war nämlich eigentlich ganz nett. Wir haben uns unterhalten, und ich bin davon ausgegangen, dass sie Tommy und mir geglaubt hat. Aber weil du doch gesagt hast, jede Kleinigkeit. Da ist mir die Episode wieder eingefallen.«
   »Gut, dann möchte ich, dass du Tommy anrufst und unauffällig nachfragst, ob Shirley vielleicht immer noch einen leichten Groll gegen dich hegt.«
   »Meine Güte, Decker. Kannst du nicht einfach sagen, ich soll Tommy fragen, ob Shirley noch sauer auf mich ist?«
   Decker sah Tracy ausdruckslos an. »Wo ist da der Unterschied?«
   Tracy schüttelte seufzend den Kopf. »Vergiss es. Ich werde jetzt einige Mails schreiben, und dann fahren wir zum Treffpunkt, ok?«
   Decker salutierte zackig und Tracy lief grinsend die Treppe hinunter, um sich ein paar Stunden ihrem Laptop zu widmen. Als Hintergrundmusik wählte sie zwar kein Country, aber immerhin die gefällige Popmusik von Coldplay.

Da es nicht weit zum Treffpunkt, einem Imbiss, war, legten Tracy und ihre Wachhunde die Strecke zu Fuß zurück. Tracy erkannte Peter Merchant auf den ersten Blick. Er hatte sich als ‚unauffälligen Durchschnittstypen mit Brille’ beschrieben, und das war keine Untertreibung. Trotz der treffenden Beschreibung hielt er zur Vorsicht, wie abgesprochen, ein Exemplar des Pirates Cove Tribune in der Hand. Die Brille stellte sich als riesiges Ungetüm mit dickem schwarzen Gestell heraus, eine Nerd-Brille, wie sie in Mode war. Nach einer allgemeinen kurzen Vorstellrunde, bei der Tracy auch Thin Lizzy nicht ausließ, setzten sie sich an eine der Tisch-Bank-Kombinationen.
   »Sie recherchieren also für ein Buch und suchen Material über Captain Blackheart.« Merchant kam gleich zur Sache.
   »Nicht nur über Blackheart. Es geht mir außerdem um die Verbindung zur Familie Farnsworth.«
   »Mein Chef hat mich vor Monaten damit beauftragt, eine neue Infobroschüre für Pirates Cove zu erstellen. Im Vorfeld habe ich einiges über Blackheart zusammengetragen, und natürlich auch über die Romanze mit Grace Farnsworth. Diese Unterlagen kann ich Ihnen gern zur Verfügung stellen.«
   »Toll, danke. Wann brauchen Sie die Sachen wieder?« Tracy überhörte Merchants Anspielung, dass es ihr vor allem auf die Romanze ankam. Wie kam er wohl darauf? Weil sie eine Frau war oder weil er der Meinung war, das passte zu ihren bisherigen Romanen? Ganz unrecht hatte er da nicht. Jedenfalls winkte er nun ab.
   »Die können Sie ruhig ein paar Wochen behalten.«
   Seltsam, da schien das Projekt Broschüre offenbar keine Priorität bei ihm zu haben. Ob Farnsworth das bekannt war? Aber das sollte Tracy egal sein, Hauptsache sie bekam das Zeug. Merchant konnte sie leider nicht näher auf den Zahn fühlen, da er es eilig hatte, sich zu verabschieden, nachdem er versprochen hatte, die Unterlagen an Captains Cabin zu schicken. Er musste vermutlich noch eine ganze Menge hochinteressante Artikel schreiben. Tracy nahm sich vor, bald einen Blick in den Tribune zu werfen. Bisher war sie nicht dazu gekommen, obwohl die Zeitung morgens im Briefkasten gelegen hatte.
   Nach einem kurzen Imbiss, bestehend aus Burgern und Pommes, zogen Tracy, Decker und Thin Lizzy weiter zur Bibliothek.
   »Was hat es mit der Romanze auf sich?«, erkundigte sich Decker, während er wie üblich aufmerksam die Umgebung scannte.
   »Grace Farnsworth, einzige Tochter des Zeitungsbesitzers Thomas O’Leary, heiratete den zwanzig Jahre älteren Walter Farnsworth. Einige Jahre später lernte sie William Blackheart kennen. Und lieben offenbar, denn sie brannte mit ihm durch und ließ Ehemann Walter und Sohn Walter jr. zurück.«
   »Lebt von denen noch einer?«
   »Walter jr. lebt glaube ich noch. Obwohl es mich wundert, dass Farnsworth seinen Vater gestern nicht erwähnt hat. Andererseits wollte er überhaupt nicht über die Familie reden, sondern nur über Tourismus. Ich bin gespannt auf die Unterlagen von Merchant, vielleicht findet sich da etwas Interessantes.«
   Die Bibliothek war ein unscheinbares Gebäude. Thin Lizzy musste leider draußen warten. Tracy steuerte auf den Tisch zu, an dem die ausgeliehenen und zurückgegebenen Bücher registriert wurden und hinter dem eine Büchereimitarbeiterin gerade am Computer arbeitete. Auch sie trug eine Nerd-Brille, was Tracy zu der Überlegung veranlasste, ob das Tragen dieser Dinger in Pirates Cove womöglich kein modisches Statement war, sondern die traurige Folge eines ortsansässigen Optikers mit stark eingeschränkter Auswahl. »Hallo, mein Name ist Tracy Hunter, ich möchte gern einen Leihausweis beantragen.«
   Der Kopf der Mitarbeiterin ruckte hoch und ihre Augen weiteten sich ungläubig. »Tracy Hunter? Treasure Hunt?”
   Tracy nickte.
   Ein begeistertes Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Oh, also, das ist ja toll. Ich weiß gar nicht, also, ich hab alle Ihre Romane gelesen. Die sind so toll.«
   »Danke.« Tracy lächelte verlegen. »Schön, dass sie Ihnen gefallen.«
   Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Decker wieder sein Pokerface aufgesetzt hatte, aber sie erkannte am leichten Zucken der Mundwinkel, dass ihn die Szene amüsierte. Fortwährend strahlend bereitete die Büchereikraft den Leihausweis vor und warf wiederholt Blicke auf Tracy, als könnte sie nicht glauben, dass diese leibhaftig vor ihr stand.
   »Ich seh mich ein wenig hier um«, flüsterte Decker ihr zu und verschwand zwischen den Regalen.
   Tracy hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass Leute sie erkannten. Gut, bei Menschen, die beruflich mit Büchern zu tun hatten, rechnete sie schon eher damit, aber sie war in letzter Zeit auch des Öfteren auf der Straße angesprochen worden. Wahrscheinlich, weil gerade sehr viel für das neue Buch und vor allem den Film geworben wurde. Ihr Gesicht war eine Zeit lang häufig in den Medien aufgetaucht. Darum vermutete sie, dass es sich bei dem E-Mail-Schreiber um einen Fremden handelte, der sie nicht persönlich, sondern nur aus dem Fernsehen oder der Zeitung kannte. Decker schien dagegen die Theorie zu vertreten, dass er aus ihrem Bekanntenkreis kam.
   Während sie auf die Fertigstellung des Ausweises wartete, betrachtete Tracy die Büchereifachkraft. Sie war eine zierliche, junge Frau von asiatischem Aussehen, mit Porzellanteint und dunklem Haar, das sie hochgesteckt und mit Blüten verziert hatte. Die dick gerahmte Brille unterstrich die Zartheit der Gesichtszüge. Obwohl sie Jeans und T-Shirt trug, wirkte sie in der tristen Umgebung der altmodischen Bücherei wie ein exotischer Paradiesvogel. Sie war Tracy auf Anhieb sympathisch. Natürlich nicht, weil sie ihre Bücher mochte. Nicht nur, jedenfalls. Tracy grinste sie an. »In nächster Zeit werden Sie mich wohl öfter ertragen müssen, ich recherchiere gerade für einen neuen Roman. Gibt es hier eine Abteilung für Stadthistorie?«
   Die schmalen Augen der jungen Frau wurden groß. »Oh, der Wahnsinn. Ich meine, klar. Entschuldigung. Ich führ mich auf wie eine Idiotin. Mein Name ist übrigens Undine, und wenn ich bei der Recherche was helfen kann, liebend gern.«
   Sie gaben sich die Hand.
   »Meine Chefin ist gerade im Urlaub. Solange, naja, solange bin ich quasi die Chefin. Wir haben noch einige Aushilfskräfte, Hausfrauen und Studenten … aber das interessiert Sie bestimmt gar nicht. Es gibt hier ein paar Regale mit Schriften über Pirates Cove, und ein Zeitungsarchiv vom Tribune. In Papierform leider nur, nicht auf Mikrofiche. Wenn Sie mir sagen, worum es Ihnen geht, kann ich was raussuchen.«
   Während Undine sie nun durch die Bibliothek führte, erklärte Tracy, dass sie sich erst am Anfang der Recherchephase befand und noch nicht genau wusste, wonach sie suchte. Sie verriet Undine, dass es in dem geplanten Roman um Grace Farnsworth und Captain Blackheart gehen würde. Undines dunkle Augen leuchteten schwärmerisch auf. »Oh, verbotene Liebe, Geheimnisse, Romantik … das wird sicher ein toller Roman.«
   »Kommen Sie eigentlich gebürtig aus Pirates Cove?«
   »Nein, ich hab mich nach dem Studium letztes Jahr auf eine freie Stelle in dieser Bücherei beworben und tja, jetzt arbeite ich hier. Aber ich hab natürlich von Captain Blackheart gehört. Wer hat das nicht in Pirates Cove. Zu Lebzeiten von Blackheart war die große Zeit der Piraten allerdings schon vorbei. Hier ist ein interessantes Werk zu dem Thema.«
   Undine zog mit sicherem Griff ein Buch aus dem Regal, dessen Umschlag wenig originell ein typisches Piratenschiff zeigte, natürlich mit Totenkopfflagge. Der Titel dagegen lautete trocken und sperrig Piraterie und Freibeuterwesen vom 15. bis 19. Jahrhundert – Entstehung und Transformation einer gesellschaftlichen Randbewegung.
   Tracy nahm gleich noch ein paar andere Bücher zum Thema mit, obwohl sie sich bei den Recherchen für ihr letztes Buch schon damit befasst hatte. Auch ein schmales Bändchen über die Geschichte von Pirates Cove wählte sie aus. »Ach ja, wo ist denn eigentlich der Cove?«, fragte sie beiläufig auf dem Weg zurück zum Ausleihtisch.
   Undine hob bedauernd die Schultern. »Tut mir leid, das weiß ich nicht. Aber in diesem Buch wird die Theorie vertreten, dass es keinen Cove gegeben hat und der Ortsname durch einen Schreibfehler im Wort »Cave« entstanden ist. Höhlen gibt es hier nämlich einige. Früher waren die zahlreichen, von Land aus nicht zugänglichen Höhlen beliebte Verstecke für Piratenbeute.«
   Decker hatte sich ihnen mittlerweile angeschlossen und warf einen Blick auf die Bücher, die Tracy gerade auf dem Tisch stapelte. »Entstehung und Transformation … hört sich ja hochinteressant an.«
   Undine strahlte ihn unschuldig an. »Ja, nicht wahr? Dieser Titel macht schon richtig neugierig.«
   Tracy bemühte sich, nicht loszuprusten. Offenbar hatte Undine Humor. Sie freute sich darauf, mit ihr zusammen nach weiterem Material zu stöbern.

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