Sarah Walter steht wieder einmal vor den Scherben einer gescheiterten Beziehung und ihre Karriere als Modedesignerin will auch nicht so recht vorankommen. Um ein paar Tage ausspannen zu können, nimmt sie daher erleichtert die Einladung ihrer Großtante an. Auf deren Speicher stößt sie auf die Hinterlassenschaft einer Vorfahrin, die zu Lebzeiten eine kleine Berühmtheit war. Antonia Walter, Sozialistin und Suffragette, verbrachte fast zwanzig Jahre im zaristischen Russland. Sarah kannte sie bisher nur als Verfasserin eines politischen Buches. Nun entdeckt sie Hinweise, dass ihre Vorfahrin unter den Folgen einer verbotenen Liebe litt. Neugierig fliegt sie nach Russland, um nach weiteren Spuren zu suchen. So wird Sarah in ein Abenteuer verstrickt, das sie mit ihrer ersten Jugendliebe zusammenführt und sie die Tiefen echter Leidenschaft entdecken lässt.

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ISBN: 978-9963-53-593-4

Seiten: 482

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Tereza Vanek

Tereza Vanek wurde in Prag geboren, wuchs in München auf und ist seit 2007 veröffentlichte Autorin. Den Traum vom Schreiben hatte sie schon mit 14, doch musste sehr viel Zeit vergehen, bis er wahr wurde. Vorher studierte sie Anglistik, Romanistik und Slawistik, lebte einige Zeit im Ausland und suchte nach dem richtigen Beruf. Der Drang, Romane zu schreiben, kristallisierte sich bald schon als wesentliches Lebensziel heraus, sodass sie sich ernsthaft um eine Veröffentlichung zu bemühen begann. Nach dem Erstling „Schwarze Seide“ erschien jährlich ein weiterer Roman aus dem historischen Genre. Ihr besonderes Interesse beim Schreiben gilt historischen Ereignissen, ungewöhnlichen Frauengestalten und der Begegnung von Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. Ansonsten wohnt sie wieder in München mit Mann, vier Katzen und fünf Papageien.

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Leseprobe

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Antonia Walters Tagebuch
19. Mai 1904

Als ich aus dem Zug stieg, atmete ich sommerliche Wärme ein und staunte über die Pracht des Bahnhofsgebäudes, seine hohen Hallen, Stuckwände und Glasfenster, die an einen von Menschenmassen überrannten Palast erinnerten. Onkel Theodor hatte mich noch am letzten Abend vor meiner Abreise daran erinnert, dass ich in ein barbarisches Land des ewigen Frostes unterwegs war. Nun schwitzte ich fast in meiner hochgeschlossenen Bluse, genoss für einen Moment die von einem auf dem gegenüberliegenden Gleis abfahrenden Zug aufgewühlte Luft, die durch meine zerknitterte Frisur fuhr.
   »So, jetzt sind wir am Ziel. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Fräulein Walter«, sagte der grauhaarige Anwalt aus Regensburg, der seine in Russland verheiratete Tochter besuchte, und reichte mir meinen Koffer, den er höflicherweise für mich aus dem Zug getragen hatte. »Sie werden hier sicher viele aufregende Dinge erleben«, fügte er mit einer höflichen Neigung des Kopfes hinzu.
   Ich fragte mich, was er sich unter aufregenden Erlebnissen für mich vorstellte, aber meine Aufmerksamkeit wurde sogleich von anderen Dingen beansprucht. Ein breitschultriger Mann in einem weißen übergroßen Hemd und einem Bart, der bis zu seinem Gürtel hinabhing, verkaufte Teigtaschen, deren Geruch meinen Magen zum Knurren brachte. Während meiner Reise hatte ich mich hauptsächlich von Brötchen und Kaffee ernährt. Ein Stück neben mir wartete eine in Seide und Spitze gehüllte Dame, auf deren Hut sich die Federn wie Schilf im Wind bewegten, bis ihre etwa zehn Koffer abgeladen waren. Livrierte Diener trugen sie im Gänsemarsch fort, während ein Herr im Frack der Dame seinen Arm anbot. Französische Worte drangen an mein Ohr, und ich erinnerte mich an die Aussage des Anwalts, dass russischer Adel kaum russisch sprach.
   Von hinten rempelte mich eine rundliche Frau mit einem verschlissenen Strohhut an, während sie eine unübersichtliche Schar von Kindern vorwärtstrieb. Die aus ihrem Mund rollenden Worte machten mir endgültig klar, dass ich mich in einem Land befand, dessen geläufigste Sprache mir völlig fremd war. Ich zerrte meinen Koffer weiter, dessen Griff in meine Handfläche zu schneiden begann, und ließ meinen Blick durch die Menge schweifen. Jemand musste hier sein, um mich abzuholen, doch wusste ich nicht, nach wem ich suchen sollte.
   Ich lehnte mich gegen eine Wand und ließ Menschen an mir vorbeilaufen, plappernde Familien, Militärs in Uniform, ältere Damen, die Schoßhunde auf dem Arm trugen. Ihre Stimmen vereinigten sich zu einem Surren, Zischen und Fauchen. Entschlossen, keinesfalls die Nerven zu verlieren, kramte ich den letzten Brief des Fürsten Wolgorin, in dem mir bestätigt worden war, dass er sich von allen Bewerberinnen für mich entschieden hatte, aus meinem Ridikül. Meine Zugfahrkarte hatte ich in demselben Umschlag vorgefunden, aber leider keinen einzigen Hinweis, wer mich am Bahnhof erwarten würde. Die Wolgorins besaßen eine Fotografie von mir, versuchte ich, mich zu beruhigen, doch diese war leider schon ein paar Jahre alt. Der Fotograf hatte mehr Wert darauf gelegt, mich als verträumte Schönheit mit Knospenmund abzulichten, denn mein gewöhnliches Aussehen einzufangen.
   Ob ich meinen Namen rufen sollte? Damen schreien nicht herum, mahnte die Stimme von Tante Elsa in meinem Kopf. Ganz besonders nicht in Russland, das doch in so vieler Hinsicht rückständig war, fügte Onkel Theodor hinzu. Im Geiste verfluchte ich sie beide, weil sie vermutlich recht hatten, aber ich konnte auch nicht den Rest des Tages damit zubringen, hier wie ein vergessenes Gepäckstück herumzustehen.
   Entschlossen schob ich mich wieder in die Menge. Ein junger Mann in leicht verschlissener Kleidung, dessen Kappe schräg auf seinem Kopf saß, grinste mich breit an. Für einen winzigen Moment schöpfte ich Hoffnung und sah ihm erwartungsvoll ins Gesicht. Sogleich stand er an meiner Seite, hatte meinen Arm ergriffen, wobei er unverständliche Worte murmelte. Ob er ein Diener der Wolgorins war oder meine Lage völlig missverstand, vermochte ich nicht zu erkennen. Er zerrte mich näher an sich heran, und als er wieder zu reden begann, wehte mir Schnapsgeruch entgegen. Ich versuchte, mich loszureißen, aber sein Griff blieb hartnäckig, während er weiter auf mich einredete.
   »Was erlauben Sie sich?«, rief ich in meiner allerbesten Gouvernantenstimme, doch machte das wenig Eindruck auf ihn, zumal er sicher kein Wort Deutsch verstand. Ich wusste von meiner Tante, wie viele vornehme Damen es zu meinen Ungunsten auslegen würden, dass ich überhaupt in eine solche Lage geraten war. Zu meinem Entsetzen schossen mir Tränen in die Augen, doch ich riss mich entschlossenen los.
   Er war mit ein paar Schritten wieder an meiner Seite und packte mich an der Schulter. Seine Stimme klang weiterhin freundlich, während er mir nochmals seinen Schnapsatem ins Gesicht blies.
   »Ich verstehe Sie leider nicht«, versuchte ich ihm verzweifelt auf Deutsch klarzumachen. Er grinste breit, als wäre er stolz auf seine gelben Zahnstummel. Mit der linken Hand grub er in seiner Hosentasche herum und zog ein paar Münzen heraus, die er mir entgegenhielt. Ich versteinerte in der Ahnung, was er mir gerade vorschlagen wollte, doch da wies er mit dem Kopf auf den Mann, der die Teigtaschen verkaufte. Ich atmete auf.
   »Vielen Dank, aber ich habe keinen Hunger«, log ich nochmals auf Deutsch, denn es schien mir sinnvoller, als gar nichts zu sagen. Anstatt mich weiter zu wehren, ließ ich zu, dass er mich zu dem Straßenverkäufer zerrte, einfach aus Angst, durch lauten Protest zu viel Aufmerksamkeit auf meine Lage zu ziehen.
   Plötzlich wurde mein Entführer selbst zum Opfer eines Übergriffs. Ein Herr in grauem Anzug legte eine Hand auf den Arm, der mich festhielt, und sprach auf ruhige, freundliche Weise ein paar russische Worte, die eine Art Zauberspruch sein mussten. Plötzlich war ich frei. Der junge Mann mit der Kappe zuckte nur mit den Schultern, dann war er auch schon in der Menge verschwunden.
   Erleichtert und gleichzeitig leicht beschämt sah ich meinen Retter an. Sein schmales, kluges Gesicht ließ mich an einen Künstler oder Philosophen denken, doch hatte er die hohe, aufrechte Gestalt eines Militärs. Graue Augen musterten mich, und an den Schläfen hatte das hellbraune Haar bereits eine ähnliche Farbe angenommen. Tante Elsas Worte erklangen in meinem Kopf: Junge, allein reisende Damen müssen stets auf der Hut sein, dürfen niemals Fremden vertrauen. Dennoch fühlte ich, wie meine Verspannung nachließ.
   »Sie sind Deutsche, nicht wahr?«, fragte er mit einer leichten Verbeugung.
   Wieder spürte ich Nässe in meinen Augen, doch diesmal drohten sie vor Erleichterung überzulaufen. Niemals in meinem Leben war ich so froh gewesen, meine Muttersprache zu hören. »Ich bin Antonia Walter, die zukünftige deutsche Gouvernante des Grafen Wolgorin«, sagte ich. »Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe.«
   Ich streckte ihm meine Hand entgegen, die er sogleich ergriff. Er versuchte keinen Handkuss, was ich albern gefunden hätte, sondern presste einfach meine Finger kurz zusammen.
   »Dann heiße ich Sie in Russland willkommen. Der Graf Wolgorin ist ein guter Bekannter von mir. Da drüben steht auch sein Hausdiener.«
   Er wies auf einen kleinen, rundlichen Herrn mit Halbglatze, den er sogleich herbeiwinkte. Eine kurze Unterhaltung auf Russisch fand statt. Bald darauf hatte mein Koffer wieder die Hand gewechselt, und ich eilte dem Hausdiener hinterher. Noch einmal drehte ich mich nach meinem Retter um, da sah ich, wie er eine Dame in eleganter, dunkler Kleidung auf dem Bahnsteig begrüßte.

Der Rest des Tages zog so schnell an mir vorbei, dass ich nur ein paar Details genauer wahrzunehmen vermochte. Ich erinnere mich an eine große, farbenprächtige, laute Stadt, im Vergleich zu der meine Heimat Gießen ein Dorf war. An manchen Ecken war es trotzdem wie zu Hause, ich sah elegante Häuser, kleine Vorgärten, Parks und Geschäfte. Dann wieder stürzte das Fremde auf mich ein, und ich drückte mir die Nase am Fenster der Kutsche platt. Ich sah viele Menschen in Lumpen, aber manche der einfachen Leute trugen kunstvoll bestickte Kleidung. Kirchen mit Zwiebeltürmen und zahlreiche Straßenhändler mit bunter, fremder Ware zogen an mir vorbei. Der Hausdiener war zum Glück nicht sehr gesprächig, sodass ich keine Konversation in Gang bringen musste. Gern wäre ich noch Stunden durch Sankt Petersburg gefahren, aber leider kam die Kutsche bald schon zum Stillstand. Ein großes ockerfarbenes Haus stand vor mir, und zwei Männer in livrierter Uniform warteten dort vor dem Eingang. Kaum war die Tür der Kutsche geöffnet worden, nahmen sie mir meinen Koffer ab und halfen mir heraus.
   Ich wurde zunächst zu der Gräfin Wolgorina geführt, die Deutsch sprach, da sie Familie in Hannover hatte. Sie war eine sehr elegante Frau, die mich ohne großes Interesse musterte. Ihre drei Töchter knicksten brav, als sie mir vorgestellt wurden, doch kurz darauf wusste ich ihre Namen schon nicht mehr. Morgen würde ich besser achtgeben und sie mir genauer ansehen müssen, denn sie glichen einander mit ihren Korkenzieherlocken und den riesigen Samtschleifen in ihrem Haar.
   Danach führte man mich durch ein Labyrinth von großen Sälen und kleineren Räumen, bis ich mich schließlich in dem Zimmer wiederfand, das ich nun bewohnen würde. Mein Koffer hatte es auf wundersame Weise schon vor mir dorthin geschafft. Auf dem Nachttisch standen eine Tasse Kaffee und Gebäck bereit, das ich gierig verschlang, sobald die Tür hinter mir zugefallen war. Dann streckte ich mich auf dem Bett aus, streifte die Schuhe ab und öffnete den Verschluss meines Rocks, um freier atmen zu können.
   Mein neues Zuhause hatte eine frische, blitzsaubere Rosentapete, eine kleine, aber mit Kristallen behangene Lampe und Möbelstücke aus schwerem Mahagoni, die mit Spitzendeckchen verziert waren. Wie reich die Wolgorins sein mussten, um selbst ihrer Gouvernante ein viel schöneres Zimmer zu bezahlen, als es irgendjemand in meiner Familie in Gießen hatte?

Bevor ich kurz nach meiner Ankunft einnickte, da ich völlig erschöpft war, fiel mir das Gesicht meines Retters am Bahnhof wieder ein. Vermutlich hat er dort seine Frau abgeholt. Der Gedanke versetzte mir einen Stich, und ich musste kurz über mich selbst lachen. Als ich Gießen verlassen hatte, waren meine letzten Worte an Tante Elsa gewesen, dass ich in Russland nach neuen politischen und gesellschaftlichen Erkenntnissen suche, keineswegs nach jener Romanze, die sie sich für mich erhoffte. Aber die würde ich nun auch nicht finden, denn obwohl ich nicht leugnen konnte, dass der Unbekannte mir gefallen hatte, war er bereits vermählt. Ich war immer stolz auf meine Vernunft in diesen Dingen gewesen. Gerade Frauen, die einen modernen, freien Lebensweg einschlagen wollen, müssen sich davor hüten, durch einen unachtsamen Fehltritt abzustürzen.

1. Kapitel

»Den Gang entlang, dann das dritte Zimmer rechts«, sagte die kleine, rundliche Krankenschwester, die einen Wagen voller schmutziger Bettlaken vor sich herschob.
   Sarah rief ihr noch ein »Danke« hinterher, doch die Frau war so schnell um die Ecke gebogen, dass sie es vermutlich nicht mehr hören konnte. Sarah richtete ihren Blick auf die Fliesen zu ihren Füßen, um all jene in Rollstühlen vor sich hindämmernden Gestalten im Gang nicht allzu genau ansehen zu müssen. Die erschlafften, manchmal am Kinn mit Sabber benetzten Gesichter hatten sie nach dem ersten Besuch des Krankenhauses bis in den Schlaf verfolgt. Wie ertrugen es all jene Leute, die in einschlägigen Einrichtungen arbeiteten, tagtäglich vor Augen geführt zu bekommen, zu welch hilflosen, quallenähnlichen Wesen Menschen von einem Augenblick zum nächsten werden konnten? Sie sog frische Luft, die durch ein gekipptes Fenster hereinwehte, in ihre Lungen, um den beißenden Geruch von Urin für einen Augenblick vergessen zu können.
   Als sie vor der Tür 315 stand, hielt sie kurz den Atem an, um die Angst in ihrem Nacken zu verscheuchen. Die Ärztin hatte sich am Telefon optimistisch geäußert, doch Sarah kam nicht gegen ein Gefühl der Beklommenheit an, als sie die Klinke niederdrückte. Sie schloss die Augenlider für den Bruchteil einer Sekunde, während sie sich innerlich zu wappnen versuchte.
   »Da bist du ja endlich! Ich warte schon eine halbe Stunde.«
   Die energische, anklagende Stimme klang so vertraut, dass Sarah erleichtert die Augen öffnete. Ihre Mutter saß aufrecht in ihrem Bett und warf gerade eine bunt bebilderte Zeitschrift zu Boden.
   »Da staunst du, nicht wahr? So leicht ist deine Mutter nicht totzukriegen!«
   Sarah tat einen tiefen Atemzug und fühlte, wie all die Anspannung der letzten zwei Tage von ihr abließ. »Es tut mir leid, dass ich so spät komme«, erzählte sie, während sie einen Stuhl an das Bett rückte. »Ich musste ewig auf den Bus warten, und so habe ich dann die Bahn verpasst.«
   Hedwig warf ihr einen kritischen Blick zu. »Wenn du ein Auto hättest, dann …«
   »… hätte ich unterwegs eine Panne haben oder in einen Stau geraten können.«
   »Na gut, wie du meinst«, gab sich Hedwig unerwartet schnell geschlagen, musterte ihre Tochter von Kopf bis Fuß. Sarah sah ebenfalls an sich hinab. Auf einmal bemerkte sie, dass ihre Lieblingsballerinas bereits an der Spitze zerkratzt waren und an ihrem Wollrock ein paar Fäden herausstanden. Warum fielen ihr solche kleinen Makel immer erst auf, wenn sie ihrer Mutter gegenübersaß?
   »Du hast Katzenhaare auf deiner Strumpfhose«, kam es auch schon.
   »Das muss daran liegen, dass ich eine Katze habe.«
   Der mütterlich vorwurfsvolle Seufzer war leise, aber nicht zu überhören. Hedwig wollte in dieser Lage wohl einen Streit vermeiden, denn sie verfolgte das Thema nicht weiter.
   »Du glaubst gar nicht, was es für Vorteile hat, privat versichert zu sein«, erzählte sie stattdessen. »Ansonsten müsste ich mit einem von diesen Gemüsegewächsen, die draußen herumliegen, mein Zimmer teilen.«
   »Mama!« Sarah schluckte mühsam ihre erste Empörung herunter. »Wenn Magda dir nicht gleich einen Krankenwagen gerufen hätte, könntest du eines von diesen Gewächsen sein. Hast du das vergessen?«
   Sorgfältig manikürte Hände krallten sich kurz in die Bettdecke.
   Sarah staunte, wie akkurat der Nagellack aufgetragen war. Ihr gelang das nie, doch hatte ihre Mutter es vermutlich auch nicht selbst gemacht.
   »Ach was, so schlimm war es alles nicht«, sagte Hedwig schnell. »Ärzte übertreiben immer gern, damit sie höhere Rechnungen schicken können.«
   »Du hattest einen Schlaganfall!«
   »Na wenn schon, jetzt geht es wieder. Ich sagte doch, so schnell kriegt mich keiner tot, nicht einmal die Ärzte.« Sie stieß ein unnötig schrilles Lachen aus.
   »Aber weißt du, bei manchen Dingen nutzt selbst die Privatversicherung nichts. Gestern, da … also ich war ziemlich erschöpft, und das Aufstehen fiel mir noch nicht sehr leicht. Ich bat diese dumme Göre von Krankenschwester, mir etwas zum Lesen zu besorgen. Und was bringt sie?« Eine manikürte Hand deutete empört auf die bunt bebilderte Frauenzeitschrift auf dem Fußboden. »Als ob ich diesen Schwachsinn lese!«
   Sarah hob die verschmähte Illustrierte auf und musterte kurz eine Fotografie der britischen Kronprinzessin. Sie wurde immer dünner und trug weiterhin hübsche Kleider.
   »Du kannst mir doch sicher schnell eine vernünftige Zeitung besorgen, bevor du nach Hause fährst?« Bei Hedwig klangen solche Fragen immer wie Feststellungen. »Und bei der Gelegenheit gleich eine Packung Zigaretten.«
   Sarah sog Luft ein. »Meinst du nicht, dass du nun endlich mehr auf deine Gesundheit achten solltest?«
   »Meine Güte, ich bin wieder gesund! Sonst hätte ich keine Lust zu rauchen. Also lass bitte die Predigten und tue, was ich sage.«
   Sarah hob die Hände und ließ sie wieder sinken. Der Umstand, dass sich dieses Gespräch als sehr anstrengend erwies, bestätigte Hedwigs Aussage, wieder völlig genesen zu sein. »Mutter, du hattest einen Schlaganfall.«
   »Tochter, du wiederholst dich die ganze Zeit.«
   Wider Willen musste Sarah lachen. Sie sah den Schalk in Hedwigs Augen blitzen und drückte spontan ihre Hand.
   »Na gut, ich hole dir, was du willst. Aber du solltest dir wirklich überlegen, ob es nicht besser wäre, wenn …«
   »Ich werde darüber nachdenken. Und jetzt lauf!«
   Sarah stand auf und ergriff ihre Tasche. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr stellte sie fest, dass sie sich würde beeilen müssen, wenn sie die nächste Bahn nach Hause noch erwischen wollte. Andernfalls standen ihr vierzig Minuten Wartezeit bevor. Alles nur, weil sie sich von Rainer hatte überreden lassen, in die Vorstadt zu ziehen, dachte sie verärgert. Dann beschloss sie, diese Zeit für eine längere Unterhaltung mit ihrer Mutter zu nutzen.
   »Hast du eigentlich nicht gemerkt, dass dieses grüne Armband nicht zu deiner Bluse passt?«, fragte Hedwig plötzlich.
   Sarah blieb stehen. Es machte sie wütend, dass sie wieder einmal nicht gegen das Gefühl ankam, in einer wichtigen Angelegenheit versagt zu haben. »Es ist ein ähnlicher Grünton«, verteidigte sie sich.
   »Aber es passt nicht. Deine Bluse ist romantisch verspielt. Und dazu so ein fürchterlicher Plastikklunker! Ich hatte dir doch zum Geburtstag besseren Schmuck geschenkt, aber den trägst du ja nicht.«
   Obwohl Sarah wusste, dass es vernünftiger wäre, das Gespräch nun zu beenden, schaffte sie es nicht. »Graue Perlen! Mama, ich bin noch nicht fünfzig.«
   »Du wirst bald dreißig. Da läuft man nicht mehr wie ein Teenager herum.«
   »Es ist meine Sache, wie ich herumlaufe. Wollen wir uns deshalb streiten?«
   Hedwig richtete ihren Blick zur Zimmerdecke. »Ich habe lediglich etwas festgestellt.«
   Sarah wandte sich zur Tür, die sie mit ein paar schnellen Schritten erreichte.
   »Warum liest du eigentlich keine Frauenzeitschriften? Oberflächlich genug wärest du dazu«, sagte sie, bevor sie aus dem Zimmer verschwand. Auf einmal hatte der Anblick all der hilflosen Patienten an Grauen verloren. In einem solchen Zustand wäre Hedwig vielleicht leichter zu ertragen, dachte sie, und schämte sich gleich darauf für diesen Gedanken.
   Auf dem Weg zum Aufzug rief sie sich die bevorzugte Zigarettenmarke ihrer Mutter in Erinnerung und grübelte gleichzeitig, wo genau sie beim Betreten des Krankenhauses den Kiosk gesehen hatte. Ungeduldig wartete sie mit ein paar anderen Leuten im Korridor auf jenes Gefährt, das Menschen durch die Etagen des riesigen Gebäudes hievte. Als sich endlich die metallenen Pforten geöffnet hatten, strömte eine Familie mit zwei Kindern heraus, die Sarah kurz anrempelten. Sie hatte gerade ihr Gleichgewicht wiedergefunden, da wurde sie von zwei weichen, aber kräftigen Armen umschlungen.
   »Sarah, Mädchen, wie schön, dass du sie schon besucht hast. Das hat sie sicher sehr gefreut.«
   Sarah genoss für einen Moment die Wärme eines mütterlichen Körpers, dann kämpfte sie sich frei. »Über deinen Besuch freut sie sich sicher mehr«, stellte sie fest.
   Magda verzog tadelnd das Gesicht, sagte aber nichts. Sie hob einen Korb auf, den sie nur kurz abgestellt hatte, um Sarah zu umarmen. Darin lag ein Blumenstrauß, außerdem die aktuelle Ausgabe jener Wirtschaftszeitung, die Hedwig regelmäßig las.
   »Hast du auch ihre Zigaretten dabei?«, fragte Sarah nur.
   »Es hat doch keinen Sinn, sie ihr zu verweigern«, erwiderte Magda. »Sie würde sich Zigaretten besorgen, selbst wenn sie bis zum nächsten Laden auf allen vieren kriechen müsste. Da kann ich sie ihr auch mitbringen.«
   Sarah nahm es ohne Widerspruch hin. Magdas Gegenwart ließ stets etwas Weiches, Nachgiebiges in ihr erwachen, ebenso wie Hedwig sie bissig und angriffslustig machte.
   »Dann kann ich ja gehen, damit ich meinen Zug erwische. Richte ihr aus, dass ihre schreckliche Tochter morgen wiederkommt, ob es ihr gefällt oder nicht«, scherzte sie zum Abschied.
   Magda packte sie am Arm und zog sie in eine menschenleere Ecke abseits der Aufzüge. »Sarah, du verstehst nicht, wie sehr sie an dir hängt.«
   »Ich gebe mir die allergrößte Mühe, es zu verstehen, aber sie macht es mir schwer«, erwiderte Sarah.
   Magda nahm die Antwort schulterzuckend hin, verabschiedete sich und ließ schöne Grüße an Rainer ausrichten – eine von den vielen kleinen Nettigkeiten, die Hedwig immer wieder vergaß. »Noch eine Sache«, sagte sie, bevor Sarah in den Aufzug entflohen war. »An dem Abend, nachdem Hedwig ihren Schlaganfall bekam, da rief so eine Tante von ihr an. Eine Rosa oder so ähnlich.«
   »Rosalie?«, riet Sarah.
   »Genau, so hieß sie.«
   »Und was wollte sie? Sie hat Mutter fast nie angerufen. Die beiden mögen sich nicht besonders.«
   »Dann muss es wichtig gewesen sein«, meinte Magda nachdenklich. »Sie fragte nach einem entfernten Cousin von dir. Einem Daniel. Ob du vielleicht weißt, wo er ist. Falls ja, ruf sie bitte an.«
   Sarahs Magen verkrampfte sich, und ein feines Frösteln huschte über ihren Rücken. »Ich habe Daniel seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen und kann Tante Rosalie da nicht weiterhelfen«, sagte sie und lief in die Aufzugkabine.

Die Ampel vor dem Krankenhaus schaltete auf Rot um, sobald Sarah den Bürgersteig erreicht hatte, und eine Kette dicht hintereinanderfahrender Autos machte es ihr unmöglich, über die Straße zu laufen. Daher fuhr die bereits wartende Tram ohne sie ab. Die Nächste kam mit Verspätung. Regen setzte ein, begleitet von einem frostigen Wind. Als Sarah endlich den Münchner Hauptbahnhof erreicht hatte, war ihr Zug nach Ebersberg bereits fort. Sie flüchtete vor dem Unwetter in ein Café und gönnte sich einen Marmorkuchen zu ihrem Cappuccino. Nun würde sie erst nach Rainer nach Hause kommen, was bedeutete, dass sie nicht das Katzenklo leeren und die Wohnung lüften konnte. Der Gedanke beunruhigte sie, denn Rainer war empfindlich in diesen Dingen und hatte ihren Kater Freddy nur aus Notwendigkeit akzeptiert, ebenso wie ihren Papagei, dessen Geschrei ihn jeden Morgen störte. Daher war sie bemüht, alle Unannehmlichkeiten zu beseitigen, bevor er eintraf. Vor allem in letzter Zeit, da er ihr auffällig reizbar schien.
   Sie hatte den Kuchen aufgegessen, sah nochmals auf die Uhr und bestellte sich einen Orangensaft. Draußen prasselte der Regen weiter gegen die Fensterscheiben, und der Wind stieß spitze Pfeiftöne aus. Hoffentlich würde sich das Wetter bessern, bis ihr Zug Ebersberg erreicht hatte, denn sie musste dort noch circa fünfzehn Minuten zu Fuß zurücklegen. Kurz erwog sie, Rainer anzurufen und ihn zu bitten, sie am Bahnsteig mit dem Auto abzuholen, verwarf den Gedanken aber sogleich wieder. Er bemängelte schon oft genug ihre angebliche Unselbstständigkeit.
   Plötzlich geschah, was Sarah mühsam hatte vermeiden wollen. Sie musste an Daniel denken, der in so vieler Hinsicht das Gegenteil von Rainer gewesen war: rebellisch und stets bemüht, überall aus der Reihe zu tanzen. Gleichzeitig auch erfrischend unverkrampft. Zwei kurze Monate lang war sie seine Auserwählte gewesen, hatte die staunenden, neidischen Blicke anderer junger Frauen, die sich fragten, was ein derartiger Mann an ihr fand, fast ständig im Rücken gespürt. Danach hatte sie Daniels Zuwendung verloren, plötzlich, geradezu brutal, als erhalte sie aus heiterem Himmel einen Hieb mit einem Baseballschläger.
   »Du bist zu brav für mich, kleine Sarah. Von der Fuchtel deiner Mutter wirst du dich wohl nie befreien. Wir passen nicht zusammen.«
   Wahrscheinlich hatte eine andere Frau dahintergesteckt. Sie hatte ihn schon eine Woche später mit einem dünnen, stark geschminkten Mädchen im schwarzen Minikleid gesehen, war daraufhin sofort auf die Toilette der Diskothek gerannt, um sich ungestört die Seele aus dem Leib zu heulen. Ihre beste Freundin hatte sie schließlich gerettet und in eine Bar gelotst, wo sich Sarah den ersten Vollrausch ihres damals siebzehnjährigen Lebens angetrunken hatte.
   Danach hatte sie jahrelang versucht, nicht mehr brav zu sein. Es war ihr gelungen, an den Türstehern angesagter Klubs vorbeizukommen und dort nach Männern zu suchen, die sie an Daniel erinnerten. Es folgten zahllose kurze Affären, die nur in Ausnahmefällen zu einer Beziehung zu wachsen begannen, bis es doch zu einer Trennung kam. Entweder war sie enttäuscht worden oder hatte selbst Herzen gebrochen, doch keiner von Daniels Nachfolgern hatte einen derart bleibenden Eindruck hinterlassen, dass sie ihn nicht schon nach einigen Monaten vergessen hätte. Die rätselhafte Magie der ersten Liebe, überlegte sie und winkte die Kellnerin heran, um endlich zu zahlen. Die nächste Bahn nach Ebersberg fuhr in zehn Minuten.

Sarah war erleichtert, einen freien Sitzplatz zu finden, und lehnte sich in dem Sitz zurück. Die Erinnerung an Daniel machte ihr klar, welches Glück sie mit Rainer gehabt hatte. Er war zuverlässig, durchschaubar, solide. Als sie sich kennengelernt hatten, war sie die Unkonventionelle in der Beziehung gewesen, die Absolventin einer renommierten Modeschule, die angesagte Lokale besuchte, sich auffällig kleidete und keinem Abenteuer abgeneigt war. Zunächst hatte ihn das abgeschreckt, aber er hatte es geschafft, hinter ihre mühsam aufgebaute Fassade zu blicken und eine junge Frau entdeckt, die nach Halt suchte. Rainer war ihre Zukunft, Daniel gehörte einer ebenso bewegten wie ungesunden Vergangenheit an.
   Aber warum hatte gerade die altmodische, versponnene Tante Rosalie plötzlich wissen wollen, wo er sich aufhielt?

Als der Zug Ebersberg erreichte, war aus dem Prasselregen ein sanftes Nieseln geworden. Sarah schlug den Kragen ihres Mantels hoch, da immer noch ein beißender Wind blies, und trat im Eilschritt den Heimweg an. Mit Sehnsucht dachte sie an ihr Apartment in der Auenstraße zurück, das so viel schneller und einfacher zu erreichen gewesen war. Aber Rainer hatte recht, Wohnungen in München waren viel zu teuer.
   Sie atmete auf, als das dreistöckige Wohnhaus vor ihr auftauchte, und kramte den Schlüssel aus der Tasche. Freddy kam ihr entgegengelaufen und strich maunzend um ihre Beine. Leider stank es im Korridor leicht nach Urin, sie musste dringend das Katzenklo säubern. Sarah knipste das Licht an und wunderte sich, warum Rainer noch nicht heimgekommen war. In letzter Zeit musste er oft lang arbeiten. Sie fütterte Freddy und lief ins Wohnzimmer, wo sich der Käfig ihrer Papageiendame Lola befand. Freudiges Krächzen begrüßte sie. Sie nutzte Rainers Abwesenheit, um Lola eine Weile fliegen zu lassen, während sie das Katzenklo sauber machte. Dann schmierte sie sich ein Käsebrot. Rainer mochte warmes Abendessen, aber wahrscheinlich war er wieder mit Kollegen unterwegs. Sie staunte, wie sehr sie das Alleinsein mit ihren Tieren genoss. Als es dunkel wurde, brachte sie Lola wieder in den Käfig und schaltete den Fernseher ein. Bunte Bilder flimmerten vor ihr dahin. Sie rollte sich erschöpft auf dem Sofa zusammen, merkte erst jetzt, wie erleichtert sie war, dass es Hedwig wieder gut ging. Wie hätte sie ihr Leben meistern und sich gleichzeitig um eine Schwerbehinderte kümmern können? Wäre Rainer wirklich eine Hilfe gewesen?
   Ihre Augen fielen zu, während Freddy auf ihrem Schoß schnurrte. Sie sah Daniel vor sich, sein schmales, sensibles, stets leicht spöttisch verzogenes Gesicht, die langen, fast weiblich eleganten Hände, den drahtigen Körper. Ein kleines Reptil kroch in ihrem Unterleib herum. Dann wurde sie plötzlich von grellem Licht geblendet.
   »Warum gehst du nicht ins Bett, wenn du müde bist?«, fragte Rainer missmutig.
   Sie schreckte hoch, während Freddy von ihrem Schoß sprang und sich unter das Sofa verzog. Sarah wischte schnell über ihren Rock, um die Katzenhaare zu entfernen, dann stand sie auf und deckte Lolas Käfig mit einem Tuch zu.
   Er wirkte angespannt. »Wie geht es deiner Mutter?«, fragte er, während er eine Flasche Rotwein öffnete.
   »Gut. Es ist fast wie ein Wunder. Sie kann problemlos sprechen, beide Arme bewegen, und die Ärzte sagen, dass sie wieder völlig auf die Beine kommen dürfte. Sie hatte großes Glück, weil Magda daheim war und ihr gleich einen Krankenwagen rief.«
   Er atmete auf, während er zwei Gläser füllte. »Du trinkst doch einen Schluck mit, oder?«
   Sarah nickte. »Aber ich muss bald ins Bett. Morgen habe ich Frühschicht.« Sie dachte mit Unbehagen daran, dass bereits um fünf Uhr früh der Wecker klingeln würde. Wenn sie noch in der Stadt wohnen würde, wäre der Arbeitsweg wenigstens nicht so lang.
   »Du hast seit Wochen Frühschicht«, stellte er mit einem Stirnrunzeln fest.
   »Ja, ich weiß.« Sie verstand nicht, warum sie der Drang überkam, sich zu entschuldigen. »Viele der anderen Frauen haben Kinder, die sie vor der Arbeit in die Schule bringen müssen. Und ich will so viele Stunden wie möglich bekommen, damit ich mich angemessen an der Miete beteiligen kann.«
   Das müsste Rainer zufriedenstellen, dachte sie, während sie an ihrem Weinglas nippte. Der Rotwein verbreitete einen bittersüßen Geschmack auf ihrer Zunge.
   Er räusperte sich und rieb seine Hände aneinander. »Ich habe eher den Eindruck, dass du dir ständig die Stunden aufbürden lässt, die sonst keiner will. Du solltest langsam lernen, dich besser durchzusetzen.«
   Sarah lachte leise. »Also jetzt klingst du haargenau wie meine Mutter.«
   Ein Ruck ging durch seinen Körper. »Es ist immer wieder dasselbe. Sobald ich dir einen Rat geben will, vergleichst du mich mit diesem Drachen!«
   Sie fuhr zusammen. »Es ist wahrscheinlich so, dass dieser Drachen mir auf seine Art auch nur gute Ratschläge geben wollte«, erklärte sie lächelnd und hoffte, er könnte dieser Tatsache ein paar amüsante Aspekte abgewinnen. Doch Rainer starrte nur nachdenklich in sein Weinglas.
   »Du nimmst mich nie wirklich ernst. Sobald jemand dir Vernunft einzureden versucht, verwandelst du dich in einen Teenager, der entweder bockt oder spottet oder beides gleichzeitig.«
   Sie verspürte ein Stechen an ihren Schläfen. Der Wein tat ihr nicht gut, sie war einfach nur müde. »Ich würde das lieber morgen besprechen«, begann sie ausweichend. »Die Sache mit meiner Mutter hat mich ziemlich mitgenommen, und ich möchte jetzt schlafen gehen.«
   Gähnend stand sie auf. Morgen wäre Rainer hoffentlich besser gelaunt und hätte diesen albernen Streit vergessen. Im Augenblick wollte sie sich nur noch unter die Bettdecke kuscheln, mit Freddys weichem, schnurrenden Leib als Gesellschaft.
   »Sarah, wir müssen reden«, erklang es in ihrem Rücken, als sie bereits im Türrahmen stand.
   Ein kleiner, nervöser Ball hüpfte in ihrem Magen. »Ich bin jetzt wirklich sehr müde, und morgen habe ich …«
   »Frühschicht, ich weiß. Es ist immer irgendetwas. Ich wollte dieses Gespräch schon am Wochenende führen, aber da kam die Nachricht mit deiner Mutter … und … und ich wollte dich nicht unnötig aufregen, aber jetzt geht es ihr ja gut.«
   Widerwillig drehte sich Sarah um. »Was gibt es denn?«
   Rainer schwieg und wich ihrem Blick aus. Mit Unbehagen setzte sie sich wieder hin und leerte den Rest des Weinglases in einem Zug.
   »Wir … also … es läuft nicht gut, finde ich«, sagte er leise zu der Wand hinter ihr.
   Sie hob den Kopf und kämpfte mit dem Drang, sich gleich ein weiteres Glas einzuschenken. »Was meinst du? Hast du Schwierigkeiten in der Arbeit? Wir könnten sicher eine günstigere Wohnung finden.« Im Grunde wäre sie darüber sogar erleichtert, denn trotz der Lage im Vorort war die Miete hier nicht billig.
   »Beruflich läuft es bei mir gut. Wahrscheinlich werde ich in ein paar Monaten nach Frankfurt versetzt.«
   »Wie lange weißt du das schon?«, fragte Sarah erstaunt.
   »Eine Weile. Sechs Wochen etwa.«
   »Warum hast du davon noch nichts gesagt? Ich muss mir dort doch auch eine Arbeit suchen.« Sie überlegte, ob es ihr vielleicht gelingen könnte, Rainer zu einer zentraler gelegenen Wohnung in Frankfurt zu überreden.
   »Weil ich in Ruhe mit dir darüber reden wollte.«
   Er füllte die Weingläser erneut. Sarah vergaß die morgige Frühschicht und trank. Eine unangenehme Ahnung saß ihr wie ein böser Geist im Nacken.
   »Ich denke …« Rainer verstummte für einen Moment und krampfte die Hände ineinander. »Ich denke, dass ich allein nach Frankfurt ziehen sollte.«
   »Warum?« Sie ärgerte sich, wie kläglich ihre Stimme klang.
   Rainer stand auf und lief um den Couchtisch herum. »Wir passen nicht zusammen, Sarah. Unser Background ist zu unterschiedlich, wir haben ganz andere Vorstellungen vom Leben, und ich sehe daher keine Zukunft für uns.«
   Sarah begann zu zittern. Dieses Gespräch fuhr so zielsicher wie ein Zug der Deutschen Bahn einer Endstation entgegen, die sie kannte, weil sie oft genug dort ausgestiegen war. Doch hatte sie noch vor ein paar Stunden damit gerechnet, diesen Ort nie wieder erreichen zu müssen.
   »Ist es …?« Sie verstummte. Im Grund wollte sie nicht wissen, wen er kennengelernt hatte, denn eine neue Liebe war meistens der wahre Grund, wenn die alte aus recht fadenscheinigen Gründen verabschiedet wurde. Aber Rainer würde ihr vermutlich nicht die Wahrheit sagen. Er gestand Fehler und Schwächen nur ungern ein.
   »Ich wünsche mir eine Frau, die Sinn für traditionelles Familienleben hat«, redete er weiter. »Du lehnst dich mit Vorliebe gegen sämtliche Konventionen auf, was nicht erstaunlich ist, wenn man bedenkt, wie du aufgewachsen bist. Ich kann damit einfach nicht umgehen.«
   »Vor drei Monaten konntest du es noch ganz gut und hast mich überredet, in dieses Kaff zu ziehen!« Ihre Stimme begann, sich zu überschlagen. »Was passt dir denn plötzlich nicht an meiner Familie? Ist meine Mutter dir zu erfolgreich? Hast du Angst, dass du für die Prokuristin einer großen Bank immer nur ein kleines Licht sein wirst, egal, wie viele Stufen du noch hinaufkletterst?« Sie wusste, dass sie gemein und ungerecht war, und genoss es, als Rainer endlich seine Beherrschung verlor.
   »Deine Mutter ist eine passionierte Männerhasserin, die mit ihrer polnischen Putzfrau …«
   »Magda war niemals ihre Putzfrau, sondern unsere Haushälterin. Jetzt hat sie einen Blumenladen, der gut läuft. Für jemanden, der vor zwanzig Jahren hier ankam und kein Wort Deutsch sprach, hat sie es verdammt weit gebracht!«
   »Dann hat sie eben einen Blumenladen, was kümmert mich das? Deine Mutter und sie, das ist doch … Ich meine …« Er verstummte, sank wieder auf das Sofa und senkte den Kopf. »Wahrscheinlich bin ich ein Spießer, aber es fällt mir schwer, das als … als natürlich hinzunehmen.«
   Sarah beugte sich vor. Wider besseres Wissen keimte Hoffnung in ihr auf. War dies wirklich das ganze Problem?
   »Die beiden sind eben ein Paar. Sie sind glücklich zusammen. Bevor Magda auftauchte, war meine Mutter viel unausstehlicher, das kannst du mir glauben. Aber was hat das mit mir zu tun? Ich habe nicht die Absicht, plötzlich polnische Haushälterinnen oder Blumenhändlerinnen zu verführen!« Im Augenblick fühlte sie sich so klein und unansehnlich, dass sie nicht einmal einen frisch entlassenen Gefängnisinsassen hätte verführen können. Dennoch begann sie zu lachen und hoffte vergeblich, dass Rainer mit einstimmen würde.
   »Darum geht es nicht. Es passt einfach nicht zwischen uns. Wir sind zu verschieden.«
   Es klang gefasst, überlegt und endgültig. Sarah wusste, dass sie noch einige Wochen damit beschäftigt wäre, über die wahren Gründe zu grübeln. Vielleicht würde sie irgendwann erfahren, was sich genau hinter Rainers Sinneswandel verbarg, vielleicht nicht, aber es änderte nichts an dem Umstand, dass er seine Entscheidung gefällt hatte. Sie wusste es, obwohl ihr Verstand weiter mit aller Kraft nach Wegen suchte, wie die Lage wieder zu ändern wäre. Ihr war kalt.
   »Dann gehe ich besser schlafen«, sagte sie und stand auf, leerte noch schnell ihr zweites Weinglas. »Morgen ziehe ich aus.«
   »Du musst wirklich nicht … Wir können Freunde bleiben.«
   Die offensichtliche Erleichterung auf Rainers Gesicht weckte in ihr den Wunsch, ihm den restlichen Wein ins Gesicht zu schütten.
   »Ich glaube nicht, dass wir Freunde bleiben. Und morgen will ich hier weg.«
   Sie lief hinaus und bemerkte erleichtert, wie Freddy ihr folgte. Im Schlafzimmer zog sie ein paar Spangen aus ihrem Haar, streifte die Strumpfhose ab und ließ sich in ihrer restlichen Kleidung aufs Bett fallen. Tränen würgten in ihrer Kehle, und sie begriff, dass sie ihre morgige Schicht würde absagen müssen. Sie wollte so schnell wie möglich ausziehen, doch auf die Schnelle fand man in München keine Wohnung. Hedwigs Haus war im Augenblick die einzige Alternative. Sie würde Freddy mitnehmen und auch Lola in einem kleineren Käfig, denn sie war sich nicht sicher, ob Rainer angemessen für beide sorgen würde.
   Während sie im Geiste bereits die nächsten Tage zu planen begann, überfluteten die Tränen ihre Augen. Warum lief sie stets gegen Mauern, egal, welchen Weg sie im Leben einschlug?

2. Kapitel

»Also ich konnte den Kerl nie besonders leiden. So ein kleiner Wichtigtuer, der meint, dass ihm die Welt gehört, seitdem er Abteilungsleiter geworden ist. Von der Sorte habe ich genug gekannt.«
   Hedwig war vom Rauchen auf dem Balkon zurückgekommen und schenkte sich ein weiteres Glas Chardonnay ein. Sarah saß stumm über ihrem fast noch vollen Teller. Seit einer Woche lebte sie nun im Haus ihrer Mutter und vermochte immer noch kaum einen Bissen herunterzubringen. Sie ernährte sich von ein paar Gläsern Wein am Abend und gelegentlichen Schokoriegeln im Laufe des Tages. Es war allein Magdas Ermahnungen zu verdanken, dass sie sich noch nicht an Hedwigs Zigarettenpackung bedient hatte.
   »Dass du ihn nicht leiden konntest, hat er auch gemerkt«, sagte sie zu ihrer Mutter, die nur mit den Schultern zuckte.
   »Er sah Magda und mich immer so seltsam an, wenn er hier zu Besuch war. Als würde er sich fragen, was mit uns nicht stimmt. Wie soll ich ihn da mögen? Er war deine Wahl, ich habe mich nicht eingemischt. Meinst du vielleicht, ich bin schuld, dass er dich vor die Tür gesetzt hast?«
   Magda stieß einen leisen, gurrenden Laut aus, der Hedwig wohl beruhigen sollte. Sarah beschloss, dass sie nicht die Nerven für den bevorstehenden Streit hatte.
   »Das habe ich nicht gesagt. Ich gehe besser auf mein Zimmer, ich habe Kopfweh, und morgen muss ich endlich wieder in die Arbeit, weil sie zu wenig Leute haben.«
   »So, wie du aussiehst?«, widersprach Hedwig sofort. »Geh zum Arzt. Der wirft einen Blick auf dich und schreibt dich krank.«
   Sarah lächelte müde. »Das nutzt nichts. Wir werden in dem Callcenter nicht bezahlt, wenn wir krank sind. Ich muss sobald wie möglich wieder hin, sonst ist mein Konto überzogen.«
   »Ach was, tue nicht so, als würdest du am Bettelstab gehen!« Ihre Mutter stellte energisch ihr Glas ab. »Ich finanziere dich erst einmal, und dann suchst du dir endlich eine vernünftige Arbeit.« Sie verschränkte die Arme und beugte sich vor. »Ich kann es ja nicht fassen! Acht Euro Stundenlohn und keine Bezahlung im Krankheitsfall. Unter solchen Bedingungen hätte ich nie gearbeitet, niemals! Ihr solltet euch gemeinsam wehren, anstatt euch krank ins Büro zu schleppen, damit diesen Ausbeutern nicht das Personal ausgeht. Eurer Generation mangelt es an Zusammenhalt und an Mumm in den Knochen.«
   Sarah nickte schweigend. Sie hatte derartige Vorwürfe schon zu oft gehört, um Gegenargumente vorzubringen.
   »Hedi, als ich nach Deutschland kam, da hatte ich ein Ingenieurdiplom und habe trotzdem im Krankenhaus geputzt«, kam Magda ihr zu Hilfe. »Die Dinge sind nicht immer so einfach, wie du es dir vorstellst.«
   Sarah warf ihr einen dankbaren Blick zu.
   »Du warst Ausländerin, das ist etwas anderes«, widersprach ihre Mutter indessen. »Und erzähl mir nicht, wie schwierig das Leben sein kann. Ich war neunzehn, schwanger und völlig allein, als ich nach München kam. Meine Tochter hat Abitur, und ich habe ihr zwei Ausbildungen finanziert. Mehr kann sich doch niemand wünschen!«
   »Darum geht es jetzt doch nicht«, wollte Magda versöhnlich einlenken, doch Hedwig war in Fahrt geraten.
   »Zuerst ein Studium der Kunstgeschichte. Ich habe sie gleich gewarnt, dass das eine brotlose Sache ist, aber sie wollte es unbedingt machen. Dann diese österreichische Modeschule.«
   »Ich habe die Aufnahmeprüfung bestanden, und die war hart«, warf Sarah ein, obwohl sie wusste, dass sie sich auf einen Kampf einließ, den sie verlieren würde.
   »Ja, ich war auch froh, dass du endlich etwas Praktisches lernst, auch wenn es so eine blöde Frauenarbeit wie Schneidern ist. Du hast noch einen Abschluss gemacht, und jetzt arbeitest du …«
   »Für acht Euro die Stunde in einem Callcenter«, ergänzte Sarah. »Meine Freundinnen, die ihr Glück als Modedesignerin versuchen, müssen sich privat krankenversichern, was meistens mehr kostet, als sie verdienen.«
   Das war Rainers Argumentation gewesen, nachdem ihre ersten Versuche, selbst entworfene Kleider im Internet zu verkaufen, kaum Gewinn abgeworfen hatten. Sie sollte besser vernünftig sein. Die Miete der Wohnung in Ebersberg hatte ihr auch keine andere Wahl gelassen.
   »Die kämpfen wenigstens um den Durchbruch«, stellte Hedwig unerbittlich fest und zog eine Zigarette aus der Packung, die sie ohne Rücksicht auf Magdas mahnendes Gesicht anzündete. »Wofür kämpfst du?«
   »Hedi, das ist jetzt wirklich nicht der richtige Moment«, mischte sich Magda wieder ein. »Deine Tochter steht noch unter Schock.«
   »Deshalb ist es genau der richtige Moment! Sie muss endlich aufgerüttelt werden.«
   »Also, ich gehe jetzt schlafen«, sagte Sarah in der Hoffnung, das Gespräch so beenden zu können, aber wie befürchtet erlaubte ihre Mutter ihr keinen Rückzug.
   »Warte noch, bis ich fertig bin. Du musst morgen nicht früh aufstehen.«
   Sarah blieb sitzen, denn die Gewohnheit, sich der scharfen Stimme zu fügen, saß ihr zu tief in den Knochen. Hedwig schenkte sich nochmals Wein nach.
   »Du hast mit dem, was du gelernt hast, bisher kein Geld machen können.«
   »Ich bin doch erst am Anfang«, versuchte Sarah, sich zu verteidigen. »Ich werde mehr Zeit haben, wieder Kleider zu entwerfen, und …«
   »Das Modegeschäft ist ein Haifischbecken, nichts für so empfindsame Seelen wie dich«, unterbrach ihre Mutter. »Du brauchst einen soliden, sicheren Beruf, damit du endlich Halt im Leben findest. Ich werde versuchen, dich in meiner Bank unterzubringen. Dort verdienst du wesentlich besser, hast Anspruch auf Urlaub und bekommst natürlich auch dein Gehalt, wenn du krankgeschrieben bist.«
   Sarah schluckte und krallte ihre Finger um die Tischkante. Hedwigs Pragmatismus war wie ein gepanzertes Militärfahrzeug, von dem sie überrollt zu werden befürchtete.
   »Ich … ich passe in keine Bank, da bleibe ich lieber in meinem Callcenter und verkaufe Hundefutter und Katzenstreu. Damit kann ich wenigstens etwas anfangen, es macht mir sogar Spaß.«
   »Und wie willst du mit deinem Gehalt eine eigene Wohnung finanzieren?«
   »Wenn ich länger dort bin, verdiene ich mehr. Das haben sie uns beim Einstellungsgespräch versprochen.«
   Hedwig stieß einen dramatischen Seufzer aus. »Damit also ködern sie euch. Mein Gott, Kind, die lassen dich ewig für einen Hungerlohn schuften, weil du ein Lämmchen bist, das seinen Mund nicht aufkriegt. Wie stellst du dir deine Zukunft vor? Willst du auf den nächsten Rainer warten, um mit ihm ins Eigenheim zu ziehen, Kinder in die Welt zu setzen und dein Leben als brave Hausfrau zu verbringen?«
   Sarah sprang auf und brachte dadurch den Tisch zum Zittern. »Ich habe niemals gesagt, dass ich so etwas will. Und ich war auch nicht aus diesem Grund mit Rainer zusammen. Du verstehst das nicht, weil du mich nie verstanden hast. Wann hat es dich jemals interessiert, was in mir vorgeht? Du warst immer nur damit beschäftigt, Karriere zu machen. Und jetzt gehe ich schlafen!«
   Sie überhörte Magdas mahnendes Murren und rannte in den ersten Stock, wo sich ihr einstiges Kinderzimmer befand. Lolas Käfig stand bereits zugedeckt in der Ecke, Freddy wartete zusammengerollt mitten auf der Bettdecke. Sarah vergrub ihr Gesicht in seinem Fell. Sein rhythmisches Schnurren schien ihr das schönste Geräusch der Welt, aber wenn sie beide Tiere behalten wollte, würde sie sich in der Tat eine eigene Wohnung leisten müssen. Lolas großer Käfig, der sich im Moment noch bei Rainer befand, würde fast die Hälfte des Zimmers füllen, in dem sie nun lag. Ihr Apartment in der Auenstraße wäre nun auch zu klein, davon abgesehen, dass es schon längst wieder vergeben war.
   Sie beschloss, diese Überlegungen auf Morgen zu verschieben, und zog sich die Decke über den Kopf. Freddy wurde zu einem weichen, warmen Ball zu ihren Füßen, und sie hoffte, diese Nacht endlich durchschlafen zu können. Gedämpft drangen die Stimmen aus dem Esszimmer an ihr Ohr.
   »Ich weiß nicht, was mit ihr nicht stimmt. Sie hat keinen Biss. Auf solchen Leuten wird immer herumgetrampelt.«
   »Sie ist ein nettes Mädchen, Hedi. Du solltest froh sein, dass du sie hast.«
   »Meine Güte, ich weiß, dass sie nett ist, aber …«
   Sarah vergrub ihren Kopf unter dem Kissen, um den Rest des Satzes nicht hören zu müssen. Die Dunkelheit tat gut. Sie fühlte, wie ihre Verspannung langsam nachzulassen begann, und glitt sanft in ein erlösendes Dunkel.

Lolas Krächzen weckte sie, als Tageslicht ins Zimmer strömte. Es musste bereits Vormittag sein, da der Papagei sogar unter seiner Decke unruhig geworden war. Sarah rieb sich die Schläfen. Sie fühlte sich unsauber, da sie mit ungeputzten Zähnen in ihrem Kleid geschlafen hatte, jedoch wenigstens nicht mehr wie zerschlagen. Eine gründliche Dusche und frische Kleidung würden sicher helfen, ihr etwas mehr Energie zu verleihen. Freddy spazierte geruhsam über die Matratze, um ihr vorwurfsvoll ins Gesicht zu maunzen, da er immer noch nicht gefüttert worden war. Sarah stand auf und zerrte eine bequeme Samthose und eine indische Bluse aus ihrer Tasche, um sich dann auf den Weg zum Bad zu machen. Von unten lockte bereits der Duft von frischem Kaffee.
   »Du siehst schon viel besser aus«, wurde sie von Magda begrüßt, die ihr eine Weile später frischen Toast hinstellte.
   »Musst du heute nicht in deinen Laden?«, fragte Sarah, erleichtert, nicht allein frühstücken zu müssen.
   »Ich habe beschlossen, ihn heute geschlossen zu lassen und bei dir zu bleiben, da Hedwig ja unbedingt in ihre Bank wollte.« Sie füllte eine Kaffeetasse und schob sie in Sarahs Richtung.
   »Ist meine Mutter denn nicht mehr krankgeschrieben? Sie hatte doch immerhin einen Schlaganfall.«
   Magda setzte sich seufzend. »Du weißt doch, wie sie ist. Sie hat die Ärzte überzeugt, dass es ihr wieder gut geht und sie arbeiten will. Na ja, sie macht auch einen fitten Eindruck, das muss man ihr lassen.«
   Sarah schmierte eine dicke Schicht aus Butter und Honig auf ihren Toast, dann biss sie gierig hinein, denn ihr Appetit war zurückgekehrt. Sie begann zu ahnen, dass sie spätestens in ein paar Wochen beginnen würde, Rainer zu vergessen, so wie sie all seine Vorgänger irgendwann vergessen hatte. Früher einmal hatte sie sich ihr Liebesleben anders vorgestellt, aber sie empfand endlich mehr Zuversicht. »Wie hast du es eigentlich all die Jahre mit meinem Drachen von Mutter ausgehalten?«, fragte sie.
   Magda lächelte sanft. »Du tust Hedwig unrecht, wenn du sie nur als Drachen siehst. Sie ist eine unglaublich starke Persönlichkeit. Leider hat sie sehr früh lernen müssen, dass sich ein Mensch mit aggressivem Auftreten besser durchsetzen kann, und diese Lektion völlig verinnerlicht. Doch tief in ihrem Inneren hat sie auch eine sanfte, verletzliche Seite.«
   »Na, die hat sie vor mir mein Leben lang immer gut verborgen«, erwiderte Sarah und schaffte es endlich wieder einmal, breit zu grinsen.
   »Die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern sind oft schwierig«, gab Magda zu. »Aber für viele junge Frauen in ihrer Bank ist Hedwig ein Vorbild. Sie hat ihnen sozusagen den Weg geebnet, denn vor ihr gab es dort nur Männer in den Chefetagen.«
   Sarah nickte kauend. Sie hatte diese Geschichten über die Vorbildfunktion ihrer Mutter schon oft genug gehört, und sie gaben ihr nur das Gefühl, auf irgendeine Weise mangelhaft zu sein.
   »Am Anfang hatte ich ja auch meine Schwierigkeiten mit ihr«, erzählte Magda nun. »Deine Mutter schien mir der Inbegriff der selbstsüchtigen, kalten, erfolgsorientierten Deutschen. Aber du weißt selbst, wie sehr sie mir geholfen hat. Ohne ihre Unterstützung würde ich vielleicht heute noch für fremde Leute putzen.«
   Hedwig hatte der polnischen Haushälterin das Geld für ihren eigenen Blumenladen geliehen. Inzwischen war es bis auf den letzten Cent zurückbezahlt worden, aber einen zinsfreien Kredit hätte Magda bei keiner Bank bekommen. Wann genau diese zwei Frauen ein Liebespaar geworden waren, hatte Sarah niemals erfahren und auch nicht zu fragen gewagt. Weder Magda noch Hedwig sahen aus wie eine jener Lesben, über die ihre Freundinnen zu Schulzeiten Witze gerissen hatten: als Männer verkleidete Männerhasserinnen. Hedwig trug stets dezente, elegante, teure Businesskleidung. Magda liebte grell bunte Blumenkleider, klappernden Schmuck und leuchtend rotes Haar. Erst auf der Modeschule hatte Sarah gemerkt, wie sehr die gewagten, auf den ersten Blick fast verstörenden Farbkombinationen ihrer Stiefmutter ihren eigenen Geschmack beeinflusst und von den Fesseln üblicher Konventionen befreit hatten. Sie konnte sich nicht erinnern, dass Hedwig jemals mit einer anderen Frau liiert gewesen wäre. Die gelegentlichen Liebhaber waren allesamt männlich gewesen und hatten recht häufig gewechselt, obwohl sie einander zum Verwechseln ähnlichgesehen hatten: Attraktive Männer in eleganten Anzügen, die ihre teuren Autos unter dem Fenster parkten, um bald schon wieder in ihnen zu entschwinden. Kein Mann könne es aushalten, wenn für eine Frau ihr Beruf an erster Stelle kam, hatte Hedwig immer wieder gewettert. Noch unerträglicher sei für ihn die Vorstellung, dass eine Frau ihn auf der Karriereleiter einholen, ja, vielleicht sogar hinter sich lassen könnte.
   Sarah hatte schweigend zugehört und genickt. Ihren heimlichen Wunsch nach einer Mutter, die öfter zu Hause war, manchmal Kuchen buk oder ein leckeres Essen kochte, anstatt ständig bei einem Take-away zu bestellen, hatte sie vorsichtshalber für sich behalten.
   Dann war Magda gekommen, die eben all jene Dinge tat, und Sarah endgültig klarmachte, dass sie ihre ganze Kindheit lang weniger einen Vater denn eine Mutter vermisst hatte. Für eine junge Polin vom Land war dies vermutlich auch ihre erste Liebschaft mit einer Frau gewesen, und wider alle Erwartungen war daraus eine Beziehung gewachsen, die nun schon über fünfzehn Jahre anhielt.
   »Übrigens hat gestern wieder diese Rosalie angerufen«, wurde sie von Magda aus ihren Gedanken gerissen. »Ich hatte ihr ja deine Nummer bei Rainer gegeben, und der muss ihr dann erzählt haben, dass du nicht mehr bei ihm wohnst. Also versuchte sie es nochmals hier.«
   Sarah nickte und leerte ihre Kaffeetasse. »Hat sie gesagt, was sie genau will?«
   »Es ging um diesen Daniel. Ich habe ihr gesagt, dass du nicht weißt, wo er ist, aber sie blieb hartnäckig und wollte selbst mit dir reden.«
   »Warum habt ihr mich nicht geholt?«, fragte Sarah, während sie Magda half, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen.
   »Du hast schon geschlafen, aber vielleicht magst du diese Tante Rosalie ja zurückrufen. Ich habe ihre Nummer für dich aufgeschrieben.« Magda lief in den Flur, wo sich das Telefon befand, und überreichte Sarah einen Zettel. »Ich muss jetzt kurz los, um ein paar Einkäufe zu erledigen. Du kannst natürlich mitkommen, wenn du nicht allein sein möchtest«, sagte sie.
   »Schon gut, ich bin kein hilfloses Kind«, wehrte Sarah ab. »Geh ruhig, ich packe dann endlich alle meine Sachen aus. Und morgen kann ich auch wieder in die Arbeit.«
   Magda warf ihr einen Blick unter halb geschlossenen Lidern zu. »Vielleicht solltest du auch über den Vorschlag deiner Mutter nachdenken«, sagte sie sanft. »In ihrer Bank würdest du viel besser verdienen. Es wäre ja nicht auf ewig, nur, bis du eine Arbeit gefunden hast, die dir wirklich gefällt.«
   Sarah unterdrückte einen Seufzer. Magda verstand es, solche Vorschläge unaufdringlich und hübsch verpackt zu präsentieren. War es nicht doch eine Überlegung wert, eine sichere, solide bezahlte Arbeitsstelle anzunehmen, auch wenn sie ihr nicht gefiel? Als Single hätte sie genug Zeit, wieder Kleider zu entwerfen, selbst wenn sie Vollzeit arbeitete. Nur wollte ihre Entwürfe niemand haben, flüsterte eine nörgelnde Stimme in ihrem Gedächtnis, und es war durchaus zu befürchten, dass sie niemals von ihrer Leidenschaft würde leben können. In diesem Fall hätte sie lieber bis an ihr Lebensende Hundefutter verkauft, statt Zahlen in einen Computer zu tippen, aber das Callcenter zahlte zu wenig, um ihr eine eigenständige Existenz zu ermöglichen.
   »Ich werde darüber nachdenken«, versprach sie schließlich, um sich im Moment nicht weiter mit dem Problem auseinandersetzen zu müssen.
   Magda lächelte zufrieden, zog ihren Mantel an und verließ das Haus. Sarah ging in ihr Zimmer hinauf, wusch Freddys inzwischen leere Futterschüssel im Bad aus und reinigte dort auch das Katzenklo. Dann öffnete sie Lolas Käfigtür und spazierte mit dem Papagei auf der Schulter wieder ins Erdgeschoss hinab, während Freddy ihr hinterhereilte. Dies war die beste Gelegenheit, um Tante Rosalie anzurufen, obwohl sie keine besondere Lust auf das Gespräch hatte. Wenigstens hätte sie ihre Mutter nicht im Rücken, die sich gern in alles einmischte. Tante Rosalie war die Schwester ihres Großvaters, fiel Sarah, die sich nie besonders für ihre Verwandtschaft interessiert hatte, nun ein. Sie hatte sie von seltenen Familientreffen als schrullige, versponnene Dame in Erinnerung.
   Während Lola an ihrem Ohrläppchen knabberte, legte Sarah den Hörer an ihr freies Ohr und tippte die Nummer.
   »Rosalie Walter«, meldete sich nach drei Klingeltönen eine freundliche Frauenstimme.
   »Ich bin’s.«
   Schweigen.
   »Sarah, deine … äh … Großnichte oder so was. Du wolltest mit mir reden.«
   »Ach ja, Sarahkind, schön, dass du dich meldest.«
   Sarah begriff nicht ganz, warum die alte Dame so glücklich klang.
   »Ich glaube, ich brauche deine Hilfe«, redete sie auch schon weiter. »Kannst du mich besuchen kommen?«
   Die Frage kam so völlig unerwartet, dass Sarah im ersten Moment keine Antwort wusste. »Es tut mir sehr leid, aber das geht nicht«, erwiderte sie. »Ich muss arbeiten.«
   »Meine Güte, du klingst wie deine Mutter. Hedi musste auch ständig arbeiten. Nimm dir doch ein paar Tage frei, und komm zu mir. Es ist wichtig.« Tante Rosalies Stimme hatte einen drängenden Tonfall angenommen.
   Sarah schüttelte sich innerlich, denn sie wurde ungern mit ihrer Mutter verglichen. »Also Tante Rosalie, das geht bei mir aber wirklich nicht. Ich muss arbeiten, weil ich pleite bin.«
   »Ach du meine Güte, ist das dein ganzes Problem?«, erwiderte die alte Frau mit ehrlichem Staunen. »Ich kann dich schon eine Weile durchfüttern, keine Sorge. Diese nette Haushälterin deiner Mutter sagte mir, dass dein Verlobter dich verlassen hat. In einer solchen Lage braucht eine Frau Zeit, um sich auf sich selbst zu besinnen. Komm einfach her. Ich habe ein freies Zimmer.«
   Der Hörer klebte in Sarahs Hand. Ein paar Wochen, in denen sie sich nicht mit der Frage herumschlagen müsste, wie sie zu ihrem nächsten Gehalt kam, klangen geradezu paradiesisch. Tante Rosalie würde sie sicher nicht drängen, die nächstbeste freie Stelle in einer Bank zu besetzen. Was hatte sie zu verlieren, wenn sie das Angebot annahm? »Ich habe einen Papagei und einen Kater. Können die mitkommen?« Von dieser Frage sollte alles abhängen, beschloss sie, denn sie wollte ihre Tiere nicht ihrer Mutter aufdrängen, obwohl Magda sicher gut für sie sorgen würde.
   »Natürlich, Sarahkind, warum nicht?«, versprach Tante Rosalie sogleich. »Ich muss mit dir über Daniel reden, den Enkel meiner Schwester. Es geht aber auch um meine eigene Großmutter, Antonia Walter. Hast du schon von ihr gehört?«
   »Die Schriftstellerin? Natürlich. Eine kleine Berühmtheit, wenigstens zu ihrer Zeit, nicht wahr? Was hat sie plötzlich mit Daniel zu tun?«
   Sarah wurde ernsthaft neugierig. Sie erinnerte sich, dass diese Antonia Walter ein Buch über die russische Revolution veröffentlicht hatte, nachdem sie viele Jahre lang Gouvernante einer russischen Adelsfamilie gewesen war.
   »Worum es genau geht, sage ich dir, wenn du da bist. Nimm den nächsten Zug nach Rosenheim. Bis dann, Sarahkind.«
   Es knackste in der Leitung, als Tante Rosalie auflegte. Sarah blieb verblüfft zurück, denn eigentlich hatte sie das Gespräch selbst so bald wie möglich beenden wollen. Nun tat sie ein paar Atemzüge, wählte dann die Nummer des Callcenters. Sie musste wenigstens sichergehen können, dass sie ihre Arbeit nicht gleich verlor.
   »Sarah? Du meldest dich ein bisschen spät«, nörgelte die Stimme ihres Teamleiters, der sieben Jahre jünger war als sie und sein Studium abgebrochen hatte. Seit er dennoch in eine Art Führungsposition aufgestiegen war, gebärdete er sich wie ein stolzer Gockel.
   »Ich kann morgen leider wieder nicht kommen«, erklärte Sarah und staunte, wie schuldig sie sich plötzlich fühlte. »Ich bin immer noch krank. Und dann muss ich für … für zwei Wochen wegfahren. Es tut mir wirklich sehr leid, aber ich komme natürlich, sobald ich wieder da bin.«
   Sie wusste, dass sie sich viel herausnahm. Der Vorteil ihres unkonventionellen Arbeitsverhältnisses bestand offiziell darin, dass sie frei entscheiden konnte, wie viele Stunden sie jede Woche arbeitete, doch die Firma hatte dies schnell zu ihrem eigenen Vorteil gestaltet, denn die Angestellten hatten zu erscheinen, wenn sie gebraucht wurden. Bestand kein Bedarf, ließ man sie ohne Bezahlung zu Hause bleiben.
   »Du hast bereits ein paar Tage gefehlt«, kam es nörgelnd zurück.
   »Ich habe angerufen und mich krankgemeldet«, widersprach Sarah.
   »Zu kurzfristig. Das mögen wir nicht. Ich kann dir nicht versprechen, ob wir dich in ein paar Wochen noch brauchen.«
   Sarah fühlte Zorn in ihrem Magen kribbeln. Sie arbeitete seit zwei Jahren in dem Callcenter und war vor der Trennung von Rainer nie krank gewesen. »Ich kann auch nicht garantieren, ob ich wiederkomme. Ich habe ein paar andere Angebote«, sagte sie schnippisch.
   Der Teamleiter schwieg einen Moment. »Na gut, wie du meinst. Gute Reise.«
   Wieder knackste es in der Leitung. Sarah atmete tief durch. Nun also war sie arbeitslos. Freddy strich maunzend um ihre Beine und sie kraulte ihn.
   »Irgendwie werde ich es schon schaffen, euch beide zu ernähren«, flüsterte sie ihm zu.
   Lola krächzte nochmals. Der Kater schien völlig unbeeindruckt.
   Sarah machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer, wo Hedwigs Computer stand. Sie musste nachsehen, wann die Züge nach Rosenheim fuhren, doch vorher googelte sie noch schnell nach Antonia Walter. Ein paar Antiquariate boten das Russlandbuch an. Mehrere Klicks später tauchte ein Schwarz-Weiß-Foto von einer jungen, dunkelhaarigen Frau mit überdimensionalem Hut, Rüschenbluse und verklärtem Blick auf. Vermutlich eine Aufnahme der Sozialistin und Suffragette, die nach dem Ersten Weltkrieg ein Buch über die politische Entwicklung Russlands verfasste, hatte jemand die Aufnahme eifrig kommentiert. Sarah sah ihre Ururgroßmutter erstmals genauer an, und fand, dass sie einer Romanfigur jener Frau Courths-Mahler glich, deren Vornamen ihre Mutter zu ihrem Leidwesen erhalten hatte. Wie hatte diese verträumte, elegante Gestalt es geschafft, derart gegen Konventionen ihrer Zeit anzugehen? Und was hatte Daniel, der sich niemals mit der Geschichte der Frauenemanzipation befasst hatte, plötzlich mit ihr zu tun?
   Immerhin hat nicht jeder eine Ururgroßmutter, die im Internet zu finden ist, dachte Sarah und begann zu lächeln.

3. Kapitel
Sankt Petersburg, 23. September 1904

»Je ne connais pas ce mot«, erklärte Katja und schüttelte ratlos ihre blonden Korkenzieherlocken.
   »Mais on l’a appris hier! Tu ne fais jamais attention!«, mahnte ihre ältere Schwester Norah.
   Katja stieß einen Wutschrei aus und warf ihr das Deutschlehrbuch an den Kopf, doch Norah vermochte rechtzeitig auszuweichen, sodass dem Geschoss eine Porzellanvase auf der Kommode zum Opfer fiel. Katja heulte daraufhin noch lauter und teilte ihrer Lehrerin auf Französisch mit, dass die deutsche Sprache zu hässlich sei, als dass sie sich diese Wörter merken könnte.
   Im Hintergrund stimmte die jüngste Tochter, ein Mädchen von etwa vier Jahren, in das Geplärr mit ein, als hätte sie Angst, sonst von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.
   »Das reicht jetzt«, rief Antonia auf Französisch, jener Sprache, in der sie hier die meiste Zeit kommunizierte.
   Ihre Worte gingen in dem allgemeinen Lärm unter. Katja hatte Norah einen Schubs versetzt und sie an den Haaren gezogen. Antonia unterdrückte mühsam den Impuls, der Übeltäterin eine Ohrfeige zu verpassen, denn auf diese Weise hatte sie ihre Neffen im Haus von Onkel Theodor bei Raufereien stets zur Räson gebracht. Mit den Töchtern eines Grafen durfte sie so nicht umgehen. In dem Augenblick, in dem Antonia zu befürchten begann, dass es hier langsam zuging wie in einem Asyl für weibliche Geisteskranke, öffnete sich zu allem Übel auch noch die Tür. Sie erstarrte in der Furcht, das Gesicht der Gräfin Wolgorina zu erblicken, doch die Dame des Hauses schlief meistens lange. Vor ihr stand nur eines der zahlreichen Dienstmädchen, deren Namen sie sich bis heute nicht hatte merken können, und starrte ihr verstört entgegen.
   »Es ist alles in Ordnung. Wir haben nur eine Vase zerbrochen«, erklärte Antonia auf Französisch.
   Das Dienstmädchen sah noch verwirrter aus. Dann ließ Katja ein paar russische Worte erklingen und die junge Frau entfernte sich sogleich.
   »Sie wird hier gleich aufräumen«, erklärte Katja mit einem triumphierenden Lächeln. »Wie lange sind Sie eigentlich schon hier? Sie sprechen immer noch kein Wort Russisch.«
   »Weil niemand hier versucht, es mir beizubringen«, erwiderte Antonia sogleich.
   Norah nickte. Die älteste Wolgorin-Tochter war so ernsthaft, wie Antonia es früher selbst gewesen war, und hätte allein wahrscheinlich kaum Ärger gemacht. Nur verstand Katja es leider hervorragend, Menschen durch Kommentare oder auch nur Blicke zu provozieren, sodass es zwischen beiden Schwestern ständig Streit gab. Wurden sie dabei erwischt, zog sich die Jüngere durch ihr Engelsgesicht meist schnell aus der Affäre.
   »Setzt euch hin und übersetzt den Text zu Ende«, sagte Antonia in dem Bestreben, so etwas wie Ordnung in das Unterrichtszimmer zu bringen. »Euer dummes Benehmen hat einer armen Bediensteten unnötig Arbeit bereitet.«
   »Sie ist doch hier, um für uns aufzuräumen«, erwiderte Katja sogleich und nahm wieder auf ihrem Stuhl Platz. »Sie kann sogar von Glück reden, wenn ich meinem Vater nicht erzähle, dass sie die Vase umgeworfen hat.«
   Antonia spürte den Zorn in ihrem Magen brodeln. »Du würdest es tatsächlich einem unschuldigen Mädchen anhängen, das dadurch vielleicht sogar seine Anstellung verliert?« Als sie den ersten Blick auf Katja geworfen hatte, wäre ihr niemals in den Sinn gekommen, dass sich hinter deren lieblichem Antlitz etwas anderes verbergen könnte als Unschuld. Inzwischen war sie eines Besseren belehrt worden.
   »Es gibt genug von ihrer Sorte«, sagte Katja gelassen. »Schicken wir eine zurück in ihr Dorf, bekommt die Nächste eine Chance. Dumm sind sie allesamt, also macht es keinen Unterschied.«
   Antonia tat ein paar tiefe Atemzüge, denn der Drang, Katja zu ohrfeigen, drohte übermächtig zu werden, aber sie wusste, dass dies der falsche Weg gewesen wäre. Woher sollte ein verwöhntes Mädchen wissen, wie es anderen Leuten in dieser Welt erging? Leider waren alle bisherigen Versuche, ihren Schülerinnen die elenden Lebensbedingungen einfacher Menschen näherzubringen, wenig fruchtbar gewesen. Einschlägige Bücher wie die Dramen von Gerhard Hauptmann vermochten sie noch nicht zu lesen, und Antonia bezweifelte, dass die Gräfin jemals eine derartige Lektüre gestatten würde. Mademoiselle Martin, die französische Gouvernante, gab den Mädchen jedenfalls nur harmlose Liebesromane zu lesen und hielt selbst Hugos Elende für unpassend.
   »Mach die Übersetzung fertig, wenn du selbst nicht als dumm gelten willst«, kam Norah ihr unerwartet zu Hilfe.
   Antonia atmete auf. Während die Mädchen nun ihre Köpfe zusammensteckten und tatsächlich versuchten, ihre Aufgabe zu erledigen, überlegte sie, ob die zerbrochene Vase am Ende ihr angelastet werden würde. Katja wäre es zuzutrauen, die Dinge so darzustellen, denn sie mochte ihre deutsche Gouvernante nicht. Antonia hatte sich bisher zu wenig von ihren Augenaufschlägen und Tränen beeindrucken lassen. Leider war der Graf Wolgorin seiner zweiten Tochter ganz besonders zugetan, und wenn sie ihm auf den Schoß kletterte, reichte das Blau ihrer Augen, um jedes ihrer Worte in eine Art göttliche Offenbarung zu verwandeln. Ob man ihr den Wert der Vase vom Gehalt abziehen würde? Es schien unwahrscheinlich, denn die Wolgorins waren schon aus reinem Hochmut großzügig. Wegen zerbrochenen Porzellans viel Aufhebens zu machen, wäre ihnen kleinlich erschienen. Aber sie konnte sich auf ein paar abfällige Blicke der Gräfin gefasst machen, weil sie mit den Mädchen nicht fertiggeworden war.
   Als draußen eine Glocke erklang, die ihre Schülerinnen zum Mittagessen rief, atmete Antonia auf. Sie hatte niemals geahnt, wie anstrengend die Aufgaben einer Gouvernante sein konnten.
   Sie rechnete damit, wie üblich auf ihrem Zimmer zu essen, doch wurde sie auf dem Gang vom Grafen persönlich abgefangen. Er war ein rundlicher Mann mit Wangenbart, der sich weiblichen Angestellten gegenüber manchmal allzu vertraulich benahm. Antonia hatte er bisher kaum beachtet. Vermutlich lag es an ihren mangelnden Rundungen und der Brille, die sie beim Unterricht stets tragen musste, um lesen zu können.
   »Es würde uns sehr freuen, wenn Sie uns beim Essen Gesellschaft leisten, Fräulein Walter«, sagte er in einem bemühten, aber fast fehlerfreien Deutsch. »Wir haben Gäste, die sich sehr für Ihre Heimat interessieren.«
   Antonia wurde unwohl, aber sie wusste, dass sie nicht ablehnen konnte. »Ich mache mich nur schnell frisch«, erwiderte sie hastig, knickste und lief auf ihr Zimmer, um ihre Frisur zu richten und die vermaledeite Brille abzunehmen. Sie hätte gern noch ein besseres Kleid angezogen, aber dafür war keine Zeit.
   In einem großen Saal, an dessen Decke die Kristalle des Lüsters wie leuchtende Punkte schwebten, waren etwa ein Dutzend Leute versammelt. Der Graf saß am Kopf des Tisches, seine Frau ein Stück daneben. An seiner anderen Seite hatte er Katja platziert, die ihn mit großen Augen ansah. Norah beschäftigte sich indessen mit ihrer jüngsten Schwester. Mademoiselle Martin war ebenfalls anwesend, was Antonia beruhigte, denn so fühlte sie sich hier weniger fremd. Sie eilte zu der Französin mittleren Alters im hochgeschlossenen schwarzen Kleid. Dabei entdeckte sie ein paar ihr bisher unbekannte Gesichter, jene Gäste, die ihr angekündigt worden waren. Ein Ehepaar mit zwei Söhnen, ein älterer Herr, eine höchst elegante Dame mit Federboa, und neben dieser saß ein Mann, der ihr bekannt vorkam. Graue Schläfen, eine hohe Stirn und freundliche, kluge Gesichtszüge. Ihr Retter vom Bahnhof war keine auffällige Gestalt, doch hätte sie ihn unter hundert anderen wiedererkannt.
   Als sie sich setzte, spürte sie, wie sein Blick sie streifte. Er neigte den Kopf zur Begrüßung und lächelte ihr zu.
   »Das ist ein Jugendfreund des Grafen Wolgorin«, flüsterte Mademoiselle Martin ihr unaufgefordert ins Ohr. »Baron Kujakow. Er hat einige Jahre in Deutschland studiert. Dann kam er nach Hause und heiratete eine reiche Erbin.«
   Ihre schmalen Lippen verzogen sich zu einem süffisanten Lächeln. Antonia verspürte aus unerklärlichen Gründen Ärger, als wäre sie von der Französin bei etwas Verbotenem ertappt worden.
   Es gab Tomatensuppe als Vorspeise. Antonia orientierte sich an der Fürstin Wolgorina, um nicht den falschen Löffel zu nehmen. Im Haus von Onkel Theodor hatte sie lautstark gewettert, wie zuwider ihr das arrogante Gehabe reicher Menschen sei, doch nun, da sie mitten unter ihnen saß, lähmte sie die Angst, sich durch unpassendes Benehmen zu blamieren. Sie konzentrierte sich auf die Aufgabe des Essens, die auf einmal voller unerwarteter Tücken steckte. Die Vorstellung, das blütenweiße Tischtuch durch eine Ungeschicklichkeit mit roten Flecken zu entstellen, trieb ihr den Schweiß aus den Poren.
   »Woher kommt die neue Gouvernante?«, fragte eine Frauenstimme auf Französisch.
   Antonia begriff, dass von ihr die Rede war, und blickte auf. Es war die Mutter der drei Knaben, eine blasse Frau, deren Ohrläppchen von schweren Gehängen fast zerrissen wurden, die nun in ihre Richtung sah. Antonia fragte sich, ob man ihr nicht zutraute, selbst zu antworten, denn die Frage war an die Gräfin Wolgorina gerichtet gewesen.
   »Es tut mir leid, ich habe vergessen, welche deutsche Stadt es genau war«, sagte die Dame des Hauses auch schon und wandte sich nun mit Hilfe suchendem Blick an ihren Mann. Antonia fühlte sich wie ein Gegenstand behandelt.
   »Ich komme aus Gießen. Das ist eine Stadt in Hessen«, verkündete sie nun, insgeheim stolz auf ihr inzwischen fließendes Französisch. Mehrere Gesichter sahen nun in ihre Richtung. Aus unerklärlichen Gründen kicherte Katja.
   »Es tut mir sehr leid, aber ich habe noch nie von diesem Ort gehört«, erklärte die Mutter der Jungen. Es klang nicht unfreundlich, was Antonia ermutigte, sich weiter an der Unterhaltung zu beteiligen. Immerhin hatte man sie bei dem Essen dabeihaben wollen.
   »Gießen ist nicht besonders groß, aber es hat eine eigene Universität. Als einzig bekannter Mensch, der dort geboren ist, fällt mir nur Wilhelm Liebknecht ein.« Sie lächelte bescheiden, dann wurde ihr klar, dass vermutlich niemand wusste, von wem sie sprach. »Er hat die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gegründet. Ein echter Revolutionär sozusagen.«
   Die Gräfin Wolgorina zog ein Gesicht, als hätte sie eine Fliege in ihrer Suppe entdeckt. Antonia spürte, wie ihre Achselhöhlen feucht wurden, denn sie begriff, dass sie etwas Unpassendes gesagt hatte. Warum schämte sie sich auf einmal für Dinge, auf die sie sonst stolz war?
   »Mit solchen politischen Angelegenheiten beschäftigen sich die Anwesenden nicht und haben deshalb leider nichts von ihrem Landsmann gehört, der in seiner Heimat sicher nicht zu Unrecht berühmt ist«, sagte nun ihr Retter vom Bahnhof, dessen Namen sie gerade erst erfahren hatte.
   Er lächelte Antonia beruhigend zu, dann verwickelte er den Hausherrn rasch in ein Gespräch über Pferde. Die Damen steckten tuschelnd ihre Köpfe zusammen. Antonia atmete auf, da sie nicht mehr beachtet wurde. Nur Mademoiselle Martin musterte sie noch aus den Augenwinkeln. Sie überstand den Rest des Essens, indem sie sich nach dem Gesundheitszustand der Französin erkundigte und ihr so die Gelegenheit zu einem längeren Vortrag über Gelenkschmerzen gab. So wirkte sie beschäftigt und wurde von niemandem mehr angesprochen. Als das Geschirr abgetragen wurde, begannen die Gäste des Grafen, sich zu verteilen. Die Gräfin wollte mit den Damen in den Garten gehen, während sich die Männer irgendwo zum Rauchen zurückziehen würden. Antonia murmelte ein paar Abschiedsworte und gab vor, noch Unterrichtsmaterialien durchsehen zu müssen. Niemand schenkte ihrer Flucht besondere Beachtung.
   Sobald sie allein im Gang stand, wurde ihr wohler. Mademoiselle Martin würde sich nun mit den Mädchen herumschlagen müssen und sie hätte ein paar Stunden für sich allein. Sie freute sich darauf, endlich jenes Buch beginnen zu können, das Onkel Theodor ihr geschickt hatte, die angeblich sehr sozialkritische Geschichte eines Mädchens aus gutem Hause von Gabriele Reuter.
   »Fräulein Walter, hätten Sie noch einen Moment Zeit?«
   Sie erkannte die Stimme sogleich und hatte sich erfreut umgedreht, bevor sie einen klaren Gedanken fassen konnte. Der Baron Kujakow trug einen eleganten, aber schlichten Anzug. Das gefiel ihr, denn die meisten russischen Männer, die sie bisher in diesem Haus getroffen hatte, stellten ihren Reichtum gern durch goldene Schmucknadeln und Siegelringe zur Schau.
   »Als ich Sie damals am Bahnhof traf, wirkten Sie verloren. Aber da waren Sie ja auch gerade erst angekommen. Wie gefällt Ihnen unser Land denn bisher?«
   »Oh, es ist eine ganz neue Erfahrung für mich«, stammelte Antonia, da ihr nichts Besseres einfiel. Etwas an seinem ernsten Blick drängte sie zu mehr Ehrlichkeit. »Offen gesagt kann ich kein Urteil fällen. Ich bin bisher kaum aus diesem Haus herausgekommen.«
   Sie hatte jeden Sonntag frei. Man drängte sie nicht zu Kirchenbesuchen, obwohl die Fürstin ihr erklärt hatte, wo sich ein evangelisches Gotteshaus befand. Antonia hielt es für klüger, nicht darauf hinzuweisen, dass sie Atheistin war. Ihre ersten Versuche, die Stadt zu erkunden, waren allerdings wenig erfreulich verlaufen.
   »Ich wollte ein paar Spaziergänge unternehmen, doch ich wurde sehr schnell von Betrunkenen belästigt«, gestand sie. Es war ihr peinlich, denn sie hörte sich an wie ein schutzbedürftiges Weibchen. Aber sie hatte nicht geahnt, wie schwer es sein konnte, sich in einem fremden Land zurechtzufinden, dessen Sprache sie nicht kannte.
   »Gab es denn niemanden, der Sie begleitet hätte?«, fragte der Baron. Sie schüttelte den Kopf.
   »Mademoiselle Martin, also meine französische Kollegin, kränkelt leider oft. Sie verlässt nur sehr ungern das Haus. Deshalb musste ich allein losziehen. In letzter Zeit verbringe ich meine freien Tage hauptsächlich im Garten, der ja wirklich sehr schön ist.«
   Es gab dort eine Bank zwischen Rosensträuchern, wohin sie sich stets mit einem Buch zurückzog. Insgesamt war dies keine unangenehme Art, ihre Freizeit zu verbringen, doch auf Dauer eintönig. Der Baron senkte kurz den Blick und scharrte mit den Füßen auf dem Teppich. Antonia überlegte, ob er auf eine Gelegenheit wartete, sich zurückzuziehen.
   »Es ist schade, dass man Sie derart allein lässt«, sagte er plötzlich.
   Sie erwiderte nichts, denn es gefiel ihr nicht, bemitleidet zu werden.
   »Ich bin hier als Angestellte, nicht auf Vergnügungsreise«, gab sie schließlich zu bedenken.
   Er nickte und schwieg ebenfalls eine Weile.
   »Vielleicht hätten Sie Lust, einen Ausflug mit mir zu unternehmen?«, schlug er auf einmal leise vor und vermied es, sie dabei anzusehen.
   Antonias Herz tat einen freudigen Sprung. An der Seite dieses Mannes wäre sie vor Belästigungen sicher und hätte endlich die Möglichkeit, das riesengroße Land, in dem sie sich schon seit Monaten befand, genauer kennenzulernen. Dann fielen ihr plötzlich die Worte von Mademoiselle Martin ein.
   »Die Dame am Tisch neben Ihnen, Ihre Gemahlin, wartet sicher schon auf Sie«, sagte Antonia schnell.
   Er sah ehrlich überrascht aus. »Das war die Prinzessin Wolkonskaya. Meine Frau verlässt selten das Haus.«
   Dadurch wurde die Lage kaum besser.
   »Also, würden Sie gern einen Ausflug unternehmen?«, wiederholte er seine Frage.
   Antonia biss sich unschlüssig auf die Lippen. Warum fühlte sie sich überhaupt schuldig? Es wäre ein Ausflug, nichts weiter. Eine Geste der Gastfreundschaft gegenüber einer Fremden. Dennoch mahnte eine leise Stimme in ihrem Inneren, dass sie dieses Angebot ablehnen sollte, wenn sie nicht ins Gerede kommen wollte. Sie hob den Blick. Einem Mann von seiner Stellung hätte sie niemals zugetraut, derart hilfsbereit und verständnisvoll zu sein. Doch nun musste sie ihm klarmachen, dass sie auch allein zurechtkäme, obwohl das nicht wirklich stimmte.
   »Ich würde Ihnen gern auch das Umland zeigen«, redete er schnell weiter, als wollte er sie eben daran hindern. »Interessieren Sie sich für das Leben der einfachen Leute, so wie Ihr berühmter Landsmann Liebknecht?«
   Ihr Kopf bewegte sich wie von selbst zu einem Nicken.
   »Vielleicht möchten Sie ein paar russische Dörfer besuchen. Das wäre wirklich eine ganz neue Welt für Sie. Darf ich Sie nächsten Sonntag gegen elf Uhr abholen? Ich werde in einer bald schon zum Stillstand auf der anderen Straßenseite warten. Niemand muss etwas mitbekommen, wenn Sie nicht wollen.«
   Und warum sollte niemand etwas mitbekommen, wenn es doch nur ein harmloser Ausflug war, wie er meinte? Antonia wurde leicht schwindlig. Wo war ihr Verstand geblieben, der sonst jede ihrer Verhaltensweisen geregelt hatte?
   »Ich werde da sein«, erwiderte sie nur, wandte sich mit einem kurzen Kopfnicken um und hastete auf ihr Zimmer. Der Baron Kujakow machte nicht den Eindruck, ein aufdringlicher Verführer zu sein. Sie würde dafür sorgen, dass es bei einer Besichtigung von Dörfern blieb, dann konnte niemand ihr irgendetwas vorwerfen.

Es war ein milder Herbsttag. Antonia hatte ihr beigefarbenes Sonntagskleid angezogen und einen Strohhut aufgesetzt, bevor sie vorgab, einen weiteren Spaziergang in der Stadt zu wagen. Niemand unternahm den Versuch, sie aufzuhalten. So trat sie auf eine breite, von Bäumen eingesäumte Straße, die sie bisher hauptsächlich von ihrem Fenster aus betrachtet hatte. Kutschen rollten an ihr vorbei, und bei ihrem Bemühen, auf die gegenüberliegende Straßenseite zu gelangen, wurde sie fast von einem Pferd überrannt. Sie atmete auf, als sie wieder auf dem Trottoir stand, warf einen raschen Blick auf das Haus der Wolgorins, doch konnte sie an keinem der Fenster ein Gesicht erkennen, das sie beobachtete. Sie begann, die Straße auf und abzugehen. Ihr fiel ein, dass sie nicht wusste, wie sie die Kutsche des Barons überhaupt erkennen sollte. Die meisten der Gefährte wirkten leer. In einem entdeckte sie einen jüngeren Mann, der mit einer Wodkaflasche in der Hand in einer Ecke auf der Sitzbank kauerte. Ihr Blick riss ihn aus seiner Starre, er lallte etwas und öffnete einladend die Kutschentür. Antonia hastete weiter. Vielleicht war das alles keine gute Idee gewesen. Der Baron Kujakow hatte es sich anders überlegt oder war aus irgendeinem Grund verhindert. Sie stellte sich bereits innerlich auf einen weiteren Tag im Garten ein. Immerhin hatte sie an dem neuen Buch Gefallen gefunden. Als sie bereits auf eine Gelegenheit wartete, die Straße nochmals unversehrt überqueren zu können, hörte sie plötzlich, wie ihr Name gerufen wurde. Sie wandte sich ratlos um und sah einen Arm aus einer Kutsche in einer Seitengasse winken. Der Baron war klug genug gewesen, außerhalb der Sichtweite des Hauses auf sie zu warten.
   Wenn ihr Treffen in derartiger Heimlichkeit arrangiert werden musste, konnte es nicht gut sein. Sie dachte kurz nach, verscheuchte dann ihre Bedenken. Es wäre peinlich gewesen, einfach wegzulaufen, und sie wollte diesen Ausflug unternehmen.
   Der Baron Kujakow begrüßte sie freundlich und rückte ein Stück zur Seite, um ihr Platz zu machen. Er hatte Tee in einer Thermoskanne mitgebracht, den sie gemeinsam tranken, als die Kutsche losrollte.
   »Was hat Sie bewogen, ausgerechnet nach Russland zu kommen?«, fragte er nach einer Weile gemeinsamen Schweigens.
   »Ich schloss das Lehrerinnenseminar ab und wollte etwas von der Welt sehen. England und Frankreich kannte ich bereits. Meine Eltern waren nicht arm und reisten gern. Sie brachten das geerbte Geld gemeinsam durch und starben dann beide bei einer Grippeepidemie. Ich war erst zwölf, als ich zu meinem Onkel kam, der Schullehrer war. In Russland war ich nie gewesen, aber ich mag die Romane von Tolstoj und vor allem liebe ich Tschechow. Deshalb meldete ich mich auf ein Inserat und bin so in Sankt Petersburg gelandet.«
   Sie fürchtete, nun einen abgedroschenen Kommentar zu hören, wie etwa, dass dies ein sehr mutiges, abenteuerlustiges Verhalten für eine junge Dame war, aber der Baron schwieg und musterte die vorbeiziehende Landschaft. Sie hatten die Stadt bereits verlassen und Antonia staunte über die Ausmaße des Birkenwaldes, in den sie eingetaucht waren. Es war, als hätten sie innerhalb kürzester Zeit die Zivilisation hinter sich gelassen, um in einer gewaltigen Wildnis zu verschwinden, deren Bäume dem Himmel entgegenwuchsen.
   »Ich habe auch immer Bücher geliebt«, sagte der Baron nun. »Mein Vater hatte dafür kein Verständnis, denn er meinte, ein Mann solle sich besser mit der Jagd und dem Krieg befassen. Meine Mutter war sehr fromm. In ihren Augen lästerten die meisten Schriftsteller gegen Gott. Meine englische Gouvernante lieh mir heimlich Romane, sonst hätte ich keine bekommen.«
   Antonia staunte, denn sie hatte stets gedacht, dass man alles bekam, wenn man reich geboren wurde. »Auch darin hatte ich mit meinem Onkel Glück. Meine Neugier auf die Welt wurde in jeder Hinsicht gefördert.«
   Der Baron nickte. »War Ihr Onkel Sozialist?«, fragte er völlig unvermittelt.
   Antonia begriff nicht, warum sie sich wie bei einer Schandtat ertappt fühlte. »Ja, das stimmt. Wie sind Sie darauf gekommen?«
   »Sie sprachen mit solchem Stolz von diesem Wilhelm Liebknecht. Das kommt nicht von ungefähr.«
   Antonia wandte ihm den Kopf zu. »Ich bin der Meinung, dass die Lage der Arbeiter verbessert werden muss, denn sie waren bisher die Leidtragenden des technischen Fortschritts unserer Zeit. Außerdem sollten mehr Frauen einen eigenen Beruf erlernen. Und auch das Wahlrecht bekommen, denn von politischen Entwicklungen sind wir ebenso betroffen wie die Männer.«
   Er sah erstaunt aus, aber nicht empört, wodurch er endgültig ihre Sympathie gewann.
   »Mit solchem Denken wurde ich erst während meines Studiums in Deutschland konfrontiert«, erzählte er.
   »Existiert es in Russland denn gar nicht?«, fragte Antonia enttäuscht.
   »Doch, das tut es, aber hauptsächlich im Untergrund. Die Gesetze sind sehr streng. Unser Zar hat panische Angst vor jeder Veränderung und geht rigoros gegen Aufwiegler vor. Meine Eltern schirmten mich so gründlich vor schlechten Einflüssen ab, dass ich lange dachte, ich sei der einzige Mensch in Russland, der gegebene Verhältnisse nicht für selbstverständlich hielt.«
   Antonia hatte all ihre Bedenken über diesen Ausflug vergessen, denn nun war ihre Aufmerksamkeit gefesselt. »Und trotzdem ließ man Sie im Ausland studieren?«
   Er lachte auf. »Meine Eltern hatten eine sehr hohe Meinung von Deutschland. Disziplin, Ordnung und Tüchtigkeit waren in ihren Augen Tugenden, die ich nur dort lernen konnte. Nach England, wohin ich zuerst wollte, ließen sie mich nicht, denn das war ihnen zu liberal und daher suspekt.«
   Welch ein Unsinn, dachte Antonia und fragte, was er studiert hatte.
   »Geschichte und Philosophie. In Heidelberg.«
   Für eben jene Fächer hätte sie sich auch entschieden, doch war es ihr schon aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen.
   Während sie überlegte, wie ungerecht diese Welt war, kam die Kutsche plötzlich zum Stillstand. Sie erblickte ein kleines Dorf mit einer Kirche, deren kugelrunde Kuppeln ihr inzwischen vertraut waren. Sie war ebenso aus Holz gebaut wie die großteils ärmlichen Häuser. Nur zwei der Wohngebäude machten einen stattlichen Eindruck, der auf Wohlstand schließen ließ. Ein paar Frauen und Kinder liefen zwischen Hühnern und Hunden herum. Beim Anblick der Kutsche blieben sie wie versteinert stehen. Ihre Blicke waren misstrauisch, fast ängstlich, doch begrüßten sie den Baron mit Ehrfurcht. Ein altes Weib eilte humpelnd herbei. Ihre kleinen, von Falten umhüllten Augen strahlten wie bei einem jungen Mädchen, dem ein lang ersehnter Wunsch erfüllt wurde. Unter aufgeregtem Gebrabbel fiel sie auf die Knie und küsste die Hand des Barons. Antonia trat einen Schritt zurück, denn diese Zeichen der Unterwürfigkeit missfielen ihr. Er hob die Alte auf, schloss sie in die Arme und redete freundlich auf sie ein. Tränen liefen über ihre runzligen Wangen.
   »Das ist meine einstige Amme«, erklärte er. »Sie ist sehr glücklich, mich wiederzusehen.«
   Sie wurden von den Anwesenden in eines der größeren Häuser geladen, wo man ihnen Wodka und eine Kartoffelsuppe anbot. Gleichzeitig wurde Tee aus einem Samowar ausgeschenkt und mit Marmelade gesüßt. Dies sei bei einfachen Leuten so üblich, erklärte der Baron, da er Antonias erstauntes Gesicht bemerkt haben musste. Die Wolgorins benutzten Zucker, vermutlich, da es als europäischer galt. Antonia aß mit Appetit, denn das Essen schmeckte hervorragend. Das Haus war einfach eingerichtet, doch geräumig genug für eine größere Familie, die es wohl auch bewohnte. Wie der Baron Kujakow ihr erzählte, lebte hier der Bürgermeister des Dorfes, doch waren nun auch die anderen Leute hereingekommen, um den Gästen Gesellschaft zu leisten. Einige der Kinder wirkten sehr mager, und die Frauen sahen älter aus, als sie vermutlich waren. Die deutschen Arbeiter, denen Antonia bei den von ihrer Tante organisierten Essensspenden begegnet war, hatten allerdings keinen gesünderen Eindruck gemacht. Im Gegenteil, die Gesichter der Bauern hatten einen frischeren Farbton, was an der Arbeit im Freien liegen musste. Was Antonia wirklich störte, war die Ehrerbietung, die dem Baron allgemein entgegengebracht wurde, als traute man ihm zu, allein durch Handauflegen Krankheiten zu heilen. Er schien dies zu spüren, denn manchmal warf er ihr verlegene Blicke zu, während sich neu Hinzugekommene vor ihm verneigten. Sie selbst wurde von den Bauern teils neugierig, teils offen misstrauisch gemustert. Eine Unterhaltung mit ihr war aufgrund der Sprachbarriere unmöglich, doch hätte der Baron sicher übersetzt, wenn irgendjemand ihr Fragen gestellt hätte, was aber nicht geschah. Antonia fühlte sich wie ein Tier im Zoo, doch gleichzeitig wurde ihr klar, dass sie ihrerseits hierhergekommen war, um diese ihr fremden Menschen in ihrem normalen Umfeld betrachten zu können.
   Nachdem eine der Frauen das Geschirr abgetragen hatte, erzählte die Amme des Barons Kujakow sichtlich aufgebracht eine Geschichte, um sich anschließend Tränen aus den Augen zu wischen. Der Baron tätschelte ihre Hand, aber sein Gesicht hatte sich verdüstert. Antonia begann ernsthaft neugierig zu werden, doch schien ihr das nicht der passende Moment für Fragen. Ein Mann mit Rauschebart und langer schwarzer Robe trug noch etwas zum Gespräch bei. Antonia ahnte, dass dies der Pope war. Es fiel ihr nicht leicht, sich mit der orthodoxen Kirche zu arrangieren, die ihr sehr mystisch und von daher rückständig schien, doch machte dieser Mann einen klugen Eindruck und redete mit leiser, sachlicher Stimme. Der Baron wurde nach dem Gespräch still und drängte zum Aufbruch. Die Dorfbewohner verabschiedeten ihn herzlich. Antonia wurde zögernd zugenickt.
   »Der Enkel meiner Amme ist verhaftet worden«, erzählte Baron Kujakow bereitwillig, als sie wieder in der Kutsche saßen.
   »Aus welchem Grund?«
   »Verbotene politische Aktivitäten. Er arbeitete in einer Fabrik in Sankt Petersburg und ließ sich dort nicht alles gefallen.« Er krallte seine Hände um die gepolsterte Bank.
   »Ich muss sehen, was ich für ihn tun kann. Die Zeit drängt. Sobald er in Sibirien ist, kommt er nicht so schnell wieder zurück.«
   Sie hörte die Sorge in seiner Stimme. Ihre Kehle wurde eng, und ihr wollte kein unverfängliches Gesprächsthema mehr einfallen. Was ein unterhaltsamer Ausflug in eine exotische Umgebung hatte werden sollen, wurde auf einmal von allzu viel unschöner Wirklichkeit überschattet. Auch der Baron blieb in Gedanken versunken, bis ihr Wagen wieder vor dem Haus der Wolgorins zum Stillstand gekommen war.
   »Bitte halten Sie mich auf dem Laufenden, was mit dem Jungen geschehen ist«, sagte sie, bevor sie nach höflichen Abschiedsfloskeln aus der Kutsche sprang.
   Der Baron nickte und lächelte sie auf einmal wieder an. »Es hat mich sehr gefreut, dass Sie mich begleitet haben, Fräulein Walter.«
   Antonia bedankte sich höflich für die Zeit, die er ihr gewidmet hatte, wartete dann noch einen Augenblick. Als er nichts mehr sagte, kehrte sie zu dem Haus der Wolgorins zurück.
   Der Umstand, dass er kein weiteres Treffen vorgeschlagen hatte, enttäuschte sie, und deshalb war sie wütend auf sich selbst. Was erhoffte sie sich eigentlich von diesem Mann?

4. Kapitel

»Hast du vielleicht eine Ahnung, wer mein Vater gewesen sein könnte?«, fragte Sarah, während sie aus dem Fenster starrte. Draußen fielen wieder dichte, schwere Schneeflocken und es begann zu dämmern. Freddy lag schnurrend auf ihrem Schoß. Lolas Käfig war bereits zugehängt worden. Es versprach, ein friedlicher Abend zu werden. Sarahs Anspannung ließ von Tag zu Tag nach. Nun, mit einem Glas Tee in der Hand, hatte sie es endlich gewagt, jene Frage zu stellen, die sie beschäftigte, seit sie denken konnte.
   »Hat deine Mutter es dir denn nie gesagt?«
   Tante Rosalie runzelte leicht die Stirn. Trotz ihrer dreiundsechzig Jahre erinnerte sie Sarah manchmal an ein Kind, das die Mechanismen der Welt noch nicht ganz durchschaut hatte.
   »Meine Mutter tut, was ihr gefällt. Ich glaube, sie war sehr sauer auf meinen Vater. Deshalb sollte ich gar nicht erst in Versuchung geraten, ihn kennenlernen zu wollen. Immer, wenn ich sie fragte, hieß es, es sei nicht wichtig. Er war abgehauen, und sie wusste selbst nicht, wo er lebte. Ich habe nie den Mut aufgebracht, genauer nachzuhaken. Meine Mutter war immer so reizbar.«
   »Das ist mir auch aufgefallen.« Tante Rosalie seufzte. »Aber sie hat es auch sehr schwer gehabt, gerade mit ihrem erzkonservativen Vater. Mein Bruder Horst war ja schon als Kind ein kleiner Tyrann und später …«
   »… warf er seine Tochter aus dem Haus, weil sie kurz nach dem Abi schwanger wurde, ohne einen Ehemann vorweisen zu können«, ergänzte Sarah den ihr bekannten Teil der Geschichte. Fragten sich Leute manchmal, was es für ein Gefühl war, die Ursache einer solchen Katastrophe gewesen zu sein?
   »Ob er sie hinauswarf, weiß ich nicht«, erzählte Tante Rosalie nach kurzem Überlegen. »Sie hatten sich schon vorher die ganze Zeit gestritten. Deine Mutter war damals sehr rebellisch, trug verrückte Kleidung und hörte wilde Musik.«
   »Wie? Sie war ein Hippie oder so was?« Sarah musste lachen, denn das passte so gar nicht zu der Frau, die sie ihr Leben lang gekannt hatte.
   Tante Rosalie ging nicht darauf ein. Vermutlich hatte sie keine Ahnung, was Hippies überhaupt waren. »Hedwig war auf ihre Art ebenso stur wie Horst«, erzählte sie stattdessen.
   »Woran sich nichts geändert hat«, warf Sarah spöttisch ein.
   »Als sie nach München ging, da prophezeite Horst ihr eine Zukunft als Sozialhilfeempfängerin«, sagte die Tante leise.
   »Und sie richtete ihr ganzes Leben danach aus, ihm das Gegenteil zu beweisen.« Nachdem Sarah den nächsten bissigen Kommentar ausgesprochen hatte, wurde ihr plötzlich bewusst, wie hervorragend das ihrer Mutter gelungen war. Beruflich so erfolgreiche Frauen wie sie hatten im Vorstellungsvermögen des alten Mannes wahrscheinlich überhaupt nicht existiert.
   »Ich habe mich immer gefragt, wann sie anfing, sich Antonia Walter zum Vorbild zu nehmen«, sinnierte Tante Rosalie leise und schenkte ihnen nochmals Tee ein.
   Mit einem Mal erinnerte sich Sarah, dass sie selbst aus irgendeinem Grund wegen dieser Urahnin mit Internetpräsenz eingeladen worden war. Bisher hatte die alte Dame taktvoll darauf verzichtet, ihr irgendwelche Fragen zu stellen. Sarah sollte das Gefühl bekommen, um ihrer selbst willen willkommen zu sein.
   »Wann es anfing, weiß ich auch nicht«, beantwortete sie nun Tante Rosalies Frage. »Aber der Grund ist sicher, dass diese Antonia Walter auch so eine erfolgreiche Feministin war, die Männer nicht leiden konnte.«
   Es überraschte sie, Tante Rosalie leise lachen zu hören.
   »Wenn sie Männer immer so gehasst hätte, wäre sie wahrscheinlich nicht mit einem unehelichen Kind aus Russland zurückgekommen.«
   Sarah beugte sich so ruckartig vor, dass Freddy von ihrem Schoß rutschte.
   »Wie? Sie war nicht verheiratet, als dein Vater geboren wurde?«
   »Nein, und das war damals eine viel heiklere Angelegenheit als heute«, erzählte Tante Rosalie seufzend. »Mein Vater hat in seiner Kindheit sehr darunter gelitten, ein Bastard zu sein. Ebenso wie du erfuhr er niemals, wer ihn gezeugt hatte. Antonia meinte nur, der Mann sei Russe gewesen. Mehr sagte sie nicht, bis sie schließlich in London starb.«
   »Was hat sie denn in London gemacht?« Sarah hatte nicht damit gerechnet, eine Vorfahrin mit so wechselhafter Lebensgeschichte zu haben.
   »Sie war vor den Nazis geflohen. Antonia ging als junges Mädchen nach Russland. Dort blieb sie über zehn Jahre. Nach der Revolution stand sie eines Tages mit einem Kind im Arm vor dem Haus ihrer Verwandten. Es gelang ihr bald, sich finanziell unabhängig zu machen, zunächst als Lehrerin, später durch ihr Buch über Russland und schließlich als Journalistin. Sie war eine engagierte Sozialistin, und als die Nazis an die Macht kamen, stand sie auf der falschen Seite. Es war klug von ihr, gleich zu emigrieren. Mein Vater verbrachte einen Teil seiner Jugend in England, erst nachdem der Zweite Weltkrieg vorbei war, besuchte er Deutschland. Er lernte meine Mutter kennen und blieb ihretwegen.« Tante Rosalie lächelte versonnen.
   »Das heißt, du weißt nur, dass dein Großvater väterlicherseits irgendein Russe war, sonst nichts?«, fragte Sarah fassungslos. Diese Antonia hatte tatsächlich viele Ähnlichkeiten mit Hedwig gehabt.
   Tante Rosalies Gesicht verdüsterte sich sogleich.
   »Mein Vater hatte einen bestimmten Verdacht, von dem er nur sehr ungern sprach.«
   »Was war das?«
   Die alte Dame seufzte. »Er kam auf die Idee, als er hörte, was während des Zweiten Weltkrieges vielerorts mit Frauen gemacht worden war. In Russland galten Deutsche ab 1914 ja als Feinde. Er meinte, es wäre möglich, dass…«
   Sie senkte den Blick, unfähig, das Ungeheuerliche in Worte zu fassen. Antonia verspürte plötzlich tiefes Mitleid mit jenem Urgroßvater, den sie niemals kennengelernt hatte. Es war schlimm genug, die Identität des eigenen Vaters nicht zu kennen, aber zu befürchten, man verdanke die eigene Existenz einer Gewalttat, musste eine fast unerträgliche Last sein.
   »Hat sie denn jemals irgendwelche Andeutungen gemacht? Ich meine, eine Frau, der so etwas passiert ist, die muss doch irgendwie … traumatisiert sein?« Ihr fiel ein, dass dies ein sehr modernes Wort war. Früher waren solche Dinge vielen Frauen widerfahren, und sie hatten ihr Leben ohne irgendwelche Hilfe weiterführen müssen.
   »Er meinte manchmal, sie hätte vielleicht aus diesem Grund niemals geheiratet«, erzählte Tante Rosalie. »Das war bei einer Frau damals sehr ungewöhnlich. Und Antonia hatte durchaus Angebote, trotz ihrer radikalen Ansichten.«
   Sarah rieb sich die Arme, denn sie fröstelte plötzlich, obwohl die Heizung aufgedreht war.
   »Also mochte sie vielleicht doch keine Männer?«
   »So war es nicht«, widersprach Tante Rosalie. »Sie hatte viele männliche Freunde, erzählte mein Vater. Manche von ihnen waren auch mehr als das, denn diese Linksradikalen haben es ja nie besonders genau mit der Moral genommen. Nur geheiratet hat sie keinen von ihnen, obwohl es mehrere Anträge gab.«
   Ihre schmalen Lippen verzogen sich leicht missbilligend. Der Umstand, dass sich eine Frau über den Lebenswandel ihrer Großmutter empören konnte, verleitete Sarah zu einem Grinsen.
   »Wir werden wohl nie erfahren, wie es wirklich war«, stellte sie fest. Auf einmal fand sie diesen Umstand ärgerlich, denn sie brannte vor Neugierde. »Hast du dieses Russlandbuch irgendwo hier?« Noch vor einer Woche hätte sie kaum Interesse an den Aufzeichnungen einer Gouvernante aus vergangenen Zeiten gehabt, aber vielleicht gab es in diesem Buch irgendeinen versteckten Hinweis, was ihrer Ururgroßmutter im versunkenen Zarenreich widerfahren war.
   »Mein Vater hatte natürlich eine Ausgabe«, erzählte Tante Rosalie. »Horst und ich mussten sie lesen, als wir Kinder waren. Vielleicht hat Horst deshalb eine solche Abneigung gegen die politische Linke entwickelt. Er hasste Bücher nämlich schon immer.« Sie lächelte fast spitzbübisch und stand auf. »Wir können auf dem Speicher nachschauen, wenn du möchtest.«
   Sarah stand sofort auf den Beinen. Falls sich das Buch finden ließ, würde es ihre Abendlektüre werden.
   Die alte Dame stieg die Treppen sehr langsam hoch, da sie wohl schon Schwierigkeiten mit den Gelenken hatte. Zum Glück gab es auch auf dem Speicher elektrische Beleuchtung, denn sonst wären sie im Dämmerlicht über die zahlreichen Kisten und Kartons gestolpert, mit denen der Raum fast bis zur Decke gefüllt war. Eine dicke Staubschicht wurde aufgewirbelt, sobald Tante Rosalie begann, die Kartons herumzurücken. Sarah musste husten und hörte ihre Großtante leise irgendetwas murmeln.
   »Hier hinten war es irgendwo. Dort hatte Vater den alten Koffer mit ihren Sachen hingestellt.«
   Es rumpelte, als ein paar Kisten umfielen. Sarah eilte ihrer Tante besorgt zu Hilfe, aber inzwischen fingerte die alte Dame an dem rostigen Verschluss eines alten Koffers herum, während ein Stück neben ihr vergilbte Gardinen aus einer der umgefallenen Kisten quollen.
   »Das hat wahrscheinlich seit Jahrzehnten niemand aufgemacht.« Sie seufzte.
   Sarah versuchte es nun ihrerseits und brach sich einen Fingernagel an der Schnalle ab. Sie erinnerte sich an einen Ratschlag, den eine Freundin aus der Modeschule ihr einmal gegeben hatte. Beim Öffnen von störrischen Kofferschlössern konnte eine Nagelfeile Wunder bewirken. Sie lief rasch nach unten, um eine Feile zu holen, schob und schabte mit ihr an dem Schloss herum, bis es wie durch Zauberhand aufsprang. Ungeduldig öffnete sie den Deckel des Koffers und erstarrte vor Ehrfurcht.
   Vor ihr lag ein säuberlich gefaltetes Damenkleid, das aus den späten 30er Jahren stammen musste. Es war mit einem dezenten Blütenmuster übersät und wies einen zauberhaft verarbeiteten Spitzenkragen auf. In der Modeschule hatte sie gelernt, den Wert alter Schneiderarbeit zu schätzen, hob das Kleid daher vorsichtig hoch, um es genauer zu betrachten. Es war tailliert geschnitten und aus einem dünnen, aber soliden Baumwollstoff gefertigt. Sie hielt es an ihren Körper. Antonia Walter musste bis zu ihrem Tod eine sehr schlanke Frau gewesen sein, denn Sarah ahnte, dass es ihr wie angegossen passen würde, aber nur, weil sie nach der Trennung von Rainer abgenommen hatte.
   Sorgsam legte sie das Kleid zur Seite und untersuchte den Inhalt des Koffers genauer. Ein paar Nachthemden kamen zum Vorschein, zwei lederne Handtaschen, ein robuster Wollrock und eine dazu passende Jacke. Schließlich entdeckte sie eine Rüschenbluse, die jener glich, mit der Antonia auf dem Foto im Internet zu sehen war. Der enge, hohe Kragen war mit Rüschen verziert, die bereits ein paar Löcher aufwiesen, doch ließen sie sich problemlos erneuern. Auch der modrige Geruch, der an den Kleidungsstücken haftete, würde sich durch eine vorsichtige Handwäsche beseitigen lassen. Sarahs Hände zitterten vor Aufregung. Sie hatte eine Entdeckung gemacht, von der andere Mädchen aus der Modeschule träumten.
   »Diese Sachen sind inzwischen einiges wert«, teilte sie Tante Rosalie mit. »Wusstest du das nicht?«
   Die alte Dame schüttelte ratlos den Kopf. »Dieser alte Kram? Mein Vater hob ihn als Erinnerung an seine Mutter auf, und deshalb brachte ich es niemals übers Herz, ihn wegzuwerfen. Aber diese Kleidung ist doch schon lange aus der Mode gekommen.«
   Sarah lachte auf. »Jetzt ist sie wieder gefragt und heißt Vintage.« Sie setzte sich auf eine der verstaubten Kisten und atmete tief durch. Seit sie aufgehört hatte, selbst zu schneidern, hatte sie kein derartiges Kribbeln mehr empfunden, das sich fast wie Glück anfühlte. »Sieh dich doch mal im Internet um, wie viel ein gut erhaltenes Kleid aus vergangenen Jahrzehnten kostet«, erzählte sie der weiterhin skeptisch dreinblickenden Rosalie. »Inzwischen oft mehr, als die erste Besitzerin einst dafür zahlte. Vor allem die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, also die Zeit der Weltkriege, hat Seltenheitswert. Da kann man kaum noch Kleider auftreiben, die so gut erhalten sind, dass man sie anziehen könnte.«
   »Na ja, dann muss man sie eben neu nähen«, sagte die alte Dame kopfschüttelnd. »Mich hätte in deinem Alter niemand dazu gebracht, in den alten Sachen meiner Mutter oder Oma herumzulaufen. Das taten doch nur arme Leute!«
   »Tja, so ändern sich die Zeiten«, erwiderte Sarah schmunzelnd.
   Ihre Großtante zuckte mit den Schultern. »Wenn du willst, dann habe ich ein paar Kleidungsstücke hier, die ich als junges Mädchen getragen habe. Du kannst sie haben.«
   »Du meinst die Sechziger und frühen Siebziger?«, rief Sarah begeistert. »Tantchen, du wärest ein Engel. Aber ich will dir nichts stehlen. Jetzt lässt sich wirklich Geld damit machen, glaub mir.«
   »Ach was.« Die alte Dame wehrte den Vorschlag mit einer unwirschen Handbewegung ab. »Ich brauche nichts. Meine Mutter sagte immer, es sei Verschwendung, Sachen wegzuwerfen, und deshalb habe ich es auch selten gemacht. Du siehst ja den Zustand von meinem Speicher. Aber zum ersten Mal erlebe ich, dass es sich wirklich gelohnt hat.«
   Sarah lächelte glücklich. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sich ihr Aufenthalt im Haus dieser alten Dame so vorteilhaft entwickeln würde. Ihr fiel wieder ein, wonach sie ursprünglich gesucht hatte. Sie beugte sich nochmals zu dem Koffer und tastete seinen Inhalt vorsichtig ab. »Da ist kein Buch drin«, meinte sie. In ihrem Rücken hörte sie Tante Rosalie seufzen.
   »Meine Güte, natürlich nicht. Wie dumm von mir! Mein Vater hat diesen Koffer ja auch nie aufgemacht, soviel ich weiß. Das Buch muss er woanders aufbewahrt haben. Wenn ich nur wüsste, wo!«
   »Wir suchen morgen weiter«, schlug Sarah vor. Die Vorstellung, sich durch diesen chaotischen Speicher zu wühlen, war aufregend wie eine Schatzsuche.
   Tante Rosalie nickte. Sarah überlegte einen Moment, dann schloss sie den Koffer wieder.
   »Das nehme ich erst einmal mit nach unten und werde es mir in meinem Zimmer genauer anschauen. Du kannst gern schlafen gehen, wenn du willst. Ich komme auch allein zurecht.«
   Sie wusste inzwischen, dass die alte Dame früh zu Bett ging, und wollte sie nicht unnötig aufhalten. Gemeinsam traten sie den Rückweg an.
   Auf den Stufen blieb ihre Großtante plötzlich ruckartig stehen und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »Hoffentlich hat Daniel Antonias Buch nicht auch mitgenommen«, murmelte sie, mehr an sich selbst gewandt.
   Sarah stellte den Koffer ab. »Er war hier? Ich dachte, er hätte zu allen Verwandten den Kontakt abgebrochen. Schon vor Jahren.«
   »Zu seinen Eltern, ja, das war immer ein schwieriges Verhältnis«, erzählte die alte Dame. »Meine Nichte Irene heiratete einen Mann, der meinem Bruder Horst ähnelte. Mit Daniels aufsässigem Wesen kam er nie zurecht und brüllte den Jungen dauernd an. Irene schaffte es nicht, ihren Sohn zu verteidigen, aber ich habe Daniel stets gemocht. Er war kein so verbissener Prediger von Moral und Ordnung, sondern witzig und charmant.«
   Sarah staunte, denn so hatte sie ihre erste große Liebe nie gesehen. Ein ungeliebter Sohn, der nicht die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllte. Hatte sie dennoch gespürt, dass sie ein gemeinsames Schicksal teilten, und sich deshalb derart in ihn verliebt? Aber das war jetzt unwichtig. Sie trug den Koffer ins Wohnzimmer, wo sie sich auf den rosafarbenen Plüschsessel setzte.
   »Du hast mich doch eingeladen, weil ich dir irgendetwas über Daniel erzählen sollte.«
   Die Dinge sollten endlich geklärt werden und Tante Rosalie war zu rücksichtsvoll, um selbst damit anzufangen.
   »Ja, natürlich, das war ein Grund. Aber vor allem wollte ich dich einmal wiedersehen. Als du ein kleines Mädchen warst und ich dich gelegentlich bei Familienfesten sah, da mochte ich dich sehr. Du warst so still und empfindsam, ganz anders als deine Mutter. Wenn ich selbst Kinder hätte haben können, dann hätte ich mir eine Tochter wie dich gewünscht.«
   Sarah staunte, dass ihr Tränen der Rührung in die Augen stiegen. Sie riss sich verlegen zusammen. »Also, was willst du über Daniel erfahren?«, holte sie die alte Dame auf den Boden der Tatsachen zurück.
   Tante Rosalie setzte sich ebenfalls und legte die Hände in den Schoß. »Eigentlich wollte ich dich bitten, ob du nicht doch irgendwie herausbekommen könntest, wo er jetzt wohnt. Ihr habt euch früher so gut verstanden.«
   So kann man es auch beschreiben, dachte Sarah und unterdrückte ein Grinsen. »Früher, als ich Teenager war, da war er für mich der Inbegriff all dessen, wofür ich schwärmte. Später sah ich ihn nur noch selten bei Familienfesten. Es tut mir leid, aber ich habe wirklich keine Ahnung, wo er sein könnte. Warum ist das plötzlich so wichtig? Er war doch vor einer Weile hier, hast du gesagt. Wieso kennst du dann seinen Wohnort nicht?«
   Als sie Tante Rosalies niedergeschlagenes Gesicht erblickte, begann sie zu ahnen, was vorgefallen war. Daniel hatte sich kein bisschen verändert.
   »Er hat dich bestohlen, nicht wahr? Deshalb hast du vorhin befürchtet, dass er auch das Buch mitgenommen hat. Es sollte ein netter Familienbesuch werden, aber er steckte irgendwelche Wertgegenstände ein und verschwand, ohne eine Adresse zu hinterlassen.«
   »Ich bin immer so furchtbar naiv«, gestand die alte Dame gequält. »Das hat Horst mir schon vorgeworfen, als wir noch Kinder waren. Ich mochte Daniel und war froh, dass er zu mir kam, als er in Schwierigkeiten steckte. Die ganzen Warnungen, die ich von der Familie gehört hatte, schlug ich in den Wind.«
   Erstaunlicherweise machten diese Worte Sarah wütend. In ihrer Neigung, sich für alles schuldig zu fühlen, glich die gutmütige Rosalie ihr selbst. »Du hast doch nichts falsch gemacht, sondern wolltest ihm helfen. Er hat sich übel verhalten, und du solltest ihm Vorwürfe machen anstatt dir selbst«, stellte sie die Dinge klar.
   Tante Rosalie nickte, sah aber nicht wirklich überzeugt aus. Sarah kraulte Freddy, der sich zu ihr gesetzt hatte. Obwohl sie instinktiv wusste, dass es immer noch gefährlich sein konnte, sich zu sehr mit Daniel zu befassen, kam sie nicht gegen ihre Neugier an.
   »In welchen Schwierigkeiten steckte er denn?«
   »Ach, das Übliche. Er hatte kein Geld. Ich habe ja ein Drittel von dem Vermögen meines Vaters geerbt und außerdem das Haus bekommen, das damals keiner wirklich wollte. Aber im Gegensatz zu meinen Geschwistern bekam ich keine Kinder, hatte daher auch viel weniger Ausgaben. Es schien mir immer nur gerecht, Verwandten in Not zu helfen.«
   »Du hast ihm Geld gegeben und trotzdem steckte er noch etwas ein?«
   Sarah hatte Daniel als leichtlebigen Charmeur ohne besondere Prinzipien in Erinnerung, aber ein solches Verhalten überstieg ihre schlimmsten Befürchtungen.
   »Ich gab ihm, was er brauchte, um seine Schulden zu bezahlen«, erzählte die alte Dame. »Zunächst wirkte er zufrieden. Dann zeigte ich ihm den Speicher, denn er war gerade in eine neue Wohnung gezogen, also dachte ich, er kann vielleicht etwas von dem alten Kram gebrauchen. Da muss er den Schmuck entdeckt und mitgenommen haben.«
   »Welchen Schmuck denn?«
   Tante Rosalie sah nun ungeduldig aus, als hielte sie Sarah für begriffsstutzig.
   »Na, den Schmuck, den Antonia Walter damals aus Russland mitbrachte. Mein Vater überließ ihn mir gemeinsam mit dem Haus, weil ich ihn bis zum Tode pflegte. Ich hatte niemals Gelegenheit, solche Juwelen zu tragen, aber aus Liebe zu meinem Vater brachte ich es nie übers Herz, sie zu verkaufen. Ich merkte nur durch Zufall, dass das Schmuckkästchen weg war. Nach Daniels Besuch.«
   Sarah verschränkte die Arme vor der Brust. Eine so gutherzige Person wie Tante Rosalie derart zu hintergehen, schien ihr der Gipfel an Gemeinheit. »Was für Juwelen waren es? Ich meine, wie sahen sie in etwa aus?«
   »Na ja, solche Sachen, die reiche Damen früher trugen. Ziemlich überladen für meinen Geschmack. Die Ohrringe waren so schwer, dass ich nur von ihrem Anblick Kopfschmerzen bekam. Eigentlich lag das alles hier nur nutzlos herum, aber es sind Familienerbstücke, und ich will nicht, dass Daniel sie einfach verkauft.«
   »Du hättest die Polizei benachrichtigen sollen!«, erwiderte Sarah empört. »Sie wäre sicher auch in der Lage, Daniel aufzutreiben.«
   Nun streifte sie ein vorwurfsvoller Blick aus graublauen Augen. »Egal, was Daniel angestellt hat, wir sind immer noch eine Familie. So etwas kann ich nicht tun. Aber ich dachte mir, dass du mir vielleicht helfen könntest.«
   Tante Rosalie ging zu einem Sideboard und füllte zwei Gläser mit dem süßen Likör, den sie abends gern trank. Sarah wäre Wein oder auch Whiskey lieber gewesen, aber sie wollte sich nicht schwierig zeigen.
   »Vielleicht würde es dir gelingen, Daniel zu finden und ihm ins Gewissen zu reden«, sagte die alte Dame, als sie wieder auf ihrem Sofa saß. »Ich bin weiterhin der Meinung, dass er kein wirklich schlechter Kerl ist, nur manchmal leichtsinnig. Er soll mir einfach den Schmuck zurückgeben und sagen, wie viel Geld er noch braucht. Vielleicht kann ich es irgendwie für ihn auftreiben.«
   Sarah konnte nicht entscheiden, ob sie derartige Güte für bewundernswert oder für dumm halten sollte. Aber da es Tante Rosalie vor allem darum ging, ihren Schmuck wiederzubekommen, wäre dieses Vorgehen vielleicht keine schlechte Strategie. Sie dachte kurz nach, dann nickte sie. »Ich werde nach Daniel suchen.«
   So konnte sie sich für Tante Rosalies Freundlichkeit erkenntlich zeigen. Nur die Vorstellung, dass sie zum ersten Mal seit Jahren ein persönliches Gespräch mit Daniel führen sollte, weckte ein Kribbeln in ihrem Magen, das ihr verdächtig schien. Aber sie war inzwischen eine erwachsene Frau, ermahnte sie sich, und Daniel hatte gerade erneut bewiesen, was von ihm zu halten war. Mit dem Likörglas in der Hand lehnte sie sich auf dem Sessel zurück und versuchte, all die plötzlich aufkeimenden Ideen in geordnete Bahnen zu lenken. »Zunächst einmal wäre es gut, wenn du eine genaue Beschreibung von dem Schmuck für mich machen könntest, am besten mit Zeichnungen. Es ist möglich, dass Daniel ihn schon irgendwo im Internet zum Verkauf anbietet. Dann schreib mir die Telefonnummern von seinen Eltern und seiner Schwester auf. Keine Sorgen, ich werde mir eine unverfängliche Geschichte ausdenken, warum ich ihn sehen will. Ach ja, und hat er irgendetwas erzählt, wofür er das Geld brauchte und ob er eine Arbeit hat?«
   Tante Rosalie legte die Stirn in Falten.
   »Er sagte, er hätte Schulden gemacht, aber jetzt hätte er eine Arbeit. Irgendetwas mit diesen Computern, die überall stehen. Ich habe es nicht ganz begriffen, aber es hatte mit Seiten zu tun. Dabei heißt es doch, man würde viel weniger Papier brauchen als früher, weil alles elektronisch ist.«
   »Er entwirft Webseiten?«, riet Sarah ins Blaue und unterdrückte ein amüsiertes Lächeln.
   »Ja, so ähnlich klang es«, stimmte die Großtante zu.
   Sarah seufzte. Jeder, der sich für kreativ hielt und Ahnung von Computern hatte, wollte irgendwann Webseiten entwerfen, doch nur wenige konnten davon leben. Das war nicht wesentlich anders als bei Modedesignern. Fest stand nur, dass Daniel in keiner Firma angestellt war, nach der sie hätte suchen können. Die Angelegenheit versprach kompliziert zu werden, aber das machte sie auch reizvoll.
   »Wenn du für deine Suche Geld brauchst, dann ist es überhaupt kein Problem. Sag mir nur wie viel«, bot Tante Rosalie an.
   Sarah hätte ihr gern versichert, dass sie allein zurechtkäme, aber leider stimmte das nicht.

»Irene Siebert?«
   Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang vornehm und kühl wie das Rascheln von Seide.
   »Hallo, mein Name ist Sarah Walter. Ich bin die Enkelin von Horst Walter, also Ihrem Onkel.«
   »Ich weiß. Die Tochter von Hedwig. Worum geht es?« Die Antwort kam schnell und ebenso seidenglatt.
   Kurz überlegte Sarah, ob sie diese Irene nicht duzen sollte. Es fiel ihr allerdings schwer, denn sie konnte sich kaum erinnern, wann sie Daniels Mutter zuletzt gesehen hatte. »Wissen Sie, wo Daniel ist?«
   Es folgte eine längere Pause des Schweigens.
   »Du hast dich doch nicht wieder in ihn verliebt, Sarah?« Die Stimme war deutlich weicher geworden.
   »Aber nein, natürlich nicht.«
   »Gott sei Dank. Ich würde jeder Frau raten, die Finger von ihm zu lassen. Für alle Menschen, die Hoffnungen in ihn setzen, wird er früher oder später zur Enttäuschung.«
   Das Urteil klang so gnadenlos und vernichtend, dass Sarah plötzlich Mitleid für Daniel empfand. »Das heißt, Sie … du weißt nicht, wo dein Sohn jetzt lebt?«
   »Nein. Und ehrlich gesagt lege ich auch keinen Wert darauf, es zu erfahren. Grüße Hedwig von mir und einen schönen Tag noch.«
   Irene legte den Hörer so ruckartig auf, dass es Sarah in den Ohren schmerzte. Sie musste schlucken. Zwar hatte sie oft genug geklagt, dass ihre Mutter dauernd etwas an ihr auszusetzen hatte, aber sie wusste, dass Hedwig niemals auf derart vernichtende Weise über sie sprechen würde. Allerdings hatte Daniel auch so einiges in seinem Leben ausgefressen. Sie wählte nun die Nummer seiner Schwester, bei der sich nur ein Anrufbeantworter einschaltete. Wahrscheinlich war sie berufstätig, denn sie hatte im Gegensatz zu Daniel stets Wert auf ein geordnetes Leben gelegt. Sarah stellte sich vor und bat um Rückruf, mit dem aber wahrscheinlich erst am Abend zu rechnen wäre. So trank sie nun in Ruhe ihren Morgenkaffee aus und überlegte, was sie als Nächstes in Angriff nehmen sollte. Mit der Polizei und dem Einwohnermeldeamt hatte sie bereits erfolglose Gespräche geführt. Man erteilte nicht so einfach Auskunft über den Wohnort von Leuten, auch nicht an Verwandte. Sarah hätte zu gern den Diebstahl des Schmucks erwähnt, was die Lage sicher geändert hätte, aber sie wollte Tante Rosalie nicht hintergehen. Hilfe von Behörden war also nicht zu erwarten.
   Sie zerbrach sich schon seit Tagen den Kopf, aber ihr wollte kein vollständiger Name von einem jener Freunde einfallen, mit denen Daniel früher herumgezogen war. Sie hatten alle möglichst cool klingende Spitznamen wie »Atze«, »Joe« oder »Flocke« gehabt, von einer Zukunft als Rockmusiker oder Radiomoderatoren geträumt und waren sich großartig vorgekommen, weil sie problemlos an den Türstehern der angesagtesten Diskotheken vorbeikamen.
   Sarah beschloss, in die Stadt aufzubrechen. Vielleicht wäre alles nicht so schwer, und sie hätte Daniel schon nach ein paar Klicks im Internet gefunden. Nachdem sie geduscht hatte, ging sie den inzwischen gesammelten Kleidervorrat durch. Tante Rosalie hatte Wort gehalten und ihr gleich zwei volle Koffer überlassen, deren Inhalt sie inzwischen gründlich inspiziert hatte. Drei Stapel lagen nun in ihrem Zimmer, denn sie hatte sorgfältig getrennt, was sie behalten, verkaufen und noch umnähen wollte. Nun beschloss sie, auch etwas von den Sachen anzuziehen. Eine fast vergessene Begeisterung pulsierte durch ihre Adern, als sie bodenlange Polyesterkleider aus der ABBA-Zeit, gerüschte Hängerchen, die gemeinsam mit den Hippies Ende der Siebziger salonfähig geworden waren, und weit schwingende Röcke aus den Fünfzigern prüfend hochhob. Schließlich entschied sie sich für ein Kleid aus der Rock ’n’ Roll-Zeit mit einem dunkelgrünen Blumenmuster. Sie kombinierte es mit blickdichten Strumpfhosen und einem schwarzen Pullover, um nicht von Kopf bis Fuß wie aus einem Kostümfilm auszusehen. Schließlich legte sie schwarze Ohrclips an und hängte sich eine Kette aus glitzernden Steinen um. Zufrieden lächelte sie ihr Spiegelbild an. Es fehlten nur noch dunkler Lippenstift und ähnlicher Nagellack, beides Dinge, die zu benutzen Rainer ihr durch leises aber beharrliches Nörgeln abgewöhnt hatte. Nun konnte ihr endlich egal sein, was Rainer gefiel.
   Schließlich steckte sie Tante Rosalies Zeichnungen von den verschwundenen Schmuckstücken in ihren Rucksack und ging nach unten. Die alte Dame saß in ihrem Sofa und blätterte in einer Zeitschrift. Bei Sarahs Auftauchen blickte sie hoch. Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen.
   »Dieses Kleid hat meine Mutter in ihrer Jugend gern getragen. Ich hätte nie gedacht, es fast fünfzig Jahre später an einer Verwandten zu sehen. Es steht dir.«
   Sarah bedankte sich, gerührt, wie sehr ihre Begeisterung für alte Sachen Tante Rosalie erfreute. Sie erkundigte sich nach der nächsten Bushaltestelle und zog los. Den Bahnhof von Rosenheim zu finden, konnte nicht schwer sein, und dort war sicher auch irgendwo ein Internetcafé.

Etwa eine halbe Stunde später spazierte sie durch die Fußgängerzone. Nach einigem Herumirren und Abbiegen in engere Gassen entdeckte sie einen Laden, der Schmuck und Kosmetika anbot. Eine Haarspange, auf der eine mit Glitzersteinen verzierte Libelle hockte, zog Sarah magisch an. Sie erwarb den bewunderten Gegenstand zusammen mit einer Flasche dunkelgrünen Nagellacks und lilafarbenen sowie knallroten Lippenstift.
   Fast, als hätten diese Einkäufe ihr Glück gebracht, tauchte prompt ein Internetcafé auf. Sarah ließ sich von einem indisch aussehenden Mann zu einer Kabine lotsen, wo sie sich zwischen einen Afrikaner und zwei ständig kichernde Teenager quetschte. Dann begann sie, wie wild zu tippen. Die Suche nach Daniel Siebert brachte weder bei Google noch bei Facebook Erfolg. Wenn sie wenigstens wüsste, in welcher Stadt er lebte! Dann könnte sie dort gezielt nach Webdesignern suchen, aber falls er seine Dienste im Internet anbot, dann wohl nicht unter seinem richtigen Namen.
   Sie überlegte, ob sie nicht nach Hause fahren und auf den Anruf seiner Schwester warten sollte. Vielleicht würde sie von ihr mehr Auskünfte bekommen als von der feindseligen Mutter. Dann aber fielen ihr die Zeichnungen von dem Schmuck wieder ein. Wenn Daniel dringend Geld brauchte, würde er diese Wertsachen so schnell wie möglich verkaufen wollen. Und wo konnte man einfacher auf anonyme Weise Diebesgut loswerden als im Internet?
   Sie hatte früher viele Stunden damit verbracht, um nach solchen Kleidern zu suchen, wie sie auf Tante Rosalies Speicher herumgelegen waren. Daher kannte sie die einschlägigen Websites, wo Nachlässe und Speicherfunde angeboten wurden. Nach kurzem Überlegen beschloss sie, es zunächst mit eBay zu versuchen. Sie tippte »Schmuck, russisch« in die Suchfunktion und bekam ein paar bunte bemalte Lackdosen und silberne Folkloreketten angezeigt. Die Sachen gefielen ihr, waren aber nicht, was sie im Augenblick suchte. Schließlich beschloss sie, die Suche international zu erweitern. Auch Daniel wäre wohl auf die Idee gekommen, dass sich so für seltene Sammlerstücke ein besserer Preis erzielen ließ. Nun wurden ihr alte Bernsteinringe und Ketten angeboten sowie mit lieblichen Blüten bemalte Anhänger aus Porzellan. Wieder musste Sarah den Drang bekämpfen, sich alles genauer anzusehen. Im Augenblick war sie auf der Suche nach Schmuckstücken, die nicht ihrem Geschmack entsprachen. Sie rief die teuersten Angebote zuerst auf und fühlte sich ihrem Ziel endlich näher. Mit glänzenden Brillanten geschmückte Eier und Kreuze in verschiedenen Farbtönen, riesige Ringe und verschnörkelte Diademe warteten auf einen zahlungskräftigen Käufer, der bereit war, ein paar Tausend Euro für sie auszugeben. Sarah legte Tante Sarahs Zeichnungen neben sich auf den Tisch. Die alte Dame hatte ihr gestanden, dass sie nicht allzu genau sein konnten, da sie den Schmuck nur ab und an betrachtet hatte. Tatsächlich begann Sarahs Euphorie allmählich zu schwinden, als sie sich von Bild zu Bild klickte. Manche Ringe und Broschen ähnelten den Skizzen, doch war der Standort des Verkäufers meist in den USA oder irgendwo in Osteuropa. Sie überlegte bereits, eine Pause zu machen und sich einen Kaffee zu holen, als sie das Foto eines Rings entdeckte, dessen runder roter Stein von einer Diamantenkrone umschlossen war. Er wurde als Schmuckstück aus der Zarenzeit angeboten, sah aber im Vergleich zu den anderen Werken der Goldschmiedekunst sehr schlicht aus. Sarah hätte ihn wahrscheinlich nicht weiter beachtet, wäre ihr nicht kurz vor dem Weiterklicken aufgefallen, dass es sich um einen sogenannten Giftring handelte, der sich öffnen ließ. Sie hatte schon als Teenager solche Ringe geliebt, die ihr das Gefühl gegeben hatten, eine mittelalterliche Zauberin zu sein. Unter Tante Sarahs Zeichnungen war auch so ein Ring gewesen! Aufgeregt blätterte sie herum, fluchte innerlich über die Enge der Kabine und ließ die Blätter aus Versehen fallen. Beim Aufsammeln entdeckte sie die gesuchte Skizze. Tatsächlich, dieser Ring ähnelte auffallend dem Angebot aus dem Internet für bescheidene zwanzigtausend Euro, aber wie viel hatte das wirklich zu sagen? Waren alle Schmuckstücke der damaligen Zeit Unikate gewesen? Sie wusste es nicht, zweifelte aber daran. Doch dieser Verkäufer hatte als Standort Deutschland angegeben. Sarahs Herz schlug schneller, und sie beschloss, sich seine anderen Angebote anzusehen. Zwischen alten Zinnkrügen, neonfarbenem Plastikschmuck im New Wave Look, Hippieketten und Strassbroschen aus den Fünfzigern entdeckte sie tatsächlich ein paar jener Ohrringe und Colliers, die Tante Rosalie ihr aufgemalt hatte. Auch hier wurde ein deutlich höherer Preis verlangt als für die anderen Waren. Sie atmete tief durch und musste sich am Tisch festhalten. Auf einmal schien sie direkt vor ihrem Ziel zu stehen.
   Der Verkäufer lebte in Berlin, und die Menge der erhaltenen Bewertungen ließ darauf schließen, dass er den Internethandel mit altem Schmuck schon länger betrieb. Es passte nicht zu Daniel, eine derartige Karriere einzuschlagen. Vielleicht hatte er die gestohlenen Sachen inzwischen an diesen Händler verkauft. Sie klickte auf »Verkäufer kontaktieren« und begann zu grübeln, was sie ihm schreiben sollte. Eine kurze Bitte, ihr seine Telefonnummer mitzuteilen, da sie etwas mit ihm klären musste? Sollte sie direkt fragen, woher er den russischen Echtschmuck bezogen hatte? Wahrscheinlich würde ihm das höchst suspekt erscheinen. Ihr fiel ein, was ihre Mutter ihr immer wieder vorgeworfen hatte. Stets war sie zu nett, zu höflich, zu zurückhaltend. Vielleicht musste sie in dieser Lage anders auftreten.
   ‚Bei den von Ihnen angebotenen Schmuckstücken aus der Zarenzeit handelt es sich eventuell um Diebesgut. Bitte melden Sie sich umgehend bei mir, um das zu klären. Sonst sehe ich mich gezwungen, die Polizei einzuschalten. Anbei meine Handynummer.‘
   Als sie den Text abgeschickt hatte, wurde ihr leicht schwindlig. Sie wusste nicht, ob so eine Drohung besonders dumm oder geschickt gewesen war. Morgen schon könnte der Verkäufer seinen Account bei eBay gelöscht haben. Dann wüsste sie, dass sie auf der richtigen Spur gewesen war. Und sie wieder verloren hatte. Schließlich beschloss sie, dennoch auf eine der russischen Bernsteinketten zu bieten, da sie hervorragend zu dem braun gemusterten Siebzigerjahre-Kleid aus Tante Rosalies Fundus passte. Und dann brauchte sie noch einen Kaffee.

5. Kapitel
Sankt Petersburg, Februar 1905

Es schneite nun schon seit Wochen, und der eisige Wind schnitt in Antonias Haut wie zahllose Messerspitzen. Sie zog sich die Pelzmütze tiefer in die Stirn und bedeckte die untere Hälfte ihres Gesichts mit dem Schal. Die Uferpromenade entlang der Newa war derart von Menschen überflutet, dass sie schwer vorankam. Sie hatte es eilig, denn die Wolgorins erwarteten sie bereits um zwei Uhr im Haus, obwohl heute Sonntag und damit ihr freier Tag war. Mademoiselle Martin war unpässlich. Selbst nach sieben Jahren in Russland ertrug sie die winterliche Kälte und die kurzen Tage nur mit häufigen Klagen und regelmäßiger Bettlägerigkeit. Dann gab es niemanden außer Antonia, der die Mädchen hätte beaufsichtigen können. Sie konnte Sascha also nur zum Mittagessen in jenem kleinen Lokal treffen, wo sie sich im letzten halben Jahr immer wieder gesehen hatten, um Neuigkeiten auszutauschen. Nach dem ersten Ausflug in das Dorf hatte sie drei Wochen lang nichts von ihm gehört, aber dann war plötzlich ein Brief eingetroffen, in dem er sie zu einem Ausflug in der Stadt eingeladen hatte. Sie hatte nach einigem Überlegen beschlossen hinzugehen. Ihr Leben verlief sonst sehr eintönig, und sie wollte wissen, was aus dem verhafteten Jungen geworden war. Sie hatte erfahren, dass der Baron ihn tatsächlich freibekommen hatte, und war gerührt gewesen, seine Erleichterung darüber zu sehen.
   Inzwischen waren die Verabredungen mit ihm ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden und hatten dazu beigetragen, dass sie sich in diesem Land weniger fremd fühlte, ja sogar schon ein paar Worte Russisch sprechen konnte. Nachts plagten sie manchmal Bedenken, wie sie vor den Wolgorins dastehen würde, wenn herauskäme, mit wem sie einen Großteil ihrer freien Zeit verbrachte. Aber sobald der Morgen graute, kehrte wieder Klarheit in ihren Kopf zurück. Warum durfte es in dieser Welt keine Freundschaft zwischen Mann und Frau geben? Sie war nicht schuldig an all dem Schmutz, der in der Fantasie anderen Menschen zu wuchern begann, wenn sie von einer solchen Ungeheuerlichkeit erfuhren.
   Antonia schubste sich weiter ungeduldig durch die Menge. Die eisige, reine Luft ließ sie an glänzende Eiskristalle denken. Aber warum waren so viele Menschen bei dieser Kälte unterwegs? Die Anzahl der vorbeiziehenden Reiter und Karossen schien ihr nicht größer als sonst, aber einfache Leute, die wie sie bei Wind und Wetter zu Fuß unterwegs waren, stießen in immer größeren Mengen aus den Seitenstraßen hinzu, sodass Antonia schließlich das Gefühl bekam, wie ein Fisch in einem Schwarm dahinzuschwimmen. Als sie selbst abbiegen musste, war sie erleichtert, denn nun kam sie schneller voran. Sie überquerte den vornehmen Newski Prospekt und tauchte tiefer ins Innere der Stadt ein. Es machte ihr inzwischen keine Angst mehr, von Betrunkenen angesprochen zu werden, sie schüttelte aufdringliche Hände so selbstverständlich ab, wie sie es zu Hause auch getan hätte, und warf zur Not mit ein paar russischen Schimpfwörtern um sich. Sascha hatte ihr mehrfach angeboten, sie mit einer Kutsche abholen zu lassen, aber ihr schien dies zu riskant. Außerdem gefiel es ihr inzwischen, frei durch die Stadt zu laufen, in der sich ihr vertraute, europäische Elemente mit einer fremden Kultur vermischten, die ihr immer noch viele Rätsel aufgab. Je einfacher die Menschen waren, desto exotischer wirkten sie in ihren Pelzmützen, die sie an Zeichnungen von Tataren und Mongolen in Geschichtsbüchern erinnerte, und den manchmal kunstvoll bestickten Hemden. Die weiten, farbenfrohen Röcke der Frauen erinnerten sie an Zigeunerinnen, doch benahmen sie sich meist zurückhaltender und hatten ihr Haar unter mitunter sehr fantasievollen Kopfbedeckungen verborgen. Von dem Kokoschkin, einer Art Diadem, fiel ein dichter Schleier bis auf den Rücken hinab. Allerdings waren solch herausgeputzte Erscheinungen selten, denn die breite Masse der Armen sah hier ebenso grau und schmutzig aus wie überall auf der Welt.
   Das Lokal war so klein und schäbig, dass man es beim Vorbeigehen leicht übersah. Es bot einfache, billige Gerichte an, doch wurde es gern von Intellektuellen und politischen Aktivisten aufgesucht, die sich hinter dieser unauffälligen Fassade sicherer fühlten. Frauen wurden hier nur selten belästigt, weshalb Antonia keine Bedenken hatte einzutreten. Sie sah sich um. An einigen Tischen saßen Leute zusammen und debattierten laut, aber Sascha konnte sie nirgendwo entdecken. Der Besitzer des Lokals, ein kleiner dünner Mann mit Halbglatze namens Jurij, kam ihr sogleich entgegen.
   »Ich soll Ihnen ausrichten, dass der Baron heute später kommt, Mademoiselle Walter.«
   Sein stark akzentbehaftetes Französisch machte deutlich, dass er es nicht bereits als Kind gelernt hatte wie die vornehmen Russen. Antonia wusste, dass er der Sohn einfacher Arbeiter war, aber das Glück gehabt hatte, aufgrund seiner Begabung von seinem Lehrer gefördert zu werden. Später hatte Sascha, der Baron Kujakow, ihm ein Studium bezahlt. Dass er ihm dabei eine Zukunft als Besitzer eines schäbigen Lokals hatte ermöglichen wollen, schien ihr unglaubwürdig. Sie hatte Andeutungen gehört, dass Jurij durch politische Umtriebe in Schwierigkeiten geraten war und daher nicht mehr als Anwalt tätig sein konnte.
   »Hat er gesagt, wann er ungefähr da sein wird?«, fragte sie und kämpfte gegen ein Gefühl der Unzufriedenheit an, während sie dem Lokalbesitzer zum Tresen folgte.
   »Was möchten Sie trinken?«, wollte er wissen, ohne ihre Frage beantwortet zu haben.
   »Kwass«, erwiderte Antonia und amüsierte sich über seinen erstaunten Blick. Sein stets sehr höfliches, aber auch distanziertes Benehmen gab ihr den Eindruck, dass er sie für eine hochnäsige Fremde hielt.
   Er stellte das typisch russische Malzgetränk mit ausdrucksloser Miene vor sie hin.
   »Also, wann kommt der Baron Kujakow?«, wiederholte sie hartnäckig.
   Jurij zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Er war hier, aber dann bekam er mit, was heute los ist, und wollte es sich schnell ansehen.«
   »Aber was ist denn los?« Antonia wippte ungeduldig mit dem Fuß. Sie erinnerte sich an die vielen Menschen auf der Uferpromenade. Außerdem fiel ihr auf, dass das Lokal heute ungewöhnlich leer war.
   Jurij, der wieder hinter den Tresen getreten war, beugte sich vor. »Es gibt Unruhen. Daher wäre es am besten, wenn Sie einfach wieder in das Palais Ihrer Arbeitgeber zurückgehen.«
   Antonia kam sich vor wie ein kleines Mädchen, das ins Bett geschickt wurde, sobald etwas Interessantes geschah. Sie wusste inzwischen, dass die einfachen Russen keineswegs alle so unterwürfig waren, wie es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Im Untergrund formierte sich seit Jahren der Widerstand. Eben aufgrund der autokratischen Regierung schien er radikaler als im restlichen Europa, wo es immerhin keine Prügelstrafe für Dienstboten und Bauern mehr gab.
   »Wo ist der Baron hingegangen?«, fragte sie Jurij, der aufgrund ihrer Hartnäckigkeit einen Seufzer ausstieß.
   »Zum Winterpalast. Dort versammeln sich heute Leute, um dem Zaren ihre Forderungen deutlich zu machen. Aber all das betrifft Sie als Deutsche nicht. Gehen Sie nach Hause!«
   Ob er damit wohl das Palais der Wolgorins meinte? Oder gleich Deutschland? Antonia spürte, dass dieser Mann sie nicht mochte, aber eben das ließ sie trotzig werden.
   »Ich werde auch zum Winterpalast gehen«, teilte sie Jurij mit und leerte ihr Glas mit einem langen Schluck. Dann legte sie eine Münze auf den Tresen. Als sie sich umdrehen wollte, ergriff er ihre Schulter.
   »Sascha wird nicht wollen, dass Sie sich in Gefahr begeben.«
   Es war das erste Mal, dass er den Baron Aleksander Kujakow in ihrer Gegenwart beim Vornamen nannte. Sogar die vertrauliche Kurzform verwendete, die in Russland oft anders klang als der eigentliche Name. Sie hatte wohl auch nicht mitbekommen sollen, wie eng er mit seinem einstigen Wohltäter verbunden war, doch nun hatte die Aufregung ihn unvorsichtig gemacht.
   »Ich bin kein kleines Kind und kann selbst entscheiden, was ich tue«, erwiderte Antonia.
   Er verzog das Gesicht, als hätte er eben ein besonders schwieriges, da uneinsichtiges Kind vor sich. »Dann werde ich Sie begleiten«, entschied er schließlich. »Warten Sie nur, bis ich meinen Mantel geholt habe.«
   Antonia war zu verblüfft, um etwas zu erwidern. Im Grunde wäre sie lieber allein gegangen, als auf diesen missmutigen Begleiter zu warten, aber sie konnte das Angebot nicht ablehnen, ohne offen unhöflich zu werden. Daher harrte sie aus, bis er mit Pelzjacke und Mütze ausstaffiert vor ihr stand. Er rief seinem einzigen Kellner, einem Jungen mit asiatischen Gesichtszügen, etwas zu und lotste Antonia nach draußen.
   Es schneite nun noch heftiger. Sie wickelten sich in ihre Schals und konnten schon aus diesem Grund kaum Worte miteinander wechseln. Jurij ging mit langen, schnellen Schritten neben ihr her. Sie hatte Schwierigkeiten, ihm zu folgen, wagte jedoch nicht, sich zu beschweren, weil dies das typische Verhalten einer verwöhnten Dame gewesen wäre. Auf dem Newski Prospekt glaubte sie kurz, ihn verloren zu haben, doch tauchte er plötzlich wieder im Schneegestöber auf und zerrte sie vor einer heranstürmenden Kutsche weg. Antonia seufzte leise. Der Verkehr in Deutschland war geordneter und vorhersehbarer gewesen.
   Bald schon sahen sie Demonstranten mit Fahnen vorbeiziehen. Antonia wurde von Ehrfurcht ergriffen, doch tief in ihrem Magen formte sich ein kleiner, stacheliger Ball aus Nervosität. Jurij rannte unbeirrt weiter, und sie folgte ihm bis zu der großen Fläche vor dem Winterpalast, die völlig von schreienden, schubsenden Menschen bedeckt war. Das riesige, klassisch elegante Palastgebäude ragte über ihnen empor, als wollte es vergeblich zur Ruhe mahnen. Antonia versuchte, aus dem allgemeinen Gebrüll einzelne Wörter herauszufiltern, die sie hätte verstehen können, blieb jedoch erfolglos.
   »Was geht hier vor?«, schrie sie Jurij ins Ohr, denn sie wusste, dass es völlig aussichtslos wäre, in diesem Getümmel nach Sascha zu suchen.
   »Soweit ich es mitbekam, hat ein Priester aufgerufen, dem Zaren Reformvorschläge darzulegen«, antwortete er erstaunlich bereitwillig.
   Antonia sah sich nochmals um. Auf einigen Plakaten der Demonstranten war das Bild des bärtigen Zaren zu sehen, den viele einfache Leute als eine Vaterfigur betrachteten. Feindselig schien die Stimmung also nicht, und wenn der Monarch sich einigermaßen vernünftig zeigte, konnte er die Leute mit ein paar Versprechungen beruhigen und wieder nach Hause schicken. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und hoffte, so einen genaueren Blick auf den Palast zu erhaschen. Würde der für eine störrisch konservative Haltung bekannte Herrscher den Mut aufbringen, sich seinen Untertanen persönlich zu zeigen?
   Alles, was sie zu sehen bekam, war eine Reihe berittener Soldaten vor dem Eingang. Ihre Pferde tänzelten. Die Gesichter konnte sie aufgrund der Entfernung nicht erkennen, ahnte aber, dass sich die jungen Männer höchst unwohl fühlen mussten. Eine Weile gingen die skandierten Rufe weiter. Die winterliche Kälte kroch in Antonias Körper. Sie hätte sich gern ein wenig bewegt, doch sie wurde von der dicht gedrängten Menschenmenge inzwischen wie von einer Mauer umschlossen. Ihr fiel ein, dass sie rechtzeitig wieder bei den Wolgorins sein musste, und sie kramte in ihrer Tasche nach der Uhr. Noch blieb ihr eine Stunde. Inzwischen würde es einige Zeit erfordern, sich wieder ins Freie zu kämpfen, aber Antonia vermochte nicht auf die Stimme der Vernunft zu hören. Sie ahnte, dass sie soeben Zeugin eines geschichtsträchtigen Augenblicks wurde.
   Laute Schreie aus einzelnen Kehlen übertönten plötzlich alle bisherigen Rufe der Menge. Mit einem unguten Gefühl sah sich Antonia nach Jurij um, der kaum größer war als sie selbst und wie ein kleiner Junge in die Höhe hüpfte. Sie lächelte, denn dieses Verhalten machte ihn fast liebenswert. Dann knallte der erste Schuss und sorgte für ein paar Sekunden schreckerstarrter Stille unter allen Versammelten. Jurij stieß einen russischen Fluch aus.
   »Ein paar Verrückte versuchen, in den Palast einzudringen, da der Zar nicht herauskommen will«, rief er ihr auf Französisch zu.
   Gleich darauf begann das Schreien erneut, ebenso wie das Schießen.
   »Warum tun sie das?«, fragte Antonia fassungslos. »Sie müssen doch wissen, dass es unmöglich ist!«
   Der Daseinszweck der vor dem Palast aufgestellten Soldaten bestand eben darin, dies zu verhindern.
   »Ich befürchte, jemand hat sie aufgehetzt«, erwiderte Jurij. Sein Gesicht hatte sich verdüstert.
   Es donnerten nochmals Schüsse, und dann folgte das erste Brüllen, das eindeutig als Laut von Schmerz und Empörung zu erkennen war. Wenn die Menge versuchte, den Palast zu stürmen, würde aus dem friedlichen Aufmarsch ein Gemetzel mit ungewissem Ausgang werden. Antonia versuchte, sich zu entfernen, doch die dicht aneinandergedrängten Menschen hinter ihr gaben ihr dazu keine Möglichkeit, ja schoben sie sogar vorwärts, da sie offenbar sehen wollten, was vor sich ging. Gleichzeitig drückte ein anderer Teil der Menge nach hinten, um sich vor den Schüssen in Sicherheit zu bringen.
   Die Schreie schienen nun aus allen Richtungen zu kommen. Antonia fühlte sich wie in einer jener Schauergeschichten von Edgar Allan Poe. Zwei Mauern schoben sich immer enger zusammen, und sie stand genau dazwischen. Sie schrie verzweifelt um Hilfe, doch wurde ihre Stimme vom allgemeinen Lärm verschluckt. Panik raubte ihr die Luft zum Atmen. Sie begann, wie wild um sich zu schlagen, um ein wenig Raum für sich zu erkämpfen. Ein wütender Ruf drang an ihr Ohr. Jemand rammte seinen Ellbogen in ihre Rippen. Sie bäumte sich auf und schubste zurück. Jurij vermochte sie nirgends mehr zu entdecken, vermutlich war es ihm gelungen, dem Gedränge zu entkommen. Als die Schüsse in regelmäßigem Rhythmus fielen, so wie vor einer Weile noch die Protestrufe, und Hunderte von Kehlen vor Angst, Zorn und Schmerz brüllten, spürte Antonia einen heftigen Schlag an ihrer rechten Schläfe. Ein Feuerball in ihrem Kopf zerbarst in viele kleine Funken, dann begann die Welt dunkel zu werden. Man wird mich niedertrampeln, dachte sie noch, vermochte aber nichts daran zu ändern, dass ihre Knie unter dem Gewicht ihres Körpers nachgaben.

Sie schlug die Augen auf und spürte einen stechenden Schmerz hinter ihrer Schädeldecke. In ihrem Magen rumorte es, sie musste sich zur Seite beugen und sah, wie gelblich grüne Galle aus ihrem Mund tropfte. Um sie herum bewegten sich Schatten. Sie hörte eine Männerstimme etwas auf Russisch sagen, und als ihr bewusst wurde, dass sie nicht allein war, schämte sie sich plötzlich unsäglich, auf den Boden gespuckt zu haben.
   »Pardon«, murmelte sie und unternahm einen Versuch, sich aufzurichten, doch auf einmal brannten viele kleine Flammen überall in ihrem Körper und lähmten sie.
   »Bleiben Sie besser noch eine Weile ruhig liegen. Sie haben eine Gehirnerschütterung«, sagte eine bekannte Stimme auf Deutsch. Antonia spürte, wie eine Welle der Erleichterung durch ihren Körper wallte, noch bevor sich das Gesicht des Barons Kujakow in ihr Blickfeld geschoben hatte.
   »Sascha!«, murmelte sie und hob ihre Hand, die er sogleich ergriff. Hinter ihm tauchte Jurij auf, dessen linke Wange von einem grünen Fleck entstellt war. Ein paar weitere Männer waren anwesend, deren Gesichter Antonia nur verschwommen wahrnehmen konnte, denn ihr Sehvermögen schien etwas beeinträchtigt.
   »Hier, trinken Sie das«, sagte Sascha und hielt ihr eine Flüssigkeit hin, die bitter schmeckte. »Ein Arzt war bereits hier, aber er konnte nicht lange bleiben, weil er überall dringend gebraucht wird. Sie werden wieder auf die Beine kommen, keine Sorge.«
   Antonia nickte. Auf einmal fühlte sie sich sicher und geborgen und hätte nichts dagegen gehabt, noch mehrere Wochen hier liegen zu bleiben. Leider schoben sich unangenehme Gedanken in ihren Kopf und störten dieses Wohlbehagen.
   »Die Wolgorins warten auf mich.«
   »Ich habe ihnen bereits eine Nachricht zukommen lassen, dass Sie ohne eigenes Verschulden einer Meute Aufständischer in die Arme gelaufen sind und niedergeschlagen wurden«, wurde sie sogleich vom Baron beruhigt. »Es kam sogar recht schnell eine Antwort. Man wünscht Ihnen gute Besserung und ist sogar bereit, die Arztkosten zu übernehmen. Natürlich sollten Sie sobald wie möglich wieder Ihren Aufgaben nachgehen, aber erst, wenn Sie wieder vollständig genesen sind.«
   Antonia schloss erleichtert die Augen. Allein den Umstand, dass sie überhaupt in die Nähe von politischen Aufwieglern geraten war, hätte man zu ihren Ungunsten auslegen können, doch der gesellschaftliche Rang des Barons Kujakow schien hoch genug, um sie vor Verdächtigungen zu schützen, da er sich für ihre Unschuld verbürgt hatte.
   »Wo bin ich hier?«, fragte sie flüsternd.
   »Das ist Jurijs Zuhause über dem Lokal. Seine Frau hilft unten aus. Diese winzige Kammer ist leider das einzige Gästezimmer, das sie anzubieten haben.«
   Antonia nahm eine flackernde Gaslampe und schmutzige Tapeten wahr, aber das störte sie nicht wirklich. Allein die Aussicht, Jurijs Familie noch länger zur Last fallen zu müssen, belastete ihr Gewissen. Sie würde ins Palais zurückgehen, sobald sie wieder einigermaßen laufen konnte.
   »Was ist eigentlich passiert?«, fragte sie.
   »Es kam zu einer Schießerei und zur Massenpanik. Ein paar Hundert Menschen sollen gestorben sein, erschossen oder niedergetrampelt. Die genaue Zahl ist noch nicht bekannt, und wahrscheinlich werden beide Seiten in die eine oder andere Richtung übertreiben. Sie hatten Glück, weil Jurij sie da rechtzeitig rausgeholt hat.«
   »Aber er war weg«, widersprach Antonia und erinnerte sich an den Moment der Todesangst. »Er war nicht mehr da, und von allen Seiten drängten die Menschen in meine Richtung.«
   »Er hatte Sie kurz aus den Augen verloren, doch er ließ Sie nicht im Stich«, versicherte Sascha.
   Antonia merkte, dass ihre Hand noch in der seinen lag. Auf einmal wurde ihr das peinlich, und sie entzog sie ihm. Sie musste aufhören, sich wie ein klagendes, ängstliches Weibchen zu benehmen!
   »Ich hatte bewusst nicht auf Sie gewartet, weil ich schon befürchtete, Sie würden sich mir aus Neugier an die Fersen heften. Dabei war nicht auszuschließen, dass es zu Unruhen kommen würde. Damit, dass Sie den armen Jurij verschleppen, konnte ich aber wirklich nicht rechnen.«
   Die Worte ließen sie auffahren, doch der Schmerz, der dann sogleich durch ihren Körper schoss, lähmte ihre Empörung. Sie sah den Schalk in seinen graublauen Augen aufblitzen, was sie in diesem Augenblick ärgerte.
   »Ich habe Jurij nicht verschleppt. Im Gegenteil, er heftete sich mir an die Fersen und ließ sich nicht abschütteln.«
   Der Mann, über den sie sprachen, unterhielt sich ein Stück weiter mit den zwei jüngeren Anwesenden. Er verstand kein Wort Deutsch, fiel Antonia ein, aber meist spürten Menschen es, wenn von ihnen gesprochen wurde. Jurij war es gleich.
   »Er ahnte, dass ich es ihm sehr übel nehmen würde, wenn er Sie allein in Ihr Unglück rennen ließe. Daher seine Anhänglichkeit«, erklärte Sascha und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
   In höflichem Abstand von ihrem Bett zündete er sich eine Zigarette an. Antonia staunte, welch natürliche Eleganz er selbst in eine solche Geste legen konnte. Obwohl er nur ein grobes, leicht vergilbtes Hemd und graue Hosen trug, hätte sie ihn allein an seinen Gesten als kultivierten Menschen höherer Abkunft erkannt. Sie wusste bereits, dass er sich in vielen Situationen bewusst darum bemühte, nicht als Aristokrat aufzufallen. Es war, als wollte er zwei verschiedene Leben führen, und nur in einem davon wurde der deutschen Gouvernante ein Platz eingeräumt. Im Haus der Wolgorins würde sie stets vorgeben müssen, ihn nicht näher zu kennen. Auf einmal fühlte sie sich unsicher in seiner Gegenwart, was daran liegen konnte, dass sie den steten Drang verspürte, in seine Richtung zu schauen. Dass er ein Mann war, der ihr gefiel, hatte sie von Anfang an gewusst, es jedoch nicht für wichtig gehalten. Sie war keine halbwüchsige Romantikerin, die sich dem erstbesten attraktiven Abenteurer an den Hals warf! Trotzdem flößte es ihr plötzlich Unbehagen ein, hier neben ihm in einem winzigen Raum zu liegen. Vielleicht war eine reine Freundschaft zwischen Mann und Frau doch nicht möglich, und es wäre vernünftiger, den Kontakt baldmöglichst einschlafen zu lassen.
   Antonia schloss kurz vor Erschöpfung die Augen. Ihre Neugier auf politische Ereignisse hatte sie fast das Leben gekostet und einen ihr kaum bekannten Lokalbesitzer gezwungen, unfreiwillig den Helden zu spielen. In Zukunft sollte sie besser tun, wozu sie hergekommen war: sich um die verwöhnten Töchter der Wolgorins kümmern. Auch wenn diese andere, wilde, brodelnde Seite Russlands sie weitaus mehr reizte, musste sie aufhören, sich selbst und andere durch unbedachtes Verhalten in Gefahr zu bringen.
   »Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe. Jetzt bin ich sehr müde und hätte gern Ruhe«, teilte sie dem Baron mit und vermied es, ihn dabei anzusehen. Vielleicht hätte er in ihren Augen lesen können, wie sehr sie ihn in Wahrheit gern in ihrer Nähe gewusst hätte, wenn sie in einer Wohnung einschlief, wo sie sich nicht willkommen fühlte.
   Sie hörte den Stuhl knarren, als er aufstand und etwas zu den anderen Leuten im Zimmer sagte. Dann entfernten sich alle schweigend. Antonia streckte die Hand aus, um selbst die Gaslampe zu löschen. Ihr Kopf schmerzte wieder, und ihr war schwindlig. Morgen wäre sicher alles besser.

Geräusche aus dem Lokal schaukelten sie in den heiß ersehnten Schlaf. Sie hörte Stimmen, die laut debattierten, Männer, aber auch ein paar Frauen. Solche heftigen Diskussionen kannte sie aus dem Haus ihres Onkels und daher wirkten sie beruhigend. Um mehr Ruhe zu haben, steckte sie den Kopf unter die Decke. Die Schmerzen begannen nachzulassen, und sie hoffte, morgen schon aufstehen zu können.
   Plötzlich polterte es unten, Männerstimmen brüllten im Befehlston und eine Frau schrie gellend ihre Wut in die Welt hinaus. Antonia richtete sich auf. Der Schreck musste sie betäubt haben, denn sie empfand kaum noch Schmerzen. Der Lärm ging eine Weile weiter. Es klang, als würden Möbel zerschlagen. Nach einer Weile konnte sie aus dem Stimmengewirr ganz klar das Wort »Baron« heraushören.
   Sie zwang sich, die Geborgenheit des Betts zu verlassen, und schwankte ein paar Schritte zur Tür. Gleichzeitig überlegte sie, ob es nicht vernünftiger wäre, einfach hier oben zu bleiben. Die wahrscheinlichste Erklärung für den Aufruhr schien ihr ein Auftauchen der Geheimpolizei des Zaren, Ochrana genannt. Wurden Jurij, seine Freunde und Familie gerade verhaftet, weil herausgekommen war, dass er sich an der Demonstration beteiligt hatte? Das schlechte Gewissen jagte ihr eine Welle von Schaudern über den Rücken, denn in dem Fall wäre es allein ihre Schuld. Dass ebenfalls über Sascha gesprochen wurde, verhieß nichts Gutes. Der vertraute, geradezu freundschaftliche Umgang mit politischen Aufwieglern, den er offenbar pflegte, konnte ihn in Schwierigkeiten bringen, bei denen auch sein hoher Rang ihn nicht immer retten würde. Gerade die Ochrana war für ihr gnadenlos hartes, oft willkürliches Vorgehen bekannt. Antonia tat ein paar tiefe Atemzüge. Egal wie, aber sie musste nach unten, bevor die Gefangenen mitgenommen wurden. Vielleicht vermochte die herzzerreißende Geschichte einer jungen Ausländerin, die aus Unachtsamkeit in Gefahr geraten und anschließend von zwei tapferen Russen gerettet worden war, sogar das Herz der Staatsdiener zu erweichen. Falls nicht, drohte am Ende auch ihr eine Verhaftung, aber dieses Risiko musste sie in Kauf nehmen.
   Das Gebrüll ging unten weiter, während sie auf ein wackliges Geländer gestützt mühsam eine Stufe nach der anderen hinabstieg. Eine Frau hatte zu weinen begonnen. Antonia versuchte, sich zu beeilen, aber nun bohrten sich bei jedem Schritt wieder Messer in ihren Körper. Ihr war schwindlig, und sie hatte Angst, die Treppe herunterzufallen. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis sie endlich im Erdgeschoss angekommen war. Jetzt brüllte nur noch ein einzelner Mann, die anderen Leute redeten deutlich leiser und ruhiger, als wollten sie ihn von etwas überzeugen. Antonia raffte all ihre Kräfte zusammen, um die Tür aufzustoßen.
   Auf den ersten Blick schien das Lokal leer bis auf drei Männer und zwei Frauen, die sich in einer Ecke am Tresen aneinanderdrängten. Antonia erkannte Jurij, seine Frau und den jungen Kellner. Wo war Sascha? Sie drehte sich in die Richtung, wohin die anderen starrten, und musste sich an die Wand lehnen, um nicht zu fallen.
   Zwei ihr völlig unbekannte Männer standen vor dem Baron, der sich in die gegenüberliegende Ecke geflüchtet hatte. Sie sahen zu ärmlich und zerlumpt aus, um zur Ochrana zu gehören. Aber im Grunde wusste Antonia nicht, woran man Mitglieder dieser Geheimpolizei erkennen konnte. Einer von ihnen hielt eine Pistole in der Hand, mit der er auf Saschas Brust zielte. Aller Schalk und jedes Gefühl waren aus seinem Gesicht gewichen.
   Antonia hörte ihren eigenen Schrei. Die drei Männer wandten sich ihr zu, was Sascha einen Moment der Freiheit gönnte. Er versuchte, aus dem Raum zu laufen, wurde jedoch sogleich gepackt und zurückgerissen. Wieder zielte die Pistole in seine Richtung. Die Wände des Lokals bewegten sich um Antonia herum, während sie loslief. Sie rammte die Schulter des Mannes, der die Waffe hielt. Ein Schuss löste sich, es knallte und Holz splitterte von der Wand ab. Antonia vermochte nicht mehr zu atmen, aber Sascha fiel nicht zu Boden, wie sie befürchtet hatte. Stattdessen stieß er einem der Angreifer seine Faust ins Gesicht, wurde von den zwei anderen aber sofort festgehalten. Antonia erhielt einen kräftigen Schubs, der sie gegen einen Tisch des Lokals stoßen ließ. Der heftige Schmerz machte sie kurzzeitig blind. Jeden Augenblick war nun mit dem Schuss zu rechnen, der Sascha tötete, und sie war fast dankbar, es nicht sehen zu müssen.
   Doch da begann im Hintergrund plötzlich Jurij leise, aber bestimmt zu reden. Er musste den Moment der allgemeinen Verwirrung genutzt haben, um irgendwo im Lokal ein Gewehr aus dem Versteck zu holen. Das hielt er nun auf Saschas Angreifer gerichtet und strahlte dabei eine Ruhe aus, die ihn in eine Person von Autorität verwandelte. Die drei Männer funkelten ihn zornig an, brüllten noch ein paar Worte, die sich wie Flüche anhörten, doch waren sie offenbar nicht willens, sich auf einen Schusswechsel mit ihm einzulassen. Die Tür fiel laut ins Schloss, als sie endlich das Lokal verlassen hatten. Jurij legte mit unbewegter Miene das Gewehr zur Seite, seine Frau und ihre unbekannte Begleiterin wollten auf Sascha zueilen, der schon im Begriff war, Antonia aufzurichten.
   »Man könnte nun sagen, dass Sie mir das Leben gerettet haben.«
   Wieder tanzte der Schalk in seinen Augen, als wollte er diesen Worten dadurch etwas an Melodramatik nehmen. Antonia vermochte nichts zu erwidern. Hämmer schlugen von innen gegen ihren Schädel, ihr Magen wand sich, und sie schämte sich unbeschreiblich, als sie sich schließlich krümmte und den Boden mit Erbrochenem beschmutzte wie eine Betrunkene. Zu allem Übel hielt Sascha dabei weiter ihre Schultern fest und strich ihr schließlich das schweißnasse Haar aus der Stirn. Er lebte und schien völlig unversehrt! Obwohl ihr hundeelend war, hatte sie den Eindruck, noch niemals in ihrem Leben solche Erleichterung empfunden zu haben. Dann wurde es dunkel.
   
   Als sie am nächsten Morgen wieder zu sich kam, lag sie allein in dem kleinen Zimmer. Jemand hatte eine dampfende Tasse Tee daneben abgestellt, nach der sie dankbar griff. Ihr Kopf schmerzte immer noch, wenn sie sich bewegte, aber sie verspürte keine Übelkeit mehr, sondern Hunger, was ihr ein gutes Zeichen schien. Gleich darauf ging die Tür auf und Jurijs Frau trat mit einem Tablett herein.
   »Kasha!«, sagte sie und lächelte Antonia an, was sie noch nie getan hatte. Gleich darauf stand eine bis zum Rand gefüllte Schüssel auf dem Nachttisch. Antonia richtete sich auf und begann gierig zu löffeln.
   »Spasibo«, murmelte sie, als ihr endlich wieder eingefallen war, wie man sich auf Russisch bedankte. Die kleine, magere Frau lächelte nochmals, neigte den Kopf und trug schließlich die leere Schüssel wieder hinaus. Antonia merkte, wie gut der volle Magen ihr tat. Fast fühlte sie sich schon in der Lage, wieder aufzustehen. Sie müsste baldmöglichst zu den Wolgorins zurück, aber zunächst einmal wollte sie die Hintergründe des gestrigen Überfalls erfahren. Falls Jurij mit seinem Gewehr Mitglieder der Ochrana verjagt hatte, drohten ihm nun erst recht Schwierigkeiten, ebenso wie dem Baron Kujakow und wahrscheinlich auch ihr, weil sie sich eingemischt hatte.
   Sie schlüpfte in die Holzpantoffeln, die man fürsorglich neben ihrem Bett abgestellt hatte. Ihr fiel auf, dass sie nur ein Leibchen über ihren Pantalons trug und die Erkenntnis, dass sie so gestern auch unten im Lokal aufgetaucht sein musste, trieb ihr kurz den Schweiß aus den Poren. Dann beschloss sie, den Vorfall von der komischen Seite zu betrachten. Wahrscheinlich hatte eben dieser Aufzug dabei geholfen, die Männer der Ochrana völlig aus dem Konzept zu bringen.
   Sie entdeckte den grauen Wollrock, den sie bei ihrem Ausflug getragen hatte, aber ihre Bluse war verschwunden. Vermutlich hatte sie ihren Sturz vor dem Winterpalast nicht heil überstanden. Ihr dicker Wintermantel und der Schal hingen hoffentlich unten im Lokal. Antonia zog den Rock an und wickelte sich einen bunt geblümten, mit Fransen versehenen Schal um die Schultern, der es auf wundersame Weise in ihr Zimmer geschafft hatte. Leider drehten die Wände des Raumes immer ein paar Runden, sobald sie sich schnell bewegte, aber insgesamt ging es schon viel besser als gestern.
   Langsam ging sie zur Tür und versuchte einen erneuten Abstieg ins Lokal. Es war noch sehr still dort, da die ersten Gäste erst gegen Mittag eintreffen würden. Sie schaffte es, ohne weitere Schwindelanfälle einzutreten. Jurijs Frau wischte hinter dem Tresen Regale ab und er selbst hatte sich ein Stück neben ihr über ein paar Blätter gebeugt. Beide blickten bei Antonias Auftreten auf, doch nur die Frau lächelte.
   »Wie gut, dass Sie sich so schnell erholt haben«, sagte Jurij. »Man vermisst Sie sicher an Ihrem Arbeitsplatz.«
   Das stimmte wahrscheinlich, aber für Antonia hörte es sich wie ein Hinauswurf an. »Was ist gestern Abend genau vorgefallen?«, fragte sie sogleich. »Wenn ich Mitglieder der Ochrana angegriffen habe, kann ich kaum zu meinen Arbeitgebern zurück.«
   Jurijs Frau ließ vor Schreck den Lappen fallen, obwohl sie nur ein einziges Wort verstanden haben konnte. Ochrana. Der Lokalbesitzer musterte Antonia wie ein kleines Kind, das gerade eine besondere Dummheit gesagt hatte.
   »Wenn Sie Mitglieder der Ochrana angegriffen hätten, Mademoiselle Walter, wären Sie jetzt entweder tot oder würden irgendwo an einem geheimen Ort in einem Verlies sitzen. Die Männer, die Sie durch Ihr unerwartetes Auftauchen verwirrten, waren gewöhnliche Fabrikarbeiter und ungewöhnlich eifrige Revolutionäre.« Er vertiefte sich wieder in seine Papiere.
   Antonia ging ein paar Schritte auf ihn zu. »Warum kamen sie dann hierher und griffen Sa… ich meine den Baron Kujakow an?«
   Er verzog kurz das Gesicht. »Darüber brauchen Sie sich nicht den Kopf zu zerbrechen. Ihr Eingreifen rettete den Baron, aber das war ein Glücksfall, nichts weiter. Sie hätten ebenso gut eine tödliche Schießerei auslösen können, denn es ist meistens unklug, einen Mann mit einer Waffe in der Hand zu erschrecken.«
   Antonia fühlte sich zurechtgewiesen wie ein unartiges Mädchen, musste aber zugeben, dass er recht hatte. Ihr Verhalten war rein instinktiv gewesen, ziellos und nicht rational durchdacht. Trotzdem bestand kein Grund, sie derart abfällig zu behandeln. »Es ist aber gut ausgegangen. Wann kann ich den Baron Kujakow sehen?«
   Jurij lächelte, doch schien es ihr sehr spöttisch und süffisant.
   »Er wollte heute im Laufe des Tages nach Ihnen sehen. Aber im Augenblick hat er familiäre Verpflichtungen, denn er ist ein verheirateter Mann.«
   Die Worte kamen ihr wie eine mit Absicht zugefügte Ohrfeige vor. Sie spürte, wie ihr die Farbe ins Gesicht stieg, nickte Jurijs Frau zum Abschied zu und stieg wieder die Stufen hoch. In dem kleinen Gästezimmer warf sie sich aufs Bett und tat ein paar tiefe Atemzüge. Jurij wollte sie hier offensichtlich keine Minute länger haben als notwendig. Vielleicht wäre es eine gute Idee, aufzubrechen, sobald sie herausgefunden hatte, wo man ihren Mantel und Schal deponiert hatte. Dennoch vermochte sie ihren Entschluss nicht in die Tat umzusetzen, sondern blieb wartend liegen.
   
   Der Baron erschien erst am späten Nachmittag. Inzwischen hatte Antonia ein Mittagessen erhalten, und ihre weiße Bluse war ihr frisch gewaschen und gebügelt überreicht worden. Durch Zeichensprache hatte sie der Hausherrin klargemacht, dass sie auch den Rest ihrer Kleidung gern bei sich hätte, sodass der vermisste Wintermantel samt Schal bald schon hochgebracht worden war. Sie schaffte es, sich selbst anzukleiden, und saß bereits auf dem Stuhl, als sich die Tür öffnete.
   »Es freut mich, dass es Ihnen wieder gut geht«, sagte er mit einer knappen Verbeugung.
   Antonia erwiderte, dies sei der Fürsorge ihrer Gastgeber zu verdanken. Da es nur einen Stuhl im Raum gab, musste Sascha sich auf die Bettkante setzen. Sie waren bisher noch niemals gemeinsam allein in einem geschlossenen Raum gewesen, und Antonia kam nicht gegen das Gefühl an, diese Situation beinhalte eine unklare Gefahr. Obwohl sie sich den ganzen Tag auf sein Kommen gefreut hatte, vermochte sie auf einmal kein Wort herauszubringen.
   »Sie haben uns gestern Abend alle sehr überrascht«, unterbrach er nach einer gefühlten Ewigkeit das verlegene Schweigen. »Ohne Ihr Auftauchen hätte es übel für mich ausgehen können.«
   »Es war Glück, nichts weiter«, wiederholte sie Jurijs Version der Ereignisse. »Was hatten diese Männer gegen Sie?« Nun, da sie ein Thema angeschnitten hatte, das sie wirklich interessierte, löste sich ihre innere Verspannung. Sie beugte sich vor.
   Er runzelte leicht die Stirn. »Sie hielten mich für einen Doppelagenten«, erklärte er ohne Zögern. »Einer von ihnen erkannte mich als Aristokraten und ging davon aus, ich wolle hier revolutionäre Kreise infiltrieren.«
   Antonia schüttelte den Kopf. »Das klingt weit hergeholt. Warum sollten Sie etwas Derartiges tun?«
   »Oh, ich wäre nicht der Einzige.« Er verzog kurz das Gesicht. »Es kursiert sogar das Gerücht, jener Georgi Gapon, der zu der gestrigen Demonstration aufrief, sei in Wahrheit ein Doppelagent, der dem Volksbestreben hatte schaden wollen.«
   »Indem er Leute aufhetzte, in den Palast einzudringen?«, mutmaßte Antonia. »Das war wirklich kompletter Irrsinn, denn es war davon auszugehen, dass die Soldaten schießen würden und die Situation dadurch eskaliert.«
   »Die Fronten haben sich weiter verhärtet«, stimmte Sascha zu. »Der Zar hat inzwischen Angst vor seinem eigenen Volk. Aus Misstrauen will er sich außerhalb der Stadt verbarrikadieren.«
   »Das ist nicht gerade vernünftig von ihm. Er sollte sich stattdessen überlegen, wie er derartige Aufmärsche in Zukunft verhindert, indem er den Leuten weniger Grund zu Wut und Unzufriedenheit gibt.«
   Antonia wurde bewusst, dass sie laut gesprochen hatte. Ihr Blick wanderte besorgt zur Tür. Reichte ein derartiger Satz, um verhaftet zu werden? Es lebten viele Deutsche in Russland, aber sie waren ebenfalls der Herrschaft des Zaren unterworfen.
   »Ich habe viele Jahre lang gehofft, er würde es einsehen«, erzählte Sascha deutlich leiser. »Ich glaubte an eine Möglichkeit, dieses Land auf friedliche Weise in die moderne Welt zu führen. Wir haben erst vor vierzig Jahren die Leibeigenschaft abgeschafft. Die älteren Bauern wurden noch als Eigentum ihres Herrn geboren. Doch auch durch die Freiheit hat ihre Lage sich kaum verbessert, denn sie werden zu Schuldsklaven gemacht. Je mehr es im Volk kocht und brodelt, desto unsicherer wird ein großer Teil des Adels und versucht mit allen Mitteln, an seinen Privilegien festzuhalten.«
   »Früher oder später wird der Adel einsehen müssen, dass Reformen notwendig sind«, meinte Antonia. »Wahrscheinlich wird es noch ein paar gewaltsame Zusammenstöße geben, aber schließlich müssen die Machthaber nachgeben. So ist es in allen anderen europäischen Ländern gewesen, und auch dort geht diese Entwicklung weiter. Das einfache Volk sollte den Kampf um seine Rechte nicht aufgeben.«
   Sie hatte sich so in Fahrt geredet, dass ihr warm wurde. Im Haus ihres Onkels war am Tisch stets heftig über Politik debattiert worden, und ihr wurde bewusst, wie sehr sie solche Gespräche vermisste. Nur mit dem Baron konnte sie offen reden, und er fand es nicht merkwürdig, dass sich eine Frau für Politik interessierte. Auch jetzt, da sie Dinge gesagt hatte, die selbst einen deutschen Aristokraten sicher vor den Kopf gestoßen hätten, lächelte er sie nur nachsichtig an.
   »Sie sind sehr optimistisch, Fräulein Walter. Ich wünschte, ich könnte auch an eine so geradlinige, problemlose Entwicklung glauben. Aber gerade in diesem Land scheint nichts ohne Blutvergießen möglich.«
   »Sie dramatisieren vielleicht«, widersprach Antonia. »Aufruhr gibt es überall manchmal. Doch die Welt entwickelt sich kontinuierlich zum Besseren. Dieses Jahrhundert wird noch viel Fortschritt und Recht für bisher Benachteiligte bringen. Da wird Russland keine Ausnahme sein.«
   Sie war zufrieden mit dieser Rede, die im Wesentlichen die Ansichten ihres Onkels Theodor wiedergab. Der Baron sah sie schweigend an. Etwas an seinem Blick schien ihr sehr persönlich, fast schon zärtlich, was sie aus ihrem Redefluss riss. Nervös griff sie nach dem bunten Schal und befingerte die Fransen.
   »Das ist wirklich sehr hübsch«, murmelte sie. »Ich hätte gern auch so einen Schal. Wo kann man ihn kaufen?«
   »Auf jedem Markt. Ich werde Sie hinbringen.«
   Bevor sie etwas erwidern konnte, lag plötzlich seine Hand auf der ihren. Die unerwartete Berührung jagte heiße Schauder durch ihren Arm. Sie wusste, dass sie ihn abschütteln sollte, fühlte sich aber wie gelähmt.
   »Ich habe mir immer eine Frau gewünscht, mit der ich über alle Dinge reden kann, die mich bewegen«, sagte er leise. »Aber erst in Ihnen habe ich sie gefunden.«
   Antonia vermochte nicht, ihm ins Gesicht zu sehen, denn sie hatte Angst, welche Reaktion dies in ihr auslösen würde. Die Lage, in der sie sich befand, war völlig unangebracht. Gleichzeitig rauschte das Glück in ihren Ohren, als hätte sie seit Wochen heimlich auf eben diesen Moment gehofft.
   »Vielleicht hätten Sie nicht vorher heiraten sollen«, erwiderte sie schließlich. Es hatte scharf und vorwurfsvoll klingen sollen, doch sie hörte selbst die Wehmut in ihrer Stimme. Als er seine Hand fortzog, hätte sie am liebsten Protest geschrien.
   »Da haben Sie recht. Ich war jung und machte einen Fehler. Nun ist es geschehen.«
   Antonia hob ihr Gesicht zu dem seinen und sah darin das Spiegelbild ihrer eigenen Unzufriedenheit. Nun sollten sie tapfer voneinander Abschied nehmen. In jenen moralisch erbaulichen Romanen, die sie als junges Mädchen in der Schule zu lesen bekommen hatte, hätte sich die Heldin mit Sicherheit so verhalten, aber Antonia hatte diese ergebene Akzeptanz gesellschaftlicher Normen bereits damals ärgerlich gefunden. Hatte Onkel Theodor ihr nicht beigebracht, dass man auch in aussichtslos scheinenden Situationen nach einer Lösung suchen sollte, anstatt wie die Hauptfigur einer Tragödie zu lamentieren?
   »Gibt es hierzulande denn keine Möglichkeiten, eine unglückliche Ehe zu beenden?«, fragte sie ohne Umschweife. Hatte nicht Anna Kareninas Mann seiner untreuen Gattin eben damit gedroht? Möglich musste es also sein, auch in Russland. Gleichzeitig spottete eine böse Stimme in ihrem Kopf, dass ein Baron niemals eine gewöhnliche Gouvernante mit sozialistischer Überzeugung heiraten würde. In seinen Kreisen wurden Ehen aus pragmatischen Gründen geschlossen und aufrechterhalten. Männer und manchmal auch Frauen suchten ihr Vergnügen in heimlichen Liebschaften, die nicht von Dauer sein sollten.
   »Es gibt diese Möglichkeit, aber sie ist sehr schwierig, da unsere Kirche Scheidungen nur in seltenen Fällen zulässt. Allein der Versuch, eine solche Genehmigung zu bekommen, würde einen Skandal auslösen, unter dem meine Frau zu leiden hätte. Es scheint mir nicht recht, ihr dies anzutun«, entgegnete er.
   Antonia versteifte sich. Mit einer derartigen Ausrede hatte sie gerechnet. »In diesem Fall sollten wir aufhören, einander zu treffen«, erwiderte sie kühl. Der Schmerz in seinem Gesicht übertrug sich auf sie wie eine ansteckende Krankheit.
   »Ich würde Sie gern weiterhin sehen dürfen, Fräulein Walter. An unseren gelegentlichen Unterhaltungen kann niemand etwas aussetzen.«
   Das stimmte nicht, denn bereits ihre ersten Verabredungen hatten heimlich stattfinden müssen. Zudem war Antonia soeben klargeworden, dass es auf Dauer nicht bei bloßen Unterhaltungen bleiben würde, wenn sie einander weiter sahen. All das waren überzeugende, geradezu dringliche Gründe, den Kontakt auf der Stelle abzubrechen. Nur schien es ihr geradezu widernatürlich, eine Entscheidung zu treffen, die ihrer beider Wünsche so völlig widersprach. Ein Kloß steckte in Antonias Kehle, hinderte sie daran, so zu antworten, wie sie sollte. Ihr Kopf bewegte sich zu einem Nicken, als hinge er an Fäden, die von einer ganz anderen Macht gezogen wurden.

»In zwei Wochen werde ich in dem Lokal wieder mittags auf Sie warten«, erklärte sie und griff nach Schal und Mantel. »Jetzt möchte ich gern zu den Wolgorins zurück.«
   Er erhob sich ebenfalls und versprach, eine Droschke für sie zu suchen. Antonia folgte ihm die Treppe herunter. Sie wechselten keine persönlichen Worte mehr, aber ihr war klar, dass sie einen Weg eingeschlagen hatte, auf dem Hindernisse und Gefahren lauerten. Trotzdem fühlte sie sich auf einmal leicht und beschwingt, als wären all ihre Verletzungen nur durch die letzte Unterhaltung verheilt.

6. Kapitel

Sarah war im letzten Moment in den Bus gesprungen und hatte sich die Handtasche in der Tür eingeklemmt. Kaum hatte der Busfahrer sie durch ein erneutes Öffnen der Tür befreit, vernahm Sarah den Klingelton ihres Handys und zog es nach längerem Wühlen aus ihrer Tasche.
   Die Nummer des Anrufers war ihr nicht bekannt, und eine innere Stimme riet ihr, nicht gleich ihren Namen zu nennen.
   »Hallo?«
   »Haben mir geschrieben? Wegen eBay?«
   Sarah rutschte aufgeregt auf ihrem Sitz herum. Mit einer so schnellen Reaktion auf ihre Nachricht hatte sie nicht gerechnet. »Sie bieten Schmuck an, der einer Verwandten von mir gestohlen wurde«, sagte sie.
   »Nichts wissen. Ich nichts gestohlen.«
   Der Aussprache nach handelte es sich bei dem Anrufer vermutlich um einen Araber. Seine Stimme klang unsicher, und Sarah hatte den Eindruck, dass er mit der ganzen Lage ebenso schlecht zurechtkam wie sie.
   »Dann müssen Sie mir sagen, woher Sie den Schmuck haben. Ich brauche ihn wieder.«
   Der Bus blieb quietschend stehen. Sie konnte sich im Augenblick nicht erinnern, an welcher Haltestelle sie sich befand und wo sie überhaupt aussteigen sollte, aber das war jetzt nicht wichtig.
   »Schmuck mir wurde verkauft. Ich nicht wissen, woher kommt. Nicht wissen …«
   »Ja, ja, das haben Sie schon gesagt«, unterbrach Sarah. Selbst wenn der Mann sie anlog, konnte sie ihm wahrscheinlich nicht viel anhaben. Ihre Drohung musste ihn erschreckt haben, und deshalb hatte er sogleich angerufen. Im Grunde war das ein Hinweis auf seine Harmlosigkeit, denn ein gewiefter Krimineller hätte sich nicht so leicht einschüchtern lassen.
   »Ich werde vorbeikommen und den Schmuck abholen«, beschloss sie in diesem Moment. »Ich zahle Ihnen natürlich die Summe, die Sie für ihn ausgegeben haben, zurück.«
   In ihrem Kopf murrte Hedwig, dass sie solche Zugeständnisse nicht machen sollte, bevor es unbedingt notwendig war. Aber sie konnte die Ratschläge ihrer neunmalklugen Mutter im Moment nicht brauchen.
   »Wo wohnen Sie?«, fragte sie den Anrufer, und gleich darauf wurde ihr eine Adresse in Berlin genannt.
   »Ich komme … Ich bin in zwei Tagen da«, versprach sie und verabschiedete sich, nachdem er sichtlich erleichtert zugestimmt hatte. Ihr Herzschlag raste, und sie schaffte es im letzten Moment, an der nächsten Haltestelle herauszuspringen, da sie ein Café erkannte, in dem sie schon mit Tante Rosalie gewesen war.

Der Berliner Hauptbahnhof kam ihr selbst im Vergleich zu seinem Münchner Äquivalent wie ein Irrgarten vor. Sie fuhr mit der Rolltreppe ins nächsthöhere Geschoss, suchte dann erst einmal nach einer Imbissbude, wo sie ein Käsesandwich und einen Kaffee bestellte. Danach kramte sie den Reiseführer heraus und machte sich auf den Weg zu der Unterkunft, wo sie ein Zimmer reserviert hatte. Aus Rücksicht auf den Geldbeutel ihrer Tante hatte sie eine Jugendherberge gewählt, sich dort aber für ein Einzelzimmer entschieden. Es dauerte ungefähr zwei Stunden, bis Sarah irgendwo in Berlin Mitte endlich ihren Koffer in eine freie Ecke eines Einbauschranks schieben konnte und sich auf ein schmales, hartes Bett fallen ließ. Berlin schien viel größer, bunter und chaotischer als München, doch daran konnte sie sich gut gewöhnen. Immerhin fiel sie mit ihren schwarz lackierten Fingernägeln und dem psychedelisch farbenfrohen Kleid überhaupt nicht auf, ja schien sogar gut ins Stadtbild zu passen. Sie schloss kurz die Augen, um sich nach der recht langen Zugfahrt auszuruhen. Dann faltete sie nochmals ihren inzwischen schon mit umgeknickten Ecken versehenen Stadtplan auseinander, um nach dem Ort zu suchen, wo sie den unbekannten Verkäufer von Tante Rosalies Schmuck treffen sollte.
   Der Weg nach Kreuzberg erwies sich als recht einfach, vielleicht, weil Sarah das verworrene Netz der öffentlichen Verkehrsmittel inzwischen übersichtlicher fand. Sie stieg am Kottbusser Tor aus und lief an türkischen Cafés vorbei, vor denen grimmig dreinblickende Männer rauchten und miteinander redeten, an diversen Imbissbuden, Szenekneipen und Obsthändlern.
   »Cooles Kleid«, rief eine Mädchenstimme ihr zu.
   Sarah wandte sich um und erblickte eine junge Frau in schwarzem Minirock, pinkfarbenem Kurzhaarschnitt und mehrfach gepiercten Augenbrauen. Spontan lächelte sie zurück. »Vintage«, erklärte sie.
   »Klar. Wusste ich«, erwiderte die Unbekannte, um gleich darauf in der Menge zu verschwinden.
   Sarah fühlte sich in der Ahnung bestätigt, in diese Stadt zu passen wie ein Paradiesvogel in einen Käfig voller Exoten. Neugierig musterte sie die Auslage eines Geschäftes, das orientalische Kleidung verkaufte. Grellbunte, aufwendig mit Gold und Pailletten verzierte Gewänder standen im Widerspruch zu den türkischen Frauen, die hier tatsächlich an ihr vorbeiliefen, teils in Jeans und bauchfreien T-Shirts, dann wieder in langen Röcken und Kopftüchern. Bald darauf entdeckte sie einen Laden mit exotischem Silberschmuck und atmete den süßlichen Geruch von Räucherstäbchen ein, der durch die halb geöffnete Tür herauswehte. Vielleicht sollte sie Magda ein paar davon mitbringen, die zu Hedwigs Leidwesen immer noch auf diesen »Hippie-Quatsch« stand. Spontan trat sie ein, grüßte den jungen, bärtigen Mann mit einem freundlichen »Grüß Gott« und löste dadurch helles Lachen aus.
   So richtig passte sie also doch nicht hierher.
   Sie suchte drei Packungen aus, zahlte und bejahte die nicht sehr originelle Frage des Verkäufers, ob sie aus Bayern stamme. Leise summend ging sie weiter die Straße entlang, dann entdeckte sie endlich jene kleine Seitenstraße, deren Namen sie sich notiert hatte. Nach kurzem Auf- und Ablaufen stand sie vor einem Internetcafé, das zudem Handys und sonstige Elektrogeräte verkaufte.
   Eine junge Türkin mit zwei Kindern kaufte gerade eine neue Karte für ihr Handy. Das ältere Kind, ein etwa zehnjähriges Mädchen, zeigte auf eine Dose mit Bonbons und stiftete den jüngeren Bruder zu lautem Quengeln an, um einige davon zu bekommen. Sarah fasste sich in Geduld, bis die Verhandlungen zum Vorteil der Kinder beendet waren. Beide hielten Süßigkeiten in den Händen, als die Mutter sie endlich hinausschob. Zurück blieb nur ein Mann von etwa dreißig Jahren mit schwarzen Locken und einem schmalen, recht sympathischen Gesicht.
   »Wie kann ich helfen?«
   Sie konnte nicht sagen, ob sie eben diese Stimme am Telefon gehört hatte. Sein Deutsch war weitaus verständlicher, aber das lag vielleicht einfach daran, dass sie nun seine Lippenbewegungen sah.
   »Ich … ich bin Sarah Walter. Wir haben vor ein paar Tagen telefoniert. Sie sind doch …«
   »Driss Yildirim«, erwiderte er. Das Lächeln wich nicht von seinem Gesicht, er schien plötzlich bemüht, einen guten Eindruck auf sie zu machen. Die braunen Augen waren groß und warmherzig.
   Spontan streckte Sarah ihm ihre Hand entgegen, die er nach kurzem Zögern ergriff.
   »Kommen Sie mit. Ich machen Laden kurz zu, dann wir reden.«
   Ihr fiel ein, dass einige Leute sie vor einer solchen Lage gewarnt hätten, aber sie konnte das Angebot nicht ablehnen, wenn sie mehr herausfinden wollte. So nickte sie nur und ließ sich von ihm in einen kleinen Raum hinter den Computern und Sitzen führen, wo es ziemlich unaufgeräumt aussah. Driss Yildirim schob ein paar Kartons zur Seite und entfernte Papierstapel von einem Stuhl, damit sie sich setzen konnte.
   »Möchten Sie Kaffee?«
   Sarah bejahte.
   Kurz darauf hielt sie eine kleine Tasse mit dickflüssigem, stark gesüßtem Mokka in der Hand. Ihr Gastgeber nahm ihr gegenüber auf einem alten Koffer Platz.
   »Sie wollen Schmuck zurück?«
   Sarah nickte und erklärte nochmals, dass es sich um Familienerbstücke handele.
   »Ich holen. Aber mir zahlen dreitausend Euro. Haben ich dafür bezahlt.«
   Laut Tante Rosalies Erzählungen musste der Schmuck viel mehr wert sein. Driss Yildirim verstand entweder nichts von seiner Ware oder war ungewöhnlich ehrlich. »Ich kann Ihnen das Geld geben«, versprach Sarah, denn ihre Tante würde die geforderte Summe sicher zahlen. »Wie sind Sie überhaupt zu dem Schmuck gekommen?«
   Er zuckte leicht verlegen mit den Schultern. »Ein Freund mir gegeben, damit ich verkaufe. Ich wusste, nicht immer ganz solide, aber kein schlechter Mensch.«
   »Heißt er Daniel Siebert?« Sie versteifte sich, während sie auf eine Antwort wartete. Vielleicht hätte sie zuerst überprüfen sollen, ob es überhaupt der vollständige verschwundene Schmuck war, den dieser Händler ihr übergeben wollte. Doch das sichtliche Erstaunen auf dem Gesicht ihres Gegenübers fegte all ihre Zweifel hinweg.
   »Woher wissen?«, fragte Driss Yildirim. Wieder lächelte er auf eine leicht verlegene Weise. Ihm fehlte das hochmütig maskuline Auftreten vieler orientalischer Männer, was ihn Sarah sympathisch machte.
   »Ich … Ich kenne Daniel Siebert ebenfalls«, begann sie und leerte ihre Kaffeetasse. »Er ist ein entfernter Verwandter von mir. Der Schmuck, den Sie bekommen haben, war so eine Art Leihgabe … also Daniel hätte ihn nicht weitergeben dürfen. Vielleicht hatte er das falsch verstanden.« Es mochte an Tante Rosalie liegen, dass sie plötzlich den Drang verspürte, die Ehre der Familie zu verteidigen.
   Ihr Gegenüber nickte, sah aber nicht wirklich überzeugt aus. »Daniel ist Freund von mir. Hat einmal gekellnert in Lokal, das meinem Onkel gehört. So habe ich ihn kennengelernt. Netter Mann, aber ihm fehlte Halt im Leben. Er tut manchmal Dinge, die nicht richtig sind.«
   Sarah riss staunend die Augen auf, denn so hatte sie Daniel bisher nicht eingeschätzt.
   Er schien so viel von dem zu haben, wonach sich andere Menschen sehnten. Gutes Aussehen, Charme, eine Wirkung auf Menschen, die ihn überall gleich zum Mittelpunkt werden ließ. Sie hatte stets gedacht, dass seine Haltlosigkeit eben dadurch entstanden war. Warum sich an Regeln halten, wenn einem am Ende doch alles verziehen wurde?
   »Sie haben ihm trotzdem den Schmuck abgekauft, ohne genau nachzufragen, woher er stammt«, stellte sie fest, um Driss Yildirim auf seinem hohen, moralischen Ross einen kleinen Schubs zu versetzen.
   Er schlug den Blick nieder und verschränkte seine Finger ineinander. »Daniel sagte, er braucht dringend Geld. Er wusste, ich kenne mich mit Schmuck aus. Mein Vater hat Schmuckladen in Kairo. Und ich … ich brauchen auch Geld. Für Frau und Kinder zu Hause.«
   Sarah fand, er sah zu jung und zu unreif aus, um Familienvater zu sein, doch in seiner Heimat verliefen diese Dinge vielleicht anders.
   Er hatte also zugestimmt und Daniel einen lächerlich geringen Betrag für sehr wertvollen Schmuck gegeben, um so Gewinn machen zu können. Driss Yildirims immer noch verlegener Gesichtsausdruck machte ihr klar, dass er nicht offen über diesen Umstand reden wollte. Sie beschloss, auf Vorwürfe zu verzichten, denn immerhin machte er ihr keine Schwierigkeiten, was sicher möglich gewesen wäre.
   »Ich holen Schmuck«, bot er sich an und stand auf.
   Sarah wurde bewusst, dass sie keine klaren Pläne geschmiedet hatte, was sie mit diesen Juwelen überhaupt anfangen sollte. Dann fiel ihr ein, dass das Hotel sicher einen Safe haben musste, wo Gäste Wertgegenstände aufbewahrten. Am besten sollte sie nun mit dem Taxi zurückfahren, dann konnte kaum noch etwas schiefgehen.
   Driss übergab ihr eine große, mit Schnitzereien verzierte Holzschatulle. »Hier. Alles drin. Auktionen bei eBay schon gelöscht.«
   Sarah strich nachdenklich über den Deckel, öffnete ihn nach kurzem Zögern. Es war ihr peinlich, den Schmuck auf Vollständigkeit zu überprüfen. Außerdem hatte sie keine Auflistung erhalten, nur die Beschreibung einzelner, sehr auffälliger Stücke. Wenn etwas fehlte, würde es wahrscheinlich nicht einmal Tante Rosalie auffallen, und darauf kam es letztendlich an. Sie steckte die Schatulle in ihre Tasche und lächelte Driss an. »Ich danke Ihnen. Das Geld habe ich leider nicht dabei. Ich könnte es überweisen, wenn Sie mir Ihre Kontodaten geben.«
   Nun rechnete sie fast damit, dass er die Schatulle erst einmal zurückfordern würde, doch er nickte nur.
   »Ich schreibe Ihnen auf. Sie nette Frau. Ehrlich.«
   Sarah hoffte, dass er dank der schlechten Beleuchtung in dem fensterlosen Raum nicht merken würde, dass sich ihr Gesicht dunkler färbte.
   »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen«, sagte sie und stand schnell auf. Jetzt konnte sie gehen, morgen wieder nach Rosenheim fahren und ihrer Tante den Schmuck übergeben. Ihre Aufgabe wäre erfüllt. Trotzdem blieb sie kurz vor der Tür stehen.
   »Wissen Sie, wo sich Daniel jetzt aufhält?«
   Sie war dumm. Unbelehrbar.
   Driss bejahte. »Ich kann Ihnen geben letzte Adresse.«
   Er kritzelte etwas auf die Rückseite des Papiers, auf dem er vorhin die Kontodaten aufgeschrieben hatte. Sarah steckte den Zettel schnell ein.
   »Vielen Dank. Jetzt muss ich los.«
   Er begleitete sie in den Laden zurück. Als sich Sarah verabschieden wollte, überreichte er ihr noch eine Packung orientalischer Kekse.
   »Hier, als Dank für Ihren Besuch.«
   Sie musterte ihn staunend. Ihr Auftreten ihm gegenüber war zunächst alles andere als freundlich gewesen, und nun hatte sie ihm die Möglichkeit genommen, mit Tante Rosalies Schmuck gutes Geld zu machen. Dennoch blickte er völlig ehrlich drein, als er ihr das Abschiedsgeschenk hinhielt. Seine Augen in dem schmalen olivfarbenen Gesicht ließen sie an Bernstein denken. Plötzlich bemerkte sie, dass er ein durchaus gut aussehender Mann war.
   »Sie sind sehr freundlich. Ich wünsche Ihnen viel Glück mit Ihrem Laden hier.« Kurz schüttelte sie seine Hand, dann wollte sie endgültig gehen.
   »Wenn Sie wollen, dann wir essen heute Abend in Restaurant von meinem Onkel. Kennen Sie ägyptische Küche?«
   Nein, das tat sie nicht.
   »Ich würde Sie gern einladen«, fuhr Driss fort. »Sie kennen doch sonst niemand in Berlin.«
   Das stimmte. Sarah musterte ihn mit einer Mischung aus Neugier, Aufregung und Unbehagen. Er sah gut aus und war angenehm im Umgang, doch hatte er in seiner Heimat eine Familie.
   Es war wie früher, bevor sie Rainer kennengelernt und versucht hatte, eine solide Existenz aufzubauen. Sie konnte Abenteuer suchen oder ihnen aus dem Weg gehen. »Ich bringe erst einmal den Schmuck ins Hotel. Gegen sieben könnte ich wieder hier sein«, schlug sie spontan vor.
   »Ich warte hier auf Sie«, erwiderte er. Sein Lächeln wurde breiter, und seine Augen strahlten auf eine Weise, die ihr gefiel.
   »Können Sie mir vielleicht ein Taxi rufen?«, bat Sarah und sah ihn nach einem Telefonapparat greifen. Sie hatte immer noch die Möglichkeit, einfach nicht wiederzukommen, wusste aber, dass sie es tun würde. Das nervöse Kribbeln in ihrem Magen nach seinem Angebot war durchaus angenehm gewesen.

Am nächsten Morgen trank Sarah schnell den Kaffee, den Driss ihr brachte, und strich ihm zum Abschied nochmals über das pechschwarze Haar. Es war schön gewesen in seinem winzigen Apartment, vor dem die ganze Nacht Autos vorbeirasten. Er hatte nicht einmal versucht, die Fotos von seiner Frau und den drei Kindern zu verbergen, die sorgfältig gerahmt auf seinem Nachttisch standen. Im Grunde war Sarah ihm dankbar dafür. Bei ihrem Gespräch in dem kleinen Lokal hatte sie gemerkt, dass sie sich in seiner Gegenwart zunehmend wohlfühlte. Deshalb hatte sie das Angebot, ihn nach Hause zu begleiten, auch angenommen, wohl wissend, worauf dies hinauslaufen würde. In der Hitze der Leidenschaft hätte sie vielleicht vergessen können, dass eine Fortsetzung dieser Liebesnacht nicht möglich war, aber es war ihr gelungen, ihre Gefühle den Notwendigkeiten des Lebens unterzuordnen. Wahrscheinlich hatte sie sich bei Rainer nur unrealistische Hoffnungen gemacht und war deshalb als verlassenes Häufchen Elend vor die Tür gesetzt worden. Nun fühlte sie sich wieder frei und selbstbestimmt, eine Frau, die sich holte, was ihr gefiel, ohne in romantische Träumereien zu verfallen. Berlin tat ihr gut, weckte ein Lebensgefühl, das sie in den letzten Jahren verloren hatte.
   In ihrem Hotel angekommen nahm sie eine lange Dusche und legte sich noch für eine Weile ins Bett, um entspannt vor sich hinzudämmern. Sobald sie sich gänzlich wach fühlte, würde sie sich etwas zu essen besorgen und herausfinden, wann der nächste Zug nach Rosenheim ging. Dort würde sie auch gleich das Geld an Driss überweisen, denn inzwischen wusste sie, dass er es wirklich brauchte.
   Sie richtete sich auf und griff nach ihrer Handtasche, um zu überprüfen, dass sie den Zettel mit seinen Kontodaten wirklich eingesteckt hatte. Sobald sie das zerknüllte Stück Papier in den Händen hielt, fiel ihr ein, was Driss dort außerdem noch notiert hatte. Daniels gegenwärtige Adresse. Sie wollte eine Erklärung von ihm haben, wie er die gutmütige, stets hilfsbereite Rosalie hatte bestehlen können.
   Und außerdem wollte sie ihn wiedersehen.

Zwei Stunden später stand sie vor einem Altbau am Prenzlauer Berg, trat in den Hinterhof und suchte dort nach dem Eingang. Ein paar Kinder spielten hinter ihr Ball, und ein etwa vierzigjähriger Mann mit Lederjacke und Irokesenhaarschnitt führte seinen Hund spazieren. Sarah entdeckte recht schnell die Klingelschilder, konnte aber Daniels Namen nicht finden.
   »Entschuldigen Sie«, rief sie dem gealterten Punker zu, bevor er mitsamt Hund aus ihrem Blickfeld verschwinden konnte. »Ich suche Daniel Siebert.«
   Sie machte sich wenig Hoffnungen, denn in einer Großstadt kannten auch Nachbarn einander meistens kaum. Doch der Mann kam sogleich auf sie zu.
   »Daniel wohnt bei der Lotte. Lotte Sperling. Fünfter Stock.«
   Nachdem Sarah den kleinen Hund kurz am Kopf gekrault hatte, bedankte sie sich. Sie trat nochmals auf die Klingelschilder zu und fand recht schnell den Namen Sperling.
   Daniel wohnte also bei einer Lotte.
   Es gab keinen Grund, darüber entsetzt oder wütend zu sein. Trotzdem hatte diese Neuigkeit ihr einen feinen Nadelstich versetzt.
   Sie klingelte. Es war elf Uhr vormittags an einem Donnerstag. Wenn Lotte berufstätig war, dann wäre sie nicht da. Daniel vermutlich schon, denn er hatte sich nie für geregelte Arbeitszeiten begeistern können.
   »Hallo?«, meldete sich eine Frauenstimme durch die Sprechanlage.
   Sarah fröstelte leicht. »Ich muss mit Daniel Siebert reden. Ich bin eine Verwandte. Es ist wichtig.«
   Schweigen.
   »Er ist nicht hier«, erwiderte die Unbekannte schließlich. »Ich weiß nicht, wann …«
   Es knackste in der Sprechanlage. Sarah fürchtete, die Kommunikation würde jeden Moment abgebrochen werden.
   »Bitte! Es ist wichtig«, rief sie in den Lautsprecher. Als Antwort erhielt sie ein unverständliches Brabbeln, aber mit einem Summton wurde ihr die Tür geöffnet. Sie betrat ein dunkles, muffig riechendes Haus ohne Aufzug. Seufzend begann sie, die hölzernen Stiegen zu erklimmen. Fünfter Stock, das klang anstrengend, aber es wäre gut für ihre Fitness. Leider machte sich der ausgiebige Weingenuss des gestrigen Abends nun bemerkbar sowie der Umstand, dass sie von Driss zwei Zigaretten angenommen hatte. Als Sarah endlich das richtige Stockwerk erreicht hatte, schnaufte sie und musste mehrfach husten. Sie sah sich in dem schlecht beleuchteten Flur um, wo eine Tür bereits halb geöffnet war.
   »Sie wollen zu mir?«
   Die Stimme näselte sächsisch. Sarah erinnerte sich, wie viele Witze Daniel einst in München nach der Wiedervereinigung über diesen Dialekt gerissen hatte, während sie auf die Sprecherin zuging.
   »Guten Tag«, begann sie, denn sie hatte inzwischen dazugelernt. »Ich bin eine Verwandte von Daniel und …«
   »Er ist nicht hier, aber wenn Sie wollen, können Sie auf einen Kaffee hereinkommen.«
   Die Tür öffnete sich weiter. Sarah blickte in einen hellen Flur, in dem ein paar Pflanzen und Ikeamöbel standen.
   »Das ist wirklich nett von Ihnen. Ich halte Sie ganz sicher nicht lange auf.«
   »Ja, ja, schon gut.«
   Eine Frau in T-Shirt und Jogginghose winkte sie herein. Sarah gab sich Mühe, Daniels gegenwärtige Freundin nicht allzu neugierig anzugaffen, wusste aber nicht, ob sie ihr Erstaunen wirklich verbergen konnte. Die Frau sah so farblos aus! Ihr braunes Haar war kurz geschnitten, sie trug eine eckige Brille, und die breiten Hüften wären auch im Minirock untauglich für Hochglanzmagazine gewesen. Einst hatte sie geglaubt, zu wenig Glamour zu besitzen, um Daniel halten zu können, doch neben seiner aktuellen Lebensgefährtin kam sie sich vor wie ein Paradiesvogel. Bunt, schrill, für bodenständige Menschen wahrscheinlich unnötig herausgeputzt.
   »Mögen Sie Milch oder Zucker?«, fragte Lotte Sperling, während sie die Kaffeemaschine anwarf.
   »Milch bitte. Am liebsten Sojamilch, wenn Sie das haben.«
   »Habe ich nicht. Sind Sie vegan?«
   »Nein, nur Vegetarierin«, erwiderte Sarah und sah sich in der Küche um. Ein paar gerahmte Kinderzeichnungen hingen an der Wand. Die Möbel waren schlicht und praktisch.
   Lotte holte zwei große bunte Tassen aus dem Schrank. »Ich habe noch Kekse, wenn Sie wollen.«
   »Danke. Ich habe gerade gefrühstückt«, erwiderte Sarah, denn sie hatte keinen Appetit auf Süßigkeiten.
   Lottes Blick streifte sie kurz von Kopf bis Fuß. Ging diese grundvernünftige Person davon aus, dass alle eitlen, schlanken Geschlechtsgenossinnen an Essstörungen litten?
   »Nochmals Danke für den Kaffee.«
   »Keine Ursache. Sie suchen also Daniel.« Lotte nahm ihr gegenüber am Küchentisch Platz.
   »Ja. Ich muss mit ihm reden.«
   Sarah nippte an ihrer Tasse. Ihr Lippenstift hinterließ rote Spuren darauf. Warum hatte sie plötzlich den Eindruck, dass sie dadurch in Lottes Augen endgültig zur Tussi werden musste? Unauffällig entfernte sie die Farbe mit dem Finger.
   »Daniel ist weg«, sagte Lotte indessen und lehnte sich zurück. »Er wollte nach Russland fahren. Nach Sankt Petersburg. Ich habe ihm dafür Geld geliehen. Das sehe ich nie wieder, nicht wahr?«
   »Nein, vermutlich nicht«, erwiderte Sarah sogleich. Sie war erstaunt, wie unglücklich Lotte plötzlich aussah. Frauen ihrer Art gingen sonst auf Stelzen moralischer Überlegenheit durchs Leben. Sie wurden niemals schwach, versuchten nicht, Männern zu gefallen, und machten deshalb auch keine Dummheiten.
   Nun wischte sich Lotte rasch die Augen mit dem Handrücken trocken. »Ich wusste es auch die ganze Zeit. Dass auf ihn kein Verlass ist, meine ich. Aber ich dachte, ich könnte ihn ändern, wenn ich ihm Rückhalt und Unterstützung biete. Dabei hätte ich mir denken können, dass ich keine Chancen habe. Vor allem, wenn ich jetzt Sie sehe. Die anderen Verflossenen waren sicher auch hübscher als ich.«
   Sarah spürte ihre Wangen heiß werden. Gleichzeitig schwanden alle Vorbehalte, die sie dieser Lotte gegenüber zunächst gehabt hatte. Es kam selten vor, dass Frauen anderen Frauen gegenüber so ehrlich waren. »Mir ist er auch abgehauen. Diese ganze Schminke und Mode, das sollte einfach Spaß machen, sonst lässt frau es besser bleiben. Ein Zaubermittel, um Männer zu halten, ist es jedenfalls nicht.«
   Auf einmal wurde Lottes strenges Gesicht weich und der intelligente, warme Blick ihrer Augen überstrahlte den Rest ihrer Erscheinung. Sarah verstand nun, warum sich Daniel wenigstens für eine gewisse Zeit in diese Frau verliebt hatte.
   »Sie sind netter als erwartet«, stellte Lotte ganz sachlich fest. »Wollen Sie mir sagen, warum Sie Daniel sprechen müssen? Vielleicht kann ich Ihnen ja doch irgendwie helfen.«
   Sarah atmete tief durch und gab eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse zum Besten. Lotte schien Daniel gut genug zu kennen, um damit umgehen zu können, dass er im Notfall auch seine Verwandtschaft bestahl. Ihre Miene blieb völlig unbewegt, während sie zuhörte, lediglich ein Runzeln der Stirn wies auf Nachdenklichkeit hin. Als Sarah mit ihrem Bericht zu Ende war, drehte Lotte kurz ihre Kaffeetasse auf dem Tisch.
   »Von dem Schmuck wusste ich«, erzählte sie. »Er sagte mir, es sei ein Geschenk dieser Tante gewesen. Ich glaube, er hatte selbst keine Ahnung, welchen Wert die Sachen hatten. Ich habe sie mir auch mal angeschaut, aber für mich sahen sie aus wie diese Klunker, die alte Frauen eben gern tragen.«
   Sarah glaubte ihr sofort. Lotte schien keine Frau, die sich jemals in ihrem Leben für Schmuck interessiert hatte.
   »Da war noch etwas, das er fand«, redete Lotte weiter. »Irgendwelche auf Russisch geschriebene Briefe. Sie waren unter dem Stoff versteckt, mit dem die Schatulle von innen bezogen war.«
   Sarah richtete sich ruckartig auf. Sie würde das überprüfen, sobald sie die Schatulle wieder aus dem Hotelsafe geholt hatte. »Daniel kann aber kein Russisch«, stellte sie fest. Es passte nicht zu ihrer Jugendliebe, plötzlich schwere Fremdsprachen büffeln zu wollen.
   »Das ist richtig«, gab Lotte zu. »Meine Eltern lernten es noch in der Schule, ich nicht mehr. Daniel suchte jemanden, der die Briefe für ihn übersetzen konnte. Er hatte einen russischen Freund, zu dem ging er deshalb. Er sagte mir nie genau, was er herausbekommen hatte, meinte nur, er müsse nach Sankt Petersburg fliegen. Es wäre wichtig. Ich glaube, er hoffte, dort etwas zu finden, das er vielleicht zu Geld machen konnte. Von dem, was dieser Ägypter ihm für den Schmuck gab, konnte er gerade mal seine Schulden bezahlen.«
   Sarah überkam Unbehagen, denn sie traute Daniel durchaus zu, sich wegen eines Hirngespinsts auf eine völlig sinnlose Reise zu begeben. Das allein wäre ja nicht so schlimm gewesen, wenn er deshalb nicht das Geld anderer Leute ausgegeben hätte. »Wann ist der denn geflogen?«
   »Vor etwa einem Monat. Ich habe seitdem nichts mehr von ihm gehört, aber es lief schon nicht mehr so gut zwischen uns. Ich war nicht einmal überrascht, dass er sich nicht mehr meldet.« Wieder glitt Lottes Handrücken über ihre Augen. Sie räusperte sich, vermochte dann langsam die Fassung wiederzugewinnen.
   »Das tut mir sehr leid«, sagte Sarah und meinte es auch.
   »Daniel wurde von seinen Eltern stets abgelehnt, weil er nicht ihren Vorstellungen entsprach«, fügte Lotte plötzlich hinzu.
   Sarah musste auflachen. »Na ja, wer tut das schon?« Sie begriff nicht ganz, worauf Daniels letzte Verflossene hinauswollte.
   »Im Grunde keiner, aber manche Eltern reagieren härter als andere«, erwiderte Lotte, deren Gesicht wieder lebendig geworden war. »Ich weiß, wie sehr manche Menschen unter der Ablehnung durch ihre Eltern leiden. Ich bin Sozialpädagogin.«
   Einen Beruf dieser Art hatte Sarah bei ihr schon vermutet.
   »Daniel wurde von klein auf mit Erwartungen konfrontiert, denen er nicht entsprechen konnte. Aus Trotz flüchtete er in die stete Rebellion«, dozierte Lotte nun. Ihre Wangen hatten sich rosa gefärbt, und sie gestikulierte energisch.
   Sarah fragte sich, warum sie diese Frau jemals für farblos gehalten hatte.
   »Im Grunde ist Daniel selbst davon überzeugt, dass er nichts taugt. Daher versucht er, andere zu blenden und geht krumme Wege, da er auf den geraden ohnehin scheitern würde.«
   Sarah leerte langsam ihre Kaffeetasse. Lottes Erklärung klang schlüssig, aber ganz überzeugt war sie nicht. Daniel mochte den krummen Weg aus einer inneren Not heraus eingeschlagen haben, doch dann hatte er schnell begriffen, wie einfach dieser für ihn war. Zu blenden war ein Talent, über das er mehr verfügte als viele andere Leute.
   »Ich hatte gehofft, ein Halt für ihn zu sein, indem ich ihm Anerkennung zeigte. Auch mit meinem Sohn verstand er sich, obwohl er mit Kindern angeblich nichts anfangen konnte«, sagte Lotte nun leiser. »Zunächst lief es auch gut mit seinem Webdesign. Er ist künstlerisch begabt, ohne Zweifel, das habe ich ihm immer wieder versichert. Aber sobald die ersten Rückschläge kamen, warf er auch schon die Flinte ins Korn und fuhr zu dieser Tante, um sich Geld zu leihen.«
   Sie seufzte. Sarah fragte sich, ob diese Frau Daniels Rückfall in alte Verhaltensmuster nicht auch als ihr eigenes professionelles Versagen betrachtete.
   »Es ist nicht gerade einfach mit diesen kreativen Berufen«, gab Sarah zu bedenken. »Zunächst einmal verdient man nur ein Zubrot. Falls Daniel tatsächlich Schulden gemacht hatte, brauchte er wohl wirklich finanzielle Hilfe.«
   »Oder einen regulären Job«, warf Lotte ein. »Nur kann Daniel es eben nicht ertragen, Anweisungen anzunehmen und sich unterzuordnen. Eben weil er als Kind zu sehr damit drangsaliert wurde.«
   Das war eine mögliche Erklärung für eine feststehende Tatsache. Sarah wollte sich auf keine Diskussion mit dieser Frau einlassen, die meinte, schon alle Antworten auf sämtliche Fragen zu wissen. »Also holte er sich Geld von Tante Rosalie, und jetzt ist er in Russland«, fasste sie die Ereignisse zusammen. »Haben Sie eine Ahnung, wo er sich genau aufhalten könnte?«
   Lotte sah niedergeschlagen aus, als sie den Kopf schüttelte. »Er hat es mir nicht gesagt. Er brach einfach auf.«
   Und nahm deine Ersparnisse mit, fügte Sarah im Geiste hinzu. Tante Rosalie konnte es sich wenigstens leisten, die Eskapaden eines unzuverlässigen Neffen zu finanzieren. Lotte hingegen machte keinen sehr wohlhabenden Eindruck.
   »Wir hatten einen gemeinsamen Urlaub auf Sylt geplant«, erzählte sie auch schon. »Den musste ich nun absagen, weil ich ihn nicht mehr zahlen kann, nicht einmal für mich und meinen Sohn. Meinen kleinen Felix habe ich in ein Ferienlager geschickt, damit er wenigstens ein bisschen Abwechslung hat. Ich verbringe meinen Urlaub auf dem Balkon, aber das ist nicht so schlimm.«
   Sie lächelte gezwungen. Auf einmal wirkte die souveräne Sozialpädagogin so traurig, dass Sarah sie gern in die Arme genommen hätte. Sie wagte es aber nicht.
   »Es tut mir sehr leid, wie sich Daniel benommen hat«, versicherte sie stattdessen. »Er wäre jedenfalls nicht der ideale Stiefvater gewesen. Vielleicht … vielleicht wissen Sie wenigstens, wie dieser russische Freund heißt, der die Briefe für ihn übersetzte.«
   Lotte hatte ihre Schwermut wieder energisch abgeschüttelt und begann, die Kaffeetassen in die Spüle zu räumen. »Ja, der heißt Sergej … irgendwas. Russen haben immer so lange Namen. Er war einmal hier bei uns zum Essen. Er schreibt so komische Gedichte, die keiner versteht, und außerdem fährt er Taxi. Deshalb hat er mir damals seine Karte gegeben, also wenn ich mal eines brauche, die habe ich sicher noch irgendwo.«
   Sarah starrte Lotte beeindruckt an, denn sie selbst verlegte Visitenkarten meist schon nach ein paar Tagen. Aber die gut organisierte Sozialpädagogin kramte in einem schlichten Rucksack und hielt Sarah schließlich ein Stück Papier hin.
   »Hier. Das ist die Nummer, unter der Sie sein Taxi bestellen können.«
   Sarah nahm die Gabe erfreut an. »Ich danke Ihnen sehr. Und wenn ich Daniel finde, dann werde ich ihm den Kopf waschen, damit er Ihnen das Geld wieder zurückzahlt.«
   Sie stand auf und verabschiedete sich. Kurz überlegte sie, bei Driss vorbeizuschauen, verwarf diese Idee jedoch als zu gefährlich. Zu oft schon war sie von einer Beziehung in die nächste gerannt. Sie würde den Gedichte schreibenden Taxifahrer anrufen und ein Treffen ausmachen.

7. Kapitel
Sankt Petersburg, April 1907

»Erreicht haben wir nichts. So gut wie gar nichts!«
   Die magere, hochgewachsene Frau schlug mit der Faust so heftig auf die Rednertribüne, dass Antonia einen Zusammenbruch des Holzes zu fürchten begann. Sie schätzte Lydia Gregorowa für ihren Mut, öffentlich aufzutreten, obwohl sie die Tochter eines einfachen, zudem jüdischen Buchhalters war. Auch in Russland schienen die meisten Frauen immer noch bemüht, sich möglichst schnell einen Mann zu angeln, der sie und ihre Kinder gut versorgen konnte. Idealerweise sollte er noch ein schönes Heim und ein paar teure Kleider zahlen können. Deshalb hatte sie Norah, die älteste Tochter des Fürsten Wolgorin, heute zu der Versammlung mitgenommen. Das Mädchen sollte begreifen, dass auch Frauen in der Politik mitmischen konnten, denn ihre Heimat war im Begriff, sich zu verändern. Der große Aufstand nach dem Gemetzel vor zwei Jahren war nicht ohne Folgen geblieben.
   »Der Zar machte ein paar Zugeständnisse, um wieder für Ruhe zu sorgen«, redete sich Lydia Gregorowa weiter in Fahrt. »Wir bekamen ein Parlament, die Duma, und Volksvertreter, doch nun wird ein neues Wahlrecht eingeführt, und die Konservativen haben wieder das Sagen. Außerdem hat der Zar das Vetorecht bei allen Entscheidungen. Außer gewaltsamer Angriffe gegen Aufständische und Pogrome ist nichts passiert.«
   Es folgte eine Menge Geschrei, teils aus begeisterter Zustimmung, teils aus Protest gegen eine unverheiratete jüdische Frau, die hier offen das Wort zu ergreifen wagte. Antonia nippte an ihrem Bierglas und wartete, bis wieder Ruhe einkehren würde.
   »Will diese Frau, dass alle Adeligen sterben?«, fragte Norah mit todernster Miene.
   »Nein, natürlich will sie das nicht«, versuchte Antonia, das verschreckte Mädchen zu beruhigen. »Sie will nur mehr Gerechtigkeit. Bessere Arbeitsbedingungen für Bauern und Arbeiter. Keine Diskriminierung von Juden mehr. Dafür wird überall auf der Welt gekämpft. Nur hat Russland recht viel aufzuholen.«
   In Wahrheit gefiel ihr dieser Schwebezustand an diesem Land. Es war so archaisch, so pulsierend und wild. Neben tiefer Frömmigkeit und Aberglauben existierten die gewagtesten Utopien über neue Gesellschaftsformen. Antonia hatte es vor allem Sascha zu verdanken, dass ihr als deutscher und gutbürgerlicher Gouvernante der Zutritt zu solch radikalen Kreisen gewährt worden war. Inzwischen kannte sie mehr unabhängige Frauen, verrückte Künstler und politische Aufwiegler als jemals in ihrer Heimat. Auf wundersame Weise war es ihr gelungen, diese Aspekte ihres Lebens vor den Wolgorins zu verbergen. Es lag wahrscheinlich daran, dass sich in dem Haus kaum jemand für sie interessierte. Außer Norah, die ihr inzwischen folgte wie ein treues Hündchen und mit bewundernden Augen zu ihr aufsah.
   »Was wir brauchen, ist eine radikale Veränderung«, rief die Rednerin nun. »Gleiches Recht für alle Einwohner dieses Landes. Der Zar muss seine Macht abgeben, er muss zurücktreten.«
   Nun brach ein Sturm in der kleinen Kellerwohnung aus, wo regelmäßig politische Versammlungen stattfanden.
   »Vaterlandsverräterin«, brüllte ein großer, breiter Mann, der ein Stück hinter Antonia stand. »Ungläubige!«
   Eine leere Flasche flog auf Lydia Gregorowa zu, doch sie konnte im letzten Moment zur Seite springen. Gleichzeitig begannen einige der Anwesenden, sie zu verteidigen, schubsten den Angreifer an die Wand und versetzten ihm Faustschläge. Aber auch er war nicht ohne Freunde, die entweder ihn oder seine Meinung mochten oder einfach Lust auf eine Schlägerei hatten. Antonia hatte befürchtet, die Polizei könnte eine friedliche, politische Versammlung stören, aber die Anwesenden schafften es auch ohne fremdes Eingreifen, für Chaos zu sorgen. Sie packte Norahs schmales Handgelenk und sah sich nach dem Ausgang um, denn ihre allererste Aufgabe war es, das ihr anvertraute Mädchen sicher wieder nach Hause zu bringen. Sie schubste und drängelte, bis sie wieder im Treppenhaus des verwahrlosten Mietshauses angelangt waren.
   »Es ist so schmutzig hier. Warum räumt niemand auf?«, jammerte Norah und sprang einen Schritt zurück, als eine riesige Ratte an ihnen vorbeihuschte. Gleich darauf trat Antonia versehentlich gegen eine reglos daliegende, zerlumpte Gestalt, die sich fluchend herumwälzte. Ein dichter Bart wurde im Halbdunkel sichtbar, ein gespenstisch bleiches Gesicht und krallenartige Finger, die eine verfaulte Rübe umklammerten.
   »Verschwindet, elendes Pack«, rief der Fremde und krümmte sich gleich darauf in einem Hustenanfall.
   Antonia legte ihren Arm um Norahs Schultern und schob sie an die frische Luft hinaus. Nur sah es mitten in einem Arbeiterviertel neben dem Schlachthof nicht wirklich besser aus als in dem Mietshaus. Zerlumpte, ausgezehrte, teils sichtlich kranke Gestalten schleppten sich über die schmutzige Straße, Hunde wühlten im Abfall herum. Selbst die Luft stank nach Elend.
   Hier würden sie so schnell keine Droschke bekommen, und Antonia wusste nicht, wo die nächste Straßenbahnhaltestelle war. Hergekommen waren sie mit Lydia Gregorowa und ein paar anderen Bekannten, doch nun musste sie um Norahs willen so schnell wie möglich weg. Sascha hatte versprochen, später bei der Versammlung vorbeizuschauen, aber er konnte nicht immer feste Uhrzeiten ausmachen. Trotzdem würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als auf ihn zu warten. Sie konnte nur hoffen, dass er noch vor Einbruch der Dunkelheit käme. Wenn sie Norah nicht rechtzeitig zum Abendessen zurückbrachte, konnte es Ärger geben.
   Sie entdeckte den Eingang zu einem Hinterhof, wo es recht friedlich aussah, und schob Norah hinein. Zum Glück war heute ein recht milder Apriltag, sodass sie nicht frieren würden, wenn sie hier länger herumstehen mussten.
   »Was ist los mit diesen Leuten hier?«, fragte das Mädchen mit großen, dunklen Augen. »Warum sind sie so schmutzig und ständig betrunken? Meine Mutter sagt, Gott hat die Welt so geschaffen. Einfache Leute brauchen jemanden, der sie lenkt. Aber Sie sehen das nicht so, haben Sie gesagt.«
   »In der Tat nicht«, erwiderte Antonia so ruhig wie möglich. »Es ist eben die Herrschaft weniger über viele, die das Elend verursacht. Diese Leute brauchen einfach nur mehr Bildung und eine Arbeit, die anständig bezahlt wird.«
   Norah schien ehrlich überrascht. »Unsere Bediensteten werden bezahlt. Die Leute in den Fabriken doch auch.«
   »Das reicht gerade, damit sie nicht verhungern. Oft nicht einmal dazu.«
   Das Elend hier in Sankt Petersburg stellte alles, was Antonia aus ihrer Heimat kannte, in den Schatten. Auch in dieser Hinsicht war Russland einzigartig.
   »Aber wenn sie richtig arbeiten würden, dann müssten sie nicht hungern, sagt meine Mutter. Und warum hasst diese Frau da drin den Zaren? Er ist unser Vater.«
   »Nein, das ist er nicht. Er ist nur der Herrscher dieses Landes. Ich weiß, viele Leute lieben ihn, aber er hat ihnen kaum je etwas Gutes getan«, wagte Antonia nun zu äußern. Sie vertraute auf Norahs Klugheit, ihre Neugier und ihren Anstand. Dieses Mädchen sollte erfahren, was in seiner Heimat wirklich vor sich ging. Der Zar wurde von der Mehrheit der einfachen Leute immer noch als eine Art Übervater betrachtet. Der Volkszorn wegen Hungersnöten und der ständigen Schikane durch die Polizei richtete sich nur gegen Staatsbeamte und andere Würdenträger. Wenn dieser störrische Monarch nur etwas Mumm in den Knochen hätte, könnte er diesen Umstand zu seinem Vorteil nutzen und sein Land selbst in die Moderne führen, dachte sie wieder einmal. Aber er war ein menschenscheuer Eigenbrötler, der sich mit seiner Familie verkroch, seit sein Palast fast gestürmt worden war. Das konnte ihn tatsächlich eines Tages die Krone kosten, denn Leute wie Lydia Gregorowa fanden immer mehr Zuhörer.
   »Es ist Gottes Wille, dass der Zar über dieses Land herrscht«, meinte Norah nun, aber ihre Stimme klang unsicher.
   Sie schmiegte sich enger an Antonia, und ihr Körper zitterte. Die fremde Umgebung musste ihr Angst machen. Antonia fragte sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, das Mädchen hierher zu bringen.
   »Wir reden später darüber«, sagte sie und strich über den dunklen Haarschopf. »Jetzt lass uns ein bisschen herumlaufen, damit wir nicht frieren.«
   Durch das geöffnete Tor war frischer Wind hereingeweht. Antonia zog ihren Mantel enger um sich, ergriff Norahs Hand und drehte ein paar Runden auf dem Hinterhof. Sie mussten einer Pfütze von Erbrochenem ausweichen und stolperten fast über einen umgekippten Eimer, aus dem eine dunkle, übel riechende Brühe quoll. Ein paar Ratten, diesmal deutlich kleinere Exemplare, huschten quiekend davon. Antonia stützte sich am Gemäuer ab, denn ihr wurde leicht schwindlig. Sie sehnte sich regelrecht nach ihrem sauberen Zimmer im Haus der Wolgorins und einem guten Abendessen, das man ihr dort tagtäglich servierte. War ihre sozialistische Überzeugung tatsächlich so schwach? Sie würde Norah niemals ein echtes Vorbild sein können, dachte sie erschöpft, überlegte gleichzeitig, ob sie nicht nachsehen sollte, was Lydia Gregorowa machte.
   »Tonja? Wo zum Teufel steckst du?«
   Der Klang von Saschas Stimme verlieh der Welt plötzlich wieder ein helleres Licht. Antonia ergriff Norahs Hand und hastete auf den Eingang zum Hinterhof zu.
   »Hier sind wir! Wir kommen gleich«, rief sie auf Deutsch. Als sie Sascha in seinem schlichten, eleganten Anzug sah, musste sie dagegen ankämpfen, ihm um den Hals zu fallen.
   »Was machst du mit der Tochter der Wolgorins hier?«, fragte er, ebenfalls in ihrer Muttersprache. »Bist du verrückt?«
   »Ich … Ich dachte, dass sie einmal eine politische Versammlung miterleben sollte. Ich wusste ja nicht, wie das hier ausgeht«, stammelte Antonia, die sich plötzlich schuldig fühlte.
   Norah stand schweigend und blass hinter ihnen. Ihr verwirrter Blick machte klar, dass sie etwas von der Wahrheit zu ahnen begann.
   »Ich war gerade unten im Keller«, erzählte Sascha. »Dort herrscht inzwischen wieder Ruhe, aber ein paar Leute haben blaue Augen und blutige Lippen abbekommen. Lydia konnte ihre Rede schließlich zu Ende halten. Es hätte viel schlimmer ausgehen können, selbst ein Eingriff der Polizei war zu befürchten. Ich verstehe nicht, was du dir dabei gedacht hast …«
   »Bring uns einfach nach Hause. Bitte!«, unterbrach Antonia und sah erleichtert, dass tatsächlich ein Einspänner vor dem Tor stand. Sascha half zunächst Norah aufzusteigen, dann schob er Antonia auf den Sitz und kletterte schließlich selbst hinein. Der Kutscher trieb das Pferd an und Antonia atmete auf.
   »Dem Mädchen hätte wirklich etwas geschehen können«, schimpfte Sascha indessen weiter. »Mir ist schon nicht wohl dabei, wenn du allein in eine solche Gegend gehst, aber ein Kind …«
   »Ich wollte mitkommen«, unterbrach Norah mit leiser Stimme. »Ich habe Fräulein Walter darum gebeten.«
   Das stimmte nicht ganz. Der Vorschlag war von Antonia gekommen, und Norah hatte zunächst sogar gezögert zuzustimmen. Aber das Mädchen schien bemüht, die geliebte Gouvernante vor Vorwürfen zu schützen. Sascha schnaubte und fegte sich Staub von seinem Jackett. So unauffällig wie möglich rieb sein Handrücken über Antonias Arm.
   »Deine Waghalsigkeit macht mir einfach Angst, das ist alles«, sagte er leiser. »Ich will nicht, dass dir ein Unglück geschieht. Oder dass du Ärger bekommst.«
   Antonia unterdrückte ein Lächeln. Als Waisenkind, das bei meist viel beschäftigten Verwandten unterkam, hatte sie früh gelernt, auf sich selbst aufzupassen. Dass sich ein Mann nun in ihr Leben einmischte, gefiel ihr zwar nicht immer, doch das Wissen um seine Sorge machte sie unerwartet glücklich. Schnell glitt ihre Hand in die seine und blieb dort nur ein paar Sekunden lang ruhen. Norah durfte nichts merken, rief sie sich in Erinnerung. Das Mädchen war zwar klug, aber auf eine sehr vergeistigte, weltfremde Art. Geheime Liebschaften würde sie nicht so schnell durchschauen, da sie sich mit ihren siebzehn Jahren bisher nicht für Männer interessierte.
   Sie erreichten den Newski Prospekt, und das elende Arbeiterviertel schien plötzlich Teil einer anderen Welt. Obwohl Antonia nicht zum ersten Mal hier war, musste sie die Pracht der Fassaden bestaunen. Wer unter den russischen Aristokraten etwas auf sich hielt, hatte hier ein Stadtpalais. Vermutlich ärgerte es die Gräfin Wolgorina, in der nicht ganz so glamourösen Sergiewskaja Straße zu wohnen, auch wenn sich in der Nähe der schöne Taurische Garten befand. Die riesige Kasaner Kathedrale, ein russischer Versuch, den Petersdom in den Schatten zu stellen, zog an ihnen vorbei. Bald darauf folgte der Gostiny Dwor, ein mit Luxusgeschäften gefülltes Kaufhaus, das an einen Palast erinnerte. Elegante Damen, auf deren Hüten Pfauenfedern und Seidenblumen wuchsen, kamen heraus, gefolgt von Bediensteten, die Einkaufstaschen trugen. Trotz des milden Wetters waren Pelze aus Hermelin und Nerz zu sehen, samtene Schleppen fegten über den Boden und die Hand einer Frau, die dicht neben Antonia stand und jemandem zuwinkte, war mit riesigen Schmucksteinen besetzt. Auch in der Zurschaustellung von Reichtum kannte dieses Land kein Maß, dachte Antonia mit einer Mischung aus puritanischer Empörung und widerwilliger Faszination.
   »Was soll ich meiner Familie erzählen?«, meldete Norah sich zu Wort. »Dass wir einen Spaziergang gemacht haben? Im Theater waren?«
   Antonia wurde bewusst, dass sie darüber bisher nicht nachgedacht hatte. Katja hatte mit ihrer Mutter einen Ausflug zu Verwandten unternommen. Norah war als Mitbringsel der Gräfin nicht so beliebt, da weniger vorzeigbar. Aber irgendetwas würde das Mädchen berichten müssen, denn die Frage, wo sie mit ihrer Gouvernante gewesen war, schien recht wahrscheinlich.
   »Sag, wir waren im Taurischen Garten und haben zusammen auf einer Bank ein Buch gelesen, weil das Wetter so schön war«, schlug Antonia schnell vor.
   Norah nickte.
   »Und da fahren wir jetzt auch am besten hin«, stimmte Sascha zu. »Dann sehen uns später alle im Haus aus dieser Richtung kommen.«
   Der Einspänner schlug auf seinen Wunsch hin einen Umweg ein, um sie ans Ziel zu bringen, ohne dass sie am Heim der Wolgorins vorbeifuhren. Ein schlichter, klassizistischer Palast, nun Sitz der Staatsduma, tauchte vor ihnen auf. Davor lag ein großzügig angelegter Park, durch den nobel gekleidete Herrschaften flanierten. Sascha half ihnen beim Aussteigen, obwohl sie es zweifellos allein geschafft hätten. Antonia erinnerte sich, dass sie solches Verhalten bei Männern einst lächerlich gefunden hatte. Nun lag ihre Hand wieder ein paar Momente länger als notwendig in der seinen.
   »Ich sehe mir die Enten im Teich an«, rief Norah und eilte davon, ohne auf Zustimmung zu warten. Antonia sah ihr staunend hinterher, denn bisher hatte das Mädchen wenig Interesse an der Tierwelt gezeigt.
   »Sie spürt, dass wir allein sein wollen«, erklärte Sascha, schob seine Hand unter ihren Arm und führte sie zu einer Bank. »Wir haben selten genug Gelegenheit dazu.«
   Das stimmte. Antonia hatte weiterhin einen freien Tag in der Woche, doch waren auch da nicht immer Treffen möglich. Es gab eine deutsche Gemeinde in Sankt Petersberg, wo sie sich gelegentlich sehen lassen musste, um nicht völlig zur Außenseiterin zu werden. Auch andere Freundschaften, wie die mit Lydia Gregorowa, wollte sie pflegen. Die Vorstellung, ihr ganzes Leben nach Sascha auszurichten, machte ihr immer noch Angst. Nur in Momenten wie diesem, da er neben ihr saß und sie spürte, wie sich jede Faser ihres Körpers danach sehnte, ihm nahe zu sein, begannen alle Bedenken unwichtig zu werden. Wieder lag ihre Hand in der seinen, wurde diesmal zu fest gehalten, um entzogen zu werden. Antonia schloss kurz die Augen. Sie hatte niemals gedacht, dass allein die Nähe eines anderen Menschen einen solchen Rausch auslösen konnte.
   Norahs Gestalt war am Teich zu sehen, wo tatsächlich ein paar Enten als dunkle Punkte schwammen. Sie hatte ihnen den Rücken zugewandt, schien geradezu bemüht, sich nicht umzudrehen. Ansonsten waren in dieser Ecke des Parks keine Menschen zu sehen, und die Bank befand sich zwischen zwei großen Bäumen mit breiten Ästen, die wie Vorhänge waren. Ein Kuss musste möglich sein, dachte Antonia, während Saschas Gesicht sich dem ihren näherte. Mehr war zwischen ihnen bisher nicht geschehen.
   »Wir könnten vielleicht einmal zusammen wegfahren«, flüsterte Sascha ihr nun ins Ohr.
   Sein Arm lag immer noch um ihre Schultern, und eine Hand fuhr ihren Oberschenkel entlang. Sie spürte wieder das vertraute Kribbeln, den Hunger, der darauf folgte. Nachts wälzte sie sich manchmal ruhelos im Bett herum und berührte Teile ihres Körpers, die sie früher völlig ignoriert hatte. Mit Sascha war eine fremde Macht in ihr Leben eingedrungen. Sie wollte mit ihm eben jene Dinge tun, die nur unter Eheleuten erlaubt waren, wie ihre Tante ihr immer eingebläut hatte. Zwar glaubte sie nicht an religiöse Gebote, aber sie hatte unter den einfachen Arbeitern genug ledige Mütter gesehen, die sich mühsam am Leben hielten. Für verbotene Liebschaften zahlten Frauen stets den höheren Preis. Allein dieses Wissen hatte sie bisher davon abgehalten, Saschas Vorschläge anzunehmen.
   »Ich kann nicht so einfach weg«, sagte sie und musste tief durchatmen, um nicht gleich schwach zu werden. »Wenn ich für ein Wochenende verschwinde, werden die Wolgorins wissen wollen, wo ich bin.«
   »Du kannst doch irgendetwas erfinden«, drängte er und zog sie näher an sich. »Dass du zu einer Freundin fährst. Eine von den Deutschen, die du hier kennst. Die Wolgorins werden das nicht überprüfen.«
   Etwas in ihr wurde weich. Einmal vielleicht, nur ein einziges Mal. Ein Wochenende irgendwo auf dem Land, wo niemand sie kannte. In einem dieser hübschen Holzhäuser, die von riesengroßen Birken umgeben waren, würde sie den Rest der Welt einfach vergessen können. Sascha würde zwei Tage lang allein ihr gehören, während sie bisher ihre knappe gemeinsame Zeit fast immer in Gegenwart anderer Menschen verbrachten. War es wirklich so verwerflich, einmal den tiefsten Sehnsüchten zu folgen? Unerwünschte Schwangerschaften konnten durchaus vermieden werden, hatte Lydia Gregorowa ihr einmal zugeflüstert, als könnte sie erkennen, wie es zwischen ihr und Sascha brodelte, obwohl sich Antonia eisern weigerte, ihr Geheimnis irgendjemandem anzuvertrauen.
   »Ich werde darüber nachdenken«, versprach sie ihm. Das glückliche Strahlen der grauen Augen wärmte sie. Bei all ihren Prinzipien vergaß sie manchmal, dass auch er unter dieser Lage litt. Für einen Mann seiner Stellung wäre es nicht schwer gewesen, eine andere Ablenkung zu finden, aber er hatte sich in eine magere, bebrillte deutsche Gouvernante verrannt, die störrisch auf einer Mischung aus Unabhängigkeit und Tugend beharrte.
   »Wenn wir zusammen wegfahren, dann …« Ihre Hand wurde nochmals gedrückt. »Ich werde dich heiraten, sobald es irgendwie möglich ist. Und ich werde immer für dich da sein, das verspreche ich.«
   Es klang wunderschön. Wie ein Versprechen, das verlocken sollte. Zu ihrer Verwirrung klang es aber auch völlig ehrlich. »Ich denke darüber nach, das habe ich schon gesagt«, flüsterte sie und sammelte all ihre Willenskraft, um sich aus seiner Umarmung lösen und aufstehen zu können.
   Der Himmel über ihnen begann bereits, sich zu verdunkeln. Sie rief nach dem Mädchen, das sich zögernd umdrehte und auf sie zulief.
   »Gehen wir jetzt? Ich muss mich zum Abendessen umziehen, sonst ist meine Mutter böse.«
   Antonia nickte, und strich ihr über den Kopf. »Ja, wir gehen.«
   Sie wandte sich an Sascha, der ebenfalls aufgestanden war und ohne Widerspruch zu dem Einspänner ging. Diesmal schob er Norah hinein, ließ Antonia aber allein aufsteigen. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, obwohl Norah ihnen gegenübersaß.
   »Ich werde der Gräfin sagen, dass ich das übernächste Wochenende freinehmen möchte, um zu der Hochzeit einer guten Freundin zu gehen«, versprach sie ihm, als sie am Ziel waren und sie aus dem Einspänner sprang. Um weitere verräterische Momente zu vermeiden, wandte sie sich nicht mehr zu ihm um, sondern ergriff Norahs Hand, um sie ins Haus zu führen.
   Sobald sie durch die Eingangstür getreten waren, wurde das Mädchen von einer fürsorglichen Amme in Empfang genommen. Antonia stieg allein die Stufen zu ihrem Zimmer hoch und atmete auf, sobald die Tür hinter ihr zugefallen war. Sie warf den Mantel in eine Ecke, zog sich die Schuhe aus und fiel aufs Bett.
   Sie würde mit Sascha wegfahren. Nun, da diese Entscheidung gefallen war, wallte die Freude ungehemmt durch ihren Körper. Sie schloss die Augen, um sich Träumereien hinzugeben und ganz auf ihren Körper zu hören, der sich zu lange nach dem gesehnt hatte, das nicht sein durfte.
   Bis Sascha Witwer war, konnten noch viele Jahre vergehen. Seine Frau war krank, aber nicht alt. Doch für zwei Tage sollte das keine Bedeutung mehr haben.

Sie war bereits in einen Dämmerschlaf geglitten, da wurde sie durch ein Klopfen an der Tür geweckt.
   »Herein«, rief sie und fügte gleich darauf ein »Wojditje« hinzu. Ein blonder Haarschopf schob sich durch den Türspalt. Antonia wollte einfach nicht einfallen, wie dieses Mädchen hieß, obwohl sie es schon öfter im Haus gesehen hatte. Der Fürst Wolgorin hatte es irgendwann von einer seiner Reisen mitgebracht, und seitdem huschte es hier als verängstigtes, häufig tollpatschiges Wesen herum. Der Umstand, dass sie noch nicht hinausgeworfen worden war, wies darauf hin, wie ihr Verhältnis zum Hausherrn sein musste.
   »Die Gräfin will Sie sehen«, sagte das Mädchen sehr langsam auf Russisch, als spreche sie mit einer Schwachsinnigen. Dabei musterte sie die deutsche Gouvernante von Kopf bis Fuß, immer auf der Suche nach irgendeinem verräterischen Merkmal, das Ausländer von ihren Landsleuten unterschied.
   »Ja, gut, ich komme gleich«, erwiderte Antonia und richtete sich auf. Sie hatte darauf gehofft, den Rest des Tages für sich zu haben und die freien Stunden nun nutzen wollen, um sich in Ruhe zu überlegen, mit welcher Begründung sie um ein freies Wochenende bitten könnte. Im Grunde machte sie sich keine großen Sorgen, genauer ausgefragt zu werden, denn die Wolgorins hatten niemals irgendein Interesse daran gezeigt, wie sie ihre freien Tage verbrachte. Aber Antonia hatte in ihrem Leben so selten gelogen, dass es ihr an Übung fehlte. Sie fürchtete, sich allein durch ihren Gesichtsausdruck oder den Klang ihrer Stimme zu verraten, daher wäre es nicht schlecht gewesen, sich innerlich auf dieses Gespräch vorzubereiten. Doch immerhin konnte sie nun gleich mit der Gräfin reden und es hinter sich bringen.
   Sie stand auf und ging zum Schrank, um ihre zerknitterte Bluse gegen eine frische einzutauschen. Sie steckte ihr Haar hoch und setzte die Brille auf. Die Fürstin Wolgorina sah einen unattraktiven Blaustrumpf in ihr, wie sie vermutete. Vielleicht wurden die Gouvernanten von ihr auch bewusst danach ausgesucht, dass sie keine Gefahr darstellten, dem Hausherrn ins Auge zu stechen. Ging die Geschichte von Anna Karenina nicht damit los, dass ein russischer Adeliger ein Verhältnis mit einer Gouvernante hatte? Eine alte Französin und eine magere Deutsche waren erfreulich harmlos. Die Dienstmädchen ebenso, denn sie dienten nur als kurzfristiger Zeitvertreib. Gouvernanten hingegen verfügten meist über Bildung und Kultur, taugten daher eher als dauerhafte Geliebte.
   Während Antonia Fussel von ihrem Rock bürstete, wurde ihr klar, dass sie im Begriff war, eben dies zu werden.

Obwohl sie ihr Zimmer weiterhin für luxuriös hielt, war es im Vergleich zu dem Gemach der Fürstin schäbig. Kurz musterte sie Möbel aus Mahagoni, Vasen, Nippes, Schmuckkästchen und herumliegende Kleidungsstücke. Der Raum war so mit Zierrat gefüllt, dass sich Antonia von Formen und Farben erschlagen fühlte und den Wunsch empfand, aufzuräumen.
   »Sie wollten mich sehen, gnädige Frau?« Sie knickste und schlug höflich den Blick nieder.
   »Setzen Sie sich, Fräulein Walter. Möchten Sie eine Tasse Kaffee?«
   Antonia bejahte. Eine unscheinbare Bedienstete füllte eine Tasse für sie, verschwand dann aus dem Zimmer. Der Kaffee war stark. Nach zwei Schlucken begann Antonias Herz zu rasen, was wahrscheinlich eher an der Aufregung lag.
   »Ich bin sehr froh, Sie im Haus zu haben«, begann die Fürstin nun. Sie war eine hübsche Frau mit dem Gesicht einer Porzellanpuppe. Allein die Falten der Unzufriedenheit an ihren Mundwinkeln wiesen darauf hin, dass sie die vierzig bereits überschritten hatte.
   »Besonders für Norah, meine älteste und schwierigste Tochter sind Sie eine Wohltat«, fuhr sie fort. »Seit Sie hier sind, wirkt sie deutlich weniger verstockt.«
   Antonia fiel es nicht leicht, eine ruhige Miene zu wahren. Norah erschien ihr die umgänglichste der drei Wolgorin-Töchter, bescheiden, vernünftig und fleißig. Wie konnte die eigene Mutter sie als schwierig bezeichnen?
   »Ich denke, Norah brauchte jemanden, der sie anerkennt und versteht«, sagte sie nur.
   »Jaja, ich weiß.« Die Gräfin Natalja Andrejewna betrachtete eine Weile das Gebäck auf dem Tisch, rührte es aber nicht an. Ihre Gestalt musste in den letzten Monaten fülliger geworden sein, als ihr recht war. »Norah ist ein richtiger Bücherwurm. Mit Katja unter Leute zu gehen, ist viel angenehmer. Obwohl sie erst fünfzehn ist, kann sie Männern mühelos den Kopf verdrehen, während Norah entweder schweigt oder irgendeinen langweiligen Unsinn erzählt, den sie irgendwo gelesen hat. Als ob es einem Mann gefällt, wenn eine Frau ihn belehren will.«
   Die Gräfin seufzte dramatisch, und Antonia schluckte mühsam ihre Empörung.
   »Norah hat andere Talente«, versuchte sie das Mädchen zu verteidigen. »Ich bin mir sicher, dass ein Mann, der nicht völlig oberflächlich ist, diese erkennen und schätzen wird.«
   »Ja, ja, vielleicht. Allerdings sind Männer meiner Erfahrung nach durchaus oberflächlich, wenn es um die Auswahl ihrer Gefährtinnen geht.« Die Gräfin lächelte Antonia auf abschätzige Weise an und rührte in ihrer Kaffeetasse. »Also, wie ich schon sagte, ich bin froh, dass Sie hier sind. Es würde mich sehr schmerzen, mich von Ihnen trennen zu müssen.«
   Ein Schauder rieselte über Antonias Rücken, denn sie hatte die unterschwellige Drohung in diesen Worten durchaus gehört. »Das freut mich sehr, gnädige Frau«, zwang sie sich so entspannt wie möglich zu sagen. »Ich habe nicht die Absicht, bald in meine Heimat zurückzukehren.«
   Der erhoffte zufriedene Gesichtsausdruck blieb bei der Gräfin aus. »Ja, man könnte sagen, Sie haben sich gut eingelebt.« Es klang spöttisch. »Aleksander Sergejewitsch, Baron Kujakow ist zweifellos ein ungewöhnlicher Mann. Klug und gut aussehend, zudem exzellente Manieren. Ich hatte eine Schwäche für ihn, als ich jung war.«
   Die Gräfin seufzte nochmals und warf einen verträumten Blick aus dem Fenster. »Aber leider hat er eine unschöne Entwicklung genommen. Zu viel Beschäftigung mit abstrusen Ideen, die in Büchern stehen, scheint auch für einen Mann schädlich zu sein. Er umgibt sich mit Leuten, die unsere Traditionen untergraben, Gott nicht mehr anerkennen und dieses Land ins Chaos stürzen wollen. Sie als Ausländerin haben das natürlich nicht gleich begreifen können. Möchten Sie noch Kaffee?«
   Antonia nickte mechanisch und staunte, dass die Gräfin ihr nun selbst einschenkte.
   »Ich will Ihnen einen guten Rat geben, Fräulein Walter«, redete sie weiter. »Gehen Sie öfter in die deutsche Gemeinde auf der Wassiljewski-Insel. Es gibt hier viele deutsche Ärzte, auch Geschäftsmänner oder Lehrer, die gern eine Frau aus ihrer Heimat treffen würden. Wenn es Ihnen in Sankt Petersburg gefällt, könnten Sie hier eines Tages eine Familie gründen.« Sie schenkte Antonia ein gekünsteltes Lächeln.
   »Darüber habe ich bisher nicht nachgedacht«, erwiderte sie sogleich. »Mir gefällt die Arbeit in Ihrem Haus.«
   Die Gräfin warf ihr einen nachsichtigen Blick zu. »Jede Frau möchte irgendwann ein eigenes Heim. Das liegt in unserer gottgegebenen Natur. Nur sollte sie bei der Wahl des richtigen Mannes nicht allein ihrem Herzen folgen, denn dieser Weg führt schnell ins Verderben. Die Baronin Kujakow wird von vielen Frauen der guten Gesellschaft dafür bedauert, dass sie einen Gemahl hat, der sich mit Revolutionären herumtreibt, anstatt sich um ihr Wohlergehen zu kümmern. Sie ist wahrhaft eine leidgeprüfte Frau, seit Jahren krank und zutiefst fromm, trotz ihres schweren Schicksals.«
   Ganz war es Natalja Andrejewna nicht gelungen, einen melodramatischen Tonfall beizubehalten. Im Grunde hielt sie kranke, ständig betende Frauen wohl für zu wehleidig, um einen Mann an sich fesseln zu können. Dennoch spürte Antonia, wie sich ihr Gewissen regte. Sascha hatte stets betont, in jungen Jahren von seiner Familie in eine unerwünschte Ehe gedrängt worden zu sein. Zwischen ihm und seiner Frau gäbe es keine Liebe, ja nicht einmal gegenseitige Sympathie. Aber das konnte allein seine Sichtweise der Dinge sein.
   »Jedenfalls wünsche ich nicht, dass Sie nochmals Ausflüge mit meiner Tochter und Aleksander Sergejewitsch Kujakow gemeinsam unternehmen«, fuhr die Gräfin nun energisch fort. »Zwar gehört er immer noch zur guten Gesellschaft, aber für ein junges, leicht zu beeinflussendes Mädchen ist er kein angemessener Umgang. Ihnen würde ich raten, sich nach einem Mann umzusehen, für den Sie als Ehefrau infrage kämen.«
   Antonia spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, und kam sich allein deshalb klein und schäbig vor. Die Rede der Gräfin war eine klare Zurechtweisung gewesen, hart und kräftig wie eine Ohrfeige. Zunächst wartete sie, trotz der vorherigen Lobesworte, auf ihre bevorstehende Entlassung hingewiesen zu werden. Sie war sich nicht sicher, ob ihr bisher gespartes Gehalt für ein Ticket nach Deutschland reichen würde. So gut sie Sankt Petersburg inzwischen zu kennen glaubte, die Vorstellung, hier plötzlich selbst nach einer neuen Anstellung suchen zu müssen, verursachte ihr Beklemmung.
   »Sie können jetzt gehen, Fräulein Walter«, sagte die Gräfin nur. »Ich muss mich für das Abendessen umziehen. Rufen Sie mir bitte meine Zofe, bevor Sie auf Ihr Zimmer gehen.«
   Natalja Andrejewna hatte ihr den Rücken zugewandt, ein klares Zeichen, dass sie entlassen war. Antonia stand auf. Ihre Knie fühlten sich weich an, und sie war froh, ohne Schwanken aus dem Zimmer zu kommen. Unterwegs schaffte sie es tatsächlich, der Zofe Bescheid zu geben, flüchtete dann in die Geborgenheit ihres Zimmers. Als sie sich wieder aufs Bett geworfen hatte, spürte sie Tränen auf den Wangen und hasste sich dafür. Noch niemals in ihrem Leben war sie sich derart gedemütigt vorgekommen! Kurz wallte Zorn in ihr hoch, und sie erwog, selbst zu kündigen. Mit Saschas Hilfe würde sie sicher …
   Bei der Erinnerung an sein glückstrahlendes Gesicht, als sie ihm ein gemeinsames Wochenende versprochen hatte, wurde sie von Schmerz überwältigt, und sie vergrub das Gesicht im Kissen. Natalja Andrejewna hatte ihr unmissverständlich klargemacht, dass dies nicht mehr möglich sein würde. Zudem sah sie ihr eigenes Verhalten in ein unschönes Licht gerückt. Wie man es jungen Gouvernanten häufig nachsagte, wollte sie sich unter den Schutz eines reichen Adeligen stellen anstatt weiter den schwierigen Weg einer alleinstehenden, mittellosen Frau gehen.
   Sie richtete sich auf und wischte ihre Augen trocken. Sie würde Sascha einen Brief schreiben müssen, in dem sie ihm erklärte, warum es keine heimlichen Treffen mehr geben dürfe. Am besten, sie riss die Pflanze an den Wurzeln aus, damit nichts mehr nachwachsen konnte. Da Sascha bei den Wolgorins nicht besonders gern gesehen war, bestand keine große Gefahr, dass sie ihm oft über den Weg laufen würde. Allerdings müsste sie aufhören, zu den Treffen revolutionärer Russen zu gehen, ja auch den Kontakt zu Lydia Gregorowa stark einschränken. Dies war nicht ihr Land, daher gab es für sie keinen Grund, in der Politik mitzumischen. Als stille Beobachterin war sie geduldet worden, weil sie in Saschas Begleitung gekommen war, doch nun würde sie ihn meiden müssen, um nicht schwach zu werden. Wieder raubte das Gefühl der Enttäuschung ihr die Luft zum Atmen. Wie leer und öde würden ihre freien Tage nun in Zukunft sein! Es gab ein paar junge deutsche Frauen, die sie während des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche kennengelernt hatte. Damals, als sie noch hingegangen war, um sich irgendwie die Zeit zu vertreiben. Bevor Sascha in ihr Leben getreten war und Sankt Petersburg in einen aufregenden, faszinierenden Ort verwandelt hatte.
   Sie zwang sich, aufzustehen und zu ihrem Tisch zu gehen. Sie würde den Brief jetzt gleich schreiben, bevor das Dienstmädchen ihr das Abendessen brachte. Für gewöhnlich erhielt sie auch ein Glas Wein, das dabei helfen konnte einzuschlafen. Morgen schon würde sie das Schreiben abschicken, gleich nach dem Frühstück, bevor der Unterricht begann.
   Sobald sie am Tisch saß und ein leeres Blatt Papier aus der Schublade gezogen hatte, war ihr Kopf wie leer gefegt. Anstatt der richtigen Worte, um die Trennung zu begründen, fand sie nur eine stumme Sehnsucht in ihrem Herzen, die hinausgeschrien werden wollte. Das Klopfen an der Tür erleichterte sie, denn sie rechnete mit dem Abendessen. Sie verspürte zwar keinerlei Hunger, verzehrte sich aber geradezu nach dem Wein, der ihre Sinne betäuben würde.
   »Es tut mir so schrecklich leid«, flüsterte eine Stimme auf Deutsch.
   Antonia fiel der Stift aus der Hand. Sie fuhr herum.
   Norah trug ein hübsches Rüschenkleid und hatte frisch gebürstetes Haar, doch ließen die Mühen ihrer Amme das schmale Gesicht nur noch blasser wirken. Um hübsch sein zu können, war dieses Mädchen einfach zu ernst und schwermütig.
   »Hast du es deiner Mutter erzählt?«, fragte Antonia nur. Es machte keinen Unterschied, denn früher oder später wären ihre heimlichen Treffen ohnehin herausgekommen.
   »Nein, natürlich nicht.« In Norahs Augen schwammen Tränen, aber sie wahrte die Fassung.
   »Katja hat mich ausgefragt, wo ich war. Sie machte Witze, dass ich doch nie etwas Aufregendes erlebe, ja, dass attraktive Männer mich meiden würden, weil ich so unerträglich langweilig sei. Ich weiß, dass sie den Baron Kujakow mag. Ich habe nur seinen Namen erwähnt, nichts weiter. Da rannte sie gleich zu unserer Mutter.«
   Antonia lehnte sich seufzend auf dem Stuhl zurück. So war sie also das Opfer der Rivalität zweier Schwestern geworden. Norah sah deshalb so zerknirscht aus, dass sie ihr über den Kopf strich.
   »Ich glaube, im Grunde hat Katja es aber schon gewusst, weil sie aus dem Fenster sah, als wir vor dem Haus hielten«, redete Norah weiter. »Sie erkannte den Baron Kujakow, auch wenn er nicht mit uns ausstieg. Sie wollte mich nur provozieren, damit ich ihr mehr erzähle.«
   »Und was hast du ihr erzählt?«, fragte Antonia nur. Sie war immer noch überzeugt, dass Norah nicht in der Lage wäre, eine heimliche Liebschaft zu durchschauen.
   »Ich sagte nur, dass wir zu dritt mit der Kutsche fuhren. Und … und diese Versammlung habe ich erwähnt, aber auch gesagt, dass Sie mich rechtzeitig weggebracht haben«, redete das Mädchen nun schnell. Rote Flecken erschienen auf ihren Wangen. »Katja denkt, der Baron macht mir den Hof, damit er mich heiraten kann, wenn seine Frau tot ist. Das ärgert sie, denn sie hätte ihn selbst gern gehabt.«
   Antonia riss staunend die Augen auf. Katja hätte Saschas Tochter sein können. Aber wie viele Männer heirateten junge Mädchen, die halb so alt waren wie sie selbst?
   »Die Wahrheit weiß niemand«, redete Norah nun sehr leise weiter. »Nur ich, denn ich habe mitbekommen, wie er Sie ansieht.« Zaghaft legte sie ihre Hand auf Antonias Arm. »Es gibt so viele hübsche Mädchen wie meine Schwester, die ihn anschmachten, aber denen schenkt er niemals solche Blicke. Ich finde es wunderbar. Ich dachte immer, Männer machen sich nichts aus klugen Frauen, die … die keine schönen Kleider tragen.« Norahs Augen leuchteten vor Begeisterung.
   »Deine Mutter glaubt also nicht, dass ich eine … unsittliche Beziehung mit dem Baron haben könnte?«, fragte sie schnell.
   Norah lächelte schüchtern. »Meine Mutter denkt wahrscheinlich, dass Sie in ihn verliebt sind, er Sie aber nur benutzt, um an Katja oder mich heranzukommen. Wegen unserer Mitgift. Seine Frau wird nicht ewig leben.«
   Norahs Fähigkeiten, geheime Liebschaften und Intrigen zu durchschauen, waren offenbar besser, als Antonia angenommen hatte. Sie strich dem Mädchen über die Wange. »Danke, dass du mir das alles erklärt hast. Jetzt gehe zum Abendessen. Meines wird mir auch gleich gebracht.«
   Sobald Norah das Zimmer verlassen hatte, zerriss Antonia das leere Blatt Papier in tausend Fetzen. Noch einmal war sie davongekommen, denn niemand ahnte, was wirklich vor sich ging. Sie würde in Zukunft vorsichtiger sein müssen. Aber konnte sie sich nicht ein einziges Wochenende mit dem ersten Mann, der ihr etwas bedeutete, erlauben?

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