Zwei Männer. Eine Entscheidung. Sven ist Janas große Liebe. Noch nie in ihrem Leben hat sie sich auf etwas mehr gefreut, als auf ihre bevorstehende Hochzeit, doch sie wird bitter von ihm enttäuscht. Jana weiß nicht, ob sie Sven seinen Fehltritt jemals verzeihen kann, und geht erst einmal auf Abstand. Als sie Weihnachten mit der Familie ihrer besten Freundin Marion verbringt, trifft Jana auf Marions Bruder. Tom ist auf den ersten Blick ein richtiger Mistkerl. Marion warnt Jana vor ihm, doch bei einem Spaziergang bekommt sie die Chance, hinter seine Fassade zu blicken. Ist der attraktive Tom vielleicht doch kein so übler Kerl, wie Jana dachte? Janas Gefühle fahren Achterbahn. Sie muss sich entscheiden, doch für wen schlägt ihr Herz wirklich?

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ISBN: 978-9963-53-162-2

Seiten: 275

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Denise Träbing

Denise Träbing
Denise Träbing wurde im Jahr 1981 geboren. Aufgewachsen in einem kleinen nordhessischen Dorf gut 20 Kilometer südlich von Kassel, in dem sie bis heute lebt. Die gelernte Versicherungskauffrau ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit ihrer frühen Jugend liest sie gern und viel. Die Idee, selbst irgendwann den Stift in die Hand zu nehmen, kam schon vor einigen Jahren auf. Einmal in ihrem Kopf, ließ sie sie nicht mehr los. Die ersten Versuche waren holprig, aber jetzt wollte sie es erst recht wissen. Mit „Wenn du gehst“ erfüllt sie sich einen Traum. Für die Zukunft wünscht sie sich, noch mehr Geschichten zum Leben erwecken zu dürfen, um sie mit ihren Lesern zu teilen.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Ich bin der glücklichste Mensch der Welt. Ich wusste gar nicht, dass man so glücklich sein kann. Das Beste ist, dieser Zustand hält schon vier Tage an. Eine Überdosis an Glückshormonen verursacht ein Dauergrinsen in meinem Gesicht. Die Leute auf der Straße denken wahrscheinlich, dass bei mir ein Botoxexperiment schiefgegangen ist. Nein, es liegt nicht an einem Nervengift und ich bin auch nicht übergeschnappt oder so was. Ich habe eine simple Frage gestellt bekommen und sie mit »Ja« beantwortet.
   Genau, ein Heiratsantrag. Diesen Tag habe ich herbeigesehnt wie ein kleines Kind den Weihnachtsabend. Mit Sven bin ich seit über drei Jahren zusammen. Er ist die Liebe meines Lebens. Das wusste ich in der Sekunde, in der wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Ein Blick und mir war klar, mit diesem Mann will ich bis ans Ende meiner Tage zusammen sein. Er bringt mich zum Lachen, ich kann an seiner Schulter weinen, er hört mir zu, er ist immer für mich da. Er ist mein Vertrauter, mein bester Freund, meine große Liebe.
   Der Antrag hätte für meinen Geschmack eine Prise mehr Romantik vertragen können. Na gut, vielleicht auch einen ganzen Löffel voll. Am Ende zählt aber das Ergebnis, oder?
   Ich denke, für Sven war es eine Art romantischer Antrag. Nur habe ich im Fernsehen noch nie gesehen, dass jemand einen Verlobungsring in einen Schuh steckt. Sektgläser, Torten, solche Szenarien sind mir geläufig. Aber Schuhe? Zumindest weiß ich jetzt, weshalb er wissen wollte, welche Schuhe ich in der Regel zur Arbeit anziehe.
   Einen Vorteil hatte seine Idee. Ich habe nicht annähernd Verdacht geschöpft.
   Wie gesagt, das Ergebnis zählt. Sven ist glücklich über seinen gelungenen Antrag und ich bin glücklich über den Ring an meinem Finger.
   Heute Abend werde ich dieses Ereignis mit meinen besten Freundinnen ordentlich begießen. Die beiden sind schon ganz heiß darauf, mit dem Planen anzufangen.
   Dabei mache ich mir um die Hochzeit die wenigsten Sorgen. Sven möchte unsere Flitterwochen gern auf Mallorca verbringen. Dort haben wir uns kennengelernt und ineinander verliebt. Klingt wirklich romantisch, ich weiß. Aber es gibt ein Problem bei der Sache. Ich habe höllische Flugangst.
   Nachdem ich vor drei Jahren endlich wieder deutschen Boden unter den Füßen hatte, habe ich mir eins geschworen: Nie wieder steige ich in ein Flugzeug. Da fahre ich lieber mit dem Auto zwanzig Stunden nach Italien oder lasse mir zehn Zähne ohne Betäubung auf einmal ziehen.
   Die Diskussion darüber haben Sven und ich vertagt. Er glaubt, dass er mich mit guten Argumenten sowieso irgendwann überreden wird. Wir werden sehen, wer am Ende recht behält.

Die Mädels warten bereits auf mich, als ich mit zwanzig Minuten Verspätung im Café Solino eintreffe. Sie winken aufgeregt und springen auf, sobald ich in Reichweite bin. Es macht den Anschein, wir hätten uns jahrelang nicht gesehen, dabei ist es nicht mal eine Woche her. Zumindest was Carola betrifft. Marion habe ich erst heute Morgen auf der Arbeit zu Gesicht bekommen.
   Die beiden schnattern wie aufgescheuchte Hühner durcheinander. Ein Gefühl von Wärme und Vertrautheit durchflutet mich und ich lächle selig. Ich kann wirklich dankbar sein. Einen perfekten Freund und zwei Freundinnen, die mit mir durch dick und dünn gehen.
   »Ich beneide dich, weißt du?«
   Nachdem sie pausenlos diskutiert und Zeitpläne geschmiedet haben, ohne mich nach meiner Meinung zu fragen, bin ich erstaunt, dass sie noch wissen, dass ich auch da bin.
   »Ich meine, du hast echt das große Los gezogen. Sven ist ein Glücksgriff. Du verstehst dich sogar mit seiner Mutter«, gibt Carola zu.
   »Ja, ich bin ein Glückspilz«, sage ich und drehe verträumt an meinem Verlobungsring.
   »Und?«, richtet sich Carola an Marion. »Wann ist es bei euch soweit? Damit ich mich darauf vorbereiten kann.«
   »Ach, da kannst du lange warten. Ich muss erst mal jemanden finden, der heiratstauglich ist.«
   »Soll das heißen, dass Robert nicht heiratstauglich ist?« Leichter Sarkasmus schwingt in den Worten mit.
   »Da muss ich euch wohl noch was beichten.«
   Carola und ich sehen uns stirnrunzelnd an und drehen unsere Köpfe gleichzeitig in Marions Richtung.
   »Ich hab ihn gestern rausgeschmissen.«
   »Du hast was?«, fragen Carola und ich synchron.
   »Jetzt tut nicht so überrascht. Ihr wisst, dass er ein Taugenichts ist.«
   Ein Taugenichts? Bei dem Wort brechen wir alle drei in schallendes Gelächter aus.
   »Das hast du aber nett formuliert«, sage ich und schmunzele.
   »Wie wäre es euch denn lieber? Schnorrer, Nichtsnutz, Versager?«
   »Versager gefällt mir«, meldet sich Carola zu Wort.
   »Ja, das trifft es am ehesten.«
   »Nein, jetzt mal im Ernst. Wie geht es dir?«, frage ich und lege meine Hand auf ihre Schulter.
   »Ehrlich gesagt, ging es mir schon lange nicht mehr so gut. Ich fühle mich von einer Last befreit.«
   »Du bist von einer Last befreit. Schließlich hat Robert von deinem Geld gelebt.«
   Ich nicke.
   »Ja, wobei ich anfangs kein Problem damit hatte. Allerdings hat er mir gestern freudestrahlend erzählt, dass er endlich wisse, was er werden will. Allein der Satz war lächerlich, weil er sechsunddreißig ist. Ich hab mich kurz gefreut, weil ich dachte, er sagt jetzt was Realistisches wie Taxifahrer oder Bauarbeiter. Nein, er machte sich noch lächerlicher, indem er meinte, er würde jetzt Psychologie studieren. Glaubt mir, Leute, ich habe geweint vor Lachen.« Sie schüttelt den Kopf und nippt an ihrer Traubenschorle.
   »Psychologie finde ich gar nicht verkehrt. Da kann er gleich anfangen, sich selbst zu therapieren«, nuschelt Carola durch ihren Strohhalm hindurch.
   »So, Schluss damit. Immerhin habe ich gerade meinen Freund vor die Tür gesetzt.«
   »Genau und darauf trinken wir jetzt. Das war die beste Entscheidung deines Lebens.« Carola löst sich von ihrem Strohhalm und hebt das Glas.
   »Ihr seid wirklich mitfühlend. Ich bin ja so froh, dass ich euch habe.«
   »Wozu hat man denn beste Freundinnen?« Auch ich hebe mein Glas.
   »Los jetzt, ich verdurste«, meint Carola ungeduldig.
   An diesem Abend stellen wir einen neuen Rekord im Cocktailtrinken auf.

Ich liege mit dem schlimmsten Kater meines Lebens im Bett, fühle mich wie das besessene Mädchen aus dem Film »Der Exorzist«. Das Stöhnen, das ich stoßweise von mir gebe, kommt aus einer anderen Welt. Grauenvoll und Angst einflößend. Sven scheint es keine Angst einzujagen. Gerade kommt er mit einem spöttischen Grinsen ins Schlafzimmer. Ich ziehe die Decke über den Kopf, denn auf bissige Kommentare kann ich sehr gut verzichten.
   »Hey, Maus. Nicht böse auf mich sein.«
   »Ich bin sterbenskrank und du lachst mich aus.« Die Worte werden von dem dicken Stoff der Bettdecke gedämpft, aber Sven hat mich trotzdem gehört. Seine Hand sucht sich einen Weg unter die Decke. Er streichelt zärtlich meine Wange, wandert tiefer über meinen Hals zu meinen Brüsten, weiter über meine Hüften. Wieder ein Stöhnen, aber diesmal liegt es nicht am Restalkohol.
   Doch bevor ich wie eine Schnecke aus ihrem Haus hervorkriechen kann, zwickt mich Sven kräftig in die Hüfte. Ich schreie auf und trete um mich. Das veranlasst ihn zu einer Kitzelattacke, gegen die ich keine Chance habe. Wild rolle ich hin und her, Beine und Arme werfe ich unkoordiniert durch die Luft. Meine Versuche, ihm zu entkommen, scheitern kläglich. Nach einer gefühlten Ewigkeit verlässt Sven fluchtartig und lachend das Zimmer. Ich liege schnaufend und mal wieder stöhnend auf dem Bett, unfähig, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. So ein Mistkerl.

Der Tag plätschert vor sich hin. Meine Kopfschmerzen klingen dank Tabletten irgendwann ab. Mein Mund ist trocken und in meine Nase schleicht sich ständig der Gestank von abgestandenem Alkohol. Mir dreht sich beim bloßen Gedanken an Essen der Magen um. Dieser krampft und gibt Geräusche von sich, als würde er feinste Hasstiraden auf mich niederschmettern. Ihm gehts wie mir. An so einem Tag wie heute möchte ich meinen Körper verlassen können und Urlaub machen. Auf den Seychellen zum Beispiel. Aber nein, ich bin eine Gefangene in einem Alkohol geschändeten Körper. Ich weiß, selbst schuld. Bla bla bla.
Kapitel 2

Ich bin heilfroh, diesen furchtbaren Sonntag hinter mich gebracht zu haben. Gut geht es mir noch immer nicht, und dass ich arbeiten muss, trägt nicht dazu bei, dass sich mein Zustand weiter bessert.
   Ich arbeite bei einem Augenoptiker. Bei demselben, dem auch Marion ihren Job zu verdanken hat. Dadurch haben wir uns kennengelernt. Sie ist ein Jahr jünger als ich, also siebenundzwanzig.
   Ich stehe im Labor, als sie zur Tür hereinkommt. »Hey, was soll das? Du siehst aus wie das blühende Leben und ich wie einer Kuh aus dem Arsch gezogen.«
   »Ich glaube, Robert hat in letzter Zeit sämtliche Energie aus mir herausgesaugt. Jetzt hab ich meinen Akku wieder aufgeladen, da kann mir eine durchzechte Nacht nichts anhaben.«
   »Bei meinem Pegel an Glückshormonen sollte ich das auch wegstecken können. Aber nein, die liebe Jana hat noch Tage später Nachwehen. Mir fehlt die Übung. Wir waren in letzter Zeit nicht viel zusammen unterwegs.«
   Ich begreife meine Worte erst danach so richtig. Jeder verliert sich schnell in seinem Alltag, und kaum passt du nicht auf, schnappt die Falle der Zeit zu. Einmal Zwinkern, eine Woche dahin. Zweimal Zwinkern ist ein Monat vorbei, ohne dass du richtig mitbekommen hast, dass er überhaupt angefangen hat. Wir nehmen uns zu wenig Zeit für die wichtigen Dinge im Leben. Wir müssen arbeiten, um Geld zu verdienen, um uns mit Dingen belohnen zu können, von denen wir uns einreden, dass sie uns glücklich machen. Abends sitzen wir ausgelaugt auf der Couch, zu müde, um miteinander zu reden. Wir sind gestresst, haben schlechte Laune und ziehen uns an Kleinigkeiten hoch, die es nicht wert sind.
   Wir vergessen oft, dass wir nur dieses eine Leben haben. Dass es sich nicht lohnt, sich über Banalitäten aufzuregen, dass ein Streit es oft nicht wert ist, ausgetragen zu werden. Wir dürfen unsere Freunde nicht als selbstverständlich hinnehmen. Wir müssen Freundschaften pflegen und auf sie achtgeben. Sie sind wie kleine Samenkörner, die behütet werden müssen, damit sie die Möglichkeit haben, zu wachsen. Kümmern wir uns nicht darum, vertrocknen sie und verschwinden vielleicht für immer. Ohne Freunde ist kein Leben lebenswert. Ich lächle Marion an.
   »Wir könnten am Freitag ins Kino gehen«, schlägt Marion erfreut vor. »Meine Abende sind ziemlich still.«
   »Super Idee. Was läuft denn?«
   »Keine Ahnung. Ist doch egal, irgendwas ist schon für uns dabei.«
   »Marion, kommst du bitte nach vorn in den Verkaufsraum?« Das war die Stimme unseres Chefs.
   »Warum holt er immer nur dich nach vorn?«
   »Weil ich besser aussehe.«
   »Sagt wer?«
   »Na, ich.«
   »Dann muss es ja stimmen.«
   »Marion!« Unser Chef wird ungeduldig.
   Schnell huscht sie zur Tür hinaus, und ich bin wieder allein.

Carola war begeistert von der Idee mit dem Kino. Jetzt stehen wir drei vor dem Eingang und studieren die Filme. Wir haben die Wahl zwischen Action, Fantasy und Komödie und entscheiden uns für die Komödie. Die Hauptrolle spielt Florian David Fitz. Wir haben gar keine andere Wahl.
   Kichernd wie alberne Teenager verlassen wir nach zwei Stunden das Kino. Carola hatte zwei Flaschen Sekt mit in den Saal geschmuggelt. Ich bin ziemlich angeheitert, meine letzte Mahlzeit ist ’ne Weile her und die bestand aus einem jämmerlichen Brötchen. Keine guten Voraussetzungen, um Alkohol zu trinken. Ich hake mich sicherheitshalber bei Marion unter, der Boden schwankt leicht beim Gehen. Flache Schuhe wären ein klarer Vorteil.
   »Und jetzt?«, fragt Marion neben mir aufgedreht.
   »Jetzt, Mädels, gehen wir Männer aufreißen!«
   Marion kichert, und Carola marschiert los.
   »Hey, ich kann nicht«, wende ich ein.
   »Du nicht, aber wir.«
   »Nein, ich meine, ich muss morgen arbeiten. Wenn ich mitgehe, endet es in einer Katastrophe.«
   »Dich zwingt keiner zum Trinken. Bestell dir halt ein Wasser.«
   »Wenn Carola dabei ist, gibt es kein Wasser.«
   »Stimmt. Ganz oder gar nicht. Jetzt stell dich nicht so an. Wir versumpfen schon nicht. Je schneller ich einen Typen am Haken habe, umso schneller sind wir fertig. Also, worauf warten wir?«
   Carola hat sich bereits in Bewegung gesetzt. Ich bin noch nicht überzeugt. Marion nimmt meine Hand und zieht mich hinter sich her. Ich kapituliere. Nur nüchtern hätte ich den beiden widerstehen können. Bin ich aber nicht. Also gehen wir zu Joes Garage, einer angesagten Kneipe. Der Weg ist nicht weit, auch wenn es mir in meinem Zustand vorkommt, als wollten wir zum Nordpol wandern. Es ist fast zehn Uhr abends. Wir haben September. Der Herbst steht vor der Tür, und die Nacht hat sich bereits über die Stadt gesenkt. Der Tag war warm und wolkenlos. Noch immer ist der Himmel klar und die Sterne leuchten auf uns herunter.
   Kaum haben wir die Tür der Kneipe einen Spalt geöffnet, dringen laute Musik und Stimmengewirr an unsere Ohren. Der Raum ist nicht sonderlich groß, die Sitzmöglichkeiten begrenzt. Wir bleiben mittendrin stehen und verschaffen uns einen Überblick. Der Laden ist im Stil einer Autowerkstatt eingerichtet, mit riesigen Schraubenschlüsseln an den Wänden und Zapfsäulen auf dem Boden.
   »Ich hol uns erst mal was zu trinken.«
   Bevor wir einen Wunsch äußern können, ist Carola in der Menge untergetaucht. Nur ihre rote Lockenmähne ist zu sehen. Kurz darauf erscheint sie mit drei Gläsern Caipirinha.
   »Hier, lasst es euch schmecken. Der Typ dort vorn hat sie spendiert.« Carola grinst zufrieden.
   »Du bist unmöglich. Wir sind grad mal fünf Minuten hier«, sage ich.
   »Sei froh und genieß dein kostenloses Getränk.«
   Sie fischt mit dem Mund nach dem Strohhalm und nimmt einen großen Schluck, dann winkt sie dem Spender freundlich zu und klimpert mit den langen Wimpern.
   Ich probiere ebenfalls. Der Cocktail schmeckt lecker. Genüsslich ziehe ich die grünlich schimmernde Flüssigkeit durch den Strohhalm. »Wie viel von diesem Schnaps ist denn da um Gottes willen drin?«
   »Holst du noch welche?«, fragt mich Carola statt einer Antwort und hält mir ihr leeres Glas unter die Nase.
   »Okay«, höre ich mich sagen und bahne mir einen Weg Richtung Theke.
   Als ich zurückkomme, haben sich ein paar Typen zu uns gesellt, und Carola ist in ihrem Element. Sie redet und lacht und wirft dabei ihre Haare mit Schwung nach hinten. Ihre Präsenz ist unbeschreiblich. Aber ich kenne sie, noch hat sie sich auf keinen der Typen festgelegt.
   Ich quetsche mich neben Marion, verteile die Drinks und beobachte amüsiert das Schauspiel. Nach einer Weile wird deutlich, zumindest für Marion und mich, welcher der Typen von Carola auserwählt wurde. Die anderen haben es noch nicht gecheckt und baggern fleißig weiter. Erst, als Carola ihrem Favoriten die Zunge in den Hals steckt, sind die anderen still und schauen enttäuscht zu Boden.
   Carolas Eroberer spendiert zur Feier des Tages einen weiteren Caipi. Meinen letzten, denn auf der Toilette wird mir klar, dass es nicht gut wäre, meinem Körper weiterhin Alkohol zuzuführen. Alles dreht sich. Ich schließe die Augen und mache es damit nur schlimmer. Der übliche Kontrollblick in den Spiegel ist aber zufriedenstellend. Meine Haare sind zwar vom Tanzen leicht zerzaust, die Wangen gerötet, aber die Wimperntusche sitzt und ich sehe auch nicht aus, als könnte ich nicht mehr bis drei zählen.
   Ich krame mein Handy aus der Tasche. Sechs Anrufe in Abwesenheit. Mist. Alle von Sven. Ich habe total vergessen, ihm zu sagen, wo ich bin. Tief einatmend drücke ich die Kurzwahltaste. Es klingelt und klingelt. Ich will gerade auflegen, als ein verschlafener Sven antwortet.
   »Jana, bist du das? Wo zum Teufel steckst du?«
   »Ich bin in Joes Garage. Tut mir leid. Holst du mich?« Meine Aussprache ist klar, aber meine Stimme unsicher.
   »Bist du betrunken?«
   »Nur ein bisschen, ehrlich.«
   »Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«, fragt er jetzt nicht mehr ganz so freundlich.
   »Nein, keine Ahnung«, gebe ich zu.
   »Halb zwei, falls es dich interessiert. Ich muss in vier Stunden aufstehen. Musst du morgen nicht arbeiten?«
   »Doch. Tut mir leid. Ich ruf mir ein Taxi, bleib liegen.«
   »Vergiss es, jetzt bin ich wach. Zehn Minuten. Bis gleich.«
   Dann hat er auch schon aufgelegt und das Besetztzeichen dringt an mein Ohr.
   Mit den Fingern streiche ich die Haare glatt und gehe zurück. Inzwischen ist es leerer geworden und die anderen sitzen am Fenster um einen der Tische herum. Carola knutscht ihren Typen. Marion unterhält sich, soweit ihr Sprachzentrum es noch zulässt. Ihr Blick spricht jedenfalls Bände. Erschöpft lasse ich mich auf die Bank fallen. Keiner nimmt mich wahr. Mir ist übel. Liegt es am Alkohol oder eher an meinem schlechten Gewissen? Ich kann verstehen, dass Sven sauer ist. Wie hätte ich mich wohl an seiner Stelle gefühlt? Applaus habe ich für mein Verhalten keinen verdient.
   »Hey, noch was trinken?«, fragt der Typ neben mir.
   »Nee, lass mal. Werde gleich abgeholt.«
   »Schade, aber vielleicht nächstes Mal.«
   »Nein, denke nicht. Ich heirate bald.«
   »Oh, schön. Aber deswegen kann ich dir doch einen ausgeben, oder?«
   Ich bin nicht in der Stimmung für Small Talk mit irgendeinem Kerl und zucke nur mit den Schultern. Da entdecke ich Svens Auto und stehe schnell auf. »Leute, ich hau ab. Will einer von euch mit?«
   Die Frage galt meinen Mädels, aber während die ihre Köpfe schütteln, fühlt sich der Typ neben mir angesprochen. Eine Hand legt sich auf meinen Hintern.
   »Ich hätte Zeit.« Er hebt vielsagend seine Augenbrauen.
   Ich schaue ihn an, lächele freundlich, entferne aber mit Nachdruck seine Hand. Er versteht die Geste auch ohne viele Worte. Um mich zu verabschieden, beuge ich mich quer über den Tisch und drücke Carola zum Abschied. Marion sitzt auf der anderen Seite. Ich umarme sie ebenfalls und laufe dann mit schnellen Schritten zum Wagen.
   Sven ist still und sieht mich von der Seite an. Ich traue mich nicht, ihm in die Augen zu sehen.
   »Was war das denn eben?«
   Ich brauche einen Moment, bis mir klar wird, dass er mich beobachtet hat. »Er wollte nur witzig sein«, winke ich ab.
   »Und dazu muss er dir an die Wäsche gehen?«
   »Bist du eifersüchtig?« Jetzt sehe ich ihn an.
   Seinen Blick kann ich nicht einschätzen. Besorgt, sauer, enttäuscht. Von jedem ein bisschen wahrscheinlich.
   »Ich bin nicht eifersüchtig, aber wie würde es dir denn gehen? Du wolltest ins Kino. Du meldest dich den ganzen Abend nicht, gehst nicht an dein Handy. Und dann muss ich dich betrunken um zwei Uhr aus einer Kneipe abholen und mit ansehen, wie dir ein fremder Kerl an den Hintern fasst.« Wütend tritt er aufs Gaspedal.
   »Da war nichts. Außerdem bin ich nicht betrunken, höchstens angeheitert.«
   »Darum gehts hier doch gar nicht. So hast du dich sonst auch nicht verhalten. Du hast keinen Wert darauf gelegt, am Wochenende einen drauf zu machen. Warum jetzt auf einmal? Hast du Panik? Sollen wir die Hochzeit abblasen?«
   »Nein!« Erschrocken sehe ich Sven an.
   »Was ist es dann?«
   »Es ist gar nichts. Ich hatte nur das Gefühl, meine Freundinnen in letzter Zeit vernachlässigt zu haben. Außerdem war ich lang nicht mehr weg. Es tut mir leid, ich hab es übertrieben.«
   »Schon gut. Ich will nicht streiten. Ich hatte nur Angst, du … ach, ich weiß auch nicht.«
   »Angst? Meinst du, weil Marion jetzt auch solo ist, haben die beiden einen schlechten Einfluss auf mich?«
   »Klingt albern, ich weiß.«
   Ich streichle Sven zärtlich über sein Bein. Er nimmt seine Hand vom Lenkrad und legt sie auf meine. Dann lächeln wir uns an. Mein Herz flattert, als seine Augen auf mir ruhen. Ich habe das Gefühl, er sieht direkt in meine Seele. »Ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren. Du kannst mir vertrauen«, sage ich und meine jedes Wort davon ehrlich.
   »Ich vertraue dir. Vielleicht hast du recht. Ich hab die Jungs auch lange nicht gesehen.«
   »Dann geh doch mal mit ihnen weg. Wie geht es Paul? Hat er seine Freundin noch?«
   »Nein, er hat Schluss gemacht. Scheint eine Epidemie zu sein, wir sollten doch besser aufpassen.« Jetzt grinst er wieder und ist ganz der Alte.
   Ich lehne mich zurück und schließe die Augen. Mit Sven habe ich wirklich einen tollen Freund oder sollte ich lieber sagen Verlobten? In der Regel geben wir uns die Freiheiten, die der andere benötigt. Wir vertrauen einander. Streiten ist für Sven grundsätzlich ein Fremdwort. Wenn, wie in diesem Fall, alles zusammenkommt, habe ich definitiv übertrieben. Ich mach es wieder gut. Das Wie muss ich mir noch überlegen, aber nicht jetzt. Meine Gedanken werden träge, Müdigkeit überfällt mich. Wir haben es nicht weit bis zu unserer Wohnung, aber ich schlafe, bevor wir dort ankommen. Im Halbschlaf spüre ich, wie Sven den Gurt löst. Seine Arme greifen unter meine Knie und die Achseln und er trägt mich die Treppen hoch. Er stöhnt, als er mit mir auf dem Arm versucht, die Tür zu öffnen, aber irgendwie klappt es. Dann legt er mich aufs Bett und ich falle in einen Tiefschlaf.

Plötzlicher Lärm lässt mich hochschrecken. Im ersten Moment orientierungslos, versuche ich, das Geräusch zu orten. So wie mein Schädel brummt, bin ich mir nicht mal sicher, ob es nicht sogar von dort kommt. Nein, es ist nicht in meinem Kopf, aber was ist es? Ich sehe mich um und zucke zusammen. Selbst die kleinste Bewegung verursacht Explosionen unter der Schädeldecke. Sie breiten sich aus und verstärken sich wie kreisförmige Wellen, die entstehen, wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Alkohol und Zigarettenrauch waren noch nie eine gute Mischung.
   Endlich registriere ich das Blinken des Weckers. Dieses dröhnende Piepen kommt von dort. Normalerweise werde ich von Musik geweckt. Ich drehe den Wecker zur Seite. Das Häkchen ist verstellt und ich weiß auch genau, wer das getan hat. Ich drücke den Knopf, das Geräusch verstummt. Seufzend falle ich zurück auf mein Kissen und genieße die Stille.
   Sven ist bereits weg. Ich habe ihn nicht mal gehört. Wahrscheinlich hat er deshalb Vorkehrungen getroffen. Meine Musik hätte ich sicher nicht gehört. Das ist mir auch klar. Auf die Idee ist Sven bestimmt stolz. Ich kann die Schadenfreude in seinem Gesicht sehen.
   Mir ist Arbeiten schon leichter gefallen, aber mit Hilfe einer Tablette sind zumindest die Kopfschmerzen verschwunden. Nur den müden Blick bekomme ich nicht mal mit Make-up aus dem Gesicht. Das Labor ist heute genau der richtige Ort für mich. Ich würde mich selbst nicht auf Kunden loslassen und mein Chef war derselben Ansicht, als ich ihm über den Weg gelaufen bin. Er hat nichts gesagt, aber er hat die Nase gerümpft und »Ts« gesagt.
   Es ist Samstag und es gibt jede Menge zu tun. Zum Glück, denn so ist dieser Tag schnell vorbei. Mit letzter Energie spurte ich zur Straßenbahn, die bereits an der Haltestelle vorgefahren ist. Wie ein nasser Sack falle ich auf den nächsten freien Sitz. Neben mir sitzt eine ältere Dame und schüttelt empört den Kopf. »Ts«, höre ich sie sagen. Schon wieder. Muss ein neuer Trend sein.
   Die alte Dame riecht nach Mottenkugeln und 4711. Das ist eine Herausforderung für meinen Geruchssinn und meinen geschundenen Magen. Ich schnaufe neben ihr wie ein Walross, weil ich durch den Mund atmen muss, um Schlimmeres zu vermeiden. Die Mottenkugel neben mir presst sich schützend ans Fenster, wirft mir böse Blicke zu und gibt dabei jedes Mal ihr »Ts« von sich.
   Ich überlege, ob sie nicht einfach nur erkältet ist. Vielleicht niest die Dame so, weiß man doch nicht. Würde auch das Wegrücken erklären. Oder hat sie sich doch verschluckt? Soll ich ihr mal kräftig auf den Rücken klopfen? Ach, lieber nicht, sonst haut sie mir am Ende ihre Handtasche über den Schädel. So wie sie die festhält.
   Noch zwei Stationen, eine, geschafft. Ich springe hinaus und atme die frische Luft ein.
   Mottenkugel sieht ziemlich erleichtert aus. Ich winke ihr freundlich zu, aber sie dreht schnell den Kopf weg. Ihr »Ts« höre ich bis nach draußen.
   Erleichtert lasse ich die Wohnungstür ins Schloss fallen und lehne mich dagegen. Sven ist schon da, ich höre ihn in der Küche herumwerkeln. Während ich mich aus meinen Sachen schäle, erscheint sein Kopf im Türrahmen.
   »Da ist ja meine Komapatientin. Hätte nicht gedacht, dass der Wecker Erfolg hat.«
   »Tu nicht so unschuldig. Mit dem Lärm hättest du Tote aufwecken können.«
   Jetzt tritt er komplett in den Flur und kommt auf mich zu. Er streckt die Arme nach mir aus und versucht es mit einem unschuldigen Dackelblick. Allerdings verrät ihn sein schelmisches Grinsen und ich schlage nach seinen Händen.
   »So einfach kommst du mir nicht davon.«
   »Jetzt gönn mir mal ein wenig Schadenfreude. Das hast du dir selbst zuzuschreiben.«
   Ich ziehe einen Schmollmund. Er legt den Kopf schief und wartet.
   »Och, Jana. Ich hab uns auch Essen gekocht.«
   Ich recke die Nase nach oben und schnuppere. Undefinierbar. Ich lasse ihn zappeln wie einen Fisch an der Angel. Lange halte ich nicht durch, und mein Mund fängt an zu zucken. Ich bemühe mich, kann aber ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Sven reicht das als Antwort. Er tritt noch einen Schritt näher und steht direkt vor mir. Unsere Nasenspitzen sind nur Millimeter voneinander entfernt. Unsere Shirts reiben bei der kleinsten Bewegung aneinander, und sein Duft steigt mir in die Nase. Eine Mischung aus seinem Parfüm und ihm selbst. Ein Kribbeln entsteht in meiner Magengegend und breitet sich im restlichen Körper aus, als würde Strom durch meine Adern fließen.
   Sven bewegt sich nicht und macht mich damit ganz nervös. Ich spüre seinen warmen Atem auf der Haut. Ich will ihn, jetzt sofort, und das weiß er. Sven kostet jede Sekunde meiner Qual aus.
   Ich halte es nicht mehr aus und gebe mich geschlagen. Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und küsse ihn. Seine Hände umfassen meine Hüften, er hebt mich hoch und wir drehen uns einmal im Kreis. Ich werfe lachend den Kopf in den Nacken. Kurz darauf finde ich mich im Schlafzimmer wieder. Ich liege auf dem Rücken, und Sven beugt sich über mich. Dann vergesse ich die Welt um mich herum und es gibt nur noch ihn und mich.
   Nur einen letzten Gedanken habe ich noch. Ich will ihn heiraten und nicht einen einzigen Tag meines Lebens mehr ohne ihn sein. Ich brauche Sven wie die Luft zum Atmen.
Kapitel 3

Ich stehe unter der Dusche und genieße den Wasserstrahl, der warm über meinen Körper fließt. Nach der Spätschicht habe ich eigentlich keine Lust mehr, auszugehen, aber ich habe es den Mädels versprochen.
   Sven ist schon los, er trifft sich mit Paul und Simon. Das dritte Mal innerhalb kürzester Zeit. Nachdem ich ihm den Vorschlag unterbreitet hatte, dauerte es nicht lange, bis er ihn in die Tat umgesetzt hat. Dass er wieder Gefallen daran findet, beruhigt ein klein wenig mein schlechtes Gewissen. Denn ich hoffe, dass er mich so besser versteht. Allerdings ist er bis jetzt immer nüchtern nach Hause zurückgekehrt. Andererseits hat er sich noch nie viel aus Alkohol gemacht.
   Wir haben verabredet, dass ich mit Marion und Carola später dazukomme. Wenn alles so läuft, wie ich es mir erhoffe, ist Marion schon bald kein Single mehr. Paul ist der ideale Mann für sie. Er ist Anfang dreißig, Polizist und extrem gut aussehend. Nicht ganz so groß wie Sven, vielleicht einsachtundsiebzig. Seine braunen Haare sind kurz rasiert, aber das macht ihn nur attraktiver. Außerdem ist er unheimlich sympathisch und, wie ich von Sven weiß, ein Familienmensch, genau wie Marion. Der Plan, die beiden zusammenzubringen, motiviert mich und ich springe aus der Dusche.
   Marion steht vor der Kneipe, als ich eintreffe.
   »Wo ist Carola?«, frage ich, nachdem wir uns zur Begrüßung umarmt haben.
   »Die ist schon drinnen. Hat es nicht mehr ausgehalten zu warten.«
   »Typisch. Ihr juckt es wieder unter den Fingernägeln. Sie ist wirklich kein Kind von Traurigkeit.«
   »Na los, gehen wir auch.«
   Wir gehen rein und ich halte sofort Ausschau nach Sven. Zuerst entdecke ich aber Carola. Sie hat ihren Flirtblick aufgesetzt. Ich stupse Marion an und nicke in Carolas Richtung. »Sie ist wie diese griechischen Dinger. Wie heißen die noch?«
   »Aphrodite? Nee, oder? War das nicht die Göttin der Liebe? Trifft auf Carola nicht ganz zu, finde ich.«
   »Nein, die meine ich auch nicht. Ich … o Mann, mir liegt es auf der Zunge.«
   »Medusa? So hieß auf jeden Fall eine. Aber hat die mit ihrem Blick nicht die Menschen in Stein verwandelt?«
   »Sirenen, jetzt hab ichs. Genau, Sirenen. Die haben doch die Männer mit ihrem Gesang betört und sie so angelockt.«
   »Ja, und dann haben sie die verknallten Deppen getötet.«
   »Ich hab ja nur nach einer Metapher gesucht. Ich behaupte nicht, dass sie lückenlos zutrifft.«
   »Trotzdem witzige Vorstellung, wie Carola im Meer auf einem Felsen hockt und notgeile Seeleute zu sich lockt.« Marion prustet los, und ich halte mir den Bauch vor Lachen.
   »Hey, da bist du ja.«
   Sven taucht neben uns auf, legt den Arm um mich und küsst mich demonstrativ auf den Mund. Er steckt sein Revier ab und ich finde es total süß. Dann begrüßt er Marion, und wir folgen ihm. Die Jungs waren früh genug hier und konnten einen Tisch ergattern. Paul und Simon sitzen auf der einen Seite, wir setzen uns gegenüber. Sven macht Marion mit den beiden bekannt.
   Ich beobachte meine Freundin und lächele in mich hinein, als sie den Blick nicht von Paul lösen kann. Ihre Augen leuchten. Ihm scheint es genauso zu gehen und ich klopfe mir gedanklich auf die Schulter. »Ich geh mal kurz Carola Bescheid sagen, dass wir da sind.«
   Ich schlängele mich durch die Menge und suche nach den roten Locken. An der Theke, wo auch sonst, werde ich fündig. »Na, dein Portemonnaie schon in der Hand gehabt heute?«, frage ich, als ich bei ihr angekommen bin.
   »In der Hand schon, aber noch nicht geöffnet.« Verschwörerisch zwinkert sie mir zu.
   Der Typ, der bei ihr steht, ist hübsch. Das muss man ihr lassen, Geschmack hat sie. Schade, dass sie nie einen genauer kennenlernen will. Ich erkläre ihr, wo sie uns findet, nehme für Marion und mich Getränke mit und gehe zu den anderen zurück.
   Kurz darauf taucht Carola auf. Die Neugierde, da bin ich mir sicher.
   »Ich muss doch Svens Freunde begrüßen«, erklärt sie und bestätigt meine Annahme damit. Warum auch sonst.
   Wie bei Marion stehen Simon und Paul auf und geben Carola die Hand, während Sven sie vorstellt. Marion beobachtet mit leicht panischer Miene die Reaktion von Paul. Der wirkt jedoch unbeeindruckt, und Marion entspannt sich wieder.
   Weil den Abend über immer mal jemand aufsteht, rotieren wir auf unseren Plätzen. Irgendwann sitzt Marion neben Paul und lächelt ihn selig an. Na, wenn da nicht gerade Funken geflogen sind, weiß ich es auch nicht.
   Auf der Toilette treffe ich auf Carola. »Hey, hast du Marion gesehen? Die hat es voll erwischt.«
   »Ja, ist kaum zu übersehen. Ist aber auch ein süßes Kerlchen dieser Paul.«
   »Süß ist untertrieben. Wie gefällt dir denn Simon? Wäre der nichts für dich? Du scheinst ihm zu gefallen.«
   »Nein, nicht mein Typ.«
   »Echt nicht? Der ist doch auch total süß mit seinen haselnussbraunen Augen und den Grübchen.«
   »Nimm du ihn, wenn er dir so gut gefällt. Dann überlass mir aber deinen Sven.«
   »Haha, sehr witzig. Vergiss es.«
   Ich lache und trete ihr gespielt in den Hintern.
   »Na komm, gehen wir zurück. Ich kann mir Simon ja noch mal anschauen.« Sie legt den Arm um mich und drückt mich aus der Tür.

Zwei Stunden später liege ich glücklich in Svens Armen in unserem Bett. Seinen kurzen Haaren haftet noch der Kneipengeruch an. Er erinnert mich daran, wie niedlich er klargemacht hat, dass ich sein Mädchen bin. Der Gedanke zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, und ich drücke mich enger an ihn. Es ist ein gutes Gefühl, zu jemandem zu gehören. Nicht mehr auf der Suche zu sein. Nicht mit der Ungewissheit leben zu müssen, ob der nächste Kerl vielleicht endlich der richtige ist. Auch wenn es bedeutet, Kompromisse einzugehen, zu verzichten oder zu streiten, heißt es gleichzeitig, zu verzeihen, Freuden zu teilen und Kraft zu schenken. Man erbringt Opfer und wird mit Liebe belohnt. Was gibt es Schöneres?
   Ich neige meinen Kopf leicht zu ihm und küsse zärtlich seine Wange. »War ein schöner Abend.«
   »Ja, du hattest recht. Tut gut, mit den Jungs was zu unternehmen.«
   »Marion und Paul haben sich hervorragend verstanden.«
   »Soweit ich gesehen habe, haben sie auch Nummern ausgetauscht.«
   »Echt?«
   »Jetzt tu nicht so überrascht. Das war doch dein Ziel, oder?«
   »Okay, ich hatte es gehofft. Hätte aber auch ein Reinfall werden können.«
   »Mein kleiner Amor«, neckt mich Sven.
   »Ich bin eben eine hoffnungslose Romantikerin.« Ich kuschele mich wieder enger an ihn. Am liebsten würde ich in ihn hineinkriechen. Einen Augenblick später schlafe ich mit einem Lächeln auf den Lippen ein.
Kapitel 4

Unglaublich, wie die Zeit vergeht. Wir haben bereits Dezember, Nikolaustag. Die Bäume sind kahl, es ist diesig und nass. Es wird nicht mal richtig hell.
   Ich mache mich fertig für unsere Weihnachtsfeier mit meinen Kollegen heute Abend und stehe vor dem Spiegel. Sven ist unter der Dusche. Sein Kumpel Simon hat Geburtstag und feiert bei sich zu Hause. Carola ist auch eingeladen. Sie hat ihn sich dann doch noch näher angesehen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Marion ist untröstlich, dass wir erst später zu den anderen dazustoßen können. Sie hat Entzugserscheinungen, wenn sie Paul nicht sehen kann. Nach dem Tag in Joes Garage haben die beiden sich verabredet und sind inzwischen unzertrennlich. Deswegen musste ich ihr versprechen, nicht zu lange auf der Weihnachtsfeier zu bleiben.
   Sven steigt aus der Dusche, heißer Dampf hüllt ihn ein. Ich halte in meiner Bewegung inne und beobachte, wie er seinen durchtrainierten Körper abtrocknet. Seine kurzen blonden Haare stehen wie Igelstacheln von seinem Kopf ab. Er sieht aus wie ein frecher Junge, der für jeden Spaß zu haben ist.
   Er sieht zu mir, und unsere Blicke begegnen sich im Spiegel. Seine Augen schauen mich liebevoll an und treffen mich mitten ins Herz. Ein wohliger Schauder durchströmt mich und trotz der Wärme im Bad bekomme ich eine Gänsehaut.
   »Du siehst toll aus«, sagt er mit belegter Stimme.
   Ich betrachte mein Spiegelbild. Ich trage blaue Röhrenjeans und ein schwarzes Oversize-Shirt mit silbernem Aufdruck. Schwarze Ohrringe baumeln an meinen Ohren und Smokey Eyes blicken mir entgegen. Ja, gar nicht schlecht.
   »Du siehst auch nicht schlecht aus«, gebe ich zurück und lasse meinen Blick über seinen nackten Körper wandern.
   Sven lacht und tritt hinter mich, so nah, dass ich seine Erregung spüren kann. Seine Hände verschwinden unter meinem Oberteil, und er bedeckt meinen Nacken mit Küssen. Ich schließe die Augen und atme tief ein, doch dann drehe ich mich um und drücke ihn ein Stück von mir weg. »Jetzt nicht, ich muss gleich los.«
   »Dann kommst du halt einen Moment später.«
   Er küsst mich und ich bin kurz versucht, ihm nachzugeben, aber nur kurz. »Vergiss es.« Ich boxe ihm spielerisch gegen den Brustkorb und gehe aus dem Bad, bevor ich es mir anders überlege.

Unsere Weihnachtsfeier ist am einen Ende der Stadt, Simon wohnt am anderen Ende. Ich habe deshalb angeboten zu fahren. In vergangener Zeit habe ich meinem Körper ziemlich viel Alkohol zugemutet, was sich auch auf der Waage bemerkbar gemacht hat. Bevor ich anfange, Brautkleider anzuprobieren, muss ich dringend abnehmen. Außerdem sind wir schneller bei Simon und dafür ist mir Marion mehr als dankbar.
   Die Stimmung auf der Feier ist gut, und wir haben eine Menge Spaß. Meine Kollegen sind alle supernett, ich arbeite gern dort. Mein Handy liegt vor mir auf dem Tisch. Das Display leuchtet auf und zeigt an, dass ein Anruf eingeht. Am anderen Ende meldet sich ein ziemlich betrunkener Sven und will wissen, wann ich komme.
   »Es dauert noch. Elf wird es bestimmt, und wie es sich anhört, hast du auch ohne mich deinen Spaß.« Im Hintergrund höre ich jemanden kreischen. »War das Carola?«
   »Ja, die geht ab wie ein Zäpfchen.« Sven lacht.
   »Feiert ihr Geburtstag oder eine Orgie?« Der Lärm ist enorm, ich kann Sven kaum verstehen.
   »Was?«, fragt Sven.
   »Nichts. Wir sehen uns nachher.« Ich lege auf und schlechte Laune ergreift von mir Besitz. Bis wir ankommen, sind alle dort jenseits von Gut und Böse. So richtige Lust habe ich nicht, aber Marion killt mich, wenn ich einen Rückzieher mache. Zum Glück sind wir zu zweit. Wer weiß, vielleicht wird es ja auch ganz lustig. Die besten Feten sind immer die, auf die man vorher nicht will.
   »Was ist los?«, fragt Marion mit besorgtem Blick, nachdem ich das Handy wieder auf den Tisch gelegt habe.
   »Ich glaube, bei Simon findet das reinste Besäufnis statt.«
   »Und Carola mittendrin, die wird sich wohlfühlen.« Marion kichert.
   »Hörte sich ganz danach an«, meine ich schon wieder ein wenig besänftigt.

Wie ich gesagt habe, ist es nach elf, als ich mein Auto vor Simons Haus parke. Marion sitzt neben mir und trommelt nervös mit den Fingern auf die Armaturen.
   Wir steigen aus. Die Musik dröhnt aus den Fenstern bis zu uns auf die Straße. Lautes Stimmengewirr ist zu hören.
   »Dann auf in die Höhle des Löwen«, sage ich gespielt lässig, denn ein mulmiges Gefühl hat sich in meiner Magengegend eingenistet, seit wir auf dem Weg hierher sind. Es hat nichts damit zu tun, dass mir die Lust fehlt. Der Appetit kommt schließlich auch oft erst beim Essen. Ich kann es nicht beschreiben, aber es lässt sich nicht abschütteln, macht mich nervös.
   Ich hake mich bei Marion unter, die skeptisch einen Blick zu den Fenstern über ihr wirft.
   »Keine Angst, Paul ist nicht der Typ, der sich sinnlos besäuft.«
   »Sven eigentlich auch nicht und du hast gesagt, dass er vorhin schon ziemlich voll klang.«
   Da hat sie recht, deshalb würde ich am liebsten wieder ins Auto steigen. Wer weiß, was uns erwartet. Aber wir gehen weiter. Die Haustür ist nur angelehnt, wir gehen rein und stehen buchstäblich mitten im Chaos.
   »Krass«, ist alles, was Marion einfällt.
   Immerhin mehr als mir, denn mir fehlen bei dem Anblick die Worte. Überall liegen Knabbereien auf dem Boden. Die meisten undefinierbar von Schuhen zertrampelt. Nur am Rand liegen einige, bei denen man erkennen kann, dass es sich vor allem um Kartoffelchips und Erdnussflips handelt. Plastikbecher wurden scheinbar achtlos auf die Erde geschmissen, teilweise noch mit Inhalt. Den Flecken nach zu urteilen, war das nicht nur einmal der Fall.
   »Igitt, ist es das, für was ich es halte?« Würgend blickt Marion auf einen großen Fleck an der Wand, der in kleinen Rinnsalen Richtung Boden gesickert ist.
   »O Gott, das ist ja widerlich.«
   »Ist das immer so?«
   »Keine Ahnung. Bin das erste Mal hier.« Ich schüttele mich angewidert.
   Wir trauen uns weiter vor und suchen uns einen Weg durch das Minenfeld aus Krümeln, Bechern und Zigarettenstummeln.
   »Wer räumt den Mist um Himmels willen auf?«
   »Soweit ich weiß, haben Simons Eltern ziemlich viel Kohle. Da wird eine arme Sau kommen und für Ordnung sorgen.«
   »Na, viel Spaß auch. Weiß Carola von dem Geld? Das würde ihr sicher gefallen.«
   Marion rollt mit den Augen. Sie hat Carola erst durch mich kennengelernt und war anfangs skeptisch. Ihre Lebenseinstellungen sind so weit voneinander entfernt wie der Nordpol vom Südpol. Aber die beiden haben sich trotzdem schnell angefreundet.

Ich teile Carolas Einstellung, was Männer, Sex und Geld angeht, auch nicht, aber ich kenne sie seit der Schulzeit. So oberflächlich, wie sie einem auf den ersten Blick erscheint, ist sie nicht. Sie hatte es früher nicht leicht. Ihr Vater hat die Familie verlassen, da war Carola neun. Danach hat ihre Mutter angefangen zu trinken und ständig Kerle mit nach Hause gebracht. Viel Geld hatten sie nie. Mit achtzehn ist Carola ausgezogen und hat sich allein durchgeschlagen. Trotzdem war und ist sie immer für mich da. Sie ist ein guter Mensch. Mit einer Vorliebe für schnellen Sex.

Der Raum, in dem wir stehen, sieht nach dem Wohnzimmer aus oder nach dem, was es einmal war. Die Möbel sind zur Seite gerückt, ein Tisch wurde umgeschmissen. Überall stehen leere Flaschen, Becher und jede Menge Menschen. Den meisten steht der Alkohol ins Gesicht geschrieben. Wortfetzen dringen an unsere Ohren. Ich suche nach vertrauten Gesichtern.
   »Entdeckst du wen?«, fragt Marion. Sie steht auf Zehnspitzen und reckt den Hals.
   »Nein, bis jetzt nicht.«
   »Hier riecht es komisch, findest du nicht?«
   Ich schnuppere und jetzt rieche ich es auch. Leicht süßlich, anders als gewöhnlicher Zigarettenqualm. Ich schaue genauer hin. »Die rauchen Joints.«
   »Kein Wunder, dass hier Chaos herrscht, die sind alle total stoned.«
   »Am besten wir teilen uns auf. Versuch du dein Glück hier unten, ich sehe mich oben um.«
   »Okay.«
   Ich bahne mir einen Weg durch die Menge und kämpfe gegen das mulmige Gefühl an, das langsam wieder die Oberhand gewinnt. Einige, an denen ich vorbeikomme, starren mich mit glasigen Augen an, andere tanzen halb nackt auf Stühlen und Tischen. Ich ahne, weshalb Carola vorhin außer sich war. Sie war solchen Dingen gegenüber noch nie abgeneigt.
   Wenn sie vorhin schon so drauf war, will ich eigentlich nicht wissen, wie es ihr jetzt geht. Ich beginne, mir Sorgen zu machen, nicht nur um sie.
   Ich gehe die Treppe hinauf und stehe einer weiteren Traube Menschen gegenüber, aber ich kann weder Sven noch Carola entdecken. Ah, da hinten sitzt Simon oder das, was von ihm übrig ist. Ihm werde ich heute keine Informationen mehr entlocken können. Der Typ ist komplett hinüber.
   Vielleicht sind in den Räumen auch noch Leute. Drei Türen habe ich zur Wahl. Ich öffne die erste und stehe im Bad. Ein Mädel mit langen braunen Haaren hängt mit dem Kopf über der Kloschüssel und gibt alles. Schnell raus hier. Das zweite Zimmer sieht aus wie ein Büro. Auch hier sind Leute. Eine Duftwolke wallt mir entgegen und ich rümpfe die Nase. Hier reicht allein das Einatmen, um high zu werden. Unglaublich.
   Eine Tür habe ich noch. Langsam drücke ich die Klinke hinunter. Wer weiß, was mich jetzt wieder erwartet. Ich öffne die Tür einen Spalt und sehe die Ecke eines Betts. Sicher Simons Schlafzimmer. Ich will gerade schließen, da höre ich ein Stöhnen. In meinem Kopf formt sich ein Gedanke, aber ich bekomme ihn nicht zu fassen. Eine innere Unruhe überkommt nicht. Warum? Wieder ein Stöhnen. Mir stellen sich die Nackenhaare auf. Ist es Neugier? Instinkt? Ich weiß nicht, aber ich habe das Bedürfnis, die Tür weiter zu öffnen. Also tue ich es. Das ganze Bett kommt zum Vorschein. Ich sehe ein Pärchen, das es ziemlich wild miteinander treibt.
   Erst auf den zweiten Blick erkenne ich Carolas rote Lockenmähne, die im Rhythmus auf und ab wippt. Den Typen kann ich nicht erkennen. Irgendetwas stimmt nicht. Ich bleibe stehen, warte, unfähig, mich zu bewegen. Dann beugt sich der Kerl Carola entgegen und ich sehe in sein Gesicht. Das Blut gefriert mir in den Adern.
   Es ist Sven.
   Sven vögelt meine beste Freundin. Carola vögelt meinen Verlobten.
   Panik durchflutet mich. Mein Herz hämmert in meinem Brustkorb wie ein Maschinengewehr. Ein Flimmern entsteht vor meinen Augen, und ich zwinkere ein paar Mal. Jetzt kipp hier bloß nicht um, Jana.
   Ich sehe in Svens Gesicht, in seine Augen, die nicht seine sind. Die Pupillen sind erweitert und sie haben einen unnatürlichen Glanz. Ich friere und mir ist speiübel.
   Jetzt fällt sein Blick zum ersten Mal auf mich. Er sieht durch mich hindurch. Nein, der Ausdruck in seinem Gesicht verändert sich. Er zuckt kurz zusammen, als würde er aus einer Trance erwachen.
   Ich merke Tränen auf meinen Wangen. Endlich kommt wieder Leben in meinen Körper. Raus hier! Ich renne, so schnell ich kann, aus dem Zimmer und stürze die Treppe hinunter. Verzweifelt suche ich nach Marion. Wo steckt sie?
   Jemand ruft meinen Namen. Ich sehe in die Richtung, aus der das Rufen gekommen ist. Sven steht oben am Treppenabsatz. Er versucht, seine Hose anzuziehen. O Gott, fast wäre er die Treppe runtergefallen. Sein Oberkörper ist noch nackt. Ich muss sofort hier raus. Mit oder ohne Marion ist mir inzwischen egal.
   »Was geht denn hier ab?« Plötzlich steht sie vor mir.
   »Ich … Sven …« Mir bleiben die Worte im Hals stecken. Wie soll ich Marion etwas erklären, was ich nicht glauben kann.
   »Jana.« Sven schwankt die Treppe herunter.
   Marion blickt irritiert von einem zum anderen.
   »Ich muss weg, jetzt«, flehe ich sie an.
   »Dann los.« Marion denkt nicht lange nach und zieht mich hinter sich her.
   Vor dem Haus bleibt sie stehen. Ich ringe nach Atem. Scheiße, ich kriege keine Luft. Die Erinnerung an Carola und Sven schnürt mir die Kehle zu. Ich würge, aber es kommt nichts.
   »Jana, du machst mir Angst.«
   Bevor ich einen neuen Versuch starten kann, Wörter dafür zu finden, was ich gerade gesehen habe, wird die Haustür aufgerissen. Ich zucke zusammen. Sven stürmt raus. Fast wäre er gestürzt. Gleich hinter ihm taucht Paul auf.
   »Jana.« Svens Stimme klingt fremd. Er kann sich kaum auf den Beinen halten.
   »Du mieses Schwein«, schreie ich ihn an. Endlich ist meine Stimme wieder da. Die Panik von vorher hat unbeschreiblicher Wut Platz gemacht.
   »Jana«, sagt Sven erneut. Zu mehr Worten scheint sein Hirn nicht fähig zu sein.
   »Kann mir mal einer sagen, was hier los ist?« Marion blickt verständnislos zwischen mir und Sven hin und her.
   Paul zuckt mit den Achseln, Sven und ich starren uns stumm an.
   »Ich habe ihn mit Carola beim Sex erwischt.« Es laut auszusprechen, fühlt sich an wie eine schallende Ohrfeige, und ich breche in unkontrolliertes Schluchzen aus.
   »Du hast was? Bist du total bescheuert?« Paul schreit seinen besten Freund fassungslos an.
   »Es tut mir leid«, lallt Sven und klingt weinerlich.
   Das macht mich nur noch wütender. Ich gehe auf ihn zu und knalle ihm mit all meiner Kraft eine ins Gesicht. Sven fasst sich in Zeitlupe an seine Wange und starrt mich mit leerem Blick an.
   »Ich will dich nie wieder sehen«, bringe ich unter Tränen hervor. Nie hätte ich für möglich gehalten, diese Worte aus meinem Mund zu hören. Nicht in Verbindung mit Sven, mit meinem Sven. Das wars mit der Hochzeit, schießt es mir plötzlich durch den Kopf, und ich muss einen hysterischen Anfall unterdrücken. Ich bin überfordert, will mich umdrehen und verschwinden, als die Tür ein weiteres Mal aufgeht. Mit gesenktem Kopf tritt Carola ins Licht der Straßenlaterne.
   »Jana, ich …«
   »Fahr zur Hölle!«, zische ich ihr entgegen, ohne sie ausreden zu lassen. Ich steige ins Auto und meide jeden weiteren Blick zu Sven.
   Marion sieht Paul verzweifelt an. Der packt den halb nackten Sven am Arm und zerrt ihn ins Haus zurück. Ich starte den Wagen und brause davon, als Marion neben mir sitzt. Carola bleibt allein zurück.
Kapitel 5

»Mensch, Jana. Willst du nicht langsam mal da rauskommen?«
   »Nein, nie wieder.«
   »Du weißt schon, dass ein Mensch zwischendurch essen und trinken muss.«
   »Ich nicht!« Ich weiß, ich benehme mich albern, aber ich finde, ich habe ein Recht darauf. Meine Welt ist von einem auf den anderen Moment komplett aus den Fugen geraten. Sven war der Mittelpunkt dieser Welt. Er hat meinem Leben den richtigen Sinn gegeben. Mit ihm habe ich mich vollständig gefühlt. Ich habe ihn so sehr geliebt. Ich liebe ihn noch immer, sonst würde es nicht so schmerzen.
   Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn und Carola, und jedes Mal fühlt es sich an, als würde mir das Herz aus der Brust gerissen. Wie soll ich damit leben?
   Dieses Zimmer zu verlassen bedeutet, mein Leben wieder aufzunehmen, der Realität ins Auge zu sehen, mich der Wahrheit zu stellen. Dafür bin ich nicht bereit. Nein, hier zu liegen ist besser. Die Rollläden heruntergelassen, hüllt mich die Dunkelheit ein. Raum und Zeit existieren nicht. Die vier Wände schützen mich vor weiterem Schmerz und einer Konfrontation, der ich nicht gewachsen bin, die mir aber unweigerlich bevorstehen wird, sobald ich die Tür öffne. Nein, ich bin definitiv nicht bereit.
   »Jana, ich will dir helfen. Lass mich rein, bitte.«
   Ich höre Marion vor der Tür und ich weiß, sie meint es gut. Ich bin ihr unendlich dankbar, auch wenn es gerade nicht danach aussieht.
   Nachdem ich Sven gesagt habe, dass ich ihn nie wiedersehen will, sind wir zu Marion gefahren. Sie hat mir ihr Gästezimmer angeboten und das Bett hergerichtet. Dann habe ich die Tür verschlossen und sie seitdem nicht mehr geöffnet.
   Wie lange das her ist, weiß ich nicht. Es gibt keine Uhr, durch das Fenster dringt kein Licht. Nichts verrät mir, ob es Tag oder Nacht ist.
   Vor einer Weile hat pausenlos das Telefon geklingelt. Kurz darauf war es mein Handy, es liegt in meiner Tasche im Wohnzimmer. Mir ist klar, wer es ist und warum. Ich will nicht hören, was er zu sagen hat. Kein Wort kann ungeschehen machen, was er mir angetan hat. Keine Entschuldigung der Welt reicht aus, um den Scherz in mir zu lindern.
   Immer wieder überfallen mich Weinkrämpfe, gefolgt von einer tiefen Lethargie. Ich bin erschöpft, mein Kopf dröhnt, aber ich komme nicht zur Ruhe. Meine Augen fallen zu, aber nur um sich im nächsten Moment erneut zu öffnen. Sie fühlen sich an, als wäre ein Igel darübergerollt. Sie sehen wahrscheinlich auch so aus.
   Wieder bin ich kurz eingenickt und wieder zu kurz, um mich auch nur im Ansatz erholt zu fühlen. Ich höre Stimmen vor der Tür. Eine männliche Stimme. Im ersten Moment kann ich sie nicht einordnen und die altbekannte Panik erfüllt mich, aber es ist nicht Sven. Jetzt registriere ich Pauls Stimme. Sicher geht es um mich, aber ich habe nicht die Kraft, ihrem Gespräch zu folgen.
   Langsam bekomme ich einen trockenen Mund. Mein Körper verlangt nach Flüssigkeit. Da sind Kamele bei Liebeskummer klar im Vorteil, stelle ich fest. Ich fühle mich zwar wie eins von der dummen Sorte, aber ich bin nun mal keins. Tja, da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als meine Höhle zu verlassen. Allerdings warte ich, bis Paul wieder verschwunden ist.
   Ich schleiche zur Tür und drehe den Schlüssel im Schloss. Ich öffne, und die Helligkeit, die mir entgegenschlägt, trifft mich mit voller Wucht. Ich sehe Sterne, als hätte mir das Licht einen K.-o.-Schlag verpasst. Nach stundenlanger Dunkelheit kein Wunder. Ich taumele drei Schritte zurück, kneife die Augen zusammen und starte den zweiten Versuch. Vor mir taucht ein Schatten auf. Marion.
   »Gott sei Dank. Ich hatte schon befürchtet, die Tür einschlagen zu müssen.«
   »Du?«
   Marion nickt in Richtung Tisch. Ich entdecke einen Hammer, als ich ihrem Blick folge. Mein Mund geht auf und zu wie bei einem Fisch. Mein schlechtes Gewissen meldet sich, und ich nehme meine Freundin in den Arm.
   »Ich habe tierischen Durst«, gebe ich kleinlaut zu.
   »Setz dich, ich hol dir was.«
   Bevor ich etwas erwidern kann, dreht sie sich um und verschwindet in der Küche. Sie reicht mir ein kaltes Glas Wasser und stellt einen Teller mit einem Sandwich vor mir ab. Bei dessen Anblick knurrt mein Magen laut, und Marion lächelt mich zufrieden an. Sie bleibt still und ich verputze alles.
   »Ich hab was für dich.« Marion steht auf, geht zum Schrank und wirft mir etwas zu.
   Ich fange es auf, starre es an und kann nichts damit anfangen. Es sieht aus wie eine Socke. Es ist eine Socke, sie ist weich gefüllt, wahrscheinlich Watte. Am unteren Ende ist sie verknotet und zwei weitere Bänder teilen die Socke in drei Teile. »Toll, danke. Was soll das sein?«
   »Sieht man das nicht?«
   »Nein, nicht wirklich.«
   »Eine Voodoo-Puppe.«
   »Eine Voodoo-Puppe?« Da wäre ich nie drauf gekommen.
   »Ja, benutz deine Fantasie. Ich hab ihr sogar ein Gesicht gemalt. Leider hatte ich kein Foto, sonst hätte ich Svens Visage angeklebt.« Marion sieht ein wenig enttäuscht aus. »Ihren Zweck erfüllt sie allemal.«
   »Du bist die beste Freundin der Welt.« Wieder kullern die Tränen, nur diesmal vor Rührung. Ich drücke Marion fest an mich. »War Paul vorhin hier?«, lenke ich das Thema wieder auf Sven.
   »Ja, er war die ganze Zeit in eurer Wohnung. Nachdem wir gestern weg sind, hat er Sven heimgebracht. Bei dem ging gar nichts mehr. Paul wollte ihn in dem Zustand nicht allein lassen und hat auf eurer Couch geschlafen. Seinen Erzählungen nach zu urteilen, war Sven komplett ausgeknockt.« Marion überlegt einen Moment. »Meinst du, er hat das Zeug absichtlich genommen? Ich meine, so wie der aussah, lag das nicht an einem Joint. Das war sicher was Härteres.«
   »Ich weiß nicht, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Sven und Drogen? Das passt einfach nicht zusammen.«
   Ich schlage die Hände vors Gesicht und erinnere mich an Svens Augen. Ein Schauder überläuft mich. Ich bemühe mich, tief ein und aus zu atmen, sonst ist das Essen gleich wieder draußen.
   »Carola?«, fragt Marion in meine Gedanken hinein.
   »Ich weiß nicht, ich weiß gar nichts mehr.« Meine Nerven liegen blank und ich schlage abermals die Hände vors Gesicht.
   »Paul sagt, Sven kann sich nur verschwommen an den gestrigen Abend erinnern. Paul musste sein Gedächtnis erst mal auffrischen. Ihm ist wohl jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen und dann hat er …« Marion stockt.
   »Was dann?« Nervös kaue ich an den Fingernägeln.
   »Dann hat er angefangen zu weinen. Er fühlt sich echt mies«, beendet Marion ihren Satz.
   »Ach ja? Ich mich auch, verdammte Scheiße! Hast du etwa Mitleid mit ihm?«, fauche ich Marion an.
   »Nein, na vielleicht ein bisschen. Ich bin auf deiner Seite, aber wenn ihm das Zeug untergejubelt wurde? Er war nicht mehr zurechnungsfähig. Ich meine, Mann, ich weiß doch auch nicht«, stammelt Marion.
   »Sorry, ich wollte dich nicht so anmachen. Ich dreh noch durch.«
   Nein, falsch. Ich habe längst damit angefangen, durchzudrehen. Wer kann es mir verübeln? Gestern noch war ich eine glückliche Verlobte und heute? Was oder wer bin ich heute? Glücklich? Wohl kaum. Verlobt? Gute Frage.
   »Was hast du jetzt vor? Du kannst gern bleiben, so lange du willst.«
   »Danke, im Moment will ich ihm wirklich nicht begegnen. Ich kann nicht, aber ich brauche ein paar Sachen aus der Wohnung.«
   »Ich rede mit Paul. Wir sprechen uns ab, damit er nicht da ist, wenn du kommst.«
   »Das wäre sicher das Beste.«
   Zusammen mit Svens Voodoo-Puppe verkrieche ich mich wieder in meiner Dunkelheit. Für heute hatte ich genug Realität. Zum Glück habe ich meinen MP3-Player immer in der Tasche. Jetzt krame ich ihn heraus und suche nach der passenden Musik zu meiner Stimmung.
   Der Text von Phil Collins´ Against all odds erfüllt meine Gehörgänge mit Musik und mein Herz mit Traurigkeit. Aber das brauch ich jetzt. Ich drücke Repeat und gebe mich dem Schmerz für die nächsten Stunden hin. Mein Blick wandert über die fremden Wände, die fremden Möbel und Gegenstände. Es riecht nicht mal vertraut. Ich will nach Hause, in meinem Bett traurig sein. Selbst das nimmt er mir. Frustriert strample ich die Decke von mir, um sie im nächsten Moment bis über die Ohren zu ziehen. Alles fühlt sich sinnlos an. Wie ein Tsunami baut sich der nächste Weinkrampf auf und rollt mit voller Wucht über mich hinweg. Nur langsam ebbt das Schluchzen ab und meine Atmung wird gleichmäßiger.
   Das Klingeln meines Handys reißt mich aus einem unruhigen Schlaf. Die Kopfhörer sind mir aus den Ohren gefallen, das Kissen ist nass von Tränen. Ich erlöse Phil Collins und stelle den MP3-Player aus. Dann greife ich nach dem Handy und schaue aufs Display.
   »Sven«, sage ich laut in die Stille des Zimmers hinein. Unschlüssig und wie einen Fremdkörper starre ich mein Telefon an. Die Mailbox springt an und nimmt mir die Entscheidung ab. Ich höre alle Nachrichten ab und beim Klang von Svens Stimme zieht sich mein Herz schmerzhaft zusammen.
   Ich sehe ihn vor mir. Seinen durchtrainierten Körper. Seine strahlenden blauen Augen. Seine Lippen, die mich so oft in den vergangenen drei Jahren geküsst haben. Das Bild ändert sich, und ich stelle mir vor, wie diese Lippen Carola küssen, wie sich dieser Körper im Rhythmus auf und ab bewegt. Ekel überkommt mich. Wie soll ich diese Bilder jemals ausschalten können?

Die Nacht wird nicht besser als die letzte. Dank meines Handys kenne ich zumindest die Uhrzeit und bin schon auf, als Marion verschlafen aus ihrem Zimmer kommt. »Hast du Unterwäsche für mich? Ich müsste dringend duschen«, frage ich, nachdem ich ihr einen »Guten Morgen« gewünscht habe.
   »Sicher, warte kurz.«
   Der heiße Wasserstrahl massiert meinen verspannten Nacken und meine Lebensgeister kommen aus ihren Höhlen gekrochen.
   »Ich muss in meine Wohnung. Meinst du, Paul könnte das regeln?« Frisch geduscht, mit nassen Haaren, sitze ich neben Marion und schaue gedankenverloren in den Fernseher. Guido Maria Kretschmer kürt gerade die neue Shopping Queen.
   »Ich ruf ihn gleich mal an.«
   Angespannt verfolge ich das Telefonat. Alles ist so unwirklich. Es kommt mir vor, als ginge es um jemand anderen, aber nicht um mich, um mein Leben. Denn solche Dinge passieren immer nur den anderen, nie einem selbst. Der Schmerz in meiner Brust belehrt mich eines Besseren. Diesmal hat es mich erwischt. Es bringt nichts, die Augen davor zu verschließen. Denn nur mit offenen Augen kann ich einen Weg aus diesem Schmerz finden. Noch ist alles dunkel und ich stolpere fast blind umher, aber irgendwo scheint die Sonne. Ob der Weg dann zu Sven führt oder in eine ganz andere Richtung, vermag ich nicht zu sagen. Die Zeit wird es zeigen.
   Um zwei Uhr fahren wir los. Zum ersten Mal seit fast zwei Tagen betrete ich meine Wohnung, unsere Wohnung. Marion wartet im Auto.
   Alles sieht aus wie immer und doch ist nichts mehr wie vorher. Der Gedanke schnürt mir den Brustkorb zu. Und da ist sie wieder, meine alte Bekannte, die Panik. Das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, wird mit jedem schnellen Atemzug schlimmer. Ich renne ins Bad an den Wasserhahn und trinke in großen Schlucken. Eiskalt rinnt es mir die Kehle hinunter. Eine Fremde starrt mir im Spiegel entgegen.
   Während ich dort stehe, steigt mir ein bekannter Duft in die Nase. Sein Duft. Eine Mischung aus Duschgel und Parfüm. Vor Kurzem ist Sven noch hier gewesen. Die Wassertropfen an der Duschwand zeugen von seiner Anwesenheit. Ist es wirklich erst zwei Tage her, dass er geduscht hat, als ich hier am Spiegel stand? Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Ein erneuter Schwindel überrollt mich. Ich kralle mich an den Rand des Waschbeckens, sacke mit weichen Knien zu Boden. Alles dreht sich, und ich lege mich hin. Ich spüre die kühlen Fliesen unter mir und komme wieder zu mir. Kalter Schweiß steht mir auf der Stirn. Ich raffe mich auf und packe im Eiltempo mein Zeug zusammen. Stolpernd verlasse ich das Bad.
   Jetzt noch das Schlafzimmer. Blind reiße ich Oberteile, Hosen und Unterwäsche aus dem Schrank und stopfe sie in die Tasche. Erst draußen wird mir bewusst, dass ich die ganze Zeit die Luft angehalten habe. Ein letzter Blick, dann schließe ich die Tür hinter mir. Mit pochendem Herzen fliehe vor dem Ort, der so viele Erinnerungen für mich bereithält. Ich habe keine Ahnung, ob ich je wieder hier wohnen werde oder ob die Erinnerungen am Ende das Einzige sind, was mir bleibt. Der Gedanke raubt mir den Atem.
   Früh verkrieche ich mich in das Zimmer, was zu meinem geworden ist. Zwar habe ich beschlossen, morgen nicht zu arbeiten, aber zurzeit fühle ich mich hier am wohlsten, auch wenn die für mich immer noch fremde Umgebung nicht darüber hinwegtäuschen kann, was geschehen ist.
   Mein Handy klingelt. Wieder ist es Sven. Ich lasse es klingeln, bis es verstummt. Diesmal spricht er nicht auf die Mailbox. Stattdessen versucht er es erneut. Das macht er fünfmal hintereinander, dann gibt er auf. Kurz darauf ertönt das Zeichen für eine erhaltene SMS.
   Jana, ich muss dich sehen. Bitte.
   Ich überlege kurz, dann antworte ich. Ich kann nicht. Brauche mehr Zeit.
   Ich hatte niemals vor, dich zu verletzen! Kommt Sekunden später von ihm zurück.
   Zu spät! Jetzt klingelt wieder mein Handy. Ich gebe nach und nehme das Gespräch entgegen.
   »Jana?« Sven klingt ungläubig.
   »Ja, ich bin dran«, gebe ich kaum hörbar von mir.
   »Es tut mir so leid, das musst du mir glauben.«
   Ich spüre die Verzweiflung hinter seinen Worten. Aber ich bin zu verletzt, als dass sie zu mir durchdringen könnte.
   »Bist du noch da? Können wir uns sehen?«
   Eine Weile sagt keiner von uns ein Wort. Sven wartet auf eine Antwort. Ich ringe mit mir. Es hat keinen Sinn, es hinauszuzögern. Es ändert nichts an der Tatsache. Ich kann nicht ewig davonlaufen. Am besten, ich bringe es so schnell wie möglich hinter mich. Nur so komme ich aus der Dunkelheit wieder ans Licht. »Morgen Nachmittag um vier vor der Orangerie«, höre ich mich sagen und versuche, meine Stimme unter Kontrolle zu behalten, damit sie nicht zittert wie der Rest meines Körpers.
   »Einverstanden, bis morgen dann.« Sven klingt erleichtert.
   Ich sitze noch eine Weile einfach da und starre auf das Telefon in meiner Hand. Ergründe meine Gefühle, aber da ist nichts. Das bevorstehende Treffen lässt mich erstarren. Aus einer Kammer, hinter schalldichtem Glas, buhlen die Gefühle um meine Aufmerksamkeit. Wut, Schmerz und Enttäuschung, aber auch Sehnsucht, Vergebung und Liebe. Jedes für sich sehr verführerisch, aber eine Entscheidung fällt mir schwer. Ob es mir hilft, wenn ich ihn wiedersehe?

Ich schlafe kaum in dieser Nacht, dennoch bin ich froh, dass ich mich entschieden habe, wieder arbeiten zu gehen. Es lenkt mich ab, und Marion gibt ihr Bestes, um mich aufzumuntern. Doch als es Nachmittag wird und die Zeiger der Uhr sich unweigerlich auf die Vier zubewegen, fällt jegliche Gelassenheit von mir ab. Sie weicht einer Anspannung, die mich traurig macht. Es geht hier um Sven und mich. Da passen negative Empfindungen nicht hin und trotzdem existieren sie. Ich weiß nicht, wie ich es schaffen soll, Sven gegenüberzutreten. Will ich überhaupt hören, was er zu sagen hat? Es ändert nichts an dem, was er mir angetan hat. Bin ich stark genug, ihm zu verzeihen?
   Völlig in Gedanken versunken gehe ich zu Fuß den Weg zur Orangerie. Auf der Treppe kommt mir eine Horde Jugendlicher entgegen. Sie rennen die Stufen hoch und grölen. Da ich keine Reaktion zeige, ihnen Platz zu machen, rempelt mich einer von ihnen an.
   »Blöde Kuh, kannst du nicht aufpassen?«
   Normalerweise mache ich einen großen Bogen um solche Leute, heute ist es mir egal. Ich marschiere starr nach vorn blickend in die angestrebte Richtung.
   Bereits von Weitem kann ich sehen, dass Sven schon wartet. Ich hätte ihn unter Tausenden sofort erkannt. Er dreht mir den Rücken zu und hat die Hände in den Jackentaschen vergraben. Er trägt ausgewaschene Jeans und seine kakifarbene Winterjacke, die mir an ihm so gut gefällt. Der Drang, mich in seine Arme zu werfen, erfüllt mich und lässt mich abrupt stehen bleiben. Was tue ich hier eigentlich? Mir fällt ein, dass auch unser erster Spaziergang hier in der Aue stattgefunden hat. Unbewusst habe ich diesen Platz gewählt.
   Anfang und Ende?
   Ich betrachte Sven von hinten. Er ist nervös, das sehe ich ihm an. Mir geht es nicht anders. Die Hände sind trotz der Kälte feucht. Mein Herz hämmert wie ein Presslufthammer. Ich bewege mich keinen Millimeter vorwärts. Endlich weiß ich, was ich zu tun habe. Bevor ich es mir anders überlegen kann, mache ich auf dem Absatz kehrt und laufe davon. Erst, als ich weit genug entfernt bin, bleibe ich außer Atem stehen. Mist, was war das denn? Habe ich mich richtig entschieden? Ja, habe ich. Ich kann ihm nicht gegenübertreten, noch nicht.
   O Gott, ihn zu sehen, nach allem, was geschehen ist. Er war nur wenige Schritte von mir entfernt und doch hatte ich das Gefühl, meilenweit von ihm getrennt zu sein. Dabei hat es mit uns so perfekt angefangen.

Als ich zusammen mit Carola Urlaub auf Mallorca gemacht habe, bin ich Sven bereits im Flieger das erste Mal begegnet. Ich hatte totale Flugangst und habe nur Unsinn von mir gegeben, aber er hat mir gut zugeredet und mein Herz im Sturm erobert.
   Nach der Landung dachte ich, das war es jetzt, du siehst ihn nie wieder, doch da stand er plötzlich vor mir. Sein Hotel war überbucht und sie hatten ihn ausgerechnet in unserem untergebracht. Eine Woche hatten wir Zeit, uns kennenzulernen und haben davon jede freie Minute genutzt. Carola war damals ein wenig angepisst, aber ich musste einfach in seiner Nähe sein. Sven ist einige Tage vor uns abgeflogen und als unsere Maschine in Paderborn gelandet war, stand er dort, um mich abzuholen. Ich bin dahingeschmolzen wie Eis in der Sonne.
   Danach brachte uns keiner mehr auseinander. Ich habe mich noch nie so schnell und so heftig in einen Mann verliebt. Ich wusste, hier gehöre ich hin, zu ihm. Solange wir beide leben.
   Eine Illusion, wie ich jetzt feststellen darf.

Ich stehe noch immer mitten in der Fußgängerzone. Es dämmert und die Lichter des Weihnachtsmarktes tauchen die Straße in eine romantische Abendstimmung. Unzählige Menschen drängen an mir vorbei, um Weihnachtseinkäufe zu erledigen, einen Glühwein mit Freunden zu trinken oder die Stimmung zu genießen.
   Weihnachten, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Eine Leere entsteht in meinem Inneren. Wir hatten vor, Heiligabend bei Svens Eltern zu feiern und die restlichen Tage allein zu verbringen. Meine Eltern wohnen an der Ostsee, aber dieses Jahr fliegen sie nach Thailand. Ich konnte es nicht glauben, als mir Mama die Neuigkeit am Telefon mitteilte. Marion fährt zu ihrer Familie nach Hannover.
   Frohe Weihnachten.
   Es ist laut, deshalb höre ich mein Handy nicht, aber es vibriert in meiner Tasche. Sven ruft an. Mir ist flau im Magen, aber ich nehme das Gespräch entgegen.
   »Wo steckst du? Ich warte seit einer halben Stunde auf dich.«
   »Ich komme nicht. Tut mir leid.«
   »Was heißt, du kommst nicht?«, fragt er irritiert.
   »Ich schaffe es nicht. Ich will dich nicht sehen.«
   »Jana, wo steckst du? Ich komme zu dir, bitte?«
   »Nein, nicht. Es ist zu früh. Ich brauche einfach mehr Zeit.«
   »Machst du Schluss mit mir?« Jetzt klingt Sven fast ängstlich.
   »Nein. Ich … ach, verdammt.« Tränen schießen mir in die Augen, und ich wische sie ärgerlich mit dem Jackenärmel ab.
   »Okay, okay. Ich will dich zu nichts drängen. Gib uns nicht auf, hörst du. Ich wollte dich nicht verletzen und ich verspreche dir, dass es nie wieder vorkommen wird. Ich will nur eine einzige Chance, um es dir zu beweisen.« Er atmet schwer.
   Die Situation überfordert mich und ich beende das Gespräch, ohne mich zu verabschieden.
   Blind vor Tränen bahne ich mir einen Weg durch die Leute und schaffe es irgendwie nach Hause. Nach Hause, denke ich sarkastisch. Ich habe im Moment nicht mal ein richtiges Zuhause. Marion lässt mich in ihrem Gästezimmer schlafen, aber auf Dauer funktioniert das nicht. Ich muss eine andere Lösung finden. Aber wie soll ich eine Lösung finden, wenn meine Gedanken und Gefühle wie die Kugel in einem Flipperautomaten durch meinen Kopf springen?
Kapitel 6

»Und? Wie ist es gelaufen?« Marion kommt gerade von der Arbeit. Sie ist noch dabei sich von Jacke und Schal zu befreien, aber ihr
   Blick schreit förmlich nach Informationen.
   »Gar nicht.«
   »Wie, gar nicht? War er nicht da?«
   »Doch, aber ich bin nicht hin. Ich hab ihn gesehen und bin abgehauen.«
   »Du hast ihn einfach da stehen lassen? Mensch, Jana.«
   »Hey, jetzt mach mir kein schlechtes Gewissen. Es ging nicht. Ich konnte nicht.«
   »Weiß er denn Bescheid?«
   »Ja, er hat mich angerufen und ich habe es ihm gesagt. Natürlich war er nicht begeistert, aber ihm bleibt nichts anderes übrig, als es zu akzeptieren.«
   »Er hat ziemlichen Mist gebaut, aber gib ihm doch zumindest die Chance, mit dir zu reden.«
   »Werde ich, wenn ich so weit bin. Nächste Woche habe ich Urlaub und fahre zu meinen Eltern. Da kann ich versuchen, abzuschalten und danach sehen wir weiter.« Ich zucke mit den Schultern und widme mich wieder dem Fernsehprogramm. Für mich ist das Thema beendet, und auch Marion ist still.

Es ist Montagmorgen, als ich mich ins Auto setze und auf den Weg mache. Ich drehe die Heizung voll auf und lege die CD meiner Lieblingsband ein. Nightwish ertönt und passt perfekt zu meiner aggressiven Stimmung. Die Autobahn ist ziemlich voll und ich konzentriere mich angespannt auf den Verkehr. Um mich herum ist alles grau in grau, es ist diesig und regnet ohne Unterbrechung. Normalerweise genieße ich die Fahrt und eine Vorfreude erfüllt mich. Wenn die Landschaft beginnt, flacher zu werden, wenn sich rechts und links der Autobahn die Windräder aneinanderreihen. Diesmal fühle ich nichts von alledem. Ich muss meinen Eltern die Trennung und die geplatzte Hochzeit erklären, da ist kein Platz für gute Laune.
   Die Fehmarn-Sund-Brücke kommt in Sicht, und ich überquere sie. Ich warte auf das vertraute Gefühl von Heimat, Familie und Geborgenheit, aber auch das bleibt aus.
   Gegen siebzehn Uhr habe ich es geschafft und parke in der Auffahrt meiner Eltern. Ich bin hundemüde, und meine Augen schmerzen von der anstrengenden Fahrt.
   Meine Mama muss das Auto gehört haben, denn sie kommt mir, kaum dass ich den Motor ausgeschaltet habe, mit einem Regenschirm entgegen. Wir drücken uns kurz und fliehen schnell vor dem Regen ins Haus.
   Drinnen wartet Paps. Er hat noch immer Probleme damit, mich nicht so häufig zu sehen. Natürlich würde er es nie zugeben, aber ich weiß es von Mama.
   Was soll ich dazu sagen? Nicht ich bin weggezogen. Die beiden haben schon mit dem Gedanken gespielt, an die Ostsee zu ziehen, als Paps noch gearbeitet hat. Nachdem er seinen kleinen Gewürzhandel vor ein paar Jahren zu einem guten Preis verkaufen konnte, waren sie kaum noch zu halten und haben ihren Traum in die Tat umgesetzt.
   Anfangs war es ein komisches Gefühl die Eltern nicht mehr nah bei sich zu haben, aber ich gönne es ihnen von Herzen. Sie sind glücklich hier, und ich freue mich immer, einen Grund zu haben, ans Meer zu fahren.
   »Hallo, meine Kleine«, sagt Paps lässig und gibt mir einen Kuss auf die Stirn.
   »Hallo, Paps.« Ich muss schmunzeln und umarme ihn. Ich habe das Gefühl, seit er an der See lebt, wird er nicht älter, eher jünger. Sie haben ganz eindeutig die richtige Entscheidung getroffen.
   »Jetzt lasst uns erst mal ins Wohnzimmer gehen, ihr beiden«, meint Mama, lächelt und schiebt uns vor sich her.
   Trotz der Heizung im Auto und der wohligen Wärme des Kamins fröstelt es mich. Hoffentlich werde ich nicht krank. Als hätte Mama es geahnt, kommt sie mit einer Kanne leckerem Früchtetee aus der Küche. Die dazu passenden Teetassen haben Sven und ich ihr vergangene Weihachten geschenkt. Der Anblick versetzt mir einen kleinen Stich.
   »Alles in Ordnung?« Mama sieht mich besorgt an. Sie ist unglaublich.
   »Ja, alles bestens. Ich bin nur erschöpft von der langen Fahrt. Bei dem Wetter macht es keinen Spaß im Auto.«
   »Ach, Klaus, geh doch schnell ins Schlafzimmer und hol Jana die Wolldecke, bitte.«
   Paps brummelt kurz etwas Unverständliches, steht aber schnell auf und gehorcht. Ich weiß, was er denkt. Warum holt sie nicht selbst die blöde Decke, sie weiß doch viel besser, wo sie liegt. Außerdem läuft gerade Fußball. Tja, aber da Paps grundsätzlich verliert, was Diskussionen mit seiner Frau betrifft, tut er, wie ihm befohlen.
   Kaum hat er den Raum verlassen, wendet sich Mama mir zu. »Gibt es einen Grund, weshalb Sven nicht mitgekommen ist?«, fragt sie und legt mir ihre Hand auf die Schulter. »Du warst am Telefon schon so merkwürdig.«
   Tränen schießen mir in die Augen, dabei wollte ich so gern sachlich bleiben. Ich habe mich aber zum Glück schnell wieder unter Kontrolle und kann erzählen, was passiert ist. Als ich fertig bin, schweigen wir für einen Moment, bis Mama loslegt.
   »Ach, mein Schatz, das tut mir ehrlich leid, aber musstest du denn deshalb gleich ausziehen? Sei nicht so hart zu deinem Freund.«
   Habe ich gerade richtig gehört?
   »Ich meine, Sven liebt dich sicher noch, ihr könnt doch in Ruhe über alles reden. Wirf nicht gleich alles weg«, beendet Mama ihre grandiose Ansprache.
   Es fängt deutlich in mir an zu brodeln, doch ich will keinen Streit. Ich will Verständnis. »Sven ist fremdgegangen, das ist ein absoluter Vertrauensbruch. Ob nüchtern oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Das ist nicht zu entschuldigen. Du würdest auch nicht einfach über so eine Sache hinwegsehen. Sei ehrlich. Zu wem hältst du denn hier?«
   Mama hebt abwehrend die Hand. »Zu dir natürlich, mein Schatz. Ich hab es nicht so gemeint, ich hab Sven nun mal lieb gewonnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so etwas tut und Carola auch nicht. Er war schließlich wie ein Schwiegersohn für mich.«
   »Tja, da muss ich dich enttäuschen, von diesem Gedanken kannst du Abstand nehmen.«
   Mama will natürlich gleich etwas entgegensetzen, doch Paps kommt wieder zur Tür herein, und sie überlegt es sich anders.
   »Kaum bin ich zur Tür raus, schon gehen die Diskussionen los. Jetzt bin ich wieder hier und ihr verstummt. Das ist nicht gut«, kommentiert Paps die Situation und schüttelt den Kopf. »Worum ging es denn schon wieder? Hoffentlich nicht um mich. Kaum seid ihr Frauen in der Überzahl, hab ich keine Chance mehr gegen euch.«
   »Nein, keine Angst. Es ging um mich und Sven. Wir haben uns getrennt. Er ist fremdgegangen«, gebe ich knapp zurück. Ich habe keine Lust mehr auf das Thema.
   »Was gibt es da zu diskutieren? Du hast deine Entscheidung getroffen und wirst darüber hinwegkommen«, meint Paps trocken. Er ist wirklich kein Mann vieler Worte.
   »Danke für deine Anteilnahme. Bei dir hört es sich an, als hätte mein Auto einen Blechschaden. Ich geh jetzt auf mein Zimmer und leg mich hin. Bis morgen.« Ich bin draußen, bevor einer von ihnen noch ein Wort sagen kann. Kaum bin ich ein paar Schritte weg, höre ich sie im Wohnzimmer bereits mächtig diskutieren. Ich liebe meine Eltern und sie meinen es beide auf ihre Weise gut mit mir. Wie kann ich da wütend sein? Sie wollen mir nur helfen.
   Ich schließe die Tür meines Zimmers hinter mir, seufze tief und lasse mich mit dem Rücken auf das Bett fallen. Ich liege einfach nur da und starre an die Decke. Obwohl ich selten hier schlafe, fühle ich mich immer sofort zu Hause. Mama hat das Zimmer liebevoll eingerichtet. Auf der Kommode stehen ein paar Bilder von mir und meinen Eltern. Einige Stofftiere und meine Lieblingspuppe haben es sich auf einem Bänkchen in der Ecke des Zimmers gemütlich gemacht. Sogar die Bettwäsche gehört noch mir.
   Plötzlich höre ich Schritte auf dem Flur und dann klopft es auch schon an der Tür. Ich hätte mir denken können, dass Mama sich noch mal blicken lässt.
   »Hallo, meine Kleine. Tut mir leid wegen vorhin. Hattest dir die Begrüßung sicher anders vorgestellt. Brauchst du noch irgendwas?«, fragt sie vorsichtig.
   »Schon in Ordnung. Das Thema ist noch ziemlich heikel für mich. Ich brauche nichts mehr, werde mich gleich schlafen legen. Danke.«
   Mama tritt näher. »Hier, nur für den Notfall. Wie früher, weißt du noch?« Sie stellt eine Tasse auf den Nachtspint.
   Ich nicke, natürlich kann ich mich erinnern. Egal, welche Sorgen und Nöte mich als Teenager geplagt haben, eine Tasse heißer Kakao war die beste Medizin.
   Sie beugt sich herunter, gibt mir einen zärtlichen Kuss auf die Stirn und wünscht mir eine gute Nacht. Leise schließt sie die Tür hinter sich. Ich trinke einen Schluck. Süßlich und warm fließt der Kakao meine Kehle hinab. Schon früher hat er gegen Liebeskummer Wunder gewirkt, warum nicht auch mit achtundzwanzig? Ich trinke aus, stelle die Tasse ab und kuschele mich in die Decke. Kaum habe ich es mir im Bett richtig gemütlich gemacht, bin ich auch schon eingeschlafen.

Beim Aufwachen muss ich mich kurz orientieren. Ich erinnere mich an den vergangenen Tag, blicke auf die leere Tasse Kakao und ganz automatisch bildet sich ein Lächeln auf meinem Gesicht. Allmählich tritt doch ein Gefühl der Geborgenheit ein.
   In aller Ruhe gönne ich mir eine Dusche. Aus der Küche dringen Stimmen zu mir nach oben, und ich gehe ihnen nach, als ich fertig bin. Meine Eltern sitzen an einem gedeckten Frühstückstisch und warten auf mich, wobei es eher so aussieht, als erwarten sie einen ganzen Bus. Die Tischdecke ist kaum mehr zu sehen, denn Mama hat so ziemlich alles eingekauft, was man bekommen kann. Eine Käseplatte thront in der Mitte, rundherum gibt es jede Art von Aufschnitt, mindestens drei verschiedene Sorten Marmelade, festen und flüssigen Honig, auch Gemüse und Obst hat sie nicht vergessen.
   »Guten Morgen, mein Schatz, hast du gut geschlafen?« Mama drückt mich und gibt mir einen Kuss.
   »Guten Morgen, ja habe ich. Sehr gut sogar. Habt ihr mit dem Frühstück extra auf mich gewartet oder erwartet ihr noch andere Gäste?«
   »Ja, deine Mutter hat darauf bestanden. Also los, setzt euch, ich habe Hunger!« Paps grinst mich an und gibt mir ebenfalls einen Kuss.
   Nach dem Essen helfe ich Mama beim Abräumen. Ich liebe diese Küche mit der süßen blau geblümten Tapete, den aus weißem Holz bestehenden Schränken und ebenfalls weiß lackierten Holzstühlen. An der Wand hängen zwei Bilder mit Schiffen. Die Uhr stellt einen Anker dar. Ich muss lächeln. Das Leben am Meer liegt ihnen im Blut.
   »Woran denkst du gerade? Hast du mir zugehört?« Mama sieht mich wartend von der Seite an.
   »Entschuldige, ich habe geträumt. Mir ist nur mal wieder aufgefallen, wie gemütlich eure Küche ist. Ich bin gern hier. Ich liebe das Meer.«
   »Du kannst immer zu uns kommen, das weißt du. Wir sind für dich da.«
   »Ich weiß.«
   Ich nehme Mama in den Arm und muss mit Gewalt die aufsteigenden Tränen unterdrücken. Anschließend gehe ich noch einmal auf mein Zimmer, schreibe Marion eine kurze SMS und ziehe mir etwas anderes an. Das Wetter sieht wesentlich besser aus als gestern, die Sonne scheint, aber es geht ein böiger Wind. Gewappnet mit festen Schuhen und meiner grünen Lieblingsjacke stehe ich im Flur.
   »Na, wo soll es hingehen?«, fragt Mama vom Wohnzimmer aus.
   »Ich muss erst mal das Meer sehen. Ich werde runter zum Hafen laufen.«
   »Dann viel Spaß. Bis nachher und pass auf dich auf.«
   Ich schließe die Haustür hinter mir, und der Wind bläst mir ins Gesicht. Ich atme tief ein und laufe energiegeladen los. Die Häuser Richtung Hafen sind teilweise unheimlich niedrig, dass selbst ich, mit meinen einen Meter sechzig, das Gefühl habe, mich bücken zu müssen, um durch die Tür zu passen. An fast jedem Haus hängt ein »Zu vermieten«–Schild. Hier steigen in der Regel Angler ab, die vom Hafen aus mit den Fischkuttern aufs Meer fahren. Ein Stück weiter kann man sich beim Siloklettern versuchen und in der Hauptsaison, wenn die Schiffe nicht in den Hallen untergebracht sind, dienen diese dem Tourismus. Von Adventure-Golf und Hüpfburgen bis hin zu verschiedensten Ausstellungen können sich die Fehmarngäste vor allem bei schlechtem Wetter hier die Zeit vertreiben.
   Am Hafen angekommen setze ich mich auf eine Bank und genieße das Bild, das sich mir bietet. Die Möwen kreischen und ziehen ihre Kreise. Die Wellen rauschen gegen die Hafenmauern. Autos mit den verschiedensten Kennzeichen fahren auf den Parkplatz hinter mir. Die Leute schlendern durch den Souvenirladen oder holen sich ein frisches Fischbrötchen. Andere stehen einfach nur da und sehen aufs Meer hinaus. Alle sind entspannt und genießen diesen herrlichen Dezembertag.
   Die fröhliche Stimmung der Menschen um mich herum schwappt auf mich über. Der Druck auf meinem Brustkorb hat nachgelassen und ich kann besser atmen. Mit dem Abstand, den ich durch meinen Aufenthalt hier habe, fällt mir auch das Denken leichter. Die Ausweglosigkeit bekommt Risse, durch die das Licht hindurchscheint und mir ein Stück der Dunkelheit in meinem Herzen nimmt. Ich bin auf dem richtigen Weg.
   Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass fast zwei Stunden seit meiner Ankunft am Hafen vergangen sind. Bevor ich zurückgehe, muss ich mir jedoch auch erst eines dieser leckeren Fischbrötchen als Wegzehrung mitnehmen.
   Die Bedienung hinter der Theke dreht mir den Rücken zu und ich räuspere mich, um auf mich aufmerksam zu machen. Keine Reaktion. »Hallo«, sage ich laut. Immer noch nichts. Was soll das denn? »Hallo.« So alt sieht die Person von hinten gar nicht aus, dass sie so schwerhörig sein kann. Ich warte. Tatsächlich dreht die Bedienung sich endlich zu mir um und zuckt erschrocken zusammen. Eindeutig nicht alt, stelle ich fest. Ganz im Gegenteil, der Typ ist nicht viel älter als ich und sieht auch noch echt gut aus. Sein Blick huscht nach hinten Richtung Küche. Schnell zieht er die Stöpsel aus den Ohren und lässt sie in der Hosentasche verschwinden. Deshalb die Probleme mit dem Hören.
   »Entschuldigung. Ich war nicht bei der Sache. Was kann ich für Sie tun?« Er lächelt verlegen und entblößt eine Reihe makellos weißer Zähne. Er passt so wenig in diesen Laden wie Angela Merkel auf den Playboy.
   Ich sage ihm, was ich haben möchte und beobachte ihn weiter. Er hat schöne Hände für einen Mann und ich frage mich, was ihn ausgerechnet hierher verschlagen hat. Mit seiner gebräunten Haut und den blonden längeren Haaren sieht er aus wie ein Surfer und nicht wie ein Fischverkäufer. Ich stelle mir vor, wie er mich küsst, und die Härchen an meinem Körper stellen sich auf. O Gott, was soll das denn? Gerade trauere ich noch um meine Beziehung zu Sven und jetzt überkommen mich die wildesten Fantasien. Aber mein Kopfkino läuft trotzdem weiter.
   Ich bezahle, wir lächeln uns an und viel zu schnell bin ich wieder draußen. Meine Gefühle sind nicht komplett abgestorben, ich bin keine leblose Hülle und sollte es positiv sehen. Tief atme ich die salzige Luft ein und wieder erscheint der Weg, der vor mir liegt, ein klein wenig heller.
   Zurück im Haus meiner Eltern ist alles still. Wahrscheinlich sind sie einkaufen gefahren. Ich ziehe die Sachen aus, tausche sie gegen etwas Bequemes und lege mich auf das Bett. Ich fahre zusammen, als im Erdgeschoss eine Tür laut ins Schloss fällt. Ich muss eingeschlafen sein. Die frische Luft tut mir gut, ich merke, wie ich ruhiger werde und mein Körper anscheinend auch. Der Schlafmangel der vergangenen Zeit hat ziemlich an mir genagt.
   Ich springe unter die Dusche und gehe anschließend nach unten. Mama steht wieder einmal in der Küche und kocht, Paps sitzt am Tisch und liest Zeitung.
   »Hallo, mein Schatz, wie war dein Tag?«, fragt Mama.
   »Superschön, ich bin froh hierhergekommen zu sein«, antworte ich und seufze zufrieden. »Man könnte sich daran gewöhnen.«
   »Warum bleibst du dann immer nur für ein paar Tage und nicht mal zwei oder drei Wochen?«, will Paps wissen.
   »Papa, du weißt, dass ich viel Arbeit habe, und ich komme lieber öfter ein paar Tage zu euch, anstatt nur einmal im Jahr für längere Zeit.« Ich kann schlecht sagen, dass es für uns alle besser ist, wenn wir uns nicht allzu lange unter einem Dach aufhalten. Das hat schon früher für Spannungen gesorgt.
   »Ach Klaus, mach ihr doch kein schlechtes Gewissen, sei froh, dass unsere Tochter uns überhaupt besucht. Du weißt, wie es Friedemanns geht, deren Sohn kommt alle paar Jahre mal vorbei.«
   »Der wohnt aber auch in Australien.«
   »Noch ein Grund mehr, deiner Tochter dankbar zu sein, dass sie so oft kommt.«
   »Ja, schon gut. Bitte nicht gleich wieder ein Drama draus machen. Jana weiß doch, wie ich es meine.«
   Er nimmt meine Hand und tätschelt sie, aber ich bin mit den Gedanken ganz woanders. Ich habe noch die Worte Sohn und Australien im Kopf. Ob das der Typ ist, den ich gesehen habe? »Die Friedemanns haben nicht zufällig das Fischbistro unten am Hafen?«
   »Doch, genau. Stimmt, du warst ja da. Hast du Arne getroffen? Hübscher Junge. Er ist ein Jahr älter als du, soweit ich weiß.«
   Mama zwinkert mir zu und ich verdrehe die Augen.
   »Doris. Jetzt lass das Kind doch in Ruhe. Ich denke, sie hat sich gerade getrennt. Außerdem ist er Surflehrer. Was ist das denn für ein Beruf, um Himmels willen.«
   Paps zieht die Augenbrauen hoch und wirft Mama einen tadelnden Blick zu. Sie stöhnt, bleibt aber still.
   Ich liebe Paps. Er ist dreiundsechzig Jahre alt und hat schneeweißes Haar. Er ist nicht sehr groß, und sein Bauch hat seit seinem Ruhestand um einige Zentimeter an Umfang zugenommen. Ich kenne ihn als ruhigen, ausgeglichenen Menschen, doch wenn er sich mal über etwas oder jemanden aufregt, dann richtig. In dem Moment bekommt er einen feuerroten Kopf, und man muss meinen, er würde jede Sekunde platzen.
   Mama wird dann immer ganz hektisch, weil sie Angst hat, er bekommt einen Herzinfarkt. Doris ist das Gegenteil meines Paps. Sie ist der Manager der Familie. Gehört der Generation Frau an, die sich nach der Geburt des Kindes ausschließlich um den Haushalt kümmern. Durch die Selbstständigkeit meines Paps und dem damit zum Glück verbundenen guten Verdienst, musste sie sich auch keine Gedanken machen. Langeweile ist ein Fremdwort. Sie ist ein Energiebündel, immer in Bewegung. Wirbelt den lieben, langen Tag umher und kann grundsätzlich nichts herumliegen sehen. Entsprechend schlank präsentiert sie sich und ist stolz mit einundsechzig eine solche Figur zu besitzen. Sie ergänzen sich prima, und das schon seit siebenunddreißig Jahren.

Ich lasse das Thema Surfer fallen und helfe beim Tischdecken. Das Essen ist köstlich, und ich freue mich, mal wieder von Mama bekocht zu werden. Zum ersten Mal seit elf Tagen habe ich nicht das Bedürfnis, mich frühzeitig allein auf mein Zimmer zurückzuziehen und leiste meinen Eltern stattdessen im Wohnzimmer noch Gesellschaft.
   Es dauert jedoch nicht lange, da bin ich auf dem Sofa eingeschlafen. Im Halbschlaf bekomme ich mit, wie mich Paps die Treppe raufträgt und in mein Bett legt. Mama flüstert ihm etwas zu, zieht die Decke über mich, gibt mir noch einen flüchtigen Kuss und schließt leise die Tür. Bevor ich wieder in einen Tiefschlaf falle, spüre ich die Geborgenheit, die ich in letzter Zeit so vermisst habe.

Ich wache auf. Das Zimmer ist in ein diffuses Licht getaucht. Regen trommelt auf das Dach. Ich fühle mich ausgeschlafen. Kein Wunder, es ist fast zehn Uhr. Ich höre in mich hinein. Mein Herz fühlt sich leichter an, nicht mehr so schwer wie ein Felsbrocken. Der Druck, der gestern bereits nachgelassen hatte, ist nun verschwunden. Es war die richtige Entscheidung, mir diese Woche eine Auszeit zu gönnen.
   Es ist kurz vor elf, als ich mich bei meinen Eltern blicken lasse. Es regnet noch immer, und ich beschließe, es mir heute vor dem Fernseher gemütlich zu machen. Ich schmiere mir ein Sandwich, mache mir einen Tee und kuschele mich auf dem Sofa in eine Wolldecke. Am Abend telefoniere ich mit Marion.
   »Hey, du Abtrünnige. Wie läuft es denn so in der Ferne?«
   »Gut, sehr gut sogar. Wenn ich nicht gerade ausgiebig schlafe, lasse ich mich von Mama bekochen.«
   »Hört sich gemütlich an. Hier hältst du es kaum aus. Die Innenstadt ist brechend voll mit Menschen. Die benehmen sich, als wären sie im Krieg. Zum Glück hab ich alle Geschenke schon zusammen. Die packen einen mit in die Tüte, wenn du nicht aufpasst.«
   »Am Wochenende hast du mich wieder.«
   »Ja, ich freu mich schon. Die Wohnung ist ohne dich so leer.«
   »Was ist denn mit Paul?«
   »Alles super. Er muss nur viel arbeiten im Moment, aber wenn nichts schiefgeht, hat er den zweiten Feiertag frei und kommt nach Hannover.«
   »Zu deinen Eltern? Das geht aber schnell bei euch.«
   »Ich schätze, es ist auch ziemlich ernst mit uns. Ich bin bis über beide Ohren verliebt. Er ist definitiv der Richtige, Jana.«
   »Das freut mich für dich.« Ich freue mich wirklich, kann aber diese blöden Tränen einfach nicht zurückhalten. Ich schniefe zweimal, und Marion wird sofort hellhörig.
   »Ach, ich dumme Kuh, schwärme dir hier was vor.«
   »Schon gut, ich gönn es dir doch.«
   »Sven macht es ziemlich zu schaffen, dass du nicht mit ihm reden willst.«
   »Ich muss jetzt Schluss machen, Mama hat gerufen. Ich melde mich, wenn ich Samstag hier losfahre.«
   »Okay, hab verstanden, falsches Thema. Erhol dich gut. Wir sehen uns am Wochenende.«
   Wir verabschieden uns, und ich lege mit einem schlechten Gewissen auf. Marion meint es nur gut, aber ich will nicht an Sven denken. Nicht hier, nicht jetzt. Ich will atmen.

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