Diana ist Soldatin aus Leidenschaft. Als der Ruf nach Afghanistan sie ereilt, zögert sie keinen Augenblick. Was hat sie auch zu verlieren? Ihr Leben in Deutschland liegt in Trümmern, die Freundschaft unter den Kameraden und das abenteuerliche Leben in der Armee zählen mehr als ihr ermüdendes Privatleben. Nur leider entwickelt sich der Einsatz nicht wie erwartet. Diana wird von einem afghanischen Clan entführt und findet sich plötzlich in einem verzweifelten Kampf gegen ihre Todesangst. Einzig die smaragdgrünen Augen, die sie bis in ihre Träume verfolgen, geben ihr einen Hauch von Hoffnung, der mit jedem Tag in der Gefangenschaft schwächer wird. Tarik, Sohn eines Engländers und einer Afghanin, hat genug mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen, geht aber dennoch ein hohes Risiko ein, um die Soldatin zu befreien. Die Zeit wird knapp, zumal sich Diana immer öfter in Gefahr bringt.

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ISBN: 978-9963-52-889-9

Seiten: 292

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Isabella Falk

Isabella Falk
Mein Name ist Isabella Falk, geboren 1965 in Saarbrücken, wo ich bis heute lebe. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und wenigen Berufsjahren in unterschiedlichen Unternehmen setzte ich meine Schwerpunkte neu und kümmerte mich fortan um die Erziehung zweier teilweise schwer kranker Pflegekinder. Während eines der beiden Mädchen nach acht Jahren Pflege in die Obhut seiner Mutter zurückging, wurde die andere zum Glück vollständig gesund. Heute ist sie erwachsen und lebt ganz in meiner Nähe. Von 1998 bis Dezember 2010 arbeitete ich als Führungskraft in einem Telekommunikationsunternehmen. Seit ein paar Jahren habe ich mein Hauptaugenmerk auf das Schreiben gelegt. Außerdem mache ich eine Umschulung zum Webmaster. In meinem Leben habe ich viele Romane geschrieben und wieder verworfen, bis ich vor wenigen Jahren einen Schreibkurs bei dem Schriftsteller Rainer Wekwerth belegte. Dort sind Teile der „Gräfin“ entstanden. Den letzten Schliff bekam das Manuskript schließlich in der Zusammenarbeit mit Susanne Strecker, von der ich ebenfalls sehr viel über das Schreiben gelernt habe.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Sie musste unbedingt diese Blume fotografieren.
   Endlich kein Rot mehr sehen, keinen Mohn und vor allem kein Blut. Eine Dionysia afghanica, ein Primelgewächs, nicht selten, gelb und wunderschön. Sie würde das Foto noch heute bei Facebook hochladen und etwas dazuschreiben. Sich ablenken von den schrecklichen Bildern der vergangenen Tage.
   Tote und Verletzte, keineswegs mehr an der Tagesordnung in Afghanistan und trotzdem oder gerade deswegen nicht weniger schrecklich. Diana versuchte, das Entsetzen zu verdrängen. Ihr Blick ging zum Himmel. Sie hatte noch knapp eine Stunde Tageslicht, Zeit genug für ein gutes Foto und um zurückzukommen, ohne dass ihr regelwidriges Verhalten auffiel. Es gab gute Gründe dafür, die Kaserne nicht allein zu verlassen, und normalerweise hielt sich Diana auch an die Regeln. Aber diesmal konnte sie nicht anders. Sie ertrug die Mauern nicht mehr und auch nicht ihre Kameraden, die den Schrecken mit Bier und einer aufgesetzten Fröhlichkeit vertreiben wollten. Noch schlimmer waren die Vorgesetzten, die ihr ernst in die Augen blickten und bei den geringsten Anzeichen von vermeintlicher Schwäche mit dem Pfarrer oder dem Psychologen winkten.
   Diana brauchte keinen Seelsorger, sie brauchte lediglich Ablenkung. Eine schöne Blume und sie wäre wieder vollkommen hergestellt. Schließlich war sie für solche Situationen ausgebildet, und sie war keineswegs schwächer als ihre männlichen Kameraden, das hatte sie oft genug unter Beweis gestellt.
   Diana lauschte der wohltuenden Stille und spürte, wie sich ihre Sinne entspannten. Sie hatte gewusst, worauf sie sich einließ. Dieses Land war immer noch im Krieg. Hier kämpften Religionen gegen Menschen, Männer gegen Frauen und alle zusammen gegen die Kinder, die wegen dieses Wahnsinns in all dem Elend und der Zerstörung aufwachsen mussten. Das beherzte Eingreifen ihrer Truppe hatte Schlimmeres verhindert. Sie alle hatten ihren Job erledigt, und sie hatten ihn gut gemacht.
   Ihr Blick fiel auf die Berge, die in der Ferne aus dem grauen Einerlei dieser Staublandschaft herausragten. Es war so einsam und still geworden, dass sie glauben könnte, sie wäre ganz allein auf der Welt. Kein Rascheln, kein Flügelschlag eines Vogels, nichts. Die Erde schien den Atem anzuhalten. Etwas in Diana verspannte sich. Es ist zu ruhig, flüsterte eine warnende Stimme in ihrem Inneren. Nichts als ein Zeichen dafür, wie überspannt ihre Nerven waren. Beherzt schritt sie weiter, hörte schließlich doch ein Geräusch, und als sie bemerkte, dass es Schritte waren, lag sie schon auf der Erde. Das Gesicht im Staub rang sie nach Luft und der Mann – es konnte nur ein Mann sein, der auf ihrem Rücken saß und sie niederdrückte –, er riss ihr die Arme nach hinten, gleichzeitig fesselte jemand ihre Füße, und ehe sie ihre Angreifer sehen konnte, hatte sie auch schon einen Sack über dem Kopf. Sie hörte ein leises Lachen und ein paar Worte Paschtu, während sie hochgehoben und irgendwo draufgeworfen wurde. Wenig später wusste sie, dass es eine Karre war, aber nichts beantwortete ihr die Frage, woher die Kerle derart plötzlich gekommen waren. Diana hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie hörte das Starten eines Motors. Wieder nahm jemand sie hoch und verlud sie ein weiteres Mal wie einen Kartoffelsack. Diana landete unsanft, vermutlich auf der Ladefläche eines Pick-ups, und der Wagen setzte sich augenblicklich in Bewegung. Sie versuchte, herauszufinden, in welche Richtung sie fuhren. Tendenziell ging es eher hinauf als hinab. Diana zählte die Kurven. Motorengeräusche und vereinzeltes Hupen drangen an ihre Ohren. Sie fuhren also nach Osten durch die Außenbezirke Kabuls.
   Diana atmete tief durch und bemühte sich, Ruhe zu bewahren. So hatte sie es gelernt, und jetzt merkte sie, wie schwierig das war. Nach einigen Atemzügen gelang es ihr endlich, ihren Puls zu verlangsamen.
   Die Fahrt dauerte nun schon beinahe eine halbe Stunde. Sie hatten die Stadt verlassen, fuhren deutlicher bergauf, die Straße kurviger, sicher schmaler, in jedem Fall ruhiger. Der Wagen quälte sich langsam und stotternd aufwärts. Dies war kein Militärfahrzeug. Zivilisten hatten sie entführt und in einen Sack gesteckt. Wie konnte sie nur so dumm sein? Alles wegen einer Blume und der Illusion von Normalität.
   Diana konzentrierte sich auf die Stimmen ihrer Entführer. Es waren mindestens drei Männer, zwei von ihnen saßen direkt neben ihr, ein weiterer fuhr den Wagen, der jetzt noch langsamer wurde. Der Fahrer schaltete in den ersten Gang, dann bog er scharf rechts ab. Noch immer konnte sie nichts sehen, aber sie hörte Kinderlachen, Männerstimmen, das Meckern einer Ziege. Der Wagen parkte. Arme umfassten sie und zogen sie von der Ladefläche. Erneut wurde sie hochgehoben. Sie strampelte und versuchte, zu schreien. Da waren Menschen, vielleicht gab es jemanden, der ihr helfen würde.
   Erneutes Lachen war alles, was sie erntete. Wenig später lag sie auf der Erde. Jemand nahm ihr den Sack vom Kopf, doch es war zu finster, um etwas erkennen zu können. Im nächsten Augenblick schlug eine Tür zu und ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Sie war allein. Diana blickte um sich, versuchte festzustellen, wo sie war. Eine Hütte, eher ein Verschlag, Gerätschaften standen in einer Ecke. Sie versuchte, dorthin zu gelangen, um ihre Fesseln an dem Metall zu reiben. Das gelang in Filmen, ihr gelang es nicht. Nach einer Ewigkeit brach sie entkräftet zusammen. Die Arme taten ihr weh, und ihre Beine konnte sie kaum noch spüren. Nur einen Augenblick ruhig liegen bleiben, sich entspannen, so gut es in dieser Lage ging. Sie rollte sich auf die Seite und versuchte, ihre pochenden Gliedmaßen zu ignorieren.

Sie musste eingeschlafen sein, denn sie erwachte von tosenden Schmerzen und einem Geräusch. Diana blinzelte in die Dunkelheit. Zwei Männer standen in der Hütte, einer kam zielstrebig auf sie zu und verband ihr erneut die Augen. Wenigstens nicht wieder der Sack. Etwas Kühles berührte ihre Lippen.
   »Trink«, forderte sie eine Stimme auf.
   Diana schnupperte, es roch wie Wasser. Ihre Zunge klebte am Gaumen. Einen Augenblick überlegte sie, der Aufforderung nicht zu folgen. Was, wenn sie ein Betäubungsmittel in die Flüssigkeit gemischt hatten? Andererseits, was nutzte es ihr? Wenn sie in ein paar Stunden vor Durst vollkommen entkräftet war, half ihr das noch viel weniger. Vergiften würden sie sie schon nicht, dessen war sich Diana mittlerweile sicher.
   Ungewohnt sanft wurde sie aufgehoben. Jemand entfernte ihre Fußfessel, doch der Griff um ihre Arme war fest genug, dass sie keine Chance hatte, zu entkommen. Zwischen den beiden Männern eingehakt stolperte sie voran, bis sie gegen Metall stieß. Sie ertastete die Wagentür. Diesmal durfte sie drinnen sitzen.
   Erneut fuhr der Wagen die Berge hinauf. Einer der Männer summte ein Lied vor sich hin. Es klang beinahe so, als wollte er sie beruhigen. Die Fahrt wurde immer holpriger, der Wagen schien langsamer zu werden und nach einer schier unendlichen Ewigkeit blieb das Fahrzeug endlich stehen. Die Tür wurde aufgerissen, und jemand zog sie auf die Füße. Man nahm ihr die Augenbinde ab und Diana blinzelte in das schwache Mondlicht. Lediglich die drei Männer direkt vor ihr sah sie gut. Alle trugen sie die Kufija, den typischen Turban, so gebunden, dass nur die Augen zu sehen waren. Außerdem hielten zwei von ihnen eine Kalaschnikow im Anschlag. Ein vierter stand hinter ihr, ergriff ihre gefesselten Arme und führte sie einen steinigen Pfad hinauf. Aus der Dunkelheit schälten sich die Umrisse eines Zeltes heraus, dahinter drohte das undurchdringliche Schwarz der Berge. Sie schien an einen perfekten Ort gebracht worden zu sein. Kein Wunder, dass sie ihr die Fesseln abnahmen und einladend auf die geöffnete Tür zeigten. Diana zweifelte keinen Augenblick daran, dass nur ein Weg von diesem Ort wegführte, und den würden sie Tag und Nacht bewachen. Dennoch, sie würde es versuchen. Nicht heute und vielleicht auch nicht morgen. Aber bald schon, sobald sie sich einen Plan von der Landschaft zurechtgelegt hatte. Jetzt galt es, zu schlafen und ihre Kräfte zu schonen. Sie betrat das Zelt und erblickte eine schmale Pritsche und einen Schemel, auf dem ein Teller mit getrockneten Aprikosen und ein Krug Wasser standen.

1. Teil


Kapitel 1
Erinnerung gegen die Angst

Die Katastrophe hatte gerade so begonnen, wie Katastrophen meistens beginnen. Vollkommen unspektakulär. Dianas alter Peugeot wollte wieder einmal nicht anspringen und Major Krasnitz erbot sich, sie zum Bahnhof zu fahren. Alles an dem heißesten Tag des Jahres. Zumindest hatte Diana dieses Klima damals als heiß empfunden. Heute wusste sie es besser. Seit sie in Afghanistan war, kannte sie Hitze und Kälte übrigens auch.
   Zurzeit zumindest war es auszuhalten, das Klima. Alles andere war ein Fiasko. Eines, auf das sie durch nichts vorbereitet worden war, auch nicht durch die vielen Vorbereitungskurse. Das begann mit der Aussicht. Staub, so weit das Auge blickte. Niemals hätte Diana es für möglich gehalten, dass es so viel verschiedenartigen Staub auf dieser Welt gab. Roter, gelber und sogar grüner und das alles überdeckt von einer hauchzarten graubraunen Schicht. Die Wüste mit ihrem gleißenden Sonnenlicht, den weichen Sanddünen und den giftigen Schlangen schien ihr beinahe ein anheimelnder Ort zu sein, gemessen an dieser Felsen- und Staubödnis.
   Ihre Gedanken schlugen wieder eine gefährliche Richtung ein, die schnurstracks in die Panik führte. Also zurück zum Anfang. Sie würde die Zeit nutzen, um sich endlich darüber klar zu werden, wie alles hatte so weit kommen können. Den Tag strukturieren, sich beschäftigen, so, wie es im Lehrbuch stand. Wer mich entführt, der bringt mich nach drei Stunden freiwillig wieder zurück. Hatte sie gedacht, damals, bei ihrem Vorbereitungskurs. Nun, da hatte sie wohl falsch gelegen. Genau wie mit dem Major.
   Wie ahnungslos sie gewesen war, als sie sich anschickte den größten Fehler ihres Lebens zu machen, und sie war sogar stolz darauf. Nicht auf den Fehler, aber darauf, dass ausgerechnet Krasnitz, der beliebte, gut aussehende Major, sie zum Bahnhof fahren wollte. Sie waren viel zu früh und vertrieben sich die Wartezeit in einem Eiscafé. Eines kam zum anderen.
   Die Sonne blendete. Diana schloss die Augen und ließ die Bilder ihrer ersten zaghaften Annäherung an sich vorüberziehen. Er hatte weniger als zwei Stunden gebraucht, um ihr Herz zu erobern. Längst hatte sie den Zug vergessen und sich zu einer Pizza einladen lassen. Sie saßen einander gegenüber, roter Wein in den Gläsern. Sein Blick lag dunkel und fordernd auf ihrem Mund.
   Ein Rascheln holte sie aus ihren Erinnerungen zurück. Eine Spitzmaus putzte sich neben ihrem Fuß. Ihre blanken Äuglein blickten emsig umher, das Tier hatte keine Angst vor Diana. Kein Wunder, sie war auch unsichtbar, seit die Männer sie hierher geschleppt und ihr den dunkelblauen Stoff übergeworfen hatten. Seitdem war sie ein Nichts, ein Mensch unter der Umhüllung, eine Frau ohne Gesicht. Sie saß auf der blanken Erde oder lag auf ihrem Feldbett, fast immer allein. Nur nicht, wenn sie aufstand und ein paar Schritte zu weit ging. Dann waren sie da, wie aus dem Nichts. Immer schweigend und immer bewaffnet.
   Diana schluckte. Erste Anzeichen der Angst, die drohte, ihr die Kontrolle zu entziehen. Also zurück nach Deutschland in den Sommer 2010.
   Nach der Pizza hatte der Major sie zum dreißig Kilometer entfernten Umsteigebahnhof gefahren. Auch hier gab es eine Wartezeit, die sie im Auto verbrachten. Dicht nebeneinander. Schweigen legte sich über sie. Sein Blick streichelte ihren Mund, kroch an ihrem Hals hinunter und blieb in einer unverschämten und gleichzeitig erregenden Offenheit auf ihren Brüsten liegen. Ein schweres Stöhnen kam über seine Lippen.
   »Wenn ich könnte, wie ich wollte. Ich würde dich schwindlig küssen, dir zeigen, was ein Mann ist, dir das geben, was dir zusteht.«
   Er hatte so leise gesprochen, dass sie ihn kaum verstand. Trotzdem nickte sie, dämlich und ohne Überlegung. Er verstand es als Aufforderung, küsste sie fordernd, erregend, unausweichlich. Diana glaubte, schier zu verbrennen. Seine Hände waren plötzlich überall, sein Kinn kratzte an ihrem Hals. Sein Geruch hüllte sie ein, wie Wolken die Spitze eines Berges. Abrupt ließ er von ihr ab und forderte sie mit heiserer Stimme auf, zu gehen. Diana gehorchte. Sie stürmte die Treppen hinauf zu den Gleisen, sprang in den wartenden Zug und ließ sich atemlos in die Polster sinken. Was war mit ihr geschehen? Sie wusste es nicht, wollte es auch nicht wissen. All ihre Energie sammelte sich in der Anstrengung, das Vorgefallene nicht zu vergessen, und gleichzeitig nicht daran zu denken. Es gelang ihr beinahe bis zum Schluss.
   Ein Schatten legte sich über sie. Diana hob den Kopf. Vor ihr stand einer der Bewacher, in der Hand ein Glas Tee und Haferkekse aus Armeebeständen. Er war von der freundlichen Sorte. Diana suchte in dem wenigen, was sie von seinem Gesicht sehen konnte. Seine dunklen, beinahe schwarzen Augen glitzerten freundlich. Nicht der grüne Blick, der sie so tief in ihrem Inneren berührt hatte. Damals, als sie dieses Land noch schön gefunden hatte und seine Menschen interessant. Smaragdfarbene Pupillen, so vollkommen und so unreal. Sicher eine Übertreibung ihrer Erinnerung.
   Diana trank einen Schluck des hervorragenden Tees und ließ ihren Blick über das Gelände schweifen. Es wirkte, als wäre sie ganz allein in dieser Einöde. Hinzu kam die Burka, die ihr Gesichtsfeld auf die Größe eines Briefumschlags einschränkte. Am liebsten würde sie das stickige Ding ausziehen und weit von sich schleudern. Andererseits war sie froh, vor den Blicken der Männer geschützt zu sein. Langsam drehte sie ihren Kopf nach rechts und betrachtete die neue Aussicht. Anschließend drehte sie den Kopf ein Stück weiter. So hatte sie beinahe einen Rundumblick, trotzdem sah sie niemanden, auch wenn sie ganz genau wusste, dass sie da waren, unsichtbare Krieger, die jederzeit vor ihr aufragen konnten. Archaische und stolze Männer, die man mit Samthandschuhen anfassen musste, damit sie nicht explodierten wie mit Nitroglyzerin gefüllte Luftballons.
   Wie viele waren es überhaupt? Sie konnte die Männer, deren Gesichter sie nicht sah, kaum voneinander unterscheiden. Diana versuchte, sich Eigenheiten zu merken, den Namenlosen ein Wesen zu geben. Da gab es den Großen, er hinkte und hatte freundliche Augen, die an manchen Tagen trüb waren, vermutlich vor Schmerzen. Der kleinste der Männer schien auch der älteste zu sein. Er schleppte sich mehr, als er ging. Tiefe Krähenfüße zerfurchten den Teil des Gesichtes, den sie erkennen konnte, und die Haut seiner Hände war faltig wie eine zerknüllte Tischdecke. Ein weiterer hinkte ebenfalls, außerdem fehlte ihm die rechte Hand, und in seinen Augen funkelte purer Hass. Vor ihm musste sie sich am meisten in Acht nehmen.
   Ein Schatten vor ihren Füßen ließ sie aufblicken. Lautlos trat einer der Namenlosen neben sie. Er brachte das Mittagessen, die erste von zwei Hauptmahlzeiten in Afghanistan. Der Mann zeigte auf Dianas Zelt, und sie gehorchte seinen unausgesprochenen Anweisungen. Aus den Augenwinkeln betrachtete sie ihn. Helles Hemd bis zu den Knien, helle Hose, verschlissene Plastiksandalen. Genau wie alle anderen. Diana versuchte, einen Blick in seine Augen zu erhaschen. Er schaute weg. Im Zelt hängte sie die schwere Plane sorgfältig vor den Eingang und legte die Burka ab. Hier war ihr Reich, der Raum, den sie ihr zur Verfügung stellten und den sie noch nie betreten hatten. Das Zelt war dürftig, aber ausreichend möbliert. Ein Feldbett, ein Schemel, sonst nichts. Es reichte. Seltsam, wie wenig man brauchte. Das Bett ersetzte Stuhl und Sofa, der Schemel diente als Regal und Tisch. Sie setzte sich und löffelte Reis mit Linsen. Nicht schlecht, auch wenn ihr afghanisches Abschiedsessen deutlich besser gewesen war. Ihre Gedanken schweiften weiter in die Vergangenheit.
   Bernd hatte mit einem Glas Crémant in der Hand an den Kühlschrank gelehnt gestanden und ihr beim Kochen zugesehen. Ein gewohnter Anblick und doch war alles anders als früher. Es gab Lammeintopf mit Joghurt, Minze und Spinat. Bernds jungenhaftes Gesicht hatte einen gequälten Ausdruck angenommen, eine bittere Falte grub sich in seinen linken Mundwinkel, und die Schläfen glänzten in hellem Grau. Er sah deutlich älter aus als noch vor wenigen Monaten, und sein Shirt hing schlaff an ihm hinunter. All das war ihre Schuld.
    »Es ist nicht fair«, murmelte er vor sich hin und sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Also schwieg sie, rührte den Joghurt, schmeckte ihn mit Knoblauch, Zitrone und Minze ab und gab ihn zum Lamm. Trauer hatte in seinen blauen Augen gelegen, ein Gefühl, das zu spät kam, und dennoch nicht weniger ehrlich war.
   »Zu spät«, murmelte sie und aß den letzten Löffel des Reisgerichts.
   Was für ein schrecklicher Satz, leichtfertig gedacht und doch näher an ihrer Realität als jemals zuvor. Was, wenn alles zu spät war für sie? Was, wenn sie nie wieder aus diesem Staubland zurückkehrte? Die Panik kroch ihr in die Knochen, nahm ihr den Atem. Nein. So durfte sie nicht denken. Sie würde wieder zurückkommen, nach Hause zu Bernd. Dann konnten sie von vorn beginnen, alles wäre vergessen, Stephan, dieses fürchterliche Land, alles. Diana wehrte sich gegen die Angst, die sie zu lähmen drohte. Tränen überschwemmten ihre Augen. Alles, nur nicht weinen, nur nicht hier sein, nur keine Angst haben. Angst war schlimmer als alles andere. Also wählte sie den Ausweg, den sie bereits kannte. Zurück in ihre Erinnerung, zurück zu Stephan Krasnitz.
   Ein dunkler Schmerz legte sich vertraut hinter ihre Stirn. Eine dunkle Wolke, eine Wut, ein Suchen – sie kannte das Gefühl und wusste es nicht einzuschätzen. Sie war wütend auf ihn. Er hatte sie ausgenutzt, ihr die große Liebe vorgespielt und beinahe ihr Leben zerstört. Doch reichte das aus, um alles Weitere zu erklären? Ihren Zorn, ihre Flucht? Manchmal glaubte sie, dass es da noch etwas gab. Eine Ahnung keimte in solchen Augenblicken in ihrem Bewusstsein auf, die sie nicht fassen konnte.
   Zum ersten Mal hatte sie dieses Gefühl auf dem Hinflug gehabt. Sie war eingeschlafen, saß friedlich neben ihren Kameraden, als ein heftiges Rütteln sie aus einem fürchterlichen Traum riss. Noch stand er ihr lebhaft vor Augen, mit glasklaren Bildern, die sie niemals zu vergessen glaubte. Wenige Minuten später jedoch waren sie verschwunden. Das Einzige, was blieb, war dieses seltsame Gefühl, das sie nicht kannte und das sie hilflos und ängstlich machte. Seitdem versuchte sie, herauszufinden, was es war, das sie in ihrem Traum so deutlich vor sich gesehen hatte. Bisher ohne Erfolg. Diana schloss die Augen. Ihr Schädel drohte, zu platzen. Sie massierte sich die Schläfen. Da war die Tür, sie stand davor, ihr Herz schlug bis zum Hals. Ihr Magen brannte, nicht nur damals, auch jetzt. Bittere Galle schoss ihre Speiseröhre hinauf. Diana stand auf und ging hin und her. Wie lange würde sie hier noch sitzen müssen, bis sie endlich befreit würde? Oder sollte sie fliehen? Einfach aufstehen, mitten in der Nacht und das Weite suchen. Vielleicht sollte sie nach draußen gehen, die Landschaft absuchen, einen Fluchtweg planen.
   Abrupt blieb sie stehen. Sie hatte es schon wieder getan. Immer, wenn sie über den Traum nachdachte, lenkte sie sich ab. Damit musste endlich Schluss sein. Dieser blinde Fleck konnte doch nicht ewig versteckt sein. Irgendwo in der Vergangenheit musste eine Lücke klaffen, die sie ausfüllen konnte.
   Sie würde chronologisch vorgehen, jedes Detail überprüfen, und das, was fehlte, einfach wieder ausgraben, wie man im alten Ägypten nach Pharaonen buddelte. Sie grub tiefer in ihrem Gedächtnis. Ihre Vereidigung zog an ihrem inneren Auge vorbei.
   »Soldaten und Soldatinnen«, hatte sie der Kommandeur begrüßt und zwinkerte ihr zu, denn sie war die einzige Soldatin, die in Habachtstellung dastand. Wie stolz sie war. Unten im Publikum stach das silberne Haar ihres Vaters aus der Menge. Er war einer der größten Männer auf dem Platz, von ihm hatte Diana auch ihre stattliche Größe von einem Meter achtzig. Seine Haltung, von jahrzehntelangem Militärdienst gestählt, sorgte dafür, dass um ihn herum so etwas wie ein Achtungsabstand entstand. Einzig der blonde Schopf ihrer Mutter ragte direkt neben der väterlichen Brust auf. Wie immer standen ihre Eltern Hand in Hand. Bernd war nicht dabei, hatte noch nicht einmal angerufen. Er hatte eben seine Prinzipien und dazu zählte, dass er die Bundeswehr und alles, was damit zu tun hatte, demonstrativ ablehnte. Das Geld, das sie verdiente, störte Bernd im Übrigen überhaupt nicht. Das nahm er gern, und zusammen mit seinem Lehrergehalt ergab es eine einträgliche Summe. Seit fünf Jahren lebten sie bereits im eigenen Heim, das, wenn alles so weiterging, in zehn Jahren abbezahlt sein würde. Sein Plan sah vor, dass sie zu diesem Zeitpunkt zwei Kinder hätten. Wie schrecklich war ihr diese Zukunft an jenem Tag erschienen und wie verlockend heute.
   Ihr Innerstes zog sich zusammen. Sie schluckte einen Kloß von den Ausmaßen einer Handgranate hinunter. Ihr trockener Hals brannte. Wie viele unterschiedliche Begleiterscheinungen der Angst hatte sie in den vergangenen fünf Monaten kennengelernt? Da gab es die heimliche, schleichende Angst, die ganz langsam, beinahe unbemerkt die Glieder heraufkroch, zögerlich anschwoll, nur, um ihr plötzlich Atem und Verstand zu rauben. Die andere kam sofort, schlug zu wie eine Panzerfaust und ließ sie zitternd und bebend zurück. Es gab Angst, die im Magen brannte, solche, die den Hals zuschnürte und andere, die ihr eiskalt in die Kniekehlen kroch. Diana hätte ein Buch darüber schreiben können. Zum Teufel, sie wollte keine Angstspezialistin werden.
   Abrupt setzte sie sich auf, blinzelte die Tränen weg und zwang ihre Gedanken zurück zu dem Nachmittag und zu dem, was nach der Vereidigung geschehen war.
   Sie hatte sich über ihre Mutter geärgert, die es auch diesmal nicht versäumte, ihr deutlich zu machen, dass das falsche Kind der Scotts eine militärische Laufbahn eingeschlagen hatte. Nicht die beiden Söhne waren Staatsbürger in Uniform, sondern ausgerechnet die Tochter trat in die Fußstapfen des Vaters, womit sich ihre Eltern niemals richtig abgefunden hatten.
   Diana war voller Wut über das Gelände der Heeresschule gelaufen, als sie jemand ins Innere einer Halle zog. Eine Hand presste sich zwischen ihre Beine und drängte sie an die Innenseite des Tores. Die Welt um sie herum wurde finster. Harte Lippen pressten sich auf ihren Mund und nahmen ihr den Atem. Diana erwiderte den Kuss. Roch den bekannten Duft und drängte sich dem starken, männlichen Körper entgegen. In diesem Augenblick war ihr bewusst geworden, dass sie auf ihn gewartet hatte, und dass sie sich nichts mehr wünschte, als Stolz und Anerkennung in seinen Augen zu sehen. Er schob ihr den Uniformrock hoch, ein Kleidungsstück, das sie auf seinen Wunsch hin trug und mit halterlosen Strümpfen kombinierte, die ihm ein heiseres Stöhnen entlockten. Hörbar riss der Stoff ihres Höschens, seine kläglichen Reste fielen zu Boden.
   Endlich ließ Stephan ihren Mund frei.
   »Bist du stolz auf mich?«, hauchte sie atemlos, und eine Stimme in ihrem Inneren brüllte vor Wut wegen des unterwürfigen Tons, in dem sie ihre Frage stellte.
   Stephan schien nichts davon zu bemerken, vielleicht war es ihm auch egal. Sein Mund glitt ihren Hals hinunter, seine Zähne bekamen ihre Brustwarzen zu fassen. Diana stöhnte auf und bäumte sich ihm entgegen. Routiniert hatte er sie umgedreht, ihren Körper nach vorn gebeugt und ihr mit wilder Entschlossenheit zwischen die Beine gefasst.
   Ein Widerhall in ihrer Erinnerung ließ sie aufhorchen. Diana fasste sich an den Hals, glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. War hier die gesuchte Lücke? Doch die Szene schloss sich nahtlos an. Kein Platz für einen blinden Fleck, nichts. Sie sah, wie sie sich an der Werkbank festgehalten hatte, spürte, wie er schnell und fordernd in sie eingedrungen war. Er war kein zärtlicher Liebhaber. Er war ein Mann, der besitzen wollte. Mit einem letzten Aufbäumen ließ er sich auf sie sinken, biss ihr in den Nacken und zog sich zurück. Rasch richteten sie ihre Kleider.
   Als sie sich einigermaßen angezogen fühlte, hob er ihr Kinn mit dem Zeigefinger an, wie Humphrey Bogart es tat, wenn er »Ich schau dir in die Augen, Kleines« sagte. Er küsste sie zärtlich auf den Mund. »Meine kleine Soldatin«, flüsterte er, und Diana hatte sich für einen Augenblick an Krasnitz’ Brust sinken gelassen.

Die Sonne malte helle Flecken auf die Zeltplane. Längst war es Nachmittag, und ein weiterer ereignisloser Tag näherte sich dem Ende. Afghanistan war das Mutterland der Langeweile. Wahrscheinlich war das der Grund, warum die Menschen seit Generationen nichts anderes taten, als Krieg zu führen. Wer hatte hier schon alles gekämpft? Die Engländer gegen die Paschtunen, die Mudschaheddin gegen die Russen und schließlich die Taliban gegen die Mudschaheddin. Und jetzt verteidigte sie die deutsche Grenze am Hindukusch und längst wusste sie nicht mehr, ob das nun gut oder schlecht war. Eines zumindest wusste sie. Es gab kaum schlechtere Beweggründe als ihre, um hier zu sein. Sie war ihrem langjährigen Lebensgefährten und ihrem Liebhaber davongelaufen. Hatte sich ausgerechnet in ein Land geflüchtet, das Frauen schlechter behandelte als Vieh. Wieder griff die Angst nach ihr, drohte, sie in ihren Würgegriff zu nehmen. Rasch stand Diana auf. Sie vergewisserte sich, dass der Eingang zu ihrem Unterschlupf gut verschlossen war, und begann mit Liegestützen. Danach Sit-ups und Dehnübungen. Tabeas Yogaübungen, oft belächelt, waren ihr jetzt herzlich willkommen.
   Ehe sie ihr den Tee brachten, ging sie wieder nach draußen. Die Schatten waren länger geworden und von den Hängen fiel ein leichter, staubtrockener Wind herab, der auf ihrer Haut brennen würde, wenn sie sie in den Wind halten könnte. Es war Zeit für ihr tägliches Lauftraining. Sie schürzte ihre Burka und begann, im Kreis zu gehen, so schnell es mit diesem Ding möglich war. Mit jeder Runde erweiterte sie ihren Radius. Bisher war es ihr noch nicht gelungen, einen Kreis von mehr als fünf Metern Durchmesser zu ziehen, ohne dass einer ihrer Entführer schweigend mit der Waffe in der Hand vor ihr stand, was das Ende der Sporteinheit bedeutete. Auch heute verlief das Ritual wie in den Tagen zuvor. Sie ging den einen Schritt zu weit, einer von ihnen stand vor ihr, und sie setzte sich in den Schatten ihres Zeltes. Wenig später brachte er ihr den Tee, sie lächelte ihn an und erst, als er schon wieder gegangen war, wurde ihr bewusst, dass er ihr Lächeln überhaupt nicht sehen konnte. Sie war kein Mensch, sie war ein Stück Stoff. Alterslos, ohne Gesicht und, trotz dieser eindeutigen Bekleidung, ohne Geschlecht. Das zumindest war ein Vorteil.
   Die Burka war keineswegs typisch für Kabul. Hier bewegten sich verhältnismäßig selbstbewusste Frauen, manche sogar ohne Schleier und Kopftuch. Doch in den Dörfern dieses weiten Landes huschten sie noch immer über die Straßen. Kaum als Menschen zu erkennen, fast immer in Eile und niemals ohne männliche Begleitung. Ob die Frau alt oder jung war, musste man am Alter ihres Begleiters abschätzen. Den sozialen Status verrieten Stoff und Schuhe. Manchmal erhaschte Diana einen Blick aus tiefschwarzen Augen, hin und wieder konnte sie ein Lächeln darin erkennen. Neugierde, niemals Ablehnung oder Hass. Trotzdem ging von den meisten Frauen etwas aus, das Diana am ehesten mit Würde bezeichnet hätte. Sie schritten in immer gleichem Abstand hinter ihren Männern her. Manche sahen aus, als schwebten sie, die meisten wirkten aufmerksam, als würde das geschäftige Treiben rings um sie herum an dem Stoff ihrer Verhüllung abprallen. Vielleicht war es das, was diese besondere Ausstrahlung der Frauen ausmachte. In den wenigen Tagen, in denen Diana die Burka trug, hatte sie die vollkommene Abgeschiedenheit, die dieses Kleidungsstück bot, durchaus zu schätzen gelernt. Ging es den Frauen, denen sie begegnete, ebenso?

*

Die Stimme des kleinen Jungen veränderte sich ins Weinerliche, und erst jetzt wurde Tarik bewusst, dass der Kleine bereits seit geraumer Zeit vor ihm stand und von einem Bein aufs andere trippelte. »Ja, geh schon«, sagte er beschwichtigend, und während sein Schüler flink wie ein Wiesel aus der Tür rannte, versuchte er, sich auf die restlichen vierzig Kinder zu konzentrieren. Es fiel ihm nicht leicht. Heute war der Tag des Konvois, der jeden Augenblick um die Ecke biegen konnte. Tariks Blick glitt erneut aus dem Fenster. Die Kinder kicherten und erste Papierkügelchen flogen durch die Luft. Schulterzuckend schickte er die fröhliche Bande vorzeitig in die Pause und eilte auf den Hof. Hörte er bereits das Rasseln der Panzer?
   Kurz darauf erblickte er die Kolonne. Als Erstes rollte ein Panzer auf den Hof des Waisenhauses. Er stand noch nicht richtig, als die Soldaten bereits heruntersprangen. Alle hatten ihre Visiere heruntergezogen, hielten die Waffen im Anschlag, wirkten alarmiert und vorsichtig. Ehe Tarik auch nur zu Ende gedacht hatte, waren sie ausgeschwärmt. Jeder wusste, was er zu tun hatte, jeder stand an seinem Platz. Waren die Bewegungen präziser als sonst? Führten sie ihre Waffen mit größerer Aufmerksamkeit? Tarik blickte über die Köpfe und suchte vergebens. Er eilte zu den Lastwagen, um beim Ausladen zu helfen. Dabei blickte er jedem Soldaten, dem er nahe genug kam, prüfend ins Gesicht. Die Männer wirkten angespannt, deutlich nervöser als sonst. Woran lag das? Hatte es Überfälle gegeben, gab es Drohungen? Die Streitkräfte waren hier, um das Land in seiner Entwicklung zu unterstützen. Meist ging dies friedlich vonstatten, doch ab und zu gab es Zwischenfälle. Die Wracks von Armeefahrzeugen jeder Nation zeugten davon.
   Für einen Augenblick zog sich sein Innerstes zusammen. Was, wenn ihr etwas geschehen war? Nur nicht daran denken. Er lud sich einen der Mehlsäcke auf die Schulter und schleppte ihn in die Speisekammer. Es folgten Konservendosen, Kanister mit Wasser, Kisten mit Heften und Stiften und die bunten Kartons, auf denen die Buchstaben HARIBO prangten, und die, wie er wusste, von den Soldaten persönlich gespendet wurden. Zwischendurch fragte er jeden, den er fassen konnte, nach ihrer blonden Kameradin. Alle wussten sie, von wem er sprach, doch keiner konnte oder wollte etwas darüber sagen, warum sie nun schon zum zweiten Mal nicht dabei war. Während die afghanischen Helfer sie auf dem Heimweg vermuteten, schienen die sonst gut ausgebildeten deutschen Soldaten kein Englisch mehr zu verstehen oder, wenn er es auf Deutsch versuchte, schwerhörig zu sein. Keiner gab ihm eine Antwort auf seine vorsichtigen Fragen. Nicht, dass sie ihn anlogen, sie schwiegen einfach und dieses Schweigen war es, das ihn nervös machte.

Kapitel 2
Lüge und Verrat

Die Dämmerung senkte sich auf das Lager herab, und ohne dass sie extra dafür hätte aufblicken müssen, wusste Diana, dass einer der Männer ihr Abendessen brachte. Reis mit Linsen, ein wenig Fleisch und ein paar getrocknete Aprikosen. Es war einer der Gesichtslosen, der den Teller sorgfältig vor ihre Behausung stellte. Während sie zu ihrem Zelt schlurfte, versuchte sie, die Besonderheiten des Mannes herauszufinden. Auch er trug eine helle Hose, ein weißes Hemd und das typische Palästinensertuch. Doch es gab auch Unterschiede. So hatte einer von ihnen eine Weste, die gut und gern von einem deutschen Hochzeitsanzug aus den Achtzigern stammen könnte. Derjenige, der ihr das Essen brachte, trug ebenfalls eine Weste. Ein Outdoor-Teil mit mindestens acht verschieden großen Taschen, in denen er wahrscheinlich den Umzug einer afghanischen Bauernfamilie erledigen könnte. Diana sah sich den Mann genauer an. Er hatte die typischen dunklen Augen und unter seiner Kufija lugten kohlrabenschwarze Locken hervor. Ab heute war er der Mann mit der Umzugsweste und somit der Gruppe der Namenlosen entronnen. Diana machte sich zufrieden über ihr Essen her. Später hockte sie sich vor ihr Zelt und versuchte ein weiteres Mal, dem schwarzen Loch ihrer Erinnerung auf den Grund zu gehen.
   Im Anschluss an ihre Beförderung hatte sie drei Wochen Urlaub gehabt und niemand konnte ihr vorwerfen, dass sie diese Zeit nicht vollständig zur Zerstörung ihres Lebens genutzt hätte. Mit dem denkbar schlechtesten Gewissen fuhr sie von Bremen zurück in die Eifel. Schöne Landschaft, grün und üppig die Wälder, dazwischen die Maare und Bernd. Sie war dermaßen gefangen in ihren Gewissensbissen, dass sie den berechtigten Zorn auf ihren Lebensgefährten nicht mehr aufkommen lassen konnte. Sie hatte ihre Beziehung verraten, nicht nur, weil sie ihn betrog, sondern auch, weil sie jede Auseinandersetzung mit ihm gescheut hatte. Aber sie eilte wieder voraus, oder vielmehr zurück.
   An dem Tag, an dem sie aus Bremen zurückkam, hatte sie Bernds Lieblingsessen gekocht, was er mit einem breiten Grinsen und seinem üblichen gesegneten Appetit quittierte. Der Abend war für die Jungs reserviert. Es gab ein Fußballspiel im Fernsehen und Mama brachte den Kartoffelsalat zum Match. Alles wie immer, als wäre Diana nicht sechs Wochen lang auf Lehrgang gewesen. Auf einmal raste ihre Erinnerung. Die Bilder drängten sich aneinander wie der Schnelldurchlauf einer alten VHS-Kassette. Mit der Erinnerung kamen Scham und Wut.
   Diana blickte zum Westhimmel und beobachtete, wie die Sonne innerhalb kurzer Zeit hinter den allgegenwärtigen Bergen verschwand. Zeit, schlafen zu gehen. Im Zelt zog sie die Burka aus, legte sich aufs Bett und nutzte das schwere Kleidungsstück als Decke. Die Erinnerung brauchte nicht gerufen zu werden. Sie war einfach da.
   Er hatte sie zu einem gemeinsamen Wochenende eingeladen, und sie war mit klopfendem Herzen in das mehr als dreihundert Kilometer entfernte Hotel gefahren. Ihr Gefühl wurde mit jedem Meter, den sie fuhr, schlechter, was auch mit der Tatsache zusammenhing, dass Stephan sie zwar vor einer Woche angerufen hatte, um das Date zu besprechen, sich seitdem jedoch in vornehmes Schweigen hüllte. Im Grunde wusste sie also noch nicht einmal genau, ob er wirklich kommen würde. Hundertmal hatte sie ihr Handy in der Hand gehalten und der Versuchung widerstanden, ihm eine Nachricht zu senden. Er wollte das nicht, und sie verstand ihn. Handys hatten den verräterischen Lippenstift am Kragen längst abgelöst. Sie fuhr den nächsten Parkplatz an, schnappte sich ihr Telefon und tippte eine SMS.
   Guten Tag, Major. Bleibt es bei unserer Absprache, oder soll ich einen anderen Weg wählen?
   Anschließend saß sie zitternd hinter dem Steuer und versuchte, in Ruhe eine Antwort abzuwarten, die Minuten später noch immer nicht kam. Wie nervös sie gewesen war, und dann dieser Impuls, zurückzufahren. Einfach wieder nach Hause zu kommen und alles zu vergessen. Doch dafür war es zu spät. Wie ferngesteuert hatte sie den Motor gestartet und sich, ohne recht zu gucken, in den zum Glück spärlichen Verkehr eingereiht. Als ihr Handy bei Tempo zweihundertzwanzig zu pfeifen angefangen hatte, hatte sie nur dank ihrer antrainierten Geistesgegenwart vermeiden können, das Lenkrad zu verreißen.
   Noch immer zitterte sie, wenn sie an diese Situation dachte. Sie hätte das Ende bedeuten können, oder vielleicht ihr Leben im Nachhinein sicherer gemacht als das, was folgen sollte. Aber sie rannte schon wieder zu weit in die Gegenwart und das wollte sie nicht. Diana wollte unter keinen Umständen an die vergangenen fünf Tage denken. Nur nicht noch einmal in dem Gedankenkarussell aus Angst und Panik versinken. Sie schloss die Augen und ihre Erinnerung erfüllte sie erneut.
   Der Kies hatte leise geknirscht, als sie die Auffahrt entlanggefahren war. Das Hotel war wirklich vom Allerfeinsten, da hatte er sich nicht lumpen lassen. Sie parkte den Wagen vor der eleganten Eingangstür, und ein livrierter Diener fragte nach ihrem Gepäck. Sie fühlte sich wie in Hollywood.
   Ihr Blick streifte über die etwa zwanzig Fahrzeuge, die auf dem Parkplatz standen. Stephans Mercedes war nicht dabei.
   Der Mann an der Rezeption blickte sie von oben herab an. »Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«
   Diana ballte die Fäuste. »Wir haben reserviert«, bellte sie mit Feldwebelstimme. »Major Krasnitz, ein Doppelzimmer für eine Nacht.«
   »Einen Augenblick.« Er tippte auf seiner Tastatur herum.
   Diana hätte ihm am liebsten …
   »Ah, da haben wir es ja. Zimmer siebzehn, der Major ist noch nicht da.«
   Grinste er süffisant? Diana hob die Schultern noch ein Stück höher. »Das ist mir schon bewusst. Ich komme von einer Tagung und mein Mann von einer Übung im Schwarzwald.«
   »Verstehe.« Der Unverschämte nickte und jetzt war sein Grinsen breit wie eine Doppelgarage.
   An diesem Samstag hatte Stephan sie über drei Stunden warten lassen. Als er endlich kam, konnte es ihm nicht schnell genug gehen. Mit dem Fuß schlug er die Tür zu, der Knall wirkte wie ein Fremdkörper in diesem ehrenwerten Haus. Er drängte sie vor sich her, bis sie mit den Waden am Bett anstieß. Während sich Diana die Schuhe von den Füßen streifte, nestelte Stephan an ihrem Shirt. Er zog es ihr über den Kopf, öffnete ihren Büstenhalter und vergrub seinen Kopf zwischen ihren Brüsten. Sie zog an seinem Hemd, streifte den Stoff über seine Schultern, versank in dem Anblick, den sein durchtrainierter Körper bot. Diese Rundungen seiner muskulösen Arme, die herrlich wohlgeformten Muskeln. Ihre Hände glitten über seine Brust, und ihre Lippen folgten den Fingern. Stephan drehte sich stöhnend auf den Rücken. Ihr hochgerutschter Rock bot einen Blick auf Strumpfhalter und Strümpfe. Seine Hände spielten damit, seine Augen schienen sich an dem Anblick zu weiden. Diana streifte sich den Büstenhalter ab und öffnete mit fahrigen Bewegungen seinen Gürtel. Etwas in seinen Augen reizte sie. Stephans Lider flatterten, er bewegte sich unter ihren Händen wie in Trance. Aufreizend langsam zog sie ihm die Hose über die langen Beine. Dann lag er vor ihr, in vollkommener Nacktheit. Ein Mann, schön wie eine Statue. Diana stützte ihren Kopf in die Hand und betrachtete ihn. Er stöhnte auf, wollte sie an sich ziehen, doch sie wich vor seinen Händen zurück. Mit Fingern und Mund eroberte sie jeden Zoll seines Körpers. Stephan lag nur da. Ergab sich ihrer Bewegung. Diana spielte das Spiel so lange, bis sie es nicht mehr aushalten konnte. Als sie sich ihm schließlich hingab, war es vollkommen.
   Viel später lagen sie verschwitzt in dem großen Bett und Diana bettete ihren Kopf an seine breiten Schultern.
   »Ich habe Hunger«, flüsterte er.
   Sie blinzelte. »Worauf?«
   »Das ist es ja, nach dir und nach Essen. Was sollen wir tun?«
   Sie sah ihn fragend an. Die Vorstellung, sich jetzt anzuziehen und ins Restaurant zu gehen, ließ sie frösteln.
   Stephan verstand ihren Blick ohne Worte und griff nach dem Telefon. »Fleisch oder Fisch?«
   »Fleisch.«
   »Wir nehmen das Lamm, als Vorspeise einen Salat und die Crema catalana zum Nachtisch. Ach ja, und bringen Sie bitte eine Flasche Champagner und eine Flasche von Ihrem guten Côte du Rhone.«
   Etwas ließ sie aufhorchen, Stephan wischte es weg. Ein solches Haus führe immer einen guten Côte du Rhone, erklärte er und sie hatte es glauben wollen. In dieser Nacht liebten sie sich noch einige Male. Es war schön gewesen, unvorstellbar schön. Noch immer war Diana der Ansicht, dass es nie wieder so sein würde. Aber war es den Preis wert? Und was würde es sie noch kosten?
   Die Angst traf sie wie ein Vorschlaghammer. Diana fuhr auf, versuchte, Ruhe zu bewahren. Sie biss sich in die Hand, um nicht zu schreien. Doch diesmal war die Gegenwart, der sie zu entfliehen hoffte, nicht durch die Vergangenheit zu vertreiben. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie hielt die Beine umschlungen und schaukelte hin und her. Der smaragdfarbene Blick kam aus dem Nichts und verwirrte sie, wie er sie stets verwirrt hatte. Wo hatte sie nur diese Augen schon einmal gesehen? In jedem Fall brachten sie Zuversicht. Es würde schon gut gehen, schienen sie ihr zu signalisieren, und sie wunderte sich darüber, wie leicht es ihr fiel, ihnen zu glauben.
   Sie stand auf, zog die Burka über und trat hinaus ins Freie. Der Mond stand groß am Himmel. Diana horchte in die Nacht. Waren da Schritte? Hörte sie das Brummen eines Motors, das Rascheln von Blättern oder das Knirschen von Sand? Hier gab es weit und breit keine Blätter, die rascheln konnten und Sand knirschte in diesem Land bereits, wenn man seine Zähne bewegte. Er war so allgegenwärtig wie Staub.
   Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung wahr. Diana erstarrte, blickte angestrengt in die Richtung. Die Bewegung wurde deutlicher, sie wusste, was es war, aber vielleicht täuschte sie sich. Das charakteristische Fiepen zerstörte die letzte Hoffnung. Die Fledermaus änderte ihre Richtung, sie hatte sich erschreckt. Geschah ihr recht. Beschissene Fledermaus. Diana bückte sich, griff nach einem Stein und wollte ihn schon dem elenden Flügeltier hinterherwerfen, als ihr Verstand sie zum Innehalten zwang.
   Die Stille um sie herum verhieß keineswegs nur Schlechtes, sie hatte auch ihre Vorteile. Diana raffte die Burka und ging ein paar Schritte. Das Zelt ihrer Bewacher leuchtete nebelhaft vor ihren Augen. Diana suchte den Horizont ab. Wenn es ihr wirklich gelang, im Schutz der Dunkelheit das Lager zu verlassen, dann musste sie einen Anhaltspunkt haben, wohin sie sich wenden sollte. Ihr Blick schweifte in alle Himmelsrichtungen. Sie erblickte Sterne, aber keine Lichter, die auf menschliche Behausungen hinwiesen. Unzählige Täler, Höhlen und Berge zerklüfteten die Landschaft. Das Land war für Fremde undurchdringlich. Resigniert ging sie weiter, weiter, als sie bisher je gekommen war.
   In der Erwartung, jeden Augenblick gestoppt zu werden, verlangsamte sie ihren Schritt. Nichts geschah. Die Zikaden sangen ihr unermüdliches Lied, aus dem Lager der Bewacher klangen Stimmen und leises Lachen. Ein beinahe anheimelnder Lichtschein ging von ihm aus. Sie hätte ebenso gut auf einem Campingplatz in Südspanien sein können. Feierten sie? Hatten sie vielleicht getrunken und sie vergessen?
   War es wirklich so einfach? Diana lief schneller, drückte sich in die dunkelste Ecke, kam den Stimmen der Männer immer näher. Sie war in die dunkle Burka gehüllt, verschmolz mit der Nacht und hatte gelernt, sich leise zu bewegen. Wer konnte sie schon ausmachen in dieser Finsternis, zumal das schwache Mondlicht nun auch von dichten Wolken geschluckt wurde. Der Geruch eines kurz zuvor gelöschten Feuers lag in der Luft. Sie wurde mutiger, ihre Schritte schneller. Schließlich rannte sie und war schon bald auf der Höhe des Pick-ups. Diana drückte sich tiefer in den Schatten des Überhangs, der ihren Fluchtweg auf der einen Seite begrenzte, während auf der anderen ein tiefer Abgrund jedes Ausweichen unmöglich machte. Sie rannte um ihr Leben, versuchte, ihren Atem so leise wie möglich aus den Lungen zu pressen.
   Endlich hatte sie das Lager ihrer Bewacher passiert. Die Freiheit lag vor ihr wie ein offenes Tor, durch das sie nur hindurchspazieren musste. Sie bewegte sich noch immer lautlos, strauchelte, fing sich wieder und lief weiter, hinaus aus der Gefangenschaft. Freiheit, sangen ihre Schritte, ich hab es geschafft, klopfte der Rhythmus ihres Herzens.
   Eine Hand schoss auf sie zu, erwischte sie an der Schulter und riss sie von den Füßen. Diana drehte sich im Fallen. Sie verhedderte sich in ihrer Burka, konnte sich gerade noch abfangen. Ohne darüber nachzudenken, schoss sie auf den Angreifer zu, bekam ihn zu fassen und riss ihn mit sich zu Boden. Mit aller Kraft drehte sie ihm den Arm auf den Rücken. Ein Schmerzenslaut zeigte ihr, dass der Angriff seine Wirkung nicht verfehlte. Für einen Augenblick verharrten sie in der Bewegung, doch wegen dieser verdammten Burka gelang es ihr nicht, einen Vorteil aus der Pattsituation zu ziehen. Ihr Angreifer ließ ein verächtliches Schnaufen vernehmen. Ruckartig hob er sein Becken. Diana flog ein Stück durch die Luft. Beim Aufprall bemerkte sie, dass ihre Beine über dem Abgrund hingen. Die einzige Rettung lag in der Finsternis, in unbekannter Tiefe.
   Wenn das ihr Ausweg war, dann sollte es so sein. Stück für Stück arbeitete sie sich rückwärts, versuchte, mit den Beinen Halt zu finden, bereit, sich jederzeit ins Ungewisse fallen zu lassen. Alles war besser, als weiter in Gefangenschaft zu sein.
   Ein Fluch löste sich aus seiner Kehle. Seine Hand ergriff ihren Arm und zog sie mit Gewalt zurück. Mit der anderen packte er sie im Nacken, als würde er eine störrische Ziege festhalten.

*

Tarik stand auf dem Balkon seiner Wohnung. Sein Blick glitt über die Berge, und ein seltsames Gefühl überfiel ihn. Sie war in Gefahr. Plötzlich wusste er es genau, und diesmal würde er handeln. Entschlossen ging er zurück in sein Zimmer. Hier war es kühler als draußen. Er hielt inne. Was sollte er tun? Welchen Auftrag hatte er überhaupt? Was wusste er schon von ihr?
   Sie war schön. Eine wunderschöne, große Frau mit blondem Haar und warmen braunen Augen. Sie hatten miteinander gesprochen. Immer freundlich, mit einem Lächeln, und bei ihrer letzten Begegnung war da dieser Augenblick gewesen. Im wahrsten Sinne des Wortes ein »Augen-Blick«, in dem die Zeit stehen blieb. Ihre Blicke versenkten sich ineinander, sie blieben stumm und dann, viel zu schnell, holte die Verlegenheit sie ein. Dennoch, nach diesem Moment gab es eine Übereinkunft. Eine Gewissheit, die unausgesprochen, ungedacht, einfach in ihm war. Fühlte sie das Gleiche? Spielte das überhaupt eine Rolle? Und ob das eine Rolle spielte. Wie konnte er sich nur derart sicher sein, dass sie es ausgerechnet ihm mitgeteilt hätte, wenn sie nach Hause fuhr? Vielleicht war dieser Blick einfach nur ein Abschied gewesen. Vielleicht hatte sie nur freundlich sein wollen, ein bisschen wehmütig, ein wenig waghalsiger als sonst. Genau so musste es gewesen sein. Er war ein vertrottelter Esel, dass er glaubte, diese Frau würde etwas anderes in ihm sehen als einen Taliban.
   Denn das war es doch, was die westlichen Soldaten in ihnen sahen. Auch wenn ein echter Taliban seine Mutter getötet hatte, wenn die meisten der Kinder, die er täglich unterrichtete, durch den Krieg zu Waisen geworden waren. Afghanistan war das Land der Waisen. Eigentlich waren es nur Halbwaisen, aber in diesem Land war ein Kind ohne Vater verloren. Die Mütter, die unter dem alten Regime auch dann nicht arbeiten durften, wenn sie verwitwet waren, konnten nicht für ihre Kinder sorgen. So gaben sie sie weg. Vor allem die Mädchen, denn das Wenige, was sie hatten, gehörte den Söhnen. Keiner litt mehr unter dem Krieg als die Töchter der Witwen.
   Tarik war kein Taliban, war es nie gewesen. Er war auch kein Selbstmordattentäter, er war noch nicht einmal Moslem, was in diesem Land niemand wissen durfte.
   Tut mir leid, Mum.
   Tarik blickte das gerahmte Foto seiner Mutter zärtlich an.
   Er konnte ihren Glauben nicht teilen, auch wenn er wusste, dass das, was in diesem Land geschah, nichts mit dem Islam zu tun hatte, an den sie ihr ganzes Leben lang geglaubt hatte. Aber er konnte es nicht trennen, konnte nicht übersehen, dass keiner ihrer Glaubensbrüder und -schwestern wirklich etwas gegen dieses barbarische Treiben tat.
   Letztlich hatte seine Mutter sterben müssen, weil sie genau das ändern wollte, und der Mann, der sie getötet hatte, wurde kaum bestraft. Und er, er war nicht bei ihr gewesen.
   Er bewegte sich wieder in seinem wohlbekannten Kreis. Seine Gedanken hingen zwischen gestern und vorgestern. Warum hatte er seine Mutter nicht aufgehalten? Warum sich nicht dagegen gewehrt, mit ihr in dieses schreckliche Land zu reisen?
   Beinahe jede Nacht suchte er nach Antworten. War es die Verlockung des Abenteuers, der Wunsch, Rache an seinem Vater zu üben oder die Sehnsucht, sie glücklich zu machen, die Erwartung ihrer Anerkennung …
   Seine Mutter war vor den Russen nach England geflohen und wegen der Amerikaner wieder zurückgekommen. So weit die verkürzte Version, aber auf eine Weise stimmte sie. Die Ehe seiner Eltern hatte nur wenige Jahre gedauert. Sie waren zu verschieden, die orientalische Schönheit Selda und der stolze Engländer Lennard, auch wenn seine Mutter nicht zu den traditionellen Moslems zählte. Einzig in ihrer Verantwortung ihm gegenüber, waren sie sich immer einig. Erst, als Lennard eine neue Familie gründete, änderte sich alles. Plötzlich hatte er keine Zeit mehr für Tarik, waren das neue Kind und die neue Frau wichtiger als Mutter und er. Noch immer konnte er die Wut nachempfinden, die ihn damals auf Schritt und Tritt begleitet hatte. Eine Wut, die seltsamerweise erst in diesem gewalttätigen Land ihr Ende gefunden hatte. Afghanistan mit seinen undurchdringlichen Stammesverflechtungen, seinen fremden Riten und undurchschaubaren Regeln. Eine davon hatte seine Mutter das Leben gekostet. Sie stand in keinem Gesetz, auch nicht in der Scharia, auf keiner Seite des Korans. Nur im Kopf eines einzigen verblendeten Irren.
   Mutter war mit ganzem Herzen Lehrerin gewesen, und sie machte keinen Unterschied zwischen ihren Schülern. Auch die Mädchen sollten Lesen und Schreiben lernen. Das war ihr Todesurteil.
   Zusammen mit seiner Mutter hatte er dieses Waisenhaus gegründet, gemeinsam hatten sie sich gegen alle Vorurteile durchgesetzt. Die lähmenden Behörden, die verängstigten Lehrer und der Argwohn der ISAF hatte sie nicht stoppen können, und auch der Schuss, der seine Mutter getötet hatte, konnte ihr Werk nicht zerstören. Die Saat war gelegt, und Tarik kümmerte sich um die Pflänzchen, die unter ihrer Fürsorge aufgegangen waren.
   Aber dieses Land war nicht nur für Frauen gefährlich. Hier spielte jeder täglich mit seinem Leben. Die Ehre der Afghanen war leichter zu beschmutzen als frisch gefallener Schnee. Sie war fragiler als Glas, und sie konnte nur mit Blut wiederhergestellt werden.
   Warum blieb er in diesem Fass ohne Boden? Von Lennard kamen beinahe wöchentlich ellenlange Briefe, die immer nur einen Hintergrund hatten. Komm zurück, rief, flehte, jammerte er in jeder Zeile. Komm nach England, wo du hingehörst. Jetzt, wo deine Mutter tot ist, mehr denn je. Sein Vater verstand nichts. Ein Engländer, dem die Ehre nichts wert war. Der sie für ein archaisches Überbleibsel hielt, einen Appendix der Psyche. Mutter war gestorben für dieses Land, gerade so, wie er durch dieses Land geboren worden war, denn seine Eltern hatten sich in einem Flüchtlingslager kennengelernt. Lennard hatte dort seinen Idealismus ausgelebt und verloren und seine Mutter – sie war mit Überleben beschäftigt gewesen und damit, sich zu verlieben.
   Tarik legte sich ins Bett und zog die Wolldecke bis über die Ohren. Hier, fernab von London, begann er zu begreifen, warum die Ehe seiner Eltern gescheitert war. Manchmal glaubte er, die Konflikte, die sie miteinander ausgetragen hatten, in sich zu spüren. Da kämpfte der rationale Europäer gegen den – ja, gegen wen eigentlich? Er war doch immer nur er selbst. Das Denken fiel ihm schwer.

*

Er hatte sie schneller überrumpelt, als sie es sich je hatte vorstellen können. Eingewickelt in die Burka lag sie auf dem Boden. Er hob sie auf die Füße, umklammerte sie in einer grausamen Umarmung und stieß sie Meter für Meter zurück in ihr Gefängnis. Diana biss sich auf die Innenseite ihrer Wangen, um nicht zu schreien, vor Wut und Enttäuschung.
   Viel zu schnell hatten sie die provisorische Behausung erreicht, die ihr seit mehr als einer Woche Kerker und Zuflucht gleichermaßen war. Er entließ sie aus der Umklammerung und hielt ihr einladend die Plane auf. Der Impuls, davonzurennen, durchzuckte sie. Doch wofür? Sie hätte ihn höchstens amüsiert, oder schlimmer, ernsthaft verärgert. Es war aussichtslos.
   Diana war froh, als die Plane zufiel und sie vor seinen Augen und der Außenwelt schützte. Jeder Muskel ihres Körpers schmerzte. Der Kampf hatte sie viele Reserven gekostet. Die nächsten Tage würde sie damit zubringen müssen, ihre Wunden zu lecken, und vor allem, sich einen Fluchtplan auszudenken. Einen, der mehr Chance auf Erfolg haben musste.

*

Am folgenden Morgen schützte Tarik die tägliche Routine davor, weiter nachzudenken. Er ging durch die Reihen der Kinder, streichelte pechschwarze Haare und putzte Rotznasen, die sonst achtlos an zu langen oder zu kurzen Ärmeln abgewischt worden wären. Bis zur ersten Teepause widmete er sich den Kleinsten. Die Kinder saßen mit glänzenden Augen in den Bänken, malten fleißig an ihren Buchstaben, und beinahe in jedem der Gesichter stahl sich hin und wieder eine vorwitzige Zungenspitze nach vorn und huschte, flink wie ein Mäuslein, von einem Mundwinkel zum anderen. Tarik unterrichtete Mädchen wie Jungen gleichermaßen, und er fürchtete sich nicht mehr vor rachsüchtigen Vätern oder Onkeln. Vieles hatte sich in den vergangenen Jahren geändert, und selbst die ewig Gestrigen versuchten, den Finger am Abzug möglichst gerade zu halten.
   Die Teepause verbrachte er mit den anderen Lehrern im hinteren Teil des Gartens, abseits der Kinder, die sie nicht beim Spielen stören wollten. Viele von ihnen hatten das erst wieder lernen müssen, denn auch Kinderspiele waren, wie vieles andere, von den Taliban unter Strafe gestellt worden.
   Seine Kollegin Safira musterte ihn. Sie war Mutters Freundin gewesen, und seit deren Tod kümmerte sie sich um Tarik wie um einen eigenen Sohn.
   »Und?«, fragte sie und ihr Blick ließ keine Ausflüchte zu. »Hast du herausgefunden, wo sie ist?«
   Tarik schmunzelte. »Mutter hätte das jetzt auch gefragt.«
   »Ich weiß. Sie hat dich geliebt, und diese Liebe ist auf mich übergegangen. Also sag mir, weißt du, wo sie ist?«
   »Nein. Diejenigen, die mit mir sprechen, wissen nichts, und diejenigen, die etwas wissen, sprechen nicht mit mir.«
   Safira nickte. »So ging es mir auch, als ich mich nach ihr erkundigt habe. Aber ich habe von anderer Seite etwas Interessantes gehört.« Sie beugte den Kopf nach vorn.
   Tarik rückte näher. Unter den Kollegen konnten sie sich solche Gesten leisten. Keiner würde darin etwas anderes vermuten als allenfalls unhöfliches Getuschel, was es schließlich auch war.
   Safira hatte einen der Arbeiter, Abdullah, davon berichten hören, dass er nicht mehr lange im Waisenhaus schuften müsse, dass sein Stamm bald so reich wäre wie die Saudis. Der andere hatte ihn verhöhnt, da hatte Abdullah nur den Kopf geschüttelt und etwas von einem ganz großen Fisch erzählt. Der Stamm des Arbeiters lebte mitten in den Bergen. Kein Fluss, kein Meer, nicht einmal ein Teich sei weit und breit. Safira grinste schief.
   Das konnte alles und nichts bedeuten. Die Männer hatten ständig irgendwelche tatsächlichen oder eingebildeten Geschäfte am Laufen. Häufig genug ging es um Opium. Der Anbau von Schlafmohn war in den vergangenen Jahren nicht zurückgegangen, im Gegenteil. Vor allem im Süden nahm die Zahl der Opiumplantagen eher noch zu, und das war längst nicht alles, womit in diesem Land gehandelt wurde.
   Safira schien seine Bedenken zu erahnen. »Ich weiß auch nicht, ob das eine Spur ist. Aber Abdullah ist mir schon vorher aufgefallen. Vielleicht an der Art, wie er mich angeschaut hat. Außerdem ist er wirklich mächtig stolz auf den großen Coup seines Clans, und er ist sich absolut sicher, dass er von der zu erwartenden Beute etwas abbekommt. Du solltest ihm auf den Zahn fühlen, aber sei vorsichtig, er ist ein gerissener Hund.«

Kapitel 3
Ein blinder Fleck

Wut ist mächtiger als Angst, und Diana wusste sie zu schüren. Die Wut über ihre fehlgeschlagene Flucht, über das barbarische Kleidungsstück, das sie daran gehindert hatte, und über die Männer, die solche Kleidungsstücke für Frauen vorschrieben.
   Doch auch deutsche Männer waren nicht besser. Sie logen und betrogen und vor allem waren sie feige. So wie Stephan.
   Sein Anruf war eine Woche nach dem gemeinsamen Wochenende gekommen. Im ersten Augenblick hatte Diana nicht gewusst, wovon er sprach. Erst nach weiteren Vorwürfen erahnte sie den Sinn hinter seinem Gestammel. Er hatte tatsächlich vergessen, die Nachrichten auf seinem Handy zu löschen, und seine Frau hatte sie gelesen.
   Vergessen. Wie doof konnte man sein? Aber vielleicht war es genau das, was sie jetzt brauchten. Durch Stephans Fehler hatten sie die Chance, endlich ihre Verhältnisse zu klären. Genau so musste es sein, und während Stephan sie noch hektisch mit Vorwürfen bombardierte, wurde sie von einer tiefen Ruhe erfüllt.
   Nach dem Gespräch ging sie zu Bernd. »Ich habe ein Verhältnis«, platzte sie heraus.
   Bernd zuckte zusammen, nahm seine Kaffeetasse hoch und stürzte das heiße Getränk hinunter, als wäre es Schnaps. Er schwieg.
   »Es ist Major Krasnitz. Du würdest ihn kennen, wenn du dir die Mühe gemacht hättest, bei meiner Beförderung dabei gewesen zu sein oder bei meiner Vereidigung.« Sie hatte ihm keine Vorwürfe machen, das Gespräch ruhig wie unter Erwachsenen führen wollen. Schien nicht zu funktionieren.
   »Ich bin also selbst daran schuld«, erklärte Bernd und es klang, als glaubte er es.
   Diana nickte. »Nein.« Kein guter Anfang.
   »Und jetzt?« Bernd hielt sich nicht lange mit Fakten auf, er war bereits wieder am Planen.
   Sie sah ihn fragend an. »Wie jetzt?«
   Er hielt seinen Blick auf die Kaffeetasse gerichtet, als wäre sie das Kostbarste, was er je besessen hatte. »Was willst du jetzt tun? Du hast ein Verhältnis mit deinem Major, und weiter? Warum erzählst du mir das?«
   Warum erzählte sie es ihm? Weil sie nicht mehr so weitermachen konnte. Weil sie nicht mehr lügen wollte. Sie zuckte hilflos mit den Achseln.
   »Gut. Dann beende es.« Bernd stand auf und nahm sich einen Cognac. »Du auch?«
   Sie nickte, von seiner Reaktion überrumpelt. »Aber wenn ich es nicht beenden will?«
   »Was bleibt dir? Du kannst kein Verhältnis mit deinem Major haben. Er ist dein Vorgesetzter, und du bist meine Frau. Ich will, dass du es beendest. Sofort!« Bernd griff nach dem Telefon und warf es ihr zu. »Los, ruf ihn an! Ich bestehe darauf. Ich bin dein Mann, hör auf damit! Wir gehören zusammen, das weißt du doch.«
   Das war nicht die Reaktion, mit der sie gerechnet hatte. Er stand aufrecht vor ihr und zeigte auf das vermaledeite Telefon. »Ich will, dass du das klärst. Genau jetzt! Ich will keine schlaflosen Nächte, keine Ungewissheit. Ich will wissen, woran ich bin. Er oder ich!« Leiser plötzlich. »Er oder ich?«
   Das war keine Forderung mehr, das war eine Frage, und jetzt glich er wieder dem Bernd, den sie kannte. Zwischen ihnen das Telefon. Hatte sie nicht genau das gewollt? Keine Sekunde hatte sie nach Stephans Anruf verstreichen lassen. Keine Planung, keine Überlegung. Wenn sie ihn jetzt anrief, musste er Farbe bekennen, und auf einmal wusste sie genau, wie sich Bernd fühlte. Dieser Anruf würde nichts anderes bedeuten als »sie oder ich«.
   Zögerlich nahm sie das Handy in die Hand und wählte seine Nummer.
   »Krasnitz.«
   Im Hintergrund hörte sie die grelle Stimme einer Frau. Offensichtlich machte sie ihm die Hölle heiß.
   »Ich habe mit Bernd gesprochen, er will eine Entscheidung.«
   Stille.
   »Was soll das? Warum tust du das? Was willst du von mir hören?«
   Die Stimme im Hintergrund wurde lauter. Diana verstand das Wort »Schlampe«, und es gab keinen Zweifel, dass sie damit gemeint war.
   »Ich habs ihm gesagt.« Diana hörte die Verzweiflung in ihrer Stimme.
   »Willst du mir die Pistole auf die Brust setzen?«
   So hätte sie es niemals ausgedrückt.
   »Dann drück ab.«
   Etwas in ihr machte Klick. »Bumm«, sagte sie und legte den Hörer auf. Sie schaute Bernd an und sah nur den Freund. »So ein Arschloch!«
   Bernd nickte. »Ich weiß. Was willst du jetzt tun?«
   »Keine Ahnung.«
   »Übereile nichts. Lass dir Zeit. Ich bin da, und wir können es jederzeit noch mal versuchen.« Bernd stand auf und ging.
   Sie war allein. Saß in ihrem Wohnzimmer und sah zu, wie ihre Welt auseinanderfiel.
   An diesem Tag fasste sie den Entschluss, ins Ausland zu gehen. Sie wollte einfach nur weg. Weg von Stephan, von Bernd und von ihrer Familie.
   Nach ihrem Urlaub fuhr sie mit klopfendem Herzen zur Kaserne. Bernds Blick, als sie das Haus verließ, ihre Angst und die inneren Kämpfe, die sie die ganze Fahrt über mit sich ausfocht. Keine Kreuzung, keine Autobahnabfahrt, die ihr nicht zurief: »Dreh um, es gibt genügend Gründe, nach Hause zu fahren.«
   Plötzlich wusste sie nichts mehr, noch nicht einmal, wie sie durch das Tor gefahren war. Sie war doch durch das Tor gefahren? Diana kniff die Augen zusammen, versuchte angestrengt, sich zu erinnern. Ein stechender Schmerz fuhr ihr durch den Kopf. Beinahe hätte sie aufgeschrien. Vor ihren Augen flimmerte es, das ohnehin enge Blickfeld schien sich zu verschieben, alles wurde schwarz. Sie versuchte, aufzustehen und in den Schatten zu wanken. Ihre Welt schien sich in Zeitlupe zu bewegen, dann wurde es dunkel.
   »Was ist mit dir, Diana? Ich erkenne dich nicht wieder.« Es tat gut, Tabeas Stimme zu hören, aber wie kam sie in dieses Land? »Komm schon, du kannst dich erinnern. Es ist einfach, du darfst nur keine Angst haben.« Diana öffnete die Augen und Tabea war verschwunden. Ein Traum. Immerhin schien ihr Kopf wieder normal zu werden. Erinnern, hatte Tabea gesagt, und es fiel ihr wieder ein.
   »Dann drück ab.«
   »Bumm.«
   Das war das Letzte, woran sie sich erinnerte. Konnte es sein, dass sie Stephan danach nicht mehr wiedergesehen hatte? Nein. Diana schluckte, versuchte, das Leuchtfeuer vor ihren Augen wegzublinzeln.
   Ein blinder Fleck. Bisher hatte sie immer geglaubt, das wäre so etwas wie ein schwarzer Punkt auf einer weißen Tischdecke. Aber natürlich stimmte das nicht. Ein blinder Fleck war eine Stelle, die wehtat, ohne dass man etwas sah, ohne dass man den Schmerz lokalisieren konnte. Aber er war da, und jedes Mal, wenn sie danach greifen wollte, sprang er einfach weiter. Sie musste den blinden Fleck ein für alle Mal zu fassen kriegen, ihn festhalten, endlich genau hinschauen.
   Ekel überkam sie und das Gefühl der Scham.
   »Scott, Sie sollen sich bei Major Krasnitz melden, er erwartet Sie in seinem Büro.«
   Er war ihr entgegengekommen, sah gut aus, etwas müde um die Augen. Sein Blick wie immer, unfreundlich. »Was machst du für Sachen, kleine Soldatin?«
   Sie blieb stehen, unsicher, fühlte sich klein. Kein Platz für Wut, höchstens Trauer. Die Art, wie er auf sie zukam, wie seine Stimme leiser wurde, irritierte sie.
   »Weißt du, was du mir für einen Ärger bereitet hast? Weißt du denn nicht, dass ich das alles nur für dich gemacht habe? Ich denke immer nur an dich.«
   Warum klang dieser Satz wie ein Vorwurf?
   »Du hast alles kaputtgemacht.«
   Hatte sie das? Ihr blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, denn jetzt stand er direkt vor ihr. Er fasste sie hart an den Schultern, drängte sie in den Raum.
   Da waren sein Atem auf ihrer Haut und die Kante des Schreibtischs, die sich ihr in die Oberschenkel bohrte. Stephan öffnete ihren Gürtel, riss an den Knöpfen, die schwere Armeehose fiel zu Boden. Diana war unfähig, sich zu rühren. Sie stand atemlos, verkrampft, wehrte sich nicht, schrie nicht. Seine Hand schloss sich um ihren Hals, er drehte sie um, presste seine Knie zwischen ihre Beine, drängte sie auseinander. Diana stand daneben, sah nicht zu, hörte nichts, nur dieses Rauschen in ihren Ohren. Es schwoll an, wurde zum alles beherrschenden Eindruck, während er in sie eindrang, hart und schmerzhaft. Das Rauschen legte sich darüber, verschluckte den Schmerz und riss sie mitsamt der Demütigung in die Tiefe.
   Stöhnend ließ er von ihr ab, richtete seine Kleidung, ohne sie anzublicken. »Nun komm schon, Kleines, zieh dich an. Du musst wieder raus, sonst gibt es Gerede.« Zum Abschluss fasste er sie unters Kinn. »Ich weiß, dass das schwer für dich ist.« Seine Stimme hatte unerträglich sanft geklungen. »Aber ich finde eine Lösung für uns, versprochen.«
   Dianas Innerstes zog sich zusammen. Sie atmete tief durch, doch die Last wollte ihre Lungen nicht verlassen. Er hatte sie vergewaltigt. Das Wort brannte wie Feuer in ihrem Inneren. Er wollte es wie einen Liebesakt aussehen lassen, und weil sie es besser wusste, hatte sie es verdrängt. Das also war ihr blinder Fleck. Der Brechreiz wurde übermächtig. Diana warf sich die Burka über, eilte hinter ihr Zelt. Dort hatten sie hinter einem seltsamen französischen Paravent eine Grube für ihre Bedürfnisse gegraben. Das Ding stand, mit Lilien und Rosen bemalt, mitten in dieser Tristesse und wirkte so fehl am Platz wie eine Tiefkühltruhe in der Arktis. Diana übergab sich, versuchte, die Schmach und die Demütigung aus sich herauszubrechen.

Kapitel 4
Wie fängt man einen Bären?

»Der da hinten ist es, der Kleine mit dem verschlagenen Blick.« Safira zeigte auf einen der Arbeiter, die im Waisenhaus für Ordnung sorgten. »Er kommt
   aus einem Dorf in den Bergen. Sein Clan gehört zu denen, die jede Menge im Opiumhandel verdient hatten. Seit die ISAF versucht, das Drogenverbot durchzusetzen, bepflanzen sie ihre Felder mit Baumwolle. Der Gewinn ist geringer, sie haben mehr Arbeit und kämpfen deutlich mehr mit Ernteausfällen. Es ist kein Wunder, dass sie nicht gut auf die Fremden zu sprechen sind.«
   Tarik überlegte, wie er mit den Männern ins Gespräch kommen konnte. Er war bei den strenggläubigen Muslimen nicht besonders geachtet, hielt er sich doch in deren Augen viel zu wenig an die Regeln. Abdullah war kein strenger Moslem.
   Tarik betrachtete ihn genauer. Er konnte ebenso gut dreißig wie sechzig Jahre alt sein, trug die typische Kleidung der Männer aus den Bergen und sein bartloses Gesicht war vom Krieg gezeichnet. Darin glänzten gierige Augen. Er war auch für hiesige Verhältnisse recht klein, und seine Haltung war die eines Mannes, der gesehen werden wollte. Seine lauten Worte unterstrich er mit ausholenden Gesten.
   Vor einigen Wochen war ein neuer Klassenraum hergerichtet worden. Die Soldaten aus dem nahe gelegenen Camp hatten bunte Wandfarbe aus Europa mitgebracht, es gab eine Tafel und die Arbeiter hatten gemeinsam mit einigen der älteren Knaben Tische und Stühle gezimmert. Auch Abdullah hatte daran mitgearbeitet.
   Tarik trat zu ihm und seinem Kumpel und bot Zigaretten an. »Schön geworden, der neue Klassenraum, wirklich gute Arbeit.«
   In den Augen des anderen glomm Befriedigung. »Weiß nicht. Warum brauchen die farbige Wände? Das kann nicht gut sein.«
   »Nun, die Soldaten haben die Farbe gebracht, und sie ist so gut wie jede andere. Sie wollen uns ihren Willen aufdrängen, aber das wird ihnen nicht gelingen.« Es kostete ihn einige Überwindung, das Geschenk der Männer schlechtzumachen, aber ohne Köder konnte man nicht angeln, hätte seine Mutter gesagt.
   »Das ist wohl wahr. Aber bist du nicht auch einer von ihnen?«
   »Wäre ich dann hier?«
   Die Männer wechselten einen Blick.
   Diesmal ergriff der andere das Wort. »Bist schließlich erst gekommen, als der Krieg zu Ende war.«
   »Nennst du so was das Ende eines Krieges?«
   Wieder gingen die Blicke von einem zum anderen. Tarik drückte seine Zigarette aus und verabschiedete sich. Jetzt hatten sie etwas zum Nachdenken, und er brauchte Zeit, um sich eine Strategie zurechtzulegen.

Bereits am folgenden Tag fand Tarik Gelegenheit, das Gespräch fortzusetzen. Wieder bot er Zigaretten an.
   Diesmal war es Abdullah, der das Wort ergriff. »Warum bist du nach Afghanistan gekommen?«
   »Zunächst, weil meine Mutter es wollte. Als ich dann hier war, hat sich alles verändert. Weißt du, Amu, ich habe meine Wurzeln gefunden. Mein Land, meine Familie, mich selbst.«
   Abdullah nickte. »Afghanisches Blut ist dickes Blut. Das Blut des Engländers kann da nichts ausrichten. Aber wo ist deine Familie?«
   »Die meisten sind tot. Meine Mutter hat noch eine Schwester. Sie ist verheiratet und lebt in Peshwar. Ihr Mann und sie wollen zurückkehren. Aber sie wollen erst kommen, wenn die Fremden verschwunden sind.«
   »Dann können sie lange warten, wenn wir nichts dagegen tun. Die leben wie die Fürsten auf unserem Land und mischen sich in Familienangelegenheiten ein.«
   Tarik stelle eine zornige Miene zur Schau und nickte theatralisch. Plötzlich änderte sich die Stimmung. Abdullah blickte ihn herausfordernd an. Der Bauer war keineswegs dumm. Tarik musste sehr geschickt vorgehen, wenn er wertvolle Informationen aus ihm herausbekommen wollte.
   »Warum bist du freundlich gegenüber den Fremden?« Abdullahs Stimme klang scharf.
   Zum Glück traf die Frage Tarik nicht unvorbereitet, er entspannte sich. »Man muss seine Feinde kennen, um sie zu besiegen. Das hat dir dein Vater doch sicher auch beigebracht?«
   »Mein Vater hat mir nichts beigebracht. Er hat gearbeitet, und dann haben ihn die Russen erschossen. Ich habe meine Mutter beschützt, meine Brüder aufgezogen und meine Schwestern verheiratet.«
   »Dann bist du der Älteste und hast wohlgetan.«
   »Ja, das hab ich, Bürschchen, das hab ich ganz sicher.«
   »Wie geht es deiner Familie?«
   »Was glaubst du wohl? Unsere Lebensgrundlage haben sie uns genommen. Zu Viehbauern wollen sie uns machen. Wenn es nach ihnen ginge, wären wir jetzt ein Volk von Schweinezüchtern. Warts ab, das ist das Nächste, was kommt.«
   »Glaubst du wirklich?« Tarik tat interessiert, versuchte, die Rolle des Unwissenden zu spielen.
   »Ja, das glaube ich. Die fressen doch nichts anderes, und in ihrem Land wollen sie die stinkenden Viecher bestimmt nicht. Wenn sie uns erst einmal vollkommen unterdrückt haben, dann bringen sie auch ihre Schweine, und dann lacht keiner mehr über mich.«
   »Ich lache nicht, Amu, ich wundere mich nur. So weit hätte ich nie gedacht. Und was willst du dagegen tun?« Er wandelte auf einem äußerst schmalen Pfad. Die Theorie des Bauern war allzu abstrus, als dass er sie guten Gewissens glauben konnte. Andererseits, wenn Abdullah diesen Blödsinn ernst meinte und Tarik ihm als Einziger wirklich Glauben schenkte, dann hätte er einen Verbündeten gewonnen. »Wie kommst du auf die Sache mit den Schweinen?«
   Abdullah tippte sich an die Stirn. »Nachdenken, Bürschchen, musst du auch mal probieren. Ich habe einfach eins und eins zusammengezählt. Natürlich werden wir nicht nur Schweine züchten.« Er nickte bedächtig. »Wir werden hier einfach alles anbauen, was die wollen. Die werden uns wie Sklaven halten. Genau das werden die. Aber nicht mit mir, sag ich dir.«
   Jetzt war Tarik wirklich gespannt. »Wie willst du das verhindern?«
   »Das wirst du schon sehen. Als Erstes packen wir sie da an, wo es richtig wehtut.« Grinsend griff er sich an sein Gemächt, schüttelte dann aber den Kopf und machte eine bezeichnende Geste mit Daumen und Zeigefinger. »Da unten haben die nichts, was ihnen wehtut. Die haben ganz andere Sorgen. Das sind keine Saudis, sag ich dir. Die Menschen denken, die Amerikaner hätten unendlich viel Geld, aber das stimmt nicht. Ich weiß, dass die Saudis und die Chinesen viel mehr haben.«
   Das war für einen einfachen afghanischen Bauern eine ungewöhnliche Erkenntnis, und Tarik musste sich diesmal nicht anstrengen, um anerkennend zu nicken. »Du meinst also, ihnen geht bald das Geld aus?«
   »Nicht bald genug, wenn wir nicht nachhelfen.«
   »Und wie soll das gehen?«
   »Du bist wirklich naiv, oder? Da ist der Kerl im feinen London in die besten Schulen gegangen, aber vom Leben hat er keine Ahnung. Nicht wahr, Bürschchen, seit du hier bist, merkst du erst, wie dumm du doch bist?«
   Das stimmte allerdings. Tatsächlich lernte er ständig Dinge kennen, von deren Existenz er die ersten achtzehn Jahre seines Lebens keine Ahnung hatte. Er nickte unterwürfig, um seine Bereitschaft zu demonstrieren, sich mit weiteren Lebensweisheiten beglücken zu lassen. Das ließ sich Abdullah nicht zweimal sagen.

Von nun an trafen sie sich regelmäßig zum Dominospiel, das man Abdullahs Meinung zufolge nur von einem Afghanen lernen konnte.
   »Sag, Abdullah, ich verstehe schon, dass ihr die Alliierten mit kleinen Nadelstichen piesacken wollt, aber wer einem Elefanten eine Stecknadel in den Hintern sticht, braucht nicht auf eine Reaktion zu hoffen.« Tarik legte seine Steine derart geschickt, dass Abdullah aussetzen musste.
   Er nickte anerkennend, nahm sich einen Stein und gab die Runde weiter. »Wenn man ihm einen Säbel in den Hintern rammt, sollte man schnell laufen können«, murmelte er, als spräche er zu sich selbst.
   »Einen Säbel?«
   »Ja, was glaubst du, Junge, dass wir mit Puppen spielen? Mach dir mal keine Sorgen. Was die da drüben am wenigsten brauchen können«, bei den Worten zeigte er mit dem Kinn in Richtung Kabul, »das sind hohe Kosten und schlechte Berichte in ihren geschwätzigen Zeitungen und ihren Fernsehapparaten voller nackter Frauen.«
   Tarik grinste.
   »Ist doch so, sag schon, du warst doch lang genug da. Sicher hast du Tausende von ihnen gesehen. Wie sie mit den Brüsten wackeln und ihre Hintern in die Kamera strecken.«
   »Nun, es gibt schon nackte Frauen im Fernsehen, nackte Männer übrigens auch.«
   »Wer will die schon sehen?«
   »Die Frauen zum Beispiel.«
   »Was für ein Land.« Abdullah schüttelte missbilligend den Kopf, gleichzeitig ließ er keinen Zweifel daran, dass er gern mehr über die nackten Tatsachen im westlichen Fernsehen hören wollte.
   »Die Wahrheit ist, Abdullah, dass es bald keinen mehr interessiert. Sicher, es gibt Filme für Erwachsene, die laufen nicht im Fernsehen, die kann man sich ausleihen oder im Internet anschauen, genau wie hier übrigens auch.«
   »Hier?« Abdullah tat empört.
   »Na komm schon.« Tarik zwinkerte. »Wenn du etwas haben möchtest, sag mir Bescheid. Ich kann dir jede Menge davon besorgen.« Er hatte zwar kein Interesse an dieser Art Film, doch er wusste wie die meisten Männer, wo er sie bekommen könnte.
   Wie erwartet schüttelte Abdullah den Kopf. »Nur keine Mühe, wenn ich so etwas wollte, dann wüsste ich, wo ich hingehen müsste.«
   Tarik grinste und hoffte, dass diese wohlkalkulierte »Grenzüberschreitung« ihren Zweck erfüllen würde. Er konzentrierte sich wieder auf das Spiel, gewann die erste Partie und verlor die zweite, es musste also ein Entscheidungsspiel geben. Während sie neuen Tee aufbrühten, eine der unvermeidlichen Zigaretten ansteckten – die ganze Sache würde ihn noch zum Kettenraucher machen – legte Abdullah die Stirn in Falten und blickte ernst über die Felder.
   »Weißt du, Freund, manchmal könnte ich eine Schulbildung schon ganz gut gebrauchen.«
   Das waren neue Töne. Jetzt galt es, vorsichtig zu sein. »Was genau meinst du denn? Du hast doch alles, was du brauchst, und du weißt, was wichtig ist, zumindest kommt es mir so vor.«
   »Ja, schon. Für den normalen Gebrauch reicht es auch. Aber manchmal braucht man eben doch die ein oder andere Fähigkeit, die auf den Schulen gelehrt wird.«
   »Zum Beispiel? Musst du etwas schreiben, oder soll ich dir etwas vorlesen?«
   »Nein, darum geht es nicht. Es ist schwieriger.«
   »Kann ich dir irgendwie helfen?«
   Abdullah blickte ihn aus unergründlich schwarzen Augen an. »Vielleicht«, sinnierte er. »Vielleicht auch nicht.« Mit großzügiger Geste mischte er die Steine neu und teilte sie aus.
   Das Gespräch war beendet, das Spiel ging weiter.

*

Diana saß vor ihrem Zelt und brütete vor sich hin. Heute wie gestern. Die Gewohnheit tropfte in ihre Tage wie Wasser in ein Gefäß voll Sand. Sie weichte die Angst auf, ihre Vorsicht und ihre Gedanken. Jede Mahlzeit sehnte sie herbei, jede Tasse Tee, nur, um einen Menschen zu sehen. Auch wenn sie nicht mit ihr sprachen, keine Blicke, keine Gesten, keine Mimik mit ihr teilten. Die Einsamkeit war zum Verrücktwerden.
   Heute war es besonders schlimm. Die Sonne versank schon hinter den Bergen, und noch immer hatten sie ihr das Abendessen nicht gebracht. Überhaupt war die Stimmung seit ein paar Tagen angespannter. Als es schließlich dunkel war, stand sie auf und ging in ihr Zelt. Offensichtlich hatten sie sie vergessen. Tränen stiegen in ihr auf, sie schluckte sie hinunter und legte sich auf ihre Pritsche. Würde ihrer Figur nichts schaden, ein Abend ohne Essen.
   Ein Motorengeräusch schreckte Diana aus dem Schlaf. Sie setzte sich auf und horchte. Sollten das endlich ihre Kameraden sein? War die Rettung nah? Die Hoffnung verlieh ihr neue Kraft. Diana zog ihre Schuhe an und wartete. Die Scheinwerfer des Fahrzeugs malten helle Kreise an ihre Zeltwand. Sie hatte sich ihre Befreiung konspirativer vorgestellt. Dass sie mit Festbeleuchtung auf das Gelände fuhren, hätte sie sich niemals vorstellen können.
   Der Wagen hielt, Autotüren wurden zugeworfen. Jetzt würden sie jeden Augenblick die Plane zurückschlagen. Diana lauschte auf die Stimmen und verstand kein Wort. Warum sprachen ihre Kameraden Paschtu? Warum rief nicht wenigstens einer von ihnen ihren Namen?
   Die Lösung war einfach. Sie hätte es gleich wissen müssen. Sie wurde nicht befreit, sie war freigekauft worden und jetzt kamen ihre Entführer, um sie zum Übergabeplatz zu bringen. Diana zog die Burka über, bereit, endlich diesen Ort zu verlassen.
   Das Klicken eines Feuerzeugs klang silbern in ihrem Ohr. Sicher, sie hatten einen Triumph erzielt. Sollten sie sich noch ein wenig darüber freuen, ehe sie ihre Beute wieder abgejagt bekämen und in den Knast wanderten. Bald schon würde sie auch eine rauchen, ein kühles Bier trinken und damit anfangen, das alles zu vergessen.

Kapitel 5
Mut und Mutlosigkeit

Abdullah stand vor der Schule und wartete auf Tarik. Sein Gesichtsausdruck war lauernder als sonst, und seine Worte kamen vorsichtig, beinahe tastend zwischen den Zahnlücken hervor.
   »Revanche?«, fragte Tarik vorsichtig.
   Abdullahs Gesicht verfinsterte sich. »Das Leben besteht nicht nur aus Spiel und nackten Weibern, Bürschchen.«
   Tarik nickte gehorsam, was sollte er darauf auch erwidern?
   »Mir steht der Sinn ganz und gar nicht nach Zeitvertreib und billigem Tand.«
   »Was quält dich, Amu?«
   Abdullahs Gesicht nahm einen beinahe milden Ausdruck an. »Na gut, eins spielen wir noch und dann lässt du den alten Amu wieder in Ruhe nachdenken. Das muss manchmal sein. Wer einen Bär erlegen will, muss wissen, wie man eine Bärenfalle baut.«
   Die erste Partie war rasch gespielt. Abdullah war mit seinen Gedanken tatsächlich nicht bei der Sache, und Tarik gewann mit großem Abstand. Jetzt war der Alte bei seinem Ehrgeiz gepackt. Selbstverständlich konnte er den Nachmittag nicht mit einer Niederlage beenden. Ohne Worte mischte er die Steine und teilte neu aus.
   »Ein tiefes Loch graben, ein dünnes Brett darauflegen, und auf das Brett einen großen Topf mit Honig stellen.«
   Abdullah blickte ihn fragend an.
   »Eine Bärenfalle, Amu. Du wolltest doch wissen, wie man eine Bärenfalle baut. So müsste es gehen. Wenn der Bär auf das Brett steigt, bricht es, und er fällt in das Loch. Es muss aber tief genug sein, damit er nicht mehr hinauskann.«
   »Hm, gar nicht schlecht, Bürschchen. Und wie willst du den Bären wieder rausholen? Sagen wir mal, wenn du ihn lebendig verkaufen willst?«
   Ein Zittern ging durch Tarik. War es das, wofür er es hielt? Ein Hinweis darauf, was mit der blonden Soldatin geschehen war? Kleine Nadelstiche, schlechte Publicity und der Griff in die Geldbörse der ISAF. Auf all das gab es eine Antwort, die genau passte.
   »Nun, Bürschchen, du sagt ja gar nichts mehr?«
   Tarik schluckte. Er musste sich zusammenreißen, durfte sich nicht verraten. »Warum sollte ich?«, entgegnete er abfällig. »Die Antwort auf deine Frage ist zu einfach, als dass du sie mir ernsthaft stellen würdest. Du betäubst den Bären und dann sperrst du ihn in eine Kiste. Auf diese Lösung würde jedes Kind kommen.«
   »Gut, aber dann fängt der Ärger erst an. Wem würdest du den Bären denn verkaufen wollen?«
   »Demjenigen, der am besten dafür zahlt.« Tariks Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.
   Diese Region der Welt war seit Jahrtausenden von den besten Händlern bewohnt und durchwandert. Hier wusste jedes Kind, wie es den besten Preis für seine Ware erzielte.
   Abdullah nickte anerkennend. »Afghanisches Blut. Aber sag, wer zahlt am besten für den Bären?«
   Tarik überlegte. Sollte er die Deckung ein Stück herunternehmen? Es war nicht ungefährlich, das Bärengleichnis zu verlassen. Andererseits würde seine Entgegnung dem Alten sicher gefallen. »Seine Sippe oder sein größter Feind.« Er hielt die Luft an.
   »Aber was, wenn man sich über den Preis nicht einigen kann?«
   Also doch, er war auf der richtigen Fährte. »In Europa gibt es auch ein Sprichwort, das mit einem Bären zu tun hat.«
   Der andere blickte verwundert auf.
   »Früher gab es in den dortigen Wäldern eine Menge Bären und das Sprichwort lautet, man solle das Fell des Bären nicht verteilen, ehe er erlegt ist.«
   »Man soll was?« Abdullah lachte, dass sein Bauch wackelte. »Solche Sprichwörter habt ihr. Kein Wunder, dass ihr uns Afghanen in vielem überlegen seid. Solch ein Sprichwort haben wir nicht, dafür sind wir viel zu heißblütig. Aber es ist was dran. Wir neigen dazu, uns schon die Köpfe einzuschlagen, ehe der Bär überhaupt geboren ist.« Er kicherte und Tarik stimmte erleichtert mit ein. »Inschallah.« Abdullah zuckte in einer für ihn typischen Geste mit den Schultern. »Die Menschen sind nun mal, wie sie sind. Wir können uns keine anderen machen. Doch du hast natürlich recht. Wenn wir uns nicht einmal einig sind, wie sollen wir dann den Bären erlegen?«
   Tarik legte einen Pasch und einen weiteren Stein. Er wusste, dass Abdullah anlegen könnte, der tat es jedoch nicht. Diesmal nicht aus Kalkül, sondern aus Unaufmerksamkeit. Die Sache schien ihn schwer zu belasten.
   »Wenn sich die Europäer nicht einigen können, setzen sie meist einen Schlichter ein«, erklärte Tarik und spielte mit vorgeblicher Ruhe weiter.
   »Das kenne ich. Dann gibt es ein endloses Palaver, so wie damals in Kabul, und am Ende kommt Karzai dabei raus.«
   »Mag sein. Aber immerhin war seine Sippe schlau genug, den Bären zu erlegen.« Tarik führte seinen letzten Spielzug aus und beendete auch diese Partie zu seinen Gunsten. »Ich denke, Amu, wir sollten für heute aufhören, du bist nicht bei der Sache.«

Es dauerte zwei Tage, ehe er wieder mit dem Alten zusammentraf. Abdullah stand vor dem Haupteingang der Schule. Kaum, dass er Tarik ansichtig wurde, winkte er ihn verschwörerisch herbei.
   »Wo warst du in den vergangenen Tagen? Ich dachte beinahe, du versteckst dich vor mir.«
   »Oh, ich hatte viel zu tun, und außerdem wollte ich dich nicht über Gebühr mit Beschlag belegen. Schließlich hast auch du viel um die Ohren und musst dir eine Menge Gedanken machen. Habt ihr euren Bären erlegt?«
   »Wo denkst du hin? Zum einen ist der Bär schwerfälliger als erwartet, und außerdem gibt es jetzt auch noch andere, die ihn gern haben möchten. Ärger auf allen Seiten.«
   Afghanische Stammeszugehörigkeiten waren kaum zu entwirrende Geflechte von Verwandtschaft und Familie, von Eifersüchteleien und Schuldigkeiten. Stammesfehden gehörten zum Alltag. Es war also kein Wunder, wenn auch andere von der Entführung Wind bekommen hatten und nun ihren Teil der Beute abhaben wollten. Keine gute Ausgangssituation für Abdullah und seine Männer, aber noch weniger für die Soldatin, der große Gefahr drohte, sollte sie zwischen die Fronten geraten. Die Probleme häuften sich und die Zeit wurde knapp. Es musste ihm gelingen, Abdullah davon zu überzeugen, dass er der perfekte Vermittler in dieser Sache war, und zwar so, dass der andere glaubte, ganz allein auf die Idee gekommen zu sein. Tarik drückte seine Zigarette aus und schickte sich an, zu gehen.
   »Was hast du denn auf einmal?«
   »Ich muss einige Prüfungen korrigieren, und du scheinst mir heute auch nicht in der Stimmung für ein Spiel zu sein.«
   »Vielleicht nicht dafür. Aber ein Tee und ein Gespräch würden mir guttun.« Abdullah blickte ihn ungewohnt offen, geradezu bittend an.
   Besser hätte es nicht laufen können. Tarik tat, als müsste er mit sich ringen, gab sich schließlich zum Schein einen Ruck und lächelte Abdullah an. »Gut, komm heute Abend zu mir. Ich habe Brot und Käse und sehr guten Tee. Wenn du magst, bring die Steine mit.«

*

Sie waren fort.
   Hatten ihre Zigaretten aufgeraucht, ein paar heftige Worte miteinander gewechselt und waren einfach wieder verschwunden. Ohne sie mitzunehmen, einzig Dianas Hoffnung fuhr mit ihnen den Berg hinunter, dorthin, wo normales Leben war.
   Als sie es endlich schaffte, aufzustehen und nach draußen zu gehen, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Im Lager herrschte Ruhe. Sie ging ein paar Schritte, dann noch ein wenig weiter. Niemand achtete auf sie. Endlich funktionierte auch ihr Denken wieder. Es gab keinen Grund, zu verzweifeln. Nichts hatte sich geändert. Sie hatte sich ein Hirngespinst ausgedacht, nur weil sie einen Wagen gehört hatte, und wenig später war sie enttäuscht worden. »Ent – täuscht.« Das war doch gut so! Besser, als weiterhin getäuscht zu sein. Doch eines hatte ihr der Vorfall überdeutlich gezeigt. Sie würde es keine fünf Monate hier aushalten, ohne verrückt zu werden.
   Es war Zeit, dass sie ihren Fluchtweg plante. Diesmal musste sie überlegt an die Sache herangehen. Sie scannte die Landschaft mit ihrem Blick. Die Berge, die hoch hinter ihrem Zelt aufragten, waren keine Option, und am Lager ihrer Bewacher würde sie sich auch nicht mehr vorbeitrauen. Blieb nur der Weg nach Norden. Bei Licht betrachtet, war auch dies keine Traumroute, doch sie bot eine gewisse Chance. Es ging hart an der hinteren Wand entlang bis zu einem Felsvorsprung, den sie mit etwas Geschick überwinden konnte.
   Sie hockte sich auf die Fersen und blickte ins Tal. In ein paar Tagen war wieder Neumond, der richtige Tag für ihre Flucht.

*

Kaum legte sich die kurze Dämmerung über das Schulgelände, hörte Tarik auch schon Abdullahs schlurfende Schritte unter seinem Balkon. Wenig später saß der Alte am wohlgedeckten Tisch und steckte sich zufrieden eine Zigarette an.
   Das Gespräch kam nur zögerlich in Gang. Abdullah lobte die Einrichtung, das gute Essen und machte ein paar anzügliche Bemerkungen, wie es seine Art war. Dann endlich, die dritte Tasse Tee war bereits getrunken und Tarik hatte aufgehört, die Zigaretten zu zählen, begann der Alte von dem zu sprechen, was ihm auf der Seele brannte.
   »Stell dir vor, der Bär ist gefangen, will sich aber nicht so recht die Haut abziehen lassen.«
   »Womit zu rechnen ist.«
   »Ja und nein. Also es ist vielmehr so: Jeder will die Haut, aber keiner will etwas dafür bezahlen.«
   »Aha. Woran liegt das? Ist der Bär räudig?«
   »Ganz und gar nicht. Im Gegenteil, es ist sogar ein besonders schöner Bär.« Abdullah grinste anzüglich.
   Tarik ballte die Faust in der Tasche. »Nun, irgendwas scheint mit eurem Bären ja nicht zu stimmen, wenn niemand für ihn zahlen will. Bist du sicher, dass du die richtigen Leute gefragt hast?«
   »Ich glaube schon. Es ist in jedem Fall die richtige Sippe.«
   »Ja, und mit wem verhandelt ihr? Mit dem Chef der Sippe?«
   »Ja sicher, mit wem denn sonst?«
   »Wisst ihr denn wirklich, dass ihr mit dem richtigen Mann sprecht? Manchmal sind die Dinge nämlich ganz anders, als sie scheinen. Die Europäer beispielsweise schicken nie ihre Häuptlinge in die Verhandlungen. Die kommen immer erst am Ende, wenn der Deal beinahe perfekt ist.«
   Abdullah blickte betroffen auf. »Stimmt das?«
   »Ja sicher.«
   »Bist du dir da ganz sicher?«
   »Warum fragst du mich, Amu? Natürlich bin ich mir ganz sicher. Ich habe dir doch gesagt, bei uns lernt man solche Verhandlungen bereits in der Schule.«
   »Und wie kommt man an die eigentlichen Chefs heran?«
   »Mit Geduld und guten Argumenten.«
   »Wir haben keine Geduld, aber wir haben die besten Argumente, die man haben kann.«
   »Warum ist es denn so eilig?«
   »Du kannst Fragen stellen, Bürschchen. Man merkt, dass du lange in diesem gottlosen England gelebt hast.«
   »Gut, wenn du nicht willst.« Tarik erhob sich und ging ins Zimmer. Hier hatte er eine kleine Flasche Whisky. Es war ein Wagnis, und er wusste noch nicht genau, ob er es eingehen konnte. Alkohol war verboten und wurde mit Gefängnis, Geldbußen oder bis zu sechzig Peitschenhieben bestraft. Hinter verschlossenen Türen wurde er jedoch hier wie überall auf der Welt getrunken und bei denjenigen, die ihn zu schätzen wussten, war der zwölf Jahre alte schottische Whisky, den Tarik noch von seinem Onkel hatte, eine echte Rarität. Er steckte die Flasche tief in die Tasche und setzte sich dem Alten wieder gegenüber.
   »War nicht böse gemeint. Es ist nur viel schwieriger, als wir es uns gedacht hatten. Dabei war es so leicht, den Bären zu fangen. Geradezu ein Kinderspiel. Aber nun sag, was hast du da hinten aus deiner Schublade gekramt?« Die Augen des Alten blitzen gierig. »Vielleicht sollten wir unsere Unterhaltung lieber drinnen fortsetzen?«
   Tarik glaubte zwar nicht wirklich, dass einer seiner Nachbarn ihn verpfeifen würde, aber diese Heimlichkeit hatte ihre Vorteile.
   Abdullah erhob sich, schloss die Balkontür und zog den Vorhang vor. Feierlich setzte er sich an den Küchentisch und blickte Tarik erwartungsvoll an. »Nun zeig schon deine kleine Flasche, die du da in deiner rechten Jackentasche trägst.« Er hatte die Teegläser wohlweislich mitgebracht und stellte sie auffordernd vor Tarik.
   Er zog mit einem Schmunzeln den Whisky hervor, öffnete den Korken und ließ den Alten erst einmal daran riechen.
   »Feines Zeug. So etwas hat meine Nase schon Jahre nicht mehr gerochen. Der ist nicht von hier, den kannst du mit deinem Lehrergehalt nicht kaufen.«
   »Stimmt, der ist genau von dort, wo das Zeug herkommt. Mein Onkel hat einen Campingplatz auf der Isle of Islay. Dort gibt es den besten schottischen Whisky.«
   »Dann bist du kein großer Trinker, oder du bist mit einer Schiffladung von dem Zeug hier angelandet.«
   »Stimmt auch wieder. Aber dies hier ist doch ein besonderer Abend.«
   »Warum das?«
   »Nun, ich habe nicht viele Freunde hier, das weißt du doch, und eine Familie habe ich auch nicht mehr und du, du bist mir mehr ein Baba, als ich jemals einen hatte.« Tarik war froh, dass sein Vater ihn nicht hören konnte.
   Abdullah leerte sein Glas, verzog anerkennend das Gesicht und leckte sich über die Lippen.
   Tarik schenkte nach.
   Der Alte hielt sich die goldgelbe Flüssigkeit vor die Augen und murmelte etwas von genießen. Er heftete seinen Blick an Tariks Gesicht. »Wir haben da diesen großen Fang gemacht und, nun ja, wir haben es uns sicher leichter vorgestellt, als es tatsächlich ist. In jedem Fall sitzen wir jetzt mit unserem Bärchen in den Bergen, müssen aufpassen, dass es nicht gestohlen wird, achten darauf, dass es nicht davonläuft und sich ein Leid antut, und versuchen, den besten Preis dafür auszuhandeln.«
   »Und wenn ihr es einfach an diejenigen verkauft, die es euch ohnehin stehlen wollen?«
   »Ja, es gibt Leute, die wollen genau das tun. Aber andere sind aus sehr unterschiedlichen Gründen dagegen.«
   »Und du?«
   »Ich bin auch dagegen. Siehst du, dass wir das Bärchen gefangen haben, ist eine Sache, und solange wir es wohlbehalten bei seinen Leuten abgeben, ist die Angelegenheit nicht von großem Belang. Wir bekommen unser Geld, sie das Bärchen, und alles ist wieder gut. Wenn dem Bärchen jedoch etwas geschieht, sagen wir mal, jemand zieht ihm tatsächlich das Fell über die Ohren, dann kann das unangenehme Folgen haben, und dann werden die Leute vom Bärchen keinen Unterschied machen, welcher Clan dafür verantwortlich ist. Verstehst du?«
   Tarik verstand noch viel mehr. Vor allem, dass die Gefahr wesentlich größer war, als er gedacht hatte. »Wieso glaubst du, dass das Bärchen fliehen kann? Habt ihr es denn nicht in eine feste Kiste gesperrt?«
   »Wir sind doch keine Unmenschen. Nein, das Bärchen hat ein hübsches Zeltchen, und da sitzt es den ganzen Tag und tut nichts.«
   »Ja und? Dann kann es doch nicht fliehen.«
   »Ja, sollte man meinen. Aber du weißt, wie das ist, Tarik. Die Alten wachen, wenn sie schlafen sollten, und die Jungen schlafen, wenn sie wachen müssten.«
   »Du weißt schon – wenn dem Bärchen auf der Flucht etwas zustößt, wird die Bärensippe genauso böse werden, als hättest du selbst das Messer geführt.«
   »Ja, ich weiß, und der Schafskopf, der nicht aufgepasst hat, hat auch ganz schön eines auf die Backen bekommen. Aber nun zu was anderem. Was würdest du tun, um den richtigen Verhandlungspartner der Bären zu sprechen?«
   »Das ist nicht so leicht zu beantworten, weil es sehr von der Situation abhängt. Zunächst müsste ich einmal wissen, mit wem ihr genau verhandelt. Was ist seine Stellung, wie seine Kompetenzen? Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Ist er in der Hierarchie zu weit unten, müsst ihr jegliche Gespräche abbrechen, ehe ihr nicht mit seinem Vorgesetzten gesprochen habt. Das geht aber in keinem Fall, wenn er schon jemand mit Rang und Namen ist, denn sonst habt ihr den Mann beleidigt.«
   »Mach dir da mal keine Sorgen. Die Bärensippe ist nicht wie wir. Die kümmern sich nicht um Beleidigungen.«
   »Unterschätze das nicht. Es ist nie gut, einen Mann zu beleidigen. Vielleicht packen die nicht gleich die Waffen aus, aber sie wissen andere Wege, sich zu rächen. Also findet als Erstes heraus, wer euer Verhandlungspartner ist und dann überlegt weiter.«
   Abdullah griff in eine seiner vielen Taschen und zog das Dominospiel hervor. »Lass uns eine Partie spielen, und dann muss der alte Abdullah etwas erledigen.« Mit geschickten Fingern mischte er die Steine. Er spielte zügig und so konzentriert wie schon lange nicht mehr.
   Endlich wieder allein, ging Tarik auf den Balkon hinaus. Er genoss die frische Luft und genehmigte sich noch einen Schluck aus der halb vollen Whiskyflasche. Das Knattern eines Autos durchbrach die Stille.

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