Auf der Suche nach ihren Träumen schleppt sich die Studentin Vanessa von einem Job zum nächsten. Nichts scheint ihr wirklich zu liegen. Als sie jedoch das erste Mal auf der Bühne einen Zauberer sieht, ist sie maßlos von sich überrascht. Sie durchschaut beinahe jeden Trick des Magiers und setzt nun alles daran, einen Job als Assistentin zu erhalten. Unerwartete Hilfe erhält sie dabei von dem attraktiven Silvio, der ihr fortan nicht mehr aus dem Kopf geht. Mit der Zeit bemerkt Vanessa, dass sie über magische Hände verfügt, die die perfekte Illusionen schaffen können und anscheinend viele Jahre darauf gewartet haben, ihre Bestimmung zu finden. Als ihr Mentor überraschend stirbt, soll sie die Show übernehmen. Silvio steht Vanessa zur Seite, doch andere wollen sie nicht auf der Bühne sehen. Ein dramatischer Kampf um ihre Liebe und ihr Leben beginnt, als die Gondel, in der sie eingeschlossen ist, zu brennen beginnt und kein Trick der Welt ihr mehr helfen kann.

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-52-895-0

Seiten: 283

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Olaf Hauke

Olaf Hauke
Olaf Hauke, geboren 1965, ist studierter Betriebswirt und arbeitet in der Verwaltung. Er schrieb zunächst Krimis, für die er mit dem Förderpreis der Stadt Seelze ausgezeichnet wurde. Mittlerweile handeln seine Erzählungen jedoch von Schicksalen und Gefühlen, menschlichen Beziehungen, Romantik und Sehnsucht. Eine Kritik bezeichnete seine Geschichten als „Krimis der Herzen“. Einige seiner Bücher sind auch bei Carlsen erhältlich, unter anderem die bekannteste Erzählung „Sommer der Träume“. Olaf Hauke lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Göttingen.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

»Wenn es dir nichts ausmacht, könntest du nachher noch die Blumen gießen, ehe du gehst?«
   Vanessa hörte die Stimme von Frau Gerhardt, während sie, über die Toilettenschüssel gebeugt, sich bemühte, die Flecken von der Plastikbrille zu entfernen. Wobei sie jeden Gedanken daran verdrängte, aus was diese Flecken im Einzelnen bestanden. Sie legte die Klobürste beiseite und drehte sich um. Frau Gerhardt hörte nicht mehr besonders gut, sie musste deutlich sprechen und sich in die richtige Richtung drehen. »Mache ich gern, kein Problem«, rief sie.
   Die Antwort kam prompt. »Was? Warum ist das ein Problem?«
   Mit einem Aufseufzen ging Vanessa ins Wohnzimmer.
   Frau Gerhardt saß inmitten einer riesigen Sammlung von Stofftieren auf ihrem Sofa und sah Vanessa irritiert an. »Nein, das ist kein Problem«, wiederholte sie mit einem milden Lächeln. »Ich kümmere mich gleich darum.«
   Frau Gerhardt nickte zufrieden und drückte sich wieder ein wenig tiefer in den Berg ihrer Stofftiere. Sie vertiefte sich in ihre Zeitschrift, die reißerisch die neusten Dramen in den Königshäusern der Welt ankündigte. Seit ihrem Schlaganfall konnte sie sich nur noch sehr eingeschränkt bewegen. Vanessa kam zweimal die Woche zu ihr, um die groben Arbeiten im Haushalt zu verrichten, die Toilette und die Dusche zu putzen, Staub zu wischen, aufzuräumen und Besorgungen zu erledigen. Die Arbeit war ziemlich anstrengend, aber Frau Gerhardt war eine freundliche Frau und zahlte einen überaus großzügigen Stundenlohn.
   Sie nahm wieder die Bürste zur Hand und schrubbte die Innenseite der Toilette. Ein scharfer Geruch nach Zitrone drang in ihre Nase. Seit vier Monaten arbeitete sie nun hier. Sie hatte noch zwei andere Stellen, mit denen sie sich finanziell über Wasser hielt. Offiziell galt sie zwar nach wie vor als Studentin, aber von der Universität hatte sie sich schon längst verabschiedet. Vielleicht war sie einfach nicht zur Germanistin geboren. Sie und die Universität hatten sich kennengelernt und festgestellt, dass sie nicht füreinander geschaffen waren. So einfach war es — und so kompliziert. Denn Vanessa fehlte eine zündende Idee, was sie aus ihrem Leben machen wollte. Dabei war sie bestimmt nicht faul, immerhin ging sie, wenn sie alle Arbeitsstellen zusammenzählte, fast dreißig Stunden die Woche putzen. An den meisten Abenden war sie derart erledigt, dass sie vor dem Fernseher einschlief. Und das mit sechsundzwanzig Jahren. Was würde aus ihr erst werden, wenn sie fünfzig war? Ein wenig resigniert zog sie die Spülung der Toilette.
   Mit einem Aufseufzen beobachtete sie, wie der weiße Schaum am Becken entlangperlte, einzelne Blasen zerplatzten und als Flüssigkeit nach unten sickerten. Sie nahm ein Tuch und wischte die Fliesen, bis sie sich im Sonnenlicht spiegelten, das durch das offene Fenster schien.
   Was würden ihre Eltern sagen, wenn sie sie hier mit den Joggingklamotten und den grünen Gummihandschuhen sehen würden? Vermutlich würden sie ziemlich schnell übereinkommen, dass sie es schon immer geahnt hätten. Was hatte ihr Vater immer so schön und plastisch gesagt? Jeder bekommt, was er verdient. Plötzlich überfiel sie das Bild, wie sie mit ihrer Schwester und ihren Eltern immer sonntags am Kaffeetisch gesessen hatte. Vater am Kopfende, ein Stück Kuchen auf dem Teller, der seine Kinder musterte. Wobei dieser Mann nicht ihr leiblicher Vater war, der war kurz nach ihrer Geburt gestorben. Mutter hatte einige Jahre später erneut geheiratet, so hatte Vanessa Schwester und Vater bekommen und war zum ungeliebten Kind geworden, das sich stets um Anerkennung bemühte, sie jedoch nie wirklich erhielt. Und nun schrubbte dieses ungeliebte Kind Toiletten bei fremden Leuten. Vater hatte mit seiner Einschätzung offenbar nicht ganz danebengelegen.
   Er hatte den Kuchen immer eigenhändig aufgeteilt, und immer hatte ihre Schwester das größere Stück bekommen. Oder war dies nur ihrer kindlichen Einbildung entsprungen? Heute konnte sie es nicht mehr sagen. Jeder bekommt, was er verdient. Doch die Szene stand ihr so deutlich vor Augen, sie meinte, sogar den Kaffee zu riechen.
   Im selben Moment begriff sie, dass es keine Einbildung war, es roch tatsächlich nach Kaffee. Frau Gerhardt war in die Küche gehumpelt und hatte die Kaffeemaschine gefüllt. Vanessa nahm einige Blatt Papier von der Toilettenrolle und putzte den Spiegel ab. Danach füllte sie einen Eimer mit Wasser, um das Badezimmer zu wischen. Als sie sich umdrehte, stand Frau Gerhardt im Türrahmen. Vanessa war derart in ihren Gedanken gefangen gewesen, dass sie zusammenzuckte, als sie die kleine, gebückte Gestalt dort stehen sah.
   »Oh, tut mir leid, Kind, ich wollte dich nicht erschrecken.« Sie lachte, wirkte, als würde sie in der nächsten Minute stürzen und in sich zusammenfallen.
   Doch Vanessa kannte sie lange genug, um zu wissen, dass der Schein trog. Die alte Dame war zäher als sie aussah.
   »Möchtest du einen Kaffee mit mir trinken, wenn du hier fertig bist?«
   Sie wollte nicht so unhöflich sein und auf die Uhr sehen. Eigentlich hatte sie in wenigen Minuten Feierabend, denn das Bad putzte sie stets zuletzt, da es die meiste Zeit in Anspruch nahm. Sie hatte nichts vor, doch sie wollte den Bus nach Hause erwischen, sonst würde sie laufen müssen. Sie fühlte sich müde und zerschlagen. Andererseits wusste sie, dass die alte Frau viel allein war und gern redete. So rang sie sich ein Lächeln ab. »Natürlich, gern.« Sie zog die Handschuhe aus. »Ich wische noch kurz durch, dann komme ich in die Küche.«

Fünf Minuten später saßen sie in der geräumigen Küche und tranken Kaffee. Vanessa hatte es übernommen, die Frau zu bedienen, die Schwierigkeiten hatte, sich an der Spüle festzuhalten und gleichzeitig Kaffee einzuschenken.
   »Ich bin wirklich froh, dass du mich so fleißig unterstützt«, sagte Frau Gerhardt und angelte sich einen Keks aus der großen Blechdose, die Vanessa auf den Tisch gestellt hatte.
    »Es freut mich, wenn sie zufrieden sind.« Eine Weile floss das Gespräch dahin. Vanessa beobachtete aus den Augenwinkeln die Uhr an der Wand. Vor drei Minuten war ihr Bus davongefahren. Das bedeutete eine knappe Stunde Fußmarsch zu ihrer kleinen Wohnung. Sie hoffte, dass man ihr ihren Ärger nicht ansah.
   »Wie kommt es überhaupt, dass eine junge, hübsche Frau wie du putzen geht?«, fragte Frau Gerhardt unvermittelt.
   Vanessa lachte. »Sauber machen ist keine Frage des Alters und des Aussehens. Ich muss mir schließlich mein Leben finanzieren.«
   »Aber du könntest doch andere Arbeiten machen. Warum arbeitest du nicht in einer Bar? Oder wie sagt man heute dazu? Oder du könntest Mannequin werden.«
   Vanessa musste auflachen über den herrlich altmodischen Begriff. »Ja, so sagt man heute. Aber als Model würde mich wohl niemand wollen. Ich bin nur eins siebzig groß. Und ein Model muss viel schlanker sein, als ich es bin.«
    »Aber du hast diese wundervollen Haare. Und du siehst aus wie diese Schauspielerin, das habe ich schon ein paar Mal gedacht.«
   O Gott, jetzt nicht schon wieder dieser dämliche Vergleich mit der Monroe. Hat denn niemand je einen Film mit ihr gesehen? Sie hatte überhaupt keine Ausstrahlung, war viel zu klein und viel zu dick. Frau Gerhardt war nicht die Erste, die die Ähnlichkeit festgestellt hatte. Aber an Vanessa prallte das, was als Kompliment gedacht war, ab. »Nein, nein, Frau Gerhardt, ich eigne mich weder zum Model noch zur Schauspielerin.« Wieder rang sie sich ein Lächeln ab. »Ich sollte langsam sehen, dass ich nach Hause komme. Es ist noch ein weiter Weg, und ich bin ziemlich müde.«
   »Tja, ich habe den Kaffee nicht so ganz ohne Grund für uns gekocht.« Frau Gerhardt rang hörbar mit den Worten. »Weißt du, Kind, ich komme in meiner Wohnung immer weniger klar. Jede Kleinigkeit fällt mir von Tag zu Tag schwerer. Meine Knie spielen nicht mehr mit, ich vergesse auch mehr und mehr.« Sie machte eine kleine Pause und faltete ihre zerbrechlich dünnen Hände im Schoß. »Ich habe mich entschlossen, in ein Seniorenheim zu gehen«, sagte sie schließlich.
   Vanessa hatte so etwas kommen sehen. Sie würde sich also nach einer neuen Stelle umsehen müssen. Frau Gerhardt war ihre beste Einnahmequelle, die nun versiegen würde. »Ja, ich verstehe«, sagte sie etwas müde.
   »Ich habe eine ganze Weile hin und her überlegt«, sagte die alte Frau zu ihren eigenen Händen. »Natürlich ist das kein leichter Schritt, aber wenn ich hier umfalle, würde es eine ganze Weile dauern, bis mich jemand entdeckt. Mein Enkel hat da vermutlich ganz recht.«
   Vor allem hatte er offensichtlich keine Lust, sich um seine Oma zu kümmern. Vanessa nickte und verkniff sich einen entsprechenden Kommentar.
   Einen Augenblick lag ein bedauerndes Schweigen zwischen ihnen. Vanessa dachte an die Mühe, sich schon wieder eine neue Stelle suchen zu müssen. Die alte Frau dachte vielleicht an das Heim als ihre letzte Wohnung.
   »Du solltest nicht mehr putzen gehen«, sagte Frau Gerhardt irgendwann.
   »Ich habe zurzeit keine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen.« Ihr Gespräch drehte sich im Kreis.
   »Was wäre denn dein Traum?«
   »Ganz ehrlich? Das weiß ich selbst nicht. Ich kann genau erklären, was ich nicht will, aber mein Ziel habe ich noch nicht gefunden.« Vanessa zuckte mit den Schultern. Sie machte Anstalten, ihre Tasche zu nehmen, die immer in der Küche über dem Stuhl hing, wenn sie hier arbeitete.
   »Ich habe mit meinem Enkel über dich gesprochen«, sagte Frau Gerhardt. Wieder fiel ihr Blick auf ihre eigenen Hände.
   Nun war Vanessa doch neugierig geworden. Sie ließ den Griff der bunten Tasche wieder los. »Was meinen sie damit. Sie haben mit Ihrem Enkel über mich gesprochen?«, fragte sie misstrauisch. Vor einigen Wochen hatte die Frau bei einer anderen Arbeitsstelle von ihr versucht, sie mit einem äußerst merkwürdigen Mann zu verkuppeln, der plötzlich in der Wohnung aufgetaucht war und ständig hinter ihr hergelaufen war. Sie sah den dicklichen Kerl mit dem hässlichen Pullunder und dem leicht säuerlichen Mundgeruch vor ihrem geistigen Auge. Als sie allein gewesen waren, hatte er sich hinter sie gestellt und ihr zweihundert Euro geboten, wenn sie ihm in die Hose fassen würde. Vanessa hatte ihm erklärt, was sie dann mit seinem besten Stück und dem Reiniger anstellen würde, den sie gerade in der Hand gehabt hatte. Das hatte sein Interesse sofort auf null sinken lassen. Der Gedanke an Chlorreiniger auf Genitalien schien ihn wenig heiß gemacht zu haben. Unwillkürlich schüttelte sie sich und wünschte sich ein anderes Bild im Kopf.
   »Mein Enkel kennt viele Leute.« Wieder machte die Frau eine kleine Pause. »Er arbeitet beim Fernsehen«, sagte sie nicht ohne Stolz.
   »Großer Gott«, entfuhr es Vanessa. Bei dieser Bemerkung ahnte Vanessa, dass die Frau Unsinn redete. Wer wusste schon, was dieser Enkel seiner Oma für Märchen aufgetischt hatte? Hatte sie vorher noch ein Fünkchen Hoffnung gehabt, dass die alte Frau ihr einen vernünftigen Vorschlag machen würde, war dieses zarte Pflänzchen mit einer Planierraupe überfahren worden.
   Im Licht der Nachmittagssonne sah Frau Gerhardt besonders zerbrechlich und eingefallen aus. Wahrscheinlich war es wirklich das Beste, wenn die Frau intensiver betreut wurde. Ihr Enkel hoffte wahrscheinlich schon auf eine schöne runde Summe als Erbschaft. Und sie, Vanessa, konnte zusehen, wie sie die nächsten Mieten bezahlen würde.
   Frau Gerhardt hatte offensichtlich mitbekommen, dass Vanessa anders auf ihre Bemerkung reagierte, als sie das erwartet hatte. Bestimmt brachen ihre Freundinnen, mit denen sie Kaffee trank, immer in Verzückung aus und hofften auf Klatschgeschichten von sogenannten Prominenten. »Nein, wirklich, mein Enkel arbeitet tatsächlich beim Fernsehen. Er tritt natürlich nicht auf. Ich glaube auch nicht, dass er singen kann.« Sie kicherte in sich hinein. »Aber er arbeitet hinter den Kulissen, dreht Fernsehshows und so. Dabei lernt er viele Menschen kennen.« Ihre Hände zuckten, sie wurde unruhig.
   Vanessa ging zu ihr und legte ihr ihre Hände für einen Moment in den Schoß. »Natürlich, Frau Gerhardt, es ist auch sehr lieb, dass sie sich Gedanken um mich machen. Aber sie sollten jetzt vor allem an sich denken. Wie lange soll ich denn noch kommen?« Sie überlegte bereits, wo sie eine neue Stelle finden konnte, die diese ersetzen würde. Vielleicht sollte sie im Seniorenheim einen Aushang machen. Das kostete wenig Geld und traf genau auf die Zielgruppe, für die sie arbeiten konnte. Andererseits hatte das Heim nicht eigene Kräfte? Sie wurde wieder unsicher. Den Enkel und seine Arbeit beim Fernsehen hatte sie als vollkommen unsinnig verdrängt.
   Frau Gerhardt beruhigte sich ein wenig und erhob sich. »Ich denke, bis zum Monatsende. Aber warte, ich wollte dir etwas geben.« Sie ging etwas unsicher an den Schrank mit den Gewürzen, nahm den Deckel von einem der zahlreichen Krüge, holte einen gefalteten Umschlag heraus und drückte ihn Vanessa in die Hand. »Und jetzt geh nach Hause, ehe es dunkel wird oder du deinen Bus verpasst.« Sie wirkte müde, ihre Hand fühlte sich kalt an.
   Vanessa lächelte und bedankte sich. Vielleicht war ein Aushang in einem Heim doch keine gute Idee. Sie würde sich etwas anderes einfallen lassen. Sie rang sich ein Lächeln ab und drückte der alten Frau zum Abschied die Hände. Dass der Bus längst über alle Berge war, sagte sie ihr lieber nicht.

*

Im Treppenhaus konnte sie ihre Neugierde nicht länger bezähmen und öffnete den Umschlag. Staunend zog sie sieben Fünfzigeuroscheine heraus. Mochte Frau Gerhardt auch einen merkwürdigen Enkel haben, großzügig war sie allemal. Einen Augenblick war sie versucht, noch einmal nach oben zu laufen, um sich zu bedanken, doch dann entschloss sie sich, den Heimweg anzutreten.
   Draußen war es bereits dunkel geworden. Im September wurden die Tage wieder spürbar kürzer. Allerdings war es noch so warm, dass sie ihre Jacke über dem Arm trug. Vielleicht sollte sie den unverhofften Geldsegen dazu nutzen, sich irgendwo eine Kleinigkeit zu essen zu kaufen, die nicht aus dem Discounter stammte. Weshalb sollte sie immer bloß die Sparsame spielen? Sie hatte sowieso, wenn auch auf sehr liebenswerte Weise, erfahren, dass sie ihren Job verloren hatte. Wenn sie sich ausrechnete, was sie bei den anderen Stellen verdiente, würde das kaum für Miete und Strom ausreichen. Schließlich musste sie ja auch was essen.
   Der Weg führte sie aus der modernen Wohnsiedlung durch ein kleines Stück freies Feld, das in die Ausläufer der Stadt mündete, wo sie lebte. Sie wohnte in einer kleinen Einzimmerwohnung am Rande des Stadtzentrums. Ihre Eltern hatten die Wohnung für sie ausgesucht, damit sie es nicht weit zur Uni hatte. Dafür, dachte sie ironisch, war es umso weiter zu den Putzstellen. Natürlich hatten ihre Eltern von diesem Umstand in ihrem Leben keine Ahnung. Aber da sie auch sonst so gut wie nichts von ihrer Tochter wussten, spielte es eh keine Rolle. Irgendwann würde sie es ihnen erzählen; entweder würden sie toben oder kaum zuhören, weil sie zu sehr mit dem Enkel beschäftigt waren, den Anja im vergangenen Jahr in die Welt gesetzt hatte.
   Anja war ihre Schwester. Sie war erst einundzwanzig, hatte eine abgeschlossene Berufsausbildung, einen Mann, ein Kind und ein Reihenhaus. Oder war das die falsche Reihenfolge? Wie auch immer, Anja war sportlich, immer gut gelaunt, konnte mit Geld und ihrem Leben umgehen, war bei allen beliebt, hatte für alles Verständnis. Vanessa war fünf Jahre älter, hatte nicht mal einen Freund, ihr Studium war in die Hose gegangen, sie wohnte in einer Miniwohnung und sie putzte die Toiletten älterer Frauen. Trotzdem mochte sie ihre Schwester, die nichts dafürkonnte, dass sie, Vanessa, bisher wenig auf die Reihe bekommen hatte.
   Sie bog in einen Supermarkt ab und kaufte sich ein frisches Baguette, etwas Käse von der Theke und einen großen, fertig geschnittenen Salat, dazu einige Champignons. Dann setzte sie ihren Weg fort.
   Nein, niemand war dafür verantwortlich zu machen, dass es in ihrem Leben einfach nicht rund lief. Ihr letzter Freund, Pierre, hatte sie nur eine Weile ausgenutzt, und war zu einer anderen gezogen. Vielleicht sollte sie auch in dieser Hinsicht ihr Leben überdenken. Pierre war Ende vierzig gewesen. Sie hatte immer eine Neigung zu älteren Männern gehabt. Meist waren diese Männer auch noch verheiratet gewesen. Pierre war hier eine Ausnahme gewesen, doch vermutlich nur, weil er der Ehe immer geschickt ausgewichen war.
   Insgesamt waren sie ein halbes Jahr zusammen gewesen. Sie hatte Pierre auf der Geburtstagsfeier einer Bekannten kennengelernt. Er hatte in der Küche lässig am Kühlschrank gelehnt, ein Bier in der Hand und in eine lebhafte Diskussion vertieft. Er hatte unverschämt gut ausgesehen. Wie immer war sie überrascht gewesen, dass er sie überhaupt beachtet hatte. Sie hätte sich niemals getraut, einen Mann anzusprechen. Doch im Allgemeinen musste sie das auch nicht, die Männer kamen zu ihr. Es gab Phasen, in denen sie sich gut fühlte und dachte, dass anscheinend doch etwas an dem Vergleich mit Monroe dran sein könnte. Aber im Grunde genommen war das albern. Sie war nun mal blond, hatte grüne Augen, war nicht eben zierlich im modernen Sinne. Damit erschöpften sich ihrer Meinung nach die Ähnlichkeiten auch schon.
   Pierre hatte sie angesprochen und schon am selben Abend versucht, sie ins Bett zu kriegen. Das hätte sie eigentlich schon misstrauisch machen sollen. Aber sie hatten sich wieder verabredet. Er war total charmant, weltgewandt und intelligent gewesen. Sie hörte noch seine Stimme, die immer von den entferntesten Plätzen dieser Erde berichtete, an denen er schon gewesen sein wollte. Erst später hatte sie erfahren, dass er sein Wissen nur aus dem Fernsehen hatte. Pierre hatte sich mehr und mehr zu ihr hin orientiert, sich in ihrer Wohnung eingenistet, aus ihrem Kühlschrank gelebt. Da ihr schmales Einkommen kaum für einen reichte, war ziemlich schnell Ebbe in der Haushaltskasse. Pierre versicherte wortreich, er würde sich um alles kümmern, doch leider blieb es bei den Ankündigungen. Er kaufte nicht ein, verschwand tagsüber. Zunächst erklärte sie sich das mit einer Arbeit. Dieser Punkt blieb jedoch stets nebulös. Sie hatte keine wirkliche Ahnung, was der Mann beruflich machte.
   Irgendwann sah sie ihn auf dem Weg zu einer ihrer Putzstellen in einem Straßencafé mit einer anderen Frau. In diesem Moment war das Kartenhaus seiner Lügen in sich zusammengebrochen. Pierre war das, was man einen klassischen Schnorrer nannte. Er arbeitete nicht, hatte mehrere Frauen, die er beklaute, von denen er lebte. Als Abschiedsgeschenk plünderte er noch ihr Portemonnaie, ohne dass sie es ihm beweisen konnte. Damit endete für Vanessa der Vergleich mit Marilyn Monroe, denn der wäre so ein Fiasko mit Sicherheit niemals passiert.
   Sie hatte den Monat tatsächlich von Brot und gekochten Nudeln leben müssen. Selten in ihrem Leben hatte sie sich bei jedem Essen so gedemütigt gefühlt. Als sie sich einer Freundin anvertraut hatte, war der Kontakt ziemlich schnell abgebrochen. So hatte Vanessa gelernt, lieber den Schein zu wahren, als ehrlich zu anderen Menschen zu sein.
   Aber inzwischen hatte sie wieder genug Geld für einen Salat und sogar guten Käse, stellte sie mit einem lächelnden Blick auf ihre Einkaufstasche fest. Ihre Füße schmerzten, doch langsam näherte sie sich ihrem Ziel. Sie bog um eine Häuserecke.
   Ein Radfahrer fuhr auf dem Bürgersteig, machte aber keine Anstalten, auszuweichen. Erst im letzten Augenblick vollführte er einen Schlenker. Er streifte ihre Tasche, die Henkel rissen, der Inhalt fiel auf den Boden, das Hinterrad rollte über den eingepackten Salat.
   »Pass auf, du blöde Kuh«, rief der Kerl noch, dann war er schon außer Sicht.
   Vanessa starrte ihm fassungslos hinterher. Erst, als sie die Bescherung auf dem Asphalt sah, war sie den Tränen nah. Die Welt hatte sich anscheinend gegen sie verschworen. Sie sammelte die Reste ihres Abendessens vom Boden auf und stopfte sie, so gut sie konnte, zurück in die Tüte.
   Der Radfahrer schoss erneut an ihr vorbei, dieses Mal verfehlte er sie um wenige Zentimeter. Sie beeilte sich, aus der Gefahrenzone zu kommen.
   Als sie ihren Weg fortsetzte, fühlte sie, wie Tränen der Wut in ihr aufstiegen. Das Leben war einfach nicht gerecht. Sie hatte das drängende Gefühl, dass es endlich an der Zeit war, dass sie vom Leben etwas von dem zurückbekam, was sie die vergangenen Jahre gegeben hatte.

*

Als sie die Beerdigung endlich erreichte, war sie mehr als erschüttert. Um die ausgehobene Grube standen lediglich ein junger Mann und zwei alte Damen. Vanessa wusste nicht, womit sie gerechnet hatte, aber sie hatte sich eine Menge von Menschen vorgestellt, die tief bewegt um einen Sarg standen und heulten. Oder hatte sie am Ende die falsche Beerdigung erwischt?
   Kurz entschlossen sprach sie den jungen Mann an. Er war hochgewachsen, schlank, fast schmal, hatte lange, dunkle Haare und das Aussehen eines Spaniers oder Italieners. Er trug einen dunklen Anzug mit weißem, schlichtem Hemd und dunkler Krawatte. »Entschuldigen Sie, ist das die Beerdigung Gerhardt?« Nicht einmal ein Pfarrer war anwesend. Zwei Männer hantierten an der Grube, erst beim näheren Hinsehen begriff Vanessa, dass sie offenbar den Sarg gerade hinabgelassen hatten.
   Der junge Mann drehte sich halb zu ihr um. Er sah sie an.
   Für einen Moment hatte sie den Eindruck, als würde er rot werden. Aber bestimmt lag das nur an seiner leicht dunklen Hautfarbe.
   »Ja«, sagte er etwas gedehnt und wollte damit wohl eine Frage ausdrücken.
    »Ich war die Reinigungskraft von Frau Gerhardt.« Das klang irgendwie merkwürdig.
   Die beiden Frauen unterhielten sich mittlerweile miteinander, fanden offenbar, dass sie ihre Schuldigkeit erledigt hatten, und schickten sich an, zu gehen. Sie nickten dem jungen Mann noch einmal zu und drehten sich dann um.
    »Oh«, er überlegte einen Moment, »dann ist es aber sehr nett, dass Sie gekommen sind.«
   »Nun ja, ich bin letzten Donnerstag wie immer zur Arbeit gegangen, aber die Tür war zu. Eine Nachbarin hat mir Bescheid gesagt.«
   »Ach, verdammt, ich hatte vergessen, Ihnen abzusagen. Es tut mir schrecklich leid. Wenn Ihnen dadurch Kosten entstanden sind, dann bin ich gern bereit … « Er brach ab. »Das war jetzt ziemlich unsensibel von mir, oder?«
   Sie musste gegen ihren Willen schmunzeln. Der Mann sah wirklich gut aus, machte eine tadellose Figur in seinem Anzug. Doch wenn er den Mund aufmachte, wirkte er plötzlich schüchtern und beinahe unsicher. »Ein bisschen schon, aber es ist in Ordnung.«
   Er nickte und überlegte kurz. »Ich bin Silvio Tomaso«, sagte er und streckte ihr seine Hand so forsch entgegen, dass Vanessa nichts anderes übrig blieb, als sie zu ergreifen.
   »Vanessa Kaja. Sie sind der Enkel, nicht wahr?«
   Er schmunzelte. »Ja, Heti war meine Oma. Ich bin der letzte Verwandte, der noch hier lebt und sich um sie gekümmert hat.« Er sah traurig zum Grab, in dem der Sarg mit seiner Großmutter verschwunden war. Offenbar war er nicht hinter ihrem Geld her gewesen, seine Trauer wirkte echt. »Ich weiß nicht, ob sie es Ihnen erzählt hat, aber sie kam mit ihrer Tochter, meiner Mutter, nicht besonders gut aus.« Er lachte freudlos auf. »Es ist alles andere als leicht, mit meiner Mutter gut auszukommen. Ich dagegen habe mich immer gut mit Oma Heti verstanden. Ich habe einige Jahre bei ihr gewohnt, damals, als meine Eltern die Firma gründeten. Da war kein Platz mehr für ein Kind.« Sein Blick war leer und auf die Grube gerichtet.
   Die beiden Männer sahen ihn an und werteten sein Schweigen offensichtlich als Einverständnis, mit dem Zuschütten der Grube zu beginnen.
   »Nicht mal zu ihrer Beerdigung sind sie gekommen, schrecklich.« Er atmete tief durch. »Aber warum erzähle ich Ihnen das, es wird Sie kaum interessieren.«
   »Nein, es ist völlig in Ordnung. Man sollte seinen Kummer loswerden können. Und wann hat man mehr recht auf Trauer, als am offenen Grab eines geliebten Menschen?« Sie legte etwas ungeschickt ihre Hand auf seine Schulter.
   Er stand noch eine Weile bewegungslos da, dann drehte er sich schließlich unvermittelt um. Die Arbeiter hatten ihren Job fast erledigt.
   »Ich denke, wir sollten gehen. Die Trauergemeinde ist ja ziemlich übersichtlich. Nachher kommt eine Firma, die ihre Möbel abholt. Vorher muss ich natürlich durch die Schränke sehen. Bisher hatte ich nicht den Mut dazu.«
   Vanessa schwieg, was sollte sie dazu auch sagen? Sie war nur gekommen, um kurz Abschied zu nehmen von einer freundlichen, aber ihr nicht wirklich näher bekannten Frau. Sie wollte Silvio so schnell wie möglich allein lassen.
   »Sagen Sie …«
   »Was denn?«
   »Wenn es nicht zu unverschämt wäre und Sie Zeit hätten, dann … ich würde Sie natürlich auch bezahlen …«
   »Tut mir leid, aber ich weiß immer noch nicht, was Sie wollen.«
   »Würden Sie mir helfen und mich bei der Durchsicht der Dinge meiner Oma unterstützen? Ich zahle Ihnen natürlich Ihren gewohnten Stundenlohn und bringe Sie anschließend nach Hause.«
   Geld konnte sie immer gebrauchen, und der Mann wirkte nicht unsympathisch. Er machte wirklich den Eindruck, als könnte er Unterstützung gebrauchen. Und sie benötigte dringend ein paar Euro in ihrer Tasche. Mit einem Nachmittag Arbeit konnte sie ihren Kühlschrank füllen. Er sah sie derart ehrlich an, dass sie lächelte. »Ich muss gestehen, dass mir ein paar Euro gelegen kämen.« Irgendwie hatte sie Vertrauen zu ihm gefasst. Normalerweise hätte sie eine derart offene Bemerkung kaum einer Freundin gegenüber gemacht. Wahrscheinlich lag es an der Situation, an der Nähe des Todes, der Menschen dazu brachte, endlich ehrlich zu sein. Nichts war so ehrlich wie die Leere des Todes.
   »Und Sie hätten jetzt Zeit?«
   Der Gedanke schien ihn tatsächlich zu erleichtern.
   Sie nickte und sagte, dass sie kein Problem hätte, ihn zu begleiten.
   Auf dem Weg zu seinem Wagen erzählte er von Oma Heti, wie er sie nannte. Sie schien ihm wirklich wie eine Mutter gewesen zu sein. Er schilderte kleine Anekdoten aus seiner Kindheit, Erlebnisse und kleine Episoden, wie sie vermutlich die meisten Menschen erzählen.
   Vanessa schmunzelte, weil sie begann, Frau Gerhardt in einem völlig anderen Licht zu sehen. Sie hatte sie ja nur als Chefin erlebt. Doch sie war damals jünger, kräftiger und voller Energie gewesen, eine Frau, die nichts mit der alten, fast durchsichtigen Frau auf dem Sofa zwischen all den Stofftieren gemeinsam hatte.
   Zu ihrer Überraschung fuhr Silvio einen schwarzen, ziemlich teuer wirkenden Sportwagen. Vanessa musste sich mühen, überhaupt sitzen zu können. Der Motor röhrte dunkel auf, sie hatte fast das Gefühl, auf der Straße zu liegen. Zum Glück fuhr Silvio nicht zu schnell. Nach wenigen Minuten hatten sie ihr Ziel erreicht.
   »Erstaunlich«, sagte Vanessa beim Aussteigen.
   »Was finden Sie erstaunlich?« Silvio wirkte leicht irritiert.
   Er war wohl schnell zu verunsichern. »Sie fahren einen so sportlichen Wagen. Ich dachte, Sie rasen wie ein Irrer durch die Straßen. Doch Sie waren total langsam, nicht mal den Radler eben haben Sie überholt.«
   »Weshalb hätte ich das tun sollen? Wir hätten ihn möglicherweise gefährdet. Und an der nächsten Ampel hätten wir warten müssen.«
   »Aber warum fahren Sie dann so ein teures Auto?« Vanessa besah sich das schwarze Schmuckstück. Sie schätzte, dass so ein Wagen einen sechsstelligen Betrag kosten musste.
   »Warum nicht? Er sieht schön aus, er hat Charakter. Rasen dagegen hat keinen Charakter. Es ist dumm, gefährlich und dabei erschreckend langweilig.« Er hob nur die Schultern und ging zielstrebig Richtung Haus.
   Sehr ungewöhnlich, dachte Vanessa und folgte ihm.

Kapitel 2

Die Wohnung sah aus, als wäre Frau Gerhardt nur kurz zum Einkaufen gegangen und käme jede Sekunde wieder zurück. Sie würde schnaufend die Krücke in die Ecke stellen und sich langsam Richtung Wohnzimmer tasten, um zwischen ihren Stofftieren zu versinken. Doch Vanessa und Silvio wussten, dass nichts dergleichen passieren würde. Durch dieses Wissen lastete eine merkwürdige Stille in der Wohnung.
   »Wie kann ich mich nützlich machen?«, fragte Vanessa. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nicht mal gesagt hatte, was sie normalerweise pro Stunde verdiente. Nun erschien ihr der Zeitpunkt unpassend, denn Silvio schien wie erstarrt.
   Er stand nur da und blickte ins Wohnzimmer.
   Sie konnte nur ahnen, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen.

»Was meinen Sie? Ach so, ja, vielleicht fangen Sie in der Küche an. Ich habe eine Menge Säcke dabei, darin können wir die weniger sperrigen Dinge verstauen. Wenn Sie etwas von den Sachen brauchen können, sagen Sie es ruhig. Ich spende die Dinge eh einer wohltätigen Organisation. Meine Wohnung ist voll ausgestattet. Vielleicht hilft der Verkauf einigen Leuten weiter. Oma Heti hätte das sicher gewollt.«
   Natürlich kannte sich Vanessa bestens aus, welches Inventar sie in der Küche finden würde. Wollte sie der Mann nur auf eine Art Probe stellen? »Sie wissen, dass Ihre Großmutter in der Küche eine größere Menge Bargeld aufbewahrt hat?«
   »Wirklich? Nein, davon hatte ich keine Ahnung.« Er sah sie offen an. »Oh, ich verstehe, Sie denken, das war so eine Art Test? Nein, ich muss Sie enttäuschen, Sie hätten sich hemmungslos bedienen können. Aber Oma hat Ihnen vertraut, und ich habe Oma vertraut, so einfach ist das.« Er folgte ihr in die Küche und ließ sich das Geld zeigen. »Wow, das sind aber etliche Bündel«, sagte er und legte das Geld offen auf den Tisch. »Gibt es noch mehr solcher Verstecke?«
   »Ja, unter der Matratze. Und im Nachttisch hat sie ihre Kontoauszüge und ein Sparbuch. Aber ich weiß nicht, wie viel Geld sie dort hat. Ich habe nie etwas angerührt.«
   »Da bin ich mir absolut sicher. Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?«
   »Hinter der Wäsche hat sie ein Kästchen mit Schmuck. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob er wertvoll ist, aber Sie sollten ihn an sich nehmen, ehe das Räumkommando hier anrückt.«
   Silvio nickte. »Das werde ich auf jeden Fall tun. Was für ein Glück, dass ich Sie getroffen habe.«
   Sie sammelten die Wertgegenstände in der Küche und legten sie auf den Tisch. »Wissen Sie, dass ich mir schäbig vorkomme?«, sagte er.
   »Nein, das ist Unsinn, Ihre Großmutter hätte sicherlich gewollt, dass Sie das Geld bekommen. Also sollten Sie nichts Schlechtes dabei denken.«
   Silvio wollte etwas erwidern, doch im gleichen Moment klingelte es an der Tür.
   Vanessa sah ihn fragend an.
   Er zuckte nur mit den Achseln. Er war in Gedanken offenbar noch bei dem Geld und dem Schmuck auf dem Tisch. Silvio ging zur Tür.
   Vanessa betrachtete das Geld, es waren bestimmt um die zweitausend Euro. Sie lächelte in sich hinein. Schwer, da nicht in Versuchung zu geraten, zumal sie jetzt am Monatsende ziemlich pleite war und wieder die Nudeln vom Discounter drohten. Als Diebin stellte sie sich bestimmt zu ungeschickt an. Sie stand am Tisch und verschränkte, als könnte sie damit die körperliche Versuchung unterdrücken, die Hände hinter dem Rücken.
   Silvio hatte beim Verlassen der Küche die Tür nur halb geschlossen, so hörte sie gedämpfte Stimmen vom Flur, die langsam lauter wurden. Zunächst dachte sie an die Männer, die die Möbel holen sollten, doch eine Stimme war klar weiblich. Es klang durchaus nicht friedlich, wie die Stimmen miteinander sprachen. Ehe sie lauschen und einzelne Worte identifizieren konnte, flog die Tür zur Küche auf.
   Im Rahmen stand eine hagere, mittelgroße Frau undefinierbaren Alters. Sie trug ein teuer wirkendes, taubeneigraues Kostüm, einen merkwürdigen, leicht schief sitzenden, kleinen Hut und stand auf leuchtenden, hochhackigen Schuhen, mit denen sie sich anscheinend perfekt bewegen konnte. »Und wer sind Sie?«, fauchte sie Vanessa ansatzlos an. Ihre kleine, spitz zulaufende Nase bebte merkwürdig, wie bei einem Hund, der Witterung aufgenommen hatte.
   »Ich bin die Reinigungskraft«, sagte Vanessa etwas schwach.
   Die Frau würdigte sie keines weiteren Blickes und drehte sich halb um. »Silvio?«, rief sie nach hinten. »Du lässt die Putze mit dem Geld hier allein? Hast du sie noch alle?«
    »Hören Sie, ich …
   Die Frau schob Vanessa mit rot lackierten, leuchtenden Nägeln zur Seite. Sie steuerte auf das Geld zu.
   Silvio kam herangeeilt.
   »Leeren Sie Ihre Taschen aus«, herrschte die Frau Vanessa an. Ehe Vanessa etwas entgegnen konnte, hatte sie sich schon wieder an Silvio gewandt. »Hast du den Verstand verloren?« Silvio stand nur hilflos da und sagte keinen Ton. Auch Vanessa war mit der Situation vollkommen überfordert.
   »Na los, machen Sie schon, dort, auf die Spüle!« Die Frau wedelte mit den Händen und zog dabei rote Furchen durch die Luft.
   Vanessa spürte, wie sich ihre Kehle vor Ärger zuschnürte. Ihr Kopf und ihr Körper wurden heiß.
   Eine Hand der Frau schoss vor wie eine Klaue und wollte nach ihrer Tasche greifen.
   Vanessa entriss sie der zuschnappenden Kralle der Frau. »Sie werden bestimmt nicht in meine Tasche sehen! Was fällt Ihnen ein?«
   Beim Zurückziehen hatte sich offenbar ein Nagel der Frau im groben Stoff der Tasche verfangen. Sie schrie auf und zog die Hand an sich.
   Vanessa sah ein rotes Stück Plastik an ihrer Tasche hängen.
   »Sind Sie verrückt? Das werden Sie mir zahlen!«
   Vanessa fühlte sich hilflos. »Sie haben doch nach meiner Tasche gegriffen.«
   Doch die Frau war nicht zu bremsen. »Ich hole die Polizei, die wird sich um Sie kümmern!« Sie hatte nur eine kleine, fast quadratische Tasche in der Hand und riss nun den Verschluss auf, um ihr Mobiltelefon herauszuholen.
   Vanessa wusste selbst nicht, weshalb sie plötzlich Panik überfiel. Sie drehte sich um, stieß mit der Schulter die Frau zur Seite und verließ die Küche. In ihr war nur eine einzige, vernehmbare Stimme, die schrie: Flucht!
   Hinter ihr zeterte die Frau weiter, doch sie drehte sich nicht mal um. Sie versetzte auch Silvio einen leichten Stoß, doch er war bereits zur Seite gesprungen. Sie floh das Treppenhaus hinunter, riss die Haustür auf und rannte nach draußen. Kopflos wandte sie sich nach rechts und stoppte erst, als sie um die Ecke gebogen war.
   Sie brauchte eine Weile, um wieder Luft zu finden. Als sie die Hand hob, um sich die Haare aus dem Gesicht zu schieben, merkte sie, wie sie zitterte. Der Ansatz ihrer Haare fühlte sich feucht an. Was fiel dieser merkwürdigen, schrecklichen Frau eigentlich ein? Vermutlich war sie die Mutter dieses Mannes gewesen, den sie am Grab getroffen hatte, doch das war ihr vollkommen egal. Sie hatte doch nur helfen und sich ein paar Euro verdienen wollen. Wie kam diese Frau dazu, sie eines Diebstahls zu bezichtigen?
   Doch, was war, wenn sie tatsächlich die Polizei gerufen hätte? Sie war fortgelaufen. Sah das nicht aus wie ein Schuldeingeständnis? Vanessa sah vorsichtig um die Ecke, um herauszufinden, ob ein Streifenwagen davor stand. Doch alles war ruhig. Allerdings waren seit ihrer Flucht erst wenige Minuten vergangen, sie konnten also noch kommen. Sie atmete tief durch und machte sich so schnell sie konnte auf den langen Weg nach Hause.

*

Am nächsten Morgen hatte sich Vanessa noch immer nicht ganz beruhigt. Natürlich war die Polizei nicht an ihrer Haustür erschienen, niemand hatte sie verhaften wollen. Trotzdem hatte sie eine unruhige Nacht verbracht, immer wieder von Geld geträumt, das in ihren Taschen steckte und von anderen Leuten gefunden wurde. Sie erwachte mehrmals schweißgebadet, sah sich irritiert in ihrem Zimmer um und schlief schließlich wieder ein, um anschließend von einem ähnlichen Traum heimgesucht zu werden.
   Schließlich hatte sie aufgegeben, war aus dem Bett gekrochen, hatte sich ausgiebig geduscht und die Haare gewaschen. Immer wieder sah sie das Gesicht der furchtbaren Frau vor sich. Ich bin wirklich zu empfindlich, dachte sie. Ihr fielen alle möglichen Erwiderungen ein, die sie auf die Vorwürfe hin hätte sagen können. In ihrem Geist spielte sie die Szene etliche Male durch, immer mit sich als Heldin. Doch die Wahrheit sah so aus, dass sie feige Reißaus genommen hatte. Wieder ein kleines, trauriges Kapitel in ihrem Leben, in dem sie verloren hatte. Sie stellte sich vor den Spiegel. Weshalb nur hatte sie diese Hemmungen? Eigentlich war sie nicht hässlich, im Gegenteil. Aber ihr fehlte einfach der Mut für alles, vielleicht sogar für das Leben im Allgemeinen.
   Als sie dabei war, Kaffee aufzusetzen, klingelte es. Für einen Augenblick erstarrte sie. Wer konnte sie morgens um halb neun besuchen? Ihr fiel nur eine logische Erklärung ein. Die Polizei hatte bis zum nächsten Morgen gewartet und würde sie nun abholen. Die Frau hatte also doch nicht nur eine leere Drohung ausgesprochen. Was blieb ihr übrig, als zu öffnen? Sie konnte sich tot stellen, doch die Polizisten würden mit Sicherheit wiederkommen.
   Vanessa hielt die Luft an und schlich zum Fenster. Auf der Straße war nichts zu sehen, aber sie hatte aus ihrem Fenster auch nur einen beschränkten Überblick. Es klingelte erneut. Nein, dachte sie, verstecken macht keinen Sinn, sie kriegen dich sowieso. Sie atmete wieder aus und ging zur Tür. Resigniert sah sie durch den Türspion, in Erwartung, dort eine Uniform zu entdecken. Sie staunte nicht schlecht, als sie nur etwas Gelbes sah, was sie nicht genau identifizieren konnte. Machte sich da jemand einen Scherz mit ihr? Sie umfasste die Klinke und riss die Tür ruckartig auf.
   Beinahe hätte ihr Silvio den riesigen Blumenstrauß ins Gesicht geschlagen, sie konnte gerade noch zurückweichen. »Sie?« Sie sah ihn verblüfft an.
   »Ja, ich.« Er rang sich ein Lächeln ab. »Ich wollte … ach du meine Güte, ich habe eben erst bemerkt, wie spät es erst ist. Ich habe Sie bestimmt geweckt. Ich kann später noch einmal wieder … nein, das ist ja Unsinn, Sie sind bereits auf.« Er ließ den Strauß sinken.
    »Daran ist Ihre Mutter nicht ganz unschuldig, ich habe von ihr geträumt, und es war kein freundlicher Traum, das kann ich Ihnen versprechen.«
   Silvio stand da wie festgewachsen. »Ja, sie kann fürchterlich sein. Um ehrlich zu sein, habe ich Sie beneidet.«
   »Sie haben mich beneidet? Das verstehe ich nicht.«
   »Na, Sie konnten weglaufen, ich musste dableiben.« Er feixte. In diesem Moment sah er fast rührend aus in seiner Hilflosigkeit.
   Vanessa überlegte einen Moment, Silvio blieb ebenfalls stumm. Ein Nachbar öffnete die Tür, ging an ihnen vorbei, grüßte desinteressiert und nahm die Treppe nach unten.
   »Sind die für mich?« Vanessa deutete auf die Blumen.
   »O Gott, ja, natürlich, als Entschuldigung. Meine Mutter hat natürlich nicht die Polizei gerufen.« Er schwenkte den Blumenstrauß wie eine Keule und reichte ihn ihr.
   »Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?«, fragte Vanessa, um überhaupt etwas zu sagen. »Ich habe gerade frischen aufgebrüht.«
   Silvio schien einen Moment zu überlegen. »Gern, warum nicht?« Er folgte ihr in die Wohnung und sah sich um, sagte aber nichts.
   Sie bot ihm einen Stuhl an und holte den Kaffee. Silvio nahm weder Milch noch Zucker. Vanessa stellte fest, dass sie nicht einmal eine passende Blumenvase für einen derart riesigen Strauß hatte. Der Einfachheit halber legte sie ihn in die Spüle.

»Meine Mutter ist ein ziemliches Monstrum. Ja, ja, ich weiß, sie ist immerhin meine Mutter, aber Sie haben sie ja gestern erlebt. Und ich kenne sie noch weitaus schlimmer.«
   »Ist die Wohnung denn inzwischen leer?«, fragte Vanessa, um das Thema zu wechseln. Sie merkte, dass Silvio die Beziehung zu seiner Mutter auf der Seele lastete, aber sie hatte zurzeit genug mit sich selbst zu schaffen, um sich auch noch in die Sorgen anderer Menschen hineinzuversetzen.
   »Nein, die Männer sind nicht wie verabredet gekommen. Das Geld und den Schmuck hat Mutter mitgenommen. Ich habe noch ein bisschen aufgeräumt, was mir schwer genug fiel.« Er nahm einen Schluck Kaffee und hustete. »Entschuldigen Sie, ich trinke sonst immer Kaffee ohne Koffein.«
   »Oh, ich kann Ihnen Milch anbieten, wenn Sie mögen.«
   »Aber nein, ich habe auch schlecht geschlafen, die Sache mit Ihnen hat mir keine Ruhe gelassen. Ich habe Ihre Adresse bei meiner Oma gefunden, daher dachte ich, ich sehe bei Ihnen vorbei, um mich persönlich zu entschuldigen.«
   Vanessa lächelte. »Das ist schon in Ordnung, ich stehe derzeit eh unter keinem guten Stern.« Sie wollte nicht weitersprechen, doch Silvio sah sie aufmunternd an. »Die Stelle bei Ihrer Oma, das war meine Miete. Ich bin zwar offiziell Studentin, aber die Uni liegt mir überhaupt nicht. Insofern bin ich ziemlich pleite und habe keine wirkliche Vorstellung, wie es weitergehen soll.«
   »Ich weiß.«
   »Was?«
   »Na ja, meine Oma hat mit mir über Sie gesprochen, daher weiß ich ein wenig über Sie. Ich hoffe, das war nicht indiskret? Es ist mir einfach so herausgerutscht.«
   Wieder hatte sie den Eindruck, als würde er rot werden. »Immerhin weiß ich von Ihnen, dass Sie beim Fernsehen sind.« Vanessa lachte leise.
   »Ach, dann hat meine Oma auch über mich getratscht?« Jetzt musste auch Silvio schmunzeln. »Aber machen Sie sich da mal keine falschen Vorstellungen, ich bin lediglich Regieassistent, das kleinste Rädchen im großen Getriebe.«
   »Und was machen Sie da?«
   »Oh, möchten Sie die offizielle Version? Also, ich bin verantwortlich für die Einhaltung des Zeitplanes, die Besetzung und Umbesetzung bei einer Produktion, ich erarbeite einen Drehplan und vermittle zwischen Regisseur und Produzent wegen des Budgets.«
   »Aha, und inoffiziell?«
   »Bin ich der Depp, auf dem alle herumhacken.« Jetzt lachte Silvio breit. Offenbar schien ihm der Beruf trotz dieser wenig erfreulichen Beschreibung Spaß zu machen.
   »Und was machen Sie für Filme?«
   »Wir sind eine eigenständige Produktionsfirma, vor allem für Fernsehformate. Kennen sie Duell für fünf? Da war ich dran beteiligt. Oder auch Such den Star.«
   Vanessa schmunzelte. »Na, ich denke, für solche Sendungen bin ich wohl eher nicht die geeignete Zielperson.«
   »Ach, ich sehe schon, ich kann Sie damit nicht beeindrucken. Wir machen aber auch viel Werbung. Für die Flocken zum Beispiel, den Spot mit der jungen Kellnerin, die immer das Tablett fallen lässt. Da war ich an der Regie beteiligt.« Er überlegte. »Meine Oma sagte, ich solle mir überlegen, ob es einen Job für Sie gibt.«

Vanessa rollte mit den Augen. »Oh, kommt jetzt die Traumrolle, für die ich erst mal mit Ihnen ins Bett gehen muss?« Sie lachte. Dieses Mal wurde er tatsächlich rot. »Tut mir leid, ich war albern, ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen.«
   »Also, so hat meine Oma sich das sicher nicht gedacht. Aber jetzt, nachdem ich Sie kennengelernt habe, glaube ich, dass ich tatsächlich etwas für Sie hätte.« Er nahm einen weiteren Schluck Kaffee. »Das Ganze ist natürlich ein wenig verrückt.«
   Vanessa hatte keine Ahnung, was der Mann ihr gleich anbieten wollte. Aber sie machte sich wenig Hoffnung und wollte heute eigentlich eine Annonce in der Zeitung schalten, dass sie eine Stelle als Reinigungskraft suchen würde.
   »Kennen Sie Mysterio?«, platzte es plötzlich aus Silvio hervor.
   Vanessa musste lachen. »Nein, keine Ahnung, was Sie meinen. Ist das ein Clown? Oder nein, das ist so ein Superman oder Batman, so was in dieser Richtung, oder?«
   Silvio schüttelte den Kopf und blieb ernst. »Nein, Mysterio ist ein bekannter Zauberer. Ich kenne ihn aus Der Zauber ist aus. Wir haben zwei Sendungen mit ihm gemacht. Mysterio sucht schon seit einigen Wochen eine neue Assistentin!«
   Er sagte das mit einem gewissen Nachdruck, den Vanessa zunächst nicht verstand. »Eine Assistentin? Ach, jemanden, der ihm den Zauberstab reicht, sich in zwei Teile zersägen lässt und so weiter? Ach kommen Sie, das ist doch verrückt!«
    »Nein, durchaus nicht. So ein Job wird ausgezeichnet bezahlt. Sie werden pro Show vergütet und kommen am Abend locker auf hundertfünfzig Euro. Bei Fernsehdrehs kommen Sie leicht auf das Doppelte.«
   »Das ist lächerlich. Wissen Sie, wie viele Klos ich für so viel Geld putzen muss? Aber wer will mich denn auf der Bühne sehen?« Vanessa rümpfte die Nase.
   »Machen Sie Witze? Ich bin kein Profi, aber ich weiß, wie Models oder Schauspielerinnen aussehen, wenn sie zum Dreh kommen. Sie sind eine sehr attraktive Frau, ganz ehrlich. Ich bin kein großes Licht bei uns, aber so viel verstehe ich von meinem Beruf. Sie haben unglaublich schöne Haare, sind schlank, aber nicht so verhungert. Jeder Visagist verwandelt Sie in einen echten Star, glauben Sie mir!«
   Er hatte sich selbst in Begeisterung geredet, aber Vanessa ließ sich nicht überzeugen. »Da ist doch ein Haken an der Sache, oder?«
   »Ja, allerdings, da ist ein Haken. Mysterio heißt mit bürgerlichem Namen Michael Krahnewinkel. Die Welt hält ihn für den mysteriösen, unnahbaren Eigenbrötler, der seine Tricks austüftelt, um dann das Publikum zu verblüffen. Aber in Wirklichkeit hält ihn sein Management vor der Öffentlichkeit verborgen, weil er ein Säufer ist, bei dem häufiger die Assistentinnen wechseln.«
   »Na, das klingt aber wenig verlockend. Sie meinen, er fällt über mich her?«
   »Ach, das glaube ich nicht. Aber er ist jähzornig ab einem gewissen Pegel. Allerdings ist er bei seinen Aufführungen ein absoluter Profi.«
   »Na, trotzdem, es klingt nicht so, als wäre es ein einfacher Job. Außerdem hätte ich Hemmungen, auf einer Bühne zu stehen. Ich müsste doch halb nackt dort auftreten, oder? Vielleicht halten Sie mich für verklemmt, aber für so was fehlt mir der Mut.«
   »Nun, das käme auf einen Versuch an. Und Mysterio liebt es nicht, wenn seine Assistentinnen zu gewagt gekleidet sind, das lenkt nur von ihm ab, denkt er. Sie müssten einfach seine Tricks lernen und ein wenig aufpassen.«
   »Worauf aufpassen?«
   »Wenn er zu viel intus hat, neigt er dazu, den einen oder anderen Trick nicht mehr genau ausführen zu können. Da sollte dann die Assistentin eingreifen.«
   »Große Güte! Ich dachte, Zauberer verraten ihre Tricks niemals.«
   »Nein, aber ihre Manager, die an ihnen noch ein paar Jahre verdienen wollen. Na, was halten Sie davon? Ich treffe heute Mittag seinen Manager. Ich glaube, er würde sich freuen, wenn Sie sich für den Job interessieren. Der durchschnittliche Verdienst sind so knapp viertausend Euro.«
   Vanessa, die gerade am Kaffee genippt hatte und sich die Summen bisher noch nicht durchgerechnet hatte, verschluckte sich derart, dass ihr einige Tropfen Kaffee aus der Nase liefen. Sie musste husten und brauchte eine Weile, bis sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. »Große Güte, so viel ist das? Das ist so verrückt, ich meine, echt durchgeknallt. Wer sollte mir so viel Geld zahlen?«
    »Also, ich will Ihnen nicht zu viel versprechen, aber ich kenne den Manager, er ist ein netter Kerl. Je eher Sie einsteigen, umso besser für ihn.«
   »Und was springt für Sie dabei heraus?« Vanessa war immer noch voll Misstrauen. Nein, hier versuchte jemand, sie zu verladen, dessen war sie sich absolut sicher. Niemand würde ihr viertausend Euro zahlen, so ein Unsinn!

»Ich könnte Justus einen Gefallen tun. Das ist ziemlich wichtig, denn man weiß nie, wann man jemanden braucht.«
   »Das klingt, als ob er ziemlich dringend jemanden sucht. Bei so einem Gehalt dürfte das doch eigentlich nicht schwerfallen. Es sei denn, der Job ist entsprechend mies.«
   »Sie müssen mit Krahnewinkel auskommen, das ist eigentlich alles. Mal ganz ehrlich, versuchen Sie es doch. Was haben Sie zu verlieren?«
   Vanessa sah sich in ihrer kleinen Wohnung um. Irgendwie kam ihr die ganze Umgebung plötzlich schäbig vor. Sie dachte an Anja, an das Reihenhaus, sah ihren abgenutzten Küchentisch, die alten Töpfe in der Kochnische, den PVC-Boden, der sich bereits an den Seiten bog. Jetzt bot ihr jemand wirklich viel Geld und sie wollte diese Chance einfach so ausschlagen? »Okay.«
   Silvio lächelte und griff zu seinem Telefon. »Ich rufe Justus gleich an, wir machen einen Termin aus. Am besten heute oder morgen. Er wird es ziemlich eilig haben.«
   So ganz glaubte ihm Vanessa die Geschichte von dem gegenseitigen Gefallen nicht. Silvio Tomaso zog mit hundertprozentiger Sicherheit noch einen anderen Nutzen, wenn er sie diesem Manager präsentierte. Er stand auf, als er jemanden erreicht hatte, und lief auf und ab, während er telefonierte. Ein ungutes Gefühl blieb bei ihr zurück, aber zu verlieren hatte sie wenig. Und wer wollte sie schon als Assistentin eines Zauberers? Nein, die Geschichte war derart skurril, dass sie beinahe wahr sein konnte.
   Silvio beendete das Gespräch. »Justus hat heute Abend Zeit, so gegen neunzehn Uhr. Er wartet auf Sie im Tarantula. Kennen Sie den Klub?«
   Das Tarantula war eine angesagte Disco in der Innenstadt. »Ein Bewerbungsgespräch in einem Klub? Sie wollen mich veralbern, oder?«
   »Ha, ha, nein, in den Büros, nicht auf der Tanzfläche. Um die Uhrzeit ist dort noch kein Betrieb. Klingeln Sie einfach und sagen Sie am Eingang seinen Namen, Justus Schneider. Verdammt, ich muss jetzt los. Ich halte Ihnen die Daumen.« Fast ansatzlos stand er auf und ging mit ausladenden Schritten zur Tür. »Ich hoffe, dass es klappt, aber ich habe ein gutes Gefühl.« Er lächelte aufmunternd.
   Es fiel Vanessa schwer, sein gutes Gefühl auch nur ansatzweise zu teilen.

*

Um fünf Minuten vor sieben klingelte Vanessa an der Tür des Klubs. Am Nachmittag hatte sie zwei Stunden gearbeitet, sich danach nur noch mit der Frage beschäftigt, was sie anziehen sollte. Bei ihren bisherigen Vorstellungsgesprächen hatte das keine Rolle gespielt. Es war höchstens um die Frage gegangen, wie kräftig sie war und wie hoch ihr Stundenlohn sein sollte. Ein Manager in einem Klub dagegen erwartete sicherlich ein anderes Auftreten und andere Kleidung. Da begann ihr Problem. Ihr Kleiderschrank war eher schmal bestückt. Sie kam mit wenigen Klamotten aus, einigen Röcken und ein paar Jeans. Nach langen Überlegungen kam sie zu dem Schluss, eine schlichte weiße Bluse und einen bunten Rock anzuziehen. Der Rock betonte ihre schmale Taille, die Bluse sah etwas bieder aus, aber mit einem breiten Gürtel und einem bunten Tuch fand sie, dass sie insgesamt annehmbar aussah.
   So machte sie sich weit vor der verabredeten Zeit auf den Weg. Sie wusste, wo das Tarantula zu finden war und lief, ehe sie läutete, einige Male um das Gebäude, um nicht vor der verabredeten Zeit dort aufzutauchen. Das Haus, in dem sich der Klub befand, machte von außen einen unscheinbaren Eindruck. Einzig einige Leuchtreklamen wiesen den Weg zum Eingang. Die Tür bestand aus zwei Flügeln, die grün gestrichen waren und in deren Mitte jeweils eine stilisierte, schwarze Spinne glänzte. Vanessa war einige Male hier vorbeigegangen, im Klub war sie nie gewesen. Sie wusste, dass irgendwann die Türen geöffnet wurden und mehrere Türsteher die Leute kontrollierten, die eingelassen werden wollten. Vor der Tür bildete sich stets eine dichte Traube von Menschen. Die meisten kamen nicht in den Klub, was anscheinend den besonderen Reiz ausmachte, eingelassen werden zu wollen. Sie hatte sich dafür nie interessiert. Abgesehen davon verfügte sie nicht über das nötige Kleingeld für einen Abend im Tarantula.
   Erstaunlicherweise fühlte sie sich eher ruhig und entspannt, weshalb, konnte sie sich nicht erklären. Vielleicht lag es an der Tatsache, dass sie sich immer wieder sagte, dass das alles eh nur Unsinn sei. Niemand würde ihr einen vernünftigen Job anbieten, schon gar nicht für ein paar Tausend Euro im Monat. Entschlossen drückte sie den goldenen Knopf, über dem schlicht Tarantula stand.
   Eine ganze Weile passierte nichts. Sie überlegte, ob sie ein zweites Mal klingeln sollte. Doch dann öffnete sich unvermittelt eine der Flügeltüren. Das wirkt ein bisschen wie in einem schlechten Horrorfilm.
   Im nächsten Augenblick sah sie sich einer rothaarigen Frau gegenüber. Sie trug einfache Jeans, ein Trägertop und hatte die langen Haare nachlässig hochgesteckt. Ihre Hände steckten in gelben Gummihandschuhen. Oh, eine Kollegin.
   Die Frau sah Vanessa nur desinteressiert an.
   »Hallo, ich möchte zu Herrn Justus Schneider.« Im gleichen Augenblick fing ihr Herz wild zu schlagen an. Die Aufregung setzte völlig unvermittelt ein.
   »Zu Justus? Ach ja, er hat mir Bescheid gesagt, dass jemand kommt. Kommen Sie mit.« Die Frau hatte eine extrem dunkle Stimme, sie klang fast männlich. Sie bedeutete Vanessa, ihr zu folgen. Die Räume waren in helles Neonlicht getaucht und machten vor Öffnung der Disco den Eindruck einer kalten, etwas abgenutzten Fabrikhalle.
   »Hier klingeln öfter mal Leute, bevor wir aufmachen«, sagte die Frau im Plauderton. »Ich bin dazu da, sie abzuwimmeln.« Beim Gehen streifte sie sich die Handschuhe ab.
   Vanessa sah etwas neidisch auf die extrem schmalen Hüften der Frau. Ihre Hände waren feucht, obwohl es im Innern eher kühl war. Sie gingen an einer langen, nach außen gebogenen Theke aus dunkelbraunem Holz vorbei, durch eine kleine Stahltür, auf der ein großes Schild mit der Aufschrift Privat hing.
   Die Frau wandte sich nach links und klopfte an der ersten Tür. Fast sofort erklang ein dumpfes »Herein!«
   Die Rothaarige sah nur lässig um die Ecke.

»Da ist jemand für Sie, Herr Schneider«, sagte sie dunkel, drehte sich um und verschwand, ohne Vanessa eines weiteren Blickes zu würdigen. Wahrscheinlich wollte sie möglichst schnell ihre Arbeit erledigen und nach Hause kommen.
   Justus Schneider war ungefähr eins neunzig groß und schlank. Er trug eine dunkle Hose, ein weißes Hemd, dessen Ärmel er halb nach oben gekrempelt hatte, und eine locker sitzende Krawatte. Irgendwie hatte Vanessa einen schmierigen, kleinen, dicken Mann erwartet, der ihr auf den Hintern starren würde. Aber Schneider wirkte durch und durch wie ein kühler, freundlicher Geschäftsmann, der durch seine große Nase und das ausgeprägte Kinn sehr gut aussah. »Sie sind die Frau, die Silvio empfohlen hat? Bitte nehmen Sie doch Platz. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich Ihren Namen nicht behalten habe.« Er kam um den Schreibtisch herum und schüttelte ihr kurz die Hand.
   Vanessa betete, dass ihr Händedruck nicht zu feucht gewesen war. Dann wies er auf einen Stuhl vor dem sauber aufgeräumten Schreibtisch, auf dem nur einige Papiere und ein Notebook lagen.
   »Vanessa Kaja.« Sie setzte sich und schlug die Beine übereinander. Da sie nicht recht wusste, was sie sagen sollte, schaute sie ihr Gegenüber einfach an. Er merkte sicher, wie angespannt sie dasaß. Ihre Stimmung war komplett gekippt. »Mögen Sie etwas trinken? Kaffee, Wasser, Tee?«
   Da es draußen noch warm gewesen war, hatte sie tatsächlich Durst. »Ein Wasser wäre nicht schlecht, vielen Dank.« Sie saß ganz vorn auf dem Stuhl, als wolle sie gleich wieder aufspringen und davonlaufen.

Der Mann drückte auf den Knopf einer Gegensprechanlage. »Bille, sei so lieb und bring Wasser und Kaffee für zwei, ja? Vielen Dank.« Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, faltete die langen, schlanken Finger und sah sie an. »Was haben Sie denn gedacht, als Silvio Ihnen gesagt hat, um was für einen Job es geht?«
   »Ich habe gedacht, er spinnt«, platzte es aus ihr heraus. »Oh, so habe ich das nicht gemeint, tut mir leid.« Sie merkte, wie sie rot wurde.
   »Trotzdem sind Sie hier?«
   Sie wusste nicht, wie er das meinte. Wollte er ihr damit nur eine Falle stellen, fragte er sie ernsthaft? Sie merkte, wie sie sich verkrampfte und unbedingt eine Antwort finden wollte, von der sie dachte, dass sie ihm gefiel. Aber in ihrem Kopf herrschte nur angestrengte Leere. Sie öffnete den Mund und hoffte einfach, dass einige Worte herauskamen. »Er sagte einige Male, wie gut man verdienen könne, das hat mich neugierig gemacht.«
   »Und was machen Sie zurzeit?«, fragte der Mann mit undurchdringlichem Gesicht. Er sah sie zwar lässig an, aber Vanessa hatte das Gefühl, als wüsste er ihre Antworten schon vorher.
   »Ich studiere noch, Germanistik. Aber eigentlich mache ich sauber.«
   »Also ist das Studium nicht unbedingt das, was Sie im Leben machen wollen? Aber so richtig haben Sie auch noch keine Idee, wie es weitergehen soll, oder?«
   Sie stimmte ihm zu. Er hatte mit wenigen Sätzen ihre Situation begriffen.
   »Was stellen Sie sich denn über den Inhalt einer Arbeit bei Mysterio vor?«
   »Ich weiß nicht. Bälle reichen, den Zauberstab, keine Ahnung, was man halt so assistiert. Wahrscheinlich muss ich das Publikum ablenken, damit es ihm weniger auf die Finger sieht?«
   Eine junge Frau trat mit einem kleinen Tablett ein und schlängelte sich elegant um den Schreibtisch herum. Sie trug eine helle Stoffhose und ein enges Top. Die Haare hatte sie ähnlich hochgesteckt wie die Frau, die ihr die Tür geöffnet hatte. Schneider wartete mit der Antwort, bis die Frau Tassen und Gläser auf dem Schreibtisch platziert hatte. Mit ihrem Eintreten hatte sich eine dezente Zitrusnote in den Geruch des Büros gemischt. »Bille, was meinst du?«, fragte er, als die Frau wieder gehen wollte. »Eine Neue für Mysterio?«
   Die Frau ließ das Tablett sinken und sah Vanessa aus braunen Augen ruhig und gleichzeitig durchdringend an. Erst jetzt fiel Vanessa auf, wie fein ihr Gesicht geschnitten war. Sie war mit Sicherheit keine gewöhnliche Kellnerin in diesem Klub.
   »Oh, Entschuldigung«, sagte Schneider im gleichen Augenblick, als könne er die Gedanken von Vanessa lesen. »Bille, die Betreiberin des Klubs. Ich bin nur der gute Geist, der hier ab und zu untertauchen kann!« Er lachte dabei.
   Vanessa wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie versuchte, den braunen Augen möglichst gelassen standzuhalten.
   »Steh mal auf«, sagte die Frau schließlich gelassen.
   Sie wirkte ganz anders, als sich Vanessa eine erfolgreiche Managerin in der Gastronomie vorgestellt hätte.
   Vanessa erhob sich. Die Managerin bedeutete ihr mit den Fingern, dass sie sich drehen sollte. »Haben Sie schon mal auf der Bühne gestanden?«, fragte Schneider und legte die Fingerkuppen aneinander wie bei einem Zelt.
   »Nein, noch nie.«
   »Würdest du es dir zutrauen?«, fragte Bille.
   »Warum nicht, sonst wäre ich ja nicht hier«, sagte Vanessa und hoffte, dass sie damit nicht zu frech gewesen war.
   Die Frau lächelte leicht.
   »Ich finde dich nicht schlecht, du bist ein Typ, auf den die Männer stehen. Die Klamotten sind natürlich furchtbar. Du studierst?«
   »Eigentlich schon, Germanistik.«
   Die Frau und Schneider tauschten einen verstehenden Blick. Schneider winkte sie zu sich und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die Frau nickte, nahm ihr Tablett wieder fest an sich und ging hinaus, ohne noch etwas zu sagen.
   Vanessa sah ihr verwundert nach.
   »Also, Sie müssen sich auf Mysterio einstellen. Er ist kein, nun, wie soll ich das sagen, einfacher Mensch. Die Arbeit selbst ist nicht schwer. Sie müssen sich natürlich in die Tricks einarbeiten. Das Wichtigste überhaupt ist absolute Verschwiegenheit. Sollten Sie hier aufhören, dürfen Sie mindestens fünf Jahre bei keinem anderen Magier unter Vertrag gehen. Ein bisschen technisches Verständnis brauchen Sie auch. Es gibt einige Mechanismen, die man kapieren muss. Folgen Sie mir bitte.«
   Sie verließen das Büro.
   Vanessa fühlte sich noch immer unruhig. Ihre Hände hatten sich verkrampft in dieser völlig ungewohnten Umgebung. Schneider wirkte undurchsichtig, diese Frau ebenfalls. Etwas in ihr riet zu sofortiger Flucht, aber sie riss sich zusammen und folgte dem Mann. Sie musste sich räuspern, um sprechen zu können. »Und was jetzt?«
   »Jetzt wollen wir ein wenig zaubern. Das soll schließlich Ihr Job werden, nicht wahr?« Schneider lachte laut auf.

Kapitel 3

Der junge Mann wurde ihr als Ronnie vorgestellt. Ronnie war etwas jünger als sie, groß, sehr schlank und trug Jeans, ein schwarzes Shirt und Sandalen ohne Socken. Er strich sich über seine blonde Föhnfrisur und strahlte sie an.
   Sie hatten sich auf einer kleinen Bühne in einem Nebenraum des Klubs versammelt. Vanessa schätzte, dass es rund fünfzig Sitze gab. Die Bühne war schwarz, der Zuschauerraum und die Bühne waren voll beleuchtet. Außer Bille und Schneider saß niemand auf den Stühlen, die wie im Kino hochgeklappt waren. Ronnie schüttelte Vanessa die Hand, lachte und griff ihr an die Nase. Wie von Geisterhand zog er eine riesige Papierblume hervor, es sah so aus, als käme sie aus ihrer Nase. Schneider lachte begeistert, Bille saß ruhig da, die Hände im Schoß gefaltet.
   Vanessa war ziemlich erschrocken, versuchte jedoch, sich ihre Verblüffung nicht allzu sehr anmerken zu lassen.
   Ronnie deutete nach links. Dort lagen auf einem dunklen Tisch alle möglichen Utensilien. Sofort stach Vanessa eine Art kleine Guillotine ins Auge. Doch Ronnie bat sie darum, ihm ein großes Kartenspiel zu reichen. Die einzelnen Karten maßen mindestens vierzig Zentimeter in der Länge. Er bildete damit geschickt einen Fächer für das Publikum und gab Vanessa die Karten zurück. »Mischen Sie sie«, sagte er, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
   Vanessa brauchte einen Moment, doch dann begriff sie instinktiv, wie sie die Karten halten musste, um sie trotz der Größe zu mischen.
   Ronnie nickte anerkennend, als sie ihm das Kartenspiel zurückreichte. Er fächerte es erneut. »Ziehen Sie eine Karte!«
   Vanessa konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Da sie die Karten gemischt hatte, wusste sie, was kam. Sie musste die Karte, es war die Herz Acht, zurückschieben. Ronnie zog blind die Herz Acht hervor.
   Schneider lachte. »Na, wie hat er das gemacht?«
   Vanessa sah Bille und Schneider im Zuschauerraum an. »Na, ganz einfach, die Karten sind markiert«, sagte sie ruhig. Die beiden sahen sie groß an. Sie nahm Ronnie das Spiel aus der Hand, drehte eine Karte, ohne sie anzusehen, ins Publikum. »Pik Bube.«
   Schneider lachte herzlich, und auch die ernste Bille zuckte mit den Lippen.
   Ronnie klatschte. »Du kannst Blindenschrift?«, fragte er.
   »Nein, was die Markierungen bedeuten, weiß ich nicht, aber da am Bühnenrand ist ein kleiner Spiegel, von dem aus man die großen Karten gut erkennen kann.«
   Bille hob ihre Hände und fing an zu klatschen.
   Für Schneider schien das so etwas wie der Ritterschlag zu sein. Er zeigte Ronnie, dass er zu der Guillotine gehen solle. Der nahm gleich den ganzen Tisch und rollte ihn zwischen sich und Vanessa. Das Gerät hatte zwei Öffnungen, eine große und eine kleine, die unterhalb des großen Lochs war. Ronnie nahm eine Möhre und hielt sie in das große Loch. Vanessa sah das blinkende Messer, das wie eine überdimensionale Rasierklinge wirkte. Er betätigte den Mechanismus an der Seite, die Klinge raste herab und zerschnitt die Möhre. Ronnie wartete einen Augenblick, damit das Geschehen seine volle Wirkung entfalten konnte.
   Mit einem breiten Grinsen nahm er eine zweite Möhre, die er dieses Mal in das kleinere Loch schob. »Leg deinen Arm in die obere Öffnung«, sagte er fröhlich.
   Vanessa besah sich die Klinge. Kein Zweifel, sie war absolut scharf. Die Wucht konnte ihr den Arm abtrennen, daran gab es nichts zu deuteln.
   Schneider hatte sich wieder nach hinten in den Sitz gelehnt, Bille ihre Hände im Schoß gefaltet.
   »Na, hast du Angst?« Ronnie grinste ironisch.
   Merkwürdig, sie müsste Angst haben, aufgeregt sein. Doch ihr Herz war vollkommen ruhig. Sie war entspannt, amüsiert, fühlte sich erstaunlich gut. Wie konnte das sein? Sie sah ihm in die Augen. »Na, dann los«, sagte sie trocken und schob ihren Arm in die Öffnung.
   Ronnie wartete einen Moment, um die Dramatik zu steigern. Dann betätigte er den Mechanismus, die Klinge sauste nach unten. Vanessa sah ihn ruhig an. Natürlich passierte nichts mit ihrem Arm, doch auch die zweite Möhre wurde geteilt.
   Schneider lachte wieder. »Sehr mutig.«
   »Mit Mut hatte das wenig zu tun.«
   Schneider konnte seine Freude kaum verbergen. »Warum? Immerhin wurden beide Möhren in zwei Teile geschnitten.«
   »Aber beim ersten Mal hat Ronnie den Hebel nach unten gedrückt. Beim zweiten Mal dagegen nach oben. Ich denke, beim ersten Versuch geht das Messer glatt nach unten. Drückt man den Mechanismus aber nach oben, wird etwas anderes in Gang gesetzt. Ich habe etwas am Arm gespürt, also war es ein Brett oder etwas in der Art. Vielleicht wurde damit eine zweite Klinge umgeklappt, die unten die Möhre zerschnitt. Also, ich stelle mir so eine Art L vor, eine Seite aus Holz oder Plastik, eine mit einem Messer.«
   Die drei sahen sie mit großen Augen an. Niemand sagte auch nur einen Ton.
   »Was machen Sie noch mal beruflich?«, fragte Justus Schneider nach einer ganzen Weile.
   »Ich gehe putzen.«
   »Sie haben noch nie mit solchen Sachen gearbeitet? Können Sie mir das schwören?«
   Vanessa sah auf die Guillotine. »Aber ja, ehrlich, ich habe das Ding zum ersten Mal gesehen. Hatte ich denn recht mit meiner Vermutung?«
   Bille biss sich auf die Lippen, Ronnie wippte auf den Fußspitzen auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. »Wie hießen Sie gleich?«, fragte er nach einer Weile.
   »Vanessa«, antwortete sie reichlich verwirrt.
   »Und Sie veralbern uns hier nicht, oder? Sie sehen so aus wie Sie aussehen, und Sie haben diese Dinge zum ersten Mal in Ihrem Leben gesehen. Sie wischen sonst Böden und spülen Geschirr.«
   »Aber ja doch, da ist nichts Ehrenrühriges dabei«, verteidigte sie sich trotzig. Was fiel diesem Idioten eigentlich ein. »Ich verdiene mein Geld so gut wie jeder andere Mensch auch!«

»Entschuldigung, das war eine blöde Bemerkung von mir.« Ronnie hob abwehrend die Hände. »Nun, Justus?«
   Der blickte nur groß.
   »Also, ich will es mal so sagen. Ich mache das hier beruflich, und wenn der Blödmann da unten Sie nicht vom Fleck weg engagiert, tue ich es. Und selbst wenn er es tut, bin ich kurz davor, zu sagen, ich biete das Doppelte. Aber wir sind alte Freunde. Justus, das ist der einzige Grund, warum du jetzt die einmalige Chance hast, sie zu engagieren. Aber das gilt nur für die nächsten fünf Minuten. Und den Preis, den du ihr zahlst, will ich hier oben auf der Bühne hören.« Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
   Schneider erhob sich schwerfällig, sprang dann aber behände auf die Bühne. »Jetzt soll ich dir wohl auch noch dankbar sein, was?« Er lachte. »Du alter Gauner.« Dann wandte er sich an Vanessa. »Ich engagiere Sie auf ein Jahr. Sie bekommen pro Abend hundertzwanzig Garantiesumme und zwei Prozent Umsatz.« Er tat, als würde ihm das sichtlich schwerfallen.
   In seinem Rücken schüttelte Ronnie den Kopf und hob vier Finger der rechten Hand.
   »Ich kann dich sehen, dort hinten hängt auch ein Spiegel, du Zaubergenie!«, sagte Schneider ohne sich umzudrehen. »Okay, drei Prozent und hundertdreißig, okay?«
   Vanessa wusste nicht genau, wie viel Geld das eigentlich war. Doch Ronnie bildete mit Daumen und Zeigefinger, das Zeichen für in Ordnung.
   Justus streckte ihr die Hand hin. Vanessa schlug ein.
   »Da hast du echt Schwein gehabt, alter Freund.« Ronnie lachte und schüttelte ihr ebenfalls die Hand. »Und passen Sie auf, wenn der alte Spinner Sie rausekelt, bin ich für Sie da!« Damit verschwand er hinter die Bühne.
   »Wer war das?«, fragte Vanessa, die in ihrem Kopf nur einen merkwürdigen, dumpfen Taumel fühlte.
   »Das war einer der besten Zauberer Deutschlands«, sagte Justus Schneider trocken. »Und ein ehemaliger Freund von mir!«

*

Der Wind strich ihr warm über das Gesicht, als sie sich auf den Weg nach Hause machte und an den Geschäften der Innenstadt vorbeilief. Was für eine Nacht, dachte sie immer wieder. Noch immer hatte Vanessa nicht richtig verstanden, was sie gerade erlebt hatte. Eigentlich hatte sie nur die wichtigsten Dinge verstanden. Sie hatte eine Arbeit und bekam dafür Geld. Sie überlegte immer wieder, wie viel sie denn nun bekommen würde, aber weder konnte sie besonders gut rechnen noch hatte sie genau verstanden, wie sich ihre Entlohnung überhaupt zusammensetzte. Letztlich war das auch unwichtig. Sie hatte gelernt, mit derart wenig Geld auszukommen, dass es mit Sicherheit für Miete, einen vollen Kühlschrank und vielleicht sogar für ein paar neue Klamotten reichen würde. Diese Bille hatte sie ein paar Mal abschätzig angesehen. Sogar die Reinigungskraft, die ihr die Tür geöffnet hatte, war besser gekleidet gewesen als sie. Zumindest hatte sie sich das eingebildet.
   Doch ihre Bemerkungen über diesen komischen Mechanismus von der Apparatur schienen sie irgendwie beeindruckt zu haben. Dabei war die Sache doch ganz klar. Dieser Ronnie hätte wohl kaum zugelassen, dass sie sich einen Arm abhacken würde. Vielleicht wirkte sie in den Augen dieser Menschen naiv, aber so dämlich war sie dann doch nicht.
   Sie blieb vor dem Fenster einer Boutique stehen und sah sich die Auslagen an. Das ausgestellte Sommerkleid kostete mehr, als sie in zwei Monaten zum Leben hatte. Sie lächelte leicht. Sollte sie wirklich gut verdienen, würde sie erst einmal etwas zurücklegen. Sie hatte schmerzvoll lernen müssen, wie leicht man so pleite sein konnte, dass es buchstäblich nichts mehr zu essen gab. In ihren Ohren rauschte das Blut. Allmählich dämmerte es ihr, dass sie vor Publikum würde auftreten müssen. Konnte sie das überhaupt? Gut, sie hatte ohne jede Hemmung auf dieser Bühne gestanden, aber im Zuschauerraum hatten nur zwei Menschen gesessen. Ein voll besetztes Haus war bestimmt eine andere Hausnummer. Andererseits gab es nichts, was man nicht lernen konnte.
   Justus Schneider hatte nicht gesagt, wie es weitergehen würde. Er hatte lediglich ihre Telefonnummer. Ronnie und Bille hatten ihr die Hand geschüttelt, sie kurz umarmt, das war schon alles gewesen. Wie lange würde es dauern, bis sie von ihm hörte? Vielleicht zog sich die Sache über Wochen hin, vielleicht hörte sie nie wieder von ihm. Der Schatten eines Zweifels zog sich durch ihre Gedanken wie eine dunkle Wolke an einem Sommerhimmel. Wer sollte Geld dafür bezahlen, dass sie auf einer Bühne stand? Für einen derart albernen Job.
   Sie drehte sich um und beeilte sich, aus der Nähe der Geschäfte zu kommen. Für einen Augenblick überfiel sie die merkwürdige Vorstellung, dass gleich jemand aus dem Laden kommen und sie zwingen würde, das teure Kleid zu kaufen, weil sie es angesehen hatte. Dabei war es in dem Geschäft dunkel, die Verkäufer längst daheim. Vielleicht saßen sie ja nicht vor dem Fernseher, sondern waren zu Ronnie in eine Vorstellung seiner Zauberkunst gegangen. Dieser Gedanke entspannte sie ein wenig und ließ ihre Schritte ruhiger werden.
   In ihrem bisherigen Leben hatte sie sich noch nie mit Magie und Zauberkunststücken auseinandergesetzt. Ronnie hatte ungeheuer geschickte Finger. Natürlich war das, was er und dieser Mysterio boten, keine wirkliche Zauberei, sondern reine Fingerfertigkeit. Es erstaunte sie, dass es für die meisten Leute offenbar schwer war, die Tricks zu durchschauen. Aber mit Sicherheit wirkte eine Show völlig anders, wenn Lichteffekte und Musik dazukamen. Außerdem war da ja noch die Assistentin, die das Publikum ablenken sollte. Jetzt stahl sich wieder ein Lächeln in ihr Gesicht. Sie hörte eine merkwürdige Melodie. Irritiert gab sie ihre Gedanken auf und begriff erst einige Sekunden später, dass ihr Mobiltelefon anschlug. Sie zog es hastig aus der Tasche, die Nummer war ihr unbekannt. War das schon Justus Schneider? Ihr Herz nahm ein wenig Tempo auf, sie meldete sich gespannt.
   »Nun, wie ist es gelaufen?«
   Sie erkannte Silvios Stimme sofort. »Ich muss es wohl erst einmal selbst verarbeiten, aber Herr Schneider hat mich eingestellt.«
   Eine kleine Pause entstand. »Na, das ist doch toll, wirklich toll.« Es klang ein wenig, als hätte Silvio nicht daran geglaubt, dass Vanessa die Arbeit erhalten würde. »Wie verlief denn das Gespräch?«
   Sie beschrieb, dass sie mit Justus Schneider gesprochen, dass sie Ronnie kennengelernt und mit ihm gezaubert hatte. Sie erwähnte auch die Tricks, aber nicht die Tatsache, dass sie ansatzlos die Funktionsweise durchschaut hatte. Während sie mit Silvio telefonierte, wanderte sie langsam durch die Innenstadt. Sie fühlte, wie die Schilderung der Ereignisse den Keim weiterer Aufregung in sich trug.
   »Ronnie? Sie haben mit einem Ronnie gezaubert?«
   Vanessa beschrieb den jungen Mann. »Er hat sich mir allerdings nur als Ronnie vorgestellt. Ich weiß nicht, ob er in dem Klub arbeitet oder als Magier sein Geld verdient.«
   »Im Klub arbeitet er bestimmt nicht. Sie haben mit Ronnie van Hof gearbeitet. Sagt Ihnen der Name nichts?«
   Vanessa musste passen.
   »Der Mann ist echt bekannt, schon einige Male im Fernsehen gewesen. Persönlich kenne ich ihn leider nicht. Aber wenn er Sie so gelobt hat, wie Sie es mir gerade erzählt haben, ist das ein echter Ritterschlag. Und das, bevor Sie begonnen haben. Ich will natürlich nicht indiskret sein, bin aber neugierig. Was zahlt Ihnen Schneider?«
   Sie wusste nicht, ob und wie sie auf die Frage reagieren sollte. Insofern gab sie naiv das wieder, was ihr Schneider gesagt hatte.
   Silvio schien durchaus beeindruckt. »Das ist völlig in Ordnung. Hat er Ihnen gesagt, wann es losgehen soll?«
   »Ehrlich gesagt, nein. Irgendwie beunruhigt mich das ein wenig.«
   »Das braucht es nicht, alles klingt sehr gut. Machen Sie sich einen entspannten Abend. Feiern Sie Ihren Erfolg mit Ihrem Freund!«
   »Ich habe keinen Freund«, sagte Vanessa, die durch die Wortwahl Silvios doch irritiert war.
   »Oh, dann rufen Sie einige Freunde an.«

Es wäre ein Armutszeugnis, zu sagen, dass sie auch damit kaum dienen konnte. Sie hatte einige Bekannte, aber wirkliche Freunde waren bei ihr Mangelware. »Mal sehen. Und, was machen Sie heute Abend noch?« Nachdem sie den Satz beendet hatte, fiel ihr auf, dass es klang, als wäre es eine Einladung an Silvio gewesen.
   »Ich gehe gleich essen, mit einem Bekannten.«
   »Oh, na, dann wünsche ich Ihnen guten Hunger.« Sie beendete das Gespräch und schob das Telefon nachdenklich zurück in die Tasche. Sie konnte es sich nicht erklären, aber plötzlich war sie ein wenig enttäuscht.

*

Justus Schneider meldete sich am nächsten Morgen, als sie sich auf den Weg zu einer ihrer Reinigungsstellen machen wollte. Er bat sie für den Abend in sein Büro, das nicht im Tarantula lag. Er nannte ihr aufgeräumt die Adresse, machte noch ein paar lockere Bemerkungen und beendete das Telefonat.
   Sie war den ganzen Tag aufgeregt und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Bei der Arbeit war sie unachtsam, fast übertrieben hektisch und riss schließlich eine kleine Vase um, die in tausend Teile zerbrach. Zum Glück nahm es ihre Chefin mit Humor und zog ihr nichts von dem ohnehin kärglichen Lohn ab.
   Wieder zu Hause duschte sie ausgiebig und widmete sich erneut der Frage der Kleidung. Ihr Kleiderschrank bot wenig Alternativen. Draußen regnete es in Strömen. Sie entschied sich schließlich für Jeans, die passten immer.

Sie erreichte das Büro von Schneider fast auf die Minute pünktlich. Dieses Mal hatte sie den Bus genommen, um nicht verschwitzt zu sein. Das Büro lag im sechsten Stock eines Hochhauses, in dem es Dutzende von Firmen aller Art gab. Selbst am Abend herrschte hier noch rege Betriebsamkeit.
   Sie fuhr mit zwei jungen Männern in dunklen Anzügen im Aufzug nach oben. Die beiden Männer musterten sie und lächelten sie schließlich an. Sie erwiderte das Lächeln. Der Aufzug stoppte, sie sprang hinaus, noch ehe die Männer etwas sagen konnten, und stellte fest, dass ihr das noch nie passiert war. Hatte sie durch die Zusage eine andere Ausstrahlung bekommen?
   Vanessa hatte ihre Haare mit einer dunklen Spange nach hinten gebändigt. In einer plötzlichen Eingebung entfernte sie diese und schob sie in die Tasche, ehe sie das Büro betrat. Sie schüttelte noch einmal ihr Haar und drückte die Klingel.
   Schneider öffnete ihr und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. Er trug wieder eine dunkle Hose und ein lässig aufgekrempeltes Hemd. »Ah, das ist schön, treten Sie ein.« Er machte eine einladende Handbewegung und führte sie durch ein verwaistes Vorzimmer in einen größeren Raum. Lange Reihen von Bücherregalen umrundeten eine Sitzecke und einen weiteren kleinen Tisch außerhalb der Polstermöbel. Auf diesem Tisch stand eine ansehnliche Batterie von Flaschen. Der Mann, der am Fenster stand und etwas theatralisch in die Ferne gestarrt hatte, drehte sich um. Noch ehe Justus Schneider sie beide bekannt machen konnte, wusste Vanessa, wen sie vor sich hatte.
   »Darf ich bekannt machen? Vanessa Kaja, das ist Mysterio, oder mit bürgerlichem Namen Michael Krahnewinkel. Michael, das ist Vanessa, deine neue Assistentin.«
   Krahnewinkel zog die Augenbrauen hoch, die fast über seiner Nase zusammenwuchsen. Er war eine beeindruckende Erscheinung, bestimmt fast zwei Meter groß, über hundertzwanzig Kilo schwer, mit schulterlangen, dunklen Haaren und einem spitz zulaufenden Kinnbart. Er trug einen voluminösen, schwarzen, fast sackähnlichen Umhang mit Ärmeln, der bis zu den Schuhen reichte. Er verströmte eine Aura von Respekt und Souveränität. Er nickte nur und streckte Vanessa seine sauber manikürte Hand entgegen, an der am kleinen Finger ein schwerer Siegelring prangte. Für einen Moment sah er sie durchdringend an, als wolle er sie hypnotisieren.
   Doch sie sah jetzt auch die feinen, roten Äderchen um die Nase und auf den Pupillen. »Es freut mich sehr«, sagte sie respektvoll. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, einen Knicks machen zu müssen, doch sie hielt sich zurück.
   »Ich habe also wieder mal kein Mitspracherecht bei der Auswahl der Frau, die mit mir die Bühne teilen soll?« Seine Stimme klang düster und drohend.
   Schneider sog die Luft scharf ein. »Das Thema hatten wir doch schon, Micha, oder?« Näher ging er nicht auf die Bemerkung ein.
   »Ja, das hatten wir schon!« Mysterio ging einen Schritt zurück und sah Vanessa an, als begutachtete er ein Pferd, das er zu kaufen beabsichtigte. Gleich würde sie den Mund aufmachen müssen, damit er ihre Zähne prüfen konnte. Sie durfte ihre Lippen geschlossen halten.
   »Aber du hast einen ausgezeichneten Geschmack bewiesen«, sagte er und lächelte schmal.
   Vanessa fühlte sich von seinem Lachen nicht wirklich beruhigt. Sie drehte sich halb zu Schneider, der durchaus erleichtert schien. Offenbar hatte er mit einer schlechteren Reaktion Mysterios gerechnet. »Was wollen Sie trinken?« Schneider deutete auf die Batterie von Flaschen, die allesamt nach starkem Alkohol aussahen.
   »Am liebsten einen Kaffee oder eine Diät-Cola«, sagte Vanessa. Zu ihrer Überraschung ging Schneider ansatzlos zu einem kleinen Kühlschrank in einem der Regale, den sie bisher übersehen hatte, öffnete ihn und nahm eine Diät-Cola heraus, die er öffnete und ihr mit einem Glas, in das er einige Eiswürfel getan hatte, reichte.
   Mysterio schien die Wahl weniger zu beeindrucken. Er nahm ein Glas und füllte es mit einer bräunlichen Flüssigkeit aus einer der Flaschen. Die Hälfte des Glases leerte er in einem Zug. Er hob das Glas noch einmal an. »Glauben Sie an Zauberei?« Er machte eine ausholende Geste.
   »Nun, das kommt auf den Kontext an. Aber insgesamt bin ich eher Realistin«, sagte Vanessa ruhig und nahm einen Schluck. Mysterio lachte übertrieben. »Es gibt viele Dinge, die Ihnen Ihre Schulweisheit nicht erklären kann.«
   Vanessa wusste nicht recht, wie sie reagieren sollte.
   »Es gibt auch viele Dinge, die mir meine Schulweisheit zwar erklären kann, aber ich bin zu blöd, sie zu verstehen«, sagte Justus Schneider und sah Mysterio wieder scharf an. Offenbar kannte er diese Show schon und war entsprechend vorbereitet.
   Mysterio leerte sein Glas, sah einen Augenblick auf den Boden. Dann schenkte er noch mal nach.
   Man muss kein Experte sein, um zu begreifen, wo sein Problem liegt, dachte Vanessa.
   Justus Schneider bot ihr einen Platz an und nahm sich eine Mappe, die auf dem Sofa der Sitzecke lag. »Ich habe hier den Vertrag.« Er zog ein mehrseitiges, geheftetes Dokument heraus. »Sie können es sich zu Hause in Ruhe durchlesen, oder Sie können es auch gleich unterschreiben.« Er gab ihr die Papiere. Vanessa las nur Arbeitsvertrag als Überschrift. Den Rest des Textes überflog sie, ohne auch nur ein Wort des Inhaltes wirklich zu erfassen. Sie bat Justus um einen Stift und unterschrieb auf der letzten Seite.
   »Sonst vergesse ich es nur.« Sie lachte etwas gekünstelt. Im Hintergrund schnaubte Krahnewinkel bereits, ganz offensichtlich fühlte er sich bei diesem Akt übergangen.
   »Welche Bühnenerfahrung bringen Sie denn mit, junge Frau?«, fragte er unvermittelt und starrte dabei aus dem Fenster.
   Vanessa sah Justus etwas hilflos an, der nur unmerklich nickte. »Oh, ich freue mich darauf, mit dem Meister der Illusion dort stehen zu können. Ich hoffe, ich kann mich angemessen verhalten und werde viel von Ihnen lernen.«
   Das schien dem großen Michael Krahnewinkel alias Mysterio durchaus zu gefallen. Er wippte auf den Fußspitzen und drehte sich langsam um. Er starrte sie wieder an.
   Vanessa versuchte, möglichst unterwürfig dreinzublicken.
   Justus Schneider grinste leicht.
   »Vielleicht war deine Wahl gar nicht so schlecht«, sagte er plötzlich. »Das Geschäft der Illusion ist erbärmlich und undankbar. Sie werden mit kritischen Geistern konfrontiert, die keinen Sinn für Zauberei haben und nur versuchen, irgendwelche Techniken oder Tricks zu durchschauen.« Das Wort Tricks spuckte er fast aus. »Kein Mensch ist mehr in der Lage, sich auf eine Illusion einzulassen, in einem Zauber zu versinken.« Er malte mit großen Gesten Bilder in die Luft. »Wir haben verlernt zu glauben, zu vertrauen, wir sind nur noch Kritik, Verachtung, Sarkasmus. Die Spötter regieren die Welt.« Seine Stimme wurde dunkel und laut. »Aber wenn Sie lernen wollen, freue ich mich darauf, Sie in ein Reich zu führen, das nur wenigen vorbehalten ist, junge Dame.« Er deutete so etwas wie eine Verbeugung an und leerte sein Glas erneut.
   »Es ist schon spät, ich muss mich vorbereiten. Es wäre mir eine Ehre, wenn Sie sich meinen Auftritt ansehen.« Er lächelte schmal, wartete nicht auf die Antwort, sondern ging mit weit ausladenden Schritten aus dem Raum. Hinter ihm rauschte die Tür ins Schloss.
   Vanessa sah Justus mit großen Augen an.
   »Sie verstehen mein Problem?« Er nahm ein Glas und schenkte einen kleinen Schluck aus einer milchig weißen Flasche ein.
   »Ja, ich habe verstanden. Trinkt er schon lange?«
   Justus nahm einen kleinen Schluck. »Auf jeden Fall trinkt er schon zu lange und zu viel. Am Anfang habe ich es nicht einmal bemerkt. Auf Feiern schenkte er sich eben gern mal einen ein, wer achtet schon auf so etwas? Micha ist ein breiter, großer Kerl, der verträgt schon einen Stiefel. Als ich ihn unter Vertrag nahm, war er ein kleines Licht in der Welt der Magie. Seine Wirkung war sein Blick, seine Gesten, seine Erscheinung. Ich buchte ihn für das Fernsehen, dadurch wurde er populär. Sie können Leute über das Fernsehen ganz anders vermarkten als über klassische Bühnenauftritte. Auf der Bühne ist er eher zweitklassig, aber das dürfen Sie ihm nie im Leben sagen. Doch im Fernsehen wirkte seine Optik anders. Abgesehen davon hat man technisch viel bessere Möglichkeiten, mit Tricks und Licht zu arbeiten. Die Leute kannten seinen Namen und besuchten deshalb die Shows. Menschen, die man aus der Glotze kennt, möchte man auch live sehen, das ist fast ein Zwang.« Er lachte trocken auf.
   »Ich kann Ihnen nicht mal sagen, wann die Sache kippte. Er wurde zunehmend aggressiver, eigensinniger, die Phasen, die er zur Erholung brauchte, wurden länger. Normalerweise bilden Assistentin und Zauberer ein festes Team, trennen sich nur ganz selten. Bei Mysterio sind Sie, das muss ich ehrlich zugeben, bereits die dritte Frau, mit der wir es versuchen.«
   »Meinen Sie, er wird noch lange durchhalten?« Vanessa war ernsthaft beunruhigt. Die Sache hatte also doch einen Haken, und zwar einen gewaltigen.
   »Das wird Ihnen niemand ernsthaft beantworten können. Aber er ist ein zäher Bursche. Ich persönlich traue ihm noch einige Jahre zu.«
   »Und was wird aus mir, wenn er umkippt und nicht mehr auftreten kann?«
   »Ich weiß es nicht. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass ich, wenn er nicht mehr in der Lage ist, aufzutreten, für geeigneten Ersatz sorgen werde.«
   »Aber mein Schicksal ist mit seinem verknüpft, oder? Geht er unter, gehe ich mit.« Sie erinnerte sich an die rot geäderten Augen. Hatte Sie nicht auch eine ziemliche Fahne gerochen? Dieser Mann würde keine vier Wochen durchhalten. Und sie saß anschließend wieder auf der Straße.
   Justus schien ihre Gedanken gelesen zu haben. »Aber nein, denken Sie nicht daran, gleich wieder aufhören zu müssen. Wir würden in diesem Fall schon etwas für Sie finden. Aber zunächst ist Mysterio noch fit, das kann auch noch Jahre so weitergehen. Kümmern Sie sich ein wenig um ihn, achten Sie darauf, dass er nicht zu viel trinkt. Und, was mindestens genauso wichtig ist, lernen Sie seine Tricks möglichst schnell kennen. Sollte auf der Bühne etwas passieren, sollten Sie in der Lage sein, zumindest kleinere Pannen überspielen zu können. Erarbeiten Sie sich auch selbst ein paar Tricks, das schult Ihre Finger und Ihr Auge. Micha muss sich auf Sie verlassen können, ohne dass er es genau weiß. In seiner Welt muss er selbstverständlich der große, nie versagende Magier sein. Verstehen Sie, worauf ich hinaus will?«
   »Sie suchen einen Babysitter für einen alkoholkranken Mann, damit er noch möglichst lange arbeitet, um Geld zu verdienen.«
   Justus blieb ernst. »Ja, das auch. Aber, ob Sie es nun glauben oder nicht, ich fühle auch eine Verantwortung für diesen Mann. Er war eines meiner ersten Zugpferde. Nicht nur er wurde bekannt, ich stieg ebenfalls mit ihm auf und lernte viele Leute kennen, zum Beispiel Bille, die sie gestern Abend gesehen haben. Ich habe eine Verantwortung ihm gegenüber, deshalb würde ich ihm nicht jede x-beliebige Frau an die Seite stellen.«
   »Freut mich zu hören, dass ich nicht x-beliebig bin«, sagte Vanessa ironisch.
   Justus leerte sein Glas und sah sie ruhig über den Rand hinweg an. »Nein«, sagte er leise, »das sind Sie wirklich nicht.«
   Vanessa hatte das Gefühl, als würden seine Worte ganz sanft über ihre Wange streichen.
   Justus Schneider erhob sich. »Und nun werde ich Ihnen einmal den großen Mysterio bei der Arbeit zeigen, damit Sie einen Eindruck bekommen, was Sie genau erwartet.« Er machte eine einladende Handbewegung zu einer Tür zwischen zwei Bücherregalen hin und führte sie in einen nüchtern wirkenden Fernsehraum mit einem großen Apparat und einigen Stühlen davor. Ansonsten war der Raum so gut wie kahl, außer, dass neben dem Schreibtisch auf einem Tisch Papiere gestapelt waren.
   Sie setzten sich und Justus startete eine Aufnahme, nachdem er seitlich an den Fernseher einen USB-Stick eingesteckt hatte. »Das sind Aufnahmen aus der Münsterlandhalle, die Show ist vor drei Wochen gelaufen. Sie werden zwei Frauen mit ihm auf der Bühne sehen. Für die Blonde stellen Sie sich einfach mal vor, das wären Sie.« Er grinste breit.
   Die Aufnahme begann. Vanessa wusste nicht, ob sie mehr auf die attraktive Blondine achten sollte oder Mysterio, der die Bühne beherrschte. Die beiden Frauen, von denen Justus gesprochen hatte, waren rechts und links von dem Magier postiert. Sie sahen aus, als hätte man ihnen das Grinsen ins Gesicht gemeißelt. Doch Vanessa musste zugeben, dass die blonde Frau absolut fantastisch aussah. Und mit dieser Erscheinung sollte sie konkurrieren? Ganz offensichtlich hatten einige Menschen akute Störungen ihrer Wahrnehmung.
   Im Gegensatz zu seiner leicht betrunkenen Erscheinung von eben wirkte Mysterio bei dem Auftritt sicher, beherrscht und absolut kontrolliert. Jede seiner schnellen Bewegungen war exakt auf dem Punkt. Er drehte einen Metallring in der Luft, bis dieser plötzlich Feuer fing, irgendwann stoppte und voll besetzt war mit weißen Tauben.
   »Ich hoffe, Sie haben nichts gegen Tiere?«
   »Nein, kein Problem. Ich habe allerdings eher mit Kaninchen gerechnet als mit Tauben.«
   »Keine Angst, die kommen in diesem Programm nicht vor.« Vanessa nickte nur und konzentrierte sich wieder auf die Show. Die beiden Frauen standen die meiste Zeit nur daneben und lächelten. Ab und zu nahmen sie Mysterio etwas aus der Hand, reichten ihm Stäbe, Bälle oder ähnliche Utensilien. Wirkliche Showeinlagen kamen von einigen Tänzern, die über die Bühne wirbelten. Plötzlich blitzte es, und die Tänzer waren verschwunden. Vanessa zuckte zusammen, damit hatte sie nicht gerechnet.
   Justus lachte auf. »Ja, langsam kommt er in Fahrt.«
   Er hatte recht. Der erste Teil der Show war eher etwas behäbig gewesen, doch nun wurden auch die Assistentinnen gefordert. Die blonde Frau musste in einen mächtigen Wassertank klettern und wurde dort eingeschlossen.
   »Können Sie schwimmen?« Wieder lachte Justus. Die Show bereitete ihm offensichtlich Freude.
   »Ich kann schwimmen und bin nicht wasserscheu, danke der Nachfrage.« Vanessa beunruhigte eher der knappe Bikini der Assistentin. So sollte sie sich auf offener Bühne vor all den Leuten präsentieren? Aber noch, während sie das dachte, schrie sie schon wieder auf. Von unten schoss ein Hai auf die Blondine zu. Das Wasser färbte sich rot. Vanessa konnte nicht anders, sie krampfte sich um die Lehnen ihres Stuhles.
   »Das ist doch wohl ein schlechter Scherz, oder?«
   »Nein, das ist der Grund, weshalb ich öfter nach einer neuen Assistentin für Micha suche.« Justus schüttete sich aus vor Lachen. Aber das war doch kein Scherz. Der Vorhang fiel, einige Männer in Overalls rannten aufgeregt über die Bühne. Auch die Zuschauer blieben nicht ruhig. Im nächsten Moment wurde alles dunkel, man hörte nur die aufgeregten Stimmen aus dem Publikum. Mysterio schwebte mit ausgebreiteten Händen von oben herab. Die Bühne öffnete sich, es sah aus, als würde er in den Wassertank tauchen, dessen Inhalt tatsächlich rot gefärbt war. Nach wenigen Sekunden kam er vollkommen trocken mit der Assistentin auf seinen Armen heraus, die aussah, als wäre sie verletzt. Er landete mit ihr auf der Bühne. Obwohl Vanessa in diesem Moment begriff, dass alles zur Show gehörte, starrte sie mit offenem Mund auf das Geschehen. Natürlich ahnte auch das Publikum, was nun folgen würde. Mysterio breitete ein Tuch über die nasse Frau, die auf der Bühne lag und zu bluten schien. Er machte einige ausladende Bewegungen, sah aus, als müsse er sich höllisch konzentrieren. Im nächsten Augenblick riss er das Tuch fort, die Frau stand auf, gänzlich trocken, im Abendkleid und natürlich unverletzt.
   Vanessa hatte nicht einmal eine grobe Ahnung, wie dieser Effekt erzielt worden war.
   Die Kamera zoomte die Blondine nah heran. Sie zwinkerte in die Kamera und hielt den Zeigefinger hoch, an dem ein Pflaster klebte. Das Publikum lachte erleichtert und spendete tosenden Beifall. »Na, was sagen Sie?« Justus schaltete den Apparat aus.
   »Ich bin ja nicht gerade erfahren mit solchen Vorführungen, aber das Ende hat mich schon beeindruckt. Das war doch kein echter Hai, oder?«
   »Doch, wir haben einen ausgewachsenen Tigerhai, der mit Ihnen in dem Bassin schwimmt. Meist ist er aber satt und will nur spielen.«
   »Sie wollen mich veralbern!« Vanessa schürzte die Lippen.
   »Aber nein … na schön, was hat mich verraten?«
   »Tigerhaie fressen nur Manager, die junge, verunsicherte Frauen verladen wollen. Die werden allerdings auch nicht von einem Zauberer gerettet. Aber die Outfits der Frau waren schon gewagt, vor allem der Bikini zum Schluss.«
   »Was soll ich sagen? Ich könnte jetzt einen langen Vortrag über den künstlerischen Ausdruck bringen, aber ich mache es kürzer: Erotik verkauft sich nun mal.«
   »Und was hat das mit mir zu tun?« Vanessa merkte, wie unangenehm ihr das Thema war. Erst jetzt schien Justus zum ersten Mal zu verstehen, dass Vanessa mit einer solchen Kleidung Schwierigkeiten haben könnte.
   »Sagen Sie mal, ich habe es ja bisher nicht so richtig verstanden, aber ich muss Sie mal ganz direkt fragen: Wie ist es um Ihr Selbstbewusstsein bestellt?«
   »Keine Ahnung, völlig normal, denke ich.«
   »Was glauben Sie, welche Wirkung haben Sie auf Männer?«
   Vanessa lachte etwas zu laut auf. Die Sache wurde ihr immer unangenehmer. »Fragen Sie die Männer.«
   Justus überlegte einen Moment lang. »Wenn ich Ihnen sage, dass Sie eine äußerst attraktive Frau sind, das würden Sie mir nicht glauben, oder? Nein, ich denke, Sie verstecken sich ja geradezu in Ihren Klamotten. Gehen Sie doch morgen mal in die City und kaufen Sie sich was Nettes. Probieren Sie etwas aus. Morgen Nachmittag sind die ersten Proben mit Mysterio, aber vorher haben Sie Zeit. Nett wäre auch ein guter Stylist.« Er machte eine eigenartige Bewegung in Richtung der Haare.
   »Das ist leider nicht so einfach«, sagte Vanessa. Jetzt wurde die Sache wirklich peinlich. Sie zögerte einen Moment. »Ich bin in den vergangenen Monaten sauber machen gegangen.«
   »Das ist doch nicht schlimm … oh, ich bin ein Idiot, entschuldigen Sie.« Er erhob sich, verließ den Raum und kam nach ein paar Minuten zurück.
   Vanessa war damit beschäftigt, sich einzureden, dass er sie nun gleich wieder hinauswerfen würde. Er gab ihr einen Umschlag und eine Quittung. »Da brauche ich Ihr Autogramm«, sagte er. Sie unterschrieb, ohne zu lesen. Erst dann verstand sie, dass in dem Umschlag Geld war.
   »Hier ist außerdem Ihr Plan für die nächste Woche. Sie haben Gymnastik, Tanztraining, zwei Stylingtermine und Coaching. Außerdem nehmen Sie an den Proben mit Micha teil. Einen Abend gehen Sie auch mal in die Show. Nein, eigentlich könnten wir auch zusammen dort hingehen, wäre doch nett. Am besten passt mir der nächste Dienstag.« Damit stand er auf und drückte ihr fast förmlich die Hand. Vanessa brachte ein Lächeln zustande, obwohl in ihrem Kopf die Gedanken durcheinandertrudelten. Die Art, wie er sie ansah, trug in keiner Weise dazu bei, diese Überlegungen in irgendeiner Form zu bändigen.

Kapitel 4

Erst, als sie vor dem Bürogebäude in der Nacht stand, wagte Vanessa es, den Umschlag zu öffnen. Ein Bündel Fünfziger lachte ihr entgegen. Nein, sie hatte sich geirrt, es waren auch einige Hunderter dabei. Sie hatte bisher nur ein oder zweimal einen Hunderteuroschein gesehen. Sie schätzte die Summe auf über tausend Euro, die ihr Justus einfach so in die Hand gedrückt hatte. Also hatte er wohl nicht vor, sie zu entlassen.
   So gut es ging, stopfte sie den Umschlag mit dem wertvollen Inhalt in die Innenseite ihrer Jeans. Wann hatte sie je so viel Geld bei sich getragen? Aber noch etwas anderes beschäftigte sie. Die Art, wie Justus Schneider sie angesehen hatte, ihr die Hand drückte, mit ihr sprach, all das ließ in ihr den Eindruck reifen, dass er sie nicht nur als eine Assistentin für Mysterio sah, sondern mehr für sie empfand.
   Der Gedanke machte sie vollkommen hilflos. Justus Schneider sah ziemlich gut aus, er machte den Eindruck eines erfolgreichen Managers, er trat sicher und überlegen auf, war trotzdem klug und einfühlsam. Nach Silvio war er schon der zweite Mann in den vergangenen Tagen, den sie so erlebte. Wobei Silvio deutlich schüchterner und unsicherer wirkte. Aber auch er sah gut aus. Was war nur mit ihrem Leben passiert? Plötzlich hatte sie Geld in der Tasche und war von tollen Männern umgeben. Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen, schoss es ihr durch den Kopf, während sie durch die Straßen lief, um ihren Kopf klar zu bekommen. Durch den Regen hatte es sich merklich abgekühlt. Aber die Kälte weckte ihre Lebensgeister.
   Sofort stiegen ihr wieder die Zweifel in den Kopf. Sie hatte gesehen, wie die Assistentinnen arbeiteten. Würde sie in der Lage sein, diesen Job auszufüllen? Offenbar hegte ihre Umwelt keinerlei Zweifel an dieser Tatsache. Die einzige Ausnahme bildete sie selbst. Konnte sie sich so bewegen? Ihr war es wiederholt aufgefallen, wie die Frauen ihre Füße drehten, wenn sie etwas präsentierten. So konnte sie sich unmöglich hinstellen. Dazu kamen die gewagten Klamotten. Der Bikini war natürlich die Krönung gewesen, aber auch schon vorher hatten sie hoch geschlitzte Kleider und hautenge Trikots getragen. So konnte sie sich unmöglich der Öffentlichkeit präsentieren.
   Auf ihrem Weg nach Hause sah sie sich immer wieder um, doch niemand folgte ihr oder machte Anstalten, sie zu überfallen.
   Zu Hause ließ sie sich erst einmal auf das Bett fallen. Wieder hörte sie, wie das Blut in ihren Ohren rauschte. Die Zimmerdecke schien sich zu drehen. Langsam musste sie sich wirklich Sorgen um ihren Kreislauf machen, dachte sie. Aber nein, erklärte ihr eine andere Stimme. Das hier war erst der Anfang. Sie zog umständlich den Umschlag hervor, der inzwischen bedenkliche Knicke erhalten hatte. Dann zählte sie mit angehaltenem Atem das Geld. Es waren eintausendzweihundert Euro. Sie bekam einen Schluckauf, weil sie zu gierig wieder nach Luft geschnappt hatte. Nein, kein Zweifel, das war ein verrückter Traum, und sie war, aus welchem Grund auch immer, da hineingeraten. Sie schaltete ihre Musikanlage an und sang laut zu Frida Gold mit. Wenn es sowieso ein Traum war, konnte sie schließlich tun, was immer sie wollte. Morgen würde sie wieder aufwachen, putzen gehen, alles wäre vorbei, der Geruch der Gummihandschuhe würde wieder an ihren Händen kleben, kleine Schweißperlen in ein Waschbecken tropfen, das so nach Zitrone roch, wie nie eine Zitrone gerochen hatte. Und dann würde sie sich erinnern, nur für einen Moment noch einmal so tanzen, wie sie es jetzt tat, hier, allein, nur für sich. Wehe, du kneifst mich, sagte sie, als das Lied langsam ausblendete, wehe, du weckst mich auf. Noch ein Lied, nur noch ein einziges Lied soll in meinen Traum gehören, ein Lied von zwei Prinzen, die um mich streiten. Komm, wir fliegen zusammen, wir fliehen aus diesem bunten Grau, wir müssen hier raus, bevor es uns frisst. Sie fiel auf das Bett, direkt zwischen die Geldscheine. Morgen bin ich wach, alles, alles ist dann vorbei.
   Sie gähnte, ihre Nerven flatterten noch immer, suchten vergeblich nach Ruhe, rannten in jeden Winkel ihres Gehirns, aber sie fanden nichts, was ihnen half, Frieden zu finden. Es waren endlose, graue Gänge, die die Nerven laufen mussten. Sie wurden gescheucht von einem Klingeln, einem lauten, bohrenden Klingeln, immer wieder dieses Klingeln. Vanessa schlug die Augen auf, sie war auf ihrem Bett trotz der dröhnenden Musik eingeschlafen. Und jetzt schellte es an der Tür. Der MP3-Player war verstummt, blinkte nur noch, um zu zeigen, dass er bald an Strommangel sterben würde. Vanessa schaltete ihn mechanisch aus. Sie sah auf die Uhr, es war halb zwei.
   Erst jetzt verstand sie, dass das Klingeln von ihrem Handy kam. Es war die Nachricht, dass sie eine SMS bekommen hatte. Mühsam robbte sie über die Matratze, nahm ihr Telefon und las die Kurznachricht. Treffen uns morgen um elf zum Shoppen. Ich hole dich ab. Gruß, Bille stand da in kleinen, schwarzen Buchstaben. Vanessa brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass ihr die Klub-Besitzerin geschrieben hatte. Sie wollte morgen früh mit ihr einkaufen gehen. Vanessa rappelte sich auf, schälte sich aus ihrer Kleidung und schlüpfte in ein Nachthemd, das Bille vermutlich nicht gekauft hätte. Es war hellrot und hatte auf der Brust eine große, leuchtende, gelbe Ente. Aber sie würde es ja nicht zu Gesicht bekommen, wenn sie es unter dem Bett versteckte.
   Doch warum sollte diese Bille mit ihr einkaufen gehen wollen? Sie kannten sich überhaupt nicht, hatten sich bloß einmal gesehen. Die Antwort lag für Vanessa auf der Hand, nachdem sie ein wenig beim Zähneputzen nachgedacht hatte. Offenbar hatte Justus Schneider sie auf sie angesetzt. Er traute ihr vermutlich nicht zu, die richtigen Kaufentscheidungen zu treffen. Offensichtlich traute er dies Bille sehr wohl zu. War das nun eine Beleidigung? Vanessa horchte in sich hinein und fühlte sich nicht gekränkt. Erstens hatte sie nicht das Gefühl, dass Justus etwas tun würde, um sie zu kränken, eher im Gegenteil. Zweitens musste er mächtig unter Druck wegen des Zauberers stehen. Bestimmt hatte er Angst, jede Menge Geld zu verlieren, wenn Mysterio seinen Dienst quittierte, weil er sich den Verstand endgültig weggesoffen hatte. Und drittens war Vanessa tatsächlich ein bisschen unsicher, in welche Läden sie gehen und was sie kaufen sollte. Das waren drei gute Gründe, nicht beleidigt zu sein. Sie spuckte ins Waschbecken und spülte mit Mundwasser nach.
   Schließlich kroch sie ins Bett, aus dem sie vorher sorgfältig alle Scheine entfernt und in Sicherheit gebracht hatte. Nur langsam glitt sie in einen unruhigen Schlaf hinüber. Heute war der wahrscheinlich verrückteste Tag in ihrem Leben gewesen, sagte sie sich.

*

Bille war fast auf die Minute pünktlich.
   Eigentlich hätte Vanessa an diesem Vormittag bei einer älteren Frau sauber machen müssen, doch sie hatte sie angerufen und den Termin abgesagt. Eine Weile hatte sie überlegt, dann die Frau erneut angerufen und ihr erklärt, dass sie eine Arbeit gefunden hätte und den Job daher nicht mehr machen könne. Dann hatte sie bei ihrer anderen Stelle angerufen und gleichfalls gekündigt.
   Anschließend hatte sie einige Euro ihres eigenen Geldes und einen kleinen Teil des Vorschusses genommen, zusammen fünfhundert Euro. Sie war zu lang pleite gewesen, um das ganze Geld nun an einem Vormittag auf den Kopf zu hauen. Sie nahm die kleine Geldscheinrolle und schob sie in den hohlen Stiel ihrer Stehlampe. Egal, was noch kommen würde, eine kleine Reserve würde sie zurückbehalten. Und wenn sie tatsächlich noch mehr verdiente, würde sie immer einen Teil des Geldes hier parken. Sie drehte den Fuß der Lampe wieder zu und stellte sie zurück in die Ecke. »Ich werde nie wieder eine ganze Woche nur die billigen Nudeln aus dem Discounter essen, weil ich sonst nichts habe«, sagte sie und umklammerte dabei den Fuß der Lampe. Es hatte wie ein kleiner Schwur geklungen.
   Bille trug ein braunes Wickelkleid, das sie wie eine Inderin aussehen ließ. Bei Tageslicht fiel Vanessa auf, dass sie überhaupt ein asiatisch geschnittenes Gesicht hatte, was durch die langen, dunklen Haare und den Mittelscheitel noch betont wurde. Sie stand ernst in der Tür. »Guten Morgen«, sagte sie spröde und lächelte nur andeutungsweise.
   »Komm doch rein, möchtest du einen Kaffee?«, fragte Vanessa aufgeräumt. Sie hatte gut geschlafen und war unendlich gespannt auf den Tag.
   »Ich trinke keinen Kaffee. Vielleicht ein Wasser oder einen grünen Tee?«
   Vor einigen Monaten hatte Vanessa von einer Bekannten ein Päckchen merkwürdigen Tee geschenkt bekommen und nie getrunken. Sie kramte es hervor. »Magst du den?«
   Bille nickte. »Oh, eine gute Wahl, sehr schön, ich nehme gern eine Tasse.« Ihre Stimme klang, als hätte sie Vanessa eine solch gute Wahl überhaupt nicht zugetraut. Damit lag sie ja auch nicht ganz falsch.
   Vanessa brühte den Tee auf. »Ich war überrascht, dass du mich zum Einkaufen begleiten willst.« Sie konnte ja unmöglich so tun, als wären sie die ältesten Freundinnen.
   »Du ahnst, dass mich Justus gebeten hat? Ich hoffe, du nimmst es ihm und mir nicht übel, aber er meinte, du wärst vielleicht unsicher.«
   »Aber nein, das ist vollkommen in Ordnung«, sagte Vanessa leichthin. »Ich scheue mich nicht, Hilfe anzunehmen, im Gegenteil. Nimmst du Zucker in deinen Tee?« Sie sah an Billes entsetzten Blick, dass das offensichtlich nicht der Fall war. Sie stellte die Tasse auf ihren einzigen Tisch im Wohnzimmer.
   Bille setzte sich.
   »Bille, steht das für Sybille?«
   »Sybille? O nein, viele hier in Deutschland nennen mich Bille, es steht für Nabila. Das ist ein indischer Name.«
   Also hatte sie mit ihrer Einschätzung nicht sehr danebengelegen. »Dann kommst du aus Indien?« Vanessa stutzte bei ihren eigenen Worten, denn eigentlich war es eine ziemlich dämliche Frage gewesen, die sie gerade gestellt hatte.
   »Genau genommen komme ich aus Pakistan, meine Eltern sind katholisch. Ich bin als kleines Mädchen nach Deutschland gekommen, mein Vater war Diplomat.«
   »Und wie wird man Besitzerin eines Klubs?«
   »Ich verwalte den Klub nur. Nun ja, genauer gesagt, verwalte ich mehrere Klubs. Es hat sich einfach so ergeben. Ich habe Ökonomie studiert. Zuerst habe ich nebenbei gekellnert, dann angefangen, dort die Bücher zu führen. Und schließlich bin ich in einem der Läden hängen geblieben. Weshalb, kann ich dir heute auch nicht mehr sagen. Aber vermutlich sind die meisten Biografien nicht gerade. Dabei höre ich eigentlich nur klassische Musik.« Sie zeigte ein schmales Lächeln über ihre Teetasse hinweg. »Wie bist du an die Arbeit gekommen?«
   Vanessa erzählte offen, dass sie bei einer Frau geputzt hatte, die dann gestorben war, wie sie Silvio Tomaso auf der Beerdigung kennengelernt hatte und er ihr, noch auf Bitten seiner Großmutter hin, ein Gespräch mit Justus Schneider vermittelt hatte. »Du hast Justus vorher nicht gekannt?« In der Stimme von Bille lag Misstrauen.
   »Nein, ich hatte ihn noch nie gesehen.« Sie fühlte sich ein wenig wie bei einem Polizeiverhör. Und da wurde es ihr schlagartig klar, dass nicht Justus Bille den Auftrag gegeben hatte, sondern Bille bestimmt ihn gefragt hatte, ob sie sie unterstützen könne. Das Motiv dafür lag auf der Hand: Die beiden waren entweder schon ein Paar oder Bille war zumindest verliebt in Justus!
   Bille schien mit dieser Aussage zumindest vorerst zufrieden zu sein und zeigte wieder ihr bezauberndes, kleines Lächeln. »Dann sollten wir jetzt starten.«
   Vor dem Haus wollte Vanessa automatisch zur Bushaltestelle gehen, doch Bille führte sie zu einem kleinen Sportwagen.
   Unter Leuten mit Geld schien man sich Fahrzeuge zu kaufen, die das Ein- und Aussteigen erheblich erschwerten. Vanessa quetschte sich auf den Beifahrersitz.
   Bille steuerte in der Innenstadt in eines der Parkhäuser. Sie fuhr allerdings nicht nach oben, sondern nach unten zu den reservierten Stellplätzen. Vanessa sah, dass sie dort eine eigene Stellfläche hatte, die mit ihrem Nummernschild für ihren Wagen reserviert war.
   Die folgenden Stunden fühlte sich Vanessa wie einem Rausch. Bille führte sie in Läden, in denen sie nie zuvor einkaufen gewesen war. Freundliche, überschminkte, junge Frauen holten immer wieder neue Kleidungsstücke heran. Sie waren sogar in dem Geschäft, vor welchem Vanessa erst vor Kurzem stehen geblieben war. Sie wurde wortreich über die neuesten Trends aufgeklärt und war froh, dass Bille nicht in ihren Schrank gesehen hatte.
   Das Geld schmolz wie Schnee in der Sonne und Vanessa war froh über ihre Eingebung, dass sie etwas beiseitegelegt hatte. Die Preise erschreckten sie immer wieder. Schließlich war ihr Budget schneller aufgebraucht als gedacht.
   Trotzdem steuerte Bille auf einen weiteren Laden zu.
   »Halt«, sagte Vanessa. »Ich habe kein Geld mehr.«
   »Du hast nicht mal einen Bikini.«
   »Der wird warten müssen, schließlich will er auch bezahlt werden.«
   Bille machte nur eine wegwerfende Handbewegung. Sie und die Verkäuferin rieten Vanessa zu einem Hauch von Nichts. »So kann ich unmöglich auf die Straße gehen.«
   »Das würde wirklich nicht passen. Aber du sollst damit ja auch nur auf der Bühne stehen.«
   Vanessa konnte nicht einordnen, was an dieser Bemerkung ernst und was Ironie war. Bille hatte keine Miene dabei verzogen.
   Sie hatten Schwierigkeiten, die sperrigen Taschen und Tüten in dem kleinen Auto zu verstauen. Bille steuerte den kleinen Flitzer geschickt durch den Verkehr zurück nach Hause. Sie half Vanessa beim Ausladen und machte Anstalten, weiterzufahren.
   »Willst du noch einen Tee?«
   Bille kam auf sie zu, nahm sie kurz in den Arm und deutete zwei Wangenküsse an. »Nein, ich muss arbeiten. Ich hab schon viel Zeit verloren, die ich wieder aufholen muss.« Sie sah Vanessa fest in die Augen. »Es war gut, dir zu helfen. Ich denke, du wirst deinen Weg machen, wenn du an dir arbeitest.« Sie machte eine kleine Pause. »Nur eines solltest du nicht vergessen, Justus gehört mir. Solltest du etwas anderes wollen, hast du ein Problem.« Bille schenkte ihr einen versteinerten Blick.
   Vanessa ging vor Schreck einen Schritt zurück und hob die Hände. »Nein, nein, wirklich nicht! Ich habe nicht das geringste Interesse und wünsche euch alles Gute.«
   Bille lächelte. »Viel Glück heute, du wirst es schaffen.« Damit brauste sie davon. Vanessa hob die Tüten auf, die auf dem Bürgersteig standen. Egal, was auch passieren würde, Justus Schneider würde sie nie im Leben anfassen, das schwor sie sich in diesem Augenblick. Bille wollte sie auf keinen Fall zur Feindin haben.

*

Zwei Stunden hatte sie bereits hier gestanden, allmählich schmerzten ihre Füße.
   Im Video hatte sie den agilen, geheimnisvollen und souveränen Mysterio kennengelernt, jetzt erlebte sie das Gegenteil. Am Nachmittag hatte sie zunächst Marion Radinowicz begrüßen können, die sie bereits bei den Aufnahmen gesehen hatte. Marion war anscheinend immer gut gelaunt, schnatterte sofort von irgendwelchen Partys los und strahlte wie ein leckgeschlagenes Atomkraftwerk. Sie war einen halben Kopf größer als Vanessa, hatte ein ebenmäßiges Gesicht mit einer kleinen, spitzen Nase. Nach einer halben Stunde hatte Vanessa erfahren, dass Nase, Stirn und Busen operiert worden waren, um Mutter Natur auf die Sprünge zu helfen.
   Vanessa hatte ihren Busen immer als ein wenig zu groß empfunden, aber er war nichts im Vergleich zu den Brüsten von Marion, die vom Körper abstanden wie zwei reife Honigmelonen. In Proportion zu der schmalen Taille sah es ständig so aus, als würde sie gleich nach vorn fallen, ohne wieder aufstehen zu können.
   In einem kleinen Umkleidezimmer hatte sie Vanessa erste Tipps für ein Make-up gegeben, dabei immer wieder gekichert und beharrlich an ihren Brüsten herumgedrückt, die ihr ganzer Stolz zu sein schienen. »Das Wichtigste ist, dass du immer lächelst, egal, was kommt. Ich habe mir mal am Anfang einer Show einen Zeh gebrochen, ich bin gegen so einen verdammten Kanister gestoßen. Tat weh wie die Hölle – aber du musst immer weiterlächeln!«
   Marion beherzigte diesen Ratschlag eisern. Mysterio stand auf der kleinen Bühne im Klub vor ihr und schrie sich die Seele aus dem Leib. Marion stand daneben und strahlte mit den Scheinwerfern um die Wette.
   »Echte Kohle machst du hier mit den Jobs nebenbei«, hatte sie Vanessa schon vor der Show verraten. »Ich habe ein Shooting bei einem Männermagazin auf Jamaika. Bringt eine Woche Urlaub und dreitausend Euro dazu.« Dabei hatte sie gestrahlt.
   Vanessa hatte sich eingestehen müssen, dass es nicht ihrem Wunschtraum entsprach, sich nackt im Sand zu wälzen, nicht mal für dreitausend Euro, wenn sie damit die Vorlage für zahlreiche Männer bot, was auch immer an sich zu tun.
   Mysterio riss an einem Tuch herum. »Wer besorgt solchen Schrott? Das kann doch nicht wahr sein!« Dabei schlug er sich immer wieder mit der flachen Hand vor die Stirn.
   Ein junger Mann rannte auf die Bühne, nestelte an dem Tuch herum, murmelte etwas Unverständliches und wollte sich dann so schnell wie möglich von der Bühne bewegen.
   Doch da hatte er die Rechnung ohne den bulligen Magier gemacht. »Welches Arschloch ist für die Bühne verantwortlich?« Er stampfte immer wieder mit dem Fuß auf dem Boden herum. Von den Falltüren dort erfuhr Vanessa erst später.
   Die Antwort des Mannes ging im Gebrüll von Mysterio unter. »Was bildet ihr euch eigentlich ein, mit wem ihr hier arbeitet? Es hängt, es hängt, es hängt!« Und jedes Hängen wurde von einem Fußtritt begleitet.
   Der Mann nahm sich einen Schraubenzieher und werkelte damit eifrig am Boden herum.
   Mysterio schoss auf Marion zu, Vanessa hielt instinktiv die Luft an.
   »Sag mal, was ist denn heute mit dir los? Wie oft haben wir die verschissenen Schritte geübt? Drei Schritte vorwärts, Präsentation, Lächeln, dann gibst du diesen blöden Kasten mir. Was denkst du, wer ich bin? Piko, der Pausenclown? Du bist dafür verantwortlich, dass das Scheißding in meinen Händen ist und reibungslos funktioniert!« Er nahm einen bunten Kasten und schüttelte ihn, nichts rührte sich. Marion, immer noch ein etwas deplatziert wirkendes Grinsen im Gesicht, nahm den Kasten in beide Hände, präsentierte ihn als leer, schüttelte einmal, und wie von Geisterhand sprang eine Taube hervor und flog Richtung Zuschauersitze.
   »Na toll, jetzt scheißt das Vieh überall hin«, rief Mysterio, der sich vorgeführt fühlte. Er drehte ab und schoss an dem Mechaniker vorbei. »Solang das Arschloch hier ist, bin ich an der Bar!« Damit war er verschwunden.
   Vanessa sah ihm fassungslos nach.
   Marion legte ruhig den Kasten beiseite und strahlte immer noch, als hätte sie eben im Lotto gewonnen.
   Langsam wurde es Vanessa unheimlich.
   »So«, sagte Marion, »jetzt können wir anfangen.« Das Grinsen wich einem normalen, entspannt wirkenden Lächeln.
   »Sag mal, wie hältst du das nur aus?« Vanessa dröhnten immer noch die Ohren.
   Marion zupfte ihre Korsage zurecht. »Aushalten? Was denn? Ach, den Irren?« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung mit ihren perfekt gestylten, bunt beklebten Fingernägeln. »Den hör ich gar nicht mehr. Wir müssen nachher daran denken, deine Kostüme in deiner Größe zu bestellen. Ach, ich beneide dich um deinen tollen Busen. Der ist doch echt, oder? Meiner sieht ja super aus, aber ich glaube, ich kriege immer Kopfweh von den Scheißimplantaten.«
   Vanessa hatte Mühe, ihren Gedanken zu folgen. »Aber Mysterio ist doch weg, was sollen wir machen?«
   »Ach du Schaf, ich zeige dir die Tricks. Der große Meister ist doch ohne uns eine Null. Was meinst du, wie viele seiner Nummern ich schon gerettet habe. Irgendwann hat sich seine letzte Gehirnzelle im Alkohol aufgelöst.«
   Marion, die einen so oberflächlichen Eindruck gemacht hatte, erstaunte Vanessa. In den nächsten beiden Stunden erfuhr sie eine Menge über geheime Spiegel, die Illusion, die man mit Licht schaffen konnte und Fingerfertigkeit. Was sie allerdings am meisten begeisterte, war die Tatsache, dass ihr die Arbeit nicht nur leichtfiel, sondern ein ziemliches Geschick in der Handhabung der Zauberutensilien zeigte. Marion hatte sichtlichen Spaß an den Erklärungen. Sie vergaßen mehr und mehr die Zeit, Mysterio war wie vom Erdboden verschluckt.
   »Ich finde es erstaunlich, dass du so viel über diese Zaubertricks weißt«, sagte Vanessa irgendwann anerkennend.
   »Ach, vieles habe ich mir einfach abgeschaut oder von Lena gelernt. Das war deine Vorgängerin. Er ist ja nicht der erste Zauberer, für den ich arbeite. Ist eigentlich leicht verdientes Geld.«
   »Aber warum erklärst du mir alles so bereitwillig?«
   »Ja, aber sonst weißt du es doch nicht.« Marion sah sie mit einem Achselzucken und voll entwaffnender Unschuld an.
   »Mit deinem Wissen könntest du doch eine Menge Geld verdienen.«

»Ich? Nein, nie im Leben. Die Leute sehen in mir die sexy Begleitung zu Micha. Sie würden mich nie ernst nehmen. Als Frau, wenn du so aussiehst wie ich, hast du keine Chance in einem seriösen Job. Ich könnte mir höchstens die Haare abschneiden, eine Brille aufsetzen und mich in ein Büro setzen. Aber das bin ich nicht. Ich brauche Scheinwerfer, Applaus. Ich zeige mich gern, und ich denke, ich bin ganz ansehnlich. Aber die Menschen würden es nie verstehen, wenn ich auch Grips hätte. Also knipse ich mein Lächeln an, spiele die Naive und kassiere. Irgendwann habe ich genug Kohle zusammen, dann trete ich Micha noch einmal in den Hintern und setze mich ab. Kennst du das nicht auch, dass man dich nicht ernst nimmt? Ich meine, bei deinem Body, und alles ist original!«
   »Was ist mit meiner Figur? Nein, ich muss sagen, dass mir das alles hier noch ziemlich schwerfällt. Eigentlich wollte ich nie auf meinen Körper reduziert werden.«
   »Das erklärt deinen Pulli, als du hier reinkamst. Darf ich dir einen Tipp geben? Verbrenn ihn, aber ganz schnell! Was hast du denn bisher gemacht?«
   »Zuletzt habe ich geputzt!« Die Ehrlichkeit von Marion war ansteckend.
   »Und jetzt bist du hier, ist doch cool! Die rote Korsage wird hammermäßig bei dir aussehen. Und geschickte Finger hast du auch. Weißt du übrigens, wie dieser Kasten funktioniert, mit dem Micha nie richtig umgehen kann?«
   Vanessa zuckte mit den Schultern. »Inzwischen kenne ich ein oder zwei der Prinzipien dieser Show. Ich denke, ein schräger Spiegel, der einen Boden vortäuscht, wo keiner ist. Man hält ihn nicht ganz gerade, dreht ihn, dann kann man die Taube hineinsetzen.«
   »Fast, die Taube ist schon auf der Rückseite drin, hier in der Vorrichtung hinter dem Spiegel.« Sie lachte. »Gefällt dir die Zauberei?«
   Vanessa musste zugeben, dass ihr die Sache wirklich Spaß bereitete. »Dann denk mal an eine Zahl zwischen eins und vier.« Marion sah sie erwartungsvoll an.
   Vanessa nickte.
   »Okay, an welche Zahl hast du gedacht?«
   »An die Drei.«
   Marion drehte den Kasten um die eigene Achse. Dort stand in großen Buchstaben: Ich wusste, du würdest die Drei wählen!
   Vanessa lachte. Sie prüfte die Schrift, nichts war beweglich. Also hatte Marion nicht an der Schrift manipuliert. »Was hättest du gemacht, wenn ich zwei gesagt hätte?«
   Marion bückte sich und hob eine Tafel vom Boden auf. Dort stand: Ich wusste, du würdest an die Zwei denken!
   Beide lachten.
   »Solche Spielchen sind immer gut, wenn er seine fünf Minuten hat.«
   »Das ist wirklich verrückt. Ich hatte ziemliche Angst, dass ich die Sache hier nicht packen würde. Und nun sitze ich hier mit dir auf der Bühne und fühle mich gut. Ich finde es unglaublich, dass du dein Licht so unter den Scheffel stellst.«
   »Was mache ich?«
   »Na, du machst dich doch kleiner als du bist. So ein bisschen habe ich den Eindruck, als würdest du hier alles managen.«
   »Nein, das ist auch wieder Quatsch. Du hast Micha noch nicht erlebt, wenn er in Form ist. Er kann die Leute wirklich mitreißen. In der alten Show hatte er eine Hypnosenummer. Das klingt echt langweilig, aber wenn er die Leute so durchdringend ansah, verging jedem das Lachen. Und die Nummer mit dem Hai! Damit ist er einmalig hier in Europa. So was findest du sonst nur in Vegas!«
   »Die Nummer habe ich als Video gesehen. Wie funktioniert das? Ich meine, unter der Bühne wird doch kein Hai lauern, oder?«
   »Aber doch, natürlich.« Marion sah sie verblüfft an, dann lachte sie wieder. »Nein, natürlich nicht, so etwas ist doch technisch nicht möglich. Es ist nur eine Projektion. Aber die Nummer ist nicht ohne. Ich kann sie nicht machen, da ich nicht tauchen kann. Ich sage es dir nicht gern, aber den Part wirst du übernehmen müssen.« Sie schürzte die Lippen.
   Vanessa stellte fest, dass sie mehr Angst vor dem Auftritt im Bikini hatte als vor dem Tauchen. Sie war immer eine passable Schwimmerin gewesen. Und dass aus der Tiefe ein Hai schießen würde, um sie zu zerfleischen, daran hatte sie nie wirklich geglaubt.
   »Ich weiß echt nicht, was du hast, du kannst dich doch sehen lassen«, sagte Marion.
   »Das scheint mir seit ein paar Tagen jeder sagen zu wollen.«
   »Kannst du tanzen? Und jonglieren?« Marion war in ihrem Element. Niemand schien am heutigen Abend auftreten zu wollen. Vanessa bekam von Marion Unterricht in allem, was der so einfiel. Ihr gefiel ihre offene, ans Naive grenzende Art, die gemischt war mit Geschick und einer Schlauheit, die sie hinter den ganzen Operationen und der Oberflächlichkeit nie vermutet hätte.

Vanessa war erst nach Mitternacht zu Hause. Marion hatte ihr gesagt, dass sie noch in den Klub zum Feiern wolle, aber Vanessa war froh, als sie endlich in ihrem Bett lag. Die Welt drehte sich um sie, als wäre sie ein kleines Kind und gerade aus einem Karussell gestiegen. Wie lange würde sie dieses Leben durchhalten?

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