Drei Morde und der Schmuggel von fünfhundert Kilogramm Kokain. Die Beweise gegen Jared Paxton sind erdrückend. Er landet im Gefängnis und entgeht nur knapp einem Mordanschlag. Für ihn gibt es nur eine Chance, sein Leben zu retten und herauszufinden, wer ihn hinter Gitter gebracht hat – Flucht. Als sich die Möglichkeit ergibt, lässt er sie nicht verstreichen, sondern nimmt eine Geisel und erpresst sich den Weg in die Freiheit. Die Frau, die er entführt, ist keine Unbekannte für ihn. Glaubt sie an seine Unschuld? Wird sie ihm helfen, den wahren Mörder zu finden? Und spürt sie ebenfalls dieses Kribbeln, wenn sich ihre Hände berühren?

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ISBN: 978-9963-53-060-1

Seiten: 275

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Jane Luc

Jane Luc
Jane Luc lebt im Großraum Stuttgart. Sie machte 1995 in Dresden ihr Abitur und zog anschließend nach Baden-Württemberg, um Polizistin zu werden. Nach ihrem Studium an der Fachhochschule für Polizei in Villingen Schwenningen wechselte sie 2002 zur Kriminalpolizei, wo sie auch jetzt noch arbeitet. Jane bringt ihre Diensterfahrungen und ihr kriminalistisches Wissen in ihre Bücher ein. Das ist ein Grund, warum sie Kriminalromane schreibt. Der andere ist, dass sie einer spannenden Geschichte einfach nicht widerstehen kann.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
New York City

Die drei Blutlachen schimmerten in den letzten Sonnenstrahlen des Tages, die durch die hohen, vergitterten Fenster in die Lagerhalle fielen. Staubkörnchen schwebten in den Lichtbahnen, bevor sie sich sanft auf den dickflüssigen, nach Kupfer riechenden Pfützen niederließen.
   Er zog vorsichtig Jared Paxtons Pistole aus dem Plastikbeutel. Putz spritzte auf, als er zwei Schüsse in die gegenüberliegende Wand feuerte. Zufrieden schob er die Waffe unter eine alte Holzkiste und ließ seinen Blick ein letztes Mal aufmerksam durch die Halle gleiten, in der sich außer dem Blut nur ein wenig Gerümpel befand.
   Er hatte alles erledigt und wandte sich zur Tür.
   In der zunehmenden Dämmerung war das Echo seiner Schritte das einzige Geräusch.

Am nächsten Tag
»Notrufzentrale. Welchen Notfall möchten Sie melden?«
   »Im Lagerhaus 8643 Brownstreet wurden drei Menschen umgebracht. Esteban Moreno, Kelly Andrews und Leon Cook.«
   »Können Sie mir mehr dazu sagen, Sir?«
   »Nein.«
   »Nennen Sie mir bitte Ihren Namen, Sir. Sir? Hallo?«

Kapitel 1
Crockett, Texas

Jared verließ die Reisehöhe. Die Maschine ging in den Sinkflug über. Er reduzierte die Leistung und zog die Vergaservorwärmung. Mit einem Blick auf das Foto seiner Exfrau, das am Armaturenbrett klemmte, begann er den Gegenanflug. Fünfhundert Fuß über Grund schaltete er die Benzinpumpe ein und stellte die Propellerdrehzahl auf Maximum. Er verringerte die Geschwindigkeit, fuhr die Landeklappen aus. Das Flugzeug schwebte über der Landebahn aus. Mit einem Holpern, das er sich zu Militärzeiten nicht geleistet hätte, setzte er auf dem dunklen Untergrund auf. Das Landen auf einem winzigen Flugplatz kurz hinter der mexikanischen Grenze, mitten in der Nacht  – mit tausend Pfund Kokain an Bord  – war kein Vergnügen. Doch er hatte das schon besser hinbekommen. In Zukunft musste er sich unbedingt die Zeit nehmen und öfter in ein Flugzeug steigen als zum Erhalt seiner Lizenz notwendig war. Automatisch schaltete er die Vergaservorwärmung aus und fuhr die Landeklappen ein. Er bremste ab. Die Maschine rollte aus. Neben einem heruntergekommenen kleinen Hangar brachte er sie in die Parkposition.
   Nirgendwo ein Anzeichen von Esteban Moreno und seinen Leuten. Er schaltete den Motor aus und steckte das Foto seiner Exfrau in die Brieftasche. Die meisten Leute fanden es sicher bescheuert, ein Bild der Frau mit sich herumzutragen, die ihn vor sieben Monaten vor die Tür gesetzt hatte und ganz begierig darauf war, endlich von ihm geschieden zu werden. Er trug ihr Bild nicht aus Sympathie mit sich herum. Zur Zeit ihres Kennenlernens hatte er als Air-Force-Pilot große Maschinen über sämtlichen Krisengebieten der Welt geflogen. Er hatte ihr Bild mit ins Cockpit genommen, damit sie ihm Glück brachte. Dort hing es seitdem bei jedem Flug. Nein, Jared Paxton war nicht sentimental. Er war abergläubisch. Verdammt abergläubisch. Er würde niemals vom Boden abheben, wenn das Foto nicht an seinem Armaturenbrett klemmte. Wenn sie zwanzig Jahre geschieden waren und sie das Leben lebte, das sie so unbedingt führen wollte  – verheiratet mit einem Collegeprofessor, mit zwei Teenagerkindern und einem Hund in einem Vorstadthäuschen  – würde ihn ihr Bild immer noch auf seine Flüge begleiten. Er warf einen letzten Blick auf das abgegriffene Papier mit der strahlend lachenden Blondine, klappte die Brieftasche zu, hob seine Hüfte ein wenig an und schob das Portemonnaie in die Gesäßtasche seiner Jeans.
   Mit der linken Hand stieß er die Tür des Cockpits auf und atmete die schwere, feuchte Luft ein, die die klimatisierte Kühle im Flugzeug verdrängte. Über dem kleinen Flughafen lag ohrenbetäubende Stille. Die Härchen auf seinen Armen stellten sich umgehend auf. Langsam zog er die Glock aus seinem Hosenbund. Die Gedanken an seine Exfrau hatten ihn einen Moment abgelenkt, aber seine Instinkte funktionierten nach wie vor ausgesprochen gut. Viel zu oft war er in Kriegs- und Krisengebieten gewesen. Er konnte die Gefahr geradezu riechen. Sie waberte mit der schweißtreibenden Schwüle ins Cockpit.
   Wo steckten Esteban und seine Leute? Seit Ted Hudson den Flug auf diesen Flugplatz umgeleitet hatte, hatte sich niemand mehr bei ihm gemeldet. Er war davon ausgegangen, dass sie ihn erwarteten und das Kokain, das in Sporttaschen im Frachtraum lag, sofort umluden. Doch niemand von der »Familie«, wie Esteban es nannte, war hier. Stattdessen tauchte eine Handvoll schwarz gekleideter Männer aus den Schatten der Nacht auf und richtete ihre Waffen auf ihn.
   Jared zählte auf den ersten Blick zwei Pistolen, zwei MPs und eine Pumpgun. Verdammt. Er hatte zu lange gezögert. Jetzt würde er nicht mehr unbemerkt aus dem Cockpit gelangen. Er erkannte die Schutzwesten, die sie trugen, bemerkte die Abzeichen auf ihren Ärmeln. Das war ein SWAT-Team. Scheiße. Was wollten die Cops hier? Fieberhaft überlegte er, ob er sein Handy ausgeschaltet und irgendetwas nicht mitbekommen hatte. War etwas schiefgelaufen? Hatte man Esteban festgenommen? Er kam nicht dazu, sich großartig Gedanken zu machen. Er wusste nur eins.
   Er saß in der Falle.
   »Waffe weg.« Die Stimme des Mannes, der in der Dunkelheit vor ihm stand, war ruhig und befehlsgewohnt. Er war der Boss. Jared hätte wetten können, dass sich der Puls des Cops wahrscheinlich nicht einmal um drei Schläge erhöhte. Er hatte ebenfalls gelernt, in Ausnahmesituationen nicht durchzudrehen. Deshalb war er nicht weniger ruhig als sein Gegenüber. Er wusste genau, was jetzt kam. Es war unvermeidlich. Ganz langsam hob er die Glock und legte sie auf das Armaturenbrett.
   »Aussteigen!« Der Sprecher der Gruppe steckte die Pistole weg und löste ein Paar Handschellen von seinem Einsatzgürtel.
   Jared trat auf die Trittleiter des Cockpits. Er hatte den Fuß auf die zweite Stufe gestellt, als der Cop ihn am Arm nach vorn riss. Das hatte er erwartet, aber er konnte sich nicht dagegen wehren  – denn dann hätten sie ihn durchsiebt wie eine alte Erbsendose auf dem Schießplatz. Er stürzte auf den asphaltierten Boden, der Hitze und Feuchtigkeit gefangen hielt. Sie drangen von unten durch seine Kleidung und seine Haut.
   »Emilio Martinez, ich verhafte Sie wegen der Einfuhr von eintausend Pfund Kokain in die Vereinigten Staaten von Amerika.«

Ferry Pass, Florida
Stanley Williamson musste sich beherrschen, um nicht nervös mit den Fingerspitzen auf seinem Oberschenkel herumzutrommeln. Der Schweiß rann unter seinem Hemd, über dem er noch Krawatte und Jackett trug, in Bächen seinen Rücken hinab. Diese widerliche Südstaatenluft an der Grenze zwischen Florida und Louisiana raubte ihm den letzten Nerv. Ebenso wie Sharon Tallford. Allerdings waren ihr die Kleidervorschriften egal. Sie hatte irgendwann stöhnend und mit viel Gewese ihre Kostümjacke ausgezogen und die Ärmel ihrer weißen Bluse aufgerollt. Unter ihren Achseln hatten sich Schweißflecken gebildet, die denen auf seinem Rücken in nichts nachstanden.
   Stanley hatte keine Ahnung, wie George Campbell das machte. Kühl und unbeweglich saß er zwischen Tallford und ihm und starrte mit ausdrucksloser Miene auf die Anzeigen in ihrem fensterlosen, zu einem Überwachungswagen umgebauten Van. Campbell schwitzte nicht. Er sagte nichts. Er starrte einfach nur mit völlig unlesbaren Gesichtszügen auf das GPS und das Radar, das zwar arbeitete wie verrückt, aber kein sich näherndes Objekt anzeigte. Alle waren auf ihren Positionen. Estebans Männer warteten auf Emilio Martinez. Ihre Leute standen bereit, um den Sack zuzumachen, sobald er landete. Sie würden sowohl hier als auch in New York, wo ebenfalls alles vorbereitet worden war, zuschlagen.
   Stanley ließ sich vom Blinken des GPS hypnotisieren und widerstand dem Bedürfnis, einen Schweißtropfen, der aus seinem Haaransatz rollte und sich an seinem Auge vorbei einen Weg über seine Wange nach unten suchte, wegzuwischen. Er kitzelte ihn, aber Campbell würde es als Schwäche auslegen, wenn er deshalb sein Taschentuch aus der Hosentasche zog. Er rief sich ins Gedächtnis, dass es ihn schlimmer hätte treffen können. Als Mitglied des Zugriffstrupps läge er jetzt mit Schutzweste und Helm draußen in der schwülheißen Nacht und ließe sich von den Mücken auffressen.
   Wo blieb nur dieses verdammte Flugzeug? Das GPS-Signal, das die Position des Wagens von Estebans Männern anzeigte, blinkte grün und träge vor sich hin. Die Übergabe hätte vor mehr als zwei Stunden stattfinden sollen. Aber sie warteten vergeblich. Die Abhörgeräte aus den beiden Lieferwagen sendeten nur vereinzelte, gemurmelte Kommentare. Wahrscheinlich schliefen die Gangster  – im Gegensatz zu ihm. Nun hatten sich seine Finger doch noch selbstständig gemacht und trommelten auf seinem Oberschenkel herum. Er zwang sich, stillzuhalten und presste die feuchte Handfläche fest auf sein Bein. Campbell hasste unruhige Typen, ganz egal, ob sie einen nervösen Abzugsfinger an der Waffe hatten, oder einen nervösen Tick. Stanley wollte Karriere machen und war deshalb freiwillig in Campbells Team eingestiegen. Sein Boss war das größte Arschloch, das die DEA zu bieten hatte. Aber er bekam die besten Fälle zugeteilt. Für jemanden, der die ganz große Karriere machen wollte, das perfekte Sprungbrett.
   Stanley würde es weit bringen. Im Gegensatz zu Tallford, die auf ihrem Platz herumrutschte und immer wieder an ihren Gürtel griff, wo ihr Handy summte. Campbell hasste es, wenn während eines Einsatzes telefoniert wurde. Stanleys Handy hatte ebenfalls schon dreimal in seiner Hosentasche vibriert. Er hatte die Anrufe selbstverständlich nicht angenommen. Er sah nicht einmal nach, wer etwas von ihm wollte.
   Tallford war anders. Sie war eine Frau und hielt sich nicht an Campbells ungeschriebene Regeln. Auf der Karriereleiter würde sie nicht besonders hoch klettern. Wenn es der Anrufer noch einmal probierte, würde sie das Telefonat annehmen. Es vibrierte wieder. Bingo. Tallford zog es aus der Hülle an ihrem Gürtel und meldete sich. Campbell ließ sich nicht stören und starrte unbeirrt auf die Monitore vor sich.
   Wo steckte bloß dieses verdammte Flugzeug?
   Tallford hatte nur ›Hallo‹ gesagt und hörte dem Anrufer schon eine geraume Weile zu. »Warte. Warte«, sagte sie jetzt. »Der Boss sitzt neben mir. Erzähl es ihm.« Sie nahm das Handy vom Ohr und hielt es Campbell hin. »Das New Yorker Büro, Sir.«
   Langsam drehte Campbell den Kopf in ihre Richtung. Einen langen Moment starrte er auf das Mobiltelefon, als überlegte er, ob er bereit war, diese Störung zu akzeptieren. Dann nahm er es in seine spinnenhaften Finger, wischte das Display an seinem Hosenbein ab und hielt es ans Ohr. »Ich höre.« Und das tat er auch. Sein Gesicht blieb ausdruckslos, und doch konnte Stanley eine feine Röte erkennen, die seine Züge zu überziehen begann. »Ich verstehe. Ja, tun Sie das. Ich kümmere mich um den Rest.« Er beendete das Gespräch und warf Tallford das Handy in den Schoß. Dann tippte er an die Sprechtaste seines Headsets. »An alle eingesetzten Kräfte. Abbruch! Ich wiederhole: Abbruch!« Ohne ein weiteres Wort streifte er den Kopfhörer ab und warf ihn in Richtung der Monitore, wo er abprallte und zu Boden fiel. Er stand auf, schob seinen hageren Körper an Tallford vorbei und verließ den Überwachungswagen.
   Verdammt. Was war passiert? Würde er jetzt ernsthaft seine Kollegin um Informationen anbetteln müssen? Sie sah zu ihm herüber und öffnete den Mund. Nein, er würde sie nicht lange bitten müssen. Sie war eine Frau und viel zu begierig darauf, ihre Informationen weiterzugeben.
   Bevor sie loslegen konnte, hörten sie über die Sprachübertragung der Wanze in einem der überwachten Lieferwagen ebenfalls ein Handy klingeln. Morenos Handlanger nahm den Anruf entgegen.
   Das statische Rauschen nahm zu, aber die Stimme des Mannes war gut verständlich. »Carlos, ich bin es, Tomas.« Esteban Morenos Cousin und rechte Hand.
   »Was geht, Alter?« Morenos Handlanger klang ungeduldig. »Wo bleibt das verdammte Flugzeug?«
   »Es wird nicht kommen. Wir wurden reingelegt. Hör zu, sammle deine Männer ein und sieh zu, dass du verschwindest.«
   »Was ist los, Alter? Du klingst nicht gut, gar nicht gut.« Es war eine von Carlos’ nervigsten Angewohnheiten, den letzten Teil eines Satzes zu wiederholen. Das hatten sie in den Monaten der Überwachung schmerzlich lernen müssen.
   In der Leitung blieb es kurz still. »Esteban ist tot.« Tomas räusperte sich, bevor er fortfuhr. »Er wurde erschossen. Ebenso wie Kelly und dieser Typ, Leon Cook. Ich weiß nicht, ob du den überhaupt kennst.«
   Stanleys Herz begann zu rasen. Sein Mund war mit einem Mal staubtrocken. Scheiße! Verdammte Scheiße! Ted Hudson, der verdeckte Ermittler, für den er verantwortlich war und der unter dem Decknamen Leon Cook in Esteban Morenos Drogenring eingeschleust worden war, war tot? Erschossen? Fast hätte er über das Brausen in seinen Ohren Tomas Morenos letzte Sätze überhört.
   »Sie haben Emilio Martinez’ Waffe gefunden. Sie ist offenbar die Tatwaffe. Wie es aussieht, hat sich Martinez mit dem Kokain abgesetzt.« Er knurrte. »Das wird ihm nichts nützen. Ich werde ihn finden, und dann gnade ihm Gott.«

Andover, Massachusetts
Er fuhr den Wagen am Ende der Gasse an den Straßenrand. Das ständige Klackern der Tastatur neben sich ging ihm schon seit einer Stunde auf die Nerven. »Gibt es etwas Neues?«
   »Nein«, kam die Antwort vom Beifahrersitz. »Drei Blutlachen in einem Lagerhaus, das Esteban Moreno gehört. Mehr bringen die Medien noch nicht.«
   »Gut. Hier ist es.« Unbehaglich sah er in Richtung des alten Häuschens. Die Veranda war abgesackt und die Farbe blätterte von den Fensterläden. Der Garten schien allerdings liebevoll gepflegt zu werden. Alles in allem ganz ordentlich für eine Sechsundneunzigjährige, die immer noch ohne fremde Hilfe lebte.
   Er hatte seit Jahren nicht mehr mit seiner Großtante gesprochen  – und hätte es auch jetzt nicht getan, wenn sie nicht ihr Haus als vorübergehenden Unterschlupf benötigten. »Wir machen es wie besprochen. Ich kümmere mich um die Alte und du wartest hier, bis ich dir ein Zeichen gebe.«
   »Sicher. Beeil dich gefälligst ein bisschen. Ich muss pinkeln und habe keine Lust, ewig hier rumzuhocken.«
   Ja, ja. Er würde sich genau so viel Zeit lassen, wie er brauchte. Er hatte sich noch nie herumkommandieren lassen und würde jetzt nicht damit anfangen. Mit knackenden Knochen stieg er aus dem Wagen, streckte sich nach der langen Fahrt und ging über den Weg mit den gebrochenen Gehwegplatten zum Haus seiner Großtante. Auf sein Klopfen hin dauerte es lange, bis sie endlich erschien. Sie sah gebrechlicher aus, als er es sich vorgestellt hatte. Sie würden leichtes Spiel mit ihr haben.
   »Ja, bitte?«
   »Ich bin es, Tante Elsie. Erkennst du mich nicht mehr?«
   Sie musterte ihn einen langen Augenblick aus zusammengekniffenen Augen. »Jungchen. Bist du das wirklich?«
   Sie hatte ihn immer Jungchen genannt und er hatte es gehasst. Jetzt lächelte er sie an. »Genau, der bin ich.«
   »Sag das doch gleich. Meine alten Augen sehen nicht mehr so gut und mein Kopf arbeitet nicht mehr so schnell. Komm herein. Komm nur herein. Was für eine Überraschung. Ich habe das Gefühl, dich schon ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen zu haben. Wie geht es dir?«
   Er trat in die Diele. Das Haus roch muffig nach alter Frau, war aber recht ordentlich und sauber.
   »Möchtest du etwas zu trinken? Ich kann Eistee machen.«
   »Nein, danke. Ich würde gern etwas aus dem Keller holen, das ich beim letzten Mal hier liegen gelassen habe.«
   »Aus dem Keller? Da war ich ja schon seit Weihnachten nicht mehr. Ich wusste gar nicht, dass du dort etwas untergestellt hast.«
   »Hilfst du mir?«, überging er ihren Kommentar.
   »Sicher. Meine alten Beine brauchen zwar eine Weile, bis sie unten sind, aber eine Taschenlampe kann ich noch für dich halten, Jungchen.«
   Sie folgte ihm langsam die steilen Stufen hinunter. Unten angekommen sah er sich im Licht der funzligen Deckenlampe um. An der hinteren Wand stand ein alter Schemel. Das musste reichen. Er packte seine Großtante am Arm und führte sie in die Ecke. »Setz dich.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, drückte er sie auf den Hocker, zog ein Paar Handschellen aus seiner Gesäßtasche und schloss ihre Hände an einem Heizungsrohr fest. Ihre Handgelenke waren so dünn, dass sie fast durch das Metall gerutscht wären. Mit einer kräftigen Bewegung hätte er sie sicher brechen können wie trockene Zweige.
   Verwirrt sah sie zu ihm auf. »Jungchen, was tust du denn?«
   »Hör gut zu, wir wollen dir nichts tun. Wir brauchen nur dein Haus für ein paar Tage. Verstehst du? Wenn du mitspielst, wird dir nichts passieren.«
   »Willst du Geld? Ist es das? Ich kann meine Rente abheben. Ansonsten habe ich nichts Wertvolles im Haus.« In ihre Verwirrung schlich sich der erste Hauch von Angst. Zaghaft zog sie an den Handschellen, was ihn fast Mitleid mit ihr haben ließ.
   »Ich will deine Rente nicht. Ich will nur, dass du hier unten bleibst und Ruhe gibst. Falls du versuchst, zu schreien, wird dich sowieso niemand hören. Aber mir wird dann trotzdem nichts anderes übrig bleiben, als dich zu knebeln. Das ist gefährlich. An so einem Tuch im Mund kann man schnell ersticken. Also lass es bleiben, okay? Verhalte dich schön still. Ich sehe später nach dir.«

Kapitel 2
Crockett, Texas

Jared hatte bereits angenommen, dass es sich bei dem Mann, der bei seiner Festnahme das Sagen gehabt hatte, um den örtlichen Polizeichef handelte. Die Autorität, die er ausstrahlte, war typisch für leitende Polizeibeamte oder führende Militärs. Jetzt ließ er Jared schmoren. Eine klassische Cop-Taktik, die er selbst schon Hunderte, wenn nicht gar Tausende Male angewandt hatte. Sperre den Verdächtigen für ein paar Stunden in einen kleinen, fensterlosen Raum mit einer summenden Neonröhre an der Decke und am Boden verschraubtem Tisch und Stuhl. Gegenüber zwei weitere Stühle, auf denen man sich mit verschränkten Armen zurücklehnen und aus angeschlagenen Bechern Kaffee schlürfen konnte, während man sein Gegenüber wortlos fixierte, bis es begann, unruhig herumzurutschen und mit den Handschellen zu klappern, mit denen es an die Metallöse gefesselt war.
   Sie standen auf der anderen Seite des venezianischen Spiegels und beobachteten ihn. Das nervte Jared. Er hatte bereits versucht, mit dem Sheriff zu sprechen, doch der hatte ihn abgekanzelt. Ein Rauschgiftschmuggler hatte keine Forderungen zu stellen, ließ man ihn wissen. Jetzt musste er in diesem verdammten, winzigen Raum die Zeit totschlagen, bis sie bereit waren, mit ihm zu reden und er die Geschichte endlich aufklären konnte.
   Er wusste nicht, was schiefgelaufen war. Ted hatte ihm klare Anweisungen gegeben. Warum war niemand hier gewesen, um die Ladung in Empfang zu nehmen? Und warum, verdammt noch mal, war niemand aus seinem Team hier? Dieser Transport hätte der finale Schlag gegen Esteban Moreno und seinen Rauschgiftring sein sollen. Was in aller Welt war geschehen, dass er mit einer halben Tonne Kokain auf einem kleinen Flugplatz gestrandet und vom örtlichen Sheriff festgenommen worden war?
   Die Tür wurde geöffnet und der Polizeichef betrat in Begleitung eines Uniformierten den Raum. Der Officer drehte den Stuhl um und setzte sich so, dass er seine Arme auf die Lehne stützen konnte. Die Tasse dampfend heißen Kaffees, rabenschwarz und stark  – zumindest roch es so  –, stellte er behutsam vor sich auf den Tisch. Jared hätte seine Seele für eine Kanne dieses Gebräus verkauft. Von seinem Gegenüber würde er keinen Tropfen bekommen. Er konnte die Überlegenheit im Blick des Sheriffs sehen. Der Mann wusste ganz genau, wie man Machtspielchen spielte.
   Der Schweiß brannte in der Schürfwunde an seiner Schläfe, die er sich beim Sturz aus dem Flugzeug zugezogen hatte. Er würde den Teufel tun und Schwäche eingestehen, indem er den Schweiß wegtupfte.
   Der Polizeichef schaltete das Tonbandgerät auf dem Tisch ein. »Vernehmung Emilio Martinez, geboren am fünfundzwanzigsten März neunzehnhundertfünfundsiebzig, der beschuldigt wird, circa eintausend Pfund Kokain in die Vereinigten Staaten von Amerika geschmuggelt zu haben. Er wurde mit dem Betäubungsmittel aufgegriffen, nachdem telefonisch ein anonymer Hinweis im hiesigen Sheriffbüro eingegangen war. Bei der Vernehmung anwesend sind neben dem Beschuldigten Sheriff Landers und Deputy Bexter. Ihre Rechte wurden Ihnen bereits genannt, Mr. Martinez. Sollen sie noch einmal wiederholt werden?« Der Polizist sah ihn herausfordernd an.
   »Kann ich einen Moment unter vier Augen mit Ihnen sprechen, Sheriff? Ohne ihn.« Jared nickte in Richtung des Deputys. »Und ohne das Mikrofon?«
   »Nein. Das können Sie nicht. Ich will wissen, woher das Kokain stammt und für wen es bestimmt war.«
   »Genau das werde ich Ihnen sagen. Nur Ihnen.«
   Landers fixierte ihn aus zusammengekniffenen Augen. »Ich bin der, der die Regeln aufstellt. Reden Sie schon.«
   »Ich rede unter vier Augen oder gar nicht.«
   Der Sheriff wartete einen Moment ab. Er schien zu überlegen. »Also gut.« Mit einer Kopfbewegung schickte er den Deputy aus dem Raum und schaltete das Tonband ab. »Ich warte.«
   Jared schob die Hand über den Tisch und drückte auf den Knopf, der den Lautsprecher im Beobachtungsraum ausschaltete.
   Landers zog die Augenbrauen hoch.
   »Nur Sie und ich«, wiederholte er noch einmal. »Ich lege Sie nicht rein, Sheriff, und Sie mich nicht. Ich bin Special Agent Jared Paxton, DEA. Ich bin undercover im Einsatz gegen ein New Yorker Drogenkartell. Während meines Fluges hat mir mein Partner eine Änderung der Route mitgeteilt. Die Koordinaten waren der Flugplatz in Crockett. Irgendetwas muss passiert sein. Vielleicht haben die Kuriere, die die Lieferung abholen sollten, ihre Männer bemerkt und sich zurückgezogen.«
   Der Sheriff erwiderte nichts. Er zog die Tasse, die der Deputy zurückgelassen hatte, zu sich herüber und trank einen Schluck, bevor er die Aktenmappe, die vor ihm lag, aufschlug. »Emilio Martinez, ehemaliger Navy-Pilot. Eine verschlossene Jugendakte. Seit dem Ausscheiden aus dem aktiven Militärdienst Verhaftungen wegen Drogenbesitzes, Körperverletzung, Ruhestörung, noch einmal Körperverletzung. Es fällt mir schwer, Ihre Geschichte zu glauben, Special Agent Paxton.« Er betonte den Dienstgrad und Jareds Nachnamen ironisch. »Wir sind nur eine kleine Grenzstadt. Von den Metropolen im Norden wissen wir nichts. Es gibt nur drei Dinge, mit denen wir uns hier auskennen.« Er hob die Hand und zählte vor Jareds Gesicht die Finger ab. »Menschenschmuggel. Waffenschmuggel. Rauschgiftschmuggel. In diesen drei Kategorien bin ich verdammt gut. Wir haben die beste Aufgriffsrate des gesamten Staates Texas. Ich kann Ihnen versichern, dass ich schon bessere Storys als Ihre gehört habe, Martinez.« Ein schiefes, definitiv nicht ernst gemeintes Lächeln begleitete seine nächsten Worte. »Ich bewundere Ihre Idee. Als Bundesagent hat sich bisher noch niemand ausgegeben.« Er klappte die Akte zu, trank den Rest des Kaffees und stand auf. »Ich habe Ihre Fingerabdrücke und Ihr Lichtbild in dieser Akte. Beides sagt klar und deutlich: Emilio Martinez.« Landers sprach langsam und betont, als hätte er es mit einem Zweijährigen zu tun. »Und Martinez bleiben Sie für mich auch. Sie werden morgen früh einem Richter vorgeführt. Ich bin mir ziemlich sicher, zu welchem Entschluss er angesichts der Beweislage kommen wird.«
   »Natürlich habe ich eine kriminelle Akte. Ich befinde mich in einem Deep Cover Einsatz, Sheriff.« Einem Einsatz, in dem man eine völlig neue Identität inklusive Vergangenheit erhielt und über Monate in einem Kartell ermitteln konnte. »Meine Dienstnummer ist 3304854. Überprüfen Sie das.«
   »Natürlich.« Landers drehte sich um und ließ Jared in der stickigen Kammer allein zurück.

Eine weitere halbe Stunde ließen sie ihn in dem schäbigen Raum schmoren. Genug Zeit, den Fleck an der gegenüberliegenden Wand genauer zu betrachten. Dunkel hob er sich von dem schmutzigen Waschbeton ab. War das Blut? Entweder hatte jemand vor lauter Verzweiflung seinen Kopf gegen den Beton geknallt, so wie auch er es am liebsten tun würde, oder einer der Beamten hatte bei einem Geständnis ein wenig nachgeholfen. Als sie ihn endlich telefonieren ließen, wog er ab, wen er anrufen sollte. Eigentlich müsste er sich bei seiner direkten Ansprechpartnerin bei der DEA, Sharon Tallford, melden. Sie war für ihn und seinen Einsatz verantwortlich. Wahrscheinlich hatte seine Einheit inzwischen bemerkt, dass etwas nicht stimmte und zog im Hintergrund die Fäden, um ihn hier herauszubekommen. Wichtiger war im Moment, wieso er aufgrund eines anonymen Anrufs festgenommen worden war. Er entschied sich dafür, seinen Partner Ted Hudson anzurufen. Er hatte ihm diese Suppe mit der Änderung der Flugroute schließlich eingebrockt.
   Ted nahm nicht ab. Nach dem siebten Klingeln schaltete sich die Mailbox ein. »Hier ist Leon Cook«, meldete er sich mit seinem Undercovernamen. »Ich bin gerade nicht erreichbar, also wartet auf den Piep.« Jared legte auf. Sie hatten Weisung, keine Nachrichten auf den Handys des anderen zu hinterlassen. Ted würde den Anwählversuch sehen und sich melden, sobald er konnte.
   Er begann, Sharons Nummer zu wählen, doch der Deputy, der neben ihm Wache stand, riss ihm den Hörer aus der Hand. »Nur einen Anruf«, knurrte er. Laut dem Namensschild an seinem Uniformhemd hieß er Johnston, seinem Gesichtsausdruck nach eher schlecht gelauntes Arschloch.
   »Es hat niemand abgenommen.«
   »Die Mailbox ist rangegangen. Das ist das Gleiche, als wenn jemand den Anruf entgegennimmt.«
   Jared kniff sich mit der freien Hand in die Nasenwurzel. »Sie haben doch mitbekommen, dass ich nicht auf die Mailbox gesprochen habe.«
   Johnston zuckte die Schultern. »Wenn Sie nicht aufs Band sprechen, ist das Ihr Problem. Und jetzt kommen Sie.«
   Sie brachten ihn in eine Zelle im Keller des Sheriffdepartments, in der er die Nacht verbringen würde, bevor am nächsten Morgen ein Richter über seine Freiheit entschied.
   Jared ließ sich noch einmal den gesamten Einsatz durch den Kopf gehen. An irgendeiner Stelle war etwas schiefgelaufen. Er wusste nur nicht, wo. Seit Ted ihn auf die neue Flugroute umgeleitet hatte, hatte er weder mit jemandem aus dem Team noch mit einem Mitglied aus Estebans Organisation gesprochen.
   Das Klappern der Tür zu dem winzigen Zellentrakt, in dem sonst wahrscheinlich nur hin und wieder ein illegaler Einwanderer, dessen Glück in den Fängen Sheriff Landers endete, bis zu seiner Abschiebung untergebracht wurde, riss ihn aus seinen Gedanken. Der Officer, der vorhin bei dem Versuch, ihn zu vernehmen, dabei gewesen war, trat in den kleinen Vorraum. Deputy Bexter, erinnerte sich Jared. Der Mann warf einen wachsamen Blick in den Gang hinter sich, bevor er an die Zellentür trat und ihm ein Handy zwischen den Gitterstäben durchreichte. Jared sah ihn abwartend an, blieb aber auf seiner Pritsche sitzen.
   Bexter wedelte mit dem Handy. »Nun machen Sie schon.«
   »Was soll ich machen?«
   »Rufen Sie jemanden an.«
   Jared erhob sich langsam und trat an das Gitter. »Warum tun Sie das?«
   Der Deputy wurde ein wenig rot und zuckte unbehaglich die Achseln. »Ich fand es nicht in Ordnung, dass Johnston Ihnen nicht die Möglichkeit gegeben hat, jemanden zu erreichen. Dieses Recht sollte jeder haben.«
   »Danke, Deputy Bexter.«
   Seit seiner Festnahme waren Stunden vergangen. Jared hatte keine Ahnung, was passiert war. Sein Team hätte ihn längst finden müssen. So schwer war seine Spur schließlich nicht zu verfolgen, wenn man wusste, wonach man suchte. Warum kam niemand? Er konnte Sharon anrufen, wie er es vorhin geplant hatte. Oder vielleicht sollte er es gleich bei seinem Vorgesetzten, Special Agent Campbell, versuchen. Aber wenn sie überhaupt an ihre Handys gingen, konnten sie wahrscheinlich nicht offen sprechen, was ihm nicht weiterhelfen würde. Er entschied sich dagegen, sein Einsatzteam zu informieren. Das beschränkte die Möglichkeiten auf die beiden Nummern, die er auswendig wusste. Die seiner Mutter, die er ganz sicher nicht aus der Zelle eines texanischen Sheriffbüros anrufen würde. Und die der einzigen Person, die ihm möglicherweise helfen konnte.
   »Nun machen Sie schon«, wiederholte der Deputy. »Ich will mich nicht erwischen lassen.«
   Jared nahm das Handy und wählte.
   »Sie haben die Mailbox von Judy Paxton erreicht. Ich kann Ihren Anruf im Moment leider nicht entgegennehmen. Hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Erreichbarkeit. Ich rufe so bald wie möglich zurück«, erklang die kühle Stimme seiner Fast-Exfrau aus dem Hörer. Er seufzte. Heute war eindeutig nicht sein Tag. Verdammt. Er legte auf. Ging denn heute niemand an sein Handy? Wen konnte er noch anrufen? Außer Judy fiel ihm niemand ein. Nachdenklich klopfte er sich mit dem Telefon gegen das Kinn. Immerhin würde sie handeln, wenn sie eine Nachricht von ihm bekam. Sie würde für ihn bürgen und Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Landers klarzumachen, wer er wirklich war. Er drückte die Wahlwiederholung und wartete, bis ihm der Piepton das Signal zum Sprechen gab. »Hey, mi Cielo«, benutzte er den Kosenamen, mit dem er sie bedachte, solange sie sich kannten. »Ich bin so weit. Ich unterschreibe die Scheidungspapiere, genau, wie du es wolltest. Du musst sie nur nach Crockett, Texas bringen. Am besten ins Sheriffbüro. Ich warte in der Zelle hinten links auf dich.« Er machte eine kleine Pause. »Ich schätze, ich könnte ein wenig Hilfe gebrauchen. Könnte sein, dass ich in ein kleines Problem geschlittert bin. Und Judy  … ich bin wirklich bereit, die Papiere zu unterschreiben. Bring sie einfach mit, okay? Oh, und mein Name ist Emilio Martinez.« Er legte auf und reichte Bexter das Handy durch die Gitterstäbe.
   Judy mochte ihn hassen und die Scheidung von ihm mit jeder Faser ihres Herzens herbeisehnen, aber sie würde ihm helfen. Sie würde hier auftauchen  – höchstwahrscheinlich mit den Scheidungspapieren im Gepäck, die er wohl oder übel würde unterschreiben müssen.
   Nachdem ihn der Deputy wieder allein gelassen hatte, legte er sich auf die Pritsche und starrte die Betondecke an. Es wurde sowieso höchste Zeit, dass er unterschrieb und sie weiterziehen ließ. Sie hatte es verdient, das Leben zu führen, das sie sich wünschte. Er passte weder in die Welt, von der sie träumte, noch wollte er ein Teil davon sein. Unbehaglich rieb er sich mit der Faust über den Brustkorb, um den Schmerz in der Herzgegend zu verdrängen. Sie brauchten beide ihre Freiheit.

Boston, Massachusetts
Judy schlug die Augen auf und schloss sie stöhnend wieder. Sie streckte sich und rieb sich über die Schläfen, hinter denen es verdächtig zog. Vorsichtig hob sie die Lider erneut und blinzelte in das grelle Sonnenlicht, das in ihr Zimmer fiel. Sie hatte einen Kater und in der Nacht ganz offensichtlich vergessen, die Vorhänge zuzuziehen. Nach dem Volleyballtraining hatte sie sich zu einer kleinen Kneipentour überreden lassen. Schließlich war das besser, als an einem Freitagabend im Haus ihrer Eltern gemeinsam mit ihnen und ihrem Großvater vor dem Fernseher zu sitzen und Gameshows anzusehen. Es war schlimm genug, dass sie überhaupt hier wohnte. Eine vorübergehende Situation, rief sie sich ins Gedächtnis.
   Sie strampelte die Decke zur Seite und rollte sich aus dem Bett, in dem sie bereits vor ihrer Collegezeit geschlafen hatte. Ihr Morgenmantel hing an dem geschwungenen Haken an der Zimmertür. Sie zog ihn über die Shorts und das T-Shirt, das sie zum Schlafen getragen hatte. Jareds T-Shirt. Ja, das war erbärmlich. Als sie heute Nacht nach Hause gekommen war, mit einem kleinen Schwips im Kopf und viel Traurigkeit in der Brust, hatte sie in einem schwachen Moment das alte, ausgebleichte Air-Force-Shirt aus dem Schrank gezogen und ihr Gesicht darin vergraben. Es roch nur nach Waschmittel, trotzdem glaubte sie, seinen Duft wahrzunehmen. Sie hatte sich wieder einmal in den Schlaf geweint, aber es wurde besser. Immerhin musste sie nicht mehr bei jedem glücklichen Paar, das ihr begegnete, die Tränen zurückhalten. Sie dachte nicht mehr ständig an ihn. Hier, in ihrem Jugendzimmer im Haus ihrer Eltern, gab es keine gemeinsamen Erinnerungen, die sie quälten.
   Barfuß tapste sie die Treppe hinunter. Es war kurz vor zehn und ihre Mutter werkelte bereits in der Küche herum und schnippelte auf der Arbeitsfläche neben dem Herd vor sich hin. Wahrscheinlich war sie schon mit den Vorbereitungen für das Mittagessen beschäftigt. Gefrühstückt wurde bei den O’ Donnells um halb acht, an jedem Wochentag. Wenn es um das Essen ging, herrschten strenge Regeln.
   Ihr Vater saß mit der Zeitung am Küchentisch. Judy küsste beide auf die Wange, bevor sie sich eine Tasse aus dem Schrank nahm und unter die Kaffeemaschine stellte. Ihre Eltern waren in vielen Dingen altmodisch, aber wenn es um Kaffee ging, hatte ihr Vater  – ein pensionierter Polizist  – hohe Standards. Die deutsche Maschine begann lautstark, die italienische Bohnenmischung zu mahlen.
   »War spät, gestern«, stellte ihr Vater fest, ohne von seiner Zeitung aufzusehen. Judy zog eine Grimasse, die nur die Kaffeemaschine sehen konnte. Das Glück, mit siebenunddreißig im Haus der Eltern zu wohnen.
   »Leroy«, ermahnte ihre Mutter ihn. »Soll ich dir etwas zum Frühstück machen, Schätzchen?«
   »Nein danke, Mom. Kaffee reicht. Es ist gestern nämlich nicht nur spät geworden. Ich habe vielleicht auch ein oder zwei Bier zu viel getrunken.«
   Ihr Vater sah auf und blickte sie mit zusammengekniffenen Augen über den Rand seiner Lesebrille hinweg an. Dieser Blick hatte in der Vergangenheit manch einen Straftäter in die Knie gezwungen. Sie seufzte und zog die Tasse unter der Maschine hervor. Auf dem Weg aus der Küche küsste sie ihn noch einmal auf die Wange. »Hört auf, euch Sorgen zu machen. Ich bin fast vierzig«, rief sie über die Schulter.
   Sie suchte im Flur ihr Handy aus der Handtasche und trug den Kaffee auf die Veranda. Judy wollte wissen, ob Margery Livton sich schon gemeldet hatte. Dazu brauchte sie ihre neugierigen Eltern nicht. Sie setzte sich auf die Bank neben der Haustür und winkte ihrem Großvater zu, der im Garten vor seinem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Hecke schnitt. Er grinste und warf ihr eine Kusshand zu.
   Judy trank einen Schluck Kaffee und warf einen Blick auf das Display ihres Handys. Eine Nachricht von ihrer Schwiegermutter, die fast so sehr wie sie selbst unter der bevorstehenden Scheidung litt. Flor wollte wissen, wie es ihr ging. Schnell tippte sie eine beruhigende Antwort und ging zu den beiden Anrufen über. Ein Anrufer mit einer Handynummer, die sie nicht kannte, hatte beim zweiten Versuch eine Nachricht hinterlassen. Sie hörte die Mailbox ab. Wie ein heißer Stich fuhr ihr Jareds Stimme in den Magen. Verdammt. Was hatte er angestellt, um in einem texanischen Sheriffoffice zu landen?
   Mit einem Mal stieg Wut in ihr auf. Was dachte sich dieser Kerl? Dass er nur anzurufen brauchte, wenn er in Schwierigkeiten steckte und sie würde losrennen und seine Probleme lösen? Okay, er war normalerweise nicht der Typ, der seine Probleme von anderen Leuten lösen ließ. Trotzdem erwartete er, dass sie ihm half. Warum rief er nicht einfach jemand anderen an? Einen seiner neuen Kollegen, von denen sie keinen einzigen kannte. Oder einen seiner alten Air-Force-Kumpel. Sie waren seit sieben Monaten kein Paar mehr. Seit drei Monaten versuchte sie, ihn dazu zu bewegen, die Scheidungsurkunde zu unterschreiben. Er tat es nicht. Jeder Tag, den er es hinauszögerte, machte die Situation zwischen ihnen unerträglicher. Er war bereit, sich endlich scheiden zu lassen, wenn sie nach Texas flog? Das konnte er haben. Er würde unterschreiben, oder sie würde ihm eigenhändig den Hals umdrehen und anschließend einen Weg finden, seine Leiche verschwinden oder es wie einen Unfall aussehen zu lassen.
   Grimmig trank sie ihren Kaffee aus und brachte die Tasse zurück in die Küche. »Ich fliege nach Texas. Jared hat sich in irgendwelche Probleme manövriert.«
   Ihre Mutter verharrte einen Moment mit dem Messer in der Hand über dem Gemüse, bevor sie sich langsam umdrehte. »Du fliegst für Jared nach Texas?«, fragte sie ungläubig.
   »Der verdammte Mistkerl soll seine Probleme gefälligst selbst lösen«, knurrte ihr Vater. Er setzte seine Brille ab und starrte sie böse an. »Du wirst nicht für ihn durch das beschissene halbe Land fliegen.«
   »Ich bin keine Siebzehn mehr, Dad. Ich werde fliegen.« Sie warf ihrer Mutter einen Blick zu. »Er ist im Gegenzug bereit, endlich in die Scheidung einzuwilligen. Wenn das durch ist, werde ich nie wieder auch nur den kleinen Finger für ihn krumm machen.«
   Judy duschte, zog sich an und packte eine kleine Reisetasche. Auf dem Weg zum Flughafen hatte sie gerade noch Zeit, den Umschlag mit den Scheidungsunterlagen aus dem Haus zu holen, das sie zusammen mit Jared gekauft und renoviert hatte. Allein, und umgeben von all den Erinnerungen und wunderschönen Momenten der Vergangenheit, hatte sie es dort nicht mehr ausgehalten und war kurz nach der Trennung zu ihren Eltern gezogen. Inzwischen lebte sie seit sieben Monaten in ihrem alten Kinderzimmer. Sobald die Scheidung rechtskräftig war, würden sie das Haus verkaufen müssen. Keiner von ihnen konnte es auf Dauer allein halten. Sie öffnete die Tür und trat in den lichtdurchfluteten Flur, in den sie sich bei der Besichtigung als Erstes verliebt hatte. Damals hatte die Sonne, genau wie an diesem Tag, mit aller Kraft durch die rückseitigen Fenster geschienen und sie regelrecht in Licht gebadet. Rechts von ihr führte die Treppe ins Obergeschoss, links lagen Küche und Wohnzimmer. Am Ende des Flurs fanden sich die Gästetoilette und das Arbeitszimmer, das ursprünglich als Wintergarten gedient hatte. Auch dieser Raum war hell. Ihre Absätze klackerten auf dem Hartholzboden, als sie eintrat  – und einen Niesanfall bekam. Seit dem Umzug zu ihren Eltern war hier nicht mehr geputzt worden. Alles war mit einer dünnen, aber unübersehbaren Staubschicht bedeckt.
   Ihr Blick fiel auf den Boden und sie stutzte. Waren das Schuhabdrücke? Vorsichtig ging sie in die Hocke und betrachtete die Spuren näher. Tatsächlich, durch den Staub fraßen sich die Abdrücke großer Männerschuhe. Vorsichtig wischte sie mit dem Zeigefinger durch eine der Spuren. Kein Staub. Sie waren ganz frisch. Judy erhob sich wieder und ging zurück in den Flur. Neben ihrer eigenen Spur schlängelte sich die größere von der Haustür ins Arbeitszimmer. Sie folgte ihr bis zum Wandtresor, der hinter einem hübschen Blumendruck hing. Jared war vor Kurzem hier gewesen. Sie gab die Zahlenkombination ein und wartete, bis das Schloss mit einem Piepton aufsprang. Um den Umschlag ihres Anwalts herausziehen zu können, musste sie Jareds Waffenkoffer zur Seite schieben. Er fühlte sich erstaunlich leicht an. Neugierig öffnete sie ihn. Jareds Zweitwaffe fehlte. Das war also der Grund, aus dem er hier gewesen war. Wozu hatte er die Pistole gebraucht? War sie der Grund, dass er in Texas festsaß?

New York City
»Wir haben ihn.« Stanley schob sein Handy in die Hosentasche und trat an die Karte der USA. »Hier.« Er tippte nördlich von Huntsville, Texas auf den Plan. »Der Sheriff von Houston County  – nicht zu verwechseln mit der Stadt Houston, wie ich gerade gelernt habe  – hat ihn geschnappt. Anscheinend gab es einen anonymen Hinweis. Ein Richter hat Haftbefehl wegen Rauschgiftschmuggels erlassen. Paxton sitzt im Moment in Untersuchungshaft im Dooly State Prison.«
   Das Team war von Florida nach New York zurückgeflogen und hatte sich den Tatort angesehen, an dem einer ihrer besten Männer sein Leben gelassen hatte  – zumindest musste man aufgrund der festgestellten Blutmenge davon ausgehen. Campbell hatte die Kriminaltechniker und die Ermittlungsteams eingewiesen, während Tallford und er fieberhaft nach Paxton suchten. Schließlich hatte er ihn in Texas ausfindig gemacht.
   Campbell sah einen Moment mit unlesbarem Gesichtsausdruck auf die Karte, dann stand er auf. »Packen Sie Ihre Sachen und organisieren Sie einen Flug. Der Sheriff soll Paxton aus dem Untersuchungsgefängnis auf die Polizeistation zurückbringen. Ich will dort mit ihm reden, nicht im Knast. Abflug in einer Stunde.«

*

»Wir haben ihn.« Carlos beendete das Gespräch und schob sein Handy in die Gesäßtasche seiner Jeans.
   Tomas saß an Estebans Schreibtisch und sah die Unterlagen durch, die sich darauf stapelten. Als Carlos sich auf den Besucherstuhl vor dem massiven Tisch fallen ließ, hob er den Blick. »Und?«
   »Sieht so aus, als hätte er versucht, sich mit dem Kokain aus dem Staub zu machen. Er ist in Houston County, Texas, gelandet.«
   »In Houston?«
   »Nicht in der Stadt. Ein Stück nördlich auf einem alten, stillgelegten Flugplatz in der Nähe einer Stadt namens Crockett. Der Sheriff hat ihn erwischt. Martinez sitzt schon in U-Haft im Dooly State, dem örtlichen Knast.«
   Tomas lehnte sich im Sessel seines Cousins zurück. Er musste Estebans Geschäfte führen, weil dieses Arschloch Martinez ihn umgebracht hatte. »Kennen wir jemanden in diesem Knast?«
   Carlos nickte. »Wir kennen jemanden, der jemanden kennt.«
   »Gut.« Tomas legte die Hände unter dem Kinn zusammen und stützte seinen Kopf darauf, wie es Esteban immer getan hatte. »Leite alles in die Wege. Ich will Emilio Martinez tot sehen.«

Kapitel 3
Dooly State Prison, Texas

Ein Staatsgefängnis war nichts, worüber sich Jared jemals Gedanken gemacht hatte. Er kannte einige Knäste. Bisher hatte er immer auf der anderen  – der richtigen  – Seite gestanden, hatte Inhaftierte vernommen oder sogar wegen Straftaten in einem Gefängnis ermittelt. Darüber, wie es war, selbst in eine solche Anstalt eingeliefert zu werden, hatte er nie nachgedacht. Es war auch nicht notwendig gewesen  – bis jetzt.
   Er hätte gut darauf verzichten können, ging ihm bei der Leibesvisitation durch den Kopf, die er über sich ergehen ließ. Bei der Air Force war er oft untersucht worden. Die Ärzte beim Militär waren nicht zimperlich. Trotzdem war es etwas anderes, sich in Anwesenheit zweier Aufseher nackt auszuziehen und von einem Mediziner untersuchen zu lassen. Er biss die Zähne zusammen und versuchte, sich zu beherrschen. Einen Wutanfall würde er sich für den Zeitpunkt aufheben, an dem er wieder draußen war und herausgefunden hatte, wer ihm diesen Mist eingebrockt hatte.
   »Mit wem werde ich mir die Zelle teilen?«, fragte er den Wärter, der ihn, nachdem er in den orangenen Overall mit der Nummer 5246 geschlüpft war, durch die langen Flure des Gefängnisses führte.
   »Balding?« Der Mann zuckte die Achseln. »Hat seine Frau ein paar Mal zu oft verprügelt. Offenbar hat sie sich irgendwann tatsächlich getraut, ihn anzuzeigen. Sitzt noch knapp vier Jahre ab.«
   Um einen Mann, der seine Frau schlug, musste er sich keine Gedanken machen. Das waren in der Regel miese kleine Feiglinge, die sich eher verpissten, als sich mit gleichstarken anzulegen. Die Bewohner der Zellen, die sie passierten, bedachten ihn mit aufmerksamer Neugier. Jared schleppte die Bettwäsche und das Handtuch, das man ihm gegeben hatte, vor sich her und legte alles auf das untere der Doppelstockbetten in seiner neuen Unterkunft. Sein Mitbewohner musterte ihn vorsichtig vom oberen Bett aus.
   Jared entschied sich, sich hier drinnen so wenig Feinde wie möglich zu machen. Er reichte dem Mann die Hand. »Emilio Martinez«, stellte er sich mit seinem Undercovernamen vor. Wenn im Knast irgendjemand spitzbekam, dass er ein Cop war, brauchte er sich nicht mehr viele Gedanken darüber zu machen, wie er sein Leben nach der Pensionierung verbringen sollte.
   »Paul Balding«, murmelte der andere. Er sah Jared nicht in die Augen, aber er sah genauso aus, wie Jared sich einen Mann vorstellte, der seine Frau schlug.
   Obwohl er natürlich wusste, dass diese Vorurteile Quatsch waren und häusliche Gewalt in allen Gesellschaftsschichten vorkam. Paul Balding war auf den ersten Blick eine gescheiterte Existenz. Jared hätte seinen schicken Overall darauf verwettet, dass er seit Jahren arbeitslos war oder sich höchstens mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Er hatte zu oft und zu viel gesoffen und seinen Frust bei der Rückkehr aus der Kneipe an seiner Frau ausgelassen, die er vermutlich mit siebzehn heiratete, weil er sie noch vor dem Highschoolabschluss geschwängert hatte.
   »Hi Paul. Gibt es irgendetwas, worauf ich hier drin achten muss?«
   »Am besten ist es, unauffällig zu bleiben.« Sein Zellengenosse legte sich zurück auf sein Bett und ließ die Beine über die Kante baumeln.
   »Ich muss dringend telefonieren. Hast du eine Ahnung, wie ich hier an ein Handy oder Telefon herankomme?«
   Paul brummte unbehaglich. »Bleib lieber so unsichtbar wie möglich«, wiederholte er.
   Von seinem Mitbewohner war also keine Hilfe oder wenigstens ein paar Hinweise zu erwarten. Der Wärter hatte ihn auf den Hofgang in zwei Stunden hingewiesen. Vielleicht konnte er sich dabei ein wenig umhören.
   Als er mit den anderen Häftlingen seiner Etage auf den von Mauern umgebenen Platz geführt wurde, auf dem sich ein Basketballfeld und ein paar Bänke befanden, richteten sich zum zweiten Mal nach seiner Festnahme seine Nackenhaare auf. Seine Instinkte gingen in Alarmbereitschaft. Bei seiner Einlieferung hatten ihn die Knastinsassen, an deren Zellen er vorbeigeführt worden war, mit neugieriger Aufmerksamkeit betrachtet. Jetzt waren ihre Blicke anders. Sie beobachteten ihn mit Argusaugen und einige verständigten sich untereinander mit Blicken. Entweder wurde er langsam völlig paranoid oder etwas stimmte nicht. Hatte irgendjemand herausgefunden, dass er Polizist war? Er entschied sich, auf sein Bauchgefühl zu hören und vorsichtig zu sein.
   Wachsam sah er sich um. Das Gras, das es auf dem Gefängnishof vielleicht einmal gegeben hatte, war in der gnadenlosen texanischen Sonne und unter den Füßen der Gefangenen nahezu zu Staub zerfallen. Die Luft war flirrend heiß und feucht. Jared musste die Augen zum Schutz gegen die Sonne, die hinter dem Stacheldraht auf den Mauern flimmerte, zusammenkneifen. Auf den beiden Wachtürmen, die er erkennen konnte, standen bewaffnete Aufseher. Der Hof wurde von insgesamt acht Mann überwacht. Das Dooly State Prison war nicht anders als die Gefängnisse, die er kannte. Vor den Mauern liefen Hundeführer ihre Runden und drinnen hinderten unzählige Schleusen und Türen die Häftlinge an der Flucht. Ohne jemandem Schaden zuzufügen, war ein Entkommen aus diesem Labyrinth von Sicherheitsvorkehrungen undenkbar. Und doch musste er sich Gedanken machen, wie er hier wieder herauskam. Die Stimmung um ihn herum war zu spannungsgeladen und voller unterdrückter Aggression. Nur ein Vollidiot würde das ignorieren. Er stellte sich in eine Ecke, den Rücken gegen die von der Sonne aufgeheizte Wand gelehnt und beobachtete seine Umgebung, während er in Gedanken nach einem Ausweg suchte. Wenn er irgendwo ein Handy organisieren konnte, würde er abermals Judy anrufen müssen. Sharons oder Campbells Anschlüsse konnte er von dem Handy eines Knastinsassen nicht wählen, ohne sich selbst zu enttarnen. Was für eine Scheiße, schoss es ihm zum wiederholten Mal durch den Kopf.
   Zurück in der Zelle grübelte er immer noch über seine Situation. Warum, verdammt noch mal, meldete sich niemand von seinem Team? Hielten sie es für einen Witz, ihn hier schmoren zu lassen?
   Das Rasseln der Schlüssel holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Er lag auf seinem Bett und sah dem Insassen, der zur Putzkolonne gehörte, zu, wie er die Tür aufschloss und mit einem Schrubber in der Hand die Zelle betrat. Hinter ihm schlüpfte blitzschnell ein weiterer Häftling in den Raum, ein dritter hielt an der Tür Wache.
   Reflexartig sprang Jared auf. Sein Zellengenosse blieb seelenruhig in seinem Bett liegen. Ein gutes Indiz dafür, dass die Aktion Jared und nicht ihm galt. Paul drehte lediglich den Kopf zur Wand, um nicht Zeuge des Geschehens zu werden.
   Sein Instinkt hatte ihn also nicht getrogen. Jared hatte sich auf einen Kampf eingestellt, gedacht, dass sie ihn irgendwann im Waschraum oder nach dem Hofgang in einer dunklen Ecke angreifen würden, vielleicht, um ihm die Regeln klarzumachen, die hier herrschten. Dass sie bereits so kurz nach seiner Inhaftierung in seine Zelle kamen, hatte er nicht erwartet. Aber er war vorbereitet. Ohne lange zu überlegen, rammte er dem Putzmann die Schulter in den Solarplexus und riss ihm, als er gegen den zweiten Angreifer taumelte, den Schrubber aus der Hand. Er griff ohne zu zögern an. Er hatte nur das Überraschungsmoment als Vorteil auf seiner Seite. Der zweite Angreifer war schneller als der Putzmann. Er wich aus und streifte Jareds linken Arm. Ein brennender Schmerz zuckte durch seine Muskeln. Jared sah nicht hin. Er wusste, dass der Typ ihn mit einem Messer oder ähnlich scharfem Gegenstand erwischt hatte. Er holte aus und versuchte ein weiteres Mal, ihn mit dem Schrubber zu erwischen. Wieder wich sein Gegenüber aus und stach erneut zu. Jared ließ den Stiel fallen und wehrte den Stich ab. Er benutzte seine Fäuste und erwischte den Angreifer im Gesicht. Der Treffer saß, doch bevor Jared nachsetzen konnte, trat der andere zu, traf ihn unvorbereitet in der Körpermitte und ließ ihn ein Stück zurücktaumeln. Inzwischen hatte sich auch der Putzmann wieder aufgerappelt und trat ebenfalls nach. Bereits aus dem Gleichgewicht gebracht, taumelte Jared noch einmal und stürzte rücklings zu Boden. Die Luft wurde aus seinen Lungen gepresst und Schmerz schoss durch seine Rippen. Als er wieder zu Atem kam, war der Angreifer bereits über ihm und hielt ihm das Messer an den Hals. Der Blick aus seinen dunklen Augen war eiskalt. »Grüße von Tomas Moreno«, zischte er. »Dein Leben für das seines Cousins.«
   Was? Jared hatte keine Zeit, die Worte seines Gegenübers zu analysieren. Er umklammerte die Faust seines Gegners, die das Messer hielt und sich seiner Haut immer weiter näherte. Seine Position konnte man bestenfalls ungünstig nennen. Der Winkel, in dem er gegenhielt, war beschissen. Der Mann über ihm konnte viel mehr Druck ausüben, als er von unten entgegensetzte. Seine Muskeln zitterten. Der Arm, dort, wo ihn der andere erwischt hatte, wurde gefühllos. Die Klinge kam näher. Und näher.
   »Achtung! Schließer!«, warnte der Aufpasser an der Zellentür.
   Jared nutzte den Bruchteil der Sekunde, in der sich der Angreifer zu seinem Kumpel umdrehte. Mit aller Kraft, die er noch hatte, drehte er an dessen Handgelenk, bis er mit einem Schmerzensschrei das Messer fallen ließ. Klappernd traf es neben seinem Hals auf den Boden.
   »Scheiße!«, fluchte der Typ über ihm. Er sprang mit einer geschmeidigen Bewegung auf und setzte seinen Fuß auf Jareds Hals, bevor er sich zur Seite rollen und in Sicherheit bringen konnte. »Ich komme wieder, Arschloch. Du bist tot. Es ist nur eine Frage der Zeit.«
   So blitzschnell, wie sie in der Zelle aufgetaucht waren, verschwanden er und seine Kumpane.
   Jared schnappte sich das Messer und schob es in seinen Hosenbund, bevor er sich aufrappelte. Nicht eine Sekunde zu früh. Ein Wärter tauchte in der unverschlossenen Tür auf und ließ den Blick durch die Zelle gleiten. »Alles in Ordnung, Paul?«, fragte er seinen Zellengenossen.
   »Sicher, Sir.«
   Er nickte Balding zu, bevor er Jareds blutdurchtränkten Hemdärmel näher betrachtete. »Was ist hier los?«
   »Nichts. Ich bin nur über den Schrubber gestolpert und hab mir den Arm an der Bettkante aufgekratzt.«
   Der Wärter schnaubte. Er glaubte ihm kein Wort, schien aber auch keine Lust zu haben, sich näher mit dem Thema auseinanderzusetzen. »Glauben Sie, auf die Krankenstation zu müssen?«
   »Nein, Sir. Das geht schon.«
   »Gut, dann kommen Sie mit, Martinez. Da warten zwei Deputys des Sheriffdepartments, die sie mitnehmen wollen.«

Crockett, Texas
Bexter warf den Telefonhörer auf die Gabel. Seine Exfrau trieb ihn in den Wahnsinn. Er sollte jedes zweite Wochenende die Kinder nehmen? Gut. Das konnte er. Aber dann musste er sie bei seiner Mutter abgeben, damit er Dienst schieben konnte. Klar, anstelle seiner Kinder würde er auch nicht freiwillig bei seiner Mutter bleiben. Sie war eine Hexe. Aber solange seine Ex rumheulte, dass er nicht genug Unterhalt zahlte und seine Kinder Klavierstunden, Zeichenkurse und Extra-Baseballtraining nehmen wollten, musste er Zusatzdienste am Wochenende übernehmen.
   Drei Kinder. Wie war er nur auf die Idee gekommen, drei Kinder in die Welt zu setzen? Seine Frau hatte sich in den vergangenen Jahren gehen lassen, war hässlich und fett geworden. Ihre Titten hingen schlaff fast bis zum Bauchnabel, dabei waren das mal richtig ansehnliche, große, runde Brüste gewesen, um die ihn alle seine Kumpel beneideten. Von der Frau, die er gleich nach dem Highschoolabschluss geheiratet hatte, war nichts übrig geblieben. War es da ein Wunder, dass er  – nur ein einziges Mal  – den Lockungen einer Stripteasetänzerin erlegen war? Scheiße noch mal. Wie hatte seine Frau das nur herausfinden können? Natürlich war sie total ausgeflippt.
   Jetzt zahlte er den Preis für diese eine Nacht. Und was dachte sie sich dabei? Glaubte sie vielleicht, noch einmal im Leben einen Typen abzubekommen? Hässlich, wie sie war, hatte sie froh sein können, ihn zu haben. Aber sie hatte es nicht zu schätzen gewusst. Jetzt blutete er dafür.
   Gerade lief es wirklich alles andere als rund in seinem Leben. Der Sheriff hatte ihn für heute an den Wachtresen verbannt. Während die anderen draußen waren und Streife fuhren, drehte er hier Däumchen. Er zog die Computertastatur zu sich heran und rief noch einmal die Datei auf, in die er die Handynummer eingegeben hatte, die Martinez in der Nacht gewählt hatte. Noch keine Antwort. Er hatte Martinez sein Handy in der Absicht, vielleicht etwas über die angerufene Nummer herauszufinden, gegeben. Möglicherweise hätte er einen Mittäter enttarnen oder gar den ganzen Dealerring auffliegen lassen können. Der Sheriff hätte ihm seine Anerkennung gezeigt und vielleicht endlich eine Gehaltserhöhung ausgespuckt. Aber die Telefongesellschaft ließ sich Zeit. Er war erst am Mittag dazu gekommen, die Daten abzuschicken. Sie hatten Martinez zum Haftrichter bringen und anschließend in den Knast einliefern müssen. Kaum war er weg, hatte Landers sie wieder losgeschickt. Sie sollten den Piloten aus Dooly abholen, weil irgendwelche hohen Tiere aus dem Norden im Anflug waren und ihn wegen dreier Mordfälle vernehmen wollten. Sie bestanden darauf, das Gespräch im Sheriffbüro und nicht im Staatsgefängnis zu führen. Natürlich, wenn solche Typen mit den Fingern schnippten, sprangen alle. Er war sich sicher, dass sie im Gegensatz zu ihm längst eine Antwort bezüglich des Anschlussinhabers hätten, auf die er Däumchen drehend warten musste. Wahrscheinlich brauchten sie noch nicht einmal die Telefongesellschaft, um so etwas zu ermitteln. Aber er war eben nur ein kleiner Deputy auf dem flachen, texanischen Land und musste sich in Geduld üben. Wenn er ehrlich war, würde er um nichts in der Welt mit diesen Yankees tauschen wollen, auch wenn sie zehnmal bessere Ressourcen hatten als das Houston County Sheriffdepartment.
   Die Frau, die ihn aus seinen Gedanken riss, kam auf jeden Fall aus dem Norden. Groß, schlank und kühl trat sie aus der feuchten Hitze des Spätnachmittags in die klimatisierte Polizeiwache. Sie trug einen strengen, dunkelgrauen Hosenanzug und hatte ihr glattes, blondes Haar zu einem hohen Pferdeschwanz am Hinterkopf zusammengefasst. Was bei einem Kind ein fröhlich hüpfendes Detail gewesen wäre, unterstrich ihr strenges, amtliches Auftreten. Eine Tatsache, die Bexter faszinierte. Die ganze Frau beeindruckte ihn. Er stand nicht auf diesen knochigen, schmalen Typ. Frauen mussten Hüften, Titten und einen Arsch haben, so wie seine Ex in ihren herrlich strammen Zeiten, als es noch ein Vergnügen war, sie zu vögeln. Doch diese Lady mit den grünen Augen, die einen Hauch von Genervtheit und Missbilligung aufwiesen  – was er ihr nicht verdenken konnte, wahrscheinlich war sie an ihrem freien Wochenende nach Texas abkommandiert worden, um mit ihrem Häftling zu sprechen  – hatte etwas ungemein Beeindruckendes an sich.
   Unter ihrem Arm klemmte eine Aktenmappe und sie zückte eine Dienstmarke. »Detective Paxton, Boston PD. Ich möchte Emilio Martinez sprechen.«
   »Ah. Sie kommen wegen der drei Morde.«
   Sie runzelte leicht die Stirn. »Kann ich ungestört mit Mr. Martinez sprechen?«
   »Sicher. Im Vernehmungsraum. Ich bringe Sie hin und hole ihn anschließend aus seiner Zelle.« Er zeigte der kühlen Blondine das Zimmer, in dem sie warten sollte, nahm den Schlüsselbund vom Haken und ging in den Keller, um Martinez nach oben zu bringen.

*

Jared hielt die Hände vor den Körper, wie Deputy Bexter es verlangte. Der Cop legte ihm Handschellen an und ließ ihn vor sich her in das Vernehmungszimmer gehen. Sie hatten ihn aus dem Staatsgefängnis ins Sheriffbüro zurückgebracht und ihm damit vermutlich  – zumindest vorerst  – das Leben gerettet. Seit er wieder in der Zelle im Keller des Departments saß, dachte er über den Angriff in Dooly nach. Er hatte nicht dazu dienen sollen, ihn an der richtigen Stelle in der Knasthierarchie einzustellen und aufzuzeigen, wer der Boss hinter den Gittern war. Es war ein ganz klarer Mordversuch gewesen. Mit Grüßen von Tomas. Dein Leben gegen Estebans, hatte der Typ gesagt. Das bedeutete: Esteban war tot. Jemand hatte ihn umgebracht und Tomas ging offensichtlich davon aus, dass er derjenige war. Was  – zum Teufel  – war hier los? Warum hielt sich sein Team so lange bedeckt? Vielleicht würde er jetzt eine Antwort darauf bekommen. Die Deputys hatten ihn nicht umsonst zurück ins Sheriffbüro gebracht. Er würde in ein paar Sekunden hoffentlich Campbell gegenüberstehen, der die Sache regelte. Es war gut möglich, dass sie noch keinen Kontakt zu ihm aufnehmen konnten, weil der Einsatz und vor allem Teds Leben nicht gefährdet werden sollten. Doch eines war völlig klar. Er durfte nicht zurück in den Knast. Das wäre sein Todesurteil. Er war müde und wollte einfach hier raus und wissen, was passiert war, bevor er sich zwei oder drei Tage freinahm und durchschlief. Campbell oder Sharon Tallford würden ihm jetzt hoffentlich endlich Antworten liefern.
   »Wer genau wartet auf mich?«, fragte er Bexter, der hinter ihm herging. »Campbell oder Tallford?« Seinem Vorgesetzten traute er tatsächlich zu, in so einem Fall nur ein einfaches Teammitglied loszuschicken, anstatt sich selbst auf den Weg zu machen.
   »Campbell? Tallford? Wer soll das sein?«
   Jared drehte sich zu dem Deputy um, nachdem er nicht sofort weitersprach.
   Bexter runzelte die Stirn. »Auf Sie wartet ein Detective Paxton.«
   Judy.
   Gott sei Dank, schoss ihm als Erstes durch den Kopf. Dann begriff er. Die DEA war nicht hier. Sie waren nicht gekommen, um ihn rauszuholen. Wenn er mit Judy gesprochen hatte, würden sie ihn nach Dooly zurückbringen. Scheiße. Er musste einen Weg finden, hier herauszukommen.
   Jared spürte das Messer, das sein Angreifer in seiner Zelle fallen gelassen hatte, in seinem Hosenbund. So sehr sie ihn auf dem Weg in den Knast auch gefilzt hatten, so wenig hatten sie sich die Mühe auf dem Weg nach draußen gemacht. Was ihm jetzt das Leben retten konnte. Einen Moment dachte er darüber nach, Bexter zu überwältigen und sich so die Freiheit zu erpressen. Aber sie hatten ungefähr die gleiche Größe. Der Deputy war sogar noch ein wenig massiger als er. Zudem lief er in Handschellen vor ihm her. Keine guten Voraussetzungen. Wenn er schon eine Geisel nehmen musste, dann jemanden, den er überwältigen konnte und mit dem die Flucht auch gelang.
   Als wollte sich der Tag doch noch zum Guten wenden, ergab sich die Chance genau in dem Moment, in dem Deputy Bexter die Tür zum Vernehmungsraum öffnete. Jareds Exfrau saß auf einem der Stühle, die für die Beamten reserviert waren. Mit dem Rücken zu ihm. Ein Fehler, den ein guter Detective niemals beging. Andererseits musste er Judy zugestehen, dass sie nicht auf einen Verbrecher wartete, der sie kidnappen könnte, sondern auf ihren getrennt lebenden Mann, der endlich die Scheidungspapiere unterschreiben sollte.
   Er schob unauffällig seine Finger in den Hosenbund und zog das Messer heraus.
   In dem Moment, in dem Judy sich zu ihm umdrehte, grinste er sie an. »Ola, mi Cielo. Schön, dich zu sehen.« Blitzschnell schlang er ihr von hinten die gefesselten Arme um den Hals, riss sie vom Stuhl und hielt ihr die Klinge an die Kehle. »Ganz ruhig jetzt. Keine hektischen Bewegungen. Das gilt auch für Sie, Deputy«, sagte er zu dem Mann hinter sich, ohne seine Aufmerksamkeit von Judy abzuwenden. Sie konnte wirklich garstig werden und er musste sie unter Kontrolle halten.
   »Du verdammter Idiot. Was soll das?« Sie riss an der Kette, die seine Handschellen zusammenhielt. »Hör auf mit dem Mist.«
   Jared bohrte ihr das Messer ein wenig tiefer in die Haut. »Halt still, Cielo.«
   Judy hörte auf, in seinen Armen herumzuzappeln. Offenbar begriff sie, dass er es ernst meinte. Er drehte sich mit seiner Exfrau in den Armen zu Bexter um. Der Deputy hatte reflexartig seine Waffe gezogen und richtete sie auf ihn  – und Judy. »Eine dumme Bewegung, und sie ist tot. Verstanden? Wollen Sie das, Deputy? Wollen Sie diese Frau auf dem Gewissen haben?«
   Dem Mann brach der Schweiß aus. Ruckartig schüttelte er den Kopf. Er war ganz sicher noch nie in einer Situation wie dieser gewesen. Jared hatte fast Mitleid mit ihm. »Wunderbar«, sagte er und war erstaunt, wie ruhig seine Stimme klang. Viel lockerer, als er sich fühlte. »Ich will nämlich auch nicht, dass ihr etwas passiert. Auch wenn sie meine Exfrau ist.«
   »Jared«, zischte Judy und riss abermals an den Handschellen. Er ignorierte sie. »Legen Sie vorsichtig Ihre Waffe auf den Boden und gehen Sie auf die andere Seite des Tisches«, forderte er den Deputy auf.
   Bexter zögerte. »Na los«, fuhr Jared ihn an. Er hatte nicht ewig Zeit. Im Moment war das Schicksal auf seiner Seite. Je mehr Leute jedoch von dieser Aktion Wind bekamen, desto schwieriger gestaltete sich eine Flucht. Er sah dem Beamten dabei zu, wie er langsam seine Waffe auf den Boden legte und um den Vernehmungstisch, an dem er gestern noch dem Sheriff gegenübergesessen hatte, herumging.
   Jared klapperte mit den Handschellen. »Ich brauche den Schlüssel.«
   Bexter löste die Schlüssel von seinem Gürtel und schob sie über den Tisch.
   »Judy, schließ meine Handschellen auf«, befahl er. Sie kam der Aufforderung mit zitternden Händen nach. Wahrscheinlich bebten sie nicht vor Angst, sondern vor Wut  – auf ihn. Wieder einmal. Er konnte sie verstehen. Wenn sie das hier hinter sich gebracht hatten, würde er alles unterschreiben, was sie ihm vorlegte. Sie konnte das Haus behalten, konnte alles haben, was auf seinem Bankkonto lag. Wenn er nur lebend hier herauskam und die Chance erhielt, herauszufinden, was passiert war.
   Er schob die Handschellen über den Tisch. »Geben Sie mir Ihr Handy, Deputy.« Ein Funkgerät, mit dem er hätte Hilfe rufen können, hatte Bexter nicht bei sich. Er nahm ihm das Mobiltelefon ab. »Schließen Sie Ihre Hand am Stuhl fest.« Er wartete, bis Bexter eine Seite der Schließe an seinem Handgelenk befestigt hatte und die andere um die Metallöse am Stuhl mit einem metallischen Klicken einrastete. »Wie viele Personen sind außer Ihnen auf der Wache?«
   Bexter sah ihn böse an. »Ich bin im Moment allein«, murmelte er. »Aber die anderen kommen sicher jeden Moment von der Streife zurück.«
   Jared riss das Kabel, das das Aufnahmegerät für die Vernehmungen und die Sprachübertragung nach draußen mit Strom versorgte, aus der Steckdose. So konnte Bexter erst einmal nicht auf sich aufmerksam machen. »Heb die Waffe auf, Judy. Ganz vorsichtig.« Sie tat wie geheißen. Jared nahm sie ihr ab, schob sie in seinen hinteren Hosenbund und steckte das Handy des Deputys ein. »Auf geht’s, Cielo. Raus hier.« Er zog seine Exfrau in Richtung Tür. »Spiel mit«, flüsterte er Judy ins Ohr. »Ich flehe dich an. Ich brauche deine Hilfe.« Als Antwort bohrte sie ihm den Absatz ihres Schuhs in den Fuß. Er unterdrückte einen Schmerzenslaut. Solange sie nach ihm trat, war sie sich wenigstens bewusst, dass er ihr nicht wehtun würde. »Wo steht dein Wagen?«
   Der Flur, in dem das Vernehmungszimmer lag, war leer. Das würde sicher nicht lange so bleiben. Jared zog die Tür hinter sich ins Schloss. Der Raum war schalldicht. Bexter konnte brüllen, wie er wollte. Seine Kollegen würden ihn nicht so schnell finden. Jede Sekunde, die ihr Vorsprung auf die Verfolger größer war, war eine Sekunde mehr, in der ihm die Flucht gelingen konnte. »Wo steht dein Wagen?«, wollte er noch einmal wissen.
   »Hinter dem Haus. Auf dem Besucherparkplatz«, brachte sie zwischen zusammengepressten Zähnen heraus. O ja, Judy war stinksauer auf ihn.
   Er dirigierte sie zum Hinterausgang der Polizeiwache. Niemand begegnete ihnen. Die Dienststelle schien wie ausgestorben. Bexter hatte offenbar nicht gelogen, als er sagte, alle anderen wären unterwegs. Jared ließ Judy einen Blick auf den Parkplatz werfen.
   »Die Luft ist rein.«
   Er konnte nur hoffen, dass sie ihn nicht hereinlegte, und stieß die Tür in die Freiheit auf. »Los! Zu deinem Wagen.« Das Messer immer noch an ihrem Hals folgte er ihr zu dem kleinen Ford, den sie gemietet hatte. Er öffnete die Beifahrertür und ließ sie vor sich einsteigen und auf den Fahrersitz hinüberrutschen. »Lass uns hier verschwinden.«
   Judy startete den Motor und gab Gas. Er ließ das Fenster herunter und warf Bexters Handy hinaus. Ihm war die Richtung, die sie nahm, egal, solange sie ihn nur so schnell wie möglich weg von hier  – und aus der Nähe dieses verdammten Gefängnisses  – brachte.
   Judy bog in die Hauptstraße ein und wich einem schwarzen SUV mit getönten Scheiben aus, der, gefolgt von einem zweiten, auf den Parkplatz des Sheriffdepartment fuhr. Die DEA. Das musste sein Team sein. Aber kamen sie auch, um ihn hier herauszuholen? Sie hatten ihn einen Tag schmoren lassen, was ihn fast das Leben gekostet hätte. Sein Bauchgefühl riet ihm zur Flucht. So schnell wie möglich. Jared hatte sich angewöhnt, auf seinen Bauch zu hören. Das hatte ihm zu seinen Zeiten bei der Air Force schon mehr als einmal das Leben gerettet. Wenn sein Bauch sagte, trau diesen Leuten nicht über den Weg, dann tat er es nicht. Sollte er sich wirklich irren, konnte er sein Verhalten im Nachhinein immer noch entschuldigen. Die einzige Person, der er im Moment traute, war die, die ihn am meisten hasste.

*

»Was soll das heißen? Er ist weg?« In der Stimme des Sheriffs schwang eindeutig eine Todesdrohung mit. Bexter rieb sich das schmerzende Handgelenk, von dem Johnston gerade die Handschelle gelöst hatte. Er saß immer noch auf dem Stuhl, der normalerweise den Beschuldigten vorbehalten blieb. Der Sheriff ragte wie ein Turm über ihm auf. Viel beängstigender als das Brüllen seines Vorgesetzten fand er die leise, kalte Stimme des DEA-Typen. Er verursachte ihm regelrecht Gänsehaut.
   Unbehaglich zuckte Bexter die Schultern. »Ich dachte, die Frau ist die Delegation aus dem Norden. Sie hat sich mit einer Dienstmarke ausgewiesen.«
   »Weil sie ein Detective ist«, sagte der DEA-Typ leise. »Woher wusste sie überhaupt, dass sie Paxton in Gewahrsam hatten?«
   Paxton. Die Leute von der DEA hatten ziemlich schnell klargestellt, dass ihr Kokainschmuggler tatsächlich ein Undercoveragent war. Er hatte also nicht gelogen. Allerdings waren im Norden ein paar Dinge vorgefallen, über die sich die Bundesbehörde  – wie es die Art solcher Dienststellen war  – ausschwieg. Sie dumme Dorfpolizisten ging das schließlich nichts an. Alles total geheim und wichtig. Bexter rutschte noch ein Stück in seinem Stuhl nach unten. »Ich habe ihn gestern Abend telefonieren lassen, um herauszufinden, ob er vielleicht Kontakt zu einem Mittäter oder Hintermann aufnimmt. Offenbar hat er nur mit seiner Frau telefoniert.«
   »Die mit den Scheidungspapieren hier aufgetaucht ist.« Der Bundesagent blätterte durch die Mappe, die Judy Paxton im Vernehmungsraum zurückgelassen hatte. »Haben Sie diesen Anruf autorisiert, Sheriff Landers?«
   »Nein«, knurrte sein Boss.
   Bexter war sich nicht sicher, ob er am Ende des Tages noch einen Job haben würde.
   Das Gefolge des DEA-Typen, eine etwas mollige Frau in einem zu engen Kostüm und ein großer, blonder Typ, der aussah, als wäre er schon in einem Anzug zur Welt gekommen, standen wie stumme Bodyguards hinter ihm. Er hob den Blick noch einmal von den Scheidungspapieren und richtete ihn genau auf ihn. Wie ein menschlicher Lügendetektor, schoss es Bexter durch den Kopf. Diesen Augen entging nichts.
   »Glauben Sie, dass diese Geiselnahme eine abgesprochene Sache zwischen den beiden war?«
   Bexter schüttelte heftig den Kopf. »Auf keinen Fall. Die Frau war genauso überrumpelt wie ich.«
   Der Mann nickte. »Wie lange ist es her, seit sie verschwunden sind?«
   »Etwa fünfundzwanzig Minuten.«
   Der Agent drehte sich zu Landers um. »Fahnden Sie nach ihm. Setzen Sie alles ein, was Sie aufbieten können. Hunde, Hubschrauber, Suchtrupps. Ich will, dass er bis zum Einbruch der Nacht wieder in diesem Verhörraum sitzt. Und benutzen Sie seinen Decknamen. Er soll weiterhin Emilio Martinez genannt werden. Haben Sie mich verstanden?«
   Bexter atmete bei diesen Worten vorsichtig aus. Gleich würde der Sheriff explodieren. Er hatte in diesem County das Sagen und schätzte es nicht, wenn jemand das Kommando übernahm. Als Befehlsempfänger machte er sich nicht gut, was bei den regelmäßigen Kabbeleien mit der Bürgermeisterin immer wieder zu Eskalationen führte. Er warf Bexter noch einmal einen grimmigen Blick zu, damit er nicht vergaß, wer an diesem Schlamassel schuld war. »Ja, Sir«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Kapitel 4
Crockett, Texas

Judy ließ die Stadt hinter sich und raste in Richtung Davy Crockett Nationalpark. Sobald sie weit genug in das dicht bewaldete Gebiet hineingefahren war, bog sie auf einen halb zugewachsenen Pfad ab und parkte außerhalb des von der Straße einsehbaren Bereiches.
   Sie hielt es keine Sekunde länger neben diesem Mann aus. Wütend sprang sie aus dem Wagen. Jared öffnete die Beifahrertür und stieg ebenfalls aus. Sie wartete nicht, bis er zu ihr kam. Sie stürzte sich auf ihn und verpasste ihm eine Ohrfeige, die kräftig genug war, seinen Kopf herumschnellen zu lassen. Er zuckte nicht mit der Wimper, obwohl sie auch die Schürfwunde erwischt hatte, die sich über seine Schläfe zog. Stoisch stand er vor ihr und wartete ab. »Pendejo! Arschloch! Ich hasse dich!«, brach es aus ihr heraus. »Ich hasse dich! Ich hasse dich!«
   »Okay, das habe ich begriffen. Können wir jetzt von hier verschwinden?«
   »Verschwinden? Ich gehe nirgendwo hin. Nicht mit dir, jedenfalls.«
   »Okay«, sagte er ein zweites Mal. Seine gleichgültige Haltung ließ ein wenig nach. Er lehnte sich müde gegen den Ford. »Was willst du tun? Zurück zum Sheriff gehen und ihm sagen, wo ich dich freigelassen habe?«
   »Ich  … keine Ahnung.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Kannst du mir vielleicht endlich erklären, was hier los ist?«
   »Nicht jetzt. Wir müssen so schnell wie möglich verschwinden. Sie suchen sicher schon nach uns.«
   »Sie suchen nach dir, wolltest du sagen.«
   »Ja, nach mir.« Jared kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenwurzel, was er immer tat, wenn er Kopfschmerzen bekam und versuchte, trotzdem den Durchblick zu behalten. Gott, sein Verhalten, seine Bewegungen und seine Art zu denken  – sie kannte ihn wie keinen Menschen sonst auf der Welt. Und sie verstand nicht, was hier geschah. Jared hatte sich in seinem Leben schon ein paar Mal in Schwierigkeiten gebracht. Aber das hier? Inhaftiert? Das war nicht der Mann, den sie geheiratet hatte. Was hatte der Deputy zu ihr gesagt? Sie wandte sich ihm zu. »Du sollst in den Mord an drei Menschen verwickelt sein.«
   Er erstarrte. »Drei?«
   Judy nickte stumm.
   »Woher hast du das?«
   »Der Deputy hat es mir gesagt.«
   Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Eine Geste reiner Frustration. »Hat er Namen genannt?«
   »Nein. Er sagte nur, dass es um drei Morde geht.«
   Der frustrierte Ausdruck in seinen Augen wich einem gehetzten. Etwas, das sie bei ihm noch nie zuvor gesehen hatte.
   Er nahm ihre Hand in seine und drückte sie. »Judy, mi Cielo, mir tut von ganzem Herzen leid, was ich dir angetan habe. Ich hatte keine Wahl, auch wenn ich immer noch nicht weiß, was eigentlich passiert ist. Der Einsatz ist schiefgelaufen, aber es ist niemand aus dem Team aufgetaucht, um mich rauszuboxen. Der Sheriff hat mich wegen Schmuggels einer halben Tonne Kokain vor den Haftrichter geschleppt und ins Dooly State Prison verfrachtet. Dort haben sie, kaum dass ich da war, versucht, mich kaltzumachen. Angeblich, weil ich Schuld am Tod von Esteban Moreno bin. Jetzt sprichst du von drei Toten.« Er rieb sich über das Gesicht. »Ich musste abhauen. Verstehst du? Ich muss hier weg. Ich weiß nicht, welches Spiel die DEA mit mir spielt. Aber wenn sie mich kriegen  – und das werden sie, wenn ich noch länger hier herumstehe  – stecken sie mich in den nächsten Knast. Und dort bin ich ein toter Mann.«
   »Wer ist Esteban Moreno?«
   »Der Boss des Drogenrings, in den mein Partner und ich eingeschleust waren.«
   Als Judy Jared kennengelernt hatte, trug er das Haar noch militärisch kurz. Nach seinem Ausscheiden bei der Air Force hatte er es wachsen lassen und nie wieder ganz kurz geschnitten. In den vergangenen sieben Monaten, in denen sie ihn nicht gesehen hatte, war es so lang geworden, dass er es mit einem Haargummi zu einem kurzen Zopf zusammenband. Einige wirre Strähnen hatten sich gelöst und hingen ihm um das Gesicht. Seine Züge wurden von einem schwarzen Vollbart verdeckt, den er zu Zeiten ihrer Ehe ebenfalls nicht getragen hatte. Trotz dieser Veränderungen kannte sie ihn viel zu gut. Sie konnte die Linien der Erschöpfung auf seiner Stirn erkennen. Seine, für einen Mann lateinamerikanischer Herkunft außergewöhnlichen, türkisblauen Augen, die in ihren gemeinsamen Jahren so oft vor Leidenschaft und Humor gefunkelt hatten, fixierten sie todernst.

*

»Verdammt«, murmelte sie. Sie öffnete den Kofferraum des Mietwagens und kramte ein paar flache Schuhe aus ihrer Reisetasche. Sie schleuderte ihre Pumps in den Wagen und schlüpfte in die bequemere Ausgabe, während sie ihm ein T-Shirt zuwarf. »Zieh wenigstens das orange Oberteil aus. Du leuchtest wie eine Boje.«
   Er sah das T-Shirt in seiner Hand an. »Hey, das ist ja mein Shirt.«
   »Keine Ahnung.« Judy zuckte mit den Achseln, bekam aber rote Wangen. »Ich habe irgendetwas zum Schlafen eingepackt.«
   Jared spürte, wie sich ein Grinsen in sein Gesicht stahl. Sie schlief sieben Monate nach ihrer Trennung immer noch in seinen T-Shirts.
   Er sah ihr zu, wie sie ihr Handy ausschaltete und in ihre Handtasche warf, die sie ihm zum Tragen reichte.
    »Ich hasse dich. Vergiss das ja nicht.« Ohne auf ihn zu warten, marschierte sie davon. Geradewegs in das Unterholz des Waldes.
   Trotz der Gedanken, die ihn umtrieben und der Schmerzen, die seit seinem Kampf im Dooly State in seinem Körper wüteten, konnte er sich das Lächeln nicht verkneifen. Das war Judy, sein Cielo, die zielstrebigste und loyalste Frau, der er jemals über den Weg gelaufen war. Sie hasste ihn  – zu Recht. Aber sie würde ihn niemals im Stich lassen.
   Vorsichtig zog er sich das Gefängnisoberteil über den Kopf. Das getrocknete Blut hatte es an der Wunde an seinem Oberarm festgeklebt. Die Wunde riss wieder auf und das Blut begann leicht zu laufen. Er besah sich den Schaden. Es würde ohne Nähen gehen, aber für eine Weile würden ihn die Schmerzen in den Wahnsinn treiben. Er winkelte den verletzten Arm an und stützte ihn mit der anderen Hand ab, bevor er sich in Bewegung setzte und seiner Fast-Exfrau in den Wald folgte.

*

Eine kleine Armada von Dienstfahrzeugen der DEA und des Sheriffdepartments blockierte die Zufahrt zum Davy Crockett Nationalpark bis hin zu dem Seitenweg, in dem Jared Paxton den Mietwagen seiner Frau versteckt hatte. Den Ford zu finden war nicht schwer gewesen. Sie hatten das GPS geortet und innerhalb kürzester Zeit den Standort ermittelt. Jetzt standen sie mitten im Niemandsland und planten das weitere Vorgehen.
   Tallford hatte den Wagen durchsucht. Mit einer kleinen Reisetasche in der Hand kam sie zu ihnen herüber. »Es sah so aus, als hätte sie tatsächlich vorgehabt, Jared einen Besuch abzustatten und die Scheidungspapiere unterschreiben zu lassen. Sie hatte Kleidung für eine Nacht dabei.« Sie stellte die Tasche ab. »Die Schuhe hat sie wahrscheinlich gewechselt. Ihre Pumps liegen im Kofferraum. Die Handtasche fehlt. Sie hat sie vermutlich bei sich. Es spricht alles dafür, dass sie nicht mit ihm unter einer Decke steckt.«
   Oder es ist einfach nur ein Ablenkungsmanöver, überlegte Stanley. Er sah zu Campbell hinüber. Ob er das auch so sah? Sein Boss hatte offenbar nicht zugehört, er starrte mit versteinerter Miene den Feldweg hinunter, der zum Parkeingang führte. Stanley folgte seinem Blick. Aus einem dunkelblauen Impala schlängelte sich ein übergewichtiger Anzugträger um die fünfzig. Eine E-Zigarette im Mundwinkel bahnte er sich, seine Dienstmarke schwenkend, einen Weg durch die Einsatzkräfte und hielt direkt auf sie zu. Campbell sprach kein Wort, aber seine Augen sagten ganz deutlich: Scheiße.
   »Und was für ein Kasper ist das? Gehört der auch zu Ihnen?«, wollte der Sheriff wissen.
   Campbell machte sich nicht die Mühe, ihm zu antworten. Er wartete einfach, bis der Mann bei ihnen ankam.
   »Special Agent Price, FBI.« Der Dicke hielt Landers seinen Ausweis unter die Nase, als wäre dieser kurzsichtig.
   »Dreh deinen Arsch in die andere Richtung und verschwinde, Price«, sagte Campbell mit seiner leisen, kalten Stimme. »Das hier ist ein Fall der DEA.«
   »Falsch.« Price grinste und zog an seiner E-Zigarette. »Entscheidung von ganz oben. Ich übernehme die Ermittlungen.«
   »Ganz sicher nicht. Ignorieren Sie ihn«, wies Campbell die Umstehenden an. »Er hat hier nichts zu sagen. Wir haben drei Tote, die in Zusammenhang mit einer Rauschgiftermittlung stehen.«
   »Und noch einmal falsch«, nuschelte Price um seine Zigarette herum. »Ihr habt überhaupt keinen Toten. Ihr habt nur einen Tatort. Was wir allerdings haben, ist ein vermisster Bundesagent.« Er zuckte mit den Schultern und grinste wieder. »Zugegebenermaßen ist der Bundesagent wahrscheinlich tot, aber im Moment läuft er noch als Vermisster. Und wir haben einen zweiten Bundesagenten als Tatverdächtigen. Der Drogenboss und seine Schlampe sind mir egal. Ich ermittle in der Vermisstensache Ted Hudson, ganz einfach deshalb, weil ich dafür zuständig bin. Wenn ihr an meinen Informationen teilhaben wollt, müsst ihr mit mir zusammenarbeiten.« Er rieb sich die Hände. »Das wird ein Spaß.«
   Irgendwie, schloss Stanley, schienen sich Campbell und Price zu kennen und zu hassen. Was kein Wunder war. Sie gehörten beide nicht unbedingt zu den Sympathieträgern der Gesellschaft.
   »Moment mal. Was soll das heißen, Sie haben keine Leichen? Sie haben gesagt, Paxton  – Martinez«, verbesserte sich Landers, weil sie sich darauf geeinigt hatten, seine Tarnung aufrechtzuerhalten, »wird wegen dreifachen Mordes gesucht.«
   »Hat er Ihnen das erzählt, Sheriff?« Price lachte ein dröhnendes Lachen und schnippte mit den Fingern vor dem Gesicht des Polizisten. »Bei Campbell muss man sich in acht nehmen. Er biegt die Wahrheit gern so zurecht, wie sie ihm am besten in den Kram passt. Fakt ist, dass er nur einen Tatort mit drei Blutflecken in einem Lagerhaus in New York und einen anonymen Anruf beim NYPD vorweisen kann. Die DNA-Analysen sind noch nicht abgeschlossen. Anhand der am Tatort aufgefundenen Gegenstände könnte es sich bei den Personen, deren Blut gefunden wurde, um Esteban Moreno, seine Freundin Kelly Andrews und den DEA-Agent Ted Hudson handeln. Im Lagerhaus wurde zudem Special Agent Jared Paxtons Zweitwaffe gefunden. Sie wurde auf jeden Fall abgefeuert. Aber ob er damit jemanden erschossen hat  – und wann  – ist völlig offen«, klärte Price den Sheriff auf.
   »Schwachsinn.« Campbells Stimme blieb leise, auch wenn er den Anschein erweckte, langsam richtig wütend zu werden.
   Ein Zustand, in dem man den Agenten höchst selten antraf. Stanley war fasziniert.
   »Er hat seinen Partner auf dem Gewissen und meine gesamte Ermittlung torpediert.«
   »Hm. Die Frage des Motives scheint mir noch ein wenig wacklig.«
   Campbell ignorierte Price und wandte sich an Landers. »Können wir endlich anfangen? Ich will den Scheißkerl heute noch hinter Schloss und Riegel haben.«
   Der Sheriff winkte eines der Mitglieder des K9-Teams heran. »Wie sieht es aus, Jeff?«
   »Wir sind so weit, Sir. Wir nutzen die Kleidung der Frau aus dem Kofferraum und das Hemd, das der Mann neben den Wagen geworfen hat, als Geruchsspurenträger. Ich setze einen Mantrailer und einen Begleithund auf sie an. Wir liegen gut in der Zeit. Die Flucht ist noch nicht lange her und die Spuren noch frisch.«
   »Ich will, dass beiden Spuren nachgegangen wird.« Campbell warf dem Bloodhound und dem Schäferhund, die im Schatten eines Dienstwagens lagen, einen skeptischen Blick zu.
   Der Mann vom K9, Jeff, schüttelte den Kopf. »Bei allem Respekt, das bringt nichts, Sir. Die Duftspuren der beiden Flüchtigen haben sich längst zu einer vermischt. Es macht keinen Sinn, mehrere Teams darauf anzusetzen. Mir ist es lieber, ich kann die Hunde regelmäßig austauschen und damit auf der Fährte lassen. Wir wissen schließlich im Moment nicht, wie lange wir brauchen werden, um die beiden zu fassen.«
   »Was passiert, wenn sich die Personen trennen?«, hakte der Sheriff nach.
   Jeff zuckte mit den Achseln. »Dann folgt der Hund möglicherweise der kräftigeren, leichteren Spur. Welche das ist, werden wir wahrscheinlich erst wissen, wenn wir den Spurenverursacher gefunden haben.«
   »Tolle Aussichten«, sagte Campbell leise.
   Der Hundeführer versteifte sich. »Das sind Hunde, keine Maschinen. Machen Sie sich einfach klar, wie weit Sie ohne die Tiere kommen würden, dann reden wir weiter. Mein Team fängt jetzt jedenfalls mit der Suche an. Auf unsere Weise  – die seit Jahrzehnten erprobt ist und funktioniert.« Er drehte sich um und stiefelte davon.
   Wieder jemanden vergrault, dachte Stanley.
   Das Handy des Sheriffs klingelte. Er nahm den Anruf entgegen und lauschte. »Perfekt. Er soll sich beeilen.« Nachdem er aufgelegt hatte, wirkte sein Gesicht ein wenig hoffnungsvoller. »Ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera ist aus Huntsville auf dem Weg hierher.«

*

Judy und Jared hockten am Rande einer Raststätte an der Interstate im Gebüsch und beobachteten die Umgebung. Zwei Stunden lang hatten sie sich durch den Wald gekämpft. An einer Schlucht hatten sie einen großen Teil ihres Vorsprungs auf die Verfolger eingebüßt. Mühsam hatten sie sich einen Weg auf die andere Seite gesucht. Von Mücken zerstochen und übersät von Kratzern der Bäume und Sträucher, die ihren Weg gesäumt hatten, saßen sie im Dickicht und folgten mit den Augen wachsam jeder Bewegung auf dem Rastplatz.
   »Hörst du das?«, flüsterte Jared. Er legte den Kopf schräg und runzelte die Stirn.
   Judy lauschte. Hundegebell. »Das klingt ziemlich nah.«
   »Sie sind uns dichter auf den Fersen, als ich dachte. Wir müssen sehen, dass wir hier wegkommen.«
   »Jared.« Judy legte ihm eine Hand auf den Arm und wartete, bis er sie ansah. Es wurde Zeit, der Realität ins Gesicht zu blicken. »Wir werden sie nicht abhängen können.«
   Er nickte. »Zumindest nicht zu Fuß.«

*

Der Leiter des Suchtrupps trat zu Campbell und dem Sheriff. Stanley bemerkte, dass sich der Mann auf Landers konzentrierte und den DEA-Agenten nicht ansah. »Wir haben gut aufgeholt, Sir. Die Flüchtigen haben eine Zeit lang versucht, einen Weg zu finden, um eine Schlucht zu überqueren. Einer unserer Führer kennt die Örtlichkeit und hat eine Abkürzung genommen. Er konnte ihre Spur auf der anderen Seite wieder aufnehmen.«
   »Kommen Sie zum Punkt«, zischte Campbell. Es war ihm nur zu offensichtlich egal, dass der Mann ihn mied und sich nur auf den Sheriff konzentrierte.
   »Wir sind kurz vor dem Rastplatz Parkview an der Interstate. Dorthin sind sie unterwegs. Entweder suchen sie eine Mitfahrgelegenheit, oder sie überqueren die Straße und schlagen sich auf der anderen Seite wieder in den Wald. Wir werden es erst wissen, wenn wir da sind. Aber ihr Vorsprung beträgt höchstens noch zehn Minuten.«
   Der Sheriff nickte. »Danke, Jeff. Ich schicke ein Team zur Raststätte.«
   Campbell drehte sich zu Stanley um. »Williamson, schnappen Sie sich Tallford und fahren Sie mit. Ich will, dass Sie vor Ort sind und den Scheißkerl festnehmen, sobald er seinen Kopf aus dem Wald steckt.«

*

Auf dem Rastplatz parkten zwei SUV, drei Pick-ups und ein Lieferwagen. Die Fahrzeuge waren zu klein, um sich unbemerkt darin zu verstecken. Zumindest, wenn man keine weitere Geiselnahme riskieren wollte. Ein Stück weiter hinten standen vier Lastwagen.
   »Wir könnten uns in einem der Trucks verstecken. Falls einer von ihnen seinen Laderaum nicht verschlossen hat«, überlegte sie.
   »Gute Idee. Siehst du das Motorrad dort drüben?« Jared wies auf einen Shopper. »Der Fahrer hat den Schlüssel stecken lassen. Lass uns die Maschine in die Büsche schieben.«
   Judy begriff, was er vorhatte. Im Schatten der Sträucher und Bäume schlichen sie so nah wie möglich an das Motorrad heran, bevor sie aus dem Wald heraustraten und den Schopper von seinem Ständer schoben. Gemeinsam brachten sie die schwere Maschine hinter den Toilettenhäuschen ins Gebüsch und bockten sie wieder auf.
   »Perfekt.« Jared griff an seinen verletzten Oberarm und bewegte vorsichtig die Schulter. »Lass es uns mit dem Transporter dort drüben versuchen.«
   »Dem mit der Plane?«
   »Er ist wie für uns gemacht. Wenn wir die Plane nicht aufbekommen, können wir sie ein Stück einschneiden.« Sie drückten sich wieder in die Schatten. Das Verstecken des Motorrads hatte sie Zeit gekostet. Das Hundegebell klang inzwischen laut  – und so nah  – in ihren Ohren. Um den Truck zu erreichen, mussten sie ein Stück freie Fläche überwinden. Geduckt liefen sie über den Rastplatz und zogen die Plane, die mit Schlaufen an der Ladeklappe fixiert war, auf.
   »Schafe«, stellte Judy entgeistert fest.
   »Schafe.« Jared grinste. »Hoch mit dir.« Er schob seine Hände zu einer Räuberleiter zusammen.
   Judy stellte ihren Fuß hinein und er hob sie hoch. Vorsichtig kletterte sie über die Ladeklappe und schob sich zwischen die Tiere, die sich neugierig oder auf der Suche nach einer Möglichkeit, aus dem Truck zu entkommen, um sie herumdrängten.
   Jared zog sich nach oben und folgte ihr. Er fluchte zwischen zusammengepressten Zähnen und griff sich an den verletzten Oberarm. Dann zog er vorsichtig die Plane gerade, damit niemand sie von außen sehen konnte. »Geh auf alle viere und kauere dich zusammen.«
   »Schafe«, murrte Judy. »Ich dachte, wir sind hier im Rinderstaat schlechthin. Hätten wir uns nicht einen Truck mit gekühltem Bier oder einen Möbeltransporter aussuchen können?«
   »Die Schafe sind perfekt, um unentdeckt von hier zu verschwinden.« Jared kauerte sich neben sie. Die Tiere, die sie neugierig beschnupperten, beruhigten sich wieder. Bis das Dröhnen eines Hubschraubers erklang und näher kam. Die Rotoren überdeckten sogar das Gebell der Suchhunde. Ein Schaf trat Judy auf die Hand, was angesichts des Gewichtes des Tieres sehr schmerzhaft war, obwohl die Beine so zart aussahen. Der Hubschrauber schien über dem Rastplatz in der Luft zu schweben. Wahrscheinlich suchte er die Gegend mit einer Wärmebildkamera ab. Judy begriff, warum Jared diesen Transporter ausgewählt hatte, obwohl sie vor Schafgestank fast keine Luft mehr bekam. Die Tiere hatten eine ähnliche Körpertemperatur wie sie. Zusammengekauert zwischen ihnen würde die Wärmebildkamera sie nicht ausmachen können. Es war das perfekte Versteck. Sie hielt den Atem an. Der Hubschrauber schien eine Ewigkeit über ihnen zu schweben, doch schließlich entfernte sich das Rotorengeräusch und verstummte schließlich ganz. Dafür klang das Gebell der Suchhunde nun deutlich näher. Jared schob die Plane ein paar Zentimeter zur Seite und spähte hinaus. »Unser Fahrer kommt«, flüsterte er. »Höchste Zeit. Die Hunde müssen jeden Moment hier sein.« Er schwieg einen Moment. »Jetzt unterhält er sich mit einem anderen Trucker. Komm schon, komm schon«, murmelte er beschwörend.
   Judy kroch zu ihm hinüber, um ebenfalls durch den Spalt blicken zu können. Endlich setzte sich der Mann wieder in Bewegung und kam auf den Truck zu. Er lief an ihnen vorbei und sie verloren ihn aus den Augen. Einen Moment später hörten sie, wie er die Fahrertür öffnete und sich hinter das Steuer setzte. Mit dem Anlassen des Transporters sprang das Radio an und beschallte die gesamte Umgebung mit grauenvoller Countrymusik.
   Judy und Jared wagten noch einen Blick durch den Spalt. Der Fahrer gab Gas und der Truck rollte genau in dem Moment an, in dem der erste Suchhund durch das Unterholz des Waldes brach und auf dem Parkplatz zum Stehen kam.
   Jared zog die Plane gerade und wandte den Kopf. Sie waren sich so nahe, dass sich ihre Nasen fast berührten. Einen Moment lang bohrte sich sein Blick in ihren. Intensiv. Direkt. Jared hatte sie oft so angesehen, bevor er sie an sich gerissen und geküsst hatte. Judy schluckte trocken. Hatte er vor, sie zu  …
   Er zog einen Mundwinkel nach oben und brachte Abstand zwischen sie. Hatte er ihre Gedanken gelesen?
   Jared ließ sich mit dem Rücken gegen die Ladeklappe fallen, was ihr Raum zum Luftholen ließ.
   »Geschafft«, sagte er und hielt ihr seine zur Faust geballte Hand entgegen. Er hatte die Spannung offenbar nicht wahrgenommen. Sie stieß mit ihrer geballten Hand gegen seine. Ein Reflex aus alten Zeiten. Von ihm genauso wie von ihr. Sie ließ die Hand sinken und lehnte sich neben ihm an die Klappe. Was tat sie hier? So nahe waren Jared und sie sich seit sieben Monaten nicht mehr gewesen. Sie konnten also nur so unverkrampft miteinander umgehen, wenn er sie als Geisel nahm und sie gemeinsam auf der Flucht waren? Ihr Leben war eine wirklich verfahrene Kiste.

*

»Boss? Können Sie mich hören?« George Campbell musste sich bemühen, seinen Agenten zu verstehen bei all den Hintergrundgeräuschen aus herumbrüllenden Menschen, Verkehrslärm und Hundegekläffe. »Wir sind auf dem Rastplatz. Aber die Hinweise auf sie verlieren sich hier. Den Spuren nach, die die Hunde gefunden haben, haben sie sich eine Weile hier herumgetrieben und sind um den Platz herumgeschlichen. Ein Biker vermisst sein Motorrad. Wir müssen davon ausgehen, dass sie es gestohlen haben. Der Idiot hat den Schlüssel stecken lassen.«
   George legte auf. »Weiten Sie die Fahndung aus.« Er warf einen Blick auf die Karte, die auf der Motorhaube des Sheriffwagens ausgebreitet lag. »In Richtung Osten. Insbesondere in Richtung Grenze nach Louisiana. Sie sind wahrscheinlich mit einem Motorrad unterwegs. Mein Agent wird Ihnen die Details geben. Lassen Sie den Hubschrauber die Straßen absuchen. Dann soll er noch einmal systematisch das Waldgebiet überfliegen.«

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