Silke Lünerau ist Ende zwanzig, erfolgreiche Gerichtsdolmetscherin, und bisher verlief das Leben der Hamburger Spediteurstochter auf gerader Spur. Damit ist jedoch Schluss, als sie auf dem Balkon ihrer lesbischen Nachbarin die Frau zu sehen glaubt, in die sie sich verliebt hat, obwohl sie doch eigentlich auf Männer steht. Not amused fährt sie mit einer Handvoll Lügen im Gepäck zu ihrem Exfreund nach England. Dort wird mal ein verheirateter Mann, mal der letzte Strafprozess im Rotlicht- und Drogenmilieu zum offiziellen Grund ihrer überstürzten Abreise. Gezwungenermaßen beginnt sich Silke nach ihrer Ankunft im beschaulichen Brentwood nicht nur für die scheinbare Liebesbeziehung ihrer Nachbarin zu interessieren, sondern bald auch für den deutschen Rettungssanitäter Carlo – nicht ahnend, dass damit alles erst richtig kompliziert wird.

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ISBN: 978-9963-52-872-1

Seiten: 213

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Jana Stolberg

Jana Stolberg
Jana Stolberg lebt mit ihrer Drei-Generationen-Familie in Braunlage im Harz. Bereits als Gymnasiastin fühlte sie sich von Schrift und Sprache magisch angezogen, sodass kein Text vor ihr sicher war und sie unbedingt Schreibmaschine schreiben lernen wollte - und dies auch tat. Später wurde sie Rechtsfachwirtin und verbrachte einige Jahre bei großen Kanzleien in ihrer Heimatstadt Hamburg sowie in Köln, Bonn und London. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Jana Stolberg inzwischen selbstständige Unternehmerin, u. a. mit einem Schreibbüro für juristische Texte.

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Leseprobe

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1
Ankunft im Exil

Hektisch stieß Silke die Autotür zu und wünschte sich dabei nichts sehnlicher, als mit der kalten Januarluft auch die jüngsten Ereignisse draußen auf dem grauen Asphalt zurücklassen zu können.
   Ihre Finger zitterten, als der Sicherheitsgurt mit leisem Klicken einrastete.
   Wortlos startete Eric den Motor. Er lenkte das Fahrzeug langsam aus der Parklücke und reihte sich in den stadtauswärts fließenden Verkehr ein. Durch das Seitenfenster sah sie hinauf zu Luzías Balkon im vierten Stockwerk. Grau und verwaist ragte die Betonbrüstung ihrer Nachbarin aus der Fensterlandschaft, genau wie ihre schräg links daneben.
   Sie rutschte in die schwarzen Lederpolster und unterdrückte ein Gähnen.
   »Soll ich die Heizung höher drehen?«
   »Lieber einen Gang.« Sie deutete mit einer fahrigen Handbewegung zur Uhr am Armaturenbrett.
   Es war kurz vor drei Uhr nachmittags.
   »So eilig hast du es wegzukommen?«
   Das auch. Sie seufzte tief und erklärte ihm, dass sie auf keinen Fall die Fähre verpassen dürften.
   Eric zog eine Augenbraue hoch. »Sag bloß nicht, du hast immer noch …«
   »Doch.« Sie griff nach der Light-Schachtel in ihrer Jackentasche. Mist, in seinem Wagen herrscht striktes Rauchverbot. Mit einem erneuten Seufzer zog sie die Hand zurück und rieb stattdessen unruhig die Fingerknöchel gegeneinander.
   »Und warum?« Sie ließen die Elbbrücken hinter sich und fuhren auf die Autobahn.
   Silke zuckte die Schultern. »Vielleicht weil Hamburg viele Brücken hat. Und ich habe zu wenig Zeit.«
   Eric schüttelte den Kopf. »Mal wieder typisch.« Er schaltete in den fünften Gang und trat kräftig aufs Gaspedal.
   Selber typisch. Sie schloss die Augen.
   Jedes Problem zu seiner Zeit – und im Moment hatte sie andere Sorgen, als die Therapie einer Tunnelphobie.
   Von der Aussicht auf eine weitere schlaflose Nacht, diesmal auf französischem statt auf deutschem Boden, wanderten ihre Gedanken zurück zu ihrer Nachbarin.
   Ob Luzía sie beim Losfahren beobachtet hatte? Unwahrscheinlich. Sonntags war sie immer mit irgendwelchen Yoga-Zen-Ki-Licht-Meditationen beschäf­tigt, oder wie die seltsamen Übungen und Verrenkungen hießen. Selbst Traumfrau Angelina Jolie würde sich zu dieser Zeit vergeblich die hübsche Nase am Türspion platt drücken, hatte Luzía ihr erst vor wenigen Tagen augen­zwinkernd anvertraut.
   Silke fiel der Brief ein, den sie ihr geschrieben hatte. Fast hatte sie vergessen, ihn in den Brief­kasten zu werfen. Stundenlang hatte sie dazu in der Nacht auf Bleistift und Fingernägeln herumgekaut, bis endlich einige Sätze zu Papier gebracht waren. Ob Luzía ihn heute noch finden würde?

Um neunzehn Uhr erreichten sie die Landesgrenze, als letzte Passagiere um halb elf die Fähre von Calais nach Dover – und als Eric endlich die Apartmenttür aufschloss, war es bereits weit nach Mitternacht.
   Der Name der Wohnanlage fiel ihr nicht ein. Sie sah unruhig umher und registrierte die schlichten Eichenmöbel und die nichtssagenden Bilder an den kalkweißen Wänden. Ach ja, Rayleigh Court. Seufzend ließ sie sich in einen altmodi­schen braunen Cordsessel fallen. Wollte sie das wirklich, zusammen mit Eric in dieser tristen Bude hocken, statt in ihren eigenen vier Wänden?
   »Du kannst dich hier nach Herzenslust austoben und es etwas wohnlicher gestalten.« Eric zog sie wieder auf die Beine. »Komm, ich zeig dir alles.«
   Das würde sie ganz sicher nicht tun. Sie war zum Ausruhen und Abschalten hier, und nicht, um für Eric Dekorateurin zu spielen. Ächzend folgte sie ihm in den schmalen Flur. »Wo ist das Schlafzimmer?«
   Er zeigte auf die Tür links.
   »Küche?«
   Tür rechts.
   »Bad?«
   Die Tür dazwischen.
   »Sonst noch was zu besichtigen?«
   »Genügt das nicht für ein glückliches Liebespaar?« Grinsend und mit einer einladenden Geste öffnete er die linke Tür und schob dabei gleichzeitig ihren Koffer mit dem Fuß über den Linoleumboden.
   Für ein verliebtes Pärchen genügte das sicher, aber ob das auch für sie beide reichen würde? Skeptisch wanderte ihr Blick durchs Schlafzimmer. Sie fror und ihr wurde wieder schwindlig. Ihre Lider begannen zu zucken, und nur Sekunden später zitterte sie am ganzen Körper, als wäre sie nackt am Nordpol und nicht mit Wollschal und Fellstiefeln in England gelandet.
   »Was ist los mit dir, frierst du etwa?«
   »Nein, ich hab nur seit Tagen kein Auge zugetan.«
   »Dann mach ich uns schnell einen Tee. Irgendwo wird auch noch eine Tütensuppe sein, und dann erst mal ab mit dir ins Bett.« Er verschwand in der Vier-Quadratmeter-Küche.
   Ob er sich das Wiedersehen und den Beginn ihres erneuten Zusammenseins wohl etwas anders vorgestellt hatte? Sie durchwühlte ihren Koffer nach einem Pyjama. Garantiert. Auch wenn er es sich nicht anmerken ließ. Stattdessen hantierte er, wie den Geräuschen aus der Küche zu entnehmen war, mit Wasserkessel, Tassen und Tellern herum. Armer Eric. Und arme Silke. So hatte sie sich den ersten gemeinsamen Abend mit ihm auch nicht vorgestellt. Aber wie dann: In fröhlicher Vertrautheit die Bettlaken zerknautschend? Philosophierend vor dem Fernseher? Die gemeinsame Vergangenheit aufarbeitend? Was tun Frau und ihr Ex-Wochenendlebensabschnittsgefährte, wenn beide spontan beschließen, die bilateralen Kontakte auf neutralem Boden wieder aufzunehmen?

»Dass jetzt so ein Häufchen Elend in deiner Hütte sitzt, das auch noch vergessen hat, sich Nachtzeug einzupacken, damit hast du sicher nicht gerechnet.« Sie hatte den viel zu langen Schlafanzug an, den Eric ihr gentlemanlike geborgt hatte, bewegte die Zehen auf und ab und musterte sie eingehend.
   »Schön, dass du da bist.« Er drückte ihr einen Löffel in der Größe einer Soßenkelle in die Hand.
   »Oh, lecker.« Dankbar lächelnd nahm sie auch die nach heißer Hühnersuppe duftende Suppentasse entgegen. Abwechselnd schlürfte und kaute sie den aus Brühe, Knäckebrot und Earl-Grey-Tee bestehenden Junggesellen-Nahrungsmix. »Danke, Eric, für die Suppe und die Einladung.«
   »Ich kann noch gar nicht glauben, dass du wirklich mitgekommen bist.« Er grinste. »Aber nun sag schon: Was hat der Typ, von dem du sprachst – wie heißt er überhaupt – dir bloß getan, dass du seinetwegen so durch den Wind bist?«
   »Seinen Namen willst du wissen?« Das würde sie auch gern. Wie hieß sie nur, die Frau, die ihr seit einer Woche nicht nur den Atem, sondern auch den Schlaf raubte?
   »Staatsgeheimnis? Oder ist er zu hässlich, um ausgesprochen zu werden?«
   »Etwa wie Karl-Kunibert oder Heinz-Hinrich?«
   »Zum Beispiel.«
   »Oder Hubert, Willibald, Oswald?«
   »Nun lenk nicht vom Thema ab. Also, wie heißt dein neuer Lover?«
   »Aber du sagst doch immer, dass Namen wie Schall und Rauch sind.« Dies war einer seiner Lieblingssprüche.
   Er grinste. »Manchmal sage ich aber auch nomen est omen.«
   »Widerspricht sich das nicht irgendwie?«
   »Tja, Schätzchen, nicht nur Frauen sind manchmal widersprüchliche Wesen.«
   Sie suchte nach einer passenden Antwort. »Er heißt Julian.« Das war ihr Lieblingsmännername. Sie ließ den Löffel in die leere Suppentasse fallen.
   »Julian?« Er grinste wieder. »Klingt, als wär der Kerl schwul. Und das wäre natürlich ein echtes Problem für dich. Hast du dich etwa in einen Schwulen verknallt und mich dafür sitzen lassen?«
   »Er ist nicht schwul, sondern …« Ihr Puls beschleunigte sich bei dem Gedanken an die Frau auf Luzías Balkon in weniger als einer Sekunde von siebzig auf mindestens hundertachtzig.
   »Sondern?«
   Nur noch wie aus weiter Ferne drang seine Stimme durch das orkanartige Rauschen in ihren Ohren. Ebenso undeutlich hörte sie sich selbst antworten, dass das Problem eine andere Frau wäre und dass außerdem sie ihn nicht sitzen gelassen hätte, sondern es sich dabei um eine gemeinsame Entscheidung gehandelt hätte. Und dass sie sich jetzt sofort hinlegen müsste, ehe sie vor Erschöpfung ohnmächtig werden würde.

Tiefes, monotones Brummen durchdrang irgendwann später erst ihren Schlaf und dann auch die Stille um sie her-um. Sie griff neben sich und fummelte so lange an einem merkwürdigen Metallteil herum, bis es mit lautem Krachen und dem Geräusch von zersplitterndem Glas zu Boden fiel. Das fing ja gut an. Sie rollte sich aus dem Bett, um den wahren Herkunftsort des Tones ausfindig zu machen.
   In der äußersten Ecke des Wohnraums wurde sie nach einigem Suchen fündig.
   Leicht außer Atem hob sie den Telefonhörer ab.
   »Wo steckst du, ich hab deine Info auf dem AB gehört.«
   Sie war auf vieles gefasst gewesen, nicht jedoch auf die durchdringende Stimme ihres Vaters am anderen Ende der Leitung. »Hallo Papa, ich bin in irgendeinem Field oder Wood. Hab den Namen vergessen. Aber es liegt in Essex, also östlich von London.«
   »Mir ist bekannt, wo Essex liegt. Zufällig leite ich eine internationale Spedition.« Er klang vorwurfsvoll. »Aber warum so plötzlich? Und bist du etwa ganz allein?« Nun klang er schon freundlicher.
   »Nein, mit Eric.«
   »Ich dachte, ihr habt euch an deinem letzten Geburtstag getrennt.«
   »Ja, also, weißt du …«
   »Etwa doch nicht?«
   »Nicht so richtig.«
   »Gut so. Ich wusste schon immer, dass er der Richtige für dich ist.« Eben noch der kantige Geschäftsmann, der es vom Angestellten bis in den Chefsessel gebracht hatte, und im nächsten Augenblick wieder ganz der um das Wohlergehen seiner einzigen Tochter besorgte Vater. Sie lächelte nachsichtig und berichtete ihm von ihrem letzten Auftrag als Gerichtsdolmetscherin. Einem Strafprozess, der an Länge und Heftigkeit alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt hatte. Dreißig Verhandlungstage lang das volle Programm: Mord und Totschlag, Erpressung, Geldwäsche, Drogen- und Menschenhandel.
   »Deshalb bist du fort? Gar nicht nur wegen Eric?«
   »Sozusagen, äh, ja, auch.«
   »Und wie lange gedenkst du zu bleiben?«
   »Kein Plan. Mal sehen, wie es läuft.«
   »Hoffentlich gut.«
   »Glaub schon.«
   Sie tauschten noch eine Weile Belanglosigkeiten aus. Er versprach, nach der Post und ihrer Wohnung zu sehen. Sie ließ ihn wissen, dass sich eine Nachbarin um die Pflanzen kümmern werde. Das bräuchte er nicht zu übernehmen. Beziehungsweise sollte er dies zum Schutz ihrer sensiblen Farne auf keinen Fall tun, was sie als brave Tochter aber nicht sagte. Und um ihr Wohlergehen würde sich natürlich sein Schwiegersohn in spe kümmern. Sie wusste, dass er genau das hören wollte.

Fünf Minuten später – sie hatte gerade die Scherben unter dem Bett zusammengefegt – tönte abermals das Summen des britischen Telekom-Eigentums durch den Raum.
   »Na, du, gut geschlafen?«, fragte Eric, als sie den Hörer wieder am Ohr hatte.
   »Wie ein Murmeltier.«
   »Und wie fühlst du dich?«
   »Wie ein Murmeltier, das den Wecker gekillt hat, weil es ihn mit dem Klingelton des Telefons verwechselt hat.« Sie beäugte noch einmal die vielen Rädchen, Spulen und sonstigen Teile auf dem abgenutzten Kehrblech in ihrer Hand. Die Zeiger auf dem Zifferblatt waren um zwanzig Minuten nach vier stehen geblieben.
   Fünfzehn Stunden Schlaf lagen also hinter ihr.
   Sie unterdrückte ein Gähnen.
   »Schön, das zu hören.« Eric lachte. »Hier ist gleich Feierabend. Dann gehen wir essen. Das hast du sicher auch seit Tagen nicht mehr vernünftig getan.« Sie widersprach nicht, sondern lauschte stattdessen mit knurrendem Magen der Aufzählung kleinstädtischer kulinarischer Möglichkeiten. »Wir können zum Inder fahren oder zu Pizza-Hut. Außerdem gibt es in der Nähe einen netten chinesischen Imbiss, der auch Fish and Chips verkauft – mit oder ohne vinegar über den Fritten.«
   »Pommes mit Essig, wie lecker.« Sie schluckte. »Mach weiter so, und ich werde gleich grün wie eine Mars-Frau.«
   »Oh, entschuldige, das wollte ich natürlich nicht.«
   Nanu, das waren ja ganz außerirdische Töne. Früher hatte er keine passende oder auch unpassende Gelegenheit ausgelassen, um sich über ihre sensiblen Magenwände lustig zu machen. »Ach, Herr Wolf, heute gar kein ,Stell dich nicht so zimperlich an?‘«
   »Nein, und auch künftig nicht mehr«, erklärte er mit derart ernstem Tonfall, als würde er gerade für immer und ewig seinem Lieblingssport, dem Tischtennis, abschwören.
   Ein neutraler Boden hatte doch etwas ausgesprochen Beruhigendes und Friedvolles. Sie sah durch angegraute Gardinen auf ein kleines, kreisrundes Rasenstück, um das sich die Fenster und Türen der Apartments wie welke Blütenblätter aneinanderreihten. Nicht nur friedlich, eher schon friedhöflich hier, stellte sie bei genauerer Betrachtung des Innenhofs fest. Kein Wunder, dass Eric im Moment zahm wie ein Dackelwelpe war. Vermutlich hätte er notfalls sogar seine Zahnärztin oder Alice Schwarzer zum Mitkommen zu überreden versucht, nur um nicht allein zurück in diese großbritannische Gruft fahren zu müssen.

Das indische Restaurant, auf das am frühen Abend die gemeinsame Qual der Wahl fiel, war zwar auch fast menschenleer, jedoch sorgten bunte Gebetsfahnen und ein halbes Dutzend überbreit grinsende Buddhafiguren zumindest für reichlich fernöstliches Flair.
   Eric schien bestens gelaunt und berichtete, dass das gemischte Geflügelcurry die absolute Spezialität des Hauses wäre. Das müsste sie unbedingt probieren; selbst in den großen Tandoori-Tempeln Londons würden sie es nicht besser hinbekommen. Er schwärmte in höchsten rheinländischen Feinschmeckertönen.
   Schon nach dem ersten Bissen brannte und kribbelte es ihr von der Speiseröhre bis in die Stirnhöhlen. Auf den zweiten folgte ein minutenlanger Niesanfall. Und nach dem dritten Versuch war sie nur noch froh und dankbar, dass sie in weiser Voraussicht wasserfeste Mascara benutzt hatte. Dass es vermutlich auch das schärfste Curry seiner Art war, hatte er nicht erwähnt.
   »Tut mir leid.« Eric grinste. »Soll ich schnell neu bestellen?«
   »Nicht nötig.« Geräuschvoll schnäuzte sie sich die Nase. »Geht gleich wieder.«
   »War wohl nicht ganz das Richtige für deine zarten Geschmacksnerven.«
   »Doch, doch, ist lecker, wirklich.« Silke wischte sich die Tränen von Wangen und Wimpern. Dann hob sie ihr Weinglas und stieß mit ihm an. »Prost, Eric, und noch mal danke.«
   »Wofür denn? Etwa dafür, dass ich dich gleich am ersten Tag zum Heulen bringe?«
   »Natürlich nicht.« Sie fügte hinzu, dass das im Übrigen vorhin schon fast das firmeneigene Mausoleum, auch Apartmentanlage genannt, fertiggebracht hätte.
   Mit zugehaltener Nase schob sie sich danach das nächste Stück Fleisch in den Mund und kaute vorsichtig.
   Eric wollte von ihr wissen, ob der Grund ihrer trüben Stimmung nicht viel mehr das Vermissen ihres neuen Lovers wäre, und was dieser Julian beruflich machte. Prompt hatte sie nicht nur alle Hände voll damit zu tun, dem Chili-und-Kurkuma-Tod ein zweites Mal von der Schippe zu springen, sondern zu allem Überfluss musste auch noch in Windeseile ein Job für Julian her. Aber welcher? Bloß nicht Richter oder Anwalt, und schon gar nicht Dolmetscher. Fieberhaft überlegte sie hin und her, bis ihr auf einmal Luzías kleiner Laden in der Hamburger Innenstadt einfiel.
   »Eifersüchtig?«, erkundigte sie sich, als das Brennen in der Kehle langsam nachließ.
   »Nö, nur neugierig.«
   »Ganz sicher?«
   »Ja.«
   »Wirklich?«
   »Jetzt schieß schon los und zier dich nicht so. Oder ist es etwa wieder peinlich?«
   »Nein, eher Kategorie exotisch, würde ich sagen.«
   »Also?«
   »Also …« Sie gönnte ihrem gestressten Rachen schnell noch einen Schluck Wein, bevor sie ein weiteres Mal kräftig husten, sich die Nase putzen und zweimal räuspern musste.
   »Er, also Julian, hat ein Esoterik-Geschäft, so mit spiritueller und astrologischer Literatur, Tarotkarten, Pendeln, chinesischen Klangschalen et cetera pp.«
   »Was?« Eric verzog das Gesicht, als würde mit einem Mal keine mannshohe, goldene Grinse-Buddha-Statue mehr hinter seinem Rücken stehen, sondern etwas vom Bedrohlichkeitskaliber eines Jack the Rippers oder eines Hundes von Baskerville.
   »Das ist nicht dein Ernst, Silke, oder?«
   Nein, nicht ihr Ernst und nicht ihr Julian, sondern ihre Nachbarin, wie sie leibte und lebte. Silke konnte sich ein kleines, schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Eric, der Analytiker und bekennende Atheist, für den nichts existierte, was er nicht sehen, anfassen oder zumindest mathematisch-logisch nachweisen konnte – und ausgerechnet seine Ex sollte eine Affäre mit einem Esoteriker haben.
   Eric schüttelte den Kopf. »Das ist nicht dein Ernst, das ist echt nicht dein Ernst.«
   Wie hätte er wohl erst reagiert, wenn sie ihm erzählt hätte, was wirklich mit ihr los war. Dass sie weder eine Ahnung hatte, was ihr Problem beruflich machte, noch den Namen kannte, und dass das Problem eng anliegende Pullover und Büstenhalter in schätzungsweise Größe 90D trug.
   Sie schnipste mit den Fingern. »He, Planet Erde an Eric. Keine Angst, es hat mich schon niemand verhext.«
   »Ganz sicher? Diese Typen können echt gefährlich sein. Du kennst doch die Geschichte von der Freundin meiner Mutter, die völlig abgedreht ist, nachdem sie an so einen New-Age-Guru geraten war.«
   Ja, sie erinnerte sich, nur allzu gut sogar.
   Schließlich führten sie derartige Diskussionen nicht zum ersten Mal. Und grundsätzlich brachte er die seit Jahren mit Psychopharmaka ruhiggestellte alte Schulfreundin seiner Mutter nach spätestens zweieinhalb Minuten ins Spiel.
   Vielleicht hätte sie doch lieber Buchhalter oder Finanzbeamter als Beruf zu Protokoll geben sollen. Sie seufzte und fragte, ob er sie denn wirklich für so wenig gefestigt hielt.
   »Also, wie die personifizierte Ruhe und Ausgeglichenheit wirkst du zurzeit nicht, finde ich.«
   »Aber doch nicht deswegen.«
   Er zuckte die Schultern. »Sorry, Silke, aber ich mache mir Sorgen um dich.«
   Ach ja? Dann herzlich willkommen im Klub. Sie schob die noch halb volle Schale mit dem Curry beiseite. Sie machte sich auch Sorgen um sich, einen ganzen Vierzig-Fuß-Container voll sogar. Aber ganz gewiss nicht wegen spiritueller Orientierungslosigkeit.

*

Hallo Luzía, ich bin für eine Weile fort. Muss nachdenken. Sei bitte so lieb und kümmere dich ums Grünzeug. Danke und bye, Silke. P.S.: Wer ist eigentlich die große Dunkelhaarige, die manchmal auf deinem Balkon spazieren geht? Hoffentlich nur eine Fata Morgana – denn sonst würde es bedeuten, dass »es« ansteckend ist.
   Die in helles Leinen gehüllten Beine zum Schneidersitz übereinander gelegt, saß Luzía am Küchentisch und las den Brief.
   »Gute Nachrichten aus dem Jenseits, oder doch was ganz Irdisches?«, fragte jemand neben ihr.
   »Die große, unbekannte Dunkelhaarige – wie der Schein doch trügen kann.« Lächelnd schob sie das aus einem Terminplaner herausgetrennte Blatt Papier wieder zurück ins Kuvert und warf ihrem Gegenüber einen vielsagenden Blick zu.
   »Du sprichst mal wieder in Rätseln.«
   »Ach, tatsächlich, tu ich das?«
   »Ja, wie üblich.« Er seufzte.
   »Das gehört eben zu meinem Beruf.« Sie griff nach der Rotweinflasche auf dem Buffetschrank hinter sich. »Steht der Name für die Travestie-Rolle, auf die du dich vorbereitest, eigentlich schon fest?« Sie füllte die Gläser wieder auf.
   »Schon lange.« Er strich sich lässig die schulterlangen, dunklen Haare aus dem Gesicht.
   »Verrätst du ihn mir?«
   »Warum sollte ich?«
   Sie nahm ihr Glas und schwenkte die bläulich-violette Flüssigkeit einen Moment lang bis dicht an den Rand. »Vielleicht, weil du mein Lieblingsbruder bist?«
   Er lachte. »Na, klar.«
   »Los, bitte, sag schon.«
   »Ne du, das machen wir spannender – wie früher, weißt du noch?« Ich schreib dir ein paar Namen auf, und dann zeigst du mir, ob du und deine Pendel es immer noch drauf haben. Okay?«
   »Einverstanden. Und ich verrate dir nach deiner Premiere, ob du es als Mary, Gordy oder wie auch immer sie heißen wird, drauf hast oder nicht.«

2
Bekanntschaften

Einige schüchterne Sonnenstrahlen drangen am darauf folgenden Morgen durch einen schmalen Spalt in der Mitte der dichten, dunklen Schlafzimmervorhänge und brachten wie aus dem Nichts ein gleißend helles, unwirkliches Licht hervor. Reglos lag Silke da und stellte sich vor, wie es wäre, auf Sonnenstrahlen kreuz und quer durch die Welt reisen zu können. New York, London, Hamburg in nur einer Sekunde. Und in der nächsten ins australische Outback oder in die Karibik. Vielleicht auch nach Florida oder zu den Kapverdischen Inseln. Himmlisch wäre das. Sie kuschelte sich noch tiefer in die Bettdecke. Nie mehr Stress mit Staus und Panikattacken vor Tunneln.
   »Shit, ich bin spät dran.« Eric fuhr auf einmal dicht neben ihrem Ohr hoch und katapultierte sie damit in mehr als doppelter Lichtgeschwindigkeit zurück in die Enge der Gegenwart und des ein Meter vierzig breiten Bettes.
   »Verschlafen?« Sofort fiel ihr der kaputte Wecker wieder ein.
   »Auch, und was vergessen.« Er sprang aus dem Bett, riss ein weißes Hemd samt dunkler Krawatte vom Kleiderbügel und rannte ins Bad.
   »Sehr schlimm?« Sie traute sich kaum zu fragen.
   »Nicht, wenn ich in vierzig Minuten am Flughafen bin.«
   Neben seiner Stimme vernahm sie gleichzeitig Wasserrauschen, das Summen des Rasierers und die Klospülung. Nur rheinische Frohnaturen schaffen es, zu verpennen und trotzdem gut drauf zu sein und sich auch nicht vor tödlichen Stromschlägen zu fürchten. Mühsam erhob sie sich. Bemüht, es ihm gleichzutun, steckte sie kurz darauf den Kopf durch die Badezimmertür. »Ich dachte, du fährst mit dem Auto ins Büro – aber die Sitten und Gebräuche scheinen hier doch etwas anders zu sein.«
   »Tu ich sonst ja auch. Nur ist heute ein Meeting im Werk in Coventry, das ich ganz vergessen hab vor lauter … äh … Wiedersehensfreude.« Er zwinkerte frech. »Um Punkt acht geht der Flieger.«
   Sie bot ihm an, gemeinsam zu fahren, damit er die Zeit fürs Parken sparen würde.
   »Gute Idee.« Er umarmte sie, während er sich dabei gleichzeitig die Hemdsärmel zuknöpfte.

Sämtliche Tempolimits und sonstige Verkehrsregeln ignorierend, brausten sie kurz darauf durch die unverbrauchte Morgenluft und kamen in letzter Sekunde am Flughafen in Stansted an.
   Hektische Verabschiedung, Winken, und im Eiltempo war Eric im Terminal verschwunden.
   Erschöpft rutschte sie nach rechts auf den Fahrersitz und merkte, dass ein heftiges Bedürfnis nach Kaffee und Frühstück ihre Befindlichkeit auf einmal empfindlich störte. Selbst auf die Gefahr hin, in ihrem Ungestylt-und-mit-Pyjama-unter-dem-Mantel-Look von Erics Kollegen gesehen und vermutlich für Miss Marple auf der Flucht gehalten zu werden, parkte sie den Wagen und schleppte sich mit letzter Kraft in ein Bistro.
   Gierig biss sie kurz darauf in ein Putensandwich, das zwar trocken wie die Wüste, aber dafür garantiert frei von Chili und Essig war; und gewahrte am Nebentisch mit einem Mal deutsche Töne.
   »Das will ich nicht, das ist eklig«, protestierte ein kleines Mädchen in der Tonlage von mindestens einem hohen C.
   Sie blickte hinüber und sah, wie die dazu gehörige Mutter mit einer weißlichen, wabbligen Wurst vor dem Gesicht des Mädchens herumwedelte. Das fand Silke gemein. Ihr Magen reagierte sofort auf den optischen Reiz. Und die Frau hörte nicht mit dem Gewackel auf. Stattdessen redete sie nun auch noch auf die Kleine ein, dass sie doch noch gar nicht probiert hätte, also auch nicht wissen könnte, wie es schmeckte. Was zwar an sich völlig richtig und pädagogisch auch sehr geschickt war – bei dem Ekelding aber trotzdem genauso fies wie zwecklos.
   Merkte die Tussi denn nicht, was sie ihrem Kind da abverlangte? Dabei sah sie eigentlich ganz nett aus. Wie der Prototyp einer adretten Mutter mit gut geschnittener Kurzhaarfrisur, Stehkragenbluse, einem dezentem Goldkettchen und gepflegt glänzenden Fingernägeln – die sich leider gerade in unappetitlichster Weise immer tiefer und tiefer in die weiche Wursthaut gruben.
   »Ich würde das auch nicht essen«, sagte Silke genau in dem Augenblick, als Pelle und Wurstmasse nachgaben und in zwei Teilen auf den Tisch fielen.
   »I«, riefen sie und das Mädchen fast synchron, was ihr sofort ein dankbares kleines Kinderlächeln bescherte.
   »Tut mir leid«, wandte sich Silke an die Mutter. »Ich wollte mich nicht einmischen, aber …« Sie stockte, um nicht erneut unhöflich zu sein.
   »Das Teil sah auch wirklich nicht sehr ansprechend aus«, sagte die Frau und ließ die Wurstteile in einer Serviette verschwinden. »Auch den Mann zum Flieger nach Coventry gebracht?« Sie zupfte ein Erfrischungstuch aus der Verpackung und tupfte sich sorgfältig damit die Finger ab.
   Silke nickte. »Kann man so sagen.«
   »Ich bin Anna Magnussen«, sagte die Frau und reichte Silke verbindlich lächelnd ihre zitronenfrisch duftende rechte Hand. »Und du musst Silke sein. Eric hat uns schon viel von dir erzählt.«
   »Wie bitte?«
   »Unsere Männer sind Arbeitskollegen und auch miteinander befreundet.«
   »Wie nett.« Doch sie fühlte sich überhaupt nicht nett mit Erics Schlafanzug unter dem Mantel. Wäre sie doch bloß nicht hierher gekommen oder hätte zumindest die Klappe gehalten; dann müsste sie sich jetzt nicht mit dieser schicken Mutter unterhalten.
   »Wie ich hörte, haben die in der Firma schon Wetten darauf abgeschlossen, ob der gute Eric es heute morgen rechtzeitig schaffen würde – jetzt, wo du da bist. Und wie es aussieht«, sie maß ihr Gegenüber mit einem vielsagenden Blick, »war es wohl ziemlich knapp, was?«
   Silkes Miene verfinsterte sich. Typisch Kerle. Und sie sah auch Anna wütend an. »Damit habt ihr sicher kein Problem mehr.« Silke warf Anna einen ebenfalls vielsagenden Blick zu. »Ach ja, Kinder sind schon echt was Süßes.«
   »Das finde ich auch.« Anna lächelte plötzlich das erste Mal richtig freundlich. »Kyra ist schon unser Sonnenschein, auch wenn sie manchmal ganz schön anstrengend ist.«
   Liebevoll strich sie dabei ihrer Tochter über die blonden Locken. Und als Kyra sie dann auch noch aus großen blauen Kulleraugen anstrahlte, schämte sich Silke fast für ihre ironisch gemeinten Worte.

Auf der Fahrt zurück, immer Kyras fröhlichem Winken vor sich folgend, kreisten Silkes Gedanken. Was wohl ein Kind dazu sagen würde, wenn es von zwei Müttern statt von einer großgezogen wurde. Oder auch von zwei Vätern. Wie würden andere Kinder und deren Eltern reagieren? Würde es für die Lebensweise der Eltern gehänselt werden? Ganz bestimmt. Eine lesbische Mutter, wie eklig. Sie sah Kyra vor sich und stellte sich vor, wie ihre Klassenkameraden ihr das zurufen oder an die Tafel kritzeln würden. Und wie sich alle immer mehr von ihr abwenden und sie meiden würden. Selbst die Lehrer, auch wenn es natürlich nie einer offen zugeben würde. Aber logischerweise würde jede noch so kleine Abweichung von der Verhaltensnorm stets darauf zurückgeführt werden. Sie steigerte sich gedanklich so sehr in die Situation hinein, dass sie kaum noch einen Blick für die Straße übrig hatte. Zudem rumorte es schon wieder in ihrem Magen, was durch die regelmäßig zu passierenden Kreisverkehre noch zusätzlich verstärkt wurde. »Mädel, du bist hier im Linksverkehr«, herrschte sie sich selbst an, nachdem sie um Haaresbreite falsch herum in einen Kreisel gefahren wäre. Energisch betätigte sie den elektrischen Fensterheber, bis die Scheibe ganz unten war, und zog mit zittrigen Fingern eine Zigarette aus der Manteltasche.

Zwei Stunden später – frisch geduscht, gestylt und gekleidet – stand ihr Stimmungsbarometer aber zumindest bereits wieder auf wechselhaft. Um auch das peinliche Wecker-Thema bald abhaken zu können, beschloss sie, sich unverzüglich auf den Weg nach Brentwood zu machen, um einen neuen zu besorgen. Noch so ein Horrorstart in den Tag, und sie würde sich freiwillig in eine Nervenheilanstalt für besonders schwere Fälle einweisen lassen.
   An der Tür stieß sie fast mit einem älteren Herrn zusammen, der sich gerade zur Türschwelle beugte. Kniefall vor der Dame, gehörte das hier mit zum Hausservice? Doch er richtete sich wieder auf und reichte ihr eine bauchige Flasche. »Guten Morgen, meine Liebe, ich glaube, wir kennen uns noch nicht.« Er tippte sich freundlich an die gelbe Schirmmütze. »Ich bin William, der Milchmann. Bleibt es bei einem Liter täglich?«
   »Silke Lünerau, angenehm.« Sie nickte lächelnd.
   »Wenn es mehr sein soll, einfach einen Zettel an die Tür hängen.«
   »Vielen Dank, sehr gern.«
   »Dann noch einen schönen Tag.« Er tippte sich abermals an die Mütze.
   »Wünsche ich auch. Danke, William.«
   William, Prinz von Wales, oder William, der Butler, wäre auch nicht schlecht gewesen, dachte sie, während sie sich kurz darauf zum ersten Mal auf den Weg in die benachbarte Ortschaft machte.

Sehr zufrieden mit sich präsentierte sie Eric am frühen Abend ihre Errungenschaft modernster Technologie: einen Funk-Radiowecker mit integriertem Thermometer, Luftdruck- und Höhenmesser. Laut Aussage des Verkäufers hatte das gute Stück sogar einen Designpreis gewonnen und bestach besonders dadurch, dass das verchromte Gehäuse dem Cockpit eines Formel-1-Boliden nachempfunden war.
   »Das wäre aber nicht nötig gewesen.«
   »So, findest du? Also, ich gönne deinen Kollegen nicht, dass sie die blöde Wette gewinnen.«
   »Was denn für eine Wette?«
   Sie stieß ihm in die Seite. »Nun tu nicht so ahnungslos, ich weiß bis ins letzte Detail Bescheid.«
   Er überlegte einen Moment und verzog dann das Gesicht, als würde ihm gerade eine Wahrheitsdroge zwangsverabreicht.
   »Donnerwetter, wie hast du das denn so schnell rausgekriegt?«
   »Miss Marple und Mrs. Magnussen.« Sie lächelte geschmeichelt.
   »Die kennst du beide schon persönlich? Scheinst dich ja rasend schnell einzuleben.«
   Grinsend hauchte er ihr einen Kuss auf die Nasenspitze und sagte, dass er auch eine Überraschung für sie hätte. Und wenn sie sich beeilen würden, könnte sie sie sogar noch vor Einbruch der Dunkelheit sehen.
   Keine zehn Minuten später und zweimal rechts, einmal links und an einem roten, runden Postkasten abgebogen, dann mit zugehaltenen Augen noch einmal rechts herum, waren sie am Ziel.
   »Voilà.« Er nahm die Hände von ihren Augen und zeigte auf ein schmales, zweigeschossiges Backsteingebäude mit roter Eingangstür und einem Messing-Türklopfer in der Form eines Löwenkopfes. »Fünf Zimmer, Küche, Bad, WC, Kamin und hinten ein großer Garten. Was meinst du?«
   »Designpreis von anno 1900?«
   »Heißt das, dass es dir gefällt?«
   Sie reckte beide Daumen in die Höhe. »Na klar, und ob.«
   »Dachte ich es mir doch.« Er lächelte stolz. »Dann kann es nächste Woche losgehen mit dem Auswählen von Teppichböden, Wand- und Türfarben. Ich bin für schlicht weiß, und du? Und wenn mit dem Transport der eingelagerten Möbel auch noch alles klappt, beziehen wir in einem Monat dieses nette kleine Hexenhäuschen.« Euphorie und noch etwas anderes schwangen in seiner Stimme mit.
   »Seit wann hast ausgerechnet du einen Faible fürs Okkulte? Oder spukt es da drin etwa?«
   »Vielleicht denke ich dabei mehr an Hänsel und Gretel.«
   »Grimms Märchenstunde?«
   »Aber nicht für dich, sondern … Wie findest du überhaupt die Kleine von den Magnussens – ist sie nicht niedlich?«
   »Wieso, sollen die drei auch hier einziehen?«
   »Nein, natürlich nicht. Ich wollte nur sagen, dass es schön sein muss, so mit einem Kind. Meinst du nicht auch?«
   Oje, die Einsamkeit und fremde Umgebung hatten ihm offenbar wirklich zugesetzt. »Woher denn der plötzliche Sinneswandel?« Sie hoffte, dass er nicht bemerken würde, wie sehr sein Familienplanungsansinnen sie entsetzte. »Bisher warst du es doch, der unbedingt seine Freiheit und Restjugend ausleben und in vollen Zügen genießen wollte.«
   »Bisher haben wir ja auch noch nie richtig zusammengelebt.«
   »Genau, Eric, und ich denke, ehe wir irgendwelche Dummheiten begehen, die wir später bereuen, sollten wir das mit dem Zusammenleben auch erst mal etwas üben, okay?« Sie lief schnell durch den Vorgarten zur Eingangstür und ließ den Türklopfer mehrere Male gegen das Holz sausen.
   Tonk. Tonk. Tonk.
   Das Geräusch erinnerte sie an etwas.
   Und zwar an ein uraltes Klischee.
   Ruhe im Gerichtssaal.
   Im Namen des Volkes sowie des gesunden Men­schenverstandes wurde folgendes Urteil verkündet: Keine Kinder für Personen in Beziehungs-, Identitäts- und sonstigen Lebenskrisen.
   »Hast ja recht; ist vielleicht besser so«, sagte Eric, als hätte er ihre Gedanken gelesen, und lugte durch eines der Erkerfenster ins Innere des Hauses. »Bevor dir noch ganz ohne Fisch, Fritten und Essig übel wird.«
   »Und ohne Wabbel-Sausages.«
   »Was für Dinger?«
   Sehr plastisch und detailgetreu beschrieb sie ihm die Flughafenwürstchen und das ganze Drumherum gleich mit.
   »Igittigitt, da dreht sich ja sogar mir der Magen um. Und die Kleine sollte das echt essen? Armes Kind.«
   »Du sagst es.« Sie lächelte erleichtert.
   »Diese Erfahrung ersparen wir unserem Kind lieber.«
   Immer noch lächelnd, verzichtete sie darauf, ihn auf den Umstand aufmerksam zu machen, dass es diese Erfahrung, da sein England-Vertrag nur bis zum Jahresende lief, schon aus rein timing-technischen Gründen nie würde machen können. Sie ließ den Messingring noch einmal schwungvoll gegen die Tür knallen.
   Tonk.

3
Einweihungsfeier

Erics seltsame Anwandlung beschäftigte Silke auch noch während der folgenden Tage und Wochen, auch wenn sie vor lauter Vorbereitungen, Telefonaten und Diskussionen mit unpünktlichen und pfuschenden Hand­werkern manchmal kaum noch wusste, wo ihr die Sinne standen. Gerade deshalb aber drängte sich ihr bisweilen der Verdacht auf, dass sein Ansinnen auch Kalkül gewesen sein könnte. Bequemer und kostengünstiger hätte er keine Umzugsorganisatorin und Innenausstatterin engagieren können. Und hätte er sich neben der Arbeit noch selbst um alles kümmern müssen, wer weiß, welch tragisch-komi­sches Ende das Projekt Hexenhaus dann genommen hätte. Wahrscheinlich wäre es nicht gelun­gen, die Maler noch rechtzeitig davon zu überzeugen, dass Weiß mit einem Touch ins Blau nicht identisch war mit der Farbe von Kornblumen. Oder die Sache mit den Elektrikern und der fehlenden Stromzufuhr in Bad und Garage.
   An all die kleinen und großen Pannen mit farben­blinden Gesellen und haarlosen 220-Volt-Typen, die keinen Föhn im Bad benötigen, erinnerte sie sich, als sie fünf Wochen später zusammen mit Eric von Raum zu Raum schritt und nicht ohne Stolz das Ergebnis ihrer Bemühungen betrach­tete.
   Hell gerahmte Drucke von Miró und Dalí an den eierschalfarbenen Wänden im Treppenaufgang, grau me­lierte Teppichböden, Erics oranges Ledersofa neben dem Kamin, im Schlafzimmer ein Vier-Quadratmeter-Luxus­bett. Vor dem sie zum Abschluss des gemeinsamen Rundgangs schließlich einträchtig standen und in den verwilderten Garten – an dessen hinterem Zaun einsam ein knorriges Apfelbäumchen wuchs – hinaus­blick­ten.
   Bald würden die ersten Gäste zur Einweihungsfeier eintreffen.
   »Es ist noch viel schöner geworden, als ich es mir vorgestellt hatte.« Eric stützte die Unterarme auf das Fensterbrett und blinzelte in die untergehende Sonne. »Ach, Schätzchen, wenn ich dich nicht hätte.«
   »Würdest du ganz schön alt aussehen.« Sie lächelte.
   »Und das wäre doch wirklich jammerschade bei einem so jung-dynamischen, attraktiven Typ wie mir«, sagte er grinsend und mit gespielter Selbstgefälligkeit.
   »Ha, ha, dass ich nicht lache.«
   »Wieso, gefalle ich dir etwa nicht mehr?«
   »Doch, natürlich, wäre ich sonst hier?«
   »Vielleicht, wer weiß.« Plötzlich runzelte er die Stirn. »Was für ein Typ ist dein Verheirateter eigentlich so?«
   »Wer?«
   »Julian natürlich, wer sonst.«
   »Ach so, der – ja.«
   »Wie sieht er aus?«
   »Ganz normal: groß, braune Haare, schlank.« Sie bemühte sich, möglichst beiläufig zu klingen. Obgleich der Gedanke an die unbekannte Frau ihr heftig durch Herz und Beckenboden fuhr. Warum hatte er sie ausgerechnet jetzt, wo sie gerade etwas Abstand gewonnen hatte, wieder daran erinnern müssen?
   »Und wie ist er sonst so – na, du weißt schon, im Bett?«
   Statt einer Antwort griff sie nach einem Kopfkissen und warf es umgehend in seine Richtung. Haarscharf sauste es an seinem Kopf vorbei durch das offene Fenster.
   Als sie kurz darauf die Treppe hinab und raus in den Garten sprintete, stellte sie sich zur Ablenkung und Erheiterung vor, wie sich aus der Szene ein neuer Werbespot für Möbel made in Skandinavien machen ließe. Und zwar so: Einmal im Jahr, wenn die Tage länger und die Röcke kürzer wurden, wurde in ganz Schweden das bei Jung und Alt beliebte Fest Mørsk gefeiert. Dazu wurden einfach alle Bettdecken, Plüschtiere und ekelhaft neugie­rigen Kerle kopfüber aus den Fenstern in die gepflegten Vorgärten geworfen – damit wieder Platz für neues Interieur in den nordischen Betten geschaffen wurde.

Bevor Eric weitere indiskrete Fragen über Julian, den Verheirateten, stellen konnte, trafen zum Glück die ersten Gäste ein. David, intellektuelle Nickelbrille (Engländer) und Matti, knapp zwei Meter Natur pur (Finne). Silke versuchte, sich die Namen samt Gesicht und Nationalität zu merken.
   Kurz darauf stolperten Kyra, Anna und ihr Mann Klaus (grau melierte Schläfen) – bepackt mit offenbar selbst gebackenem Brot und einer großen, randvoll mit Salz gefüllten Glasschale – durch die rote Tür. Danach gab sie es auf, sich weitere Namen und Erkennungsmerkmale einzuprägen, sondern schüttelte nur noch fleißig Hände und nahm Blumengebinde in verschie­densten Farben und Formen entgegen. Und stellte nur, als sie vollzählig waren, erleichtert fest, dass außer Familie Magnussen auch niemand mehr Salinenprodukte angeschleppt hatte. Anderenfalls hatte sie schon ernsthaft in Erwägung gezogen, demnächst ein Pony im Garten zu hal­ten oder in der Garage Fleisch zu pökeln.

»Kommst du mal, da ist jemand an der Tür und braucht deine Unterschrift«, sagte Eric und riss sie damit aus einer angeregten Unterhaltung mit Matti, dem Finnen.
   Erstaunt überlegte sie auf dem Weg nach unten, dass sie weder an einem Preisausschreiben teilgenommen noch einen Staubsauger- oder Versicherungsvertreter bestellt hatte. Entsprechend argwöhnisch betrachtete sie den kleinen, breitbeinig in der Tür stehenden Mann im blauen Overall. »Wie kann ich helfen?«
   »Miss Silke Lu … Lu …?«
   »Lünerau.«
   »Danke.«
   »Keine Ursache. Und mit wem spreche ich?«
   »William Smith von Smith’s Car Services.« William, der Milchmann. William, der Servicemann. Warum hießen neuerdings eigentlich alle Männer, die unangemeldet bei ihr auf der Matte standen, so und nicht anders? Er erklärte, dass er jetzt das Fahrzeug vom Hänger lassen wollte.
   »Welches Fahrzeug?« Rat suchend drehte sie sich zu Eric um.
   Doch der zuckte auch nur mit den Schultern.
   »Blau-weißer Mini mit deutschem Nummernschild, soll hier angeliefert werden.« Mr. Smith sah auf seine Uhr.
   »Aber natürlich doch.« Silke lächelte freundlich. »Wo, lieber William, darf ich bitte den Empfang meines Autos quittieren?«
   Erleichtert wies er seinen draußen an der Straße wartenden Kollegen per Zeichensprache an, dass er den Transporter rückwärts in die Garageneinfahrt setzen sollte.
   »Wer ist denn der Auftraggeber?«, erkundigte sich Eric.
   Mr. Smith sah wieder in seine Unterlagen. »Firma Lu … Lu …«
   »Lünerau?« Diesmal war es Eric, der lächelnd half. Allerdings wurde seine Miene unverzüglich wieder ernst, als in der nächsten Sekunde von der Straße her ein lautes, schrammendes Geräusch zu hören war.
   »O nein«, riefen Silke und er unisono.
   »Ist was nicht in Ordnung?« Drei Stufen auf einmal nehmend, kam Matti die Treppe herab.
   »Fährst du zufällig ein rotes Cabrio?«, fragte Silke.
   »Kannst du hellsehen?«
   »Vermutlich.«
   »Toll, ich wollte schon immer einmal eine schöne Frau mit übernatürlichen Fähigkeiten kennenlernen.« Er lachte.
   »Schön für dich.« Konnte es sein, dass der Kerl gerade ganz ungeniert mit ihr flirtete? Missbilligend verzog sie das Gesicht, bevor sie ihn fragte, ob er zufällig seinen fahrbaren Untersatz mehr liebte als seine Frau.
   Matti sah sie schweigend an. Vermutlich hatte er Schwierigkeiten bei der Übersetzung des Ausdrucks ,fahrbarer Untersatz‘ – vielleicht musste er aber auch wirklich darüber nachdenken. Er verneinte.
   »Gut, dann wirf mal einen Blick vor die Tür«, sagte sie.
   Als er den Mini sah, stieß er einen anerkennenden Pfiff aus. »Verlobungsgeschenk von Eric?«
   »Nein.« Sie war genervt. »Aber was ist nun mit dem roten Cabrio da drüben – deins oder nicht deins?«
   »Was glaubst du?« Er zwinkerte ihr zu.
   »Dass es allmählich reicht. Also, verdammt noch mal, ja oder nein?«
   »Ja, ist meiner, und sorry, wenn ich gerade etwas … äh … unhöflich war.«
   »Okay.« Sie wandte sich an Eric, der gerade mit William im Schlepptau die Stufen zur Haustür wieder hochkam.
   »Hier ist das Opfer«, sagte sie und deutete auf Matti. Am liebsten hätte sie noch hinzugefügt, dass er auch der Täter war, sagte aber nichts mehr, sondern verzog sich schleunigst wieder nach oben.

Bei der Musikanlage im Wohnzimmer hatte sich eine kleine Gruppe gebildet, die zweite, größere Gruppe, darunter auch Anna und Kyra, vergnügte sich am Buffet im Zimmer über der Garage.
   »Keine Wabbelwürstchen heute, sondern echte Frankfurter«, sagte Silke zwinkernd zu Kyra, während sie mit einem sentimentalen Gefühl in der Magengegend aus dem Fenster nach unten auf ihr unversehrt gebliebenes Auto blickte. Im Stillen dankte sie ihrem Vater.
   »Die sind super lecker«, sagte Kyra und hielt ihr ein mit Ketchup verschmiertes Würstchen hin. »Musst du auch mal probieren.«
   »Kyra, du bist meine Rettung.« Beherzt ergriff sie das dargebotene Teil und biss hinein. »Ich bin nämlich schon fast verhungert.«
   »Du redest ja auch beim Essen. Ich tu das auch manch­mal, und dann schimpfen Mama und Papa immer mit mir.« Kyra sah ihrer Mutter erwartungsvoll in die grauen Augen. »Schimpfst du jetzt auch mit ihr?«
   »Nicht nötig«, beeilte sich Silke zu sagen. »Ich weiß natürlich auch, dass man das nicht macht. Aber manchmal passiert es eben. Nobody is perfect, niemand ist perfekt, du nicht, ich nicht, und auch sonst niemand.«
   In dem Moment betraten Klaus, Eric und Matti den Raum. Beim Anblick des großen, flachsblonden Finnen verdüsterte sich ihr Gesicht sofort wieder.
   »Ist was?«, fragte Eric. »Geht es dir nicht gut?«
   »Doch, doch, alles okay. Ist bei euch auch alles geregelt?«
   Nickend reichte er ihr die Autoschlüssel und einen großen weißen Umschlag. »Der lag noch für dich im Auto. Aber jetzt brauch ich zur Stärkung erst mal was Hochprozentiges. Kommst du mit an die Bar?«
   »Gleich, ich möchte eben erst mal lesen, was mein Vater schreibt.«
   Sie schlitzte das Kuvert mit dem Autoschlüssel auf. Dabei rutschte ein kleinerer, lippenstiftroter Briefumschlag heraus, der einen intensiven, herben Räucherstäbchenduft ver­strömte.
   Matti, der sie scheinbar genau beobachtet hatte, bückte sich blitzschnell und hob den Brief auf. »Riecht lecker hier«, sagte er und schob ihn ebenso rasch wieder zurück in den großen Umschlag. »Besonders der Räucherlachs.«
   Bevor sie irgendetwas entgegnen konnte, hatte er sich zu den anderen ans Buffet gesellt und plauderte lautstark über sein dreiundzwanziger Handicap und dass er sich gerade eine neue Golfausrüstung zugelegt hatte.
   Und Silke stand grübelnd in der Ecke.
   Schickten Männer Frauen rote Briefe mit Räucherstäbchenduft? Doch wohl nicht. Frauen schickten Männern solche Briefe und, nun ja, Frauen Frauen scheinbar auch. Aber die homogene Variante kalkulierte der alte Schwede garantiert nicht ein. Also dachte er sich vermutlich gar nichts bei dem, was gerade passiert war. Oder vielleicht doch. Sie öffnete den Brief ihres Vaters.

Moin, Silke! Erhol dich gut auf der Insel, auch wenn es nicht Hawaii ist. Deine Nachbarin (eine sehr nette Frau übrigens; von ihr ist auch der beil. Brief) und ich kümmern uns um alles. U. a. dachten wir, du könntest deinen Stadtflitzer gebrauchen – deshalb liegt auch er bei. Pass auf dich auf. LG Hans

»Du schienst etwas abwesend vorhin«, sagte Eric, als sie um drei Uhr morgens wieder allein waren.
   Sie lag bäuchlings auf dem Sofa und studierte, wie auch früher schon so oft, die weiße raue Sandsteinfigur, neben der sich Eric jetzt gerade am Kamin zu schaffen machte. Eine frühere Freundin hatte sie extra für ihn angefertigt. Sehr exklusiv, doch leider völlig undefinierbar. Am ehes­ten hatte sie noch Ähnlichkeit mit einem prähistorischen Raumfahrer à la Erich von Däniken. »Findest du?«
   »Magst du die Leute nicht, oder warum warst du so still?«
   »Mich hat nun mal niemand mit Kölsch getauft, das weißt du doch.« Sie setzte sich träge auf.
   »Ach nein? Und was war letzten Karneval, da hast du mit meinem Vater auf den Tischen getanzt. Halb Köln redet heute noch davon.«
   »Vielleicht hättest du ihn einladen sollen.« Und keinen schwedischen Schwerenöter. Obwohl sie diesen Matti mit dem lustigen Akzent und den munteren Knopfaugen eigentlich vorher recht nett gefunden hatte. Und entschuldigt hatte er sich ja auch.
   »Jetzt mal ehrlich.«
   »Vielleicht ziehen die Wurzeln heute etwas.«
   Eric sah sie schräg an. »Du sprichst nicht von Zähnen, oder?«
   »Nein.«
   »Und auch nicht von Mathematik oder Gartenbau?«
   Grinsend schüttelte sie den Kopf. Irgendwie schaffte er es immer wieder, sie aufzuheitern, wenn auch manchmal völlig unbeabsichtigt.
   »Sondern?«
   Sie schwieg eine Weile. »Vielleicht ganz kindisch von ein bisschen Sehnsucht nach zu Hause.«
   »Wegen ihm?« Eric machte eine Kopfbewegung zum Fenster, wo in etwa jetzt ihr Wagen stand.
   »Albern, was?« Sie grinste verschämt.
   Er rutschte zu ihr auf die Couch und nahm ihre Hände in seine. »Doch, ich kann dich verstehen – wirklich.«
   Sie seufzte laut auf.
   »Aber du willst doch nicht zurück, oder?«
   »Nein.« Sie beobachtete die leise im Kamin vor sich hin lodernden Flammen und dachte dabei an den roten, noch ungeöffneten Brief, den sie in der Innentasche ihres Mantels versteckt hatte.
   Sie könnte ihn ungelesen verbrennen oder eine lange Reise durch die Kanalisation machen lassen. Diese Vorgehensweise wäre allerdings analog zu ,Wenn ich nur ganz fest die Augen schließe, kann mich auch niemand sehen‘ und damit kompletter Unsinn.

4
DIN-Norm-konform

Exakt sechs Stunden und fünfzehn Minuten später schul­terte Eric sichtlich ausgeschlafen und munter sein Golf-Equipment und schob das San Francisco-Cap bis knapp über die haselnussbraunen Augen. An der Tür drehte er sich noch einmal um.
   »Und du willst wirklich nicht mitkommen?«
   »Nein, danke«, sagte sie. »Um neun Uhr morgens ver­zichte ich gern zugunsten anderer.«
   Wenns um Sport ging, war Eric echt nicht mehr ganz zurechnungsfähig. Dieser Gedanke ging ihr zum vermutlich zehntausendsten Mal seit Beginn ihrer gemein­samen Zeitrechnung durch den Kopf. Fast täglich in der Mittagspause Krafttraining im Firmen-Gym, dazu Tischtennis, Volley­ball, ab und an Basketball. Und nun neuerdings auch noch – very british – der Golfsport.
   Kopfschüttelnd winkte sie ihm nach.
   Keine fünf Minuten später schlich sie auf Zehen­spitzen zum Garderobenständer und tastete in ihrer Manteltasche nach Luzías Brief. Ja, er war noch genau dort, wo sie ihn hingesteckt hatte. Kein Heinzel- und auch kein Ericmann schien ihn entdeckt zu haben.
   Mit klopfendem Herzen öffnete sie den duftenden roten Umschlag.

Hola! Alles klar bei dir oder brauchst du noch was von zu Hause – Dessous, Strapse, Ersatzzahnbürste? Wie läuft es mit deinem Ex? Habe deinen Vater kennengelernt. Ziemlicher Domino-Typ = männliche Form von Domina. Wollte mir sogar vorschreiben, wie ich deine Pflanzen gießen soll. Gruß, Luzía. P.S.: Sie hört auf den schicken Namen Giulia und ist meine jüngere Schwester. Ich soll dich von ihr grüßen. Und übrigens: Studien zufolge macht etwa jede vierte Frau und jeder sechste Mann im Laufe des Lebens homosexuelle Erfahrungen. Lustig, oder!?

Keine Viertelstunde später hockte sie schwitzend und auf allen Vieren im Garten und rupfte wie besessen Unkraut aus der Erde. Na super, da befand sie sich ja in reichlich Gesellschaft. Und was sollte der blöde Spruch, dass das lustig sei? Giulia hieß das Problem also. Italienisch ausgesprochen Djulia, zu deutsch Julia. Und warum, verdammt noch mal, nicht Julian? Ein kleiner Buchstabe mehr, ein – im Gesamtverhältnis gesehen – kleines Körperteil mehr, und die Welt wäre wieder in wunderschöner Ordnung.

Am Mittag lugte kein einziges grünes Hälmchen mehr aus dem Boden, und nach dem Einpflanzen von Unmen­gen Blumensamen war auch keine helle Stelle mehr an Silkes Händen. Den widerspenstigen Gartenschlauch hinter sich her ziehend, machte sie sich daran, Meter für Meter den vorher noch sorgfältig geharkten Boden mit Wasser zu besprühen. Wobei sie sich zur Ablenkung mit der Frage beschäftigte, was passieren würde, wenn es am Abend Starkregen geben würde. Könnte es sein, dass im Falle eines Gefälles im Gelände und nicht tief genug gesetzter Saat alles ins angrenzende Beet des Nachbarn schwimmen würde? Unfreiwilliger Zuwachs an buntem Blühzeug wäre die unvermeidbare Folge. Ob das, juristisch gesehen, bei einem Gerichtsverfahren als Landfriedensbruch gewertet werden würde, und wenn ja, hatte sie dann grob fahrlässig gehandelt?
   Das Telefon klingelte. Unsanft landete der Schlauch im Gras und sie im nächsten Moment fast daneben, weil ihr Fuß beim Loslaufen in einer Schlinge hängen blieb.
   Fluchend und stolpernd erreichte sie die Terrassentür. »Ja?«
   »Tag, Tochter. Kommst du gerade vom London-Marathon?«
   »Oh, du bist es, Papa. Ich wollte dich nachher auch noch anrufen und mich für die tolle Überraschung bedanken.«
   »Störe ich?«
   »Nein, überhaupt nicht.« Sie betrachtete die dicken Trauerränder unter ihren Fingernägeln. »Ich bin nur gerade am Gärtnern.« Vielleicht hätte sie Handschuhe dabei anziehen sollen.
   »Du?« Ihr Vater hörte sich ungläubig an. »Ich dachte immer, das wäre dir zu kleinbürgerlich.«
   »Kann schon sein, aber vielleicht ist das im Moment genau das, was ich brauche.«
   »Quält dich immer noch die Erinnerung an diesen Prozess?«
   »Geht so.«
   »Die Bande hat übrigens lange Haftstrafen bekommen. Ging hier letztens groß durch die Medien. Ist denn ansonsten alles i.O.? Wie geht es Eric?«
   »Alles bestens, und bei dir? Hat sich die Frau des Lagermeisters inzwischen wieder eingefunden?« Das war das Gesprächsthema Nummer eins bei der letzten Firmen-Weihnachtsfeier gewesen. Kuddel Meyers Frau Rita, sechsundvierzig und Mutter zweier erwachsener Kinder, hatte nach einem heftigen Streit mit ihrem Ehemann (worum es gegangen war, hatte sich dieser auf das Standhafteste geweigert, auszusagen) einen Tag vor Heiligabend und nach vorheriger Auflösung des gemeinsamen Sparkontos mehrere Koffer gepackt und nach einem Vierteljahrhundert die Stätte ihres Wirkens verlassen. Seitdem fehlte jede Spur von ihr.
   »Sie ist wieder da«, sagte er mit brummigem Tonfall.
   »Dann war mein Gedanke mit dem Urlaub also richtig?«
   »Teilweise.«
   »Sie ist also zurück und alles ist i.B.?«
   »I.B., in Betrieb?«
   »Ha, reingelegt.« Sie grinste. »Das hieß in Butter – du liebst doch neue Kürzel.«
   »Nix i.B., sondern v.s.«
   »Versus, gegen?«
   »Ja, das auch. Meyer gegen Meyer steht demnächst vor einem Familienrichter an. Aber es kommt noch v.s., nämlich viel schlimmer.«
   »Erzähl, Papa.« Sie setzte sich rücklings an die Terrassentür. »Was war denn los, wo ist sie gewesen?«
   »Mit ihrer Freundin in Kroatien.«
   »Und das ist neuerdings bereits ein Scheidungs­grund?«
   »Wenn die beiden ein Verhältnis miteinander haben, ja.«
   »Was sagst du da?«, rief sie. Eigentlich war es mehr ein Kreischen gewesen, und sie hatte Mühe, vernünftig weiter zu sprechen. »Rita ist also … äh … sie hat etwas mit einer Frau?«
   Lesbisch hatte sie sagen wollen, aber es war ihr nicht über die Lippen gegangen.
   »Abartig, was? Und das muss ausgerechnet dem guten alten Kuddel passieren. Schrecklich, nicht wahr?«
   »Hm.« Mehr brachte sie nicht heraus.
   Was hätte sie auch sagen sollen? Vielleicht hätte sie ihn zwecks Erfahrungsaustauschs um ihre Handynummer bitten sollen?
   Während sich Herr Lünerau weiter darüber ausließ, wie unsympathisch und abstoßend er all die ,vom anderen Ufer‘ fand, blickte sie mit Sandelholzduft in der Nase und zunehmendem Widerspruchsgeist im Bauch auf das flauschige Blaugrau des Teppichbodens.
   »Meinst du nicht, dass das auch ganz normale Menschen sein können?«, wandte sie nach einer Weile vorsichtig ein.
   »Was soll daran denn normal sein? Das ist einfach nur widernatürlich, weiter nichts.«
   »Aber hat es das nicht immer schon gegeben und ist damit irgendwie auch etwas Natürliches?«
   »Mörder und Kinderschänder hat es auch schon immer gegeben. Werden sie dadurch etwa normal und legitim?«
   »Du willst doch jetzt nicht ernsthaft Homo­sexuelle und Pädophile gleichsetzen, oder?«
   »Nein, natürlich nicht, der Vergleich hinkt vielleicht etwas.«
   »Nicht nur vielleicht, und nicht nur etwas.«
   »Was regst du dich so auf?«
   Sie musste mehrmals tief Luft holen, bevor sie weiter sprechen konnte. »Weil deine Einstellung total daneben ist«, sagte sie dann mit belegter Stimme und erhob sich, da ihr die geduckte Haltung mit einem Mal unbequem war.
   Durch die offene Terrassentür sah sie nach draußen. Friedlich schien die Frühjahrssonne vom wolkenlosen Himmel und tauchte den Garten in ein weiches Lichtermeer. Der schwarz-gelb gestreifte Gummischlauch auf dem Rasen schimmerte wie die Haut einer Kobra – und die riesige Wasserlache ringsherum erinnerte sie spontan an ein Reisfeld in China. »Ich muss auflegen!« Sie ließ den Hörer auf den Teppich knallen und rannte nach draußen zum Absperrhahn.

Zehn Minuten später stand sie unter der Dusche, schrubbte sich verbissen die Fingernägel und versuchte, die Worte ihres Vaters genau wie das heiße Wasser einfach von sich abtropfen zu lassen. Sie wusste ja von früher, wie ihre Eltern tickten. Nämlich so wie die meisten. Damals. Nur war sie davon ausgegangen, dass sich mittlerweile einiges geändert hatte. Was aber scheinbar noch nicht bis in den Kopf ihres Erzeugers vorgedrungen war. Ob ihre Mutter auch immer noch lesbisch, lesbisch und ein bisschen schwul vor sich hin sang, wenn sie androgyn gebaute Sportlerinnen auf dem Bildschirm sah? Na ja, da sie inzwischen alles Deutsche aus ihrem Leben verbannt hatte, würde sie es zumindest nicht mehr in ihrer Muttersprache, sondern nur noch auf Französisch singen.
   Sie shampoonierte zum dritten Mal ihre Haare und sah und hörte nichts um sich herum.
   Bis zu dem Augenblick, als auf der anderen Seite der Duschkabine plötzlich ein dunkler Umriss auftauchte. Hatte sie etwa vergessen, die Terrassentür wieder zu schließen? Mist, bloß das nicht! Sie wusste selbst nicht so genau, ob es an der Fremdheit der Umgebung, dem Zustand ihres Nervenkostüms oder am Konsum zu vieler Krimis lag. Auf jeden Fall schaltete in diesem Augenblick blitzartig etwas in ihr auf Angriff um. Pfeilschnell drehte sie das Wasser auf eiskalt, zog den Duschkopf aus der Halterung, riss die Kabinentür auf und zielte mit dem harten Wasserstrahl geradeaus.
   »Hilfe!«
   Sofort erkannte sie Erics Stimme, und eine Sekunde später sah sie ihn auch – triefnass. »Oh, hallo«, rief sie mangels einer passenderen Begrüßung und drehte schnell die Hähne zu. »Sorry, Eric, ich dachte echt, du wärst ein …«
   »Beilschwingender Psychopath?«
   »So etwas in der Art, ja.«
   »Und ich habe gerade überlegt, wie ich es anstellen kann, mich bemerkbar zu machen, ohne dich zu erschrecken. Tut mir leid, dass es nicht geklappt hat.«
   »Mir auch.« Sie machte eine einladende Handbewegung. »Da du ja nun ohnehin schon nass bist – möchtest du mitduschen?«
   »Nichts täte ich jetzt lieber als das, Mylady, aber wir sind leider nicht allein.«
   »Handicap dreiundzwanzig?«
   »Auch, und zweimal null.«
   »Zusammen sind wir dann ja schon vier Nieten.« Sie zwinkerte und wickelte sich in ein großes Frotteelaken.
   »Du ‘ne Niete.« Er lachte. »Nie im Leben.«
   »Danke für die Tulpen. Jedenfalls nicht, solange ich den internationalen DIN-Norm-Vorschriften für gesellschaftlich angepasstes Verhalten entspreche.«
   »Wieso, hast du etwa was Unangepasstes vor?«
   »Vielleicht fett werden oder mir eine dreifarbige Stoppelfrisur zulegen?«
   »Dick werden gern, allerdings nur an ganz bestimmter Stelle.« Er strich über das Handtuch an ihrem Bauch.
   Energisch schob sie seine Hand weg. »Nix da, entweder überall oder gar nicht.«
   »Dann doch lieber gar nicht.«
   »Also weibliche SarDINen-Norm 90-60-90.«
   »Irgendwie hast du es heute mit Zahlen. In diesem Sinne werde ich mich jetzt wieder ein bisschen um 23-0-0 kümmern. Und für 17-3-0 haben wir einen Tisch im Steakhaus reserviert. Und dein Vater hat eben angerufen, aber keine Zahl, also Telefonnummer hinterlassen. Er meldet sich wieder.«
   Hoffentlich nicht so bald. Sie begann sich die Haare zu föhnen.

Das ,Beefeater‘, ein ausladendes zweistöckiges Gebäude im Landhausstil mit angrenzendem Hotelkomplex, lag irgendwo abseits an der Landstraße bei Chelmsford.
   Unweigerlich musste sie daran denken, dass unerwünschte Einrichtungen schon immer bevorzugt am Stadtrand angesiedelt worden waren. Früher waren es Lungenheilanstalten, Leprastationen und Schlachthöfe. Heutzutage, seit Rinderwahn und Gammelfleischskanda­len, gehörten auch Steakhausbesucher schon beinahe zu einer gesellschaftlichen Randgruppe.
   »Du übertreibst mal wieder maßlos«, sagte Eric, nach­dem sie ihm auf dem Weg zum reservierten Tisch ihre diesbezüglichen Gedanken zugeflüstert hatte.
   »Das meinst du«, erwiderte sie mit Betonung auf dem Du und warf einen Blick auf die umliegenden, bis auf den allerletzten Platz besetzten Tische.
   »Wahnsinnsatmosphäre hier«, verkündete Matti einen Augenblick später augenzwinkernd, nachdem er der Bedienung wortreich seine umfangreiche, jedoch fleischfreie Bestellung aufgegeben hatte.
   Konnte dieser Mann nur doppeldeutig sprechen? Er sah verändert aus. Na klar – die kleine, runde Brille war neu und ließ sein Gesicht noch jungenhafter aussehen als sowieso schon.
   Lächelnd hob sie ihr Glas Sherry. »Auf alle Rotfleischverweigerer und ein langes Leben.«
   »Und was ist mit uns?« Eric blickte zusammen mit Klaus vorwurfsvoll in die Runde.
   »Für euch«, sagte Matti grinsend, »stoßen wir auf den medizinischen Fortschritt an.«
   »Lasst uns doch auf den Golfsport trinken«, schlug David vor.
   Und als hätte er damit ein geheimes Codewort ausgesprochen, erging sich das Gespräch am Tisch plötzlich sehr ausführlich in Begriffen wie Boogies und Birdies. Als Nächstes war weit ausschweifend die Rede von irgend­welchen mächtigen Bunkern an lang gestreckten Fairways und von hundsgemeinen Doglegs dahinter. Also von Hunde­bei­nen. Ob es wohl auch ein Catleg gab? Und apropos – mit einem Gedankensalto sprang sie von Katzen zu Luzías grauen Perserkatzen und von dort zu dem Brief. Fünfundzwanzig Prozent, also jede vierte Frau, hatte sie geschrieben. Und wenn man aufgrund der Faktoren Alter und Zeitpunkt des erstmali­gen Auftretens die Anzahl noch einmal halbierte, bedeu­tete das immer noch – schluckend blickte sie sich in dem riesigen, rustikalen Raum um – dass hier und jetzt eine Handvoll Frauen mit ähnlichem Problem sitzen müssten. Oder gab es nationale Unterschiede? In welchem Ruf standen eigentlich britische Männer? Galten sie als auf­merk­same Liebhaber? Vielleicht sollte sie sich mal bei David nach seinen sexuellen Gewohnheiten erkundigen. Inner­lich grinste sie. Ob Eric wohl rückwärts vom Stuhl kippen würde? Vermutlich nicht nur er.
   Die Bedienung, eine junge, dralle Brünette mit tiefem Ausschnitt und wippendem Busen oberhalb der obligato­risch gelben Beefeater-Schürze, brachte als Letztes ihren bestellten Salat mit Folienkartoffel. »Sonst noch ein Wunsch?«
   Ja, sie wüsste gern, ob die Bedienung schon mal Lust auf eine Frau gehabt hatte. Bei diesem Gedanken wurde ihr ganz heiß, sicher war sie rot angelaufen. Außerdem starrte sie der Frau immer noch aufs Dekolleté. »Ja, also …« Mit einer fahrigen Bewegung strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Ich hätte gern noch eine Extraportion Sourcream, bitte.«
   »Sehr gern«, antwortete die Frau lächelnd. »Vielleicht auch noch mehr Salatdressing?«
   »Nein, vielen Dank.«
   »Dann wünsche ich allen einen guten Appetit.«
   »Danke.« Silke stocherte nachdenklich in dem Berg von knackig-buntem Gemüse und Salatblättern herum.
   »Schmeckt es nicht?«, fragte Matti.
   »Doch, doch, alles in Ordnung.«
   »Ist etwas langweilig, wenn nur über Golf und Job geredet wird, oder?«
   »Kein Problem.«
   Ihr fiel erst jetzt auf, dass sie während der letzten zehn Minuten außer mit der Bedienung kein einziges Wort gesprochen hatte.
   »Du und Eric, wie habt ihr euch kennengelernt?«
   »Warum fragst du?«
   »Du bist nicht vom Rhein, oder?«
   Sie schmunzelte. »Bist du heute der Hellseher?«
   »Nein, nur Hellhörer. Du sprichst anders, irgendwie deutlicher als die anderen.«
   »Das dürfte zwar mehr berufs- als herkunftsbedingt sein, aber du hast trotzdem recht; ich stamme aus Norddeutschland. Und kennengelernt haben Eric und ich uns beim Surfen.«
   Ach herrje, das klang ja wie bei ,Baywatch‘. Sie war von ihren eigenen Worten peinlich berührt. Kitschige Drehbücher wurden eben nicht nur für Filme verfasst, sie geschahen auch im realen Leben. Nur vielleicht nicht ganz so häufig. Und selbst das war im Grunde genommen sehr relativ. Sie fügte fast trotzig hinzu, dass sie sich im Urlaub auf Mallorca kennengelernt hätten.
   Alles andere als verschämt über diesen Tatbestand mischte sich in dem Moment Eric in die Unterhaltung ein und verkündete stolz, dass sie beide wirklich eine im Mittelmeer geborene Liebe seien.
   »So seht ihr gar nicht aus«, bemerkte Klaus sichtlich verwundert.
   »Wie sehen Urlaubsbekanntschaften denn deiner Meinung nach aus?
   Eric zwinkerte ihr zu. »So DIN-Norm-mäßig?«
   »Keine Ahnung.« Klaus zuckte mit den Schultern. »Außerhalb von Hotelanlagen habe ich noch nie eine gesehen.«
   »Logisch nicht«, warf Matti schmunzelnd ein. »Normalerweise läuft das Haltbarkeitsdatum solcher Verbindungen kurz nach der Rückkehr in den Alltag ab.«
   »Ach ja? Und wie stehts mit deinem Haltbarkeitsdatum – läuft das auch bald ab?«
   »Es kommt halt immer darauf an, mit welcher Absicht man an die Sache herangeht, ob oberflächlicher Flirt oder echte Gefühle.« David lächelte beschwichtigend.
   Silke nickte. »Richtig, genau so sehe ich das auch.«
   Und während Eric und Matti kurz darauf begannen, über gemeinsame Urlaubs- und Freizeitgestaltungsmöglichkeiten zu beratschlagen, dachte sie darüber nach, was ein Mann wie David in der Entwicklungsabteilung eines Automobilkonzerns sowie im Dunstkreis von Rheinländern und Finnen zu suchen hatte. Bei der Diplomatie und Gelassenheit, die er ausstrahlte, gehörte er augenblicklich in den Botschaftsdienst des Vereinigten Königreichs versetzt. Oder er könnte Karriere als Psychotherapeut machen und emotional verwirrten Frauen von der Linksabbiegerspur wieder zurück auf die Hauptstraße helfen.

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