Eine Stippvisite in St. Elwine … Es gibt einen triftigen Grund, der Tally in ihr Immer-mal-wieder-Zuhause nach St. Elwine führt. Nichts ist in dem beschaulichen Küstenort wie erwartet und ihr läuft ein ungehobelter Fremder über den Weg. Sofort findet Tally ihn verdächtig, denn sie arbeitet für Maureenas, eine Organisation, die Frauen auf der Flucht vor ihren gewalttätigen Ehemännern hilft. Ihre Recherche ergibt: Es handelt sich um den Tänzer Louis Bowlder. Diese Neuigkeit erklärt, warum Bowlder elegant über den Boden zu schweben scheint. Er trägt einen Dreitagebart, der mit einem vierten Tag zu liebäugeln scheint und sein dunkles Haar zu einem Männer-Dutt geschlungen. Unter anderen Umständen hätte sie zugegeben, dass er eine Augenweide ist. Leider ist er ebenso gut aussehend wie arrogant. Bei all der Aufregung kommt ihr ein Glas Erdbeerpunsch gerade recht. Mit einem Gastauftritt von Trish Prescott aus der beliebten Lake Anna-Reihe von Joanne St. Lucas.

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ISBN: 978-9963-53-423-4

Seiten: 426

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Britta Orlowski

Britta Orlowski
Britta Orlowski wurde im Jahr 1966 geboren – eine Schnapszahl, ich weiß, meine Eltern hätten gleich stutzig werden sollen. Stattdessen zogen sie mich mit viel Liebe, Wärme und schönen Geschichten auf. Sie nahmen meine zahlreichen kreativen Experimente gelassen hin und nährten meine ohnehin uferlose Fantasie noch mit zauberhaften Erzählungen über Spielzeug, welches zum Leben erwacht, sobald ich des abends eingeschlafen sei. So wuchs ich also in meiner Geburtsstadt Rathenow auf, absolvierte die zehnklassige polytechnische Oberschule und erlernte den Beruf der stomatologischen Schwester in der Kreispoliklinik. Ich angelte mir einen netten Mann, dem ich sage und schreibe im taufrischen Alter von fünf Jahren zum ersten Mal begegnete und ihn sogleich aus tiefstem Herzen verabscheute. Zum Glück änderte ich später meine Meinung - wir heirateten und gründeten eine Familie. Ihm verdanke ich meine lieben Söhne, die überhaupt die schönsten Babys der Welt waren. Im Erziehungsurlaub wurde mir rasch langweilig. Beim Aufräumen stieß ich auf die Manuskripte aus meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Ich begann erneut, Geschichten zu schreiben - nur so für mich. Wenige Jahre später infizierte ich mich mit dem Patchworkvirus und hänge seitdem an der Nadel. Doch auch das Schreiben ließ mich nicht mehr los. Nach einigen Überlegungen kam ich zu dem Schluss, dass es bestimmt einen Weg gibt, beide Hobbies zu verbinden. So entstand mein erster Roman „Rückkehr nach St. Elwine“. Da mir der Abschied von meinen Hauptfiguren am Ende so schwer fiel, war die Idee geboren, daraus mehr zu machen. Eine lockere Serie mit in sich abgeschlossenen Geschichten, die stets am gleichen Ort, dem fiktiven Küstenstädtchen in der Chesapeake Bay, spielen. Nach langem Suchen habe ich ein begeisterungsfähiges Verlagsteam gefunden.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Am liebsten würde er in das Haus hineinstürmen, sie an sich zerren, dass nichts und niemand sie ihm mehr entreißen konnte, und mit nach Hause nehmen.
   Nach Hause, wo alles so leer und still war ohne sie. Doch er stand mit hochgeschlagenem Kragen vor dem Anwesen. Ihm fehlte die Kraft, hineinzugehen. Seine Frau war nicht dort. Nur ein Wesen, das entfernt an sie erinnerte. Oh, sie sah noch so aus, das schon. Aber ansonsten konnte er sie nicht finden. Nicht in ihren Augen, nicht in ihrem Lächeln, nicht in ihrem Gang, nicht im Duft ihres Haares und schon gar nicht in ihren Worten. Nur ihre Stimme hatte sich nicht verändert. Beängstigend, wie sehr sich ein Mensch veränderte.
   Tatsache blieb: Sie hatte ihn verlassen. Aber damit konnte er sich nicht abfinden. Würde er sich nicht abfinden. Ein solches Ende hatte er nicht verdient und er akzeptierte es nicht. Angeblich ginge es seiner Frau gut, hatten sie ihm gesagt. Lächerlich. Die hatten keine Ahnung. Hier wäre sie in Sicherheit. Sicher vor wem?
   Als wenn irgendjemand auf dieser Welt wirklich sicher wäre.
   Niemand ahnte, dass er schon einige Male in der Stadt gewesen war. Dass er Pläne schmiedete, nach Möglichkeiten suchte, sich erkundigte, über Vertragsabschlüsse grübelte. Es konnte noch nicht vorbei sein, nicht für ihn. Und für sie auch nicht.
   Unvorstellbar.
   Er hätte nicht gedacht, dass man überhaupt so weit gehen konnte, ohne an seine Grenzen zu stoßen. Zum jetzigen Zeitpunkt war es ihm nicht mehr möglich, umzukehren. Sein Entschluss stand fest: Er würde einen Weg zu ihr finden.
   Allen Widrigkeiten zum Trotz. Sie gehörte zu ihm, sie hatten sich einander versprochen, und das waren keine leeren Worte gewesen. Doch sie hatte sie vergessen. Wie so vieles andere auch.
   Er nicht. Er war bei klarem Verstand. Nur noch ein klitzekleines Detail, und er würde seine Pläne in die Tat umsetzen. Niemand konnte ihn aufhalten.
   Und was dann? Was kam danach? Was, wenn er scheiterte und alles schieflief?
   Unsinn. Er war noch nie gescheitert. Mit der Kraft seines Willens konnte der Mensch alles schaffen. Nur mithilfe dieser Einstellung war er überhaupt so weit gekommen. Und würde jetzt nicht klein beigeben.
   Jeden Morgen stand er hier, im Nieselregen, der ihm kaum etwas ausgemacht hatte in den vergangenen Tagen.
   Heute nun der plötzliche Kälteeinbruch. Es war wie ein Zeichen. Er musste den nächsten Schritt gehen, sonst würde nur kalter Winter sein Leben bestimmen. Das ließ er nicht zu. Entschlossen zog er sein Smartphone aus dem Mantel, wischte mit dem Daumen über das Display und lauschte dem Rufton.
   Endlich nahm der Mann den Anruf an. »Ja?«
   »Wann können wir uns treffen?«, fragte er knapp.
   »Sie … haben es sich überlegt?« Die Stimme klang vorsichtig, verhalten.
   »Würde ich Sie sonst behelligen?« Vielleicht sollte er freundlicher sein, entgegenkommender, aber in seiner Stimmung war er dazu nicht in der Lage.
   Es blieb eine Weile still in der Leitung. »Morgen, übermorgen, gern so schnell wie möglich.«
   »Wie wäre es mit heute? Ich bin bereits in der Stadt«, ließ er die Katze aus dem Sack. Seit Monaten schnüffele ich hier immer wieder für ein paar Tage herum. Was sagst du dazu?
   »Okay, dann heute Abend.« Wenn der Mann überrascht war, hatte er sich gut im Griff.
   Das gefiel ihm, er schätzte einen solchen Geschäftspartner. Durch das Wirken dieses Mannes war er erst auf die Idee gekommen. Plötzlich hatte sich ihm die Möglichkeit geboten, nach der er gesucht hatte. Wie sagte bereits der gute, alte Albert Schweitzer: Der Zufall ist das Pseudonym, das Gott wählt, wenn er anonym bleiben will.
   Genauso anonym war er gewesen, als er den Ort erkundet hatte.
   Im Geiste suchte er bereits nach einem geeigneten Treffpunkt. Der Pub passte sowohl zu ihrem gemeinsamen Projekt als auch zu ihren Wurzeln.
   »Wie wäre es mit dem Pub?«, schlug der Mann am anderen Ende vor.
   Perfekt. »Ich werde da sein.« Das war alles, er beendete das Gespräch.
   Bis zum Abend vergingen noch Stunden. Jetzt, wo er seinem Ziel so nah war, konnte er sich erlauben, sie zu sehen. Er würde sie aus der Distanz beobachten, auch wenn sie keinen Blick für ihn übrig hatte.
   Er straffte die Schultern. Das Warten war vorbei.

1. Kapitel

Tally betrat ihre Wohnung, zog den Mantel aus und beschloss, ein Vollbad zu nehmen. Sie war durchgefroren, im Büro hatte die Heizung nicht richtig funktioniert, und es war schwierig, sich auf ihre Fälle zu konzentrieren, wenn man bibberte und sich unwohl fühlte.
   Ihr Handy klingelte – o nein, das konnte nichts Gutes heißen. Einen Moment lang war sie versucht, das Läuten zu ignorieren. Seufzend fischte sie das Handy schließlich aus ihrer Manteltasche, erhaschte einen Blick auf das Display und nahm den Anruf an. »Was gibt es?«
   »Hoffentlich hast du es dir noch nicht bequem gemacht«, sagte ihre Chefin.
   »Weißt du, was da draußen los ist? Der plötzliche Kälteeinbruch veranlasst die Menschen offenbar zu Hamstereinkäufen. Die Stadt ist dicht, ich bin nur im Stop-and-go vorwärtsgekommen und habe soeben meine Wohnung betreten.«
   »Dann wird es dich sicher freuen, dass du die nächste Zeit nicht in einer von Autoabgasen verpesteten Stadt verbringen musst.«
   »Sehr witzig. Kannst du niemand anderen schicken?«
   »Nein. Der Fall ist heikel.«
   »Das ist er doch immer«, warf Tally ein.
   »Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass du die richtige Person dafür wärst, würde ich dich nach dem heutigen Tag nicht mehr belästigen.«
   Tally fühlte sich geschmeichelt, kam aber dennoch nicht umhin, ihrer Chefin zu unterstellen, dass sie mit voller Absicht so argumentierte. Sei es drum. Sie ließ ihren Blick bereits umherschweifen und versuchte, zu erfassen, ob sie ihre vier Wände so hinterlassen konnte. Es lag auf der Hand, warum sie sich keine Zimmerpflanzen hielt.
   »Gib mir ein paar Fakten«, bat sie ihre Chefin und betätigte die Freisprechanlage. Mit dem Handy in der Hand lief sie ins Schlafzimmer und öffnete den Kleiderschrank. Dort stand stets eine gepackte Reisetasche griffbereit.
   »Wann bist du so weit?«
   »Wenn ich mich erneut durch den Straßenverkehr gekämpft habe«, antwortete Tally.
   »Braves Mädchen. Ich wusste, auf dich ist Verlass.«
   »Wie sieht es mit einer Gehaltserhöhung aus?«
   »Tally, die Verbindung ist plötzlich ganz schlecht. Ich erwarte dich spätestens in einer Dreiviertelstunde hier.«
   Typisch. »Nein. Wenn der Fall so heikel ist, wie du angedeutet hast, dann sag ihr einen Treffpunkt, und von dort hole ich sie ab. Alles Weitere per Mail. Ich melde mich morgen wieder.«
   »Gut. Ich schick sie mit dem Taxi zum Flughafen. Sobald sie unterwegs sind, sende ich dir eine SMS mit der Nummer des Taxis. Viel Glück.«
   Das brauchte sie auch, wenn sie nicht noch heute erfrieren wollte. Von allem anderen mal abgesehen. Tally war routiniert in ihren Einsätzen, aber nie zuvor hatte sie sich bei Antritt so mies gefühlt. War da etwa eine Erkältung im Anmarsch? Bloß das nicht.
   Rasch packte sie eine zweite Tasche mit vielen warmen Sachen zusammen, schlüpfte wieder in ihren Mantel, zog die Wohnungstür hinter sich zu und schloss sorgfältig ab. Ihre Absätze klapperten über die Treppenstufen. Sie hätte wenigstens in bequemere, aber vor allem wärmere Schuhe schlüpfen sollen und war versucht, noch einmal zurückzulaufen, doch ein Blick auf ihre Armbanduhr mahnte zur Eile.
   Dank der SMS fand sie auf Anhieb das richtige Taxi und klingelte ihre Chefin an. Tally wusste, dass sie der Klientin per Handy mitteilte, dass Taxi jetzt zu verlassen und das Gebäude des Flughafens zu betreten.
   Sie stieg ebenfalls aus dem Wagen und ging der Frau nach. In der Halle war es voll, an einigen Schaltern standen die Menschen Schlange, wurden aber flott bedient.
   Tally nutzte die Gelegenheit und nahm ihre Klientin genauer in Augenschein. Schlagartig war ihr klar, was ihre Chefin mit heikel meinte. Die Frau fiel auf. Sie schwebte förmlich über den Boden, bewegte sich anmutig, war groß und bildschön. Verdammt. Außerdem sah sie ängstlich um sich, ihr Blick hetzte herum und zu allem Überfluss führte sie ein kleines Kind an der Hand.
   Tally unterdrückte einen Seufzer. Niemand hatte sie gezwungen, einen solchen Job zu übernehmen. Nun musste sie da durch. In der Regel hatte sie für ihre Einsätze vier Orte zur Verfügung. Instinktiv entschied sie sich für den dieses Mal einzig infrage kommenden: St. Elwine.
   Immerhin würde sich ihre Mutter freuen. Und es gab in deren Haus warme Socken. Die hatte Tally im Eifer des Gefechts nämlich vergessen.
   Am besten, sie erlöste die Frau, deren Blick vollkommen verängstigt umherirrte. »Huhu«, rief sie wie ausgemacht und tat, als träfe sie eine liebe Bekannte zufällig wieder.
   Die junge Frau riss den Kopf herum und starrte sie an. Tally beeilte sich, herzlicher zu lächeln, und endlich schien ihre Klientin zu begreifen, dass sie in Sicherheit war.
   »Ich freue mich«, rief Tally überschwänglich aus.
   Die junge Frau nickte kurz und besann sich offensichtlich ebenfalls. Das Zucken ihrer Mundwinkel sollte wohl als Lächeln durchgehen. Tally konnte sie damit nicht überzeugen. Wie die anderen Reisenden darüber dachten, wollte sie besser nicht erfahren.
   Sie ging weiter auf die Frau zu und umarmte sie schließlich ganz so, als wären sie beste Freundinnen und träfen sich soeben nicht zum ersten Mal.
   Ihre Klientin war stocksteif. Tally sah es ihr nach. Wäre sie an ihrer Stelle, ginge es ihr wahrscheinlich nicht anders.
   »Ich bin …«
   »Pst«, fiel Tally ihr ins Wort. »Ab jetzt heißen Sie Masha. Masha Byrne«, flüsterte sie dicht an deren Ohr.
   Sie nickte.
   Tally strich dem Kind über die Mütze. »Hallo.«
   Es antwortete nicht. Verängstigt wie die Mutter. Tally tat es in der Seele leid. So jung, so klein und wusste schon, was es hieß, auf der Hut zu sein.
   Sie vergaß ihre kalten Zehen und beschloss, ihr Bestes zu geben, um die zwei in Sicherheit zu bringen.
   »Kommen Sie«, forderte sie Masha leise auf und griff nach der Reisetasche.
   Nur zögernd löste Masha ihre Finger von den Henkeln.
   Tally dirigierte sie zu ihrem Wagen, verstaute das Gepäck im Kofferraum und ließ Mutter und Kind auf der Rückbank einsteigen. Leider hatte sie in der Eile nicht an einen Kindersitz gedacht. Heute musste es eben ohne gehen. Sie hoffte, keiner Polizeistreife zu begegnen, auch wenn auf dem Beltway um diese Zeit noch ein ziemlicher Verkehr herrschte. Die Pendler fuhren raus aus der Stadt zu ihren umliegenden Häusern.
   »Haben Sie etwas gegessen, Masha? Wir werden noch eine Weile unterwegs sein.«
   »Ihre Kollegin hat uns einen Hotdog besorgt.«
   »Wir könnten unterwegs anhalten und ich hole uns etwas aus einem Drugstore«, schlug Tally vor.
   »Danke, es geht schon.«
   »Entschuldigung, ich habe ganz vergessen, mich Ihnen vorzustellen. Ich bin Tally Amandes, Sozialarbeiterin bei Maureenas.« Im Rückspiegel beobachtete sie, wie Masha nickte. »Wir fahren in ein Küstenstädtchen, es wird Ihnen dort gefallen.« So ein Blödsinn, schimpfte sich Tally im Stillen. Die Frau war auf der Flucht vor einem gewalttätigen Ehemann. Sie würde keinen Blick für den Ort haben. Es wäre besser, sie benutzte erst gar keine Floskeln. Gegen den Drang, freundlich sein zu wollen, war nicht so leicht anzukämpfen.
   Die Fahrt verlief schweigend. Immer, wenn sich Tally umdrehte, lag das Kind ausgestreckt, der Kopf ruhte im Schoß seiner Mutter. Masha wirkte erschöpft, döste aber keine Sekunde ein. Bereit, ihr Kleines zu verteidigen. Selbst im Sitzen hielt sie sich kerzengerade.
   Gegen neun passierten sie das Ortsschild von St. Elwine. »Wir sind da, Masha. Sind Sie schon lange unterwegs?«
   »Ein paar Tage.«
   Aus denen leicht Monate werden konnten. Oder Jahre, wie Tally wusste. Für manch eine Frau endete der Albtraum nie, holte sie stets wieder ein. Am schlimmsten traf es sie dann, wenn sie bereits wieder zu hoffen begonnen hatten. Einige hatten Glück. Zu wenige.
   »Heute Abend bringe ich Sie in ein Bed and Breakfast und morgen sehen wir weiter«, erklärte Tally leise.
   »Ich … ich habe nicht viel Geld bei mir.«
   »Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Die Organisation zahlt das.«
   »Wie lange können wir hierbleiben?«
   »Ich weiß es nicht.« Hoffentlich lange.
   Masha ließ resigniert den Kopf sinken.
   »Schlafen Sie sich erst mal aus. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Gemeinsam werden wir eine Lösung finden. Vertrauen Sie mir.«
   Masha drehte den Kopf weg und starrte aus dem Fenster. Vielleicht versuchte sie, in der Dunkelheit etwas zu erkennen, vielleicht blinzelte sie aber auch nur aufsteigende Tränen fort.
   Die Veranda der Pension war mit weihnachtlichen Lichterketten beleuchtet. Das Haus wirkte einladend, liebevoll. Tally hielt an und stellte den Motor ab. »Gehen Sie ruhig schon rein, ich bringe Ihnen das Gepäck hinterher.«
   Masha weckte das Kind, setzte ihm die Mütze auf und stieg aus dem Wagen.
   Tally schnappte sich die Tasche, schloss die Klappe zum Kofferraum und verriegelte das Fahrzeug. Als sie die beiden erreichte, standen sie vor der Eingangstür.
   »Es ist abgeschlossen«, erklärte Masha.
   »Da gibt es doch bestimmt eine Klingel.«
   »Wir werden das gesamte Haus aufwecken.« Mashas Stimme war anzuhören, dass sie sich vor eventuellem Ärger fürchtete.
   Tally betätigte bereits den Klingelknopf. Ihr war immer noch kalt und Hunger hatte sie auch. Sie drückte drei weitere Male kurz hintereinander, es erklang aber nur ein Summen.
   »Ich komme ja schon«, vernahmen sie endlich von drinnen.
   »Haben Sie wieder die Schlüssel vergessen?« Im selben Moment wurde die Tür aufgerissen.
   »Guten Abend, Ellen.«
   »Tally? Was machst du denn hier?«
   »Ich brauche ein Zimmer, fürs Erste.«
   »Renoviert deine Mutter auch?«
   »Nicht direkt. Willst du uns noch länger in der Kälte stehen lassen?«
   »Äh … nein. Kommen Sie rein.« Ellen warf einen Blick auf Masha und das Kind und gab den Weg frei, indem sie einen Schritt zur Seite trat und die Tür weiter öffnete.
   »Ein Zimmer, sagtest du. Das wird schwierig.« Die Pensionswirtin schob die Säume ihres Morgenmantels über der Brust zusammen. »Entschuldigen Sie meinen Aufzug. Ich habe nicht mehr mit weiteren Gästen gerechnet«, sagte sie an Masha gewandt.
   Diese lächelte nur unverbindlich.
   »Und du sagtest auch«, hakte Tally nach.
   »Wie bitte?«
   »Renoviert meine Mutter auch«, präzisierte sie.
   Ellen begriff. »Ganz recht. Die Touristensaison ist vorbei, und bevor die Feiertage kommen, wollten wir die Zeit nutzen und unsere Gästezimmer renovieren. Eines ist bereits fertig und wunderschön geworden.«
   »Wunderbar. Das nehmen wir«, sagte Tally.
   »Es ist belegt, mindestens bis Thanksgiving, wenn nicht länger.«

*

Es war zum Verrücktwerden, andauernd ging etwas schief. Wie sie es überhaupt bis hierher geschafft hatten, war ihr immer noch schleierhaft. Sie war so müde von der Flucht, von dem Wachsamsein, von der Angst, dass sie sich am liebsten auf der Stelle auf dem Abtreter zusammengerollt hätte. Stattdessen packte sie Joys Hand fester. Ihre Tochter hob den Blick und musterte sie fragend. Rasch schenkte sie ihr ein beruhigendes Lächeln. Wie lange dauerte es wohl, bis sich dieses Kind nicht mehr damit zufriedengeben würde? Joy war erst drei Jahre alt und begriff bereits, dass etwas nicht stimmte. Noch verließ sie sich allerdings auf ihre Mutter. Und darum musste sie stark sein und durchhalten.
   Wie hatte die Sozialarbeiterin von Maureenas sie genannt? Masha Byrne. Der Name war so gut wie jeder andere. Wichtig war einzig, dass niemand ihren richtigen Namen erfuhr. Flüchtig dachte sie an ihre ehemalige Kollegin Diamond, die ihren Künstlernamen und damit ihr früheres Leben abgelegt hatte. Sie war jetzt nur noch Trish und offensichtlich glücklich damit. Aber einen Haken hatte die Geschichte: Trish war ihr richtiger Name und sie hatte freiwillig alles hinter sich gelassen.
   Bei Masha Byrne war es anders.
   »Überrede deinen Gast, vorzeitig abzureisen.« Tallys Scherz riss sie aus ihren Gedanken.
   »Sehr witzig. Ich bekomme ihn kaum zu sehen und er hat bereits im Voraus bezahlt.«
   »Schön für dich.«
   Im selben Moment wurde ein Schlüssel in das Schloss geschoben und die Tür geöffnet. Der Mann, der eintrat, stutzte. Offenbar hatte er nicht mit einer kleinen Menschenansammlung gerechnet.
   »Guten Abend«, grüßte er.
   »Guten Abend, Mr. Bowlder«, beeilte sich Ellen zu sagen, während Tally und sie lediglich nickten. Der Wirtin schien ihr Auftritt im Morgenmantel nun noch peinlicher zu sein, ihre Wangen verfärbten sich.
   Der Mann sah gut aus, auch wenn er nicht mehr als jung zu bezeichnen war. Sie hatte ihn nie zuvor gesehen. Er war schlank, wirkte drahtig und dennoch muskulös, hatte dunkelbraunes Haar, zu einem kleinen Pferdeschwanz gebunden, und sah sie aus stechend blauen Augen finster an. Ihr fiel besonders sein aufrechter Gang auf, er erinnerte sie an ihre männlichen Modelkollegen. Im selben Moment zuckte sein Wangenmuskel. Warum nahm sie jede noch so winzige Kleinigkeit wahr? Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie bereits eine regelrechte Paranoia entwickelt hatte, was Männer anging. Sie scannte jedes Gesicht, versuchte, sich ihre Beobachtungen einzuprägen und überlegte, ob sie der Person bereits begegnet war. Selbst bei Fremden stellte sich keine Erleichterung ein, musste sie doch befürchten, dass ihr Mann jemanden angeheuert hatte, um sie und seine Tochter zu finden. Ein Schauder kroch über ihre Wirbelsäule. Hastig sah sie zu Tally hinüber. Diese schien keineswegs beunruhigt, musterte den Mann aber ebenso wie sie. Ob er ihr gefiel? Sie schätzte die Frau intelligent genug ein, Männer nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Gerade diese hübschen, attraktiven, die einen so sinnlichen Mund hatten wie der Typ vor ihnen, konnten hinter dem schönen Schein ein teuflisches Wesen verstecken. So wie Paul. Der Gedanke an ihren Mann brachte ihren Herzschlag zum Rasen. Jetzt nur nicht durchdrehen. Sie sah sich nach etwas um, woran sich ihr Blick festhalten konnte. Wie viele Stufen führten nach oben? Das Zählen beruhigte ihre Nerven, die in den vergangenen Tagen ausgefranst sein mussten wie alte Seilenden.
   »Meine Freundin wollte mich überraschen und mir gemeinsam mit ihrer Tochter einen Besuch abstatten«, hob Tally an und blickte zur Wirtin. »Blöderweise hatten wir heute einen Wasserrohrbruch …«
   Sie fühlte sich wie in einem falschen Film gefangen.
   »Und nun brauchen Sie ein Zimmer«, beendete der Fremde Tallys Satz, die ihn daraufhin genauer unter die Lupe nahm.
   »Sie können gut kombinieren«, konterte Tally.
   »War so schwer nicht.«
   »Ich würde euch schrecklich gern helfen, aber die Gästezimmer werden renoviert.«
   Die Wirtin klang, als bedauerte sie das tatsächlich. Masha wusste schließlich, dass Menschen keineswegs immer das sagten, was sie auch dachten. Wieder schweiften ihre Gedanken zu Paul und steigerten sich in eine Angst, als würde er ihr hinter der Tür bereits auflauern.
   »Nur für eine Nacht. Bestimmt habt ihr noch nicht alle Zimmer ausgeräumt. Wo soll man auch all die Möbel gleichzeitig unterbringen?«, versuchte Tally es freundlich.
   Die Wirtin seufzte. »Na gut, weil du es bist, da kann ich ja mal eine Ausnahme machen.«
   Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Ein ruhiger Schlafplatz rückte in greifbare Nähe, doch noch immer fürchtete sie, es könnte etwas dazwischenkommen und sie müssten eilig weiterziehen.
   »Ich danke dir«, antwortete Tally überschwänglich. »Außerdem habe ich noch eine Bitte. Macht es dir etwas aus, meiner Freundin und ihrer Tochter ein …«
   »Abendessen zu reichen?«, beendete der Fremde die Frage.
   Tally warf ihm einen missbilligenden Blick zu. »Sonst müsste ich den beiden rasch etwas aus dem Diner holen.«
   Bevor die Wirtin für eine Antwort den Mund öffnen konnte, schaltete sich der Mann ein. »Gestatten Sie mir den Hinweis, dass dies ein Bed and Breakfast ist. Von einem Abendbrot steht nichts auf dem Schild an der Veranda.«
   Die Wirtin hob verdutzt die Lider, Tally zog verärgert die Augenbrauen zusammen und sogar Joy bemerkte, wie schneidend seine Stimme klang, und griff erneut ängstlich nach Mashas Hand.
   Was für ein ungehobelter Kerl.
   Tally drückte ihren Rücken durch. »Ich glaube, Mr. …«
   »Bowlder. Es geht mich eigentlich nichts an.« Er nickte knapp. »Gute Nacht, die Damen.« Ohne ein weiteres Wort ging er an ihnen vorbei zur Treppe und stieg die Stufen hoch, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war.
   »Äh …« Tally fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar und warf die rotblonden Strähnen schließlich über ihren Mantelkragen nach hinten.
   »Wo finde ich das Diner?«, wollte Masha wissen. Weder Tally noch Ellen sollte sich ihretwegen Umstände machen müssen.
   »Schon gut«, antwortete die Wirtin. »Sie sehen müde aus, Herzchen. Die Reise war wohl recht anstrengend.«
   Masha nickte.
   »Dann äh … will ich mal nicht so sein. Nicht, dass Sie noch auf den Gedanken kommen, in St. Elwine wäre man nicht gastfreundlich. Das darf auf keinen Fall die Runde machen. Wir leben hier schließlich vom Tourismus. Nehmen Sie schon mal im Frühstücksraum Platz. Morgens, wenn die Sonne scheint, lässt es sich da gemütlich frühstücken. Um diese Zeit wirkt der Raum weniger einladend, weil es stockfinster ist hinter den großen Fensterscheiben.«
   »Das macht nichts«, sagte Masha. Sie war mehr als erleichtert, dass sie nicht noch einmal außer Haus musste. Je eher Joy und sie ins Bett kamen, desto besser.
   »Ich bin sehr froh, dass du das machst, Ellen«, bedankte sich Tally.
   »Schon gut. Außerdem hat das Diner um diese Jahreszeit längst geschlossen. Nur in der Touristensaison ist dort noch Betrieb um beinah zehn Uhr abends. Hast du mal auf die Uhr gesehen?«
   »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Mein Fehler. Wenn für heute alles geregelt ist, schlage ich vor, ich gehe jetzt, bevor meine Mutter noch eine Vermisstenanzeige aufsetzt.«
   »Natürlich. Grüß Nora von mir. Ich verschwinde in die Küche, und sobald meine Gäste essen, werde ich ihnen ein Zimmer herrichten.« Die Wirtin lächelte Masha freundlich an und wies ihnen den Weg zum Frühstücksraum.
   Joy verputzte ein ganzes Käsebrot und dazu klein geschnittene Apfelscheiben, während sie sich vom kalten Huhn und dem Brot nahm und den Bohnensalat kostete. Der wunderbare Tee kam ihr wie ein Gottesgeschenk vor.
   Das Zimmer, das Ellen ihnen schließlich zuwies, war gemütlich und überraschend geräumig. Auf Masha machte es keineswegs den Eindruck, renovierungsbedürftig zu sein. Aber wahrscheinlich hatte sie nur einfach keine Ahnung davon. Wie von den meisten Dingen auf der Welt.
   »Weißt du überhaupt irgendetwas?«, hatte ihr Mann stets geätzt. Ihr Magen zog sich bei der Erinnerung krampfhaft zusammen. Immer wieder benutzte er auch Sätze wie: »Das kannst du also auch nicht.« Oder: »Ich wusste, dass du das wieder nicht hinbekommst.« War es tatsächlich ihre Schuld, dass er sich stets über sie hatte ärgern müssen? Viel zu lange hatte sie das geglaubt. Jetzt war Schluss damit, sie wollte, dass es aufhörte. Sie wollte, dass ein Paul Hamilton keine Macht mehr über sie hatte.
   Als sie sich endlich zu ihrer schlafenden Tochter gesellte und unter die Decke schob, kuschelte sich die Kleine instinktiv an sie. Das gab Masha neuen Mut. Zusammen hatten sie es bis hierher nach St. Elwine geschafft und eines Tages würde sie mit ihrer Tochter vielleicht in ihre Heimat nach Victoria, Kanada zurückkehren können.
   Mit geschlossenen Augen stellte sich Masha vor, wie sie ihre Mom und ihren Dad umarmte. Sie sah sie vor sich, als hätte es die Zeit dazwischen nie gegeben. Come home, so lautete ein Song des Rocksängers Tyler O’Brian. Mit dieser Melodie im Kopf schlief Masha schließlich ein.

*

Im Quiltladen ihrer Mutter brannte immer noch Licht. Das war so typisch. Tally schüttelte den Kopf und kramte nach ihrem Schlüssel. Sie war die Einzige unter den Geschwistern, die einen besaß. Der Grund war, dass St. Elwine und dieses Haus ihr Immer-mal-wieder-Zuhause waren. Obwohl sie eigentlich in Baltimore wohnte wie ihre beiden Schwestern, verbrachte sie mitunter Wochen hier. Das lag in der Natur ihres Jobs, Frauen auf der Flucht zu helfen. Zwar kannte hier jeder jeden und Fremde fielen sofort auf, aber man konnte sich trotzdem gut versteckt halten, weil es genug Touristen gab. Zumindest in der Hauptsaison von Mai bis Oktober. Die kleinen Gästehäuser lockten jedoch auch über die Feiertage mit attraktiven Angeboten und wer ausspannen wollte, fand im Ort ideale Bedingungen. Da passte eine nette Freundin, eine entfernte Cousine, ehemalige Kommilitonin oder was auch immer sich Tally einfallen ließ, ohne Weiteres ins Bild.
   Tally schloss hinter sich ab, stellte ihre Tasche auf den Boden und zog sich den Mantel aus. »Mom?«
   Die Tür zum Quiltladen wurde geöffnet. »Bist du das, Tally?«
   Wer sollte es denn sonst sein? »Ja, natürlich.«
   »Was für eine Freude. Ich habe schon wieder viel zu lange gearbeitet, aber jetzt lösche ich das Licht im Laden. Hast du bereits etwas gegessen?«
   Tallys Magen knurrte. »Nein und ich bin hungrig wie ein Wolf.« Sofort schlug sie den Weg zur Küche ein.
   Kurz darauf folgte ihr ihre Mutter und umarmte sie lächelnd. »Du lernst wohl nicht dazu«, schimpfte sie halbherzig. »Du isst nicht vernünftig.«
   »Das sagt die Richtige. Wer arbeitet denn um diese Uhrzeit noch im Laden?«
   »Wenn ich hier Abend für Abend allein sitze, kann ich mich auch nützlich machen. Außerdem kämpfe ich mit der Website. Ich könnte wirklich Hilfe im Laden gebrauchen. Und wieso hast du eigentlich nicht vorher angerufen?«
   Tally hörte den Vorwurf sehr wohl heraus. Ihre Mutter steckte den Kopf in den Kühlschrank und holte ein paar Plastikdosen heraus.
   »Worauf hast du Appetit?«
   »Egal, Hauptsache es schmeckt, macht satt und hat keine Augen.«
   Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Bist du wieder nur wegen deiner Arbeit hier?«
   »Ja.«
   Mom sah sie durchdringend an. »Hast du eine ungefähre Ahnung, wie lange das noch so weitergehen soll?«
   »Mom.«
   »Ich meine ja nur. Schau mal in den Spiegel. Du siehst müde aus.«
   »Es ist nach zehn, wer wirkt da noch taufrisch?«
   »Zum Beispiel Tabledancer«, erwiderte ihre Mutter.
   »Das glaubst du. Ich kenne einige solcher Damen, was die leisten, um ihre Kinder durchzubringen.«
   »Du hast stets etwas zum Kontern, aber nicht annähernd geregelte Arbeitszeiten.«
   Tally seufzte. Es war sinnlos, mit ihrer Mutter darüber zu diskutieren. Im Büro hatte sie sehr wohl feste Zeiten, doch sobald eine Frau in Not anrief, musste sie flexibel agieren. Schließlich gab es keine Alternative.
   »Du solltest den Job aufgeben. Der Laden hier wirft mittlerweile genug ab, dass wir beide gut davon leben könnten.«
   »Das klingt wunderbar.« Tally stopfte sich eine riesige Portion Geflügelsalat in den Mund.
   »Ja, das ist sehr gut, aber mein Fräulein Tochter hat ja leider andere Flausen im Kopf und für mich wird die Arbeit langsam zu viel. Allein die Kurse …«
   »Warum fragst du nicht eine meiner Schwestern?«, wollte Tally wissen und schmierte sich ein Salamibrot.
   »Die haben sich in Baltimore ein eigenes Leben aufgebaut.«
   »Ich auch.«
   »Nein. Du hilfst anderen Frauen, deren Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Das ist etwas vollkommen anderes. Und du selbst bleibst dabei auf der Strecke, Liebes.«
   »Unsinn.«
   »Ach ja? Wer war denn vollkommen fertig, als …«
   »Ich möchte wirklich nicht darüber reden, Mom.« Tally entging nicht, dass sie bei der Erwähnung des Vorfalls Anfang letzten Jahres zusammengezuckt war. Eine Frau, die sich in ihrer Obhut befand, war von dem Mistkerl, vor dem sie flüchtete, mit einem SUV überrollt worden. Tally hatte alles mitansehen müssen, und war danach wochenlang nicht arbeitsfähig gewesen. Das durfte ihr kein zweites Mal passieren. Sie sah Mashas wunderschönes Gesicht vor sich und plötzlich wurde ihr bange. Wenn sie erneut versagte, dann …
   »Das willst du ja nie. Ich habe gesehen, wie sehr dir das alles zugesetzt hat. Du hast diesen Job gemacht und das ehrt dich. Er ist sehr hart auf emotionaler Ebene. Du erfährst von Schicksalen, die kein Mensch kennen sollte.«
   »Irgendjemand …«
   »Ja, irgendjemand, Tally. Aber ganz sicher nicht du. Du hast genug Gutes getan, vielen Frauen geholfen. Es ist an der Zeit, dass diese Aufgabe jemand anderes übernimmt.«
   »Weil ich dir im Quiltladen helfen soll«, sagte Tally bissiger, als sie es beabsichtigte. Ihre Mutter meinte es nur gut. Und es stimmte, es machte ihr immer mehr aus, so schreckliche Details zu erfahren. Sie erinnerte sich an Situationen, wo sie sich wünschte, die Hände fest auf die Ohren pressen zu können. Aber deswegen wieder hierherziehen und unter der Fuchtel ihrer Mutter arbeiten? Es schien ihr langweilig, eintönig und nicht sehr erstrebenswert.
   Sie biss von dem Brot ab und kaute langsam. Mit Essen im Mund brauchte man nicht zu reden.
   Mom stellte ihr eine große Tasse mit heißem Tee hin. Obwohl sie in Kauf nahm, sich die Zunge zu verbrennen, nahm Tally einen großen Schluck. Das Getränk wärmte so richtig gut durch. Sie schloss für einen Moment die Augen.
   »Dachte ich mir doch, dass du den Schuss Rum gebrauchen kannst.«
   »Du bist unmöglich.«
   »Nein, ich kenne dich nur sehr gut. Und jetzt lasse ich die Badewanne volllaufen. Ich gehe doch richtig in der Annahme, dass deine Zehen beinah Eiszapfen sind?«
   Tally gab es auf, das toughe, große Mädchen zu mimen.
   Als ihre Mutter wieder in die Küche kam, setzte sie sich zu ihr. »Nimm beispielsweise Sharon.«
   Sharon war Tallys ältere Schwester.
   »Sie ist Ehefrau und Mutter dreier Kinder.«
   Gleich zwei wünschenswerte Attribute für eine gute Tochter, dachte Tally.
   »Sie hat alle Hände voll damit zu tun und kann unmöglich einen Quiltladen führen«, hielt Mom ihr vor Augen.
   »Wieso? Du hast es schließlich auch getan.«
   »Ich hatte keine andere Wahl. Ich habe den Laden von deiner Großmutter übernommen und die war nicht so rücksichtsvoll in Bezug auf meine Befindlichkeiten.«
   »Das stimmt nicht. Granny war eine reizende Person.«
   »Ja, gegenüber ihren Enkeltöchtern und den Kunden im Laden. Mir gegenüber war sie …« Ihre Mutter schluckte das Ende des Satzes hinunter. »Was bringt es, die alten Kamellen aufzuwärmen.«
   Auch Caitlin, ihre jüngere Schwester, kam für den Quiltladen nicht infrage. Sie arbeitete als Hebamme und würde um nichts in der Welt ihren Job aufgeben. Das konnte Tally gut nachvollziehen. Mom hatte ihnen alles über Patchwork und Quilten beigebracht. Sie beherrschten das Handwerk in hoher Perfektion, aber es genügte ihnen als Hobby. Wobei Tally so gut wie gar nicht mehr dazu kam. Bei ihren Schwestern war das bestimmt nicht anders.
   Aber in einem Punkt hatte ihre Mutter recht. Sie brauchte Hilfe im Laden. Ihr kam plötzlich eine Idee. Noch unscharf, nichts Detailliertes, aber …«
   »Das Beste habe ich dir noch gar nicht gesagt.« Ihre Mutter lächelte sie erwartungsvoll an.
   Tally war gespannt.
   »Rate mal, wer Marthas Pub übernommen hat?«
   »Der war doch jahrelang geschlossen, weil sich kein Nachnutzer fand.«
   »Das ist Schnee von gestern«, triumphierte ihre Mutter. »Du erinnerst dich an die kleine Roisin Logan?«
   »Marthas Nichte?«
   »Großnichte, um genau zu sein.«
   Tally nickte. Natürlich erinnerte sie sich an die Freundin ihrer Kindheit, die ihre Sommerferien stets hier in St. Elwine bei Martha verbracht hatte.
   »Stell dir vor, sie ist hergezogen und hat vor acht Wochen den Pub eröffnet. Was sagst du dazu?«
   Tja, zunächst war Tally sprachlos, doch rasch befand sie, dass es eine wunderbare Fügung war, dass sie an diesem kalten Novemberabend einen Abstecher nach Hause machen musste. Und es traf sich gut, dass sie wohl einige Wochen hierbleiben würde. Die Zeit würde sie nutzen, um die alte Freundschaft wieder aufleben zu lassen. Mit niemandem hatte sie sich in der Kindheit besser verstanden als mit Roisin. Warum sollte sich das geändert haben? Tally brannte darauf, es herauszufinden.
   »Ab jetzt mit dir in die Wanne, nachdem du mir den ganzen Kühlschrank leer gefuttert hast«, ermahnte Mom sie.

*

Roisin entnahm der Spülmaschine die dickwandigen neuen Gläser für die Heißgetränke und kontrollierte sie auf Wasserflecken. Es war später Nachmittag, in einer halben Stunde öffnete der Pub und es war bereits fast dunkel draußen. Scheußlich, dieses Novembernieselwetter. Ginge es nach ihr, bräuchte sie nur die Monate Mai bis Oktober. Aber wer fragte sie schon nach ihrer Meinung?
   Es klopfte an der Tür zum Gastraum. Konnten die Leute die Öffnungszeiten nicht lesen? Da das Geschäft noch weit davon entfernt war, gut zu laufen – wer eröffnete schon einen Pub gegen Ende der Touristensaison – konnte sie es sich nicht leisten, einen verärgerten Gast vor der Tür stehen zu lassen.
   »Bitte entschuldigen Sie, eigentlich öffnen wir erst in einer halben Stunde«, konnte sie sich nicht verkneifen, als sie die Tür aufgeschlossen hatte.
   »Ich weiß.« Die Frau vor ihr strahlte sie an.
   Roisin blinzelte einen Moment lang. Diesen besonderen Rotton in den Haaren hätte sie wohl überall auf der Welt wiedererkannt. Dass die Frau ausgerechnet hier vor ihrer Tür stand, verklärte ihre Erinnerungen erst recht. »Das gibt es doch nicht. Tally.«
   Schon lagen sie sich in den Armen.
   »Ich freue mich wahnsinnig.« Tally fand als Erste ihre Sprache wieder.
   Roisin lotste sie hinein. »Besuchst du deine Mutter?«
   »Ja, so könnte man es nennen. Und du hast Marthas Pub eröffnet, wie ich erst gestern erfahren habe.«
   »Stimmt, vor acht Wochen. Das wird dir deine Mom ja erzählt haben.«
   Tally nickte. »Wie laufen die Geschäfte?«
   »Schleppend. Aber es wird besser werden.«
   »Aller Anfang ist schwer. Du hast den Namen so belassen: Marthas Pub.«
   »Ja, ich fand, das war ich ihr schuldig. Ich bin stets gern hier gewesen. Die Sommer werden mir für immer in schöner Erinnerung bleiben.«
   Auf Tallys Gesicht machte sich ein Lächeln breit. Offensichtlich ging es ihr genauso.
   »Und nun bist du zurückgekehrt, ich fasse es nicht. Ich habe mir oft ausgemalt, wie du das Hotel eurer Familie führst.«
   »Das habe ich auch eine Zeit lang versucht. Aber mein Vater hat mir nie freie Hand gelassen. Ich wollte etwas Eigenes. Es war gar nicht so leicht, Martha zu überreden, nicht an Fremde zu verpachten. Immerhin gab es ein paar Mal vielversprechende Angebote. Die Konzepte waren nicht schlecht, doch keines zielte darauf ab, den Pub in seinem Ursprung zu erhalten. Das fand ich nicht richtig und Martha offenbar zum Glück auch nicht.«
   »Dann zeichnest du dich also für die jahrelange Schließung verantwortlich«, schlussfolgerte Tally.
   »Richtig. Und es tut mir nicht im Geringsten leid.«
   »Wenn ich mich hier so umsehe«, sagte Tally. »Hast du dennoch viel Kapital investiert.«
   »Ja, das musste ich auch. Die Möbel waren hinüber, die Sitzbänke zerschlissen. Aber den alten Tresen hatte ich lieb gewonnen, von dem mochte ich mich nicht trennen. Dennoch musste eine neue Zapfanlage her, die mir glücklicherweise eine Brauerei finanziert hat. Man sieht der neuen Einrichtung an, dass es sich hier immer noch um einen Pub handelt.« Roisin ließ ihren Blick über das dunkle Holz, die türkisfarbenen Sitzpolster und die schlichten weißen Tischdecken schweifen. Die neue verspiegelte Front des alten Tresens verlieh dem Ambiente eine großzügige, weiträumige Note. Sie konnte zu Recht stolz auf sich sein.
   »Stimmt genau. Ich finde es großartig.«
   »Danke.« Das Lob ihrer einstigen Freundin machte Roisin stolz und milderte ein wenig die Enttäuschung über den schlechten Start. »Mit dem Angebot der Speisen und Getränke habe ich mir auch ein paar Erneuerungen einfallen lassen. Ich hoffe, dass es auf lange Sicht funktionieren wird.«
   »Da drücke ich dir beide Daumen und meine Zehen noch dazu«, sagte Tally und lachte.
   »Würdest du als mein Versuchskaninchen fungieren?«, bat Roisin.
   »Jederzeit. Es sei denn, du willst jemanden umbringen.«
   »So weit ist es Gott sei Dank noch nicht. Setz dich an den Tresen, du hast freie Platzwahl. Jeder Barhocker steht dir zur Verfügung. Heute bist du mein Gast.«
   »Kommt nicht infrage«, stellte Tally klar. »Ich bezahle für alles, was ich im Laufe des Abends in mich hineinschütte.«
   »Dann hast du also Zeit mitgebracht?« Roisin freute sich auf die folgenden Stunden und zum ersten Mal seit der Eröffnung des Pubs wünschte sie sich nicht, dass sich der Laden mit Gästen füllte.
   »Gibt es eine bessere Gelegenheit, in Erinnerungen zu schwelgen?«
   »Du hast vollkommen recht.« Roisin hatte bereits eine Portion Erdbeeren in eine Schüssel geschnippelt, die sie jetzt heranzog und einige Früchte auf zwei ihrer neuen dickwandigen Gläser verteilte. Aus der Kanne, die sie auf dem Stövchen warm hielt, goss sie den Erdbeer-Früchtetee darüber und fügte einen Schuss weißen Rum hinzu. »Meine neue Kreation«, erklärte sie ihrer Freundin.
   »Ich bin schon sehr gespannt.«
   Brauner Zucker, eine Zitronenscheibe und frische Minzeblätter vervollständigten das Getränk. Zum Schluss gab sie einen hölzernen Stiel zum Umrühren hinzu und schob Tally ihr Glas hin. »Sláinte, auf die alten Zeiten, auf uns und die wunderbaren Sommer der Kindheit.«
   »Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.« Tally kostete vorsichtig, um sich nicht die Zunge zu verbrennen.
   »Und, was sagst du dazu?« Roisin brannte darauf, die Meinung ihrer Freundin zu hören.
   »Du meinst den Tee?«
   »Das ist Erdbeerpunsch. Hört sich doch viel interessanter an. Findest du nicht?«
   »Unbedingt. Es schmeckt fruchtig, wärmt schön durch, sieht erstklassig aus und ich will unbedingt mehr davon.«
   »Das wollte ich hören.« Roisin war glücklich. »Der Clou ist außerdem, dass die Zutaten preiswert sind, bis auf den Rum, und dass das Rezept leicht abzuwandeln geht.«
   »In Bezug auf?«
   »Auf das Alter meiner Gäste und die Jahreszeit.«
   »Ah, du meinst, bei Kindern lässt du einfach den Rum weg«, kombinierte Tally.
   »Richtig. Und in der heißen Jahreszeit wird der Punsch kalt serviert mit Eiswürfeln, statt des Rums mit Prosecco aufgefüllt und mit Holunderblüten verfeinert.«
   »Genial«, lobte Tally. »Das sind deine neuen Ideen für die Getränkekarte?«
   »Ja, so in etwa. Das lässt sich natürlich auf verschiedene Früchte anwenden.«
   »Vielleicht ist es doch kein schlechter Gedanke, wieder nach St. Elwine zu ziehen«, sagte Tally und nahm einen weiteren Schluck. Als sie das Gesicht genussvoll verzog, musste Roisin lachen.
   »Mir würdest du die größte Freude machen, falls du zu einem solchen Entschluss kommst.«
   »Nicht nur dir, meiner Mom ebenfalls.«
   »Warum zögerst du dann noch?«
   »Es ist kompliziert.« Tally seufzte.
   »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.«
   »Sagt die Frau, die aus dem Familienhotel ausstieg, um in einem Küstenstädtchen einen Pub zu eröffnen.«
   »Willst du mir die Kompetenz absprechen?« Roisin spielte die Entrüstete.
   »Niemals. Dennoch drängt sich mir eine Frage auf.«
   »Spuck sie schon aus, Tally. Du nimmst ja sonst auch kein Blatt vor den Mund.«
   »Warum hast du den Laden im Spätsommer eröffnet und nicht im Mai?«
   »Autsch.« Roisin rieb sich theatralisch die Brust. »Immer ins Schlimme.« Sie nahm ebenfalls einen Schluck ihrer Kreation. »Du kannst dir sicher vorstellen, wie oft mir mein Vater dieselbe Frage stellte.«
   Tally nickte. »Und er hat recht.«
   »Ja, ja, ja.« Sie seufzte. »Die Finanzierung zog sich in die Länge.«
   »Du meinst, du konntest niemanden finden, der einer Frau Geld geben wollte für eine solche Investition.« Tallys Stimme klang einen Hauch verbittert.
   »Du kennst dich demnach aus.«
   »Könnte man sagen.«
   »Als ich endlich eine Bank fand und der Kredit bewilligt worden war, wollte ich nicht bis zum nächsten Frühling warten. Außerdem musste ich auch an die Bereitstellungszinsen denken.«
   »Jetzt drücke ich dir erst recht die Daumen, dass der Laden bald läuft. Ich werde überall herumerzählen, wie großartig man hier sitzen kann«, sagte Tally bestimmt.
   »Du bist lieb.« Roisin legte ihrer Freundin kurz eine Hand auf den Arm.
   Ein Mann betrat den Pub.
   »Guten Abend«, begrüßte Roisin ihn freundlich. Sie brauchte sich keine Sorgen darüber zu machen, dass Tally beleidigt sein würde, wenn sie die Aufmerksamkeit ihr gegenüber ein wenig vernachlässigen musste.
   Statt den Gruß zu erwidern, nickte der Mann nur. Er sah sich um, zog seinen Mantel nicht aus und wirkte insgesamt schlecht gelaunt. Da hatte sie endlich einen Gast und der war die Unfreundlichkeit in Person. Sie wies vage in Richtung des Tresens. »Nehmen Sie doch Platz. Was darf ich Ihnen bringen? Das Angebot der Woche ist Erdbeerpunsch«, sagte sie und versuchte, ihr Lächeln in der Schwebe zu halten.
   Er sah geradezu grimmig auf sie herab. »Nein, danke.« Sein Blick stellte offenbar ein paar Schätzungen hinsichtlich der Abstände zwischen den freien Barhockern und Tally an.
   »Hallo«, grüßte ihre Freundin den Fremden und hob ihr Glas. »Sie sollten die Empfehlung ausprobieren, genau das richtige Getränk bei diesem Wetter. Der Kälteeinbruch ist die Hölle.«
   Er sah Tally durchdringend an. »Das. Ist. Nicht. Die. Hölle.«
   Beim Klang seiner Stimme wurde Roisin eiskalt.
   »Äh …« Tally blinzelte überrascht, dann schien sie zu einer Erkenntnis zu kommen. »Sie haben recht, Entschuldigung.«
   Flegel. Ihre Freundin hatte doch nur versucht, freundlich zu sein. Roisins schöne Stimmung war dahin. Sie hatte sich so über Tallys Besuch gefreut und dann kam dieser Idiot und versuchte, alles zunichtezumachen.
   »Bringen Sie mir bitte ein Pint«, schnarrte er schließlich und verkroch sich an den Tisch in der hintersten Ecke.
   »Sehr gern.« Roisin versteckte sich beinah hinter dem Zapfhahn, verdrehte die Augen und zwinkerte Tally verschwörerisch zu.
   Nachdem sie den Gast bedient hatte, kehrte sie an den Tresen zurück, wo Tally ihr einen Zettel zuschob.
   Kennst du Mr. Kotzbrocken?, las sie und schüttelte den Kopf. Du etwa?, formten ihre Lippen.
   Tally verneinte, zog den Zettel wieder heran und kritzelte.
   »Mir schwebt vor, Events zu veranstalten, mit Livemusik. So wie bei Martha.«
   »Wie wäre es mit einem echten Céilí? Das soll wieder sehr gefragt sein«, schlug Tally vor.
   Bin ihm gestern Abend zum ersten Mal begegnet, da war er so zuvorkommend wie eben, las sie.
   Tally nickte. »Das waren noch Zeiten, als hier an den Samstagabenden die Hütte brannte.«
   Roisin erinnerte sich gut daran, da sie dann meistens bei Tally hatte übernachten dürfen. In Gesellschaft der drei Schwestern hatte sie sich sehr wohlgefühlt. Nora, Tallys Mom, hatte ihnen Gutenachtgeschichten vorgelesen und sie anschließend mit Quilts zugedeckt.
   »Was ist mit den Gästezimmern?«, unterbrach Tally ihre schönen Erinnerungen.
   »Zunächst wollte ich sie belassen. Ich hatte nicht vor, sie zu nutzen. Mir ging es vordergründig um den Pub. Alles andere war eine Nummer zu groß für mich allein.«
   »Da hat die Bank mitgespielt?«
   »Eben nicht«, antwortete Roisin. »Sie rieten mir, die Renovierung in der Kostenaufstellung zu berücksichtigen. Eine Nachfinanzierung sei stets schwer zu begründen.«

*

»Ja sicher, das klingt logisch.« Tally sah ihre Freundin an.
   Ihre dunklen, schweren Locken hatten sie als kleines Mädchen bereits fasziniert. »Die Renovierung der Gästezimmer ist abgeschlossen?« Da war es wieder, dieses erwartungsvolle Flimmern einer Idee. Noch war unklar, ob und wie sie alles würde umsetzen können, aber der Gedanke ließ sie nicht mehr los. Sie blinzelte vorsichtig zu dem Gast in der Ecke, der auf seine Armbanduhr und dann wieder zur Tür starrte. Er trug einen Dreitagebart, der mit einem vierten Tag zu liebäugeln schien, und hatte sein dunkles Haar wieder zu einem Pferdeschwanz gebunden. Warum logierte so ein Typ um diese Jahreszeit im Bed and Breakfast? Außer Ellen schien ihn niemand zu kennen, auch ihre Mom nicht. Da Tally Masha und der Kleinen die Gelegenheit geben wollte, sich gründlich auszuschlafen nach ihrer anstrengenden Flucht, war sie zum Friseur gegangen. Wie nebenbei hatte sich Tally bei Bonny Sue nach dem Fremden erkundigt. Nicht mal die Besitzerin des Schönheitssalons wusste, wer er war und was er hier wollte. Und dabei wusste Bonny Sue sonst alles über die Einwohner oder Stammgäste. Erst recht, wenn es sich dabei um attraktive Männer handelte. Und das war er zweifellos. Unter anderen Umständen hätte sie ihn als Augenweide bezeichnet. Leider war er ebenso gut aussehend wie arrogant. Wartete er auf eine Frau? Hatte sie ihn versetzt? Was nicht besonders verwunderlich wäre bei seiner ausgesprochenen Freundlichkeit.
   »Ja, sicher. Es machte ja keinen Sinn, sie aufzuschieben und da im Pub ohnehin die Handwerker zugange waren, wollte ich alles in einem Abwasch erledigen. Vermieten will ich aber erst in der nächsten Saison. Wenn ich dann nicht längst pleite bin«, erklärte Riosin.
   Ihre Freundin machte sich ernsthaft Sorgen, das war ihr anzusehen.
   »Könntest du dir vorstellen, ein oder zwei Zimmer bereits jetzt zu vermieten? Zu einem monatlichen Festpreis?«
   Bevor sie Roisin Näheres erklären konnte, öffnete sich die Tür und die Novemberkälte wehte drei weitere Gäste herein. Zwei Männer und eine Frau. Sie stammten keineswegs aus St. Elwine, sonst hätte Tally sie gekannt. Aber zumindest der Frau war sie des Öfteren über den Weg gelaufen, wenn sie während ihrer Einsätze hier gewohnt hatte. Sie musste eine der Quilterinnen sein, erinnerte sie sich. Trotz aller Unstimmigkeiten mit ihrer Mutter half Tally im Quiltladen aus, wann immer es ihre Zeit erlaubte. Charlotte Svenson, fiel es ihr wieder ein. Die Zahnärztin, die die Praxis ihres Großvaters übernommen hatte.
   Tallys Herz schlug plötzlich schneller. Der Mann an Charlottes Seite war kein Geringerer als Tyler O’Brian. Natürlich wusste sie wie jeder aus der Gegend, dass der Rocksänger die alte Landes-Ranch gekauft hatte und hergezogen war. Doch begegnet war Tally dem Mann noch nie. Auch Mom hatte ihn nur flüchtig zu Gesicht bekommen. Die Zahnärztin und er waren ein Paar, doch in der Öffentlichkeit des Showbusiness sah man sie nie zusammen. Jetzt waren sie offensichtlich rein privat unterwegs. Besser, sie stellte keine Spekulationen über andere Leute an. O’Brian hatte das Recht, unbehelligt in einem Pub ein Bier zu zischen. Den anderen Mann in seiner Begleitung kannte Tally nicht.
   Roisin hatte längst ihre Gäste begrüßt und strahlte. Ob sie wusste, wer ihr da ins Haus geflattert war?
   »Anscheinend habe ich nicht mitbekommen, dass der Pub wieder geöffnet hat«, sagte Charlotte und sah sich aufmerksam um.
   »Wahrscheinlich arbeitest du zu viel«, zog der fremde Mann sie auf.
   Tyler half ihr aus dem Mantel. Während er sich umsah, wies Roisin auf die Garderobe. »Danke«, sagte er.
   Es gab doch noch höfliche Männer. Dass ausgerechnet ein Rockstar mit langem Haar und einem Ohrring als Gentleman auftrat, verblüffte Tally.
   Alle drei setzten sich an den Tresen.
   »Darf ich fragen, was Sie in Ihrem Glas haben?«, erkundigte sich Charlotte.
   »Erdbeerpunsch«, antworteten Roisin und sie wie aus einem Mund.
   »Den muss ich haben.« Charlotte wandte sich an sie, während Roisin die Männer nach ihren Wünschen fragte. »Du bist Tally, Noras Tochter, richtig?«
   »Ja, stimmt.« Sie störte sich nicht daran, plötzlich geduzt zu werden. Das war unter Quilterinnen üblich.
   Roisin servierte das Bier und den Erdbeerpunsch und warf ihr einen hilflosen Blick zu. Sie wusste, wer vor ihr saß und hatte Tyler O’Brian sehr wohl erkannt. Ob ihre Freundin jetzt Schnappatmung bekam? Tally musste zugeben, dass es ihr selbst kaum anders erging. Schlimmer war nur noch, dass sie so tun musste, als wäre er ein ganz normaler Gast in einem irischen Pub in einer kleinen Küstenstadt. Sie nahm einen kräftigen Schluck, und da sie bei O’Brians Anblick vergessen hatte, umzurühren, hatte sich der Rum unten im Glas abgesetzt und drohte nun, ihr die Kehle zu verbrennen. Ein peinlicher Hustenanfall trieb ihr Tränen in die Augen.
   Nach einer gefühlten Ewigkeit beruhigte sich ihre gereizte Schleimhaut.
   »Geht es wieder?«, erkundigte sich O’Brian auch noch mitfühlend.
   Blamage auf der ganzen Linie.
   Roisin reichte ihr ein Glas Wasser.
   »Wasser nehme ich nur zum Duschen.« Bitte, geht’s noch? Was plapperte sie da nur in ihrer Nervosität? Sie sollte besser ihren Verstand einschalten und die Klappe halten. Als sich Tally verstohlen umsah, grinste O’Brian sie amüsiert an.
   Und dann las sie in seinen Augen, dass er wusste, was sie so aus der Fassung gebracht hatte. Shit.
   »Norman, was bringst du für Neuigkeiten mit?«, sagte Charlotte, und Tally hatte den Eindruck, dass sie ihr über die Schlappe hinweghelfen wollte. Dankbarkeit überkam sie, und als sie den Blick hob, bemerkte sie aus den Augenwinkeln, dass Charlotte Svenson ihr zuzwinkerte.
   Tally deutete ein Nicken an.
   »Ich dachte, Tyler hat Neuigkeiten für mich«, konterte Norman.
   »Das auch, aber du hast doch stets etwas in petto. Ich kenne dich jetzt lange genug«, unterhielt sich Charlotte gut gelaunt.
   »Sie ist klug«, wandte sich Norman an Tyler.
   »Ich weiß.«
   Hach, sie sollte besser nicht so schmerzhaft ihre Ohren spitzen, aber der Rocksänger gefiel ihr von Sekunde zu Sekunde besser. Und der Grund war nicht, dass sie bereits seit Jahren von ihm schwärmte. Na ja, gut, eine klitzekleine Rolle spielte das schon. Sie war aufgeregt wie ein Teenager.
   »Es ist endlich mal wieder an der Zeit für einen Auftritt in einer Livesendung«, hob Norman an.
   »Ich wusste es.« Charlotte stöhnte.
   »Ja, du hast gut reden. Zahnschmerzen haben die Leute immer, aber ich muss dafür sorgen, dass er nicht in der Versenkung verschwindet.«
   Als ob das je passieren würde. Lächerlich.
   Tally sah, dass Tyler bei Normans Äußerung absolut entspannt blieb.
   »Und da der liebe Tyler stets gern das Praktische mit dem Nützlichen verbindet, schlage ich Aspen, Colorado vor. Ich sehe es direkt vor mir: Vor malerischer Kulisse im Schnee, im Hintergrund die gigantischen Berge und unser Star mit offener Lederjacke und nichts weiter drunter, sodass die Fans den freien Blick auf sein Tattoo genießen können.«
   Der Rocksänger prustete leise. »Ich werde mir eine Lungenentzündung holen.«
   »Stimmt, er friert andauernd«, bestätigte Charlotte.
   »Früher warst du nicht so weichgespült und hast jeden meiner Vorschläge dankbar angenommen«, beschwerte sich Norman bei Tyler.
   »Ich war jung und brauchte das Geld«, konterte Tyler seelenruhig. Dann wandte er sich an seine Frau. »Statt in die Welt hinauszuposaunen, dass ich auf niedrige Temperaturen empfindlich reagiere, solltest du dich lieber daran erinnern, dass es mal eine Zeit gab, da fandest du es unerhört, dass ich halb nackt vor einer Kamera posierte.«
   Tally amüsierte sich prächtig.
   »Muss lange her sein«, stieß Charlotte Svenson erheitert aus. »Ich habe meine Meinung geändert.«
   Roisin und Tally prusteten und um ihren Schnitzer wiedergutzumachen, servierte Roisin rasch neuen Erdbeerpunsch für die Frauen.
   »Es freut mich, Sie so gut gelaunt anzutreffen.« Die schneidende Stimme kam aus dem hintersten Winkel des Raumes.
   Alle Köpfe fuhren in dieselbe Richtung. Der unbekannte Fremde, dessen Anwesenheit Tally eine Zeit lang total vergessen hatte, meldete sich zu Wort. Sprach aus der Stimme eventuell gekränkte Eitelkeit? Wollte er um Aufmerksamkeit buhlen, sollte er sich besser um eine andere Art und Weise seines Auftritts kümmern. Tally sah da noch jede Menge Luft nach oben.
   »Sie sind bereits da?« O’Brian klang überrascht.
   Der fremde Gast wandte sich an Roisin. »Könnte ich wohl noch ein Pint haben?«
   Alle außer Tally erhoben sich von den Barhockern und setzten sich an seinen Tisch, als wären sie mit dem ungehobelten Kerl verabredet, während Roisin flugs der Aufforderung nachkam.
   »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«
   Da das offensichtlich nicht der Fall war, konnte sie ihre Freundin wieder allein für sich haben. Tally hatte nicht übel Lust, dem Typ einen Gutschein für einen Benimmkurs in die arrogante Miene zu klatschen.

2. Kapitel

Louis hatte das fröhliche Geplänkel der Anwesenden nicht länger ertragen können. Allein, wie O’Brian mit seiner Begleiterin flirtete, fühlte sich an wie ein Schlag in den Magen. Nach dem heutigen Tag hatte er schlichtweg keine Lust mehr auf so etwas. Kurz entschlossen beendete er ihre illustre Runde und es störte ihn nicht die Bohne, dass er sich damit mal wieder zum Kotzbrocken krönte. Es passte zu seiner ohnehin schlechten Laune. Außerdem war er aus geschäftlichen Gründen in St. Elwine. Und es gab weiß Gott genug zu tun. Lasst uns anfangen, befahl er stumm.
   Norman McKee, O’Brians Manager, reichte ihm die Hand. Bevor Tyler ihn persönlich begrüßte, stellte er die Blondine als seine Frau vor. Louis ließ sich seine Überraschung nicht anmerken. Von der Existenz einer Mrs. O’Brian hatte er nichts gewusst. Als der Rocksänger damals in Seattle bei ihm aufgekreuzt war, um ihn nach der Absage umzustimmen und doch noch die Choreografie in seinem Rockmärchen zu übernehmen, war er allein gewesen. Und nirgends in den Berichten der Boulevardpresse, mit denen sich Louis daraufhin beschäftigt hatte, fand sich ein Hinweis, geschweige ein Foto einer Ehefrau. Schade eigentlich. Sie war bildhübsch, kein junges Ding, hielt sich zurück und … sie roch verdammt gut. Von dem Erdbeerpunsch konnte das wohl nicht kommen.
   Nimm dich zusammen, ermahnte er sich. Du hast einfach nur vergessen, wie gut Frauen riechen können. Die Tatsache erschütterte ihn. So weit war es also schon gekommen mit ihm. Louis reichte erst ihr und dann O’Brian die Hand.
   »Ich freue mich, dass Sie nun doch zu meinem Team gehören werden«, erklärte Tyler.
   Louis nicht besonders, aber sein Plan schloss das mit ein und so war die Choreografie zu übernehmen lediglich das kleinere Übel. Immerhin wurde er gut bezahlt, sehr gut sogar, und dieses Geld brauchte er. Dringend.
   »Da wir bereits genug Zeit verplempert haben, hielt ich es für klug, meinen Manager einen Vertrag aufsetzen zu lassen und ihn herzuzitieren. In Anbetracht der Tatsache, dass Sie sich erst heute Morgen mit mir in Verbindung gesetzt haben, blieb Norman leider nicht viel Zeit.« Tyler klang unverändert freundlich, machte aber seinen Standpunkt klar und konnte es sich offenbar nicht verkneifen, zu erwähnen, dass sich Louis so lange hatte bitten lassen. Okay, er schätzte Menschen, bei denen er von vornherein wusste, woran er war. Und er musste zugeben, dass Tyler zwar kein Geheimnis aus seinem starken Interesse an ihrer Zusammenarbeit gemacht hatte, er ihm in all den Monaten aber nie in den Arsch gekrochen war. O’Brian bettelte niemanden an. Ein stolzer Rocksänger also. Nun gut, damit konnte er leben. Er selbst hatte schließlich auch seinen Stolz. Ihre Zusammenarbeit würde sich wahrscheinlich schwierig gestalten, aber letztlich wussten sie, dass sie aufeinander angewiesen waren.
   Louis nickte. »Sie haben den Vertrag demnach dabei?«
   »Ganz recht«, antworte McKee. »Und einen Füllfederhalter dazu.«
   Ein Witzbold, sieh an. Etwas, was er heute Abend besonders gut gebrauchen konnte. »Was denn, ich darf mir die Vertragsklauseln nicht genau durchlesen, eine Nacht drüber schlafen oder sie meinem Agenten zwecks Prüfung vorlegen?« Louis verspürte plötzlich Lust, seine Grenzen auszutesten.
   O’Brian ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. Was McKee anging, spielte er für ihn lediglich eine untergeordnete Rolle. Louis würde mit dem Rocksänger, dem Komponisten des Stückes zusammenarbeiten. Sehr eng sogar und für einen ziemlich langen Zeitraum.
   »Darf ich eure Unterredung an dieser Stelle kurz unterbrechen?«, hob die Frau an. »Ich habe einen arbeitsreichen Tag hinter mir und würde mich gern ausklinken und den Feierabend genießen. Hier geht es ja ausschließlich um das Geschäftliche. Ich unterhalte mich viel lieber mit den beiden.« Sie wies auf die Wirtin und die Frau, der er gestern Abend in der Pension zum ersten Mal begegnet war.
   O’Brian nickte und warf ihr einen intensiven Blick zu. Falls Louis noch Zweifel hegte, hatte sich das spätestens jetzt erledigt. Nur ein Mann, der liebte, sah seine Frau so an. Diese Tatsache versetzte ihm einen Stich. Einen weiteren.
   Lächelnd erhob sie sich und ging zum Tresen, wo sie sich auf einen der Barhocker schob. Sie hatte einen hübschen Hintern. Louis räusperte sich. Am Tisch konnte man sie immer noch riechen. Was war nur heute los mit ihm? Es gelang ihm doch sonst so gut, sein Augenmerk auf das Wesentliche zu konzentrieren. Was hatten sie ihm ins Pint gemischt?
   Wo waren seine Gedanken stehen geblieben? Richtig, beim Vertrag. Lächerlich, er hatte seinem Agenten seit langer Zeit den Laufpass gegeben, seit klar war, dass … Jetzt nur nicht daran denken, sonst würde sein Magen wieder rebellieren.
   Louis zwang sich, seinen Blick zu heben. O’Brian musterte ihn unverwandt.
   »Natürlich sollten Sie eine Nacht drüber schlafen«, sagte er ruhig.
   Aber? Louis war sich sicher, dass da ein Aber mitschwang. Der Rocksänger war ungeduldig und er konnte es in gewisser Weise nachvollziehen. Tyler wusste ja nicht, dass er zum jetzigen Zeitpunkt unterschreiben würde. Es gab für ihn kein Zurück mehr.
   »Haben Sie denn einen Agenten, Mr. Bowlder?«
   Sieh an, der Rocksänger hatte sich seinerseits über ihn erkundigt. »Nein.« Er mochte nicht lügen. Das wäre keine gute Ausgangsbasis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Zumal er davon ausging, dass O’Brian bestens Bescheid wusste.
   »Machen Sie sich keine Sorgen«, erklärte Louis beiden Männern schließlich. »Sie erinnern sich, dass ich bereits vor Monaten die Musik angefordert habe?«
   Zur Bestätigung nickten sie.
   »Seitdem beschäftige ich mich mit dem Rockmärchen. Ich habe mir eine Choreografie einfallen lassen und mich um weitere Details gekümmert.«
   »Details?«, hakte O’Brian nach.
   »Ja, zum Beispiel, dass wir bei einer engen Zusammenarbeit nicht ständig hin und her pendeln müssen. Und ich will Ihnen da nichts vormachen, Mr. O’Brian, wir müssen beinah täglich zusammenarbeiten.«
   »Das ist mir durchaus bewusst.«
   »Sehr gut.« Louis überlegte, wie er weiter vorgehen sollte. Da der Rocksänger eine Frau hatte, mit der er hier lebte, war anzunehmen, dass zur Familie weitere Mitglieder gehörten. Obwohl er damals nichts davon geahnt hatte, traf es sich gut, wie er seinen Entschluss in die Tat umgesetzt hatte. Erst jetzt begriff er die gesamte Tragweite seiner Entscheidungen. Nicht zum ersten Mal überkam ihn das Gefühl, dass einfach alles passte. Er wusste genau, warum er dies alles tat. Und es hatte nichts mit dem Musical zu tun. Aber davon hatten weder O’Brian noch sein Manager eine Ahnung.
   »Haben Sie Kinder, Tyler? Ich darf Sie doch Tyler nennen?«
   »Ja.«
   Waren damit beide Fragen beantwortet? Der Rocksänger hielt sein Privatleben aus der Öffentlichkeit raus, das respektierte Louis. Er hielt es sogar für klug. O’Brian war demnach kein eingebildeter Narr. Auch das schätzte Louis, schon so mancher Star, der auf einem hohen Ross gesessen hatte, war tief gestürzt.
   »Dann trifft es sich umso besser, dass ich mich dazu entschlossen habe, hier in St. Elwine mit Ihnen zu arbeiten und nicht in New York, wie ich es sonst stets getan habe.«
   O’Brians Gesicht hellte sich auf. Ihm war anzusehen, wie sehr ihn diese Erklärung freute. Wahrscheinlich hatte er sich lange den Kopf darüber zerbrochen, weil er seine Familie über eine gewisse Distanz hin nicht sehen würde. Ihm war die Familie wichtiger als die Karriere. Genau wie Louis. Der Mann wurde ihm von Sekunde zu Sekunde sympathischer. Vielleicht würde diese Arbeit doch nicht so schlecht werden, wie er geglaubt hatte, würde sie nicht nur Mittel zum Zweck sein. Seltsam, wie sich die Dinge manchmal fügten.
   »Sie kennen sicher die Tanzschule im Ort?«, erkundigte er sich bei Tyler.
   Der nickte, während McKee seinem Schützling einen eindringlichen Blick zuwarf.
   »Ich habe sie für die kommenden Wintermonate gemietet, in der Hoffnung, dass Sie pünktlich meine Gage bezahlen.«
   »Setz dich gleich morgen mit der Produktionsfirma in Verbindung«, befahl Tyler seinem Manager.
   »Machst du jetzt auch meinen Job? Ich habe aufmerksam zugehört und werde veranlassen, dass Mr. Bowlder noch in dieser Woche einen Vorschuss bekommt. Sofern er seinen Vertrag unterzeichnet hat, natürlich.«
   »Entschuldige.«
   Sieh an, ein Rockstar, der sich entschuldigen konnte, das erlebte man nicht alle Tage. Jetzt war Louis absolut sicher, dass sie ein großartiges Musical auf die Bühne stellen würden.
   »Ich hoffe«, bemerkte McKee ungeniert, »dass Ihr Zögern nicht auf das Herausschlagen einer größeren Gage abzielt.«
   »Keineswegs.« Louis amüsierte die Geschäftstüchtigkeit des Mannes.
   »Gut. Denn ich habe Ihren Wünschen entsprochen und auch eine prozentuale Beteiligung an den Aufführungen in den Vertrag aufgenommen, Mr. Bowlder. Es ist zwar schon einige Zeit her, dass Sie unserem lieben Tyler Ihre Bedingungen erklärten, aber ich denke, ich habe alles berücksichtigt.«
   Wieder dieser dezente Hinweis darauf, dass sie bereits vor Monaten mit der Arbeit hätten beginnen können. Wenn …
   Nun gut, er hatte keine Lust, den beiden zu erklären, dass er damals noch nicht so weit gewesen war. Sie brauchten schließlich nicht alles über ihn zu wissen. Tyler würde es sicher verstehen, wüsste er Bescheid.
   »Morgen erhalten Sie den unterschriebenen Vertrag«, stellte Louis in Aussicht. Und mit ihm eine Liste der Stichpunkte, die sie unverzüglich angehen sollten: Casting, Festlegen der Proben – Louis hielt nicht viel von geteilten Probenzeiten, höchstens in der Endphase und auch da nur in Ausnahmefällen –, Bestimmung des Premierentermins, er brauchte einen Assistenten, welche Bilder sollten auf der Bühne tänzerisch nacherzählt werden, mitunter mussten danach einige Veränderungen an den Kompositionen vorgenommen werden, wer tanzt die Soli, wer kümmerte sich um die Workouts, wie sahen die Bühnenbilder und Kostüme aus, welche Lichtstimmungen sollen erzeugt werden … Hoffentlich fiel O’Brian nicht in Ohnmacht. Letztendlich waren das alles aber Louis’ Aufgaben. Es gab viel zu tun. Obwohl er sich in den letzten Monaten eher niedergeschlagen und antriebslos gefühlt hatte und ihm bewusst war, welche Schinderei vor ihm lag, spürte er seinen Körper zu neuem Leben erwachen. Er nahm es als gutes Zeichen.
   »Dann sind wir uns ja einig. Ich werde bei Tyler übernachten. Wo wollen wir uns morgen treffen?«, fragte McKee.
   »Ich schlage vor, in der Tanzschule«, antwortete Louis. »Zehn Uhr?«
   Die Männer waren einverstanden. Er verabschiedete sich, bezahlte sein Bier, zog sich den Mantel über und verließ den Pub. Das Gespräch hatte ihn aufgewühlt. Louis war froh, dass er nicht mit dem Wagen hergekommen war. Der Fußmarsch zur Pension kam ihm gerade recht, auch wenn es lausig kalt war. Was vor allem am einsetzenden Ostwind lag. Die Bilanz des Tages war besser, als er erwartet hatte. Seine Arbeit würde hart werden, ihn aber auch von den ständigen Grübeleien ablenken. Gerade passierte er die Tanzschule in der Mainstreet, deren Fenster unbeleuchtet waren. Belle, die Besitzerin, hatte ihm erklärt, dass sie ihr Hauptgeschäft in der Touristensaison hatte. Dennoch gab sie dreimal die Woche im Winter Kurse: für Erwachsene, für Senioren und für Jugendliche, die sich für den Highschool-Abschlussball rüsten wollten. Bei dem Zusatzeinkommen, das er ihr in Aussicht gestellt hatte, hatte sie große Augen gemacht. Belle musste fast siebzig sein und sie war, wie Fotos an den Wänden bezeugten, eine Koryphäe in der Welt des Tanzes. Erst, als sie ihm ihren vollständigen Künstlernamen genannt hatte, Belle Maréchal, war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Sie nahm es ihm nicht krumm, dass er sie nicht sofort erkannt hatte, erkundigte sich stattdessen nach einem Job. Er hatte sie garantiert verdattert angesehen.
   »Nun gucken Sie doch nicht so. Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass ein Projekt von solcher Bedeutung in meiner Tanzschule vorbereitet wird. Ich möchte es noch einmal wissen. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ein Choreograf zu meiner Zeit mindestens einen Assistenten. Auch Sie können unmöglich die ganze Arbeit allein bewältigen. Das ist Ihnen doch hoffentlich klar?«
   Als wenn dies die erste Musicalproduktion war, die er choreografierte. Aber die resolute Frau ließ sich keineswegs beirren und er konnte tatsächlich jede Hilfe gebrauchen, die sich ihm anbot. Danach betrachteten sie ihre Zusammenarbeit als abgemacht.
   Louis fror und schlug nicht nur den Mantelkragen hoch, er hielt ihn auch für den Rest des Weges fest. Wenn das Wetter so blieb, wäre er gezwungen, eine Mütze zu tragen. Er hasste Mützen.
   Endlich entdeckte er nach dem Einbiegen in die Seitenstraße die beleuchtete Veranda mit dem Schild: Mason Cottage, Bed & Breakfast, seit 1871. Netter, alter Kasten, dieses Haus. Es erinnerte ihn ein bisschen an das Motel in Psycho von Alfred Hitchcock, zumindest von außen. Das lag an den unterschiedlichen Erkern, der Mansarde und dem Turm, die möglicherweise alle erst im Nachhinein zu verschiedenen Zeiten angebaut worden waren. Bisher hatte er bei all seinen Aufenthalten in St. Elwine hier logiert. Und da er sich nicht davor fürchtete, dass ein irregeleitetes Wesen ihn als altes Mütterlein verkleidet mit einem Messer in der Dusche überfiel, sah er keinen Grund, das zu ändern. Oder war es günstiger, ein kleines Haus oder eine Wohnung zu mieten? Möbliert, versteht sich, alles andere brauchte er nicht in Betracht zu ziehen. Er könnte sich mit einer Immobilienfirma in Verbindung setzen und sich diesbezüglich beraten lassen. Bisher hatte er versäumt, sich das einmal durchrechnen zu lassen. Schaden konnte es keinesfalls. Wenn er das vorgesetzte Frühstück hier auch als sehr angenehm empfand, so bekäme er ein solches auch anderswo oder konnte es notfalls selbst zubereiten. Seit Maggy ihn verlassen hatte, hatte er jede Mahlzeit zubereiten müssen. Der Mensch war lernfähig. Louis seufzte.
   Er betrat in Gedanken versunken die Stufen zur Veranda, als er plötzlich jemanden keuchen hörte. Als Louis aufsah, entdeckte er die junge Frau, die gestern Abend mit ihrem kleinen Kind an der Hand hier aufgekreuzt war. Momentan wirkte sie wie erstarrt und blickte ihn aus angstgeweiteten Augen an.
   »Habe ich Sie erschreckt?«
   Sie nickte zögernd, hob den Kopf und starrte in den Sternenhimmel. Die Regenwolken hatten sich verzogen, nach dem Kälteeinbruch war der Himmel klar und lockte mit dem Glitzern seiner um Lichtjahre entfernten Körper.
   »Können Sie auch nicht schlafen?«, fragte sie plötzlich, trat dann aber einen Schritt zurück, als hätte sie zu viel von sich preisgegeben. Bereits gestern war ihm aufgefallen, wie verzagt und ängstlich sie wirkte. Verhuscht, hätte Maggy sie bezeichnet, obwohl es ein solches Wort natürlich nicht gab. Sie hatte andauernd neue Wortschöpfungen kreiert und damit meistens ins Schwarze getroffen.
   Seine Maggy, was sie jetzt wohl tat? Im Bett liegen vermutlich. Allein, so hoffte er jedenfalls. Genau, wie er seitdem allein war.
   »Ich hatte noch zu tun«, antwortete er. Eigentlich ging das niemanden etwas an, aber bei der jungen Mutter konnte er getrost eine Ausnahme machen.
   »Sie arbeiten in dieser Stadt?«, wollte sie wissen.
   Interessierte sie das wirklich oder versuchte sie nur, mit lockerer Konversation ihre Einsamkeit totzuschlagen? »Ja.«
   »Dann war das ein langer Tag für Sie. Seit dem Frühstück waren Sie außer Haus.«
   Beobachtete sie alles, was im Mason Cottage vor sich ging? Musste er doch aufpassen, wenn er sich heute Abend unter den Duschstrahl stellte? »Aha, Sie demnach nicht«, sagte Louis.
   »Entschuldigen Sie bitte. Ich langweile mich und das kann ich überhaupt nicht ausstehen. Daher …« Sie sprach den Satz nicht zu Ende, zuckte stattdessen mit den Schultern.
   »Wollten Sie das Zimmer nicht nur für eine Nacht?«, fiel ihm wieder ein. Etwas war schiefgelaufen, wenn sie immer noch hier war.
   »Stimmt. Ich musste umdisponieren.«
   »Dann haben Sie Ihre Durchreise verlängert?«
   »Meine Durchreise?«
   »Ich dachte, Sie haben Ihre Freundin besucht, die mit dem Wasserrohrbruch.«
   »Ach so, ja. Sie meinen Tally. Durchreise trifft es nicht ganz. Ich suche einen Job.«
   »Viel Erfolg.«
   »Den hatte ich bereits. Übermorgen fange ich an und morgen ziehen wir um.«
   »Das ging ja schnell.«
   »Dank Tally.«
   »Schön, solche Freunde zu haben«, sagte Louis.
   Sie nickte. »Sind Sie allein hier?«
   »Ja.«
   Plötzlich schien sie es eilig zu haben und wünschte ihm eine gute Nacht.
   Er hatte die Wahl: gleich erstochen zu werden oder hier draußen zu erfrieren und so betrat er ebenfalls das Haus.

*

»Guten Morgen, Masha.«
   Tally war pünktlich, das musste man der Frau lassen. Und tüchtig. Innerhalb eines Tages hatte sie ihnen eine Unterkunft, einen Job und einen Kindergartenplatz für Joy besorgt. Letzteres bereitete Masha Kopfzerbrechen. Sie hatte ihre Tochter noch nie in der Obhut anderer gelassen. Es war nicht notwendig gewesen. Immerhin hatte sie ihren Job des Kindes wegen aufgegeben. Es passte, weil ihr Mann ohnehin darauf bestand, dass sie sich nicht mehr auf dem Laufsteg präsentierte. Dabei war das alles, was sie konnte und gelernt hatte. Bereits von frühester Kindheit an hatten Masha und ihre Eltern alles darangesetzt, dass sie Karriere als Model machte. Sie hatte erfolgreich an diversen Misswahlen teilgenommen, war ein Jahr lang das Gesicht einer Frühstücksflockenwerbung gewesen, mit siebzehn folgte ein Vertrag für eine Modezeitschrift, die ihre Eintrittskarte zu Victoria’s Secret werden sollte, wo sie schließlich auf ihre Kollegin Diamond traf. Die kurz darauf zusammenbrach und verschwand. Eigentlich eine Chance für Masha, ihre Stelle einzunehmen und den eigenen Stern aufsteigen zu lassen. Doch bevor es dazu kam, lernte sie Paul Hamilton kennen und verliebte sich unsterblich in ihn. Alles andere war nicht mehr wichtig.
   »Guten Morgen«, antwortete sie.
   Tally setzte sich zu ihnen in den Frühstücksraum. Der einzige männliche Gast ließ sich noch nicht blicken.
   Tally schnappte sich die Tasse vom Nachbartisch und goss sich Kaffee ein. »Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.«
   Sie schlief seit Monaten nicht gut, aber es hatte keinen Zweck, das irgendjemandem zu sagen. In der Regel gingen die Menschen darüber hinweg, sie erwarteten überhaupt keine Antwort.
   »Sind Sie aufgeregt?«
   »Ein bisschen schon«, gab Masha zu.
   »Das müssen Sie nicht. Wie ich Ihnen gestern bereits am Telefon sagte, Roisin, meine Freundin, ist sehr nett. Sie freut sich darauf, Sie kennenzulernen. Und bevor die Gästezimmer über dem Pub den gesamten Winter über leer stehen, können Sie und Joy dort wohnen. Nur eine Küche hat Ihr Zimmer nicht. Aber Roisin hat nichts dagegen, dass Sie ihre mitbenutzen. Sie steht ja doch die meiste Zeit hinter dem Tresen und frühstückt in der Regel später, sodass Sie bereits aus dem Haus sind und im Quiltladen meiner Mom aushelfen. Wenn wir Glück haben, gibt Ihr Mann die Suche nach Ihnen beiden auf und Sie könnten sich hier ein neues Leben aufbauen.«
   Tally hatte gut reden. »Sie vergessen, dass ich nicht an meine Ersparnisse herankomme. Paul hat sämtliche Kreditkarten an sich genommen und sperren lassen. Ich bin mittellos ohne ihn.«
   »Das ist genau das, was er will. Dass Sie deswegen aufgeben. Sie verdienen sich ab jetzt Ihren Lebensunterhalt selbst.«
   Bei Tally hörte sich das an, als wäre alles nur ein Fingerschnipsen und schon konnte man sich eine eigene Wohnung und Möbel leisten. »Als Aushilfe in einem Job, von dem ich nichts verstehe.«
   »Masha, Sie sind niedergeschlagen. Sie fürchten sich vor allem, nachdem Sie so viel durchgemacht haben. Das kann ich gut verstehen, glauben Sie mir. Aber Sie haben sich zur Wehr gesetzt, sind geflohen aus diesem Albtraum körperlicher und psychischer Gewalt. Bis hierher sind Sie bereits gekommen, das ist ein großer Schritt gewesen. Geben Sie nicht auf. Meine Organisation hilft Ihnen dabei. Wir unterstützen Sie aus Spendengeldern. Und ich bin hier an Ihrer Seite, so lange es notwendig ist. Verlieren Sie nicht den Mut, Masha.«
   Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Hastig wischte sie darüber. Wenn Joy bemerkte, dass sie weinte, würde sie sich wieder fürchten. Und das war das Letzte, was Masha wollte.
   »Damit wir den Leuten eine glaubwürdige Geschichte auftischen können, sollten wir dabei bleiben, dass wir Freundinnen sind. Am besten wir gehen zum Du über.«
   »Okay. Und wie und wo haben wir uns kennengelernt?«
   Tally lächelte und berührte kurz ihre Hand – Ermunterung und Trost zugleich. »Zufällig, in einem Seminar.«
   »Ha, ich habe nie eines besucht.«
   »April Hamilton nicht, Masha Byrne schon. Die Rolle der Frau in der Welt des schönen Scheins.«
   Jetzt musste sie doch lächeln.
   »Guten Morgen.« Der Hauptgast des Hauses betrat den Frühstücksraum und setzte sich an seinen Tisch.
   Sie grüßten zurück, wobei Tally nicht sonderlich erfreut schien, ihn wiederzusehen. Er starrte auf sein Gedeck und hob verärgert den Kopf. Bevor er Ellen Mason dafür verantwortlich machen konnte, stellte ihre neue Freundin die Angelegenheit klar.
   »Bitte entschuldigen Sie vielmals. Ich wollte Masha abholen, aber bevor wir uns gemeinsam an unser Tagwerk machen …«
   »Dachten Sie sich, Sie trinken noch gemeinsam einen Kaffee«, beendete er wie bereits zwei Abende zuvor ihren Satz.
   Offensichtlich verwirrte Tally seine Art und daher nickte sie nur.
   »Im Grunde ist dagegen ja auch nichts einzuwenden, wenn man sich eine eigene Tasse besorgt«, schnarrte er.
   »Das habe ich doch«, säuselte Tally beinah liebenswert.
   Es gibt nur wenige Menschen, die eine einzelne Augenbraue heben können, er gehörte zu ihnen. Masha vernahm ein merkwürdiges, unterschwelliges Geräusch. Es hörte sich an wie … Knirschte der Mann etwa mit den Zähnen? Am Tage?
   Masha hatte sich während eines Fotoshootings auf Hawaii das Zimmer mit einer Kollegin geteilt, die in der Nacht, während sie schlief, mit den Zähnen geknirscht hatte. Schauderhaft.
   Später hatte sie darüber gelesen, dass manche Menschen, die unter besonderer Anspannung standen, dazu neigten. Abhilfe konnten Kunststoffschienen schaffen, die nachts, in besonderen Fällen auch tagsüber getragen werden mussten.
   »Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass es sich hierbei um meine Tasse handelt?« Der Mann hatte sich offenbar wieder gefangen.
   »Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss sehen, was übrig bleibt, hat meine Granny immer gesagt«, trällerte Tally gut gelaunt.
   War sie wirklich so fröhlich drauf oder wollte sie dem Mann einfach nur Paroli bieten? Masha tendierte zu Letzterem.
   »Jetzt ziehen Sie nicht so ein Gesicht. Selbstverständlich hole ich Ihnen eine neue Tasse«, gab Tally nach.
   »Nicht nötig«, zischte er.
   Die Streithähne schoben gleichzeitig ihre Stühle zurück und knallten mit den Rückenlehnen aneinander. Der Mann war schneller und stolzierte wie ein Gockel mit langen Schritten davon. Außer bei ihren männlichen Modelkollegen hatte Masha nie gesehen, dass ein Mann seinen Rücken so gerade aufgerichtet hielt. Hatte Paul einen vermeintlichen Ex-Kollegen auf sie angesetzt? Himmel, wie mochte es nur weitergehen, wenn sie immer und überall das Gefühl beherrschte, verfolgt zu werden?
   »Der schreitet, als hätte er einen Stock in seinen A… Allerwertesten geschoben«, flüsterte Tally mit Blick auf Joy.
   Masha stieß ein Prusten aus.
   »Mir ist der Appetit auf Kaffee gründlich vergangen. Lass uns gehen, bevor Mr. Bohnenstange zurückkommt«, bat Tally.
   Masha hob ihre Tochter aus dem Kinderstühlchen und ging voran in ihr Zimmer in den ersten Stock. Die wenigen Sachen, die sie bei sich hatten, hatte sie bereits gestern Abend zusammengepackt, als sich die Stunden endlos gedehnt hatten.
   Das erste Zimmer von der Treppe aus stand offen und gewährte ihnen einen Blick auf ein großzügiges Doppelbett, das mit wunderschöner Rosenwäsche bezogen war. Ellen kam gerade mit benutzten Handtüchern heraus.
   »Ist das sein Zimmer?«, raunte Tally ihr zu.
   Masha nickte.
   »Guten Morgen«, grüßte Ellen.
   Sie grüßten zurück.
   »Wenn Sie auschecken möchten, ich habe alles vorbereitet«, erklärte Ellen.
   »Vielen Dank. Wir holen nur noch meine Sachen.«
   »Lassen Sie sich Zeit.«
   Sie schloss ihr Zimmer auf und setzte Joy ab.
   »Mich würde interessieren, was der Mann in St. Elwine vorhat.«
   »Er arbeitet hier«, erklärte Masha.
   »Woher weißt du das?«
   »Er hat es mir erzählt. Gestern Abend. Da war er eigentlich ganz nett.«
   »Offensichtlich richtet sich seine Abneigung nur gegen mich. Scheint was Persönliches zu sein.« Tally klang amüsiert.
   »Es wirkt ein bisschen seltsam, dass ein Mann in einem so feminin eingerichteten Zimmer übernachtet.«
   »Vielleicht ist seine Frau bereits shoppen.«
   Masha widersprach. »Er ist allein hier.«
   »Na, ihr hattet offenbar ein hübsches Plauderstündchen.«
   »Unsinn. Lediglich ein paar Minuten. Es ist ja immerhin möglich, dass er ursprünglich mit seiner Frau hatte herkommen wollen und dann ist etwas dazwischengekommen.«
   »Oder es lag einfach daran, dass nur ein einziges Zimmer frei war«, sagte Tally.
   Nachdem sie Joy nochmals auf die Toilette gesetzt und wieder angezogen hatte, verließen sie Masons Pension.
   Zum Pub, ihrem neuen Zuhause, war es nicht weit. Tally machte sie miteinander bekannt. Roisin war herzlich und zeigte ihr alles geduldig. Ihre Zimmer, durch eine Tür miteinander verbunden, die Küche im Erdgeschoss, wo Roisin wohnte und den Gastraum, auf den sie besonders stolz zu sein schien. Möglicherweise ließe sich hier noch zusätzlich etwas verdienen, überlegte Masha. An den Wochenenden vielleicht? Doch wer sollte sich dann um Joy kümmern? Wäre die Belastung, sie unter der Woche in einem Kindergarten unterzubringen, nicht bereits zu groß für ihre dreijährige Tochter? Fragen über Fragen, ihr schwirrte bereits der Kopf davon.
   »Der Kindergarten ist eigentlich ein Betriebskindergarten, ausschließlich für Mitarbeiter von Tanner & Cumberland Construction«, erklärte ihr Tally, als sie auf dem Weg dorthin waren. Masha war ein bisschen mulmig, weil alles so schnell ging.
   »Aber mach dir keine Sorgen. Die Quilterinnen in St. Elwine halten zusammen und helfen einander. Ich brauchte nur meiner Mom von deinem Problem zu erzählen, die daraufhin Liz anrief, die mit ihrem Mann sprach, dem rein zufällig Tanner Construction gehört.«
   Bei der Fülle von Informationen nickte Masha nur. Wichtig war einzig, dass sie einen Schritt nach dem anderen machte. Wie die Verwandtschaftsverhältnisse hier waren, würde sie schon noch durchschauen.
   Sie wusste zwar, was ein Quilt war, aber da ihre Mutter nie ein Händchen für irgendeine Handarbeit gehabt hatte, weil sie alle Energie in das Vorantreiben der Modelkarriere ihrer Tochter gesteckt hatte, war Masha nie in einem Quiltladen gewesen. Keine vielversprechende Aussicht auf ihren neuen Job. Sie hatte nicht die geringste Ahnung von der Materie. Joy wippte fröhlich auf ihrem Schoß herum. Um ihretwillen versuchte sie, keine Angst zu haben, aber es fiel ihr verdammt schwer.
   Der Kindergarten befand sich direkt in der City auf dem Gelände von Tanner & Cumberland Construction. Das eigentliche Firmengebäude war ein beeindruckendes mehrstöckiges Haus. Das größte in der Gegend. Der Kindergarten aber war in einem separaten Flachbau untergebracht. Schon von Weitem wirkte er fröhlich, bunt und einladend. »Möchtest du mit den anderen Kindern spielen?«, fragte sie ihre Tochter, auch um von ihrer eigenen Beklemmung abzulenken.
   Sie hatte keine Wahl, Tally hatte für heute ausgemacht, dass sie Joy zur Eingewöhnung ein paar Stunden dort lassen sollte. Bereits morgen begann sie mit ihrem Job. Je eher sie eigenes Geld verdiente, desto besser.
   Die Kindergärtnerin kam ihnen entgegen und stellte sich vor. Sie begrüßte auch Joy persönlich. Die Kleine vergewisserte sich erst mit einem Blick in ihr Gesicht. Als Masha lächelte, schien es für ihr Kind in Ordnung zu sein. Sie fragte sich, ob die Vorsicht ihrer Tochter angeboren war oder sich erst im Laufe der letzten Monate eingestellt hatte.
   »Ich hole sie so schnell wie möglich wieder ab«, versicherte Masha.
   »Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?«, sagte die Kindergärtnerin.
   Masha nickte beklommen.
   »Momentan steht Spielen auf dem Plan, dann essen wir gemeinsam mit den Kindern. Danach halten sie ihr Mittagsschläfchen. Holen Sie Joy erst dann ab. Das ist für unseren Tagesablauf besser und Ihre Tochter hat auch mehr davon.«
   O Gott, das war eine viel zu lange Zeit, stellte Masha erschrocken fest.
   »Falls es Ihrem Kind nicht gut gehen sollte, rufe ich Sie selbstverständlich vorher an.«
   Masha nickte, da der Kloß in ihrem Hals sie unmöglich ein Wort hervorbringen ließ.
   »Das Problem in der Eingewöhnung sind nicht die Kinder.« Die Kindergärtnerin lächelte milde. »Sondern die Mütter.«
   In Mashas Augen stiegen Tränen. Sie hatte nur noch einen verschleierten Blick auf die hübschen Räume.
   »Wir sollten jetzt besser gehen«, schlug Tally vor.
   Es fühlte sich an, als wollte ihr jemand bei lebendigem Leib das Herz herausreißen. Hastig bückte sie sich, drückte Joy fest an sich und war dabei versucht, mit ihr zu fliehen. Masha spürte eine Hand auf ihrer Schulter. Sie besann sich. Die feste Berührung ging in ein kurzes Streicheln über. Es musste sein, sie wusste es ja. Rasch stand sie auf, drehte sich um und verließ das Haus. So sehr sie sich auch anstrengte, sie hörte Joy nicht weinen. Vielleicht waren ihre kindliche Neugier und vor allem die Unkenntnis größer als alles andere.
   Als Tally zu ihr kam, stand sie bereits am Wagen und schnäuzte sich die Nase. »Alles in Ordnung?«
   Nein, verdammt. Nichts war hier in Ordnung. »Es geht schon.«
   »Ich konnte sehen, wie sich Joy an einen kleinen Tisch setzte und aus bunten Bausteinen einen Turm baute. Sie hatte Spaß.«
   Masha wirbelte herum. »Woher willst du das wissen? Hast du Kinder?« Sie konnte und wollte sich nicht länger zusammennehmen.
   »Nein.«
   »Warum wissen all die kinderlosen Frauen immer so viel besser Bescheid als unsereins?«
   »Entschuldigung. Ich weiß, wie schwer du es momentan hast. Ich bin hier, um dir zu helfen, schon vergessen? Es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, was ich leisten kann. Der Hauptanteil liegt bei dir und diese Verantwortung für dich und dein Kind kann ich dir nicht abnehmen. Das ist mir bewusst.«
   Die beruhigenden Worte legten sich wie ein Pflaster auf ihre Seele.
   »Es wird besser werden«, sagte Tally leise und nahm sie in die Arme.
   »Wann?«
   »Das weiß ich leider nicht. Bald.«
   »Ist mir zu vage.«
   Tally verzog bedauernd das Gesicht.
   »Tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe«, lenkte Masha ein.
   »Das macht nichts. Wir haben alle mal einen schlechten Tag.«
   »Ph. Ich habe nur schlechte Tage, seit …«
   »Es muss besser werden, daran sollten wir glauben.«
   »Kennst du das Sprichwort: Schlimmer geht immer? Das kann ich unterschreiben.«
   »Für eine gewisse Zeit lang lasse ich das gelten. Ich habe übrigens drei Nichten, eine Tatsache, die mich doch wenigstens ein bisschen prädestiniert, oder?« Tally lächelte sie an.
   »Ein klitzekleines bisschen, ja.« Sie lächelte zurück.
   Tally erklärte ihr den Weg vom Kindergarten zu ihrer neuen Arbeitsstelle und zum Pub. Alles lag so nah beieinander, dass man es bequem zu Fuß schaffen konnte. Sie müsste sich daher nicht dringend um ein Auto bemühen. Nur gut, immerhin war ihr Einkommen Lichtjahre von einem guten Gebrauchtwagen entfernt. Wenn sie nur ihre Eltern erreichen könnte. Doch die würde Paul lückenlos überwachen. Vielleicht hatte Tally eine Idee, wenn sie sich erst besser kennengelernt hatten. Das würde in den kommenden Wochen ganz von allein geschehen.
   Kaum hatte sie sich angeschnallt, parkten sie auch bereits vor dem Quiltladen. Das Haus sah ähnlich aus wie das Mason Cottage von vorn. Die großzügige Veranda war passend zum bevorstehenden Advent geschmückt. Ob Nora, die Besitzerin des Quiltladens, wie ihr das große Schild auf dem Verandadach verriet, im Sommer hier draußen saß und ihre Kundinnen begrüßte?
   »Warum der Quiltladen?« Masha hatte ihren Gedanken laut ausgesprochen.
   »Wie meinst du das?«
   »Ich kenne mich damit überhaupt nicht aus und …« Bevor erneut Tränen in ihre Kehle stiegen, brach sie den Satz ab.
   Tally schnallte sich ab und wandte sich zu ihr um. Masha war froh, dass sie noch keine Anstalten machte, auszusteigen.
   »In welchen Berufen hast du bisher gearbeitet?«, wollte Tally plötzlich wissen.
   »Ich war Model bei Victoria’s Secret – allerdings nur kurz.«
   »Jetzt bin ich baff. Ich liebe die Unterwäsche. Du nimmst mich auch nicht auf den Arm?«
   »Keineswegs. Schlag das nach, April Star – mein Künstlername.«
   »Das erklärt natürlich alles.«
   »Das erklärt was?«
   »Deine Größe, deine anmutigen Bewegungen, dein schwebender Gang, deine auffallende Schönheit.«
   »Danke sehr.«
   »Und genau das könnte uns zum Verhängnis werden«, sagte Tally.
   Masha erschrak. »Ich denke, es wird besser.«
   »Ja … nein … äh, das meinte ich nicht.«
   »Sondern?«
   »Falls – und jetzt fahr nicht gleich wieder zusammen, es ist nur rein hypothetisch – falls dein Mann dich je ausfindig macht, wirst du ihm bereits allein aufgrund deines Gangs ins Auge fallen.«
   »Ich fürchte, der ist mir bereits in Fleisch und Blut übergegangen.«
   »Du sagtest, du warst nur kurz bei Victoria’s Secret.«
   »Ja, aber ich habe bereits in den Jahren davor gemodelt.«
   »Und auf einen schlampigen Gang umzustellen, klingt für dich sicher nicht sehr verlockend.«
   »Nein«, sagte Masha.
   »Ich kenne Models nur mit langem Haar.«
   »Das habe ich mir vor Wochen abschneiden lassen.«
   »Wenigstens etwas. Geh nachher zum Friseur, in Bonny Sues Schönheitssalon. Sie sollen irgendetwas mit deinem Haar anstellen.«
   »Irgendetwas?«, hakte Masha nach.
   »Pony, Mittelscheitel, Seitenscheitel, Strähnchen, was weiß ich. Hauptsache, es führt zu einer merklichen Veränderung.«
   Masha verstand. »Aber das kostet Geld.«
   »Meine Organisation kommt dafür auf.«
   »Wird das jetzt zur Gewohnheit?«
   »Ich hoffe nicht.« Tally grinste.
   Mashas Verunsicherung ließ ein bisschen nach.
   »Es gibt mehrere Gründe für die Auswahl des Quiltladens«, kam Tally auf das ursprüngliche Thema zurück. »Jetzt, wo ich weiß, dass du nur gemodelt hast, steht fest, dass es unerheblich ist, wo ich dich unterbringe. Eine Modelagentur haben wir in St. Elwine nicht. Das weiß ich genau. Außerdem wäre das viel zu auffällig. Der Quiltladen gehört meiner Mom. Damit ist sichergestellt, dass entweder ich oder sie dich im Auge behalten kann, für den Fall, dass …«
   Dass Paul Hamilton oder seine Handlanger hier aufkreuzten. Masha nickte.
   »Die Frauen der örtlichen Quiltgruppe sind sehr nett und helfen einander, erinnere dich an den Kindergartenplatz. Sie sind Stammkunden im Laden und der Kontakt mit ihnen wird dir guttun. Vor allem deiner Seele. Das ist es, was du jetzt brauchst. Ein Erfolgserlebnis, damit du wieder weißt, dass du zu etwas taugst. Denn Mr. Hamilton hat versucht, dir etwas anderes einzuprügeln.«

*

Das verräterische Glitzern in Mashas Augen bestätigte ihre Worte.
   »Solltest du mit meiner Mutter, ihren Kunden oder der Arbeit als solche überhaupt nicht klarkommen – was ich nicht glaube – dann werde ich etwas anderes für dich finden. Du musst einfach nur mit mir reden. Schluck deine Probleme und Ängste nicht runter. Das hast du die längste Zeit getan. Ich bin außerdem dafür, dass du mit einem Psychologen sprichst. Du musst das Thema Paul Hamilton verarbeiten.«
   »Und dabei soll mir ein Psychologe helfen?«, fragte Masha kleinlaut.
   Tally nickte.
   »Ich glaube nicht, dass ich darüber reden will.«
   »Überlege es dir in Ruhe. Du musst nicht alles auf einmal machen.«
   Jetzt sah sie wieder so furchtbar mutlos aus, dass es Tally ins Herz schnitt. Es war schwer, die Schicksale der Frauen auf Distanz zu halten. Sie musste sich selbst schützen, sonst konnte sie ihren Job nicht weitermachen. Da hatte ihre Mom schon recht. Und es fiel ihr zunehmend schwerer. Sie brauchte dringend eine andere Beschäftigung. Irgendetwas, was sie eine Zeit lang tun konnte, ohne bei ihrer Organisation auszusteigen, und sie dennoch dazu brachte, alles aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. War jedes Leben so kompliziert? »Lass uns reingehen.«
   Masha folgte ihrer Aufforderung. Der nostalgische Gong, der ertönte, sobald man die Ladentür öffnete, schien ihr zu gefallen. Ihr Mund verzog sich zu einem vorsichtigen Lächeln. So, wie alles an der jungen Frau vorsichtig, beinah zerbrechlich wirkte. Dabei überragte sie Tally mindestens um einen halben Kopf.
   Ihre Mom machte es Masha leicht. Tally hatte nichts anderes erwartet. Sie zeigte ihr die Räumlichkeiten. Das Lager, den Kursraum und den eigentlichen Laden. Mit Rücksicht auf Joy legten sie zusammen die Arbeitszeiten fest. Dann tauschten sie Telefonnummern aus.
   Mom schlug vor, Masha könne nun gehen oder bereits zur Probe ein, zwei Stunden arbeiten. Tally war gespannt auf deren Reaktion. Zu ihrer großen Freude entschied sich die junge Frau zu Letzterem. Fein gemacht. Sie empfand so etwas wie mütterlichen Stolz.
   »Dann beginnen wir unsere Zusammenarbeit doch am besten mit einer Tasse Tee, Liebes. Und nenn mich Nora.«
   Momentan wurde sie hier nicht gebraucht. »Ich lass euch dann mal allein«, rief Tally in den Laden und stieg die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf. Sie fuhr den Laptop hoch, um ihrer Chefin Bericht zu erstatten und Mails zu checken.

Eine Stunde später machte sie sich zu Fuß auf in die Stadt. Das Wetter lud zwar nicht zum Bummeln ein, aber sie hatte noch einige Erledigungen zu machen. Das Schöne an diesem Ort war, dass Tally hier stets das Gefühl hatte, nicht unter Zeitdruck zu stehen. Endlich konnte sie auch mal wieder in den Bookstore. Auch im Buchladen hieß sie ein Türgong willkommen. Die Betreiberin war gerade in ein Gespräch mit Flo vertieft. Flo war eine der Quilterinnen, sie stammte aus Deutschland und hatte es geschafft, einen der begehrtesten Junggesellen von St. Elwine zu ergattern – Marc Cumberland.
   Während sich Tally langsam von Buchregal zu Buchregal schob, um sich einen aktuellen Überblick zu verschaffen, bekam sie mit, dass Flo über ihr neues Kinderbuch sprach und anfragte, ob die Buchhändlerin Interesse an einer Aktion hätte. Das war das Schöne an Monica, sie war offen für alles. Obwohl den kleinen Buchläden seit ein paar Jahren ein eiskalter Wind durch den Onlinebuchhandel um die Ohren wehte, ließ Monica den Mut nicht sinken. So war sie natürlich damit einverstanden, Flos Bücher hier ins Regal zu stellen und auch eine Signierstunde zu organisieren. Sie besprachen die Details, aber Tally hörte nicht mehr zu. Sie hatte ein Buch mit einem besonders schönen Cover auf dem Neuheitentisch entdeckt und setzte sich auf das kleine gemütliche Sofa, um darin zu blättern. Bevor sie vollends in die Geschichte versank, zog sie sich den Mantel aus. Der Laden war gut geheizt.
   Monica servierte ihr einen Tee.
   »Keine Bange, ich kaufe das Buch«, fühlte sich Tally bemüßigt zu sagen.
   »Daran hege ich keinen Zweifel. Ich hätte es dir ohnehin empfohlen. Schön, dass du wieder vorbeikommst.«
   »Du weißt hoffentlich, wie sehr ich deinen kleinen Laden liebe.«
   Monica strahlte.
   »Wie geht es Flo?«, erkundigte sich Tally.
   »Gut. Ihre Kinder- und Sachbücher laufen recht erfolgreich. Sie selbst ist wohl am meisten erstaunt darüber. Ich gönne es ihr von Herzen. Und ihre Zwillinge halten sie außerdem auf Trab.«
   »Kann ich mir vorstellen.«
   »Wie lange bleibst du dieses Mal?«, wollte Monica wissen.
   »Kann ich noch nicht sagen. Warum?«
   »Ich habe ein Problem«, gab Monica zu.
   »Raus mit der Sprache!«
   »Meine Angestellte hat gekündigt, sie heiratet und zieht weg. Alles so holterdiepolter. Aber das müssen die jungen Leute selbst wissen. Wo die Liebe hinfällt. Wie steht es da eigentlich bei dir?«
   Tally winkte ab. »Gibt es heutzutage noch richtige Männer?«
   »Im Roman.« Monica lachte.
   »Vielleicht lese ich deswegen so gern. Und die meisten Bücher sind ja auch von Frauen geschrieben. Jede Wette, sie schreiben sich die Typen so, wie sie sie haben wollen.«
   »Da könnte etwas dran sein. Das Blöde ist, das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür. Die einzige Zeit im Jahr, in der es hier wirklich heiß hergeht. Allein ist die Arbeit nicht zu bewältigen.«
   Pling machte es und das kam nicht vom Türgong. In Tallys Kopf rotierten gleich mehrere Rädchen, bevor sie einrasteten und eine Lösung ergaben. »Ich könnte dir im Laden helfen«, sagte sie, ohne groß darüber nachzudenken.
   Monica musterte sie. »Du weißt schon, was das bedeutet?«
   Nicht in der ganzen Tragweite, aber … »Ja.«
   »Ich hatte gehofft, dass du das sagen wirst. Wann kannst du anfangen? Wir haben bereits November, die Leute beginnen mit dem Geschenkekaufen.«
   »Morgen?«
   »Du bist die Beste, Tally.«
   »Wunderbar. Ich freue mich auf den Job. Wie sieht es mit der Bezahlung aus?«
   »Du bekommst das Gehalt deiner Vorgängerin, Überstunden werden extra vergütet.«
   »Jetzt kann mich nur noch ein Magen-Darm-Virus um diesen Einsatz bringen.«
   »Untersteh dich.« Monica drohte spielerisch mit dem Zeigefinger.
   Ding-Dong. Dieses Mal war es wirklich der Gong. Als Tally den Kopf hob, erkannte sie den kerzengerade aufgerichteten Mann, Mr. Stock im A… Sie unterdrückte ein Stöhnen. Offenbar nicht gut genug, denn Monica sah sie an und ihre Augenbrauen schossen in die Höhe. Rasch erhob sie sich.
   »Mr. Bowlder, was kann ich für Sie tun?« Der Typ verdiente Monicas freundliche Begrüßung definitiv nicht.
   »Ich habe eine neue Bestellung. Darunter auch zwei Hörbücher, ist das ein Problem?«
   »Aber nein.«
   Tally fragte sich, wie Monica es schaffte, ihn weiterhin so freundlich anzulächeln, wo er ein Gesicht zog wie sieben Tage Regenwetter oder eine Prostatauntersuchung. Dieser Gedanke ließ sie prusten. Sein Kopf fuhr herum. Ahnte er, dass er Gegenstand ihrer Belustigung war?
   Rasch tat sie so, als würde sie lesen, in Wirklichkeit schielte sie über den Rand der Buchseiten zu ihm.
   Er beschäftigte Monica fast eine Dreiviertelstunde mit seinen speziellen Wünschen. Es gab Kunden, die brauchte kein Mensch. Immerhin kamen vier Hörbücher und ein Printbuch bei seiner Bestellung zusammen. Ob sich Monica tatsächlich so darüber freute oder sie jeden Morgen vor dem Spiegel dieses Lächeln übte, würde wohl alle Zeiten ihr Geheimnis bleiben.
   Während Tally darüber nachgrübelte, ob es Schönheitschirurgen gab, die die Muskeln der Mundwinkel so weit zerrten, bis man sie hinter dem Ohr festtackern konnte und man dadurch quasi ständig ein: Was-kann-ich-für-Sie-tun-Lachen im Gesicht trug, fiel ein Schatten über die aufgeschlagenen Seiten.
   »Was lesen Sie, wenn ich fragen darf?«, wollte er wissen. Sie hatte beschlossen, nichts an ihm zu mögen, aber bei dem Rasierwasser kam sie ins Schwanken.
   »Ein Buch.«
   Er verdrehte die Augen. »Das sehe ich.«
   Endlich hob sie den Kopf. Er war tatsächlich glatt rasiert. Sie war sich nicht sicher, ob ihr seine Dreitagebart-Version besser gefiel.
   Tally hielt ihm das Cover entgegen, sodass er einen Blick auf den Titel erhaschen konnte.
   »Besten Dank.«
   Hatte er mit dem Dreitagebart etwa auch seine Unhöflichkeit abgelegt? Sicher nur ein vorübergehender Zustand.
   »Das ist nichts für Sie«, merkte sie an.
   »Weil?« Wieder hob er gekonnt eine Augenbraue.
   »Das ist ein Buch für Frauen.« Sie erklärte es ihm in einem Tonfall, der klarmachte, dass das auf der Hand lag.
   »Aha. Ist es gut?«
   Beinah hätte sie herausgeplatzt, dass sie es nicht wisse. Dann wäre ihm jedoch klar geworden, dass sie nur so tat als ob. »Ja, aber wie gesagt …«
   »Nichts für richtige Männer«, beendete er ihren Satz. »Genau das, was ich suche. Einen Schmöker mit Happy-End-Garantie.«
   Ob er vom anderen Ufer war? »Ich dachte immer, ihr harten Typen …«
   »… lest lieber Thriller oder Krimis.«
   Sie nickte, obwohl ihr seine Art auf den Zeiger ging. Was sollte das überhaupt? »Warum tun Sie das?«
   »Was?«
   »Sie beenden meine Sätze.«
   »Weil ich weiß, was Sie sagen wollen. Diese Gabe beherrscht nicht jeder.«
   »Beglücken Sie jemand anderen damit.« Tally ärgerte sich richtig über seine Arroganz.
   »Anscheinend habe ich ein Händchen dafür, Sie zu verärgern.«
   Da hatte er verdammt noch mal recht.
   »Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?«
   Sie musste sich beherrschen, dass ihr nicht die Kinnlade hinunterfiel. »Tut … tut mir leid, ich habe keine Zeit.«
   »Schade. Vielleicht ein anderes Mal.«
   Eher gefriert die Hölle. Lächelte er etwa? Nein, bestimmt nicht. Es handelte sich wahrscheinlich nur um ein Zucken in seinem Wangenmuskel. »Vielleicht.«
   Bevor er ging, wandte er sich an Monica. »Wo finde ich das Buch, in dem Miss …«
   »Tally«, sagte Monica.
   Er nickte. »… Tally liest und dabei dennoch alles mitbekommt?«
   Monica prustete. Wie konnte die Buchhändlerin ihr nur so schändlich in den Rücken fallen?
   Monica eilte um den Verkaufstresen herum zum Tisch mit ihren persönlichen Empfehlungen, griff sich besagten Roman und sah ihren Kunden fragend an.
   »Geben Sie es zu meinen Bestellungen. Ich hole alles morgen ab.«
   »Selbstverständlich. Auf Wiedersehen.«
   Nickend verließ er den Buchladen.
   »Hast du was gegen den Mann?«, interessierte sich Monica.
   »Merkt man das etwa?«
   »Flüchtig.« Monica lachte.
   »Ich bin ihm bereits ein paar Mal begegnet, im Mason Cottage und im Pub und nirgends fiel er durch Freundlichkeit auf.«
   »Seit einigen Monaten taucht er hier immer wieder auf und bestellt jede Menge Bücher. Er ist etwas speziell, du hast recht. Stellt manchmal merkwürdige Fragen. Aber ansonsten kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Und er sieht so gut aus. Sein dunkler Teint und im Gegensatz dazu die blauen Augen, das hat was.«
   »Du hast ihn dir ja bereits ziemlich genau angesehen.« Monicas Schwärmerei ließ sie kalt.
   »Du etwa nicht?«
   »Nein. Wenn jemand so auftritt wie dieser Mann, vergeht mir die Lust auf seine äußere Attraktivität.«
   »Also doch.«
   »Versuch nicht, da etwas hineinzuinterpretieren, was es nicht gibt«, warnte sie Monica.
   »Ich versuche gar nichts. Sei morgen pünktlich um neun Uhr hier.«

*

Louis ging zurück zur Tanzschule. Das Treffen am Vormittag mit O’Brian und McKee war gut gelaufen. Er hatte beide nicht länger auf die Folter gespannt und ihnen gleich als Erstes den unterzeichneten Vertrag vorgelegt. Es dauerte nicht lange, bis sich der Manager verabschiedete. Alles Weitere besprach er mit Tyler, der aufmerksam zuhörte und Fragen stellte, wenn er etwas nicht verstanden hatte. Im Laufe des Gespräches kristallisierte sich heraus, dass hier nur einer das Sagen hatte: der Choreograf. Und das war er. Tyler ordnete sich unter – zumindest auf den ersten Blick. Ob das auf eine längere Distanz auch so blieb, würde sich zeigen. Bereits im Vorfeld hatte Louis das Casting angesetzt. Es würde morgen stattfinden, selbstverständlich hatte Tyler hier ein Wörtchen mitzureden. Aber letzten Endes konnte nur er einschätzen, welche der Tänzer und Tänzerinnen am geeignetsten waren. Louis hoffte, das Casting komplett am morgigen Tag zu absolvieren, auch wenn das einem Gewaltmarsch gleichkam. Maximal zwei Tage wollte er ihnen zugestehen. Notfalls einen dritten, aber dann musste die Mannschaft stehen. Am besten, er bereitete schon heute den Tanzsaal dafür vor. Besonders aufwendig war das zum Glück nicht. Der Tisch für die Jury musste aufgestellt und einige Scheinwerfer strategisch platziert werden. Die Ruhe vor dem Sturm. Er sollte sie genießen, solange er noch konnte. Aber genau da lag das Problem. Das Genießen war ihm abhandengekommen. Am Abend könnte er versuchen, zu Maggy durchzudringen. Wenn er sie doch nur erreichte. Einige Minuten würden ihm bereits genügen. Man wurde bescheiden mit der Zeit. Möglicherweise war es die Disziplin, die er sich während des Tanzstudiums antrainiert hatte, die ihn mit Geduld sein Schicksal ertragen ließ. Er musste einen Weg zu Maggy finden, koste es, was es wolle.
   Warum schob sich plötzlich das Bild der widerborstigen Tally vor sein geistiges Auge? Die Frau war spröde wie ein verschlissenes Schiffstau. Einen Kaffee hätte sie ruhig mit ihm trinken können. Er wollte sie schließlich nicht in sein Bett zerren. Wirklich nicht?
   Ihr rotblondes Haar wies einen ganz besonderen Kupferton auf. Das gab es nicht allzu oft in der Natur. Zumindest ging er davon aus, dass sie nicht mit Chemie nachgeholfen hatte. Solche Töne stellte keine Fabrik her, dafür war er zu dezent, zu individuell, zu speziell. Genau, wie die gesamte Person recht speziell schien. Selbstbewusst und doch im selben Maße verletzlich. Eine ganz und gar provozierende Mischung. Ihre Haut wirkte weißer, milchiger als die anderer Frauen – typisch für Rothaarige. Feuer und Eis vereint. Eine Frau voller Widersprüche. Schade, dass er in den kommenden Monaten so wenig Zeit haben würde.
   Warum reizte es ihn so sehr, sie näher kennenzulernen? Wo sie doch absolut keinen Hehl daraus machte, dass sie nicht interessiert war. Eben deshalb. In Kürze würden scharenweise halb bekleidete junge Damen um ihn herumtanzen. Seiner Erfahrung nach war stets ein Dutzend von ihnen daran interessiert, mit dem Choreografen zu bumsen. Alle erhofften sich danach bessere Chancen für ihre Karriere. Und damit hatten sie keineswegs unrecht. Sprungbrett Promibett passte so gut wie Sprungbrett Chefbett.
   Die Welt war schlecht. Wenn man erst einmal begriffen hatte, wie es lief, musste man sich damit arrangieren.
   »Da sind Sie ja wieder. Ich dachte, Sie kommen erst morgen zurück«, begrüßte ihn Belle an der Tür.
   Er hatte keine Lust, ihr zu erklären, dass nur ein leeres Zimmer in einem Bed & Breakfast auf ihn wartete.
   »Übrigens danke, dass Sie mich zu Ihrer Assistentin erklärt haben«, flötete die Tanzlehrerin.
   »Hatten Sie nicht darum gebeten?« Ihre Freude amüsierte ihn.
   »Ich durfte wohl kaum damit rechnen, dass Sie mich ernst nehmen.«
   »Warum nicht?«
   »Kommen Sie.« Sie nahm seine Hand und zog ihn mit sich vor die große Spiegelwand. »Sehen Sie, was ich sehe?«
   »Einen Mann und eine Frau in einem Tanzsaal.«
   »Sehr charmant, mein Lieber. Einen Mann, der etwas in die Jahre gekommen ist, und eine alte Tänzerin.«
   »Na hören Sie mal. Wie können Sie so etwas sagen?«
   »Weil es die Wahrheit ist. Hatten Sie neben dem Tanzen auch Schauspielunterricht?«
   »Ja.« Als ihm aufging, wie sie seine Antwort auslegen würde, war es ihm peinlich. »Äh … es ist nicht so, wie Sie denken.«
   »Aber ja, es ist genauso. Und Sie wissen selbst, wie sehr unser Körper unter der Schinderei verschleißt. Das heißt jedoch nicht, dass die Lust zu tanzen nachlässt. Oder?«
   Er lachte. »Ich stimme Ihnen zu.« Louis verbeugte sich. »Geben Sie mir die Ehre, Belle Maréchal? Verzeihen Sie meine Neugier, sind Sie Französin, Madame?« Er reichte ihr die Hand.
   »Nur zur Hälfte und ich nehme es Ihnen nicht übel, dass Sie kaum wissen, mit wem Sie es zu tun haben.«
   »Ganz so ist es nicht«, beeilte er sich zu erklären.
   »Nun denn, das spricht für Sie. Sie bitten mich also um einen Tanz, Louis Bowlder. Ohne Musik?«
   »Natürlich nicht.«
   »Was darf ich auflegen?«
   »Das überlasse ich Ihnen.« Er wollte großzügig erscheinen.
   Geheimnisvoll lächelnd betätigte sie die Musikanlage und schon erklangen die ersten Töne von Ravels Bolero. Der Bolero war ein spanischer Tanz im mäßig geschwinden Dreivierteltakt und genau genommen kein Standardtanz. Das Markante: Er beginnt leise, steigert sich und wird immer voluminöser. Die Takt- und Rhythmuswechsel von Dreiviertel zu Zweiviertel und sogar Vierviertel waren bezeichnend. Zudem enthielt er Elemente aus dem Tango, dem Paso Doble und der Rumba. Erneut reichte er ihr die Hand. Belle ergriff sie und die alte Dame verwandelte sich in eine anmutige, leidenschaftliche Tänzerin, die sich von ihm führen ließ. Sie hatten nie zuvor zusammen getanzt und folgten nun einfach intuitiv einer freien Choreografie. Sie schwebten über das Parkett, gaben sich vollkommen dem Tanz hin, ihre Schritte verschmolzen mit der Musik. Zum Schluss sank Belle in seine Arme. Für eine kurze Zeit hatte Louis vergessen, wo er war, aber in diesem Augenblick verging er beinah vor Sehnsucht. Denn die Frau in seinen Armen war nicht Maggy.

3. Kapitel

Plötzlich erscholl Applaus. »Bravo.«
   Sie fuhren heftig atmend auseinander.
   »Wow, das war großartig, Mr. Bowlder. Ich habe so etwas noch nie gesehen«, rief die Frau des Rocksängers aus und klatschte immer noch. »Belle, ich dachte mir ja, dass Sie gut sind. Aber wie gut, haben Sie mir nie verraten.«
   »Ich war mal gut, Herzchen, vor gefühlten hundert Jahren. Was Sie eben gesehen haben, war lediglich eine Improvisation.«
   »Das kann ich gar nicht glauben.« In ihrem Gesicht stand pure Begeisterung.
   Louis fühlte sich geschmeichelt, bis Belle anmerkte, dass er ein wenig aus der Übung war. Er plumpste auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie hatte natürlich recht, aber für den ungeübten Blick eines Laien reichte seine Leistung allemal.
   »Gucken Sie nicht so konsterniert«, forderte Belle ihn auf. »Was wahr ist, muss wahr bleiben.«
   Hoffentlich war es kein Fehler, die Dame zu seiner Assistentin gemacht zu haben. Als er spürte, dass beide Frauen ihn aufmerksam musterten, stieg ihm das Blut in die Wangen. Das fehlte gerade noch. Er lief zur Musikanlage, um sie auszustellen und auch, damit sie seine Verlegenheit nicht mitbekamen.
   »Sie werden tatsächlich rot«, sagte Belle.
   Mission gescheitert, ganz toll. Er räusperte sich, bevor er sich wieder umwandte.
   »Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass wir hier einfach so reinplatzen. Aber ich war neugierig und bat Tyler, mir die Räumlichkeiten zu zeigen. Sind Sie mir jetzt böse?«
   Louis entdeckte Tyler, der offenbar zurückhaltend in der Tür stehen geblieben war und dem Treiben aus einiger Entfernung zugesehen hatte. »Mrs. O’Brian. Nein.«
   »Oh, das klingt hübsch, aber mein Name ist Charlotte Svenson, wir sind nicht verheiratet.«
   »Das freut mich«, faselte er noch immer verlegen.
   Sie kicherte leise. »Ja, mich auch, aber Tyler ist da anderer Meinung.«
   Er erhaschte einen Blick auf O’Brians finsteres Gesicht und begriff erst in diesem Moment die Bedeutung seiner Floskel.
   Louis straffte die Schultern, er tat gut daran, besser darauf zu achten, was er sagte. Oder eben ungesagt ließ. Er mochte es nicht, dass Belle ihn unverwandt beobachtete. Was sollte das? Warum starrte sie nicht Tyler an, so wie alle es taten, wenn sie einen Rockstar erkannten?
   »Ich wollte mich auf das morgige Casting einstellen«, erwähnte er wie nebenbei.
   »Das wird sicher aufregend. Wie groß ist die Jury?«, interessierte sich Charlotte.
   »Nur Tyler, Belle und ich. Zu viele Köche verderben den Brei.«
   »Das haben Sie gut auf den Punkt gebracht«, sagte O’Brian.
   Hörte nur er einen gewissen Unterton heraus?
   »Wir wollen nicht weiter stören. Ich nehme an, Sie haben hier noch zu tun?«, fragte Charlotte.
   »Ja«, flunkerte Louis.
   Da bin ich aber mal gespannt, las er in Belles Gesicht und hoffte, sie würde den Gedanken nicht aussprechen. Er täuschte Geschäftigkeit vor und trug einige Stühle von einer Ecke zur anderen.
   »Dann mache ich uns einen Kaffee«, flötete Belle und verschwand hinter einer Tür, die mit »Privat« beschriftet war.
   Louis’ Anspannung ließ nach. Er wollte sehen, wie hier die Umkleideräume beschaffen waren. Auf dem Weg dahin hörte er Stimmen und erkannte O’Brian und Charlotte. Er blieb stehen, bevor sie merkten, dass er ihr Gespräch mitbekam.
   »Was sollte das?«, verlangte sie zu wissen.
   »Was sollte was?«
   »Das weißt du ganz genau. Du benimmst dich wie damals bei Don.«
   »Die Kinder warten.«
   »Tyler, lenk nicht ab.«
   »Ich habe Tess versprochen, dass ich heute Abend noch mit ihr spiele.«
   »Das weiß ich und ich liebe es, euch dabei zuzusehen. Aber gerade eben warst du unhöflich.«
   »Was?«
   »Ja. Zu Bowlder.«
   »Das bildest du dir ein.«
   »Du bist eifersüchtig«, sagte sie ihm auf den Kopf zu.
   »Ich …« Louis strengte seine Ohren an. Um nichts in der Welt wollte er diese Antwort verpassen.
   »Du hast recht.« O’Brian klang zerknirscht.
   Seine Frau schien das zu erheitern. »Du machst dich lächerlich, Tyler.«
   »Ach ja? Ich kenne dich, Charly. Ich kenne dich sehr gut. Du bist eine Frau, die nicht einmal ein Rocksänger beeindrucken kann.«
   »Du nimmst mir immer noch übel, dass ich damals nicht wusste, wer du warst?«
   »Quatsch.«
   »Du vergisst, dass die Frauen kreischen, wenn sie deiner habhaft werden.«
   »Was der Himmel verhindern möge.«
   »Ganz genau. Ich habe Augen im Kopf. Ich sehe, welche Blicke die Frauen dir zuwerfen. Allein gestern Abend im Pub. Nimm Tally oder diese Roisin. Weißt du, wie ich mich dabei fühle?«
   »Du wusstest von Anfang an, worauf du dich einlässt«, warf er ein.
   »Ja, schon, aber trotzdem ist es schwer, sich daran zu gewöhnen. Und gib es zu: Ein ganz klein wenig sonnst du dich in der Bewunderung.«
   »Lächerlich. Ich nehme das überhaupt nicht mehr wahr.«
   »Das glaube ich dir nicht.«
   »Na, hör mal.«
   »Ich will mich nicht streiten. Du bist eifersüchtig und Punkt.«
   »Lass mich in Ruhe.«
   »Dann reagiere nicht kindisch, wenn ich einen Tänzer bewundere. Wenn mir gefällt, wie er sich zur Musik bewegt, wie viel Leidenschaft plötzlich in seinem Gesicht glüht.«
   »Du hast ja sehr genau hingesehen.«
   »Natürlich, es war eine Tanzdarbietung.«
   »Die keinesfalls für unsere Augen bestimmt war.«
   »Gerade das fasziniert mich ja so. Diese Hingabe … Wenn du singst, siehst du genauso aus. Der Welt entrückt und … traurig irgendwie.«
   Starrten sie sich jetzt gegenseitig an? Zu hören war eine Zeit lang nichts.
   »Ich liebe dich, Tyler. Dich und keinen anderen«, gestand sie.
   »Das weiß ich, Charly. Aber ich sehe auch, dass du ihm gefällst. Und warum, zum Kuckuck, musstest du Bowlder sagen, dass wir nicht verheiratet sind? Du weißt verdammt gut, wessen Schuld das ist.«
   »Ah, ich habe also gleich zwei wunde Punkte getroffen.«
   »Ja.«
   »Na, wenigstens bist du jetzt ehrlich. Ertrag es wie ein Mann, dass ich seine Aufmerksamkeit erregt habe. Ich fühle mich geschmeichelt. Ich weiß aber auch, dass er nicht die geringste Chance gegen dich hat. Obwohl er sehr gut aussieht, langes Haar, blaue Augen, dunkle Ausstrahlung.«
   Louis hörte O’Brian stöhnen und musste grinsen.
   »Verschone mich, ja? Sag mir lieber noch mal deinen vorletzten Satz«, bat der Rocksänger.
   »Bowlder hat nicht die geringste Chance gegen dich. Ist es das, was du hören willst?«
   »Yep.« Erneut wurde es ruhig. Louis konnte sich regelrecht vorstellen, dass sie sich leidenschaftlich küssten. Dummerweise tauchte wieder das Bild von Tally vor seinem geistigen Auge auf. Was sollte das? Er wollte zu Maggy. Wollte sie zurückholen, sie für immer behalten. Doch ein für immer gab es nicht. Nirgends.

*

Als Masha anklopfte, kippte Tally gerade den letzten Schluck Kaffee hinunter.
   »Pünktlich ist sie«, merkte ihre Mutter wohlwollend an.
   Inzwischen hatte sie sich damit abgefunden, dass Tally lieber im Bookstore als bei ihr jobben wollte.
   »Unter all meinen Töchtern bist du die eigensinnigste«, hatte sie ihr gestern Abend gesagt. »Und wie immer hat es wenig Zweck, noch länger darauf herumzureiten.«
   Genau. Sie begrüßte Masha kurz, verabschiedete sich von Mom, schlüpfte in ihren Mantel und zog die Tür hinter sich zu. Sie brauchte die Distanz zu Masha. Sie wollte nicht mit dem Kummer in ihren Augen konfrontiert werden – nicht in dem Maße, wie es zwangsläufig passieren würde, wenn sie zusammenarbeiteten. Das war nicht egoistisch, sondern Selbstschutz.
   Monica erwartete sie bereits voller Freude. »Komm nur herein. Diese Saison wird wunderbar«, trällerte sie. »Wir werden viel Arbeit haben, aber auch viel Spaß.«
   »Wenn du das sagst.«
   Als Erstes reichte ihr Monica eigene Schlüssel für den Laden. Dann trugen sie gemeinsam die Kiste mit den Bestellungen herein.
   »Ich erwarte heute noch zwei Verlagsvertreter, sodass du weitestgehend auf dich gestellt sein wirst.«
   »Kein Problem. Ich kenne mich ja hier aus.«
   »Tallulah, du hast was bei mir gut.«
   »Fein. Fürs Erste genügt es, wenn du mich nicht bei meinem vollen Namen nennst.«
   »Was du nur immer dagegen hast.« Monica kicherte.
   »Es klingt schrecklich altmodisch, genau wie bei der vermeintlichen Erbtante aus den Südstaaten, nach der mich meine Eltern benannt haben.«
   »Wessen Idee war das, die deiner Mom oder deines Dads?«
   »Seine Tante, seine Idee. Meine Mom neigte dazu, alles toll zu finden, was ihre jeweiligen Ehemänner mochten und wollten. Das ist drei Mal in die Hose gegangen.«
   »Kein Wunder.«
   Tally versah alle Bestellungen mit einem Aufkleber und ordnete sie den jeweiligen Fächern nach dem Alphabet zu. Einige Bücher sollten als Geschenk verpackt werden. Auch das erledigte sie rasch zwischen dem Bedienen einzelner Kunden, die den Laden betraten.
   Paketboten brachten in aller Eile ihre Sendungen herein. Auch darum kümmerte sich Tally und verglich den Eingang der Waren – meistens Geschenkartikel zur Weihnachtsdekoration – mit den Lieferscheinen. Der Vormittag verging wie im Flug. Zur Mittagspause drehte sie das Türschild auf geschlossen. Monica besprach im Büro immer noch mit dem Vertreter die Frühjahrsbestellung. Sie lief rasch ins Diner und holte sich einen Salat sowie ein Sandwich mit Putenbrust. Für Monica nahm sie ebenfalls ein Sandwich mit. Der Vertreter wollte nur einen Kaffee.
   Kaum war sie zurück, hämmerte jemand gegen die Ladentür. Fest entschlossen, das Klopfen zu ignorieren, biss Tally in ihr Sandwich.
   Dieser Jemand war allerdings hartnäckig. »Sei so gut und sieh nach«, bat Monica. »Es macht mich verrückt.«
   Schon von Weitem, während sie durch den Laden schritt und die Reste der Putenbrust hinunterschluckte, erkannte sie hinter der Glasscheibe ihren Lieblingskunden, Mr. Freundlichkeit. Tally dachte nicht im Traum daran, ihn eintreten zu lassen. Sie wies auf Öffnungszeiten und explizit auf die angegebene Mittagspause zwischen ein und zwei Uhr hin, die an der Glasscheibe aufgeklebt waren.
   »Das kann doch nicht wahr sein«, dröhnte es von draußen. Sein Gesicht glich dem des bösen Drachens im Märchen.
   »Bitte!« Auf einmal sah er sie weniger verärgert als vielmehr flehend an.
   Ob etwas passiert war? Ein Notfall und er brauchte dringend Hilfe? Rasch drehte Tally den Schlüssel um. »Mr. Bowlder?«
   Er blinzelte auf seine Armbanduhr. »Es ist halb zwei. Bin ich zu spät oder zu früh?«
   Das konnte doch nicht wahr sein. »Zu früh, wie immer bei Männern«, platzte sie in ihrem Ärger heraus.
   Es dauerte einige Sekunden, bis er begriff. Dann wurde er rot.
   Ach du liebe Güte, erwischt.
   »Was machen Sie hier?«, stammelte er.
   »Arbeiten.«
   »Wohl kaum, wenn der Laden abgeschlossen ist.«
   Es wäre sinnlos, ihn ein weiteres Mal auf die Mittagspause hinzuweisen. Sie wollte es dennoch versuchen. »Äh …«
   »Lassen Sie es, es prallt sowieso an mir ab. Sind Sie neu hier?«
   »Warum?«
   »Weil ich Sie hier noch nie gesehen habe.«
   »Doch, gestern«, widersprach Tally.
   »Ich nahm an, Sie wären eine Kundin.«
   »Das war ich auch.« Sie verspürte nicht die geringste Lust, die Sache klarzustellen.
   Er blickte finster auf sie hinab. Fiel ihm etwa keine passende Antwort ein?
   »Was …«, hob sie an.
   Doch bevor sie in Erfahrung bringen konnte, was sie für ihn tun könne, fiel er ihr wieder mit seiner Masche ins Wort.
   »… Sie für mich tun können? Nichts. Wo ist Ihre Chefin?«
   »Beschäftigt.«
   Arrogant wie immer hob er die Augenbraue und ließ sich von ihrer Aussage nicht im Mindesten beeindrucken.
   »Holen Sie sie. Bitte«, blaffte er.
   »Ich bedaure …«
   »Und ich bin in Eile.«
   Tally kochte vor Wut. Sie stapfte in das Büro. »Entschuldigung. Mr. Bowlder möchte dich sprechen.«
   Monica seufzte.
   »Wir waren ja ohnehin fertig«, sagte der Vertreter freundlich und erhob sich ebenfalls.
   Tally blieb, wo sie war. Sie hatte keine Lust, dem ungehobelten Kerl erneut unter die Augen zu treten. Erst jetzt fiel ihr das Sandwich wieder ein.
   »Guten Appetit«, wünschte der Vertreter, während er seine Unterlagen zusammensuchte.
   »Was gab es denn so Dringendes, was nur du für Mr. Bowlder hättest erledigen können?«, interessierte sich Tally, als Monica wieder das Büro betrat.
   »Er wollte lediglich seine Bestellung abholen.«
   »Ach, und dazu war ich zu doof?«
   »Er kennt deine Kompetenz nicht. Mach dir nichts draus.«
   »Du hast gut reden. Hast du ihn wenigstens darauf hingewiesen, dass ich das durchaus gekonnt hätte?«
   »Er hatte es furchtbar eilig. Jetzt sei nicht sauer.«
   Tally stieß einen verächtlichen Laut aus, biss sich dann jedoch auf die Zunge. Monica konnte ja nichts dafür.
   Sie lenkte sich schließlich ab, indem sie die gelieferte Ware auspackte, mit Preisen versah und in einem Regal arrangierte.
   Nachdem auch der zweite Verlagsvertreter wieder gegangen war, schickte Monica sie nach Hause. »Mach Feierabend, Tally. Den Rest schaffe ich allein. Du warst mir heute eine große Hilfe.«
   »So soll es ja auch sein.« Sie ließ sich das nicht zweimal sagen und zog sich bereits den Mantel an.
   Monica brachte sie noch zur Tür. Gegenüber befand sich Belles Tanzstudio und die gesamte Mainstreet war vollgestopft mit parkenden Autos.
   »Was ist denn hier heute los? Mir fiel das mittags bereits auf, aber da herrscht ja sowieso mehr Verkehr. Doch um die Zeit?«
   »Ich bekomme überhaupt nichts mehr mit, wenn ich nur im Büro hocke oder meine Nase in Buchkataloge stecke«, beschwerte sich Monica halbherzig. »Belle hat mir gegenüber nichts erwähnt. Das Gute an einer kleinen Stadt wie St. Elwine ist, dass wir es in naher Zukunft herausfinden werden.«
   »Darauf ist immerhin Verlass.« Tally lachte und dachte an die kleinen Skandale, die in schöner Regelmäßigkeit die Runde machten. »Bis morgen.«
   Die Sonne war im Begriff, unterzugehen, zahllose Lichterketten versuchten, ihre Aufgabe zu übernehmen und zauberten einen Hauch Vorfreude auf die kommenden Feiertage. Doch bis dahin vergingen noch einige Wochen. Sie entdeckte Masha, die mit ihrer kleinen Tochter in der Hand den Drugstore betrat, in dem es auch einen Postschalter gab.
   Plötzlich beunruhigte Tally etwas daran. Im Grunde war es albern, immerhin gut möglich, dass Masha die Zahnpasta ausgegangen war. Wer in ihrer Situation wäre so dumm, Briefe abzuschicken, die Rückschlüsse auf ihren Aufenthaltsort schließen lassen würden? Sollte sie ihr hinterhergehen? Blödsinn, sie standen auf derselben Seite. Es ging darum, Mashas wahre Identität so lange wie möglich zu verschleiern. Manchmal kehrte Ruhe ein, wenn ein Paar erst geschieden war, manchmal blieb der Machtkampf der Männer bestehen, weil sie die Trennung nicht akzeptieren wollten, die Frauen als ihren Besitz, ihr Eigentum betrachteten. Nicht selten suchten sich diese Kerle neue Opfer, die sie gefügig machen konnten. Aber trafen sie noch Jahre später zufällig auf die Frau, die sie einst verlassen hatte, loderte die Wut wieder auf und sie suchten dann nach Wegen, um sie für all die ungesühnten Strafen büßen zu lassen.
   Der Leidensweg dieser Frauen dauerte Jahre an. Nicht selten wünschte sich Tally, dass diese Mistkerle einem Unfall oder einer Krankheit zum Opfer fielen und das Zeitliche segneten. Leider wurden ihre Gebete nicht erhört. Gott war eben ein Mann. Wenn ihre Mutter diesen Gedanken mitbekommen hätte, würde sich Tally eine Standpauke über Blasphemie anhören können. Mom war immer eine gläubige Frau gewesen, ein Grund, warum sie stets nach kurzem Kennenlernen den Mann geheiratet hatte. Es sollte ja um Himmels willen alles seine Ordnung haben und eine wilde Ehe passte da nicht ins Bild. Schön blöd, wenn man dann nach einigen wenigen Monaten begriff, dass man nicht zusammenpasste. Es blieb nur eine Scheidung. Ach Mom, und du nennst mich eigensinnig.
   Seit ihre Mutter allein lebte, hatte Tally das Gefühl, sie wäre bei sich angekommen. Es ging ihr so gut wie nie zuvor. Sie führte erfolgreich ihren kleinen Quiltladen, war mit ihren Kursteilnehmerinnen befreundet und engagierte sich zudem in der Kirchengemeinde. Der Reverend kümmerte sich gut um seine Schäfchen. Seit Kurzem hielt sich das Gerücht, er solle versetzt werden. Das beunruhigte die Gemeindemitglieder. Schließlich war er seit zwanzig Jahren ihr Pfarrer, kannte ihre Ängste und Nöte, hatte sie getraut oder den Angehörigen die Sterbesakramente erteilt. Um ihretwillen hoffte Tally, dass es sich lediglich um ein Gerücht handelte.
   Tally beschloss, Roisin einen Besuch abzustatten. Vielleicht bekam sie ja nebenbei mit, dass Masha nach Hause kam.
   Sie tat es schon wieder. Sie kümmerte sich mehr um ihre Klientin, als gut für sie war. In dem Punkt musste sie ihrer Mutter recht geben. Tally sollte sich ausschließlich auf die Aufgaben einer Sozialarbeiterin konzentrieren und nicht mehr. Sie konnte die Frauen nicht vor Gefahr bewahren. Das war unmöglich.
   Den Pub betrat sie trotzdem.
   Roisin begrüßte sie fröhlich. »Was darf es sein?«
   »Meine neue Lieblingsdroge.«
   »Du hast Glück, dass ich heute wieder frische Erdbeeren besorgt habe.
   »Halleluja.«
   Roisin kicherte und mischte die Zutaten für den Punsch. »Ich habe mich noch immer nicht davon erholt, dass Tyler O’Brian in meinem Pub saß.«
   »Kann ich gut verstehen.« Tally schob sich auf einen der Barhocker.
   »Weißt du, was mir keine Ruhe lässt?«
   »Na?«, hakte Tally nach.
   »Was hat der Sänger mit diesem ungehobelten Typen zu schaffen? Offensichtlich kannten sie sich oder waren zumindest miteinander verabredet. Sonst hätte sich Tyler wohl kaum an dessen Tisch gesetzt.«
   »Geduld, Geduld. Wir werden es herausbekommen. St. Elwine gibt seine Geheimnisse immer preis.« Tally kicherte. Dann berichtete sie ihrer Freundin, was in der heutigen Mittagspause passiert war.
   »Es gibt egoistische Zeitgenossen, da wird einem schlecht«, empörte sich Roisin.
   »Slainté.«

*

Er hatte es geahnt, das Casting war mörderisch. Mal abgesehen davon, dass er sich viel zu viele Stümper hatte ansehen müssen, waren es einfach auch zu viele Interessierte. Dennoch gab es bereits vielversprechende Kandidaten. Einige schienen enttäuscht, dass die Proben nicht in New York, sondern in einem Städtchen wie diesem stattfanden, wo kein Hahn nach ihnen krähte. Tja, Pech. Es ging hier nicht um den Einzelnen, sondern um das gesamte Ensemble. Ein Rockmärchen war Teamarbeit, besser sie gewöhnten sich gleich daran.
   Hin und wieder fing er einen Seitenblick von O’Brian auf. Okay, vielleicht antwortete er manchmal ein wenig zu barsch. Louis versuchte danach zurückzurudern. Es gelang ihm nur bedingt. Tyler sagte nicht allzu viel zu den Kandidaten.
   Höchstens ein freundliches »Vielen Dank, Sie hören von uns«. Gegen Mittag bat er um eine kurze Pause und um eine Unterredung. Bitte sehr. Kehrte er jetzt doch den Rockstar mit Allüren heraus? Der würde sich wundern. Louis war mehr als bereit dazu, eine Meuterei im Keim zu ersticken.
   Im Flur warteten noch Dutzende Vortänzer, es war unmöglich, sich dort ungestört zu unterhalten. Als ahnte Belle etwas, schob sie eine belanglose Entschuldigung vor und trippelte aus dem Saal. Er war allein mit O’Brian.
   »Ist das hier so etwas wie Ihr persönlicher Feldzug?«, fragte Tyler ruhig.
   So viel Besonnenheit hätte er dem Mann nach diesem Gewaltmarsch am Vormittag gar nicht zugestanden. Persönlicher Feldzug. Das traf es ziemlich gut.
   »Gegen wen?« Louis lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Das ist die Frage. Wenn Sie den Vertrag nur unterschrieben haben, weil ich Sie dazu gedrängt habe und Sie jetzt aber merken, wie sehr Ihnen unsere Zusammenarbeit widerstrebt, sollten wir es lassen. Ich habe lange darauf gewartet, dass meine Komposition Gestalt annimmt. Aber ich habe Übung im Warten und kann das durchaus noch eine Weile tun. Bis …«
   Bis er einen geeigneteren Choreografen als Louis Bowlder gefunden hatte? Nur zu.
   »Was ist los mit Ihnen?«, fragte Tyler.
   »Ich verstehe nicht.«
   »Warum schnauzen Sie die Tänzer so an? Sie haben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um sich hier vorzustellen. Also bitte, behandeln Sie sie mit Respekt. Auch die, die Ihnen weniger aussichtsreich erscheinen. Ist das so schwer?«
   Louis spürte, wie sich sein Kiefer verkrampfte und die Muskeln an Hals und Kinn zu schmerzen begannen. Er erkannte, dass der Mann neben ihm kein oberflächlicher, eingebildeter Idiot war, und fühlte sich bloßgestellt. Obwohl ihm klar war, dass der Rocksänger sehr wohl die Möglichkeit gehabt hätte, ihn vorzuführen. Er holte tief Luft. »Es … es hat nichts mit Ihnen zu tun.«
   »Okay.«
   »Ich … ich glaube, ich brauche eine kurze Pause.«
   »Ich auch«, gestand der Sänger.
   Louis erhob sich und ging über die Straße zum Bookstore. Bei der Gelegenheit konnte er gleich seine Bestellung abholen. Doch als er hinter der verschlossenen Tür diese unsägliche Tally entdeckte, brachte ihn das aus dem Konzept.
   War es eine Schnapsidee, hierhergekommen zu sein? Endlich hatte sie die Güte, die Tür aufzuschließen. Doch auf seine freundlich gemeinte Frage reagierte sie mit einer sexuellen Anspielung, er sei zu früh gekommen. Die traute sich was.
   Okay, sie konnte nicht wissen, wie groß seine sexuelle Durststrecke war. Trotzdem schoss ihm das Blut in den Kopf und ließ seine Ohren klingeln. Er musste sich diese Person vom Hals schaffen und verlangte nach der Chefin.
   Seine Bitte wurde ihm gewährt. Die Frau packte ihm alles in eine Tüte, nahm seine nächste Bestellung entgegen, ausschließlich Hörbücher, und er bezahlte.
   Wieder vor der Tür überflog er noch einmal die Öffnungszeiten. Es gab tatsächlich eine feststehende Mittagspause. Das war ihm vorher nie aufgefallen. Was daran liegen könnte, dass er noch nie um diese Uhrzeit den Buchladen betreten hatte. Nun wusste er Bescheid und würde zukünftig vermeiden, die Mittagsruhe zu stören. Besonders geschäftstüchtig erschien ihm diese Maßnahme allerdings nicht. Aber was wusste er schon davon, wie man einen Buchladen führte.
   Er fand Belle, die in ihrer Privatküche stand und in einem Getränk herumrührte. »Möchten Sie auch ein Glas Mate?«
   Warum nicht, es würde ihn wachhalten bei dem, was vor ihnen lag. Er nickte.
   »Geht es Ihnen gut, Louis?«
   »Ja.« Selbst er bemerkte, dass seine Antwort einen Tick zu schnell kam.
   »Was Sie nicht sagen. Ich bin dankbar, dass Tyler Sie darauf angesprochen hat, wie Sie mit unseren Kandidaten umgehen …«
   Unseren?
   »… sonst hätte ich es getan, mein Lieber.«
   Hatte die alternde Tanzbodenkönigin sie etwa belauscht? Wieder spürte er, wie sich sein Kiefer verkrampfte. Er rieb sich den Nacken.
   »Irgendetwas bedrückt Sie, Louis. Ich kann das verstehen. Doch es sollte nicht Ihre Arbeit beeinflussen. Die Menschen hier können nichts dafür.«
   Hatte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen? Warum konnte man nicht einfach nur schlecht drauf sein? Jeder hatte schließlich mal einen miesen Tag.
   Das stimmte ja nicht.
   Maggy.
   Er wollte zu Maggy, wollte sie sehen, sie an sich ziehen, sie küssen. Immer, wenn er sie in letzter Zeit sah, war da eine Wand zwischen ihnen. Natürlich war das in den vergangenen Jahren schon so gewesen. Es wurde schlimmer, oder empfand er das nur so? Es kam ihm vor, als hockte sie unter einer Glasglocke und nahm nichts von der anderen Welt wahr. Louis gelang es nicht, zu ihr durchzudringen.
   Vielleicht heute Abend, wenn er einen Weg fand, mit ihr allein zu sein. Das war nicht so einfach.
   »Louis?«
   Er schreckte aus seinen Gedanken auf und sah Belle an.
   »Wenn Sie reden wollen, ich wohne in der Lincoln Street 13.«
   Es gab nichts zu bereden. »Sie leben nicht über dem Tanzstudio?«
   »Warum erstaunt Sie das? Ich schätze es, zum Feierabend einen Schlussstrich ziehen zu können und nach Hause zu gehen.«
   Nach Hause, dachte er Stunden später in der Dunkelheit auf dem Weg zu Masons Cottage.
   »Gehen Sie nach Hause«, hatten sie zu ihm gesagt. »Sie sehen doch, dass es heute keinen Zweck hat.«
   Er hatte es wenigstens versuchen müssen. Schließlich war Maggy seine Frau. Weder seine Stimme noch das Abspielen der Hörbücher waren zu ihr durchgedrungen. Morgen würde er neue holen. Vielleicht war dann eines dabei, das ihr gefiel.
   Machte er sich etwas vor? Es ging nicht darum, ob es ihr gefiel. Es ging um etwas viel Elementareres.
   Nach diesem Tag war er einfach nur erledigt, fertig mit der Welt. Er musste eine Kleinigkeit essen, duschen und dann schlafen. Ihm war klar, dass die Niedergeschlagenheit auch danach nicht von ihm weichen würde.
   Morgen stand ihm Teil zwei des Höllencastings bevor. Und es war seine eigene Schuld. Tyler hatte recht. Er hatte den Vertrag unterschrieben – aus freien Stücken – und nun musste er die Arbeit verrichten und ihn auch erfüllen. Komme, was wolle. Es wäre besser für das Team, wenn sich alle wohlfühlten. Wie es ihm ging, spielte keine Rolle, keine große jedenfalls. Es fühlte sich an, als hätte er in den vergangenen Jahren sich selbst verloren.
   Vielleicht bekam er im Pub ein ordentliches Irish Stew. Als er eintrat, bereute er den Schritt sofort. Der Laden war voll, anders als beim letzten Mal. Unter den Gästen befanden sich viele der Vortänzer von heute. Ganz toll. Die ersten Köpfe drehten sich bereits zu ihm um.
   Die junge Frau, die zwei Nächte im Masons verbracht hatte, half der Wirtin, die offenbar nicht mit diesem Ansturm gerechnet hatte. Da waren sie immerhin schon zwei.
   Sie bemerkte ihn und ging auf ihn zu. »Guten Abend.«
   Er nickte. »Arbeiten Sie jetzt hier?«
   »Eigentlich nicht. Vorübergehend.«
   Im präzisen Beantworten von Fragen hatte sie wohl bei ihrer Freundin Tally Unterricht genommen. Die Antworten warfen mehr Ungereimtheiten auf, als sie Klarheit schafften. Er sah sich nach einem freien Platz um. Alle Tische waren besetzt.
   »Ein Barhocker ist noch frei. Was darf ich Ihnen bringen?«
   »Ich möchte etwas essen, aber ich kann auch ins Diner gehen.«
   »Das müssen Sie nicht. Ich stelle Ihnen etwas zusammen. Sind Sie Vegetarier?«
   Louis schüttelte den Kopf.
   »Das macht die Sache leichter.« Sie schenkte ihm ein vorsichtiges Lächeln.
   Jetzt konnte er unmöglich wieder gehen. Außerdem hatte er Hunger und keinen Appetit auf die immer gleichen Burger mit Pommes, die sie ihm im Diner vorsetzen würden.
   Er hängte seinen Mantel auf und schob sich auf den einzig freien Hocker am Tresen. Die Wirtin zapfte ihm ein Pint.
   »Richtig?«, fragte sie. Ihr Lächeln war weder vorsichtig noch besonders freundlich. Aber das Gegenteil konnte er ihr auch nicht beweisen.
   »Danke.« Er leerte das Glas fast in einem Zug.
   Die Wirtin stellte ihm ein neues Pint vor die Nase. Als ihm das Essen serviert wurde, hob sie den Kopf. »Offensichtlich haben Sie ein Stein im Brett bei Masha. Normalerweise ist die Küche heute bereits geschlossen.«
   Louis warf Masha einen Blick zu, die daraufhin errötete. Er bedankte sich. »Geben Sie es zu, Sie haben falsch kalkuliert und jetzt sind Ihnen die Vorräte ausgegangen«, sagte er an die Wirtin gewandt.
   »Äh …« Daraufhin biss sie sich auf die Lippen.
   Nun, was ging es ihn an? Er hatte immerhin etwas zu essen bekommen und war viel zu erledigt, um noch irgendwelche Fisimatenten zu machen. Louis nahm seinen gefüllten Teller genauer unter die Lupe. Brot mit irischer Butter und Schinken, ein Klecks Irish Stew, Kartoffelbrei und Bohnensalat. Bis auf das Stew vielleicht alles Beigaben aus dem Privatkühlschrank.
   Im Gastraum herrschte ausgelassene Stimmung. Irgendjemand unter den jungen Leuten begann auf einer Fidel zu spielen, andere fielen ein, indem sie im Rhythmus mitklatschten.
   Da Louis ausgehungert wie ein Wolf war, beugte er sich über den Teller und begann das Stew in sich hineinzustopfen, bevor es kalt wurde. Lag es daran, dass er den Tag über nichts gegessen hatte, oder schmeckte der Fleischeintopf tatsächlich hervorragend?
   In seinem Rücken vernahm er das Aufstampfen von Füßen. Einige der jungen Leute hatten begonnen, einen irischen Stepptanz hinzulegen. Sie waren gut drauf, bestens gelaunt und blickten voller Hoffnung dem morgigen Tag entgegen. Wie viele waren wohl unter ihnen, die dringend den Job brauchten? Die versuchten, ihre Verzweiflung einfach wegzutanzen? Die sich seit Monaten mit Gelegenheitsjobs – Balletttänzer in der letzten Reihe, ein bisschen Coaching hier, ein paar Tanzstunden dort, Auftritte in Szenekneipen – über Wasser hielten?
   Tyler hatte recht, diese Menschen verdienten Respekt. Louis fühlte sich beschämt. Wüsste Maggy davon, hätte sie ihm die Hölle heißgemacht. Aber Maggy war nun einmal nicht mehr Teil seines Lebens. Nicht mehr sein Mittelpunkt. Obwohl trotzdem all seine Gedanken um sie kreisten. Es fühlte sich an, als wäre sie tot. Der Gedanke erschreckte ihn. Sie lebte ja. Und er wollte sie nicht aufgeben. Niemals. Stattdessen wollte er wieder mit ihr tanzen, mit ihr reden, mit ihr lachen, sie im Arm halten, sie küssen, sie lieben. Jeden Morgen, wenn er erwachte, ertappte er sich bei dem Gedanken, ob es heute passieren würde. Und kurz vor dem Einschlafen stellte er resigniert fest, dass es nicht geschehen war, vielleicht niemals mehr geschehen würde. Dann erinnerte er sich wieder an sein Versprechen, das er ihr gegeben hatte.
   »Versprich mir, mich nicht zu hassen, Louis.«
   »Ich verspreche es.«
   »Schmeckt es Ihnen?«, fragte Masha.
   Er zuckte zusammen. »Ausgezeichnet.«
   Bei dem Lob wich sie seinem Blick aus. Dann flitzte sie davon und räumte leere Gläser von den Tischen. Verhuscht, traf es eindeutig. Wovor fürchtete sich diese Frau?
   Nachdem er den Teller leer geputzt und auch das zweite Pint hinuntergekippt hatte, drehte er sich um. Inzwischen war die Stimmung noch ausgelassener. Zur Fidel hatte sich ein Banjo gesellt, an den Tischen saß niemand mehr, weil alle den zahlreichen Tänzern zusahen oder ihnen stehend applaudierten.
   Eine schlanke junge Frau löste sich aus der Schar der Beifall klatschenden und baute sich vor Louis auf.
   »Schön, Sie hier zu treffen, Mr. Bowlder. Mein Name ist Denise Noack, würden Sie mir und den anderen die Ehre erweisen und mit uns tanzen?«
   Wollte sie ihn auf den Arm nehmen? Erst jetzt merkte er, dass die Musik plötzlich verstummt war und sich alle Augen auf ihn richteten. Diese geballte Aufmerksamkeit war ihm unangenehm.
   Er wollte gerade irgendetwas von Feierabend faseln, als sie ihm zuvorkam.
   »Sehen Sie, Mr. Bowlder, die meisten von uns müssen sich in ein paar Stunden von Ihnen verabschieden. Viele haben einen weiten Weg hinter sich, um nach … äh … St. Elwine zu gelangen und das war möglicherweise ganz umsonst. Bitte! Tanzen Sie mit uns! Wenigstens ein einziges Mal.«
   Was blieb ihm jetzt noch anderes übrig? Louis fühlte sich geschmeichelt, er hatte nicht damit gerechnet, dass die jungen Leute seiner Person so viel Aufmerksamkeit und Verehrung entgegenbrachten.
   Er hob den Blick und sah sich um. »Teilen Sie diese Auffassung?«
   Kopfnicken und begeisterte Gesichter.
   »Okay, dann los.« Louis trat zu ihnen, stellte sich in Position, Denise und andere bildeten bereits einen Halbkreis. Als die Musik einsetzte, blickten alle zu ihm. Es war beinah wie bei einem Flashmob. Er steppte allein, hob schließlich die Arme, sprang, und nach und nach fiel ein weiterer Tänzer in den irischen Stepptanz mit ein. Dann folgten in einer weiteren Reihe die weiblichen Tänzerinnen. Ihre langen Beine flogen in Formation förmlich durch die Luft, hoben sich vom Boden ab und landeten anmutig wieder auf den Dielenbrettern. Es dauerte nicht lange, bis alle seinen Schrittkombinationen folgten. Der gesamte Raum schien in Bewegung.
   Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass Masha und die Wirtin das Treiben vom Tresen aus beobachteten und mitwippten.

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