Als Finn in einem Münchener Café Linnea begegnet, ist es um ihn geschehen. Hals über Kopf verliebt er sich in die hübsche Frau, und auch Linnea kann sich dem Charme des attraktiven Mannes nicht entziehen. In den nächsten Wochen sind sie glücklich miteinander, doch Finns Halbbruder Benjamin gefällt diese Liebe nicht. Er hat ebenfalls ein Auge auf Linnea geworfen. Als Finn für einen Monat dienstlich nach Indien reisen muss, nutzt Benjamin das schamlos aus und umgarnt nun selbst Linnea. Hierbei schreckt er auch vor Lügen und Intrigen nicht zurück, um sie für sich einzunehmen. Die junge Liebe wird auf eine harte Probe gestellt. Hat Finn sich etwa in die falsche Frau verliebt? Gelingt es Benjamin tatsächlich, das junge Glück zu zerstören?

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Thea Maron

Thea Maron
Ursprünglich ist Thea Maron Diplombiologin, doch eines Tages fand sie - mehr oder weniger durch einen Zufall - heraus, dass Schreiben noch schöner ist als im Labor zu arbeiten. Seitdem schreibt sie einen Großteil ihres Tages sowohl Geschichten für Kinder als auch für Erwachsene. Gelegentlich schreibt sie auch Heftromane oder veröffentlicht Kurzgeschichten in Zeitschriften. Thea Maron lebt mit ihrer Familie im Rheinland zwischen Bonn und Köln.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Hast du eigentlich immer noch keinen Mann?

1. »Autsch, verdammt!« Finn zuckte zurück. Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihn, vor allem seinen Kopf, und gleichzeitig eine Wut auf
   diese dämliche Kante am Treppengeländer, die doch schon seit Ewigkeiten da war, und die er eigentlich zur Genüge kennen sollte. Er wohnte ja nicht erst seit gestern hier, und er legte auch nicht zum ersten Mal ein paar Dinge auf dem Fußboden neben der Treppe ab, um sie bei nächster Gelegenheit mit in den Keller zu nehmen.
   Was war bloß los mit ihm? Im Moment passierten ihm ständig so komische kleine Unfälle. Er passte zurzeit einfach nicht richtig auf.
   Vorsichtig betastete er die Stelle über der Stirn, die höllisch wehtat – und zog eine blutverschmierte Hand zurück. Ihm wurde flau im Magen. Schnell zog er ein Taschentuch aus der Hosentasche und presste es auf die blutende Stelle. Als auch das Taschentuch sekundenschnell durchnässt war, lief er in die Küche und riss etwas von der Küchenrolle ab und ersetzte das Taschentuch.
   Vielleicht wäre es doch ganz gut, wenn er sich kurz beim Arzt melden würde. Sein Hausarzt würde sich freuen, ihn einmal wiederzusehen.
   Finn war nicht gerade das, was man einen regelmäßigen Arztgänger nannte. Genauer gesagt ging er nur hin, wenn es sich nicht mehr vermeiden ließ. Wenn er quasi dahinkriechen musste. Jetzt musste er zwar nicht direkt kriechen, aber eine Platzwunde konnte selbst er nicht ignorieren, und so musste sich Finn notgedrungen auf den Weg zum Arzt machen.
   Die Praxis Nettekoven war nicht weit entfernt. Sie lag gleich neben dem kleinen Einkaufszentrum an der Ecke und war zum Glück nicht voll. Finn war der erste Patient an diesem frühen Morgen, und so konnte er ohne Umweg über das Wartezimmer ins Sprechzimmer durchgehen.
   »Guten Tag, Herr Langenbacher«, sagte der Arzt freundlich. Finn wunderte sich, dass er ihn nach so vielen Jahren der Abwesenheit überhaupt noch mit Namen kannte.
   »Ich ahne, weshalb Sie zu mir kommen. Nehmen Sie bitte auf der Liege Platz.«
   »Zuerst dachte ich, ich muss überhaupt nicht kommen«, sagte Finn, der schon wieder daran zweifelte, ob es nicht vielleicht doch übertrieben gewesen war, überhaupt zum Arzt zu gehen. »Aber es hört und hört nicht auf zu bluten. Verflixt noch mal, gestern klemm ich mir den Finger in einer Schublade ein, vorgestern säbel ich mir beim Tomatenschneiden in den Finger und heute krache ich mit dem Kopf gegen das Treppengeländer. In der letzten Zeit passieren mir ständig so komische Unfälle. Ich dachte auf jeden Fall, dass es besser ist, wenn ich mal zu Ihnen hereinkomme.« Er wunderte sich über sich selbst, dass er plötzlich so redselig war. Das war sonst nicht seine Art. Auf einmal, wie er da so auf der Liege saß, fühlte er sich unendlich müde und erschöpft. Unerklärlicherweise war er plötzlich nur froh, dass sich jemand um ihn kümmerte. Die letzte Zeit war für ihn anstrengend gewesen. Vielleicht lag es daran, dass er sich plötzlich so durcheinander und seltsam fühlte.
   Er hatte sich vor einem Jahr als Ingenieur selbstständig gemacht, und seitdem war er kaum mehr zum Pausemachen gekommen. Freie Wochenenden oder einfach mal vor dem Fernseher abschalten waren regelrechte Fremdworte für ihn geworden.
   »Sie haben auf jeden Fall gut daran getan, zu mir kommen.« Vorsichtig entfernte Dr. Nettekoven den provisorischen Verband und besah sich die Wunde am Kopf. »Das sieht zum Glück schlimmer aus, als es ist«, sagte er einem Augenblick später. »Kopfwunden dieser Art haben es an sich, dass sie stark bluten. Aber ich muss nicht einmal nähen, etwas Wundkleber reicht aus.« Kurze Zeit arbeitete er konzentriert. »Das war es schon«, sagte er dann. »Nehmen Sie doch bitte noch einen Moment Platz, Herr Langenbacher.« Er zeigte auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und setzte sich selbst dahinter. »Wie ist das nun eigentlich genau passiert?«
   »Das war wirklich eine ganz dumme Sache«, antwortete Finn. »Ich wollte ein paar Dinge bei mir zu Hause neben der Treppe abgelegen, so wie ich es immer mache. Wenn ich das nächste Mal in den Keller gehe, nehme ich die Sachen mit. Dabei bin ich gegen die Kante vom Geländer gestoßen. Ich habe das Gefühl, ich passe im Moment irgendwie nicht richtig auf.« Finn strich sich über seinen Hemdsärmel und zupfte eine unsichtbare Fluse fort. Warum fühlte er sich bloß so zittrig?
   »Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?«, fragte Dr. Nettekoven.
   »Ich arbeite als selbstständiger Ingenieur und berate Firmen, häufig auch im Ausland, bei größeren Brücken- oder Tunnelprojekten. Aber irgendwie läuft das alles im Moment nicht so richtig rund.«
   »Was meinen Sie genau?«
   »Also finanziell ist die Selbstständigkeit schon sehr lukrativ, da kann ich nicht klagen. Aber in der letzten Zeit kann ich mich einfach so furchtbar schlecht konzentrieren und ich habe ständig das Gefühl, dass ich etwas falsch mache. Dann muss ich immer nachkontrollieren und nachrechnen, ob alles stimmt. Das ist in meinem Beruf nicht gerade hilfreich. Ich muss schon recht flott sein im Kopf, wenn Sie wissen, was ich meine. Aber irgendwie ist auf einmal alles so mühsam geworden.«
   Dr. Nettekoven nickte. Anscheinend hatte er verstanden, was Finn ihm da so durcheinander erzählte.
   Finn war erschrocken, dass er so viel redete, das war sonst nicht seine Art. Dieser Arzt lockte das alles irgendwie aus ihm heraus. Doch insgeheim war Finn auch froh, diese Dinge, die ihn belasteten, einmal anzusprechen. Mit wem sollte er sonst reden, privat hatte er im Moment niemanden an seiner Seite.
   »Schlafen Sie auch schlecht?«, wollte der Arzt wissen. »Haben Sie Probleme mit dem Einschlafen oder wachen Sie nachts häufiger auf?«
   »Nein, damit habe ich keine Probleme. Ich werde immer erst wach, wenn der Wecker klingelt.«
   »Gut, das ist schon mal viel wert. Aber wie sieht es bei Ihnen an den Wochenenden aus? Halten Sie sich die Wochenenden von Arbeit frei?«
   »In der letzten Zeit war ich beruflich viel unterwegs. Am letzten Wochenende war ich in Belgien, dort saniert mein Auftraggeber derzeit eine Brücke, und ich war als Berater vor Ort. Davor war ich zwei Wochen lang in Ungarn. Ich war zwischendurch nicht zu Hause. Die Aufträge gehen bei mir schon mal ineinander über. Ich mache meinen Job wirklich gern, aber …«
   Dr. Nettekoven schüttelte den Kopf. »Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, Herr Langenbacher, dann sorgen Sie dafür, dass Sie sich genügend Zeit für den Ausgleich nehmen. Sie müssen Ihre Batterien zwischendurch auch einmal wieder aufladen. Sie glauben nicht, was Stress anrichten kann. Dem sollte man entgegenwirken. Haben Sie die Möglichkeit, Ihre Aufträge auch einmal zu verschieben?«
   »Das ginge schon. Ich bekomme sowieso viel mehr Aufträge angeboten, als ich überhaupt brauche.« Finn verzog den Mund zu einem müden Lächeln. »Ich bin recht gefragt in meinem Job.«
   »Wenn man sein eigener Chef ist, dann überfordert man sich leider schnell selbst«, sagte Dr. Nettekoven. »Manche Menschen betreiben regelrecht Raubbau an ihrer Gesundheit, indem sie nur noch mit ihrer Arbeit beschäftigt sind und kaum mehr abschalten können. Weder abends noch am Wochenende. Auf Dauer geht das nicht gut. Wenn zu wenig Zeit zum Abschalten und zum Erholen bleibt, kann es durchaus sein, dass sich die Neigung zu Unfällen häuft, wie es bei Ihnen derzeit der Fall ist. Solche Ereignisse zwingen uns dazu, einmal innezuhalten und nachzudenken.«
   Finn nickte. Er fand sich in dem wieder, was Dr. Nettekoven ihm erklärte.
   »Das bedeutet nicht, dass Sie tatenlos zu Hause herumsitzen müssen und nichts tun sollen. Ich meine eher die aktive Entspannung. Vielleicht suchen Sie sich ein schönes Hobby.«
   »Ich gehe reiten. Obwohl ich in letzter Zeit nicht gerade häufig in Vaters Reitstall war«, fügte Finn nachdenklich hinzu. »Das habe ich wohl auch ein wenig vernachlässigt.«
   Finns Vater Günther hatte sich vor einigen Jahren einen Lebenstraum erfüllt und im Anzinger Norden einen kleinen Reitstall eröffnet.
   »Tun Sie etwas, was Ihnen Spaß macht, Herr Langenbacher«, riet Dr. Nettekoven. »Ich persönlich gehe gern zur Entspannung ins Museum. Sie finden aber sicher auch irgendetwas anderes, das Ihnen guttut.«
   »Im Museum war ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Früher bin ich häufiger dorthin gegangen.«
   »Dann machen Sie es doch einmal wieder. In München läuft gerade eine hervorragende Kandinsky-Ausstellung, vielleicht wäre das etwas für Sie. Bei uns im Wartezimmer müssten eigentlich noch Flyer dazu ausliegen. Ich schreibe Sie auf jeden Fall hochoffiziell krank, mit der dringenden Empfehlung, sich eine Auszeit zu gönnen.« Der Arzt lächelte ihn aufmunternd an. »Denken Sie auch einmal an sich und nicht immer nur an die Arbeit«, fügte er noch hinzu, bevor sich die Sprechzimmertür hinter Finn wieder schloss.

*

»Guten Morgen, Ulrike«, begrüßte Linnea ihre Freundin. »Du bist ja schon richtig fleißig um diese frühe Uhrzeit.«
   Sie arbeiteten als Restauratorinnen im Lenbachhaus, einem Münchener Kunstmuseum. Ihre Zusammenarbeit funktionierte prima, und im Laufe der Zeit hatten sie sich auch privat angefreundet.
   Ulrike arbeitete gerade an einem Gemälde, das aus einer Sammlung im zweiten Stock des Hauses ins Atelier gebracht worden war. An dem Kunstwerk faserte die Malpappe seitlich auf, und Ulrike festigte die Pappe an den Rändern neu. »Guten Morgen, Linnea. Klar bin ich schon fleißig, was denkst du denn?« Ulrike ließ ihr Arbeitsgerät sinken und lächelte Linnea vergnügt an. »Dafür bin ich aber heute Nachmittag früher wieder weg. Wann gehst du denn heute? Um sieben? Oder erst um acht?«
   »Kaum bin ich da, fragst du, wann ich wieder gehe.« Linnea sah sie betont vorwurfsvoll an. »Nein, im Ernst, ich muss einfach schauen, wann ich heute fertig werde. Ich hab viel zu tun. Aber wo wir gerade bei den Planungen sind: Gehen wir heute in der Mittagspause wieder ins Café?«
   Im Museumscafé gab es mittwochs immer einen hervorragenden Streuselkuchen, und sie hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Mittwoch ein Stück davon zu genießen.
   »Natürlich machen wir das.«
   Linnea setzte sich an ihren Schreibtisch und schaltete den PC ein. Dann lehnte sie sich zurück und wartete, bis er hochgefahren war. »Jetzt muss ich erst einmal die ganzen neuen Einträge hier bearbeiten. Und dann ist gestern noch das neue Bild angeliefert worden.«
   Das Museum hatte in der vorigen Woche ein Ölgemälde aus einer Privatsammlung erworben. Auf der Oberfläche des Bildes waren leichte Ruß- und Schmutzspuren vorhanden, die Linnea gestern bereits mit kleinen Markierungen versehen hatte. Heute würde sie damit beginnen, die Spuren vorsichtig mit einem speziellen Lösungsmittel zu entfernen.«
   Ulrike nickte. »Da wartet tatsächlich viel Arbeit auf dich.«
   »Na ja, mir macht es nichts aus, wenn ich länger bleibe. Ich habe heute Abend sowieso nichts Besonderes vor. Es ist ziemlich egal, wann ich nach Hause komme.«
   »Weißt du was, Linnea? Du solltest dir endlich mal einen netten Freund zulegen«, kam Ulrike mal wieder auf dieses leidige Thema zu sprechen.
   Linnea seufzte, denn sie hatten solche Gespräche schon häufiger geführt.
   »Unsere Arbeit ist natürlich eine schöne Arbeit, ganz klar. Aber es gibt auch noch andere schöne Dinge auf der Welt als immer nur die Arbeit. Hast du denn eigentlich immer noch keinen Mann, der dich anspricht?«
   »Der mich anspricht«, witzelte Linnea. »Doch, ich habe viele Männer, die mich ansprechen, aber der Richtige war eben noch nicht dabei.«
   »Ach was, diese Sache mit dem haargenau passenden Mann wird doch maßlos übertrieben«, entgegnete Ulrike. »Glaubst du im Ernst an die große Liebe? An den einen Mann, mit dem man bis an sein Lebensende zusammenbleibt? Ich glaube, den gibt es gar nicht.«
   »Oh doch, den gibt es«, sagte Linnea leise. Sie wusste, dass sie in dieser Sache mit ihrer Freundin nicht unbedingt einer Meinung war.
   »Schau doch, wie ich es mache«, sagte Ulrike. »Im vorletzten Jahr war ich mit Valentin zusammen. Letztes Jahr hatte ich für drei Monate Andreas und jetzt habe ich meinen lieben Justin. Das sind doch irgendwie alles die richtigen Männer. Oder zumindest waren sie es mal. Außerdem hat man viel mehr Spaß, wenn man die Männer ab und zu wechselt.« Sie grinste. »Mein Justin ist der Allerbeste von allen«, fügte sie schnell hinzu. »Das ist so ein toller Kerl, hach ja.« Sie seufzte sehnsüchtig, offensichtlich dachte sie gerade an ihren Liebsten.
   Linnea schüttelte den Kopf. Ulrike und sie verstanden sich wirklich gut, aber was das Thema Männer anging, waren sie sehr verschieden. Ulrike wechselte ihre Freunde reichlich schnell, wobei jede neue Liebe bei ihr von existenzieller Bedeutung war. Aber genauso schnell, wie sie gekommen war, erlosch diese Liebe wieder, bis sich Ulrike wenig später ebenso rettungslos in einen neuen Mann verknallte und alles von vorn losging.
   Linnea war da anders. Sie hatte zwar auch schon die eine oder andere Männerbekanntschaft in ihrem Leben gemacht – es war nicht so, dass sich die Männer nicht für sie interessierten. Aber für Linnea waren es doch bloß immer unverbindliche Beziehungen gewesen, die ihrem Herzen im Grunde genommen nicht viel bedeutet hatten.
   Den einen Mann, bei dem ihr Herz ganz eindeutig Ja gesagt hätte, den hatte sie noch nicht gefunden.
   Linnea glaubte fest daran, dass es diesen Mann gab. Aber sie wusste nicht, wo es ihn gab, und manchmal hatte sie Angst, dass sie dem Mann ihres Leben nie begegnen würde. Sie konnte schlecht überall auf der Welt nach ihm suchen.
   »Nun ja«, sagte Ulrike, bevor sie sich wieder an ihre Arbeit machte. »Jeder Jeck ist eben anders. Ich wünsche dir auf jeden Fall, Linnea, dass du ihn eines Tages findest, deinen Traummann. Ohne Mann durchs Leben zu gehen, ist doch öde.«
   Linnea nickte, denn das fand sie auch.

*

Nach dem Besuch bei Dr. Nettekoven war Finn nach Hause gefahren. Er wohnte nicht weit entfernt von der Anzinger Gemeindeverwaltung in einem kleinen Haus, das er allein bewohnte, und das ihm manchmal – obwohl das Haus wirklich nicht sehr groß war – viel zu groß vorkam. Vielleicht lag es daran, dass er allein darin wohnte, er wusste es nicht genau.
   Seine Beziehung zu Tamara war im letzten Herbst in die Brüche gegangen. Sie waren nicht lange zusammen gewesen, denn Finn hatte recht schnell gemerkt, dass Tamara zwar gut aussah, in ihrem Kopf aber herzlich wenig vorging – und er hatte sich wieder von ihr getrennt.
   Tamara war eingeschnappt gewesen, aber nicht, weil sie noch unsterblich in Finn verliebt gewesen wäre, sondern eher deswegen, weil normalerweise sie es war, die eine Beziehung beendete.
   Was die Liebe betraf, hatte Finn bisher im Leben kein großes Glück gehabt. Manchmal zweifelte er daran, dass er jemals die richtige Frau finden würde, mit der er sein Leben und sein Glück teilen konnte.
   Als er sein Zuhause betrat, war er einen Moment versucht, durch ins Arbeitszimmer zu gehen und die Zeit nachzuholen, die er, statt zu arbeiten, beim Arzt verbracht hatte.
   Doch dann hielt er inne. Er merkte selbst, dass er dringend ausspannen musste. Vielleicht sollte er tatsächlich einmal – zumindest heute – etwas anderes tun, als zu arbeiten.
   Finanziell könnte sich Finn auch eine längere Auszeit problemlos leisten. Er hatte zuletzt so viel verdient, dass er kaum wusste, wie er das ganze Geld ausgeben sollte.
   Er blätterte den Flyer von der Kunstausstellung durch, die Dr. Nettekoven ihm ans Herz gelegt hatte. Also gut, er würde sie sich einmal ansehen.

Gegen Mittag parkte Finn vor dem Lenbachhaus und betrat wenig später die Ausstellungsräume. Er schlenderte von Raum zu Raum, sah sich interessiert die Kandinsky-Ausstellung an und genoss die übrigen Kunstwerke. Er besuchte auch die Sammlung Joseph Beuys im ersten Stock, dessen zeitgenössische Aktionskunst er zwar etwas ungewöhnlich, auf jeden Fall aber sehr interessant fand.
   Zwei Stunden später stattete Finn, etwas müde vom ungewohnten Schlendern, dem Museumscafé einen Besuch ab. Nach so viel Kultur wollte er sich einen Kaffee gönnen.
   Das Café war gut besucht. Ein herrlicher Duft nach frischem Kuchen lag im Raum. Es waren nur noch wenige Tische frei. Finn schob sich an den Stühlen zweier Frauen vorbei, und setzte sich an den Nachbartisch. Als die Kellnerin kam, bestellte er einen Milchkaffee und ein Stück Apfelkuchen.
   »Halt, Sie müssen unbedingt den Streuselkuchen nehmen«, sagte eine der beiden Frauen vom Nebentisch. Sie grinste Finn an. »Den gibt es hier immer nur mittwochs, und der schmeckt einfach göttlich.« Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch da ging ihr Handy. Wenig später stand sie auf. »Ich muss schon wieder nach oben«, sagte sie bedauernd zu der anderen Frau. »Der Hartmut ist doch schon mit der Büste gekommen, und ich muss ihn dringend noch was dazu fragen. Trink du in Ruhe deinen Kaffee aus, bis gleich.«
   »Mach ich, Ulrike, bis gleich.«
   Als Ulrike verschwunden war, schob die Frau, die am Tisch sitzen geblieben war und deren schlanke Erscheinung Finn nur von hinten sehen konnte, die beiden Kuchenteller zur Seite. Dabei fiel eine Kuchengabel auf den Boden.
   Finn und die Frau bückten sich fast gleichzeitig nach unten, um die Gabel aufzuheben. Dabei passten sie nicht auf und stießen mit den Köpfen aneinander.
   »Autsch, verflixt. Nicht schon wieder«, rutschte es Finn heraus. Zum Glück hatte es diesmal seine linke Kopfseite getroffen, und nicht wieder die rechte, an der er heute Morgen verarztet worden war.
   Beim Hochkommen fiel sein Blick auf die Frau, die sich ebenfalls die Stirn rieb – und einen Moment stockte ihm der Atem.
   Wie schön sie war!
   Ihre Haare waren rötlich-blond und fielen ihr bis über die Schultern. Ihr zartes Gesicht mit den hohen Wangenknochen zog seinen Blick magisch an. Vor allem ihre Augen hatten es ihm angetan, die so unglaublich grün waren, wie Finn es selten zuvor gesehen hatte.
   »Entschuldigen Sie bitte. Haben Sie sich wehgetan?« Sie sah ihn besorgt an.
   »Ähm, nein«, stieß Finn hervor, denn in der Nähe dieser schönen Unbekannten fehlten ihm die Worte. Er war sonst niemand, der um Worte ringen musste, aber jetzt steckten sie ihm wie verhext im Halse fest. »Ich hatte heute Morgen schon einen kleinen Unfall«, sagte er einen Moment später, nachdem er sich gefasst hatte. »Die Wunde musste geklebt werden. Vermutlich habe ich heute Abend zwei Beulen am Kopf.«
   »Oh, die haben Sie jetzt schon. Sie Armer.« Ein Lächeln, halb besorgt und halb belustigt, umspielte ihren schön geschwungenen Mund.
   »Sie haben mehr Glück gehabt, bei Ihnen sieht man kaum etwas.« Finn musterte die Stirn der Frau, auf der nur eine leichte Rötung zu sehen war.
   »Ich kann mit Verletzungen mithalten. Schauen Sie nur, was ich gestern von meiner Reitstunde davongetragen habe.« Sie grinste ihn an, schob den Ärmel ihrer Bluse ein Stückchen nach oben und zeigte Finn eine größere Schramme am Arm. »Die habe ich mir an der Hallentür geholt, als ich sie aufstoßen wollte.«
   »Sie reiten?« Er drehte seinen Stuhl ein Stück zur Seite, damit er sich besser mit ihr unterhalten und sie vor allem besser anschauen konnte. »Ich reite auch, mein Vater besitzt einen Reitstall.«
   »Wie beneidenswert«, sagte sie. »Da können Sie reiten, soviel sie möchten. Ich fahre zurzeit einmal in der Woche in einen Münchener Reitstall, aber es gefällt mir dort ehrlich gesagt nicht. Der Reitlehrer ist nicht sonderlich freundlich, vor allem nicht zu uns Anfängern. Ich habe erst vor fünf Monaten mit dem Reiten angefangen.«
   Sie lächelte ihn an, und in seinem Magen breitete sich ein herrlich kribbeliges Gefühl aus. Herrje, was war bloß los mit ihm? Ein merkwürdiges Gefühl beschlich ihn. Hatte er sich etwa verliebt? Hatte er sich tatsächlich Hals über Kopf in eine Frau verliebt, die er gerade einmal fünf Minuten kannte? So etwas war Finn noch nie im Leben passiert. Üblicherweise war er doch, nun ja, etwas langsamer und bedächtiger in solchen Dingen.
   Er atmete tief durch und versuchte, innerlich wieder etwas ruhiger werden. »Wenn Sie möchten, kommen Sie doch einmal bei uns vorbei«, schlug er vor. »Es ist der Langenbacher Hof in der Merkurstraße in Anzing. Gleich hinter unserem Hof beginnt der Anzinger Forst, dort kann man wunderbar ausreiten.«
   »Das mache ich gern. Mein Name ist übrigens Linnea. Bei wem soll ich mich dann im Reitstall melden?«
   »Am besten direkt bei mir. Ich bin Finn. Finn Langenbacher, aber wir können gern beim Vornamen bleiben.« Er lächelte sie freundlich an. »Bei uns im Reitstall duzen wir uns sowieso alle. Wann möchten Sie denn gern kommen, damit ich dann auch sicher da bin. Ich bin leider nicht jeden Tag im Stall.«
   »Wie wäre es am nächsten Dienstag gegen fünf? Ich würde direkt nach der Arbeit kommen.«
   »Prima, das passt. Ich freue mich schon.«
   Sie unterhielten sich noch weiter über Pferde und Reiten, und die Zeit verging wie im Flug.

*

Als Ulrike später ins Café zurückkehrte, um nachzusehen, wo Linnea blieb – die Mittagspause war schon lange vorbei – staunte sie nicht schlecht. Linnea saß immer noch da und war in ein angeregtes Gespräch mit dem attraktiven Herrn vom Nachbartisch vertieft.
   Einen Moment blieb Ulrike am Eingang stehen und betrachtete die beiden. Linnea schaut richtig verliebt drein, dachte sie, bevor sie sich mit einem Lächeln auf den Lippen wieder abwandte.

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