Als Ellen von einer Reise zurückkehrt, muss sie feststellen, dass ihr Lebensgefährte ausgezogen ist. Stattdessen sitzt in der Nacht plötzlich ein fremder Traummann an ihrem Bett und verdreht ihr gehörig den Kopf. Ellen lässt sich von gesellschaftlichen Konventionen bremsen, aber als sie denkt, sie träumt nur, verliert sie alle Hemmungen und erlebt Stunden wahrer, wunderbarer Liebe. Plötzlich ist der Traummann auch in der Wirklichkeit da und Ellen muss entscheiden, ob sie den gesellschaftlichen Normen folgend zwischen Traum und Leben trennen oder ihren Traum erleben will.

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Bea Lange

Bea Lange
© Kiki Beelitz
Bea Lange ist das Pseudonym, unter dem Sabine Bruns Romane veröffentlicht. Jahrgang 1962, EDV-Kauffrau, Dozentin in der Erwachsenenbildung, Fachjournalistin und Autorin von Fachbüchern. Sie lebt mit Mann, Pferden, Hunden und Katzen in einem kleinen Dorf in Norddeutschland.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Freitag, früher Abend

»Verdammt, können die sich für ihre albernen Umarmungsorgien nicht an den Rand stellen?« Fluchend bewältigte ich den Slalom zwischen sich laut be-
   grüßenden, gefühlsduseligen Menschen, im Weg herumstehenden Koffern und Hotelangestellten, die mit großen Namensschildern auf ihre Gäste warteten. Ich fixierte mit den Augen das rote Exit-Schild, als würde der Ausgang mir entgegenkommen, wenn ich ihn nur konzentriert genug hypnotisierte.
   Endlich öffnete sich die große automatische Drehtür, und ich betrat die Schleuse in die Freiheit. Da ich keine Hand frei hatte, atmete ich mit vorgeschobener Unterlippe kräftig aus, um die Strähnen aus dem Gesicht zu pusten, die sich während der Gepäckabholung aus meinem hochgesteckten Haar gelöst hatten.
   Die Drehtür öffnete sich zur Außenseite. Ich fasste mit der linken Hand den Griff vom Trolley wieder fester. Ein heftiger Windstoß erfasste mich, und ich stemmte meinen Körper nach vorn. Typisches Hamburger Aprilwetter. Unangenehm, aber wenigstens war ich sicher am Boden und brauchte keinen Herzinfarkt mehr zu fürchten wie eben noch im Flieger, festgeklammert an meinen Sitz, weil sich das Wetter den Spaß gemacht hatte, mit der Maschine Pingpong zu spielen.
   Mit gesenktem Kopf steuerte ich den Zebrastreifen an, über den ich in die Tiefgarage und zu meinem Auto kommen würde.
   Nun noch zum Zahlungsautomat, geradeaus den Gang entlang, und endlich stand ich neben meinem Kombi und öffnete die Tür.
   Da passierte es. Ich donnerte mit dem Kopf gegen etwas Hartes, prallte ab und blickte auf. Vor meinen Augen war alles grau. Irritiert trat ich einen Schritt zurück und erkannte, dass die graue Fläche zu einem eng sitzenden, ausgeblichenen T-Shirt gehörte, das einen beeindruckend breiten Brustkorb bedeckte. Mein Blick wanderte hoch, über ein Lederband mit Silberanhänger, einen bemuskelten Hals, ein markantes Kinn, und plötzlich starrte ich in fast schwarze Augen unter wirren dunkelbraunen Haarsträhnen.
   Zwei Hände hielten meine Oberarme und die weich geschwungenen Lippen unter diesen Augen und einer verboten sinnlichen Nase öffneten sich. »Sorry, ich habe Sie nicht gesehen.«
   »Ich Sie auch nicht«, erwiderte ich bewundernswert intelligent.
   Seine Augenbrauen hoben sich. »Alles in Ordnung?«
   »Äh, ja.«
   »Ich helfe Ihnen.«
   Er ließ meine Arme los und bückte sich zur Aktentasche und zum Koffer. Beides war zu Boden gefallen. Mein Blick blieb auf seinen Unterarmen hängen, kräftigen Unterarmen mit hervortretenden Venen und starken Handgelenken.
   Als er sich wieder aufrichtete, hielt er den Griff meines Trolleys und die Tasche in der Hand und schob beides mit schnellen Bewegungen ins Auto. Er schlug die Tür zu, und ich erwachte aus meiner Starre.
   »Danke«, sagte ich und konnte meine Nase nicht davon abhalten, diesen herben Duft tief zu inhalieren. Seine Lippen verzogen sich zu einem angedeuteten Lächeln, was die markanten Wangenknochen noch besser zur Geltung brachte.
   Er nickte mir zu, drehte sich um und eilte in seinen Turnschuhen dynamisch, elastisch davon, während ich einem prallen Hintern in ausgeblichener Jeans hinterherstarrte.
   »Schönling. Denkt auch, wenn er so aussieht, kann er sich alles erlauben. Frechheit.« Missmutig konzentrierte ich mich wieder auf mein Auto.
   Ich kurvte aus der Garage heraus und machte mich auf den gut hundertzwanzig Kilometer langen Weg nach Hause.
   Während ich mich auf der Autobahn in den dichten Rushhourverkehr einfädelte, brummte mein Handy. Ich tippte auf den Knopf der Freisprecheinrichtung.
   »Ellen? Bist du das?«
   »Ja, Mutter, du hast doch meine Nummer gewählt.«
   »Wo bist du?«
   »Ich war auf der Handwerksmesse in München, bin eben aus dem Flugzeug gestiegen und auf dem Weg nach Hause.«
   »Was machst du auf einer Handwerkermesse?«
   »Mutter, ich bin Handwerkerin.«
   »Ich denke, du töpferst?«
   Innerlich verdrehte ich die Augen und mahnte mich zur Ruhe. Meine Mutter war alt. »Ich fahre zu Handwerkermessen, weil ich da Händler treffe, die meine getöpferten Waren verkaufen.«
   »Ist Michael bei dir?«
   »Nein, Michael ist zu Hause geblieben und füttert die Katzen.«
   »Hat er inzwischen eine Arbeit in Aussicht?«
   Ich seufzte genervt. »Nein, ich glaube nicht.«
   »Er kann doch nichts dafür, dass er keine Arbeit hat.«
   Doch Mutter, kann er. Er müsste bloß seinen trägen Arsch hochkriegen, wollte ich sagen, hielt mich aber zurück.
   »Wie geht es dir?«, lenkte ich ab und hörte mir die nächste halbe Stunde lang an, zu welchen Ärzten sie in der letzten Woche gegangen war und was für falsche Diagnosen die gestellt hatten.
   Wird man zwangsläufig im Alter kindisch? Wenn ja, wann beginnt es? Merkt man es selbst oder hält man sich auch mit neunzig noch für intelligent und interessant?
   Ich war vor drei Wochen zweiunddreißig Jahre alt geworden, zahlte fleißig mein kleines, einsames Häuschen ab, fütterte neben acht Katzen auch täglich meinen nicht besonders fähigen Lebenspartner und liebte meine Arbeit. War ich glücklich?
   Unwillig schüttelte ich den Kopf. Natürlich war ich glücklich. Ich hatte mein Hobby zum Beruf gemacht und verdiente wirklich gut damit. Wer kann das schon von sich behaupten? Ich verfügte über einen großen Freundeskreis, besaß ein, schon halb abbezahltes, wunderschönes, uraltes, einsam gelegenes Häuschen und lebte in einer glücklichen Beziehung.
   Na ja, fast glücklichen Beziehung. Okay, wir lebten in Harmonie und vertrauter Gewohnheit zusammen, nur eben nicht gerade aufregend, denn Michael war träge, bequem und nicht gerade fantasievoll, was die Gestaltung unserer Beziehung anging. Ich seufzte. Wahrscheinlich stellte ich zu hohe Ansprüche. Immerhin wohnten wir bereits seit sechs Jahren zusammen. Da sind Beziehungen nicht mehr so prickelnd wie am ersten Tag.
   Unwillkürlich musste ich an den Zusammenstoß in der Tiefgarage denken. Ja, ich konnte zufrieden sein, Michael war nun mal nicht sportlich, aber ehrlich, zuverlässig und intelligent. Auf einen wie ihn konnte man sich zumindest verlassen, nicht so wie bei diesen windigen Möchtegern-Schönlingen, die nur darauf aus sind, einem den Kopf zu verdrehen.

Freitag, später Abend

Endlich. Ich bog von der Landstraße in die schmale Zufahrt zu meinem kleinen Häuschen ab. Fast zeitgleich beschwerte sich der Scheibenwischer mittels lautem Rubbeln über eine trockene Scheibe und ich schaltete ihn ab. Der Weg führte am Hof meines nächsten Nachbarn Hannes vorbei, einem modernen landwirtschaftlichen Betrieb, dann um eine enge Kurve durch ein kleines Waldstück und schließlich geradeaus an einem Acker entlang. Von hier aus konnte ich mein Hexenhäuschen schon sehen. Aber warum war alles dunkel? Stirnrunzelnd versuchte ich, mich zu erinnern, ob Michael erzählt hatte, dass er wegfahren wollte, doch mir fiel nichts ein.
   Ich stieg aus, griff nach Jacke, Aktentasche, Trolley … und stutzte. Hinter dem Fahrersitz stand ein mir unbekannter schwarzer Aktenkoffer. Ich holte ihn aus dem Auto und betrachtete ihn von allen Seiten. Kein Namensschild, ziemlich verschrammt und abgeschlossen. Okay, ich würde später darüber nachdenken, wie dieser Koffer in mein Auto gekommen war. Erst mal stellte ich ihn quer auf den Trolley und nahm ihn mit hinein.
   Ich tastete mich durch die Dunkelheit über den schmalen Fußweg zur Haustür. Du hättest wenigstens das Außenlicht einschalten können, wenn du schon bei meiner Heimkehr nicht da bist, meckerte ich im Geiste meinen gleichgültigen Lebenspartner an. Die Katzen schlichen schnurrend um meine Beine. »Hey, meine Süßen, habt ihr noch kein Abendessen bekommen?« Ich stieg über die Fellmonster hinweg, schloss auf und machte Licht. »Michael?«
   Keine Antwort.
   Nachdem ich meine Jacke ausgezogen hatte, schleppte ich das Gepäck gleich ins Arbeitszimmer durch, damit es nicht erst irgendwo im Weg herumstand. Ein Blick in die Küche, aufgeräumt und leer, genauso das Wohnzimmer. Ich öffnete die Tür zum Schlafzimmer und zuckte zurück, denn jetzt erst nahm mein Verstand wahr, was meine Augen gerade an der Wohnzimmerwand gesehen hatten. Eine Schranktür stand halb offen und das Fach dahinter war leer geräumt. Michaels Fach. »Was ist denn hier los?«
   Im Schlafzimmer sah auf den ersten Blick alles aus wie immer. Das Doppelbett war ordentlich gemacht, die Gardinen zugezogen, aber irgendetwas fehlte. Es wirkte zu aufgeräumt. Keine Hose von Michael, kein achtlos über das Bett geworfenes T-Shirt, keine benutzen Socken halb unter dem Bett. Ein dumpfes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Ich öffnete die Tür zu seinem Arbeitszimmer und blickte auf einen grauen Teppichboden mit den Abdrücken kürzlich entfernter Möbel. Der Raum war vollständig ausgeräumt. Nur das gerahmte Foto von diesem dämlichen Faschingsfest im Dorfgemeinschaftshaus vor einem Jahr, das hing noch an der Wand. Wir waren als Paar in bayrischer Bauerntracht erschienen. Was für ein grausiger Abend. Zu dem dumpfen Gefühl im Magen gesellte sich ein bitterer Geschmack auf der Zunge.
   Es war offensichtlich, aber ich wollte es noch nicht wahrhaben. Sicher gab es eine Erklärung. Anrufen! Natürlich, ich brauchte ihn ja bloß anrufen, dann würde er mir schon eine plausible Erklärung geben.
   Ich wechselte in die Küche, setzte mich an den Tisch und griff zum Telefon, da fiel mein Blick auf den Briefumschlag. Er lehnte an der Kaffeemaschine und es stand mein Name drauf.
   Meine Finger zitterten, als ich ihn aufriss. Es waren nur fünf Zeilen. Das Ende unserer Beziehung umfasste fünf Zeilen auf einem weißen Stück Papier.
   Du spürst doch selbst, dass wir uns auseinandergelebt haben, stand da, und, Du gibst mir das Gefühl, nichts wert zu sein. Ich habe eine andere Frau kennengelernt. Es tut mir leid.

Ich las noch einmal. Die Sätze veränderten sich nicht, auch nicht beim dritten Lesen. Schließlich akzeptierte ich in ohnmächtiger Wut, dass er mich dazu zwang, seinen Abgang unkommentiert und wehrlos hinzunehmen. »Du miese, feige Ratte!«

Eine Stunde später hatte ich meinen Koffer ausgepackt, die Katzen gefüttert, geduscht und einen kuscheligen, uralten Pyjama angezogen. Ich öffnete eine Flasche Wein, vergrub mich auf der Couch unter einer Wolldecke und suhlte mich im Selbstmitleid. Drei der Katzen rollten sich auf mir und an mich gedrängt zusammen. Ich vergrub die Hände in ihrem Fell, während ich mich fragte, ob ich nun den Rest meines Lebens allein verbringen müsste.
   Als ich zwei Stunden später ins Bett wechselte, war die Flasche halb leer. Die Augen fielen mir zu, und ich versank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

In der Nacht von Freitag auf Samstag

Irgendetwas strich weich an meinem Arm entlang. Ich stöhnte, hatte nicht die Absicht, mich von einer Katze wecken zu lassen. Jetzt rüttelte es an meinem Arm. Das war definitiv keine Katze. Nein, verdammt, das waren Finger! Ich riss die Augen auf und schreckte hoch, nur, um sofort wieder nach unten gedrückt zu werden. Eine Hand presste sich auf meinen Mund. Panisch krallte ich mich in deren Unterarm fest, während mein anderer Arm bewegungsunfähig auf die Matratze gedrückt wurde. Im Dunkeln erkannte ich schemenhaft eine riesige, breitschultrige Gestalt, die sich über meinen Körper beugte. Ich wehrte mich verzweifelt, doch so sehr ich auch strampelte und undefinierbare Geräusche ausstieß, sie gab nicht einen Millimeter nach. Durch die Nase schnaufend begriff ich, dass ich keine Chance hatte. Mein Herz raste. Nun erst registrierte mein Verstand, dass da auch eine Stimme war.
   »Keine Angst. Ich tu dir nichts. Hör auf zu zappeln. Ganz ruhig. Hörst du mich? Ganz ruhig.«
   Es war eine tiefe Männerstimme. Sie klang pervers sanft. Er würde mich vergewaltigen, ich war mir sicher. Nein, bitte nicht, wollte ich jammern, aber aus meinem Mund unter seiner Hand kam nur ein leises Wimmern.
   »Keine Angst. Du kannst mir glauben, ich tu dir nichts. Bitte schrei nicht, okay? Ich lasse dich jetzt los.«
   Die Unsinnigkeit meiner Abwehrversuche war mir bewusst. Ich gab auf und der Druck seiner Hände ließ nach. Ich war frei, setzte mich reflexartig auf, rückte so weit wie möglich von ihm weg und zog die Beine an.
   Er knipste die Nachttischlampe an, und ich erstarrte zu einem Betonklotz.
   »Erkennst du mich? Wir haben uns am Flughafen getroffen.«
   Ich glaube, ich nickte.
   »Ich will nichts von dir, ich hole nur den Koffer.«
   Ich begriff kein Wort.
   »Ich habe dich angerempelt, um einen Koffer in deinem Auto zu verstecken. Den brauche ich zurück. Wo ist er?«
   Immer noch begriff ich kein Wort.
   »Hey! Hast du mich verstanden? Koffer! Schwarz! In deinem Auto! Ich habe ihn eben da gesucht und nicht gefunden. Wo hast du ihn hingetan?«
   »Ich weiß nicht«, stieß ich heiser hervor.
   Er stöhnte genervt. »Mist. Erinnere dich! Weißt du, wovon ich rede?«
   »Ja.«
   »Was ja?«
   Ich zuckte zusammen. Sein Ton klang alles andere als freundlich.
   »Hey, du brauchst wirklich keine Angst haben. Ich tu dir nichts. Ich brauche nur den Koffer, dann haue ich sofort ab und du kannst in Ruhe weiterschlafen.«
   Ich versuchte, mich zu konzentrieren. »Wie bist du hier hereingekommen? Was soll das?«
   Er verdrehte die Augen. »Baby, das ist doch egal. Lass dir bei Gelegenheit ein anderes Schloss einbauen, dieses lässt sich leichter knacken als ein billiges Fahrradschloss. Denk bitte nach! Es ist wichtig. Hast du den Koffer in deinem Auto gefunden?«
   Unsere Blicke trafen sich. Jetzt realisierte ich wirklich, was mir gerade passierte. Der heiße Typ vom Flughafen saß auf meiner Bettkante. Dieser Schönling mit den ausgeprägten Unterarmen, dem knackigen Arsch und der breiten Brust in einem grauen T-Shirt … und er hatte mich gerade Baby genannt. Ich räusperte mich und richtete mich auf. Baby! Der spinnt wohl. »Ich habe ihn gefunden und rausgenommen. Woher weißt du, dass ich hier wohne?«
   »Von deinem Adressschild am Koffer. Wo hast du ihn hingetan? Es ist wichtig, ich brauche ihn unbedingt zurück!«
   »Wieso hast du ihn dann nicht gleich behalten?«
   »Ich musste ihn kurzfristig loswerden.« Er beugte sich vor und grinste. »Du sahst so aus, als könntest du mit dieser kleinen Aktion umgehen.«
   »Was soll das denn heißen?«
   »Nervenstark, bodenständig, intelligent.«
   Das klang wie … alt. »Verschwinde aus meinem Haus, oder ich rufe die Polizei. Jetzt.«
   Ehe ich die letzte Silbe ausgesprochen hatte, lag ich wieder flach auf dem Rücken, seine Hand presste sich erneut auf meinen Mund, während die andere meine Haare gepackt hatte. Meine Fingernägel in seinem Unterarm schien er nicht zu spüren.
   »Hör zu. Das ist kein Spiel. Ich habe gesagt, ich tu dir nichts, aber ich brauche diesen Koffer. Hast du das verstanden?«
   Augenblicklich klopfte mein Herz wieder laut und schnell. Stumm nickte ich unter seiner Hand und er ließ los.
   Meine zurückgewonnene Fassung hatte sich ins Nirwana verflüchtigt. »Ich habe es vergessen«, flüsterte ich.
   Er atmete laut aus. »Entschuldige, ich will dich eigentlich nicht erschrecken. Es ist nur extrem wichtig. Bitte. Du musst dich erinnern.«
   Verzweifelt versuchte ich, mich zu konzentrieren. »Ich habe ihn mit reingenommen, er müsste … er müsste in meinem Arbeitszimmer stehen.«
   Er griff nach meinem Arm. »Wir stehen auf und gehen ihn suchen.«
   Die Decke flog zur Seite, und ich saß in meinem ältesten, ausgeleierten Pyjama vor ihm. Ohne darüber nachzudenken, griff ich panisch zu, erwischte das Kopfkissen und hielt es schützend vor meinen Körper.
   »Lass das Kissen liegen. Das ist lächerlich. Durch den Stoff sieht man nichts«, sagte er mit deutlich ironischem Unterton, was mir die Hitze ins Gesicht trieb und dazu brachte, die Hände reflexartig wieder zu öffnen.
   Er stand auf, zog mich mit und da sah ich die Waffe in seinem Hosenbund. Ich hatte noch nie eine Pistole aus der Nähe gesehen. Schwarz und bedrohlich ragte sie griffbereit hervor. Ich erstarrte.
   Er legte seine Hand auf meine Schulter und drängte mich vorwärts. »Also los, in dein Arbeitszimmer. Mach keinen Scheiß. Sobald ich den Koffer habe, bist du mich los. Ganz bestimmt. Ich bin kein Verbrecher.«
   Er drehte mich Richtung Tür und ich wollte losgehen, da wurde sein Griff plötzlich schwerer.
   »Warte.«
   Irritiert blieb ich stehen. Seine Stimme klang plötzlich irgendwie seltsam, so träge. Er zog mich zurück, ließ sich langsam wieder aufs Bett sinken und drückte mich neben sich auf die Matratze. Dann umfasste er hart mein Handgelenk. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Er starrte konzentriert ins Leere. »Einen Moment. Nur einen Moment. Scheiße.«
   Sein Oberkörper sackte nach hinten. Da er meine Hand nicht losließ, wurde ich mitgezogen und kam neben ihm zum Liegen.
   »Nur einen Moment. Wir stehen gleich auf. Ich muss nur kurz ausruhen. Bitte, hab keine Angst, bleib einfach liegen, bitte. Nicht verraten, bitte nicht ver…«, murmelte er mit ersterbender Stimme.
   Stocksteif lag ich da und fühlte die Berührung unserer Arme. Sein Griff an meinem Handgelenk wurde lockerer. Vorsichtig traute ich mich, das Gesicht zu drehen. Seine Augen waren geschlossen. Seine Unterlippe zitterte, und auf seiner Stirn standen Schweißperlen. War er eingeschlafen?
   Ich wagte minutenlang nicht, mich zu bewegen. Eine unheimliche Stille umgab uns. Vorsichtig drehte ich meinen Arm und seine Hand rutschte hinunter. Ich richtete mich in Zeitlupengeschwindigkeit auf und sprang mit einem schnellen Satz aus seiner Nähe. Er reagierte nicht. Im Türrahmen blieb ich stehen. Seine Beine hingen bis auf die Erde, sein Körper lag entspannt quer über meinem Bett, die Arme ausgestreckt.
   Mein Herz klopfte so laut, dass ich nichts anderes hörte.
   Mit weichen Knien bewegte ich mich wieder auf ihn zu, beugte mich vor und zog mit einem schnellen Ruck die Waffe aus dem Hosenbund. Mit einem Satz sprang ich wieder aus seiner Reichweite. Er rührte sich immer noch nicht. War er ohnmächtig? Er atmete ruhig und gleichmäßig, er konnte doch nicht einfach eingeschlafen sein?
   Das Telefon! Ich musste die Polizei rufen!
   Irgendetwas ließ mich zögern. Ich konnte es nicht erklären. Vielleicht war es die Erinnerung an sein leises Bitten, kurz, bevor er bewusstlos geworden war oder diese im Schlaf entspannten Gesichtszüge, die ihn so jungenhaft und harmlos wirken ließen. Okay, vielleicht auch die Erinnerung an seinen Körper, dem ich neben meinem Auto so nahe gewesen war. Doch ich durfte auf keinen Fall riskieren, noch einmal in seine Gewalt zu geraten. Gut, ich hatte die Waffe, sollte er sich bewegen, würde ich sie auf ihn richten. Das gab mir Mut. Was sollte ich tun?
   Die Diskussion meiner inneren Stimmen wurde unterbrochen, denn er murmelte irgendwas, seine Zunge befeuchtete die Lippen. Mir fiel auf, wie trocken und spröde sie waren. Hatte er Fieber?
   Ich wusste, es war eine unverantwortliche Entscheidung, ich traf sie trotzdem. Ich rief nicht die Polizei. Aber ich musste sichergehen, dass er mich nicht noch einmal angreifen konnte. Mein Blick fiel auf meinen Morgenmantel, der über der Stuhllehne hing.
   Mit fahrigen Fingern zog ich den Gürtel heraus, formte eine Schlaufe und zog sie um sein rechtes Handgelenk. Er rührte sich nicht. Ich zog es zusammen mit seiner linken Hand auf seinen Bauch und fesselte seine Handgelenke aneinander. Er bewegte sich immer noch nicht. Aufatmend richtete ich mich auf, betrachtete ihn und legte eine Hand auf seine Stirn. Heiß. Eindeutig Fieber. Mutiger rüttelte ich an seinem Arm. »Hey, wach auf!« Er murmelte irgendwas. Ich rüttelte stärker. »Leg dich richtig hin, los. Zieh die Beine hoch.«
   Flatternd hoben sich seine Augenlider. Sein dunkler, durchdringender Blick irrte im Raum herum, traf mich. Er runzelte die Stirn.
   Ich wich seinem Blick nicht aus. »Ich habe deine Waffe. Keine falsche Bewegung, klar?«
   Er hob die Arme und betrachtete irritiert den verknoteten Stoff um seine Handgelenke. »Was zum Teufel …?«
   »Liegen bleiben! Leg dich richtig hin!«, forderte ich, nun doch wieder fast panisch. Er gab auf, ließ die Hände sinken und wälzte sich stöhnend auf die Schulter. Ich hob die Beine an, und dann lag er in Seitenlage auf meiner Hälfte des Doppelbettes. Er zitterte, wohl, weil er immer noch nur dieses graue T-Shirt trug. Keine Jacke. Sein Kopf hing schräg über der Schulter. Ich griff zum Kissen. »Hey, heb den Kopf hoch.« Er reagierte nicht, erst, als ich seine Haare berührte, öffnete er die Augen und half mit, sodass ich das Kissen unter seinen Kopf schieben konnte.
   »Danke. Tut mir leid«, flüsterte er, während die Augen wieder zufielen.
   Ich deckte ihn zu. Wieder brummte er irgendwas, drehte sich auf den Rücken, die Lider flatterten, er stöhnte. »Durst.« Noch ein Stöhnen, dann schien er vollständig zu resignieren, schloss die Augen und entspannte sich sichtbar.
   Okay. Ich lief ins Bad und öffnete den Medizinschrank. Irgendwo hatte ich noch diese Paracetamol-Tropfen, die der Arzt mir verschrieben hatte, als ich das letzte Mal flachlag. Nach kurzem Suchen hielt ich das Fläschchen in der Hand. Sehr gut. Bewaffnet mit dem Medikament und einem Wasserglas kehrte ich zu ihm zurück. Er schien zu schlafen, aber seine Arme bewegten sich unkoordiniert und seine Mundwinkel zuckten. Ich legte meine Hand an seinen Oberarm. »Hey!«
   Er öffnete die Augen, starrte mich einen Moment an, dann wurde er unruhig, hob den Kopf und wollte die Decke wegschieben. »Die dürfen mich nicht finden. Ich muss aufstehen.« Angst flackerte in seinem Gesicht.
   »Keine Sorge«, beruhigte ich ihn. Er starrte mich weiter an. Ich gab einige Tropfen des Medikaments in das Wasser und hielt ihm das Glas vor den Mund. »Trink.«
   Er zog die Stirn kraus. »Was ist das?«
   »Paracetamol, das ist …«
   »Ich weiß, was das ist.«
   »Okay, dann trink.« Unbeholfen hielt ich ihm das Glas an die Lippen.
   Er trank in kleinen Schlucken. Angestrengt fixierte er meinen Blick. »Lass keinen rein. Bleib hier, versprich das.«
   »Ja. Schlaf jetzt, schlaf.«
   Seine Augen klappten wieder zu. Nun schien er richtig einzuschlafen. Ich kauerte mich gegenüber dem Bett in den alten Ohrensessel, nachdem ich mir eine Jogginghose und einen dicken Pullover angezogen hatte, und beobachtete ihn.
   Es war seltsam, diesen muskelbepackten Schönling auf meinem Bett liegen zu sehen. Obwohl er so hilflos dalag, schien er durch seine Gegenwart den Raum zu dominieren. Sein Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig. Er rührte sich nicht mehr. Die fast schwarzen Haare hoben sich auffällig vom weißen Kopfkissen ab. Er hatte eine Kurzhaarfrisur, war aber schon länger nicht beim Friseur gewesen.
   Sein Gesicht wirkte friedlich und weich. Bartstoppeln am Kinn. An dem Lederband um seinen Hals hing ein silberner Anhänger in Form eines Baumes. Er sah erschöpft aus, trotzdem zeigten seine Lippen eine Linie, die an Fröhlichkeit erinnerte. Es musste schön sein, von so einem Gesicht liebevoll angelächelt zu werden.
   Wie bitte? Entschlossen löste ich meinen Blick von diesem trügerisch harmlosen Gesicht. Morgen würde ich die Polizei rufen, falls er nicht freiwillig mit seinem blöden Koffer verschwinden sollte.

Ich muss eingeschlafen sein, denn als er wieder etwas sagte, schreckte ich auf und stand mit einem Satz mitten im Raum. Eine Sekunde lang musste ich überlegen, wo ich war, dann fiel mir alles wieder ein.
   Er bewegte sich, als ob er träumte. »Nein, das ist illegal … die können nicht … ich fliege morgen … lass mich …« Sein wirres Gerede wurde lauter.
   Ich setzte mich auf den Bettrand und berührte seinen Arm. »Wach auf.«
   Er reagierte nicht, sein Atem ging hastig. Noch einmal fasste ich ihn an. Er zuckte hoch, riss die Augen auf und starrte mich an. »Wer …?«, setzte er an und schien nachzudenken. Mit einem Ruck richtete er seinen Oberkörper auf, und ich sprang erschrocken zurück zum Sessel.
   Ich griff nach der Waffe und richtete sie auf ihn. »Bleib, wo du bist!«
   Er sah auf seine Hände, ließ den Blick durch den Raum gleiten und drehte den Kopf zu mir. »Was ist …? Wo bin …?«
   »Du bist krank. Leg dich wieder hin.«
   Er stöhnte und sank zurück auf die Matratze. Seine Augen schlossen sich, das Gesicht verzog sich zu einer gequälten Grimasse. Zögernd trat ich näher. Er sah immer noch fiebrig aus. Immer noch Schweiß auf der Stirn. Ich blickte auf die Uhr. Es war halb fünf. Die Tropfen hatte ich ihm um zwei geben. Kurz entschlossen mixte ich noch mal ein Glas und flößte es ihm ein. Er sah mich an, sein Blick wirkte gehetzt und ängstlich. Auf einmal war mein Unbehagen verschwunden. Ich fühlte nur Mitleid und holte ein feuchtes Handtuch, wischte ihm sorgfältig über das Gesicht, legte meine Hand auf seine Brust und streichelte sanft seinen Arm. »Ganz ruhig, keine Angst, schlaf ein«, flüsterte ich.
   Meine Stimme schien in sein Unterbewusstsein vorzudringen. Ich redete weiter leise auf ihn ein und er beruhigte sich. Erleichtert ließ ich mich wieder in den Sessel sinken.

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