Stell dir vor, du bist das erste Mal verliebt. So richtig verliebt, mit Schmetterlingen im Bauch, Gefühls-Purzelbäumen und Herzschlagaussetzern. Und dann kommt deine Schwester, deine Zwillingsschwester wohlgemerkt, und raubt dir das Wichtigste in deinem Leben – deine erste große Liebe.

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ISBN: 978-9963-53-561-3

Seiten: 266

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Doris Fürk

Doris  Fürk
Doris Fürk lebt mit ihrer Familie im beschaulichen Innviertel/Bezirk Braunau in Oberösterreich. Erste Erfolge feierte sie 2014, als ihr Jugendroman "Dunkelgrau" den zweiten Platz beim steirischen Jugendliteraturpreis gewann. Hauptberuflich arbeitet sie als Lehrerin an einer Grundschule, wo sie die Schüler/innen ebenfalls mit Geschichtenerzählen begeistert. Die besten Storys aber schreibt das Leben selbst und daher hängt ihr Herz an den Jugendromanen, rund ums echte Leben und Lieben. Wenn es die Zeit erlaubt, verfasst sie auch Regionalkrimis. Außerdem kocht, liest, malt und musiziert Doris gerne.  

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Lenas Blog: Mein musikalisches Tagebuch
Freitag, 20. Juli 2012

Ich sterbe. Eindeutig. Kein Zweifel. So muss es sich anfühlen, wenn einem jemand ein Messer in den Bauch rammt und ganz langsam herumdreht. Mein Herz blutet, läuft einfach aus, als hätte er es mit bloßen Händen in meiner Brust zerrissen. Ich schreibe Er, denn es ist immer ein Er, ein Junge, der einem Mädchen das Herz bricht. Nur, dass ich niemanden habe, der meine Wunde heilen oder zumindest solange seine Hand darauf drücken könnte, bis sie aufhört zu bluten.
   Ich bin allein. Das erste Mal in meinem Leben, mutterseelenallein, vergessen, weggeworfen, verraten, betrogen …

Ein halbes Jahr zuvor

Im Leben eines jeden Mädchens gibt es den Moment, in dem das ganze Universum in sich zusammenstürzt, bis es nur noch aus einem winzigen, hochexplosiven Teilchen besteht, dass sich mit der Kraft des Urknalls ausbreitet und die Welt neu ordnet.
   Diese Sekunde, dieser nicht mit Händen zu fassende, kurze, alles ändernde Augenblick hing bei mir, welch eine Überraschung, mit einem Jungen zusammen. Nicht mit irgendeinem x-beliebigen Kerl, sondern mit dem Traumexemplar der unter zwanzigjährigen, männlichen Weltbevölkerung überhaupt. Ich übertreibe nicht. Keinesfalls. Wenn ihr damals dabei gewesen wärt und ihn gesehen hättet, würdet ihr euch meiner Meinung anschließen. Ihr würdet euch mit mir streiten, wer ihn zuerst anspricht. Diese Augen: türkisgrün, geheimnisvoll und so klar wie ein Gebirgssee im Frühling. Ich brauche nur an das Funkeln darin zu denken, und mein Herz beginnt auf Anhieb, Purzelbäume zu schlagen. Ganz zu Schweigen von dem Rest seines Körpers: ein beinah makelloses Gesicht, das Robert Pattinson wie ein Zweite-Klasse-Model aussehen lässt, und genau die richtige Menge an Muskeln. Nicht zu viel und nicht zu wenig, sondern echte, durch körperliche Arbeit entstandene. Ich hasse nichts so, wie aufgepumpte Möchtegern-Schwarzeneggers, die sich auch noch toll dabei vorkommen, wenn sie ihre Steroidpakete in der Sonne einölen und tanzen lassen, als wären sie überdimensionale Gummibälle.
   Simon ist anders.
   »Bei mir war es genauso«, werdet ihr sagen. Aber ich schwöre euch, dass das nicht stimmt. Ich wurde überrollt von der Liebe. Nicht im übertragenen Sinn, sondern wirklich. Sie hat mich platt gemacht, umgeworfen, mir die Sinne geraubt, mit der Gewalt von einer guten Tonne.
   Simon, schon allein der Klang seines Namens löst in mir ein ganzes Symphonieorchester aus, eine Lasershow, ein Jahrtausendfeuerwerk.
   Er ist genau richtig für mich. Das habe ich auf Anhieb erkannt, als ich ihm das erste Mal begegnet bin. Trotz der Schmerzen, trotz meines verschwommenen Blickes, trotz der Verwirrung, als er sich gemeinsam mit zig anderen besorgten Menschen über mich gebeugt hat.
   Simon.
   Wenn ein Mädchen einem Jungen das erste Mal begegnet und die Luft zu vibrieren beginnt, ohne dass ein Düsenjet an einem vorbeijagt, dann ist es Bestimmung, Schicksal, Liebe …

1. Ein Unfall mit Folgen
Februar 2012

»Mensch, Marie, gib Gas! Ich muss auch noch ins Bad oder willst du, dass ich wie dein Zombiespiegelbild in der Schule herumlaufe?«
   »Ach, Lena, das ist nun einmal mein Schicksal. Ich habe mich zuerst aus unserer Mutter herausgequetscht und dir den Weg damit vorbereitet, und deshalb bin ich auch die Erste im Bad.«
   Ich hasse es, wenn mein reizendes Schwesterherz ihre Rolle als Ältere heraushängen lässt. Was sind schon fünf Minuten? Nichts. Eine Werbepause im Fernsehen, ein etwas längeres Lied im Radio oder die Zeit, die ich brauche, um mir die Haare hochzustecken. Normalerweise läuft es auch anders zwischen Marie und mir ab. In der Öffentlichkeit treten wir ohnehin stets als Einheit auf, die sich jeder Widrigkeit des Lebens gemeinsam stellt. Zu zweit ist es leichter, das haben wir schnell erkannt. Wer kann schon zwei blonden Engeln eine Bitte abschlagen?
   »Ist das mein neues Shirt, das du da anhast?«, brülle ich ihr hinterher, die Hand auf der dampfbeschlagenen Türklinke.
   »Meins, deins, ist doch egal. Wir sehen beide toll darin aus.«
   Weg ist sie, in ihrem Zimmer verschwunden, mit meinem Shirt und topgestylt für den ersten Tag im neuen Halbjahr.
   Im Badezimmer liegt noch der nach Vanille duftende Dunst in der Luft, den Maries Duschgel stets verbreitet. Hier haben wir uns schnell voneinander abgetrennt. Während sie die süßen, lieblichen Gerüche bevorzugt, greife ich lieber zu frischen, kühlen. Aber egal, eigentlich ist es sogar in Ordnung, dass sie sich immer wieder aus meinem Kleidungsschrank bedient. Immerhin halte ich es genauso mit ihrem, und generell bringt es mehr Vorteile als Nachteile mit sich, eine Zwillingsschwester zu haben. »Beste Freundin mitgeliefert«, pflege ich immer zu sagen, wenn mich jemand fragt, ob es nicht nervig sei, dass es mein Gesicht zweimal auf Erden gibt. Außerdem, wer wirklich hinsieht, bemerkt die feinen Unterschiede zwischen uns. Marie ist eine Spur kräftiger, ihre Gesichtszüge sind etwas härter, und sogar ihre Locken sind irgendwie kantiger als meine. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass sie als Erste zur Welt gekommen ist. Sie ist die Kämpferin, die Vorreiterin, die Wagemutige, die Sportliche, diejenige die »Hier!« schreit, wenn es etwas Neues in unserem Leben gibt. Und ich? Ich bin einfach nur ich. Einen Hauch schwächer, leiser, zurückhaltender und langsamer, dafür aber mit einer Gabe beschenkt, die Marie völlig fehlt: Musik. Mein Leben ist Musik. Und selbst jetzt, wo die Zeit drängt und ich mich beeilen muss, wenn ich den Bus erreichen will, kann ich nicht anders. Ich summe, und mit jedem Ton, der meine Lippen verlässt, hellt sich die Welt ein kleines bisschen auf.

»Wie machst du das bloß, Lena? Ich hänge eine halbe Ewigkeit vor dem Spiegel und meine Haare sehen trotzdem aus, als wäre ich eben erst aus dem Bett gestiegen. Und du bist keine fünf Minuten im Bad und deine Locken fallen wie frisch vom Friseur.«
   »Bessere Gene«, scherze ich und schiebe mir das letzte Stückchen Croissant in den Mund. Mein kleiner Bruder Daniel kichert und selbst meine Mutter kann sich ein Grinsen nicht wirklich verkneifen, nur mein Vater liest weiter reaktionslos in der Zeitung.
   »Schau, Marie, Mama und Daniel sind ganz meiner Meinung.«
   Sie streckt mir die Zunge heraus, wie früher, als wir noch klein waren, und nun muss auch ich lachen. Ich weiß nicht, warum, aber ich fühle mich mit einem Mal wahnsinnig gut. So als würde eine sanfte Welle Glück über meinen Körper rollen und jede Zelle damit tränken. Selbst Marie lächelt leicht und führt sich die Kaffeetasse an den Mund. Ich lehne mich zurück und genieße diesen Augenblick grundloser Freude in meinem Inneren.
   Es klingt verrückt, gerade für eine Siebzehnjährige, doch morgens ist einfach meine Tageszeit. Ich mag sie, diese paar Minuten, an denen wir alle um den Küchentisch versammelt sind und schnell ein paar Bissen zu uns nehmen. Den restlichen Tag geht jeder seine Wege. Ich und Marie sitzen bis zum späten Nachmittag im Gymnasium fest, Daniel verbringt den Vormittag in der Grundschule, mein Vater heilt Warzen und andere eklige Dinge, über die ich lieber nicht nachdenke (er ist Hautarzt mit einer Privatpraxis), und meine Mutter … Bei ihr weiß man nie, was sie so genau mit ihrer Zeit anstellt. Meistens kommt etwas Tolles dabei heraus.
   »Und Mama, heute irgendwelche Fotosessions auf dem Plan?«, frage ich.
   »Nein. Die Gouda-Werbung ist im Kasten und den Rest macht Susanne. Vielleicht mache ich heute Vormittag einen kurzen Abstecher in die Agentur, aber eigentlich bin ich mit meinem Teil der Arbeit fertig.«
   »Hm«, brumme ich. Meiner Mutter gehört gemeinsam mit ihrer besten Freundin Susanne eine kleine Werbeagentur. Susanne ist auch die eigentliche Geschäftsfrau. Meine Mutter hat eher die Aufgabe, den Dingen die richtige Würze zu geben. Sie ist der kreative Salzstreuer sozusagen. Und einige Firmenslogans sind ebenso Produkt ihrer blühenden Fantasie wie die bunten Bilder in den Werbeanzeigen der Lokalzeitung.
   Ein gewöhnlicher Morgen in unserer Familie. Der einzige Unterschied besteht darin, dass heute das neue Halbjahr beginnt. Die Ferienwoche ist vorüber und der Endspurt für dieses Schuljahr kann beginnen. Noch fünf Monate, dann ist endlich Sommer. Mein letzter Sommer als Schülerin. Dann noch schnell Abi machen und ab ins echte Leben.
   »Kinder, ihr kommt noch zu spät, wenn ihr weiter so trödelt«, meint mein Vater plötzlich, ohne den Blick von der aufgeschlagenen Zeitung zu heben.
   »Dann musst du uns eben eine Entschuldigung schreiben, Herr Doktor«, antwortet Daniel vergnügt, worauf Vater die Zeitung weglegt und den Knirps kritisch begutachtet.
   »Solange du keinen eitrigen, ansteckenden Ausschlag im Gesicht hast, stell ich überhaupt keine Bescheinigungen aus, junger Mann. Und Nutellabart zählt nicht als Verhinderungsgrund des Schulbesuchs.« Bedächtig beugt er sich über den Tisch und wischt Daniel mit der Serviette über den haselnussbraunen Mund. »Da hilft wohl nur noch intensive Wasserbehandlung«, lautet sein abschließendes Urteil, bevor er sich wieder zurück auf den Stuhl sinken lässt und weiter den druckfrischen Buchstaben auf dem dünnen Papier widmet.
   Daniel lässt seufzend die Schultern hängen. »Ich soll kostbares Trinkwasser mit Waschen vergeuden, während die armen Kinder in Afrika nicht genug zu trinken haben.«
   »Die haben dort auch kein Nutella«, rutscht es mir heraus.
   »Lena. Über die Not anderer scherzt man nicht.« Meine Mutter schüttelt verärgert den Kopf. »Und du, Daniel, ab ins Bad.«
   »Tschuldigung«, nuschle ich in ihre Richtung und stoße Marie leicht an. »Komm, wir müssen los.«

Der Schnee klumpt sich als braungrauer Matsch an den Straßenrändern und kleine Kieselsteine liegen auf dem Bürgersteig. Trotzdem sind die Straßen verdammt glatt und Mitte Februar ist es zu allem Überfluss noch nicht einmal richtig hell am Morgen. Das ist der Nachteil, wenn man in Salzburg wohnt. Hier schneit und gefriert es im Winter oft und man muss aufpassen, wohin man tritt. Selbst in der dicken Winterjacke und mit der rosaroten Strickmütze ist mir kalt und ich bereue es, keine Handschuhe angezogen zu haben. Marie hakt sich bei mir ein. Sie hat natürlich sowohl auf eine Kopfbedeckung als auch auf Handschuhe verzichtet und ihr knielanger Mantel ist zwar modisch, aber sicher nicht annähernd so warm wie meine Daunenjacke.
   »Sag mal, ist dir nicht kalt?«
   »Nö. Kein bisschen.« Sie lacht und kleine Dunstwolken steigen aus ihrem Mund auf.
   Ich laufe wie das Michelinmännchen höchstpersönlich durch die Stadt und friere mir dabei dennoch fast den Hintern ab und Marie lacht der Kälte einfach ins Gesicht.
   Glücklicherweise liegt die Bushaltestelle keinen halben Kilometer von unserem Haus entfernt, und als wir um die Ecke biegen, fährt der Bus bereits ein. Die letzten Meter laufen wir, trotz der Eisplatten unter unseren Füßen. Geschafft, dank des extrem korpulenten Mannes, der für seinen Einstieg in das Gefährt gewiss doppelt so lange gebraucht hat wie ich oder Marie. Im Inneren des Fahrzeugs ist es gleich gemütlicher. Erleichtert kichernd drängen wir uns durch den engen Gang und lassen uns auf die letzte Bank fallen. Der Bus ist noch so gut wie leer. Nur eine alte Dame mit einem mindestens ebenso alt aussehenden Dackel und ein dicker Mann fahren mit. Sein Keuchen hört man sogar hier hinten, obwohl er ganz vorn auf dem extrabreiten Sitz für beeinträchtigte Menschen sitzt.
   »Arme Sau«, flüstert Marie.
   Ich stupse sie an. Sie hat zwar recht, aber trotzdem finde ich es gemein, wenn sie so über andere spricht. »Was machen wir heute Abend? Nach der Schule?«, lenke ich ab.
   »Programmkino in der Altstadt?«
   Das Bild des über hundert Jahre alten Kinos mit den roten samtenen Polstersesseln und dem Geruch nach Hunderttausenden Besuchern taucht vor meinem geistigen Auge auf. Das Gute an einem Besuch dort ist, dass unsere Eltern meistens keinen Einwand dagegen haben. Nicht einmal unter der Woche, wenn am nächsten Tag eigentlich Schule ist.
   »Hm«, murmel ich und Marie errät wie so oft meine Gedanken.
   »Das Mozartkino ist Kult«, spielt sie Vaters Stimme nach.
   »Nein, es ist Kultur. Und gegen Kultur und Bildung kann man nichts haben«, beende ich den Satz und wir biegen uns vor Lachen. Der Plan steht.

»Und wie war’s in Kitzbühel, du Pistenrowdy?«
   Lisa wirft ihren Rucksack neben die Schulbank und stößt laut die Luft aus, bevor sie mir antwortet. »Eigentlich ganz okay, wenn meine Alten nicht dabei gewesen wären. Meine gluckenhafte Mutter kann einem jeden Spaß verderben. Dabei hab ich nur ein wenig mit dem Kerl herumgeschmust. Nichts Ernstes.« Sie verdreht die Augen und lässt sich mit einem Plumps auf den Stuhl fallen.
   Insgeheim habe ich mit so einer Antwort gerechnet. Lisa liebt Jungs und die Jungs lieben Lisa.
   »Erzähl«, fordert Marie sie auf und wir rücken alle ein Stück mit unseren Stühlen näher an ihren Tisch und beugen uns vor, um kein Detail ihrer Erzählung zu versäumen. Wir, das sind Marie, Jana, Sarah und ich. Uns gab es seit dem Kindergarten irgendwie schon immer zusammen.
   Lisa ist in der zweiten Klasse zu unserer Clique dazugestoßen. Frisch aus Wien hierhergezogen, eine Großstadtgöre, mit den coolsten Trends ausgestattet. Klar, dass sie sofort Aufnahme in unserer Gruppe gefunden hat. Wenn eine Siebenjährige mit toplackierten Nägeln, perfekt gefärbten Strähnchen und einer rosaroten Hello-Kitty-Lederjacke mit echten Strasssteinen in das Klassenzimmer spaziert, als wäre sie eine geborene Prinzessin, gehörte sie zu uns. Auch wenn sie nun schon seit Jahren hier lebt und einen Großteil der anfänglichen Allüren abgelegt hat, unterscheidet sie sich immer noch ein klein wenig von uns gebürtigen Salzburgerinnen. Vor allem in der Sprache. Manche Wörter aus ihrem Mund hören sich richtig nach Gesang an, wienerisch eben.
   »Die Tiroler sind ein ganz anderer Männerschlag. Ich schwör’s euch, sogar der Snowboardlehrer war unverschämt sexy. Trotz der ganzen Skiausrüstung, und obwohl er sicher fast dreißig war, also uralt. Aber die richtig tollen Kerle kamen erst beim Après-Ski zum Vorschein. Dieser Lukas, ein Traum. Wartet, ich hab ein Bild von ihm auf dem Handy.« Schnell zieht sie ihr Smartphone aus der Hosentasche und reicht es weiter.
   »Ganz okay«, kommentiert Jana, »aber ich persönlich steh nicht auf Typen mit Schlafzimmerblick.«
   »Stimmt. Er sieht irgendwie aus, als würd er gleich ins Bett fallen.« Ich lache und gebe Lisa das Mobiltelefon zurück.
   »Na ja, war auch schon ziemlich spät, als ich das Foto geschossen habe. Und ganz nüchtern waren wir auch nicht mehr. Auf jeden Fall ist mir der Typ gleich am ersten Tag im Hotel ins Auge gestochen und zwei Nächte später habe ich am Abend die Gelegenheit beim Schopf gepackt und ihn im Klub angetanzt. Ist echt gut gelaufen. Er hat mich auf ein Bier eingeladen und nach ein paar Minuten haben wir auch schon rumgeknutscht. Könnt ihr euch vorstellen, wie peinlich das war, als meine Mutter plötzlich hinter mir stand und doch glatt Lukas mit den Worten ,Nehmen Sie gefälligst Ihre Zunge aus dem Mund meiner Tochter‘ an die Schulter getippt hat? Ich wär am liebsten im Erdboden versunken! Und nach diesem Vorfall hat mich die Alte keine Minute mehr aus den Augen gelassen.«
   Mir kommen die Tränen vor Lachen. Ich hätte viel dafür gegeben, den Gesichtsausdruck des Jungen in diesem Moment gesehen zu haben.
   »Ihr lacht jetzt, aber stellt euch doch mal vor, ihr wärt an meiner Stelle gewesen. Manchmal möchte ich meine Mutter einfach nur zum Mond schießen. Die ist sicher alt und vertrocknet auf die Welt gekommen. Ich frag mich echt, wie meine Eltern es geschafft haben, mich zu produzieren. Bei der Lebensfreude, die sie an den Tag legen.«

Das Läuten der Schulglocke beendet leider viel zu früh unsere Unterhaltung und auch der Rest des Vormittags gestaltet sich eher langweilig. Erst, als Professor Schneider, der hippiemäßige Chemielehrer, über seine Jesuspantoffeln stolpert und dabei ein kleines Glas Salzsäure über seine Unterlagen kippt, kommt Leben ins Klassenzimmer. »So eine Sauerei! Verdammte Sauerei! Meine Vorbereitungen. Die ganze Arbeit, alles im Arsch«, schimpft Herr Scheider und hüpft dabei wie das Rumpelstilzchen in Person um das Lehrerpult. »Alle raus hier! Die Stunde ist beendet«, kommandiert er uns hinaus.
   »Hast du geglaubt, dass Professor Langhaar-Schneider so ausflippen kann?«, fragt Lisa auf dem Weg zur Cafeteria.
   Sarah lacht. »Nö. Ich hätte ihm vielmehr zugetraut, dass er sich einen Joint ansteckt. Sonst tut er immer so lässig und antiautoritär. Manchmal hatte ich schon das Gefühl, dass er lieber selbst wieder die Schulbank drücken würde, anstatt vorn den Unterricht zu leiten.«
   »Ich freu mich, dass er die Nerven verloren hat. So haben wir eine verlängerte Mittagspause. Der erste Schultag nach den Ferien ist mir sowieso jedes Mal zu lang«, antwortet meine Schwester.
   Dem gibt es nichts hinzuzufügen und scheinbar sind auch die anderen Mädchen dieser Ansicht. In der Cafeteria herrscht noch gähnende Leere. Nur ein paar Schüler hängen gelangweilt, mit Stöpseln in den Ohren und Telefonen in den Händen auf den Stühlen herum. Es sind diejenigen, die die Religion abgewählt oder gerade eine Freistunde haben. Wir holen uns jeder ein Tablett und beladen es mit den angebotenen Speisen, wobei es wie immer Nudeln mit irgendeiner undefinierbaren Soße, Pizzaschnitten, Pommes mit Grillwürstchen oder Schnitzel, diverse Brötchen, Salat vom Büffet und als Tagesgericht und gleichzeitig süßes Highlight Kaiserschmarrn gibt. Ich nehme mir nur eine kleine Schüssel Salat, greife dafür aber zu Kaiserschmarrn mit Kirschkompott. Marie tut es mir gleich. In Momenten wie diesen ließe sich unsere gemeinsame Abstammung nicht einmal leugnen, wenn eine von uns eine schwarze Mülltüte über dem Kopf tragen würde.
   »Die süßen Zwillinge schlagen heute kräftig zu.« Jana lacht.
   Wir geben unsere Essensgutscheine bei der Kassiererin ab und balancieren die Tabletts auf den hintersten Tisch. Von hier aus hat man den besten Blick auf die anderen Schüler und nichts, wirklich nichts ist so spannend, wie die neuesten Gerüchte auszutauschen und dabei die handelnden Personen live zu sehen.

Das Doofe an den Wintermonaten ist, dass man in der Dunkelheit aus dem Haus geht und erst wieder heimkehrt, wenn es schon wieder dämmert. Es fühlt sich an, als gäbe es keine richtigen Tage, sondern nur verlängerte Nächte mit einer kurzen Helligkeitsphase, die man gezwungenermaßen innerhalb irgendwelcher tristen Gebäude verbringt.
   Vor unserem Haus angekommen, schallt mir fröhliches Kinderlachen entgegen. »Wollen wir?«, frage ich Marie. Sie nickt. Wir werfen unsere Rucksäcke vor die Haustür und stürmen in den Garten. Hier am Stadtrand von Salzburg hat man fast schon das Gefühl, in einem Dorf zu sein. Der Zoo und das Schloss Hellbrunn liegen zehn Minuten zu Fuß entfernt, der Hellbrunner Berg ragt wie ein felsiger Riese vor unserem Haus auf und die Häuser stehen dicht an dicht, aber jedes mit einem eigenen Garten und genug Platz, um sich nicht eingeengt zu fühlen. Das ist Salzburg, wie ich es liebe. Stadt und doch Land, irgendwie beides.
   Daniel und sein Freund Tom stürmen auf uns zu. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse sieht man ihre glühend roten Gesichter unter den dicken Hauben hervorblitzen.
   »Schneeballschlacht! Alt gegen Jung! Buben gegen Mädchen«, johlt Daniel und schon hab ich die erste Schneeladung im Gesicht.
   »Wir machen euch fertig, ihr Rotzlöffel! Komm Lena, Zwillingspower aktivieren«, kreischt Marie und stürzt sich in die weißen Massen. Meine sonst so auf ihr Aussehen bedachte große Schwester verwandelt sich binnen eines Sekundenbruchteils in eine schneebällewerfende Amazone, eine wild gewordene Eismatschfurie, die mit einer beängstigenden Präzision die kleinen Jungs bombardiert. Ich muss nur hinter ihr in Deckung gehen und von Zeit zu Zeit eine Ladung Schnee nach vorn pfeffern. Tom und Daniel verkriechen sich Schutz suchend hinter dem Schneewall, den sie sich anscheinend am Nachmittag gebaut haben. Aber wir kennen kein Erbarmen. Ohne den geringsten Anflug von schlechtem Gewissen treiben wir die Jungs in die Enge.
   »Gebt ihr auf?«, will ich wissen.
   »Niemals! Angriff«, schreit Tom und die Knirpse springen wie von einer Tarantel gestochen auf uns zu. Daniel wirft mich und Tom Marie um. Der Schnee beginnt in dem Moment zu schmelzen, als er auf meinen warmen Körper trifft. Wir lachen und ich fühle mich selbst wie eine Siebenjährige.
   »Essen«, ruft unsere Mutter aus dem geöffneten Küchenfenster, »und Tom, deine Mutter hat angerufen. Du sollst ebenfalls schnell heimkommen. Mädels begleitet ihn noch bitte über die Straße und dann nichts wie rein ins Haus mit euch.«
   Tom wohnt gegenüber, und wir machen uns alle auf den Weg dorthin. Sobald ich stehe und nicht mehr herumtolle wie ein Kind, spüre ich, wie durchnässt ich eigentlich bin. Auch Marie schlingt sich die Arme um die Brust. Die blonden Locken hängen ihr feucht und wirr vom Kopf herab und ich bin froh über meine Mütze, auch wenn ich damit aussehe wie frisch aus dem Weltladen. Dort verkaufen sie solche Teile, fair gehandelt, aus Peru oder Brasilien. Meine hingegen hab ich von Oma Herta auf dem Weihnachtsmarkt geschenkt bekommen. Marie hat das Angebot auf eine eigene Mütze verweigert.
   »Ich setze mir doch kein Wollknäuel auf den Kopf«, sagte sie.
   Ich finde die handgestrickte kuschelige Haube auf meinem Haupt individuell. Sie ist etwas Besonderes und es gibt keine zweite, die genauso aussieht. Außerdem schirmt sie die schlimmste Kälte von meinen Ohren ab.
   Wir laden Tom vor der Haustür ab und warten noch, bis Frau Huber, seine Mutter, sie öffnet, und den Jungen kopfschüttelnd hereinbefielt. Wahrscheinlich hat sie damit gerechnet, dass ihr Sohn nicht geschniegelt und gestriegelt heimkehrt. Unser Anblick hat sie aber wohl doch irritiert. Wir kichern und nehmen Daniel in die Mitte. Seine gepolsterten Handschuhe erinnern mich an nasse Topflappen, als ich seine Hand ergreife.
   Nun ist es wirklich dunkel, und die Straßenlaternen werfen ihre gelben Lichtkegel auf den Boden.
   Marie und ich hängen unsere nassen Jacken an die Garderobe und laufen sogleich nach oben in unsere Zimmer, während Mutter Daniel mit dem Schneeanzug hilft. Wir müssen uns umziehen, und als wir ein paar Minuten später unsere Zimmertüren öffnen, stehen wir uns als zwei verschiedenfarbige Klone gegenüber.
   »Du rosa Schweinchen«, scherze ich und deute auf ihren Handtuchturban und den gemütlichen, vor allem aber trockenen Trainingsanzug. »Blaue Krake«, kontert sie und wir marschieren gemeinsam nach unten. Sie ganz in Rosa und ich in Babyblau, sonst aber völlig identisch.
   »Schau, Hans-Peter, die Kessler-Zwillinge«, bemerkt meine Mutter und Vater zieht die Augenbrauen hoch.
   »Stimmt Schatz. Gott sei Dank sind es nur zwei. Stell dir vor, wir hätten vier von der Sorte, dann müssten wir uns jetzt mit den Jacob Sisters herumschlagen.«
   »Und erst die Pudel.«
   Mutter lacht und stellt einen großen Topf cremiger Kartoffelsuppe auf den Tisch. Marie und ich verdrehen die Augen und werfen uns viel bedeutende Blicke zu. Manchmal kann es ganz schön nervig sein, andauernd auf das Zwillingsdasein angesprochen zu werden.
   »Noch so eine Bemerkung heute und wir beginnen zu jodeln, ich schwör’s«, droht Marie und setzt sich auf die Eckbank.
   Ich dränge sie ein Stück zur Seite und nehme ebenfalls Platz.
   »Gott bewahre. Lasst uns lieber essen«, schlägt Vater vor und greift grinsend zum Schöpflöffel. Die selbst gemachten, aneinanderliegenden und noch ofenwarmen Hefebrötchen verströmen ihren unwiderstehlichen Duft. Schnell reiße ich mir eines aus der Mitte heraus. Das sind die weichsten und besten und immer zuerst weg. Die Brötchen am Rand des hohen Backbleches sind bei Weitem nicht so gut.
   »Ich, als Mann des Hauses, will aber auch ein Brötchen aus der Mitte.« Vater zwinkert vergnügt. Wenn er so prima gelaunt ist, wie an diesem Abend, dann kann er mir fast nichts abschlagen.
   »Du Papi?«, beginne ich und schenke ihm einen Augenaufschlag, von dem ich annehme, er ist unwiderstehlich.
   »Oje, Hannelore. Jetzt kommt’s. Wenn eine unserer fast erwachsenen Töchter das Wort Papi verwendet, hört sich das in meinen Ohren verdächtig nach einer Drohung an. Findest du nicht?«
   »Ich würde das weibliche Verhandlungstaktik nennen.«
   »Genau, Papi. Marie und ich haben nur eine winzig kleine Bitte. Da läuft doch dieser neue Film heute im Kino an. Du weißt schon, der mit Robert Pattinson in der Hauptrolle.«
   »Und ihr wollt natürlich gleich heute Abend, am ersten Schultag nach den Ferien ins Kino marschieren, um einen Vampirstreifen zu sehen.«
   »Kein Vampirstreifen, sondern was Historisches. Im Mozartkino, Beginn schon um 19:30 Uhr. Originalton auf Englisch. Sarah, Jana und Lisa dürfen auch. Bitte Papi«, unterstützt mich Marie.
   »Mozartkino. Soso, und auf Englisch. Mozartkino ist Kult, nein Kultur …«, sinniert mein Vater gedankenverloren.
   »… und gegen Kultur und Bildung kann man nichts haben«, beenden Daniel, Marie und ich den Satz gemeinsam wie aus einem Mund.
   Alle lachen, nur Vater brummt leise, aber nicht sauer vor sich hin.
   »Aber nach dem Film nehmt ihr sofort den ersten Bus nach Hause. Morgen ist immerhin Schule«, fügt Mutter streng hinzu.
   »Versprochen«, antworten Marie und ich gleichzeitig.

»Enttäuschend, der Film, nicht wahr?«
   Jana leert sich die letzten Krümel Popcorn in die Handfläche und wirft die leere Tüte in den Papierkorb vor dem Kino. Leichte Schneeflocken fallen vom Himmel und die Straßen sehen aus wie frisch mit Puderzucker überzogen.
   »Nun ja. Immerhin war der Hauptdarsteller sexy. Unterhalten wir uns lieber morgen weiter. Wir müssen den Bus um 21:50 Uhr erwischen, sonst war’s das mit Ausgehen unter der Woche, bis wir das Abi in der Tasche haben. Am Wochenende ist es was anderes, aber wenn Schule ist, nehmen es unsere Eltern streng mit den Zeiten«, entschuldige ich mich.
   »Meine auch. Gerade jetzt, nach dieser blöden Knutscherei und nicht zu vergessen meinem Gekotze danach. Anscheinend hab ich zu viel Bier abbekommen. Das hab ich euch überhaupt noch nicht erzählt, oder?«, gibt Lisa zu.
   »Nein. Aber wir müssen jetzt echt los. Tschüss Mädels«, antwortet Marie an meiner Stelle und zieht mich am Ärmel.
   »Dann bis morgen«, rufe ich über die Schulter zurück. Eigentlich hätte ich gern gleich mehr erfahren, aber Marie hat natürlich recht. »Warte. Mein Schnürsenkel ist offen«, murmel ich und Marie lässt endlich los.
   »Beeil dich. Der Bus kommt gleich.«
   »Ja, ja.«
   Marie geht vor und überquert die Straße. Ich binde mir schnell eine Schleife und blicke auf. Die Ampel über dem Zebrastreifen ist noch grün und ich laufe los.
   »Lena!«
   Ein Knall.
   Ein Stoß.
   Dunkelheit.

»Verdammte Scheiße. Lena, schlag die Augen auf. Bitte Lena, bitte!« Maries Stimme rauscht seltsam, so als würde sie von einem weit entfernten Lautsprecher schallen. Mir ist schlecht und ich fühle mich, als hätte mich ein Auto überfahren. Mühsam schlage ich die Augen auf, erwarte Maries Gesicht zu sehen, aber statt ihrer blauen Augen blicken mich türkisgrüne an. Ich blinzle. Langsam setzt sich die verschwommene Umgebung zu einem klaren Bild zusammen.
   »Lena. Gott sei Dank.« Marie schluchzt und greift meine Hand. Sie ist auch da. Ein kleines Stück weiter links. Viele Menschen sind hier über mir, aber ich erkenne nur Marie und Jana unter ihnen.
   »Der Bus«, krächze ich und versuche mich aufzurichten.
   »Schön liegen bleiben. Du wurdest gerade von einem Auto gerammt. Der Rettungswagen ist bereits unterwegs, aber wir wollen doch nichts riskieren, oder?«
   Ich suche die Person mit der tiefen, männlichen Stimme in der Menge der Umherstehenden. Gerade als ich eine Verbindung zwischen den türkisgrünen Augen und der Stimme herstelle, durchfährt ein schmerzender Stich mein Bein. Es liegt seltsam verdreht am Boden. So, als würde es gar nicht zu mir gehören. Mir kommen die Tränen und das heisere Schluchzen, das meiner Kehle entweicht, hört sich fremd in meinen Ohren an.
   »Dein Bein ist wahrscheinlich gebrochen. Aber mach dir keine Sorgen, Lena. Das ist doch dein Name, nicht wahr?«, fragt der junge Mann mit der sinnlichen Stimme.
   Er lächelt und auf einmal ist alles unwichtig. Diese Augen. Diese Stimme. Dieses Gesicht.
   »Hm«, brumme ich und sehe nur noch den Jungen vor mir. Die Welt um mich fällt in sich zusammen und ordnet sich um ein neues Zentrum. »Wie heißt du?«, presse ich hervor, überrollt von meinen Gefühlen.
   »Simon. Schau, da kommt schon der Krankenwagen«, sagt er und schenkt mir einen Blick auf sein perfektes Profil.
   Nicht einmal die blauen Blinklichter, die die laternengelbe Dunkelheit der Stadt zerreißen, können seiner Schönheit etwas anhaben. Ich habe nie geglaubt, dass es mich so treffen kann. So plötzlich, unerwartet, aus heiterem Himmel. »Simon«, keuche ich und versuche seine Hand zu erwischen, während Neonrot gewandete Rotes-Kreuz-Sanitäter ihn zurückdrängen.
   Nein, will ich schreien, bringe aber kein Wort über die Lippen. Mein Brustkorb schmerzt und ich bin mir nicht einmal sicher, ob das vom Unfall stammt oder weil sie mir mein neues Licht im Leben entrissen haben. Die Rettungshelfer und der Arzt überhäufen mich mit Fragen. Ich versuche sie zu beantworten, schiele aber immer wieder nach hinten, wo Simon steht. Den kleinen Stich in der Armbeuge spüre ich kaum, als mir der Notarzt eine Infusion legt.
   Marie telefoniert die ganze Zeit mit unseren Eltern. Sie schluchzt. Tausend Eindrücke prasseln auf mich ein. Ich bin völlig überfordert mit der Situation. Die vielen Menschen, die Scheinwerfer der Autos und das hysterische Stimmengewirr vermischen sich zu einem undurchdringlichen Chaos, dessen einziger Fixpunkt der türkisäugige Junge zu sein scheint. Ich kann einen Aufschrei nicht verhindern, als die Sanitäter mich endlich auf eine Trage schnallen und in den Wagen verladen.
   »Gleich wirkt das Schmerzmittel«, beruhigt mich der Arzt und tätschelt meine Hand. Er missversteht meinen verzweifelten Gesichtsausdruck scheinbar. Nicht die Schmerzen machen mich halb wahnsinnig, sondern die Angst, Simon nicht wiederzufinden. Es ist blöd. Vollkommen irrsinnig, ich weiß. Trotzdem zählt im Moment nur dieser Junge für mich.
   »Simon, seine Nummer«, rufe ich Marie zu und hoffe, sie versteht. Die Türen des Rettungsautos schließen sich. Simon ist weg, und an seine Stelle treten Schmerz und Panik. Ich weine, kann nichts dagegen tun. Ein netter Rettungshelfer mit Rastalocken tupft mir die Tränen von den Wangen.
   »Es wird schon. Keine Sorge. Die Kratzer heilen schneller, als du glaubst. Es wird schon.«
   Aber ich weiß, wenn Marie nicht begriffen hat, was sie tun soll, dann wird nichts mehr.

Lenas Blog: Mein musikalisches Tagebuch
Donnerstag, 23. Februar 2012

Ihr werdet es nicht glauben

Liebe Freunde, liebe Leserinnen, liebe Fans,

ja, heute beginne ich ziemlich förmlich, obwohl das eigentlich nicht so meine Art ist. ;-)
   Wahrscheinlich habt ihr euch gedacht, ich sei tot, von Verrückten entführt worden oder mein Laptop sei in Rauch aufgegangen (womit ihr auch nicht so unrecht habt, aber das ist eine andere Geschichte). Das letzte Mal hab ich eine so lange Blogpause gemacht, als mich meine Eltern zur Wüstensafari nach Ägypten verschleppt haben. Das hat mich damals schrecklich genervt, wie ihr wisst. Jetzt würde ich weiß Gott was tun, wenn ich auf einem wackligen Dromedar über die Dünen schaukeln könnte. Ich kann nämlich im Moment nichts tun, außer blöd herumliegen und meine blauen, grünen, lila-roten Flecken kurieren. Nicht einmal aufs Klo schaffe ich es ohne Hilfe. Stellt euch mal vor, wie peinlich das ist, immer jemanden um Hilfe bitten zu müssen, nur weil die Blase drückt.
   Und nun zur Frage aller Fragen: »Was hat die Lena denn, dass sie fast eine Woche (nun gut, ehrlich gesagt fünf Tage) den Computer nicht anwirft, um wenigstens einen kleinen Einblick in ihr musikalisches Leben zu geben?«
   Ihr werdet es nicht glauben, aber ich wurde überfahren. So richtig. Mitten in Salzburg, auf dem Zebrastreifen, bei Grün!
   Und ein verdammter Sch… ist das, das kann ich euch sagen. Denn genau in dem Moment, in dem mich dieser Idiot von einem Opelfahrer (Hutträger, drei Zentimeter dicke Brillengläser, Schnauzbart, irgendetwas über achtzig, Nummerntafel beginnt mit SL, wie Sehr Langsam, Super Lebensgefährlich, Saudummer Lenker, … – mehr brauch ich wohl nicht zu erklären) mit seiner Schrottkiste rammt, taucht die Liebe meines Lebens auf. Mein Retter, mein Held, mein Traummann – nö, ich übertreibe nicht – und leistet mir Erste Hilfe. Ich hab sicher schrecklich ausgesehen. Das Schlimmste aber ist, dass ich nicht weiß, wie ich den Superkerl wiederfinden soll. So, ich muss gleich Schluss machen – meine Mutter *seufz*. Morgen erzähl ich euch bis ins Detail von meinem wundervollen Aufenthalt im Unfallkrankenhaus. Seid ihr schon einmal im Krankenhaus gewesen? Ich meine nicht, bei der Geburt oder zu Besuch bei eurer Oma, Großtante oder dem Schwager, sondern richtig. Als Notfall, wegen einer Operation oder schweren Krankheit. Ich nicht. Bis zu dem verhängnisvollen Zusammentreffen mit dem Opel zumindest. Eines vorab: Es war schrecklich, einfach nur schrecklich. Die rumplige Fahrt hierher war schon schlimm, aber die darauf folgenden Stunden lassen sie mir wie eine Runde auf dem Kinderkarussell vorkommen. Trotzdem, ich hatte keine Ahnung, wie viele Schlaglöcher, Kanaldeckel und Straßenunebenheiten es in Salzburg gibt. Jetzt weiß ich es. Bei jedem einzelnen Ruck hab ich gedacht, mein Bein reißt gleich ab. So wie eine Hühnerkeule an einem Brathähnchen. Ratsch, und weg ist der Schenkel. Übrig bleibt nur ein fleischiges Loch an der Seite. Dazu das Wissen und das ungute Gefühl, dass ich nicht nur ein paar kleine Kratzer abbekommen habe, und die alles übertreffende Angst, Simon (so heißt der nächtliche Retter) niemals wiederzusehen …

PS.: Mein Klavierkonzert an der Landesmusikschule ist bis auf Weiteres abgesagt. Mit Riesengips am Bein lässt es sich so schwer üben. Aber ich hol es nach. Versprochen.

2. Herz- und Beinbruch

»So, Fräulein Winter. Die Röntgenbilder sind eindeutig und zeigen genau das, was ich vermutet habe. Einen schönen Bruch, nur leider keinen glatten. Wir werden das Bein richten müssen.«
   Lächle nicht so süß, du liegst ja nicht halb nackt auf dieser blöden Trage und wirst fast irr vor Angst. Verdammte Scheiße! Mama, Papa, wann kommt ihr denn endlich?
   Ich behalte meine Gedanken für mich, deute nur ein Nicken an und starre an der Ärztin vorbei. Für sie ist es einfach. Das wäre es für mich auch, wenn ich die Person vor der Liege und nicht die darauf wäre. Gebrochenes Bein, ist doch kein Beinbruch, kurz richten und das Problem ist erledigt. Ist es nicht, verflucht noch mal! Ich kämpfe mit den Tränen, die sich unerbittlich hervordrängen und mir die Sicht verschleiern wie tief liegende Nebelschwaden im Herbst.
   »Sie brauchen keine Angst zu haben«, fährt die Ärztin monoton fort. »Sie werden nichts davon mitbekommen. Wir verabreichen Ihnen eine kleine Narkose, und wenn Sie die Augen wieder aufschlagen, tragen Sie einen wunderschönen Gips am Bein.«
   Ihre Stimme klingt rauchig, so wie Mama, wenn sie sich ein Zigarillo angesteckt und ein Glas Rotwein getrunken hat. Nun sehe ich sie doch an. Ihre Augen leuchten warmherzig und mitfühlend. Vielleicht habe ich mich in ihr getäuscht und sie besitzt noch ein Quäntchen Mitgefühl in ihrem Medizinerherzen.
   »Na, na, Kindchen. Nicht weinen. Das mit deinem Bein bekommen wir im Nu wieder hin. Schwester Susanne!«
   Eine rundliche Krankenschwester, im typisch blaugestreiften Mäntelchen und mit Birkenstock-Pantoffeln bekleidet, kommt in den Raum gewatschelt. Winzige beinah schneeweiße Locken kringeln sich auf ihrem Kopf und ihre Mundwinkel sind weit hochgezogen. Sie erinnert mich an ein breit grinsendes Schaf, und wenn es mir im Augenblick nicht so mies gehen würde, könnte ich mich wahrscheinlich darüber amüsieren. Scheinbar gehört das zum Programm für das Krankenhauspersonal. Immer lächeln, selbst wenn das Blut in Fontänen spritzt.
   »Die junge Dame hier ist etwas aufgewühlt. Holen Sie doch bitte eine geringe Dosis Beruhigungsmittel, Schwester Susanne.«
   Die Krankenschwester nickt und verschwindet zur Tür hinaus. Keine zwei Minuten später steht sie wieder vor mir und drückt der Ärztin eine Spritze in die Hand.
   »Das hilft dir, dich zu entspannen, bis der Operationssaal frei ist.« Mit diesen Worten, die sich in meinen Ohren anhören, als wären sie für ein Kind bestimmt, drückt sie die klare Flüssigkeit langsam in die Kanüle des Venenzugangs. Wärme breitet sich meinen Arm entlang aus und ich rede mir ein, mich schon viel ruhiger zu fühlen.
   »Wo ist meine Tochter?«
   »Papa«, schreie ich und richte mich ein winziges Stück auf. Er stürmt herein, hinter ihm meine Mutter mit Marie und sogar Daniel. Eine richtige Eskorte.
   »Schätzchen, Schätzchen. Was ist nur geschehen, mein Liebling?«
   Ich schluchze, bin einfach nur froh, dass sie hier sind. Alle. Sogar über Daniel freu ich mich, obwohl er völlig verschlafen und zerknautscht aussieht. Anscheinend haben meine Eltern ihn aus dem Bett gezerrt, um zu mir ins Krankenhaus kommen zu können.
   Vater spricht leise mit der Ärztin. Sein tiefes Gebrumme ist wie Balsam für meine Seele. Wenn Vater die Sache in die Hand nimmt, wird alles gut. So war es schon immer. Marie, Daniel und Mutter umringen mich, reden gleichzeitig auf mich ein und streicheln tröstend die unversehrten Teile meiner Arme. Ich hätte gern eine Minute mit Marie allein, möchte sie nach Simon fragen, aber wahrscheinlich würde ich sowieso keinen vernünftigen Satz herausbringen.
   So plötzlich, wie meine Familie erschienen ist, wird sie von einem Trupp Ärzte und Schwestern hinausgedrängt. Nur mein Vater ist noch da, und der sorgenvolle Blick passt so überhaupt nicht zu seiner ruhigen Stimme.
   »Lena, Schatz, Frau Doktor Müller hat es dir ja schon erklärt. Dein Bein ist gebrochen, die Enden des Knochens sind etwas verschoben und das muss gerichtet werden. Sie werden dich jetzt in den OP-Saal bringen und kurz betäuben.«
   Ich schnappe nach Luft. Nein, ich will nicht. Ich kann es nicht ausstehen, nicht mitzubekommen, was mit mir geschieht und eine Narkose ist wohl der schlimmste Kontrollverlust, den es gibt.
   »Du schläfst nicht lang. Nur ein paar Minuten. Wir sehen uns gleich wieder«, sagt Vater und geht noch ein Stück neben der Trage her.
   Ich habe überhaupt nicht gemerkt, dass mich die Krankenschwestern schon aus dem Raum in den Gang geschoben haben. Die Leuchtstoffröhren fliegen über mir vorbei und der Geruch nach Desinfektionsmittel wird immer stärker. Die Schwingtür kommt immer näher. Wundversorgung: Operationsraum 3 steht dort in großen Lettern geschrieben. Will ich wirklich wissen, was dahinter verborgen liegt? Ich schließe die Augen. Endlich fängt das Beruhigungsmittel zu wirken an. Die Wärme, die vorhin meinen Arm erfüllte, hat nun den Rest meines Körpers erreicht und ihn bis in die Zehenspitzen durchflutet. Es kann nichts schiefgehen. Alles wird gut und Simon mache ich ausfindig.
   »Wir müssen Sie jetzt auf den OP-Tisch hinüberlegen, Fräulein Winter.«
   Schwester Susanne redet mit mir wie mit einem Kleinkind, und ich muss lächeln. So fühlt es sich wahrscheinlich an, wenn man gekifft hat. Ganz weich, warm und verschwommen. Ich blinzle in das grelle Licht der Operationslampe, das auf einmal über mir scheint und mich mit der Kraft einer grellen Sonne blendet. Angestrengt suche ich das Gesicht der Krankenschwester, doch das Bild verschwimmt vor meinen Augen. Auch gut.

»Und wie fühlst du dich?«
   »Gib ihr noch einen Moment Zeit, Hans-Peter. Siehst du denn nicht, dass sie noch ganz benommen ist?«
   Ein seltsam schrilles Geräusch blendet die Stimmen meiner Eltern aus, und es dauert einen Moment, bis mir klar wird, dass ich es bin, die hysterisch kichert.
   »Und, Schatz, benötigst du etwas? Hast du Schmerzen? Können wir etwas für dich tun?«
   »Mhm«, brumme ich und drehe den Kopf zur Seite. Ich schaffe es nicht, die Augen offen zu halten. Diese Müdigkeit, diese bleierne Müdigkeit, einer dicken, schweren Decke gleich, die mich umhüllt und einmummt. Dass ein Mensch nur so erschöpft sein kann.
   »Schon gut, Lena. Ruh dich aus. Morgen sieht die Welt wieder besser aus.« Sanft streichelt mir Mutter über den Arm.
   Mit einem letzten Blinzeln sehe ich ihren sorgenvollen Blick. Mama, es geht mir gut, will ich sagen, glücklich darüber, dass sie hier ist. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt einen Laut von mir gebe, ob ich noch wach bin oder schon träume. Mit unnachgiebigem Druck zieht mich der Schlaf in seine Arme und empfängt mich mit der Wärme einer liebenden Mutter.

Es sind die Schmerzen, die mich aus den Tiefen der Traumwelt reißen. Unbarmherzig meldet jeder einzelne Muskel, Knochen und selbst die winzigsten Sehnen, dass sie überhaupt nicht damit einverstanden sind, überfahren worden zu sein. Hinzu kommt ein Brummschädel, der sich mit Leichtigkeit mit dem einer feuchtfröhlichen Nacht vergleichen lässt. Nachdem mir qualvoll bewusst geworden ist, dass ich mich nicht in einem schlechten Film oder in einem schlimmen Albtraum befinde, schaffe ich es, mich in dem kahlen Krankenzimmer umzusehen. Der Morgen ist noch nicht wirklich hereingebrochen und das fahle Licht der gerade aufgehenden Sonne verleiht dem ganzen Raum den Charme einer sterilen, leergeräumten Altbauwohnung. Wieso können die Krankenzimmer nicht wenigstens ein bisschen wohnlich oder zumindest freundlich eingerichtet sein? Immerhin liege ich hier mit Schmerzen und Sorgen. Wie soll man in dieser Umgebung überhaupt wieder gesund werden? Außer dem schmalen Krankenbett (Standard-Metallliege, mit dem obligatorischen »Peinige dich selbst beim Hochziehen- Metalldelta« und durch hydraulische Hebel und Schalter mit Roboterfeeling ausgestattet), einem Nachttisch, einem matt geputzten Kleiderschrank und einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen, gibt es nur noch den Fernsehbildschirm und zwei traurige Aquarelle im Raum. Ihr kennt doch diese Wasserfarbenbilder, wo man beim Hinsehen schon Depressionen bekommt, oder? Genau solche hängen irgendwie in jedem Krankenhaus an den Wänden. Komischerweise sind es in den Abteilungen für interne Medizin, Geburt und Frauenleiden meistens Blumenmotive und in der Unfallabteilung Landschaftsbilder, mit Bergen, Seen und unberührter Natur. So als möchte einen der Innenausstatter extra darauf hinweisen, dass man die nächsten Wochen sicher nicht durch die Gegend spazieren kann, weil man sich bekanntermaßen im Gips oder Verband damit schwertut, durch die Wälder zu laufen, oder den nächsten Gipfel zu erklimmen. Vielleicht hängen in der Psychiatrie dann Kunstwerke mit jeder Menge Lebensmitteln oder fröhlichen, tanzenden Menschen für die Patienten mit Essstörungen oder die Depressiven?
   Verdammt. Ich schaffe es nicht, mich umzudrehen, ohne dabei vor Schmerz aufschreien zu müssen und dabei hab ich schon das Gefühl, dass mein ganzer Rücken vom blöden Herumliegen taub ist. Besser, ich schließe meine Augen wieder und denke an etwas Schönes. Simon. Wie der Schein der Straßenlaterne von seinem braunen Haar reflektiert wurde, wie Bernstein, und diese Lippen, sanft geschwungen und dennoch männlich. Perfekt zum Küssen.
   »Fräulein Winter? Sind Sie schon wach?«
   »Hm? Ja, natürlich.« Ich blinzle der Ärztin entgegen.
   »Gut. Wie geht es uns denn heute? Haben wir irgendwelche Schmerzen oder können wir uns das Bein und die Verletzungen problemlos ansehen?«
   Wer sind wir?, will ich fragen. Ich sehe nur Frau Doktor Müller mit einem Klemmbrett in der Hand im Zimmer. Aber es gehört sich nicht, eine Ärztin darauf anzusprechen. Einmal, ich war vielleicht neun oder zehn, hab ich das getan und dafür nur ein verärgertes »Pst, so etwas tut man nicht« von Mutter geerntet. Seitdem halte ich mich zurück, wenn ein Arzt »wir« und »uns« benutzt. Wahrscheinlich ist dieses Verhalten eine schwer behandelbare Krankheit unter den Medizinern, ein krankhafter grammatikalischer Plural, eine chronische verbale Pluralitis sozusagen, die man nur durch ein langjähriges Germanistikstudium wieder loswird.
   Ihre Hände sind kalt und jede Berührung versetzt mir einen schmerzhaften Stich. Ich beiße die Zähne zusammen und zwinge mich zu einem verkrampften Lächeln.
   »Gut. Gut. Wir haben den Bruch komplikationslos eingerichtet und behandeln konservativ mit Gipsverband weiter. Außer Schmerztherapie und regelmäßigen Kontrollen können wir nicht viel tun. Der Knochen muss von selbst wieder zusammenwachsen und die Prellungen sind zwar schmerzhaft, bedürfen aber keiner weiteren Interventionen. Ich schlage demnach vor, dass Sie bis heute Abend bei uns im Krankenhaus verbleiben, um die richtige Dosierung der Schmerzmittel einzustellen und dann können Sie meinetwegen wieder nach Hause entlassen werden.«
   »Okay. Kann ich jetzt schon etwas gegen die Schmerzen bekommen?«
   »Sicher. Ich schicke gleich eine Schwester. Dann können Sie das Medikament gemeinsam mit dem Frühstück zu sich nehmen.«

»Wie geht es dir?«, lautet die Frage des Tages. Jeder stellt sie, die Ärzte, die Krankenschwestern, meine Familie und Freunde. Kurz nach dem Frühstück öffnet sich die Tür, und mein Vater tritt ein. Ebenfalls im weißen Mantel, so wie die Krankenhausangestellten. Auch er will wissen, wie ich mich fühle. Er ist der erste Mensch, der mir etwas bedeutet, und durch seine einfache Frage bricht meine Fassade in sich zusammen. Tränen treten mir in die Augen, und ich kann nichts dagegen tun. Es ist etwas anderes, ob sich jemand um mich sorgt, der mich liebt, oder eine Person, die es von Berufswegen muss. Scheiße, möchte ich sagen und losheulen, aber mir bleibt nicht die Zeit, mich bei ihm auszujammern, da mein Vater nach knappen fünf Minuten wieder weg muss. Seine Patienten warten auf Laserbehandlungen und Muttermalentfernungen.
   Als meine Mutter gleich danach ins Zimmer schneit und seinen Platz einnimmt, habe ich mich wieder im Griff und lächle ihr tapfer entgegen. Die Besucher reichen sich gegenseitig die Türklinke in die Hand, Daniel, Marie, Jana, Sarah und Lisa gehören dazu, ebenso wie Susanne und Tante Jule. Sie kommen und gehen, bringen Blumen mit und Pralinen, die ich nicht einmal essen würde, wenn mir durch die Medikamente nicht speiübel wäre. Während sie sich unterhalten, mich mit Fragen bombardieren und über den dummen Autolenker schimpfen, driften meine Gedanken immer wieder ab. Ich fühle mich müde und erschöpft und möchte am liebsten schlafen. Irgendwann döse ich anscheinend tatsächlich ein, denn beim nächsten Augenaufschlag ist niemand mehr im Raum, außer meiner Mutter und mir.
   »So Schätzchen, ich hab mit der zuständigen Ärztin gesprochen und die Entlassungspapiere dabei«, meint sie ruhig.
   Sie ist den ganzen Tag an meiner Seite geblieben und ich schaffe es nicht, mich bei ihr zu bedanken, so k. o. bin ich. Aber ich bin mir sicher, sie weiß es trotzdem. Es ist schon seltsam, so eine Mutter-Tochter-Beziehung. Manchmal möchte ich sie dorthin schicken, wo der Pfeffer wächst, aber wenn es darauf ankommt, bin ich froh, meine Mama zu haben.
   »Schon gut, Schätzchen. In einer halben Stunde bist du zu Hause.« Sie tupft mir eine Träne von der Wange. Ich weine und hab es nicht bemerkt.

Lenas Blog: Mein musikalisches Tagebuch
Freitag, 24. Februar 2012


Vor diesem Unfall saß ich tatsächlich der falschen Meinung auf, dass es ganz nett sein könnte, mit einem gebrochenen Knochen ein paar Tage Extraferien zu bekommen. Ich hab mich gründlich getäuscht. Tut mir leid, Emilie, wenn du das zufälligerweise liest. Ich weiß noch genau, wie ich dich voriges Jahr um deinen Gipsarm beneidet habe. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nur den Vorteil gesehen habe, Schularbeiten und Tests nicht mitschreiben zu müssen. Wie verdammt blöd das ist, wenn man andauernd auf die Hilfe anderer angewiesen ist und jede kleinste Bewegung wehtut, hatte ich nicht bedacht.
   »Schaden macht klug«, sagt meine Oma immer und sie hat (leider) recht damit. Für alle, die noch nicht in den Genuss kamen, einen Gips zu tragen: Die Dinger sind der reinste Mist. Sie jucken, drücken und verwandeln einen, wie in meinem Fall, in eine hilflose Schildkröte, die auf dem Rücken liegt und ohne Unterstützung nur noch blöd herumzappeln kann. Unsere Treppe in den ersten Stock hat siebzehn Stufen. Das ist Durchschnitt, aber mit Krücken kaum zu bewältigen. Ich vermeide es daher, öfter als notwendig diesen Monsteranstieg zu meistern. Am Morgen schleppe ich mich (mit Hilfe) nach unten ins Wohnzimmer und am Abend zum Schlafengehen, wieder hinauf (und fühle mich dabei wie Reinhold Messner).
   Heute hab ich (recht erfolglos) versucht, meine Klavierstücke zu üben. Es ist eine menschenunwürdige Qual, neben einem Kurzflügel auf dem Sofa zu liegen und höchstens ein paar Fingerübungen oder einfache Stücke, ohne Pedale, spielen zu können. Wie, bitte, soll ich es ans Mozarteum schaffen, wenn ich durch diese Zwangspause auf das Niveau eines Anfängers sinke? Diejenigen unter euch, die ebenfalls ein Instrument erlernen, wissen, wie wichtig das tägliche Üben ist. Und im Mai schon soll ich vor den Professoren vorspielen, um als außerordentliche Studentin zugelassen zu werden. Ich habe meinen Vater gefragt, warum der dumme Gips bis über den Oberschenkel reichen muss, obwohl der Bruch doch unten am Schienbein ist. Es geht nicht anders, wenn der Knochen wieder richtig zusammenwachsen soll, hat er geantwortet und mich mit meinem Musikdilemma allein gelassen.
   Bis morgen, meine (Musik-)Freunde

Eure Lena

(die es leid ist, »Für Elise«, »Sonatine in C-Dur« und Stücke ähnlichen Schwierigkeitsgrades zu spielen)

»Und, hast du seine Nummer? Bitte Marie, sag, dass du Simon danach gefragt hast?«
   »Simon, wer?«
   Die Enttäuschung auf meinem Gesicht muss wie ein Reklameschild neonfarben blinken. Da beginnt Marie zu lachen, und am liebsten würde ich sie anspringen und würgen.
   »Klar doch. Wenn meine Schwester in der Situation geistiger Verwirrtheit und körperlicher Versehrtheit mit letzter Kraft den Namen eines Jungen krächzt, weiß ich wohl, welche Stunde es geschlagen hat. Zugegeben, dieser Simon ist schnuckelig, aber so toll, dass du im platt gewalzten Zustand nach seiner Nummer fragst, ist er auch wieder nicht.«
   Ich boxe sie leicht auf die Schulter und verdrehe die Augen. Mehr als einmal hab ich ihr bereits gesagt, wie sehr es mich nervt, wenn sie in diese theatralische Sprache verfällt. Sie nutzt es absichtlich aus und genießt es sichtlich, dass ich mich ärgere, sonst würde sie nicht so verschmitzt grinsen.
   »Schon gut. Hier ist seine Nummer und als Fleißarbeit die Adresse«, beruhigt sie mich und zieht einen zerknüllten Papierfetzen aus der Hosentasche. Auf der Rückseite des Kinotickets stehen in Maries geschwungener Handschrift feinsäuberlich Simons Daten. Ich seufze und seit einer gefühlten Ewigkeit, treten die Schmerzen erstmals in den Hintergrund. Marie sitzt an der Bettkante und mustert mich unergründlich.
   »Du hast also gemerkt, dass er süß ist«, frage ich.
   »Hm, doch. Wenn man auf den brünetten Durchschnittskerl steht, dann schon.«
   »Pah! Durchschnitt. Hast du seine Augen nicht gesehen, grünblau wie zwei Aquamarine und die Stimme erst …«
   »Mensch Lena. Dich hat’s ja voll erwischt. Hoffentlich ist das keine Folge des Aufpralls. So eine Stoßstange an den Beinen und ein kräftiger Sturz auf den Hinterkopf haben schon so manches Urteilsvermögen beeinträchtigt.« Marie kichert und deutet mir mit Gesten an, dass ich wohl einen ganz schönen Klatscher abbekommen habe.
   »Hör auf, Marie. Ich meine es ernst«, schimpfe ich und breche gleich darauf ebenfalls in Lachen aus, bis mir unweigerlich die Tränen kommen. »Weißt du eigentlich, wie weh mir das tut, wenn du mich zum Lachen bringst?«
   »Sorry.«
   Wir sehen uns an, und da ist sie wieder, diese unheimliche Verbindung zwischen uns. Ich brauche nichts mehr zu sagen, da Marie einfach versteht, was ich mir wünsche.
   »Weißt du was? Ich hol meine Matratze rüber und campe bei dir im Zimmer, so wie früher. Und den Laptop bring ich auch gleich mit. Mal sehen, ob dieser ominöse Simon Pohl einen Facebook-Account hat.«
   »Och ja«, seufze ich und mache es mir im Bett so gemütlich wie möglich. Es ist gut, zu Hause zu sein, viel besser als im Krankenhaus.
   Marie trägt ihren rosaroten Snoopy-Schlafanzug und warme Kuschelsocken, als sie zu mir ins Bett kriecht. Außer dem Notebook hat sie noch eine Rolle Pringles-Chips und eine Tüte Gummibärchen mitgebracht.
   »Die Krümel beseitigst aber dann du. Ich will zu den blauen Flecken und dem Gips nicht auch noch wie ein Fakir schlafen«, maule ich.
   Marie lacht und schiebt sich ein Chip in den Mund. »Dafür gibt’s doch Mamas tollen Handstaubsauger aus der Dauerfernsehwerbung.«
   Bei dem Gedanken an das kleine weiße Gerät muss ich grinsen. Dieser »für einen ordentlichen Haushalt unerlässliche« Helfer macht mehr Lärm als der große rote Miele-Sauger, dafür stinkt das Teil erbärmlich nach den Essensresten der letzten Tage. Ich versteh nicht, warum Mutter dieses Teufelsding so gern verwendet, aber sie schleppt es von einem Tisch zum anderen und saugt damit alle möglichen Krümel ein. Wenn man zur Tür hinauswill und man hat das Pech, dass sie ihn gerade in der Hand hält, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, von ihr solange bearbeitet zu werden, bis der letzte der Fussel vom Pulli entfernt ist. Daniel macht sich sogar regelmäßig einen Spaß aus Mutters Handstaubsaugerfimmel und rennt »Mama mit dem Saugroboterarm« schreiend durchs Haus.
   »So, wollen wir mal gucken«, lenkt Marie mich von meinem Gedankenausflug ab und klappt den Laptop auf. Facebook erscheint als Startseite und schon fliegen ihre Finger über die Tastatur und sie öffnet mein Profil.
   »Da haben wir deinen Traumprinzen ja.«
   Ohne darüber nachzudenken, klatscht sie mir den Computer auf die Oberschenkel.
   »Aua«, beschwere ich mich und ernte einen schuldbewussten Blick.
   Fast alle Daten, Bilder und Posts von Simon sind öffentlich sichtbar. Wenn seine Angaben stimmen, ist er achtzehn und Lehrling in einer Autowerkstatt. Vor allem aber ist er Single.
   Und nein, beschließe ich, es ist definitiv keine Folge des Unfalls, dass ich den Kerl unwiderstehlich finde. Er sieht einfach zum Anbeißen aus, und selbst Marie nickt anerkennend bei einem ganz besonders aufschlussreichen Foto.
   »Also, oben ohne, nur mit der ölverschmierten blauen Arbeitshose und den starken Oberarmen, gefällt er sogar mir. So ein hart arbeitender KFZ-Mechaniker hat seinen Reiz.«
   »Ich hab ihn zuerst gesehen«, antworte ich trotzig. »Außerdem habe ich ihm schon zu Füßen gelegen.«
   »Schon gut, Fräulein Liebe auf den ersten Blick, ich meine Knall. Komm, schick ihm eine Freundschaftsanfrage.«
   »Und was soll ich schreiben? Was, wenn er ablehnt?« Verzweifelt sehe ich Marie an. Sobald ich diesen Schritt gewagt habe, bin ich ihm ausgeliefert. Er kann mich mit einem Klick abblocken.
   »Ach was. Wieso sollte er ausgerechnet dich nicht in seine Liste aufnehmen? Der Kerl hat mehr als zweihundert Freunde, und außer, dass du dich bei eurem ersten Zusammentreffen hast überfahren lassen, ist nichts geschehen. Ich schick ihm einfach die Anfrage.«
   Gebannt starre ich auf ihre Hände. Locker und gelassen schreibt sie drauflos. »Und passt dir der Text so?«, fragt sie und ich überfliege die Worte nochmals.
   Ich nicke.

Hallo Simon,
   noch völlig platt von unserem ersten zufälligen Aufeinandertreffen, hier meine Freundschaftsanfrage.
   Lena

»Und glaubst du, er nimmt sie an?«
   »Klar doch. Spätestens morgen weißt du es bei seiner FB-Aktivität mit Sicherheit. Ich muss jetzt schlafen, ob es dir gefällt oder nicht. Morgen ist Schule, und ich muss im Gegensatz zu dir hingehen.«
   Marie gähnt, fährt den Laptop runter und schiebt ihn unter das Bett, wo schon die leere Pringles-Hülle und die halb volle Gummibärchentüte liegen. Mit ein paar raschen Handbewegungen fegt sie die meisten Krümel auf den Boden. Niemand hat mehr Lust, sich mitten in der Nacht auf die Suche nach einem tosenden Ministaubsauger zu machen, auch Marie nicht. Ich kann es ihr nicht verdenken und die meisten Brösel liegen ohnehin auf ihrer Bettseite.
   »Wenn du willst, kannst du auch bei mir liegen bleiben«, schlage ich vor.
   »Nein, lieber nicht. Ich wälze mich viel im Bett herum und brauch meinen Platz.«
   Marie wandert auf die Matratze am Boden und kuschelt sich in die dicke Daunendecke. Widerstrebend knipse ich das Licht aus.
   »Gute Nacht«, flüstert Marie.
   »Gute Nacht«, antworte ich und schließe die Augen. Die Schmerzen kehren langsam zurück. Durch die Internetrecherche habe ich sie beinah nicht gespürt. »Glaubst du, er findet mich schrecklich? Ich hab sicher fürchterlich ausgesehen, verletzt und bewusstlos auf dem nassen Asphalt.«
   »Du siehst immer gut aus, Lena. Sogar unter einem Auto. Und jetzt schlaf. Bitte«, sagt Marie müde.
   »Hm.«
   Erneut schließe ich die Augen und stelle mir vor, wie Simon gerade meine Anfrage annimmt und mir ein paar nette Zeilen zurückschreibt. Bitte, lieber Gott, wenn es dich gibt, lass Simon mich ebenfalls gut finden oder schenke mir wenigstens die Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass er mich toll findet. Sonst bricht mein Herz entzwei, schlimmer, als mein Bein es je könnte.

3. Spionage mit rosaroter Brille

Lenas Blog: Mein musikalisches Tagebuch
Samstag, 25. Februar 2012


Geständnis

Liebe Freunde,

ich muss euch etwas gestehen. Seit ich mit fünf zum ersten Mal an einem Klavier saß, ist kein Tag verstrichen, an dem ich nicht zumindest das Bedürfnis verspürt habe, auf den Tasten herumzuklimpern. Selbst wenn ich eine Übungspause einlege, ist da immer dieser innere Drang, der mich halb wahnsinnig macht. Künstler eben, wie meine Schwester gern sagt. Am besten ist dieses Gefühl vielleicht mit einer Sucht oder einem Rausch zu vergleichen. Man muss einfach spielen, braucht den Klang der Tasten wie die Luft zum Atmen, sonst ist man nicht glücklich. Zumindest ergeht es mir so.
   Heute aber hab ich nicht eine Sekunde lang an die Musik gedacht und immerhin ist es jetzt schon dreiundzwanzig Uhr fünfzehn. ;-)
   Ich hab gechattet und telefoniert, den ganzen Samstag. Jawohl, ihr habt es erraten: mit einem Kerl. Nicht irgendeinem, sondern mit Simon, meinem Unfallhelfer. Charmant. Witzig. Nett. Wahnsinnig gut aussehend …
   Mehr Details folgen die nächsten Tage,

Lena (die morgen wieder brav ihre Fingerübungen absolvieren wird, um nicht vollkommen einzurosten)

»Du grinst wie ein Honigkuchenpferdchen. Sag bloß, das ist mein Laptop auf deinen Beinen?«
   Marie lässt sich mit einem Ruck neben mir aufs Sofa fallen und rückt unmöglich nah an mich heran. Ich schlucke das leise Wimmern hinunter und strafe sie mit einem bösen Blick.
   »Du bist ganz kalt und feucht von draußen«, schimpfe ich und drücke sie von mir weg.
   »Es hat nicht jeder das Glück, den ganzen Tag im Warmen verbringen zu dürfen. Manche Leute müssen zur Schule.«
   »Willst du tauschen?«, frage ich und drehe den Bildschirm so zur Seite, dass sie nichts darauf erkennen kann.
   »Nein. Aber ich will wissen, ob Simon geantwortet hat.«
   »Schon mal was von Privatsphäre gehört?«
   »Doch, aber die ist ausgesetzt, solange du mein Notebook benutzt.«
   Widerwillig drehe ich den Bildschirm gerade. Warum musste mein Laptop auch zwei Wochen, bevor ich ihn wirklich benötige, den Geist aufgeben? Normalerweise hätte ich mir gleich einen neuen besorgt, aber leider ist mein finanzielles Depot im Moment ziemlich aufgebraucht. Zu dumm, dass ich mir vor Weihnachten eine neue Skiausrüstung zugelegt habe. Der Winter ist so gut wie vorüber und die paar Mal, die wir dieses Jahr auf der Piste waren, hätte es auch die alte getan. Natürlich konnte ich unmöglich wissen, dass Daniel ausgerechnet in den Semesterferien Fieber und Halsschmerzen bekommt. Damit fiel der geplante Familienurlaub in den Bergen ins Wasser. Außerdem hatte ich nicht die geringste Veranlassung anzunehmen, dass mein ziemlich neuer Laptop einen Monat nach Garantieablauf mir nichts, dir nichts seinen Dienst einstellt. Motherboard kaputt, Reparatur zwecklos.
   Marie runzelt die Stirn und beugt sich immer weiter über den Monitor, bis sie beinah mit der Nasenspitze am Bildschirm ansteht. Meine und Simons letzte Gesprächsfetzen sind im Chatverlauf noch ersichtlich. Mit jedem Wort, das Marie liest, wächst ihr Grinsen.

S.: und nervt es nicht, noch die Schulbank zu drücken, ich würd durchdrehen ;P
   L.: nö. den ganzen Tag zu arbeiten, ist sicher viel anstrengender und ich möchte nicht andauernd das Gefühl haben, unter einem Auto zu liegen ;)
   S.: *lol* in deinem Fall verständlich
   L.: *g* ui, meine Schwester kommt grad rein
   S.: ??? *Will*


»Und, wie lange chattest du schon mit ihm?«
   »Nicht so lang. Vielleicht seit zwei Stunden. Kannst du bitte von meinem Bein runtergehen? Ich bin verletzt, wie du dich vielleicht erinnerst.«
   Marie verdreht die Augen, lehnt sich jedoch ohne Murren zurück an die Sofarückwand. »Und wann trefft ihr euch?«
   »Mit dem Gips und diesen Flecken?«, frage ich entsetzt. Wie kommt sie darauf, auch nur anzunehmen, ich möchte mich in diesem jämmerlichen Zustand Simon zeigen. Der Kerl sieht verdammt heiß aus und hat gewiss kein Interesse daran, mit einer halben Mumie herumzulaufen.
   »Ich mein ja bloß. Bei dem Aktionismus, den du an den Tag legst, hab ich eben angenommen, dass du ihn so schnell wie möglich sehen willst. Immerhin bist du es, die stets behauptet hat, jeder, der mehr als eine Stunde täglich in Facebook herumhängt, hätte entweder kein richtiges Leben oder würde nicht ganz richtig ticken.«
   »Tja, so eine Gehbehinderung ändert eben manches«, gebe ich patzig zurück und schreibe noch schnell ein »muss Schluss machen. *CUL8R*« in den Chatverlauf, bevor ich den Monitor zuklappe.
   »Übrigens, die Mädels werden am Abend noch vorbeischauen. Krankenpflichtbesuch. Sie wollen bestimmt Genaueres über deinen Schwarm hören, also kannst du den Laptop eigentlich gleich anlassen.« Marie kratzt verlegen an dem Riss im Leder der Couch und wirft mir einen unschuldigen Blick zu.
   »Du hast ihnen brühwarm von Simon erzählt?«, frage ich verärgert, obwohl ich mir die Antwort denken kann. Ich teile wirklich gern meine Geheimnisse mit den Mädels, aber irgendwo sollte Schluss sein, gerade wenn etwas noch so in den Sternen steht wie die Geschichte mit Simon. Wer weiß, ob er mich überhaupt jemals treffen will. Nur weil wir uns im Chat ganz gut unterhalten, heißt das noch lange nicht, dass mehr daraus wird.
   »Ich hab nichts getan, was du nicht auch tun würdest«, antwortet Marie schmollend.
   Liebend gern würde ich ihr klarmachen, was ich von ihrer Aktion halte, aber Mutters Ruf aus der Küche unterbricht unser Gespräch rüde.
   »Essen, Kinder. Schnitzel, Pommes, Salat.«
   »Komm Humpelbein, ich helf dir in die Küche«, bietet Marie mir an und greift mir unter die Arme. Nun denn, wahrscheinlich hätte ich den Mädels ohnehin von Simon erzählt. Warum soll ich mir von der Mitteilungsfreude meiner Schwester den Appetit verderben lassen?

Das Schöne an einem Mädchenabend ist, dass wir alle dieselben Gedanken, Sorgen, Wünsche und Hoffnungen haben. Egal, wer gerade verliebt ist, Schulprobleme hat oder wessen Eltern im Moment besonders nervtötend sind, jede von uns fünf kann sich in die Situation der anderen hineinversetzen. Das war schon immer so. Ich glaube, es ist eine Art Naturgesetz, dass sich beste Freundinnen wortlos verstehen. Eine Schutzfunktion, um einen durch die schwere Zeit als noch nicht ganz Erwachsener durchzuboxen. Wie viele Selbstmorde, psychisch Kranke oder hoffnungslos Verzweifelte gäbe es unter Mädchen wie uns wohl, wenn wir einander nicht hätten? Oder könntet ihr euch vorstellen, auf den Rat und die kleinen Verrücktheiten von euren Seelenschwestern zu verzichten?
   »Jetzt zeig uns schon seine Facebook-Seite. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, welchen Typ du meinst«, fordert Jana bestimmt schon zum dritten Mal. »Es war dunkel, und ich hab mir wie die anderen nur Sorgen um dich gemacht. Da hatte ich keinen Blick für irgendwelche Traummänner.«
   Die anderen nicken und ich sehe Marie vielsagend an. Sofort saust sie aus dem Zimmer und holt den Laptop.
   »Ich kann mir nicht vorstellen, dass er auch nur annähernd so gut aussieht wie mein Sam.« Sarah schiebt sich eine weitere Hand Nüsse in den Mund und schaut nach Zustimmung haschend jede von uns an. Verlegenes Schweigen.
   »Nun ja, ich weiß nicht. Sam ist ganz okay«, antwortet Lisa endlich, »aber mir wäre eine Beziehung, wie du sie hast, zu stressig. Wie lange seid ihr zusammen? Fast eineinhalb Jahre, oder? Das ist meiner Meinung nach eine Ewigkeit. Wir sind doch keine dreißig.«
   Ich seufze leise. Langsam geht mir die Endlosdiskussion zwischen den beiden auf die Nerven. »Ich glaube nicht, dass wir heute schon wieder darüber reden müssen. Jede von uns weiß, dass Sarah eher der Typ für eine Langzeitbeziehung ist und du eben nicht, Lisa. Wir müssen ja nicht mit Sam herumhängen. Solange sie ihn nicht dauernd mitschleppt, kann es uns egal sein. Findet ihr nicht auch?«
   »Was finden wir auch?«, fragt Marie, die mit dem Notebook unter dem Arm gerade zur Tür hereinkommt.
   »Endlosthema Sarah und Sam«, antwortet Jana, und Marie zuckt mit den Achseln, als würde ihre Frage damit geklärt sein.
   »Ach so. Da wechseln wir lieber zu Lenas heißem Mechaniker.« Sie lacht und setzt sich im Schneidersitz auf einen der vielen Polster in meinem Bett. Ihre große Zehe guckt aus einem Loch in der Socke und Marie wackelt so unablässig damit, dass ich sie einfach anstarren muss, die rosarot lackierte Wackelzehe. Mit einem Ruck reiße ich mich von dem Anblick los und sehe erwartungsvoll auf den bereits geöffneten Bildschirm. Obwohl mein Zimmer nicht groß ist, fühle ich mich wohl darin, besonders wenn meine Freundinnen da sind. Außerdem war es eine gute Entscheidung, gleich ein großes Bett mit einen Meter vierzig Breite zu besorgen, als das alte bei einer wilden Kissenschlacht mit Daniel in sich zusammengebrochen ist. Das große Bett nimmt zwar fast den ganzen Platz im Raum ein, (was vielleicht auch an meiner Neigung zum Chaos liegt, immerhin könnte ich meine Klamotten und die Bücher eigentlich in den dafür vorgesehenen Kasten legen, aber wo bliebe dann der Individualismus?), aber es ist Gold wert, wenn man es sich so richtig kuschelig machen will.
   Jana, Marie und ich hocken nun darauf, und normalerweise hätten Lisa und Sarah ebenfalls Platz neben uns gefunden, wenn mein Bein nicht wäre. So liegt es, wie eine eigene Person, mit Kissen hochgelagert quer über der Matratze. Lisa und Sarah lümmeln auf den Drehstühlen, wovon einer eigentlich Marie gehört, aber das ist egal. Wichtig ist, dass jede einen guten Blick auf den Monitor hat, um ihre Neugierde zu befriedigen. Eigentlich stehe ich nie so im Mittelpunkt, außer ich gebe ein Konzert, und es fühlt sich seltsam an, so von Interesse zu sein. Gewöhnlich sind es Jana oder Lisa, die mit Jungsgeschichten und Fotos auftrumpfen und selbst Marie hatte vor einem knappen Jahr kurz einen richtigen Freund. Mir hingegen waren bisher die Jungs egal. Das Klavierspielen war wichtiger. Vor allem seit ich mir sicher bin, eine große Pianistin werden zu wollen. Ich spüre richtig, wie mir das Blut in den Kopf schießt, als Simons Bild am Monitor aufleuchtet.
   »Ganz in Ordnung, dieser Simon. Hast du schon mit ihm telefoniert oder gesimst?«, fragt Jana, während sie die Erdnüsse geradezu in sich hineinschaufelt und mit reichlich Cola hinunterspült.
   »Nein, nur gechattet.«
   »Aber die Nummer hast du, nehme ich an.«
   »Hab ich ihr besorgt«, antwortet Marie.
   »Und warum hast du dann noch nicht …?«, will Sarah fragen, aber ich unterbreche sie.
   »Das fragst gerade du. Darf ich dich daran erinnern, wie lange du um Sam herumgetänzelt bist, bevor du ihn endlich angesprochen hast. Dabei war offensichtlich, dass er auf dich steht. Ich rechne mir im Moment wirklich keine großen Chancen bei Simon aus. Seht mich doch an. In meinem Zustand ist es wohl besser, ich gehe es langsam an.« Ich lasse mich zurücksinken und verziehe den Mund ein wenig.
   »Aber telefonieren ist noch lange kein Date. Und deine Stimme klingt nicht halb so kaputt, wie du aussiehst«, wendet Lisa ein.
   »Ich weiß doch so gut wie nichts über ihn. Und auf Facebook kann er alles Mögliche schreiben. Vielleicht hat er eine feste Freundin oder er hat null Interesse an mir.«
   »Aber du bist doch schrecklich schön. Welcher Junge würde nicht auf eine Blondine wie dich stehen?«
   »Ach Lisa, schön schrecklich trifft es wohl besser. Oder glaubst du, ich hab wie Heidi Klum ausgesehen, als er mich vom Asphalt gekratzt hat.«
   Jana prustet vor Lachen und kleine Colatröpfchen spritzen zwischen ihren Lippen hervor.
   Entsetzt reiße ich die Arme hoch. »Igitt. Du bist eklig. Halt dir wenigstens die Hand vor den Mund«, schimpfe ich.
   Jana zuckt gleichgültig mit den Schultern und grinst breit, von schlechtem Gewissen keine Spur. »Schön schrecklich, sagst du, schön feige, sag ich. Das sind doch alles nur Ausreden. Wenn du den Typen heiß findest, dann musst du dich an ihn dranhängen. Basta!«
   »Ich will erst mehr von ihm wissen«, motze ich und ziehe mir ein rosarotes Samtkissen auf den Schoß. Die feinen, weichen Stoffhärchen fühlen sich zwischen meinen Fingern wie warmes Katzenfell an, und ich streichle und drücke das Kissen, bis ich mich ruhiger fühle.
   »Dann finden wir eben mehr über ihn raus«, schlägt Marie begeistert vor.
   Ich hebe die Augenbrauen und sehe sie fragend an. Dieses aufgeregte Glitzern in ihren Augen verheißt meistens nichts Gutes. Das letzte Mal sah ich es, als sie an dem Wochenende, als Vater in Wien beim Ärztekongress war, kurzerhand beschlossen hatte, eine Spritztour mit seinem BMW zu machen. Bis heute ist unser Vater der Meinung, dass irgendein Vandale ihm am Parkplatz mit dem Schlüssel den tiefen Kratzer angehängt hat, der eigentlich Maries Verdienst war. »Na ja, du bist vielleicht momentan ein wenig bewegungseingeschränkt. Aber es spricht nichts dagegen, wenn wir mal einen kleinen Ausflug ans andere Ende der Stadt machen. Wenn dieser Simon eine Freundin hat, finden wir das raus. Nicht wahr, Mädels? Und wenn sich herausstellt, dass er keine hat, werde ich mich einfach noch mal förmlich bei ihm bedanken. Immerhin hat er meiner Zwillingsschwester mehr oder weniger das Leben gerettet, oder? Da gehört es sich doch, dass ich ihn in deinem Namen aufsuche und ihn zu einem kleinen Dankeschön-Kaffee mit dir überrede.«
   »Du willst ihn ausspionieren?«, frage ich und gebe mich dabei entsetzter, als ich es bin. Ehrlich gesagt gefällt mir der Gedanke sogar. Warum soll ich auf Maries Angebot verzichten, wenn ich dadurch herausbekommen kann, ob Simon tatsächlich Single ist? Außerdem ist es ihr eigener Vorschlag.
   Marie lächelt wissend und neigt den Kopf, als sie weiterspricht. »Lena Schätzchen. Ich bin deine Schwester, und ich weiß, was du denkst. Also tu gefälligst nicht so, als wäre dir mein Vorhaben unangenehm.«
   Ich gebe mich geschlagen und höre bei der entstehenden Diskussion hauptsächlich zu. Die Mädchen sind begeistert, dass es eine prima Idee ist, Marie vorzuschicken und die Gegebenheiten abzuklären.
   Als die Mädchen spätabends nach Hause aufbrechen und nur noch meine Schwester und ich übrig sind, steht der Plan. Marie legt ihren Kopf an meine Schulter und eine Vanilleduftwolke steigt mir in die Nase. Automatisch streichle ich ihr über die blonden Locken, und sie guckt lächelnd zu mir hoch.
   »Eins muss ich dir sagen, Lena. Ich bin echt froh, dass es dich auch endlich erwischt hat. Langsam bist du mir schon unheimlich geworden, immer nur Musik hier, Klavier da. Schön, dass du doch normal bist.«
   »Bisher hat mich eben noch kein Junge interessiert.«
   »Simon hat dich dafür umgehauen«, zwinkert Marie.
   »Mann, bist du doof.« Ich lache, worauf meine Schwester sofort ernst wird.
   »Dann also abgemacht. Operation: ‚Simon-Spionage‘ kann morgen beginnen.«
   »Jawohl, Frau Spionin. Finden Sie die gewünschten Informationen unauffällig heraus und übermitteln Sie sie mir umgehend.«

Warten ist anstrengend und nervenaufreibend. Besonders in einem leeren Haus. Daniel und Marie sind in der Schule, mein Vater ist in seiner Praxis und meine Mutter fotografiert im Moment gerade Kuchen und Törtchen in einer angesagten Konditorei.
   Wusstet ihr, dass man die süßen Fotomodelle gar nicht essen kann, obwohl sie zum Anbeißen aussehen? Ich war schon öfters bei Lebensmittelsessions dabei und konnte es kaum glauben, wie viel Lack, Glyzerin und anderes giftiges Zeug auf die Leckereien gesprüht und gepinselt wird, nur damit es auf dem Foto toll aussieht. Aber ich bin mir sicher, dass meine Mutter im Anschluss an das Shooting einige richtige, unbearbeitete Kostproben vorgesetzt bekommt. Hoffentlich bringt sie etwas mit, wo ich und Marie doch für Süßkram zu Mörderinnen werden könnten.
   Es ist langweilig allein zu Hause mit Gipsbein und mehr oder weniger an die Couch gefesselt. Sogar die Fernsehprogramme haben sich gegen mich verschworen und bringen nur Mist. Kochshows, Sendungen mit Leuten voller Probleme, die mich einen feuchten Dreck interessieren, und irgendwelche amerikanischen Serien ohne Sinn und Handlung. Seufzend bleibe ich schließlich bei einem Musikkanal hängen, wo ein aufgekratzter Moderator die diversen Clips kommentiert. Auch auf Facebook ist logischerweise nichts los, meine Freundinnen sitzen im Gymnasium und Simon hängt wahrscheinlich unter einem Auto und zieht Schrauben nach. Trotzdem aktualisiere ich im Minutentakt die Seite, in der leisen Hoffnung, dass sich doch etwas tut. Simon könnte sich ja eine Erkältung eingefangen haben und vielleicht ebenfalls gelangweilt bei sich zu Hause herumliegen. Wäre das nicht ein bemerkenswerter Zufall, ein richtiges Zeichen sogar? Ein Mausklick, keine Veränderung. Aber wenn alles glatt läuft, bin ich heute Abend klüger. Marie hat fest versprochen, nach der Schule einen kleinen Umweg zu fahren …

»Gewonnen! Gewonnen! Ich bin der Größte, der Beste, der Unbesiegbare.«
   »Daniel, du nervst. Wenn du deine gehbehinderte Schwester schon andauernd haushoch schlägst, könntest du wenigstens so viel Anstand besitzen und nicht jedes Mal einen Freudentanz aufführen.« Genervt werfe ich die Würfel und die Spielkegel zurück in die Verpackung.
   »Du bist einfach nur eine schlechte Verliererin«, schmollt Daniel, aber seine Augen glitzern dabei schelmisch.
   »Du hast recht, und die miese Verliererin muss jetzt mal für kleine Königstiger«, ächze ich und ziehe mich schwerfällig hoch. Mühevoll greife ich nach den Krücken, die erstaunlicherweise nie dort liegen, wo sie sollten.
   Daniel grinst breit und springt wie eine Gazelle hoch. Die Spielschachtel fällt scheppernd auf den Boden und die Steine kullern unter den Sofatisch.
   »Danke, dass du mir so schön hilfst, kleiner Bruder. Das merke ich mir. Die nächste Situation, in der du meine Unterstützung benötigst, kommt bestimmt«, fauche ich und funkle den kleinen Wirbelwind verärgert an.
   »Wer weiß, wann das ist und ob du deine Drohung bis dorthin nicht vergessen hast.« Er lacht und saust gut gelaunt in die Küche, wo Mutter das Geschirr wäscht.
   »Kröte«, zische ich ihm hinterher und schleppe mich zur Toilette.
   Als ich mit dem Notwendigen fertig bin, fällt gerade die Haustür ins Schloss. Mein Herz flattert wie ein Schmetterling. Endlich kommt die Person, auf die ich schon den ganzen Tag sehnsüchtig gewartet habe. »Marie?«
   »Höchstpersönlich.« Sie tritt in den Flur und greift mir sogleich unter die Arme, als sie mich mit den Krücken herumfuchteln sieht. »Hattest du einen angenehmen, ruhigen Tag auf dem Sofa, Hinkebein?«
   »Ja, sicher. Aber erzähl schon. Spann mich nicht so auf die Folter. Du weißt genau, was ich hören will oder warum glaubst du, bombardiere ich dich seit vier Uhr alle zehn Minuten mit einer SMS.«
   »Deinen Telefonterror hab ich mitbekommen.« Sie grinst. Kleine weiße Schneeflocken schmelzen zu winzigen Tropfen und lassen ihre blonde Mähne wie mit Brillanten bestückt glitzern. Maries Wangen sind durch die kalte Winterluft gerötet und sie erinnert mich an eine überdimensionale, zarte Porzellanpuppe. Am schönsten aber ist ihr Lächeln und allein daran kann ich erkennen, dass sie gute Nachrichten für mich hat. Dennoch gönne ich ihr die Freude und gebe mich unwissend, als sie sich gemeinsam mit mir aufs Sofa setzt.
   »Und?«, hake ich nach.
   Maries Grinsen wird breiter. »Alles in Butter. Keine Freundin.«
   »O Gott, Marie, mach es nicht so spannend. Es ist schon fast acht Uhr, Schulschluss war heute um drei und du kommst jetzt erst heim. Demnach muss es mehr Infos geben, als ‚Keine Freundin‘.«
   »Stimmt. Aber fürs Erste spanne ich dich noch ein wenig auf die Folter. Immerhin habe ich einen anstrengenden Tag als Profispionin und hoffentlich auch Verkuppel-Tante hinter mir. Deshalb hab ich mir ein ordentliches Abendessen verdient. War Mama am Vormittag nicht in der Konditorei?«
   Marie steht auf und zieht mich ebenfalls hoch. Gemeinsam hinken wir in die Küche, wo unsere Mutter mit Daniel bereits Brötchen isst. Wenn mein Vater seinen Ärztestammtisch im Tennisklub hat, gibt es immer nur Brot und jeder darf kommen und essen, wann ihm danach ist. Mein Magen grummelt und ich lasse mich auf dem Stuhl nieder. Ich habe Hunger, aber irgendwie fällt es mir schwer, etwas zu essen, während Marie und Daniel kräftig zulangen. Simon, verdammt, ich will endlich wissen, was mit Simon ist, denke ich mir und beiße beim Wurstbrot ab. Es schmeckt fad wie eine Reiswaffel auf meiner Zunge, und ich lege es angewidert zur Seite. Marie bemerkt meinen giftigen Blick, ignoriert ihn aber und lächelt mir stattdessen süß zu. Biest!
   Sie lässt sich sogar extra Zeit und kocht sich absichtlich eine heiße Schokolade zum Apfelkuchen aus der Konditorei. An einem anderen Tag würde sie niemals zum Abendessen zusätzlich einen Kakao trinken, schon allein wegen der überflüssigen Kalorien. Selbst Mutter zieht erstaunt die Augenbrauen hoch.
   »Du hast ziemlich Kohldampf heute.«
   »Hm. Die Mädels und ich waren am Nachmittag unterwegs. Da vergisst man eben das Essen.«
   Ich könnte aus der Haut fahren. Sieht denn niemand außer mir, dass Marie mich mit ihrer Verzögerungstaktik nur quält?
   Mutter nickt und redet weiter über den Wochenendplan, der durch meine Verletzung umgestaltet werden muss, während ich zähneknirschend auf meinem Teller herumstochere und gezwungenermaßen dem Geplapper zuhöre.
   Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, kommt Marie zu einem Ende ihres Abendmahls. »Ich geh mit Lena hoch ins Zimmer, um ihr zu erklären, was sie in der Schule versäumt hat. Nicht, dass sie Krankenstand mit Urlaub verwechselt«, sagt sie lässig und stellt das benutzte Geschirr in den Spüler. Ich atme auf, und zwar nicht wegen des nachzuholenden Stoffs. Noch eine Minute länger am Tisch und ich hätte ihr wahrscheinlich die Kakaotasse aus der Hand geschlagen. Was zum Teufel denkt sie sich dabei, mich dermaßen schmoren zu lassen?
   »Simon hat keine Freundin, sagtest du. Bist du dir auch absolut sicher?«, eröffne ich das Gespräch, kaum dass wir in meinem Zimmer sind. Ich versuche, nicht ungeduldig oder genervt zu klingen, aber in Wirklichkeit sitze ich auf Nadeln.
   Marie lächelt ihr unschuldigstes Lächeln, schiebt die Kissen auf meinem Bett beiseite und hilft mir hinauf. Die Matratze gibt ein wenig nach, und ein kurzer Schmerz durchzuckt mein Bein, weil ich es zu rüde fallen lasse.
   »Todsicher. Dein Auserwählter ist solo, und das Beste ist, er will sich mit dir treffen. Bald.« Mein Herzschlag setzt aus, und ich greife mir schwer atmend an die Brust. So fühle ich mich sonst nur in der Achterbahn beim Dreifach-Looping.
   »Hat er das wortwörtlich so gesagt?«
   »Hm. Nachdem wir eine Stunde über Autos, Tuning und das nächste VW-Treffen gesprochen haben. Der Typ fährt echt total auf Autos ab.«
   Meine Gedanken überschlagen sich. »Erzähl alles der Reihe nach. Wie hat er auf dich reagiert? Erinnert er sich überhaupt richtig an mich? Was habt ihr genau geredet?«
   Marie pustet sich eine Locke aus dem Gesicht und macht es sich ebenfalls gemütlich auf meinem Bett. Das wird wohl ein längeres Gespräch, sagt ihr Blick und ich habe keinen Grund, dem zu widersprechen. Ach, was würde ich dafür geben, wenn ich dabei gewesen wäre. Jedes noch so winzige Detail, jede kleine Regung in Simons Gesicht könnte ausschlaggebend sein und mir zeigen, ob er sich für mich als Mädchen interessiert oder ob er nur höflich sein will.
   »Also, ich bin nach der Schule zu der Werkstatt hin und hab nach ihm gefragt. Dann hat man mich zurück zum hintersten Winkel der Halle geschickt und da lag dein Traumboy unter einer rostigen Karre. Nun ja, ich hab vielmehr angenommen, dass er es ist. Eigentlich hab ich nur seine Schuhsohlen gesehen, die unter den Rädern hervorguckten.«
   »Du bist einfach so in den Betrieb marschiert?«, frage ich überrascht nach.
   Marie nickt und ich wünsche mir nicht zum ersten Mal, etwas mehr aus ihrem Holz geschnitzt zu sein. Manche Leute glauben, eineiige Zwillinge seien völlig identisch, aber das stimmt so nicht. Auch wenn wir uns äußerlich ähnlich sehen und uns innerlich ein festes Band verbindet, unterscheiden wir uns in wesentlichen Bereichen unserer Persönlichkeit so sehr, dass ich manchmal sogar daran zweifle, überhaupt mit Marie verwandt zu sein. Ihren Mut und den immensen Tatendrang, der ihr zu abenteuerlichen Erlebnissen verhilft, fehlt mir völlig. Marie hat keine Skrupel einen Jungen anzusprechen, wenn er ihr gefällt. Frei nach dem Motto: He Mann, du bist mir ins Auge gestochen und vielleicht hast du ebenfalls Interesse. Ich neige leider eher dazu, schüchtern zu sein, rot anzulaufen und halte mich deshalb lieber im Hintergrund. Marie hingegen ist eines der extrovertiertesten Mädchen, die ich kenne.
   »Was hätte ich sonst tun sollen? Mir bei dem Schneefall und der Kälte auf dem Parkplatz die Füße in den Bauch stehen? Nein. Es war in der Halle schon zugig genug.« Sie wirft die Haare zurück, die sich durch die Feuchtigkeit draußen nun stärker kringeln als gewöhnlich.
   »Auf jeden Fall hab ich die Füße angesprochen und tatsächlich hing dein Simon daran. Er hat mich übrigens sofort erkannt, oder besser gesagt glaubte er, dich vor sich stehen zu sehen. Er ist bleich geworden wie ein Gespenst und hat gemeint, dass ich nach dem Unfall erstaunlich gut aussehen würde und ob ich eine Art Vampir oder Zombie sei.«
   Meine Schwester lacht laut, und auch ich finde den Gedanken an sein verwirrtes Gesicht witzig und grinse.
   »Tja. Ich hab die Situation schnell aufgeklärt und ich glaube, er war erleichtert, keine abartige Tussi mit der Fähigkeit zur Wunderheilung vor sich zu haben. Mich hat er an dem Abend anscheinend gar nicht wirklich angesehen, als ich ihn nach seiner Nummer gefragt habe. Ihm ist nicht aufgefallen, dass es zwei von unserer Sorte gibt. Ist doch irgendwie klar. Es war dunkel, und seine ganze Aufmerksamkeit galt dir und später dem abfahrenden Krankenwagen. Er hat mich keines Blickes gewürdigt.«
   »Und dann habt ihr euch über mich unterhalten«, mutmaße ich.
   »Ja. Hauptsächlich über dich und welche Verletzungen du davongetragen hast. Dann über seine Arbeit und Autos allgemein. Der Kerl ist ein absoluter VW-Freak und bastelt sogar in seiner Freizeit an diesen Karren herum. Er hat mir lang und breit erklärt, dass er im Moment einen rostigen Uraltkäfer restauriert, den er bei einem Bekannten hinten im Hof gefunden hat. An dem Ding gehört anscheinend alles ausgetauscht und am Ende kommt ein Neuwagen mit der alten VW-Hülle dabei heraus. Er hätte sicher noch eine Stunde weiter über den Wagen gesprochen und dabei seine Arbeit nebenbei fortgeführt, aber ich hab ihn unterbrochen und gefragt, ob er eine Freundin hat.«
   Mir bleibt die Luft weg. Was muss Simon von uns denken, wenn sie ihn beim ersten Treffen unverblümt nach seinem Liebesleben fragt? Er hält uns sicher für total bekloppt, und ich bereue es, Marie zu ihm geschickt zu haben.
   »Guck nicht so entsetzt. Er hat nicht gecheckt, dass ich ihn ausgehorcht habe. Du kennst mich doch, ich bin raffiniert.«
   Das ist ja das Problem, ich kenne sie zu gut und weiß, wie direkt sie sein kann. Ich schlucke die Bemerkung hinunter und sehe sie stattdessen erwartungsvoll an. Marie stößt pfeifend die Luft aus und schüttelt leicht den Kopf.
   »Ich hab ihn gefragt, ob seine Freundin nicht eifersüchtig sei, wenn er die ganze Zeit den Lack an seinem Käfer streichelt, anstatt sie, und er hat geantwortet, dass er genau aus diesem Grund lieber auf Weiber, diesen Begriff hat er verwendet, verzichtet. Wenn er sich eine Freundin zulegen würde, müsste sie verstehen, dass bei ihm immer zuerst das Auto kommen würde. Scheißansicht, wenn du mich fragst.«
   Ich zucke mit den Schultern. »Wenn man es im Vorhinein weiß, braucht man sich nicht zu beschweren. Wenigstens ist er ehrlich. Denk doch nur an diesen Marvin, den du mal hattest.«
   Marie verdreht die Augen. »Stimmt, der Typ hatte keinen Kopf auf den Schultern, sondern einen Fußball. Und mehr Gehirn als ein solcher hatte er auch nicht.«
   Ich krümme mich fast vor Lachen. »Aber küssen konnte er«, erinnere ich Marie.
   »Stimmt. Küssen konnte er. Dafür braucht man wohl kein Hirn.«
   Sie tippt sich an die Stirn, und ich muss noch mehr lachen. Erst, als das Seitenstechen und die Schmerzen im Bein mir die Luft rauben, kann ich aufhören.
   »Wichtig ist, dass er sich mit dir treffen will«, meint Marie nachdenklich, »und wir müssen einen guten Weg finden, wie das möglich wird. Hier daheim im Trainingsanzug mit aufgeschnittenem Hosenbein erregst du höchstens sein Mitleid, aber nicht sein Interesse. Außer er steht auf hilflose, zottlige, humpelnde Mädchen.«
   »Stimmt. Was glaubst du? Mama besteht darauf, dass ich nächste Woche wieder ins Gymnasium gehe. Dafür will sie sogar Chauffeur spielen. Wie stehen wohl die Chancen, dass sie mich als kleine Belohnung für mein schulisches Engagement nächstes Wochenende, sagen wir ins Einkaufszentrum fährt? Dort gibt’s Lokale, Cafés …
   »… und nicht zu vergessen ein schummriges Kino«, beendet Marie meinen Satz und lächelt. »Ich bin davon überzeugt, dass wir sie mit vereinten Kräften davon überzeugen können, uns drei zu chauffieren. Ich geh dann mit Daniel in einen Kinderfilm, du mit Simon in was Romantisches und im Anschluss auf einen Drink. Unsere Eltern beschweren sich ohnehin dauernd, dass sie viel zu selten Zeit zu zweit haben.« Marie sieht mich ernst an. »So, und jetzt ruf Simon an.«
   Ich zucke unwillkürlich zusammen. Es wäre so viel leichter, wenn Marie das Reden übernehmen würde. Sie ist einfach besser in solchen Sachen.
   »Sei kein Angsthase. Ich hab die Vorarbeit geleistet und jetzt bist du dran. Immerhin müssen wir rausfinden, ob Simon am Samstag Zeit hat.«
   Mein Puls rast und meine Hände zittern, als ich nach dem Handy greife. Fast fällt es mir aus den Händen.
   »Komm, ich tipp die Nummer ein.« Schon hat Marie mein Samsung in der Hand und ihre Finger flitzen über das Display. »Läutet bereits«, sagt sie und hält mir das Ding grinsend ans Ohr.
   Ich schließe die Augen und atme tief ein.
   »Hallo?« Seine Stimme hört sich wie flüssiges Gold an, und das Rauschen in meinen Ohren verebbt.
   »Hallo. Hier ist Lena, die unterm Auto«, keuche ich und beiße mir wegen meines doofen Spruchs auf die Unterlippe.
   »Hi, Lena. Schön, von dir zu hören. Wie geht’s?«
   Alles rund um mich verblasst und plötzlich gibt es nur noch mich, das Handy und die wundervoll samtige Stimme am anderen Ende der Leitung. Ich lache, rede, schlucke, kichere und am Ende erinnere ich mich nur noch an die Hälfte des Gesprächs.
   »Und?«, fragt Marie.
   Erschrocken fahre ich hoch und starre sie anstatt des schweigenden Telefons in meinen schweißnassen Fingern an. »Er hat Zeit und freut sich auf ein Treffen.«
   »Ja«, jubelt meine Schwester und drückt mir einen Kuss auf die Wange.
   Ich umarme sie als Ersatz für die ganze Welt. So fühlt sich Glück an, pures Glück, direkt in die Venen injiziert. Simon, ich treffe mich mit Simon, mein erstes richtiges Date, wenn man von den gezwungenen Verabredungen mit dem pickligen, besten Freund unseres Cousins beim McDonalds um die Ecke absieht.
   Simon, denke ich und glaube, mein ganzes Leben an nichts anderes mehr denken zu können.

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