Joeline Parker wächst mit ihrer kleinen Schwester Summer auf einer Farm in Colorado auf. Ihr bescheidenes und glückliches Leben ändert sich jedoch schlagartig, als ihre Mutter sich vom Vater trennt, Summer skrupellos mit sich nimmt und Jo zurücklässt wie alten Müll. Die Last auf ihren Schultern wird noch schwerer, als ihr Vater an Krebs erkrankt und sie ihn an die grausame Krankheit verliert. Einsam und auf sich gestellt muss sie fortan nicht nur um das tägliche Überleben, sondern gegen Gerüchte und Intrigen einer kleinkarierten Vorstadt kämpfen. Sie ist nahe daran, aufzugeben, als sie durch Zufall den Industriellensohn Nathan Morrison kennenlernt, der durch eine seltsame Erbschaft sein Vermögen einbüßt und stattdessen die Ranch seines verstorbenen Großvaters übernimmt. Nathan schafft es, nach und nach ihr Herz zu gewinnen, und Jo wähnt sich beinah am Ziel ihrer Träume, doch das Glück ist wie ein Schmetterling ...

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ISBN: 978-9963-53-588-0

Seiten: 366

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Moni Kaspers

Moni Kaspers
Moni Kaspers schreibt Romane, die ans Herz gehen und zum Nachdenken anregen. Durch ihre Gabe, plastisch zu beschreiben, fühlt sich der Leser mittendrin. Ihre großartigen Bewertungen und zwei Bestseller auf Amazon unterstreichen ihren Erfolg. Sie lebt zurückgezogen mit ihrem Mann, vier Katzen und zwei Hunden im schönen Rheinberg am Niederrhein. In der Weite der Natur und der Ruhe findet sie die Inspiration zu ihren Romanen.  

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Kapitel 1

Nathan ließ sich Daniel gegenüber in den exklusiven Sessel fallen und beobachtete die Mimik seines Bruders genau. Daniel griff nach dem wertvollen Globus auf dem Schreibtisch und spielte mit dem tennisballgroßen Schmuckstück. Die Weltmeere darauf bestanden aus tiefblauen Saphiren, die Kontinente aus purem Gold und die Metropolen der Erde waren mit einem Diamanten gekennzeichnet. Nathan hatte bis heute ihren Wert nicht schätzen und das Mitbringsel eines afrikanischen Diamantenhändlers auch nicht versichern lassen. Vielleicht war es Nachlässigkeit, vielleicht Oberflächlichkeit, aber auf jeden Fall war er übersättigt.
   Man konnte Daniel seine Gedanken geradezu ansehen, doch Nathan schwieg. Er wollte abwarten, wie sein Bruder auf seine Entscheidung reagieren würde.
   »Ach komm, Nat! Du willst nicht wirklich all das aufgeben?«
   Daniel machte eine ausschweifende Geste durch Nathans luxuriös eingerichtetes Büro und schlug ein Bein über das andere. Er deutete auf edel gerahmte Bilder hinter ihm an der Wand, die Nat mit den Größen des Sports und der Politik zeigten. Oberflächliche Menschen, die sich gegenseitig beweihräucherten, solange der Erfolg seinen Kurs beibehielt. Sie hingen gleich neben den Auszeichnungen, die ihm einen exzellenten Geschäftssinn bescheinigten, und den Fotos seiner aktuellen Jacht. Er konnte nicht mehr nachvollziehen, dass ihm diese Dinge bislang so viel bedeutet hatten.
   »Die ganze Welt liegt dir zu Füßen.«
   Theatralisch ließ Dan die Weltkugel über den antiken Schreibtisch in seine Richtung rollen. Nathan stoppte sie mit dem Zeigefinger und legte sie zurück in die mit Samt ausgeschlagene Vertiefung einer exklusiven Platinbox.
   »Aber wenn ich dich so ansehe, bist du offenbar wild entschlossen, dein bisheriges Leben zu ändern?«
   Ja, das wollte er. Er wollte es sogar drastisch ändern.
   Morrison Industries stand seit jeher für Familiensinn und Ehre. Ihr Großvater, Wayne Morrison, hatte einst die Firma gegründet, und durch harte Arbeit aller Familienangehörigen wurde sie über Jahrzehnte zu einem Imperium. Nun war der Senior plötzlich und unvorhersehbar an einem Herzinfarkt verstorben und sein Testament hatte für einigen Aufruhr gesorgt. So derart, dass Daniel nun hier in seinem Büro saß und nicht glauben wollte, dass er sich tatsächlich dazu entschied, das Erbe anzutreten.
   »Ich habe eigentlich keine andere Wahl.« Nat seufzte. »Zumal sich unser Grandpa sicher einiges dabei gedacht hat.«
   Daniel schüttelte leicht den Kopf, und beinah wäre seine perfekte Frisur durcheinandergeraten. »Ich bitte dich! Wenn du unbedingt Cowboy spielen willst, kauf dir eine Ranch. Du besitzt so viel Geld, dass du dir in jedem Bundesstaat eine Farm zulegen kannst. Du willst doch nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, deine Anteile an der Firma abzutreten, um Grappas Ranch zu übernehmen? Das kann nicht dein Ernst sein, Nat.« Er schüttelte wieder missbilligend den Kopf und sprang auf. Diesmal geriet die Frisur durcheinander, und er strich mit der Hand einige Haarsträhnen zurück an ihren Platz.
   Nathan hatte sich gleichzeitig mit ihm erhoben, legte versöhnlich den Arm um Daniels Schultern und führte ihn mit leichtem Nachdruck zum Fenster. Der Blick über die Stadt war gewaltig und beeindruckte nicht nur ihn immer wieder aufs Neue, sondern jeden Besucher seiner Geschäftsräume. Sie schwiegen eine Weile, betrachteten die Skyline von Denver, bis sich Nathan Daniel zuwandte.
   »Weißt du, Dan, ich glaube, er verfolgte einen gewissen Zweck.«
   Daniel schnaubte.
   »Doch, doch … Ich glaube, er wollte mir etwas sehr Wichtiges schenken.«
   »Indem du auf ein Millionenvermögen verzichtest? Absurd!«
   Nat lächelte ihn an. Daniel war der Kronprinz, wie er ihn scherzhaft immer genannt hatte, und von Kindesbeinen an darauf gedrillt, in die familiären Fußstapfen zu treten. Es schien Dan mehr als suspekt, dass Nat nun andere Ziele verfolgen könnte, als er es bislang gelernt hatte. Alles, was Dan heute tat oder morgen tun würde, war schon geplant, als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Und er ging in seiner Aufgabe völlig auf, konnte sich nichts anderes vorstellen. Sie hatten erstklassige Internate in Europa besucht, und während Daniel sogar in den Ferien die Eltern in das Unternehmen begleitete, schob Wayne bei ihm plötzlich einen Riegel vor. Er bestand darauf, dass er die meiste Zeit bei seinen Großeltern verbrachte. Nicht, dass Grandpa Daniel weniger geliebt hätte, ganz und gar nicht, doch durch Nat war in dem alten Mann irgendetwas vor sich gegangen. Er hing abgöttisch an ihm. Jeder reagierte fassungslos, als er sich mit einem Mal aus der Firma zurückzog und mit Erstaunen verfolgten nicht nur seine Familie, sondern auch seine Geschäftspartner den plötzlichen inneren Wandel des bisherigen Alleinherrschers über ein Millionenimperium. Wayne kaufte eine Ranch, zog mit seiner verblüfften Frau Fillipa in die Berge, versuchte sich erfolgreich in der Pferdezucht und lebte auf, sobald Nathan bei ihm war. Wayne Morrison besaß so viel Geld, dass er sich den Fisch mit einem Privatflugzeug hätte einfliegen lassen können, doch er betonte immer, es könne nichts Schöneres geben, als mit Nathan knietief im Fluss zu stehen und zu angeln.
   »Irgendwann musste ich das Zepter weiterreichen«, versuchte Morrison Senior dem entsetzten Vorstand und Familienrat sein Handeln zu erklären, doch seine Frau wusste es besser.
   Nathan hatte oft mit Granny darüber gesprochen und sie glaubte, dass sich Wayne in Nathan wiedergesehen hatte und sich nach einem Leben sehnte, dass er viel zu früh hatte aufgeben müssen. Durch Nat konnte er die Erinnerungen und Wünsche seiner Jugend wieder aufleben lassen und verwirklichen. Außerdem liebte Nathan die Ferien bei seinem Großvater. Er lernte fischen, reiten und jagen. Zumindest taten sie so, als würden sie auf die Jagd gehen. Sie schlichen durch Büsche oder saßen stundenlang schweigend im Hochsitz, bis Grappa auf ein nahendes Tier anlegte. Er brauchte dabei furchtbar lange, er zielte, setzte wieder ab, kontrollierte zur Sicherheit noch einmal das Gewehr, zielte erneut und meist musste Nat furchtbar husten oder niesen. Brav entschuldigte er sich jedes Mal, und verständnisvoll nahm Grappa die Entschuldigung an, während das verschreckte Wild längst im Unterholz verschwunden war. Nathan war sich nicht einmal sicher, ob das Gewehr je geladen gewesen war. Sie waren ein eingeschworenes Team, etliche Jahre lang.
   Doch er wurde älter, und obwohl er noch immer viel Zeit bei seinem Großvater verbrachte, verschlechterte sich ihr Verhältnis von Mal zu Mal mehr. Nathan wusste, dass Wayne ihn mit wachsender Besorgnis beobachtete. Er kritisierte ihn ständig, weil er sich anders entwickelte, als Wayne es für ihn vorgesehen hatte. Im Streit warf sein Großvater ihm vor, dass er sich von einem sensiblen, verträumten Jungen, in einen oberflächlichen Egoisten entwickelt hatte. Als Nat vollends in das Unternehmen mit einstieg, wurden die Streitereien zwischen ihnen heftiger und seine Besuche bei Grappa seltener, bis sie schlussendlich völlig aufhörten.
   Sein Ehrgeiz brachte fortschrittliche, neue Ideen mit ins Geschäft, die weitere Arbeitsplätze schafften und den Börsenkurs in die Höhe trieben, doch er musste zugeben, dass es auch eine andere Seite von ihm gab, über die des Öfteren in einschlägigen Klatschblättern zu lesen war. Von Alkoholmissbrauch und angeblichen Drogenpartys auf seiner Jacht war zu lesen, die den Höhepunkt fanden, als ein blutjunges Model von seinem Schiff fiel und ertrank. Die Ermittlungen ergaben einen sehr hohen Alkoholwert in ihrem Blut. Man entsagte Nathan jegliche Mitschuld. Die kritischen Stimmen, die keine Ruhe gaben, warum er nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, ließ er verstummen, indem er von seinen Pressesprechern die Hochzeit mit der wunderschönen, sehr bekannten Schauspielerin Natalia Swan verkünden ließ. Sobald die Leute vorwurfsvoll hinterfragten, sorgten seine Berater dafür, dass Hochglanzfotos von Natalia und ihm in Umlauf kamen. Mal wie zufällig erwischt bei einem romantischen Abendessen oder bei dem Besuch einer Wohltätigkeitsveranstaltung, bei der sie spendabel in die Linsen der Fotografen lächelten. Die missbilligenden Kritiker verstummten Gott sei Dank restlos am Tag seiner Hochzeit. Ein gefeierter Filmstar und der Multimillionär ließen für sie Märchen wahr werden und Tausende Menschen nahmen Anteil an ihrem Jawort. Die ganze Familie atmete auf, als die negativen Schlagzeilen verstummten und es um ihn endlich wieder ruhiger wurde.
   »Ich denke nicht, dass es Natalia gefallen wird, wenn sie zukünftig Pferdemist schaufeln soll«, warf Daniel in seine Gedanken, »und schon gar nicht, wenn sie erfährt, dass sie, im Gegensatz zu vorher, beinah verarmt sein wird.« Dan lachte leise, und es klang ein wenig schadenfroh.
   »Sie weiß es noch nicht, und ich werde sie auch nicht mitnehmen.«
   »Was hat das zu bedeuten?« Daniel sah ihn erschrocken an. »Willst du dich etwa scheiden lassen?«
   Nathan bemerkte den Hoffnungsschimmer, der in Daniels Augen aufglimmte. Nat wusste, dass er seine Schwägerin nie hatte ausstehen können und sie für hochnäsig gehalten hatte. Niemand mochte sie besonders gern und es hatte kaum einer verstanden, warum er sie geheiratet hatte.
   »Sie hat sowieso nie zu dir gepasst«, stellte Dan sachlich fest und winkte mit der Hand ab.
   »Du irrst dich, Bruderherz. Sie hat sogar hervorragend zu mir gepasst.«
   Daniel runzelte die Stirn. »Ich begreife so langsam, dass sich mein lieber Bruder auf dem besten Wege zurück befindet, aus einer Scheinwelt, die nur aus Champagner, Partys und Oberflächlichkeiten besteht.«
   Er lächelte Daniel an und fühlte eine tiefe Verbundenheit zu ihm. Sie waren als Brüder immer verschieden gewesen, Daniel hatte hellbraunes Haar und die dunklen Augen ihrer Mutter geerbt, wohingegen sein Haar so schwarz wie das Gefieder eines Raben war und er die stahlblauen Augen seines Großvaters geerbt hatte. Doch nicht nur das. Während Daniel stets der Besonnene gewesen war, hatte es für ihn nicht wild genug sein können. Dass sie Brüder waren, sah man aber spätestens an demselben Lächeln und den markanten Gesichtszügen. Sie waren gleich groß, sportlich und, wie die Damenwelt behauptete, sehr attraktiv. Der Reichtum gestaltete die Suche nach einer Partnerin allerdings schwierig, und Nat war davon überzeugt gewesen, er hätte das Schicksal überlistet, als er eine anziehende und nicht gerade unvermögende Frau geheiratet hatte. Doch aus einer anfänglich gemeinsamen Begeisterung und Leidenschaft für Luxus filterte sich immer mehr seine innere Unzufriedenheit heraus. Wirklich die Augen geöffnet hatte ihm der plötzliche Kinderwunsch seiner Frau. Er hatte zufällig mit angehört, wie sie schnatternd mit ihren berühmten Schauspielkolleginnen über Nachwuchs sprach. Die meisten von ihnen verzichteten auf eigene Kinder und adoptierten sie lieber der Figur zuliebe. Natalia wollte unbedingt zu dieser Clique dazugehören, und dafür benötigte sie ein Kind, denn außer ihr waren bereits alle ihre sogenannten Freundinnen Mütter und sie schwärmten den ganzen Tag von ihren kleinen Lieblingen und den neuen Herausforderungen der Kindererziehung. Wobei sie vergaßen, dass sie die anspruchsvolleren Aufgaben wie Windeln wechseln, Fläschchen zubereiten und Schnupfnasen säubern lieber ihren Nannys überließen. Noch bevor Natalia überhaupt mit ihm gesprochen hatte, war bereits beschlossen, dass es ein Mädchen sein musste und auf keinen Fall ein asiatisches. Es sollte ihr ähnlich sehen, also käme eher ein russisches Kind infrage, da irgendeiner ihrer Vorfahren russisches Blut besaß. Dieses unfreiwillig belauschte Gespräch öffnete ihm restlos die Augen über sie. Außerdem: Wollte er Kinder? Wollte er Kinder mit ihr? Zum ersten Mal dachte er über Familie nach. Er stellte sich die Situation vor: Eine wunderschöne Frau saß ihm gegenüber bei einem romantischen Essen, oder während sie am Strand den Sonnenuntergang betrachteten, und dann würde diese Frau ihm mit glänzenden Augen eröffnen, dass sie ein Baby bekämen. Er wäre außer sich vor Freude. Ja, so müsste es, wenn überhaupt, stattfinden. Während er noch vor sich hin fantasierte und über sich selbst lächelte, fiel ihm auf, dass es die ganze Zeit nicht seine Frau war, über die er nachgedacht hatte.
   »Was meinst du damit, sie hätte hervorragend zu dir gepasst?«
   »Ich war lange genug genauso oberflächlich und egoistisch wie sie. Wir haben uns perfekt ergänzt.«
   »Ich mag es nicht, wenn du so schlecht über dich redest, aber ich gebe dir recht.« Daniel boxte ihn leicht auf den Arm. »Willkommen zurück!«
   Nathan verzog den Mund zu einem Grinsen, dann musste er tief seufzen. »Das wird ein harter Kampf, Dan. Immerhin geht es um viel Geld.«
   Daniel bekam diesen geschäftlichen Blick. Er packte Nathan bei den Schultern und sah ihm in die Augen. »Aber genau das ist es doch!«
   »Was genau meinst du?«
   »Du bist mir ein gerissener Bursche. Darum also trittst du das Erbe an. Damit sie leer ausgeht?« Daniel strahlte über das ganze Gesicht, und auch Nat wurde bewusst, dass die Erbschaft noch mehr für ihn offerierte, als er vorher bedacht hatte.
   Wayne hatte mit Antritt der Hinterlassenschaft eine seltsame Bedingung geknüpft. Nathan musste seine gesamten Anteile an der Firma sowie seine Immobilien und andere Luxusgegenstände, wie zum Beispiel die Jacht oder die Autos, abtreten und einen großen Teil seines Barvermögens wohltätigen Verbänden zukommen lassen. Dafür bekäme er die riesige Ranch, in der Fillipa ein lebenslanges Wohnrecht besaß. Dazu gehörten einige Grundstücke in der Stadt, eine komfortable Jagdhütte, eine hervorragende Pferdezucht, ein Verwalter, Angestellte und ein eigener See. Natürlich war er nicht verarmt, doch im Gegensatz zu seinem jetzigen Lebensstandard stieg er um einige Stufen zurück.
   »Sobald du Waynes Erbe antrittst, Bruderherz, bekommt sie kaum noch etwas an Abfindung. Ich hätte mir sonst auch nicht erklären können, warum du das tust.« Daniel grinste breit und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.
   »Ganz ehrlich, Dan. Daran hatte ich nicht gedacht, aber es macht die Sache etwas einfacher, das gebe ich zu. Natalia ist allerdings durch einen Ehevertrag abgesichert und wird genügend Dollars auf ihr Konto überwiesen bekommen. Nein, ich mache es aus anderen Gründen, schon allein wegen Fillipa. Wayne hat sich etwas dabei gedacht, glaub’ mir, Dan.«
   »Was soll er sich dabei gedacht haben? Vielleicht ist er auf seine alten Tage verrückt geworden. Du hast keinen blassen Schimmer von Pferden, der Verwaltung oder Arbeit auf einer Ranch.«
   Nathan zuckte mit den Schultern, aber er war wild entschlossen und Daniel sah ihm das offensichtlich an. Er seufzte kurz und legte seinen Arm um ihn.
   »Wenn du alles heruntergewirtschaftet hast, frag’ mich. Ich werde einen Job für dich haben.«
   »Na also! Dann kann doch nichts mehr schiefgehen.«

Kapitel 2

Turbulente vier Wochen später befand sich Nathan auf dem Weg zu seiner Ranch. Er hatte unter den traurigen, aber dankbar schimmernden Augen seiner Großmutter tatsächlich die Erbschaft angetreten. Unverständlich für seine Eltern, die glaubten, Nat würde eine Phase durchmachen und sicher bald alles bereuen. Selbst wenn es so war, er könnte nicht einfach alles wieder rückgängig machen, dafür sorgten etliche Klauseln in den Verträgen. Während der langen Fahrt gingen ihm viele Gedanken durch den Kopf, aber nicht ein einziges Mal bereute er diesen Schritt. Natalia hatte ihm durch ihre Anwälte ausrichten lassen, dass sie ihn vernichten würde. Er lachte leise, sah auf den Beifahrersitz und griff nach dem Cowboyhut, der dort lag.
   »Den wirst du brauchen«, hatte Daniel gewitzelt, während er ihm beim Abschied den Stetson in die Hände drückte. »Und denk daran, Brüderlein, wo du nun hinfährst, regeln die Männer Streitereien noch mit dem Revolver.«
   »Du übertreibst maßlos.«
   Nathan war mehr als gespannt, welches Leben ihn erwartete. Gut gelaunt setzte er sich den Hut auf und zu seinem Erstaunen passte er sogar. Die von Wald umsäumte Straße führte hinaus in die Berge. Karge Berghänge und schmale Kurven forderten seine ganze Aufmerksamkeit. In dieser Gegend spielten sie im Radio tatsächlich nur noch Countrymusik, doch er würde sich daran gewöhnen. Er musste sich beeilen, wenn er vor der Dämmerung auf der Ranch eintreffen wollte, denn in der Ferne sah er einen mächtigen Sturm aufziehen. Als er die nächste Kurve erreichte, stoppte er überwältigt den Jeep und betrachtete gebannt, was sich ihm bot. Auf das Lenkrad gelehnt genoss er eine sagenhafte Aussicht über das Tal und verfolgte fasziniert das Schauspiel, das sich am Himmel ereignete. Er tastete nach dem Türgriff, während er seinen Blick schweifen ließ. Etwas steif durch die lange Fahrt stieg er aus und ging bis zum Rand der Kurve. Am fernen Horizont hatte sich ein breiter Streifen tiefdunkler, beinah schwarzer Wolken gebildet, aus denen dann und wann grelle Blitze zuckten. In etwa einer Stunde, schätzte er, würde das Unwetter auch über ihn hereinbrechen, doch noch lag das Tal friedlich im hellen Tageslicht. Dort, wo die Sonne durch einzelne Lücken in den Wolken brach, bildeten sich goldene Punkte auf den lang gezogenen dunkelgrünen Wäldern. Ein Fluss schob sich glitzernd in Richtung Horizont und in der Ferne konnte er sogar winzig kleine Häuser erkennen. Irgendwo dahinter lag die Ranch. Er atmete tief ein, spürte förmlich den Sauerstoff durch seine Venen pulsieren und das Gefühl zurückkehrender Kraft strömte in seine Muskeln. Ein leichter Wind strich über sein Gesicht, während er das Szenario am Himmel verfolgte. Er musste an Wayne denken, und die Kraft wich der Trauer um den Verlust. Nat würde mit diesem schlechten Gewissen leben müssen. Ein weiterer Grund, warum er keine andere Wahl gehabt hatte, als das Erbe anzunehmen. Er fühlte sich verpflichtet. Mittellos war er ja nun nicht, das wäre übertrieben, aber er hatte Prunk und Luxus gegen eine Ranch und eine Pferdezucht getauscht und wusste nicht annähernd, was ihn erwartete. Morgen würde er seinen zukünftigen Verwalter treffen und Nat erhoffte sich dessen tatkräftige Unterstützung. Er ging zurück zum Wagen und warf beim Anfahren einen letzten Blick zurück ins Tal, dann konzentrierte er sich wieder auf die Straße. Einige Meilen weiter nahm der Wind zu und die ersten schweren Tropfen prasselten auf die Windschutzscheibe. Nathan griff zum Mobiltelefon, um Fillipa zu erreichen. Es war sicher besser, ihr Bescheid zu geben, dass er in ungefähr einer Stunde auf der Ranch eintreffen würde. Als er auf das Display sah, musste er jedoch feststellen, dass er keinen Empfang hatte. Ob nun wegen des Unwetters oder der Möglichkeit, dass es in diesem verlassenen Winkel der Erde kein Netz gab, vermochte er nicht zu sagen, aber er hoffte inständig, dass es nur wegen des nahenden Sturms war. Alles andere könnte sein Leben komplizierter machen, als es bereits war. Mittlerweile gefiel ihm sogar die Musik aus dem Radio und Nathan drehte sie lauter. Harmonische Klänge über Liebe, Heimweh und Sehnsucht. Es versetzte ihn in eine nachdenkliche Stimmung, aber keineswegs unangenehm. Ein wenig fühlte er sich wie dieser Cowboy in dem Song, der nach einer langen Reise nach Hause zurückkehrte. Ein Fremder mit der Hoffnung, dass man ihn nicht vergessen hatte.
   Es regnete mittlerweile so stark, dass er kaum noch die Straße ausmachen konnte. Das Unwetter schob sich schnell näher und das Dämmerlicht wich langsam, aber sicher bedrohlicher Schwärze. Blitze zuckten immer wieder aus dem unheimlichen und Furcht einflößenden Himmel. Ihm fiel die Jagdhütte ein, die Wayne ihm ebenfalls vererbt hatte und die sich in der Nähe befinden musste. Noch während er darüber nachdachte, sie aufzusuchen und den Sturm dort abzuwarten, erblickte er in der Ferne ein Gefährt am Straßenrand. Er stufte den Scheibenwischer höher und kniff die Augen zusammen, um besser erkennen zu können, um was es sich handelte. Nat sah einen Pferdeanhänger, ein Auto davor und eine Gestalt, die zusammengesunken auf dem Radkasten des Hängers saß und sich weder an den herabstürzenden Regenmassen störte, noch daran, dass er sich näherte. Als er auf gleicher Höhe war, stoppte er und ließ das Fenster der Beifahrerseite ein Stück hinabgleiten.
   »Kann ich Ihnen helfen?«
   Er musste lauter sprechen, der Regen prasselte mittlerweile in einem tosenden Stakkato und der Wind war zu einem Sturm angewachsen. Die Gestalt auf dem Radkasten reagierte jedoch nicht. Nathan sah, dass es sich um eine Frau handelte, doch ihr Gesicht blieb tief unter ihrem Cowboyhut verborgen. Ihre Schultern hingen herab, sie wirkte hilflos, wie jemand der aufgegeben hatte und sich nun seinem unabdingbaren Schicksal stellte. Aus dem Hänger erklang ein markerschütternder Schrei, gefolgt von panischem Gepolter und trotz dessen das Gefährt bedenklich wackelte, bewegte sich die zarte Gestalt nicht einen Zentimeter. Wasser rann ihr über die Hutkrempe und sie war völlig durchnässt.
   »Miss! Geht es Ihnen gut?«, wollte er wissen, doch noch immer saß sie unbewegt auf ihrem Sitzplatz. Er wurde unruhig, stieg aus dem Wagen, griff nach seinem Mantel und hielt ihn als Schutz vor dem Regen über sich.
   »Sind Sie verletzt? Kann ich helfen? Haben Sie eine Panne?«
   »Er hasst Gewitter«, sprach sie so leise, dass sich Nat zu ihr hinunterbeugen musste, damit er in dem Lärm etwas verstand.
   »Wer ist er?«
   »Stormcloud.« Sie zeigte mit dem Daumen rückwärtig auf den Hänger. Nathan ging um den Hänger herum, damit er einen Blick hineinwerfen konnte. Der Hengst im Inneren war von Panik ergriffen und Nat befürchtete, er würde in absehbarer Zeit sein Transportmittel zu Kleinholz verwandeln, wenn sie nicht bald etwas unternähmen.
   »Ist Ihr Auto kaputt?«
   Offensichtlich musste er ihr jeden Wurm aus der Nase ziehen und das gefiel ihm gar nicht. Sie nickte nur leicht, während das Pferd mit dem passenden Namen kraftvoll gegen die Rückwand trat.
   »Hören Sie …«, wollte er gerade ansetzen, doch sie unterbrach ihn, indem sie die Hand hob und abwinkte.
   »Es hat sowieso keinen Sinn. Ich bin erledigt.«
   »Das sehen wir ja dann. Wir werden gemeinsam den Transporter an mein Auto hängen. In der Nähe gibt es eine Hütte, da werden wir Schutz suchen, denn ich befürchte, der Sturm wird sehr viel heftiger. Ob Sie erledigt sind, können Sie noch immer entscheiden, wenn Sie im Trockenen sitzen und jetzt bewegen Sie sich.«
   Er war bestimmend und nicht gerade höflich, doch genau das brachte sie offenbar dazu, aufzusehen. Sie lächelte sogar.
   »Sie haben Humor, Mister.«
   »Mein Name ist Nathan, Nathan Morrison. Und ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir später lachen.«
   Mittlerweile ziemlich durchnässt verließ ihn leider die Geduld. Am liebsten hätte er sich in seinen Wagen gesetzt und wäre davongefahren, doch er wusste, dass sie ohne ihn nicht weiterkonnte und das Ganze voraussichtlich übel enden würde. Er musste ihr einfach helfen.
   Ein Ruck schien durch sie hindurchzugehen. Sie streckte den Rücken und gerade noch hilflos, strotzte sie plötzlich vor Stärke. Sie schafften es, die Autos vor dem Hänger zu tauschen, während der bedauernswerte Hengst vor Angst tobte. Jedes Donnergrollen wurde von seinem kreischenden Gewieher begleitet. Nathan rannte zur Fahrertür, riss sie auf und glitt schnell ins trockene Innere. Als er zur Beifahrerseite hinübersah und darauf wartete, dass sie einstieg, stand sie unentschlossen in der offenen Tür und starrte durch den Regen hinein.
   »Was?« Nathan konnte nicht verhindern, dass er genervt klang.
   »Ich werde Ihr schickes Auto beschmutzen.«
   »Einsteigen«, befahl er ihr barsch und tatsächlich saß sie eine Sekunde später im Wagen und schloss die Tür. Er war sonst höflicher, aber sie schien sich in einer Art Lethargie zu befinden und er sah seinen Befehlston als einzige Möglichkeit, sie zum Handeln zu zwingen. Vorsichtig zog er die schwankende Last aus dem Grünstreifen zurück auf die Straße und atmete erleichtert tief durch, als ihm das ohne größere Schwierigkeiten gelang. Es gab Momente, in denen man sich wünschte, zur selben Zeit an einem anderen Ort zu sein. Jetzt war solch ein Moment. Er bemerkte, dass sie zitterte, und regelte die Heizung.
   »Joeline Parker«, flüsterte sie schüchtern in die Stille zwischen ihnen.
   Er nickte und starrte durch die schnellen Bewegungen der Scheibenwischer angestrengt auf die Straße.
   »Sie können mich Jo nennen«, fuhr sie leise fort.
   »Okay, Jo. An der Hütte befindet sich eine große Scheune, die damals zu einem Stall umfunktioniert wurde. Zumindest habe ich das noch so in Erinnerung, ich war lange nicht dort. Wir werden den Hänger rückwärts hineinsetzen und erst öffnen, wenn wir sicher sein können, dass weder wir noch der Hengst verletzt werden können.«
   Da er keine Antwort bekam, sah er zu ihr hinüber und bemerkte, dass sie nur leicht nickte. Was mochte sie gemeint haben, als sie sagte, sie wäre erledigt. Soweit er im Innern des Wagens und der dezenten Beleuchtung beurteilen konnte, war sie auffallend hübsch. Sie hatte unglaublich große braune Augen und ihre beinah hüftlangen, gelockten Haare klebten an ihrer regendurchtränkten Jeansjacke. Als er anfing, sich vorzustellen, wie sie wohl im Licht und vor allem ausgezogen aussehen würde, wurde er von ihr unterbrochen.
   »Sie hätten mir besser nicht geholfen, Mister Morrison«, murmelte sie.
   »Nathan«, korrigierte er sie, »und für eine Sekunde habe ich das auch gedacht. Wir sind da.«
   Tatsächlich, er hatte die Hütte auf Anhieb gefunden. Sie tauchte vor ihnen im Dunkel des Waldes auf, und wenn sie erst einmal das Pferd sicher im Stall stehen hatten, würde er mehr als erleichtert sein. Er sprang aus dem Wagen und rannte zum Haus. Sollte der Schlüssel nicht mehr an derselben Stelle versteckt sein, hätten sie ein großes Problem. Ein greller Blitz zuckte aus den Wolken und tauchte für Sekunden die Umgebung in gespenstisches Licht. Augenblicklich krachte es so laut, dass sich Nathan aus Reflex die Ohren zuhielt und der Hengst von Panik ergriffen einen gewaltigen Schrei ausstieß. Nat machte sich an dem Querbalken zu schaffen und ertastete schließlich erfreut den Schlüssel. Er rannte, so vorsichtig es eben möglich war, über den matschigen, durchweichten Boden zurück zur Scheune. Der Sturm drückte ihn gegen das Tor und er hatte mächtig damit zu kämpfen, in dem prasselnden Regen das Schloss zu öffnen. Die nächste Windböe riss ihm die ausladende Tür aus der Hand und schlug sie mit Wucht nach innen auf. Schnell schaltete er das Licht ein, sandte ein inneres Stoßgebet aus, weil der Strom noch vorhanden war, und rannte zurück zum Wagen.
   »Rutsch hinters Lenkrad und setz rückwärts. Ich werde dich einweisen.«
   Sie sah ihn unbewegt an.
   »Los jetzt, Jo«, befahl er ihr und war froh, dass sie auf den Fahrersitz rutschte und den Gang einlegte.
   Stormcloud quittierte ihre Bemühungen mit ängstlichem Wiehern, während er ihr voraus in die Scheune eilte. Drei große Boxen lagen sich gegenüber, natürlich waren alle leer. Die Hütte wurde schon damals nicht oft genutzt, doch da Fillipa sie so sehr liebte und liebevolle Erinnerungen an sie hegte, kam in regelmäßigen Abständen jemand her, um nach dem Rechten zu sehen.
   Die Stallgasse war breit genug, um den Hänger hineinzusetzen und Nathans Plan, den Hengst nicht einfach nur in eine Box zu sperren, sondern alle Boxen als eine einzige zu nutzen, erschien ihm am sinnigsten. Ein panisches Pferd in eine Box zu bringen, dürfte nahezu an Selbstmord grenzen. Er würde den Hänger öffnen und ihn als Barriere nutzen.
   Um die Rampe zu öffnen, musste er einiges an Kraft aufwenden. Offenbar hatten Stormclouds Hufe bereits ganze Arbeit geleistet. Jo würde nicht nur ihr Auto, sondern auch den alten Hänger reparieren lassen müssen. Nachdem er es geschafft hatte, die verbeulte Rampe herunterzulassen, stieg er durch eine kleine Tür an der Vorderseite hinein zu dem tobenden Hengst. Er löste den Strick, mit dem er festgebunden war, und das große, massige Tier trampelte hektisch rückwärts den Bretterboden hinunter. Glücklicherweise rutschte es dabei nicht aus, und als er endlich den Hänger verlassen und festen Boden unter sich spürte, stieg der tiefschwarze Hengst kerzengerade in die Luft, wirbelte mit den Hufen und wieherte, bis ihm die Luft aus der Lunge wich. Zurück auf dem Boden stampfte er einige Male mit den Vorderhufen, um dann zitternd zu erstarren. Er hob den Kopf und streckte die weit geöffneten Nüstern in die Luft, ohne dabei den Blick von Nathan zu nehmen.
   Ein unglaublich schönes Tier, fuhr es ihm durch den Kopf, während er einige Sekunden verharrte und anschließend wieder aus dem Hänger kletterte. Er schmiss dem Hengst einen Armvoll Heu in sein vorläufiges Zuhause und beobachtete für einen Moment das Muskelspiel unter dem vor Angst schweißnassen, glänzenden Fell. Donner grollte, doch der Hengst beruhigte sich deutlich. Mit einem Ruck ließ er den Kopf sinken, um schnaubend den Geruch des Bodens aufzunehmen. Immer wieder blies er ruckartig und geräuschvoll Luft über den Boden und wirbelte kleine Staubwolken auf. Nathan war begeistert von diesem prachtvollen Kerl und erschrak beinah, als Jo neben ihm auftauchte. Sie hatte die Arme vor dem Körper verschränkt und ihre Lippen zitterten, als sie offenbar nach Worten suchte. Sie war bis auf die Knochen durchnässt und ihre Sachen klebten ihr am Körper.
   »Ich … also … danke für deine großartige Hilfe«, stammelte sie, doch er gab ihr keine Antwort, er nickte nur. Was war mit ihm los? Hatte er die Sprache verloren? Er war doch sonst nicht so wortkarg.
   »Wir sollten den Hänger abkuppeln und uns schnell darum kümmern, aus den nassen Klamotten rauszukommen.« Er langte nach ihrem Arm, es sollte eine vertraute Geste sein, der Versuch, sie zu beruhigen, denn sie erschien ihm aufgewühlt, doch sie entriss sich ihm heftig und ihr Blick war ablehnend, beinah aggressiv.
   »Sorry, ich wollte nicht …«, stieß er wie vor den Kopf geschlagen aus. »Hör zu, Jo. Wenn ich jemanden hätte vergewaltigen wollen, bin ich mir sicher, dass ich ein leichteres Opfer gefunden hätte.« Er war ein bisschen verärgert, das ließ ihn oft sehr direkt werden.
   »Frauen sind doch immer leichte Opfer, nicht wahr?«, erwiderte sie mit einer solchen Schlagfertigkeit und Angriffslust, dass er beinah lächeln musste.
   Er verbarg das natürlich. Sie sollte nicht denken, er mache sich lustig über sie. »Die meisten schleppen für gewöhnlich keinen panischen Hengst mit sich herum. Können wir uns darauf einigen, dass ich dir sicher nichts antun werde und du mir ein wenig vertraust?«
   Er reichte ihr die Hand. Sein Instinkt sagte ihm, dass sie in ihrem Leben schon einiges hatte durchmachen müssen und dummerweise würde er herausfinden wollen, was es war. Während sie zögernd ihre Hand in seine legte, sah sie ihn unvermindert an. Als ob sie auf die Weise erkennen könnte, ob er es ehrlich mit ihr meinte. Ihr Blick richtete sich nach einer Weile fragend auf ihre Hände. Nathan bemerkte erst jetzt, dass er keine Anstalten gemacht hatte, ihre Hand loszulassen. »Deine Finger sind eiskalt. Ich hoffe, du erkältest dich nicht.«
   Sie entzog ihm hastig die Hand und ließ sie in der Hosentasche verschwinden.
   »Also gut … sollen wir?«, forderte er sie auf und deutete mit dem Kinn in Richtung Hänger. Als sie sich zwischen dem Transporter und seinem Auto bückte und die Kupplung löste, hatte er einige Sekunden, um sie näher zu betrachten. Er kannte scharenweise schöne Frauen, viele waren in seinem Bett gelandet, von den meisten kannte er nicht mal mehr die Namen, wie er gestehen musste, doch diese hier war anders. Völlig anders. Sie hatte etwas ganz Besonderes an sich. Er rief sich zur Vernunft, denn Probleme hatte er derzeit genug am Hals und eine außereheliche Affäre wäre ein gefundenes Fressen für Natalia, denn noch war er verheiratet. Ihre Anwälte warteten nur auf eine solche Gelegenheit, um ihn auf Millionensummen verklagen zu können. Er würde nicht beweisen können, dass er dieses schöne Mädchen erst vor wenigen Minuten kennengelernt hatte und sie würden versuchen, ihm eine Affäre während der Ehe anzudichten.
   Der Hänger ruckte. Sie richtete sich wieder auf und ihre Wangen waren von der Anstrengung gerötet. Sehr charmant.
   »Du kannst jetzt gehen, ich werde hier bleiben. Vielen Dank für alles«, sagte sie schnell.
   Eine Flucht. Nathan musste lächeln. »Wir werden jetzt zusammen ins Haus hinübergehen und in meinen Koffern finden wir sicher ein paar trockene Sachen, abgemacht, Jo?« Sie tat ihm in ihrer Hilflosigkeit und Angst furchtbar leid. »Komm«, bat er sie mit der sanftesten Stimme, die er hatte. Diesmal ließ sie zu, dass er sie an der Schulter sanft zum Ausgang schob.
   »Hier hast du den Haustürschlüssel. Ich setze den Wagen noch aus der Scheune, dann komme ich nach.«
   Sie griff zaghaft nach dem Schlüssel und schaute über die Schulter zurück auf ihr Pferd, das sich wohlig schnaubend das Heu schmecken ließ.
   Nathan folgte ihrem Blick. »Na also. Der wäre schon mal versorgt.« Er verschwand im Auto und sah ihr hinterher, als sie durch den Regen zum Haus rannte. Er wähnte sie längst im Hausinneren, doch sie hatte sich noch keinen Schritt weiterbewegt, sondern stand halb in der geöffneten Tür, als er hinter ihr auftauchte.
   »Wenn du dich dazu entschließen könntest, noch einen kleinen Schritt weiterzugehen, kann auch ich hinein«, scherzte er und wollte sie gerade an den Schultern sanft hineinschieben, als er durch seine Hände spürte, dass sie zusammenzuckte.
   »Das sieht so wunderschön aus, ich befürchte, ich werde alles beschmutzen.«
   »Wir sollten ein Feuer machen«, ging er nicht darauf ein, »ich hoffe, es ist genug Holz da. Kannst du mal nachsehen, bitte?« Er wies zur Seite des Kamins und vermied dabei, sie anzusehen.
   Nat zog seine Schuhe aus, und bevor er die Tür schloss, holte er ihre Stiefel herein, die sie davorgestellt hatte, und trug sie zum Ofen. Zusammen luden sie Holz in die ausladende Feuerstelle und mit den vorhandenen Anzündern und einem Feuerzeug loderten innerhalb von Minuten kleine, tänzelnde Flämmchen zwischen den Holzkeilen hervor. Sie hatte offenbar dasselbe Hochgefühl wie er, als hätten sie irgendetwas Unglaubliches geschaffen, denn während sie noch davorhockten und in die schnell wachsenden Flammen starrten, konnten sie nicht anders, als sich verschmitzt anzugrinsen.
   Ein warmes Gefühl durchlief seinen Körper, als er ihr in die Augen sah und für einen Moment Fröhlichkeit und Freude darin entdeckte. Dieser Moment der Vertrautheit ließ ihn vorsichtig zu ihrem Hut greifen, um ihn ihr abzunehmen. Er wollte ihr Gesicht endlich ohne dieses Ding auf ihrem Kopf sehen. Sie schluckte sichtlich, ließ es aber geschehen. Als er ihren Hut in seiner Hand hielt, wuschelte sie sich mit verlegener Miene durch ihre nassen Haare und starrte dabei in die lodernden Flammen.
   »Gibt es ein Bad?«, erkundigte sie sich abrupt und es klang verunsichert.
   »Natürlich gibt es das. Du kannst heiß baden oder duschen, um einer Erkältung vorzubeugen, ganz wie du möchtest.« Er war fasziniert von ihr. Ihr schüchternes Wesen, ihre scheuen Blicke, ihre Distanz und Unaufdringlichkeit. So etwas kannte er nicht.
   »Gehört diese … Hütte, gehört sie dir?«
   »Ja. Seit Kurzem.«
   Sein Mobiltelefon klingelte, ausgerechnet, es war Fillipa, die sich Sorgen machte. Joeline verschwand derweil in Richtung Badezimmer, und er wäre ihr nur zu gern gefolgt. Er versuchte, sich auf das Gespräch mit Granny zu konzentrieren, doch Nathans Gedanken galten Jo und ob sie ihm erzählen würde, was sie in diese Situation gebracht hatte. Er beendete das Gespräch recht schnell, suchte ein paar Sachen aus seinen Koffern und brachte sie ihr.
   »Jo, ich habe einige Kleidungsstücke für dich gefunden. Ich lege sie vor die Tür.«
   »Vielen Dank«, kam es von drinnen und es plätscherte leicht. Nathan durchzog ein kribbelndes Gefühl bei der Vorstellung, mit ihr gemeinsam in der Wanne zu liegen. Er rief sich innerlich zur Ordnung, ging in die Küche und war hocherfreut, als er Kaffee fand. Während das Wasser kochte und das Radio dudelte, starrte er aus dem Fenster in die Schwärze der stürmischen Nacht und ließ seine Gedanken schweifen. Nach einer Weile hörte er hinter sich ein leises Räuspern, und als er sich umdrehte, musste er lachen. Sie sah hinreißend aus in dem viel zu großen Kapuzenpullover und seiner Jogginghose. Sie machte einen Schmollmund, aber ihre Augen blitzten und dann stimmte sie in sein Lachen mit ein.
   »Wie fühlst du dich?«, erkundigte er sich und reichte ihr eine Tasse.
   »Viel besser, danke.«
   »Gibt es hier noch andere Musik als dieses Cowboygedudel? Ich habe versucht, einen anderen Sender einzustellen, aber ich habe das Gefühl, man spielt überall dasselbe.« Er deutete mit seiner Kaffeetasse in Richtung Radio.
   »Willst du etwa behaupten, es gibt noch andere Musik da draußen?«
   Nathan musste wieder lachen. Sie war also auch noch humorvoll. Wunderschön und witzig. Eine anziehende Mischung, wie er fand. Aber nein, zügelte er sich, du hast genug Komplikationen. »Ich werde ebenfalls schnell duschen, wenn du erlaubst.«
   »Natürlich.«
   Sie machte den Weg aus der Küche frei, indem sie sich seitlich stellte. Es war unabdingbar, dass er sie berührte, als er an ihr vorbeiging, und ihn durchlief wieder ein leichtes Kribbeln. Die Dusche würde ihm auf viele Weisen gut tun.

Wenig später gesellte er sich, ebenfalls in wärmende Sachen eingepackt, zu ihr an den Kamin. Nathan zögerte kurz. Sollte er den Anstand wahren und sich auf das andere Sofa ihr gegenübersetzen oder sollte er riskieren, den Platz neben ihr einzunehmen? Er entschied sich für die zweite Möglichkeit, allein aus dem Grund, weil er hoffte, seine Nähe zu ihr würde sie eher dazu bringen, von sich zu erzählen, doch er sah ihr an, dass sie sich versteifte.
   »Soll ich mich lieber dort drüben hinsetzen?« Die Frage war rein höflichkeitshalber, und da er damit rechnete, dass sie wollte, dass er sich neben sie setzte, ließ er sich siegesgewiss neben sie in die Sitze fallen. Was Frauen anbetraf, wusste er Bescheid. Sie liebten seine Nähe.
   »Ich sollte meine Sachen an den Kamin hängen, damit sie besser trocknen.« Sie ergriff die Flucht.
   Er schüttelte verdutzt den Kopf, während er ihr Vorhaben beobachtete. Sie bewegte sich etwas hölzern, was sicher an der Kälte lag, die noch in ihren Knochen steckte, doch er musste ihr zugestehen, sie war schöner als alle Models, die er je kennengelernt hatte. Auf dem Laufsteg hätte sie keine Chance gehabt, dafür war sie nicht groß genug, auch nicht so schlaksig und dürr. Ihre Figur war eher athletisch, ihr Gesicht aufregend schön und die großen braunen Rehaugen von dichten, langen Wimpern umrahmt. Ihr Mund hatte einen wunderbaren Schwung, und wenn sie nicht dauernd ihre Lippen zusammenkniff, waren sie natürlich und wohlgeformt. Ihr Haar war durch die Nässe beinah schwarz, doch dort, wo es bereits getrocknet war, schimmerte ein edler rötlicher Glanz. Er stellte sich vor, dass es außerordentlich reizvoll wäre, es in die Hand zu nehmen und durch die Finger gleiten zu lassen. Vielleicht war es gerade ihre Unnahbarkeit, die ihn so verwirrte. Andererseits war ihre Reserviertheit für ihn mehr als willkommen. Schützte sie ihn doch vor weiteren Problemen, denn davon schien sie reichlich im Gepäck zu haben. Obwohl, wenn er ehrlich war, konnte er sich gut vorstellen, noch heute Nacht mit ihr im Bett zu landen. Sie war sehr anmutig und äußerst verlockend.
   An dem Garderobenständer hing ihre dampfende Kleidung und auch ihre Stiefel qualmten bedächtig vor sich hin. Als sie sich endlich ihm gegenübersetzte, stand er wieder auf. Ein kindischer Racheakt, der ihm dennoch gleich bessere Laune verschaffte.
   »Darf ich dir einen Drink anbieten?«
   »Danke, nein. Ich trinke keinen Alkohol.«
   »Niemals?«, bohrte er verblüfft nach. Er kannte kaum jemanden, der nicht ab und an zu tief ins Glas schaute.
   »Niemals.«
   »Nun gut. Aber du hast doch sicher nichts dagegen, wenn ich …?«
   »Natürlich nicht.«
   Er betrachtete auch das wieder als Abfuhr, doch wenn er ehrlich war, war das ein weiterer Punkt für sie. Und noch einen, weil sie stets den Abstand zwischen ihnen wahrte. Das war tatsächlich eine neue Erfahrung für ihn, verschaffte ihm Respekt, fachte allerdings auch sein Interesse an.
   »Bist du Sportler?«
   »Nein, ich … Findest du, ich sehe wie ein Sportler aus?«
   »Es gibt viele Sportarten, man muss es jemandem nicht ansehen können.«
   Schon wieder hatte sie ihn auflaufen lassen. Er hatte gehofft herauszuhören, ob sie ihn attraktiv fand, aber sie ließ sich nicht in die Karten sehen. Nächster Versuch. »Nenn mir eine Sportart, die du passend für mich findest.«
   »Golf.«
   Golf? Es fiel ihm beinah niemand ein, der auf dem Golfplatz eine sagenhafte Figur machte. Die meisten seiner Golfpartner waren dickbäuchig oder kahlköpfig. Man konnte in der Tat die besten Geschäfte auf dem Golfplatz abwickeln, der Handschlag beim letzten Loch galt beinah nie dem abgeschlossenen Spiel. Für sein persönliches Empfinden hatte das mit Sport weniger zu tun. Er hatte gehofft, sie hätte ihn für einen Footballer oder Baseballstar gehalten. Immerhin fand er sich ganz gut in Form. Ein wenig eingeschnappt war er schon, wie er zugeben musste. »Gelegentlich zieht es mich auf den Golfplatz. Warum fragst du, ob ich Sportler bin?«
   »Du bist kampflustig und verlierst offenbar nicht gern.«
   »Und bei deinem ausgeprägtem Charme hast du sicher nicht viele Freunde.« Er lachte lauthals, und erst als er ihre ernsten Augen sah, verstummte er.
   »Ich brauche nicht viele Freunde, um mich bestätigt zu fühlen.«
   Er hatte sie verletzt, das hatte er nicht gewollt. Unbewusst musste er einen wunden Punkt getroffen haben. »Es tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Reden wir von etwas anderem. Der Hengst, er ist sehr wertvoll, nicht wahr?«
   »Ja, das ist er.«
   »Gehört er dir?«
   »War das eben deine Frau am Telefon?«
   »Meine Frau? Ach so. Nein, das war Fillipa, meine Großmutter. Sie erwartet meine Ankunft und sorgte sich. Ich hatte sie nicht erreichen können, das Netz war durch das Gewitter lahmgelegt.«
   »Das geschieht hier öfter«, stellte sie lapidar fest und erhob sich, um die Bilder, die auf dem Kaminsims standen, zu betrachten.
   »Deine Familie?«
   Er stand nun ebenfalls auf und stellte sich so dicht neben sie, dass sie sich beinah berührten. Er konnte den Kampf förmlich spüren, den sie innerlich ausfocht, ob sie neben ihm stehen bleiben oder ausweichen sollte. Sie blieb.
   »Offen gestanden habe ich die Bilder nie richtig angesehen.« Er nahm eines der gerahmten Fotos in die Hand.
   »Das hier ist mein Bruder Daniel. Allerdings ist er mittlerweile gut zehn Jahre älter.« Er lächelte sie an und stellte das Bild zurück.
   »Und diese schöne Frau? Wer ist das?«
   Er stockte. Natalia hier auf dem Sims? Fillis Familiensinn in allen Ehren, aber sie hatte Natalia nie ausstehen können.
   »Meine Frau«, antwortete er wahrheitsgemäß und versuchte angestrengt, in ihrem Gesicht zu lesen, wie sie diese Neuigkeit aufnahm, doch sie zeigte nicht die kleinste Regung. Nathan ersparte sich weitere Erklärungen. Es wäre völlig unglaubwürdig, ihr die üblichen Phrasen zu erzählen, dass sie sich auseinandergelebt hätten und er die Scheidung eingereicht hatte. Er wunderte sich zudem darüber, dass sie weder ihn noch Natalia kannte. Las sie keine Zeitung?
   »Und hier, das bist du, nicht wahr? Wer ist der Mann, der dich im Arm hält?«
   »Tatsächlich, das bin ich.« Er betrachtete das Foto sehr lange. Wehmütig. Schuldbewusst. »Das ist mein Großvater, Wayne Morrison.«
   »Aber natürlich, Morrison …, du bist Waynes Enkel. Wo war ich nur mit meinen Gedanken?« Sie schlug sich leicht gegen die Stirn.
   »Du kanntest Wayne?«
   »Kannte?«, sie stockte und schaute ihn betroffen an. »Ist ihm etwas zugestoßen?«
   »Er verstarb vor einigen Wochen an einem Herzinfarkt.«
   »Meine Güte. Das ist ja schrecklich. Das … Das tut mir leid.« Sie schaute verwirrt auf den Boden.
   »Kanntest du ihn gut?« Nathan wusste ihre tiefe Anteilnahme nicht recht zu deuten.
   »Mein Vater und dein Großvater waren sehr gute Freunde.«
   »Sehr gute Freunde? Weiß dein Vater denn nicht …?«
   »Er starb vor einem Monat.« Sie sah wieder auf, und in ihren Augen schimmerten Tränen.
   »Das tut mir leid. Ein außerordentlich schrecklicher Zufall.«
   Er sah sie an und Wärme durchflutete ihn. Sie kämpfte um Fassung, der Tod ihres Vaters setzte ihr wohl noch ziemlich zu.
   »Vielleicht können wir ja damit beginnen, ihre Freundschaft fortzusetzen?«, schlug er vorsichtig vor.
   »Hört sich nicht schlecht an, denn wie du festgestellt hast, habe ich nicht viele Freunde.«
   »Und ich habe hier noch gar keine Freunde. Du wärst immerhin die Erste.«
   »Du hast vor, hier zu leben?«
   »Ja, ich habe die Ranch meines Großvaters geerbt und vor, mich hier niederzulassen.«
   Ein Schatten huschte wieder über ihr Gesicht und er hätte sie unglaublich gern tröstend in den Arm genommen, doch er hatte seine Lektion gelernt. Für ein paar Sekunden taxierte sie ihn, als versuchte sie, ihn zu durchschauen, einzuschätzen, zu berechnen und er hielt still, als könnte er dadurch ihr Vertrauen gewinnen. Sie fing an zu lächeln und setzte sich zurück auf ihren Platz. Durch Nathan lief schon wieder ein Kribbeln. Das wurde langsam zur Gewohnheit. Er setzte sich zu ihr und mit einem Mal war es kein Problem mehr, sich zu unterhalten. Eine ganze Weile saßen sie dort und Nathan hatte das Gefühl, sie wäre mit einem Mal viel gelöster. Er vermied es, seine Neugier zu befriedigen, denn es war offensichtlich, dass sie keine Fragen über sich beantworten wollte. Er begnügte sich damit, nur auf die Dinge einzugehen, die sie ihm freiwillig erzählte.
   Während er sie mit seinen Erinnerungen an seinen Großvater und seinen Ferien bei ihm unterhielt, bemerkte er, dass ihre Augenlider immer schwerer wurden. Sie war allem Anschein nach völlig übermüdet. Draußen prasselte monoton der Regen und der Wind sang dazu sein einschläferndes Lied. Nathan beobachtete, dass sie tiefer in die Kissen rutschte und zwanghaft bemüht war, sich wach zu halten. Er tat so, als hätte er nicht bemerkt, wie müde sie war und während er weiterplauderte, hockte er sich vor den Kamin, legte Holz nach und wandte ihr den Rücken zu, um ihr Gelegenheit zu geben, einzuschlafen. Einen Moment später hörte er ihren ruhigen Atem und drehte sich lautlos um. Im rötlichen Schein des flackernden Feuers sah sie noch schöner aus. Nathan wunderte sich, warum es niemanden in ihrem Leben gab und sie offensichtlich völlig allein war. Weder erzählte sie über jemanden noch trug sie einen Ring und das, das hatte er als Erstes gesehen. Ein seltsames Gefühl durchzog seinen Brustkorb, und wie durch einen Zwang kam sein Gesicht dem ihren immer näher. Seine Lippen waren bereits so nah an ihren, dass er den sanften Hauch ihres Atems auf seinem Mund spüren konnte, und sein Blut begann zu brodeln. Die Vorstellung, ihren unglaublich schönen Mund zu küssen, nahm ihm den Atem und raubte ihm den Verstand. Sie seufzte plötzlich tief, und er schrak zurück.
   Tatsächlich. Er hatte den Verstand verloren.
   »Nicht zu fassen!«, murmelte er leise und erhob sich, erschrocken über sich selbst, so lautlos wie möglich. Noch einmal sah er zu ihr hinunter, betrachtete ihre zierliche Gestalt, dann verschwand er im Schlafzimmer und schloss leise die Tür hinter sich.

Es war bereits hell, als Nat am nächsten Tag erwachte. Wider Erwarten hatte er gut geschlafen und fühlte sich fit und ausgeruht. Er horchte in die Stille, um ein Geräusch auszumachen, doch das Einzige, was er hörte, war der schnarrende Ruf eines Raben vor seinem Fenster. Er sprang auf, zog sich an und hechtete zur Tür. Als er sie erreichte, straffte er sich kurz, atmete tief durch, öffnete lautlos die Tür und trat hinaus in den Flur. Er spähte um die Ecke in Richtung Kamin. Sie war weg. Tiefe Enttäuschung breitete sich in ihm aus.
   Er ging hinaus zur Scheune, in der Hoffnung, sie bei ihrem Pferd zu finden, doch auch der Hengst war nicht mehr da. Frustriert ging er zurück zur Hütte, und als er den Blick hob, sah er sie. Jo ritt auf diesem schwarzen stolzen Pferd am Waldrand entlang. Ihre langen Haare wehten leicht im Wind und in diesem Augenblick drehte sie sich zu ihm um. Selbst auf diese Entfernung hatte er das Gefühl, sie sähe ihm genau in die Augen. Jo hob ihren Hut in die Höhe, winkte nur einmal und verschwand aus seinem Sichtfeld. Nathan brauchte einen Moment, um diese letzte Begegnung sacken zu lassen. Sie hatte sogar den Hänger allein aus der Scheune geschoben, wohl, um ihn später holen zu können, wenn alles verschlossen war.
   Er suchte seine Sachen zusammen, säuberte den Kamin, in dem die Glut noch leicht vor sich hin glimmte, und als er sie vom Blech in den Eimer rutschen ließ, fiel sein Blick auf den kleinen Tisch zwischen den Sesseln. Er musste lächeln, denn sie hatte mit Streichhölzern zwei Worte zusammengelegt.
   Danke Freund.
   Es dürfte nicht allzu schwer werden, herauszufinden, wo sie lebte. Filli würde es sicher wissen, wenn die beiden Männer so gut befreundet gewesen waren. Der Gedanke, dass die Möglichkeit bestand, sie wiederzusehen, versetzte ihn in eine bessere Stimmung. Jetzt musste er sich beeilen, endlich die Ranch zu erreichen. Fillipa erwartete ihn sicher schon sehnsüchtig, und am Nachmittag würde dieser Verwalter kommen. Er hatte noch so einiges zu tun. Nathan schwang sich in seinen Wagen, und als er die Kreuzung erreichte, war er für einen Augenblick versucht, rechts herum zu ihrem Auto zu fahren, doch er setzte den Blinker links.

Kapitel 3

Joeline hatte unterdessen Jake Genfield in seiner Werkstatt angerufen.
   »Du bist der einzige Mensch, der mich anscheinend mag und leider auch der Einzige, bei dem ich noch Kredit habe.«
   »Du bist doch wie eine Tochter für mich, Jo, und natürlich hole ich dein Auto. Den kriegen wir schon wieder hin. Hat sich deine Schwester denn mal gemeldet?«
   »Summer? Nein, die habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen oder gehört.«
   »Ach, mach dir nichts draus, Jo. Ich repariere deinen Wagen, und wenn er fertig ist, wird es dir schon wieder besser gehen.«
   Jo bedankte sich, legte auf und tiefe Dankbarkeit strömte durch ihr Herz. Schon so oft hatte Jake ihr beigestanden, geholfen oder sie getröstet, denn seit dem Tod ihres Vaters stand sie mit der Farm ganz allein da. Und nicht nur mit der Farm. Summer kam nur selten aus der Stadt, um Jo mit der Farm zu helfen. Ihre Mutter hatte Vater verlassen, als sie noch Kinder waren. Das Landleben würde sie ersticken, hatte sie gesagt und die kleine Summer mit sich in die Stadt genommen, wo es Restaurants und Boutiquen gab. Theater und einen Supermarkt gleich zwei Straßen weiter. Kultur, das wäre sehr wichtig, hatte sie gemeint. Dass sie damit nicht nur Vater tief verletzte und im Stich ließ, nein, auch Jo und ihre Schwester auseinanderriss, schien ihr nicht bewusst. Sie würde mit zwei kleinen Kindern allein in der Stadt kaum durchkommen, erklärte sie später Dad. Doch das war nicht der wahre Grund, wusste Jo. Summer mit ihren süßen, weizenblonden Löckchen sah wie ein kleiner Engel aus und sie vergötterte das Mädchen.
   Sie dagegen war so furchtbar eigensinnig, roch ständig nach Pferd und liebte ihre schmutzigen Jeans mehr als jedes hübsche Kleidchen. Ihre Mutter hatte ihr nur kurz am Telefon gesagt, sie täte ihr einen großen Gefallen, dass sie beim Vater und ihren heiß geliebten Pferden bleiben konnte. Somit war ihr Gewissen bereinigt und sie ließ nie mehr etwas von sich hören. Nicht ein Wort. Nicht ein Anruf. Auch nicht zum Geburtstag. Für sie war damals eine Welt zusammengebrochen.
   Es war nicht nur der große Verlust von Mutter und Schwester oder dass sie, mit gerade mal vierzehn Jahren, ihrem Vater eine große Stütze im Haus und bei der Arbeit sein musste. Auch nicht, dass der Vater Abend für Abend grübelnd im Lehnstuhl saß, aus dem Fenster starrte und völlig unerreichbar war für ihre Leiden. Nein! Das Schlimmste war, dass sie sich abgelegt fühlte. Ungeliebt. Wie Müll. Sie fühlte sich wertlos, und in der Schule wurde sie auch noch verspottet. Ihre Seele schrie, doch niemand konnte sie hören. Eines Tages begann sie damit, sich selbst zu verletzen. Manchmal saß sie hinter der Scheune mit ihrem Taschenmesser und schnitt sich hübsche Muster ins Fleisch. Wenn das Blut ihre Arme oder Beine hinabrann, hörte im selben Moment ihre Seele auf zu bluten. Den Schmerz in ihrem Inneren konnte sie nicht greifen, aber ihre Verletzungen konnte sie behandeln und sich mit Salben, Pflastern und Verbänden um sie kümmern. Wenn sich jemand erkundigte, ob sie sich wehgetan hatte, tat ihr die Aufmerksamkeit gut. Tief in ihr drinnen tobte ein grausamer Schmerz.
   Ihr Vater wunderte sich so manches Mal über die vielen Pflaster und er ermahnte Jo, nicht so wild zu sein, aber er hatte nie wirklich hingesehen, wie schlecht es ihr tatsächlich ging, und Jo wollte ihn nicht noch mehr belasten. Seine Seele trug tiefe Trauer, die ihn immer weiter zerfraß, bis er einige Jahre später an Krebs erkrankte. Es folgte eine furchtbare Odyssee zwischen Ärzten, Krankenhäusern, Befunden und Therapien.
   In dieser Zeit kam Summer zurück. Eine wunderschöne, gepflegte, moderne, junge Frau mit einer unglaublich sympathischen Art. Sie verdrehte sämtlichen männlichen Wesen den Kopf, und selbst der alte Zuchtbulle von Stanley wurde unter Summers zarter, manikürter Hand zum Schoßhündchen. Er ließ sich von ihr streicheln, ohne sich zu bewegen, damit sie auf keinen Fall damit aufhörte. Niemand sonst durfte überhaupt nur in seine Nähe, geschweige denn, ihn anfassen. Summer hatte von der schweren Krankheit ihres Vaters gehört und wollte ihm gern beistehen. Das mochte edel sein, doch Jo war skeptisch und es war auch wieder so typisch. Summer wurde von den Leuten dafür bewundert, dass sie ihr aufregendes, bequemes Leben in der Stadt aufgab, nur um sich für ihren kranken Vater aufzuopfern. Dass Jo ihn die ganze Zeit über gepflegt hatte, sich nebenbei um den Betrieb kümmerte und kein Privatleben kannte, schien niemand zu beachten.
   William aber war glücklich über Summers Rückkehr und lebte auf. Ihre Anwesenheit bewirkte wahre Wunder, denn er kämpfte gegen den Krebs und schien sogar erfolgreich zu sein.
   Joeline hingegen ging in der fröhlichen und überschäumenden Art ihrer Schwester völlig unter. Manchmal versuchte sie, Summer zu hassen, doch es gelang ihr nicht. Also ging sie einfach ihrer Arbeit nach, um auf andere Gedanken zu kommen. Die machte sie meist allein, denn sich Summer mit einer Mistgabel in der Hand vorzustellen, war so gut wie unmöglich. Auch die Arbeit im Haus blieb an ihr hängen. Summer wollte ihr nicht ins Handwerk pfuschen und Dinge, die eingefahren waren und so wunderbar harmonierten, nicht ändern. Jo war ihr nicht wirklich böse. Wenn sie sah wie gelöst und lebendig ihr Vater war, während Summer ihn umschwirrte, verlor sie allen Unmut und gönnte ihrem alten Herrn das Hochgefühl. Lange genug hatte sie mit angesehen, wie er langsam verfiel, und freute sich, dass er wieder auflebte. Wie eine alte, vertrocknete Pflanze, die unverhofft wieder Blüten trieb. Es war trügerisch, Jo wusste das, aber offenbar heilten sogar ihre eigenen inneren Wunden, denn manchmal bekam sie etwas ab von Summers strahlendem Glanz. Wenn sie zum Beispiel mit ihr allein in die Stadt fuhr und einen Friseurbesuch machte, oder wenn Summer für sie ein schönes Kleidungsstück kaufte. Jo verdrängte in den Momenten, dass ihre Schwester dafür das Geld benutzte, das Dad und sie hart erarbeiteten und eigentlich nötiger für andere Dinge brauchten. Aufmerksamkeit zu bekommen, hatte eben seinen Preis. Sie würde dafür ein paar Stunden länger die Felder bearbeiten und die Weidezäune selbst reparieren, statt das Geld Jamie zu geben, der ihnen ab und an zur Hand ging.
   Schon lange war Summer wieder zurück in ihrer Stadt und mittlerweile trennte sie mehr voneinander als zwei Stunden Autofahrt. So zumindest empfand Jo es. Ihre Gedanken schweiften wieder zu dem rettenden Engel mit den rabenschwarzen Haaren und stahlblauen Augen. Sie dachte an den Moment, als sie zusammen vor dem Kamin gestanden hatten und sie erfuhr, dass er verheiratet war. Es hatte sich angefühlt, als stünde sie auf einem Lava spuckenden Vulkan. Aber was hatte sie von solch einem umwerfenden Mann auch erwartet? Dass er frei war und sich ausgerechnet in jemanden wie sie verliebte? Jo seufzte und raffte sich auf. Es wartete noch jede Menge Arbeit auf sie.

*

Fillipa stand auf der Veranda und winkte ihm entgegen.
   Nathan sah ihrem Gesicht an, wie glücklich sie war, ihn zu sehen. Hatte er auch zwischendurch Momente des Zweifelns gehabt, wenn er seinem wankelmütigem Gefühl nachgab und seine Entscheidung infrage stellte, so waren mit dem Blick in das Gesicht seiner Großmutter jegliche Bedenken beiseite gewischt.
   »Da bin ich nun.« Er strahlte sie an und zog sie in seine Arme, in denen die kleine, zierliche Dame beinah versank, und als er sie leicht hochhob, sah er sie nach Wochen das erste Mal wieder lächeln. Das war ein schönes Gefühl und gab ihm die Bestätigung, dass er alles richtig gemacht hatte.
   »Ich danke meinem geliebten Ehemann für seine verrückten Einfälle.« Sie lachte und ihre Augen füllten sich dabei mit Tränen.
   Sebastian, seit Jahrzehnten Mädchen für alles und Fillis größte Stütze während ihrer schwersten Zeit, kam ihm entgegen und begrüßte ihn herzlich. »Mister Morrison. Herzlich willkommen auf der Wallabout-Ranch. Wir sind alle sehr glücklich, Sie wieder hier bei uns zu haben, Sir.«
   »Nicht so förmlich, Bastian, das gefällt mir nicht.« Er lachte und umarmte den Mann, der ihn schon als kleinen Jungen kannte und oft genug noch spät in der Nacht Vanillepudding für ihn gekocht hatte. Sebastian erwiderte die Umarmung und freute sich sichtlich. Nathan hatte das Gefühl, er schuldete ihm eine Erklärung. »Leider waren meine letzten Besuche eher von negativer Natur, Bastian. Das tut mir leid, aber nun wird alles wieder gut, nicht wahr, Filli?«
   »Es ist gut, dass du hier bist, Nathan.« Filli klang ergriffen, Nat fühlte ihren Kampf um Fassung. »Raymond Harris, unser Verwalter, wird bald hier eintreffen«, sprach sie schnell weiter. »Wenn es dir jedoch lieber ist, kannst du das Treffen verschieben.«
   »Mach dir keine Sorgen, Granny, ich bin ausgeruht. Das Gewitter hatte mich zur Rast gezwungen, nun bin ich voller Tatendrang, aber beinah ausgehungert. Ich habe mich, seit ich Denver verließ, auf Marlas Kochkünste gefreut.«
   Er verschwieg die unerwartete Bekanntschaft mit dieser geheimnisvollen Frau und ihrem schnaubenden Hengst. Später konnte er sicher darauf zurückkommen.
   »Und ich befürchte, Marla hat alles, was du je gern gegessen hast, zusammengetragen. Es ist gut, dass du ausgehungert bist.«
   Er lachte, legte seinen Arm um sie und gemeinsam betraten sie das Haus. Bald darauf traf Raymond Harris ein und es wurde ein langer Tag. Harris und er verschwanden nach dem köstlichen Essen im Büro und verließen es auch so schnell nicht.
   »Trockenübung«, betonte Harris feixend. »Morgen werde ich Sie in die Praxis einweihen, Mister Morrison. Ställe, Pferde, welche Weiden Ihnen gehören, wer für Sie arbeitet und vor allem«, er zwinkerte ihm verschwörerisch zu, »wo man ein kühles, gutes Bier bekommt.«
   »Nichts überstürzen, Harris. Ich möchte zuerst einmal richtig ankommen und vor allem auspacken«, erwiderte er freundlich und hob die Hände. »Ich erwarte außerdem noch den Möbelwagen und möchte Zeit mit Filli verbringen.«
   »Natürlich. Melden Sie sich, wenn es Ihnen recht ist. Ich hoffe, Sie können reiten, Mister Morrison?«
   Nathan schätzte Harris auf Mitte vierzig. Er hatte krause, blonde Löckchen und konnte sich offenbar nur schwerlich von seinem Hut trennen. Er wirkte sympathisch und offen. »Nennen Sie mich Nathan.«
   Er streckte Harris die Hand entgegen, die dieser freudig entgegennahm.
   »Ray.«
   »Gut, Ray, ich werde mich noch ein bisschen durch die Unterlagen meines Großvaters wühlen und ich danke dir für die Einweisung und ja, ich kann reiten, es ist nur schon eine ganze Weile her.«
   »Na, dann wird es aber Zeit für Muskelkater.«
   Nat verabschiedete ihn lachend, und als Harris verschwunden war, zog er eine Mappe mit Papieren hervor, die er, er wusste selbst nicht warum, vor Ray versteckt hatte.
   William Parker stand auf dem Deckblatt. Er versank in einem der breiten Kaminsessel und durchforstete die Unterlagen. Erstaunt stellte er fest, dass es bereits dunkel war, als es leise an der Tür klopfte und Filli mit einer Tasse in der Hand eintrat.
   »Ich hätte gern, dass du nun Schluss machst, Nathan. Ich bringe dir Tee. Du magst doch Tee?«
   »Verzeih mir, Filli, aber ich war gerade wieder in meinem Element. Gut, dass du auf mich aufpasst.«
   Er lächelte ihr zu und nahm die Tasse entgegen. Filli setzte sich und sah sich seufzend in Waynes Büro um. Nathan beobachtete sie über den Rand seiner Tasse hinweg.
   »Ich kann ihn immer noch riechen, Nat.«
   Er redete mit ihr noch bis tief in die Nacht. Manchmal weinte Filli, dann lachten sie wieder. Nie machte sie ihm einen Vorwurf, dass er sich nicht mehr gemeldet hatte, oder dass er mit Wayne gestritten hatte. Die Tatsache, dass sie sich nicht versöhnt hatten, bevor er so unerwartet starb, belastete Nathan schwer. Er war ihr dankbar, dass sie kein Wort darüber verlor.

Die nächsten Tage verbrachte Nat unter anderem damit, seine Möbel und restlichen Überbleibsel aus seinem vorherigen Leben, wie er es heimlich nannte, im Anbau unterzubringen. Der Umzugswagen war endlich angekommen, und Nathan beaufsichtigte die Möbelträger nicht nur, sondern packte fleißig mit an. Er trat gerade aus der Haustür, um die Stufen zum Truck hinunterzugehen, als sich ein laut knatterndes Vehikel der Ranch näherte. Die Sonne stand bereits tief am Abendhimmel, und er musste die Hand über die Augen legen. Das ratternde, qualmende Ding kam schnell näher. Nathan musste sich ein Lachen verkneifen, als ihm dämmerte, wer das war. Sein Herz klopfte plötzlich heftig in seiner Brust, was ihn für einen Moment verwirrte.
   In einer Wolke aus Staub und Qualm stoppte Jo genau vor der Treppe. Er sah ihr entgegen, war hingerissen von ihrer Erscheinung und bemühte sich, ein möglichst ausdrucksloses Gesicht zu machen. Sprechen war ihm nicht möglich, denn was sich ihm bot, war so unbeschreiblich komisch, dass er mit sich kämpfte, um nicht in Gelächter auszubrechen. Und auslachen wollte er sie nun wirklich nicht. Sie prustete sich eine Haarsträhne aus den Augen, wedelte mit der Hand durch den Staub vor ihrem Gesicht und sah ihn unter halb geöffneten Lidern forschend an. Nat hatte das Bedürfnis, ganz tief durchzuatmen, sie war einfach atemberaubend.
   Joeline stieg von diesem knatternden Ding und betrat die ersten beiden Stufen. Nein, sie brauchte keine edlen Modeklamotten, auch kein Make-up, denn sie war auf ihre natürliche Art einfach perfekt.
   »Guten Abend, Nathan.«
   Er konnte nur nicken, er kämpfte noch immer damit, nicht zu lachen. Das gelang ihm offenbar nicht besonders gut, denn sie verzog das Gesicht und zeigte mit dem Daumen auf das Vehikel hinter ihr.
   »Kein eleganter Anblick, ich weiß, aber mein Auto ist doch kaputt.«
   Augenblicklich schwenkte seine Belustigung in Mitleid und ihm verging das Lachen. »Was führt dich zu mir?«
   »Ich möchte mit dir reden.« Sie sah hinüber zum Möbelwagen. »Aber wenn es gerade ungünstig ist …«
   »Nein, keineswegs. Du störst mich nicht.«
   »Ja, also ich …«
   »Setzen wir uns«, unterbrach er sie und wies auf die Sitzgruppe auf der Veranda.
   Ihr Blick wirkte unschlüssig. »Es dauert nicht lange.«
   »Dann setzen wir uns eben nur kurz.« Er streckte ihr seine Hand zur Begrüßung entgegen, nachdem sie zögernd die restlichen Stufen zu ihm hinaufgestiegen war und ihn scheu anlächelte. Da war es wieder, dieses ziehende Gefühl in seiner Brust.
   »Na dann.«
   Ein leichter Wind fuhr durch ihre wunderbaren Haare und sie bemühte sich, es mit einer Hand zu bändigen, während sie mit der anderen seine Hand ergriff. Es dauerte nur einen Bruchteil von Sekunden, bis sie sich berührten, doch die Zeit reichte aus, um seinen Puls rasant zu beschleunigen. Himmel, was war denn nur mit ihm los?
   »Setz dich, Jo. Ich besorge etwas zu trinken.«
   Bevor sie wieder Einwände erheben könnte, war er bereits im Innern des Hauses verschwunden. Eine gute Gelegenheit, sich zu sammeln und sich zu fragen, warum sie ihn so derart aus dem Takt brachte. In der Küche traf er auf Marla und Filli, die er beim Eintreten offenbar im Gespräch unterbrach, denn sie verstummten und sahen ihm entgegen.
   »Wir haben einen Gast, Marla. Wo finde ich Getränke?«
   »Einen Gast?«, bohrte Filli nach. »Wer ist es denn?«
   »Joeline Parker.«
   »Miss Parker? Was möchte sie von dir?« Filli war erkennbar verblüfft.
   »Sie möchte etwas mit mir besprechen.« Er ging nicht weiter auf ihre Frage ein und nahm die dargereichten Flaschen von Marla entgegen.
   »Ich kann sie auch servieren.«
   »Lass gut sein, Marla. Ich kann das genauso gut und es macht mir sicher nichts aus.«
   Er wandte sich ab und sah noch in der Bewegung, dass sich beide Frauen verdutzt ansahen und Filli lautlos die Lippen bewegte. »Joeline Parker?« und Marla zuckte mit den Schultern. Er trat aus der Kühle des Hauses hinaus auf die Veranda, wo ihn ein leichter Wind und ihr Duft empfingen. Ein sehr verführerischer Duft. Sie stand wie verwurzelt an derselben Stelle.
   »Setz dich doch«, bat er und stellte die Getränke auf den Tisch. Ihr Blick fiel auf die wunderschöne Schaukelbank am Ende der Veranda, doch sie wählte den erstbesten Sessel in der Nähe der Treppe. Nathan hätte wetten können, dass sie diese Sitzgelegenheit wählen würde und keine andere. Nah an der Treppe, bereit zur Flucht.
   »Es geht um …«
   »Wo hast du nur dieses Teil gefunden?«
   Er unterbrach sie erneut unhöflich, doch es widerstrebte ihm, dass sie so schnell mit ihrem Anliegen herausrückte. Er wollte Zeit gewinnen, sie länger ansehen dürfen. Jo drehte sich zu ihrem Moped, wobei ihre Mähne flog und ihr Geruch erneut zu ihm herüberwehte. Nathan schloss für eine unbeobachtete Sekunde die Augen und sog ihren betörenden Duft in sich ein.
   »Ja das …«, sie klang bedrückt, »das war das Moped meines Vaters. Er hatte eine Schwäche für dieses alte Ding. ‚Die wird mich noch überleben‘ hat er immer gesagt.«
   Warum er ausgerechnet bei ihr das sagenhafte Talent besaß, sich dauernd ins Fettnäpfchen zu setzen? »Entschuldige, ich wollte nicht …«
   »Mach dir keine Gedanken.« Sie winkte ab. »Also, ich bin aus folgendem Grund hier.«
   Jo stellte ihr Glas ab und erhob sich wieder, was er bedauerlich fand. Sie hegte offenbar nicht den Wunsch, sich länger als nötig aufzuhalten.
   »Als mein Vater starb, hinterließ er mir und meiner Schwester die Farm. Die Eröffnung seines Testaments konnte erst stattfinden, nachdem sich meine Schwester bequemte, aufzutauchen. Sie lebt mal in der Stadt, mal hier«, fügte sie erklärend hinzu. »Somit habe ich erst jetzt erfahren, dass die Weiden auf der anderen Seite des Bachs von deinem Großvater an meinen Vater verpachtet wurden. Es ist irgendwie verrückt, aber Mister Morrison hat von meinem Vater allem Anschein nach keine Pacht verlangt. Es gibt keinerlei Abrechnungen oder Kostenaufstellungen. Keinen Vertrag, nichts.« Sie sah ihn flüchtig an und hob ratlos die Schultern. »Wenn eine Rückzahlung über den Zeitraum der vergangenen Jahre gefordert wird, werde ich gezwungen sein zu verkaufen. Über die laufenden Kosten müsstest du mich schnellstens informieren, damit ich weiß, was auf mich zukommt. Selbst die durchschnittliche Pachthöhe der umliegenden Weiden würde derzeit nicht in meinen Etat passen.«
   Sie war also pleite. Es hatte sie sicherlich Kraft gekostet, ihm das zu eröffnen. Wie zur Bestätigung atmete sie tief und stockend durch.
   »Joeline«, er sprach ihren Namen so liebevoll wie nur möglich aus und erntete einen hoffnungsvollen Blick. Sie war sichtlich nervös, knetete ungeduldig ihre Hände und er unterdrückte das Bedürfnis, sie in seine zu nehmen. Stattdessen stand er auf, stellte sich dicht neben sie und ließ seinen Blick auf dem wunderschönen Sonnenuntergang ruhen. »Es ist tatsächlich so, dass Wayne keine Pacht für die Weiden verlangt hat. Er hat sie zwar auch nicht überschrieben, sie gehören noch immer uns, aber er wollte kein Geld für das Land.«
   Sie erwiderte mit verwirrter Miene seinen Blick.
   »Ich habe Unterlagen gefunden, die belegen, dass William Parker keine Pacht zahlen brauchte.«
   Joelines Blick senkte sich, als er ihr die Hand auf die Schulter legte, doch zum ersten Mal zuckte sie nicht zurück, sondern ließ es geschehen.
   »Das bedeutet, ich muss nicht rückwirkend bezahlen?«
   »Nein. Nicht rückwirkend und auch sonst nicht.«
   »Aber das geht doch nicht.«
   »Jo, mein Großvater hatte seine Gründe und ich werde dem nichts entgegensetzen. Es soll alles so bleiben, wie es ist.« Er sah förmlich, wie sehr es in ihr arbeitete. »Du kannst das Angebot ohne Weiteres annehmen«, wollte er sie ermutigen.
   »Kann ich das? Nun ja, ich muss es eigentlich, da ich in der Tat ziemlich abgebrannt bin. Mein Vater hat mir nichts als Schulden und einen renovierungsbedürftigen Hof überlassen. Ich war gezwungen, einige Pferde meiner kleinen Zucht weit unter Wert zu verkaufen.«
   »Dann ist doch alles gesagt. Also, abgemacht?« Er streckte ihr die Hand hin, doch Joeline schlug nicht ein. Noch immer lag seine andere Hand auf ihrer Schulter und jetzt wand sie sich unter ihr weg. Ihre Miene verriet ihr Misstrauen.
   »Welche versteckten Bedingungen sind an dieses Übereinkommen gebunden?«
   »Ich verstehe nicht …«, gab er ehrlich zu.
    »Entschuldige, aber meiner Erfahrung nach kann man sich nur in Sicherheit wiegen, solange man den Menschen gefällig ist, aber sobald man nicht so funktioniert, wie sie es sich vorstellen, muss man auf der Hut sein. Dann wandeln sich Versprechen in Schall und Rauch.«
   »Du kannst mir vertrauen.«
   »Bekomme ich das schriftlich?«
   Sie brachte ihn zum Lachen. »Natürlich bekommst du das schriftlich.« Er hob sein Glas in die Höhe und mit einem leichten Pling besiegelten sie das Abkommen. Endlich hatte sie ein erstes zaghaftes Lächeln für ihn übrig, das aber jäh wieder gefror, als er hinter sich Fillipas Stimme vernahm.
   »Miss Parker.« Filli war auf die Veranda hinausgetreten.
   Nathan beobachtete, dass Jo kurz zusammenzuckte und sich versteifte.
   »Misses Morrison. Ich möchte Ihnen mein Beileid aussprechen.«
   »Das kann ich leider nur zurückgeben. Wir erleben eine schwere Zeit.«
   Anteil nehmend am Schicksal der anderen, reichten sie sich die Hände. Nathans Blick ruhte auf Jo, die verhalten nickte und es plötzlich eilig hatte.
   »Es tut mir leid, ich muss los«, wandte sie sich überhastet um und drückte ihm ihr Glas in die Hand. »Danke für die Gastfreundschaft und Sie können mir unsere Vereinbarung zuschicken. Die Adresse werden Sie sicher in Ihren Unterlagen finden.«
   Sie sprach plötzlich wieder förmlich mit ihm, und ehe er wusste, was geschah, knatterte sie auch schon auf ihrem Moped davon.
   »Nanu? Ich scheine sie vertrieben zu haben«, stellte Fillipa fest.
   »Warum ist sie nur so scheu? Kennst du sie näher? Großvater und ihr Dad waren doch Freunde, weißt du etwas über sie?«
   »Ehrlich gesagt, William war so gut wie nie hier zu Gast. Er und dein Großvater sahen sich oft, hatten viele Gemeinsamkeiten und Wayne war ihm eine Stütze, als er von Jada, seiner Frau, verlassen wurde, doch ich bekam ihn selten zu Gesicht. Ansonsten gibt es nur das Gewäsch der Leute hier über sie, doch darauf gebe ich nichts.«
   »Was hat sie denn gewollt?«
   Nathan spürte Fillis prüfenden Blick. »Es geht um Weideland. Da ich nun alles übernommen habe, wollte sie wissen, ob sich für sie etwas ändert.« Gelogen war das nicht.
   »Aha«, bemerkte Filli nur, während er noch immer zum Horizont starrte, an dem sich nur langsam die Staubwolke auflöste, die Jo mit ihrem Moped erzeugt hatte.
   »Was für ein Gewäsch?«, wollte er wissen.
   »Weder gebe ich etwas darauf, noch verbreite ich derlei Dinge.«
   »Wir wären dann soweit, Mister Morrison. Wenn Sie bitte die Papiere unterschreiben würden.«
   Die Möbelpacker. Die hatte er ganz vergessen.
   »Ja, sicher. Dann wollen wir mal kontrollieren, ob alles in Ordnung ist«, wandte er sich an den Mann und ging vor ihnen her in sein neues Zuhause.

Einige Tage später hatte er bereits ein kräftiges Programm absolviert. Er hatte sich in einem Nebengebäude der Ranch eingerichtet, denn er benötigte diesen Raum an Privatsphäre, auch wenn Fillipa protestierte, weil sie fand, er gehöre in das Haupthaus der Ranch. Dann hatte er Stunden um Stunden über den Büchern gesessen, die meisten Angestellten kennengelernt, inspizierte die Stallungen und ließ sich einiges über die Zucht der edlen Pferde seines Großvaters erklären.
   Heute war er bereits den halben Tag mit Ray unterwegs, als der ihm vorschlug, endlich das angepriesene, kühle Bier zu kosten. Nathan musste schmunzeln und ließ sich schnell überreden. Auf dem Weg nach Raighley schwiegen sie, und während Ray den Jeep beschleunigte, ließ er seinen Blick über die grandiose Landschaft schweifen. Im Frühsommer waren die Wiesen saftig grün, alles strotzte vor Kraft und Wuchs. Das Panorama der Bergkette war schlichtweg beeindruckend. Zum Greifen nah und doch Hunderte Meilen entfernt.
   Nach einer guten halben Stunde hatten sie die Stadt erreicht, parkten vor Branda’s Bar und stiegen aus dem Wagen. Noch bevor Nathan überhaupt realisieren konnte, was in den nächsten Sekunden geschah, hörte er Ray ein hektisches »Moment mal!« rufen und schon rannte er über die Straße zur anderen Seite.
   Nat sah ihm verwundert hinterher, dann entdeckte er Joeline, die dort entlangging und Ray erschrocken entgegensah. Harris stürzte sich unvermittelt auf sie und schrie sie an. Was zur Hölle war denn in den gefahren? Nathan spurtete los, um sie vor Harris zu beschützen, der offensichtlich den Verstand verloren hatte. Ray hatte sie mit beiden Händen am Pullover gepackt und zog sie aggressiv zu sich heran.
   »Hab ich dich, du Lesbe. Wo ist der Gaul? Wenn du ihn nicht herausrückst, hole ich ihn mir mit Gewalt, so wahr ich hier stehe.«
   »Verdammt Ray, nimm deine Finger von ihr!« Nat hatte beide erreicht und löste Rays Hände von ihr.
   »Du hattest deine Chance, Harris«, schrie sie grell zurück.
   Nat trennte Ray von ihr, und noch während er ihn zurückdrängte, ging Jo plötzlich auf Harris los. Rays lange Arme erwischten sie jedoch und gaben ihr einen heftigen Stoß, wodurch sie rückwärts taumelte und fiel.
   »Ray! Herrgott, was ist in dich gefahren?« Nathan war fassungslos. Er beugte sich zu ihr hinunter, reichte ihr die Hand und half ihr auf die Füße.
   »Um die ist es nicht schade. Sie will doch ein Kerl sein, dann soll sie auch so behandelt werden. Nicht wahr, Lesbe?«
   Lesbe? Nathans Kopf schwirrte, doch tatsächlich dementierte Jo das Gesagte nicht, sondern schrie Raymond wieder an.
   »Wenn du es noch einmal wagst, mich anzufassen, verklage ich dich!« Ihre Worte gingen in Raymonds höhnischem Lachen unter. »Du hättest bezahlen sollen, dann würde der Hengst dir gehören, aber das hast du nicht, und somit gehört er wieder mir.« Ihre Stimme kippte.
   Ray machte erneut einen drohenden Schritt auf sie zu und fuchtelte mit seinem Zeigefinger einen Zentimeter vor ihrer Nase rum. »Ich habe dir gesagt, du bekommst den Rest, wenn der Tierarzt sein Gutachten abgegeben hat. Ich kaufe doch von so einer kein Tier, das nicht untersucht worden ist.«
   »Ach ja? Das ist aber fünf Monate her, Ray Harris. Ist dein Arzt auf Weltreise?«
   »Es reicht!« Nathan zog Raymond bestimmt und unerbittlich von ihr fort. »Kein Wort mehr, Harris«, befahl er barsch. Er ließ Joeline einfach stehen und schob Ray am Kragen über die Straße in Richtung Jeep. Nathan war bestürzt über das, was er gerade erfahren hatte.
   »Ich fahre.« Mit einer Handbewegung verlangte er nach dem Schlüssel, dann startete er den Wagen, wendete ihn und gab Vollgas. Er war nicht in der Lage, sich noch einmal nach ihr umzusehen. Was war er doch für ein Idiot. Ein kompletter Idiot.
   »Ich …«
   »Ach, halt den Mund, Ray. Egal, was vorgefallen ist, ich dulde nicht, dass es in Wildwest-Manier geregelt wird. Die Zivilisation wird auch diesen Flecken Erde eingeholt haben. Wenn du deine Angelegenheiten in Zukunft nicht anders regelst, fliegst du raus. Ich will nie mehr sehen, dass du eine Frau so derart grob anfasst, und jetzt will ich keinen einzigen Laut mehr hören!«
   Er schwieg den ganzen Weg zurück zur Ranch, seine Gefühle fuhren Achterbahn. Nathan stoppte bereits am Einfahrtsportal und stieg aus.
   »Den Rest gehe ich zu Fuß«, warf er Ray verärgert zu, kehrte ihm den Rücken und machte sich auf den Weg. Er brauchte Bewegung und frische Luft. Vor allem frische Luft.
   »Bis morgen?«, rief ihm Ray hinterher.
   Nathan drehte sich nicht um, sondern ging weiter und hob nur den Daumen in die Höhe, um seine Zustimmung zu geben. Er war wütend. Auf sich selbst. Sie bevorzugte also Frauen. Das war im Grunde nichts Schlimmes, aber er hatte versucht, mit ihr zu flirten. Das war verdammt peinlich und nun fügte sich auch alles zusammen. Ihr seltsames Verhalten, ihre schreckhaften Bewegungen, wenn er sie berührte. Ihre Unnahbarkeit! Und er hatte das auch noch reizvoll gefunden. Scheinbar war es das, was seine Großmutter mit den Gerüchten meinte. Es dürfte wohl keines sein, sonst hätte sie gleich dementiert oder sich verbeten, sie so abfällig zu betiteln. Er brauchte dringend eine Dusche. Dabei fiel ihm ein, dass sie sicher auf die schriftliche Vereinbarung über die Weidepacht wartete. Die würde er ihr bringen, aber dann konnte sie ihn gern haben. Er fühlte sich von ihr auf den Arm genommen.

*

Jake stellte Jo eine alte, gesprungene Tasse mit dampfenden, nach Vanille duftenden Tee vor die Nase.
   »Nun trink, Mädchen«, forderte er sie väterlich auf und legte ihr zum Trost eine Hand auf die Schulter. Jo saß geknickt in der Stube seiner Werkstatt und kämpfte schwer damit, nicht zu weinen. Sie hatte geplant, ihren Wagen zu holen, als sie Ray und Nathan begegnet war.
   »Was ist nur los, Jake? Alle hassen mich. Es ist verrückt, aber ich kann tun, was ich will, es ist immer genau das Falsche. Warum nur ist das so? Warum ist es bei Summer stets genau andersherum?« Sie war verzweifelt, ihr Magen drehte sich im Kreis. Als sie in Jakes mitfühlende Augen sah, war der Kampf gegen ihre Gefühle verloren. Jo gab ihnen nach und Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie war mutlos und sie resignierte.
   »Ich war noch jünger als du«, sagte Jake plötzlich. »Ich war bis auf die letzte Faser meines Herzens in ein unglaublich schönes Mädchen verliebt. Jeden Abend habe ich zum Herrn gebetet, er möge ihr ein Zeichen schicken oder sie verliebt machen in mich.«
   Jo spürte, wie ihr Interesse stärker wurde als ihre Tränen, und hörte ihm aufmerksam zu.
   »Doch jeden Tag war es dasselbe, sie sah mich einfach nicht. Ich bemühte mich so sehr, schenkte ihr Blumen, doch sie beachtete mich einfach nicht. Ich habe den platten Reifen an ihrem Fahrrad geflickt, doch sie fuhr mit einem anderen in seinem Auto davon. Ich trug ihre Einkaufstasche, doch über ihre Lippen kam nie ein liebes Wort. Ich konnte tun, was ich wollte, es hatte keinen Erfolg. Ich war wütend auf unseren Herrn und schwor ihm, nie mehr zu beten, denn es lag klar auf der Hand, er hatte mich vergessen. Vor einigen Jahren dann sah ich sie wieder. Sie hatte nichts gemeinsam mit dem Engel, den ich einst in ihr gesehen hatte, und darum bin ich unserem Herrn im Nachhinein sehr dankbar. Es hat alles einen Sinn, Jo, auch ungehörte Gebete. Er weiß sicher, was er tut, auch wenn es oft unser Verständnis übersteigt.«
   In Jo breitete sich wieder tiefe Wärme aus. Was war er doch für ein guter Freund. »Danke, Jake. Es gibt keinen besseren Freund als dich.« Sie beugte sich zu ihm und lehnte tief seufzend ihre Stirn an seine Brust. Jo spürte seine Hand auf ihrem Haar und er streichelte ihr über den Kopf. Das tat so gut.
   »Ich frage mich, was nur mit den Menschen los ist, dass sie jemanden, der so reinen Herzens ist, so derart schlecht behandeln, nur weil du nicht in die Vorstellung von Leben passt, wie sie es leben.«
   Joeline spürte die Röte ins Gesicht steigen. Derart liebevolle Worte war sie nicht gewohnt.
   »Sie sind alle so berechnend und schäbig. Hinter ihren kleinkarierten Gardinen hecheln sie dankbar, dass jemand wie du sie von ihren eigenen Unzulänglichkeiten ablenkt. Aber es gibt auch gute Nachrichten, Kleines.« Er beugte sich leicht zurück und hob mit dem Zeigefinger behutsam ihr Kinn in die Höhe. »Dein Auto ist repariert und schnurrt wieder wie ein Kätzchen.«
   Jake strahlte sie so liebevoll und begeistert an, dass Jo erneut mit dem Brennen in ihren Augen kämpfen musste. Sie war ihm so unglaublich dankbar.
   »Du musst nicht weinen. Die meisten meiner Kunden tun das nicht.«
   »Jake, ich …, kannst du es ein letztes Mal … Ich schäme mich so, aber ich kann dich nicht sofort bezahlen und …«
   »Das brauchst du auch nicht, es war nur eine Kleinigkeit. – Doch, doch. Du kannst mir glauben, brauchst nicht so skeptisch gucken«, versicherte er schnell. »Es war nichts Schlimmes, nur ein Zündkabel war blank und die habe ich in Massen hier herumliegen.«
   »Du schwindelst doch.«
   »Nun komm«, überging er ihre nicht ernst gemeinte Anschuldigung, »schnapp dir dein Auto und schnell raus aus dieser schrecklichen Stadt.«
   Er reichte ihr die Hand, zog sie von ihrem Stuhl und gemeinsam gingen sie auf den Hof. Joeline schlang ihre Arme um Jakes Hals und dankte ihm für seine Großzügigkeit, doch der winkte ab.
   »Du bist für mich die Tochter, die ich leider nie hatte. Und nun verschwinde.«
   Sie gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange, stieg in ihren alten Ford, der jetzt sofort startete und winkte beim Anfahren aus dem Fenster. Jo brauchte beinah eine Stunde, bis sie auf der Farm angekommen war und schon von Weitem erkannte sie Summers Chrysler.
   »Nun gut. Wenn alle apokalyptischen Reiter zusammenkommen, kann es theoretisch nur noch aufwärtsgehen«, murmelte sie vor sich hin und stoppte den Wagen. Erst einmal tief durchatmen. Was sie wohl wollte? Wahrscheinlich war es wie immer. Wenn der Boden in ihrer Stadt zu heiß wurde, dann erinnerte sich Summer an sie und ließ sich so lange durchfüttern und umsorgen, bis es auch hier wieder zu unbequem wurde und die Männer ihr zu nahe rückten. Oder schlimmer noch, sie gar heiraten wollten wie damals Greg. Die Erinnerung an ihn und den grausamen Abend ließ Jo kurz würgen. Die Haare auf ihrem Nacken stellten sich auf, und ihr wurde eiskalt. Dieses Mal würde sie Summer einen Strich durch die Rechnung machen. Vorbei die Zeiten, in denen sie ihre Kammerzofe spielte. Schluss mit Annehmlichkeiten und Faulheit. Jo fuhr energisch an und fühlte so viel Entschlossenheit und Kampfeslust in sich wie noch nie zuvor. Sie erreichte das Haus, und noch bevor sie aus dem Wagen steigen konnte, öffnete sich die Eingangstür. Summers blonder Lockenkopf erschien im Türrahmen und sie lächelte ihr zu, während sie auf ihr Auto zu schwebte. Jo blieb sitzen, erst einmal abwarten.
   »Hey«, Summers Hand langte nach dem Türgriff. »Da bist du ja endlich. Ich habe auf dich gewartet und sogar etwas für dich gekocht. Es war leider nicht viel in der Kammer zu finden. Du musst morgen unbedingt einkaufen gehen. Du freust dich doch, mich zu sehen, Jo?«
   Nicht nur, dass Summers Redefluss seltsam war, sie ihr entgegenkam oder noch wunderlicher, dass sie gekocht hatte. Am meisten irritierte Jo die Frage, ob sie sich freute, Summer zu sehen. Das war das Wenigste, was ihre Schwester bislang interessiert hatte: Jos Gefühle. Für ihre Empfindungen oder ihre Meinung war Summer noch nie empfänglich gewesen. Sie tauchte wortlos auf und verschwand meist ebenso lautlos. Jo hatte sich abgewöhnt, über ihr Verschwinden traurig zu sein.
   »Nun komm schon.« Sie lächelte Jo an und reichte ihr die Hand, als wollte sie ihr beim Aussteigen behilflich sein.
   »Was ist los mit dir?« Jo war argwöhnisch und konnte es kaum verhehlen. Sie stieg aus, ohne Summers Hand entgegenzunehmen. »Wenn du Geld brauchst, vergiss es. Ich weiß selbst kaum, wie es weitergehen soll. Unser Vater hat mir nichts hinterlassen und ich muss um jeden Cent kämpfen. Außerdem …«
   »Jo. Ich will weder Geld noch hatte ich vor, dich in schwierige Situationen zu bringen. Nun halt die Luft an und lass uns essen. Du hast doch Hunger?«
   »Ja, schon, aber ich muss mit dir reden, Summer.«
   »Wie du willst. Nun komm.«
   Summer strahlte sie derart herzlich an, dass Jo nicht anders konnte, als ebenfalls zu lächeln. So war sie nun mal. Ihrem Charme konnte man sich kaum entziehen. Wenn es unbequem wurde, rettete sich Summer mit einem Lächeln und ihrer Schönheit aus prekären Situationen. Jo folgte ihr kopfschüttelnd ins Haus, weil dieser Trick auch bei ihr immer wieder funktionierte.
   Der Tisch war gedeckt und aus der Küche duftete es wunderbar. Jo verdrängte ihr Misstrauen, wenigstens bis nach dem Essen. Sie wusch sich die Hände und setzte sich an den Tisch. Ein ungewohntes, aber schönes Gefühl durchströmte sie, und Jo wusste noch nicht, ob sie es zulassen sollte. Sogar ein wenig Salat hatte Summer gezaubert. Jo nahm ihre Gabel, pickte in die Schüssel und steckte sich mit einem verzückten »Hm« ein Stück Tomate in den Mund. Summers geschäftiges Treiben in der Küche, dieser Duft und die Aussicht auf ein leckeres Essen ließen Jos Zorn gegen die Welt beinah verblassen. Der unfaire Angriff von Harris, der sie außerdem in diese peinliche Situation gegenüber Nathan Morrison gebracht hatte, verlor sich nach und nach in dem Gefühl der Geborgenheit von Familie. Ein kurzes, verstohlenes Aufblitzen von Zusammenhalt und Frieden machte sich in ihr breit und ließ sie tief seufzen. Doch spätestens, wenn sie Summer eröffnete, dass sie in Zukunft nicht einfach auftauchen und verschwinden konnte, wie es ihr passte, oder dass sie ihr in Zukunft helfen musste und Jo sie nicht mehr bedienen würde, würde es aus sein mit der Harmonie. Mit diesem Gedanken verschwand der Anflug von Wohlgefühl sofort wieder. Als Jo sah, dass Summer ihren wunderbaren Auflauf ins Esszimmer trug, freute sich sich dennoch sehr.
   Ihre Schwester war ungewöhnlich mitteilsam. Sie erzählte von ihrem Leben in der Stadt und verlor sogar einige Worte über ihre Mutter. Joeline hatte nie nach Jada gefragt. Wozu auch? Der Schmerz darüber, dass sie sie abgeschoben hatte, saß viel zu tief. Sie wollte ihre Mutter nie mehr wieder sehen. Summer war nicht zu stoppen, erzählte, dass Jada bald wieder heiraten würde und der neue Mann ein toller Kerl sei. Dass er sogar oft nach Jo gefragt habe und sie gern kennenlernen würde. Jo dachte jedoch nur darüber nach, wie lange ihr Vater unter der Erde lag und wie passend es war, dass ihre Mutter gerade jetzt noch einmal heiraten musste.
   »Ich habe kein Interesse daran, ihn kennenzulernen oder unserer Mutter jemals wieder zu begegnen. Sie ist für mich genauso tot wie der Mann, der da draußen in der kalten Erde liegt und dessen Seele sie mit Füßen getreten hat. Und nun, liebe Summer, möchte ich dir sehr für das Essen danken und dich fragen, wie lange du diesmal gedenkst zu bleiben.«
   Summers Miene erstarrte, was Jo nicht überraschte. So hatte sie noch nie mit ihr gesprochen. Sie war bislang eher in sich gekehrt und kein Freund großer Worte gewesen. Ihre radikale und direkte Ehrlichkeit war für Summer sicher neu. Und das würde in Zukunft nicht nur für Summer so sein, nahm sich Jo vor. Sie sah es an Summers Gesicht, sie war perplex, doch sie sah darin noch mehr. Ihre Schwester plagte offenbar das Gewissen, denn sie hatte sie oft genug nur benutzt. Wie auch bei der Erkrankung ihres Vaters. Jo hatte völlig allein damit fertig werden müssen. Sie hatte ihn zu den verschiedenen Ärzten gefahren, täglich in Krankenhäusern besucht und die Breitseite dieser grausamen Krankheit ertragen müssen. Sie hatte ertragen müssen, wie dieser stattliche, kräftige und vitale Mann vom Krebs in die Knie gezwungen wurde, bis er nur noch ein Schatten seiner selbst war, und dann, nach beinah einem qualvollen Jahr zwischen Chemotherapie, Ärzten, Erbrochenem und Depressionen, langsam dahinsiechte und starb. Der Tod war nicht gnädig, sondern hatte auf sich warten lassen. Grausam in die Länge gezogene Zeit, in der sich Jo immer öfter die Frage stellte, was tatsächlich der Sinn des Lebens war. Ein tagelanger Kampf um jeden einzelnen, rasselnden Atemzug, während sie stundenlang seine eiskalte, schmale Hand hielt und seine nasse Stirn streichelte. Sie hatte Angst, den Raum zu verlassen und er genau dann sterben könnte, wenn sie nach den Tieren sah oder die täglich zu verrichtende Arbeit machen musste. Doch sein Herz schlug wie aus Trotz stark und kräftig in der eingefallenen Brust. Jo hätte die Unterstützung von Summer in dieser Zeit sehr gebraucht, doch sie war nicht da. Niemand war da.
   Die Erinnerung an den Morgen, als ihr Vater endlich starb, raubte Jo noch jetzt den Atem vor Schmerz. Es war offensichtlich, dass sie mit ihren Gefühlen kämpfte, denn Summer nahm sie plötzlich in den Arm und zog sie an sich. Dann setzte sie sich auf den Stuhl neben sie und griff nach ihrer Hand.
   »Wie rau und sehnig sich deine Hand anfühlt, Jo. Frauen sollten nicht solch hart arbeitende Hände haben«, sagte sie und diesmal klang ihr Mitgefühl sogar ehrlich, doch Joeline traute ihr nicht.
   »Leider kann ich nicht wie du einfach abhauen und zur Maniküre fahren.«
   »Joeline«, begann Summer leise und ihr Blick wurde nachdenklich. »Ich werde nicht mehr einfach so gehen und dich im Stich lassen. Es tut mir leid, wie ich mich bislang verhalten habe, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich es nicht anders gelernt. Ich weiß nicht, warum Mutter dich zurückgelassen hat oder warum Vater mich immer bevorzugt behandelt hat. Ich habe es ihnen nur gleichgetan, aber nie wirklich darüber nachgedacht, wer du bist. Du warst eben immer da und hast alles Unangenehme wort- und klaglos erledigt. Wie bequem für mich.« Sie machte eine kurze Pause. »Es tut mir leid. Wenn du hier nicht mehr klarkommst, dann verkaufen wir eben alles und du kommst mit mir nach Midway.«
   Jo konnte ihr Entsetzen nicht unterdrücken, sog die Luft ein und starrte Summer an.
   »Oder wir werden gemeinsam mit diesem Hof untergehen«, berichtigte diese sich schnell.
   »Was ist mit dir geschehen? Du bist mir unheimlich.«
   »Vielleicht werde ich endlich erwachsen, aber ich denke, die Wahrheit ist, du bist meine Familie und warst immer mein Halt. Ich hoffe, ich habe es noch früh genug erkannt und du gibst mir die Chance, dir zu beweisen, dass ich auch als Schwester große Klasse sein kann.«
   Jo wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Summer strich mit ihren Worten über jahrzehntealte, tief geschlagene Wunden. Sämtliche Demütigungen, Verletzungen und Zurückweisungen, die tief verwurzelt unter einer meterdicken, inneren Eisenplatte vergraben waren, wurden mühelos durch Summers einfühlsame Worte an die Oberfläche gehebelt. Ihre warme, zarte Hand grub in abgrundtiefen Zwiespalten und erschütterte Jos Weltbild innerhalb von Sekunden.
   »Ich weiß, dass du mir nicht sofort vertrauen kannst, aber ich werde es dir beweisen!«
   Jo sah, dass sie das Kinn nach vorn reckte und ihren Rücken straffte.
   »Hier …« Damit sie Joelines Hand nicht loslassen musste, griff sie mit der linken Hand umständlich in ihre rechte Hosentasche und zog ein Bündel Geldscheine hervor. »Es ist nicht allzu viel. Ungefähr fünftausend Dollar. Aber es reicht, dass du morgen einkaufen kannst.« Summer strahlte sie an, während sie die Geldscheine auf den Tisch fallen ließ. »Nun ja, und übermorgen auch noch.«
   Jo war fassungslos. Dieser schreckliche Tag steckte ihr noch in den Knochen, und nun kam ihre Schwester daher und riss alte Wunden auf. Dieser plötzliche Umschwung von Gleichgültigkeit auf Anteilnahme, von Gefühlskälte zu Wärme, war kaum zu ertragen. Summer spürte ihr tiefes Misstrauen, nahm sie wieder in den Arm und wog sie hin und her, wie man es bei kleinen Kindern tat, um sie zu beruhigen. Jo riss sich zusammen, befreite sich aus Summers Armen, strich mit den Händen störende Haarsträhnen aus dem Gesicht und sah ihrer Schwester tief in die Augen.
   »Also gut. Die Wahrheit. Was ist los und woher hast du das Geld? Hast du etwas verbrochen? Bist du in Schwierigkeiten?«
   Summer schnappte hörbar nach Luft. »Ja das würde passen, nicht wahr? Ich habe etwas angestellt und suche hier Unterschlupf. Nein, so ist es nicht. Ich habe alles verkauft, was ich je besessen habe, bis auf mein Auto. Ich sagte ja, es ist nicht viel. Ich bin nicht reich, aber es hilft uns erst einmal. Du willst sicher wissen, warum?«
   »Ich bin ganz Ohr.«
   Summer lehnte sich zurück und spielte mit der Gabel, die vor ihr auf dem Tisch lag.
   »Dass Mutter heiratet, finde ich wirklich gut. Doch, doch …«, sie entgegnete mit einem Nicken Joelines entrüstetem Schnauben. »Ihr zukünftiger Ehemann ist ein fleißiger, lieber Kerl, den sie eigentlich nicht verdient hat. Sie hat sich geändert und da habe ich zum ersten Mal nachgedacht. Dass du immer meine eigentliche Familie warst und ich vielleicht nur bei Mutter geblieben bin, um zu kontrollieren, was sie tut und sie sich nicht kopflos ins Verderben stürzt, das ist mir erst jetzt bewusst geworden. Zu Hause, so richtig zu Hause gefühlt habe ich mich immer nur hier. Hier bei dir. Und wenn sich sogar unsere Mutter ändern kann, kann ich das auch. Ich war egoistisch und oberflächlich, Jo. Ich möchte das nicht mehr.«
   Summer stand auf, ging zum kleinen Fenster gegenüber und Jo folgte ihr. Sie ließen ihren Blick über die unendlichen Wiesen hinterm Haus schweifen. Das Gras war hoch und musste längst gemäht werden, doch dafür hatte sie bislang keine Zeit gehabt. Der leichte Wind fuhr immer wieder wellenartig durch die hügelige Weite und erweckte so den Eindruck, als läge vor einem ein grünlich wogendes, schimmerndes Meer. Jo spürte zum ersten Mal tiefen Frieden in sich und musste schlucken, um ihre trockene Kehle zu befeuchten.
   »Karl, so heißt der Mann unserer Mutter, hat zwei Söhne. Die sind ebenfalls verheiratet und der eine hat gerade Nachwuchs bekommen«, sprach Summer leise weiter.
   Summer drehte sich zu Jo, die mit Spannung darauf wartete, was ihre Schwester überhaupt damit sagen wollte.
   »Verstehst du? Mom hat eine eigene Familie bekommen. Es ist wunderbar. Sie verstehen sich blendend und es ist immer jemand daheim. Man ist nie einsam.«
   Jo ließ ihrem Unmut freien Lauf und schüttelte mit dem Kopf.
   »Ich weiß. Sie hat das nicht verdient, denn sie hatte bereits eine Familie, die sie im Stich gelassen hat. Aber wenn der liebe Gott ihr verzeihen konnte, können wir das auch Jo.« Sie machte eine Pause, wohl um abzuwarten, wie ihre Ansprache wirkte.
   »Ich glaube, der Kerl da oben hat kaum etwas damit zu tun, wenn manche Menschen alles haben und andere nichts.« Jo wandte sich ruckartig ab, griff nach den Tellern und brachte sie in die Küche.
   Summer folgte ihr. »Jo, ich verstehe deine Verbitterung, doch eine Familie ist etwas Wunderbares.«
   Jo schnaubte verächtlich.
   »Ich wünsche mir so sehr eine Familie«, fuhr Summer unbeirrt fort, »einen Mann, Kinder und ich wünsche mir, dass du dazugehörst und …«
   »Geht es einmal nicht um deine Wünsche?«
   »Du hast recht. Entschuldige. Es tut mir leid. Natürlich geht es auch um deine Träume und Wünsche. Ich …«
   »Ach, was weißt du schon von meinen Träumen?« Jo stand am Spülbecken und starrte auf das benutzte Geschirr. »Wenn du hier bleiben willst, wirst du mir in Zukunft helfen. Ich kann und werde dich nicht mehr bedienen. Überleg es dir gut, denn wenn du noch einmal einfach so verschwindest, dann schließt du diese Tür für immer hinter dir. Wenn es dir nicht passt, nimm jetzt dein Geld und fahr zu deiner neuen Familie.« Ja es klang verbittert und vielleicht war sie das sogar.
   Es entstand eine kurze Pause, in der sie sich musterten.
   »Das habe ich wohl verdient«, erwiderte Summer. Sie kam auf Jo zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ich wäre dir dankbar, wenn ich das Haus übernehmen darf. Putzen, kochen, waschen, kein Problem. Aber die Ställe ausmisten, der Gestank … oh, Jo!« Sie hielt sich ihr kleines, hübsches Näschen zu und sah Joeline flehend an.
   Jo, ob sie wollte oder nicht, verzog ihren Mund zu einem Lächeln. Erst leicht, dann immer mehr, bis sie lauthals lachen musste.
   Summer fiel mit ihr ein. »Du gibst mir also meine Chance?«
   Jo nickte, und über Summers schönes Puppengesicht legte sich ein Strahlen. Später am Abend, als sie Summer dabei half, ihre Sachen auszupacken, fielen ihr einige Magazine in die Hände. Summer hatte sie aus der Stadt mitgebracht. Auf einem der Deckblätter war ein Pärchen abgebildet und um die beiden herum war ein Herz gemalt, doch es war in der Mitte beider Personen zerrissen.
   Alles aus! stand dort in fetten Buchstaben. Joeline blätterte schnell im Innenteil nach, bis sie die weiterführende Seite fand. Wieder ein Traumpaar gescheitert?, las sie weiter. Millionärssohn Nathan Morrison verließ seine wunderschöne Gattin Natalia Swan. Ist der Mann denn noch zu retten?
   Sie überflog den weiteren Artikel und sah sich die Bilder an. Sie zeigten Nathan und seine Frau am Tag ihrer Hochzeit und dann eines, auf dem sie einsam und weinend auf einer Parkbank sitzt. Die Erklärung zu dem irreführenden Bild lautete jedoch, dass es sich bei dieser Aufnahme um eine Szene zu ihrem neuesten Kinofilm handelt.
   Er ließ sich scheiden?

Kapitel 4

Nathan telefonierte gerade, als es leise klopfte. Er öffnete, ohne das Gespräch zu beenden, lächelte Fillipa aufmunternd zu und bedeutete ihr, sich zu setzen.
   »Solch einen Artikel hat es immer schon gegeben und wird es immer geben, Daniel. Eine Scheidung ist ein gefundenes Fressen für die Öffentlichkeit.«
   »Aber sie machen Natalia zum Opfer!«
   »Natürlich ist sie das arme Opfer, wer sonst? Ich habe dir prophezeit, dass es ein harter Weg wird. Fillipa ist gerade hereingekommen, möchtest du sie sprechen?«
   Nathan hielt ihr den Hörer hin und beobachtete in ihrem Gesicht, wie sehr sie sich über Daniels Stimme freute. Während er die beiden ein wenig reden ließ, räumte er einige seiner Sachen beiseite, die er achtlos im Zimmer verstreut hatte. Früher hatte ihn das nicht gekümmert, dafür gab es Personal, das dafür bezahlt wurde, hinter ihm herzuräumen. Hier gab es Marla und Sebastian, aber das war etwas völlig anderes als ein persönlicher Assistent. Deren Leben ist wahrlich kein Zuckerschlecken, doch das wurde ihm erst jetzt wirklich bewusst.
   »Möchtest du Nathan noch einmal sprechen … Oh … Gut … Dann sehen wir uns also … Ja, ich werde es ausrichten. Bis bald mein Junge.« Fillipa gab ihm den Hörer zurück. »Er meinte, du sollst früh genug Bescheid sagen wegen des Jobs, den er für dich frei hält. Was meint er damit?« Ihr Blick drückte Besorgnis aus.
   »Mach dir keine Gedanken, Granny«, zog er sie in seine Arme und drückte die kleine Dame an sich. »Dan ist lediglich der Meinung, ich hätte keine Ahnung von Pferden, und er hat leider recht. Aber wir schaffen das, nicht wahr?« Er lächelte sie aufmunternd an. »Was führt dich zu mir?«
   »Ach, das hätte ich beinah vergessen. Ich möchte eine Willkommensparty für dich ausrichten und ich hoffe sehr, du schlägst mir dieses kleine Fest nicht aus.«
   »Eine Party? Ich kenne kaum jemanden.«
   »Eben«, pflichtete Filli ihm bei. »So kannst du die Menschen hier kennenlernen. Es wäre nicht schlecht für dich.«
   »Ich denke, ich kann dir das sowieso nicht ausreden.«
   »Keine Chance.«
   Sie legte ihre Hand auf seine Brust und lachte zu ihm auf. Nathan tat es gut, sie fröhlich zu sehen. Oft genug verharrte sie plötzlich, sah ins Leere und ihr Gesicht verzog sich vor dem inneren Schmerz der Trauer. Siebenundvierzig gemeinsame Jahre hinterließen offensichtlich eine solch große Lücke, die nicht zu schließen war. Es sollten Worte des Trostes sein, wenn man ihr sagte, dass die Zeit alle Wunden heilt, doch wahrscheinlich halfen sie nicht. So viel Zeit würde ihr selbst nicht mehr bleiben, hatte sie einmal gesagt, um keinen Schmerz mehr empfinden zu müssen über Waynes Tod. Nathan war sich sicher, Fillipa würde ihn so lange vermissen, bis sie eines Tages an ihrem eigenen Lebensende angekommen war.
   »Aber keine Papphütchen!« Er hob spaßig drohend den Zeigefinger.
   »Du kannst einem auch jeden Spaß verderben.« Sie lachte.
   »Was genau hast du vor?«
   »Ein Barbecue natürlich. In dieser Gegend kennt man keine Cocktailempfänge.«
   »Gefällt mir viel besser. Und wann möchtest du die Party steigen lassen?«
   »Gleich nächstes Wochenende. Die meisten Züchter sind zurück, es gab eine große Auktion in Midway. Es wäre eine sehr gute Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und der ein oder andere wird dir sicher tatkräftig zur Seite stehen, wenn sie dich erst einmal kennengelernt haben.«
   »Hört sich vielversprechend an. Ich kann Hilfe gut gebrauchen. Also gut, Filli, ich freue mich darauf.« Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, wobei er sah, dass Fillipa die Augen schloss.
   »Was hast du heute vor?«
   »Ich muss zur Parker-Farm.« Nathan ließ sie los und unterbrach den Blickkontakt. »Weißt du den Weg?«, setzte er schnell hinterher. Wohl ein bisschen zu schnell, denn Fillipa bemerkte sein Ausweichmanöver. Sie runzelte die Stirn, hakte aber nicht weiter nach.
   »Sebastian kann ihn dir sicher sagen. Es dürfte nicht allzu schwer für dich sein, ihren Hof zu finden.«
   Nathan fühlte sich unwohl unter ihrem prüfenden Blick. Er wusste, dass Filli erwartete, dass er sich äußerte, doch er ging schweigend zu seinem Schreibtisch, nahm die Erklärung über die Weidepacht und steckte sie in einen Umschlag.
   »Du könntest sie einladen.«
   »Sie einladen?«
   »Ich dachte nur«, wiegelte sie ab »es sah aus, als würdet ihr euch gut verstehen, du und Joeline.«
   Als Fillipa ihren Namen aussprach, zog es leicht in seiner Magengegend. »Ich kenne sie kaum.« Es klang barscher als es sollte, doch die Tatsache, dass er sich zum Idioten gemacht hatte, ließ ihn so unwirsch reagieren.
   »Auf mich wirkte es anders.«
   »Mal sehen.«
   »Natürlich. Entrichte ihr meine herzlichsten Grüße. Sie dürfte es schwer haben, ohne ihren Vater. Auch wenn der ihr in den letzten Jahren keine große Hilfe mehr war. Als Frau allein eine Farm zu betreiben, dürfte so gut wie unmöglich sein. Es wird hart werden für sie, hier zu überleben. Vielleicht wäre es das Beste, wenn sie alles verkauft und nach Midway zu ihrer Schwester zieht.«
   Die Tatsache, dass Jo verschwinden könnte, wo er gerade erst ihre Bekanntschaft gemacht hatte, versetzte ihn in Unmut, und ob er wollte oder nicht, sein Gesicht verriet es Fillipa vermutlich, denn wieder sah sie ihn seltsam an.
   »Also, ich muss los«, sagte er schnell, bevor sie nachfragen konnte.
   »Nathan?« Sie hielt ihn am Arm zurück. »Hast du vor, dich scheiden zu lassen? Ich meine …«
   »Was willst du damit andeuten?«
   »Ich habe es vorhin mit angehört, als du es Daniel gegenüber erwähnt hast, und ich mache mir so meine Gedanken. Sei bitte nicht so gereizt.«
   »Es tut mir leid. Mir schwirrt im Moment etwas der Kopf, und ja, ich werde mich scheiden lassen. Die Anwälte beider Seiten liefern sich bereits hitzige Briefschlachten. Natalia versucht, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, dass sie ein Opfer meiner miesen Machenschaften ist, damit sie so viel Kapital aus unserer Ehe schlagen kann wie nur möglich. Sie hat mir damit gedroht, den damaligen Unfall mit dem Model anders aussehen zu lassen, wenn ich sie nicht dementsprechend abfinde. Darum bin ich etwas gereizt, verzeih mir meinen Ton.«
   »Ist ja schon gut, mein Junge. Es geht Natalia nicht wirklich um dich, sondern nur ums Geld, nicht wahr?«
   »Ich bin mir sogar sicher, es ging ihr nie um mich.«
   »Aber du bist sicher vernünftig genug, dich nicht mit einer neuen Affäre zu belasten, während du …«
   »Was für eine Affäre?«
   »Ich meine es nur gut, Nathan«, versuchte sie zu beschwichtigen.
   »Du meinst doch nicht etwa Joeline Parker?« Er schüttelte den Kopf. »Wohl kaum«, beantwortete er seine eigene Frage. »Mittlerweile sind die Gerüchte auch bei mir angekommen und ich bin versucht, ihnen zu glauben, Filli.«
   Sie zuckte mit den Schultern und lächelte ein wenig skeptisch.
   Schnell gab er ihr einen Kuss auf die Wange, schnappte sich seine Jacke und verließ schleunigst das Zimmer. »Frauen«, schnaubte er leise fluchend. »Was haben sie doch immer für feine Antennen.«

Vor dem Haus traf er auf Sebastian, ließ sich den Weg zur Farm erklären und machte sich auf den Weg. Sie wohnte auf der anderen Seite von Raighley, einer Kleinstadt am Rande einer lang gezogenen Hügelkette. Der Boden war ertragreich und die meisten Menschen hier lebten von Anbau und Viehzucht. Die Nähe zu den Bergen und die wunderschöne Landschaft zogen mittlerweile immer mehr Touristen an und der ein oder andere Farmer sattelte bereits um in die Touristikbranche. Mit ein wenig Aufwand, zum Beispiel Berglifte für Skifahrer, würde man diesem Nest Aufschwung verleihen. Er könnte an seinem eigenen See ein Hotel errichten. Der Gedanke gefiel ihm und er beschloss, ihn beizeiten wieder aufzunehmen. Midway war die nächste, größere Stadt und ungefähr zwei Autostunden von Raighley entfernt. Vor nicht allzu langer Zeit wäre ihm sogar Midway wie ein verlassenes Nest vorgekommen, doch nun, gerade mal sechs Wochen nach seiner Ankunft, konnte er sich nicht mehr vorstellen, in der Enge einer Großstadt zu leben. Er dachte an die Worte Fillipas und dass Joeline vielleicht keine andere Wahl haben könnte, als wegzuziehen. Mitgefühl stieg in ihm hoch. Wie sollte jemand wie Joeline in der Stadt glücklich werden, wenn sie hier geboren war?
   Sein Blick schweifte in die Ferne und er war so in Gedanken versunken, dass er beinah das Schild zu ihrer Einfahrt übersehen hätte. Er bremste scharf und eine Staubwolke hüllte den Jeep ein, als er in die Einfahrt rumpelte. Sie stand an ihrem Auto, die geöffnete Tür in der Hand und blickte ihm überrascht entgegen. Nathan musste tief durchatmen, während er durch die Windschutzscheibe viel zu lange in ihre schönen Rehaugen starrte. Er suchte den Türöffner und bemühte sich, selbstsicher aus dem Auto zu steigen.
   »Guten Morgen, Joeline.« Sein Gruß klang unterkühlt, so hatte er das auch nicht gewollt.
   »Guten Morgen, Nathan«, erwiderte sie gewohnt scheu.
   »Ich bringe dir die gewünschte Abmachung. Schriftlich und unumstößlich. Du würdest bei Bedarf vor jedem Gericht Zuspruch bekommen.«
   »Aber …« Sie wurde rot. Das fand er sehr charmant. »Das hatte ich doch überhaupt nicht vorgehabt.«
   »Ich weiß«, erwiderte er kurz angebunden, zog einen Umschlag aus seiner Jackentasche und überreichte ihn. Er nahm ihr ein wenig übel, dass er sich wie ein Idiot fühlte, obwohl sie im Prinzip nichts dafür konnte. Joeline griff nach dem wichtigen Schriftstück.
   »Du hast recht. Wer weiß schon, was in den Köpfen der Menschen vorgeht. Man muss sich absichern. Du musst mich entschuldigen, ich habe viel zu tun.«
   Sie reagierte jetzt ebenfalls frostig, er konnte es ihr nicht verdenken, und machte Anstalten, in ihr Auto zu steigen. Wenn er schlau war, ließ er sie fahren und sie hätten kaum mehr etwas miteinander zu tun, doch er hielt sie am Arm zurück. Wie so oft zuckte sie zusammen, aber dieses Mal ließ er sich nicht davon beirren.
   »Wollten wir nicht Freunde werden, Jo?« Endlich klang er viel sanfter.
   »Ja, natürlich. Es tut mir leid, ich habe nur leider sehr viel zu tun und …«
   Sie sah zu ihm auf, ihr Blick traf ihn mitten ins Herz und es war das erste Mal, dass er einen Zugang zu ihr verspürte.
   Genau in diesem Moment öffnete sich die Haustür und heraus trat ein unglaublich schönes Geschöpf. Einige Augenblicke lang ließ er seinen Blick auf dieser Frau ruhen, die sich ihnen geschmeidig wie eine Raubkatze näherte. Da er noch immer Joelines Arm hielt, spürte er, dass sie sich versteifte und ruckartig aus seinem Griff wand. Etwas verwirrt über ihre hitzige Reaktion sah er zu ihr und gleich wieder zur Raubkatze. Ihre blonde Mähne wehte leicht im Wind und ihr Gesicht war das eines Engels. Hier musste ein Nest von wunderschönen Frauen sein, schoss es ihm durch den Kopf und wunderte sich über seine einfältigen Gedanken. Aus den Augenwinkeln erkannte er, dass Joeline die Augen verdrehte.
   »Darf ich vorstellen, meine Schwester Summer. Summer, das ist Nathan Morrison.« Ihr Tonfall klang genervt.
   »Schön, Sie persönlich kennenzulernen, Mister Morrison. Man liest sonst nur in der Zeitung über Sie.«
   »Die Freude ist ganz meinerseits, Miss …« Er verstummte und sah flüchtig, dass Joeline schon wieder die Augen verdrehte.
   »Bitte sagen Sie doch Summer zu mir.«
   Ihre Augen leuchteten und ihre Hand lag schon viel zu lange in seiner.
   Joeline seufzte. »Ich möchte diesen zauberhaften Moment nur ungern stören, aber ich muss los. Wenn ihr euch bitte vom Auto entfernen würdet.« Sie umfasste Summers Hüften und schob sie sanft vom Auto weg, näher zu ihm.
   »Viel Spaß noch, ihr beiden, und bis später.«
   Jo machte Anstalten, in ihren klapprigen Wagen einzusteigen, als er endlich aus seiner Trance erwachte.
   »Moment!« Er ließ Summers Hand abrupt los, schlängelte um sie herum und stand wieder neben Jo.
   »Ich muss los, Nathan.«
   »Dann begleite ich dich.«
   »Ich fahre nach Midway zum Einkaufen und nicht spazieren.«
   »In dem Fall sollten wir besser mit meinem Jeep fahren.« Er ließ seinen Blick skeptisch über ihren alten Wagen gleiten.
   »Er ist sehr zuverlässig!«
   »Sofern ich mich erinnere, war seine Zuverlässigkeit der Grund unserer ersten Begegnung.«
   »Eine Ausnahme.«
   »Ich finde, du solltest sein Angebot annehmen, Jo«, mischte sich Summer ein. »Dein Wagen ist wirklich nicht mehr der Jüngste und der Weg nach Midway ist weit. Außerdem wird dir dieser Gentleman sicher beim Tragen helfen, nicht wahr?«
   »Na also. Hör, was deine Schwester sagt. Es ist besser, wenn du fährst, ich kenne den Weg nicht.« Nathan ließ seinen Schlüssel vor ihrer Nase baumeln.
   Jo schielte leicht, als sie den Blick auf den chromblitzenden Anhänger richtete. Mit genervter Miene griff sie danach und stapfte in Richtung Jeep davon.
   »Summer, würdest du mir die Freude machen und nächsten Samstag mit deiner charmanten Schwester zum Barbecue kommen? Ich bin mir sicher, sie wird ablehnen, wenn ich sie einlade, darum wäre mir sehr geholfen, wenn du sie überreden könntest.«
   »Es wird mir ein inneres Verlangen sein«, gab sie verschwörerisch blinzelnd zurück.
   Er sah sie noch einige Sekunden an, dann ertönte plötzlich lang und unerbittlich die Hupe hinter ihm. Summer zog den Kopf zwischen die Schultern und kicherte.
   »Mein Schulbus ist da«, bemerkte er spöttisch und verzog den Mund zu einem Grinsen.

*

Joeline war froh, dass sein Wagen ein Automatikgetriebe hatte und sie nicht schalten musste, denn sie war nervös. Sobald Nathan in ihre Sichtweite kam, war sie bereits nicht mehr sie selbst, nun saß er sogar neben ihr. Sie hatte erwartet, dass er auf dieses peinliche Treffen mit Harris zu sprechen kam, doch er tat nichts dergleichen. Er hatte sich gemütlich auf dem Beifahrersitz niedergelassen, betrachtete andächtig die Landschaft und wirkte, im Gegensatz zu ihr, überhaupt nicht nervös.
   Warum fuhr er mit ihr in die Stadt? Was hatte ihn nur dazu getrieben? Sicher nicht Summers Aussage, er könne ihr beim Tragen helfen. Überhaupt war Jo darüber verwundert, dass ihre Schwester einen Rückzieher machte. Das hätte sie früher nicht getan. Im Gegenteil, sie hatte stets mit Jo konkurrieren müssen und sich, sobald sich jemand für sie interessierte, in Szene gesetzt. Sie hatten nie viel miteinander zu reden gehabt und allzu große Vertrautheit gab es zwischen ihnen damals auch nicht. Manchmal waren sie zusammen ausgegangen, aber eigentlich nur, weil ihr Vater Summer nicht allein in die Stadt lassen wollte. Dabei lernten sie einige Männer kennen, und Summer war in ihrem Element, während Jo meist müde gähnend darauf wartete, dass sie sich endlich verabschieden konnten.
   Bis sie eines Tages Gregory kennenlernten. Als er sich damals zuerst an Jo herangemacht hatte, war sie anfangs eher zurückhaltend und unterkühlt. Das war auch ihr eigentliches Problem. Sie wirkte verschlossen, doch tief in ihr drinnen sah es anders aus. Je mehr die Menschen sie verletzten, desto tiefer vergrub sie ihre Gefühle. Andererseits hatte sich Jo nie wirklich darum gekümmert, einen Mann kennenzulernen, weil ihr die Zeit dazu fehlte.
   Gregory bemühte sich um sie. Ein paar Mal gingen sie miteinander aus, und Jo war zu dem Zeitpunkt bereits sehr verliebt in ihn. Eines Abends dann, – nein, er küsste sie nicht, sondern stammelte unsicher vor sich hin, dass es ihm furchtbar leidtäte, aber er habe sich in Summer verliebt. Es ging schon eine Weile und sie hätte ihn gebeten, mit ihr zu sprechen, damit sie sich nicht länger verstecken müssten.
   Abgelegt, ungeliebt, Müll.
   Da war er wieder, dieser grausame Schmerz, der tief in ihr wütete. Von da an verschloss sie sich noch mehr. Zuspruch und Gehör fand sie nur bei ihrer damaligen Freundin Melany. Natürlich wurden die Leute argwöhnisch, weil sie ständig mit ihr zusammen war, sie sehr vertraut miteinander waren. Und weil den Leuten nichts Besseres einfällt, nahm irgendwann beinah jeder an, dass sie nichts für Männer übrig hatte.
   Später war Mel mit ihren Eltern fortgezogen, und Jo verlor den einzigen Menschen, dem sie vertrauen konnte. Summers Liebe nahm kurz darauf ein schreckliches Ende. Eines Tages reiste sie Hals über Kopf ab und nur einen Tag später fand man Gregorys Auto unweit der Parker-Farm. Er war mit seinem Wagen in den Steinbruch gestürzt und ertrunken. Wie der Sheriff ermittelte, stellte sich heraus, dass Gregory kurz zuvor noch auf der Farm gewesen sein musste. Jo wurde stundenlang verhört, doch die Ereignisse hatten sie damals völlig verstört und sie konnte die Fragen des Sheriffs kaum beantworten. Die Verletzungen an ihrem Körper ließen ihn darauf schließen, dass sie etwas mit Gregs Tod zu tun gehabt hatte. Sie behauptete, sie wäre ungeschickt gewesen und von der Leiter des Scheunenbodens gestürzt. Ihr Vater bestätigte, dass sie schon als Kind tollpatschig gewesen sei und laufend Verletzungen gehabt hätte. Jo atmete auf, als die Polizei das Ganze auf sich beruhen ließ, denn die Wahrheit versteckte sie tief in sich unter einer Eisenplatte. Die ermittelnden Beamten fanden bei Gregs Blutuntersuchung eine hohe Menge an Alkohol. Er hatte wohl aufgrund seines Liebeskummers zu viel getrunken und die Gewalt über sein Fahrzeug verloren. So stand es im Polizeibericht.
   Die Menschen in Raighley gaben nicht Summer die Schuld am Tod Gregorys, weil sie ihm das Herz gebrochen hatte, o nein, sie begannen, hinter Joelines Rücken zu reden. Die einen behaupteten, sie hätte nicht verkraftet, dass Greg sich in die wunderbare Summer verliebt hatte und daraufhin habe Jo ihn kaltblütig umgebracht. Die anderen glaubten zu wissen, dass Joeline schon immer homosexuell war und Gregory eine Art Alibi sein sollte. Bis auf Greg hatte sie sich, wie man selbstredend wusste, nie für einen Mann interessiert. Des Weiteren sprach für die Leute der Umstand dafür, dass Joeline es nach außen so locker hingenommen hatte, dass sich Greg in ihre Schwester verliebt hatte. Summer fachte dieses Gerücht leider an, indem sie auf Nachfragen erwiderte, dass man doch wüsste, wie seltsam Joeline manchmal sei. Greg musste sich, so war es den Leuten klar, von beiden Schwestern benutzt gefühlt haben und hatte darum seinen Kummer im Alkohol ertränkt. Für die Bewohner Raighleys war alles logisch. Joeline hatte Greg als Alibi benutzt, weil niemand merken sollte, dass sie Frauen liebte. Aber Summer, die sich selbstverständlich ehrlich und aufrichtig in den jungen Mann verliebt hatte, die nichts von Joelines Neigung ahnte, litt unter ihrem schlechten Gewissen der Schwester gegenüber. Man war sicher, dass Jo ihr eine furchtbare Szene gemacht habe und die arme Summer verstört flüchtete. Sie vor lauter Scham nicht nur ihren Geliebten, sondern sogar ihren kranken Vater zurückließ. Die gesponnenen Geschichten konnten vorn und hinten nicht stimmen, doch sie klangen interessant, und das mochten die Leute. Seit dem Vorfall wurde sie von allen gemieden, und selbst wenn jemand dabei war, der sie vielleicht nett fand, würde er es nicht zugeben. Ihre Gedanken kehrten zurück zu dem gut aussehenden Kerl, der neben ihr auf dem Beifahrersitz saß. Sie waren bereits eine halbe Stunde unterwegs, ohne ein einziges Wort miteinander zu reden. Jo war verunsichert. Was sollte das werden?
   »Möchtest du Musik hören?« Der plötzliche Klang seiner sanften Stimme ließ ihr einen wohligen Schauder den Rücken hinunterrieseln.
   »Ja …, gern.« Sie klang nicht halbwegs so sanft und freundlich wie er. Eher wie ein krächzender Rabe und das ärgerte sie schon wieder.
   »Aber ich muss dich warnen, es gibt nur schmachtende Cowboys, die herzzerreißend über die Liebe trällern.« Er lächelte sie an, und sein Lächeln pulsierte durch ihre Eingeweide.
   »Ist ja ganz was Neues.«
   Er schaltete das Radio ein und drehte an der Lautstärke. »Du stehst nicht sonderlich auf gefühlvolle … Männer?«
   Es klang ein wenig bissig. Was meinte er damit? Jo fühlte sich provoziert. »Du meinst solche, die gefühlvoll auf Frauen losgehen wie Ray Harris?«, wich sie aus.
   »Natürlich nicht. Es tut mir leid. Ich weiß auch nicht, was das sollte. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.«
   Wieder schwiegen sie eine kleine Ewigkeit, und Jo überlegte fieberhaft, was sie sagen könnte, um die Kurve zu kriegen und der Ausflug nicht in einer einzigen, verkrampften Atmosphäre endete, doch sie war unsicher, was er überhaupt von ihr wollte. Menschen waren nicht uneigennützig. Sie führten immer etwas im Schilde. »Was versprichst du dir hier von?« Sie wedelte mit der Hand zwischen ihnen hin und her.
   »Nichts. Ich dachte, wir sind Freunde?«
   »Welche Art Freundschaft bevorzugst du denn im Allgemeinen? Die eigennützige oder die uneigennützige?«
   »Ich befürchte, es gibt keine uneigennützige Freundschaft.«
   »Dann solltest du deine Bemühungen um eine Freundschaft mit mir besser einstellen.«
   »Du bist also der Ansicht, du hast nichts zu bieten?«
   »So ist es. Bei mir ist nichts zu holen.«
   »Da muss ich dich eines Besseren belehren. Noch nie musste ich mich derart zusammenreißen, damit ich nichts Falsches sage, und noch nie hat mich jemand so distanziert und herablassend behandelt wie du. Der Eigennutz des Ganzen liegt für mich also darin, mich in Geduld und Toleranz zu üben. Etwas, das ich früher nicht musste und durch dich lerne. Du siehst, es gibt keine uneigennützige Freundschaft. Es muss nur nicht immer materiell oder sexuell sein.«
   Eine Welle der Entrüstung durchflutete sie. Joeline starrte ihn empört an, ohne auf die Straße zu achten. Sie behandelte ihn herablassend? Distanziert?
   »Wenn du mich noch länger bewundern möchtest, sollten wir die Plätze tauschen«, bemerkte er und zeigte auf die Straße. Sie bremste schlagartig.
   »Ich nehme an, deine dezente Bremseinlage bedeutet, dass ich fahren soll?«
   Er beugte sich so plötzlich und nah zu ihr herüber, dass sie fürchtete, er wollte sie küssen. Aufrecht und wie zur Salzsäule erstarrt, blieb sie sitzen. Sein Gesicht war so nah an ihrem Mund, dass sie die Luft anhalten musste, damit ihr Atem nicht über seine Wange strich. Doch er wollte sie nicht küssen, er zog nur den Zündschlüssel ab. Statt sich zurückzuziehen und auszusteigen, drehte er in Zeitlupe seinen Kopf und ihre Nasenspitzen berührten sich beinah. Jo schluckte, ihr Sauerstoff wurde langsam knapp. In ihren Venen kochte das Blut und ihre Knie zitterten. Wenn er sie jetzt küssen würde …, wenn er sie jetzt …
   »Verzeih mir meinen Argwohn, aber der nächste Eigennutz aus unserer Freundschaft soll kein Training für einen Marathon werden. Ich habe keine Lust, aus dem Auto zu steigen und du fährst davon.« Er hielt den Autoschlüssel in Augenhöhe.
   Sie starrten sich endlose Sekunden an, und Jo zitterte immer mehr. Das hier war keine romantische Situation, wo der Held seine Prinzessin in der nächsten Sekunde küsste. Es ging in diesem Moment darum, Positionen zu schaffen. Grenzen zu ziehen. Der Mensch unterscheidet sich eben nicht wesentlich vom Tier, ging es ihr durch den Kopf. »Wir benehmen uns wie zwei Hunde«, flüsterte Jo und musste wider Willen lächeln.
   »Nicht zu fassen, oder?« Sein Gesicht war noch immer so nah, er roch so gut und seine Wimpern, warum nur waren seine Wimpern so unverschämt lang?
   Jo riss sich zusammen. »Es wäre reizend, wenn du mir die Gelegenheit geben würdest, wieder zu atmen.«
   »Wie überaus egoistisch von mir, selbstverständlich!«
   Er ließ sich umgehend in seinen Sitz zurückfallen, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Jo hielt ihm die geöffnete Hand hin und er legte wortlos den Schlüssel hinein. Das Eis war gebrochen. Zumindest vorläufig. Sie startete den Wagen erneut, und es verging einige Zeit, in der sie sich immer wieder abwechselnd ansahen, bis Jo lächeln musste.
   »Kannst du dich noch an den Abend erinnern, als wir in deiner Hütte waren?«
   »Natürlich kann ich das.«
   »Warum hast du mir nicht gesagt, dass du von deiner Frau getrennt lebst?«
   »Hättest du mir geglaubt? Soll ich dir sagen, was du gedacht hättest? Ein Mann, eine Frau, eine einsame Hütte und die Gelegenheit, zu jammern, dass die eigene Frau einen nicht versteht und man sich auseinandergelebt hat. Dass die Scheidung läuft und man auf der Suche nach der einzig wahren Liebe ist. Sehr glaubwürdig.«
   »Da hast du wohl recht.«
   »Woher weißt du von der Trennung?«
   »Summer hatte Klatschblätter dabei.«
   »Ah. Bin ich jetzt dran?«
   »Womit?«
   »Mit einer Frage.«
   »Ich kann dir nicht versprechen, sie zu beantworten.«
   Unter Nathans forschenden Blicken wurde ihr ganz kribblig. Der Fahrtwind, der durch das leicht geöffnete Fenster strömte, wehte ihr immer wieder ihre langen Haare ins Gesicht. Jedes Mal, wenn sie ihren Arm hob, um es beiseite zu streichen bemerkte sie, dass er ihr auf die Brüste sah. Ihr gefiel das.
   »Das kann ich riskieren.«
   »Also?«
   »Was hat es mit dem Hengst auf sich?«
   »Stormcloud gehört mir. Ich bin in Geldnot und habe schweren Herzens beschlossen, ihn zu verkaufen. Ray war der Einzige, der mir zugesichert hat, sofort das Geld zu überweisen. Mittlerweile will man ja bereits Pferde auf Raten kaufen«, setzte sie erklärend hinzu. »Er blieb mir mein Geld schuldig, und anstatt meine Rechnungen bezahlen zu können, hatte ich nun weder Geld noch den Hengst. Ich habe Harris oft angerufen und nach meinem Geld gefragt, doch er hat mich immer wieder vertröstet. An jenem Abend habe ich mich entschlossen, ihn wie ein Dieb zurückzuholen. Dann ging das Auto kaputt, der Sturm brach los, und als ich die Scheinwerfer von deinem Auto sah, dachte ich, das ist entweder Ray oder die Polizei.«
   Sie erntete einen bewundernden Blick von ihm, was sie sehr freute.
   »Du bist mutig, Jo, auf diese Weise um dein Recht zu kämpfen. Für Frauen ist es offenbar noch immer nicht selbstverständlich, sich zu behaupten. Für eine New Yorkerin sicher einfacher, als für Joeline aus Cowboy City Raighley.«
   Jo musste lächeln und warf ihm einen Seitenblick zu.
   »Ich kann dir helfen.«
   »Was meinst du damit?«
   »Ich könnte dir finanziell aus der Klemme helfen.«
   Sie schwieg betreten und starrte auf die Straße. »Warum?«
   »Warum?« Er lachte, was sie noch unsicherer machte. »So funktioniert ein solches Gespräch nicht, Joeline Parker. Das geht anders. Ich biete dir an zu helfen und du sagst: Prima! Vielen Dank. Dann frage ich, wie viel? Deine Antwort, soundsoviel. Dann einigt man sich über die Rückzahlung und fertig. Aber niemals fragt man: Warum?«
   »Nein, vielen Dank. Das ist sehr freundlich … aber, nein.«
   »Warum?«
   »Niemals fragt man: Warum?«
   Er grinste. »Eine Antwort, bitte.«
   »Ich bin nicht in der Lage, es zurückzuzahlen. Nicht derzeit und auch nicht später. Sobald ich dich irgendwo träfe, wäre mein erster Gedanke das Geld.«
   »Das bin ich gewohnt.«
   »Das ist traurig.«
   »Dann mach mir doch die Freude.«
   »Nein, Nathan. Bitte bring mich nicht in Verlegenheit.«
   Nun war es Nathan, der schweigend aus dem Fenster starrte. Jo blickte immer wieder zu ihm hinüber. Einen Mann wie ihn hatte sie noch nie kennengelernt. Er schien so freundlich und hilfsbereit zu sein, so durch und durch ehrlich. Es gab nur einen Menschen in ihrem Leben, der vergleichbar war. Jake, der liebenswerte Jake, der immer wieder ihr Auto reparierte, eine Tasse Tee oder ein offenes Ohr für sie hatte. Meist eigentlich alles zusammen. Auch von Nathan würde sie lieber eine Tasse Tee nehmen, anstelle seines Geldes.
   Jo plagte das schlechte Gewissen. Bislang war er ihr stets entgegengekommen und hilfsbereit, doch sie hatte ihn dauernd vor den Kopf gestoßen. »Ich wüsste aber, wie du mir helfen könntest, Nathan.«
   Er drehte den Kopf in ihre Richtung. »Ich bin gespannt.«
   »Ich wäre dir dankbar, wenn du mit Harris reden würdest. Er war bei einem Rechtsanwalt und fordert von mir Futterkosten und Tierarzthonorare ein. Insgesamt siebentausend Dollar.«
   »Nicht schlecht. Hat er den Tierarzt einfliegen lassen? Die Summe ist wohl etwas übertrieben. Mal abgesehen davon, dass er mit seiner Forderung nicht durchkommt. Er will dich erschrecken, Jo, das ist alles.«
   »Ich habe Post von seinem Anwalt, Nathan. Natürlich ist das erschreckend.«
   »Ich verspreche dir, ich werde das regeln.«
   »Danke.«
   Jo nahm allen Mut zusammen, legte ihre Hand auf seine und drückte sie leicht. Er sah sie überrascht an, doch als Jo sie zurückziehen wollte, war er schneller und fasste nach. Ohne ein Wort zu sagen, hielt er ihre Hand, rutschte tiefer in den Sitz und schloss die Augen.
   Joeline war verdattert und sah erst auf ihre Hand, die verborgen in seiner lag, dann auf ihn, dann auf die Straße und wieder von vorn. Eine Welle von Glück rieselte wie Champagner durch ihren Körper. Ein nahezu unbekanntes Gefühl, das sie völlig aus der Bahn warf. »Was …?« Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und suchte nach Worten.
   »Lass mich ein wenig deine Hand halten. Es tut mir gut. So weit kann es nicht mehr sein bis Midway, dort kannst du sie wiederhaben.« Er lächelte, ohne die Augen zu öffnen.
   »Händchenhalten passt so gar nicht zu dir.«
   Er öffnete seine unglaublichen Augen und die blauen Scheinwerfer schienen sie bis in den letzten Winkel zu durchdringen. Joelines Herz klopfte ihr bis zum Hals.
   »Ich war im ersten Moment versucht, beleidigt zu sein, Miss Parker, doch ich muss zugeben, du hast recht. Ich kann mich nicht erinnern, jemals Händchen gehalten zu haben in meinem Leben.«
   »Auch nicht mit deiner Frau?«
   Er dachte offenbar kurz nach und verneinte, indem er langsam den Kopf schüttelte und die Mundwinkel nach unten zog. »Nein, nur in dem Moment, als ich ihr den Ring an den Finger gesteckt habe.«
   »Eventuell hätte das einer Scheidung vorgebeugt.«
   »Ehen scheitern nicht am Händchenhalten.«
   »Nein, sie scheitern ohne Händchenhalten.«
   Er lachte. »Wenn das das ganze Rezept ist, dann wäre Liebe sehr einfach.«
   »Vielleicht ist sie das sogar.«
   Ein flüchtiges Lächeln, ein verschmitzter Seitenblick, dann schloss er die Lider, und Joeline fuhr weiter nach Midway.

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