Houston, Texas – vierundvierzig Grad im Schatten, strahlend blauer Himmel. Ein männliches Opfer mit durchgeschnittener Kehle, fehlenden Wertsachen und ohne Angehörige, die nach ihm suchen. Es hätte alles so einfach sein können. Was zunächst von Special Agent Austin Randle und seinem Team vom FBI als Raubmord geahndet wird, führt sie schnell in ein Netz aus Intrigen, Gewalt und Menschenhandel. Doch wie soll man einen Fall auf internationaler Ebene lösen, wenn man eigentlich damit beschäftigt ist, seine Gefühle für den anderen zu unterdrücken, weil sie verheiratet und er grob beziehungsunfähig ist? Austin und seine Kollegin Vivianna stellen sich dieser Aufgabe, ohne zu ahnen, in welche Abgründe sie blicken werden ...

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Jasmin Kreuz

Jasmin Kreuz
Jasmin Kreuz wurde 1989 in München, Deutschland geboren. Im Alter von zehn Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Österreich. Dort absolvierte sie im Jahr 2007 die Matura. Die Liebe zum Schreiben entstand bereits in der Schulzeit. Im Alter von vierzehn Jahren hat sie ihren Eltern ganz aufgeregt ihren ersten „Roman“ vorgelegt, der - natürlich - für absolut unglaublich befunden wurde. Wenn sie gerade nicht arbeitet oder an ihren Romanen schreibt, reist sie gern und verbringt viel Zeit mit ihrer Familie, ihrem Sohn und Freunden.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

»Boss, das Problem wurde beseitigt.«
   »Sehr schön. Und es wird aussehen wie ein Raubmord?«
   »Jepp.«
   Obwohl er diese Antwort erwartet hatte, jagte ihm das Gefühl von vollkommener Kontrolle einen freudigen Schauder durch den Körper. Langsam lehnte er sich in seinen großen schwarzen Ledersessel zurück und plante bereits die nächsten Schritte. Nachdem der Störfaktor beseitigt war, brauchte er keine Angst mehr zu haben, dass er verraten wurde. Nun konnte er ungehindert dort anknüpfen, wo er aufgehört hatte – seinen Profit vergrößern, indem er Schutz suchenden Afrikanern ihr letztes Geld abnahm, sie in ein Boot setzte und, mit dem Versprechen Richtung Europa schickte, dass dort ein besseres Leben auf sie warten würde. Natürlich zog er nur die Fäden im Hintergrund. Die Drecksarbeit erledigten andere für ihn. Solange genug Geld im Spiel war, war jeder bestechlich und so hatte er nicht lange nach den passenden Halunken suchen müssen, die sich bereitwillig seinen Anweisungen fügten.
   »Gut. Halte mich auf dem Laufenden«, wies er knapp an, drückte den Anrufer weg, um kurz darauf ein erneutes Gespräch zu beginnen, um seine übrigen Mitarbeiter wissen zu lassen, dass es Zeit wäre, neue Schiffe bereit zu machen.

Kapitel 1

»Wie ich Beschattungen hasse.« Mit einem lauten Seufzen ließ sich Vivianna in den Beifahrersitz zurückfallen und blies sich eine Strähne aus der Stirn, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte.
   »Da bist du nicht die Einzige. Aber was sein muss, muss sein«, erwiderte Leif. Er nahm einen tiefen Schluck aus seiner Coladose und gähnte herzhaft.
   Vivianna schielte auf die Uhr, deren blaue Digitalanzeige in der Mitte des Armaturenbretts leuchtete. »Wir warten hier mittlerweile seit fünf Stunden. Ich glaube nicht mehr, dass er sich noch blicken lässt, Leif.«
   »Wahrscheinlich nicht, aber was sollten wir sonst mit der restlichen Nacht machen?«
   Mit einem übertriebenen Lächeln strahlte Leif sie an. Sie wusste, dass sie die restliche Nacht sowieso nicht mit Schlafen oder Lesen nutzen würde, denn bei ihr wartete zu Hause das Chaos.
   Bei Leif wäre es nicht anders, da seine Frau gerade mit dem vierten Kind schwanger war, obwohl die anderen gerade erst sechs, fünf und zwei Jahre alt waren, und daher immer ein turbulentes Durcheinander herrschte, egal, zu welcher Tageszeit.
   Bei Vivianna hingegen lag es daran, dass ihr Mann Chad als Soldat in Afghanistan stationiert war und erst wieder in vier Wochen heimkehren würde. Insgeheim bezeichnete sie diesen Umstand als geordnetes Chaos. »Tja, wir könnten ins Casino gehen oder uns hemmungslos betrinken oder …«, scherzte sie.
   Leif grinste und wandte sich wieder seiner Coladose zu, die er in einem Zug leerte. In derselben Sekunde klingelte sein Handy. »Agent Vaccaro … Bis dato tut sich nichts … Natürlich, wir bleiben dran.« Als er aufgelegt hatte, fuhr er sich durch die Haare. »Tja, Vivi, heute wird es nichts mit Casino. Das war Austin. Die nächsten paar Stunden bist du hier mit mir im Auto gefangen.«
   Mit gespieltem Entsetzen riss Vivianna die Augen auf und starrte Leif an. »Hier mit dir? Allein? Wie soll ich das Chad sagen?«
   »Ach, hör auf. Du hättest es schlimmer treffen können«, gab Leif zurück.
   Leif war in der Tat ein durchaus angenehmer Begleiter. Er war groß und hatte bedingt durch seine Arbeit beim FBI einen durchtrainierten Körper. Seine Gene sowie Vorfahren hatten ihm hellgrüne wache Augen und eine schöne, markante Gesichtsform vererbt. Er war nicht im typischen Sinne attraktiv, aber dennoch schön genug, um das eine oder andere Frauenherz schneller schlagen zu lassen. Trotzdem war er für Vivianna in erster Linie ein guter Freund und noch besserer Arbeitskollege, der nicht nur loyal, sondern auch ehrlich und offen war. Besonders gern mochte sie seinen Humor, der ihrem ähnlich war, sodass sie sich oft nicht einmal ansehen mussten, um über dasselbe lachen zu können. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen waren sie seit fünf Jahren nicht mehr als Kollegen und Freunde.
   In dieser Sekunde ging die Tür des Nachtclubs auf und die vermeintliche Zielperson kam heraus.
   »Vivi, schau. Ist das nicht der Kerl?«
   In die Dunkelheit blinzelnd verfolgte sie den Weg des Verdächtigen. »Ja, das ist er. Heften wir uns dran.«
   Langsam rollte der Wagen los. Tatsächlich hatten sie diese Nacht Glück und ihre Zielperson blieb nach nur wenigen Hundert Metern stehen, wartete eine Minute und traf dann auf eine zweite Person, die aus der Dunkelheit aufgetaucht war.
   »Jetzt wird es interessant«, kommentierte Leif das Geschehen, während er den Motor des Wagens in sicherer Entfernung abstellte.
   Kurz, nachdem die beiden Personen, die sich scheinbar unbeobachtet fühlten, ihr Tauschgeschäft begonnen hatten, sprangen Leif und Vivianna mit gezogenen Waffen aus dem Wagen und nahmen die beiden fest.
   »Na, der Drogenhandel dürfte wieder florieren, wenn ihr euch wieder auf die Straße traut. Dumm nur, dass ihr verraten wurdet und uns zielstrebig zu eurem Anführer führen werdet«, verkündete Leif, nachdem er dem überraschten Duo die Handschellen angelegt und sie zum Wagen geführt hatte.
   Obwohl Vivi froh war, jetzt erst mal nach Hause zu können und einen Teil des Kartells bereits inhaftiert zu haben, wusste sie, dass der Weg zur Spitze dieser dreckigen Machenschaften noch lang sein würde. Doch das war Teil ihres Jobs. Selbst ein Teilerfolg musste nicht zwangsläufig zum großen Durchbruch führen, und dies wurde ihr wieder richtig bewusst, als sie die Kleinganoven wenig später zum Verhör führten.

»Ist unser Duo schon vernehmungsfähig?«
   »Na ja, sie schmoren seit einer Stunde. Wenn du meinst, das reicht, dann ja«, sagte Vivianna an ihren Chef gewandt, der nach einem Anruf ins Büro gekommen war.
   Er wollte die Verhafteten in die Mangel nehmen, da auch er hoffte, dass sie die Ermittlungen zu einem weitaus gefährlicheren Mann führen würden.
   Austin, Teamleiter und somit Kopf der Truppe, ließ seine Hand auf dem Türgriff liegen, der zum Vernehmungsraum führte. »Du siehst müde aus. Fahr heim und ruh dich aus.«
   »Du rufst an, wenn du etwas brauchst?« Vivianna kannte die Antwort bereits, trotzdem stellte sie die gleiche Frage immer und immer wieder. Vielleicht würde sie irgendwann eine andere Reaktion bekommen.
   »Ich brauche nichts, danke.«
   Erst, als die Tür des Vernehmungsraums ins Schloss gefallen war, bedeutete das für heute, dass ihre Arbeit beendet war. Austin würde die beiden mit dem gebührenden Respekt in die Mangel nehmen. Und wie üblich würde er zumindest einen Namen bekommen. Austin Randle war nicht nur ein brillanter Ermittler, sondern auch ein gutes Stück älter und erfahrener als sie. Trotzdem wusste er die Arbeit seines Teams zu schätzen und vertraute ihnen blind.
   Sofern sie einmal die Chance dazu bekommen würde, wollte sie ihr eigenes Team genauso führen, wie Austin es tat. Der Mann mit den graublauen Augen, den schwarzen Haaren, die schon von einigen grauen Strähnen rund um die Schläfen durchzogen wurden und dem unüberwindlichen Zwang, seine Arbeit weit über sein Privatleben zu stellen. Sie wusste, dass er hin und wieder Affären, manchmal sogar ein paar Monate dauernde Beziehungen hatte, aber noch keine hatte es geschafft, ihn für immer zu gewinnen. Dass er bei Frauen gut ankam, war keine Frage von Ehrlichkeit, sondern ein unübersehbarer Tribut, den er liebend gern in Kauf nahm. Er konnte ausgesprochen mürrisch sein, doch gerade deshalb war sein seltenes Lächeln und sein trockener Humor, der nur ab und zu zum Vorschein kam, umso bestechender. Manchmal war er verletzend und Gefühle und Zuneigung konnte er nicht leicht ausdrücken, weswegen er in zwischenmenschlichen Beziehungen etwas unbeholfen erschien. Zumindest, wenn es über das körperliche Verlangen hinausging.
   Vivis Gedanken wanderten zu Chad, dem sie vor drei Jahren die Treue geschworen hatte und den sie über alles liebte. Lächelnd verließ sie die FBI-Außenstelle Texas, Houston. Sie würde sich eine Runde Schlaf gönnen und dann versuchen, Chad über Skype zu erreichen. Die langen Trennungen waren, wenn auch schon zur Gewohnheit geworden, eine immer wiederkehrende Herausforderung in ihrer Beziehung. Momentan meisterten sie sie noch. Sie konnten nur hoffen und ihr Bestes geben, um ihre Liebe weiterhin trotz aller Umstände am Leben zu erhalten.

Als Vivianna wenige Stunden später wach wurde, galt ihr erster Gedanke Chad. Sie sprang aus dem Bett, seufzte beim Blick auf den Wecker, der bereits sieben Uhr abends anzeigte, und beeilte sich unter der Dusche. Frisch gekämmt und angezogen saß sie wenig später in ihrem Arbeitszimmer und versuchte, Chad zu erreichen. Erleichtert lächelte sie, als Chad auf dem Bildschirm erschien. Seine blonden Haare hingen aus einer Art Kopftuch heraus und seine braunen Augen schimmerten. Wie üblich hatten sich in seinen Wimpern Staub und Dreck angesammelt, den er selten zur Gänze wegbekam.
   »Hey Baby. Wie gehts dir?«
   Sie musste lächeln, als er etwas näher an den Bildschirm herankam, um ihr einen Kuss durch die kilometerlangen Kabel zu geben, die sich Internet nannten. Seine Haut stand vor Schmutz und auch seine Kleidung war mehr als fragwürdig. All das war ihr egal, sie kannte ihn schon kaum mehr anders.
   »Mir gehts gut – habe den ganzen Tag geschlafen, weil wir an einer Drogensache dran waren. Hab mir die Nacht mit Leif um die Ohren geschlagen.«
   Gespielt empört zog er die Augenbrauen nach oben. »Ich sagte dir doch, dass du dich nicht mit Kollegen einlassen sollst.« Ihr Lachen freute ihn sichtlich.
   »Tut mir leid, Chad, aber manchmal kann ich einfach nicht an mich halten.« Sie grinste und Chad musste es ihr gleichtun. »Aber Spaß beiseite. Wie gehts dir da drüben? Alles in Ordnung?« Schon zum zweiten Mal innerhalb von zwölf Stunden stellte sie einem Mann eine Frage, von der sie die Antwort schon kannte.
   »Ja, soweit man das sagen kann, ist alles okay. Uns geht es gut. Außer, dass ich dich vermisse, aber das weißt du sicher.«
   Statt einer Antwort nickte sie leicht mit dem Kopf. Schnell, um sich abzulenken und ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen, erzählte sie Chad von ihrem nächtlichen Auftrag. »Und als ich heimgefahren bin, um zu schlafen, hat mich Austin bereits angerufen und mir die Namen der nächsthöheren Dealer durchgegeben.«
   Chads Gesicht verzog sich zu einer anerkennenden Miene. »Ich glaube, er ist der Grund, warum ich mir nie etwas zuschulden kommen lassen würde. Ich würde mir ins Hemd machen, wenn er mich verhören würde.«
   »Meist reicht ein Blick.«
   »Wie verbringst du dein Wochenende?«, fragte Chad unvermittelt.
   »Wahrscheinlich im Büro. Wenn nicht, lese ich viel oder lerne eine neue Sprache.«
   »Du gehst doch nicht mit anderen Männern aus?« Sein Gesicht blieb ernst.
   »Was? Nein, natürlich nicht. Nicht umsonst bin ich mit einem Major der Army verheiratet. Was sollte daran noch herankommen? Außer einem Herzchirurgen vielleicht …«
   Verstimmt schüttelte er den Kopf. Fast schon befürchtete sie, ihn verletzt zu haben, als sich ein Schmunzeln auf seinem Gesicht ausbreitete.
   Nachdem sie noch eine Weile geplaudert und sich dann wehmütig verabschiedet hatten, genehmigte sie sich noch ein schnelles Abendessen, zog sich fertig an und verließ das Haus in Richtung FBI.

*

»Ist das Schiff voll?« Hamiltons Miene war wie versteinert. Er bemühte sich immer darum, dass kaum jemand eine Regung in seinem Gesicht ausmachen konnte. Allerdings schien es auch niemanden sonderlich zu interessieren, ob er Gefühle besaß oder nicht. Hauptsache er erledigte seinen Job lautlos, schnell und effizient.
   »Voller geht nicht mehr«, antwortete Joseph.
   Sein Handlanger, wie er Joseph nannte, hatte ebenso wie er die Welt nur von der schlechten Seite kennengelernt und stellte daher nicht allzu viele Fragen, wenn von oben der Befehl kam, ein weiteres Schiff von Afrika aus nach Europa zu schicken. Illegal und höchst gefährlich verstand sich. »Okay, gib dem Boss Bescheid und rede dem Kapitän noch mal gut zu. Wollen ja nicht, dass der seine Klappe aufreißt, sobald er drüben ist.«
   »Geht klar.«
   Hamilton malte sich im Geiste bereits aus, wie er das Geld für diesen Auftrag ausgeben würde. In seiner Fantasie waren auf jeden Fall viele Frauen, ein neues Auto und vielleicht sogar ein Billardtisch in seinem großen Haus drin, das er sich vergangenen Monat nach einem durchaus erfolgreichen Jahr gekauft hatte. Fast hätte er diesen Auftrag hier verpasst, weil sein Flug aus den USA gestrichen worden und er erst zwei Tage später als geplant wieder hier gelandet war. Sein kleiner Ausflug, wie er ihn nannte, war nötig gewesen, um Mario, dieses Muttersöhnchen, zum Schweigen zu bringen. Der Befehl war von ganz oben gekommen, trotzdem hätte er von sich aus alles daran gesetzt, diesen Kerl aus den Weg zu räumen. Viel zu viel stand für ihn auf dem Spiel, wenn er geredet hätte.
   Als das Schiff langsam ablegte und in Richtung Europa davonschipperte, grinste er und beglückwünschte sich zu seinem Erfolg. Er hatte seinen Teil erledigt, den Rest musste der Boss machen. Obwohl er diesen nicht persönlich kannte, mochte er ihn. Seine Zahlungen erreichten ihn immer pünktlich und ohne Drama. Einer dieser Schwarzen, die für ein paar Dollar alles tun würden, brachte ihm regelmäßig ein neues Buch. Nicht ahnend, dass dies nur zur Tarnung für die vielen Dollarscheine diente, die er wenig später ohne Reue in Luxus und Macht umsetzte.

Kapitel 2

»Vivi, du siehst entsetzlich müde aus«, begrüßte Dana sie, als sie sich durch die moderne Glastür des Büros schob.
   In den Händen balancierte sie vier Becher mit Kaffee und in ihrer Armbeuge wippte eine Tüte mit duftenden Muffins hin und her, kurz davor, den Freitod nach unten zu begehen. »Warte ich nehme dir das mal ab.« Dana ergriff schnell die Tüte und schloss die Tür hinter Vivianna.
   »Danke dir. Und eigentlich habe ich lang genug geschlafen«, konterte sie.
   »Ach, das bringt der Job mit sich, meine Liebe.«
   Obwohl Vivianna erst einunddreißig war und oft jünger geschätzt wurde, beneidete sie Dana manchmal heimlich. Dana war unheimlich groß für eine Frau. Vermutlich um die eins neunundsiebzig herum. Sie war etwa genauso groß wie Leif. Ihre kohlrabenschwarzen Haare hatte sie zu einem praktischen Bob geschnitten und ihre Stirnfransen betonten die hellbraunen Kulleraugen perfekt. Dass sie nächstes Jahr siebenunddreißig werden würde, sah man ihr nicht an und auch ihr Verhalten entsprach nicht dem einer Mittdreißigerin. Natürlich, in ihrem Job machte ihr keiner etwas vor, aber nicht erst einmal hatte sich Vivianna an einen Abend nicht mehr richtig erinnern können, weil sie ihn mit Dana und ihrem großen Freundeskreis in irgendeiner Bar verbracht hatte. Eines war allerdings immer gleich gewesen: Vivianna war mit einem Muskelkater in der Zwerchfellgegend aufgewacht, weil sie am Vorabend so viel gelacht hatte, dass ihre Muskeln nach spätestens zwei Stunden überfordert gewesen waren. Auch die Lachfalten sahen bei Dana einfach nur gut und wie ins Gesicht gemalt aus. Wäre ich ein Mann, würde ich versuchen, Dana zu heiraten. »Sag, wenn ich ein Mann wäre, würdest du mich eigentlich heiraten?«, fragte Vivianna mit ernster Miene, den Kaffee auf den jeweiligen Tischen ihrer Kollegen verteilend.
   »Na klar. Eine Ehe mehr oder weniger würde jetzt auch keine Rolle mehr spielen«, antwortete Dana, ohne mit der Wimper zu zucken.
   Vivianna grinste, setzte sich an ihren Schreibtisch und nahm einen Schluck Kaffee. Allein in den fünf Jahren, in denen sie jetzt hier in diesem Team war, hatte Dana zwei Ehemänner verbraucht. Nach vorsichtigem Nachfragen bei ihren Freunden waren da noch zwei weitere aufgetaucht. Kein schlechter Schnitt. »Mach es dir nicht zu bequem. Austin und Leif erwarten uns in einer halben Stunde.«
   Überrascht schaute Vivianna auf. »Hm?«
   Dana stand vor ihrem Schreibtisch und hatte bereits ihre Jacke unter den Arm geklemmt, genauso wie die Tüte mit den Süßigkeiten. »Es gibt eine Leiche in der alten Lagerhalle am Fluss. Die beiden sind direkt von ihren Häusern hingefahren. Liegt ja quasi auf dem Weg.«
   Seufzend erhob sich Vivi und nahm noch einen kräftigen Schluck Kaffee. »Kennst du schon Details? Ich nehme den Kaffee mit, und wenn sich die beiden schon einen geholt haben, trinken wir ihn eben.«
   Sie machten sich auf den Weg in die Garage, um sich einen der Firmenwagen zu holen.
   »Genau. Obwohl, Leif braucht momentan jeden Tropfen Koffein, den er kriegen kann.«
   »So schlimm? Er hat gestern gar nichts erwähnt.«
   »Versteh mich nicht falsch, seine Kinder sind zuckersüß und putzig, aber dauernd das Geschrei und Gejammer … und seine Frau sollte in einer Woche das Baby bekommen. Da ist sie natürlich auch nicht mehr sonderlich entspannt. Kein Wunder, wenn ich mir das vorstelle, dass … wuha …« Dana schüttelte den Kopf und nahm im Vorbeigehen den Schlüssel eines Wagens entgegen. »Und um sie zu entlasten, übernimmt er den Haushalt und die Bagage, wenn er frei hat. Ich meine, ehrlich, Vivi. Sie ist doch sowieso zu Hause, da kann sie ihn wenigstens an seinen freien Tagen schlafen lassen.«
   Dana nahm auf dem Fahrersitz Platz. Vivi stieg ebenfalls ein und stellte die Kaffeebecher in ihrem Fußraum ab. Sie musste schmunzeln. »Dana, wenn dich eine Feministin hören würde, würde sie dich windelweich prügeln.«
   »Quatsch. Eine Feministin würde mich lieben. Ich lasse mir von keinem Mann mein Leben diktieren, habe einen Job, der mich ausfüllt, und lebe mein Leben so, wie ich will. Und wenn sie mich vermöbeln will, wird sie ihr blaues Wunder erleben.«
   Das bezweifelte niemand. Dana war die Sorte Agent, die Konflikte lieber mit Waffen und altbewährten Polizeimethoden löste. Vivi benutzte lieber ihren Kopf, konnte sich perfekt in sieben Sprachen verständigen und mit besonderer Hingabe die emotionalen Aufgaben, wie Angehörige über Morde zu informieren, übernehmen. Sie grinste in sich hinein und beobachtete die vorbeiziehenden Bäume und Häuser zu ihrer Rechten.
   Als sie einige Minuten später am Tatort ankamen, hatten sie sich auf Danas Meinung geeinigt, den Schuhüberzug und die Handschuhe übergestreift. Austin erwartete sie bereits, öffnete die Beifahrertür und nahm Vivi den Kaffee ab. Sie lächelte ihn an, und er zog die Augenbrauen hoch.
   »Ich hatte zwar schon einen, aber ein zweiter schadet nicht«, sagte er und ging mit ihnen in die Lagerhalle, die seit einigen Jahren leer stand und für die sich weder die Stadt noch die ehemaligen Verpächter zuständig sahen.
   Leif war gerade dabei, die Fingerabdrücke des Toten zu scannen, um ihn anschließend für die Autopsie freigeben zu können.
   »Kannst du uns schon was sagen, Austin?«, fragte Dana, bückte sich zu dem Toten und suchte nach offensichtlichen Wunden.
   »Auf den ersten Blick Raubmord. Ihm wurde die Kehle aufgeschlitzt. Ist vermutlich sehr schnell verblutet.«
   Vivi musterte ihn von der Seite. Offenbar hatte er letzte Nacht nicht viel geschlafen. »Du betonst die Wörter auf den ersten Blick so eigenartig. Du glaubst nicht daran?«
   Ohne sich ihr zuzuwenden, winkte er dem Pathologen zu, der gerade durch das große Tor der Halle geschritten war. »Es wäre zu einfach. Seine Geldbörse steckt noch in seiner Hosentasche, Geld ist keines drin. Im Büro müssen wir es auf Fingerabdrücke untersuchen lassen.«
   »Aber du weißt doch, dass die Polizei aufgrund der vielen Demonstrationen momentan heillos überfordert ist und sie uns deswegen auch zu kleineren Fällen schicken. Wieso soll es nicht mal einfach sein?«, sagte Vivi, unzufrieden mit dieser Antwort.
   Diesmal wandte er sich ihr doch zu und zog beide Augenbrauen in die Höhe. »Weil Morde nie einfach sind«, sagte er schlicht und gab die Leiche an den Pathologen frei, dessen Assistenten inzwischen eine Bahre hereingefahren hatten, um den Toten mitzunehmen.
   Dana und Leif hatten sich daran gemacht, den Tatort noch gründlicher zu fotografieren und nach Beweisen zu untersuchen. Sie arbeiteten einige Schritte entfernt, in einer fast unheimlichen Symbiose.
   »Wann kommt Chad nach Hause?«, fragte Austin Vivi nach einigen Momenten des Schweigens. Die Sonne, die durch die hohen Öffnungen der Lagerhalle fiel und vereinzelte Strahlen über den Boden jagte, spiegelte sich in Austins Augen und das Blaugrau wurde noch intensiver, als Vivi seinen suchenden Blick auffing.
   »Geplant in drei Wochen.«
   »Diesmal glaubst du nicht daran.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass etwas dazwischenkommt.«
   Er brummte nur unbestimmt und rief Dana und Leif zu, dass sie sich, wenn sie fertig waren, bei den Autos treffen würden.
   »Wir brauchen noch ein wenig, Austin. Wir nehmen dann den Wagen, mit dem die Mädels gekommen sind«, rief Leif zurück.
   »Gut, dann fahren wir inzwischen zurück«, sagte Austin an Vivi gewandt und ging, ihre Zustimmung voraussetzend, einfach zum Auto zurück. Sie folgte ihm.
   Als sie im Auto saßen, auf dem Weg zurück ins Büro, in dem eine Leiche und ein Haufen Arbeit auf sie warteten, fuhr Austin fort.
   »Wie hältst du das aus?«
   Sie wusste, was er wissen wollte, während er viel zu schnell über die Straßen jagte. Aber das würde er sich nicht mehr abgewöhnen, dessen war sie sich sicher. Nicht erst einmal hatte ihn die städtische Polizei wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten. Beeindruckt von der FBI-Marke blieb er meist von einer Strafe verschont. Und bestimmt nicht zum letzten Mal verwies ihn Vivi auf die Geschwindigkeit, die er mit einem Nicken zur Kenntnis nahm. Oder eben auch nicht.
   »Seit wann interessiert dich mein Privatleben?«, fragte sie stattdessen, den Blick vom Tachometer auf sein Profil schwenkend.
   »Seit ich das Gefühl habe, dass du traurig bist.«
   Sie musste ein paar Sekunden über seine Antwort nachdenken, entschied dann aber, dass er tatsächlich der Letzte auf Erden war, mit dem sie über ihre Gefühle sprechen wollte. Er war ihr Chef und nicht gerade das, was man verständnisvoll nannte. Froh, bereits die Garageneinfahrt in Sicht zu haben, sagte sie mit möglichst ruhiger Stimme: »Auch dein Gefühl kann dich täuschen, Austin.«
   »Das glaube ich nicht«, entgegnete er schlicht, fuhr in die Garage und stellte den Motor ab. Schnell schnallte sie sich ab und wollte die Autotür öffnen, als sie seine Hand auf ihrer Schulter spürte. Sie hielt inne. »Du weißt, meine Tür steht dir immer offen.«
   »Austin …«
   »Falls du mal wieder Angst im Dunklen haben solltest.« Damit gab er ihre Schulter frei und stieg aus dem Wagen.
   Sie schüttelte den Kopf und folgte ihm kurz darauf. Es ärgerte sie, dass er noch immer auf dieser alten Geschichte herumritt. Damals mussten sie für eine Ermittlung zwei Nächte auf einem Schiff verbringen. Da es ein Frachter war, hatten sie nur eine kleine Kabine zu zweit mit einem Stockbett darin. Besser als ein Doppelbett, da waren sie sich ausnahmsweise einig gewesen. In der Nacht zog auf einmal ein Sturm auf und schüttelte das sonst sehr robuste Schiff ordentlich hin und her. Es gab nur zwei Dinge, die Vivi hasste. Dunkelheit und Schiffe. Ach ja, und wirklich lauter Donner zählte auch nicht zu ihren Lieblingsgeräuschen. Also wälzte sie sich gefühlte Stunden im oberen Bett hin und her, bis er schließlich die Geduld verlor.
   »Was zum Teufel tust du da oben?«
   Ertappt verharrte sie in ihrer Bewegung. »Nichts.«
   »Nichts geht für gewöhnlich leise vonstatten«, grummelte er zurück.
   Schnell entschied sie, dass er lieber über sie lachen als sich ärgern sollte. Vielleicht würde er auch noch ein wenig mit ihr plaudern, damit sie schneller müde würde. »Ähm. Es gibt da eine gewisse Diskrepanz mit mir und … dunklen Schiffen, die sich anhören, als würden sie gleich untergehen.«
   »Gewisse Diskrepanz. Verstehe.« Entgegen ihrer Befürchtung lachte er sie nicht aus.
   »Leg dich zu mir. Dann wirst du schon einschlafen.«
   Zuerst glaubte sie, sich verhört zu haben und verharrte ganz still, als ob er auf diese Weise vergessen würde, dass sie auch anwesend war. »Herrgott Vivi, ich will schlafen«, setzte er ein wenig genervt, aber nicht übertrieben nach. »Und du hinderst mich daran, wenn du dich da oben herumwälzt. Also, kommst du jetzt her oder nicht? Und nein, ich habe vor, zu schlafen, mehr nicht.«
   Schnell entschied sie, dass es besser war, einen anderen Menschen nah bei sich zu haben, selbst wenn es Austin war, kletterte in Windeseile nach unten, und schlüpfte, ohne lange zu zögern, unter seine Decke. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, legte er einen Arm um sie, zog sie an seine Brust und legte sein Kinn vorsichtig auf ihren Kopf. »Und jetzt schlaf bitte.«
   Wenig später, seinen kräftigen Herzschlag an ihrem Ohr und seinen warmen Körper neben ihrem spürend, schlief sie tatsächlich ein.
   Die Nacht hatte sie überlebt, seine gelegentlichen Sticheleien jedoch, würde sie ewig über sich ergehen lassen müssen.

*

Wenig später versammelten sich die vier im eigens eingerichteten Besprechungszimmer des FBI und breiteten alles aus, was sie bisher wussten. Leider war das noch nicht sonderlich viel. Austin signalisierte Leif mit einem knappen Nicken, dass er den Beginn machen sollte.
   »Der Fingerabdruckscan war erfolgreich. Unser Opfer heißt Mario Medri und ist italienischer Staatsbürger.«
   Dana blickte erstaunt über den Rand ihrer Lesebrille auf, die sie nur trug, wenn sie sich in der sicheren Umgebung ihrer Kollegen wähnte, die sie bestimmt nicht damit aufziehen würden. Zumindest nicht mehr. Oder im Moment nicht.
   »Italiener? Seit wann befand er sich in den USA?«
   »Das ist das Interessante an der Sache. Er ist erst drei Tage vor seinem Tod über Los Angeles eingereist und hat sich dann einen Mietwagen genommen.«
   »Ein Tourist vielleicht?«, mutmaßte Vivi. Wie er wusste, hatte sie schon früh in ihrer Ausbildung gelernt, dass man immer alle Faktoren bedenken musste. Das mochte er an ihr.
   »Möglich. Aber wieso sollte ein Tourist quer durchs Land fahren, ohne länger stehen zu bleiben? Ich meine, selbst wenn er kurz vor seinem Tod hier ankam, hat er in weniger als zweiundsiebzig Stunden eine Strecke von über zweitausend Kilometern zurückgelegt. Nach Sightseeing klingt das nicht gerade.«
   »Und wenn er als Ziel sowieso Houston hatte, dann hätte er gleich hierher fliegen können«, sagte Leif.
   »Hat die Spurensicherung und die Forensik irgendetwas ergeben?«, fragte Austin. Mutmaßungen mochte er nicht. Er beschränkte sich lieber auf Tatsachen, und solange er keine vorlegen konnte, wollte er sich auch nicht länger mit Spekulationen aufhalten. Sein Blick wanderte erwartungsvoll der Reihe nach über jeden seiner Agents. Einen Augenblick länger als nötig, verharrte sein Blick auf Vivi. Ihre dunkelblonden glatten Haare, die ihr bis über die Schulter reichten, hatte sie achtlos zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, aus dem sich bereits einzelne Strähnen gelöst hatten. Als sie aufsah, trafen ihn zwei hellblaue Augen, die von perfekt geschwungenen schwarzen Wimpern umrandet waren und ihn ebenso erwartungsvoll ansahen. Obwohl sie nicht sonderlich groß war, nur ungefähr eins fünfundsechzig, hatte sie einen gut proportionierten Körper, den sie mit ihrer Art, sich zu kleiden, noch mehr unterstrich. Waren sie nicht im Einsatz, trug sie meist fast schon zu kurze Röcke, lockere Sommerkleider oder einfach enge Jeans mit Shirts, die sich perfekt ihrem Körper anzupassen schienen. Für Außeneinsätze hatte sie immer flache Schuhe und Hosen sowie eine Jacke dabei. Doch selbst dann war sie in Austins Augen wunderschön.
   Und das bestätigten nicht nur die zahlreichen Ganoven, die sie mit schmierigen Ansagen aus der Reserve zu locken versuchten. Auch die unzähligen Flirt- und Annäherungsversuche diverser Kollegen und Männer, mit denen sie zusammenarbeiteten oder die sie aufgrund von Aufträgen besuchten und kennenlernten. Doch selbst nach drei Jahren Ehe schien für sie kein Mann interessant genug zu sein, um ihm auch nur ein Lächeln auf privater Ebene zu schenken. Beruflich nutzte sie ihre Reize gerade so viel, dass es noch vertretbar war. Zweifellos in manchen Fällen ein Vorteil. Früher, bevor Chad in ihr Leben getreten war, hatte Austin ständig ein Auge auf sie gehabt. Für den Fall, dass ihr jemand zu nahe treten und sie von ihrer Arbeit ablenken würde. Zumindest hatte er sich das immer eingeredet, sich dessen bewusst, dass sein Beschützerinstinkt herzlich wenig mit seinem Job zu tun hatte.
   »Austin?« Hastig wandte er den Kopf zu Leif, der ihm offenbar gerade etwas erzählt hatte, von dem er nichts mitbekommen hatte.
   »Entschuldige. Was hast du gesagt?«
   Dass Austin während einer Besprechung unaufmerksam wurde, passierte so selten, dass selbst Danas Augen Verwunderung ausdrückten.
   »Leif hat gerade erzählt, …« wiederholte Vivi für Leif, der gerade in einen Bagel gebissen hatte, in der Annahme, dass sein Part nun erst mal für einige Minuten beendet war. »… dass die Forensik keine nennenswerten Ergebnisse hervorgebracht hat. An dem Mann konnten keine fremden Fingerabdrücke, Haarpartikel oder andere organische Beweismittel festgestellt werden.«
   »Die Tatwaffe?«, knurrte Austin, einerseits verärgert über das Ergebnis, andererseits über sich und seine kurze gedankliche Abwesenheit.
   »Ein Jagdmesser. Kann man in jedem besser sortierten Walmart kaufen und das auch noch ziemlich auf der ganzen Welt«, fuhr Leif fort, nachdem er sich die letzten Krümel seines Frühstücks von der Oberlippe gewischt hatte.
   »Vorstrafen? Bankdaten?«
   »Wir arbeiten noch daran«, sagte Dana.
   »Okay, wir treffen uns morgen früh wieder hier und dann hoffe ich, dass wir diesen Fall so schnell wie möglich abschließen.« Mit diesen Worten verabschiedete sich Austin vorerst von der Runde und entschwand durch die Tür.

Kapitel 3

Die drückende Hitze, die das Land seit Tagen im Klammergriff hatte, zeigte sich von ihrer unbarmherzigsten Seite. Richtete man seinen Blick eine asphaltierte Straße entlang, flirrte die Hitze dicht darüber in kleinen Schwaden. Die Luft war derart schwer, dass man fast Probleme hatte, zu atmen und selbst die Tiere hörte man nicht mehr, da sie es vorzogen, unter einem schattigen Plätzchen ein bisschen Abkühlung zu suchen. Mitten in dieser schwülen Abendhitze lag Austin auf seinem Bett, betrachtete die Jalousien seines Schlafzimmerfensters, die seit den Morgenstunden heruntergelassen waren, und verfolgte mit müdem Blick die aus Staub geformten Flocken, die in den dünnen Sonnenstrahlen tanzten. Der monoton brummende Deckenventilator kämpfte gegen die Hitze an, schaffte es aber trotz aller Bemühungen nicht, den feinen Schweißfilm auf seiner Haut zu trocknen. Austin lag auf dem Rücken, einen Arm hinter seinem Kopf verschränkt, die Hand locker über seinem Bauch liegend. Sein Schlafzimmer war gerademal so groß, dass ein Doppelbett und eine kleine Kommode hineinpassten. Ebenso klein, aber zweckmäßig, war das angrenzende Badezimmer. Das Haus selbst hatte er sich vor einigen Jahren eigentlich nur gekauft, weil es außerhalb von Houston und somit ruhig lag, mit nur einer Handvoll Nachbarn. Es gab noch ein Wohnzimmer mit Ausgang in den großen Garten und eine enge Küche, die er jedoch nicht oft nutzte. Alles in allem ein Junggesellenhaus, das ihm der Zufluchtsort war, nachdem er lange gesucht hatte. Dass der Garten mehr einem Dschungel glich, kümmerte ihn nicht. Im Gegenteil, wenn er draußen saß, um ein Bier oder einen Whiskey zu trinken, gefiel ihm der Anblick der wildwuchernden Pflanzen und des noch nie in Berührung mit einem Rasenmäher gekommenen Grases viel besser, als es ein gepflegter Garten je gekonnt hätte. Obwohl das Haus um die fünfzig Jahre alt war, war es bis auf den Garten in einem erstaunlich guten Zustand. Natürlich nicht modisch oder weiblich eingerichtet, sondern männlich und zweckdienlich.
   »Baby, was hältst du davon, heute in der Stadt essen zu gehen?«
   Amandas Körper erschien in der Tür zwischen Schlafzimmer und Flur. Sie war nackt und bürstete mit geschmeidigen Streichbewegungen ihre langen braunen Haare nach hinten, um sie kurz darauf zu einem Knoten zu binden, während sie die Bürste zwischen ihre Knie schob, um sie festzuhalten.
   »Ich glaube nicht, dass ich heute ausgehen möchte«, sagte Austin und beobachtete jede ihrer Bewegungen. Sie war schlank, fast schon mager und hatte kleine, neckisch spitze Brüste, die jetzt auf und ab wippten, als sie sich neben Austin aufs Bett setzte. Ihre glatte Haut war sonnengebräunt und zeigte noch keinerlei Hinweise auf ihre Liebe fürs Sonnenbaden. Eigentlich war Amanda mit ihren dreiundzwanzig Jahren viel zu jung für Austin. Da er sich aber ohnehin nicht nach einer festen Bindung sehnte, machte er ab und zu Ausnahmen, die meist mit einem hübschen Gesicht und zu viel Whiskey einhergingen. Mit Amanda traf er sich nun schon seit drei Monaten und bekam gerade das enge Gefühl in der Brust, das ihn regelmäßig überkam, wenn eine Frau mehr wollte als er. Auch wenn er Frauen im Allgemeinen nicht sehr gut verstand und es auch nicht wollte, hatte er sehr feine Antennen für Veränderungen dieser Art. Seine Freunde zogen ihn oft damit auf, dass er sein Gespür lieber für die Jagd nach Verbrechern als für seine Liebeleien verwenden sollte. Austin fand, dass er beides recht gut im Griff hatte.
   Sie zog einen Schmollmund. »Aber meine Eltern würden auch dazukommen …«
   Der Druck auf seiner Brust wurde übermächtig. Anscheinend hatte er diese Beziehung schon zu eng werden lassen, als dass er sich jetzt noch mit den üblichen Floskeln hätte herauswinden können. Nicht, dass er es nötig hatte, sich zu winden. Von Anfang an stellte er meist klar, dass er weder heiraten noch Vater werden noch Eltern kennenlernen würde. Bedauerlicherweise akzeptieren die meisten Frauen seine Vorgaben bedingungslos. Solange, bis sie glaubten, ihn gut genug zu kennen, um ihn doch noch zu ändern. Das war der Punkt, an dem er ausbrach.
   »Ich lerne deine Eltern nicht kennen«, sagte er ruhig. Er hasste diesen Teil seiner Geschichten und doch waren sie so notwendig wie das Wasser, das er zum Leben brauchte.
   Ihr Schmollmund wurde größer, sie beugte sich über ihn und ihre Brüste streiften seinen Arm und seine nackte Brust, als sie ihm einen Kuss auf den Mund drückte. Er erwiderte den Kuss und ihre körperliche Annäherung nicht. Auch wenn er kein gefühlsbetonter Mensch war, lag es ihm fern, jemanden absichtlich zu verletzen oder mit den Gefühlen einer Frau zu spielen. Die Art Mann war er nicht.
   Vorsichtig schob er sie von sich, um ihr in die Augen sehen zu können. »Du weißt, dass das nicht funktioniert.«
   »Was?«, fragte sie zurück und versuchte, sich mit ihrem Mund Zugang zu seinem Ohr zu verschaffen. Für eine Millisekunde wollte er nachgeben, sich einfach nehmen, was sie ihm so freizügig anbot, doch dann übernahm sein Verstand wieder das Sagen.
   »Hör zu, ich habe dir gesagt, wie ich bin. Ich denke, es ist besser, wir beenden das, solange wir noch können.«
   Langsam richtete sie sich wieder auf und schaute ihn verständnislos an. »Aber Baby, wenn es dir so unangenehm ist, dann müssen wir meine Eltern auch nicht treffen. Wir können heute auch hier bleiben und …«
   Nun war es an Austin, sich aufzusetzen. »Du weißt, wie ich bin. Ich ändere mich nicht. Du solltest dir jemanden suchen, der dieses Elternding besser kann als ich.«
   Ohne sie noch einmal anzusehen, rollte er sich auf die andere Seite des Bettes, stand auf und ging ins Bad, um eine kalte Dusche zu nehmen. Während er den Duschstrahl auf die kälteste Stufe stellte, spürte er einen Luftzug auf seinem Rücken und wenig später nackte Füße, die über die Fliesen tappten. Austin schloss die Augen und ließ sich das kalte Wasser über den Kopf rieseln.
   »Ich hole mir nur meine Sachen.«
   Amandas Stimme klang dumpf durch den Vorhang aus Wasser, der über seine Ohren lief, trotzdem hörte er den lauten Knall, als sie die Badezimmertür zuschlug und kurz darauf den zweiten der Haustür, gefolgt von den quietschenden Reifen ihres Wagens. Er stellte das Wasser ab, atmete zweimal tief ein und aus und fühlte wieder dieses alte Gefühl der Leere, das ihn immer überfiel, wenn er sich seiner Bindungsunfähigkeit allzu sehr bewusst wurde.

*

Zwei Tage später versammelte sich Vivi mit dem Team schon sehr früh. Das Thermometer zeigte bereits dreißig Grad an, aber die Luft, die vom Meer her wehte, hielt die gröbste Hitze zumindest noch für ein paar Stunden ab.
   »Die Konten haben keine ungewöhnlichen Bewegungen gezeigt. Jeden Monat wurden fixe Beträge abgebucht, aber nur für absolut gewöhnliche Dinge. Miete, Strom, Heizung, et cetera«, eröffnete Leif die Runde.
   »Wieso man dafür bezahlt, bei uns hätte man genug Wärme«, spottete Dana und verdrehte die Augen.
   Vivi schmunzelte. »Auf jeden Fall gab es eine monatliche Einzahlung, die bar am Bankschalter erfolgte. Vermutlich hat er sein Geld von jemandem bekommen. Ein fixes Arbeitsverhältnis gibt es nicht. Nur Gelegenheitsjobs, die aber nicht viel gebracht haben.«
   Austin nickte nachdenklich. »Leif, Gesprächsnachweise?«
   »Nichts, was uns irgendwie weiterbringt. Er hatte zwar ein Handy, hat damit aber nur gelegentlich seine Mutter oder Schwester angerufen. Keine offensichtliche Freundin oder Freunde … zumindest nichts laut seinem Smartphone und das sagt ja mittlerweile mehr aus als ein Kinodate.«
   »Da kriegst du feuchte Augen was? Bei dem Gedanken an einen Abend nur zu zweit im Kino?«, neckte Dana ihn.
   Vivi fielen die tiefen Ringe unter Leifs Augen und die strubbligen Haare auf.
   »Ich würde dir jetzt gern was Gemeines sagen, aber ich habe die Kraft nicht«, gab er zurück.
   Jeder Scherz enthält auch ein Fünkchen Wahrheit. Leif war ein menschgewordenes Sprichwort.
   »Also haben wir nichts. Gut, dann ich darf euch jemanden vorstellen«, unterbrach Austin die beiden, ging zur Tür, öffnete sie und kurz darauf erschien eine große, fast schon zu braun gebrannte Frau im Türrahmen, die ein edles hellgrünes Kostüm trug, und ihre braunen Haare zu einem perfekten Dutt gebunden hatte. »Darf ich vorstellen? Agent Di Cassa.«
   Sie grüßten alle freundlich, ein Ausdruck der Verwirrtheit blieb aber dennoch bei Leif und Dana zurück. Auch Vivi fühlte sich unwohl.
   »Setzen Sie sich, Maria«, sagte Austin und schob ihr einen Stuhl zurecht. Austin setzte sich ebenfalls wieder und griff nach seiner Akte, die er vorher lautlos an den Rand des Tisches geschoben hatte. »Maria wird uns helfen. Sie ist Agentin in Italien. Dort wurde der Ermordete zuletzt wegen kleinerer Delikte festgenommen, doch es deutet alles daraufhin, dass er in gröbere Sachen verwickelt war.«
   Austin lächelte Maria auffordernd zu und diese entblößte eine Reihe weißer Zähne, die direkt einem Werbeplakat hätten entspringen können. Während Leif sie mit männlicher Neugier musterte, konnte sich Vivi nicht zwischen Bewunderung und Neid entscheiden.
   »Mario Medri ist uns zwar nicht direkt aufgefallen, weil er nur mit Marihuana erwischt wurde, aber er hat sehr gute Verbindungen zu seinem Bruder. Dieser ist leider kein unbeschriebenes Blatt und wir sind derzeit an ihm dran.« Ihr Akzent war so weich und fraulich, dass sich Vivi endgültig für den Neidposten entschied. Auch wenn sie es nie zugegeben hätte.
   »Und weswegen wird der Bruder verfolgt?«, wollte sie wissen.
   Maria warf ihr einen Blick zu, der zugleich arrogant und überheblich wirkte. Vivi ignorierte ihn. Zu sehr interessierte sie Austins Blick, der an Di Cassas Lippen zu hängen schien. Diesen sanften Blick in seinen Augen kannte sie gut, doch er kam so selten zum Vorschein, dass sie schon geglaubt hatte, er hätte ihn verloren. Kurz war sie irritiert, zwang sich aber gleich wieder, ihrem italienischen Gegenüber zuzuhören.
   »Menschenhandel. Genauer gesagt, Flüchtlinge, die von Afrika übers Meer an die Küsten Italiens gespült und dort ihrem Schicksal überlassen werden. Wir konzentrieren uns seit Langem auf die Schlepper, weil das Ganze langsam überhandnimmt und diese Art von Kriminalität nicht mehr ignoriert werden darf.«
   »Da gebe ich Ihnen recht. Könnten Sie uns in die Details einweihen?«, fragte Dana.
   »Dafür bin ich da, meine Liebe. Nur leider stehen wir noch relativ am Anfang. Fakt ist, dass sein Bruder Kontakt mit Schleppern aus Afrika hat und in Italien mehr oder weniger dafür sorgt, dass die Boote teilweise unbehelligt anlegen können. Dies ist aber ein internes Korruptionsproblem in Italien, das hier und heute aber nicht Ihres sein soll.«
   »Das heißt, Mario Medri ist bei der italienischen Polizei?«, fragte Austin.
   »Nein, aber Geld stinkt nicht.« Marias Stimme wurde augenblicklich sanfter und die Überheblichkeit wich einem gekünstelten Lächeln. »Und egal, von wem es kommt, wenn ein korrupter Beamter von einem Bauern bestochen wird, ist das auch gang und gäbe.«
   Austin nickte. »Von welchem Land in Afrika? Wisst ihr das?«
   »Afghanistan. Natürlich auch von anderen, aber die Hauptproblematik nimmt dort seinen Ursprung.«
   Sofort wanderten Vivis Gedanken zu Chad. Wie es ihm wohl gerade ging? Mittlerweile hatte sie ihn seit drei Monaten nicht mehr gesehen, geschweige denn im Arm gehalten. Sie vermisste ihn schrecklich und innerlich verfluchte sie manchmal sein Pflichtgefühl, seinem Land zu dienen. Doch sie wusste genau, dass er nicht glücklich wäre, wenn er in einem Büro sitzen oder als Polizist kleine Ganoven ausmachen müsste. Sein Beruf war seine Leidenschaft und das hatte sie mit der Eheschließung akzeptiert. Trotzdem wünschte sie ihn manchmal in ihre Nähe, insbesondere dann, wenn sie an freien Tagen durch die Stadt zog und überall Pärchen sah. Sie unternahm dann zum Ausgleich viel mit Dana oder auch mal mit Leif und seiner Kinderschar, trotzdem konnten sie Chad nicht ersetzen.
   »Gut, wir bilden zwei Teams. Ich und Dana bleiben mit Maria hier und gehen die Fallakten durch. Vivi, du und Leif findet heraus, ob unsere Truppen in Afghanistan irgendetwas zu diesem Thema wissen und uns vielleicht sogar helfen können.« Austin schaute nicht zu ihnen auf, sondern hing mit seinem Blick an Maria fest. Vivi ahnte bereits, was die beiden heute Nacht tun würden. Ein Anflug von Bedauern, dass sie allein zu Bett gehen würde, legte sich schwer auf ihre Brust. Gerade als Leif aufgestanden und mit ihr den Raum verlassen wollte, drehte sich Austin doch zu ihnen um.
   »Vielleicht kann Chad uns helfen. Ruf ihn an, Vivianna.« Dass er sie mit ihrem vollen Namen ansprach, bewies, wie gern er Maria beeindrucken wollte. Nicht, dass er das nötig gehabt hätte. Vivi konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie nickte und sich fragte, ob eigentlich irgendeine von Austins Frauen ihn so gut kannte, wie sie es tat.
   Als Vivi und Leif im Videokonferenzraum angekommen und sich mit Chad verbinden ließen, wurde sie wie üblich ganz hibbelig vor Aufregung. Doch sie zwang sich, herunterzukommen, schließlich war dieser Anruf rein beruflich.
   »Oh, hallo Baby. Ich wusste nur, dass mich das FBI sprechen will. Hätte ich gewusst, dass du es bist …« Er grinste und beendete seinen Satz nicht, stattdessen begrüßte er Leif. »Wo ist euer Oberboss?«, fragte Chad, der Austin von früheren Begegnungen kannte.
   »Offiziell geht er Fallakten mit einer rassigen Italienerin durch. Inoffiziell besprechen sie wohl gerade, zu wem sie heute Nacht gehen«, antwortete Leif, und Vivianna dachte sich, dass er wohl auch einen Hauch Neid für Austin empfand, so wie sie für Maria. Mit einem Grinsen sah sie wieder auf die große Leinwand. Chad sah gut aus, er wirkte dieses Mal weder müde noch angespannt. Scheinbar hatte er einen ruhigen Tag gehabt.
   »Chad, wir haben einen Fall, der offenbar mit Schleppern zu tun hat, die Flüchtlinge über Afghanistan nach Italien einschleusen wollen. Einer von denen, oder sagen wir mal, wir glauben, dass unser Toter da mit drinhängt. Leider fehlen uns momentan die Verbindung und die Beweise.«
   Chad blickte ernst und nickte langsam. »In Ordnung. Wie kann ich euch helfen? Und … offizielle Hilfe?«
   Leif stieß Vivi leicht an, um ihr zu signalisieren, dass dieses Gespräch ihr Part war.
   »Na ja, offiziell vorerst nicht. Austin würde dich bitten, ob du die Ohren offen halten kannst. Dich eventuell schlaumachen kannst. Du verstehst?« Sie schenkte ihm ein ernst gemeintes Lächeln.
   »Ich schaue, was ich tun kann. Gib mir ein wenig Zeit, ich muss mich umhören, okay?«
   »Ja, das klingt gut. Danke, Chad.«
   »Ich melde mich, sobald ich euch was zu erzählen habe.«
   Chads Stimme war während des Gesprächs deutlich leiser geworden. Ob es an seinem Versprechen lag oder der Tatsache, dass sie gerade Regeln der Behörden umgingen, wusste Vivi nicht. Sie blickte sich zu Leif um – er verstand ihre stumme Bitte auch ohne Worte.
   »Chad, danke für deine Hilfe. Ich werd jetzt mal … meinen Papierkorb ausleeren gehen.« Sprachs und schloss kurz darauf die Tür hinter sich.
   »Baby, ich vermisse dich so. Ich hoffe, dass ich in drei Wochen für eine Woche nach Hause kommen kann. Dann holen wir unseren Hochzeitstag nach, ja?«
   »Du hast ihn nicht vergessen?«
   »Wie könnte ich?«, fragte er mit einem Blick, der ihr fast den Atem nahm.
   Plötzlich wurde das Bild pixelig und erstarrte schließlich völlig. Auch der Ton versagte und ging in ein nervtötendes Rauschen über. Vivi seufzte. Wenigstens funktionierte auch die modernste Technik im FBI-Gebäude nicht besser, als ihr popliges Skype am heimischen PC.

*

Am Abend schloss Leif die Haustür auf und wurde stürmisch von zwei kleinen Kindern empfangen, die sich jeweils an eines seiner Beine hängten und ihn im Chor begrüßten.
   »Kinder, lasst euren Vater doch zumindest die Jacke aufhängen.« Lächelnd schob sich Anna durch die Küchentür ins Vorzimmer, den mittlerweile recht groß gewordenen Bauch vor sich hertragend. Sie hatte einen Teller in der Hand, den sie mit einem Küchentuch trocknete, während sie auf Leif zuging, sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm einen Kuss auf die Lippen drückte, während ihre Kinder am Boden vor Freude quiekten. »Hallo Lieber. Wie war dein Tag?«, fragte sie ihn, während sie darauf achtete, nicht auf die Kinder zu treten.
   »Gut. Ich erzähle dir alles nach dem Abendessen. Was gibts denn?« Leif beugte sich zu seinen zwei Ältesten und zog sie auf die Füße, während er sie drückte und ihnen durch die Haare strubbelte. »Und ihr geht euch jetzt brav die Hände waschen. Eure Mum hat euch was Leckeres gekocht. Zumindest hoffe ich das.«
   Mit einem listigen Blick auf seine Frau, die die Augen verdrehte und sich wieder in die Küche begab, stellte Leif fest, dass er diese Art von Familienleben zwar nie gewollt hatte, jetzt aber umso glücklicher war, es zu haben.
   Als er Anna traf, war er Junggeselle aus Überzeugung gewesen und an Kinder hatte er nicht einmal gedacht. Doch an einem kalten Wintermorgen traf er auf eine junge, hübsche Joggerin, die ihn nicht nur überholte, sondern auch kaum zu keuchen schien. Als sie das gleiche Szenario am nächsten Morgen wiederholte, obwohl Leif sein eigenes Wohlfühltempo schon längst überschritten hatte, sprach er sie nach Luft japsend an. Ihre Haare waren seitdem um einiges kürzer und ihr Gesicht ein bisschen runder geworden, doch ihre Lebenslust und Energie hatte sie selbst durch den anstrengenden Haushalt und die drei Geburten nicht eingebüßt. Ein Jahr später heirateten sie und noch im selben Jahr wurde seine Welt noch einmal durcheinandergebracht, als sie ihm den positiven Schwangerschaftstest unter die Nase hielt. Zu seinem Erstaunen reagierte er damals nicht mit Panik, sondern mit unendlicher Freude, die sich langsam vom Kopf ausgehend in alle anderen Körperteile ausbreitete.

Wenig später saßen sie gemeinsam am Esstisch, der im Wohnzimmer mit Ausblick in den kleinen Garten stand. Ihr Kleinster saß in seinem Hochstuhl und panschte fröhlich mit dem Löffel in seinem zerkleinerten Essen herum, während der sechsjährige Jason und der fünfjährige Lennard brav am Tisch saßen und auf ihr Essen warteten, das Anna gerade hereinbalancierte. Leifs Blick wanderte automatisch zu Annas Bauch. Sie stellte das Essen vor ihren Männern ab und gab Leif einen Klaps auf den Kopf.
   »Hör auf, auf meinen Bauch zu starren. Ich weiß, dass er bald platzen wird!«
   Obwohl sie sich in einem strengen Ton versuchte, wusste Leif, dass sie das Gefühl, schwanger zu sein, genoss, und ihren Bauch mit Stolz vor sich hertrug. »Mahlzeit Jungs!«, tönte Leif und gab somit den Startschuss zum Abendessen.
   Erst, als sich die Zeiger der Küchenuhr unweigerlich auf Mitternacht zubewegten, verstaute Anna die letzten Teller und Töpfe im Geschirrspüler und musterte Leif, der die Kinder ins Bett gebracht und den Tisch abgeräumt hatte.
   »Ich weiß, du hast momentan einen Fall, aber …«
   »Anna, Liebes, bitte müssen wir das jetzt besprechen?«
   Müde richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf. Trotzdem reichte sie Leif nur bis zur Brust. »Ja, weil wir jedes Mal, wenn wir darüber sprechen, nicht fertig werden. Wir finden einfach keine Einigung und das macht mich mürbe, Leif.«
   Er fuhr sich durch die Haare und musste ihr stillschweigend recht geben. Es kam deswegen zu keiner Entscheidung oder auch nur annähernd zu einer Art Kompromiss, weil er sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen wollte. Doch umso mehr sie ihn drängte, desto bewusster wurde er sich seiner Unwilligkeit. Er hasste Veränderungen und ihr Wunsch würde für ihn eine gewaltige bedeuten. »Ein Vorschlag zur Güte. Wir setzen die Kinder am Wochenende bei deinen Eltern ab und fahren hinaus ans Meer.«
   »Und dann?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte ihn herausfordernd an.
   »Dann … reden wir darüber.«
   »Und weiter?«
   Sie wäre eine verdammt gute Agentin, dachte er bei sich und konnte nur knapp ein unangebrachtes Schmunzeln unterdrücken. »Wir werden eine Entscheidung treffen. Gib mir die Woche, okay?«
   Nun war es an ihr, zu schmunzeln. Jedoch zeigte sich auf ihrem Gesicht kein freudiges Lächeln, sondern eher ein verkniffenes Mienenspiel. »Mister Vaccaro, ich kenne dich jetzt schon ewig. Du willst mir erzählen, dass du eine für dich offenbar schwierige Sache in einer Woche überlegt haben willst? Noch dazu, wenn du einen Fall hast? Ich glaube dir nicht.«
   Ein kurzer Anflug von Wut überkam ihn, weil sie ihn wie immer durchschaut hatte. »Also gut. Sobald dieser Fall abgeschlossen ist, werden wir uns dem Thema ernsthaft widmen. Das verspreche ich dir, so wahr ich hier stehe. Und ja, ich kenne deine Argumente und werde sie mir gründlich überlegen. In Ordnung?«
   »Schwöre auf deine Dienstmarke«, sagte sie immer noch todernst.
   »Ich schwöre, Anna. Ich möchte ja nicht, dass du unglücklich bist. Komm her.« Er zog sie in seine Arme und sie lehnte sich an ihn. Erst nach einigen Sekunden schmiegte sie sich an seine Brust und schien das Thema vorerst als beendet zu sehen. Wenn auch nicht zu einhundert Prozent, dann zumindest für heute Abend und das reichte ihm vorerst.

*

Vivi lenkte ihren Wagen in die enge Zufahrt, die zu einem ruhig gelegenen Haus führte, in dem aus einem Fenster Licht auf die Straße schien. Als sie ausstieg, erkannte sie, dass nur ein Auto in der offenen Garage stand. Sehr sinnvoll, dachte sie sich, während sie ihr Auto abschloss und auf die Haustür zuging. Nur einige Sekunden, nachdem sie geklopft hatte, wurde die Tür geöffnet und ein verschlafen wirkender Austin stand vor ihr. Seine Haare waren zerzaust und verliehen ihm trotz seines Alters etwas Jugendliches, das vom Blitzen seiner Augen unterstrichen wurde, als er wortlos einen Schritt zurücktrat und sie hereinbat. Ebenfalls wortlos ging sie an ihm vorbei, hinein in sein Wohnzimmer und ließ sich unaufgefordert auf die Couch sinken. Er tat es ihr auf dem gegenüberliegenden Sessel gleich und gähnte herzhaft.
   »Es tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken«, sagte sie, während sie zu der Erkenntnis kam, dass er auf der Couch geschlafen haben musste. Er trug eines seiner besten Hemden und eine schwarze Anzughose, die kleine Knitterfalten hatte.
   »Du hast mich nicht geweckt. Ich bin ohnehin aufgewacht und wollte mir gerade etwas zu trinken aus der Küche holen. Möchtest du auch was?«
   Sie nickte knapp und wartete, bis er zurückkam und einen Vodka on the rocks vor ihr auf den Tisch stellte.
   »Was verschafft mir die Ehre?«, fragte er, während er sich in seinem Sessel zurücklehnte und das Glas hin und her schwenkte, um die Eiswürfel mit dem Vodka zu vermischen.
   »Ich wollte nur sehen, ob noch alles beim Alten ist.«
   »Ja. Mir gehts gut.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort »Du fühlst dich allein.«
   Es klang nicht wie eine Frage und Vivi wusste ohnehin, dass es eine Feststellung war, die sie nicht bestätigen musste. »Ich hoffe, dass ist in Ordnung.«
   »Das weißt du«, sagte er und nahm einen Schluck aus seinem Glas.
   Sie tat es ihm gleich. Ein angenehmes Brennen breitete sich in ihrem Körper aus. »Warst du heute aus?«
   Er nickte. »Mit Maria. Wir waren essen und anschließend hier.«
   Mehr brauchte er nicht zu sagen. Vivi grinste. »Und das war so spannend, dass du gleich eingeschlafen bist?«
   »Eher fordernd und kräftezehrend. Aber auf eine angenehme Art und Weise. So wie wenn ein Tiger …«
   »O halt den Mund, Austin.« Obwohl sie lachte, hatte sie ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Es kam von ganz unten herangekrochen und machte sich langsam in ihrer Körpermitte breit. Fast so wie der Vodka, den sie nun in einem Zug austrank.
   »Noch einen?«, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen und wartete ihr Nicken nicht ab, bevor er in der Küche verschwand. Einem unbestimmten Impuls folgend stand sie ebenfalls auf und folgte ihm, blieb aber am Türrahmen lehnend stehen. Sie beobachtete jede seiner Bewegungen, während die klare Flüssigkeit in das Glas lief. »Italien ist weit weg. Glaubst du, sie wird hierher ziehen?«
   »Wieso sollte sie das?«, fragte er, ohne mit dem Einschenken aufzuhören.
   »Weil ich glaube, dass sie mehr für dich empfindet, als nur Freundschaft«, sagte Vivi und ging auf ihn zu. Unmittelbar vor ihm blieb sie stehen, sodass sie ihm in die Augen sehen konnte, während er noch immer die Vodkaflasche in der Hand hielt.
   »Das tun sie alle früher oder später.«
   Sie spürte seine Verbitterung. »Austin, warum lässt du es nicht zu? Warum kannst du niemanden an dich heranlassen?«
   Ohne den Blick von ihr zu nehmen, stellte Austin die Flasche ab und verkleinerte den Abstand zwischen ihnen mit einem Schritt. Der handbreite Spalt zwischen ihnen war so klein, dass Vivianna seine Körperwärme spüren konnte. Ihre Augen trafen sich und hielten einander für einige Sekunden fest.
   »Weil immer, wenn ich es versuchte, du mir im Weg stehst«, sagte er schließlich mit leiser, rauer Stimme. Noch während er sich ganz nah zu ihr herunterbeugte, und sie ihm ihr Gesicht entgegenhob, begriffen sie wohl beide, dass sie im Begriff waren, einen Fehler zu begehen, den sie nicht wieder würden rückgängig machen können. Hastig trat er zwei Schritte zurück, drehte sich um und drosch beim Hinausgehen mit der blanken Faust gegen den Türstock. Sein geknurrtes »Ach, verdammt« konnte sie noch hören, bevor die Gartentür zufiel.
   Vivianna seufzte tief und überlegte kurz, ob sie ihm folgen sollte. Einen kleinen Schritt vor und wieder zurück machend entschied sie sich dagegen. Es hätte jetzt keinen Sinn. Sie waren aufgebracht und hätten die Situation jetzt nur noch verschlimmert. Sie entschied, dass es das Beste wäre, wenn sie ihn in Ruhe lassen und nach Hause fahren würde.
   Auf der Heimfahrt grübelte sie über das nach, was sich eben abgespielt hatte. Auch wenn ihr Gefühl ihr öfter gesagt hatte, dass Austin sich ihr gegenüber anders verhielt, als es angemessen gewesen wäre, hätte sie nie geglaubt, dass er tatsächlich Gefühle haben könnte. Nicht Austin und schon gar nicht für sie. Doch sie hatte verstanden. Für ihn hatte die Geschichte vor fünf Jahren offenbar mehr bedeutet als für sie. Oder hatte sie es einfach nicht zugelassen, weil sie den nächstbesten Mann geheiratet hatte, der nicht ihr Kollege gewesen war? Ihre Gedanken schweiften zurück zu dem Tag, als sie gerade neu im Team aufgenommen worden war und an dem sie geglaubt hatte, zu sterben.
   Damals waren sie hinter einem eher kleineren Ganoven her gewesen, der bereits eine weite Spur durch Texas gezogen hatte. Es war Viviannas erster Fall, bei dem Austin sie in den Außendienst mitnahm, weil sie sich als gute Agentin bewiesen und alle nötigen Tests positiv abgeschlossen hatte. Doch nicht nur das – er hatte auch Vertrauen zu ihr. Und sie zu ihm. So kam es, dass sie nach langwierigen Ermittlungen schließlich auf den Mann gestoßen waren, der in einem großen alten Haus aus der Renaissancezeit lebte. Zu viert bildeten sie die Vorhut und drangen mit gezogenen Waffen in das Haus ein. Vivianna war nervös und hielt sich, wie ihr gesagt wurde, dicht bei Leif und Austin. Bis heute wusste sie nicht, was damals genau passiert war, und ihr Gedächtnis schützte sie, indem sie sich nicht an jedes Detail erinnern konnte. Da war nur dieses Gefühl von Verzweiflung, als der Gesuchte plötzlich hinter ihr auftauchte, obwohl Austin einige Sekunden zuvor den Raum als gesichert freigegeben hatte. Bevor einer der Anwesenden reagieren konnte, presste er ihr ein Messer an die Kehle und drückte seinen Unterarm gegen ihren Hals. Was sie jedoch nie vergessen würde, war die Angst, die sie gehabt hatte, als der kalte Stahl gegen ihre Haut drängte und sie ihr eigenes Blut in den Ohren rauschen hören konnte.
   »Verpisst euch, oder sie stirbt«, verkündete der Mann hinter ihr, der gerade mal einen halben Kopf größer war als sie. Doch nicht nur Vivianna war starr vor Angst, ihr gegenüber starrten sie drei ungläubige Augenpaare an.
   Weder Dana noch Leif waren fähig, zu reagieren. Sie hatten ihre Waffen auf den Mann gerichtet, konnten aber nicht abfeuern, ohne Vivi zu gefährden. Sie wusste noch, dass Danas Augen pure Verwirrung und eine Spur Kampfeslust zeigten. Leifs Gesicht war erstarrt und in seinen Augen konnte sie die Angst sehen, die sich auch in ihrem ganzen Körper ausgebreitet hatte.
   »Sie machen es nur noch schlimmer, wenn sie einen Bundesagenten töten«, sagte Austin ruhig und nahm seine Waffe nicht hinunter.
   »Verpisst euch!« Er zog Vivi stärker an sich und sein Messer ritzte hauchfein über ihre Haut. Ein feiner roter Film überzog ihre Haut.
   »Mister Knox, noch haben Sie die Möglichkeit, Ihre Strafe zu mindern. Noch haben Sie niemanden umgebracht. Wenn Sie sie töten, droht ihnen vermutlich dasselbe.«
   Austins Stimme war ruhig und professionell. Vivi öffnete ein Auge, wie, um sich zu vergewissern, dass sie noch am Leben war. Für einige Millisekunden war sie verblüfft, dass Austin sie verärgert ansah. Als wäre das alles ihre Schuld.
   Knox begann, unauffällig an Vivi hinunterzusehen, das Messer immer fest in der Hand haltend. »Wobei, wenn ich mir das recht überlege. Eigentlich wär es eine Verschwendung, sie einfach so abzustechen. Haben bei euch alle Mädels so ein geiles Gestell?«
   Wohl wissend, dass er durch die FBI-Jacke und Hose nicht allzu viel sehen konnte, zog er sie trotzdem demonstrativ enger an seine Brust. »Na, Schätzchen?«, hauchte er ihr ins Ohr. »Ich lass dich gehen, wenn wir vorher ein bisschen Spaß miteinander haben.«
   »Sie Schwein«, zischte Dana, deren Gesicht verzerrt war vor Wut.
   Austin atmete schwer und rang offenbar mit sich, was er nun tun sollte. Er kannte diese Sorte von Typen und war angespannt bis zur Haarspitze. Unauffällig gab er Leif ein Zeichen und legte dann langsam die Waffe auf den Boden. Vivi atmete inzwischen so flach, dass sie Angst hatte, gar keine Luft mehr zu bekommen. Das Rauschen in ihren Ohren wurde immer lauter und fast schon betete sie um eine Ohnmacht, die sie herausholen würde.
   »Okay. Wir gehen jetzt.« Mehr sagte Austin nicht und gab auch Dana ein Zeichen. Das möglichst auffällig und für alle sichtbar.
   Vivi stöhnte auf und begann, sich innerlich von allen zu verabschieden, die ihr je was bedeutet hatten.
   »Wird auch Zeit. Verpisst euch«, zischte Knox und drehte Vivis Kopf brutal zu sich, während er in den Augenwinkeln beobachtete, wie die anderen drei Agenten mit dem Rücken zu ihm gedreht, den Raum verließen.
   Vivi war inzwischen bei ihrer ersten großen Liebe angelangt und ihre Angst wich langsam dem Gefühl von Erleichterung, dass es endlich vorbei war. Nicht mal der offensichtliche Verrat verletzte sie in diesem Moment. Ihre Gedanken sprangen von diversen Verabschiedungen zu dem Entschluss, eher zu sterben, als sich diesem Widerling hinzugeben. Knox versuchte mittlerweile, mit seiner freien Hand ihre Jacke zu öffnen, musste aber relativ schnell feststellen, dass das nicht zu dem gewünschten Ergebnis führte.
   »Puppe, ich nehme jetzt das Messer runter. Wenn du dich bewegst, stirbst du. Feine Kollegen hast du. Überlassen dich einfach deinem Schicksal.« Er lachte dreckig auf und nahm tatsächlich das Messer von ihrem Hals. Noch während sie an Flucht dachte, diesen Gedanken aber gleich fallen ließ, da ihre Beine wie Pudding waren, verfehlte ein Schuss nur um Haaresbreite ihren Kopf und traf mit voller Wucht in Knox’ Schulter. Blut und Knochenstücke vermischten sich mit Vivis Schweiß und ihrem Blut, das leicht aus ihrer Halswunde rann. Mit lautem Schluchzen fiel sie auf die Knie und hielt sich beide Hände vor den Mund, um ihr Weinen nicht zu hören. Dana kniete sich neben sie und zog sie resolut an sich, wiegte sie wie ein Kind und flüsterte beruhigende Worte in ihr Ohr. Sie merkte gar nicht, wie um sie herum plötzlich ein Dutzend Agenten herumrannten, um den Tatort zu sichern und Knox festzunehmen. Und mitten in diesem Tumult hörte sie nichts außer Austins Stimme, die sich anhörte, als wäre sie direkt hinter ihr, obwohl er sofort in das angrenzende Zimmer verschwunden war, nachdem sie sich auch nach fünfzehn Minuten noch nicht beruhigt hatte.
   »Ich weiß nicht, ob ich mir das je verzeihen kann.«
   »Es war nicht Ihr Fehler, Agent Randle. Jeder hat ihn anders eingeschätzt.« Das war die Stimme vom stellvertretenden Direktor, der sofort von dem außerordentlichen Vorfall verständigt worden war.
   »Ich habe das Leben eines mir unterstellten Agents gefährdet. Das ist nicht zu entschuldigen.«
   »Das ist bedauerlich. Aber sie wird es überleben. Und wenn nicht, ist sie sowie nichts für diesen Job. Agent Randle, ich erwarte Ihren Bericht.«
   »Ja, Sir.«

Am gleichen Abend dieses »bedauerlichen« Vorfalls, wie es der Direktor ausgedrückt hatte, saß Vivi in ihrer Wohnung auf dem Sofa, die Knie angewinkelt und hielt eine Tasse Tee mit Rum in den Händen. Ihr Blick ging ins Leere und sie trug die ältesten und weitesten Sportsachen, die sie gefunden hatte, als sie nach der vierten Dusche aus dem Bad gekommen war. Die Tränen waren versiegt und die Freude, dem Tod ein Schnippchen geschlagen zu haben, überwog. Trotzdem wusste sie, dass sie die Erlebnisse lange verfolgen würden.
   Plötzlich klingelte es. Langsam und wie eine gebrechliche Frau erhob sie sich und schlurfte zur Tür, die sie viermal verriegelt hatte. Erst, als sie sich vergewissert hatte, wer es war, öffnete sie zaghaft. »Hallo Agent Randle. Kommen Sie herein.«
   Austin trat ein und schloss die Tür hinter sich. »Ich bin gekommen, um zu sehen, wie es Ihnen geht.«
   Sie lächelte, drehte die Tasse in ihren Händen und schaffte es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Die Augen, die ihr offenbar die Schuld an dem Geschehenen gaben. Die Augen, die ihr gesagt hatten, dass sie jetzt nicht in dieser Situation wären, wenn sie sich nicht rückwärts einem leeren Raum genähert hätte. »Gut, gut. Danke. Ich lebe, also kann es mir vermutlich gar nicht besser gehen.« Mit voller Wucht kehrten ihre Ängste und Empfindungen vom Tag zurück und für einen Moment glaubte sie, an dem bloßen Gedanken daran zu ersticken.
   »Alles in Ordnung?«, fragte Austin und trat an sie heran.
   »Nein«, stammelte sie und stand nur betrübt da.
   Im Nachhinein würde sie ihr Verhalten nur mit diversen Theorien über die menschliche Psyche beschreiben, aber als er an sie herantrat, die Hände rechts und links auf ihre Oberarme legte, und sie seinen Duft wahrnahm, wurde ihr plötzlich bewusst, dass ihr Leben schneller hätte vorbei sein können, als sie ahnte. Bestimmt gab es Taten, die sie bereute, aber die bloße Sterblichkeit vor Augen, und die Angst, Dinge nicht getan zu haben, die sie aber gern tun wollte, trieben sie regelrecht an und ohne Vorwarnung drückte sie ihm ihre Lippen auf den Mund.
   Zunächst war Austin völlig überrumpelt und verharrte still. Doch sein Widerstand währte nicht lange, als sie ihren Körper an seinen drängte und ihm damit das letzte bisschen Vernunft nahm, dass sich ganz hinten in seinem Kopf versteckt zu haben schien. Als er sie mit der gleichen Leidenschaft küsste, die sie ihm entgegenbrachte, entfuhr ihr ein ersticktes Wimmern und im nächsten Moment hatte Austin sie gegen die Wand gedrückt und sie leicht angehoben, um ihre Beine um seine Hüfte schlingen zu können. Kurz ließ er von ihren Lippen ab, um sich zu ihrem Ohr vorzuarbeiten. Die unterschwellige Anziehungskraft, die seit dem Tag, an dem sie Austin das erste Mal gesehen hatte, zwischen ihnen gespürt hatte, entlud sich über ihnen wie ein plötzlicher Sommerregen.
   »Wo ist dein Schlafzimmer?«
   Ein Schauder der Erregung durchflutete ihren Körper, während sie ihm atemlos antwortete. »Da drüben ist die Couch.«
   Ohne lange über ihre Antwort nachzudenken, fuhr er mit den Händen unter ihren Po und trug sie zur Couch hinüber. Seine Lippen küssten währenddessen an ihrem Hals entlang und seine kräftigen Arme drückten rechts und links an ihre Oberschenkel. In der Hitze des Gefechts ließ er sie unsanft mit dem Rücken voraus auf die Couch plumpsen, bevor er sich sein T-Shirt über den Kopf zog und sich auf sie legte. Vivi klammerte sich an ihn wie eine Ertrinkende und wollte sich jedes Detail seines muskulösen Körpers, seines Gesichts und seiner rauen Händen einprägen, die den Weg unter ihr T-Shirt gefunden hatten. In diesem Augenblick gab es nichts Schöneres für sie, als das Gewicht dieses Mannes auf sich zu spüren, seinen Duft einzuatmen und einfach zu leben.
   Die Nase an seine Schulter gedrückt, blendete sie alle störenden Gedanken aus und genoss einfach das Hier und Jetzt.
   Nach ihrem wilden, direkten und erfüllenden Liebesspiel lagen sie nebeneinander, nur bedeckt mit der dünnen Tagesdecke und schwiegen sich an. Der peinliche Moment, nachdem die Hormone die Kontrolle wieder an das Gehirn abgegeben hatten, kam und sie nicht wusste, was sie hätten sagen sollen. Vivi vermutete außerdem, dass Austin gar keine Worte brauchte. Als sie zu ihm hinüberschielte, waren seine Augen geschlossen und er wirkte irgendwie zufrieden, als würde das Ganze keine Konsequenzen mit sich ziehen und als wäre nur etwas passiert, das für sie von ihrer ersten Begegnung an klar gewesen war. Oder wollte er nur nicht mit ihr reden, weil er sie für ein leichtes Mädchen hielt? Sie atmete einmal tief durch und stand mit möglichst ruhigen Bewegungen von der Couch auf und sammelte ihre Sachen ein. Sie war sich ihrer Nacktheit überdeutlich bewusst und vermied es, zu ihm zu sehen. Trotzdem konnte sie seinen Blick auf sich spüren. Wie es später noch oft der Fall sein würde. Hastig zog sie sich ihr T-Shirt über den Kopf und schlüpfte in ihren Slip. Erst, als sie sich nicht mehr ganz so ausgeliefert vorkam, traute sie sich, in seine Richtung zu sehen. Er lag unverändert da, hatte einen Arm hinter seinem Kopf verschränkt und lächelte ihr zu. Es war das aufrichtigste Lächeln gewesen, das sie bis dahin je von ihm bekommen hatte. Die Stille machte sie verrückt. Die Situation überforderte sie, während er keinerlei Anstalten machte, sich zu äußern, zu verteidigen oder eben nur aufzustehen. Die Verlockung, einfach aus der Wohnung zu flüchten, nahm überhand und so brach sie das Schweigen. Auch, wenn sie sich bewusst war, dass es nicht die intelligenteste Meldung werden würde.
   »Ähm, was da gerade passiert ist … Also, du weißt doch, was man sagt, wenn jemand eine Nahtoderfahrung gehabt hat?«
   Er blinzelte sie interessiert an und setzte sich auf. »Nein, was denn?«
   »Nun ja, äh …« Sorgfältig rückte sie sich ihre Worte zurecht. Der Gedanke, dass sie gerade mit ihrem Boss geschlafen hatte und die nächste Zeit mit ihm zusammenarbeiten musste, ließ sie unsicher werden. Die sprichwörtliche Schamesröte überzog ihr Gesicht.
   »Hm?«, hakte er nach und setzte sein Pokerface auf, das sie damals noch nicht lesen konnte.
   Sie gab sich einen Ruck. Noch peinlicher konnte die Situation ohnehin nicht mehr werden. »Also, wenn ein Mensch gerade mit dem Leben davongekommen ist, dann entwickelt er manchmal … Na ja, er versucht, sein Leben danach intensiver zu Leben, um es zu … spüren.«
   »Hm«, machte er noch mal und ein Hauch eines Lächelns flog über sein Gesicht.
   »Was ich damit sagen will … Ich hätte nie, also das wäre nie passiert, wenn ich nicht … Also nicht diese Erfahrung heute gemacht hätte, weil … ich nicht so bin …«
   Er stand auf, streifte dabei die Decke von seinem Körper und schlüpfte ganz ruhig in seine Jeans. »Also, du meinst, …«, sagte er mit einer Spur Ironie, als würde er sich über sie lustig machen, während er sein Shirt überzog. »Du hast nur mit mir geschlafen, weil du dich lebendig fühlen wolltest und deine sogenannte Nahtoderfahrung hat dir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist. Schuld ist also deine Psyche, die dir einen Streich gespielt hat, weil sie dir vorgegaukelt hat, dass du dich nur lebendig fühlen kannst, wenn du mich spürst? Du willst mir sagen, dass du nicht mit jedem Mann schläfst und das hier einmalig war. Ist es das, was du versuchst, mir zu sagen?«
   Kurz war sie sprachlos, weil er noch nie so viel auf einmal zu ihr gesagt hatte. Sie nickte deshalb verblüfft und beobachtete, wie er in seine Schuhe schlüpfte, die achtlos auf dem Boden verstreut lagen.
   »In Ordnung«, sagte er schlicht, ohne ihre Zustimmung abzuwarten.
   »In Ordnung?«
   »Ja. Ich fühle mich geschmeichelt, dass ich derjenige sein durfte, der dich lebendig werden lässt. Ich hatte Spaß, und wenn du dich jetzt wieder mitten im Leben fühlst, hatten wir ja beide was davon.«
   Kurz klappte sie den Mund auf, nur, um ihn kurz darauf zu schließen. Schließlich wagte sie es doch, eine Antwort zu geben. »Es war … nett. Und … äh, das war aber einmalig, oder?« Noch nie zuvor hätte sie lieber im Erdboden verschwinden wollen als jetzt.
   »Du bist süß, Scandrick.« Er grinste, kam auf sie zu und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Kein richtiger Kuss eher ein flüchtiges Streifen seiner Lippen über ihre Haut.
   »Ja«, sagte sie leise und winkte ihm zu, als er die Wohnungstür hinter sich schloss. Plötzlich fühlte sie sich leer. Als hätte man ihr ein Körperteil weggenommen. Die Stille schien ihr unerträglich und so rollte sie sich vor dem Fernseher im Schlafzimmer ein. Sie konnte jetzt nicht auf der Couch liegen, in der noch sein Geruch hing. Einerseits war sie froh, dass er nicht mehr von ihr erwartete, doch ein zartes Gefühl in ihrer Magengegend hatte nicht nur den Sex gewollt, sondern auch einen Vertrauten, der ihr Sicherheit gab.
    Die nächsten fünf Jahre ließen aber keinen Zweifel daran, dass es für ihn wirklich nichts bedeutet hatte. Er hatte sie nie besser behandelt als die anderen, war ihr nie zu nahe gekommen, bis auf gelegentliche freundschaftliche Berührungen und Kommentare und hatte ihr alles Gute für ihre Zukunft mit Chad gewünscht, den sie wenig später kennenlernte, ohne auch nur einen Funken Eifersucht oder Bedauern zu zeigen. Sie war sicher gewesen, dass er in ihr nichts weiter als ein flüchtiges Abenteuer gesehen hatte. Irgendwann verblassten die Erinnerungen an ihre gemeinsame Nacht und geblieben war nur die tiefe Verbundenheit, die zwischen ihnen keine Worte erforderte. Mit der Zeit stolperten neue Frauen in sein Leben, sie hingegen heiratete Chad und mit den Jahren dachte sie kaum mehr an an ihr kleines Tête-à-tête. Und weil er sie bereits am nächsten Tag ganz normal behandelt hatte, hatte sie auch irgendwann aufgehört, darüber nachzugrübeln, ob zwischen ihnen mehr war als nur Freundschaft und eine normale Verbundenheit zwischen Kollegen. Bis heute Abend.

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