Lena versucht, sich in ihrem einsamen Urlaub in Thailand zu entspannen, um sich von ihrer gescheiterten Beziehung abzulenken und Inspirationen für ihren neuen Roman zu sammeln. Unverhofft lernt sie Phin kennen. Sie geht ihm aus dem Weg, denn der junge Mann verdreht ihr schon vom ersten Augenblick an den Kopf. Als sie sich näherkommen, ist Lena verwirrt. Sie fühlt sich unsicher und weiß nicht, wie sie mit der ungeplanten und neuen Situation umgehen soll, doch sie lässt sich auf Phin ein. Sie erleben leidenschaftliche Momente, die Lena in vollen Zügen genießt. Doch eines Morgens wacht sie auf, allein. Wütend sucht sie die Schuld seines plötzlichen Verschwindens bei sich und verbringt den Rest ihres Urlaubs mit Zweifeln. Zurück in Hamburg kann sie Phin nicht vergessen, auch wenn sie ihn mit aller Macht aus dem Kopf verbannt! Was, wenn Phin etwas Schlimmes passiert ist? Vielleicht hat er sie nicht verlassen …

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ISBN: 978-9963-53-515-6

Seiten: 389

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Melanie Klein

Melanie Klein
Melanie Klein wurde am 07. September 1986 in Schweinfurt geboren. Sie war schon immer eine begeisterte und vielfältige Leserin. Schon als Kind dachte sie sich die verschiedensten Geschichten aus, brachte sie jedoch erst mit 25 Jahren zu Papier. Neben erotischen Liebesgeschichten schreibt sie auch Fantasy und was ihr sonst noch so einfällt. Nach mehreren Jahren in der Logistikbranche tätig, absolviert sie nun ihren Bundesfreiwilligen-Dienst beim Bund Naturschutz. Zuhause in einem kleinen Dörfchen mitten im Steigerwald verbringt sie die meisten Stunden ihrer Freizeit in der freien Natur mit Hund und Pferd.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Traumhaft. Die Wellen necken frech meine Zehen. Die Sonne umschließt sanft meine Haut. Der Sand unter mir gibt mir das Gefühl, ein Teil von ihm zu sein. Mit geschlossenen Augen genieße ich das Meeresrauschen, das mal leiser, mal lauter an meine Ohren dringt. Es ist einfach wunderschön hier. Mit einem lauten Seufzen und einem Lächeln auf den Lippen koste ich jede Sekunde meines einsamen Urlaubs aus. Endlich. Allein. Keine Männer. Niemand stört mich. Niemand stellt lästige Fragen. Niemand will irgendetwas von mir haben. Ich kann mich nur auf mich und … meinen neuen Roman konzentrieren.
   Ich drücke meinen Notizblock, den ich wie einen uralten Schatz hüte, auf meinen Brustkorb, damit er nicht nass wird. Die Gedanken an die Fertigstellung meines Buches gerieten in den vergangenen Wochen etwas ins Stocken. Und warum? Wegen eines Mannes. Mark.
   Meine Mundwinkel sacken nach unten. In der Brust braut sich ein gewaltiges Gewitter zusammen, wenn ich an diesen miesen Dreckskerl denke. Wenn ich könnte, würde ich ihn so lange mit Blitzen bewerfen, bis er nicht mehr aufsteht. Aber, nein! Das kann ich seinen drei Kindern und seiner tollen Ehefrau natürlich nicht antun. Er …
   »Entschuldigen Sie bitte«, höre ich auf einmal eine männliche Stimme; sie trübt mein Landschaftsbild – Meer, Palmen, klarer Himmel, das Paradies. Dazu verhindert derselbe Jemand, dass die Sonne weiter ihre UV-Strahlung auf meine helle Haut legt, die es mehr als nötig hat.
   Ich stehe mit einem genervten »Ja« auf. Der feuchte Sand kitzelt unter den Füßen. Wie war das noch einmal mit niemand stört mich?
   Im ersten Moment bin ich gezwungen, mehrmals zu blinzeln, bis sich meine Augen an das grelle Licht gewöhnen. Und dann … dann bin ich mir nicht mehr sicher, ob mich wirklich nur die Sonne blendet. Oh, wow! Ich muss die Kinnlade davon abhalten, nach unten zu sacken. Ist der Kerl echt oder ein sprechendes Trugbild meiner Fantasie? Unglaublich!
   Er verzieht den Mund wie ein Supermodel. »Ich laufe hier jetzt schon zum fünften Mal vorbei und wollte fragen, ob mit Ihnen alles in Ordnung ist. Denn Sie liegen«, die wunderschöne Erscheinung hebt ihren meterlangen Arm und schaut auf eine silberne Armbanduhr, »seit ungefähr sechs Stunden in der prallen Sonne und haben sich noch keinen Millimeter bewegt.«
   Ich schüttele den Kopf über mich selbst, versuche, wieder einen klaren Gedanken zu bekommen. »Äh …, ja«, presse ich hervor, gefangen in einem hellbraunen Mantel, den seine Augen um mich werfen. Ich fühle mich wie in einer anderen Welt. Träume ich etwa?
   Er lächelt, seine verführerischen Lippen formen sich zu einem Anker. Die Mundwinkel scheinen in seine Augen einzutauchen und mich in die tiefen Welten des Ozeans zu reißen.
   Daraufhin gehe ich, warum auch immer, einen Schritt zurück, trete in die Ausläufer der Wellen. Das kühle Nass holt mich gnadenlos auf den Boden der Tatsachen zurück. »Gehören Sie zur Hotelanlage?«, frage ich barsch und drücke mit verschränkten Armen meinen Notizblock fester an mich. Ich will auf keinen Fall freundlich sein. Versuche so, mir fremde und lästige Menschen vom Leib zu halten, besonders Männer. Und wer ist schuld daran? Es gibt nur einen Namen: Mark, dieser …
   »Nein, ich mache hier nur Urlaub. Ich nehme an, genauso wie Sie«, unterbricht der gut aussehende Kerl rechtzeitig meine bösen Gedanken. Sein blond gelocktes Haar bewegt sich mit dem Wind, strahlt mit der Sonne um die Wette. Traumhaft! Hinter ihm läuft ein Paar vorbei, das sich nach jedem zweiten Schritt einen Kuss schenkt.
   Ich ertrage zurzeit keine überglücklichen und verliebten Menschen. »Warum interessiert Sie, wie lange ich schon in der Sonne liege?« Meine Stimme wird mit jedem Wort schnippischer. »Sind Sie Arzt oder was?«
   Er reibt sich sein markantes Kinn, das einen Dreitagebart ziert und verdammt … sexy aussieht. Wie der sich wohl beim Küssen anfühlt? »Nein. Ich wollte nur nett sein. Wenn Sie am Abend nicht als gegrilltes Huhn ins Bett gehen wollen, sollten Sie auf mich hören. Und eine ganz schlechte Idee ist es«, er deutet auf meinen Oberkörper, »wenn Sie Ihren Bauch mit diesem Block bedecken, denn das gibt hässliche Streifen.«
   Ich kneife die Augen zusammen und stampfe aus dem Wasser. So ein blöder Idiot. Müssen alle gut aussehenden Typen immer so etwas … Absonderliches an sich haben, mit dem man nicht direkt umzugehen weiß – ich zumindest nicht. »Das kann Ihnen doch egal sein, wie ich aussehe«, pflaume ich den netten Mann an.
   Er dreht sich mit mir, sodass er jetzt das Meer im Rücken hat. Sein überaus muskulöser und braun gebrannter Körper verdeckt die Sonne. Seine breiten Schultern verschlingen sogar ein komplettes Fischerboot im Hintergrund. Das Schlimme ist, er ist nur mit einer schwarzen Badeshorts bekleidet, und wenn ich ihn mir genauer ansehe, würde ich gern wissen, was sich darunter befindet.
   Ich zucke zusammen, als ich mir in meinen Gedanken selbst eine schmiere. Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich bemerke, dass ich bei dem Anblick des Kerls ziemlich nervös werde und mich mit jeder Sekunde bekloppter benehme. Gänsehaut legt sich wie ein kühler Morgennebel auf meinen Körper, prickelt wie Champagner und macht mich ganz hibbelig. In meinem Bauch entsteht ein flattriges Kribbeln, das bis in den Unterleib wandert und in einem Pochen endet. Das kann ich jetzt im Moment eigentlich überhaupt nicht gebrauchen. Wegen so etwas bin ich nicht hierhergekommen. An so etwas wollte ich die nächsten zehn Jahre überhaupt nicht mehr denken. Ich wollte mich doch nur entspannen und was bin ich jetzt? Total verspannt. Und was tut man dagegen? Genau. Ganz einfach: Ihm gekonnt aus dem Weg gehen. Er wird schon nicht mein Urlaubsnachbar sein.
   Ich lächele gezwungen, sodass er merkt, dass ich seine Anwesenheit nicht mag. Obwohl … »Danke fürs Vor-der-Sonne-Retten.« Mit einer schnellen Drehung und einem herablassenden Blick will ich flüchten, mich auf den Weg in meinen Bungalow machen, in dem Gedanken, in den nächsten paar Sekunden wieder meine Ruhe zu haben. Doch ein kleiner Thai macht mir einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Er saust in Lichtgeschwindigkeit an mir vorbei und rempelt mich an, dabei gerate ich ins Straucheln und falle wie ein nasses Handtuch in Zeitlupe dem Sand entgegen. Nicht doch! Nach einer uneleganten Hundertachtzig-Grad-Drehung lande ich genau vor dem Unterhosenmodeltyp. Seine Zehen, die in Badelatschen stecken, sehen aus, als würden sie mich auslachen. Eine Szene, wie ich ihm in der Form eines jungen Hundes in die Füße beiße, daran zerre und knurre, spielt sich in Sekundenschnelle in meinem Kopf ab.
   Der Thai schreit irgendetwas in seiner Heimatsprache. Für mich hört es sich eher wie ein Fluchen an. Er fuchtelt unbeholfen in der Luft herum, als suche er nach einem deutschen Wort für mich. »Ja, du mich auch«, brülle ich ihm mit einer abwertenden Handbewegung und kratziger Stimme hinterher, in der Hoffnung, dass er mich nicht versteht.
   »Ist alles in Ordnung?«, fragt mich der blonde Surferboy und reicht mir seine riesige Hand. Als ich sie erfasse und mir vorstelle, was seine Finger alles … Ich scheuer mir wieder eine. Das gibt es doch gar nicht. Ich habe mich noch nie von einem Kerl so … so aus der Fassung bringen lassen. Wo ist der Schalter, damit ich mich in Luft auflösen kann?
   »Ja«, sage ich schnell und stehe mit seiner Hilfe auf. Unsicher lasse ich ihn los und richte mein Bikinioberteil. Dann streife ich den Sand von den Beinen und rücke den Pferdeschwanz zurecht.
   »Ich glaube der gehört Ihnen«, sagt der Mann und reicht mir meinen Block.
   Ich reiße ihm das Papier regelrecht aus den Händen. »Danke«, sage ich verlegen und blättere den Notizblock kurz durch – untersuche die leeren Seiten, die eigentlich von oben bis unten mit Buchstaben gefüllt sein sollten.
   Er verschränkt die breiten Arme vor seinem genialen Brustkorb, kneift die Augen zusammen und grinst. »Warum sind Sie eigentlich so überkandidelt und kratzbürstig? Ich habe Ihnen doch überhaupt nichts getan. Ich wollte nur höflich sein und … und helfen.«
   Überkandidelt? Was will der eigentlich von mir? Nur helfen? Ich fuchtele unbeholfen mit dem Block in der Luft herum. »Sie … Sie haben mich gestört«, werfe ich ihm empört wirkend an den Hals. Was ja nicht gelogen ist. »Haben Sie nichts anderes zu tun, als jedem Strandgast zu sagen, dass er nicht zu lange in der Sonne liegen soll? Hallo? Wir sind in Thailand. Da ist es ja wohl etwas überflüssig, der Sonne aus dem Weg zu gehen. Und überhaupt, warum laufen Sie fünf Mal hintereinander an mir vorbei?«
   Ein dunkelhäutiger Mann, der uns beide genau mustert, kreuzt unseren Weg. Durch seine Sonnenbrille erkennt man jedoch nicht, welchen Ausdruck er vermittelt.
   Der braunäugige Beachboy zieht eingebildet seine hellen Brauen nach oben und drückt die Mundwinkel in die Wangen. »Ich war nur joggen«, verteidigt er sich gekonnt.
   Joggen? Automatisch wandert mein Blick auf seine Füße. Wie soll man in Badelatschen joggen? Irgendetwas stimmt mit dem Kerl doch nicht.
   Mit gespielter Empörung lache ich geradeheraus. »Ja genau, da müssen Sie aber schon sehr lange unterwegs gewesen sein, wenn Sie wissen, dass ich schon seit sechs Stunden hier liege.« Gut. Ich gebe zu, dass ich wohl etwas übertrieben habe. Meine helle Haut behauptet jedoch genau das Gegenteil. Sie schreit förmlich nach Sonne und Bräune.
   Er neigt den Kopf kurz zur Seite und nickt erwischt. »Ich übertreibe es eben manchmal«, sagt er mit ausgestreckten Armen, als wollte er mich umarmen.
   Übertreiben? Ich schnaufe laut aus, gehe kopfschüttelnd einen Schritt zurück und gebe mich geschlagen, damit unsere überaus interessante Unterhaltung endlich ein Ende findet. »Wie … wie auch immer«, stottere ich, will so schnell wie möglich meine Ruhe wieder haben und vor allem – einen klaren Kopf. »Ich … ich muss jetzt gehen.« Ich deute hinter mich und versuche erneut, aufzubrechen.
   Aber der riesige Kerl stellt sich mir plötzlich wie eine massive Wand in den Weg. Ich bleibe abrupt stehen und funkele ihn böse an. Was soll das denn jetzt? Der spinnt wohl. Wenn er nicht sofort verschwindet, kann er mit gebrochener Nase und kastriert schlafen gehen. Ich kann mich sehr gut verteidigen, man muss nur die richtigen Stellen treffen. Er kann meinen Ex Mark fragen, der hat es nach seiner Beichte am eigenen Leib erfahren.
   Der Typ schenkt mir ein verschmitztes Promilächeln und steht mir so nah gegenüber, dass ich ihn riechen kann. Meine Güte. Dieser herbe Duft zieht mir fast den Sand unter den Füßen weg. Am liebsten würde ich mir die Nase zuhalten. »Darf ich Sie begleiten?«, fragt er und zeigt in die Richtung der Bungalows.
   Mit einem schweren Schlucken weiche ich ihm aus, wieder schützend meinen Block vor der Brust haltend. »Ich … Wir … wir kennen uns doch gar nicht«, sage ich wie eine bis oben hin zugeknöpfte Lehrerin, die keinerlei sexuelle Erfahrungen vor der Ehe befürwortet.
   Er reicht mir mit einem breiten Grinsen seine Hand. »Ich bin Phin«, sagt er stolz, als wäre das ein besonders seltener Name. Da hat er sich aber gewaltig geirrt, denn der steht auf jedem zweiten Auto, neben dem Baby-on-bord-Aufkleber.
   Wie hypnotisiert starre ich seine fünf Finger an, noch immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, was sie alles so anstellen könnten – mit mir. Mit gerunzelter Stirn schlage ich unwillkürlich meine Beine übereinander, presse die Oberschenkel zusammen und bohre die Zehen in den warmen Sand. Meine Güte. Was passiert hier mit mir? Was passiert, wenn ich ihn jetzt berühre? Springe ich ihm dann wie ein paarungswilliges Tier an den Hals? Das Kribbeln in meiner Körpermitte hat sich doch gerade erst aufgelöst. Was ist nur los mit mir? So unsicher kenne ich mich gar nicht. »L… Lena«, sage ich, ohne ihm die Hand zu geben. Das muss genügen.
   Phin lässt den Arm sinken. »Freut mich dich kennenzulernen, Lena. Darf ich dich nun zu deinem Bungalow begleiten?«, fragt er erneut.
   Nein, schreit eine panische Stimme in meinem Kopf. Der will doch nur wissen, wo ich wohne und mich ins Bett bekommen. Vielleicht habe ich gar nichts dagegen. Aber er könnte auch ein Spanner oder Stalker sein. Merkt er denn nicht, dass er mich völlig aus der Bahn wirft?
   »Ich bin mir sicher, dass wir denselben Weg haben werden«, fügt er noch wohlwollend hinzu.
   Ich atme tief durch, habe das Gefühl, jedem einzelnen Urlauber auf der Insel die Luft zu stehlen. Wenn ich ehrlich bin, würde ich es vorziehen, wenn er mich hier und jetzt küsst, heftig und leidenschaftlich, mich überall berührt, nicht nur mit seinen Händen. Was für eine tolle Vorstellung. Hilfe! Bitte schneidet mir jemand meine unzüchtigen Gedanken aus dem Kopf. Warum verhalte ich mich so komisch? Vielleicht sind gerade meine Gedanken das, was mir an ihm nicht gefällt – oder an mir. Ich weiß doch nichts über den Typen, kenne nur seinen Namen und ihn gefühlte fünf Sekunden. Trotzdem überlege ich, wie es wäre mit ihm … Das bin nicht ich. Oder doch? Schlummert etwas … anderes in mir? Eigentlich müsste ich Mark hinterhertrauern – Mark, dieses miese …
   Aber wenn ich recht überlege. Was spricht gegen ein bisschen Spaß oder Ablenkung? Möglicherweise mein schlechtes Gewissen – ein schlechtes Gewissen Mark gegenüber. Mark, Mark, Mark. Ach, scheiß auf Mark. Ein spannender Urlaubsflirt schadet mir bestimmt nicht. Aber so wie ich mich kenne, bleibt es nur bei einer kleinen peinlichen Ferienunterhaltung. Was soll schon schiefgehen? Nach meinem Aufenthalt hier in Thailand werde ich ihn vermutlich nie wiedersehen.
   Also gebe ich mir einen Ruck und zeige mich von meiner guten Seite. »Also gut. Gern«, sage ich in einem freundlichen Ton, den Phin heute so noch nicht von mir gehört hat. Daraufhin macht er sofort eine halbe Drehung und bedeutet mir, dass ich neben ihm hergehen soll. Unglaublich! Der Kerl ist echt riesig. Mein Kopf reicht nicht mal bis zu seiner Schulter.
   Aus den Augenwinkeln heraus bemerke ich, dass er sein Gesicht in meine Richtung dreht. »Was versteckst du auf dem Papier?«, fragt er freundlich. An uns rast mit einem fröhlichen Bellen ein Golden Retriever vorbei, der eine Frisbeescheibe in der Luft auffängt und sie wieder zu seinem Herrchen bringt.
   Ich lächele und halte meinen Block vor mich. »Ich versuche, ein Buch zu schreiben«, verrate ich. Was mir jedoch nicht zu gelingen scheint. Ich bin schon seit einer Woche hier und habe nicht einmal ein Kapitel fertig, nicht einmal einen richtigen Anfang. Ach, wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht einmal, um was es überhaupt gehen soll. Vielleicht sollte ich mir etwas anderes einfallen lassen.
   »Du bist eine Schriftstellerin?«, fragt Phin verwundert.
   Ich schwenke den Kopf leicht hin und her. »Ich ziehe den Begriff Autorin vor. Schriftstellerin hört sich so … so gehoben an«, erkläre ich ihm. Neben uns streift der sanfte Meereswind durch Palmen und Sträucher, macht dem Rauschen der Wellen Konkurrenz.
   »Gehoben?« Phin schmunzelt. »Und gibt es denn ein Buch von dir, das ich kenne?«, will er mit interessierter Stimme wissen. Eine Frage, die man eigentlich keinem Autor so direkt stellen sollte.
   Ich wende mich ihm zu. »Möglich.«
   Er kneift die Augen zusammen und runzelt die Stirn. »Wie darf ich das verstehen?«
   Ich ziehe die Brauen nach oben. »Ich veröffentliche unter einem Pseudonym.«
   Er kippt den Kopf in den Nacken. »Warum das denn? Ist dein Geschreibsel so schlecht oder schmutzig?«
   In meinem Bauch regt sich ein heftiges Kribbeln. Ich ignoriere es, kann ein Grinsen aber nicht verhindern. »Nein, ich glaube nicht, aber es muss ja nicht jeder meine Gedanken und Fantasien kennen. Ich meine, dass ich dahinterstecke. Warum meinen echten Namen auf ein Buch setzen, wenn es auch ein Pseudonym tut? Außerdem«, ich hebe den Zeigefinger, »sollte ich irgendwann einmal heiraten, passt mein Name doch sowieso nicht mehr?« Heiraten? Dass ich nicht lache. In meinen Gedanken werfe ich das Wort auf den Boden, trete und spucke darauf, vergrabe es im Sand und hoffe, dass es in der Hölle landet – zusammen mit Mark.
   Phin nickt kräftig, als könnte er mich voll und ganz verstehen. »Das ist natürlich ein sehr aufschlussreiches Argument.«
   Ich weiß jetzt nicht, was mich dazu bringt, aber ich schlage ihm wie einem alten Kumpel, den ich schon mein Leben lang kenne, mit der Faust auf die Schulter. »Hey, das ist mein absoluter Ernst.«
   Als wir an einer Bar vorbeilaufen, werden wir von Besuchern jeder Nationalität beobachtet. Phin springt zur Seite und läuft mit erhobenen Händen vor mir hinweg. »Hey. Nicht frech werden. Ich glaube dir ja.« Er grinst, dabei zieht er die Nase nach oben und zeigt mir seine perfekten Zähne. Der Kerl ist einfach der absolute Wahnsinn. »Darf man fragen, worum es in deinem Unter-einem-Pseudonym-veröffentlichten-Roman geht?« Phin hat irgendwas an sich, dass … Ich kann es einfach nicht in Worte fassen. Irgendwie finde ich es seltsam, aber zugleich sehr faszinierend und anziehend mit ihm zu reden, als würden wir uns schon seit dem Kindergarten kennen. Und ich finde ihn sehr interessant und er macht mich total neugierig auf sich.
   »Es soll ein Fantasyroman werden«, gestehe ich zögernd. Na, wenigstens etwas.
   »Und?«, fragt er, nimmt dabei seinen Platz wieder neben mir ein. »Komm schon. Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Ich finde das sehr interessant.«
   Ich schüttele den Kopf. »Es ist wirklich komisch, mit jemandem darüber zu reden, wenn die Geschichte noch nicht fertig ist und außerdem … wir kennen uns doch noch nicht lange – eigentlich gar nicht.«
   »Ja, das hast du schon mal gesagt. Müsste es dann normalerweise nicht leichter für dich sein? Ich meine, darüber zu plaudern.« Er benutzt wie ein erklärender Arzt seine Hände zum Reden.
   Vom ständigen Grinsen fangen meine Wangen langsam an, zu schmerzen. Dann gebe ich mir einen Ruck – wieder einmal. »Also schön, meine Geschichte soll in einer fremden Welt spielen, die natürlich nicht wirklich existiert und allerdings noch keinen Namen hat. Es kommen auf jeden Fall keine Elfen, Feen, Zwerge, Drachen, Orks, Trolle, Magie und Zauberer darin vor.« Es muss ja kein Herr der Ringe-Abklatsch werden. Aber wo ist dann die Fantasie? Ich schnappe kurz nach Luft. Idee! Das ist es: Ich benötige ein sehr außergewöhnliches Wesen – ein Wesen, das es noch nicht gibt. Würde Phin nicht neben mir hergehen, würde ich mir das notieren, vielleicht auch eine grobe Zeichnung anfertigen. Inspiriert er mich etwa? Nein! Oder doch?
   Er nickt und reibt sich wie ein Professor das Kinn. »Ja, aber wo bleibt denn dann die Fantasie und um was geht es überhaupt?«, fragt er wie ein Experte auf dem Gebiet.
   Im ersten Moment bin ich unfähig, seine Frage zu beantworten. Kann er etwa Gedanken lesen? Ich räuspere mich und nehme mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Hattest du eigentlich schon mal ein Buch in der Hand, Phin?«
   Er zieht eine Schnute und zuckt mit den Schultern. »Ja. Natürlich. Ständig.«
   Ein Mann, der liest? Das ist mir aber neu. »Und was sind das für Bücher?«
   Er hustet kurz. »Von Krimis, Thriller bis … na ja Erotik und manchmal auch Fantasy. Ich meine, Herr der Ringe hat ja wohl jeder gelesen.« Das Wort Erotik spricht er leicht verrucht aus. An dieses Genre habe ich mich vor Kurzem mal herangewagt, jedoch ohne Erfolg. Ich glaube, ich bin zu brav dafür oder auch zu unerfahren, vielleicht auch zu verklemmt oder zu verbissen. Wer weiß? Wer will schon normalen Sex in einem Buch haben? Den will man ja nicht einmal im wirklichen Leben. Wieder ist ein Gedanke von mir bei Mark, nicht nur bei ihm, sondern auch in unserem gemeinsamen Bett und bei unserem sehr normalen Sex – ich unten, er oben und in zwei bis drei Minuten war alles vorbei. Er hatte es echt drauf, keine Zeit zu verlieren.
   Ich presse die Lippen aufeinander. »Ich habe Herr der Ringe nicht gelesen.«
   Phins perfektes Gesicht schnalzt in meine Richtung, dabei geht er leicht in die Knie. »Nicht?« Er wirkt fassungslos.
   Ich schüttele ruhig den Kopf und fange seine hellbraunen Augen ein. »Nein, habe ich nicht.«
   Er runzelt die Stirn, wirkt dabei jünger. »Unglaublich. Du schreibst Fantasy-Romane und hast Herr der Ringe nicht gelesen? Das ist ja schon fast eine Bildungslücke für einen Autor.«
   Ich lache laut auf. »Ich habe doch die Filme gesehen.«
   Phin beißt sich auf die Unterlippe. Daraufhin klemme ich meine Zunge zwischen die Zähne und schlucke hart. Ob ich das auch mal tun darf? Bei dieser verdammt antörnenden Vorstellung durchzucken tausend Blitze meinen Körper, meine Hände beginnen zu zittern, mir wird heiß. Wie in Trance stiere ich auf seine atemberaubenden Lippen, die sich bewegen, auf und ab. Am liebsten würde ich die Augen schließen und mir vorstellen, wie es ist, ihn zu küssen.
   »Na, das ist ja schon mal was«, sagt Phin in einer entspannten Tonlage und holt mich wieder in die Wirklichkeit zurück. Schade! »Wie wäre es denn mit Mineralia?«, fragt er auf einmal.
   Ich zucke zusammen, blinzele übertrieben mehrmals, als drohe er, mich mit seinen Worten zu erschlagen. »Was? Was ist denn Mineralia?«
   Er breitet wie ein Prophet seine Hände aus. »Na, der Name für deine Fantasy-Welt.«
   Ich lächele, meine Stimme bebt. »Nein … Nein. Der N… Name kommt, wenn er kommt.« Bei dem Wort kommen, denke ich automatisch an einen bestimmten Akt: Ich lustvoll keuchend unter Phin liegend und ein bestimmtes Körperteil von ihm zwischen meinen Beinen, nicht nur zwischen meinen Beinen, sondern …
   Oh, nein. Bitte! Nicht schon wieder. Mit einem ungeschickten Räuspern, das sich eher wie ein heftiger Hustenanfall eines alten Schweines anhört, versuche ich, mir die verstohlenen Gedanken nicht anmerken zu lassen. Die Hitze, die sich von einer Sekunde zur nächsten in meiner Körpermitte ausbreitet, will ich mit kurzen und nicht sichtbaren Atemzügen verschwinden lassen. O Gott. Der Kerl … Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt.
   »Was ist? Du siehst so verkrampft aus«, fragt er mit einem verzerrten Gesicht, das ihn nur noch besser aussehen lässt. Das ist unglaublich – nein, er ist unglaublich.
   Verkrampft? Das kann er laut sagen. Ich schreie innerlich auf. Röte schießt mir unaufhaltsam ins Gesicht. Am liebsten würde ich mir in den Arsch beißen. Oder kann er das tun? Ich wage es nicht, zu blinzeln. »Nichts. Ich … ich habe nur Hunger«, presse ich hervor, als müsste ich dringend aufs Klo.
   Auf dich, sagt eine Stimme in meinem Kopf. Nach diesen zwei Worten kneife ich die Lider zusammen und drehe mich mit einem »Oh, nein« von Phin weg. »Ich … ich muss los, okay. Wir sehen uns.« So schnell mich die Beine tragen, hetze ich an den verschiedensten Menschen vorbei in meinen rettenden Bungalow.
   Dort angekommen werfe ich ohne Erbarmen den Block in die Ecke und stelle mich mit Bikini unter die Dusche. Ich schreie auf, als mich eiskaltes Wasser mit voller Wucht erwischt und hoffe, dass mich niemand hört – besonders Phin nicht.

Kapitel 2

Wie fange ich an? Es war einmal vor langer Zeit? Nein. Das kann ich nicht bringen. Mein Verleger, den ich schon seit Jahren kenne und der größter Fan meiner Bücher ist, würde mich lynchen, meinen Vertrag sofort in der Luft zerreißen – oder mich.
   Da sich meine Bücher eigentlich gut verkaufen – ich aber noch nicht von den Einnahmen leben kann - und er an mich glaubt, hat er mich für das nächste Projekt wieder unter Vertrag genommen. Und das, obwohl er nicht einmal weiß, um was es genau geht und ich ihm bis jetzt auch noch keinen konkreten Entwurf liefern konnte.
   Gereizt sitze ich auf einem superbequemen Ledersofa und stiere auf ein leeres, kariertes Papier. Mit den Augen ziehe ich die Kästchen so lange nach, bis ich das Gefühl habe, dass meine Wimpern brennen. Draußen wird es langsam dunkel. Die beruhigende Dämmerung schleicht sich durch die weißen Vorhänge, die bis auf den Boden reichen und mit einem sanften Rascheln in den Bungalow wehen.
   Ein einfacher Dialog ist doch immer gut. Nur welcher? Ich habe eine genaue Vorstellung, wie meine Geschichte enden könnte, habe mir dafür auch schon ein paar Notizen gemacht. Auch eine kleine Zeichnung des unbekannten Wesens ist mir gelungen. Diesen Kinderentwurf darf natürlich niemand sehen, wenn ich nicht ausgelacht werden will.
   Ich seufze, meine Lust verlässt mich. Ich habe mich noch nie so schwer beim Schreiben eines Buches getan. Sonst kommen meine Ideen schneller zu Papier, als mir lieb ist, und ich war in acht Wochen mit einer Rohfassung fertig. Aber jetzt … Vielleicht bin ich dafür einfach nicht mehr geeignet. Vielleicht war eine Autorenkarriere nur für eine bestimmte Zeit für mich gedacht.
   Mit einem überforderten Stöhnen schmeiße ich den Block auf den Boden, den Stift gleich hinterher. Verflucht noch mal! Es hat heute keinen Sinn mehr, genauso wie die Tage zuvor auch nicht. Dieser Phin, er macht mein ganzes Projekt kaputt und Mark, er hat es von Anfang an verabscheut. An Männer wollte ich eigentlich in der nächsten Zeit nicht mehr denken – schon gar nicht in meinem Urlaub. Aber so wie es aussieht, geht es nicht ohne und mit schon gar nicht. Männer – das komplizierteste Thema der Welt. Algebra, gepaart mit Physik, Politik, Geschichte und Chemie sind ein Dreck dagegen.
   Ich schlage die Hände vors Gesicht und schreie, jedoch so, dass es niemand hört. Nur die kaum sichtbare Spinne, die am Sofa vorbeihuscht. Am liebsten würde ich ihr einen gewaltigen Tritt verpassen. Allerdings hat sie das gleiche Recht wie ich, hier zu sein, obwohl sie für ihren Aufenthalt in meinem Bungalow keinen Cent bezahlt.
   Ich schnaube. Es gibt nur eine Möglichkeit, um einen klaren Kopf zu bekommen: Ablenkung. Ich muss hier dringend raus, etwas an die frische Luft, nur für einen Abend. Ja …, und genau das werde ich jetzt tun. In meinen Gedanken klopfe ich mir auf die Schulter, lobe mich für meine sehr konstruktive Idee.
   Kurz entschlossen stampfe ich mit meinen gemütlichen Plüschhausschuhen, die Mark nicht leiden konnte, ins Schlafzimmer und wuchte den Koffer aufs übergroße Bett. Warum auspacken, wenn ich in ein paar Tagen eh wieder alles hineinstopfen muss? Der leichte Stoff, der meine Schlafstätte einrahmt, um so in der Nacht vor lästigen Fliegen zu schützen, kitzelt leicht an meinem Arm, als ich einen weißen Strandrock, der bis kurz über die Knie reicht und ein lila Trägertop aus dem Koffer wühle. In Nullkommanichts habe ich die Sachen angezogen.
   Während ich in meine neuen Flipflops steige, gehe ich ins Bad und stelle mich noch einmal vor den Spiegel. Mein braunes Haar flechte ich zur Seite über die Schultern, auf denen sich ein zarter Sonnenbrand zeigt. Sofort sind meine Gedanken wieder bei Phin. Mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Zwinkern gebe ich meinem Spiegelbild zu verstehen, dass ich mich jetzt amüsieren werde. Allein wohlgemerkt!
   Bevor ich gehe, schließe ich alle Fenster und lege meinen Block, der für meine Schreibblockade nichts kann, auf das Sofa. Danach schnappe ich mein Handy, das auf einer massiven Kommode neben dem Eingang liegt und am Ladekabel hängt. Dann breche ich auf.
   Sobald ich die Tür hinter mir zuziehe, kommt mir ohne Umwege eine schwüle Brise entgegen. Die Sonne verschwindet hinter dem Horizont in einem grellen Orange, verzaubert den Abendhimmel und das unendliche Meer in eine märchenhafte Idylle. So könnte auch ein Sonnenuntergang in meiner Fantasywelt aussehen, oder nicht?
   Mit einem zufriedenen Lächeln mache ich mich auf den Weg zur Strandbar, die nicht weit von meinem Bungalow entfernt ist. Komischerweise bekomme ich von jeder Person, die mir entgegenkommt, ein freundliches Grinsen, als hätten sie Mitleid mit mir, als wüssten sie, was mich bedrückt. Instinktiv reibe ich mir die Stirn, um mich zu vergewissern, dass dort nichts ist, was meine Lage verraten könnte.
   An der Bar angekommen, entscheide ich mich für einen winzigen Außentisch, der aus Bambus zusammengebaut ist. Sobald ich sitze, eilt ein dünner braun gebrannter Kerl auf mich zu und fragt in einem Thai-Slang, was ich trinken möchte. Ich lege das Handy neben mich, schaue mir die wunderschön gestaltete Getränkekarte an und deute auf zwei Cocktails, die vom Aussehen her gut schmecken müssten. Der dunkelhaarige Kerl nickt und verschwindet. Seine hervorstehenden Zähne sollte er mal richten lassen.
   Die Strandbar ist mit einer bunten Lichterkette geschmückt. Auch die Palmen, die sich im Hintergrund auftürmen, werden so beleuchtet. Auf der einen Seite das beruhigende Meer, auf der anderen eine primitive Behausung, aus der besänftigende Chillstep-Musik strömt. An diesem Ort muss man sich doch eigentlich nur wohlfühlen; es ist wie im Paradies. Warum kann ich meine Vergangenheit mit Mark nicht vergessen? Warum kann ich hier nicht richtig abschalten? Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass das so schwer sein wird.
   In der Bar sitzen an jedem Tisch fröhliche Menschen. Sie lachen, reden laut. Wo man nur hinsieht, sind … Pärchen. Meine schlechte Laune droht, mich wieder zu überrollen. Aber auch die … Kann ich es Sehnsucht nach Mark nennen? Ich will keine Sehnsucht nach ihm haben. Ich will ihn nur vergessen. Für immer. Vor allem jetzt.
   Der schmale Kellner mit bunter Badehose bringt meine zwei Cocktails – einer blau, einer weiß. In einer Tour schnatternd stellt er sie vor mich auf den Tisch. Ich verstehe aber kein Wort von dem, was er zu mir sagt. Mit einem freundlichen Lächeln gebe ich ihm zu verstehen, dass ich fürs Erste bedient bin und dass er später vielleicht noch einmal kommen kann, wenn meine Gläser leer sind. Er verbeugt sich und nickt mehrmals, bevor er mich in Ruhe lässt.
   Irgendwie komme ich mir total bescheuert vor, so allein an einem Tisch, wie eine alte Jungfer. So werde ich enden: Mit siebzig werde ich in einem knarzenden Schaukelstuhl sitzen. Allein, keine Kinder, keine Enkel, keinen Mann, nichts. Tränen schleichen sich heimlich in meine Augen, streicheln sanft meine Haut. Hastig und mit einem leisen Schniefen, schaue ich mich um und wische die Wangen ab. Eine Sekunde später nehme ich mit einem Lächeln und so, als sei ich der glücklichste Mensch der Welt, den ersten Cocktail und koste davon.
   Ungewollt fange ich an, zu grunzen, beherrsche mich, die Flüssigkeit nicht wieder auszuspucken. Mein Gott. Mit angehaltener Luft unterdrücke ich ein Husten. Ich habe das Gefühl meine Speiseröhre fängt Feuer. Alkohol. In dem Glas ist meiner Meinung nach hundertprozentiger Alkohol. Normalerweise trinke ich keinen. Aber … Ach, scheiß drauf. Ich bin im Urlaub. Da macht man Dinge, die man in der Regel nicht macht … Oder so ähnlich. Also schütte ich, nachdem ich von dem Feuercocktail getrunken habe, immer wieder den anderen, der aus Kokos zu bestehen scheint, hinterher. Ich hasse Kokos! Normalerweise. Meine Cocktailwahl stellt sich als mittelschwere Katastrophe heraus, genauso wie mein Urlaub auf dieser Insel.
   Urlauber kommen, Urlauber gehen. Die Bar ist nie ganz leer. Ich denke über die vergangenen fünf Jahre mit Mark nach. Was wir gemeinsam erlebt haben … und was nicht. Die Umgebung um mich herum blende ich vollkommen aus. Mit jedem Schluck merke ich, dass mein Körper leichter wird und ich mich eigentlich ganz gut fühle, wohl, fast schwerelos und … schaukelig. Ich kichere und spiele an meinem Haar herum. Meine Cocktails sind mittlerweile bis auf den letzten Tropfen leer, aber der Kellner war leider nicht mehr hier. Vermutlich bemerkt er schon von Weitem, dass ich genug habe. Meine Nase wird schwer und meine Oberlippe wölbt sich nach oben. Abgefahren. Ich taste das Gesicht ab, um zu sehen, ob das wirklich passiert.
   »Darf ich?«, höre ich plötzlich eine Stimme.
   Als ich meinen Kopf hebe und die Person erkenne, die soeben zu mir sprach, setze ich mich sofort aufrecht hin. Phin steht wie ein Fels in der Brandung vor mir. Mir wird schwindlig, heiß, ich werde nervös. »Ähm …«, sage ich nach einer gefühlten Stunde.
   Phin schaut mich wartend an, neigt dabei den Kopf wie ein süßer Spatz zur Seite. »Ja oder nein?«, fragt er mit einem Grinsen, das seine markanten Wangen fast bis vor seine unglaublichen Augen schiebt.
   Ich reiße meinen rechten Arm herum, dabei stoße ich meine zum Glück leeren Gläser um. »Oh. Mist«, schimpfe ich und versuche, sie mit hektischen Griffen, bevor sie vom Tisch rollen, aufzuhalten. Nur leider sieht es für mich so aus, als würden sie sich von allein wieder aufstellen. Ich habe sie nicht einmal berührt und sie stehen wie zwei stramme Soldaten vor mir. Komisch. Ich sollte mein Alkoholauffassungsvermögen infrage stellen.
   »Ja. Ja«, sage ich stockend. »Sitz … Ähm, setz dich. Ist noch alles frei.« Übertrieben streiche ich mein Haar nach hinten, obwohl es dazu überhaupt keinen Grund gibt. Ich würde mich jetzt nicht wundern, wenn er ohne ein Wort und fragender Miene wieder abhaut, aber er tut es nicht, und ich weiß nicht, ob ich darüber glücklich sein soll. Was macht er hier? Verfolgt er mich? Er ist doch ein Stalker.
   Phin setzt sich mit einem unglaublich verführerischen Lächeln direkt gegenüber von mir auf die Bambusbank. »Darf ich dir einen Drink spendieren?«, fragt er, sobald sein Hintern die Sitzfläche berührt.
   In meinem Bauch meldet sich wieder dieses komische Kribbeln. »Ja«, kommt nur von mir. Sein hellblaues offenes Hawaiihemd streichelt sanft seine festen Bauchmuskeln. Wie gern wäre ich jetzt dieses Kleidungsstück. Ich beiße die Zähne zusammen und schlucke laut. Hör auf zu sabbern, schimpfe ich mit mir und lecke über meine Lippen.
   Phin lehnt sich zurück, dabei zeigt sich mir ein atemberaubendes Sixpack. »Was möchtest du denn trinken?« Seine Badeshorts rutscht leicht nach unten, wobei meine Augen sicher drohen, aus ihren Höhlen zu fallen.
   Automatisch kneife ich meine Beine zusammen. »Wasser«, sage ich schnell. Ich hatte heute schon genug Alkohol. Ich muss schließlich noch nach Hause finden und mich konzentrieren – vor allem auf das bevorstehende Gespräch mit Phin. Es fällt mir im Moment oder in seiner Nähe echt schwer, nicht nur an das eine zu denken. Nicht an Mark. Auch nicht an Phin. Sondern an heißen und hemmungslosen Sex mit Phin. Also doch an Phin. Der Name raubt mir den Verstand, dabei muss ich jedoch auch an den Hund von Marks Mutter …
   Phin stößt ein kehliges Lachen hervor. »Wasser?« Dabei hüpft seine Brust auf und ab. »Nur Wasser?«
   Mein Mund ist ganz trocken, am liebsten würde ich eine Stunde lang Spucke sammeln und dabei die Augen schließen. »Ja.« Ich komme mir so beknackt vor, bilde mir ein, wie die Bambusbank in der Mitte durch mein Gewicht bricht, nach oben klappt und mich verschlingt, sodass ich mich nicht mehr wie mit heruntergelassener Hose dastehend fühle – in meinem Fall … Rock.
   »Bist du auf Diät?«, fragt er und mustert kritisch meinen Körper, reibt sich mit Daumen und Zeigefinger den Bart und kneift die Augen zusammen, als würde er versuchen, durch Beobachtung meinen BMI-Wert zu ermitteln.
   Unschuldig schlinge ich die Arme um meinen Brustkorb. »Ähm … Ähm, nein. Aber Wasser ist gut für die Wirbelsäule, für eine straffe Haut und einen klaren Kopf.« Scheiße! Was rede ich denn da? Himmel, ich werde heute noch in mein Unglück rennen, mich bis auf die Knochen blamieren, im Erdboden versinken, mich mit offener Wunde ins Meer stürzen, damit mich ein Hai frisst oder mich mit großer Absicht in eine rotierende Schiffsschraube ziehen lassen.
   »O… okay«, sagt Phin langsam und winkt den Kellner heran, der sofort meine leeren Cocktailgläser einsammelt, als er bei uns ankommt. Phin bestellt auf Englisch für mich ein Wasser und für sich etwas, das ich nicht verstanden habe und vermutlich auch nicht aussprechen kann. Ist ja auch egal. Dann legt er seine starken und sehnigen Arme auf den Tisch und beugt sich nach vorn. »Bist du allein auf Koh Samui, Lena?«, fragt er mit einer tiefen Stimme, die meine Adern zum Vibrieren bringt, danach zum Gefrieren und im Anschluss zum Schmelzen. Puh! Jetzt wird es ernst. Innerlich atme ich tief durch, sammele mich. Wie soll man da einen klaren Kopf bewahren?
   Eine frische Brise streift meine Wangen, zieht weiter und bringt so die Lichterkette in den Palmen zum Wackeln. Der Ton, der dabei entsteht, erinnert mich an Weihnachten. Es muss doch möglich sein, mit ihm eine normale Unterhaltung führen zu können. So wie am Strand, bevor meine Fantasie mit mir durchging. Toll, Lena! Ich höre den Applaus im Hintergrund. Vielleicht sollte ich ihn nicht von oben bis unten durchscannen und mir vorstellen, was sich unter seiner Hose befindet oder was seine Finger alles machen könnten. Doch wissen würde ich es schon gern. Ich könnte mit ihm wie mit meinem Bruder umgehen. Aber wie geht man mit seinem Bruder um? Ich habe doch gar keinen. Also schon, aber …
   Ich kratze meine Schulter. Anschließend stütze ich mich links und rechts mit beiden Händen an der Bank ab, kralle meine Fingernägel in den Bambus. »Ja«, sage ich kurz. Ich brauche eindeutig mein Wasserglas, damit ich mich dahinter verstecken kann. Leider ist es unsichtbar. Ich hätte mir eine Cola bestellen sollen – am besten in einem Zwanziglitergefäß.
   Phin reibt sich seine perfekte Nase. »Hat das einen Grund?«
   Der ist ja schon irgendwie unmöglich. Warum stellt er mir so viele Fragen? »Bist du Polizist?«, frage ich einfach so heraus, obwohl sich die Frage nicht einmal in meinem Gedächtnis gebildet hat. Meine Beine wippen, als würde ich auf einer Schaukel sitzen und immer höher schaukeln wollen, so hoch, bis ich allem und jedem davonspringen kann. Egal, wohin.
   Phin lehnt sich zurück und legt beide Hände auf seine Oberschenkel. »Sehe ich denn so aus?«, fragt er amüsiert. »Wie ein Polizist?« Den Beruf spricht er aus, als wäre er nicht sehr angesehen. Hätte ich fauler Beamter sagen sollen?
   Ich sammele Luft in den Wangen, puste sie laut aus und zucke mit den Schultern. »Woher soll ich denn wissen, wie ein Polizist aussieht? Ich erkenne sie nur an ihrer Uniform. Du stellst mir hier eine Frage nach der anderen, vielleicht kannst du in deinem Urlaub nicht richtig abschalten und verfällst immer wieder in eine Art Verhör«, erkläre ich ihm meine Annahme. Neben uns am Tisch kichern zwei junge Mädchen, höchstens sechzehn Jahre alt. Sie lenken ihre Blicke alle zwei Wörter in die Bar, bevor sie wieder in ein leises Lachen versinken.
   Mein sexy Gegenüber reibt sich mit seinen großen Händen verlegen den Nacken. »Ich möchte dich nur kennenlernen.« Mist. Am liebsten würde ich mich mit seinem Rücken unterhalten, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen. Oder nein! Er soll ganz verschwinden. Er macht mich ganz wuselig und durcheinander. Ich seufze leise. Warum habe ich nur meinen Bungalow verlassen? »Eigentlich bin ich hier, weil ich meinen Roman fertig schreiben wollte. Doch leider scheint das nicht zu funktionieren.« Und Phin ist ein Grund dafür. Aber das kann ich ihm nicht sagen.
   »Und warum nicht?«, fragt er und kneift sein linkes Auge zusammen.
   »Weil ich zu viel nachdenke«, kommt aus meinem Mund, wie die Kugel aus einer Pistole. Wann kommt endlich das Wasser?, singe ich in meinen Gedanken. Ich brauche etwas zur Abkühlung, um meinen Kopf wieder klar werden zu lassen, denn ich spüre, dass ich ein loses Mundwerk bekomme und meine Gedanken zu langsam werden.
   Phin nickt. »Und worüber?« Er wirkt, als könnte er mich voll und ganz verstehen.
   Hm … Irgendwie finde ich, dass er zu weit geht. Oder? »Also ich finde dich eigentlich schon ganz nett und so, aber auch ziemlich neugierig und auch ein bisschen frech«, sage ich und bemerke, dass ich nicht so schnell sprechen sollte, wenn ich ihn nicht anspucken möchte.
   Er lacht und platziert seine Arme wieder auf dem Tisch. »Frech?«
   Ich mache es ihm nach und ziehe eingebildet meine Augenbrauen nach oben, versuche, zielstrebig und vor allem nüchtern zu wirken. »Vielleicht geht dich das alles nichts an«, sage ich. In gewisser Weise tut es das ja auch nicht.
   »Geht es mich denn etwas an?«, fragt er und beugt sich ein Stück nach vorn, fixiert dabei meine Augen wie ein Wesen aus einer anderen Welt.
   Verlegen drehe ich den Kopf ein wenig zur Seite. »Nein«, sage ich schnippisch. Das Kichern der Mädchen geht mir langsam auf den Senkel. »Es geht dich überhaupt nichts an.« »Gut«, sagt Phin und lehnt sich zurück. »Wo kommst du her, Lena?«, versucht er es erneut.
   Mit gerunzelter Stirn richte ich meinen Blick auf sein Modelgesicht. Seine Lippen formen sich wieder zu einem Lächeln. Er scheint seinen Urlaub echt zu genießen. Wenn ich ihn sehe, grinst er. »Aus Hamburg«, sage ich geschlagen, als sei es die schlimmste Stadt der Welt. »Seit einer Woche wohne ich wieder bei meinen Eltern.« Meine Zunge kommt mir so geschwollen vor. Als würden darauf Wörter liegen, die dringend an die Außenwelt müssten. »Vorher habe ich …« Ich stoppe sofort, als Mark vor meinen Augen auftaucht. Meine Zunge schnalzt wie ein gedehnter Gummi gegen den Gaumen. Ich zucke zusammen und zwinge sie wieder zwischen meine Zähne. Was war in den Cocktails? Die Bambusbank wird langsam unbequem. Ich will in mein Bett.
   »Der Teil, der mich nichts angeht?«, fragt Phin und verschränkt die Arme vor seiner Brust. Kann er nicht einmal still sitzen bleiben? Mache ich ihn etwa auch nervös? Bestimmt nicht! Vielleicht macht er das unbewusst.
   Als ich in Phins Gesicht blicke, das sich nach seiner Frage mit tausend Kilogramm Mitleid füllt, nicke ich und knicke ein. Wie ein Gefangener, der nach einer langen Folter nur noch sprechen will, um den furchtbaren Qualen ein Ende zu bereiten. »Er ist so ein Arsch«, sage ich mit einer verzerrten Stimme. »Dieser miese Kackstiefel hat mich von Anfang an belogen.« Ich schüttele schniefend den Kopf, verdränge meine Tränen. »Ach. Vergiss es. Es hat doch eh keinen Sinn mehr. Dieser Mistkerl kann mir gestohlen bleiben. Einmal Betrüger, immer Betrüger. Er hat mich gar nicht verdient.« Ich atme tief durch, auch weil die kichernden Mädchen endlich ihr Bettchen aufsuchen.
   »Ich nehme an, dass der Arsch, Kackstiefel und Mistkerl dein Ex ist und du deshalb allein hier bist. Nicht, um unbedingt deinen Roman fertigzustellen, sondern um deine Ruhe zu haben. Du willst ihn vergessen, aber du kannst nicht aufhören, an ihn zu denken«, zählt Phin auf, wie eine auswendig gelernte Predigt.
   Nach der Erkenntnis von ihm ziehe ich eine Schnute und merke, wie meine Lider schwer werden. »Bist du … bist du ein Psychologe oder ein Priester?«, frage ich, versuche, nicht zu lallen. Es ist ja irgendwie dasselbe, fängt auf jeden Fall beides mit »P« an.
   Phin lacht leicht und schleudert mit einer kurzen Kopfbewegung eine Strähne seines blonden Haares von der Stirn. Hätte er mich gefragt, das hätte ich auch übernommen. »Hotelboy, Arzt«, zählt er auf. »Polizist, Psychologe, Priester, vielleicht findest du irgendwann meinen richtigen Beruf heraus.«
   Ich reibe mein linkes Handgelenk. »Weißt du? Am liebsten würde ich ihm einen Killer an den Hals hetzen und hier bleiben, wo mich niemand kennt. An Gift habe ich auch schon gedacht«, gestehe ich. Wenn er Priester ist, kann er mir die Beichte abnehmen. Sollte er Polizist sein, kann er mich wegen Gefahr, einen Mord zu begehen, festnehmen, und wenn er ein Arzt oder Psychologe ist, kann er mich wegen Geistesgestörtheit einweisen lassen. Das hört sich im Augenblick alles nicht schlecht an – zumal ich noch nie in meinem Leben in einem Beichtstuhl saß, im Knast oder in der Psychiatrie.
   Phin nickt und zieht die Mundwinkel nach unten – das erste Mal. »Das sind harte Worte.« Kaum hat der letzte Buchstabe seinen Mund verlassen, kommt der Kellner, und ich bekomme endlich mein Wasser. Das wurde aber auch Zeit. Ich reiße es ihm regelrecht aus der Hand und schütte die Hälfte sofort in mich hinein. Warum erzähle ich Phin das eigentlich alles? Warum fühle ich mich auf einmal so … so wohl und unbeschwert in seiner Nähe? Es ist ein schönes Gefühl, warm und herzlich. Kann man so schnell Vertrauen aufbauen? Spricht man so mit seinem Bruder oder soll ich es auf meinen erhöhten Promillewert schieben?
   Der kleine Kellner nickt, zieht den Kopf ein und verschwindet wie ein schleichender Skorpion über den Sand in die Bar.
   »Was hat er denn angestellt?«, hakt Phin vorsichtig nach und nippt an seinem Getränk. Für mich sieht es aus wie Cola. »Dein Ex.«
   Ich stelle mein Glas vorsichtig auf den Tisch und presse meine Lippen aufeinander. Soll ich? Soll ich nicht? Ihm davon erzählen? Ich überlege und …
   »Du kannst es mir ruhig sagen. Ich bin ein guter Zuhörer«, spricht er mir Mut zu.
   Somit fasse ich mir ans Herz und berichte, was mein ach so geliebter Ex angestellt hat. »Er … er hat ein Doppelleben geführt. Mark. So heißt er.« Phin sagt nichts, kräuselt nur seine Lippen. Also mache ich weiter. »Er hat eine Frau, eine neun- und eine dreijährige Tochter und einen sechzehn Monate alten Sohn.« Meine Stimme wird mit jedem Wort wehmütiger. »Er hat mit ihr zwei Kinder gezeugt, während wir zusammen waren, und ich habe davon nichts mitbekommen.«
   »Oh«, kommt aus Phins Mund. »Darf ich fragen, wie lange ihr zusammen wart.«
   »Fünf Jahre. Fünf beschissene Jahre, in denen ich so viel hätte erleben können und glaubte, dass er nur mich liebt und wir irgendwann heiraten und Kinder haben werden. Ich habe an eine gemeinsame Zukunft mit ihm geglaubt, habe mir schon alles in meinem Kopf zurechtgelegt. Kinder. Haus …«
   Phin räuspert sich. »Darf ich fragen, wie alt du bist?«
   Ich nicke und reibe mir die Nase. »Ich bin vierundzwanzig Jahre alt.« Jetzt fängt er bestimmt an, zu rechnen.
   »Und darf ich fragen, wie alt er war?«, sagt er unsicher.
   Ich werfe ihm einen bösen Blick zu, den er mit großen Augen entgegennimmt. »Kannst du bitte das komische ‚Darf ich‘ lassen? Frag einfach. Okay?« Ich kann ein Schniefen nicht verhindern. Was würde ich jetzt für einen langärmligen Pulli geben. »Er war vierunddreißig, er ist es immer noch. Ich dachte, dass ein älterer Kerl vielleicht wüsste, was er will und tut … ach, falsch gedacht. Er konnte sich nicht einmal zwischen schwarzer und weißer Unterwäsche entscheiden, konnte nicht einmal die Betten überziehen oder Wäsche waschen. Er hat wie ein kleines Kind seine Erbsen auf dem Teller gezählt. Und er hat mir immer laut keuchend mitgeteilt, wenn ihn sein Orgasmus übermannte. Als würde ich das nicht selbst merken. Ich musste doch nur auf die Uhr schauen. So ein Idiot.«
   Phin fährt sich mit der Hand durchs Haar. »Das ist natürlich bitter.«
   Ich kneife die Augen zusammen. »Bitter?«, schreie ich fast. »Das ist scheiße.« Ungewollt stoße ich auf, wobei die Hälfte meines Mittagessens in meinem Mund landet. Auf der Stelle drehe ich den Kopf zur Seite und presse die Lippen zusammen, sammele meinen bitteren Mageninhalt wie ein Hamster in den Wangen. Verflucht ist das ekelhaft. Mit verzerrtem Gesicht schlucke ich alles schnell wieder hinunter, stelle mir Phins Ausdruck vor, würde ich ihm jetzt vor die Füße kotzen.
   »Ich habe ihm in die Eier getreten, als ich es herausgefunden habe. Er sagte, dass er nicht wusste, wie er es seiner Frau, mit der er schon seit über zehn Jahren verheiratet ist, sagen sollte«, lenke ich schnell ab, wende mich Phin wieder zu und erfasse seine gerunzelte Stirn. Ach Mensch. Er weiß doch ganz genau, dass ich nicht mehr ganz dicht in der Birne bin. Was soll’s, so kann ich wenigstens munter weitermachen. Ich kichere und schlucke nochmals, um dem säuerlichen Geschmack zu entkommen. »Er hat gequiekt wie ein Schwein. Ich hoffe, er kann keine Kinder mehr zeugen.« Das konnte Mark anscheinend vorher auch nicht mehr, vermutlich war nach seinem dritten Kind die Luft raus – oder nur noch Luft drin. Vor einem halben Jahr erzählte er mir, dass er sich Kinder mit mir wünscht. Ich hatte nichts dagegen, hatte mich über seinen Wunsch sehr gefreut. Ich meine, ich bin schließlich alt genug, er sowieso und da ich mir meine Zukunft mit Mark schon vollkommen vorgestellt habe … Warum nicht? Es klappte aber leider nicht. Wahrscheinlich war nur Melissas Gebärmutter für ihn bestimmt. Oder es lag an mir, vielleicht wusste mein Körper, dass er mir etwas verheimlicht. Im Augenblick bin ich allerdings sehr froh darüber. Wenn ich jetzt noch ein Kind an der Backe hätte … Alleinerziehend. Nein, danke! Wenn ich daran denke, dass er schon drei Kinder hat, frage ich mich, wie man nur so krank im Kopf sein kann.
   »Wie hast du es herausgefunden?«, fragt Phin und ich stelle mir vor, wie er ein Blatt Papier auf ein Klemmbrett heftet und meine Antworten notiert.
   In der Bar gehen nach und nach die Lichter aus. »Dieser Blödian hat das falsche Handy bei mir liegen lassen. Ach, was sage ich da? In unserer Wohnung hat er es liegen lassen. Nein! Eigentlich war es seine. Ich nahm ab, wusste ja nicht, wem dieses rote Handy mit dem Celine Dion-Klingelton gehörte. Sogar seinen wirklichen Musikgeschmack hat er mir vorenthalten.« Ich schüttele den Kopf. »Seine Frau war am anderen Ende. Melissa. Ab da ging es rund. Ich habe seine ganzen Sachen aus dem Fenster geworfen. Da es seine Wohnung war …« Ich zucke mit den Schultern. »Pech gehabt. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich sogar die komplette sanitäre Einrichtung herausgerissen. Man kann sagen, ich habe aufgeräumt. Die Wohnung war danach fast leer und seine Sachen … so gut wie kaputt, weil wir im fünften Stock wohnten.«
   Phins Lippen formen sich zu einem schmalen Streifen, dazu verzieht er schmerzhaft das Gesicht, als würde er mit Mark mitfühlen. Dabei bildet sich unterhalb seines rechten Auges ein Grübchen, das man nur durch einen optimalen Lichteinfall wahrnimmt. »Und dazu noch der Eiertritt?« Jetzt schenkt er mir wieder ein Lächeln – ein brüderliches.
   Ich nicke stolz wie ein Lehrer, der den ersten Schultag überstanden hat. »Ja, der kam zum Abschluss. Wäre er nicht sofort in die Knie, hätte ich noch einmal zugetreten. So ein Weichei. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Das ist jetzt knapp drei Wochen her. Ich bin sofort ausgezogen und zu meinen Eltern. Seit einer Woche bin ich hier.« Ich schnaufe erleichtert laut aus. Es tut sehr gut, mit jemandem zu sprechen und der Alkohol in meinem Blut hilft mir dabei.
   »Meine Familie und Freunde wollten mich ablenken, mit kochen, Partys und sonst noch irgendwelchen wirren Einfällen. Ich weiß, dass sie es nur gut meinen. Meine Freundinnen wollten sofort, dass ich jemand neuen kennenlerne, in meinem Alter. Mein kleiner Bruder hat mir geraten, es mal mit Frauen zu versuchen. Auf die ganzen Ratschläge hatte ich keine Lust mehr. Das nervte und deshalb bin ich kurz entschlossen hierher geflohen.«
   Phin kratzt sich am Arm und schwenkt den Kopf leicht hin und her, als würde er etwas abschätzen. »Fliehen ist zwar keine Lösung, aber Urlaub schadet nicht, und wenn du nicht geflohen wärst, hätten wir uns nicht kennengelernt.«
   Meine Mundwinkel formen sich auf der Stelle zu einem Lächeln. »Du bist so süß«, sage ich und merke, dass ich anfange, zu lispeln. »Ich glaube, du bist doch ein Psychologe.«
   Phin grinst wie ein Junge, der unverhofft im Legoland erwacht ist.
   Ohne Vorwarnung fange ich an, zu gähnen. »Oh, ich glaube, ich sollte in mein Bett gehen.« Als ich den letzten Schluck von meinem Wasser nehme, klingelt plötzlich mein Handy, Coldplay mit Paradise in der David Garrett Geigenversion.
   Das kann nicht sein. Meine Augen werden groß, als ich die vier Buchstaben auf meinem Display sehe. Sie passen in keiner Weise zu dem Lied. Highway to Hell wäre jetzt wohl angebrachter – für ihn. »Mark«, sage ich laut und knalle das Glas auf den Tisch, wobei ich etwas verschütte.
   Phins Mundwinkel sacken nach unten. »Vielleicht solltest du jetzt nicht mit ihm sprechen«, rät er mir mit ernster Miene.
   Doch es ist zu spät. Ich nehme ab und drehe mich zur Seite, sodass er mein Gesicht nicht sieht. »Was willst du, Mark?«
   »Lena … Lena. Bist du dran? Du hörst dich so weit weg an.« Im Hintergrund vernehme ich ein Rattern, als würde er an einem Bahnhof stehen.
   Ich lache. Wie blöd muss man sein? »Das liegt wohl daran, dass ich mich zurzeit nicht im Land befinde.« Seine Stimme macht mich wütend. Wenn ich durch das Handy greifen könnte, würde ich ihn verprügeln.
   »Du bist weg, warum?«, fragt er bedrückt.
   Was für eine doofe Frage. Ich verdrehe die Augen, balle meine Hand zu einer Faust. »Darum. Was willst du?«, gebe ich belanglos zurück.
   Er schnappt kurz nach Luft. »Lena. Melissa hat mich verlassen. Sie hat sich die Kinder geschnappt und ist zu ihrer Mutter nach München gefahren. Ich vermisse dich. Können wir es nicht noch einmal miteinander versuchen?«
   Bitte, was? Ich bin kurz davor, aufzustehen, mein Handy in sämtliche Einzelteile zu zerschlagen und hysterisch schreiend ins offene Meer zu rennen. »Noch einmal versuchen? Hast du einen Knall?« Ich reibe mir überfordert die Stirn. Ich hätte nicht abheben sollen.
   Er schnieft. »Bitte, ich brauche jemanden zum Reden. Ich brauche dich.« Er hört sich verschnupft an, was mich jedoch in keiner Weise stört. Soll er doch heulen. Es hat ihn schließlich auch nicht beeindruckt, wenn ich es gemacht habe.
   Nervös tippe ich mit den Zehen auf den Sand. »Mark, du hast genug Freunde zum Reden. Und wenn von denen keiner Zeit hat, dann stell dich vor den Spiegel.« Ich hoffe, er hat einen neuen, denn der alte flog auch aus dem Fenster. »Und jammere dir selbst die Ohren voll, aber lass mich gefälligst in Ruhe. Für immer. Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben. Lösche mich aus deiner Kontaktliste, denn das werde ich jetzt auch tun.« Ich nehme mein Handy vom Ohr. Bevor ich auflege, höre ich noch ein gequältes ‚Lena, Schatz‘. Schatz? Das kann er sich sonst wo hinstecken. Was bildet er sich überhaupt ein? Denkt er, dass ich ihm einfach so verzeihe? Denkt er, dass ich auf ihn warte oder nur für ihn lebe? Ganz sicher nicht!
   Ich wende mich wieder Phin zu und lege mein Handy beiseite. »Der hat vielleicht Nerven. Kommt wieder zu mir gekrochen, weil Melissa ihn verlassen hat. Recht hat sie. Wie doof muss man denn überhaupt sein?«, sage ich, als würde mir der Anruf nichts ausmachen. In Wirklichkeit wäre ich jetzt am liebsten aufgestanden, in meinen Bungalow gerannt und hätte mich heulend in das Bett geworfen. Aber wie würde das denn aussehen? Ich bin schließlich keine sechzehn mehr.
   Phin sagt nichts, schweigt, schaut in die dunkle Bar, dann aufs Meer hinaus. Er überlegt und ich bemerke an seinen kreisenden Wangenknochen, dass er seine Zähne zusammenpresst. Toll! Wie immer versaut Mark alles. Ich lasse mir das Gespräch mit ihm noch einmal durch den Kopf gehen. Warum hat Melissa ihn erst jetzt verlassen?
   Phin kratzt sich am Kopf und holt aus, um etwas zu sagen. Doch ich komme ihm einfach zuvor. »Du … du hast dir bestimmt mehr von unserem Gespräch erhofft. Du wolltest dir bestimmt nicht meine Männerprobleme anhören. Obwohl … es gibt ja jetzt im Moment keinen Mann in meinem Leben. Na ja, dann sind es eben nur Probleme. Aber das ist ja auch doof, wenn ich dich nur mit meinen Sorgen zulalle und du nicht zu Wort kommst. Ich habe mir meinen Urlaub ganz anders vorgestellt. Ich wollte eigent…«
   Phin beugt sich mit einem Mal über den Tisch, legt seine Hand in meinen Nacken und zieht mich ein Stück näher zu sich heran. Eine Sekunde später liegen seine Lippen auf meinen. Ein unglaubliches Verlangen nach ihm schießt in meinen Bauch, hinauf zu meiner Brust und mein Unterleib krampft sich schon fast schmerzhaft zusammen. Seine feinen Barthaare kitzeln meine Haut. Meine Fresse.
   Ich halte die Luft an und reiße wie ein Siebenschläfer die Augen auf, verhalte mich so, als sei ich noch nie in meinem Leben geküsst worden. Automatisch spitze ich die Lippen, als würde ich Mama einen Abschiedskuss geben. Ich werde stocksteif und spüre, dass meine Wangen rot werden, anfangen zu spannen. Meine Füße bohren sich in den Sand, die Hände in den Stoff des Rockes. Es ist ein langer, aber nicht zu intensiver oder fordernder Kuss. Einfach nur zurückhaltend und … wunderschön. Phins Lider sind nur halb geschlossen, er beobachtet meine Reaktion genau.
   Als ich kurz davor bin, mich zu entspannen und mitzumachen, löst er sich von mir. Meine Lippen sind noch immer zu einem Kussmund geformt. »Ich fand den Abend und unser ausführliches und ehrliches Gespräch sehr schön und … interessant.« Er zwinkert mir zu.
   Das glaube ich ihm aufs Wort. Er streichelt mit dem Daumen über meine Lippen, hinterlässt ein knisterndes Kribbeln, das sie pelzig werden lässt. Seine anderen Finger streicheln meinen Nacken, wobei sich meine Härchen hochstellen. Seine Augen fixieren meine, ziehen mich in eine wohltuende Schwere, und wenn ich ehrlich bin, möchte ich für eine Weile dort bleiben.
   Ich schlucke hart, laut, um meine Stimme wiederzufinden. »Eigentlich wollte ich keinen Mann kennenlernen. Ich bin absichtlich nach Thailand geflogen, weil mir die Männer hier nicht so gut gefallen. Nur leider habe ich nicht daran gedacht, dass auch andere Menschen Urlaub hier machen.« Mein Mund bewegt sich dabei kaum.
   Phin grinst und leckt sich über die Lippen. »Das soll vorkommen.«
   Ich lache künstlich. »Ja. Wenn ich gewusst hätte, dass du hier bist, wäre ich auf die andere Seite der Insel gefahren.«
   Er lehnt sich zurück und setzt sich wieder auf seinen Platz. »Wirklich?«
   Ich nicke, als habe ich ihm eben ein tolles Kompliment gemacht. »Ich wollte mir eigentlich den Wasserfall ansehen. Du weißt schon? Den, den Leonardo di Caprio in dem Film ‚The Beach‘ hinuntergesprungen ist, aber dann dachte ich daran, dass er einem Kerl die Frau ausgespannt hat und in Titanic hat er es auch nicht anders gemacht. Deshalb lasse ich den Trip jetzt sein. Das erinnert mich sonst wieder an meine Situation und ach … Eigentlich will ich nicht unbedingt unter Leute.«
   »Es gibt genug andere schöne und einsame Flecken auf der Insel«, flüstert Phin und platziert seine ineinandergeschobenen Finger vor seinem Mund.
   Bei der Vorstellung mit ihm irgendwo allein zu sein, fange ich an zu zittern. »Ja, die soll es geben.« Ich spüre noch immer seinen Kuss auf meinem Mund. »Ich … ich sollte jetzt wirklich gehen.« Ich weiß nicht, warum. Auch, wenn ich mich jetzt zum größten Affen der Insel mache, aber plötzlich will ich so schnell wie möglich aufstehen und flüchten. Seinen Augen, seinen Blicken, seinem Kuss, einfach dem ganzen Mann Phin entkommen.
   Als ich mich ruckartig erhebe, habe ich das Gefühl als würde die Erde beben. »Hoppla«, sage ich belustigt und stütze mich am Tisch ab. »Ich trinke normalerweise keinen Alkohol, aber ich dachte: Hey, du bist im Urlaub, mache doch einmal eine Ausnahme, etwas richtig Verbotenes.« Etwas richtig Verbotenes? Mist! Ich sollte jetzt wirklich meinen Mund halten. Hier ist sie, die peinliche Ferienunterhaltung. Für wie borniert muss er mich halten, wenn ich Alkohol zu etwas Verbotenem zähle? Schwankend versuche ich, irgendwo Halt zu finden, wünsche mir, mein Bett würde wie Hans’ Bohnenranke gleich neben mir aus der Erde schießen.
   Phin steht mit einem Mal hinter mir und stützt mich. »Ich werde dich nach Hause bringen«, sagt er einfühlsam, und ich spüre seinen Atem in meinem Nacken.
   Mein erster Gedanke nach seinem Angebot: Hat er ein Flugzeug? Einen Atemzug später fällt mir ein, dass er bestimmt nur den Bungalow meint. »Nein. Musst du nicht. Ich kenne den Weg.« Kaum ist das letzte Wort aus meinem Mund, haut es mir den Boden unter den Füßen weg und ich lande auf den Knien. Die feinen Sandkörner bohren sich angenehm in meine Haut. »Verdammt«, lalle ich und bin froh darüber, dass nur noch ein paar einzelne Urlauber unterwegs sind.
   »Komm schon«, sagt Phin, während er die eine Hand in meine Kniebeugen und die andere um meinen Rücken legt. »Ich trage dich.« Einen Wimpernschlag später hebt er mich hoch, als würde ich nichts wiegen. Anschließend liege ich in seinen kräftigen Armen – wehren ist zwecklos.
   Alles dreht sich, kommt und geht. Also lasse ich es einfach über mich ergehen, lasse mich fallen, entspanne mich. Es macht mir nichts aus, dass er mich berührt. Nein! Ich empfinde es als sehr angenehm, ohne irgendwelche Hintergedanken.
   Ich schlinge die Arme um seinen Nacken und lege den Kopf auf seinen Brustkorb. Phins Kinn berührt mein Haar. Ich atme tief seinen männlichen Duft ein, der eine narkotisierende Wirkung auf mich hat. »Mark ist so ein Arsch«, nuschele ich. Meine Lippen berühren seine warme Haut.
   »Ja, ist er«, gibt er mir ohne ein Zögern recht.
   Ich scheine ihn auf meiner Seite zu haben. Daraufhin schlafe ich friedlich ein.

Kapitel 3

»Phin, du dummer Idiot, du bist so hirnrissig. Warum machst du das?«, fluche ich mit mir, während ich die Tür aufmache, den Bungalow betrete und sie mit dem Fuß wieder zustoße. »Du hast einen eigenen Bungalow und ich schleppe dich zu mir nach Hause.«
   Zielstrebig laufe ich Richtung Schlafzimmer, genieße Lenas warmen Atem und ihre weichen Lippen auf meinem Brustkorb. Wie ein Äffchen klammert sie sich an mir fest. Eine angenehme Gänsehaut, die mir eben überhaupt nicht passt, schleicht sich über meinen Körper.
   Diese Frau ist einfach … Sie kann nur ein Traum sein – ein Traum, der mir unbewusst einen kräftigen Schubs in die richtige Richtung gab. Als ich sie das erste Mal sah, war mir sofort klar, dass ich endlich einen Neuanfang wagen, dass ich das Alte hinter mir lassen muss. Sie ist ein Zeichen. Anders kann ich mir ihr plötzliches Auftauchen in meinem Leben nicht erklären. Sie ist genau das Zeichen, auf das ich so lange gewartet habe und ich hätte niemals im Leben geglaubt, es hier in Thailand zu finden.
   Vorsichtig lege ich sie auf mein Bett, stütze ihren Nacken, lasse den Kopf sanft ins Kissen gleiten und knipse die Lampe auf dem Nachttisch an. Strähnen ihres goldbraunen Haares legen sich auf ihr rundliches Gesicht. Achtsam streiche ich sie beiseite, um Lena besser betrachten zu können. Sie stöhnt, brummt unverständliche Worte und kratzt sich die Stirn. Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken. Sie ist klein und zierlich, einfach bezaubernd. Bei jedem Griff, bei jeder Berührung habe ich Angst, sie zu verletzen. Sie sieht aus wie … wie … »Hör auf, Phin«, ordne ich mir barsch an, komme mir vor, als würde ich vollkommen neben mir stehen – verrückt.
   Mein Herz schmerzt, wie ich es schon lange nicht mehr gespürt habe. Mit jedem Schlag scheint es meine alten Wunden auf die grausamste Weise aufzureißen – Wunden, die ich nicht einmal meinem ärgsten Feind wünsche. Scheiße! Mit stockendem Atem und einem schmerzverzerrten Gesicht ziehe ich die Decke über Lenas Körper und setze mich neben sie an den Bettrand. Tue ich hier das Richtige? Was soll ich sonst machen – mit ihr … mit mir?
   Lena hat ihre Augen geschlossen, sie atmet laut durch die Nase. Ab und an zucken ihre Lider, die von wunderschönen Wimpern umrandet sind. Ihre sanften Gesichtszüge sind entspannt und ich wünsche ihr einen schönen Traum – ohne ihren Ex Mark. Sie hängt noch an ihm, sehr sogar.
   Ich schüttele über mich den Kopf. Was erwarte ich? Sie waren schließlich fünf Jahre zusammen. So eine lange Zeit wirft man nicht einfach weg, auch wenn alles nicht nur schön war. Ich weiß, wovon ich spreche. Vermutlich tut das jeder.
   Lena dreht sich langsam auf mich zu und schmatzt wie ein kleines Kind, was mir ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert. Sie ist so … süß – tiefgründiger wage ich jedoch nicht, sie im Moment zu beschreiben. Auf einmal öffnet sie ihre überwältigenden Augen, sie treffen mich wie ein Blitz, verpassen mir Herzrasen und einen angenehmen Stoß in die Magengrube. Sie glänzen und funkeln in allen Grüntönen der Welt, schauen jedoch irgendwie ins Leere und verraten mir somit, dass sie leider betrunken ist. Ihre unsichere Art hat es mir vom ersten Augenblick angetan, sie hat mich regelrecht verzaubert. Ihre Worte, die sie ausspricht, obwohl sie sie eigentlich nicht von sich geben will.
   Sie lächelt verschlafen, wodurch sich unter ihrem rechten Auge, direkt neben der Nase ein Grübchen bildet, das man sogar durch das fahle Licht sehr gut erkennt. Und dieses eine Grübchen macht sie für mich noch schöner.
    »Wo bin ich?«, fragt sie.
   »Bei mir«, sage ich leise, kann meinen Blick nicht von ihrem Gesicht lassen. Als hätte sie magische Kräfte, zieht sie mich völlig in ihren Bann.
   Lena bohrt ihren Kopf ins Kissen und seufzt. »Du bist nett«, flüstert sie, hebt ihre Hand und legt sie auf meine Wange. Sofort durchflutet mich Hitze auf höchstem Niveau. Von Erregung heimgesucht zucke ich zusammen, stehe kurz vor einem Herzstillstand. Im ersten Moment bin ich wie erstarrt, wage es nicht einmal, zu blinzeln und betrachte nur dieses wundervolle Wesen in meinem Bett.
   Ich bin erstaunt darüber, was ihre hauchfeine Berührung bei mir auslöst – zu viel – ich komme mir vor wie ein Teenager, der sich nicht unter Kontrolle hat. Meine Beine werden weich, meine Oberschenkel beginnen zu ziehen und ich habe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, obwohl ich sicher auf dem Bett sitze. Als ich spüre, dass es in meiner Hose enger wird, nehme ich ihre Hand und umschlinge sie mit meiner.
   »Ich kann auch nett sein«, wispert sie. Jedes ihrer Worte wird leiser.
   Ich schnappe ungewollt nach Luft, versuche mit heftigem Schlucken, den Kloß in meiner Kehle loszuwerden. Wenn ich hier nicht sofort verschwinde, kann ich für nichts mehr garantieren. Am liebsten würde ich sie küssen, ihr die Kleider vom Leib reißen. Ich will sie unter mir stöhnen und wimmern hören, ich will sie überall berühren, streicheln und …
   Verdammt Phin, hör auf damit, sie ist betrunken, das kannst du nicht bringen. Erschrocken über meinen Tonfall lege ich ihre Hand neben ihren Kopf und stehe auf. »Du solltest jetzt schlafen«, sage ich mit bebender Stimme, fange an, am ganzen Leib zu schwitzen.
   Sie nickt, lacht leicht, bettet ihre Hand unter ihr Gesicht und vergräbt sie in ihrem braunen Zopf. »Okay.« Mit einem Lächeln schließen sich ihre Lider.
   Herrgott noch mal! Was macht sie nur mit mir? Sobald ich mir sicher bin, dass sie schläft, ziehe ich ihr mit zitternden Händen die Schuhe aus, schalte das Licht aus und verlasse fluchtartig das Zimmer, stolpere fast über meine Beine, die noch immer nicht ihre Standhaftigkeit zurückerobert haben. Dennoch … Raus hier!, feuere ich mich an.
   Im Flur angekommen, lasse ich achtlos die Flipflops fallen und schließe vorsichtig die Tür. Dann lehne ich mich überfordert an die Wand und fahre mir mehrmals durchs Haar. Jeder meiner Finger zittert auf eine andere Weise. Ich hätte sie niemals ansprechen dürfen. Ich hätte ihr nicht in die Bar folgen sollen. Ich hätte sie nicht küssen dürfen.
   Der eine Kuss – unser erster Kuss, bei dem ich fast die Beherrschung verlor, sie am liebsten auf den Tisch geworfen hätte, ihren Rock hochgezogen, ihren Slip zerrissen und …
   »Scheiße«, fluche ich. Aber vor allem hätte ich sie niemals in mein Bett legen dürfen. Meine Gefühle veranstalten ein Rockkonzert während einer Achterbahnfahrt. In mir passiert etwas, das eigentlich nicht passieren sollte. Schon allein … ihretwegen.

*

»Wohin bringst du mich?«, frage ich Mark, der mich mit seinen Pranken auf den Hüften einen erdigen und unebenen Weg entlangführt. Da er meine Augen mit seinem weißen T-Shirt verbunden hat, bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Und das tue ich. Schon vom ersten Moment an, als wir aufeinandertrafen. Seine wasserblauen Augen versprühen eine wohltuende Tiefgründigkeit für Körper und Seele, die jeden Menschen dazu bringt, ihn zu mögen. Das rede ich mir zumindest ein, Tag für Tag, da es gewisse Leute gibt, die ihn leider nicht leiden können.
   Die Hitze bringt mich fast um, aber ich genieße jede Schweißperle, die über meine Haut rinnt. Über uns rascheln vereinzelt Blätter, verraten mir, dass wir uns in einem Wald befinden. Das Laub reibt aneinander und verursacht ein beinah beruhigendes Geräusch, das sich mit den verschiedenen Vogelstimmen zu einer wundervollen Melodie vereint.
   Obwohl ich nichts sehe, weiß ich, dass sich vor meinen Augen das Paradies für Mensch und Tier befindet. Ab und an streicheln Gräser meine nackten Beine. Mal sind sie fest, kratzen über die Haut, mal lassen sie sich ohne Problem aus dem Weg schieben.
   »Lass dich überraschen«, flüstert Mark dicht an meinem Ohr und lehnt seinen breiten und muskulösen Brustkorb gegen meinen Rücken. Seine Haut ist warm und feucht, versichert mir, dass er wirklich bei mir ist. Ich stelle ihn mir in seinen sexy Shorts vor, und wie schnell ich ihm die von den Hüften holen könnte, um … aber sein blödes T-Shirt versperrt mir die Sicht.
   Quiekend ziehe ich mein Genick ein und genieße die Gänsehaut, die seine feinen Berührungen, sein heißer Atem, aber vor allem seine erregte Stimme auf meinem angespannten Leib hinterlassen, in vollen Zügen. An seinem schlaksigen Gang bemerke ich, dass er mit gespreizten Beinen geht, damit er mir nicht in die Quere kommt. Somit spüre ich aber auch eine Beule in seiner Hose, die die wildesten Fantasien in mir weckt. Wir haben noch nie in der freien Natur …
   »Es wird dir gefallen«, versichert er mir und knabbert an meinem Ohrläppchen. Sein süßlicher Duft raubt mir fast den Verstand.
   Ungewollt zische ich, reiße die Augen auf und schnappe ziemlich laut nach Luft, als sich ein angenehmes Pochen zwischen meinen Beinen ausbreitet, parallel quälend langsam meinen Bauch und meine Wirbelsäule hinaufwandert und ich so ein unterdrücktes Stöhnen von mir gebe. Ich liebe es!
   Marks weiche Lippen jagen eine fast unbändige Hitze durch meine Adern, lassen mein Blut kochen, somit stehe ich kurz vor einem gewaltigen Ausbruch. Ganz ruhig, Lena, versuche ich, mich zu beruhigen. Unter diesen lustvollen Bedingungen fällt mir das Laufen unheimlich schwer, meine Beine werden zu Wackelpudding und fangen an, zu zittern. »Hör auf, wenn du nicht willst, dass ich falle«, mache ich Mark mit bebender Stimme klar, verschlucke mich beinah dabei.
   Eine Sekunde später wünsche ich mir, ich hätte diesen Satz nicht laut ausgesprochen, denn Mark lässt mich mit einem Mal los, worauf ich abrupt und enttäuscht stehen bleibe. Was hat er denn jetzt? Hätte ich wieder mal meinen Mund halten sollen, weil er nahezu jedes Wort auf die Goldwaage legt.
   »Um das zu verhindern, gibt es nur eine Lösung«, unterbricht er meine Gedanken. Seine Stimme klingt tief, lässt mich erschaudern und für einen Augenblick überlege ich, ob ich hier wirklich mit Mark bin. Doch diese Zweifel verschwinden schnell, als er ein leises Lachen hervorstößt, wie er es nur von sich geben kann.
   In dem Moment stelle ich mir sein makelloses und kantiges Gesicht vor, seine vollen Lippen, die sich zu dem schönsten Lächeln formen, das ich jemals in meinem Leben gesehen habe.
   Neben mir raschelt es hohl im Gebüsch, hört sich an, als würde dieses nur aus dürren Stängeln bestehen. Eine laut summende Mücke surrt zitternd durch die Gegend, als schimpfe sie über irgendetwas. In einer nicht allzu weiten Entfernung höre ich das gleichmäßige Rauschen eines Wasserfalls.
   Mit beiden Händen nach vorn ausgestreckt, drehe ich mich um und versuche, Mark zu ertasten. »Welche denn?«, frage ich und lecke mir über die Lippen, schmecke Salz. »Wo bist du?« Ein hauchfeines Lüftchen weht einen zitronenähnlichen Duft in meine Nase.
   Wieder höre ich Mark leise lachen, dann spüre ich seine Hände überall auf meinem nur mit einem Bikini bekleideten Körper, eine Sekunde später liege ich in seinen Armen. »Ich werde dich tragen«, sagt er und setzt sich wieder in Bewegung.
   Ich schreie mit einem hohen Ton auf. »Mark«, sage ich und lege den Arm um seine Schultern, streichele seinen Nacken. Mit der anderen Hand fahre ich über seinen feuchten und nackten Brustkorb, atme tief durch und bin im Augenblick der glücklichste Mensch des Universums und darüber hinaus. Mein Herz brüllt vor Freude und ich muss mich sehr zusammenreißen, um nicht mit einzustimmen. Langsam schmiege ich die Wange an seine, reibe unsere Haut aneinander und wippe mit seinen Bewegungen.
   Nach gefühlten zehn Stunden suche ich seine Lippen. Als ich sie finde, ziehe ich mich ein Stück nach oben und küsse ihn mit einer hemmungslosen Leidenschaft, wie ich sie noch nie zuvor verspürt habe.
   Mark stöhnt auf und bleibt stehen. Während sich die Welt schwindelerregend um uns dreht, finden wir Halt aneinander. Einfühlsam beginnt er, jede Stelle meines Körpers in seinen Armen zu erforschen, seine Fingernägel kratzen verlangend über meine empfindliche Haut.
   Ich keuche und versteife mich, meine Finger durchwühlen sein volles Haar. Bestärkt durch diese heftige Reaktion zieht Mark mich dichter an sich heran. Ich spüre, dass er sein Tun kurz verringert, als würde er überlegen, ob das Hier und Jetzt wahr ist. Ich kann es selbst nicht glauben, denn so kenne ich ihn nicht. Gefühlvoll. Verlangend. Romantisch. Sanft und liebevoll. Als sei er nur für mich da, als wäre er ein anderer Mensch.
   »Nicht aufhören«, hauche ich gegen seinen Mund, nicht fähig, lautere Töne von mir zu geben. In meinem Bauch herrscht ein einziges Wirrwarr, das sich langsam aber sicher in jeder Faser meines Körpers ausbreitet. Ich lasse es sehr gern zu und mich vollkommen fallen, zerfließe regelrecht in seinen Armen. »Nicht aufhören«, sage ich noch einmal, um mich zu vergewissern, dass er mich verstanden hat.
   Und somit gibt er seinem Verlangen wieder nach und kostet weiter meine Lippen, die nur danach schreien von seinen berührt zu werden, immer und immer wieder. So lange, bis uns die Luft ausgeht und wir vor Sauerstoffmangel kaum noch klar denken können.
   »Warte einen Moment«, bittet er mich auf einmal, worauf ich den Kopf mit einem enttäuschten Wimmern zurücknehme, meine Lunge sich jedoch mit einem leichten Stechen für eine regelmäßige Luftzufuhr bedankt. Innerlich verdrehe ich die Augen: Das war es wieder. Verdammt! Warum muss ich immer um Sex betteln? Warum kann er mich nicht einfach mal machen lassen? Hat er etwa Angst davor … oder vor mir?
   Mark lässt meine Beine los und stützt meinen Rücken. Einen Wimpernschlag später stellt er mich auf harten Untergrund ab, nimmt mir sein T-Shirt von den Augen und wirft es achtlos beiseite. Meine weichen Knie knicken kurz ein, doch Mark hält mich mit seinen starken Armen bei sich, schützt mich.
   Endlich – endlich kann ich ihn betrachten, vielleicht mit einem anturnenden Augenaufschlag mein Vorhaben etwas voranbringen. Ich stütze mich an seinem Brustkorb ab und lächele ihn an, hebe die Hände und taste wie eine Blinde jede Stelle seines Gesichtes ab. Seine große Nase, die vollen Brauen, seine unendlich blauen Augen, die durch seine hohen Wangenknochen kleiner wirken, als sie überhaupt sind. Seine feinen Wangen, das eckige Kinn und zum Schluss seine verführerischen Lippen. Ich sehe nur ihn, blende alles um uns herum aus. Wie kann ich diesen Mann nicht lieben? Wie kann es sein, dass er mich liebt?
   »Was denkst du?«, flüstert er, während er meinen Rücken streichelt. Dadurch, dass ich fast nichts anhabe, spüre ich jeden einzelnen Finger von ihm auf der erhitzten Haut.
   Ich schenke ihm einen aufreizenden Blick und schnalze mit der Zunge. »Das …«, kommt hauchfein aus meinem Mund, keinen Atemzug später treffen unsere Lippen wieder aufeinander, worauf meine Gedanken völlig außer Kontrolle geraten. Diesmal ist der Kuss fordernder und drängender, nur auf der Suche nach einem Ziel – unendlicher Befriedigung. »Mark«, stöhne ich gegen seine Lippen, will nur noch eines von ihm, doch er lässt es nicht zu. Das kann doch nicht sein! Was soll ich denn noch tun?
   Er schüttelt den Kopf, umfasst meine Schultern und schiebt mich ein Stück zurück, lässt mich mit meiner qualvollen Sehnsucht nach ihm allein. Mit einem spitzbübischen Grinsen mustert er mein Gesicht, und ich bin mir sicher, dass in meinen Augen die blanke Lust geschrieben steht. Verflucht noch mal! Ich hasse es, wenn er das tut. Mich erst scharfmachen und dann wie eine ausgelutschte Tomate fallen lassen.
   Ich schlucke laut, runzele die Stirn und ziehe die Mundwinkel nach unten, lasse ihn meine Wut über den plötzlichen Kussabbruch und meine Enttäuschung spüren. Aus den Augenwinkeln heraus erkenne ich in einem hohen Baum eine zerwuselte Eule, die uns aus ihrem Nest beobachtet. Sollte sie um diese Uhrzeit nicht schlafen? Dann schenke ich meine vollkommene Aufmerksamkeit wieder Mark, will ihn zur Rede stellen. »Was …?«
   Er stoppt meine Worte, legt den Zeigefinger auf meine Lippen. »Drehe dich um«, fordert er mich auf und sieht über meinen Kopf hinweg, wobei seine Augen ein ungewöhnliches Funkeln bekommen.
   Ich presse die Lippen zusammen und folge seiner Aufforderung, drehe mich herum und … erstarre. Unwillkürlich halte ich die Luft an, drohe, von der Schönheit der Natur auf eine überaus angenehme Weise erschlagen zu werden. In meinem Brustkorb entwickelt sich ein starker Druck, meine Nase beginnt zu brennen und Tränen sammeln sich. Eine Libelle, deren Flügel fächerartig ihren schmalen, im Sonnenlicht rosa-glitzernden Körper einrahmen, huscht an meinem Gesicht vorbei, macht Geräusche wie ein Helikopter im Kleinformat.
   Mark legt die Hände auf meine Schultern und gibt mir einen Kuss auf den Hinterkopf. »Was sagst du?«, fragt er mich, worauf ich laut ausatme.
   Vor uns befindet sich ein Wasserfall, inmitten eines dichten Waldes, durch dessen Grün der Blätter er wie aus einem Märchenbuch erscheint. Der See, der sich vor dem herabfallenden Wasser bildet, ist eingerahmt von exotischen Früchten, Pflanzen und glatten Steinen, die verschiedene Formen aufweisen und teilweise mit hellem Moos bewachsen sind.
   Alle Farben unserer wundervollen Erde scheinen sich hier zu versammeln, gierig das Sonnenlicht in sich aufsaugen zu wollen. Das Wasser fällt so dicht über helles Gestein, man könne meinen, jemand hat ein weißes Laken über den Felsen angebracht. Vögel fliegen über den See hinweg, hin und her, machen Pirouetten und vollführen undefinierbare Figuren, als würden sie ‚Wer hat Angst vom schwarzen Mann‘ spielen. Den Frieden, der sich auf dieses paradiesische Stück Erde legt, möchte ich für immer spüren, am liebsten nie wieder missen.
   Ich wende mich Mark mit Tränen in den Augen zu. »Das ist wunderschön«, sage ich leise, um diese märchenhafte Idylle nicht zu verderben.
   Er grinst siegreich. »Was hältst du davon, wenn wir den Tag heute hier verbringen?«, fragt er und zwinkert mir mit einem Schnalzen zu.
   Ich werde ernst und schlucke laut, während meine Augen wieder jeden Punkt seines Gesichtes scannen. »Ich habe nichts dagegen«, wispere ich, ehe sich unsere Lippen wieder treffen und ich mir von ganzem Herzen wünsche, dass dieser Moment niemals zu Ende geht.
   Es riecht frisch nach Sommer. Ich fühle mich wohl. Ein Geräusch, als würde jemand ein Papier neben meinem Kopf zerknüllen, dringt an mein Ohr. Hat Mark etwas zu essen dabei? Wo hat er das her? Ob wir …?
   Plötzlich zieht sich ein stechender Schmerz durch meine Stirn, mein Mund ist trocken. Ich verziehe das Gesicht und streiche darüber, lasse keine Stelle aus. Mit einem tiefen Ächzen drehe ich mich auf den Rücken und mache vorsichtig die Augen auf.
   Dann werde ich mit voller Wucht in die Realität zurückgeholt. Mir wird klar, dass ich nur von Mark geträumt habe, als ich keinen Wasserfall höre und keinen blauen Himmel sehe. Nicht doch!, jammere ich. Mit einem Mal schieße ich hoch. Wo bin ich?, frage ich mich mit einer schrillen Stimme. Das ist definitiv nicht mein Schlafzimmer. So etwas kann ich mir auf keinen Fall leisten.
   Mist! Phin? Der Phin vom Strand. Der Phin aus der Bar. Der Phin mit den tollen Augen. Der Phin … Mein Herz macht sich mit kurzen, aber harten Stößen bemerkbar. Hektisch schlage ich die Decke beiseite und begutachte meinen Körper, ob es irgendwelche Anzeichen für eine heiße Nacht mit Phin gibt. Doch nichts. Keine verräterischen Flecken. Das Laken ist weiß wie Schnee. Und ich sehe aus wie frisch geduscht. Ich trage noch immer dieselbe Kleidung wie gestern, auch mein Slip ist an der richtigen Stelle.
   Puh, Glück gehabt.
   Aber wie zum Henker komme ich hierher? Ich suche hastig das Zimmer ab. Es ist riesengroß, genauso wie das superweiche Bett. Durch die bodentiefen Fenster auf der einen Seite strömt mir grelles Sonnenlicht entgegen, das den Raum durch die Scheiben erhitzt.
   Ein leckerer Geruch und bekannte Laute dringen durch die offene Schiebetür. Töpfe, Teller und Gläser scheppern aneinander, als würde derjenige nicht wissen, was er tut. Ein winziger Gedanke von mir ist bei Mark. Aber ein größerer bei Phin. Und plötzlich kommen mit einem Schlag die Erinnerungen vom gestrigen Abend zurück. Das Gespräch über Mark. Ich, betrunken in Phins Armen und jetzt in seinem Bett. Der Kuss. Nein! Ich will weinen – ich will weg, mich verstecken. Sogar einen Ausflug mit Mark würde ich jetzt in Kauf nehmen. Denn … Wie komme ich unbemerkt aus diesem Bungalow hinaus?
   Ich werfe einen Blick auf den Nachttisch. Darauf steht ein Glas mit stillem Wasser. Ohne zu fragen, ob es für mich bestimmt ist, greife ich danach und nehme ein paar Schlucke. O ja. Das tut gut. Ich darf es damit jedoch nicht übertreiben, denn meine Blase drückt unbändig und ich will hier auf keinen Fall noch ein Klo aufsuchen müssen, bevor ich gehe – wohl eher flüchte.
   Sobald ich das Glas wieder abgestellt habe, steige ich leise aus dem Bett. Mein Kopf pocht in einer Tour, gefolgt von einem Klirren in den Ohren, als würde der Weihnachtsmann mit seinen Rentieren vorbeifahren. Ich werde nie wieder einen Tropfen Alkohol anfassen. Das war mir eine Lehre.
   Wie ein Dieb schleiche ich über den kratzigen Teppichboden zur Schiebetür und spitze hinaus. Rechts ein langer Gang, links ein langer Gang. Beide nur in gedämpftes Licht getaucht. Meine Flipflops stehen mir gegenüber, als gehören sie schon immer dahin. Wohin muss ich? Ich komme mir wie eine Schwerverbrecherin vor. Ich fühle, dass einzelne Strähnen meines Haares in alle Richtungen abstehen, der Rest noch fest in einem Zopf verankert. Hoffentlich laufe ich Phin nicht über den Weg.
   Rasch schnappe ich mir meine Schuhe, um ihnen zu zeigen, dass sie hier nichts verloren haben, genauso wenig wie ich. Auf Zehenspitzen gehe ich einfach nach links. Nach gefühlten zehn Schritten und schmerzenden Zehen biege ich nach rechts ab und … halte abrupt an. Denn auf einmal befinde ich mich in einer silbernen Hochglanzküche, die von allen Seiten mit Tageslicht erhellt wird. Phin steht mit dem Rücken zu mir und brät etwas in einer Pfanne, die den leckeren Duft von sich gibt. Mein Magen macht sich bemerkbar, indem er sich krampfend zusammenzieht, jedoch brav bleibt und nicht knurrt, um mich zu verraten.
   Phin pfeift fröhlich in einem weißen T-Shirt und einer hellen, etwas enger anliegenden Badeshorts vor sich hin. Ich muss zugeben, dass sein Hintern in dieser kurzen Hose ein besonders gutes Bild abgibt. Nicht ablenken lassen, Lena, rede ich sachte auf mich ein und widme mich wieder meinem Vorhaben – meiner Flucht. Innerlich nicke ich kräftig und klopfe mir auf die Schulter.
   Mein Blick schweift fast panisch durch die Wohnung, bis er an einer Tür hängen bleibt. Sie scheint in die Freiheit zu führen. Meine Rettung.
   Ich setze mich wieder in Bewegung, leise, unbemerkt. Dabei streiche ich mein Haar so gut es geht zurecht, was durch den Zopf mein Erscheinungsbild wahrscheinlich nur noch schlimmer aussehen lässt, mit der anderen kralle ich mich schützend an meine Schuhe.
   Phin bemerkt mich nicht. Meine Flucht verläuft sehr gut, wie ins kleinste Detail geplant. Ich bin sehr stolz auf mich. Doch als ich die Hälfte hinter mir habe, dreht er sich plötzlich mit der Pfanne in der Hand um. Er hört sofort auf, zu pfeifen, verstummt. Sein verwunderter Blick trifft mich, droht mich mit einer Bowlingkugel umzuwerfen. Für eine kurze Zeit umfasst uns Stille, und ich habe das Gefühl, dass der Raum schrumpft, er engt mich vollkommen ein.
   Ich reiße den Mund auf, kneife die Augen zusammen und bleibe stocksteif stehen. Wenn ich ihn nicht sehe, vielleicht bemerkt er mich auch nicht. So ein Schwachsinn, Lena! Das kann doch nicht sein. Nicht einmal drei Meter trennen mich von der Tür. Was soll ich jetzt machen? Einfach hinausrennen? Schreien?
   Phin stellt die Pfanne ab. »Guten Morgen«, sagt er freundlich, als würde ich gelassen vor ihm stehen. »Wolltest du schon gehen?«
   Ich sage nichts, sehe nichts, bewege mich keinen Millimeter.
   »Lust auf Frühstück?«, fragt er, und ich höre, dass er in der Pfanne herumkratzt. Er kann froh sein, dass das meine Oma nicht mitbekommt. Pfannenkratzen ist für sie ein absolutes No-Go.
   Ich nehme ein leises Lachen wahr. »Du kannst dich ruhig bewegen. Ich habe dich gesehen. Und du kannst auch mit mir sprechen, wenn du willst. Gestern Abend warst du ja auch ziemlich gesprächig. Geht es dir gut? Brauchst du eine Tablette für deinen Kopf?«
   Seine Fragezeichen drohen mich zu erschlagen. Meine Schmerzen sind im Moment mein geringstes Problem. Ich öffne die Augen und drehe mich zu ihm, zwischen uns eine Theke. Meine Güte ist der Kerl scharf. Ein tiefer V-Ausschnitt bietet verlockende Aussichten auf seinen wahnsinns Brustkorb. Ich überkreuze meine Beine.
   Phin hebt die Pfanne, als sei sie sein bester Freund. »Rührei?«, fragt er. Seine fast außergewöhnlich-orangen Augen, in denen sich das Tageslicht und das Silber der Küchenschränke spiegeln, sehen aus, als wären sie nicht von einem Menschen. Hoffen wir mal, dass kein Werwolf in ihm steckt.
   Ich stelle mich mit einem Seufzen entspannt, ich versuche es zumindest, aufrecht hin. Mit den Schuhen deute ich auf die Tür. »Ich wollte … Eigentlich habe ich gar keinen Hunger und …«
   »Du solltest aber etwas essen. Ich meine, nachdem du gestern zu viel getrunken hast«, fällt er mir ins Wort, bearbeitet weiter die Pfanne.
   Ich beiße mir auf die Unterlippe. Eigentlich habe ich nicht viel getrunken, ich vertrage nur nichts. Wie peinlich. »Es tut mir leid, wenn ich irgendetwas Falsches gesagt oder getan habe. Oder … oder ich dich mit meinen Problemen genervt habe.«
   Phin grinst. »Hast du nicht.« Er füllt einen auf der Theke stehenden Teller mit dem geschlagenen Ei. »Iss wenigstens ein bisschen.« Er stellt die Pfanne in die Spüle und wischt sich die Hände an einem weißen Tuch ab. »Ich gehe jetzt unter die Dusche, solange kannst du das Rührei in Ruhe genießen.« Er holt aus einer Schublade eine Gabel und legt sie neben den Teller. »Wenn ich fertig bin, würde ich mich freuen, wenn du noch da bist, wenn nicht, dann …« Er zuckt mit den Schultern und geht, lässt mich einfach stehen.
   Phin unter der Dusche, nackt. Das Wasser rinnt genüsslich über seinen Körper, Tropfen für Tropfen, an jede Stelle. Über sein Haar, seine Wangen, vereinen sich im Nacken, laufen gleichzeitig an Rücken und Brustkorb hinab, über seinen Hintern und … Bis sie auf dem Boden der Dusche landen. Wie gern wäre ich einer dieser Wassertropfen. Es schüttelt mich, als hätte ich etwas Bitteres zu mir genommen.
   Warum denkt er eigentlich, dass ich das Essen nicht in Ruhe genießen könnte, wenn er dabei ist? Vielleicht liegt es an deiner verkrampften Haltung, an deinen betörten Gedanken und daran, dass du in seiner Nähe nüchtern keinen normalen Satz aussprechen kannst, spricht eine innere Stimme zu mir. Sie soll die Klappe halten.
   Ich höre, wie Phin das Wasser anstellt. Wie lange wird er brauchen? Fünf Minuten, zehn? Ich lasse die Schuhe fallen, sprinte um die Theke, schnappe mir den Teller und schaufele wie eine Irre das Rührei in mich hinein. Wahnsinn, schmeckt das gut. Das könnte ich jeden Morgen verdrücken.
   Gibt es hier auch etwas zu trinken? Vorsichtig stelle ich den Teller auf die voll beladene Arbeitsplatte, bin froh, dass ich das nicht aufräumen muss, und sehe im Kühlschrank nach, der sich direkt neben mir befindet. In der Tür steht eine Saftflasche, die ich sofort wie einen Schatz an mich nehme.
   Als ich den Kühlschrank wieder schließe, taucht auf einmal Phin vor mir auf. Nur mit Handtuch bekleidet und nassen Haaren, die dadurch dunkler wirken und … alles an ihm ist nass, … feucht. Scheiße. Ich erschrecke und lasse die Flasche fallen, die ohne Zögern auf den Boden knallt und in sämtliche Einzelteile zerschellt. Wie eine ungeübte Ballerina springe ich zurück, um den Scherben und dem Saft zu entkommen, halte mir die Hände vor die Augen und drehe mich um. »Sag mal, machst du das mit Absicht?«, schreie ich ihn fast panisch an.
   »Was ist denn? Es ist doch alles bedeckt.« An seinem ausfallenden Ton erkenne ich, dass er mein Verhalten ziemlich übertrieben findet. O mein Gott, ich mutiere zum Spießer. Ich kann mich nicht einmal in der Nähe eines nackten Mannes aufhalten, ohne dass ich mich wie ein naives Kind verhalte, das zum ersten Mal eine Gift spritzende Schlange gesehen hat. Das ist alles Marks Schuld.
   »Alles bedeckt?«, wiederhole ich fassungslos. »Eine ungewollte Bewegung und dann ist nicht mehr alles bedeckt.« Meine Stimme zittert.
   Auf einmal nehme ich Schritte wahr, nackte, nasse Füße auf hartem Holz, als würden hundert Schwanzflossen auf den Boden patschen. Automatisch krampft sich mein Kiefer zusammen, meine Wangen beginnen zu zucken. Plötzlich spüre ich einen Luftzug in meinem Rücken. Sofort legt sich eine heftige Gänsehaut auf meinen Körper.
   »Und was soll das für eine ungewollte Bewegung sein?«, fragt Phin dicht an meinem Ohr. Sein Dreitagebart kratzt über meine Schulter. Seine Worte lassen mich erschauern, bewerfen mich mit Feuer und Eis zugleich.
   Erschrocken drehe ich mich um und da steht er, direkt vor mir. Im ersten Moment frage ich mich, wie er unbeschadet durch die Scherben kam, die eigentlich ein Schutzschild zwischen uns hätten sein können. Dann starre ich wie gebannt erst auf seinen durchtrainierten Brustkorb, dann in sein Gesicht. Seine Augen glühen, brennen. An seiner Schläfe laufen einzelne Tropfen hinunter, flüchten auf seine Schulter, verschwinden hinter ihm. Ich blinzele mehrmals und hätte mir am liebsten auf die Brust geboxt, um meinem Herz zu sagen, dass es gefälligst aufhören soll, so laut zu schlagen. Jeder Pulsschlag, der durch meine Adern jagt, lässt mich zusammenzucken.
   »Ich dachte, dass du nicht mehr hier bist, wenn ich wiederkomme«, flüstert er, hebt die Hand und legt meinen geflochtenen Zopf, der bestimmt schrecklich aussieht, in meinen Rücken, ohne auch nur einen Millimeter meiner Haut zu berühren.
   »Ich … ich bin aber noch da«, stammele ich vor mich hin. Lust und Gier erobern meinen Körper. Ich weiß nicht was ich denken, was ich machen soll.
   »Ja. Ich kann dich sehen«, sagt Phin und lächelt triumphierend. Er riecht nach Cashmere, wie mein teures Haarshampoo und irgendwie frisch und salzig, als hätte er im Meer gebadet. Instinktiv nehme ich zurückhaltend meine Hände auf den Rücken und verkralle sie ineinander.
   Als Phin sich zu mir herunterbeugt, weiche ich unmittelbar zurück, bis mich die verfluchten Küchenschränke aufhalten. »Was hast du heute vor, Lena?«, fragt er unbeeindruckt. Er streichelt zärtlich mit einem Finger erst über meine Wange, anschließend über mein Kinn. Mein Körper wird von lustvollen Stichen heimgesucht, und wenn er so weitermacht, versammeln sie sich an einer ganz bestimmten Stelle, und wenn das passiert, dann kann ich für nichts mehr garantieren. Ich muss hier so schnell wie möglich raus!
   Ich will auf keinen Fall auch nur einen Seufzer über meine Lippen kommen lassen, stattdessen atme ich scharf aus. Ich schlucke mein Begehren nach diesem Wahnsinnskerl hinunter und versuche, einen Satz am ganzen Stück hinauszubekommen. »Ich verschanze mich in meinem Bungalow und versuche, mit meinem Buch voranzukommen«, rattere ich hinunter. Gut gemacht, Lena.
   Phin wird ernst. »Und was machst du heute Abend?«
   Plötzlich spüre ich, wie seine andere Hand meinen Oberschenkel hinauffährt, dabei den Rock mit hochzieht. Ach, du meine Güte. Das macht er jetzt nicht wirklich, oder? Soll ich nach ihm treten?
   Ich reiße die Augen auf und zucke zusammen, wimmere, mein Körper bebt. Himmel. Ein heftiger Ruck schießt durch meinen Leib und ich nehme einen winselnden Lustschrei meines Unterleibs wahr, der mit jedem Pochen sagt, dass er für alles bereit ist. Ich bekomme keine Luft, ringe wie ein Fisch an Land nach Atem. »Schlafen«, presse ich hervor, unterdrücke ein Stöhnen, kann die wirren Gefühle, die durch meinen Körper sausen, nicht mehr lange zurückhalten.
   Phin kommt immer höher und näher. »Geh mit mir essen«, flüstert er, beugt sich nach vorn und reibt seine Wange an meiner, die sich auf der Stelle erhitzt. Herrgott! Was macht der Kerl nur mit mir? Sein Duft lässt meine Sicht verschwimmen, meine Sinne vernebeln. Lauwarme Tropfen setzen sich auf meiner Schulter nieder. Ich bewege mich kein bisschen, beiße mir auf die Unterlippe und versuche mit allen Mitteln, dieser Hand zu entkommen, auf gedankliche Art natürlich nur.
   Doch auf einmal … Nein! Ich merke, wie ich mir wünsche, dass seine Finger die versautesten Dinge mit mir machen. Meine Gedanken überschlagen sich und in meinem Kopf spielen sich verschiedene Szenen ab, die nicht einmal der perverseste Kerl auf Erden verfilmen würde.
   Meine Lunge droht zu versagen, da ich sie nicht genug mit Sauerstoff versorge. Mist! Ich kann nicht mehr. Ich schließe die Augen und konzentriere mich nur noch auf seine Hand, die endlich zwischen meinen Beinen angekommen ist. Am liebsten würde ich sie zusammenkneifen, stattdessen spreizen sie sich vor Erregung von selbst. Wenn das mal keine Einladung ist.
   »Das scheint dir zu gefallen«, haucht Phin in mein Ohr.
   Ich wünsche mir, er würde mich küssen, damit er die Klappe hält. Seine andere Hand streichelt sanft über meine Haut, bis sie in meinem Nacken ankommt. Seine Berührungen scheinen mich zu verbrennen, sich bis in meine Organe voranzufressen. Ich keuche und kralle mich ungezähmt in seine Schultern. »Wenn … wenn … wenn …«, stottere ich, bin kurz davor, ihm meine Lust vor die Füße zu knallen.
   »Wenn was?«, fließt seine rauchige Stimme in mein Ohr, darauf fängt er an, meinen empfindlichsten Punkt zu massieren. O mein Gott. Er macht es wirklich.
   Mir entfährt ein fast schon jämmerliches Stöhnen und ich spüre das Ziehen in meinem Unterleib auf köstlichste Weise. Am liebsten würde ich ihm sein Handtuch vom Körper reißen, ihn auf den Boden werfen und … »Wenn du nicht willst, dass ich dir in die Eier trete, dann hör auf.« Warum? Keine Ahnung. Um vielleicht nicht ganz so billig mit meinem Ich-habe-es-unbedingt-nötig-denn-mich-hat-seit-fast-drei-Wochen-niemand-mehr-angefasst-Verhalten herüberzukommen.
   Phin hält plötzlich kurz inne, mit allem, dann schiebt er langsam den Bund meines Rockes nach oben. »Soll ich aufhören?«, fragt er amüsiert, knabbert dabei an meinem Ohr.
   »Nein«, kreische ich fast, lege daraufhin den Kopf auf seine Schulter. Mein Körper schreit danach, von ihm berührt, bis zum Umfallen von ihm bearbeitet zu werden. Ich hätte auch absolut nichts dagegen, wenn er seine Gift spritzende Schlange herausholt. »Mach verdammt noch mal weiter«, raune ich heiser, und er tut es – und wie er es tut.
   Schande über mich. Ich bin kurz davor, Phin anzubrüllen, verrückt zu werden, denn er macht alles mit jeder noch so kleinen Bewegung schlimmer, schleudert mich in einen noch nie erlebten Rausch. Er zeichnet zärtlich meinen Bauchnabel nach, fährt weiter nach unten, unter den Slip und dringt ohne Vorwarnung in mich ein. Erst ein Finger, dann zwei, ein anderer kreist um meine sensibelste Stelle. Ach du lieber Himmel. Er weiß auf jeden Fall, wie es geht.
   Ich schreie vor Verlangen auf, recke ihm sofort wie eine rollige Katze mein Becken entgegen und kann nicht mehr aufhören, zu stöhnen. Mein Körper sehnt sich nach Erlösung. Ich kann nicht glauben, was hier passiert und dass ich das einfach so zulasse.
   Phin schiebt seine Finger immer wieder zurück, nur, um sie dann noch tiefer in mir zu versenken. Zuerst ganz langsam, quälend. Anschließend erhöht er sein Tempo, wird drängender. Seine Lippen saugen sich an meinem Nacken fest.
   Kurz nehme ich wahr, dass irgendetwas von der Küchenzeile fällt, verdränge das Geschehen aber gekonnt, weil es jetzt in keiner Weise wichtig ist. Nur eins: Phins Finger und was sie mit mir anstellen. Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten.
   Als ich kurz davor bin, zu explodieren, beiße ich ihm in die Schulter, damit mich nicht die ganze Insel hört, wie ich meine gesammelte Lust auf einmal hinausbrülle. Und dann passiert es: Ich komme … und wie. Ich suche Halt an Phins Haut. Alles in mir krampft sich zusammen. Ich zittere, mein Herz rast und ich kann nicht anders, als Phins Bewegungen zu folgen und ihm meinen gewaltigen Orgasmus mit einer Heftigkeit zu präsentieren, wie ich sie noch nie erlebt habe. Ich scheine zu fliegen und gleichzeitig zu schwimmen, mein Körper zerspringt in Millionen Einzelteile. Eine Flutwelle an Gefühlen nach der anderen überwältigt mich immer wieder aufs Neue, bis meine Beine erschöpft nachgeben und ich schwer schnaufend auf den Boden sinke, in sicherer Entfernung zu den Scherben.
   Phin bleibt bei und in mir, hält mich, gibt keinen Ton von sich. Seine Hand löst sich aus meinem Nacken und streichelt beruhigend über meinen Rücken. Meine Augen sind geschlossen, mein trockener Mund noch immer auf seiner Schulter. Ich versuche, meinen Herzschlag und meine Atmung wieder zu normalisieren. Meine Gedanken versinken im Chaos. Das gibt es doch nicht. Und wir hatten noch nicht einmal richtigen Sex, nicht einmal einen intensiven Kuss.
   Als Phin seine Finger aus meinem Slip nimmt, reiße ich die Augen auf und zucke zusammen. Ich lasse ihn auf der Stelle los, als wäre sein Körper mit einer ätzenden Substanz belegt. Er beugt sich zurück und mustert mich in meinem noch immer erregten Zustand.
   Mit einem Schlag komme ich wieder zu mir. Alles geht wie von selbst. Ich hole aus und schmettere ihm ungebremst meine flache Hand ins Gesicht. »Du blödes Arschloch«, brülle ich ihn keuchend an. Seine Haut wird sofort rot.
   Phin reibt sich amüsiert die Wange und haucht ein Lachen hervor. »Was? War das alles? Das kannst du bestimmt noch besser, oder?« Er zwinkert.
   »Du … du Idiot. Was … was hast du gemacht?«, frage ich empört, rolle den Rock nach unten und stoße ihn ein Stück von mir.
   Er verzieht das Gesicht und deutet auf mich. »Ich glaube, ich habe dir eben einen gigantischen Orgasmus beschert. Was bist du jetzt eigentlich so zickig? Du solltest mir dankbar sein.«
   Ich öffne verärgert den Mund. »Ich glaube das nicht.« Hilflos kralle ich mich an einen Küchenschrank, der leider keinerlei Halt bietet, und stehe mit Gummibeinen auf. Schwankend, schlimmer als im Vollsuff, suche ich nach einem Ausweg. Ein Muskelkater ähnlicher Schmerz zieht sich durch meine Oberschenkel, endet in meiner noch immer pulsierenden Mitte.
   Phin erhebt sich ebenfalls und will mir zur Hilfe kommen, mich stützen, doch ich stoße seine Hand zurück. »Du … du …« Auf seiner Schulter sehe ich meine Zahn- und Fingernagelabdrücke. Der Beweis meiner Begierde und meiner ungezügelten Lust.
   Er zieht eingebildet seine Brauen nach oben, wartet auf eine vernünftige Aussage. Meine Augen werden jedoch von etwas anderem abgelenkt. Ich starre wie berauscht auf sein Handtuch, das eine eindeutige und nicht zu kleine Erhebung an der richtigen Stelle anzeigt.
   Ich stolpere in Lichtgeschwindigkeit an ihm vorbei, hüpfe über die Scherben der Saftflasche. »Ich … ich hätte nicht bleiben sollen.« Während ich in meinen Gedanken schon die Tür öffne, versuche ich, meine Schuhe beim Laufen aufzuheben. Als ich sie jedoch nicht zu fassen bekomme, flüchte ich.
   »Was ist mit dem Abendessen?«, schreit Phin mir nach.
   Der hat sie wohl nicht mehr alle. Ich winke ab und hoffe, dass er es als eine Das-kannst-du-vergessen-Geste aufnimmt.
   Sobald ich seinen Bungalow verlasse, eile ich über den Vorgarten, zertrete Blumen und alles, was sich mir in den Weg stellt. Im Slalom laufe ich um die Palmen, Richtung Strand. Ich habe leider ein unangenehmes Problem: Mein Slip ist durch diese Aktion völlig durchnässt. Wieder ein Beweis, dass ich es wollte – vielleicht auch brauchte. Ich habe das Gefühl, einen fetten Kloß zwischen den Beinen mit herumzuschleppen und meine Blase ist kurz vorm Platzen.
   Die Sonne blendet mich und ich könnte schwören, sie richtet all ihre Strahlung auf mich, um mich zu bestrafen. Aber warum? Ich könnte heulen. Müsste ich nicht normalerweise zufrieden und überaus befriedigt sein? Warum reagiere ich so … so aufgewühlt?
   Als ich endlich am Strand ankomme, muss ich mich erst einmal orientieren. Die überaus vielen Leute, die an jedem freien Platz ihre Handtücher und Sonnenschirme ausbreiten und das Geschrei von Kindern jeder Altersklasse, das sich mit dem Rascheln der Palmen vermischt, geben mir sofort zu verstehen, dass sich Phins Bungalow auf der anderen Seite der Strandbar befindet. Hier ist viel mehr los, hier ist alles teurer, definitiv nichts für meinen Geldbeutel. Zwei Gründe, warum ich mich für mein bescheidenes Domizil entschieden habe.
   Meine Güte. Das war der Wahnsinn. So etwas habe ich noch nie erlebt. Das schaffte nicht einmal Mark, wenn wir miteinander schliefen. Mein erstes Mal mit ihm – ja, ich habe meine Unschuld erst mit neunzehn Jahren verloren, und zwar an einen verheirateten Mann – war schön. Aber eben nur schön, so wie die anderen Male in unserer Beziehung auch. Ich dachte, das könnte sich noch steigern, vielleicht hat er sich nur zurückgehalten. Er hat mich zwar nie unbefriedigt zurückgelassen, aber ich musste immer am Ball bleiben und mich beeilen, teilweise auch nachhelfen. Er hatte seine Finger nie in mir. Aber das … Mensch, Phin. Warum? Wie soll ich ihm je wieder gegenübertreten?
   Der Sand brennt unter meinen Füßen. Mir kommt eine vierköpfige Familie entgegen, gefolgt von einem schwulen Pärchen. Ich kann es mir nur einbilden, aber ihre eindringlichen Blicke sagen mir, dass sie wissen, was ich vor ein paar Minuten erlebt habe. Sogar die Kinder, die ich höchstens auf vier bis sieben Jahre schätze.
   Ich hetze an der Strandbar vorbei, die noch geschlossen hat, und denke an die zwei Cocktails, denen ich das zu verdanken habe. Es gibt nur eine Lösung: Ich muss abreisen. Sofort. Nein! Dafür war der Urlaub zu teuer. Ich muss mein Haar schneiden lassen, mir ein anderes Aussehen zulegen. Eine neue Identität anschaffen. Gesichtsoperation.
   Er weiß, wo mein Bungalow ist. Ich muss mich den Rest meines Urlaubs einsperren. So könnte ich mit meinem Roman fertig werden. Essen und Trinken sind genug im Kühlschrank, dafür habe ich erst vorgestern gesorgt. Wenn ich Glück habe, reist Phin morgen oder übermorgen schon ab, somit habe ich noch ein paar Tage für mich – zum Ausruhen.
   Was er jetzt wohl von mir denkt? Warum habe ich ihn geschlagen? Ich habe noch nie einen Mann geschlagen, abgesehen von Marks Eiertritt. Meine Hand kribbelt noch immer, als würden tausend Ameisen darüberkrabbeln.
   Mit einem heftigen Schwung reiße ich die Tür auf und knalle sie gleich wieder zu. Ich lehne mich dagegen und sinke auf den Boden. Meine Beine glühen, mein Körper ist noch immer bis aufs Höchste erregt und ich frage mich, ob er jemals wieder zur Ruhe kommt.
   Zitternd wühle ich durch mein Haar, versuche, den Zopf zu lösen, den ich schon als Knoten bezeichne. Plötzlich …, ein Gedankenblitz: Das kann nicht sein! Bitte nicht! Wo ist mein Handy?

*

Ich raufe mir im wahrsten Sinne des Wortes die Haare. »Du dummer Volltrottel«, murmele ich durch meine zusammengepressten Zähne. Wie kann man nur so doof sein? Am liebsten würde ich mich selbst verprügeln. Mich als Boxsack an die Wand hängen und von Kais kräftigen Fäusten richtig rannehmen lassen.
   Ich hätte sie nicht überfallen sollen, ich hätte sie gar nicht anfassen sollen. Ich …
   Überfordert und mit einem lauten Schnauben, als hätte ich den härtesten Kampf aller Zeiten hinter mir, streiche ich mit der kompletten Hand über mein Gesicht. Ich konnte die Hände einfach nicht mehr bei mir behalten, als Lena so unschuldig und unsicher vor mir stand, mir einen gierigen Blick nach dem anderen schenkte. Ihre grünen Augen waren gefüllt von Begierde und Lust, was mich vollkommen aus der Fassung brachte, ich sie einfach nur anfassen, küssen und … ihr Befriedigung verschaffen wollte.
   Ich schüttele den Kopf und unterdrücke ein Schmunzeln. Was ich erlebt und gesehen habe, was Lena mir geboten hat, war … Wow. Was sie jetzt wohl macht? In meinem Kopf zeigt sich das Bild, wie sie übereilt ihren Koffer packt und auf der Stelle abreist.
   Nervös laufe ich in der Küche auf und ab, diskutiere mit mir, ob ich zu ihr gehen soll oder nicht, ob ich mir damit einen Gefallen tue oder so nur meine alten Wunden erbarmungslos aufreiße. In meinem Magen entsteht ein unangenehmer Druck, der die Lungen einquetscht und den Herzschlag fast zum Erlahmen bringt. Doch die Angst zu ersticken schickt immer wieder Adrenalin durch meine Adern, sodass ich mit erhöhtem Puls mein Herumgerenne beibehalten kann.
   Aus der Stille heraus fängt mein Handy an, zu klingeln. Mit einem Brummen renne ich fast zur Küchentheke und schaue, wer mich stört. Jan. Mein Geschäftspartner und bester Freund. Warum ruft er um diese Zeit an? »Ja«, melde ich mich ruppig. Ich habe ihn gebeten, nur im größten Notfall anzurufen.
   »Hey Phin. Ich bin es«, begrüßt er mich freundlich.
   Ungewollt spitze ich die Lippen und unterdrücke einen unangebrachten Kommentar, denke nur gehässig: Was er nicht sagt, darauf wäre ich nun wirklich nicht gekommen. Ich kann mich im Augenblick selbst nicht leiden.
   Im Hintergrund höre ich ein leises Quietschen. »Wie ist dein Urlaub?«, fragt Jan, geht auf meine barsche Art nicht ein. Das kann er ziemlich gut.
   Ich verdrehe die Augen. Ist das alles, was er wissen will? »Ganz gut«, sage ich etwas sanfter. »Ist irgendetwas passiert?«, frage ich. Einerseits bin ich sauer auf ihn, weil er mich daran hindert, an Lena zu denken, andererseits lenkt er mich ein wenig von ihr ab. Also … Was will ich mehr? Ich sollte ihm dankbar sein. Doch tief in meinem Inneren sehne ich mich nur nach Ruhe, ein Grund, weshalb ich in Thailand bin.
   »Nein«, sagt Jan. Ich frage mich zum hundertsten Mal, warum er sonst anruft, da ich eigentlich in meinem Urlaub aus dem Büro nichts hören wollte. »Also doch«, verrät er plötzlich.
   Ratlos runzele ich die Stirn. »Was jetzt? Bist du etwa noch im Büro?« Ich versuche, in keiner Weise genervt zu klingen, trommele mit einer Hand auf die Theke, mit der anderen zerquetsche ich beinah mein Handy.
   Jan lässt einen Stift auf seinen Glasschreibtisch fallen. Das macht er ständig. Das Ding, das er auf einem Flohmarkt erstanden hat, ist von oben bis unten total zerkratzt. »Ja, aber ich werde gleich nach Hause gehen«, versichert er mir locker. »Aber stell dir vor?«, fängt er auf einmal an, als würde er mir eine spannende Gruselgeschichte erzählen. »Ich war vor zwei Tagen mit Iris auf dieser Messe in Berlin und da konnten wir einen richtig guten Auftrag an Land ziehen«, berichtet er stolz, was ich sogar durch das Telefon höre. Ich stelle ihn mir vor, wie er auf seinem überteuerten Schreibtischstuhl sitzt, durch die Scheiben auf den beleuchteten Hafen stiert und sich einmal im Kreis dreht. »Es ist ein richtig guter Auftrag«, fügt er noch hinzu.
   Aber … Iris. Scheiße, da war doch noch etwas. Ich habe dafür jetzt ehrlich gesagt keinen Kopf. »Das ist super, Jan«, gebe ich ihm übermäßig glücklich zurück. »Aber können wir das bitte besprechen, wenn ich wieder in Hamburg bin?« Ich reibe mir den Nacken.
   »Ja, klar. Kein Problem. Ich wollte es nur mal gesagt haben, damit du dich auf etwas freuen kannst und … warte mal.« Kurz wird es still in der Leitung, bis ich im Hintergrund eine weibliche Stimme höre, dann Jans wieder in mein Ohr dringt. Er lacht. »Ich soll dir von Iris sagen, dass sie dich vermisst und sich freut, wenn du endlich wieder da bist.«
   Ist sie etwa auch noch im Büro? Schön, das berührt mich in keiner Weise. Was soll ich darauf sagen? »Ja. Danke«, kommt trocken über meine Lippen.
   Jan schweigt kurz. »Ähm … ist bei dir alles in Ordnung? Du wirkst so … so niedergeschlagen, so nachdenklich und wortkarg.«
   Ihm entgeht aber auch gar nichts. Er kennt mich eben schon seit der Schulzeit. »Nein, es ist alles in Ordnung. Wir sehen uns in ein paar Tagen.« Ich lege einfach auf. Der Gedanke, dass die beiden eine Affäre haben könnten, beruhigt mich. Ich knalle mein Handy auf die Theke und erkläre mich für verrückt.

Zwei Tage ist es jetzt her, dass ich Lena das letzte Mal gesehen habe, dass sie mir ihr Verlangen in höchsten Tönen präsentierte. Gestern stand ich vor ihrer Tür, konnte mich jedoch nicht dazu überwinden, bei ihr zu klopfen oder mit ihr zu sprechen. Um ehrlich zu sein, machte mir ihre Reaktion in meiner Küche ein bisschen Angst. Ihr Schlag in mein Gesicht, nachdem ich sie … Ja, nachdem ich was? Nachdem ich sie beglückt, nachdem ich sie überrumpelt habe?
   Aber sie wollte es doch auch. Sie fühlte sich so gut an, warm und weich – einfach perfekt. Was, wenn sie mich nicht mehr sehen will?
   Verdammt noch mal, fluche ich und boxe auf die Theke, sodass die Gläser und Teller darauf vibrieren. Anschließend fange ich wieder an, hin und her zu laufen. Wenn ich so weitermache, kann ich mir das Joggen heute sparen.
   Gehe ich, gehe ich nicht, gehe ich, gehe ich nicht?, ringe ich mit mir wie Aschenbrödel vor ihrem ersten Ballbesuch. Weichei, schimpfe ich mit mir.
   Schlagartig bleibe ich stehen, hinterlasse imaginäre Bremsspuren. »Ich muss zu ihr. Jetzt. Zumindest muss ich mit ihr reden.«
   Das ist mein letztes Wort!

*

Seit zwei Tagen sitze ich nun in meinem klimatisierten Bungalow und traue mich nicht, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Von Phin habe ich seither weder etwas gesehen noch gehört, genauso wenig wie von meinem Handy oder meinen Schuhen. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, nicht langsam unter Entzugserscheinungen zu leiden, da ich noch nie lange von meinem Handy getrennt war. Ich hoffe, dass Mama nicht versucht, mich zu erreichen. Nicht, dass sie vor Sorge irgendeine Sondereinheit hierher schickt. So würde ich noch mehr Aufmerksamkeit auf mich ziehen – ich stehe nicht gern im Mittelpunkt. Das mochte ich noch nie.
   Die Notizblätter sind nach wie vor fast leer. Der Block liegt neben mir, noch an derselben Stelle, an der ich ihn zurückgelassen habe, als ich mich allein amüsieren wollte. Jede Stunde frage ich mich, wie man sich nur so kindisch und dämlich verhalten, wie man nur so blöd sein kann.
   Würde ein ausführliches Gespräch etwas nützen? Ich meine, er hat mein Inneres auf die wundervollste Weise erforscht und wir … wir kennen uns kaum. Wir sind nicht einmal zusammen. Ich glaube, ich könnte ihm nicht noch einmal in die Augen sehen. Ich würde mit Sicherheit keinen einzigen Ton hinausbekommen, stottern und am Ende vor Scham davonrennen. Oder vor Erregung auslaufen, den Slip wieder einsauen. Herrgott! Ich atme tief durch.
   Die Küchenuhr zeigt sechs Uhr in der Früh an. Ich kann seit dem »Vorfall mit Phin« nicht richtig schlafen, wache nachts völlig schweißgebadet auf und dusche drei Mal am Tag kalt, damit ich einigermaßen klar denken kann. Ich spielte schon mit dem Gedanken, dass er mich in irgendeiner Weise verhext haben könnte, denn so kenne ich mich einfach nicht. Voodoo oder so etwas.
   Ich ernähre mich seit zwei Tagen fast nur von Schokolade und Chips, Cola und Limonade, könnte alles durcheinander in mich hineinstopfen, ab und an durfte es auch eine ausgewogene Mahlzeit sein. Ich bin schon ganz hibbelig – weiß jedoch nicht, ob es an dem Zuckerüberschuss oder an Phin liegt.
   Gestern war ich den ganzen Tag damit beschäftigt auf und ab zu laufen und mir zu überlegen, ob ich doch mal bei ihm vorbeischauen soll, oder bei ihm einzubrechen, um mein Handy wiederzubekommen. Aber ich traue mich nicht, konnte mich nicht dazu überreden, egal, welches Argument ich vorschlug.
   Würde es nicht so absurd klingen, würde ich sagen, dass ich durch mein Herumgerenne einen tiefen Graben vor dem Sofa hinterlassen habe. Etwas Gutes hat die Sache aber: Ich denke nicht mehr so viel an Mark. In meinen Gedanken hebe ich siegreich die Faust.
   In der Küche sieht es aus, als habe eine gewaltige Atombombe eingeschlagen. Töpfe und Teller liegen bedeckt mit Essensresten verteilt auf der Arbeitsplatte und den Boden verzieren Chipsbrösel und Schokoladenpapierchen. Ich muss unbedingt aufräumen. So kann ich den Bungalow auf keinen Fall zurücklassen. Aber das hat noch Zeit. Immerhin bin ich noch vier Tage hier.
   Mit meinem Lieblingsbikini bekleidet, als würde ich gleich zum Strand gehen, sitze ich auf dem Sofa, die Zehen tippen unruhig auf den Boden. Durch das offene Fenster weht das Rauschen des Meeres herein. Ein Grund, warum ich hierher gekommen bin und jetzt – jetzt kann ich es durch Glasscheiben betrachten, genauso wie die Sonne. Ich fühle mich wie ein Fisch in einem Aquarium. Ich glaube, ich habe in den zwei Tagen die Bräune, die ich mir mit viel Geduld habe aufbrennen lassen, wieder verloren.
   Eigentlich … Da es noch ziemlich früh ist und bis jetzt nicht viele Menschen unterwegs sind, könnte ich doch einen kleinen Abstecher nach draußen wagen. Nur ganz kurz. Oder?
   Nach kurzem Überlegen und Abchecken von Pro und Kontra, beschließe ich, ein bisschen frische Luft zu tanken. Allerdings so, dass mich niemand sieht und wenn doch, dann so, dass ich schnell in meinen Bungalow flüchten kann. Das heißt: Mehr als zehn Schritte werde ich mich nicht von der Tür entfernen und sie bleibt auf jeden Fall offen.
   Während ich auf den Ausgang zulaufe, binde ich mein Haar zu einem Pferdeschwanz nach hinten, ignoriere dabei gekonnt die schmutzige Küche.
   Als ich die Tür öffne, muss ich erst einmal staunen.
   Unwillkürlich formen sich meine Lippen zu einem Lächeln und Phins nettes Gesicht taucht vor meinem inneren Auge auf. Mein Handy und meine Flipflops liegen auf einem unechten Stein neben der Palmenstufe, die in den Bungalow führt.
   Wie lange sind meine Sachen schon da? Phin. Er war hier und hat mich nicht gestört. Geht es ihm genauso wie mir oder will er jetzt nichts mehr von mir wissen? Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, da er nach meiner Hand in seinem Gesicht nicht schockiert wirkte. Ganz im Gegenteil. Er amüsierte sich eher über meine übertriebene Reaktion und schließlich wollte er danach noch immer mit mir essen gehen. Meine Finger in seinem Gesicht – seine Finger in …
   Ich schüttele den Kopf, meine Oberschenkel kneifen sich von allein zusammen, und ich hole tief Luft. Wenn ich ehrlich bin … Vermisse ich ihn? Ich schnaube abfällig. Auf keinen Fall! Verkrampft beiße ich mir auf die Lippen, verdränge die Gedanken und sehe mich um, ob ich ihn noch irgendwo entdecke. Selbst sein Rücken wäre mir jetzt einen Anblick wert.
   Lena, fauche ich mich an, zucke zusammen. Ich muss reden, brauche unbedingt Ablenkung. Eindeutig. Nicht direkt über oder mit Phin, einfach nur so. Schließlich habe ich in den letzten zwei Tagen meine Stimmbänder geschont – na ja, nach dem stöhnenden Schreianfall, den ich bei Phin hatte, musste ich meine Kehle etwas pfleglich behandeln. Ein zarter Gedanke sagt, dass ich den »Vorfall bei Phin« auf einmal nicht mehr so schlimm finde. In meinem Bauch breitet sich ein wohliges Gefühl aus. Hat er recht – dieser kleine Gedanke? Wird er irgendwann groß? Wenn ja, verwandele ich mich dann in ein notgeiles Flittchen, das es sich immer und überall besorgen lässt, egal, auf welche Art und Weise? Besser als ein Spießer zu sein, oder?
   Auf dem Weg zu einer Palme, die geschätzte sechs Meter von der Tür entfernt ist, fluche ich leise vor mich hin. Wie kann ich nur über so etwas nachdenken? Ich brauche jetzt unbedingt für ein paar Minuten eine sinnvolle Beschäftigung und wer könnte sich da nicht besser anbieten als Mama. Sie freut sich bestimmt, etwas von mir zu hören, auch wenn ich sie aus dem Schlaf reißen werde. Sie wird es ganz bestimmt überleben.
   In Sicherheit setze ich mich unter die Palme in dürres Gras, das harmlos an meinem Hintern pikst, und lehne mich an ihren krummen Stamm. Sie spendet Schatten in der thailändischen Hitze und sagt mit einem milden Rauschen, dass sie mir Bescheid gibt, wenn sich jemand nähert. Voller Vorfreude, für einen Moment wieder in die Zivilisation Deutschlands einzutauchen, überprüfe ich zuerst, ob der Akku noch genug Energie hat, und wähle die Nummer meiner Eltern.
   »Hallo«, meldet sich Mama nach nicht einmal drei Sekunden. Ihre freundliche Stimme zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht und in meinem Brustkorb breitet sich ein komisches Gefühl aus. Ich kann es nur als Heimweh bezeichnen. Es wird Zeit, dass ich wieder nach Hause komme. Zwei Wochen Einsamkeit sind doch etwas zu viel für mich.
   »Hallo Mama. Ich bin es«, versuche ich, so fröhlich wie nur möglich zu wirken.
   Im Hintergrund höre ich das Knipsen eines Lichtschalters. »O Lena. Hallo mein Schatz«, begrüßt sie mich herzlich. »Es ist Lena«, flüstert sie.
   »Hallo Lena, Süße«, sagt Papa mit einer verschlafenen Stimme, dabei schießen mir Tränen in die Augen. »Wie geht es dir?«
   Ich schniefe leise, was sie hoffentlich durch die große Entfernung, die zwischen uns liegt, nicht hören. »Ach, ganz gut. Es ist toll hier«, sage ich locker und reibe mir meine brennende Nase. »Ich wollte mich nur mal melden.«
   Mama atmet tief, fast erleichtert durch. »Kannst du ein bisschen abschalten? Was macht denn dein Roman?«, fragt sie. In den Tagen nach der Trennung von Mark konnte ich in jedem Gesicht meiner Familie erkennen, dass sie sich Sorgen um mich machen. Das war ein weiterer Grund, warum ich weg, einfach mal für mich sein wollte. Jedoch auch, um ihnen meinen Anblick und meine schlechte Laune zu ersparen. In Selbstmitleid zerfressen machte ich mir aber auch keine Mühe, meinen Frust, meine Enttäuschung und meine Wut auf Mark zurückzuhalten. Ein paar Tage lang hasste ich mich sogar, gab allem und jedem die Schuld an allem und nichts.
   Ich zupfe an dem braunen Gras herum. »Ja. Es ist ziemlich ruhig hier«, gebe ich ihr zurück. »Zum Schreiben bin ich leider noch nicht viel gekommen. Aber ich habe dafür viel Zeit zum Nachdenken.«
   In meinem Kopf ein Bild, wie Mama lächelt, sanft und ehrlich. »Dein Buch läuft dir ja nicht davon, Schatz. Lass dir Zeit und genieße deinen Urlaub«, rät sie mir. »Er geht sowieso viel zu schnell vorüber.«
   »Ja, ich werde es versuchen.« Ich stöhne geknickt auf, sodass sie es auch mitbekommt. »Hat … hat Mark meine restlichen Sachen vorbeigebracht?«, frage ich und kneife die Augen zusammen.
   Ich stelle mir vor, wie Mama bei diesem Namen ihr Lächeln schlagartig verliert und mit einem finsteren Blick zu Papa schaut. »Ja. Er war am Wochenende hier. Wir haben deine Sachen in der Garage verstaut, damit du sie gleich mitnehmen kannst, wenn du wieder zu Hause bist.«
   »Gut.« Ich nicke. »Könntet ihr ihm bitte nicht sagen, wo ich bin. Er hat nämlich vor ein paar Tagen bei mir angerufen.«
   »Auf keinen Fall«, schreit sie empört, wobei ich das Handy ein Stück von meinem Ohr entferne. Mark ist auch bei meinen Eltern unten durch.
   »Geht es um den Stinkstiefel Mark?«, fragt er mit einer tiefen Stimme. Eigentlich konnte Papa Mark noch nie richtig leiden. Er hat mich aber in keiner Weise mit Ich-habe-es-dir-gleich-gesagt- oder Ich-wusste-von-Anfang-an-,-dass-mit-dem-Kerl-etwas-nicht-stimmt-Vorwürfen beworfen, als unsere Beziehung in die Brüche ging.
   »Schh. Nicht so laut, Eddi«, beschwichtigt ihn Mama. »Dein Vater musste sich sehr zusammenreißen, als er plötzlich aufgetaucht ist. Mark war nicht lange hier, hat jeglichen Blickkontakt gemieden und hat auch keinen Ton gesagt«, berichtet sie.
   Ich stoße einen gehässigen Hauch hervor. »Ja, was soll er auch großartig sagen. Er hat fünf Jahre lang nichts gesagt, mich nach Strich und Faden belogen und … auch betrogen, während ich immer brav zu Hause saß und auf ihn wartete, putzte und Essen kochte, damit der werte Herr sich stärken konnte, bevor wir …« Ich bremse auf der Stelle meine Worte. Das sind doch etwas zu viel persönliche Informationen für meine Eltern – vor allem um diese Uhrzeit. »Und ich dumme Kuh habe nichts bemerkt … gar nichts. Nicht den kleinsten Schimmer hatte ich«, kommt noch überaus sarkastisch aus meinem Mund, was ich eigentlich überhaupt nicht wollte.
   »Versuche ihn zu vergessen, mein Schatz«, sagt Mama ernst. »Er hat dich nicht verdient und denke daran, dass nicht nur du verletzt wurdest. Er war oder ist schließlich verheiratet und hat auch noch drei Kinder.« Auf meine Eltern kann ich mich stets verlassen. Sie haben immer einen guten Ratschlag für mich. Nicht nur für mich, sondern für jeden.
   Es gab ein Alter, da haben sie mich schrecklich genervt, als sie vieles, was ich tat, infrage stellten, und ich das Gefühl hatte, dass sie alles besser wissen. Doch mittlerweile bin ich froh, dass sie so sind und ich mit jedem Problem zu ihnen kommen kann. Bevor ich etwas tue, bei dem ich mir nicht ganz sicher bin, frage ich sie um Rat, den ich meistens ohne ein Zögern befolge. Ich liebe meine Eltern und wüsste nicht, was ich ohne sie machen sollte. Ich hätte Mama mein Herz über Phin ausschütten können. Sie hätte mich nicht verurteilt, weil ich ihn in meinen Slip gelassen habe. Nein! Man kann mit ihnen über alles sprechen, aber im Augenblick fällt es mir etwas schwer. Es gibt bestimmte Dinge, die sollten Eltern einfach nicht wissen und Väter schon gar nicht. Ihr Rat wäre vermutlich, dass ich mich mit ihm unterhalten soll, aber das ist … schwer – sehr schwer sogar. Ihm aus dem Weg zu gehen, ist für mich im Moment leichter.
   »Isst du denn auch genug?«, fragt Mama auf einmal in einem besorgten Ton. Wenn sie wüsste, dass ich mich in den letzten Tagen ausschließlich von Süßigkeiten ernährt habe, würde sie mich in ein Ernährungscamp schicken.
   »Ja, das tue ich, keine Sorge. Wenn ich noch länger hier bleibe, komme ich als Kugel wieder zurück«, versuche ich, die Stimmung etwas zu lockern.
   Und es funktioniert. »Das ist schön, mein Kind«, sagt sie mit einem leisen Lachen.
   »Hast du etwas von Tim und Pierre gehört?«, lenke ich geschickt vom Thema ab. Tim ist mein jüngerer Bruder, Pierre sein Partner. Sie sind sich nie einig, streiten ständig und sind zusammen in den Urlaub gefahren, zum ersten Mal und ohne genaues Ziel.
   »Ja, er hat sich gestern gemeldet. Sie sind schon seit acht Tagen am Gardasee. Er möchte aber wieder rechtzeitig zu Hause sein, um dir beim Umzug zu helfen«, erzählt Mama. Wenn ich an meinen Umzug denke, würde ich meinen Urlaub am liebsten um zwei Monate verlängern. Ich liebe meine Eltern dafür, dass Tims Homosexualität nie ein Thema für sie war. Sie haben ihn in allen Situationen unterstützt und zu ihm gehalten und tun es natürlich noch immer, besonders Papa.
   »Und wie geht es Mia?«, frage ich. Sie ist meine ältere Schwester, dazu schwanger und zurzeit unausstehlich. Ach, was sage ich denn da. Sie hat eigentlich schon immer einen kleinen Schatten – oder einen großen.
   »Ach. Sie fühlt sich jetzt schon wie ein Walross und möchte am liebsten sofort entbinden. Nur wäre das fast fünf Monate zu früh.« Ich stelle mir vor, wie Mama abwinkt, um Mias Verhalten in die Übertreibungsschiene zu schieben.
   Ich grinse. »Ich kann förmlich hören, wie sie Alex den ganzen Tag die Ohren volljammert. Der arme Kerl.« Wenn er gewusst hätte, dass ihn so etwas erwartet, hätte er sich vermutlich einen Doppelknoten in sein bestes Stück gemacht oder er hätte es sich vielleicht sogar abgeschnitten.
   »Ja, das tut sie«, bestätigt Mama. »Er verdreht schon die Augen, wenn er durch die Türschwelle geht, um uns zu sagen, dass sie heute nicht gut gelaunt ist, also fast jeden Tag eigentlich.« Wir kichern beide, als ich auf einmal Papa schnarchen höre und …
   O Mist, bitte nicht. Mein Herz beginnt zu rasen. »O… Okay Mama. Ich lasse dich jetzt auch mal wieder in Ruhe. Du willst bestimmt weiterschlafen. Ich … ich melde mich in den nächsten Tagen noch einmal und kurz bevor ich abreise.« Ich springe auf, als würde ich auf einem Ameisenhaufen sitzen und rase auf meine Tür zu, stelle mir die Grasabdrücke an meinem Hintern vor.
   »Wir holen dich vom Flughafen ab«, sagt Mama, gefolgt von einem Gähnen.
   Er kommt näher, mein Name voran. »Lena«, höre ich ihn durch die Lüfte segeln und danke der Palme fürs Nichtbescheidgeben. Ich fluche innerlich. »Lena. Warte doch mal.« Er klingt sehr überfordert, als habe er sich, genauso wie ich, in den letzten zwei Tagen nur über »uns« den Kopf zerbrochen.
   »Danke. Ich melde mich. Okay?«, meine Stimme bebt.
   »Für dich immer gern, mein Liebling.« Die Worte meiner schläfrigen Mama dringen nur noch stockend in mein Ohr, da ich durch das Rennen die Hand nicht mehr ruhig halte.
   »Ich habe dich lieb, Mama. Gute Nacht«, schreie ich fast, kurz vor einem Herzinfarkt. Ich würde am liebsten panisch losbrüllen und rechne jeden Augenblick damit, eine Hand auf meiner Schulter zu spüren.
   »Machs gut, mein Schatz und grübele nicht so viel über Mark nach.« Sie schenkt mir durchs Handy einen Kuss.
   Mark ist leider nicht mein einziges Problem. »Ich versuche es«, gebe ich noch schnell zurück. Danach schmeiße ich gedankenlos mein Handy durch die Tür, springe über die Stufe in mein rettendes Areal und schlage sie zu, bevor Phin mich einholen konnte.
   Ich krieg die Krise. Das ist doch jetzt ein Scherz. Was zum Henker …? Schwer schnaufend stehe ich vor der Tür und starre sie an, als könnte sie jeden Augenblick aus den Angeln springen und sich auf mich stürzen – ausgelöst durch Phin, der sich vermutlich vor Wut zu Hulk verwandelt. Ich weiß, dass ich durch mein Verhalten wahrscheinlich alles nur noch schlimmer mache, aber ich kann ihm jetzt auf keinen Fall unter die Augen treten.
   Mein Puls beruhigt sich nur langsam – zu langsam. Meine Knie schlottern, der Magen dreht sich in alle Richtungen. Schließlich bin ich eben um mein Leben gerannt, da waren die geschätzten sechs Meter schon zu viel.
   Hektisch schließe ich alle Fenster und ziehe die Vorhänge zu; sie sind zwar weiß und fast durchsichtig, doch ein wenig Schutz vor Außeneinblicken bieten sie. Danach stelle ich mich wieder vor die Tür und warte auf mein Urteil. Der unregelmäßige Herzschlag dröhnt in meinen Ohren. Wie gern hätte ich jetzt einen Hinterausgang. Das Badezimmerfenster …
   Auf einmal klopft es sachte. »Lena, mach bitte auf. Wir sollten uns dringend unterhalten.«
   Mist! Die Tür ist offen, er müsste nur den Griff nach unten drücken und schon würde er vor mir stehen. Ich suche fieberhaft den Raum nach einem festen Gegenstand ab, den ich als Waffe benutzen könnte. Mir wird schlecht. Gott! Gab es schon einmal einen Menschen, der vor Verwunderung gekotzt hat? Wenn nicht, bin ich vielleicht gleich der erste.
   Wieder ein Klopfen. »Komm schon, Lena. Lass mich rein.«
   Ein Zischen kommt aus meinem Mund. Lieber renne ich nackt durch den Kölner Dom. »Ver… verschwinde«, schreie ich zaghaft die Tür an, balle die Hände zu Fäusten, so stark, dass sich die Fingernägel in mein Fleisch bohren.
   »Lena?«, höre ich auf einmal eine andere Stimme, wie durch ein Mikrofon. »Lena, bist du noch dran?« Oh, nein! Mama. Wo ist mein Handy? Ich falle auf die Knie und suche übertrieben eilig den Boden ab, als würde ich etwas ausmessen wollen. Unter der Kommode werde ich fündig.
   Sobald ich das Handy zu fassen bekomme, stehe ich ruckartig auf. »Ja. Mama, bist du noch dran?«, sage ich etwas außer Atem.
   »Was ist denn bei dir los? Wer soll verschwinden?« Sie wirkt leicht ängstlich.
   Ausrede! »Ach weißt du? Es ist alles in Ordnung. Mir läuft nur schon die ganze Zeit ein räudiger Hund hinterher, der mich völlig auf die Palme bringt. Aber das ist hier nicht ungewöhnlich. Ich werde ihm später einfach etwas zu Fressen geben. Dann sehe ich ihn wenigstens für ein paar Stunden nicht mehr«, rattere ich schnell herunter und hole Luft, vergleiche Phin mit dem Hund und stelle mir das Fressen vor, dass ich ihm geben möchte. Mich, meinen Körper … Patsch, mit einem lauten Knall landet eine imaginäre Faust in meinem Gesicht. Autsch!
   »Bist du dir sicher, dass alles in Ordnung ist?«, fragt sie nochmals.
   Ich verdrehe die Augen. Sicher? Nicht wirklich! Mama klingt wie ein Polizist, der einer bedrohten Frau nicht glaubt, dass sie nicht bedroht wird und versucht, mit einem Codewort die Wahrheit herauszubekommen.
   »Ja. Ich melde mich. Okay? Machs gut, bis dann.« Ich lege einfach auf, kralle mich an mein Handy und halte mir überfordert das kühle Display an die Stirn.
   Plötzlich nehme ich wahr, dass Phin laut auspustet, dazu stelle ich mir vor, wie er sich Hilfe suchend durchs Haar fährt. »Also wenn dir das, was ich mit dir gemacht habe, unangenehm war …« Er wartet kurz und räuspert sich. »Was ich an deiner – wow – überaus unglaublichen Reaktion zwar nicht glaube, dann fasse ich dich nicht mehr an. Versprochen. Aber bitte mach die Tür auf.« Er klingt amüsiert, und ich werde ziemlich sauer. »Ich will mit dir reden – wir sollten reden.«
   Ich haste stampfend wie von einer Tarantel gestochen zur Tür, als würde Phin persönlich dort stehen. Mit voller Wucht schlage ich gegen das Holz, sodass die komplette Bungalowwand wackelt und mir in dem Moment völlig egal ist, was mit meinem Handy passiert. »Und das war es dann für dich, oder was? Du blöder Vollidiot! Nicht einmal eine Entschuldigung? Reden! Du willst reden? Du glaubst wohl, dass du ach so wunderbarer Sexgott es jeder Frau mit zwei Fingern besorgen kannst?« Ich beiße mir auf die Unterlippe, hätte mich am liebsten bis zur Ohnmacht selbst verprügelt. Ich schlage die Hände vor den Mund. Was zur Hölle sage ich denn da? Meine Augen füllen sich mit Tränen. Ich brauche unbedingt einen unterirdischen Gang zum Flughafen.
   Phin lacht. »Es … es waren fast drei und … so habe ich das eigentlich noch gar nicht gesehen. Außerdem hast du gesagt, dass ich weitermachen soll.«
   Er hätte aber nicht darauf hören müssen. »Verschwinde, habe ich gesagt.« Meine Stimme ist ganz rau. »Wenn du nicht sofort abhaust, rufe ich die Polizei.« Können die mir überhaupt helfen? Was soll ich denen sagen? Helft mir, der Mann hat mich mit seinen Fingern in den Wahnsinn getrieben und ich wünschte, er würde es jeden Tag tun, bis zur Bewusstlosigkeit – und das nicht nur mit seinen unglaublich tollen Fingern. Scheiße! Ich brauche dringend eine Therapie.
   Bevor die erste Träne über meine Wange kullert, bemerke ich, dass von Phin plötzlich kein Ton mehr kommt. Was? War’s das? Ich runzele die Stirn und lege mein Ohr an die Tür, um zu lauschen. Nichts, nicht einmal ein Schnauben. Ist das die Ruhe vor dem Sturm oder hat er aufgegeben? So schnell? Ich muss zugeben, dass ich jetzt doch etwas enttäuscht bin.
   Leise lege ich das Handy auf die Kommode und schleiche ans Fenster. Mit einem »Eins, zwei, drei« schiebe ich vorsichtig den Vorhang beiseite und spitze hinaus. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, pocht in den Ohren so laut, dass ich Angst habe, mich dadurch zu verraten.
   Am Strand spielen Kinder mit einem Hund Fangen, die Eltern liegen entspannt auf ihren Liegen. Ein altes Ehepaar lässt es sich im Wasser gut gehen, tanzt mit den Wellen. Ein, ich schätze, 16-jähriger Junge lässt einen Drachen steigen und ein thailändischer junger Mann will Bilder mit seinem Affen verkaufen – davon habe ich schon fünf.
   Auf einmal nehme ich eine Bewegung im Gebüsch neben mir wahr, einen Wimpernschlag später taucht Phin in voller Pracht vor mir auf. Ich reiße die Augen auf und schrecke mit einem abgehackten Schrei zurück. Dabei rutsche ich auf dem Vorhang wie auf Schmierseife aus, spüre einen festen Gegenstand an meiner Wade, verliere mein Gleichgewicht und falle. Und, als ob das nicht genug wäre, knalle ich mit dem Hinterkopf gegen die Kommode, die sich in dem Moment wie ein Stein anfühlt.
   Aua. Das tat weh. Ein brennender Schmerz durchzuckt meinen Körper, sticht in der Wirbelsäule, lähmt mich. Meine Arme und Beine, zu nichts mehr zu gebrauchen. Alles wird weich, leicht. Ein bitterer Geschmack breitet sich in meinen Mund aus, benommen bleibe ich einfach liegen.
   Ich nehme nur noch wahr, wie mein Handy ungebremst über den Boden schlittert, die Tür aufgerissen wird und Phins verzogenes Gesicht mit einem gehauchten »Lena« über mir auftaucht. Anschließend verschwindet das Licht, alles um mich herum wird schwarz.

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